Zrvei Menschen. (Fortsetzung.) potztausend!" rief Hans Fly, als Agestin, die Reisetasche in der Hand, zu ihm heraustrat. EZg)„Bist Du es doch?" „Jawohl, ich bin's." Sie schüttelten einander die Hände. „Von Dir sagen die Leute, Du wärest ein Dichter geworden!.., Herrn, Du meine Mütze! Ich sehe Dich noch, wie Du Deiner Mutter weggelaufen warst. Hahaha!... Um die Jungfrauen auf dem Flyherg tanzen zu sehen. Hahaha!"... „Ja, ich entsinne mich auch noch," rief Agestin lachend.„Damals hast Du mein Leben gerettet, Du und meine Mutter." „Deine Mutter, ja.... Man sagt, es gehe ihr schlecht." Hans blinzelte ihn an, indem er ihn zu- gleich scharf beobachtete.„Sie grämt sich um Dich — so sagt man wenigstens." Eine finstere Wolke zog über die Stirn des Jünglings. „Was macht Randi, Deine Frau?" fragte er. „Randi ist todt." „Ach!... Sie ist todt?— Wie leid thut es mir, das zu hören!" „O, ich heirathe wieder!" Unangenehm berührt durch den leichtsinnigen Ton- fall, mit dem diese Mittheilinig gemacht wurde, fragte Agestin kühl:„Wen denn?" „Die Wittwe auf Grcnhoft." Agestin stieg in das Karjol und ergriff die Zügel. „Ich gratulire! Leb' wohl!" sagte er und trieb das Pferd an.— Die Wittwe auf Grenhoft war fünfzig. Jahre und darüber, während Hans Fly höchstens sechsunddreisiig war. Sie hatte aber Geld. Eine Vernunftehe also, ein Geschäft! Es widerte ihn an. Aus der fröhlichen Miene des Bauern hatte er deutlich gesehen, daß er, was ihm passirt war, für ein großes Glück hielt. Er sah wieder die hübsche Randi vor sich. Die große kräftige Gc- stalt, das rothe flammende Haar, die guten wohl- wollenden Augen. Nun war sie todt. Doch ehe ihre irdische Hülle in Staub verwandelt war, ging der Wittwer hin und heirathete ein altes zahnloses Weib! Pfui! Agestin war so gänzlich in Gedanken versniikcn, daß er garnicht bemerkt hatte, daß ein Wagen ihm entgegen gefahren kam. Groß war darum seine Ueberraschung, als er plötzlich Knud und Margit Solhaug vor sich sah. Sie fuhren im Schritt und blickten ihn ernst und fremd an. Zwei junge lose Pferde, welche jetzt die Köpfe hoben nud laut wieherten, waren am Wagen angebunden. Als Agestin sich von seiner ersten Ueberraschung erholt hatte, rief er freundlich:„Guten Tag, Knud. Guten Tag, Margit!" Er sprang vom Karjol und ging ans sie zu. „Guten Tag," lautete es kalt und unfreundlich. Ageslin's herzlicher Händedruck ward nicht erwidert. Roman von H. Fries-Schwenzen. Er empfand es schmerzlich und fragte:„Wo geht die Reise hin?" „Nach Botten zum Pferdemarkt." „Habt Ihr mich nicht erwartet?" „Deine Mutter erwartet Dich." „Wie geht es ihr?" „Nicht gut. Du hast ihr eine bittere Enttäu- schnug bereitet." Es war Margit, die das sagte. Er senkte den Blick, während er mit der Peitsche Figuren in den Staub der Landstraße zeichnete. „Ihr habt mich also nicht erwartet?" sagte er bitter. „Nein." Knud sammelte schon die Zügel in der Hand. Er wollte augenscheinlich dem Gespräch ein Ende machen. „Nagnhild auch nicht?" „Ragnhild ist nicht zu Hanse." „Wo ist sie?" erklang es fast wie ein Angstschrei, aber gleich darauf nahmen die Lippen des jungen Biannes, die von einem dunkelblonden Schnurrbart beschattet wurden, einen ttotzigen Ausdruck an. „Ich habe sie fortgeschickt. Ich will verhüten, daß Künstler und Jongleure von der Laudsttaße mir in's Gehege kommen." Agestin richtete sich auf.„Sehr wohl, Knud Solhang," versetzte er stolz,„ich wünsche Dir eine glückliche Fahrt, laß Dir Deine Pferde gut be- zahlen!" Er bestieg wieder das Karjol und ergriff die Zügel. Eine gehässige Bemerkung schwebte ihm auf der Zunge, aber er biß sich auf die Lippen und bezwang sich. Ein Peitschenhieb und das leichte Gefährt rollte wieder dahin. Die kleine Thnrmglocke auf Solhang lud gerade die Leute zum Vesperessen, als er, von der Land- straße nach rechts abbiegend, den steilen steinigen Weg zum Hof hinauf fuhr. Es kam ihm Niemand entgegen, um ihn willkommen zu heißen. Mit einem beklemmenden Gefühl betrat er die Hütte seiner Mutter. Auch hier kam ihm Niemand entgegen. Es siel ihm schmerzlich auf, wie verschieden dieser Empfang von dem vorigen war. „Agestin, mein Junge, bist Du es?" ertönte es schwach aus einer dunklen Ecke. Er näherte sich dem Bett, welches sich hier hinter einem Vorhang befand, und sah die Mutter darauf liegen, abgc- magert und hohläugig, die knochigen Wangen vom Fieber geröthet. „Mutter, Niutter! Was ist Dir?" Er streichelte und liebkoste sie. „Agestin, mein Junge, bist Du es auch, bist Du derselbe? Ziehe den Vorhang zur Seite, damit ich sehen kann.... So, ja. Bleicher bist Du gc- worden und mager. Hast D» Roth gelitten?" „Nein, Mutter." Ein ängstlicher Seufzer rang sich aus der Brust der Kranken, während sie den Kopf in die Kissen zurücklegte. „Du siehst Deinem Vater... sehr ähnlich," flüsterte sie und schüttelte ttaurig den Kopf,„spielst Du auch die Geige?" „Ein wenig. Warum fragst Du?" „Ein wenig nur?" Ihre Augen strahlten mit dem Glanz des Glücks. Aber bald legte sich eine Wolke von Kummer darüber. „Ach ja, es ist wahr. Du niachst es anders, aber das macht die Sache nicht besser." Er ergriff ihre Hand, um den Puls zu unter- suchen. „Du hast Fieber, Mutter, ist der Arzt bei Dir gewesen?" Die Kranke schüttelte wiegend den Kopf.„Ja, aber er kann mir nicht helfen, Agestin." Sie griff sich mit beiden Händen an die Schläfen.„Was ich noch sagen wollte... Ja, Dein Vater war auch ein Äiiiisiler... Sich ja! Der Künstler, Agestin, der Künstler spielt unter einer Decke mit dem Satan, um die Sinne der Menschenkinder zu bethören, ja ja, so ist's. Dein Vater konnte alle Menschen nachmachen, so daß man lachen mußte, ob man es nun wollte oder nicht. Er konnte sie auch zum Weinen bringen, wenn er wollte. Er verstand es, die Sünde so auszumalen, daß man sie nicht erkannte und sie für die Tugend hielt; ach ja, ach ja. Er verstand es, sich eine solche Macht über andere Menschen zu verschaffen, daß sie ihrer selbst nicht mächttg waren." Beret's Wangen glühten, und ihre Augen brannten. Sie ergriff die Hand des Sohnes und sprach weiter mit thränenersttckter Stimme:„Ich weiß es nicht nur aus eigener Er- fahrnng, Agestin, ach nein, auch von Anderen. Slber es ward der Verderb und die Schande Deiner Mutter, ach ja. Eine Zeit lang hoffte ich, daß diese Schande sich zum Segen wenden sollte, aber jetzt sehe ich den Finger Gottes, denn Gott der Herr läßt seiner nicht spotten. Es ist ein sündhaftes Leben, welches Tu führen möchtest, denn es steht geschrieben: ,Du sollst keine Zeichen und Bilder gebrauchen'." Slgestin blickte die Mutter betrübt an und setzte sich vorsichtig auf die Bettkante. „Rege Dich nicht auf, liebe Mutter," sprach er zärtlich und strich ihr die wilden Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Nein, nicht aufregen! Das hat mir der Slrzt auch gesagt. Ich soll nur an erfreuliche Dinge denken...." Sie führte die Hand an den Kopf und sagte:„Hier thut es so weh, hier, wo das Gehirn sitzt.... Es brennt, es brennt." Slgestin schüttelte traurig den Kopf und murmelte 298 Dk Acue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. leise vor sich hin:„Arme Mutter, was soll ich für Dich thun?" „Für mich nichts, nichts, mein Junge.... Die Freude, die ich an meinem Kind haben sollte, die habe ich wohl schon gehabt. Aber für Dich selbst, für die Rettung Deiner Seele, Agestin! Hast Du daran gedacht, ob Du dafür nichts thun mußt?" „O ja, sehr oft, Mutter." Er starrte einige Sekunden vor sich hin.„Wenn ich wüßte, daß ich durch das, was Du meinst, Dir Deine Gesundheit wiedergeben könnte... dann..." „Nein, nein," unterbrach sie ihn.„Für mich sollst Du nichts thun. Jetzt sollst Du aber nicht länger hier in dieser schwülen Luft sitzen, die Jugend bedarf der Luft und des Sonnenscheins. Laß mich darum allein. Hast Du schon etwas zu essen be- komnien?" „Nein." „Kari wird für Dich sorgen. Du sollst Dein altes Zimmer drüben im Hauptgebäude haben. Kari sorgt auch für mich." „Wo ist Ragnhild, Mutter?" Beret schüttelte den Kopf.„Weiß nicht, weiß nicht." „Ist sie auf der Alp?" „Ich weiß nicht, hörst Du... Ja, da hast Du Dir ein braves Mädchen und eine gute Partie aus den Händen gehen lassen." Agestin drückte zärtlich die Hand der Mutter und verließ die Hütte. Als er auf den Hof hinaus- trat, stand Kari mit aufgeschürzten Röcken und nackten Füßen da und scheuerte einen Kupferkessel. „Guten Tag, Kari, wie geht's? Du bist gut im Stande, wie immer," rief er ihr freundlich zu, aber das sonst so vergnügte Mädchen, welches immer eine lustige Antwort bereit hatte, sah ihn scheu von der Seite an und erwiderte mürrisch:„Wenn Du etwas zu essen haben willst, werde ich es Dir in Deine Stnbe besorgen." „Sehr wohl, Kari, das thue nur recht bald, denn ich bin hungerig. Kannst Du mir vielleicht sagen, wo Ragnhild Solhaug ist?" Die Gefragte wurde blutroth im Gesicht, nahm ihren Kupferkessel unter den Arm und flüchtete in's Haus, ohne seine Frage zu beantworten. Er sah ihr nach und zuckte lächelnd die Schultem. Sein Blick wanderte vom Hauptgebäude zum Stall, vom Stall zur Scheune und von der Scheune wieder zum Hauptgebäude. Diese alten Bekannten schienen ihm plötzlich so freind, so steif, so unfreundlich. Be- sonders ging es ihm so mit dem großen klotzigen Hauptgebäude; das war ein Bau aus den fünfziger Jahren, plump, viereckig und schmucklos. Kein Sims — nicht einmal eine Hohlkehle oder ein Rund- stab machten einen Versuch, der Sache etwas von ihrer Langeweile zu nehmen. Mit grauen Schiefern gedeckt, ohne Hauptgesims oder Vorsprung, lag der grau bemalte Kasten vor ihm und glotzte ihn mit seinen unregelmäßig vertheilten Fenstern an, die ohne irgendwelche Einrahmung oder Versenkung ihn wie dumme Kuhaugen theilnahmlos anstarrten. Er drehte sich um, und sein Blick fiel auf eine kleine barfüßige Gestalt im Schatten der Scheune. Es war ein Knabe. Er saß rittlings auf dem Staket und winkte ihn eifrig zu sich. „Was willst Du, Kleiner?" fragte Agestin und näherte sich ihm. „Bist Du Agestinus Klöften?" „Jawohl, zu dienen, mein Herr." „Dann bist Du es auch, der diesen Brief haben soll." Der Knabe wickelte aus einem großen rothen Taschentuch einen mit Adresse versehenen Brief, den er ihm einhändigte. „Ich danke Dir, Kleiner," sagte der junge Mann mit stark klopfendem Herzen und gab dem Knaben ein Trinkgeld. Die Schrift war Ragnhild's! Hinter der Scheune, wo er für die Bewohner des Hofes unsichtbar war, öffnete er mit einiger Mühe das mit einem rothen Band umwundene, versiegelte und an allen Ecken und Kanten mit Oblaten verklebte Couvert. Endlich hatte er den Briefbogen, der in sich auch verklebt war, auseinander gebrestet vor sich und konnte lesen: „Sei an der Chaussee-Brücke unter dem Björne-Nut heute Abend um sieben. Eine, die vielleicht auch da sein wird." Agestin wurde so froh, daß er anfing, mit dem kleinen zerlumpten Jungen zu spielen. Er»ahm ihm die Miitze weg und lief davon, verfolgt von dem kleinen barfüßigen Knirps, dem die Sache einen riesigen Spaß machte. Dann warf er sich in das kühle Gras, seinem Beispiel folgte sofort sein Spielkamerad, und so wälzten die Beiden sich spielend unieinauder wie zwei junge Hunde. Alles Traurige wich weit zurück vor der be- glückenden Vorstellung, daß Ragnhild nicht weit eut- fernt war, und dem Bewußtsein, daß sie ihre Hand nicht von ihm gezogen hatte. Sein Herz verlangte so stürmisch nach ihr, daß er kaum die Zeit abwarten konnte. Um zwölf Uhr wurde ihm das Mittagessen in sein Zimmer gebracht. Nachher ging er zu seiner Mutter hinüber und blieb bei ihr bis vier Uhr sitzen. Dann brach er auf und begab sich auf seine Wanderung. Mit einer Mischung von Wehmuth und neugierigem Interesse, wanderte er jetzt denselben Weg auf einer Chaussee erster Klasse, den er als Knabe über steile glatte Felsen kletternd und durch Bäche watend, oft zurückgelegt hatte. Etwas vor sechs Uhr hatte er die Brücke erreicht. Er legte sich in's Gras am diesseitigen Ufer, ungefähr auf demselben Platz, an dem er als Knabe eingeschlafen war. Drüben ragte der Nut in die Wolken, genau wie damals. Agestin hatte eine schwache Vorstellung davon, daß er einmal früher im Leben hier an dem- selben Fleck gelegen hatte, aber er konnte sich kein klares Bild davon machen. Sein Blick schwebte über die spiegelglatte Fläche des Wassers. Da stand der Nut auf dem Kopf, ein grüner Hang zog sich durch das Spiegelbild, und da ging eine Kuh auch auf dem Kopf und graste; so klar war das Bild, daß er darin die Fliegen sehen konnte, die wie eine unstete Wolke schwirrend in der Luft das Thier umgaben. Wie kam doch die Kuh dahin? Es gab keine anderen Alpen in der Nähe, als die Solhaug- Alpe, und die war eine gute Viertelmeile entfernt. Die Kuh mußte sich verlaufen haben. Nun, das ging ihn ja weiter nichts an, er streckte sich in seiner vollen Länge in's Gras und blickte blinzelnd zu dem majestätischen Nut empor. Wie oft hatte er nicht diesen gewaltigen Koloß angestaunt, schon zu der Zeit, als die kleine Ziege— Mette hieß sie doch— seine beste Freundin war. Ein Lächeln flog über seine Züge... Mette!... Er hob den Kopf und lauschte. Ihm war, als höre er drüben jodeln. Sein Herz pochte stärker. Ragnhild! Ragn- hild! jubelte es in ihm. Ragnhild! klagte es sehn- suchtsvoll in ihm. Er breitete die Arme aus, als wollte er den Nut drüben an sich drücken. Jetzt hörte er wieder etwas und sprang in die Höhe. War sie schon da? Ein heißes Verlangen nach ihr packte ihn und mit weit geöffneten Augen und glühenden Wangen stand er da und blickte unverwandt dorthin, wo der Weg zur Alp sich durch Geröll und Zwerg- birken empor schlängelte. Da— durchrieselte es ihn heiß. Eine schlanke Mädchengestalt war drüben auf dem steilen Pfad sichtbar geworden. Sie winkte ihn zu sich. Er stürmte in vollem Lauf über die Brücke und in das Geröll hinauf. „Ragnhild, Ragnhild! Endlich habe ich Dich wieder." Er betrachtete entzückt das liebliche Mädchen, dessen Hand er hefsig drückte. „Du thust mir weh, Agestin," flüsterte sie und vermied, ihin in die Augen zu sehen, denn sie fühlte seinen feurigen Blick auf sich ruhen, und das machte sie mit einem Male so verlegen, so sehr verlegen. „Mir ist eine Kuh weggelaufen. Kari hat sie hier bei der Brücke gesehen." „Da geht sie." „Ach ja!— Rosa, Rosa!" Ehe er sich ver- sah, war Ragnhild ihm weggelaufen, aber er ver- stand wohl, warum sie solche Eile gehabt hatte, von ihm fortzukommen. Er lief ihr nach, machte einen Bogen um das niedrige Plateau, auf dem die Kuh sich befand und jagte ihr das Thier zu. Sie gingen hinter einander den schmalen nicht ungefährlichen Pfad empor, die Kuh vor sich her- treibend. „Also auf der Alpe bist Du, ich dachte, sie hätten Dich besser versteckt." „Es darf auch Niemand wissen, daß wir... daß ich... hörst Du... wir dürfen uns auch nicht in der Nähe der Alpe zusammen sehen lassen, denn die alte Astrid paßt auf. Sie wird dafür bezahlt, und das ärgert mich." Dicht hinter ihr gehend hatte er ihren langen blonden Zopf ergriffen und ließ ihn liebkosend durch die Hand gleiten.„Wie bist Du hübsch geworden, Ragnhild." „Ach, sage doch so etwas nicht!" rief sie bei- nahe aufgebracht.„Ich bin ja nur ein einfaches Bauernmädchen und kann den Vergleich mit den feinen Damen in der Stadt nicht aushalten." „Oho!" lachte er,„Du bist hundertmal hübscher, als die gefeiertste Schönheit dadrinnen." Schmollend erwiderte sie, indem sie tief erröthete: „Du sollst nicht so reden! Wie oft muß ich es wiederholen?!" „So oft, bis es Dir langweilig wird, mein Mädchen, denn ich muß es immer und immer wieder sagen: Du bist das reizendste..." Er konnte den Satz nicht zu Ende sprechen, denn sie drehte sich rasch um und legte ihre Hand auf seinen Mund. Mit raschem Griff umschlang er sie mit dem rechten Arm, aber ganz instinktiv ließ er sie wieder los. Ihm war, als müsse er seine Finger an ihr ver- sengen. Der Weg wurde immer steiler und gefähr- licher. Die rothe Kuh, deren Instinkt ihr sagte, daß es heimwärts ging, kletterte vorsichtig voran. Hin und wieder löste sich unter ihren Schritten ein Stein und rollte mit immer wachsender Geschwindigkeit, hüpfend und gegen die Baumstämme anprallend, in die Tiefe hinab. „Ragnhild, wie habe ich mich nach diesem Augen- blick gesehnt," flüsterte er innig. „Hast Du lange auf mich gewartet.. da unten?" „Sag' Du lieber, ob Du gewartet hast... seit ich Dir den dummen Brief schrieb? Wurde Dir mitunter die Zeit etwas lang, sag' es mir!" „O ja, ich hatte es nicht leicht... ich stand ja so allein, denn nachdem Du schriebst, daß Du nicht Theologie studiren wolltest, stand Beret nicht mehr auf unserer Seite." Es ging ihm wie ein warmer Strom zum Herzen. „Aber Du, Ragnhild, Du standest auf meiner Seite! Du gabst mir also Recht?" Sie schüttelte lächelnd den Kopf, dann sagte sie mit drolligem Ausdruck:„Weißt Du auch, daß der Weg, den wir jetzt gehen, gefährlich ist?" Er sah sie fragend an. Hatte sie es buchstäb- lich oder figürlich gemeint? „Ja... a, geh' Du nur vorsichtig," fuhr sie dann fort,„im vorigen Frühling rutschte der Weg mit John Fisker ab. Sie fanden ihn einige Tage später todt unten im Geröll." Agestin drückte sie übermiithig an sich und rief: „An Deiner Seite kenne ich keine Gefahr." Dann bemerkte er, daß sie ernst wurde und daß ihre Lippen bebten. „Wie ist es mit Dir, Ragnhild, hast Du keine Bedenken, mir auf diesem gefährlichen Wege zu folgen?" Sie schüttelte den Kopf und erwiderte leise: „Mir ist nicht bange... mag kommen, was will." Ihre Augen begegneten sich, aber bei dem Blick, den sie ihm schenkte, durchrieselte es ihn warm. Sie liebt Dich, sie liebt Dich! jubelte es mit tausend Stimnien um ihn her, und es durchzitterte ihn mit nie geahnter Heftigkeit das wonnige Gefühl, geliebt zu sein. Der Weg wurde hier etwas breiter, sie hatten die gefährlichen Stellen hinter sich. Im seligen Rausche ging er neben ihr her und wagte um Alles in der Welt nicht, sie anzurühren, denn er hatte eine Empfindung, als müßten sie dann Beide vor Seligkeit vergehen. Aber sein Blick hing wie ge- bannt an ihren Zügen, an ihrem Haar, an ihrem herrlichen'Wuchs. Ja, herrlich war seine Geliebte, tief seufzend schaute er sie an, bis ihm die Thränen den Blick nmstorten, er stolperte wiederholt über Wurzel und Steine, weil er den Bttck nicht vvu ihr wenden konnte. Ragnhild ging mit kurzen, vor- Die Neue XPclt Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 299 sichtigen Schritten neben ihm her, mit einer nervösen Handbewegung glättete sie öfter als nöthig war ihr blondes glattes Haar und die Falten ihrer weißen Schürze. Der Pfad verlor sich in eine weite Wiese. Un- zählige mächtige Steinblöcke ragten aus ihr empor. Die Steine, von denen manche die Größe kleiner Häuser zeigten, lagen in zufälliger Unregelmäßigkeit umher, als wären sie von der Hand eines Giganten über den duftenden, mit lieblichen Gebirgsblumen übersäeten, saftig grünen Teppich ausgestreut worden. Sie glühten im purpurnen Schein der untergehenden Sonne und warfen lange blaue Schatten. Ragnhild pflückte Blunien, kleine, zarte, duftende Blumen, wie man sie nur hier oben findet. Er sah ihr zu wie im Traum, sah, wie allmälig ein Strauß entstand. „Für wen, Ragnhild, für wen?" „Für Dich! Willst Du ihn haben?" Sie reichte ihm erröthcnd den Strauß. Er ergriff ihn, ergriff aber auch die Hand, die ihn reichte. Da wandte sie sich ab; doch zärtlich, kaum merkbar fing er an, mit seiner Hand die blonden Zöpfe zu liebkosen.„Ragnhild, gieb mir einen Kuß," sagte er endlich mit bebenden Lippen. Sie wandte sich halb gegen ihn um, unwillkürlich, willenlos. Ihre Lippen flüsterten ein schwaches:„Nein, lieber nicht," und dabei wandte sie ihm das bleiche Gesicht mit den halbgeschlossenen Augen zu. Ein langer Kuß vereinigte sie im seligen Taumel und ihre schlanke Gestalt zitterte in seinen Armen. „Braut!" flüsterte er. Sie öffnete die geschlossenen Lider und lächelte durch Thränen. Dann zog er sie auf einen moosbewachsenen Stein zu sich herab, und jetzt erkannte er den Ort. Hier war es, wo er vor vielen Jahren mit seiner Mutter gesessen, während die Abendsonne drüben im Riesenheini die Berge mit solch' schönem Roth übermalte. Jetzt entfaltete sich vor seinen Augen dasselbe herrliche Schauspiel und stumm vor Verwunderung gab er sich der Be- schauung desselben hin, während der Kopf der Ge- liebten auf seiner Schulter ruhte. „Woran denkst Du, Agestin?" fragte sie und schmiegte sich an ihn. Er preßte das geliebte Mädchen fest an seine Brust und küßte sie auf die Stirn. „Ich dachte daran, Du Ragnhild, wie schön und erhaben es hier oben ist, und es fiel mir ein, wie weit Der, welcher in der freien Natur lebt, Jenem vorsteht, der in der Stadt seinen Beruf hat." „O, Agestin!" flüsterte sie überglücklich und lehnte ihre Wange an die seine. In dieser Stellung blieben sie lange schweigend sitzen. Endlich küßte sie ihn und sagte:„Du bist ja so still geworden." Er nahm ihr Gesicht zwischen seine beiden Hände. „Weißt Du, warum ich nicht rede? Soll ich es Dir sagen? Weil ich jauchzen und jodeln möchte!" „Nun, so jauchze und jodele doch!" erwiderte sie mit einem stillen Lächeln,„hier hört Dich Nie- mand. Bist Du denn so froh?" „Ja... bist Du etwa traurig?" Sie antwortete nur mit einem glücklichen Blick.-- Die Sonne war dahin, gespensterhaft stiegen die blauschwarzen Schatten aus den tiefen Thäleru in die Schluchten hinauf und umfingen die Berge. Dann entzündete sich ein Gipfel, dann ein anderer, aus dem tiefblauen Dunst trat ein ganzer Nut hervor, von leuchtendem Roth Übergossen. Er wechselte die Farbe, wurde duftig-violet und wieder blau, zuletzt dunkelblau violet, aber hinter ihm breitete sich wie ein glücklicher Traum ein purpurnes Roth über den ganzen Gletscher.(Fortsetzung folgt.) Vom Theater im Mittelalter. (Schluß.) Von Karl Schulz. t a das Volk an Bühneuspiele gewöhnt war, war es selbstverständlich, daß, als das Kirchen- spiel aufhörte, ein anderes begann. Veran- staltet wurden diese neuen Bühneuspiele von herum- ziehenden Künstlern, die für ihre Darbietungen nun Entre'e verlangten. Von diesem Zeitpunkt an macht sich ein bemerkenswerther Unterschied geltend zwischen den Theatern Derer, die mit Glücksgütern gesegnet sind, und denen der ärmeren Bevölkerung. Der Unterschied zwischen beiden Theatern war nicht nur ein äußerlicher, daß auf der einen Seite Pracht, Pomp und Luxus entfaltet wurde, während auf der anderen brennende Armuth das Szepter führte, sondern auch der Inhalt war dem Geschmack der Besucher angepaßt. Dem Geschmack der Oberen sagte das Volksthiimliche nicht zu; unter Königen, Herzögen und Fürsten wurde es nicht gemacht. So entstand die„Haupt- und Staatsaktion", jener Wechselbalg von Kunst, bei dem die hohle Phrase, der albernste Schwulst und die niedrigsten, ordinärsten Zoten Gemeinschaft trieben. Keine Glosse war niedrig genug, das Erhabenste wurde mit albemer Affektion vorgetragen; goldener und silberner Flitterkram sollte die erbärmliche Inhaltslosigkeit verdecken. Auf köst- liche Weise hat ein fahrender Geselle der Haupt- und Staatsaktion die gebührende Anerkennung ge- zollt. Es war in Hamburg. Vi8-S.-vi8 dem stehenden Theater befand sich die Schusterherberge. Auf dem „geregelten und gereinigten" Theater sollte die Hauptaktion vom Leben und Tode der tugend- haften Märtyrerin„Dorothea" aufgeführt werden; da unternahm es einer der fahrenden Brüder, dieselbe Aufführung auch in der Gaststube der Herberge zn veranstalten. Lebende Personen konnten natürlich nicht verwendet werden. Der„Künstler" half sich mit einem zusammengewickelten Balg, steckte oben eine Kartoffel darauf und die Dorothea war fersig. Ebenso schuf er sich noch einige andere Personen; ein Brett zwischen zwei auf den Tisch gestellten Stühlen markirte die Bühne und alle Vorbereisimgcn waren beendet. In furchtbarer Weise lebte nun diese Kartoffel-Dorothea ihr Leben durch, bis ihr Martyrium mit dem Tode beschlossen wird. Mit einem langen Messer wird das theure Haupt elendig- lich heruntergesäbelt, und als die Zuschauer jubeln und da capo schreien, wird die Kartoffel wieder aufgesetzt und nochmals abgesäbelt. Der Jubel war so groß, daß sich die Behörde veranlaßt sah, auf das ungehörige Treiben, das sich nun allabendlich wiederholte, aufmerksam zu machen. Und doch, um wie viel höher war die Parodie einzuschätzen, als das Original! Auf gleicher Höhe, wie die Haupt- und Staats- aktion, stand die Oper, bei der übrigens die Musik das Schlechteste war; dieselbe Inhaltslosigkeit, die- selbe Unnatürlichkeit, derselbe Flitterkram. Erwähnen wir hier noch das lateinische Jesuitenspiel, ein aufgewärmtes, sehr seltenes Kirchenspiel, so haben wir Alles zusammengefaßt, was die Bevorzugteren an Bühnenkunst genossen haben. Was blieb da für das Volk übrig? Was für ein Bühnengenuß wurde den Unbemittelten geboten? Es ist zu bewundern, daß zu jener Zeit des gänz- lichcu Verfalles des Bühnenspiels gerade im Volke, in den Schichten der von allem Genuß Ausgeschlossenen, jener Grundpfeiler emporstrebte, auf dem die Literatur der späteren Jahrhunderte weiter bauen konnte. Das Volk schuf sich einen eigenen Künstler, der in seinem grob-vulgären Ton dasselbe bot, was die moderne Komödie in abgeklärter, künstlerischer Form giebt: ein Spiegelbild des Alltaglebens. Dieser alte Bühnen- Held, der Jahrhunderte lang das Volk unterhalten und ergötzt hat, ehe er abgelöst werden konnte, ist der Hanswurst. Seinen schönen Namen hat er, wie die Hans- wurste aller anderen Nationen, von der Lieblings- speise des Volkes erhalten: in Frankreich hieß er Jean Po tage(Hans Suppe), in Italien Maccaroni, in England Jack Pudding und in Holland Pickel- Höring. Vielleicht war damit angedeutet, daß der ungezogene Liebling mit der besten Speise gefüttert werden müßte; oder hat er sich den Namen selbst gegeben, um ein Bischen Gefräßigkeit auf die Bühne zu bringen, wobei sich's ja so hübsch gestikuliren läßt? Ungezogen genug war er dazu— er war sehr ungezogen. lieber den lustigen Bruder ist viel geschrieben worden, viel gegen und viel für ihn. Es muß zu- gegeben werden, daß er sich etwas zu lange auf der Bühne gehalten hat und daß wir ihn heute wirklich nicht mehr gebrauchen können; aber damals war seine Existenz eine Nothwendigkeit für das Volk, dem ein höherer Genuß versagt war, das auch weder im polisischen noch im sozialen Leben eine Stimme hatte, das nur geknechtet und niedergedrückt wurde. Es muß eine Wonne für das Volk gewesen sein, wenn nun ein Nichtsnutz auf die Bühne trat, der in unschuldsvoller Naivetät, in herzlicher Un- verfrorenheit alles von der Leber herunterplaudert, was eigentlich dem Volke auf der Zunge lag, was es aber nicht sagen durfte. Er war ein Sprachrohr des Volkes. Hans- wurst durfte Alles: er durfte den verliebten Pfaffen vor das Volk zitiren, er durfte dem Wucherer das Handwerk spiegeln, er durfte Bilder aus den Nonnen- klöstern zur Begutachtung vorlegen, den Ehenarren zum Besten haben, er durfte den Michel an der Schlafmütze ziehen, den Klugen und Weisen Bretter an den Kopf legen, ja, er getraute sich sogar zu sagen, daß Manches faul sei im Staate Dänemark. Dabei blieb ihm noch Zeit übrig, sich mit Teufeln und Engeln herumzuschlagen. Hanswurst war keine Puppe, wie das spätere Kasperle. Er war ein wirklich veritabler Mensch, die Hauptperson der herumziehenden Theatergesell- schast. Unter der Oberhoheit eines„Direktors" zog sie von Ort zu Ort, das ganze Inventar auf einem Wagen mit sich führend. Hanswurst kündigte unter Trommelwirbel auf offener Straße die Vorstellung für den Abend an; Theaterzettel existirten nicht; „höhere" Theater konnten sich vielleicht solche ge- statten, Hanswurst ist aber immer ein armer Teufel geblieben. Befand sich eine stehende Bühne am Orte, so wurde diese benutzt, andemfalls genügte eine Stube im Gasthause, eine Scheune oder sonst irgend ein Raum. Die Bühne bestand aus ein paar Böcken, über welche Bretter gelegt waren; die Böcke konnten auch durch leere Bierfässer ersetzt werden. Als Vor- hang wurde ein Bettlaken verwendet, welches beim Beginn einfach abgenommen wurde. Und die Garde- robe der agirenden Personen— ja, damit war's nicht immer gut bestellt. Der Gastwirth mußte häufig mit ein paar Kleidern nachhelfen. Stofflich konnte Hanswurst nie in Verlegenheit sein. An einen bestimmten Text war er nicht ge- bunden; es wurde Vieles aus dem Stegreif gespielt und da fand sich denn überall hinreichend Material, das er mit gebührender Schalkhaftigkeit ausstalten und den vergnügten Zuschauern darbieten konnte. Wählerisch war er dabei wahrhaftig nicht, sogar sehr rücksichtslos. Je mehr die Sünden und Ge- brechen jener schlimmen Zeit(des 16. und 17. Jahr- Hunderts) sich versteckten, je mehr sie das Tages- licht scheuten, desto besser für ihn; erbarmungslos riß er seine Zoten und stellte Alles au den Pranger der Lächerlichkeit. Doch es war damals schon wie heut', daß die Menschen die Wahrheit nicht hören wollen. Hans- wurst bekam viele Feinde. Man bereitete ihm viel Mißhelligkeiten; er durfte sich fast kaum mehr auf die Bühne wagen, denn Leute, die auf der Bühne agirt hatten, waren zwar im Volke immer sehr geschätzt, aber an anderen Stellen, besonders beim hohen Klerus, standen sie sehr schlecht angeschrieben. Auch den Hanswllrstcn der besseren Theater— es mußte jedes Theater seinen Hanswurst haben— erging es nicht anders. In Hamburg kam es zum offenen Bruch. Angehörigen der Veltheim'schen Truppe war das Abendmahl verweigert worden. Dieses Vor- gehen des einzelnen Priesters wurde vom ganzen Klerus gutgeheißen, und die besonders von der Geistlichkeit gehaßten Schauspieler wurden mit dem Lumpenpack, den Zigeunern, auf eine Stufe gestellt. So mußten die Künstler ihrer Thätigkeit auf offener Bühne entsagen und sie an den Balg ab- treten. Zur Bewältigung der Bühnengeschicklichkeit, die eine Haupt- und Staatsaktion erforderte, genügte schließlich auch die Puppe, die am Schnürchen ge- zogen wurde. Die Aenßerlichkeit des Dargestellten mußte nun noch mehr vergröbert werden. Die Bühne, auf der bisher Menschen spielten, stand in ihrer Größe in einem Mißverhältniß zu den kleinen Puppen; sie mußte ebenfalls verkleinert 300 Die Reue Welt. Illustrirte llnterhalwngsbeilage. werden. ES entstanden entweder kleine Bühnen für bessere Theater oder jene Jammerkasten, die wir in ähnlicher Gestalt heute als Kasperle-Theater kennen. Die ganze Theaterkunst war auf einem Niveau au- gekommen, wo ein tieferes Versinken nicht mehr möglich war. Nur einen Gehalt, einen Werth besaß sie noch in ihrem Zotenreißer, ihrem Juxbruder, der auch als Puppe eifrig und erfolgreich thätig war. Nur ihm, dem Hanswurst, ist das Verdienst zuzuerkennen, daß das Interesse an theatralischen Aufführungen nicht gänzlich geschwunden ist; er war der Kern, um den sich Alles drehte, mit ihm stand und fiel die ganze damalige„Kunst". Stofflich entwickelte er dieselbe Vielseitigkeit, wie sein ehemaliger lebender Bruder. Ihm war nichts heilig. Szenen aus den vergilbten Mysterien, aus Haupt- und Staatsaktionen, aus Volksmärchen und Legenden, Alles, woriiber man lachen mußte, wenn es Hanswurst bearbeitet, fügte er mit seinem Witz zusammen. Und doch war manch' tragischer Stoff in jenen Darbietungen enthalten, über die sich das Volk lustig machte. Nur eines Motives sei Erwähnung gethan, das im Verlauf der späteren literarischen Entwickelung vielfach wiederbenutzt und das in Goethe's Lebens- werk zum höchsten deutschen Drama verwendet wurde: die Faust-Sage. Hat doch Goethe selbst, bevor er das alte Faustbuch kennen lernte, eine Darstellung des Puppenspieles vom Faust auf einem Kasperle- Theater in Frankfurt gesehen. Doch wie ist im Puppenspiel der Stoff verwendet? Die Hauptrolle hat Kasperle, der Hanswurst; er ist der Diener des großen Zauberers, findet ein Zauberbuch uud lernt Geister zitiren.„Perlippe", die Geister er- scheinen—„Perlappe", sie verschwinden, und während der gelehrte Faust sich ganz in den Händen der Teufel befindet, peinigt Kasperle die Teufel auf's Aergste; er läßt sie mit solch' rasender Schnelligkeit kommen und verschwinden, daß ihm vor„perlippe"- und„perlappe"- kommandiren der Athem ausgeht. Faust muß seine Seele dem Teufel verschreiben; Kaspar kann das nicht, weil er nach seiner Ueber- zeugung gar keine Seele hat. Mst den Worten: „Ihr dummen Teufel, daß Ihr das garnicht bemerkt habt; als ich auf die Welt kam, da waren gerade keine Seelen mehr da," lehnt er ein diesbezügliches Anerbieten des Teufels ab und wird— Nachtwächter. Mit einem mächtigen Spieß, Laterne und Horn erscheint er auf der„Bühne" und singt die Stunden ab, gerade an dem Abend, an dein Faust, sein ehemaliger Herr, vom Teufel geholt wird. Aber der Humor überwiegt auch in dieser bitteren Szene; das dumm-schlaue Kasperle bedauert den armen Fanst, der unter Donner und Blitz verschwunden ist, lacht sich dann aber eins und tanzt schließlich mit seinem Weibe den Kehraus.— Auch für das Theater sollte eine bessere Zeit kommen. Es blieb Männern ans dem Volke vor- behalten, mit allem lieberlieferten zu brechen und die Bühnenkunst auf neue Bahnen zu leiten. Auch Hanswurst ging mit unter; man wird sich seiner aber immer gern erinnern.— Die Gegenden um den Südpol. Von Bruno Borchardt. fic Erforschung des Südpols oder vielmehr der am Südpol gelegenen Gegenden, der sogenannten Antarktis, hat bei dem großen Publikutn durchaus nicht das gleiche oder auch nur ein ähnliches Interesse erregt, wie etwa die Berichte über die Reisen in den unbekannten Gebieten Afrikas oder in den Eisgefilden des Nord- pols. Noch in der jüngsten Zeit sind Stanley und Wißmann, NordcuSkjöld und Nausen in fast über- triebener Weise gefeiert worden, und auch die Be- richte früherer Forschungsreisen, eines Livingstone in Afrika, eines Franklin oder Kane im hohen Norden, werden noch immer mit Interesse gelesen, während die Reisen der Südpolforscher außer den Fachleuten nur sehr Wenigen bekannt sind. Der Grund dafür liegt wohl darin, daß für den Menschen doch immer der Mensch das Interessanteste ist. Am Aequator kamen die Reisenden mit fremden Stämmen in Berührung, deren Kultur und Lebensweise Jeder- mann interessirt; noch bis weit hinauf nach Norden wohnen fremdartige Menschen, die Eskimos, die ein seltsames Leben führen, und wenn die Reisen noch höher hinauf gingen, bis in die eisstarrenden Re- gionen, die nie eines Menschen Fuß betreten hatte, so waren es immer größere Expeditionen, die dort mehrere Jahre zubrachten und ihr Leben den Ver- Hältnissen anpaßten. In der Antarktis dagegen ist noch niemals ein menschliches Wesen angetroffen worden, und ebenso wenig ist es bis jetzt jemals einer Expeditton gelungen, längere Zeit in jenen unwirthlichen Gegenden zuzubringen. Die Berichte der antarkttschen Forscher enthalten daher nur geo- graphische und naturwissenschaftliche Mittheilungen, die die meisten Menschen naturgemäß weniger fesseln als die anregenden Schilderungen menschlichen Lebens und Treibens. Aber auch in wissenschaftlicher Beziehung ist der hohe Süden weit weniger bekannt und weit weniger durchforscht, als der hohe Norden. Nansen ist bis iiber den 86. Breitengrad nach Norden vorgedrungen, war also nur noch 4 Grad vom Pol entfernt, und vor Nansen waren andere Forscher bereits bis über den 83. Breitengrad gelangt. Im Süden dagegen ist die höchste erreichte Breite 78° 10', und diese ist nur einmal, von Roß, erreicht worden, während Andere nicht bis zum 75. Breitengrad gekommen sind. Es ist nicht irgend welchen zufälligen Umständen zuzuschreiben, daß uns das Südende der Erde so viel weniger bekannt und vertraut ist als das Nord- ende; vielmehr trägt in erster Linie die Beschaffenheit der nördlichsten, resp. südlichsten bewohnbaren und bewohnten Gegenden die Schuld. Norwegen dehnt sich bis zum 71. Breitengrad aus und unter 71° findet sich noch eine Stadt, Hanimerfest, wo drei- tausend Menschen in rüstiger Arbeit leben; auch die Nordküste Amerikas reicht bis über den 70., die Asiens gar bis über den 75. Breitengrad hinaus. Die Slldküste von Grönland liegt unter 60 Grad nördlicher Breite, und dann erstreckt sich diese Insel in nördlicher Richtung bis über den 82. Breitengrad. Eine ganze Reihe von Orten befindet sich also im hohen Norden der Erde, die den Expedittonen zur Erforschung des unbekannten Gebietes am Pol als Stützpunkte dienen können und dienen. Ganz anders im Süden. Afrika erstreckt sich nur bis zum 34. Breitengrad, das Australische Festland bis zum 39., die südlich vorgelegene Insel Tasmanien mit dem Hafenplatz Hobart bis zum 42. und die Inseln von Neu-Seeland bis zum 47. Grad. Etwas weiter nach Süden reicht Amerika, dessen südlichste Insel, das 1520 entdeckte Feuerland, von etwa achttausend Menschen bewohnt wird; doch reicht auch sein süd- lichster Punkt unter 56 Grad nicht entfernt an die Breiten nördlicher Orte heran. Riga, Petersburg, Stockholm, Christiania und viele andere große Städte liegen in höheren Breiten. Diese merkwürdige Verschiedenheit der nördlichen und südlichen Halbkugel der Erde hat ihren Haupt- grund wohl in der verschiedenen Stellung, welche diese beiden Hälften gegenüber der Sonne haben. Weil die Erdaxe auf der Bahnebene der Erde nicht senkrecht, sondern geneigt steht, haben wir zu ver- schiedenen Zeiten des Jahres eine verschiedene Daner von Tag und Nacht zugleich mit dem Wechsel der Witterung. Ist das Nordende der Axe der Sonne zugekehrt, so wird die Nordhälfte der Erde stark erwärmt, hier herrscht Sommer mit langen Tagen und kurzen Nächten, und am Pol geht die Sonne überhaupt nicht unter. Zu gleicher Zeit herrscht auf der von der Sonne abgekehrten Slldhälfte strenge Winterkälte bei kurzen Tagen und langen Nächten, und am Südpol selbst ist die Sonne überhaupt nicht sichtbar. Nach einem halben Jahr ist die Nordseite der Erde von der Sonne ab-, die Südseite ihr zu- gekehrt, und die Witterungsverhältnisse haben sich umgekehrt. Würde nun die Bahn der Erde um die Sonne kreisförmig sein, so würde hierin ein beträchtlicher Unterschied zwischen Süden und Norden nicht hervortreten können. Die Erde geht aber in einer Ellipse um die Sonne herum, und die Sonne steht nicht im Mittelpunkt, sondem in einem Brenn- Punkt dieser Ellipse. Infolgedessen steht die Erde einmal in Sonnennähe, nach einem halben Jahre in Sonnenferne, und die größere Nähe oder Ent- fernung ist natürlich auf die Wirkung der Sonnen- strahlen von Einfluß. Am 21. Dezember befindet sich die Erde in ihrer Sonnennähe, am 21. Juni in ihrer Sonnenferne; in dieser letzteren Stellung haben wir Sommer, und die Entfernung mäßigt ein wenig die Gluth der Sonnenstrahlen. Ebenso verhindert die Nähe der Sonne während des Winters eine zu starke Kälte. Auf der Südhälste ist das anders; der Winter fällt hier mit der Sonnenferne zusammen, der Sommer mit der Sonnennähe. Daher ist es im Sommer heißer, im Winter kälter, als auf der nördlichen Halbkugel. Dazu kommt noch, daß bei uns das Sommerhalbjahr um eine Woche länger ist, als das Winterhalbjahr, auf der süd- lichen Halbkugel ist dagegen das Winterhalbjahr das längere, so daß die Eismassen am Südpol eine be- deutend größere Mächtigkeit und Ausdehnung er- langen, als am Nordpol. Freilich ist das nicht stets so gewesen und wird auch nicht immer so bleiben. Die Erdaxe behält ihre Richtung im Räume nicht unverändert bei, und eine Folge ihrer Richttingsänderung wird sein, daß in etwa 13 000 Jahren die Sonnennähe in den Juni, die Sonnenferne in den Dezember fallen wird. Dann wird man im Norden kältere Winter haben, als im Süden; möglicher Weise wird sich dann die vom Pol ausgehende Vereisung bis tief in die skan- dinavische Halbinsel und noch weiter erstrecken, wäh- rend sich auf der südlichen Halbkugel vielleicht un- bekannte Kontinente aus dem Meere erheben und der Schauplatz nienschlicher Thätigkeit werden. Darüber läßt sich jedoch nichts Bestimmtes aussagen,>vie sich ebenfalls nichts darüber entscheiden läßt, ob dereinst in vergangenen Zeiten auf jetzt versunkenen Ländern ein reiches Leben geherrscht hat. So lange wir irgend welche Nachrichten iiber die Gestaltung der Erdoberfläche haben, erkennen wir im Großen und Ganzen diejenige Vertheilung von Wasser und Land, die auch heute vorhanden ist, und die Beschreibung der älteren Geographen und der Alten von einem großen Südland, einer unbekannten Terra Australis, beruhen nicht auf irgend welchen sicheren Ueber- lieferungen, sondern lediglich auf der Phantasie. Kein Geringerer als Claudius Ptolemäus, der be- rühmte Astronom, dessen Anschauungen 1'/- Jahr- tausende hindurch maßgebend waren, hatte im An- schluß an die früheren Geographen im Süden unseres Erdballes einen großen Konttnent angenommen, der den südöstlichen Theil von Asien mit dem südlichen Theil von Afrika verband, so daß der Indische Ozean gleich dem Mittelmeer ein geschlossenes Meeresbecken bildete. Von Afrika nach Westen ziehend, grenzte dieses unbekannte Südland auch den Atlantischen Ozean ab. Als durch die Umsegelung Afrikas und die Ent- deckung des Seeweges nach Ostindien das Irrige dieser Vorstellung erkannt war, verschwand das große Südland keineswegs von den Globen und Karten; man gewann von den Dimensionen der Erde rich- tigere Vorstellungen und erkannte, daß die südliche Halbkugel noch Raum genug biete. So wurde der nördliche Theil nur weiter nach Süden verlegt. 1520 hatte der erste Weltumsegler, Magalhäes, im Süden von Amerika das vom Festland durch die Magalhäesstraße getrennte Feuerland entdeckt, und alsbald erschien dasselbe auf den Karten als eine Halbinsel der Terra Australis, deren Küste in will- kürlicher Weise nach Osten und Westen um die Erde herum gezeichnet wurde. Auch als Francis Drake 1578 die Südspitze von Amerika erblickt und die Jnselnatur des Feuerlandes festgestellt hatte, ver- schwand die falsche Darstellung trotz des Wider- spruches mancher erfahrenen Seeleute durchaus nicht von den Karten. Erst achttmddreißig Jahre später gelang es zwei Holländern, Schonten und Le Maire, in den Vorstellungen der Geographen das Fenerland vom Australkontinent loszulösen. Die holländisch- ostindische Kompagnie besaß das Monopol, als einzige Die Reue ZDclt Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 801 von den holländischen Rhedereien Schiffe durch die Magalhöesstraße senden zu dürfen. Um jenes Mo- nopol zu umgehen, fuhren jene Beiden um den Süden von Feuerland und bestimmten seine Küste näher. Anzeichen eines großen südlichen Kontinents dagegen fanden sie nirgends. Trotzdem glaubte man immer noch an das unbekannte Südland; der große See- fahrer Abel Tasman z. B., der neben Cook als der eigentliche Entdecker Australiens anzusehen ist, war noch zur Entdeckung dieses Slldlandes ausgefahren. Als er 1642 auf die Südinsel von Neuseeland ge- stoßen war, glaubte er Anfangs noch, hier das Land vor sich zu haben, das sich bis in die Gewässer im Süden von Amerika erstrecken sollte. Erst durch die denkwürdigen Fahrten Cook's wurde jeder Glaube an ein bewohnbares, noch im gemäßigten Klima ge- mit größeren Mitteln ausgerüstet. Diesmal wollte Cook von Westen nach Osten fahren. Er verließ die Kapstadt im November 1772 und überschritt am 17. Januar des folgenden Jahres unter 38 Grad östlicher Länge von Greenwich als Erster den süd- lichen Polarkreis; doch gelangte er nicht weiter als bis 67 Y* Grad, wo ihn eine riesige Eismasse zum Ausweichen nach Norden zwang. Diese Eismasse war vollkommen flach und überall gleich hoch, und zwar mindestens 5— 5'/» Meter, und so ausgedehnt, daß selbst von den Mastspitzen kein Ende zu sehen war. Vielleicht ist hier zum ersten Male eine der großen Eismauern in Sicht gekommen, in denen überall in den antarktischen Gebieten Gletscher und Jnlandseis gegen die See abbrechen. Für den Rest des Sommers durchforschte er den südöstlichsten Theil Menden Eismassen kaum etwas anderes sein konnten als die eis- und schneebedeckten Gipfel eines Landes. Im folgenden Jahre durchfuhr Cook den Stillen Ozean von Neu-Seeland aus nach Osten unter 50 bis 60 Grad südlicher Breite, und stellte auch in dieser Breite das Fehlen des Australlandes fest. Dann fuhr er um den Süden von Amerika herum und durchforschte den südlichen Theil des Atlantischen Ozeans nach einem etwa vorhandenen Kontinent. Im März wandte er sich nördlich nach Kapstadt, von wo er nach England ging; nach einer Reise von mehr als dreijähriger Dauer langte er dort auf der Rhede von Spithead wieder an. Diese zweite Weltumsegelung Cook's ist in Bezug auf ihre Ergebnisse eine Leistung allerersten Ranges und muß unbedenklich neben die Entdeckungen des öer Aciiöe. Nach dem Gemälde von Emil Zschimmer. legenes Australland völlig vernichtet. Man erkannte, daß der Atlantische, der Indische und der Stille Ozean ineinander übergehen, und daß überall nur kleinere Inseln von geringer Ausdehnung, nicht aber ein großer Kontinent vorhanden sei. Cook war im Sommer 1768 von England ab- gefahren, um den Vorübergang der Venus an der Sonnenscheibe, der am 3. Juli 1768 stattfand und in der Slldsee sichtbar war, zu beobachten. Nachdem er die Südspitze von Amerika umfahren, wandte er sich nördlich, seinem Bestimmungsorte, der Insel Tahiti zu. Nach Beendigung seiner Aufgabe durch- forschte er den Stillen Ozean bis zur Breite von 40 Grad und stellte hier fest, daß ein Australland nicht vorhanden war. Dann wandte er sich weiter östlich nach Neuseeland, das er völlig umsegelte und so dessen Jnselnatur und seine Trennung in eine Nordinsel und Südinsel feststellte. Dann fuhr er nach Neu-Holland, dem heutigen Australien, dessen Ostküste er genau aufnahm. Wegen der großen Erfolge dieser Weltumsegelung wurde von der englischen Regierung sofort eine zweite des Indischen Ozeans, wo er bis über 60 Grad hinaus das Fehlen eines Australkontinents feststellte und sich dann nach Neu-Seeland wandte. Im nächsten Sommer ging er von Nen-Seeland nach Südosten, und stellte auch in den südlichsten Gegenden des Stillen Ozeans das Fehlen des Australlandes fest. Hierbei überschritt er wieder den Polarkreis und gelangte bis über den 71. Breitengrad. Südlich vom Schiff befand sich hier ein etwa eine Seemeile breiter Gürtel von echtem Packeis, d. h. von dicht auf- einander gethürmten Eismassen, in die noch zahlreiche Eisberge eingekeilt waren. Hinter diesem Packeis- gürtel zeigte sich eine vollkommen kompakte, unge- brochene Eismasse, die nach Süden zu allmälig höher anstieg, bis sie am Horizont verschwand. Cook meinte, daß dieses Eis sich wohl bis zum Pole ausdehne oder seit Urzeiteu an ein Land anlehne, und daß hier die Ursprnngsstelle aller der Eisberge sei, die er weiter im Norden getroffen. Auch aus der An- Wesenheit von Pinguinen und anderen Vögeln schloß er auf die Anwesenheit von Land, vcrmuthlich mit vollem Recht, da die nach Süden an Höhe zuneh- Columbns und seiner Nachfolger gestellt werden. Wie Columbns an Stelle eines zu schmal ange- nommenen Meeres, durch das er einen Weg nach Asien suchte, einen neuen Kontinent fand, so fand Cook an Stelle eines seit dem Alterthum vermutheten bewohnbaren Ricsenkontinents eine schier endlose Meeresfläche und wies somit nach, daß die Ober- fläche unserer Erde zum weitaus überwiegenden Theile vom Wasser eingenommen ist. Er stellte somit die wahren Grenzen der für den Menschen bewohnbaren Erde fest, mit Ausnahme der Ausdehnung Nord- amerikas gegen Nordwesten; diese letztere Aufgabe löste er auf seiner dritten großen Reise, auf der er in Hawaii seineu Tod fand(1779). Was die Landmassen in sehr hohen südlichen Breiten betrifft, die Cook erblickt und deren Küste er sich sehr ge- nähert hat, so hielt er eine nähere Erforschung der- selben nicht für nützlich. Er schildert sie als„Länder, die die Natur zu ewiger Starrheit verdammt hat, die nie erwärmen sollen in den Sonnenstrahlen, für deren furchtbaren und wilden Anblick ich keine Worte finde. So sind die Länder, die wir entdeckt haben; 302 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. wie wogen denn wohl erst jene sein, die noch weiter gegen Süden liegen? Wir müssen ja vernünftiger- weise voraussetzen, daß wir noch die besten, weil nördlichsten, gesehen haben. Sollte irgend Jemand den festen Willen und die Ausdauer dazu haben, diesen Punkt aufzuklären durch ein weiteres Vor- dringen nach Süden, als ich es gethau habe, so werde ich ihn nicht um den Ruhm der Entdeckung beneiden, aber ich bin so kühn, zu erklären, daß die Welt keinen Nutzen davon haben wird." Thatsächlich sind auch nach Cook's großer Reise mehrere Jahrzehnte vergangen, ehe die antarktischen Gewässer wieder aufgesucht wurden. Doch ist Cook's Nteinung von der Nutzlosigkeit des Aufsuchens höherer südlicher Breiten jedenfalls irrig. Schon von rein geographischem Gesichtspunkte aus ist die nähere Kenntniß der Gegenden in der Nähe des Pols er- wünscht; dann aber ist auch eine rationelle Erforschung der Luft- und Meeresströmungen, die für die metco- rologische Wissenschaft so außerordentlich wichtig ist, nur bei genauerer Kenntniß der antarktischen Regionen möglich. Sehr wichtig ist ferner nicht nur für die reine Forschung, sondern auch für die praktischen Bedürfnisse der Schifffahrt die Kenntniß des magne- tischen Verhaltens in den verschiedenen Gegenden der Erde; hierfür sind aber in erster Linie die magnetischen Verhältnisse in den polaren Gegenden maßgebend, Verhältnisse, die für den Südpol noch außerordentlich wenig erforscht sind. Wenn trotzdem die Antarktis nicht aufgesucht wurde, so war der Hauptgrund wohl der, daß zuerst die näher liegenden Aufgaben, die genauere Aufnahme der zahllosen, im Stillen Ozean verstreuten Inseln, sowie der Küsten von Australien und Amerika beendet sein mußten; auch waren die politischen Ereignisse und Verhältnisse Europas zu Anfang unseres Jahrhunderts für die Aufwendung größerer Mittel zu wissenschaftlichen Expeditionen nicht geeignet. Um 1820 wurde das Meer im Süden von Amerika wegen seines Reichthums an Robben von Robbenschlägern lebhafter besucht und bei dieser Ge- legcnheit die dort gelegenen Inseln, der Dirk-Gerritsz- Archipel, näher erforscht, sowie die Küste eines Landes entdeckt, das sich vielleicht sehr weit nach Süden erstreckt, das sogenannte König Oskar und Graham- Land, an das sich noch das von der russischen Ex- pedition unter Bellingshansen 1821 gesehene Alex- ander-Land anschließt. Im Osten dieser Gebiete drang im folgenden Jahre der Robbenschlägerkapitän Weddell in das nach ihm benannte Meer vor und erreichte im Februar 1823 die hohe Breite von 7 4 Vi Grad, ohne auf Land zu stoßen. Nicht durch Eis, sondern durch den Zustand der Schiffe, die für eine Entdeckungsfahrt nicht ausgerüstet waren, sowie durch die Ermattung der Mannschaft wurde Weddell zur Umkehr gezwungen. Die Schiffe hatten sich mit großer Gefahr durch dichtes Packeis und zahllose Eisberge hindurchgearbeitet und das weite, offene Meer gefunden; bei noch weiterem Vordringen gegen Süden hätte die Gefahr nahe gelegen, bei der Rückkehr das Packeis noch dichter zu finden und nicht mehr hindurch zu können. Thatsächlich war auch die Rückfahrt durch das Eis eine sehr schwierige. Zu erwähnen ist ferner die Fahrt des von der Londoner Firma Enderby ausgerüsteten Robben- schlägers„Biscoe"(1830— 1832), der etwa unter dem Polarkreis und 50 Gr. östl. Länge von Greenwich Land erblickte, das er Euderby-Land nannte; etwas weiter östlich erblickte 1833 der Robbenschlägerkapitän Kanp das nach ihm benannte Kaup-Land. Dann trat wieder eine Periode rein Wissenschaft- licher Fahrten nach der Antarktis ein, von denen besonders erfolgreich die französische unter d'Urville (1837—1840), die amerikanische unter Wilkcs (1838—1840) und namentlich die englische unter Roß(1839— 1843) waren. Durch diese Reisen hat das antarktische Gebiet auf den Karten im Wesentlichen die Gestaltung bekommen, die es gegen- wärtig aufzeigt. Zum großen Theil war der Um- stand, daß damals die Lehre vom Erdmagnetismus im Vordergrund des wissenschaftlichen Interesses stand, für diese Expeditionen mit bestimmend. Tie Berechnungen des berühmten Matheniatikers und Physikers Ganß in Göttingen hatten den magne- tischen Südpol der Erde ungefähr unter 60 Grad nördlicher Breite und 146 Grad östlicher Länge von Greenwich ergeben, und deswegen sollte Roß die dort liegenden Gewässer aufsuchen. Auch d'Urville und Wilkes beschlossen, sich längere Zeit in diesen Gegenden aufzuhalten, und sie entdeckten hier eine weit ausgedehnte Küste, die sich ungefähr in der Breite des Polarkreises von 155 bis 105 Grad östlicher Länge erstteckte; ja darüber hinaus glaubte Wilkes noch bei 95 Grad Land feststellen zu können, das er Termination-Jnsel nannte. An der ganzen ausgedehnten Küste bot sich nirgend eine Stelle zum Landen; nur eine kleine Felseninsel, die mit mehreren anderen der Küste vorgelagert war, betrat d'Urville und entfaltete dort die Trikolore, um dieses Gebiet fiir Frankreich in Besitz zu nehmen. Ueberall fiel das Land, von Eis bedeckt, schroff in das Meer ab, und vielfach segelte man überhaupt nur an einer starren Eismauer entlang; nur bei klarem und schönem Wetter konnte mit Sicherheit hinter der Eis- niauer Land festgestellt werden. Daher ist es nicht ganz unmöglich, wenn auch nicht wahrscheinlich, daß die Küste von Wilkes-Land nicht die eines zusammen- hängenden Konttnents, sondern die Nordküste vieler kleinen Inseln ist. Eine ziemlich ausgedehnte Küste, die des Viktoria- Landes, hat dagegen Roß in ganz unzweifelhafter Weise festgestellt. Er hatte bereits die große Ex- peditton seines Oheims, des älteren Roß, in den Jahren 1829—1833 nach dem Nordpol mitgemacht, auf welcher der magnetische Nordpol erreicht und seine Lage genau besttmmt worden war. Jetzt hatte Roß den bestimmten Auftrag, durch magnettsche Be- obachttingen an möglichst vielen Orten die Lage des magnetischen Südpols genau zu bestimmen, und wenn möglich, denselben mit seinen Schiffen— die Expeditton bestand aus den beiden Schiffen„Erebus" und„Terror"— oder zu Land zu erreichen. Er war am 30. September 1839 von England aus- gelaufen; unterwegs stellte er bereits zahlreiche mag- netische Messungen an, z. B. auf Madeira, auf Trinidad, auf St. Helena, weiter richtete er am Kap der guten Hoffnung ein ständiges Observatorium ein, und daher gelangte er erst im August 1840 nach Hobart auf Tasmanien, wo ebenfalls eiu ständiges Observatorium eingerichtet wurde. Hier erhielt er Mittheilniig von d'llrville's und Wilkes' Entdeckungen, und Wilkes ließ ihm eine Karte zustellen, auf der er die von ihm gesehene Küste als„Antarkttschen Kontinent" eingetragen hatte. Roß beschloß daher, etwas weiter östlich nach Süden vorzustoßen, etwa unter dem 170. Längengrad östlich von Greenwich, gerade im Süden von Neu-Seeland. Er entdeckte dort auch eine ausgedehnte Küste, die sich etwa vom 71. Grad südlicher Breite im wesentlichen nach Süden zieht. Die Magnetnadel bildete mit dem Horizont bereits einen Winkel von 87 Grad und zeigte nach Westen, wo also der magnetische Pol liegen mußte. Deswegen hoffte Roß, das Land weiter südlich um- schiffen und sich nach Westen wenden zu können. Er konnte der Küste auch bis über 78 Grad hinaus folgen; dann aber bog sie nicht nach Westen, sondern nach Osten um, oder es schloß sich vielmehr nach Osten zu eine fast senkrecht abfallende 45—60 Bieter hohe Eismauer an, hinter der in weiter Ferne, etwa bei 79 Grad, sich eine Kette hoher Berge zu er- strecken schien. Im nächsten Jahre, wo Roß der Eismauer nach Osten folgend, den bis jetzt südlichsten bekannten Punkt der Erde erreichte, 78" 10', war die Höhe der Eismauer dort beträchtlich kleiner als weiter westlich, sie betrug nur 32 Meter und stellen- weise nur 26 Meter. Nach Norden zurücksegelnd, untersuchte Roß die Küste des Viktorialandes ge- naner; sie erwies sich als bergig und stark vnl- kanisch. Ein 3750 Meter hoher Berg, der den Namen von Roß' Schiff,„Erebus", erhielt, zeigte sich in voller Thätigkeit, so daß sich in diesen hohen Breiten das ganz unerwartete Schauspiel eines thätigcn Vulkans darbot. In der Nähe dieses Vulkans be-' fand sich eine Bucht, die zur Ueberwinternng geeignet erschien; Roß versuchte daher, sich durch das zähe, von Billionen von Diatomeen rostbraun gefärbte Eis durchzuarbeiten. Doch wurde das Packeis in einer Entfernung von etwa zehn Seemeilen von der Küste so dicht und schwer, daß die Erreichung der Küste unmöglich war und der Plan einer Ueberwinternng aufgegeben werden mußte. Roß kehrte daher nach Hobart zurück, von wo er im nächsten Sommer einen erneuten Vorstoß nach Süden unternahm und dann um Kap Horn im Süden Amerikas nach den Falk- landinseln zur Ueberwinternng fuhr. Die Ergebnisse von Roß' Fahrten sind fiir die Wissenschaft unschätzbar. Zwar hat er den mag- netischen Pol nicht erreichen können, weil dies nur während der Ueberwinternng vom Lande aus mög- lieh gewesen wäre; aber auf seinen zahlreichen Mes- sungen, durch die er die Lage des magnetischen Pols (73° 39' südl. Breite, 146' 15' östl. Länge von Greenwich) genau feststellen konnte, beruht überhaupt auch heute noch unsere ganze Kenntniß über die magnetischen Verhältnisse in den höheren südlichen Breiten. Auch seine meteorologischen Beobachtungen sind heute noch von großem Werth; wenn fiir seine Beobachtungen in den Meerestiefen nicht dasselbe gilt, so liegt das daran, daß die damaligen Instrumente den heuttgen Ansprüchen nicht mehr geniigen. Be- merkenswerth ist der von ihm erbrachte Nachweis, daß im höchsten Süden in den Tiefen des Eis- meeres noch lebende Korallen existtren. Auch fand er im hohen Süden zahlreiche Massen von Walen, sowie mit dem Guano von Pinguinen bedeckte Inseln, deren Ausbeute vielleicht noch einmal lohnend wird. In besonders hervorragender Weise ist unsere Kenntniß von der Antarktis nach Roß nicht mehr bereichert worden. In unserem Jahrzehnt haben mehrfach Walfischfänger das südliche Eismeer auf- gesucht, weil im nördlichen Eismeer der Fang durch die geradezu sinnlose Vernichtung sehr zurückgegangen ist; doch haben sie bis jetzt keine erhebliche Ausbeute gehabt. Wissenschaftlich am bedeutendsten war die berühmte„Challenger-Expedition" unter dem Kom- mando von Rares, die von 1872— 1876 die Tiefen- verhältntsse verschiedener Ozeane erforschte und im Südsommer 1873/74 auch einen kurzen Vorstoß in die antarktische Region unternahm. Das Schiff ging in dem noch unerforschten Gebiet zwischen Kemp- Land und Wilkes-Land nach Süden bis über den Polarkreis, ohne Land zu erblicken; da es für eine Eisfahrt nicht ausgerüstet war, so wandte es sich trotz schönen Wetters bald wieder nordöstlich Mel- bourne zu. Trotz des kurzen Aufenthaltes beruhen unsere Kenntnisse über Temperattir, Salzgehalt, Tiefe und Tiefensedimente des Meeres, sowie über die kleinen Lebewesen in den Tiefen der südlichen Meere im Wesentlichen auf jenen, auf der„Challenger" gemachten Beobachtungen; auch über die Nattw und Größe der Eisberge sind infolge der verbesserten Beobachttmgsmethoden werthvollere Untersuchungen angestellt worden, als vorher. Der von dem österreichischen Forscher Weyprecht stammende Plan, die beiden Pole der Erde mit einem System von festen Stationen zu umgeben, ist in den Jahren 1832 und 1883 wesentlich für den Nordpol zur Ausführung gekommen; im Süden wurden nur zwei Stationen, eine französische in Feuerland und eine deutsche in Slldgeorgien, errichtet. Beide waren noch 10 resp. 12 Breitengrade vom Polarkreis entfernt und lagen zu nahe aneinander, um auf die magnetischen Verhältnisse in den höheren Breiten weitgehende Schlüsse zu gestatten. Ihre meteorologischen Resultate waren wichtig und über- raschend, so daß die Bedeutung der antarkttschen Forschung wieder deutlich hervortrat. Der deutsche Geographentag hat sich auf Anregung des Leiters der Hamburger Seewarte, Georg Neümayer, mehr- fach mit dieser Frage beschäftigt und beschlossen, für eine Forschungsreise im Süden der Gegend, die von der Challenger-Expedition untersucht ist, thätig zu sein. Diese Expeditton soll eine Ueberwinternng in jenen Gebieten versuchen. Ob dieser Plan zur Aus- fiihrung gelangen wird, ist zweifelhaft; bisher ist das nöthige Geld dazu, etwa eine Million Biark, nicht vorhanden. Dagegen ist eine belgische Expedition im letzten Südsommer nach den Gewässern im Süd- osten von Amerika aufgebrochen, und von Australien ist eine Walfischfänger-Expedition nach dem von Roß entdeckten Viktoria-Land abgegangen. Die Resultate dieser Reisen stehen noch aus.— 303 Ernte. Von Richard Delzmel. diesem Jahr verlor ich einen Kreund. Hier unterm Nußbaum sprachen wir uns ans. Das Laub wird gelb; es wartet auf den N)ind. Ist das der Schluß? In diesem Iahr.. Hier unterin Nußbaum gab mir eine Krau In diesem Jahr erröthend ihre Hand. Still weht ein Blatt und tropft in's welke Gras. Ist das der Schluß? vor meine Küße fällt Tin dumpfer Schlag zu Boden und zerplatzt Und aus der Rapsel rollt die rauhe Krucht. Das ist der Schluß. Verhaftungen* I er alte Revolutionär erzählte:„Zum ersten Male wurde ich nach dem Staatsstreich wer- haftet. Eines Morgens, ich lag noch im Bett, klingelte es bei mir. Meine Frau, die eben unser bescheidenes Frühstück znrecht machte, ging öffnen. Aber kaum hatte sie die Thür halb aufgemacht, als zwei Spitzel sie mit Gewalt zurückdrängten, in die Wohnung drangen und mich im Bett packten. Hinter ihnen erschien ein dicker, rosiger, wohlwollender Herr, der einen Regenschirm in der einen und den Hut in der anderen Hand trug. Es war der Polizei- kommissar, der den beiden Kerlen Einhalt gebot: „Na, na, nicht so hart! Sehen Sie denn nicht, das; der Herr nicht daran denkt, den geringsten Wider- stand zu leisten, daß er im Gegentheil bereit ist, unsere Aufgabe, die ja an sich schon peinlich genug ist, zu erleichtern? Lassen Sie den Herrn nur ruhig sich ankleiden, und begnügen Sie sich damit, überall genau nachzusuchen; es ist ja eine sehr unangenehme, aber leider doch nothwendige Formalität." Das sagte diese Persönlichkeit und setzte sich mit bekümmerter und matter Rtiene hin. Auf dem Tisch sah er die Kaffeetassen stehen, und er sagte zu meiner Frau: „Ihr Gatte kann ruhig erst frühstücken, bevor wir ihn mitnehmen, wir haben ja Zeit, und es eilt nicht so!" Die Dankesworte, die meine treue Gefährtin, blaß und aufgeregt, stotterte, ermuthigten den Polizei- kommissar offenbar, denn er nahm eins unserer Kinder, einen fünfjährigen Jungen, zwischen seine Kniee, streichelte ihn und sagte: „Ist das Ihr Junge, liebe Frau? Wie heißt Du denn, mein Sohn? Peter? Ach was, er ist garnicht scheu, und ich jage ihm keine Furcht ein. Ich liebe Kinder so sehr! Auch ich habe zwei Stück, der Eine ist zwar älter, aber lange nicht so kräftig wie Ihr Sohn. Wir haben im letzten Winter feinet- wegen sehr viel Sorgen gehabt, und doch, wer möchte ein Haus ohne Kinder haben? Können Sie sich das vorstellen? Ich nicht! Sagt doch auch unser großer Dichter Victor Hugo, daß ein Haus ohne Kinder wie ein Käfig ohne Vogel, wie ein Bienenstock ohne Bienen, wie der Sommer ohne Blumen ist. Wie schön sind diese Verse! Ich liebe die Dichtkunst; sie findet den Weg in das menschliche Herz!... Was giebt's denn da?" Die Spitzel hatten im Verlauf ihrer Haussuchung eine alte Flinte, etwas Munition und einen ver- rosteten Säbel entdeckt. „Gut, tragen Sie das in den Wagen," sagte der Polizeikommissar.„Weiter nichts? Sie haben doch in allen Ecken, unter den Möbeln und zwischen den Matratzen auch nachgesehen? Wahrhaftig, es ist ja ganz unbedeutend, was wir gefunden haben, damit kann man keinen Hund vom Ofen locken. Ich war von vornherein davon überzeugt." Mir war die Szene in ihrem weiteren Verlauf unerträglich. Ich kürzte den Auftritt ab und gab dcm Polizisten ein Zeichen, daß ich bereit sei, ihm Von Lucien Descaves. zu folgen. Er erhob sich, verbeugte sich vor meiner Frau, klopfte den Kindern auf die Backen, fragte mich höflich, ob ich auch nichts vergessen hätte, und ging dann mit mir hinab. Unten wartete eine Droschke, wir stiegen hinein, und er fuhr alsbald fort, mich mit seinem Vertrauen zu belästigen. „Wenn Sie glauben würden, daß die Rolle, die ich spielen muß, mir nicht zuwider ist, dann würden Sie sich sehr täuschen. Wirkliche Verbrecher auf- zustöbern, das kann man sich ja noch gefallen lassen. Aber die Unterstützung der politischen Polizei sollte nicht zu unseren Aufgaben gehören. Ich, der ich hier mit Ihnen rede, habe auch„Rothe" in meiner Familie, und ich bin gewiß im Herzen ein ebenso guter Republikaner wie Sie. Ich weiß sehr wohl, daß das, was ich heute schützen muß, nicht die Ge- sellschaft, sondern die neue Regierung ist. Ja, Sie werden einwerfen, warum ich nicht abgehe, wenn ich mein Amt so verachte. Lieber Gott, sehr einfach, weil ich Frau und Kinder und eine alte Mutter zu ernähren habe, das sind geheiligte Lasten, man darf sie nicht seiner Ueberzeugung opfern. Sie können garnicht glauben, wie ich mich jetzt nach meiner Pensiouirung sehne; die Pension selber wird ja nur gering sein, aber ich werde in der Provinz von ihr leben; ich könnte mich dem Gartenbau widmen, und das ist mein innigster Wunsch. Ich liebe den Wald, die Blumen, den Fischfang. Die Jagd macht mir weniger Spaß; vergossenes Blut, selbst wenn es blos Thierblut ist, kann ich nicht vertragen. Ach ja, wenn man so am Morgen mit den Hühnern zu- gleich aufsteht, wenn man dann die Fenster öffnet und Einem die Sonne in's Gesicht scheint und die reine Luft anweht— finden Sie das nicht auch überaus erstrebenswerth?" Wir waren angekommen. Zuerst sprang der Polizeikommissar aus dem Wagen und trag wie eine Trophäe selber die Waffe, die er in meiner Behausung beschlagnahmt hatte, und die auch meine Verurtheilung herbeiführte... Meine zweite Verhaftung war die Folge der Revolte am 30. Oktober 1870. Einige Tage später erhielt ich am frühen Morgen den Besuch der Agenten und des Polizeikommissars, der dem Quidam von 1851 wie ein Bruder glich. Er hatte dieselbe Taille, dasselbe Embonpoint, dieselbe fast speichelleckerische Höflichkeit. Er beruhigte meine Frau und unterhielt sich vertraulich mit uns, während seine Untergebenen die Haussuchung mit Eifer vornahmen. Sie ver- zweifelten schon, da sie nichts fanden, aber schließlich beschlagnahmten sie den Entwurf eines Aufrufs an die Pariser, den ich geschrieben hatte. „Ein ganz bedeutungsloses Dokument," sagte der Polizeikommissar, bemächtigte sich aber trotzdem desselben. „Na, weshalb nehmen Sie es denn dann mit?" fragte ich.„Oh, blos um zu sagen, daß ich doch wenigstens etwas bringe," erwiderte er lächelnd. Im Wagen schlug er etwas andere Töne an und öffnete mir sein Herz. „Nein, was ist das für eine Zeit, in der wir leben! Haben wir denn überhaupt noch eine Re- gierung? Wem sollen wir denn eigentlich gehorchen? Wenn ich blos eine Ahnung davon hätte! Es ist doch ganz merkwürdig um solche politische Racheakte. Ich brauche mir blos vorzustellen, Sie wären die Stärkeren gewesen, dann hätte ich mich gewiß heute Morgen bei Ihren Feinden einfinden müssen, um sie zu verhaften. Na, aufgeschoben ist nicht auf- gehoben; was morgen wird, weiß Niemand. Wun- dern muß man sich aber doch, daß alte Republikaner wie Sie, die Sie das Kaiserthum gestürzt haben... ja, ja, Sie haben es gestürzt... dabei bleibe ich, Republikaner wie Sie von den Männern der National- vertheidigung verfolgt werden, die sich gleichfalls auf ihre oppositionelle Vergangenheit und ihre Opfer für die Sache berufen! Wer soll eigentlich getäuscht werden? Sie haben die volle Wahrheit gesagt, lieber Herr, Unfähige und Schwindler führen unsere Armee; denken wir doch blos an die Uebergabe von Metz, erst leugnet man sie, dann muß man sie ein- räumen; an den Trochu'schen Plan, an den Waffen- stillstand, von dem die Rede ist. Ach, in solchen Händen ruhen unsere Geschicke! Armes Frankreich, arme Republik! So jung und schon verrathen! Ein wahres Glück, daß ich in drei Jahren peu- sionirt werde. In Paris werde ich nicht bleiben; ich kaufe mir ein kleines Haus auf dem Lande und werde Kohl pflanzen. Welches Glück ist es, das Gemüse und die Früchte zu essen, die man wachsen und reifen gesehen hat! Auf dem Lande so friedlich und gesund, wie ein Bauer zu leben— andere Wünsche habe ich nicht!" Am Abend schlief ich im Untersuchungsgefängniß, und ich wäre in einigen Tagen in Freiheit gesetzt worden, wenn der Aufruf au die Pariser, den man bei mir gefunden hatte, nicht ein Verbrechen gewesen wäre, das meine Untersuchungshaft verlängert hätte... Am Abend vor einem I. Mai wurde ich zum dritten Mal verhaftet. Es war eine einfache Vor- sichtsmaßregel. Wie konnte ich nur zweifeln bei der Haltung des Polizeikommissars, der voller Höflichkeit war und mir den Verhaftungsbefehl mit der er- nmthigenden Handbewegung eines Geldbriefträgers vorwies! Ich glaube, er entschuldigte sich sogar bei meiner Frau wegen der Störung, die er verursache und wegen der Unruhe, die die gebräuchliche Haus- suchung in einem so sauberen und wohlgeordneten Haushalte hervorrufen würde. Ich muß aber sagen, daß meine Frau diese Affereieu satt hatte, sich sehr unzugänglich zeigte und daß ihr berechtigtes Miß- trauen wuchs, als sie sah, wie der Herr... oh, nur zur Beruhigung seines Gewissens!... ein Pack Broschüren von Reclus und Krapotkin mit fort- nahm. Die Droschke, die zu einem Tets-ä-tets und zu Herzensergießungen so geeignet ist, stand wieder vor der Thür. Ich entging weder dem einen noch dem anderen.„Ich werfe Sie gewiß nicht mit den gefährlichen Verbrechern in einen Topf," sagte der Polizeikommissar zu mir,„die die Gesellschaft bedroben. 304 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Sie sind gewiß blos das Opfer eines Mißverstand- nisses. Die Gesellschaft ist ja gewiß nicht vollkommen eingerichtet, und die Kritik, die ihre Verkleinerer an ihr üben, halte ich für durchaus nicht unberechtigt. Aber ein gewaltthätiges Vorgehen muß allen ehrlichen Männern, wie Ihnen und mir, gleich verhaßt sein. Weshalb arbeiten wir denn? Um ein bescheidenes Auskommen zu haben und es friedlich zu genießen. So kann ich mich nächstes Jahr pensioniren lassen. Na, wissen Sie, was ich dann mache?" „Ja," erwiderte ich,„Sie werden Ihre Tage fern von Paris in der Zurückgezogenheit beschließen. Sie werden einen Hanshund haben, Hühner, Kaninchen und Tauben züchten. Ihr Gemüsegarten wird Sie nähren, Sie werden Ihre Blumenbeete abstecken, den» Sie lieben Blume» und Hansthiere und freuen sich, davon bin ich überzeugt, schon im Voraus auf das Gemüse Ihres Gartens, die Milch Ihrer Ziegen, die Eier Ihrer Hühner. Die Politik ist Ihnen zuwider, und die Dienste, die sie von Ihnen verlangt, scheinen Ihnen unwürdig. Seit zwanzig Jahren streben Sie darnach, friedlich mit einer Zliigelmthe in der Hand am Bache sitzen zu können." Ter Polizeikommissar sah mich erstaunt an und sagte:„Stein, wie gut Sie mich kennen; Sie haben wirklich eben alle meine Wünsche ausgesprochen." Abends saß ich wieder im Loch. Die Broschüren, die der liebenswürdige Herr mitgenommen hatte, be- wirkten, daß ich erst nach drei Wochen wieder her- auskam... Wird es Ihnen jetzt klar sein, daß ich wie die Pest den Beamten fürchte, der zu der fürchterlichen Sorte der Untersuchungsrichter gehört, die die Unter- suchungsgefangenen wegen ihrer Milde und Liebens- ivürdigkeit segnen bis zu dem Tage, wo sie dann gegen sie auftreten und sie mit einem Geständniß, das sie ihrem Vertrauen, ihrer Leichtgläubigkeit ent- rissen haben, vernichten! Die Autorität ist nie so gefährlich als dann, wenn sie sich als Freundin giebt. Deshalb hege ich auch einen vermessenen Wunsch... Wissen Sie, worin er besteht?... Ich möchte gern, bevor ich sterbe, mal einen Polizeikommissar treffen, der brutal in meine Behausung dringt, mich an der Gurgel packt, offen seine Rolle spielt und ohne Heuchelei seine Arbeit ganz verrichtet.—" JeuiLteton. Auf der Haide. Wenn der Herbst kommt ans leisen Sohlen und mit schreiendem Gelb und sattem Roth die Blätter der Bäume malt, erblüht draußen die Haide. Wie ein rothcs Tuch liegt sie da, unter der klaren, hell- blauen Himmclsglocke. Sie, die Unscheinbare, die sonst einsam und verlassen war, jetzt ist sie voll des Lebens. Die Luft ist gesättigt mit dem Blüthenstaube des Haide- krantcs, um das ruthenstcngclige Hasenkraut brummt die Hummel, an den dicken Köpfen der Disteln machen sich die bunten Stiglitze zu schaffen. Und die ganze Haide summt; die Bienen sind es, die hier ihre letzte Ernte einsammeln, den Erika-Honig, der einen Stich iisis Nöth- liche hat und etwas herzhafter schmeckt, als der weichliche Honig der Lindenblüthc. Ab und zu erklingt ein Ton, nicht stark zwar, aber hell, wie von einer kleinen Glas- glocke, man weiß nicht, von wannen er kommt. Und naht der Abend dann und übergießt den Himmel mit rolhen Tinten, legt sich ein violetter Schein über die Stengel und Kräuter, Blüthen und Gräser der Haide, bis jede Farbe verschwimmt und erstirbt unter den Strähnen des heranziehcndcu Nebels. Es ist ein eigcnthümliches Gefühl, das Jeden über- kommt, der über die blühende Haide schreitet. Weit dehnt sich die Brust. Als hätte mau sich einer Last entledigt, kommt es Einem vor. Die eigene Kraft scheint zu wachsen. Alles in sich hincinsaugen möchte man. das Schöne mid Herrliche; aber die Seligkeit ist eine innere, nicht Laut noch Ton verräth sie. Das junge Mädchen auf unserem Bilde ist nicht von diesem Gefühle erfüllt. Sie war es vielleicht, als sie die Haide betrat. Jetzt umfängt sie süßer Schlaf. Die harte Arbeil des Morgens und Vor- Mittages hatte ihre Kräfte erschöpft; als sie hinauskam auf die sonnenübcrgossene Haide, befiel Mattigkeit ihre Glieder. Sie mußte einen Augenblick ruhen. Nur ein Weilchen. Und sie legte den Tragkorb ans die Seite, schob den Kopf in den Korb und benutzte die Rechte als Polster. Die ganze Lage der Ruhenden verräth, daß sie nur ganz kurze Zeit schlafen will. Treffen die Strahlen der vorrückenden Sonne ihre Augen, wird sie auffahren, einen Augenblick starr iii's Weite sehen und dann schnell an die Arbeit gehen. Blüheudes Haidekraut wird sie sicheln, zum Einstreuen für die Kuh oder die zwei Ziegen, und Hasenkraut, aus dem der Vater dauerhafte Besen bindet, und das, besonders wenn es in Blüthe steht, gar so viel gut ist für die Wassersucht.— Der blinde Fleck. Bekanntlich dringt das Licht durch eine Oeffnung, die Pupille, in unser Auge, das ähnlich wie eine photographifche Camera eingerichtet ist: daher entsteht auf der Hinteren Wand, der sogenannten Netzhaut, ein Bild der vor dem Auge befindlichen Gegenstände. Sobald ein Thcil der Netzhaut vom Lichte getroffen wird, haben wir die Empfindung des Seheus; die feinen Nervenenden, die überall in der Netzhaut vorhanden sind, tragen gleichsam die Nachricht, daß Licht angelangt sei, weiter bis zum Gehirn, dem Sitze der Vorstellungen und Em- pfindnngen, sowie des Bewußtseins. Aber nicht die ganze Netzhaut ist gleichmäßig von Nervenendigungen durchzogen; es giebt in ihr eine Stelle, an der sich überhaupt keine Nervenenden vorfinden und mit der wir daher garnicht zu sehen vermögen. Es ist das diejenige Stelle, wo der Sehnerv in das Auge eintritt, und von der aus sich seine einzelnen Fasern erst verbreiten. Fällt Licht auf diese Stelle, die etwa zwei Millimeter im Durchmesser hat, so trifft es zwar eine Menge von Nervenfasern, aber kein einziges Nervenende, und infolgedessen tvird überhaupt keine Empfindung hervorgerufen. Man kann sich davon sehr leicht überzeugen. Man schreibe horizontal in einer Entfernung von einigen Zentimetern zwei Buchstaben, a, und b, hin; schließt mau dann das rechte Auge und faßt mit dem linken den toeiter rechts befindlichen Buchstaben b scharf in s Auge, so wird man gleichzeitig, wenn auch nicht so scharf, auch den Buchstaben-r erblicken. Nähert mau nun das Gesicht langsam dem Papier, wobei man immer b scharf ansieht, so wird->. plötzlich vollständig verschwinden und erst wieder erscheinen, wenn man noch näher an das Papier herankommt. Die Stelle der Netz- haut, auf welche das Bild von a gefallen, ist also offen- sichtlich unempfindlich gegen Licht, d. h. blind. Auch das rechte Auge hat einen solchen blinden Fleck: schließt man das linke Auge und ficht mit dem rechten scharf nach a hin, so wird bei einer bestimmten Entfernung des Gesichts vom Papier b ganz und gar verschwinden. Im praktischen Leben stört uns die blinde Stelle unseres Auges garnicht: denn da wir im Allgemeinen mit zwei Auge» sehen, so erblicken wir mit dem rechten Auge die Gegenstände, deren Bilder im linken Auge auf die blinde Stelle fallen, und umgekehrt. Aber auch bei dem Scheu mit einem Auge nehmen wir den Fleck nicht lvahr, weil im Allgemeinen doch das unsere Aufmerksam- keil fesselt, was wir sehen, nicht das, was wir nicht sehen. Nur wenn ein eben noch gesehener Gegenstand plötzlich verschwindet, bei einer Bewegung des Kopfes oder Auges dagegen wieder erscheint, fällt uns das auf, und wir kommen zur Erkcnntniß, daß sich in unserem Auge that- sächlich eine blinde Stelle befindet.— t. Verfälschungen von Gewürze». Die in den Fabriken ätherischer Oele ihres Oelcs beraubten Gewürze werden keineswegs vernichtet, sondern vielfach als Zusatz zu reinen Gewürzen benutzt. Geradezu horrende Mengen von ausgezogenem Ingwer finden in Gewürzmühlen Verwendung. Dr. Spaet fand bei seineu Visitationen Pfeffer, der mindestens 40 Prozent Ingwer beigemengt enthielt. Der gemahlene Pfeffer wird außer mit 8 bis 10 Prozent Pfcffersticlen auch noch mit 10 bis 12 Prozent ausgezogenem Anis verfälscht. Selbst der ganze Pfeffer ist vor Verfälschungen nicht sicher: der gewöhnliche Penaug- Pfeffer wird, um ihn dem toerthvolleren Singaporepfeffer ähnlich zu machen, einfach gewaschen und dann niit einer schivarzeu Farbe, Nllß oder Frankfurter Schwarz auf- gefärbt. Auch andere ganze Gewürze, wie Kümmel, Koriander, Anis und Fenchel, werden mit extrahirtem Samen vermischt: Fenchel wird auch hin und wieder mit Goldocker gefärbt. Zur Verfälschung von Piment, ein Gewürz, das bei uns Nclkenpfeffcr, Jamaikapfeffer, Neu- gewürz oder englisches Gewürz genannt tvird, tverden Wachholdcrbceren verwendet. Die neueren Verfälschungen von Nelken, Ingwer und von Zimmt beruhen alle auf Verwendung der extraHirten Gewürze und Vermischen dieser mit reinen Gewürzen. Nelken werden häufig aus einer Mischung hergestellt, in der nur ein Drittel reine gemahlene Nelken sind, während ein weiteres Drittel aus gemahlenen, extraHirten Nelken und der Nest aus gemahleucu Nelkensticlen besteht. Ingwer wird sogar bis zur Hälfte mit extrahirtem Ingwer vermischt. Unter den ge- mahlenen Zimmt wird ebenfalls ausgezogener Zimmt gegeben, lim den durch die Entfernung des ätherischen Oeles verloren gegangenen süßen Geschmack wieder herzustellen, giebt der Gewürzmüllcr einen Theil gewöhn- lichen Abfallzuckers oder Farinzuckers hinzu. Macis (Muskatnüsse) werden mit Semmel verfälscht, die mit einer Theefarbe schön gelb gefärbt wird.— gr. Die letzte Ehre. Die Leidtragenden warfen drei Hände voll Erde hinab. Polternd und hohl klang dieser Scheidegruß aus der Gruft herauf, eine dumpfe Musik zu dem Schmerz, den wir fühlen, wenn die körperlichen Reste eines lieben Menschen in den Schooß der Mutter Erde vergraben iverden... Neben dem Pastor, einem blondbärtigen, gesunden Manne, stand er, dessen Frau in das Grab gesenkt worden war. Rein mechanisch hielt er Allen, die erst den Sand hinabioarfen und dann an ihn herankamen, die Hand hin. Eine starke, innerliche Er- schütterung schien seine Brust zu durchkrampfen. Er krümmte sich mehrmals. Im nächsten Augenblick jedoch richtete er sich wieder gefaßt auf— ein Biß in s weiße Taschentuch— das beruhigte. Die Thränen ließ er laufen über die fleischigen Backen, durch den hochgekäimnten, dichten Schnurrbart und zuletzt auf den schivarzen Rock. In dem hellen Staub, der auf dem Rocke lag, machten sie einen dunklen Fleck. Der Witlwcr schien ganucht die Vorübergehenden zu erkennen, die ihm voll Mitgefühl die Hand drückten. Die Thränen mußten ihm wie ein dichter Nebel vor den Augen liegen. Wie besinnungslos ließ er die schwarzen Gestalten mit den blanken Zylinder- hüten an sich vorüberziehen. Die Frauen schluchzten. Das Leid des Wittiocrs schien auch ihr Leid zu sein.— Der Letzte hatte ihm die Hand gedrückt. Ein ganzer Berg grüner Kränze war neben dem Sandhügel au dem Grabe aufgehäuft worden. Der Wittwer stand immer noch wortlos und still. Da stieg der Pastor noch einmal auf den Sandhügel und sprach einige Worte:„Die, die jetzt stninm und starr dort unten liegt und über die schon die erste Erdschicht geworfen ist, ivar die Vertraute, die einzige Stütze des Wittwers gewesen. Nein, sie ist noch mehr gewesen; sie ist ein Stück seines Ich gewesen. Und der große Schmerz, der den so schwer Getroffenen erfüllt, sollte uns heilig sein. Darum bitte ich um ein stilles Gebet." Die Köpfe senkten sich; von den glänzenden Glatzen und wohlfrisirten Haaren wurden die Zylinder gezogen, ein dumpfes Gemurmel, die Leidtragenden gingen nach und nach fort. Nur der Pastor und eine starke Dame blieben zurück.— Der Wittwer stand noch tvort- los und still. Da nahm ihn der Pastor am Arm: „Kommen Sie— die Feier ist zu Ende." Der Wittwer sah aus, tvie wenn er ernüchtert erwache. Er ließ sich ruhig hinwegführen. Erstaunt betrachtete er den Friedhof. Neben der Gruft lagen einige frisch ausgeschüttete Grabhügel, ohne Grün, nur niit Kränzen belegt, die bereits halb verdorrt und deren Schleifen vom Regen zerwaschcn waren. Die Drei gingen schweigsam den geraden Weg hinunter. Die wenigen Blätter an den jungen Bänmcu warfen nur ganz spärlichen Schatten. Plötzlich blieb der Pastor stehen:„Ach— wenige Minuten— ich bin gleich wieder hier." Damit ging er einen Seitenweg nach dem Fricdhosszaun zu. Ein ungeschmücktcr gelber Sarg leuch- tete dort im grellen Sonnenlicht. Eine alte Frau stand weinend vor ihm, während die Todtengräbcr die Seile unter dem Sarg durchzogen. Der Wittwer und die Dame stellten sich in den Schatten eines Strauches, der auf einem alten, umgitterten Grabe ivnchs. Die Dame sagte:„Könnte man nicht neidisch sein auf diese Bäume und Sträucher, die nach jedem Winterschlaf wieder in frischer, saftstrotzender Jugend aufleben?" Der Wittwer schien das überhört zu haben. Da ergriff die Dame seine Hand und sagte tvcich:„Nicht wahr, Herr Rauch, jetzt kommen Sie ivieder öfter zu uns? Sie dürfen doch nicht so einsam bleiben! Riem Bruder wird sich sehr freuen, Sie bei sich zu sehen." Er blickte auf. In seine Augen, die starr vor sich hingesehen hatten, kam Leben. Er betrachtete sie aufmerksam, das Trauerschwarz kleidete sie vorzüglich. Ihre klare Haut konnte keinen besseren Nahmen finden als dieses von Leid und Kummer zeugende Schwarz. Die weichen, weißen Linien des Halses stiegen leuchtend ans dem dunklen Kleid empor... Nachdem sie einander eine Weile au- geblickt fragte er:„Werden Sie sich auch freuen, wenn ich komme— Martha?" Sie sagte lächelnd:„Gewiß, gewiß I" Nasch entzog sie ihm die Hand und blickte nach ihrem Bruder aus. Die Todtengräbcr ließen schon den Sarg in die Grube hinab. Der Pastor warf die üblichen drei'Hände voll Erde dem Versenkten nach, dann drückte er der alten Frau die Hand und kam hastig zu den Wartenden zurück. „Wer war's denn?" fragte ihn seine Schwester, die jetzt neben dem Wittwer ging. „Wie hieß er doch gleich?— Gott— irgend ein Arbeiter." Die Schollen polterten schon auf den Sarg... Nachdruck des Inhalts verböte»»! Alle für die Redaktion der„Neuen Welt" bestimmten Sendungen sind nach Bcrlilt, 3W 19, Benthstraste 2, zu richten. verantwortNcher R-daN-ur: Oicar Kühl in«harlottenbur«.—««rlag: tzamdurger Buchdrucker«» und BerlagZunftall Auer h Co. tn Hamburg.— Druck: Mar Badtng tn Berlin.