Dicareue Welt Nr. 39 ( Fortsetzung.) XI. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. s war Thauwetter mit fleinen Regenschauern hin und wieder. Grau und schwermüthig hingen die Wolkenfezzen an den Bergseiten und senkten sich einer nach dem anderen gleich Schleiern in das Thal. Die alte Kirche lag da schwer und breit mit dunklen nassen Flecken an der hellen Mauer. Entlaubte Trauerweiden, schiefe Kreuze und schlecht erhaltene Gräber. An den Bäumen festgebunden warteten die ausgespannten Pferde mit hängenden Köpfen. Ab und zu schüttelte sich ein Gaul im Geschirr und ließ ein ungeduldiges Wiehern ertönen. Der Gottesdienst hatte schon anderthalb Stunden gedauert und es fror sie in der naßkalten Luft. Die Schlitten waren draußen. auf der Landstraße zurückgelassen. In einer langen Reihe standen sie hinter einander neben dem Chausseegraben. Die Nachricht, daß Agestinus Klöften, ein Kind des eigenen Thales, zum ersten Male predigen wirde, hatte viele Leute herangezogen. Einige Bauern, die bei den Pferden geblieben waren, und einige Neugierige aus der nächsten Umgegend, die gern erfahren wollten, wie die Sache abgelaufen sei", standen auf dem Kirchhof umher und warteten. " " 1 Es ist ein Sohn des versoffenen Geigers Thormod Dalen," sagte ein älterer Mann mit straffen, nichtssagenden Zügen;" wer hätte wohl ge= dacht, daß etwas Gutes von ihm kommen könnte... und nun gar ein Pastor!" " Pastor ist er noch lange nicht, weil ihm der Probst ein Mal gestattet hat, in seiner Heimath den Gottesdienst zu verrichten. Er soll ein schlechtes Examen gemacht haben." Der diese Worte sprach, war ein kleiner, rothnasiger Greis, der frühere Küster und Schulmeister des Kreises, Ole Tangen, der wegen verschiedener Unregelmäßigkeiten schon vor Jahren sein Amt verloren hatte. Auf die Leute von Solhaug war er seitdem nicht gut zu sprechen, denn in der That waren es zum großen Theil Margit Solhaug's Angaben an die Obrigkeit, denen er seine Entlassung verdankte. Die Glocken fingen zu läuten an, jetzt war der Gottesdienst zu Ende. Männer und Frauen strömten durch die Kirchenthür hinaus. Aber ganz gegen die Gewohnheit sah man überall aufgeregte Gesichter und roth verweinte Augen. " Eh Per, was ist Dir denn, was ist Euch denn Allen?" fragte der Küster verwundert. „ Er ist ein wahrer Gottesmann." " " Wer denn?" Der junge Pastor. Dir, Ole Tangen, fönnte es nicht schaden, eine solche Predigt zu hören," rief ein langer hagerer Bauer mit rothem Kinnbart in hohem Fistelton. Zwei Menschen. W Roman von H. Fries- Schwenzen. " 1898 Nein, der kann des Zornes Ruthe schwingen," Hand zu drücken. Sie haben eine schöne Zukunft meinte ein Anderer. " 11 Zum Angstundbangewerden, ja!" Nein, wirklich Ole, es ist wahr, nicht wie die Anderen, weißt Du, er sprach so ganz natürlich, wie Anderen, weißt Du, er sprach so ganz natürlich, wie Du und ich, wenn wir sprechen, und zwar in unserer Mundart, nicht etwa in der Schriftsprache, und das hatte so etwas Packendes hol' mich der Henker! Glaubte ich doch, daß der heilige Geist selbst aus ihm spräche." " Ja, Gudbrand hat Recht!" betheuerte ein Kleiner mit schiefer Nase und einem unsicheren, spähenden Blick; man muß an seine Sünden denken, ob man es nun will oder nicht. Und habe ich Dir Unrecht gethan, Ole, im Kartenspiel oder sonst es wäre ja doch möglich dann mußt Du bes denken, daß wir Alle Menschen sind... ach ja. Zum Thierarzt gehe ich nun aber doch." " So?" rief Ole Tangen spöttisch.„ Hat der Pastor Dir einen Floh in's Ohr gesetzt?" „ Ich schwur, daß die gelbe Stute, die ich dem Landhändler verkaufen will, nur eine leichte Anschwellung von der Hize hätte. Zeigt es sich nun aber, daß es Steingallen sind... dann.. " Ja, was dann?" " Dann wäre es eine schwere Sünde von mir, wenn ich es dem Landhändler nicht sagte." Ein unterdrücktes Gelächter, und die kleine Gruppe löste sich auf, indem Jeder vorsichtig von dannen schlich. Aehnliche Gespräche hörte man übrigens auch anderswo. Agestin's Predigt hatte wie ein zündender Funke in die schlafenden Gewissen vieler Zuhörer ge= schlagen. Der größte Theil der Kirchenbesucher war auf dem Friedhof stehen geblieben, theils um den Probst zu begrüßen, der sich jetzt mit Ragnhild Solhaug unterhielt, theils um noch einen Blick von dem neu entdeckten Wunderpriester, der die Sakristei noch nicht verlassen hatte, zu empfangen. Endlich öffnet sich die kleine Thür in der grauen dicken Steinmauer, und ein großer, kräftig gebauter und doch schlanker Mann in der Mitte der Zwanziger tritt heraus. Der schwarze Talar hebt seine bleiche Gesichtsfarbe hervor und ein schmerzlicher Zug in dem männlichen Gesicht ist Jedem auffallend, der Agestinus Klöften's sonst so zufriedenes und glückliches Naturell fennt. Er erwidert ernst und beinahe übertrieben höflich den Gruß der bersammelten Bauern und nähert sich den Seinigen, die ihm stolz und voll Bewunderung gratuliren. Aber der bes fümmerte Ausdruck auf dem Gesicht des jungen Geistlichen will nicht weichen. Der Probst lüftet den Hut vor ihm und sagt:„ Mein junger Freund, gestatten sie einem alten Diener des Herrn, Ihre zu erwarten." Agestin verbeugte sich, biß sich aber auf die Lippen. Aber Ragnhild's Gesicht strahlte, und sie preßte seine Hand zwischen den ihrigen. Als sie in die gute Stube auf Solhaug eintraten, schlang Ragnhild ihre Arme um ihn und wollte ihn tiissen. Er ließ sie gewähren, erwiderte aber ihre Zärtlichkeit nicht. Unmittelbar darauf ging er in sein Zimmer, entledigte sich des Talars, sowie des weißen Kragens und verpackte diese Gegenstände in eine längliche Pappschachtel. Er war so eifrig damit beschäftigt, daß er garnicht bemerkte, wie seine Braut in das Zimmer trat. " So, jetzt ist das besorgt!" sagte er laut, inden er einen Bindfaden um die Schachtel schnürte. Ach... Du bist hier, Ragnhild? suchst Du etwas?" Sie ging gerade auf ihn zu, faßte seine beiden Hände und sah ihm fest in die Augen. ,, Agestin, Du bist nicht glücklich." Es erfolgte keine Antwort. 11 Du verheimlichst mir etwas! Hast Du kein Vertrauen zu mir?" Er that einen tiefen Seufzer und ging rasch im Zimmer auf und ab. " Ich weiß nicht, was ich Dir antworten soll ... aber-" " Die Wahrheit, die Wahrheit!" ,, Gut, dann muß ich Dir sagen, daß ich mich noch nie so unglücklich gefühlt habe, wie in diesem Augenblick." Ragnhild wurde bleich. " " Das sind harte Worte, Agestin." Du wolltest ja die Wahrheit hören." Aber wie ist es denn möglich?" rief sie und schlang die Arme um ihn. Ich glaubte, es müſſe ein beglückendes Gefühl sein, so eine Menge von Zuhörern mit sich fortzureißen. Du hast ja Viele zu Thränen gerührt." Er fuhr mit der Hand liebfosend über ihr Haar und erwiderte mit einer von Leidenschaft durchbebten Stimme: Es fehlt mir der Beruf dazu, die Inspiration, oder wie Du es nun nennen willst ... Ich tauge nicht dazu!" " Agestin schlug eifrig mit der Hand auf den Tisch., Es mag sonderbar genug klingen, aber heute auf der Kanzel fühlte ich es, daß mein Beruf " der andere ist." Agestin's Braut war freidebleich geworden. Sie erwiderte aber nichts. Da klopfte es an der Thür. Es war Kari, die meldete, daß unten das Mittagessen angerichtet sei. Sie gingen hinunter und fanden ein Mahl vorbereitet, wie man es noch nie auf Solhaug erlebt hatte. Da war sowohl Fisch als Braten, und Knud hatte zum ersten Mal in seinem Leben eine Flasche Nothwein gekauft, der zu den delikaten 306 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Gebirgsforellen servirt wurde. Der Hausvater erntete aber fein anerkennendes Wort für seine Aufmerk samkeit. Knud hatte sich sogar vorgenommen, einige für die Gelegenheit passende Worte zu sprechen, aber es wurde nichts daraus. Einmal faßte er das Glas krampfhaft, er brachte es auch so weit, daß er sich räusperte, aber da kein Mensch von Knud Solhaug dergleichen vermuthen konnte, achtete Niemand dar auf, und so blieb die Nede ungesprochen. Agestin rührte das Essen kaum an. Eine ungemüthliche, fast ängstliche Stille herrschte im Zimmer. Beret Klöften, die sonst mit den Leuten in der Küche aß, saß heute im neuen, schweren Kleide an der Seite des Ehrengastes. Das nach städtischer Mode gemachte Kleid war ihr immer im Wege, aber sie ließ Alles geduldig über sich ergehen, denn heute hatte sie ja ihren Sohn Agestin predigen gehört. Ihr Lebenszweck war erreicht.. An demselben Nachmittage ging Agestin in den Flecken, er wollte Pastor Mörch den geliehenen Talar selbst hinbringen. Ich will es lieber gleich thun, dann ist es besorgt!" rief er Ragnhild zu, die ihn vom Fenster aus mit der langen Pappschachtel unter'm Arm über den Hofplatz gehen sah. Außerdem muß ich hinaus in die frische Luft; mir war, als miisse ich drinnen ersticken." Der Flecken war während der lezten vier Jahre schnell gewachsen und machte mit seinen vielen Hotels und großen Schaufenstern fast den Eindruck einer Stadt. Eigenthümlich hob sich die im nördlichen Theile des Ortes gelegene alte prunklose Kirche von den modernen Häusern ab. Der mächtige Aufschwung des Bauernstandes auf sozialem, wie auf politischem Gebiete fand zum Theil Ausdruck in der Bildung von allerlei Vereinen. Der angebliche Zweck dieser Vereine mochte nun philanthropischer oder pädagogischer Natur sein, in den meisten Fällen verfolgten sie zugleich auch ein politisches Ziel. Agestin wußte, daß auch hier im Flecken seit kurzer Zeit ein solcher Verein bestände, er wußte, daß der Verein innerhalb sechs Monate dreimal den Vorstand gewechselt hatte, eine Erscheinung, die sich aus dem erbitterten Kampfe erklären ließ, der zwischen den Konservativen und den Radikalen um die soziale und politische Oberleitung geführt wurde. Pastor Mörch war nicht zu Hause. Agestin gab dem Hausmädchen die Sachen und schlenderte ohne Ziel durch den Flecken. Das Wetter hatte sich aufgehellt, und es waren viele Menschen auf den Beinen, von denen ein großer Theil ihn ehrfurchtsvoll grüßte. " 1 Vor einem zweistöckigen Neubau, dessen Hausthür mit Guirlanden geschmückt war, blieb Agestin stehen. Nicht nur zur Lust" stand in großen Buchstaben aus Tannengrün über der Thür zu lesen. Er erinnerte sich, daß heute das neue Lokal der Gesellschaft" mit einem Fest eingeweiht werden sollte. Mit besonderem Interesse hatte er erfahren, daß die Jugend" Theater" spielen würde. Im Studentenverein hatte er selbst mit Erfolg an den dortigen Aufführungen Theil genommen, und jene Tage mit den vielen Proben und ihrer heiteren Feststimmung gehörten mit zu seinen schönsten Erinnerungen. Er ging ohne Weiteres in das Haus und trat in den Festsaal. Hier war man noch mit Aufräumen und Staubwischen beschäftigt, aber am Ende des Saales, auf der kleinen Bühne, wurde Generalprobe gehalten. Man spielte einen kleinen dänischen Schwank, der zwei Stunden später zur Aufführung gelangen sollte. Die Spielenden waren: zwei junge Ingenieure, der Sohn und die beiden Töchter des Amtmanns, eine junge Dame aus der Hauptstadt, die bei ihnen zum Besuch war, und eine Tochter des Hauptmanns. Das eine der jungen Mädchen wurde durch Agestin's Eintreten mitten in ihrer Replik unterbrochen. Er näherte sich, den Hut in der Hand, und fragte höflich, ob man ihm gestatten würde, der Probe beizuwohnen. Ich interessire mich dafür, verstehe auch etwas davon," sagte er, es kann auch nie etwas schaden, ein kritisches Publikum bei der Generalprobe zu haben." " Die Spielenden sahen einander an und sprachen Teise unter sich, dann ergriff die älteste Tochter des Amtmanns das Wort:„ Bleiben Sie doch, Herr Klöften, und wenn Sie etwas davon verstehen, dann, bitte, nehmen Sie sich unser etwas an. Papa, der bis jetzt unser Berather gewesen, kann heute nicht zur Probe kommen, wir sind also wie eine Heerde ohne den Hirten." Herzlich gern!" rief Agestin, wenn es Ihnen recht ist, werde ich die Kritik vorstellen. Spielen Sie weiter!" Sie weiter!" Er nahm dicht vor der Bühne auf einem Stuhl Plaß, und die Probe ging weiter. Es dauerte aber nicht lange, als er aufsprang und mit beiden Armen abwinkte. " " Nein, nein, so kann's nicht gehen," rief er in vollem Eifer, Marie weiß ja, daß Eduard Krohn in dem Nebenzimmer steht, um zu lauschen, darum muß ihr Spiel befangener sein. Dagegen muß Mathilde viel natürlicher und sorgloser sprechen." Die lezte Szene wurde wiederholt, und Agestin folgte mit lebhaftem Interesse, Klatschte ein paar folgte mit lebhaftem Interesse, Klatschte ein paar Male den Spielern seinen Beifall zu, und es folgte nun Szene auf Szene ohne weitere Störungen, bis er plößlich wieder in die Höhe fuhr. " Um Gotteswillen! Der flotte Eduard Krohn darf sich nicht wie ein alter Schulmeister benehmen!" darf sich nicht wie ein alter Schulmeister benehmen!" Mit einem Saß war er auf der Bühne. " so glücklich, zum ersten Mal seit langer Zeit. Es war, als hätte sein Körper kein Gewicht, als fönnte er fliegen. Er hatte wohl das zweideutige Lächeln auf einigen Gesichtern im Saale bemerkt, ein Lächeln, das sich darüber lustig machte, daß er, der heute Vormittag von der Kanzel zum ersten Male gepredigt, sich am Abend derselben Gemeinde als Regisseur und Deklamator zeigen wollte, aber er schob diesen Gedanken zur Seite wie etwas unangenehmes, womit er sich nicht beschäftigen wollte.... Es brannte noch Licht in der guten Stube auf Solhaug. Durch das Fenster sah er den Schatten seiner Braut. Sie saß ganz still, vermuthlich mit irgend einem Buch beschäftigt. Die Hausthür stand, vielleicht durch ein Versehen, offen. Es war ihm lieb, denn über der Thür war eine Klingel angebracht, die sonst sein Kommen verrathen hätte. Und in diesem Augenblick war ihm jede Auseinandersetzung unerwünscht. Leise schlich er sich durch den Korridor, die Treppe hinauf und in sein Zimmer, holte von dem Boden seines Koffers das Manuskript hervor und steckte es in die Tasche. Eben so sachte, wie er gekommen, schlich er sich wieder hinaus. Er war so ganz im Taumel des glücklichen Gefühls, seine eigene Dichtung vortragen zu sollen, daß es ihm Wollen Sie mir für einen Augenblick Ihre kaum einfiel, wie verlegend sein Benehmen den Rolle erlauben?" Der verdußte Ingenieur reichte ihm einen beschriebenen Bogen, und jetzt spielte Agestin die ganze Szene mit einer Bravour, die den Anwesenden tosenden Beifall abrang. Als das Stück zu Ende gespielt war, ging Agestin noch mit Einigen die Rollen durch, forrigirte und spielte vor, bis der Vorhang heruntergelassen werden mußte, weil der Vorhang heruntergelassen werden mußte, weil der Saal schon anfing, sich zu füllen. Während der Vorstellung blieb er zwischen den Koulissen, noch immer die Rolle eines Regisseurs spielend. Der Vorsitzende des Festcomités fam und bedankte sich Vorsitzende des Festcomités kam und bedankte sich bei ihm. Agestin's Wangen glühten. Wer am Nachmittage desselben Tages den bleichen Prediger mit dem schmerzlichen Zug um den Mund die Kirche hatte verlassen sehen, würde ihn schwerlich in dem begeisterten Regisseur mit den strahlenden, heiteren Augen wieder erkannt haben. Einige Sekunden stand er da, den Blick nachdenklich auf die Erde geheftet. Dann hob er plößlich den Kopf und fragte lebhaft: Würde das Festcomité mir nachher, wenn der offizielle Theil des Festes zu Ende ist, gestatten, einen dramatischen Vortrag zu halten?" " " Gewiß, mit Vergnügen!" lautete die Antwort. Was werden wir zu hören bekommen?" „ Ich werde etwas aus einem Drama vorlesen, das ich selbst geschrieben habe." ,, Ah wie interessant! Ich werde es auf dem Programm im Saal anzeigen, und danke Ihnen schon im Voraus im Namen des Comités." Agestin folgte dem Vorsitzenden in den Saal. Die Gesellschaft bestand aus Bauern und Handwerkern, ihren Frauen und Töchtern und aus fast sämmtlichen Honoratioren des Fleckens. Da war der Amtmann mit Familie, innerhalb zwanzig Meilen Umkreis der höchste Beamte. Seit einem halben Jahr bewohnte er die neue prächtige Amtswohnung. Seine aristokratischen Gesichtszüge, sein selbstbewußtes Auftreten und die schneeweißen hohen Vatermörder bezeichneten ihn als einen hohen Herrn, der gewohnt war, zu befehlen. Ferner waren da der Vogt des Kreises, der Hauptmann des Kompagniebezirks und der Bezirksarzt, alle mit Familie. Sie waren um einen großen Tisch versammelt und tranken billigen Champagner. Die Anderen saßen an kleineren Tischen und trgnken Grog oder Bier. Die Toiletten waren mannigfach, von der tadellosen schwarzen Seidenrobe der Frau Amtmann bis zu den roth eingekanteten, kurzen, groben Röcken einiger Bauernmädchen, deren weiße Hemdsärmel, reicher Silberschmuck und Perlenstickerei an Hauben und Schürzen sich vortheilhaft von der städtischen unkleidsamen Tracht anderer Bäuerinnen abhoben. Agestin wand sich durch das Gewimmel und erreichte die Ausgangsthür. Er mußte nach Solhaug zurück, um das Manuskript zu holen, aus dem er vorlesen wollte. Ihm war zu Muthe, als hätte er Champagner getrunken; er fühlte sich so leicht, Seinigen gegenüber war, die sich Alle darauf ge= freut hatten, ihn am Abend dieses Tages in ihrer Mitte zu feiern. Die Reaktion seiner kräftigen Persönlichkeit gegen den seit Jahren erduldeten Zwang war so mächtig, daß alle Nebenrücksichten weichen mußten. Agestin hatte den ersten Att seines Dramas vorgelesen. Das Stück war nicht frei von Tendenz. Es war der Kampf zwischen dem Alten und dem Neuen, in der Beleuchtung einer optimistisch- dichterischen Lebensauffassung gesehen. Die Mehrzahl der Anwesenden verstand vielleicht kaum die Hälfte. Es war aber etwas darin, was Jeder verstand: Dem reaktionären Beamtenstand des Landes wurde schon im ersten Aft der Vorwurf gemacht, nicht norwegisch zu empfinden, sondern vielmehr durch sein Liebäugeln mit Allem, was nicht norwegisch war, sich eines verdeckten Verraths gegen das Vaterland schuldig zu machen. Als der Vortrag zu Ende war, wurde laut gezischt und zwar von dem großen Tisch, wo der billige Champagner getrunken wurde. Dann fing aber Jemand oben auf der Gallerie an zu klatschen, ihm antwortete Einer unten im Saale von einer verdeckten Ecke aus, noch Einer kam hinzu, und bald war ein Dußend derber Bauernfäuste in voller Thätigkeit; sie wurden von schweren Stiefelabsäßen und dicken Spazierstöcken unterstüßt; der Lärm wuchs mit jeder Sekunde gleich einer rollenden Lawine. Agestin verbeugte sich vor dem Publikum und zog sich zurück, aber der Lärm hörte nicht auf. Zwischen Klatschen, Zischen, Pfeifen und Klopfen hörte man den Nuf:" Der zweite Aufzug! Es wird um den zweiten Aufzug gebeten!" Agestin wollte soeben auf die Bühne treten, um der Aufforderung nachzukommen, als der Vorsitzende des Festcomités ihn zurückhielt. „ Herr Klöften... der Probst selbst ist da und wünscht Sie zu sprechen." " Der Probst?" fragte Agestin verwundert.„ Ist der hier? Im Saale sah ich ihn nicht." ,, Nein, da war er auch nicht. Ich glaube, man hat ihn holen lassen." " ,, Was? Holen lassen? Wozu denn?" Der Andere zuckte die Schultern. , Weiß nicht!... Er erwartet Sie im Zimmer Nr. 4, gleich links von der Garderobe der Schauspieler. Darf ich Sie vielleicht führen?" In dem kleinen Zimmer, das mit der Nr. 4 be zeichnet war, ging der Probst erregt mit furzen nervösen Schritten auf und ab. Er war ein kleiner, älterer Herr mit einer mächtigen, gewölbten Stirn, spärlichem weißen Haar und klugen Augen hinter den Brillengläsern. " " Herr Klöften!" rief er dem Eintretenden aufgebracht entgegen, an dem fürchterlichen Skandal merke ich leider, daß ich zu spät gekommen bin, um Sie von einem Schritt abzuhalten, der für Ihre Zukunft verhängnißvoll werden kann. Als Ihr Vor Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 307 gesetzter in spe spreche ich Ihnen meine Entrüstung über Ihr unpassendes Benehmen aus. Wo hörte man schon, daß Aehnliches passirt wäre? An dem- selben Tage, an dem Sie Vormittags im Gottes- Hause gepredigt haben, treten Sie Abends als Komö- diant auf!" Agestin sah den würdigen Herrn bestürzt an. „Aber, Herr Probst... Komödiant?... Was ist das für ein Wort?" Der kleine Geistliche machte große Augen.— „Sie fühlen sich am Ende gar verletzt?... Das fehlte auch noch! Komödiant oder Schauspieler, das kommt bei mir ans eins heraus. Halten Sie es damit, wie Sie wollen, aber im Namen meines Standes proteslire ich dagegen." Das Blut verließ die Wangen des jungen Mannes, als er mit zitternder Stimme erwiderte:„Ich bitte sehr um Verzeihung, Herr Probst, aber ich kann Ihr Recht zu einem solchen Protest nicht anerkennen. Sie können mir höchstens einen wohlgemeinten Rath geben, das ist Alles. Ob ich dem Rothe folgen will, oder nicht, bleibt dann meine Sache." Die klugen Augen hinter den Brillengläsern schössen Blitze. „Ich warne Sie aber, ich warne Sie, junger Mann!... Und damit Sie sehen, daß ich mit meiner Ansicht nicht allein stehe, kann ich Ihnen erzählen, daß es der Amtmann selbst ist, der mir Bescheid geschickt hat, sobald er Ihren Namen auf dem Pro- granim stehen sah. Nun kommt dazu noch, daß dieses Machwerk, was Sie vorgetragen haben, eine ganz gefährliche Tendenz zeigt. Der Amtmann hat mir im Vorübergehen erzählt, daß Ihr Stück darauf ausgeht, den Beamtenstand des Landes in den Schmutz zu ziehen.... Junger Mann, was denken Sie denn?" Der Probst schlug sich im Eifer auf die Stirn.„Sind Sie denn nicht ganz richtig hier? Ich habe meine Meinung gesagt, thun Sie nun, was Sie wollen. Ich empfehle mich." Der geistliche Herr nahm seinen mit Biberpelz verbrämten Reisemantel über den Arm, setzte in der Hitze die Pelzmütze auf das eine Ohr und zog sich zurück. Da stand Agestin mit seinem Mannskript unter dem Arm. Ein Summen, wie von vielen Stimmen, erreichte sein Ohr. Er öffnete die Thür zum Kor- ridor. Laut drangen die Rufe vom Saal herüber. Zugleich wurde in nächster Nähe ein Gespräch ge- führt. Er steckte den Kopf hinaus und sah wie der Amtmann dem Probst half, den Reisemantel an- zuziehen. „Müssen Sie noch so spät fort, lieber Probst?" „Leider, ja.... Ich gäbe etwas darum, diese Nacht im Hotel bleiben zu können. Torkildsen hat gute Betten, überhaupt kommen sie jetzt allmälig dahinter." „Natürlich, der große Touristenverkehr." „Gewiß, gewiß.... Nein, ich muß noch zwei Meilen fahren und es ist empfindlich kalt geworden. Der Adjunkt hat mir eine Depesche geschickt. Das Amt und die Pflicht rufen mich, lieber Amtmann." „Ach ja, man opfert diesem Volt seine ganze Kraft. Und was ist der Lohn?" „Ausgescholten wird man.... Und von wem? ... Von seinen eigenen Untergebenen!" „Es ist ein eigensinniges, widerspenstiges Volk. ... Aber der gute Klüften soll mich kennen lernen. Adieu, lieber Amtmann!" „Adieu und glückliche Reise." Die Stimmen verloren sich in dem langen Kor- ridor.... „Der zweite Akt! Es wird uni den zweiten Aufzug gebeten!" „Nein!... Nichts mehr von der Sorte!" Agestin erkannte die Stimme des Amtmannes — er hielt eine Rede an die Versammlung, wurde aber überschrien. Die Rufe nach dem zweiten Auf- zug wiederholten sich. „Ich soll ihn kennen lernen, hat er gesagt," murmelte Agestin zwischen den Lippen.„Gut! Er soll auch mich kennen lernen! Schade nur, daß er nicht im Saal ist." Er betrat mit festen Schritten die Bühne. Ein furchtbarer Lärm schlug ihm ent- gegen. Je heftiger die Beifallsrufe erschollen, desto energischer gestaltete sich der Widerspruch. Der Saal war in zwei scharf getrennte Parteien getheilt. Auf der einen Seite standen mit dem Amtmann an der Spitze sämmtliche Beamten. Zu ihnen gesellten sich die streng religiösen und reaktionären Bauern. Auf der anderen Seite befand sich die Fortschrittspartei, ein Dutzend Ingenieure und ihre Aufseher, Material- Verwalter und Kontoristen. Agestin stand auf der Bühne und konnte nicht zu Worte kommen. Es gewährte ihm einen bis jetzt ungeahnten Genuß, vor dem zahlreichen Publikum so dazustehen, selbst der Zankapfel, um den man sich stritt. Aber vorlesen wollte er, und wenn das ganze Konsistorium und das gesammte Kollegium aller Sauertöpfe der Welt ihn dafür in die Acht erklären würden! Schließlich trat der Vorsitzende des Comite's auf die Bühne und es wurde still. „Ich verlange Ruhe für den Vortrag des Herrn Klöften!" rief er mit voller Kraft.„Diejenigen der Gesellschaft, welche den Vortrag nicht anhören wollen, dürfen den Saal verlassen. Paragraph eins unserer Vereinsstatuten nennt als hauptsächlichen Zweck des Ganzen, ein innigeres Verständniß und einen in- timeren geistigen Verkehr zwischen den verschiedenen Schichten unserer Gesellschaft zu erzielen, und Para- graph fünf schreibt als Mittel zum Zweck geselligen Verkehr vor. Paragraph sechs nennt als erste Haupt- sache unbeschränkte Rede- und Drnckfreiheit und Paragraph acht fordert Toleranz. Hier ist Einer, der etwas zu sagen hat. Wie haben wir seiner Anforderung auf Redefreiheit Geniige geleistet? Wie zeigte sich der gesellige Verkehr? Wie unsere Toleranz? Durch Gebrüll und rohen Lärm, nicht wahr? Es ist meine Pflicht, als Vorsitzender dafür zu sorgen, daß den Gesetzen unseres Vereins Achtung gezollt wird. Ich gebiete Ruhe für den Vortrag des Herrn Klöften!" „Ich bitte um's Wort!" rief der Amtmann. Der Vorsitzende verbeugte sich:„Sofort nach dem Vortrag, Herr Amtmann." „Nein, jetzt gleich, zum Donnerwetter!" rief der Amtmann mit puterrothem Kopf. „Bedauere sehr, jetzt hat Herr Klöften das Wort." „Dann gehen wir. Wer wird den Blödsinn mit anhören..." „Thormod Dalen's Sohn heraus!" brüllte eine heisere Bierstimme. Agestin wurde bleich. „Jetzt weiche ich nie und nimmer," dachte er. Der Amtmann erhob sich noch einmal und rief: „Gut, ich gehe, aber ich bin von jetzt an nicht länger Mitglied des Vereins. Ich empfehle mich." „Ich bin auch nicht mehr Mitglied!" rief der Vogt.„Ich auch nicht... Ich auch nicht!" riefen viele Stimmen. Der Amtmann und alle seine Tischgenossen, wohl zwanzig an der Zahl, verließen den Saal.— (Fortsetzung folgt.) & Auf den ßimlicn bei Ileio-Fuuudluud. Von Knut Hamsun. ona' Monat lagen wir auf den Bänken und fischten Kabliau. Der Sommer und der Winter kam und ging, und wir lagen immer auf derselben Stelle, mitten im Meere, an der Grenze zweier Erdtheile, Europa und Amerika. Vier bis fünf Mal im Jahre gingen wir nach Miquelon hinauf, um unseren Fang zu verkaufen und uns zu verproviantiren. Dann segelten wir wieder auf das Meer hinaus, verankerten uns auf demselben Grunde und fischten Kabliau— und steuerten wieder nach Miquelon hinauf, um abermals zu löschen. Ich war in der Stadt niemals am Land. Warum sollte ich auch an's Land gehen? Man sah dort wenige Menschen auf dem Platze, diesem kleinen Weitende, das nur einige Fischer und Schiffshändler bewohnten. Unser Schiff war ein Russe und führte den Namen„Kongo", ein wirklicher Russe, eine alte Bark, die noch auf den Seiten halb verdeckte Stück- Pforten hatte, von ihren jüngeren Tagen her. Wir waren acht Mann an Bord: zwei Holländer und ein Franzose, zwei Russen und ich, der Rest waren Neger. Der„Kongo" hatte vier Boote. Auf ihnen fuhren wir am Morgen hinaus und zogen unsere Schnüre ein, im Sommer um drei Uhr, im Winter beim Morgengrauen, und am Abend legten wir sie wieder aus, immer auf derselben Stelle, sieben- bis achthundert Faden W8W vor dem„Kongo". Ein Tag verging wie der andere, immer lagen wir da. Unser Dasein bot keine Abwechselung; wir wußten nicht einmal immer, ob es Sonntag oder Montag war. Das Einzige, was unsere Verhältnisse von denen der anderen New-Foundlandfischer unter- schied, war das Ungewöhnliche, daß unser Schiffer seine Frau mit an Bord hatte. Diese Frau war ein junges, aber sehr widerliches Geschöpf. Wir sahen sie fast jeden Morgen, wenn wir von Bord abstießen; sie war dann gerade aufgestanden, war schläfrig und sehr unordentlich angezogen. Aber obwohl sie so unsauber war und fast niemals ein Wort mit uns sprach, hatten wir sie doch gern; wir Alle hatten sie gern, Jeder in seiner Weise, und Keiner von uns hätte sie gern entbehrt. So genüg- sam waren wir geworden. Wir waren keine Seeleute, sondern nur Fischer. Ein Seemann segelt immer weiter, gelangt irgend- wo hin und beendet schließlich eine Reise, wie lange sie auch währt; aber wir, wir lagen still, ewig und immer still, mit all' unseren Ankern in der Bank. Es war nun so lange in dieser Weise gegangen, daß wir schließlich uns fast nicht mehr entsinnen konnten, wie das Festland eigentlich aussieht. Wir hatten uns sehr verändert. Das ewige Stillliegen hatte uns seltsam stumpf, wirklich sehr stumpf gemacht. Wir sahen nichts weiter, als Nebel und Aleer, und hörten nichts Anderes, als Wind und Wetter von oben und unten; wir interessirten uns für nichts und dachten keine längeren Gedanken mehr. Warum sollten wir auch denken? Unsere ständige Beschäftigung mit Fischen hatte uns selbst zu Fischen gemacht, zu seit- samen, fleischarttgen Seethieren, die auf einem Schiffe herumkrochen und eine eigene, nur uns gegenseitig verständliche Sprache redeten. Wir lasen auch nicht, nichts lasen wir. Briefe konnten zu uns hier draußen in's Meer nicht hinauskommen und außerdem hatte der scharfe Nebel, den wir einsogen, unsere tägliche Beschäftigung mit rohen Fischen, unser ununterbrochener Aufenthalt auf den Bänken unsere ganze Lebensfreude ertödtet. Wir aßen, arbeiteten und schliefen. Der Einzige von uns, der nicht ganz den Kopf verloren hatte und noch einigermaßen am Leben theilnahm, war der Franzose. Er zog mich einmal auf Deck bei Seite und fragte in ernstestem Tone: „Meinst Du, daß man jetzt daheim Krieg führt?" So gleichgültig waren wir für Alles geworden, daß wir fast nicht Mehr miteinander sprachen. Wir wußten allzu gut, wie die Antwort auf jede Frage lauten wiirde, und dazu kam noch, daß wir oft die größte Mühe hatten, gegenseitig unsere Sprache zu verstehen. Was half es nämlich, daß die offizielle Sprache des Schiffes englisch war? Sowohl die Holländer, als der Franzose waren zu ungelehrig und zu trotzig, um sie zu lernen, und selbst wenn die Russen etwas Längeres sagen wollten, gingen sie ärgerlich in ihre eigene Sprache über. Kurz, wir waren in jeder Beziehung hülflos und verlassen. Aber bisweilen, wenn wir so saßen und die Schnüre einholten, zog draußen ein Auswanderer- schiff vorbei, ein mächtiger, schattenhafter Koloß, der seine Pfeife einmal ertönen ließ und im selben Augenblicke im Nebel verschwand. Diese gewaltigen Ungeheuer, die für einen Augenblick auftauchten und dann wieder verschwunden waren, gewährten fast einen unheimlichen Anblick. Wenn es im Dunkel geschah und die Lichter vom Schiffe uns mit runden, glühenden Ochsenaugen längs des ganzen Rumpfes anstarrten, stießen wir oft einen plötzlichen Schrei der Angst und Verwunderung aus. Bei stillem Wetter reichte der Luftdruck von dem gigantischen Gespenst bis zu uns hin, und unsere Boote wiegten sich lange hernach in den schweren Wellen, die das 308 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Meer in Bewegimg versetzten, wenn der Dampfer vorbei zog. Es konnte auch vorkommen, wenn das Wetter ein wenig klar war, daß van Tatzel, mein Boots- kamerad, der gute Augen hatte, weit draußen ein Segelschiff zu entdecken vermochte; aber sie kamen uns niemals so nahe, daß wir einen Menschen an Bord zu unterscheiden vermochten. Wir sahen eben niemals andere Leute, als unsere eigenen: einen Koch, acht Fischer und den gichtbrüchigen Schiffer mit seiner Frau. Merkwürdige Gemiithsbewegungen konnten bis- weilen in uns entstehen, wenn wir saßen und mühsam an den Schnüren zogen und sie fast nicht anfbe- kommen konnten: es war uns dann, als würden unsere Angeln von verborgenen Händen tief unten festgehalten, die unser Boot ans die Seite kippten. Wir riefen einander zu, mit klappernden Zähnen und ganz toll vor Angst. Wir vergaßen, wo wir waren und was wir thaten, wir wurden ungeheuer erregt durch diesen Kampf mit den unsichtbaren Müchteir der Meerestiefe, die nicht loslassen wollten, was sie gefaßt. Wenn einer der Fischer einen Anfall dieser Gemiithsbewcgnng bekam, sagte man auf den Bänken, er sänge„um klares Wetter", weil wir meinten, der Nebel wäre daran schuld. Bisweilen kam es uns auch vor, wenn wir saßen und tranken, als wenn wunderliche, phantastische Wesen uns aus dem Nebel auf dem Meere zunickten, recht schlotterig nickten, mit großen, zottigen Köpfen, und wieder ver- schwanden, lind zerfließende, koboldhafte Gestalten schivebten in dem weißen Dunst umher, groß, wie Berge, sie flössen hierhin und dorthin, je nachdem der Wind blies, schwebend in schweren Schritten von West nach Ost, sie rollten sich durch die Luft mit ihren nebelhaften Gliedern und in gewaltigen Mänteln, die ihnen nachflatterten. Bau Tatzel und ich sahen einmal gleichzeitig eine Erscheinung, über die wir fast erstarrten: Es war an einem dunklen Abend, als wir unsere Schnüre auslegten; wir sahen einen Mann, der in der Luft auf und ab schaukelte; sein ganzer Kopf stand in Flammen, er blies wie ein Sturmwind, wir hörten es alle Beide. Kurz darauf strich ein Dampfer an uns vorbei; wir stießen einen Schrei aus, als die Pfeife losschrie; dann verschwand er.... Aber wenn wir ani Vormittag unsere Schnüre eingezogen hatten und mit unseren vollbeladencn Booten am„Kongo" anlegten, machte unser guter Fang und die Zufriedenheit, die schlimmste Arbeit für diesen Tag gethan zu haben, uns oft in einer anderen Weise thöricht und erregt. So geschah es manchmal, daß wir eine ganz unnatürliche Freude daran fanden, die Fische zu mißhandeln, unsere eigenen Fische ganz einfach zu mißhandeln. Eines Tages bemerkte ich, daß der eine von den Russen in einen rohen Fisch hineinbiß, die Zähne tief in ihn hinein- setzte und ihn etwa zwei Minuten festhielt, indem er die Augen dabei schloß... � Wenn die Fische„hergerichtet" und die Schnüre wieder ausgelegt waren, war unsere Tagesarbeit gethan, und wir verbrachten ein oder zwei Stunden mit Essen und Tabakrauchen. Und dann gingen wir in die Kojen. Nun konnten wir, wenn wir nicht allzu nillde waren, ein bischen miteinander plaudern und sogar allerlei Geschichten erzählen. Alles in einer derben und unvollkommenen Sprache, voller Flüche und häßlicher Worte... Dann lagen wir eine Weile und dachten an diese Erzählungen, während das Aleer draußen lärmte, die Lampe in ihrem Messing- ringe schwankte, und die Wache mit ihren Holzschuhen auf Deck über uns trampelte. Dann kam die Nacht... £ Böhmisches Glas. Von Nicolaus Krauß. �n Görlitz merkt man erst wieder, daß es noch Eisenbahnschaffner giebt. Es sind Sachsen, höfliche Leute, die sofort mit einem Fetzen gesprungeil kommen, wenn es auch nur ein klein wenig in den Wagen geregnet hat, und die auch aufmerksam zuhören würden, wenn man von den Strümpfen seiner Großmutter erzählte. Bis Löbau geht's mit der Fahrgeschwindigkeit noch halbwegs, dann aber setzt bis zur Grenze eine Bummelbahn mit der Schnelligkeit des preußischen Jnstanzenzuges ein. Man weiß wirklich nicht, ist die dem Zuge vor- gespannte Maschine schon so alt, daß sie nicht mehr pusten kann, oder ist sie noch so jung, daß sie das Pusten noch nicht gelernt hat. Endlich tauchen die „Holzmiitzen" der böhmischen Konduktcure auf, und nun geht es auch wieder etwas schneller. Nord- böhmen fällt durch Zweierlei sofort auf: Durch die Kornblumen, die hier schier aus jedem Knopfloch zu wachsen scheinen, und durch die schönen Esche». Das Erste niuß man eben hinnehmen, die krönen- gewaltigen Bäume erfreuen um so mehr. Einige Stationen von der Grenze, knapp vor der Wasser- scheide, liegt mitten im Walde, am Fuße des Tannen- berges, ein Stationsgebäude. Es läßt sich nicht leicht etwas Einsameres denken als dieses Haus, wenn die paar Züge, die hier täglich Halt machen, abgefertigt sind. Schön ist es hier: Im Mai, wenn hundert Drosselstimmen in den Fichtenbüschen flöten, an einem Sommerabend, wenn das letzte Roth ver- glimmt, und nichts mehr an die Welt draußen er- innert, als das leise Klingeln des Telegraphen. Im Winter freilich ist diese Siedeluug der reine Dachsbau. Gar oft müssen die Züge zur Station hinein- und wieder hinausgeschaufelt werden. Unter der Station gabelt sich die Bahn. Einige Minuten, und man ist in einem ziemlich breiten, nach Süden sich senkenden Waldthal. Das ganze Thal ist übersät mit Gehöften und Häuschen; unten am Wasserlaufe drücken und ducken sie sich in Gruppen zusammen, am Hange, dem Saume des Waldes ent- lang, liegen sie einzeln. Ans einem mittelgroßen, verrußten Gebäude schiebt sich eine schlanke Esse empor. Hohe Stockholz-Stöße stehen innerhalb der Umzäunung, die das Gebäude umschließt, große weiße, grüne, rothe Glasballons— man schneidet aus ihnen Leuchtermanschetten— sind in Haufen zusammen- gestellt, Packstroh liegt umher. Wir stehen vor einer Glashütte. Eine furchtbare Hitze schlägt dem Ein- tretenden entgegen. Unwillkürlich schließt er die Augen vor dem Feuer, das in dem Rundbau, der die Mitte des hohen Raumes einnimmt, loht. Dann beginnt der Schweiß zu fließen, und man wird fähig, Umschau zu halten. In dem Rundbau, dem Ofen, befinden sich in etwa halber Mannshöhe Löcher. Hinter jedem Loche, innerhalb des Ofens, steht ein feuerfester Thonhafen, der die geschmolzene Glas- masse birgt. Der typische Vorgang beim Glasblasen ist der folgende: Der wegen der Hitze nur mit Hemd und Hosen bekleidete Glasbläser tritt mit seiner„Pfeife", einer mit einem Mundstück versehenen Röhre, an den Ofen und taucht das untere Ende des Blasinstrumentes in die flüssige Masse. Im nächsten Augenblick zieht er die„Pfeife" zurück und bläst das anhaftende Stück Masse zur„Birne" auf. Dann geht er langsam vom Ofen weg nach dem Rande des herumlaufenden Bretterbodens, schwenkt die Pfeife mit der Birne bald nach oben, bald nach unten, bläst immer wieder in die„Pfeife"; ans der„Birne" ist ein längliches Hohlgefäß geworden; die weißglühende Masse hat sich roth gefärbt und wird schließlich orangegelb. Endlich ist die ungefähre Größe des Gegenstandes, der hergestellt werden soll, erreicht, am Rande des Bretterbodens wartet der Gehülfe schon mit der Holzform. Das weiche Glas wird in die Form gepreßt, noch einmal bläst der Meister in die„Pfeife", ein leichter Schlag, daß es sich von der„Pfeife" löst, und das Stück ist im Rohen fertig. Der Abträger erscheint mit einer Eisengabel und schiebt es in eine Muffel des Kühl- ofens, wo es allmälig erkaltet. In Nr. 4 unserer Bilderreihe ist dieser Vorgang in allen seinen Stadien zur Anschauung gebracht. So wenig verwickelt er- scheint der Prozeß des Glasblasens natürlich nur bei ganz einfachen Sachen. In der Glashütte, in der wir uns befinden, werden neben gewöhnlichen Gebrauchsartikeln auch Zier- und Luxusgläser hergestellt. Hier arbeitet kein Glasbläser für sich allein. Ein jeder hat einen Gehiilfen, der die„Pfeife" anbläst und dem„Meister" sonst zur Hand geht, und einen Lehrjnngen, der„ab- trägt". Btancher dieser Glasbläser ist ein reiner Künstler. Er muß Geschmack besitzen, die Holzform giebt ihm nur den rohen Umriß. Er arbeitet das Meiste ans freier Hand nach Zeichnung, au Werkzeugen hat er nur eine Zange und eine Scheere. Jeder Griff muß sitzen, sonst entsteht Ausschuß, Scherben, für die nichts bezahlt wird. Und dieses Arbeiten voll- zieht sich mit einer Hast und Schnelligkeit, daß dem Zuschauer beinahe schwindelig wird. Neben dem Arbeitsplatz eines Glasbläsers be- findet sich ein Radgestelle, das aussieht wie ein Spulrad. Mit dieser Maschine wird Glas gesponnen. Der Vorgang gleicht dem des Spulens. Die Trink- gläser und Krüge, denen man jetzt häufiger begegnet, und deren oberes Drittel wie fein gerippt erscheint, sind auf diese Weise mit Glas übersponnen. In allen nordböhmischen Glashütten wird den Arbeitern nach dem„Schock" bezahlt. Auf das Schock können gehen: 1 Stück, 2, 20, 40, 60 und 100 Stücke, je nach der Größe, der Zierlichkeit, der Zeit, die die Herstellung erfordert. Für das Schock werden 40 Kreuzer gezahlt. Ein Schock Rubinglas rechnet ein und ein halbes Schock. Ter Unternehmer rechnet nur mit dem Glasbläser, dem„Meister" ab. Ein guter Glasbläser bringt es im Monat auf 120 bis 150 Gulden. Davon hat er einen oder zwei Ge- hülfen zu bezahlen, so daß ihm etwa 90 Gulden bleiben. Ein„Künstler" steht sich um 10 bis 20 Gulden besser. Für den Lehrling erhält der „Meister" Kostgeld von der Fabrik. Hinter dem Arbeitsraume befindet sich das ge- räumige Gelaß, in dem die fertige Waare auf- geschichtet ist. Auf den ersten Blick findet man die Formen der Schnaps-, Bier- und Weingläser, der Vasen und Schüsseln garnicht heraus. Dann er- innert man sich, daß alle diese Gegenstände durch Blasen nur in einer geschlossenen Form hergestellt werden können, und jetzt sieht man deutlich die Doppelformen, und die Hauben oder Kappen, die uns vorhin genarrt. Unser Begleiter nimmt eine der flachen Kugeln, hält sie etwas oberhalb der AUtte an eine rotirende Scheibe, einige Umdrehuugeu, die Kappe ist„abgesprengt", die Form einer Kompot- schale nicht mehr zu verkennen. In der Mischkammer waltet der„Mischer" seines Amtes. Hier wird die Qualität des Glases bestimmt, das erzeugt werden soll. Die Hauptbestandtheile bilden gebrannter, fein gestampfter Kies und Potasche. Der Zusätze giebt es viele. Setzt man Gold zu, so erhält man das prachtvolle Rubinglas, das sich in allen Nuancen vom sattesten Bordeaux bis zum hellsten Gelb her- stellen läßt. Da es sehr theuer zu stehen kommt, begnügt man sich gewöhnlich mit einem Surrogat; man übergeht,„überfängt" reines Glas mit Rubi». Beim Schleifen lassen sich mit diesem Glase sehr schöne Effekte erzielen. Man schleift einen Theil des Rubins weg und erhält dadurch erhabene, rothe Flächen. In diese schneidet, gravirt, ätzt nian Figuren, Landschaften, Spruchbänder rc., und hat so zum Schlüsse weiß auf roth auf weiß. Vor dreißig Jahren waren derartige schöne Ziergläser besonders in Karlsbad zu haben, man zahlte für ein Stück oft mehrere hundert Gulden. Früher heizte man in den Glashütten nur mit Holz. Jetzt hat die Braunkohle das Uebergewicht erlangt. Aber man feuert heutzutage nicht mehr direkt. Die Kohle wird erst vergast. Manche Hütten mischen Stockholz und Kohle; bei einzelnen Glas- sorten wird nur Holz verwendet, das Glas wird reiner und erhält einen feurigen Glanz. Zu jeder Glashütte gehört eine Werkstatt, in der man die Holzformen anfertigt. Sie werden nach einer vor- liegenden Zeichnung aus Buchen- oder Birnbaumholz gedreht. Diese Drechsler haben jederzeit zu thun. Gar oft arbeitet jeder Glasbläser nach einem anderen Modell, und die Formen sind schnell ausgebraunt und ausgeleiert. Zu Tausenden liegen die weg- geworfeneu hinter der Fabrik. Zweimal in der Woche wird das fertige Produkt in großen Wagen, wohl in Stroh verpackt, zum Raffineur gefahren. Die Hütte, in der wir waren, gehört keinem Unternehmer, der zugleich Glashändler ist, sie arbeitet um Lohn für einen dieser Herren, e ہمہ -3 10 1. Reinigen und Kleinmachen des gebrannten Kiefes. 2. Ktesstampfe. 3. Zurichtkammer, wo der feingestampfte und durchgeftebte Ktes mtt Potasche gemischt wird. 4. Die Arbeiten beim Schmelzofen. 6. Fabritation der Schmelztöpfe und der Biegel für den Schmelzofen. 6. Absprengen der Kappen. 7. Abschleifen der Ränder. 8. Schleifen des Glases. 9. Stöpfelschleifen und Graviren. 10. Glasmaler. Die Glasindustrie in Böhmen. Originalzeichnung von A. Gareis. 310 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Sie sind die sich mit Stolz Raffineure nennen. Vom Raffineur kommt dann das Glas an die Schleifer und Maler oder an die Schleifer oder Maler. Das Lestere ist das Häufigere. Schon beim Bestellen in der Hütte weiß der Glashändler, ob er das einzelne Stück mittelst Schliff oder Farbe„ dekoriren" Lassen will, und diese Absicht giebt die Entscheidung, welche Glasart zur Verwendung gelangt. Kehren wir in unser Waldthal zurück. Die am Wasserlauf in Gruppen zusammenstehenden Häuschen entpuppen sich fast alle als Schleiferwerkstätten. Sie sind ebenerdig und enthalten zwei Stuben. Die eine dient als Küche, Wohn- und Schlafzimmer, in der anderen arbeitet der Schleifer, entweder allein oder mit seinem Gehülfen. Aus der Werkstatt dringt ein Aus der Werkstatt dringt ein mächtiges Singen, Pfeifen, Kreischen und Piepsen. An den Wänden, in den Fensteröffnungen hängen Vogelkäfige, unter der um den Ofen herumlaufenden Bank ist nicht ein Pläßchen frei: Kreuzschnäbel, Drosseln, Gimpel, Schwarzblättchen lärmen, wie ihnen der Schnabel gewachsen. Unter der einen Hauswand und einem Theil des Fußbodens hindurch schießt die Wasserader und treibt die Transmissionen. Und diese wieder die Schleifsteine: Wagerecht ge= stellte Holzscheiben für den feinen Schliff, Stahlscheiben, auf die Sand gestreut wird, für den Nohschliff; senkrecht stehende, ganz dünne Schleifsteine dienen zum, Absprengen der Kappen. Mit einer wagerecht stehenden, sich sehr schnell drehenden Stahlstange vergrößert der Schleifer die Löcher z. B. bei einer Lampenkugel. Früher war in matten Lampen fugeln ein großes Geschäft. Der Schleifer führte schnell rotirende, feine Stahlbürsten in das Innere der Kugel, das Glas wurde gerißt und matt. Heute arbeitet das Sandstrahlgebläse schneller und billiger. Der Schleifer erhält für die Fertigstellung einer Kleinen matten Lampenkugel- Vergrößern der beiden Vergrößern der beiden Löcher, Abschleifen der Ränder, Mattiren netto netto einen Pfennig. Von den drei in der Glasindustrie beschäftigten Arbeiterkategorien: den Bläsern, Malern und Schleifern, stehen die Leztgenannten sich am schlechtesten. Wegen der Wasserkraft muß fast Jeder Hauseigenthümer werden. Dadurch geräth er in Schulden, wird gebunden und abhängig und ist den Lohndrückereien der Unternehmer völlig preisgegeben. Der Maler wohnt am liebsten droben am Walde, wo er schönes, gleichmäßiges Licht hat. Auch hier die Theilung des Hauses in zwei Stuben. Wir treten in die Werkstatt eines„ Meisters", der ausschließlich die Warmmalerei betreibt. An drei Wänden herum der zusammenhängende, niedrige Werktisch. Die Beine der Stühle, auf denen der Meister und sein Gehülfe bei der Arbeit ſizen, sind zur Hälfte abgeschnitten. Auf dem Werktische Pinsel, Fläschchen mit Farben, Federn, und vor jedem Arbeiter eine eiserne, drehbare Scheibe, mit deren Hülfe man heute einen Kreis macht. Das zu bemalende Stück wird auf die Scheibe gehoben, diese erst eine Zeit lang laufen Lassen, und dann der Pinsel angesetzt. Früher schlugen die Maler den Kreis aus freier Hand. Nach jedem Modell wird eine ganze Reihe von Stücken angefertigt, und auf jedem Stück finden gewöhnlich mehrere Farben, meistens auch Gold, Verwendung. Zuerst wird das weiße Email aufgetragen, dann wandern die Stücke in den Brennofen, eine zweite Farbe folgt, und wieder kommen die Stücke in den Ofen, und sofort, bis das Muster erschöpft ist. Zum Schluß wird das Gold aufgetragen, gelöstes Gold aus der Scheideanstalt. Der Maler kauft es in Fläschchen, die fünfzehn Gramm enthalten und drei Gulden fünfzig Kreuzer kosten. Es sieht dunkelbraun aus, ist aber nach dem Brande sofort blant. Die alten Maler verwendeten nur Polirgold. Nun führt uns der Meister nach dem Flur und zeigt uns seinen Stolz, den Brennofen. Er enthält zwei Thonmuffeln, auf weitmaschige Drahtneze wird das bemalte Glas gesetzt. Wir fehren wieder in die Werkstatt zurück. Bezahlt wird der Maler nach dem Stück. Unser Meister macht die Muster selbst. Er geht damit zum Raffineur und verlangt für das Stück so und so viel. Der Preis wird auch bei Nachbestellungen nicht herabgesezt. Andere Geschäfte treiben es anders. Sie lassen vom Zeichner Muster entwerfen und wandern damit von einem Maler zum anderen; wer es billiger macht, bekommt die Arbeit. Die Preise werden dadurch mehr und mehr gedrückt. Bei einer besonderen Art von Dosen, die nach Amerika erportirt werden, wurden bei den ersten Lieferungen für das Stück sechzig Kreuzer bezahlt, schon nach kurzer Zeit aber nur noch fünfunddreißig Kreuzer. Wir kommen in's Plaudern. Der Maler entpuppt sich als Sozialist, was übrigens schier Jeder hier im Thale ist. Er erzählt, wie vor einigen Jahren die„ kaltere Malerei", bei der die Farbe mit Pinsel oder Feder nur aufgetragen, nicht aber eingebrannt wird, auch in dieser Gegend mächtig überhand genommen, und daß es erst wieder besser geworden, als die Unternehmer erkennen mußten, daß sie sich mit dieser Schleuderwaare selbst schädigten. Dann mit dieser Schleuderwaare selbst schädigten. Dann kommt er auf die Kunstfertigkeit der Alten zu sprechen. Wie sie beim Malen selbst die Fingernägel zu Hülfe genommen; Kerben hätten sie sich in die Nägel geschnitten und damit die Struktur der Blumenblätter nachzubilden versucht. Und der Meister geht an einen Kasten und bringt ein altes Erbstück, eine hundertdreißig Jahre alte Dose, auf der das Bild einer Tulpe auf diese Weise hergestellt worden. Dem freundlichen, rundlichen Mannle an dieser Stelle unseren Dank und Gruß! Wer an einem Freitag Nachmittag oder an einem Sonnabend auf einer der Straßen, auf einem der Wege oder Steige geht, die nach der böhmischen Stadt Haida führen, wird von Männern, Frauen und Mädchen überholt, die große, mit weißen Tüchern zugebundene/ Körbe auf dem Rücken tragen. In Gegenden, in denen viel Landwirthschaft getrieben wird, begegnet man diesen großen Tragkörben auch, aber dann stecken quietende Schweinchen oder schnat ternde Gänse darin; hier enthalten sie geschliffene oder bemalte Glaswaaren, ihre Träger gehen„ lies fern". In Haida und dem benachbarten Steinschönau befindet sich das Zentrum des böhmischen Glashandels. Haida muß ehemals eine, einem böhmischen Magnaten unterthänige Stadt gewesen sein. Seit Jahren schon hat sie elektrische Beleuch tung. Fast in jedem Hause sieht man Glasvasen. Das ist das Zeichen, daß hier ein Händler, Raffineur oder Exporteur wohnt. Es giebt Welthäuser in Haida und Krauterer, welche die mit einem Korbe herumziehenden Slovaken mit Waare versorgen. Unter den den Großen" giebt es solche, die nur für den Erport, und zwar nur in ganz billigen Sorten, arbeiten, Andere, die neben der„ Negerwaare" auch feine Stücke führen, und endlich Solche, die sich nur mit feinen Tafelsachen befassen. Bei einem der Letteren wollen wir Umschau halten. " Ein schönes, einstöckiges Gebäude. Zu ebener Erde arbeiten die Buchhalter, Musterzeichner und andere Angestellte. Das Geschäft besitzt eine Glashitte und läßt noch in Lohn arbeiten. Die ganze obere Etage ist zu einem Musterlager eingerichtet. Eine Flucht von hohen, hellen Zimmern. Und überall, auf großen Tischen, in Schränken, in den Fenstern, stehen Glaswaaren, die Stücke mit gleichem Muster nebeneinander, ein Service oft aus mehr als hundert Stücken bestehend. Und in jedem Zimmer dominirt eine andere Farbe: Hier Gold auf Rubinroth, im nächsten Zimmer Gold auf einem schönen, hellen Grün. Ein Zimmer ist mit Frisglas angefüllt; das fertige Glas kommt in eine Muffel und wird mit bestimmten Salzen behandelt, die den eigen thümlichen Glanz geben. Ein anderes Gelaß birgt Stücke, die inwendig grün und roth, außen blau sind, sie machen den Eindruck wie schöne Opale. Ein Raum enthält nur reines, weißes, mit schwerem Schliff versehenes Krystallglas, wie es auch auf dem Tische des Minderbemittelten zu sehen ist: Salzfässer, Essig- und Delkännchen, Butterdosen, Kompotfässer, Essig- und Delfännchen, Butterdosen, Kompotschalen usw. Und nun stoßen wir auch hier auf die Spuren Stumm's. Der Freiherr ist auch seinem Geschmack nach massiv. Vor einiger Zeit hat er sich hier in Nordböhmen eine aus vielen Stücken bestehende Garnitur aus altböhmischem" Glase anfertigen lassen.' Aus schweren Krystallstücken sind die Gegenstände herausgeschliffen. Bei den Bechern und Gläsern sind ungefähr in der Mitte rundherum etwa einen Centimeter hohe, ovale Flächen stehen gelassen. Diese Ovale sind mit Rubin oder Kobalt überfangen, " während die weißen Flächen des Krystallglases ganz mit Federzeichnungen bedeckt sind, zu denen man Dukatengold genommen. Die Gläser machen den Eindruck, als wären es altindische, mit großen Edelsteinen geschmückte Goldgefäße. Und die Dinger sind furchtbar schwer. Eine Kölnischwasserflasche wiegt zwei Pfund, und mit einem Kognakglase kann man auf zwanzig Schritte noch einen ausgewachsenen Schlächterhund todtwerfen. Wir gehen weiter, in die Zimmer, die nur Trinkgeschirre enthalten: Krüge und Pokale, Römer, Schalen, Seftgläser und Gläser chne Fuß. Hier sieht man so recht, wie geschmacklos das Proßenthum ist. Nichts kann theuer und überladen genug sein. Ein Römer" zu acht Gulden gehört noch nicht zu den theuersten seiner Art. Nach Amerika werden Seftgläser exportirt, die folgende Gestalt haben: Auf einem fußhohen, daumdicken, weißen Stengel fist eine ganz flache Schale, der Stengel ist mit einem starken, naturalistisch gearbeiteten Rosenzweig dekorirt. Viele Weingläser strozen so von Farbe und Gold, daß an ein Erkennen der Weinfarbe garnicht zu denken ist. Von der Sorte geht viel nach Deutschland. Wenn man ein solches Glaslager verläßt, sagt man sich: Was du da an Farben und Kunstfertigfeit der Arbeiter gesehen hast ganz ausgezeichnet, aber neue Formen sind dir doch blutwenig unter die Augen gekommen. Der Mann, bei dem du gewesen, ist der reine Händler, der auf die Nachfrage wartet. Und wenn man etwas dergleichen einem dieser Herren gegenüber äußert, dann schaut er Einen eine Zeit lang ganz baff an und meint, jedes Wort betonend: " Ja, aber, ich habe doch in Prag oder Wien oder sonstwo meinen Professor', der mir die Entwürfe macht! Der müßte es doch wissen, wenn es etwas Neues gäbe!" Und jetzt schweigst Du und gehst, wie Du schweigend gehst, wenn Dir ein Anderer schon an der Thür seines Riesenlagers von der Begehrlichkeit seiner Arbeiter vorzugreinen beginnt. Die Kunst des Glasblasens ist in den nordböhmischen Waldthälern schon seit Jahrhunderten heimisch. Um 1540 verstand man es hier bereits, mit Kobalt das Glas blau zu färben. Nach dem dreißigjährigen Kriege war der Siz des Glashandels in Böhmisch- Kamniz. Die Glasbläser eines Ortes vereinigten sich und betrieben den Handel gemeinsam. Die alten Glashütten waren richtige Hütten, leichte Holzbauten, über dem Ofen wurde das Holz ge= dörrt, das man zum Feuern brauchte. Sie brannten häufig nieder. Heute noch bezeichnet ein Wassertümpel, ein uralter Hollunderbaum, der Name einer nahgelegenen Einschicht, der auf„ hütte" ausgeht, die Stelle, an der so eine Glashütte gestanden. Die heutigen Hütten sind fabrikmäßig betriebene Unternehmungen. Riesenbetriebe, wie die Siemens'sche Glasfabrik bei Ellbogen am anderen Ende Böhmens, giebt es hier nicht. In den Lohnhütten werden wohl hundert Arbeiter beschäftigt, etwa die Hälfte davon sind Glasbläser. Daß diese bei halbwegs- auskömm lichen Löhnen arbeiten, verdanken sie zwei Umständen: Der von den Vätern überkommenen und immer mehr ausgebildeten Geschicklichkeit und Tüchtigkeit, und ihrer Organisation. In den Hütten ist Alles, bis hinab zu den Lehrjungen, organisirt. Der Lohn erscheint übrigens höher als er ist. Die anstrengende Arbeit erfordert eine kräftige Nahrung. Und nur etwa zehn Jahre genießt der Arbeiter diesen Lohn. Die ungeheuere Hize, die glühenden Gase, die beim Blasen eingeathmet werden, verrichten ihr Werk. Wer vor dem dreißigsten Lebensjahre nicht abgeht, ist schnellem, unheilbarem Siechthum verfallen. In all diesen Waldthälern giebt es eine außerordentlich große Zahl Wittwen. Wittwen. Unter den Schleifern trifft man etwas ältere Leute, obwohl der aufsprühende Glasstaub und die zermalmten Schleifmittel nicht weniger mör derisch wirken. Der Grund ist der: Weil sie Hausbesizer sind, können die Schleifer nicht so leicht abspringen wie die Glasbläser, und so müssen sie es eben treiben, so lange es geht. Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 311 J=�- Kellner!... Kellllnerrr!! ,err Schnäbele war heute durchaus in keiner W guten Stimmung. Das Essen ließ wieder mal verdammt lange auf sich warten. Da war man jetzt den ganzen Abend angestrengt thätig gewesen, hatte herumschwätzen müssen mit jungen und alten Frauenzimmern, auf die diimmsten Fragen thun müssen, als ob es gescheidte wären, und schließ- lich ein regelrechtes Diner heruntergegessen— jetzt kam man vertrauensvoll in seine Stamnikneipe, um endlich etwas Vernünftiges zu genießen, und nun diese Behandlung. Drei Minuten wollte er noch warten. Dann aber...! Er sagte im Allgemeinen nicht gern etwas. Wenn er aber mal deutlich wurde,... na! Es war ja sonst recht gut hier, das mußte man sagen. Essen tadellos, sehr sauber, geradezu peinlich; Franz aber, der Oberkellner, ein Muster seiner Gattung. Franz ließ mit lautem Geräusch einen Teller fallen. Heute war der Mensch ja geradezu unglaublich. Stand da wie im Schlaf oder ging mit einem Ge- ficht umher, als ob er einen Topf Mäuse gegessen hätte. Direkt unzulässig war er heute. Vorhin schon hatte er einmal recht energisch an- gefahren werden müssen. Hatte wahrhaftig dunkles Bier gebracht! Herr Schnäbele trank doch stets das helle, nur dann und wann das andere. Was hatte er denn anzunehmen, daß heute„dann und wann" war? Selbst das Glas hatte er verkehrt hingesetzt. Ein Jahr lang verkehrte Herr Schnäbele jetzt im Lokal; er trank stets von links und niemals von rechts, wo Jedermann seinen Schnabel hinthat— sollte ein Jahr nicht geniigen, um das für immer einzuprägen? Was hatte so'n Mensch denn eigentlich im Kopf! Herr Schnäbele sah nach der Uhr. Die drei Minuten waren reichlich vorbei. „Kellner!" rief er kurz. Schon das war Ungnade. Er pflegte Franz sonst beim Vornamen zu nennen— diese Menschen haben ja nur Vornamen. Kein Bein rührte sich. Der Kerl schlief offen- bar wieder. „Kellllnerrrr!" rief er in heller Wuth. Franz stürzte mit langen Schritten auf ihn zu. „Sie sitzen wohl heute Abend auf Ihren Ohren?" Der Mensch hatte wieder sein unglaubliches Ge- ficht. Das sah ja beinahe aus, als wenn er weinen wollte. „Machen Sie nicht so'n dummes Gesicht!" rief Herr Schnäbele im vorigen Tone.„Thun Sie Ihre Schuldigkeit und passen Sie auf! Ich möchte fragen, ob das Filet noch nicht fertig ist. Ich will es nämlich heute noch essen." Franz sah ihn jetzt nicht nur trübselig, sondern ganz verstört an. Herr Schnäbele merkte deutlich, daß das Essen überhaupt noch nicht bestellt war. Das ging denn doch über den Spaß. Während er hier saß und hungerte, stand so'n Mensch da in seiner Ecke und verdaute! Er hatte ja gegessen; den Hunger hatte ein Anderer; der konnte also auch sehen, wo er ihn los wurde. „Sie haben das wohl vergessen?" ftagte Herr Schnäbele langsam und bedeutungsvoll. Franz stammelte etwas von„Ich werde... Ich werde gleich..." „Sie werden! Sie werden! Ich werden Ihnen! Ihren Prinzipal werde ich mir kommen lassen und dem sagen, was Sie für ein Herr sind. Sie sind ja ein völlig unbrauchbarer Mensch!" Franz schien etwas sagen zu wollen. Herr Schnäbele fuhr fort:„Machen Sie, daß Sie mir etwas zu essen bringen! Ganz egal was! Nur sofort!" Franz eilte mit fliegenden Rockschößen zum Büffet. In kürzester Zeit brachte er einen Gänsebraten; der Gänsebraten war gut. Kleiner wurde er und Von Paul Mahn. kleiner; und kleiner wurde auch Herrn Schnabele's Groll. Es war im Grunde garnicht so übel, daß das Filet vorhin vergessen worden war. Filet hatte man ohnehin alle Tage, und der Gänsebraten war gut. Herr Schnäbele lehnte sich befriedigt zurück und zündete eine Zigarre an. Franz stand noch inimer wie verunglückt umher. Merkwürdig, daß man sich nie auf diese Leute verlassen kann! Sonst ein so tüchtiger Mensch, dieser Franz, und heute der reine Nachtwächter! Sollten die Worte von vorhin ihn noch mehr ver- schnupft haben? Gewiß, er war ja etwas heftig gewesen— aber mein Gott, man hatte eben Hunger. So'n Herr ahnte natürlich nicht, wie einem hungerigen Menschen zu Muthe war. Etwas maßvoller hätte man ja vielleicht sein können. Aber auch das hatte seine zwei Seiten. Maß war Schwäche. Und Schwäche?... Bei solchen Leuten?!... Wenn man denen ein Mal etwas nach- sah, so war man für alle folgenden verloren— nur nichts durchgehen lassen, schon aus Prinzip nicht. Im Uebrigen aber konnte man ja mal ein paar Töne mit dem Manne reden. So war man ja schließlich auch nicht. Dazu war man wieder zu viel Mensch. Selbstverständlich nicht, daß er was merkte! Nur nicht mitleidig und so weiter. Dann fühlten diese Leute gleich Oberwasser, wurden üppig und so weiter. Nein! Leutselig, gutmiithig, als wenn nichts ge- schehen wäre. Das war das Richtige. Herr Schnäbele that so etwas öfter. Das war Grundsatz bei ihm. Dergleichen glich die gesellschaft- lichen Gegensätze aus; das war praktische Sozial- Politik. Wenn alle Besitzenden das verständen: den richtigen Ton anzuschlagen gegenüber ihren Unter- gebenen, mal einen ordentlicheu Dröhnschnack zu machen, daß diese doch auch sahen, daß sie Menschen waren, dann wäre die ganze Lage anders, der ganze Gleichheitsschwindel wäre nicht aufgekommen... Freilich mußte man das verstehen! Herr Schnäbele rief Franz heran und sprach ihm seine volle Zufriedenheit über die Beschaffenheit des Gänsebratens aus. Wenn ihn das nicht glück- lich machte, dann war ihm eigentlich nicht zu helfen. Franz machte einen verzweifelten Versuch, freudig bewegt zu lächeln; was herauskam, war ein gequältes Grinsen. „Menschenskind!" rief Herr Schnäbele betroffen. „Sagen Sie blos, was haben Sie heute? Sie machen ein Gesicht— solche Gesichter giebt's ja garnicht. Hat Ihre Frau Sie schlecht behandelt? Kriegt der Junge Zähne?" Der lange Kerl stand wie aufgelöst da. In den Augen stand ihm das helle Wasser, und im Halse würgte er mühsam ein gewaltsames Schluchzen her- unter. Von einer plötzlichen Ahnung ergriffen, fragte Herr Schnäbele:„Fehlt dem Kleinen etwas?" Franz sah ihn unter Thränen trübe an: „Todt! Heute früh!" Herrn Schnäbele war im Augenblick, als bekäme er rechts und links ein paar Ohrfeigen. Er gerieth vor diesem Menschen, den er bisher nur mit den Augen seines Magens angesehen hatte, wahrhaftig in Verlegenheit. „Todt?" fragte er.„Hören Sie mal, das... das ist... das hätten Sie mir auch ftllher sagen können. Wie geht's ihm denn?" „Wem?" „... ich meine, wo is er denn? Was... was soll denn nun...?" Er war ganz konfus geworden. „Ja," sagte Franz,„ick dachte, so übermorgen, da sollt' er nu'raus...." „Hm. Ja, is ja sehr traurig. Aber nun will ich Ihnen mal was sagen: Nicht den Kopf hängen lassen! Hoch das Kinn und'raus die Brust! Sind ja Beide noch in den besten Jahren." Franz drückte sich in seine Ecke. Herr Schnäbele war völlig aus der Faqon ge- kommen. Es war ja unglaublich, was Einem Alles passiren konnte. Ging man hier ahnungslos in ein Lokal und nmßte dann Väter von tobten Kindern ansehen. Was solche Leute immer gleich hatten! Wie konnte denn so etwas überhaupt nur vor- kommen? Daß so einem Menschen ein Kind starb, war ja nicht zu verhindern, und daß er an solchem Tage kein fröhliches Gesicht machte, sich nicht be- sonders anstellig zeigte, war selbstverständlich. Aber wie kam er denn nur in das Lokal? Was blieb er nicht einfach zu Hause? War ja schlimm genug, daß er selbst nicht zu rosig gesonnen war, was brauchte er noch Anderen die Laune zu verderben? „Franz!" „Herr Direkter!" „Rufen Sie mir den Wirth!" Franz bekam einen Todesschreck. „Ach, Herr Direkter, Sie werden doch nicht. Det is ja man so'n Zustand heute... Morgen..." „Was denken Sie denn! Glanben Sie, ich will Sie anpetzen? Ich will mit dem Wirth reden, daß er Sie nicht einfach zu Hause gelassen hat. Ist ja geradezu unerhört!" „Thun Sie mir'n Gefallen, Herr Direkter, der weeß ja von nischt nich. Ick wollte ja auch nicht gehn heute Morgen, aber meine Frau sagt zu mir: August, det wird Dir Niemand nich übel nehmen, wenn Du det heute noch mitnimmst. Morgen und dann die folgenden Tage is et ganz dieselbe Ge- schichte. Traurig sind kannste da so gut wie hier, und übermorgen nmßte ja doch mit hinaus und denn geht schon wieder'n Tag verloren.— Sehn Se, Herr Direkter, ick verdiene ja hier ganz gut, aber brauchen kann man doch immer wat, und denn die letzte Zeit und die Krankheit... un wer weeß, wat noch nachkommt mit det Begräbniß jetzt..." „Hm! So so!" sagte Herr Schnäbele.„Dann hilft es nichts." Es half in der That nichts. Was sollte man dabei machen? Man konnte doch nicht obendrein noch den armen Teufel hineinlegen. Aber merkwürdig war es doch, was solche Leute fllhllos waren. Es mochte ja sein, daß der Mann Geld nöthig hatte, aber Donnerwetter noch mal, wenn mir mein Junge gestorben war, da hatte ich eben Geld! Da gab's ja garnichts!— Es war Herrn Schnäbele sehr unangenehm, daß er nichts bei der Sache machen konnte. Ihm war recht ungemllthlich zu Sinn. Er konnte ja freilich nichts dafür, das war gewiß. Woher sollte er denn wissen?— Aber so einen Menschen anzufahren, weil er statt Filets und Gänse- braten, statt dunklen und hellen Bieres seinen todten Jungen im Kopfe hatte, das... das war doch peinlich. Für Jemanden wenigstens, der Gefühl hatte. Das war ja gerade sein Pech, daß er leider Gottes zu viel Herz besaß. Herr Schnäbele sah mißmuthig vor sich hin. Die ganze Wirkung des Gänsebratens war ent- schwunden. Er mochte hier nicht mehr länger sein. Er rief den Kellner zum Zahlen. Eine Mark fünfundsechzig waren zu begleichen. Langsam schob er fünfzehn Pfennige Trinkgeld hin. Das war sein Satz. Es war nicht ganz das Gewöhnliche und doch nicht übertrieben. Seine Hand verließ zögernd den Fünfer. Seine Züge begannen sich plötzlich wunderbar zu erhellen. Mit einer raschen Bewegung nahm er den Fünfer zurück und schob statt seiner einen zweiten Zehner hin. Ihm wurde frei und leicht. Herr Schnäbele erhob sich. Me ein Jüngling schritt er zum Kleiderständer. Franz stürzte herzu. „Nur übernehmen!" sagte Herr Schnäbele und ließ sich den Mantel leicht über die Schulter hängen. Ein versöhnter Blick fiel auf Franz herab. Der machte einen tiefen Bückling. „Pumpernm!" schlugen die Thllrfliigel hinter Herrn Schnäbele zu.—— Hat gesagt bleibt's nicht dabei. Mein Vater hat gesagt, Ich soll das Kindlein wiegen, Er will mir auf den Abend Drei Gaggefeier sieden; Sied't er mir drei, Tht er mir zwei, And ich mag nicht wiegen Um ein einziges Ei. Meine Muffer hat gesagt, Ich soll die Mägdlein verrathen, Sie wollt mir auf den Abend Drei Vöglein braten; Brät sie mir drei, Tht sie mir zwei, Am ein einziges Vöglein Treib' ich kein' Verrätherei. Mein Schählein hat gesagt, Ich soll sein gedenken, Er wöllt mir auf den Abend Drei Küßlein auch schenken; Schenkt er mir drei, Bleibt's nicht dabei, Was kümmert mich's Vöglein, Was schiert mich das Ei. Aus, Des Knaben Wunderhorn". Zu unseren Bildern ist wenig mehr zu bemerken. Nur die ganz großen Glashütten richten den Kies selbst bor. Die fleineren Unternehmungen kaufen die Nohmaterialien in gebrauchsfähigem Zustande. Die feuerfesten Schmelzhäfen und die Ziegel für den Schmelzofen werden in den Hütten selbst hergestellt. Sie halten nur einige Brände aus, und ihre schnelle Abnutzung stört wohl ab und zu den Betrieb. Feine Gläser werden hier und da auch noch geschnitten, gravirt oder geäßt. Der Raffineur hat an seinem Wohnorte stets einige Leute zur Hand, die diese Kunst verstehen. Auch in den Weltkurorten und in den großen Städten trifft man diese Kunsthandwerker. Böhmisches Glas geht sehr viel nach Amerika. Vor einiger Zeit ließ ein Haidaer Exporteur ein Service für 40 Personen anfertigen. Er erhielt dafür 4000 Frks. Ein Vanderbilt war der Auftraggeber. Und die Bestellung fam, wie so oft, wenn es sich um theuere Sachen handelt, über Murano. Der Begriff des Unbewußten ist in der Psychologie hart umstritten. Während die Einen behaupten, es wäre unmöglich, irgend eine scharf umrissene Vorstellung mit diesem Worte zu verbinden, geschweige denn Ereignisse des Seelenlebens damit zu erklären, erscheint anderen Forschern das Unbewußte als die allgemeine Basis des Seelenlebens. Das seelische Leben eines Augenblicks, so sagt z. B. Lipps, ist wie ein im Meer versunkenes weites Gebirge, aus dem nur wenige höchste Gipfel über die Wasseroberfläche emporragen. Aus einer flaren und übersichtlichen Zusammenfassung des weitschichtigen Stoffes, die Ebbinghaus in seinen„ Grundzügen der Psychologie" ( Leipzig, Veit& Co.) gegeben hat, sezen wir Folgendes hierher: Die Thatsachen zunächst, die zu der Ansehung unbewußten Seelenlebens Veranlassung geben, lassen sich in drei Gruppen bringen. Befindet man sich in einem Zimmer, in dem eine Uhr schlägt, so hört man die Schläge im Allgemeinen. Bisweilen aber hört man sie nicht. Eine Wirkung des Schalles auf die Ohren und damit auf das Nervensystem hat auch dann unzweifelhaft stattgefunden; wie sollte man sich ihr entziehen können? Ja, bisweilen hat augenscheinlich noch mehr stattgefunden. Man ftugt manchmal, wenn die Schläge in Wirklichkeit aufgehört haben, und erhascht gleichsam noch einige von ihnen in der Erinnerung. Aber gehört, d. h. in Empfindungen mit Bewußtsein erlebt, hat man gleichwohl nichts. Wo mag der seelische Effekt in solchen Fällen wohl hingekommen sein? Wir antworten einstweilen: ein seelischer Effekt ist freilich auch hier vorhanden, aber er ist unbewußt geblieben. Oder ich stehe in einem Laden, vor einem Schaufenster u. dgl., Dußende von Gegenständen bilden sich auf meiner Nezhaut ab, mit genügender Deutlichkeit, um gesehen werden zu können, aber ich bemerke davon nur einige wenige, eine größere Anzahl mit sozusagen halbem Bewußtsein und sehr viele ganz und gar nicht. Aeußerlich ist kein Grund vorhanden, weshalb nicht auch sie wahrgenommen werden könnten. So wie die Aufmerksamkeit auf sie gelenkt wird, bemerkt man sie ja. Vorher aber blieb ihre Wirkung unbewußt.Bei einer zweiten Gattung von Fällen findet sozusagen das Umgekehrte statt. Man lernt z. B. eine fremde Sprache durch Regeln und Grammatik. Wenn man anfängt, sich in ihr auszudrücken, so beherrscht die Erinnerung an die gelernten Formen und Regeln jeden Schritt und Feuilleton. ermöglicht ihn. Allmälig aber tritt das Bewußtsein von diesen Dingen zurück, man spricht und schreibt geläufig, ohne an die maßgebenden Vorschriften weiter zu denken, ja oft ohne überhaupt mehr im Stande zu sein, sie noch bewußt zu formuliren. Die Regeln wirken dann unbewußt, wie man sagt. Wie vieler Ueberlegungen und wie vielen Probirens bedarf es nicht für den angehenden Künstler, um ein den verwöhnten Geschmack befriedigendes Werk zu schaffen! Der Meister kennt die Regeln auch, aber er braucht nicht ausdrücklich an sie zu denken; ohne bewußte Ueberlegung und vielfaches Herumtaften trifft er instinktiv das Richtige. Ja, das Genie spottet aller herkömmlichen Vorschriften. Im Gegensatz gegen ihren oft falschen Zwang verwirklicht es frei aus sich heraus das Höchste; unbewußt ist es gleichsam besseren und richtigeren Regeln gefolgt. Die dritte Gruppe von Fällen endlich zeigt die beiden vorerwähnten gewissermaßen vereinigt. So z. B. bei allen langsam erlernten und nach entsprechender Uebung von selbst" ablaufenden Bewegungsfertigkeiten. Schreiben, Stricken, Schlittschuhlaufen, Schwimmen, Klavierspielen usw. sind Bewegungsreaktionen auf gewisse sinnliche Reize, die ursprünglich in langsam aufeinander folgenden einzelnen Schritten, durch die Vermittelung von mannigfachen Vorstellungen und Entschlüssen und meist mit vieler Pein zu Stande kommen. Nach einer gewissen Zeit der Uebung wird der Strumpf in die Hand genommen, der Faden um den Finger gelegt, oder der Schlittschuh angeschnallt und der Fuß auf's Eis gesetzt, und auf diese sinnlichen Eindrücke hin laufen die entsprechenden Bewegungen ohne Weiteres ab; alle die Zwischenglieder sind unbewußt geworden. Die Deutung dieser Thatsachen schwankt zwischen zwei Extremen. An Vorstellungen, Empfindungen usw., behaupten die Einen, ist zu unterscheiden der Inhalt und die veränderliche Daseinsform. Die gleichen Inhalte treten nun in verschiedenen Formen auf. Wie etwa Schauspieler auf der Bühne und hinter den Koulissen, so sind auch bewußte und unbewußte Vorstellungen eigentlich dasselbe. Nur befinden sie sich, wenn sie bewußt sind, in einer Art Erregtheit oder gleichsam in einer Art Beleuchtung, die ihnen für gewöhnlich( d. h. im unbewußten Zustand) abgeht, ohne daß fie deshalb doch aufhörten zu eristiren oder auch nur in ihrem Inhalt anders wären. Demgegenüber behaupten namentlich neuere Psychologen, daß unbewußte Vorstellungen etwas eigenartig Psychologisches überhaupt nicht wären. Da, wo man von ihnen spreche, sei entweder eine gewöhnliche bewußte Vorstellung vorhanden gewesen und nur sehr schnell vergessen worden, oder es liege lediglich etwas Physiologisches vor, d. h. dauernde Nachwirkungen früherer nervöser Prozesse oder schwache nervöse Erregungen, die zwar unter anderen Umständen zu geistigen Vorgängen führen können, aber unter den vorhandenen nicht mit ihnen verbunden seien. Ebbinghaus findet, aus phyfiologischen Erwägungen, die hier anzuführen zu weit führen würde, daß die erste Deutung zu viel und zu spezielles, die zweite aber zu wenig von den seelischen Dingen wissen wolle. Er ge= langt zu dem Resultat: Unbewußte Vorstellungen sind zwar nichts den bewußten und uns bekannten Vorstellungen direkt Aehnliches, aber sie sind trotzdem etwas Psychisches. Wie sie in ihrer wahren Gestalt aussehen, fönnen wir garnicht näher beschreiben. Aber wir sind gezwungen, sie als Ursache und Wirkung zu den direkt wahrnehmbaren und bewußten Vorstellungen voraus= zusehen, weil sonst das seelische Leben in den früher beschriebenen Thatsachen belanglos erscheinen würde. Mit ähnlich gebildeten Vorstellungen hantiren wir auf dem Gebiet der materiellen Dinge fortwährend und ungezwungen. Niemand zweifelt, daß er ein Gehirn hat oder daß die Bäume im Walde Wurzeln haben und die Anlagen zu fünftigen Bäumen in ihren Früchten tragen. Man hat das Alles nicht direkt gesehen, aber man denkt es sich so, weil man sich gezwungen findet, es auf Grund bestimmter Erfahrungen als Ursache und Wirkung zu dem direkt Sichtbaren vorauszusetzen. Der erste Güterverkehr mit der Bahn in Deutschland. Als die Kunde von den Eisenbahnen aus England nach Deutschland drang, regte fich frühzeitig der Wunsch, auch hier die Dampfwagen für den Transport von Kohlen zu benutzen. 1815 ging das Kohlengebiet der Saar mit dem Fürstenthum Nassau- Saarbrücken an Preußen über, und alsbald gab der preußische Fiskus eine Lokomotive in Bestellung, die auf der Gießerei in Berlin angefertigt werden sollte und für den Transport von Kohlen von der Zeche Bauernwald nach der Saar bestimmt war. Die Maschine wurde zwar 1818 vollendet und langte 1819 an ihrem Bestimmungsort an, aber sie ist niemals in Gebrauch genommen worden, und der mißglückte Versuch schreckte zunächst von weiteren Unternehmungen in derselben Richtung ab. Die im Dezember 1835 eröffnete erste deutsche Bahn zwischen Nürnberg und Fürth diente ausschließlich dem Personenverkehr. Dem Frachtverkehr diente fie nach mehr als halbjährigem Bestehen zum ersten Male am 11. Juli 1836 und zwar nur versuchsweise und aus besonderer Gefälligkeit. Diese erste Fracht bestand aus zwei Fäßchen Bier, die der Eisenbahnwirth in Fürth bei dem Nürnberger Bierbrauer Lederer bestellt hatte. Nach wiederholten und dringenden Bitten Beider wurde von der Verwaltung gestattet, daß Verantwortlicher Redakteur: Oscar Kühl in Charlottenburg. täglich der erste von Nürnberg nach Fürth gehende Zug zwei Fässer Bier gegen eine Vergütung von 12 Kreuzern mitnehmen dürfe; Bedingung war jedoch, daß der Wirth in Fürth stets persönlich zur Stelle wäre, um die Fässer sofort in Empfang zu nehmen. Den Beamten wurde gehörige Ordnung eingeschärft, damit dieser kleine Anfang der Güterbeförderung späterhin vielleicht ausgedehnt b. werden könne. Beim Glückshafen. Von allen Seiten strömt die Menge zu der offenen Halle herbei. Vor und in derselben, dort, wo der Boden wie besäet ist mit gelbbraunen Nohrstückchen, den Hülsen der Loose, kleinere und größere Gruppen; Alle stehen mit gesenktem Halse und stecken die Köpfe zusammen, und überall sind die Finger krampfhaft bemüht, die kleinen, runden Hülsen zu sprengen und dann die Zettel aufzurollen. Auf fast allen Gefichtern ruht ein Lächeln der Neugier, der Enttäuschung, der Freude, der Neckerei oder auch der Selbstironie, daß man noch auf Glück hat hoffen können. Die Nietenzettel mit dem kleinen Hanswurst werden hier mit nervösem Rucke fortgeschleudert, dort mit erzwungener Luftigkeit in die Höhe geworfen, aber fie finfen wie schwere Schneeflocken langsam zu Boden, wo zahlreiche barfüßige Kinder sie aufsammeln als Spielzeug, vielleicht auch in der Hoffnung, noch einen übersehenen Treffer zu finden. Und dort an den mit Loosen gefüllten Schüsseln schiebt und drängt fich's von Glückhoffenden. Ein alter Bauer mit ernsten, wettergefurchten Zügen, den kleinen runden Filzhut auf dem Kopfe, in hohen steifen Kanonenstiefeln, violetter Sammetweste und kurzem Lodenjacket naht schweren Trittes mit seinem bunt herausgeputzten Töchterlein mit der grünen Seidenschürze und bem filbermünzengeschmückten Mieder dem Glückshafen. Langsam, mit bedächtiger Miene, die aber von guter Laune zeugt, öffnet er den Geldbeutel und legt vierzig Pfennige auf den Teller. Verlegen die Hand hervorbringend, nimmt die Tochter zwei Loose. Nichts. " Ha, ha", lacht der Alte und holt weitere vierzig Pfennige hervor. Diesmal wählt er die Loose selbst. Nichts. Er fraßt sich den Kopf. ,, Sirt, Vota, die schön'n Uhren da. Wenn man die g'winna that." " Jo, jo," brummt er und holt ein Markstück hervor, das er mit kräftiger Bewegung in einen anderen Teller wirft. Er läßt wieder die Tochter wählen. Neugierig stehen einige Leute herum. Nir!" " Da soll doch glei der Teuft' neinfahren," schimpft der Bauer, aber g'winna will i' was. Geben's mia halt no fünf Loos." Diesmal greift er selbst hastig in die Schüssel, seine Augen sind größer geworden und funkeln, und die Falten über der Nase haben sich dichter zusammen gezogen. Die Tochter hat die Loose geöffnet, während der Alte sie auswählte; auch sie ist lebhafter geworden Der Alte steht nun und kauft Loos um Loos, während die Tochter kaum nachkommen kann mit dem Oeffnen. Seinen Hut hat er in den Nacken geschoben, dicke Schweißtropfen stehen ihm auf der Stirn, und die schwieligen, braungebrannten Hände beginnen zu beben. Ein merkwürdiges Unglück scheint ihn zu verfolgen, denn er zieht mur Nieten. Der Zuschauerkreis um ihn herum ist immer größer geworden und verfolgt die Oeffnung jeder Niete mit lautem Lachen. Das ärgert den Alten immer mehr. Die ganze Bauernenergie hat sich bei ihm in den Vorsatz konzentrirt: er will einen Gewinn ziehen. Vergeblich zupft thn die Tochter am Aermel und sucht ihn wegzubringen. " Sakradi, Diandl, i sog Dir, an G'winnst muß i hob'n und soll's met' legt's Geld kosten," schreit der Bauer, der soeben das fünfte Markstück hinlegt. Auch diesmal nichts. Die Loosverkäufer lachen. Ein solcher Fall ist noch garnicht vorgekommen. Sie suchen den Alten selbst vom weiteren Loosekaufen abzuhalten und reden ihm zu, er möge später noch einmal sein Glück versuchen. " Jezt kauf ich glei' die ganz' Schüssel," sagt der alte Bauer plößlich mit tiefer Ruhe,„ do muß dann doch oan G'winnst drinna sei. Was kost's?" Und er legt die verlangten achtzehn Mark und achtzig Pfennige auf den Tisch, ohne eine Miene zu verziehen, und läßt die Loose der Tochter in die Schürze schütten. Seine gute Laune ist plöglich wiedergekehrt, und es zuckt schmunzelnd um seine Mundwinkel. ,, Na fauf'n m'r uns a Maßl un schaug'n, was m'r g'wunna hob'n," sagt er dann mit lautem Lachen, aber dös sag' i Dir, wenn koa G'winnst dabei is, dann können ' s mi mit ihrer ganzen Bud'n gern hob'n." Sprach's und schritt durch die lachende Menge Ernst Brausewetter. davon. Nachdruck des Inhalts verboten! Alle für die Redaktion der Neuen Welt" bestimmten Sendungen sind nach Berlin, SW 19, Beuthstraße 2, zu richten. Verlag: Hamburger Buchdruckeret und Verlagsanstalt Auer& Co. in Hamburg. - Druck: Mar Bading in Verlin.