Nr. 41 35Ilu(lrtrt c'H CnlcrhaliitiT�sbcilagc. 1898 Zn?ei Menschen. (Fortsetzung.) XIV. �rei Wochen sind verstrichen. Agestin hat seine Novelle fertig und geht mit einer Empfehlung �9 von Johnsen zu dessen Verleger Ammerthast dem er das Manuskript übergiebt. Der Verleger verspricht ihm, das Manuskript innerhalb vierzehn Tage zu lesen und ihm dann sofort Bescheid zu- kommen zu lassen. Die vierzehn Tage sind um, drei Wochen sind um, Agestin hat noch immer keine Antwort. Unter- dessen ist die Zahl seiner Schüler von drei auf fünf gewachsen, und er sieht sich im Stande, ein eigenes Zimmer in der Kongensgade zu miethen. Mit den Mahlzeiten muß er sich noch immer etwas einrichten. Das Geld, welches seine Schüler ihm wöchentlich bezahlen, reicht für gewöhnlich nur bis Freitag. Die zwei letzten Tage in der Woche muß er ohne Mittag- essen auskommen. Es ist an einem regnerischen Apriltage. Die Stunde ist zu Ende, und die Schüler packen ihre Bücher zusammen, um fortzugehen. Drei sind schon aus der Thür, die beiden Letzten haben sich etwas verspätet, weil dem Einen ein Schreibheft fehlt. Diese Beiden sind dicke Freunde, Söhne reicher Kaufleute aus Bergen. Der Eine heißt Bastian Lauge und ist ein verschwenderischer junger Lebe- mann, der es schon zweimal fertig gebracht hat, beim Studenten- Examen durchzufallen, und sein Vater hat Agestin brieflich ein ansehnliches Gratiale versprochen, wenn es ihm gelingt, dem mißrathenen Sohn dieses dritte und laut der Regel der Uni- versität unwiderruflich letzte Mal glücklich durchzu- bringen. „Da habe ich mein Schreibheft, und jetzt wollen wir uns beeilen," sagt Bastian Lange in seinem weichlichen und etwas nachlässig klingenden Bergen- Dialekt. „Mein Magen zeigt eine ausgesprochene Affi- nität zum.Grand'. Wo essen Sie zu Mittag? Im Grand oder bei Engebrett?" Agestin zuckt lächelnd die Schultern, heute be- sitzt er keinen rothen Heller, und was noch schlimmer ist, er hat weder Brot, noch irgend etwas im Hause. „Ich esse in der Volksküche für vierzig Oere, das heißt, wenn ich sie habe." Heute Morgen, als er den ganzen Vorrath aufgegessen, hatte er sich vor- genommen, seine Schüler zu fragen, ob sie ihm nicht schon heute das Honorar für die Woche geben könnten,— also nur; einen Tag vor der bestimmten Zeit, denn Morgen war es Sonnabend— aber jetzt, wo er mit der Frage heraus sollte, hielt ihn sein Stolz zurück. Herr Bastian lacht:„Jeder nach seinem Ge- schmack! Man hat mir gesagt, das Essen in der Roman von H. Fries-Schweuzcn. Volksküche soll etwas volksthümlich sein, aber das ist in Ihren Augen vielleicht eine Empfehlung. Ich habe Sie auch von allem Anfang für einen Demo- traten geschätzt." „Dann haben Sie sich auch nicht geirrt," er- widerte Agestin; gleich darauf fügte er mit schlecht verhehltem Hohn hinzu:„Sie sind wohl Aristokrat?" „Ja, jedenfalls bin ich nicht Demokrat, und darum ziehe ich„Grand" vor, wissen Sie, oder Engebrett ä la bonne heure! Der Letztere hat bessere Weine, aber dafür hat man von den Fenstern im„Grand" eine Aussicht auf Karljohan! Nicht wahr, Alter?" Er giebt seinem edlen Freund einen gemüthlichen Rippenstoß. „Wenn die Schulstunde aus ist, und alle die kleinen, allerliebsten Käfer da vorbei passiren... Da sind Prachtexemplare darunter, sage ich Ihnen, zarte, kleine Lämmer!... Und doch kokett!... Ach!" Der letzte Ausruf wurde ini feinsten Diskant ge- macht und mit einer entsprechenden Schulterbewegung begleitet.... Die beiden Jünglinge sind fort. Agesttn steht allein in seiner kleinen, ärmlich möblirteu Stube und sieht hinaus auf die Sttaße, wo der Regen fällt. Die niedrigen Häuser sehen so trübe und langweilig aus, hier und da zeigen die grauen Mauern nasse Flecke, auf dem holprigen Straßenpflaster bilden sich kleine Seeen, und das Trottoir ist spiegelblank. Da gehen die beiden Bergenser unter einem Regenschirm, ihre Gestalten spiegeln sich in den Steinfließen des Bllrgersteigs. „Pah!... Du mit Deinen„Käfern" und Deiner verlorenen Vornehmheit! Ehe ich Dich um etwas bitten möchte!..." Agestin dreht sich um und betrachtet mit verdrieß- licher Miene den Schrank, in dem er seinen Eß- vorrath aufzubewahren pflegt. Daß er heute Morgen auch so unvernünftig gefräßig sein mußte, alles Brot aufzuessen, wo er doch wußte, daß... hm! Er öffnet den Schrank. Nichts, absolut nichts! Eine trockene Käserinde, das ist Alles. Er verschlingt sie... Was nun?... Arbeiten?... Dichten?... Mit einem leeren Magen? Ja, warum nicht, das hatte so Mancher vor ihm gethan. Er geht an einen alten, vom Zahn der Zeit arg mitgenommenen Schreib- tisch und nimmt ein fertig abgeschriebenes Manuskript hervor, eine zweite Bauernnovelle, betitelt„Die Eine", auf die er große Stücke hält, und blättert darin. Zu ärgerlich, denkt er, daß der Verleger nicht diese Arbeit anstatt der ersten hat. Wenn er ihm doch nur ant- warten würde! Eine glatte Ablehnung, und er wußte, woran er wäre. Er liest einige Seiten und verbessert ab und zu Härten in der Sprache. Plötzlich holt er aus der Tasche eine dicke silberne Uhr, ein Erb- stück von seinem Vater, Thormod Dalen, das er soeben nach einem weitläufigen parlamentarischen Ntanöver aus der Gastwirthschaft in Söndfjord, wo sie versetzt war, wieder zurück bekommen hat. Sollte er sie nun wieder versetzen?— Unsinn! Morgen würde er ja Geld bekommen. Es war nur dieser ärgerliche Umstand, daß die Uhr gerade auf Zwei zeigte, die Zeit, wo alle anderen Leute hier in der Stadt zu Mittag aßen... Er konnte nicht arbeiten. Sein Kopf war schwer und sein Magen hatte„Affinität zur Volksküche". Er wollte sich auf das Sopha legen und die fatale Mittagszeit verschlafen. Denn schlafen konnte er, wann er wollte. Er legt sich hin, und es dauert nicht lange, da hat er seinen Hunger und allen sonstigen Kummer in Morpheus Arme sanft gebettet.—— Plötzlich fährt Agestin aus dem Schlafe empor, es ist Jemand im Zimmer— der Briefträger. Zwei Briefe! Aha! Er reibt sich die Augen. Der eine ist von Ragnhild, der andere von— Ammerthal. Der Firmastempel steht auf dem Kouvert. In fliegen- der Eile wird der letztere geöffnet. Er enthält nur ein paar Zeilen, eine Aufforderung, in das Verlags- bureau zu kommen, um über die von ihm eingelieferte Novelle,„Der Birkensteig", Rücksprache zu treffen. Dies war keine Ablehnung, das lag klar auf der Hand. Hätte man nichts von seiner Arbeit wissen wollen, würde er sie zurückgeschickt bekommen haben: ein graues, sauberes Packet. O, er kannte diese Sendungen! Sie hatten alle das Unangenehme an sich, daß sie stets ein beklemmendes, würgendes Ge- fühl bei dem unglücklichen Empfänger verursachten. Darauf folgte in der Regel ein langer, einsamer Spaziergang zur Stadt hinaus; auf diesen Touren empfand man nur wenig für die Natur, nur solche Punkte hatten ein gewisses Interesse, die sich besonders gut für einen Selbstmord eigneten. Man kam spät nach Hause, hatte keinen Appetit, rauchte das Zimmer voll und ging früh zu Bett. Menschen wollte man um keinen Preis sehen. Am nächsten Morgen war der Kummer vergessen, und man fing mit doppeltem Eifer eine neue Arbeit an. Nein, hier verbarg sich eine Nebenabsicht. Rück- spräche wollte man nehmen... Worüber? Wegen des Verlags natürlich! Agestin geht einige Male im Zimmer auf und ab. Da war doch noch ein anderer Brief! Ach! Der Brief von Ragnhild! Ganz beschämt thut er ihr in seinem Herzen Abbitte, daß er ihn fast ver- gessen hatte, und öffnet den Umschlag. Mein geliebter Schatz! Ich nenne Dich so, ttotzdem Du in erster Linie alles Andere sein willst, in zweiter erst— mein Schatz. Ach— ich verstehe es ganz gut, 329 Die Neue Welt Illustrirte Unterhaltungsbeilage. ich bin nicht die Erste in Deinem Herzen, sonst würdest Du vielleicht etwas öfter Gelegenheit finden, mir zu schreiben. Du wolltest mich ja auch Deiner Kunst opfern, und wenn ich das ja auch nur thun könnte, was mein Stolz und der Verstand mir rathcn, dann würde ich meine Liebe den Pflichten und der Rücksicht ans meine eigene Seelenruhe opfern. Aber ich kann es nicht! Ich liebe Dich so unsagbar. Ohne Dich giebt es für mich kein Leben, die Stuben auf Solhaug sind leer, seit Du fort bist, o, so unbeschreiblich leer! Der Wald will dies' Jahr nicht grün werden, die Wiesen sind todt und öde. Nur die Birke vor meinem Fenster hat grüne Blätter bekommen — Du weißt doch, die Birke, unter der wir zu- letzt saßen. Da singt eine Drossel vom Morgen bis zum Abend, und viele Anemonen wachsen darunter. Da sitze ich Abends und denke an Dich... Ich will auf die Folkehöiskole*, denn ich muß viel mehr lernen. Vater wird es nicht wollen, aber ich bin allmälig dahinter gekommen, daß ich auch einen Willen habe. Wie furchtbar amüsant finde ich es, daß Du Lehrer bist, und dazu noch für erwachsene Leute, die ihr Studentenexamen machen wollen. Was mußt Du doch Alles können! Ich bewundere Dich, ich liebe Dich und bin Deine Ragnhild.—— Eine Stunde später tritt Agestin in das Verlags- bureau von Louis Ammerthal. Der Chef ist be- schäftigt, er muß warten. Das ganze Comptoir- personal besteht aus Danien, er sieht zwei vorüber- gebeugte Mädchennacken, von denen der eine mit dem lockeren, schwarzen Haar ganz besonders niedlich ist, er hört das Kratzen ihrer Federn in den Büchern und lauscht auf jeden Laut in dem Nachbarzimmer, wo Herr Ammerthal sein Privatbureau hat. Als er kam, hatte es eben angefangen zu regnen, jetzt regnete es stärker, er kann das Wasser aus der Ablaufsrinne neben dem Fenster rechts auf das Trottoir laufen hören. Sein Blick schweift zuin Fenster hinaus. Trüben ist ein offener Platz, er sieht, wie es knospt und grünt in den Kastanien jenseits des Rasens... Wie es regnet!... Die Konferenz da drinnen dauert aber lange... Da kommt ein Herr, triefend naß von der Straße. Er will auch Herrn Ammerthal sprechen. Dieser Mann ist ein Original. Sein Körper ist ungeschickt und etwas fett, ein großer Kopf mit langem, etwas lockigem Haar sitzt schief auf einem dicken, unförm- lichen Hals. Oberlippe und Kinn sind rasirt, der Herr trägt nur einen kurzen Backenbart. Das aus- dmckSvolle Gesicht ist unregelmäßig, aber hübsch sind die großen, offenen Kinderaugen mit dem träume- rischen Ausdruck. Mit nachlässigem Gang tritt er an die Gallerie, welche das Publikum vom Bureau trennt, öffnet die darin befindliche Thür wie Einer, der hier zu Hause ist, und geht leise singend weiter. Dann plötzlich ist es, als ob er aus einem Traume erwacht, er sieht sich um und ftagt:„Ammerthal zu Hause?" Die eine der Damen antwortet:„Herr Ammer- thal ist augenblicklich beschäftigt, dort wartet noch ein Herr auf ihn." Diese Mittheilung, anstatt ihn zu verstimmen, scheint ihn in eine wo möglich noch vergnügtere Laune zu versetzen. Er schlendert im Zimmer zwischen den Danien umher, leise singend und mit der Hand über die Riicklehne ihrer Stühle tastend, als wäre er ganz allein. Agestin merkt, daß die jungen Mädchen sich nur mit Mühe das Lachen verbeißen, der vergnügte Dichter— denn fiir einen solchen hat er ihn sofort geschätzt— merkt garnichts, er wackelt und singt weiter, bis er Plötz- lich wie aus einem Traume auffährt, zum Fenster hinausblickt und sehr vergnügt bemerkt:„Es regnet ja nicht mehr." Er wackelt zur Thür hinaus und vergißt seinen Regenschirm. Kaum ist er fort, da wird von den Schreibpulten der jungen Dainen ein vernehmbares Kichern laut. „Wer ist der Herr?" ftagt Agesttn. * Im Norden sehr populäre Hochschulm auf dem Lande, deren Zweck es ist, den Schülern eine allgemeine höhere Bildung beizubringen. Die mit dem hübschen Racken wendet ihm das Gesicht zu und sieht ihn zum ersten Male an.„Hans Owrc," antwortet sie mit ernster, ehrbarer Miene. Den Namen hatte Agestin oft gelesen. In der Tagespresse waren oft lyrische Gedichte von ihm abgedruckt, die sich durch einen besonderen Farben- reichthunl und Wortklang auszeichneten. In diesem Augenblick öffnet sich die Thür zum inneren Bureau. Ein älterer Mann mit einer Mappe unter dem Arme kommt heraus, gefolgt von einem elegant gekleideten Herrn in der Mitte der Vierziger. Sein intelligentes Gesicht ist bartlos und drückt vor Allem unerschiitter- lichen Ernst aus. Agestin wird durch eine Hand- bewegung aufgefordert, in das Zill erheiligste zu treten. „Ich habe Ihre Novelle gelesen," sagt der Ver- leger, nachdem sie beide Platz genommen haben; die Miene inid der Ton, mit welchen er diese Worte ausspricht, sind so ernst, daß Agestin gleich den Muth verliert. Darauf nimmt Herr Ammerthal aus einem Schubfach ein Manuskript, welches Agestin als das seine erkennt, und sieht es mit finsterem Blick an. „Es wird kein dicker Band." „Nein."... Pause... „Schade, daß Sie nicht noch eine solche Novelle vorräthig haben. Der.Birkensteig' hat mir gut gefallen." „Die habe ich hier!" ruft Agessin und hält „Die Eine" triumphirend in die Höhe. Sein Herz pocht ungestüm vor Freude. „Ach, das paßt ja herrlich! Darf ich sehen?" Ter Verleger blättert nachdenklich in dem zweiten Manuskript, sieht den Verfasser nachdenklich an und sagt:„Ich kann mich natürlich nicht dazu verpflichten, diese zweite Erzählung unbesehen zu nehmen, aber es liegt ja kein Grund vor, an ihrer Güte zu zweifeln. Die Bedingungen, die ich Ihnen stellen werde, sind ungefähr folgende: Ihre Novelle,.Der Birkensteig' und eventuell auch die zweite, die dann mit der ersten in einem Band erscheint, werden in zwölfhundert Exeniplaren gedruckt und kommen im September-Oktober heraus. Ihr Honorar bezahle ich Ihnen, sobald der Druck beendet ist, mit dreißig Kronen fiir jeden Druckbogen." Agestin wußte kaum, ob er seinen eigenen Ohren trauen durfte. „Soweit also die erste Auflage. Sollten mehrere Auflagen folgen, was ich für uns Beide hoffen will, dann gelten fiir diese dieselben Bedingungen. Sind Sie damit einverstanden?" Ein lautes„Ja!", in dem ein schlecht verhehlter Jubel mitklang, war die Antwort. Herr Ammerthal giebt Agestin die Hand, die dieser so herzhaft drückt, daß der Verleger sich nicht eines kleinen Schmerzens- schreis erwehren kann. Darauf begleitet er den jungen Verfasser durch das vordere Bureau, wo bereits drei Herren auf ihn warten, und Agestin taumelt trunken vor Freude auf die Straße. Hier läuft er seinem Freund Christian Johnsen direkt in die Arme, und in seiner fteudigen Auf- regung faßt er ihn an beiden Schultern und schüttelt ihn so heftig, daß ihm der steife Filzhut in den Nacken hinabsinkt. „Mensch, bist Du von Sinnen?" ruft Johnsen lachend. „Von Sinnen?... Ja, das ist schon möglich. Ammerthal nimmt meine Novellen in Verlag und bezahlt sie im Voraus. Glänzende Bedingungen, sage ich Dir!" „Das freut mich! Gratulire! Du hast mich aber so geschüttelt, daß ich einer Stärkung bedürftig bin. Komm, wir wollen im„Grand" auf Deine Zukunft einen Pjolter trinken." „Ich habe wahrhaftig auch eine Stärkung nöthig, aber wenn Du mich feiern willst, Alter, dann feiere mich mit einem saftigen Beefsteak, denn ich habe heute kein Mittagessen bekommen, weil ich keinen rochen Heller besaß."—„Mit Vergnügen!"... Die beiden Freunde sitzen im„Grand", Agestin hat seinen Hunger gestillt. Jetzt trinken sie Pjolter. Vor ihnen auf dem kleinen Marinortisch steht eine halbvolle, gradirte Karaffe mit Kognak und zwei bereits geleerte Sodaflaschen. Agestin's Gesicht ist etwas geröthet, und aus den nielancholischen Augen des Anderen leuchtet es mit ungewohntem Glanz. Die Beiden haben eine jener glücklichen Stunden der Jugend, wo das Herz auf der Zunge liegt, die Seelen sich finden und sich einander frei und zwang- los offenbaren. „Ja, bekonlinst Du nun auch noch eine gute Kritik in den Zeitungen, dann ist Dein Glück hier gemacht. Aber wie Du wohl weißt, wird die Kritik hier zu Lande von vier bis fünf noch ziemlich jungen Menschen gehandhabt, die unter sich eine Kligue bilden. Diese Handvoll junger Menschen ist es hauptsächlich, die bestimmt, was als nordische Literatur gelten darf oder nicht." „Nun, wenn sie ihre Macht nicht mißbrauchen, ist es mir doch lieber, junge, frische Kräfte auf diesem Posten zu wissen, als alte, konservative Philister..." „Ja, wenn..." Johnsen vollendet den Satz nicht, sondern hebt sein Glas:„Ich trinke darauf, daß sie Dich gnädig behandeln werden. Deine Braut wird sich freuen, wenn das Buch heranskommt." „Ja, das hoffe ich. Soeben erhielt ich einen Brief von ihr." „Es geht ihr hoffentlich gut?" „Gewiß; sie schreibt, daß sie die„Folkehöiskole" besuchen will, wir haben ja jetzt eine solche da oben bekommen." „Ja, richsig.. Es ist übrigens ganz inter- essant, zu beobachten, welchen Fortgang diese Schulen hier im Lande gehabt haben, die von so manchen trockenen und unfruchtbaren philologischen Doktrinen gelöst, in Freiheit ihrem idealen Ziele zustreben dürfen." „Gewiß," erwidert Agestin,„man darf sich aber der Erkenntniß nicht verschließen, daß dies eben nur so lange gut geht, wie die Schulen von wirklich ideal veranlagten und bedeutenden Menschen geleitet werden, wie es bis jetzt wirklich der Fall gewesen ist." Johnsen nickt zum Zeichen, daß er zuhört, sieht aber trübe vor sich hin; ein tiefer Seufzer entringt sich seiner Brust. „Ach ja! Du weißt nicht, wie glücklich Du bist, der Du mit einer kerngesunden Tochter der Berge verlobt bist... Ich habe soeben auch Nachrichten von meiner Braut in Kristiansand bekommen." „Nun, und?" „Ihr geht es nicht gut. Ungesundes Blut; alte Beamtenfamilie, die seit mehreren Generationen in der Hauptstadt gelebt hat; es hat sich herausgestellt, daß sie ein Lungenleiden hat." Es tritt eine Pause ein. Agestin will gern etwas Tröstendes sagen, kann aber die passenden Worte nicht finden. Sie sitzen an einem der zwei Ecktische, von denen inan die beste Aussicht auf die Karljohan hat, wie die elegante Promenade der Kürze halber fast ausschließlich benannt wird. Das Wetter ist herrlich nach dem starken Regen. Es hat die Jugend in Schaaren herausgelockt. Die späte Nachmittagssonne liegt golden auf der mächtigen Fa�ade des Reichstagsgebäudes, drüben in den Anlagen grünt und knospt es in jedem Busch, glitzert es aus Millionen von Regentropfen. Ein wonniger Duft, vom leisen Süd- wind getragen, füllt das offene Caft. Menschen kommen und gehen, bleiben auf dem breiten Trottoir im Gespräch stehen oder winden sich aneinander vorbei. Hier wird ein ehrfurchtsvoller Gruß gewechselt, dort ein verstohlener, aber um so verständnißinnigerer Blick, ein Erröthen, ein heimliches Zeichen, Niemand hat es gesehen. Ein junger Mann bahnt sich einen Weg durch das wogende Gedränge und tritt mit einem flüchtigen Gruß an den Tisch, an dem die beiden Herren sitzen. Er ist ein noch sehr junger Mann aus vornehmer Faniilie, groß und sehr schlank. Seine Haltung ist vornübergebeugt, das Gesicht schmal mit einer großen, „aristokratischen" Nase. Der für einen Mann viel zu kleine Mund wird von einem kurzen, schwarzen Schnurrbart beschattet. „Darf ich die zwei Literaten mit einander bekannt machen?... Herr Arne Bing— Agestin K lösten." „Ich war in Deiner Wohnung, Johnsen, der Telegraphcnbote ist zweinial da gewesen, und um sieben Uhr will er zum dritten Mal wiederkommen." Johnsen sieht nach der jllhr und erhebt sich. „Dann muß ich mich beeilen. Ich laufe schnell nach Hause und komme in einer halben Stunde wieder. So lange bleibst Du wohl sitzen, Agestin?" 323 „Ich gehe mit Dir," sagt Arne Bing. Die beiden Herren verlassen das Lokal, Agestin sitzt allein und wartet. Da kommt eine lärmende Gesellschaft von jungen Menschen, ihr Anführer ist Bastian Lange. Er ist etwas angeheitert, redet laut und tritt in einer protzigen, auffälligen Weise aus. Da er keinen anderen freien Platz finden kann, kommt er schließlich auf Agestin's Tisch zu. „Daß Du die Nase im Gesicht behältst!" ruft der angeheiterte Bastian.„Sitzt da nicht mein hoch- verehrter Lehrer und Magister? Ich denke, Sie lieben dieses Lokal nicht? Sie ziehen ja die Volks- kiiche vor! Hahaha!... Denkt Euch, Kinder... er zieht die Volksküche vor!... Aber darf ich nicht vorstellen: Peter Grün, auch der grüne Peter genannt, David Lunde, Salomon Saß, auch Salo- monsky genannt, und Eyolf Kragh, und so weiter. Die Namen der anderen Herren haben noch keine Rolle in der Weltgeschichte gespielt— und mein hochverehrter Magister, Augustinus Martinas Klöften, Studentenfabrikant und Dichter von Gottes Gnaden, Demokrat und Volksküchenabonnent... Die übrigen Plätze hier sind doch frei?" Lärmend drängt sich die Gesellschaft um den Tisch, und nach einigen Bemühungen, die nöthige Anzahl Stühle anfzutteiben, haben sie Alle Platz bekommen. „Wir trinken doch Alle Pjolter?... Was meint Ihr zu einer Flasche Hennessy?... Ich habe den verdammten Whisky satt! Gurion!... Pst!... Eine Flasche Hennessy-Kognak und sieben Sodawasser! Und darf ich dann gefälligst um die hohen Krystall- kelche bitten? Ich kann die plebejischen Gläser nicht verknusen!... Sollte der Oberkellner Schwierig- leiten machen, dann sagen Sie ihm nur, es wäre Bastian Lange, der es bestellt hätte, das wird schon helfen." Der verlangte kostbare Hennessy kommt und die Krystallkelche auch. Die jungen, bereits etwas an- getrunkenen Menschen zechen weiter, erzählen pikante Anekdoten und reden über Damen vom Theater, über Ehansonettensängerinnen und andere interessante Frauen mit großer Sachkenntniß. Plötzlich fragt Salomon Saß, dessen Aeußeres und Auftreten den verwöhnten Sohn reicher Eltern verräth:„Entschuldigen Sie, Herr Dichter, womit werden Sie uns gewöhnliche Sterbliche demnächst beglücken?" Agestin sieht den Fragenden zuerst überrascht an, im nächsten Moment empfindet er das Ver- letzende, das im Ton und in der ganzen Art des Fragens liegt, umsomehr, da die Anwesenden, Einer nach dem Anderen, in ein schallendes Gelächter aus- brechen. Das Blut steigt ihm rasch zum Kopf, und in seinem singenden, heimathlichen Dialekt antwortet er schroff:„Darüber mag ich nicht mit jedem be- liebigen Grünschnabel reden." Es tritt eine augenblickliche Stille ein. Der soeben Zurechtgewiesene bereitet sich auf einen neuen An- griff- vor. Eine zweite Flasche Kognak und eine ganze Batterie von Sodawasserflaschen werden gebracht. Die Zecher füllen ihre Gläser. Bastian Lange wendet sich als liebenswürdiger Wirth an Agestin, der finster und mit zusammengekniffenen Lippen da sitzt, und fragt:„Wollen Sie Ihr Glas nicht füllen, oder mögen Sie keinen Pjolter?" „Eigentlich mag ich das Zeug nicht, aber... jetzt... gerade jetzt wäre es vielleicht nicht übel!" Er macht sich einen sehr kräftigen Pjolter zurecht. „So, das lobe ich mir, stärken Sie Ihre Lebens- geister und geben Sie meinem Freund Salamonsky ordentlich Bescheid. Er interessirt sich lebhaft fiir die moderne Literatur." „Nicht für die Banernliteratnr," wirft Sala- monsky mit höhnischer Betonnng ein. „O, sage das nicht!" ruft du Dritter,„die Bauernliteratur hat viel für sich...." Er wird von Anderen übertönt. Einer redet von der Wiedergeburt des Nationalitätsgefühls, ein Anderer brüllt etwas von einer Oase in der Wüstenei des Naturalismus, Alle sind sie mehr oder weniger bezecht und stoßen mit der Zunge an. Die Sonne ist hinter dem Schlosse untergegangen, das Gas noch nicht angezündet. Im Cafe und auf der Straße herrscht ein Halbdunkel, das diesen Auftritt insofern begünstigt, daß er nicht allzuviel Aufsehen erregt. Salamonsky, der in aller Stille sich auf einen neuen Angriff vorbereitet hat, fragt jetzt mit katzenfreundlicher Stinune:„Verzeihen Sie, Herr Augustinus, sind Sie es etwa, der im„Oere- blatt" die tägliche volksküchenthiimliche Wochenüber- ficht verfaßt?" Ein schallendes Gelächter. Agestin erhebt sich blitz- schnell und mißt mit den Augen die ganze johlende Gesellschaft. Dann dreht er, ohne ein Wort zu sagen, der ganzen Versamnilung den Rücken, nimmt seinen Hut, verläßt den Tisch und tritt auf die Straße. Bastian Lange, der, trotz seines Rausches, fühlt, daß er als Wirth für das Geschehene die Verantwor- iung ttägt, eilt ihm nach und will ihn besänftigen, aber in demselben Augenblick kommt auch der Kellner und macht Agesttn unter vielen Entschuldigungen darauf aufmerksam, daß seine und Johnsen's Zeche noch nicht bezahlt ist. Agesttn aber, in dem es innerlich vor Wuth kocht, faßt Basttan Lange an der Schulter und schleudert ihn dem verblüfften Kellner mit den Worten in die Slrme:„Hier, nehmen Sie diesen Goldfisch als Deckung meiner Schuld!" Eine Sekunde darauf ist Agestin in dem Gewühl der Spaziergänger verschlvunden.—* tFortsetzung folgt.) Zlwernkriege des römislhen Merjjjluns. Von Ernst Wahrmund. �Tv! enn vom Bauernkrieg die Rede ist, denkt SckSiv man gemeinlich an die große deutsche Banernerhebnng zur Zeit der sogenannten Reformation, die in Wahrheit eine große soziale Revolutton war. Die Landfrage, die Quelle aller Bauernkriege, ist aber uralt, schon im grauesten Alterthum, in Hellas und Rom, begegnen wir ihr. Die Klein- dauern Attikas, von Lokris, von Mitylene, von Me- gara, wie die Plebejer Mtroms sind die hauptsächlich in Betracht kommenden Klassen, welche die Demo- kratien des klassischen Alterthums errichteten. Der Vergleich ihrer Bedrücker und Peiniger, der groß- grundbesitzenden Adeligen, mit dem Adel der Re- formationszeit wie mit dem der ostelbischen Junker unserer Tage ist überraschend zutreffend. Dasselbe Schauspiel, das Aufsaugen des kleinen Landbesitzes durch den gierig schlingenden Großgrund- besitz, hatte auch schon das alte Israel geboten, und die großen Propheten, welche dagegen mit glühendem Agitatoreneifer austraten, sind die gewaltigen Führer des Volkes zu sozialen Reformen. Es ist bekannt, wie die gemeinfteien kleinen Bauern des griechisch-römischen Alterthums durch Verschuldung in Schuldknechtschaft ihrer Bedrücker geriethen und zu gleicher Sklaverei herabgedrückt wurden, wie die kriegsgefangenen Bewohner unter- jochter Gebiete und die Angehörigen besiegter, blut- ftemder Völker. Ein irländischer Schriftsteller, John Koll Tu- gram, sagt uns, warum die Frage der antiken Sklaverei fiir die modernen Lohnarbeiter so intcr- essant und wichttg ist. Er erklärt kurz und bündig: „Aus der Sklavenklasse, wie die Römer sie in den von ihnen unterjochten Ländern organisirten, hat sich das moderne Proletariat entwickelt." Jedoch nicht ohne Zivischenstufen. Es kam die Zeit, wo die Arbeitsorganisation des Alterthums, die Sklaverei, sich nicht mehr halten konnte. Und dies ist nicht, wie man gefabelt hat, das Werk des Christenthums, sondern veränderter wirthschaftlicher und sozialpolitischer Zustände. Als Rom zu einem internationalen Weltreich anschwoll, und einer Provinz nach der anderen das römische Bürgerrecht verliehen wurde, wurden die Jagdgründe fiir Auftreiben von Kriegssklaven, der Waare für Sklavenmärkte, immer mehr eingeschränkt. Die zahl- losen Freilassungen verringerten weiter den Vorrath von unfreien, d. h. staatsrechtlich unfreien, sklavischen Arbeitskräften innner mehr. Schon das Alterthum kannte seine staatsrechtlich freien, aber wirthschaftlich in tiefem Druck und Elend dahin lebenden Hand- werker, Arbeiter und Tagelöhner, deren Jnanspruch- nähme für den Unternehmer sich billiger stellte, als wenn er jahraus jahrein große Heelden von Sklaven dauernd unterhielt und, wenn auch elend genug, speiste, bekleidete und behauste. Eine Veränderung doppelter Art ging durch die Einschränkung der Sklavenarbeit vor sich, die Schätzung der Arbeit stieg, andererseits aber nahm trotz alledem die Geringschätzung der Leute, die um Lohn und Brot arbeiteten, nicht ab. Man vergaß eben nicht mit einem Schlage, daß deren Arbeit vor Kurzem noch von Sklaven geleistet wurde. Dazu kam, daß der absolute Cäsarismus, besonders in seiner brutal militärischen Form des römischen Cäsarismus alle Freien in ihrer staatsbürgerlichen Geltung herabdrückte. Dies Alles wirkte zusammen, daß die Reichsgewalt zu Zeiten daran denken mußte, neue soziale Organisations- formen zu suchen; und zwar ging die Bewegung in der Richtung des alt-orientalischen Kastenwesens, wie ja gewöhnlich alle Reformen von oben in Wahrheit Rückschritt darstellen, bei welchen ans den Fugen gehende Organisationen in alte Ordnungsschablonen eingezwängt werden sollen. Beamtungen, Berufe und Beschäftigungen wurden förmlich persönlich und erb- lich festgelegt. Hatte schon das Kaiserthum der Julier angefangen, eine eherne Bureaukratie zu schaffen, so ging diese Entwickelung noch entschiedener vor sich im dritten und vierten Jahrhundert, wo die soziale Zersetzung zu sttafferer Organisation drängte. Unter den bedeutenden Soldaten- und Bureaukraten- kaiseni, am deutlichsten bei Diocletian, machte sich das Bestreben geltend, die Arbeit zu militarisiren und zu bureaukratistren. Mehr oder minder ward Jedermann als Diener des Staates betrachtet und behandelt; Aemter wie Handwerke wurden erblich, und der staatliche Druck, durch den ihre Inhaber in ihrer Selbstbestimmung und Freiheit ganz gewaltig beeinträchtigt wurden, machte sie den Sklaven ähnlich, die ihrerseits aufsttegen und mit den„freien" Ge- werbearbeitern zusammen unmerklich in den neuen Stand der Hörigen übergingen. Eine besondere Berücksichtigung als Vorläufer der eigentlichen Leibeigenen und Hörigen verdienen die römischen Colonen, die Pächter von Grund und Boden, persönlich freie aber an die Scholle ge- bundene kleine Landwirthe. Diese rekrutirten sich aus kleineu freien Leuten, die der Staat ansiedelte gegen Erlegung einer bestimmten Pacht und mit der Pflicht, auf der Scholle zu bleiben, theils solchen Pächtern aus Privatvertrag, deren Freizügigkeit durch große Schuldenlast hinfällig geworden war, theils aus gefangenen oder eingewanderten Ausländern, oder Eingeborenen eroberter Landstriche, die zu be- bauen den Eroberern, speziell den Antheilempfängern an der Beute an Grund und Boden, die nöthigen Arbeitskräfte(Sklaven) eben jetzt fehlten. Diese Colonen waren verpflichtet, einen Theil des Ertrages aus dem von ihnen bebauten Lande dem Großgrund- Herrn oder dem Staat abzuliefern, außerdem auf den Gütern des Herrn, die dieser selbst verwaltete, oder auf den Domänen des Staates— wenn sie Staatsland in Pacht hatten— bestimmte Arbeiten zu leisten. Tie Pächter von Privatland mußten natürlich auch Staatsstenern entrichten, für deren richtige Ablieferung die Großgutsherren verantwort- lich gemacht wurden. Das war schon ziemlich all- gemeiner Zustand der Bauern im römischen Kaiser- reich, lange bevor Konstautin der Große sie für an Grund und Boden gebundene Leute erklärte (332 n. Chr.). Der Colone, welcher sein Anwesen verließ, wurde mit Gewalt zurückgebracht und be- straft, wer ihn aufnahm, mußte ihn wiederbringen und Strafe zahlen. So standen die Dinge auch in Gallien, d. h. Frankreich mit einem Theile Norditaliens, mit Belgien und Theilen Germaniens oder Deutschlands. Auf dem jungfräulichen Boden Galliens, den dichte Urwälder, ausgedehnte Brachfelder, unregulirte Sttöme und ivenig zivilisirte Menschen einnahmen, 324 Die Reue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. als die Römer das Land betraten, vollzog sich von da ab eine gewaltige Umwandelung. Gallien ward ohne Frage am schnellsten und gründlichsten romani- sirt. Flachs- und Ackerbau, von altersher betrieben, wurden verbessert, Reben- und Obstkriltnr eingeführt, die Wälder nutzbar gemacht: die Sagemühlen wurden in Gallien erfunden. Auch die Viehzucht(Rinder,. Pferde, Schafe, Schweine, Hunde, Gänse usw.) nahm größeren Aufschwung. In den Städten erblühte das Gewerbe, das römische Straßennetz hob Handel, Aus- und Einfuhr mächtig. Reben dem Großgrund- besitz gedieh auch der mittlere und kleine. Für die gallischen Bauern war ja die römische Herrschast anfangs eine Erlösung vom Druck des eingeborenen Adels. Ein neuerer österreichischer Historiker* erklärt: „Frankreich ward schon damals das Land der kleinen Propric'taires und deshalb eine einträgliche Steuer- quelle." Unter zweihnndertjähriger Römerherrschast ver- doppelte sich die Einwohnerzahl. Diese Epoche des Aufschwunges gerieth aber in's Stocken, als die An- bahnung neuer Verkehrswege, die Einfiihrung neuer Erwerbsarten, die Bodenverbesseningen durch Rodung, Bewässerung und Entsnmpfung, und vor Allem der Friedenszustand aufhörten. Wie in allen Provinzen des Römerrciches am Ende des dritten und im Anfang des vierten Jahr- Hunderts„organisirten" die am meisten bedrückten Kleinbauern„ihren Bundschuh und nahmen statt des Pfluges das Schwert in die Hand".(Jung.) In Gallien nannten sich die Revolutionäre Bagauden oder Bacauden, niit einem Worte, das als Eigen- name von Personen(Bacauda) öfter in den Ge- schichtsquellen vorkonnnt, aber von manchen Forschern als: Rotten, Banden gedeutet wird. Schwer lasteten die seit Julius Cäsar von jähr- lich 40 Millionen Sesterzen(7016400 Mark) immer mehr, schon unter Angustus auf 12 500 Talente (za. 56 000 000 Mark) gestiegenen, unter Konstantin etwa das Fünffache betragenden Steuern auf Gallien. Die Stagnation der sozialpolitischen Fortschritte, die Ausbeutung und Bedrückung des Landes durch die Großen, außerdem die Barbareneinfälle in das gallisch- römische Gebiet thaten das klebrige. Entlaufene Sklaven, zahlungsunfähige Schuldner, verzweifelte Colonen thaten sich zu Feinden der bestehenden Ge- sellschaftsordnung zusammen. Hatten sich schon oft meuternde römische Heere in den Provinzen der Zentralgewalt entzogen und ans ihren Führern einen Herrn der Welt, einen Kaiser aufgestellt, so griff auch die Bagaudrie im Jahre 285 dazu, zwei ihrer Führer, Aelianus und Amandus in gleicher Weise zu erhöhen. Es haben sich Münzen dieser Bauernkaiser erhalten, deren eine die bezeichnende Inschrift„Hoffnung" trägt. Zunächst trug die Erhebung alle Kennzeichen eines durch empörenden Druck hervorgerufenen Rache- durstes, welcher die wilden(besser wild gemachten) Massen zu Raub, Mord und Brandlegung gegen die Flecken und offenen Städte des Landes führte. Trotzdem war die Empörung national, volksbeliebt; die Bagauden galten als Vertheidiger und Rächer der Unglücklichen und Bedrückten. Kaiser Diocletian sandte seinen Mitregenten Maximianns nach Gallien, wo die Bagauden da, wo Marne und Seine zusamihenfließen, ihr Hauptquartier hatten, nach welchen! sie die Beute ihrer Raubzüge zusammenschleppten. Dem erfahrenen und rücksichtslosen Haudegen gelang es, die Bagauden, deren Schaaren schlechte Waffen und wenig Mannszncht hatten, in wenigen Wochen zu Paaren zu treiben. Zwei Jahrhunderte lang hörte man nichts wieder von der Bagaudrie, dieser Jacquerie des gallisch- römischen Alterthums. Im fünften Jahrhundert trafen wieder äußere Bedrängnisse der Reichsregiernng mit unerträglichen Wirthschaftsznständen unter der Kleinbauernschaft, hervorgerufen durch den Egoismus der herrschenden Stände, zusammen, so daß die Bauern in Schaaren zu den Barbaren entwichen oder, wenn und weil sie ihre Habe nicht mitnehmen * Jung, die romanischen Landschaften des römischen Reiches, 1881. konnten und doch ihren Besitz erhalten wollten, Ba- gauden, Rebellen wurden. An diesem zweiten Akt der gallischen Bauern- revolution ist besonders bemerkenswerth die Antheil- nähme und moralische Unterstützung der Bewegung durch wissenschaftlich gebildete Männer. Ein Arzt Eudoxins spielte eine große Rolle, mußte freilich am Ende zu den Barbaren entfliehen. Wichtiger noch war es, daß Salvianus, der sozialreformatorisch gesinnte Presbyter von Massilia (Marseille) geradezu für die Bagauden eintrat. Gegen das historische Recht der römischen Advokaten verwies er auf das allgemeine Menschenrecht. Jenes habe die armen Leute zur Verzweiflung gebracht und zu Reichsfeinden und Räubern gemacht. Nachdem man sie ruinirt und abgemeiert habe, blieb ihnen nichts weiter übrig, als Bagauden zu werden. Die eigentlichen Bagaudenkämpfe sind schwer zu trennen von den Einfällen der Germanen, und deren Abwehr durch das Reich ist schwer voneinander zu halten, da ja die den Germanen zufallenden Gallier auch Bagauden, Reichsfeinde waren. Die„Reichs- treue" der Großgrundbesitzer, die entweder Römer waren, große Macht und Besitzungen, oder doch Senatoren- und andere Würden erlangt hatten, be- ruhte auf der Gewährleistung ihrer Macht- und Besitzstellung durch das Reich. Diesen„Römern" gegenüber hofften die armen Leute und Kleinbauern ihr Interesse besser gewahrt durch Losreißung Galliens von Roni. Eine Regierung wird eben allzeit genau so lange geschätzt, wie sie nützlich, und von Denen geschätzt, denen sie nützlich ist. Da man sich unter den ger- manischen Eindringlingen(Gothen u. A.) freier fühlte als unter dem Reich, erschien dies als überwundener Standpunkt, und ebenso sehr infolge der inneren wirthschaftlichen Zersetzung als unter der Wucht des Anpralls barbarischer Völker krachte endlich das römische Weltteich zusammen. Nicht unbemerkt bleibe, daß in einzelnen Gegenden Galliens der Reichsgedanke gerade in den letzten schwierigsten Zeiten von den Eingeborenen hoch- gehalten; wo sie nämlich nicht ganz verelendet und ausgebeutet waren, und, der Segnungen römischer Kultur eingedenk, treuer zum Reiche standen als selbst die römischen Beamten, welche zum Theil gegen gptes Barbarengeld das Land an die Barbaren ver- riethen, wie der 469 Hingerichtete Seronatus, den ein alter Geschichtsschreiber den„Catilina seiner Zeit" genannt hat, und der das Avernerlaud an die Gothen verrieth, während die Averner selbst das Reich schütz- ten, schließlich aber doch von Kaiser Nepos als Preis für den Frieden den Gothen geopfert wurden (475 n. Chr.).— Die Technik des Webens. Von K. Strnhr. ie Weberei verdient eine ganz besondere Be- achtung, schon deshalb, weil sie zur stühesten Bethätigung menschlichen Scharfsinnes und künstlerischer Gestalttmgskraft gehört. Als das ur- sprünglichste und einfachste Erzeugniß der Textilknnst bezeichnet Gottfried Semper den aus ineinander geflochtenen Zweigen gebildeten Zaun, als die nächste Stufe die aus Rohr oder Binsen geflochtene Matte; und schon in dieser machen sich, den damaligen Er- zeugern ganz unbewußt, durch Verivendung verschiede- ncr Materialien und dadurch bedingter Musterungen Anfänge einer textilen Kunst bemerkbar. Das Wohl- gefallen, welches die Menschen an einer reicher ent- falteten Blume, an einem schöneren Menschen und an der Ordnung und Zweckmäßigkeit seiner Um- gebnng fanden, führten begabtere und sinnigere In- dividuen dahin, auch in ihrem Materiale die Gesetze der Ordnung, der Ranmtheilung und der Farben- Harmonie zu verwirklichen. Unsere heutigen Natur- Völker zeigen in ihren Produkten noch jetzt ganz deutlich diese Momente; die Bastmlltzen der afrika- nischen Neger weisen häufig überraschend sinnige Effekte auf, die lediglich durch verschiedene Materialien und Vcrflechtungsweisen entstanden sind. Diese Neger haben sicher keine Webschulen besucht und Bindungslehre studirt, und trotzdem brauchte sich mancher Weber nicht zu schämen, aus der einfachen Bindung solche Variationen zusammengestellt zu haben. Es mag indessen nicht ganz in Abrede ge- stellt werden, daß diese Produkte zum Theil aus dem Umgang mit Kulturmenschen resultiren. Ter durch die gesammte Natur gehende Zug des Schmückens, des Verschönerns der äußeren Formen, welche Darwin an so eklatanten Beispielen nach- gewiesen hat, mußte auch an dem Naturmenschen hervortteten; es ist sogar anzunehmen, daß dieser Zug der Kräftigere war, der dem Trieb des Sich-Schützens vorangegangen ist. Infolge dessen mögen auch die ersten textilen Erzeugnisse dem Schönheitssinn gedient haben. Dem Bedürfniß, sich gegen äußere Unbilden zu schützen, entsprachen ivohl zuerst die Thierfelle, und erst später löste die Weberei das Zubinden und Zusammenschnüren der Felle durch Riemen oder dergleichen ab. Es lassen sich viele interessante Hypothesen aufstellen, wie in den Jahr- taufenden, welche vor der uns bekannten Zeit liegen, die primitivsten Anfänge des Flechtens, Knüpfens und Webens auf einander folgen. Die ältesten Funde bestätigen, daß Hanf, Flachs, Baumwolle und Nessel mit solchem Scharfsinn schon in der Urzeit als die zweckentsprechendsten Materialien ent- deckt und kultivirt sind, daß wir wesentliche Be- reicherungen in der geschichtlichen Zeit nicht kennen. Die Herstellung eines Gewebes, d. h. eines größeren Stückes, wie solches zur Bekleidung gebraucht wird, setzt schon gewisse Hülfswerkzeuge voraus und seien dieselben auch noch so primitiv, während Flechten und Knüpfen ohne solche ausführbar sind. Schon aus diesem Grunde kann man die Weberei im heutigen Sinne wohl als die letzte Stufe der textilen Entwickelung ansehen. Betrachtet man ein Gewebe genauer, so findet man, daß dasselbe ans rechtwinklich sich kreuzenden Fäden zusammengesetzt ist, die der Richtung entsprechend meist auch in Qualität verschieden sind. Bei größeren Stücken, an denen die Webkante ge- blieben ist, läßt sich sehr leicht Kette und Schuß — so heißen die beiden Qualitäten— feststellen; die an der Webkante sich anschlingenden Fäden heißen Schußfäden und sind meist aus schlechterem Material als die Kette; bald einen oder mehrere Kettfäden über sich lassend, bald über dieselben hinweg steigend, nehmen sie ihren Weg von der einen Seite zur anderen, kehren dann um und nehmen ihren Weg zum Ausgangspunkt zurück. So reiht sich Schuß an Schuß, bis das Gewebe die gewünschte Länge erreicht hat. Die primitivste Form des Webens ist das Stopfen, wie es häufig zur Ausbesserung schadhaft gewordener Stellen in Kleidungsstücken und Strümpfen aus- geführt wird. Mit einer Nadel werden Fäden erst nach einer Richtung parallel nebeneinander straff au- gereiht und in senkrechter Kreuzung zu diesen andere Fäden so durchgezogen, daß beim ersten Mal der erste, dritte usw. Faden unter die Nadel genommen wird, beim zweiten Mal die übrigen, also die zweite Hälfte. Das auf diese Weise gewonnene Gewebe- stück zeigt genau die Merkmale in der Fadenkreuzung wie Leinwand, weshalb man jedes Gewebe, in dem je die Hälfte Fäden über, die andere Hälfte unter dem Schußfaden liegt, einfach Leinwand oder auch lein- wand-bindig nennt; wenn man die Kreuzungsweise fiir sich betrachtet, spricht man von Leinwandbindung. Jedoch nicht alle Gewebe, welche diese Kreuzung der Fäden zeigen, nennt man Leinwand; banm- wollenes Gewebe in dieser Herstellungsweise heißt Kattun(Cotton), Leinwandgewebe aus Wolle(Schaf- wolle) heißt Flanell, aus Kammgarn Mmiffelin und aus Seide Taffet. Bleiben wir bei unserem primitiven Beispiel und führen eine andere Krenzungsweise aus: Faden eins, zwei über die Nadel, drei, vier unter dieselbe usw. bis zu Ende. Der Nachbarfaden(Schuß) mit derselben Fadenfolge ausgeführt, jedoch bei zwei anstatt bei eins angefangen, den dritten ebenso wieder um eins weiter gerückt, ergiebt im Gewebe zwei deutlich erkennbare, gleich breite Diagonallinien, die AeimKeHr VSM Keringsfang. Nach dem Gemälde von H. W. Mcsdag. (Mit Genehmigung der Photographischen Gesellschaft in Berlins 336 Me Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. typischen Zeichen der„Köperbindung". Das Wort „Köper" ist für gewisse Stoffe ganz allgemein ge- bräuchlich, ohne daß den meisten Käufern bewußt wäre, was damit eigentlich ausgedrückt ist. Es be- zeichnet das Wort Köper also nicht einen bestimmten Stoff, sondern ein nach einer bestimniten Kreuzungs- weise der Fäden hergestelltes Gewebe. In dieser Köperbindung giebt es eine ganze Reihe Variationen; durch Versetzung der Kreuzungspunkte entsteht aus diesem Köper, der auch kurzweg 2-2 genannt wird, der sogenannte Kreuzköper, indem nämlich die Bindungspunkte des dritten und vierten Schusses vertauscht werden; die Schußfolge ist dann eins, zwei, vier, drei. Da die Kreuzungsweise vier Fäden umfaßt, nennt man diese beiden Köper auch vier- bindig. Eine Zahl mit der Bezeichnung„bindig" sagt also, innerhalb wie viel Fäden eine Kreuzungs- weise vollendet ist; eine solche Fadengruppe heißt auch ein Rapport. Innerhalb vier Fäden ist außer diesem Köper 2-2 noch eine andere Möglichkeit der Abzählung gegeben, nämlich 1 und 3; in Wirk- lichkeit giebt es auch einen Köper 3-1, der dadurch entsteht, daß man entweder nach unserem Beispiel die ersten drei Fäden auf die Nadel nimmt und den vierten unter dieselbe oder umgekehrt. Man erhält bei dieser Bindungsweise nicht zwei gleiche Diagonallinien, sondern eine breite und eine schmale, die, wenn sie von verschiedener Farbe sind, unter Umständen recht effektvoll aussehen. Aehnlich lassen sich auch höhere Fadenzahlen variiren, z. B. sechs als 3-3, 2-4 zc., acht als 4-4, 3-5 u. s. f. Bei allen ist jedoch Bedingung, daß der nächste Schuß- faden, oder in dem angeführten Beispiel der nächste mit der Nadel in die parallelen Fäden in senkrechter Richtung eingezogene Faden, zwischen den parallelen um eins weiter rückt; gerade dieses Moment unterscheidet die Köperbindung von der nächsten Kategorie der Bindungen, der Atlas- oder Satin- bindung. Nach dem Gesagten bleibt über die letztere eigentlich nicht mehr viel zu erklären übrig. Nimmt man als Grundzahl fünf Fäden an, so kommt bei dein ersten Schuß der erste Faden, beim zweiten Schuß der dritte, beim dritten Schuß der fünfte usw. über die Nadel, die übrigen unter dieselbe oder um- gekehrt; es rückt also die Kreuzung um mehr als einen Faden weiter, als Regel nimmt man gewöhnlich eine kleine Zahl, die in dem Fadenrapport nicht aufgeht. Dadurch, daß kein Bindungspunkt einen Nachbar berührt, kommt die eine Fädensorte nirgends als zusamnienhängende Linie zum Ausdruck, und bei genügender Fadendichte entsteht so das bekannte Atlasbild. Die Grundzahl sechs vermeidet man ge- wöhnlich für Atlasbindung, da die kleineren Zahlen zwei und drei in derselben aufgehen, dagegen ist sieben besser, jedoch auch diese ist nicht besonders gebräuchlich, aus technischen Gründen, die später erörtert werden sollen. Am häufigsten verwendet sind die Grundzahlen acht und zehn, beide mit drei weitergesetzt. Um solche Fadenkreuzungen, auch Muster genannt, bildlich darstellen zu können, bedient man sich des zu Stickereivorlagen verwendeten, mit kleinen Qua- braten versehenen Papieres, Muster- oder Patronen- papier genannt. Alan betrachtet die Zwischenräume zwischen je zwei senkrechten Linien als Kettfäden, die Zwischenräume zwischen je zwei wagerechten als Schußfäden. Die Kettfäden, welche im Gewebe über dem Schuß liegen sollen, werden in dem Muster- bild— auch Pattone genannt— mit Farbe voll- gezeichnet; Leinwand angenommen, geht der erste Kettfaden hoch, der zweite bleibt unten, der dritte geht hoch u. s. f. Im Musterbild wird demnach das erste Quadrat vollgezeichnet, das zweite bleibt leer, das dritte ist wieder voll usw. Beim zweiten Schuß gehen, wie vorhin schon ausgeführt, die Fäden hoch, welche beim ersten Schuß unten geblieben waren, das heißt für die Patrone also, daß das zweite, vierte, sechste usw. Quadrat mit Farbe aus- gefüllt wird. Der dritte Schuß ist wieder wie der erste, der vierte wie der zweite k.; man erhält also ein Bild wie das bekannte Schachbrett, eine Leiuwandpattone. Genau so verfährt man beim Zeichnen der Köper- bindung, bei welcher zwei Fäden hoch gehen und zwei liegen bleiben; die ersten zwei Quadrate werden vollgezeichnet, die beiden nächsten bleiben leer, dann wieder zwei voll u. s. f. Für den nächsten Schuß soll der Kreuzungspunkt um einen Faden weiter rücken, es wird mithin der zweite und dritte Faden resp. das zweite und dritte Quadrat gezeichnet, das vierte und fünfte bleibt leer, das sechste und siebente wird gezeichnet, dann werden auf dem Musterpapier schon ganz deutlich die beiden gleich breiten Diagonal- linien sichtbar werden, ebenso bei Köper 3-1 die beiden ungleichen. Die übrigen Köperbindungen und Atlasse sind nach diesen Angaben ebenfalls sehr leicht herzustellen. Haben wir so gesehen, was eine Bindung ist, wie dieselbe entsteht und dann bildlich dargestellt wird, so bedarf es wohl keiner besonderen Erklärung mehr, daß man die Sache ebensogut rückwärts kon- struiren kann, oder mit anderen Worten, es ist nicht nöthig, daß man erst ein Gewebe hat und nach diesem das Musterbild, die Patrone zeichnet, sondern daß nian sich ein Musterbild entwirft und nun dem Weber aufgiebt, danach eine Waare zu fertigen. Der letztere Weg ist der in der Praxis gebräuchlichere; es kommt selten vor, daß.ein fertiges Gewebestllck zerlegt wird,(decomponirt), weil für gewöhnlich, wenn ein bestimmtes Muster nachgeahmt wird, es nur auf den Geschmack, auf das Aussehen ankommt und nicht auf die fadengetrene Wiedergabe. Es läßt sich sogar dies nicht immer ausführen. Ein Muster, welches vielleicht in Seide gewebt ist, kann unmöglich in Wolle oder Baumwolle in derselben Fadenzahl nachgemacht werden, weil letztere Materia- lien bedeutend stärker sind, das Muster also noth- wendig dadurch viel größer ausfallen würde; ebenso sind die Bindungen der Seide für solche Waareu nicht verwendbar. Wie hier im Kleinen die Zeichnung des Muster- bildes für glatte Stoffe angedeutet, so vollzieht sich auch die Herstellung der Patrone für größere Muster wie Blumen u. dergl., es ist überall Grundgesetz, daß die Kettfäden, welche auf der rechten Seite sichtbar werden sollen, in der Patrone mit Farbe ausgezeichnet werden. Hat man eine Vorlage, ein Gewebebild, ein gedrucktes oder sonst irgendwie her- gestelltes Motiv, so wird dasselbe in vergrößertem Maßstab auf das Pattonenpapier aufgezeichnet und die Bindungen, welche dem Gewebe das der Vor- läge entsprechende Aussehen geben, eingefügt. Soll die Figur sich möglichst scharf abheben, so wählt man vielleicht eine Atlasbindung, während der um- gebende Grund des Gewebes in einer möglichst kurzen Bindung, Leinwand oder ein ganz unregel- mäßig versetzter Köper, oder endlich in einer ge- mischten Bindung, Krepp genannt, gehalten ist. Regeln lassen sich in dieser Beziehung nicht angeben, es ist vielmehr Sache des Patroneurs, gestützt auf jahrelange Erfahrungen, die jeweilig richtige Bindung zu treffen.— "Die rocrndernde"Düne.* lSyCt.) (torau hängt der Nebel über der öden Zee Qndlos, gestaltlos, schwer und herzbeklemmend. Zuweilen durch der Brandung Rauschen hallt Angstvoll und schrill, Wie der Hülseruf eines.Ertrinkenden, Ein Növenschrei... Ztoßweis aus Westen kommen scharfe Böen Heraufgefahren, Daß ein ßlüstern und Rascheln und Schwirren geht Durch die dürren Halme der Dünenschlucht; Daß der Wandrer hastig die Augen schließt vor den Zlugsandwirbeln, Die neckisch und koboldgleich Ihn umranzen im Kreis... And plötzlich gewahrt er, erstaunten Blickes, Wie schwächer und schwächer Wit jeder Sekunde Die Spuren der Schritte werden, Die tief geprägt er und scharf umrissen * Aus„Strandgut". Gera. Karl Bauch. Im Neersand zurückließ. Roch wenig LTCinuten— und ausgelöscht Sind sie vom Sittig des eilenden Windes, Als ob hier nimmer ein Mensch gewandelt. Züngelnd, wie beutegierige Nattern, Schlängeln sich Bächlein trockenen Sandes Herab von der Höhe des Dünenhanges, Und wo sie sich schlängeln, verschwinden die Sräser Und die röthlichen Elöckchen der Erika Wie die goldnen Blüthen am Einsterstrauch Unter fahler, erstickender Decke, Langsam, doch unaufhaltsam und rettungslos. Ja selbst der dichte grünende Söhrenhag, Der um des Inselvolks Einsamen Todtenacker Schirmend die knorrigen Arme schlingt, Wird endlich erliegen vor des tückischen Seinds Unablässigem, grimmem Ansturm, Und es werden die Enkel Nicht mehr kennen die Stätte, Wo ihrer Väter Eebeine ruhn, Und wo um die Kreuze Auf ihren Hügeln Der Ahasver der Schöpfung, Der brausende Meereswind, Sein gewaltiges Klagelied gesungen... „Die Düne wandert!" Mit heimlichem Schaudern Spricht es der Sremdling, Denn vernehmlich wird ihm Im Körnergeriesel, im pfeifen des Windes Der Eeisterschritt der Vergänglichkeit, Der finsteren Riesin im eisgrauen Haar, Der erbarmungslosen vernichterin... „Ewig, ewig!" so flüstert er fröstelnd, Mit traurigem Lächeln, Unterm bleiernen Himmel Am Strande der öden, unwirthlichen See, Am Suße der wandernden Düne.... Rcinhold Fuchs. Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Der Bruder des einzigen Sohnes, Von Nemirow-Danschcnko. Aus dem Nussischen von Th. Wolfsohn. ein Haß war so groß, daß selbst sein Tod /■VlVV meiner UnVersöhnlichkeit kein Ende machen konnte. In der That, als ich erfuhr, daß mein Feind— mein Bruder— krank war, als der Arzt, der ihn behandelte, mir sagte, es sei keine Hoffnung mehr vorhanden, da dachte ich: wanim denn so zeitig? Noch empfand ich ja, wie in meiner Seele durch das Bewußtsein, mich für die mir angethanen Uebel nicht rächen zu können, eine Leere entstanden war, zumal jetzt, da er die Welt auf ewig verließ, und ineine Erinnerungen an ihn von nun an durch diesen bitteren Gedanken vergiftet sein sollten. Bon ftindheit, von frühester Kindheit an hat er mir im Wege gestanden. Das Schicksal selbst hatte ihn mir absichtlich in den Weg gestellt, damit ich jedesmal au diesem Hindernisse stolpern sollte. Aber trotzdem hätte ich ihn lieben sollen, wenn die„Bluts- Verwandtschaft" nicht nur ein Märchen der alten Schule wäre... Bei ihn: erwies sich die Liebe zu mir schon in seinen ersten Lebensjahren. Einst hat er mich geliebt, aufrichtig geliebt. Freilich— warum sollte er mich denn nicht lieben, nachdem er mir Alles entrissen hatte, was nur einem Menschen heilig und theuer ist? Für ihn war diese Liebe ein Mittel, seine Groß- muth zu bethätigen; man sagte dann von ihm: Was für eine edle Natur! Sehen Sie nur, wie er ihn(d. h. mich) liebt, obwohl er ja nur ein Findelkind ist. Er konnte sich seiner Liebe rühmen, wie eines Anerkennungsschreibens... Bieine Leiden begannen mit seinem ersten Laute. Ich erinnere mich noch daran: Meine Mutter lag zu Bett; eine mir unbekannte Frau sagte zu mir: „Schau' her, Gott hat Dir einen Bruder geschenkt!" Ich ging hin, und zum ersten Male hörte ich: „Bringt Diesen weg... Führt ihn fort!"— Freilich— sie hatten nun einen rechtmäßigen Sohn. Meiner mußte man sich schämen. Man gab ihm Alles. Ihn liebkoste man, ich aber wuchs unbeachtet heran, wie eine Brennnessel am Zaun... Ja, ja, man schämte sich meiner! Ich erinnerte meine Eltern an die Schande und an den Spott, der ihr auf dem Fuße gefolgt war. Niemand stellte sich die Frage, ob ich schuld daran war, Niemand. Hätte man mich eines Tages überfahren nach Haus gebracht, geschwächt durch Blutverlust, und hätte der Arzt gesagt, daß die Wissenschaft hier nichts thun könnte— Nieniand würde darüber betrübt ge- Wesen sein. So ging es lauge, lange fort. Er lag im Halbwagcn, ganz mit Spitzen bedeckt, in hellblauer Seide, blond, mit Ningellöckchen über der Stirn, mit hellen, kindlich lächelnden Augen und mit sehr kleinem, kirschrothem Munde. Und ich? Ich stand daneben, schmutzig, ungewaschen, mit zerzaustem Haar, mit blauen Flecken unter den Augen, die von Schlägen herrührten, in einer zerlumpten Jacke, ungeputzten Stiefeln und bewachte ihn. „Und wer ist denn Dieser da?" so fragten Viele, die meinen Bruder liebkosten und sich über sein Aus- sehen freuten. „Dieser?" antwortete unwillig mein Vater,„ach, den erziehen wir nur." Und so nahm mir der Bruder bei seinem Er- scheinen auf dieser Welt die liebevolle Sorge eines Vaters und die Zärtlichkeit einer Mutter... Ich wuchs im Schmutz auf, wie ein Hund in seiner Hundehütte. Alles, was ich als Kind that, erwies sich als ungebührlich, ftech und abscheulich, »Spitzbube" riefen mir Alle nach. Er brauchte nur zu lächeln oder ein Gesicht zu schneiden, und man verzieh ihm Alles. Ich stolperte einst, fiel hin und zerriß dabei meine geflickten Hosen. Dafür wurde ich durch- geprügelt. Bald darauf kam mein Bruder; sein theures, neues Kleid war über und über mit Tinte befleckt.„Was ist denn das?" fragte die Mutter, indem sie die Hände über dem Kopfe zusammenschlug. „Das? Ach, das ist mein Schatten." Dazu machte er unschuldige Augen, Alle ringsum lachten und fingen an, ihn zu küssen.„Was für ein scharf- sinniges Kind! Geben Sie ihm doch Bonbons." Warum in aller Welt mir Prügel und ihm Bon- bons? Keiner aber dachte an diesen Widerspruch. Man hatte schon begonnen, mich erziehen zu lassen, indem man für mich ein Fräulein engagirt hatte. Als jedoch mein Bruder geboren ward, hörte das auch auf. Jetzt wurde alle Aufmerksamkeit auf ihn ver- wandt. Er sollte durchaus Karriere machen, ihm geziemte es, zu studiren, und ich, der Illegitime, der Tölpel, für den war selbst die Handwerkerschnle schon zu viel. Er wird Professor werden, so sagte man und streichelte ihn dabei. Mir aber:„Gute Schuhmacher sind auch zu gebrauchen." Später wurde er in eine theure Schule geschickt. Während sie sich nichts gönnten, zahlten sie den Lehrem ungeheure Summen. Wenn er krank wurde, entstand eine allgemeine Aufregung im Hause! Dok- toren, Medizin! rief man. Als ich krank war— und ich war ernstlich krank— kam Niemand in mein trauriges Dachkämmerlein.„Nun, athmet er noch?" fragte man.„Ja," antworteten die Diener; denn nur diese wußten, daß ich noch lebte.„Geben Sie ihm etwas zu essen." Das war Alles, was ich den Eltern zu verdanken hatte. Sogar die Natur war gegen mich; ihn stattete sie mit Schönheit aus und mir versagte sie auch diese.. Ich sah, wie man meinen Bruder liebkoste, und begriff trotz meiner Jugend, wie sehr man mir Unrecht that. Wie oft verbarg ich mich in meinem Dach- kämmerlein und weinte dort! Die mich umschwebende Ruhe, den Mond, der in mein Fenster sah, den Schornstein des Nachbarhauses fragte ich dann: „Warum denn? Wofür denn?... Aber selbst- verständlich konnte keiner von diesen, meinen ein- zigen Jugendfteunden, mir eine Antwort darauf geben. Einst fing meine Mutter in meiner Gegenwart an, nieinen Bruder zu liebkosen. Ich erinnerte mich daran, daß bis zu seiner Geburt auch mir von Zeit zu Zeit eine solche Liebkosung zu Theil geworden war. Wie ist es möglich, daß nieine Mutter meinen Blick nicht errieth? Wie ist es möglich, daß ihr, die so oft den Armen viele Pfennige zuwarf, schwer wurde, niir ein Almosen zu geben. Ich konnte mich nicht beherrschen; seitwärts, wie ein abgejagter Hund, schlich ich mich schüchtern zu nieiner Mutter und legte meinen Kopf auf ihren Schooß. Ich schwöre, bei meinen Qualen, hätte sie mich damals nicht zurückgestoßen, in meiner Seele wäre die Liebe zu ihr, zu meinem Bruder, zur ganzen Welt erwacht. Ich wäre ein anderer Mensch ge- worden, in nieinem Herzen wäre kein Raum für Haß und Zorn geblieben. Im Leben eines Kindes giebt es solche Momente, die es ungeachtet ihrer scheinbaren Unbedeutendheit unwiderruflich auf diesen oder jenen Weg führen. Wenn sie damals ihre Hände auf meinen Kopf gelegt hätte, so hätte es mich ganz mit Wärme durchdrungen und... War ihr denn das so schwer? Konnte sie sich nicht beherrschen? Ich bat ja nur um ein Krümchen vom Tische nieines Bruders, aber— sie verstand es nicht... „Weg, Lump! Was für eine Mode willst Du denn einführen?" sagte meine Mutter. O, wenn ich noch tausend Jahre lebte, ich würde nie den Ton ihrer Stimme vergessen, nie den Laut, ihren ent- rüsteten Blick und die Geste, in der sich ihr ganzer Abscheu vor mir kundgab. Kinder sind überhaupt empfindlich, und ich war es ganz besonders. Wenn im Hause etwas geschah — zerbrochen, verloren oder verdorben wurde, so konnte selbstverständlich kein Anderer Schuld sein als ich. Oft geschah es, daß man mich prügelte für das, was die Dienerschaft verbrochen hatte; oft erfuhr ich erst nach der Bestrafung, wessen man mich beschuldigte. Womit hatte ich ihren Haß verdient? Lange durchsuchte ich in meinem Gedächtnisse jedes Er- eigniß meiner Kindheit, suchte begierig eine Recht- fcrtigung für die Eltern zu finden; aber ich fand für sie keine andere, als daß sie sich meiner schämten. Ich war nur ruhig, wenn ich allein blieb. In meinem Dachkämmerlein erbaute ich mir eine phan- tastische Welt, in der unter Knaben wie ich, keine unglücklichen und verachtungswiirdigen lebten, in der wir jubelten, unsere Feinde dagegen umkamen und unzähligen Mühseligkeiten, Krankheiten und Qualen unterworfen waren. In mir entwickelte sich ein Wunsch nach Rache; ich fing an, den Haß schon in dem Alter zu ver- stehen, in dein andere Kinder nur ihren Mund zum Küssen hinhalten. Wie unvergeßlich sind mir jene schlaflosen Nächte, in denen ich ermüdet vom Weinen aus meinem kleinen Fenster hinaus sah. Der Mond schien hell, herrlich, allein an dem reinen, durchsichtigen Himmel; sanft, silberfarbig lag der Schnee auf den Dächern; die Häuser sahen aus, als hätte der Frost sie mit einem Brautschleier um- hüllt. Im Zimmer nieiner Eltern schimmerte Licht. In der Ferne glänzte die von den Strahlen des Mondes leis umspielte Kapelle. Gleich einem schwarzen Gespenst bewegte sich die Glocke, mit ihrem Klang mein Zimmer füllend und ich, das Kinn auf's Fenster- brett gestützt, dachte... Wissen Sie denn, woran ich dachte?... Meine kindliche Einbildung arbeitete an Plänen, von denen einer immer schrecklicher als der andere war. Ich schwärmte, wie schön es doch wäre, wenn sie Alle dort unten gestorben und ich nur allein übrig geblieben und alles Ihrige mein geworden wäre. Oder, wenn ich plötzlich zum Kaiser erwählt wäre, sie in's Gefängniß geworfen und dort lange gemartert hätte, oder wenn eine Zauberin mir die wunderbare Kraft verliehen hätte, Menschen in Thiere zu verwandeln. Gab es denn Ungeheuer, deren Ge- statt für sie am passendsten gewesen wäre?... Gleich darauf aber, im schärfsten Gegensatz dazu, umfaßte mich die warme Welle eines weichen Gefühles. Anfangs nur auf meiner Brust schaukelnd, trug sie mich zuletzt ganz leise in eine glücklichere Welt edleren Empsin- dens. Und ich dachte: Sie sollen leben und sich des Lebens freuen, aber ich werde sterben, und dann werden sie erst einsehen, wie unrecht sie mich be- handelt haben, und sie werden auf meinem Grabe weinen, und eine innere Stimme wird ihnen sagen: Jetzt ist es schon zu spät; ihr könnt ihm, den ihr so grausam gemartert habt, das Leben nicht wieder- geben!... Und plötzlich wird sich Alles ändern; sie werden mein Gedächtniß ehren, werden zu meinem Grabe gehen, um dort Blumen zu pflanzen.... Bei diesen Gedanken erwachte ich ans meinem Traume und wiederholte, an das Getränmte niit Schrecken denkend:„Lebet, ich allein werde sterben." Aber, je mehr Zeit verfloß, desto seltener ver- weilte ich bei solchen sentimentalen Bildern. Es kam schließlich so weit, daß ich lachte, wenn ich mich dieser Bilder erinnerte. Nichts wie Tod, Qualen, Gefängnisse, Krankheiten, Mühseligkeiten für meine Eltern; nur noch Rachegestalten in irgend einen er- stickenden Qualm schmolz ich für sie zusammen. Ganz bleich von den Eindrücken der Nacht schwor ich ihnen schon als Kind ewigen Haß und dachte ernstlich daran, sie in einer Stunde allgemeiner Ruhe in ihrem Hause zu verbrennen.... Was hat mich denn gehindert, dies zu thnn?— Ich glaube, daß sich zu gleicher Zeit mit den Plänen der Rache auch Angst und Feigheit bei mir entwickelt hatten. Ja, ich wurde feige und gemein, und das hatte ich nur meinem Bruder zu verdanken, und je mehr ich das einsah, desto mehr haßte ich ihn. Ich haßte schon nicht mehr wie ein Kind; aber wenn Rachegedanken sich entwickeln, so müssen sie ja einen Ausgang finden. 328 Er fand sich. Ich fing selber an, Diejenigen nnbarmherzig mit Wollust zu quälen, die sich nicht beklagen konnten und die schwächer als ich waren. Ja, ich hatte angefangen, Thiere zn quälen. Was ich doch Alles mit ihnen machte! Mäuse und Ratten begoß ich mit Petroleum und verbrannte sie � in den Fallen, den Katzen schnitt ich die Schwänze ab, den unglücklichen Hunden gab ich Brot zu fressen, in dem sich Glassplitter und Stecknadeln befanden; den Tauben stach ich die Augen ans— gar nicht zu reden von den Qualen, denen die Fliegen und Spinnen unterworfen waren. Nur ein Mensch, der mit solcher Ungerechtigkeit, in solcher Einsamkeit und unter solchen Beleidigungen erzogen war, konnte so schwere Qualen ausdenken. Als ich zu lesen anfing und mein Geist sich etwas entwickelte, kam ich unwillkürlich auf den Ge- danken, die Menschheit habe alle ihre Mörder solcher Weise erzogen. Die Torquemada Ludwig XI., Johann IV. müssen in ihrer Kindheit auch. solche Eindrücke erlebt haben. Wenn die Geschichte davon schweigt, so beweist dies nur, daß sie deren Jugend- jähre nicht kennt. Wenn man diese Leute Verrückte oder Irrsinnige nennen würde, so würde ich dazu nur lächeln. Das, was für Andere unklar, ist für mich so klar, wie „zweimal zwei gleich vier": Sie rächten sich an den Menschen! Hätte mich das Schicksal ein paar Stufen höher gestellt, so hätte ich dasselbe gethan. Jetzt konnte ich mich nur an den Thieren rächen, und merk- würdig, je mehr ich das that, je größer und stärker wurde mein Haß gegen die ganze Welt. Die Rohheit stillte meinen leidenschaftlichen Rachedurst nicht, nein— iin Gegentheil, sie vergrößerte ihn noch. Schließlich nannte man mich zu Hause nur Johann-Kain*, und ich war stolz auf diesen Namen. Ich wußte, daß Alle den Räuber dieses Namens fürchteten, folglich, dachte ich, wird man vor mir auch Furcht haben. Wenn man von Keinem geliebt werden kann, dann bleibt Einem nur übrig, sich von Allen gefürchtet zu machen, um sich eine Stellung in der Welt zu sichern. Ich verstand dies schon sehr frühzeitig. Man sagt, daß solche Gedanken Gift seien. Ich war von diesem Gift durchdrungen: mein Blut, mein Gehirn, mein Herz— Alles war vollständig davon durch- drungen! Ist es schlecht, so habe ich auch keine Schuld daran. Ich wurde nicht so geboren, ich wuchs in meinen Jugendjahren nicht so heran.., Selbstverständlich konnte ich diesem rosigen Eherubim, meinem Bruder, nichts thun. So lange er noch nicht sprechen konnte, hatte ich mich noch nicht entwickelt; später fürchtete ich mich vor ihm. Ich habe schon einmal angedeutet, daß ich feige und gemein geworden war. Ich schäme mich auch dessen nicht; denn ich meine, daß alle Diejenigen, vor denen die Nienschen sich fürchteten, auch so feige und gemein waren wie ich: sie thaten Uebles, da sie wußten, daß keine Strafe folgen wird. Feigheit und Roh- heit sind leibliche Schwestern. Tiberius war feige und böse, Nero desgleichen. In diesem Falle urtheile ich nach mir selber. Und es ist doch merkwürdig: im ganzen Hanse liebte mich nur der rosige Cherubim. O, könnte sich Jemand vorstellen, wie mich seine Liebe be- leidigte! Sie war ja seinerseits Großmuth. Ich schlug mit einer besonderen Wuth— die Hunde, die er liebte. * Ein berühmter russischer Räuber. Jetul�etorr. Heimkehr vom Hcringsfang.„Hooollländer Heeerr- ring!... Hooollländer Hceerrring!" Solange ich denken kann, klingt mir der Ruf in den Ohren. Einen Tag um den anderen fuhr der alte Graubart— mit einem richtigen Fischerbart unter dem Kinn; sah selber wie ein Heringsfischer aus— auf seinem kleinen Wagen durch die Straßen der Stadt; man konnte sich nicht retten vor dem langgezogenen, fast klagenden Ruf. Seitdem weiß ich's, daß der Holländer Hering der beste ist. Immer war der Wagen umlagert, und wenn es gar Atatics oder frische Vollheringe gab, so war das, nach Ansicht der Eltern, ein Festessen.„Du, das ist Maties-Hering!" Wie oft habe ich das gehört, aber trotzdem oder vielleicht gerade deshalb sahen wir Jungen die Herrlichkeit nicht ein, machten auch keine so feinen Unterschiede. Leckerbissen sahen uns anders aus. Mancher„Holländer Hering", den wir gegessen, mag auch an einer näheren Küste ge- fangen worden sein; aber die Marke hat einen guten Klang. Die Holländer haben einen alten, schon Jahr- hunderte währenden Ruhm darin. Der guten Methode des Einsalzens, Sortirens und Verpackens haben sie ihren Erfolg zu verdanken, noch heute gehört der Herings- fang zu den wichtigsten Erwerbszweigen der Holländer. In einem Volk, das au der See wohnt und in seiner ganzen Lebenshaltung so sehr auf die See angewiesen ist, kann auch die Kunst— es klingt sonderbar, daß schließlich auch zwischen den Heringen und der Kunst eine Beziehung bestehen soll— nicht lange an diesen Motiven vorüber- gehe». So sind die Holländer die ersten Sccmaler im eigentlichen Sinne geworden. Im 17. Jahrhundert schon kommt in Amsterdam eine bedeutende Schule ans. Diese Tradition hat sich bewahrt, und in der Gegenwart, die sich mehr als jede frühere Epoche der Darstellung des Arbeitslebens zugewandt hat, ist die Scemalerei das tvichtigste Glied der holländischen Kunst. Und unter den Seemalern steht einer unbestritten obenan: Hendrik Willem Mesdag, der Schöpfer unseres Bildes. Ein rechter Seenialer mag von den modernen Dampf- schiffen nicht viel wissen— es sei denn, daß er„aus patriolischcn Gründen" Panzernngethiime und Torpedos zu malen hat. Mesdag liebt die derben Fischerboote, mit denen der Küstcnfaug betrieben wird. Vielleicht niachen mich sie bald Fischdampfcrn Platz; dann ist wieder ein Stück Romantik und— Gefahr aus der Welt geschafft. Wer einmal in einer Ausstellung einen Saal' hollän- bischer Künstler durchwandert, wird sich wundern über die Gleichförmigkeit des Eindrilcks. Ein trüber, fast schmutzig grau-brauner Ton giebt all' ihren Bildern den Charakter. Nirgends eine gesättigte, leuchtende Farbe. Die SiaMr des Landes giebt die Erklärung dafür: ein ewig ver- hangener Himmel, ewig graue Wolken, die allen Farben die Leuchtkraft nehmen und sie in den einen trüben Ton Und dieser Glückliche, was für ein Recht hatte er denn, mich zu lieben, da ich ihn so tief haßte?— Er theilte seine Süßigkeiten mit mir— ich warf sie fort. Er schenkte mir sein Spielzeug— ich zerbrach es mit Wuth, denn bis zu seiner Geburt war ja Alles mein gelvesen: diese Süßigkeiten, die Spielzeuge und selbst die Liebkosungen meiner Mutter, die er mir geraubt hatte... Ich erzählte ihm, meinem Bruder, furchtbare Märchen, weckte ihn oft Nachts, fragend: ob er nicht im Winkel seiner Stube ein weißes Gespenst sähe? Darüber erschrocken, barg er seinen Kopf in's Bettkissen und weinte bitterlich, während ich über seinen Schmerz jubelte und freudig lachte. Aber bald ward ich dieser Freude beraubt. Man fand nämlich, daß wir nicht zusammen in einem Zimmer bleiben könnten, da er nervös würde. Von nun an wurde ich immer frühzeitig in meine Hundehütte zu Bett geschickt und durfte mich dem Bette meines Bruders nicht nähern, um ihm Märchen zu erzählen, selbst dann nicht, wenn er es selber haben wollte. Ich nahm von ihm nur einen einzigen Dienst an; als man ihn zu unterrichten begann und er zu Hause Privatunterricht erhielt, wollte er, ich solle an den Lektionen theilnehmen; es war ihin lang- weilig, allein zu lernen. Nur diesem Zufalle danke ich's, wenn meine Eltern vorläufig noch davon ab- standen, mich in die Handwerksschule zu schicken, wie sie es ftllher zu thun gedachten. Sie werden jetzt zusammen lernen, meinten meine Eltern; ihn (d. h. mich) in die Handwerksschule zu schicken, haben wir immer noch Zeit. O, dieses„Immer!", es klingt noch jetzt wie ein Begräbnißklang in meinen Ohren.—(Fortsetzung folgt.) zusammenklingen lassen. Ebenso schwer wie der Charakter der Farbe ist auch die malerische Technik. Die Farbe, dick aufgetragen, mit breitem Pinsel hillgestrichen, wirkt weich lind fleckig, recht eigentlich malerisch. Selbst unser Holzschnitt zeigt in den Wolkenparticen etwas von dieser Art der Behandlung. Mesdag hat das Meer in allen Stimmungen gemalt: die Meeresstille, wenn die weite Wasserfläche regungslos liegt, und nur selten eine Welle mit leisem Rauschen den Strand spült; den wilden Sturm, der die Wellen gegen das Land peitscht, daß, so weit das Auge reicht, nichts als grünweißlicher Schaum auf ihnen zu sehen ist; und besonders gern, wie auch auf unserem Bilde, die Stim- niling vor dem Sturm. Am Himmel steigt eine schwere Wetterwand herauf. Zerrissene Wolkenfepcn jagen vor ihr her und verdecken schon von Zeit zu Zeit die Sonne; ihre fast glanzlose Scheibe ist eben hinter einem schwarzen Fleck hervorgetreten, ein matter, fahler Schein dringt hie und da noch hindurch, umsäumt die Wolken, fällt hier auf ein Segel, läßt dort die Wogeukämme aufglänzen, umspiekt die aufgeregt hin- und herschießenden Mövcil. Schon fährt ein stärkerer Wind über das Wasser hin, es ist die höchste Zeit für die Boote, an den sicheren Strand zu kommen. Vor'm Winde sausen sie heran. Jetzt sind sie am Ziel und legen bei. Die Vorsegel her- unter, die Großsegel flattern im Winde. Es ist, als hörte man das Knarren der Taue, das kurze Schlagen der Segel und das unruhige Knattern der Wimpel. Weit hinten auf hoher See liegen größere Segler, deren Silhouetten fast verschlvimmen in der schwerfeuchten, grauen Dunstluft, die über dem Wasser liegt.— Bon einer fernen Welt. Der Planet Mars, der an dem hellglänzenden, röthlichen Lichte kenntlich ist, entfernt sich von der Erde bis zu 53'/? Millionen Meilen; dann aber konimt er uns auch wieder bis aus 8 Millionen Meilen nahe, und da er eine ziemlich durchsichtige Atmo- sphäre besitzt, so bietet er dann seine Oberfläche den forscheiidcu Fernrohren dar. Wir wissen, daß auf ihm Meere und Kontinente existiren, daß es auf ihm regnet und schneit, wie bei uns; die Jahreszeiten wechseln, wie auf Erden, nur sind sie auf der Nord- und Südhälfte viel schroffer in ihren Gegensätzen, als auf der Erde. Man hat dort auf der nördlichen Halbkugel einen langen, milden Sommer, auf den ein kurzer, ebenso milder Winter folgt; auf der südlichen Halbkugel dagegen ist der Sommer kurz und drückend, heiß, lvoranf ein überaus harter und langer Winter kommt. Iin Sommer schmelzen die Eis- und Schneekoppen, welche seine Pole viele Meilen weit umhüllen, die Meere schwellm stark an und verursachen oft fürchterliche Ueberschwcmmungeu. Ein ausgedehntes Kanalsystem verbindet die einzelnen Meere, und einzelne dieser Kanäle verdoppeln sich, so daß die von den Polar- gegenden hcranfluthenden Wassermasscn einen begnemeren Abfluß finden. Deswegen hat man diese Kanäle für mächtige Kunstbauten gehalten, durch die die vcrniinftigeii Marsbewohner die Gefahren der Ueberschivemmung ab- wehren. Freilich fehlt uns jede Vorstellung von den Kräften, mit denen man solche Werke herstellen könnte; denn die engsten Kanäle, die wir lvahrnehmen, sind min- destcns 60 Kilometer breil. Allerdings müssen wir zu- geben, daß die Marsmenschen in der Belvälsiguug schwerer Massen viel geringere Mühe haben würden, als wir. Mehr als doppelt so leicht ist dort Alles. Dieselbe Kraft, mittelst deren wir hier einen Meter hoch springen, würde uns dort über 2'/? Meter vom Boden entfernen, und ebenso würden wir zentnerschwere Massen, die wir hier nur keuchend fortbewegen, dort spielend an ihren Platz bringen. Zivei Blonde umkreism den Mars, welche den Bewohnern dieses Planeten, falls es solche giebt, sonderbare Erscheinungen an ihrem Himmel darbieten. Der eine Blond bewahrt fast unbeweglich seine Stellung am Hiinmel, ändert aber beständig seine Lichtgestalt. Während die Soiine und die Sterne ihre tägliche Bahn von Osten nach Westen ziehen, bewegt sich dieser Blond nur sehr wenig nach Westen zu vom Platze; steht er Mittags im Süden, so erscheint er als Neumond, Abends zeigt er dann erstes Viertel, um Mitternacht erglänzt er noch immer im Süden ais Vollmond, und am Morgen ist er letztes Viertel geworden, lvoranf er zu Blittag wieder als Neumond erscheint. Ans seiner Lichtgestalt kann man also leicht die Tagesstunde ablesen. Da er aber, wenn auch langsam, fortrückt, so geht er endlich im Westen unter und fehlt dann ebenso viele Tage am Hinimel, als er vorher da gestanden hat. Aber ein die Zell messendes Gestirn sieht der Blarsbctoohner auch dann, einen zlveiten Blond nämlich, der mit quecksilberner Beweglichkeit ein völliges Gegensttick zu dem langsam wmidelnden ersten Blonde bildet. Dieser merkwürdige zweite Blond geht, allen sonstigen Regeln zuwider, im Westen auf und eilt über Süden nach Osten, wo er versinkt, und diese Reise vollführt er zweimal au jedem Tage; geht er z. B. des Blorgens als Vollmond im Westen auf, so ist er schon Vormittags Neumond geworden und sinkt gegen Blittag im Osten als erstes Viertel unter den Horizont hinab, um am Abend bei der untergehenden Sonne im Westen schon wieder als Neumond aufzusteigen. Um 9 Uhr Abends sttahlt er als Vollmond am südlichen Himmel und geht gegen Mitternacht im Osten als letztes Viertel unter, um am nächsten Tage wieder im Westen zu er- scheinen.— dt. Nachdruck des Inhalts verboten! «erantworlltcher illedalleur: Oscar Kühl tn Tharlollenburg.— Verlag: Hamburger Buchdruckeret und VerlagsansiaU Auer sc So. tn Hamburg.— Truck: Max Babing in Berlin.