Nr. 42 �SUuflrivic Ol CnfcrKa((xtrr02;l>er(a0C. 1898 f- Irvsi Menschen.-4� (Forlsetzung.) XV. s ist Herbst, September, etwas frisch, aber es ist geradezu ein Genuß, diese kühle, herbe Luft einznathmen nach dem schwülen, staubigen und trockenen Sommer. Agcstin hat während der letzten zwei Btonate reine Martern ausgestanden. In einem kleinen Zimmer auf der Sonnenseite täglich acht Stunden Schreibarbeit, das war um aus der Haut zu fahren! Er hatte, um das Nöthige zum Lebens- unterhalt zu verdienen, mit lithographischer Tinte agrarische Vorträge zum Zweck der Vervielfältigung abschreiben müssen. Seine Schüler waren entweder Studenten geworden, oder sie waren durchgefallen. Die Zeitungsartikel, lyrische Gedichte oder Novellettcn, die er bei den verschiedenen Redaltionen anzubringen bemüht war, wurden alle abgelehnt. So war er auf den kiimnicrlichen Verdienst angewiesen, den sein Abschreiben ihm einbrachte. Endlich war doch der Druck seines Buches beendet, und er bekam das ganze Honorar ausbezahlt. Es ist Abend; Agestin hat zum ersten Mal in seinem Leben die Tasche voll Geld und befindet sich auf dem Wege nach dem„Grand", wo ihn einige Kollegen erwarten. 5tarl-Johan ist belebt wie immer. Die neu- gebackenen Studenten, die jetzt von ihren Ferien znriickgekommeil sind, nachdem sie in der Heimath d e Mädchenherzen gefährdet und in Brand gesteckt haben, bilden die Majorität unter den Spazier- gängern. Sie sind jetzt obenauf, denn sie haben ihren„Dusk".* Vor ihnen liegt das Leben wie eine Rutschbahn, sie haben den Thurm bestiegen und brauchen sich nur in den Wagen zu setzen, am liebsten zu Zweien natürlich, und in den Sommerferien haben die Meisten schon vorbereitende Schritte getroffen. Sie gehen da und kosen mit ihrem Dusk, der für gewöhnlich auf der Schulter getragen wird. Einige haben ihn kokett uni den Hals gewickelt, andere lassen ihn von der einen Schulter bis zur anderen fliegen. Wenn eine holde Schöne vorübergeht, ergehen sie sich in einem kühnen Scherz, vielleicht zum ersten Mal, vielleicht auch nicht, aber einerlei, jetzt können sie sich Alles erlauben, denn sie haben ihren Dusk. Eine Droschke kommt in voller Fahrt die Straße herab. Zwei neugebackene Studenten sitzen darin und zwei laut lachende und kreischende Damen. Die Leute drehen sich um, Einer lacht dariiber, ein Anderer schüttelt den Kopf. Hinter ihnen kommt eine von Nyquist's eleganten Equipagen, darin sitzen ein Student und eine sehr junge und sehr hübsche Dame. Es sind Bastian Lange und seine Geliebte, Lovisa Borg. » Tust ist eine riesige seidene Troddel an der Mütze, das Abzeichen des norwegischen Studenten. Roman von H. Fries-Schwenzen. Seit Agestin ihn an jenem Abend dem Kellner in die Arme geworfen, hat Herr Bastian eine förm- liche Zuneigung für ihn gefaßt; als er am nächsten Tage kam, um seinen Lehrer zur Rechenschaft zu ziehen, und dieser ihm den Standpunkt klar machte, wurde er von der größten Hochachtung einem Manne gegenüber ergriffen, der seine Zeche in so origineller Weise zu begleichen wußte. Bastian hat Agestin gesehen, läßt den Wagen halten und ruft seinen Namen.„Ich muß Ihre Hand drücken, ich muß Ihnen gratuliren!" ruft er mit lallender Stimme. „Gratuliren?... Wozu?" „Zu Ihrem neu herausgekommenen Buche! Ich habe es schon gekauft, bin aber nicht dazu gekommen, es zu lesen. Aber ich habe die Kritiken gelesen. Nun, sagen Sie selbst, sind Sie jetzt zufrieden?" „Gewiß, die Kritiken waren bis jetzt sehr gnädig, aber es ist noch nicht aller Tage Abend." Agestin tritt an den Wagenschlag heran und sieht jetzt das junge Mädchen, das im Rücksitz behaglich zurück- gelehnt, ihn halb von der Seite erröthend beob- achtet. Sie hat ein reizendes Gesicht; ein vollendetes Oval wird von einer schwarzen Halskrause nach unten abgeschlossen, natürlich gewelltes, kastanienbraunes Haar nnigiebt die weiße Stirn. „Auch ich gratnlire!" lacht sie. „Zu meinem Buch? Was wissen Sie davon?" „Bis jetzt garnichts, aber ich will es mir kaufen." „Ich schenke es Dir, mein Engel!" lispelt Herr Bastian. Der Wagen ist fort, Agestin geht weiter. „Das Abendblatt, das Abendblatt! Kaufen Sie das Abendblatt! Ich habe gerade noch eins." Agestin bleibt auf dem Trottoir stehen, holt ein Zehnörestück hervor und steckt die Zeitung in die Tasche. Er erwartet jeden Tag, daß dieses Blatt eine Besprechung seines Buches bringen soll. Einige Miiinteii darauf kehrt er im„Grand" ein, findet einen freien Tisch und setzt sich hin. „Kellner... ein Glas Bier!" Jetzt kommt die Zeitung dran: Literatur. Zwei Novellen von Augustinus Klöften. Ammerthal's Ver- lag. Nach einer längeren Auseinandersetzung der Handlung und des Milieus folgt eine äußerst an- erkennende Besprechung der Stimmung und der stilistischen Behandlung. Der Artikel schließt mit folgenden Worten:„Wir dachten, die Zeit der idylli- schen Baueni-Novclle wäre vorüber. Vom modernen realistischen Standpunkt aus betrachtet, liegt unleug- bar die Romantik der sechziger Jahre, in deren Sphäre Herrn Klöstens zwei Novellen eigentlich hin- eingehören, etivas fern. Indessen bietet sie uns etwas Neues. Es ist eine Art Symbolik, poetisch geistreich und fesselnd, wie nichts von alledem, was unS bis jetzt von dieser Gattung bekannt wurde. Somit be- zeichnet Herr Klöften's Debüt einen neuen Durch- bruch in der Literatur, den wir mit Freude begrüßen." Agestin steckt die Zeitung in die Tasche. Dann ruft er den Kellner und bestellt eine importirte Havanna-Zigarre. Auf diese Kritik hin kann er sich das leisten. Er lehnt sich behaglich in den Fautenil zurück und beobachtet mit einem eigenen Gefühl des Wohlbehagens den zierlichen, blauen Rauch seiner ersten echten Havanna.... So war es doch wirklich wahr, er, Agestin Klöften, war durchgedrungen!... Wie würde Ragnhild sich freuen! Er wollte ihr die Kritik schicken, morgen noch wollte er ihr einen langen Brief schreiben, er hatte sie wirklich etwas vernach- lässigt. Jetzt war sie also Schülerin der Hochschule, wer weiß, wie viel Kampf es ihr gekostet hatte, ihren Willen durchzusetzen, denn Knud war nicht dumm. Er hatte schon verstanden, daß für sie der Unterricht eine Brücke zu ihin hinüber sein würde, zu ihm, der mit jedem Jahre, das er in der Metropole der Kunst und der Literatur verlebte, sich einen gewaltigen Schritt von ihr, dem einfachen Landmädchen, ent- fernen mußte.... Ja, that er das wirklich?... Er sah nachdenklich dem blauen Ranch seiner Zigarre nach und fuhr sich mit der Hand über das Kinn. War es wirklich so, daß er sich von ihr entfernte? Aeußerlich vielleicht, aber innerlich doch nicht. Aber das Aeußere spielt oft eine ausschlaggebende Rolle hier im Leben— in der Liebe auch.... Die großen, verschiebbaren Spiegelglaswände, die das Cafe von der auf demselben Niveau liegenden Straße trennten, waren herabgelassen. Agestin's Tisch befand sich hart an einer solchen Glaswand, er konnte deutlich Alles sehen, was draußen auf dem Trottoir vor sich ging. Das intensiv pulsirende Hauptstadt- leben, das rastlos Genußsüchtige, das darin wob und summte, sang und klang, protzig brauste, listig säuselte, das zog ihn an und füllte ihn mit Sehnsucht nach Genuß und Freude... und plötzlich sieht er sie, das junge Mädchen im Wagen neben Bastian Lange, vor sich, fühlt ihren Blick auf sich ruhen, und ein sinnlicher Schauder durchfährt ihn. Da konimen seine Kollegen, Christtan Johnsen, Peter Lie und Arne Bing. „Agestin ist der Erste, wie ich sehe," sagt Johnsen mit einem müden Lächeln und hängt seinen Hut auf. Johnsen ist still und verschlossen, seit er seine Braut verloren. Sie starb in seinen Annen, acht Tage nach jenem Abend im Mai, da er telegrapisch an ihr Krankenbett gerufen wurde. „Wenn Du nicht so halsstarrig gewesen wärest, hätten wir auch die Ersten sein können," bemerkt Peter Lie. Die Aeue A)elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 330 Peter Lie ist ein untersetzter, rothhaariger Mann in der Mitte der Vierziger. Er hat schon längst als Dichter seine Sporen verdient. Zwar sind seine Stücke konsequent von allen Bühnen zurückgewiesen worden, an die er sie eingeschickt hat, sie sind aber gedruckt worden, werden viel gelesen, und eine starke Gruppe unter den Literaten bezeichnet sie als geradezu epochemachend in der dramatischen Literatur.... Es ist etwas Neues, was er will; worin aber dieses Nene besteht, darüber sind sogar seine Anhänger nicht ganz einig, und er selbst nmgiebt sich mit einem nebligen Nimbus, durch welchen es manchmal schwer genug ist, Schwarz von Weiß zu unterscheiden. Agestin hat pflichtschuldigst seine Dramen gelesen und sie stellenweise recht interessant und talentvoll, stellenweise aber recht platt und abgeschmackt gefunden. Als er gelegentlich diese Ansicht Johnsen gegen- über äußerte, machte dieser ein komisch-erustes Gesicht. „Was Du da platt und abgeschmackt findest, ist ja gerade Das, was Peter Lie's Bewunderer am aller- schönsten finden, und in dem Nebelhaften soll gerade seine.Genialität zu suchen sein. Es ist aber nicht Jedem gegeben, Das zu finden, was er sucht.... So will ich es Dir unter dem Siegel der Ver- schwiegenheit bekennen, daß es mir gerade so ge- gangen ist. Aber wer weiß, mein lieber Agestin, tvas wir nach zehn Jahren finden werden. Ich muß dabei an das vortreffliche Märchen von H. C. Andersen, »Das neue Kleid des Kaisers', denken. In der Wirklichkeit geht der Kaiser im Hemd spazieren, aber da der kaiserliche Befehl also lautet: Wer mein neues 5kleid nicht sehen kann, ist dumm oder schlecht, sieht das ganze Volk das Kleid, was garnicht da ist, und jubelt ihm seineu Beifall zu." Peter Lie ist ein mächtiger Biann, und es wäre unklug, ihn vor den Kopf zu stoßen. Er hat sich gelegentlich ganz gnädig über ein von Agestiu ge- schriebeues Stück geäußert, welches er ihm in Manu- skript zu lesen gegeben hat, und Agestin muß es überhaupt als eine Ehre ansehen, daß ein Mann mit seinem Ansehen sich mit einem jungen und bis jetzt gänzlich unbekannten Dichter einläßt. Die Herren setzen sich an den Tisch, der Kellner eilt herbei, und Arne Bing bestellt eine Flasche Hennessy und vier Soda. „Tu tvolltest uns ini Stiche lassen, Johnsen?" sagt Agestin und klopft dem Freunde die Schulter. „Ach ja, Du weißt, ich bin nicht so sehr für das Nachtschwärmen, ich sitze lieber allein für mich und lese." „Man kann aber auch zu viel allein sein." „Ach ja— gewiß, ich erkenne es auch sehr an, daß Ihr mich mithaben wollt, so langweilig und mürrisch wie ich bin, aber..." Johnsen schwieg und fuhr mit der Hand über das magere Gesicht. „Uebrigens müßt Ihr es mir nicht übel nehmen, wenn ich Euch früh verlasse; ich muß morgen um vier Uhr aufstehen...." „Was hast Du denn vor?" „Ich habe vierzehn Tage Urlaub bekommen und gehe auf die Jagd." „Allein?" „Ja, allein. Ich fühle mich am wohlsten, wenn ich allein im Walde bin— mit meinen Hunden." Es tritt eine Pmise ein. Arne Bing nimmt das Abendblatt, das Agestin auf einem Fauteuil hatte liegen lassen und durchfliegt es mit den Angeu. „Donnerwetter!... Haben Sie das gelesen— diese Kritik über Ihr Buch im Abendblatt? Sie können sich freuen...." Peter Lie nimmt ihm die Zeitung aus der Hand und liest den Artikel mit einem stillen Lächeln. „Jedenfalls bin ich mit dem Kritiker einig, wenn er sagt, daß die Zeit der idyllischen Bauernnovelle von rechtswegen vorbei sein müßte." Johnsen nickt beistimmend, indem ein ironisches Lächeln seine Lippen kräuselt.„Ganz gewiß, ebenso wie die der Krinolinen." Die Anderen sehen ihn verwundert an____ Was war das?... Johnsen machte Witze! „Was haben die Krinolinen mit der Literatur zu schaffen?" fragt Peter Lie. „Genau so viel, wie die Mode mit der Kunst." „Darin glaube ich doch, daß Du Dich irrst. Alles hier in der Welt ist den Gesetzen der Um- wandelnng nuterworfen. Es liegt in der Luft, wenn etwas Neues kommen muß," warf Arne Bing ein. „Ja, ja, etwas Neues müssen wir haben." „Aber hier haben Sie ja etwas Neues! Hier steht es ja schwarz auf weiß, daß Agestiu's Sym- bolik funkelnagelneu ist." Ein mitleidiges Schulterzucken ist die Antwort. „Tie Romantik muß wiedergeboren werden; eine Nomantik»fit neuen Idealen liegt in der Luft," lispelt Arne Bing. „Das sind nun meiner Ansicht nach Phrasen; die Kunst ist etwas Persönliches und soll unab- hängig von der Mode sein, sie hat nichts mit der Luft zu thun." „Ach, reden wir doch lieber über etwas Anderes," brummt Peter Lie.„Sieh doch, da kommt unser edler Protektor Danielsen mit seiner schönen Frau. Beeile Dich, Arne, und komme dem Gatten zuvor, sonst hilft er ihr am Ende den Mantel ablegen." Diese Aufforderung war ganz überflüssig; Arne Bing war so schnell wie eine Rakete dahin geschossen, um der schöne», jungen Dame beim Ablegen behiilf- lieh zu sein. Sie war eine aparte Erscheinung: Mittelgroß und gut gewachsen, hatte eine» kleinen, sehr hübsch geformten Kopf auf festem, schön ge- schwungenem Hals. Das Gesicht war klein und rund, und strahlte vor Lebenslust und llebermuth. Ihre Augen waren groß und blau, das Näschen, ein allerliebstes Stubsnäschen, protesfirte siegreich gegen alle klassischen Schönheitsregcln, aber der Mund war doch das Hübscheste an ihr. Roth, klein und anmuthig öffnete er sich alle Augenblicke, um eine Reihe perlenweißer Zähne hervorschimmern zu lassen. Peter Lie gab dem reizenden Kinn mit dem lachenden Grübchefl den Preis.„Sehen Sie nur dieses Kinn an," flüsterte er Agestin zu, indem er sich mit deni Ellbogen iiber den Tisch legte. Sein pockennarbiges Gesicht mit den großen hervorstehenden Augen bekam etwas faunenhaft Lüsternes.„Ist es nicht zum Hineinbeißen? Muß nicht selbst der thra- nigste Häringsbändiger bei seinem Anblick ein Kribbeln in den Fingern nach Thon oder Wachs bekommen, um dieses wonnige Kinn zu modelliren?... Passen Sie auf, sie guckt immerwährend hierher. Entweder hat sie es auf mich oder auf Sie abgesehen!... Ach ja, die kleine Frau Babbi, sie hat es dick hinter den Ohren. Nun sehen Sie doch, wie sie ihren Manu links liegen läßt."... „Was ist ihrMaun für ein Mensch?" fragt Agestin. „Da sehen Sie ihn ja. So ist er, wie er aus- sieht, eine gutmüthige, aber sehr reiche Null." Plötz- lich flüstert der rothhaarige Dichter eifrig:„Abscheu- licher Mensch! Ihre Blicke gelten mir nicht, sondern Ihnen. Ich ermorde Sie!" Agestin lacht:„Sie sind ja verheirathet." „Verheirathet, ja, allerdings, und zum zweiten Male. Meinen Sie etwa, daß das ein wirksames Mittel sein sollte, um den Reizen einer Frau Babbi widerstehen zu können?" „Wie nennen Sie die Dame?... Babbi?" „Babbi, ja. Sie heißt Barbara, aber alle Welt nennt sie Frau Babbi." Peter Lie leerte sein Glas. Darauf stützte er den Kopf in die Hand und sah träumend vor sich hin.„Ach ja, die Frauen, die Frauen!" flüsterte er, wie von seinen Gefühlen ganz benommen. Plötz- lich reißt er ein Notizbuch aus der Tasche und schreibt einige Minuten ganz eifrig. Johnsen hat ihn während der ganzen Zeit mit einem sarkastischen Lächeln beobachtet. Jetzt erhebt er sich und reicht Agestiu die Hand. „Es ist bereits elf llhr, ich gehe nach Hause." „Adieu, lieber Freund, viel Vergnügen auf der Jagd. Ich darf Dir ja kein Jagdglück wünschen, aber dafür wünsche ich Dir alles andere Gute." „Ach, Dem wäre es zu wünschen, daß ein nied- liches und kluges Schneehühnchen ihn beim Kribs kriegte, damit er wieder Mensch würde," lacht Peter Lie und schüttelt dem Jäger die Hand. Arne Bing kommt rasch zurück:„Willst Du schon gehen? Wie schade! Frau Babbi hat soeben den Vorschlag gemacht, daß wir unsere Tische zu- sammen rücken." „Ja, rücke Tu nur mit ihr zusammen— ich rücke aus. Gute Nacht."... Agestin wird der schönen Frau Babbi und ihrem Mami, dem Großhändler Danielsen, vorgestellt. Sie empfängt ihn mit einem sehr gnädigen Lächeln und »fit der Versicherung, sie brenne darauf, sein Buch kennen zu lernen; gekauft habe sie es schon. Der Großhändler ist im Begriff, die Weinkarte zu studiren; seine Frau wirft ihm hin und wieder ungeduldige Blicke zu. Schließlich sagt sie:„Wozu immer die langweilige Weinkarte, Adolph? Du weißt ja, daß es für mich nur einen Wein giebt." „Ja, mein liebes Kind, Du bist hier aber nicht die Einzige..." wagt der Gatte einzuwenden. „Das wollen wir doch sehen!" ruft die schöne Frau lachend, wendet sich mit einer koketten Bewe- gung an Agestin und fragt:„Trinken Sie gern Champagner?" „O, gewiß!" „lind Sie, Arne?" „Das wissen Sie ja. Was Sie trinken, das trinke ich auch." „Peter Lie, das Scheusal, frage ich nicht, er ist im Staude, nein zu sagen, nur um mich zu ärgern. Ich weiß aber, daß er gern Ehanipagner trinkt." Mit diesen Worten zieht Frau Babbi ihrem Mann die Weinkarte fort und fügt übermiithig hinzu:„Wir wissen Alle, was wir trinken wollen." Der Ehemann lacht gezwungen und zuckt die Schultern mit einer Miene, als wollte er sagen: „Ja, so geht's! Wer eine so schöne Frau hat, der muß sich auch etwas gefallen lassen." Großhändler Danielsen ist ein ganz stattlicher Herr in der Mitte der Vierziger, er hat ein volles, rundes, rotheS Gesicht und trägt einen langen stroh- gelben Backenbart. Die hohe Glatze ist wie polirt, da, wo die von der Rückfassade gemachte Anleihe den Glanz nicht verdunkeln und bemänteln kann. Zwei Flaschen Roederer werden gebracht. Ter Kellner öffnet die eine und stellt die andere in den Eiskübel. Frau Babbi führt das Wort; sie ist drollig und kokett und unterhält sich mit Allen. Doch wendet sie sich meistens an Agestiu, der sich ver- hältnißmäßig passiv verhält, während die beiden Anderen, jeder auf seine Weise, bemüht sind, die Aufmerksamkeit der schönen Frau aus sich zu lenken: Arne Bing, indem er ihr Komplimente über Komplimente sagt und versichert, er habe schon drei Ge- dichte auf sie geschrieben, Peter Lie dagegen, indem er ihr widerspricht, sie auf alle erdenkliche Weise reizt und versucht, sie in Widerspruch mit sich selbst zu bringen. Dabei studirt er sie mit einem schlauen Blick aus seinen großen vorstehenden Augen, er ge- uießt ihr Erröthen, das Mienenspiel um den reizenden Mund..Sein Blick verläßt sie nicht, nimmt sie in sich auf, genießt sie wie den feurigen Wein, den er in häufigen, tiefen Zügen trinkt. Der Ehemann schließlich, der ein unverkennbares Gefühl davon hat, daß er das fünfte Rad am Wagen ist, weiß nicht recht, ob er hier oder da einfallen, hier oder da unterstützen oder widersprechen soll, er weiß nur eins mit absoluter Sicherheit, daß er nach- her den Champagner und die feinen Havannas zu bezahlen hat. „Sie kommen vom Theater?" ftagt Agestin. „Ja," beeilt sich der Gatte zu beantworten.„Wir haben Fräulein Stang's Debüt,„Nora", gesehen." „Und wie hat sie Ihnen gefallen?" Die Frage war an Frau Babbi gerichtet, darum schweigt Herr Danielsen; ganz unmerkbar thut er einen Seufzer, legt sich in den Fauteuil zurück und blinzelt hinauf in den blauen Zigarrenrauch. „O, sie war nicht schlecht, aber mir gefällt das Stück nicht. So dumm sind wir Frauen nicht." „Das müssen Sie erst beweisen," entgegnet ihr Peter Lie. „Unsinn! Aber sagen Sie doch, habe ich nicht Recht? Ist es denkbar, daß eine erwachsene Person und Mutter von mehreren Kindern nicht wissen soll, daß sie auf einem Wechsel die Namensunterschrift eines Anderen nicht fälschen darf?" Frau Babbi klatscht die kleinen Hände mit den rosigen Finger- spitzen zusammen und ruft mit Ueberzeugung:„Nein, so dumm sind wir Frauen doch nicht!" 331 „£), sagen Sie das nicht," neckt der rothhaarige Dichter. Mit blitzenden Angen wendet sie sich gegen Lie: „Von Ihnen hätte ich diesen Angriff ans die Frauen nicht erwartet. Ich dachte, Sie wären gerade der Ansicht, daß die Frauen so schlau, so verschlagen wären. Wissen Sie, das einzig Kluge, was die gute Nora thut, ist, daß sie ihrem Mann wegläuft." „Ach, Sie sind himmlisch!" ruft Arne Bing und sieht Frau Babbi entzückt an. „Und Sie sind langweilig," lautet die wenig ermunternde Antwort.„Anstatt stumm wie ein Fisch da zu sitzen, könnten Sie mir doch gegen das Scheusal da helfen. Aber ich bin selbst dumm...." „ljnoä erat demonstramlum!" unterbrach sie der unverbesserliche Peter Lie. „Ich bin dumm, daß ich Ihnen antworte, wollte ich sagen," ruft Frau Babbi und schlägt ihn nnt ihrem Fächer über die Finger.„Sie sind gräßlich, mit Ihnen will ich garnichts zu thnn haben." Sie wendet sich wieder an Agestin, ftagt ihn über seine Heimath aus, lobt die Schönheit der dortigen Natur, die sie von ihrer Hochzeitsreise kennt, und erweist ihm ein Interesse, um das er von seinen Kollegen und vielleicht auch von ihrem eigenen Mann beneidet wird. Arne Bing, der ihre Augen nicht sehen kann, iveil sie sich immer an Agestin wendet, bewundert indessen ihr Ohr und läßt seine Bewunderung laut werden. „Ihr Ohr ist wie ein Gedicht!" lispelt er.„Die graziösen Schwingungen und Linien seiner Muschel sind wie die Rhythmen und die Reime des Liedes. Sein liebliches Grröthen..." „Puh, höre doch auf, Mensch!" unterbricht ihn Peter Lie.„So ein Lyriker ist doch ein ganz un- mögliches Geschöpf!" Frau Babbi hat indessen garnicht aufgesehen; sie neigt sich zu Agestin und spricht leise weiter. „Nein, in vollem Ernst, sieh doch das Ohr in dieser Beleuchtung an und bewundere, was wahr- hast schön ist. Wie flammt und glüht der Brillant im Ohrring. Ist es nicht eine Pracht?" Ohne aufzusehen löst Babbi den Ohrring ab und reicht ihn dem begeisterten Lyriker über den Tisch: „Da, Sie sind ja kurzsichtig." Es wird gelacht, die Gläser werden gefüllt, Frau Babbi hebt den ge- schliffenen Kelch, in dem der edle Wein schäumt und perlt, und führt ihn an ihre frischen rothen Lippen. Sie brennt einen Blick in Agestin's Auge und dann sagt sie leise, vertraulich:„Auf das Gelingen Ihres ersten Buches." Agestin trinkt und findet Frau Babbi reizend; er bemerkt aber nicht, wie die Augen des Gatte» einen sonderbar trüben Ausdruck bekommen, er sieht nicht, wie ein müder, trauriger Zug um den Mund vibrirt, um schließlich einem konventiouelleu, fast blöden Lächeln zu weichen, indem er leicht mit der Hand ans den Tisch schlägt und mit gemachter Heiterkeit ausruft:„Nein, nun mag ich dieses süße Zeug nicht länger trinken!... Kellner, ein Pjolter!" XVI. Zwei Tage darauf machte Agestin beim Groß- Händler Danielsen einen Besuch und zwar zu einer von Frau Babbi bestimmten Zeit. Ihr Mann war nicht zu Hause, was Frau Babbi sehr bedauerte; er müsse also schon mit ihr„vorlieb nehmen". Sie saßen in dem originell eingerichteten Salon, dessen Möbel alle in: altnorwegischen Stile gehalten und darum weniger bequem, als dem Auge gefällig waren. Echte Aaklacder* hingen an den Wänden. Ein alter geschnitzter Schrank nahm die eine Wand zwischen den zwei Thülen ein, die mit allerlei originellm Sprüche» bemalt waren. An dem mit Butzenscheiben versehenen Fenster stand ein altes Spinnrad, und unter der Decke hing ein ans einem mächtigen Elchgcweiy konstruirter Kronleuchter. Das ganze Zimmer>var, so weit es sich mit der modernen Bauart des Hauses vereinigen ließ, im altnorwegischen Stile gehalten. Das machte gleich bei seinem Eintritt einen sympathi- scheu Eindruck. Mit jener breiten Zuverlässigkeit im Aaklacdcr sind alte norwegische gewebte Teppiche. Tonfall und in der Art, sich auszusprechen, die ihn als den noch unverdorbenen Sohn des Thales be- zeichnete, gab er seiner Freude über Alles, was er hier sah, Ausdruck.„Es ist mir Alles so an- heimclud, so norwegisch," sagte er. (For'sotzung solgl.) Uebcrbleibsel ans der Urzeit. Von C. Schenckling. �eit dem 14. Juli 1770, an dem Cook und seine Begleiter an der eben entdeckten Ost- kiiste des australischen Festlandes eine Heerde Riesenkängnruhs aufscheuchten, behauptet dieser jüngste Kontinent seinen Ruf als zoologisches Wunderland. Und wahrlich, die Thier- und Pflanzenwelt Austra- liens bietet ein derartig eigenthiimliches Bild, daß man von einer„verkehrten Welt" zu sprechen fast berechtigt ist. Zunächst muß schon der eigenartige Charakter der Landschaft und der Wälder unser Interesse er- regen. Das fruchtbare Land darf hier nicht am Mittellauf und au der Mündung der Flüsse gesucht werden, es liegt an der Quelle derselben. Die Vege- tation, die bei uns von der Thalsohle nach der Höhe zu abnimmt, ist dort gerade auf den Bergspitzen am üppigsten. Die schattigen Wälder, die wir zur heißen Sommerzeit so gern aufsuchen, sind dort lichtreiche Plätze; nicht nur, daß ihre Bäume weit genug voneinander entfernt stehen, um eine Berührung der Kronen unmöglich zu machen, auch das Unterholz fehlt, wodurch der australische Wald ein mehr park- ähnliches Aussehen erhält. Zudeni sind auch die Bäume(Eukalypten, Kasuarinen und Akazien, welche die Hälfte aller Pflanzenindividucn ausmachen) an und für sich nicht geeignet, kühlenden Schatten zu spenden, denn ihre Blätter nähern sich in ihrer Form den Nadeln unserer Koniferen, und sind nicht mit ihrer Breitseite, sondern mehr mit ihrem Rande der Sonne zugeiveudet. Während bei uns die Flora einer Gegend das Gesamnitprodnkt der mannig- faltigsten Pflanzenarlen ist, zeigt in Australien die Landschaft vielfach auf weite Strecken hin nur eine einzige Thier- und Pflanzenart. Die Wiesen bilden keine zusammenhängende Grasteppiche, sondern ein- zelne Grasoasen. Die Bäume werfen nicht ihr Laub, sondern ihre Rinde ab, wie wir aus Henderson's Beobachtungen wissen. Die uenholländische Birne, ein Strauch ans der Familie der Proteaceen, zeitigt Früchte, die mit ihrem verdickten Ende am Stiele aufsitzen, anstatt mit dem verjüngten, wie es bei n»s der Fall ist. Bei der australischen Kirsche um- schließt das Fruchtfleisch nicht den Stein, sondern dieser sitzt außerhalb auf der Frucht. Das wäre etwas für unsere Hausfrauen: die mühselige Arbeit des Auskernens der zum Einmachen bestimmten Früchte bliebe ihnen erspart, und sicherlich kämen auf den australischen Tisch nur entkernte Kirschen als Kompott, wenn, ja wenn die Kirschen Neu- Hollands ebenso saftreich wären wie unsere Herz- und Glaskirschen. Das sind sie aber nicht, denn die australische Kirsche ist gar keine Kirsche, sondern das erbsengroße, becrenförmige, rothe oder gelbe Erzeugnis; eines Strauches, von dem die Frucht nur den beerenartig verdickten Fruchtstiel bildet.„Daher erklärt sich," sagt Dr. K. Müller in seinem„Buch der Pflanzenwelt",„das Wunder sehr einfach, daß die eigentliche Frucht, der steinige Same, auf der dem Stiele entgegengesetzten Seite wächst." Immer- hin bringt aber das Aenßere der übrigens wenig schmackhafte» faden Frucht den Eindruck hervor, als säße der Kern außen statt innen. So kurios, wie es in der nenholländischen Pflanzen- welt ausschaut, so ist es auch in der Thierwelt. Plan kennt lange schon den schwarzen Schwan, der Australiens Gewässer belebt, heute noch dem Laien ein Symbol der verkehrten Welt, obwohl dem Natur- forscher nicht so besonders merkwürdig, lind je tiefer man schaute, ob man auch noch so skeptisch sein wollte, um so mehr Wunder sah man. Klikuke in Fasanen- größe liefen am Boden und eine Eule schrie:„Kukuk!" Hühnervögel legten ihre Eier in Laubhügel und ließen sie durch die sich darin entwickelnde Zerstörnngswärme ausbrüten, während andere den warmen Boden in der Nähe von Thermen zu Brutöfen machten. Der Laubenvogel baute zur Paarungszeit wahre Hochzeits- landen, die er mit allerhand Dingelchen, wie Muscheln, Steinen, gebleichte» Knochen, Blüthen usw. aus- schmückte. In dem benachbarten Neu-Seeland fand mau den nächtlich lebenden Höhlenpapagei und lernte eine andere Papageienart keimen, die Raubvogelnatnr angenommen bat und sich nicht mehr von Sämereien nährt, sondern blutdürstig die weidenden Schafheerden verfolgt. In der Dunkelheit des Farnwaldes trieb das sonderbare Geschlecht der Kiwi sein Wesen, schnepfcngroße Straußvögel, wahre Miniaturansgaben des heute gänzlich ausgerotteten riesigen Moa- Straußes. Dann die wunderlichen Vierfüßler! lim die Wende unseres Jahrhunderts hörte man zuerst vom Schnabelthier, das, an Gestalt einem Biber ähnelnd, am Kopfe einen regelrechten Entenschnabel trage und gar Eier legen solle. Mit Kopfschütteln wurde diese Mittheilung aufgenommen, und noch hatte man sich nicht darüber beruhigt, da kani eine neue staunenerregende Nachricht ans dem jüngsten Erdtheile: man hatte von dem Schnabelthier, das am und im Wasser lebt, in den trockenen Wäldern einen Vetter entdeckt, ein nächtliches höhlenbewohnendes Laud-Schnabelthier, vom Forscher Echidna, d. i. fabelhaftes Ungeheuer, genannt. Ein Geschöpf, das nun vollends lächerlich ausschauen sollte. Aeußerlich einem großen Igel gleichend, hatte es am Kopfe statt der bekannten schwarzen Schweinsschnauze eine schnabelartige Röhre, die vorn gerade Oeffnnng genug läßt, nni eine lange, nur wurmdicke Zunge heraus zu schieben, deren Klebsaft Ameisen festhält und dem wunderlichen Schnabeligel als Nahrung zuführt. Diese Echidna hat am Bauche eine Tasche wie ein Känguruh, und in diese Tasche legt sie sich selbst ein Ei und brütet es richtig darin aus, um das Junge nachher auch noch zu säugen wie ein regelrechtes Säugethier. Wie vor Kurzem die Exi- stenz des Schnabelthieres, so wurde diesmal die des Ameisenigels augezweifelt. Heute sind uns beide keine Fabelwesen mehr. Dem Forscher Caldwell verdankt die Wissenschaft die Entdeckung, daß das Schuabelthier, Ornithorhynclras paradoxus, Eier legt, und der durch seine„Schöpfung der Thierwelt" bekannte Professor Haacke konnte 1884 einer ge- lehrten Körperschaft in Adelaide ein Ei vorlegen, das er kurze Zeit vorher dem Brutbeutel eines Ameisenigel-Weibchens, Echidna hystrix, entnommen hatte, lieber die saugende Ernährungsweise der Jungen dieser beiden Kloaken- oder Gabclthiere erfuhr man später, daß sie die Milch ablecken, da die mütterlichen Milchdrüsen der Saugwarzen ent- behren und auch nicht wie die anderer Sänger auf Talgdrüsen, sondern auf Schweißdrüsen zurück zu sichren seien. Plan sieht nichts als wunderliche Tinge auch in der Thierwelt unseres gegenfüßlerischen Kontinents. Darwin's Aufsehen erregendes Werk, nach welchem die komplizirt konstrnirten Thierorganismen aus einfach gebauten, die vollkommeneren Arten aus unvollkom- menen, die höheren Thierkreise ans niederen hervor- gegangen sein sollen, war erschienen. Nun ließe» es sich seine Jünger angelegen sein, Umschau zu halten nach Ecksteinen, die dem Werk des Meisters eine Stütze sein sollten. Und wo anders als im Wunderlande sollten diese Bausteine zu finden sein?! Dorthin wurde also der suchende Blick gewandt, und richtig: das Wunderland des Laien wurde zum ge- lobten Lande der Uebergaugsformeu für den Forscher; dort fand die Wissenschaft jene Thierformen von Wirbelthieren, die große Gruppen mit einander ver- knüpfen. Es ist bekannt, daß nach gewöhnlichem Brauch fünf Hauptklassen der Wirbelthiere unterschieden werden: die Fische, die Amphibien, die Reptilien, die Vögel und die Sängethiere. Ti� Fische sind zweifelsohne die»icdrigststeheiide Klasse, die Säuge- thiere die höchststehende. Hat Darwin's Lehre Recht, so muß man annehmen, daß alle Klassen in einem gewissen Entwickelungsvcrhältniß zu einander stehen. Die Fische mußten von ganz niederen Thieren ab- 332 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. stammen, die überhaupt noch keine Wirbelthiere sind. Und in der That giebt es auch eine solche Uebergangs- form von den Wirbellosen zu.den Wirbelthieren. Es ist der Lanzettfisch.�mpbioxns laneeolatns. Sein Skelett wird gebildet durch den in der Nähe der Riickenlinie durch den ganzen Körper verlaufenden, gallertartig-knorpeligen Achsenstrang(Riickensaite), und sein farbloses Blut pnlsirt in großen Gefäßen, da ein Herz fehlt. Obwohl die Unterklasse der Röhrenhcrzen, wie sie auch genannt wird, von den verschiedensten Meeresküsten bekannt ist, ist sie doch mich am australischen Strande vertreten, und zwar in der Gattung Epi�omcbtb�s. Verfolgen wir die Entwickelung des Stammbaumes der Wirbelthiere im Darwin'schen Sinne weiter, so müssen die Fische nach oben Uebergänge zu den Amphibien zeigen, diese zu den Reptilien und diese— hier scheint sich der Stammbanm gespalten zu haben— einerseits zu den Vögeln, andererseits zu den Sängern. Den« Uebergänge vom Amphib zum Reptil steht nun von allen lebenden Thieren zweifellos die merkwürdige Brückenechse am nächsten, von welcher die Eingeborenen Menschenfressergeschichten erzählten. Dieses Thier, Hatteria punctata, welches dem australischen Gebiet einzig und allein angehört, erwähnt Cook erst nach seiner dritten Reise, und Dieffenbach brachte es Anfang der vierziger Jahre zum ersten Male lebend nach England. Seit dieser Zeit ist die Brücken- eidechsc indeß so rar geworden, daß bereits 1867 Günther die Befürchtung aussprechen konnte, sie werde binnen Kurzem zu den ausgestorbenen Thieren zu zählen sein. Den Uebergang vom Reptil zum Säugethier finden wir gleichfalls in Neuholland; es ist das bereits erwähnte Schnabelthier. Auch die Vermittclnngsglieder zwischen den niederen, eier- legenden Säugern und den höheren Mammalia lebten in Australien: es sind die Bentelthiere. Das Binde- glied zwischen den Reptilien und Vögeln ist freilich nicht im gelobten Lande der Uebergangsformen ge- funden worden. Vorhanden ist es aber; es ist der wunderbare Urgreif, der Archäopteryx aus der oberen deutschen Juraformation. Ein Thier, das heute nicht mehr existirt und wohl schon vor mehr als Millionen von Jahren in der Form, in der wir es aus den beiden im Solenhofener Schiefer gefundenen Abdrücken kennen, wieder von der Erde verschwunden ist. Das Schuppenkleid war bei ihn: zum Feder- kleid geworden, die Flügel trugen noch die Eidechsen- krallen, der aus beweglichen Wirbeln zusammen- gesetzte lange Eidechsenschwanz trug jederseits eine Reihe von Steuerfedcrn und eine weitere, höchst merkwürdige Eigenthümlichkeit war die Bezahnung der Kieferränder des typischen Echseukopfes. Es war ein Lieblingsgedanke des alten Darwin, daß in einem bisher noch unbesuchten Thcile des anstra- lischen Gebietes— es gab und giebt deren heute noch genug— doch auch noch etwas Aehnliches wie der Archäopteryx eines Tages lebend angetroffen werden könnte. Als der Reisende Haast in den neuseeländischen Alpen räthselhafte Thierspuren im Schnee entdeckte, legte ihm Darwin an's Herz, doch ja zu fahnden, ob nicht ein wahrhaftiger Eidechsen- vogel der Art dort noch sein Wesen treibe. Es hat sich aber nichts davon gezeigt, und die Fährten waren wohl die eines Sängethiercs, das allerdings bis heute auch noch nicht bekannt ist. Von den hypothetischen Bindegliedern fehlt nun noch eins. Falls Darwin's Lehre Recht hat, muß auch ein Thier vorhanden sein, das die Brücke zwischen der Klasse der Fische und der Klasse der Amphibien bildet. Diese Uebergangsthiere werden in ihrer Gestalt nicht den bestentwickeltsten Arten der höheren Gruppe ähneln, sondern den einfachsten Formen der- selben gleichen. Demnach hätte das überleitende Glied der in Rede stehenden Klassen nicht die Gestalt eines Frosches, als eines vollkommen entwickelten Amphibiums, sondern mußte den in der Entwickelung tiefer stehenden Lurchen ähneln, und das ist auch der Fall: die Uebergangsthiere erinnern in ihrem Aeußeren an den allgemei» bekannte» Feuersalamander. Wie man nun für die verbindende Form zwischen Reptil und Vogel die Bezeichnung„Eidechsenvogel" gebraucht, so wendet man in diesem Falle den Ter- minus„Lnrchfisch" an. Im Jahre 1835 wurde von dem österreichischen Ornithologen Johann Natterer in den Sümpfen des Amazonen-Gebietes das erste lebendige Thier ent- deckt, das in seinem Aeußeren unserem hypothetischen Molchfische etwa entsprechen würde. Das Thier, von etwa Meterlänge, hatte einen aalförmigen Körper mit zusammenhängendem Flosseiisanm, war beschuppt wie ein Fisch, hatte auch eine Art Flossen statt der Beine und trug zn beiden Seiten des Halses voll- kommen ausgebildete Kiemen. Die Indianer nannten es Carannrn, und der Entdecker gab ihm den Namen „Schuppenmolch", weil er es zu den Molchen stellen zu müssen glaubte. Der wissenschaftliche Name ist Eepidosiren paradoxa—„paradox" deshalb, weil das Thier neben den Merkmalen eines Fisches die Natur eines Molches insofern theilt, als es durch zwei vollkomnien arbeitsfähige Lungen athmet und auch sonst in seiner Organisation an diese Ordnung der Amphibien erinnert. Die Nasenlöcher führen nämlich in eine weite Naseukapsel, deren beide Gänge nach unten in die Mundhöhle kurz hinter der Schnauzen- spitze geöffnet sind. Hinter den Kiemenspalten findet sich in der vorderen Wand des Schlundes eine Stimm- ritze, welche in eine weite, von Knorpeln gestützte Stimmlade und in zwei wohl ausgebildete zellige Lungensäcke führt, die durch rein venöses Blut vom Herzen aus gespeist werden und arterielles Blut in den Strom der Aorta abgeben. Bei geschlossenem Maule ist demnach durch die Nasenlöcher ein voll- kommener Luftweg hergestellt, was bei keinem Fische sonst der Fall ist, eben so wenig als irgend ein anderer Fisch eine an der vorderen Wand des Schlundes geöffnete Lunge besitzt, welche venöses Blut enthält. Diese Natterersche Entdeckung paßte allerdings nicht in den Kram der Systematiker, aber sie war nicht aus der Welt zu bringen. Da traf die guten Leutchen zufolge der berüchtigten„Dupli- zität der Zufälle" ein zweites Verhängniß. Kurz nach der Entdeckung des Schnppcnmolches wurde aus Westafrika ein anderer Molchfisch bekannt. Nack) Heuglin sollte dieser von den Negern„Dako" und „Komtak" genannte Fisch in den Gewässern von ganz Biittel- und Jnnerafrika leben; zuerst gefunden wurde er im Weißen Nil. Die Wissenschaft nannte den Afrikaner Lrotopterus annectens, der Gattungsname bedeutet so viel wie„Erstflosser" und der Art- name(annectens anknüpfend) weist auf seine ver- mittelnde Stellung hin. Er ist größer als der Süd- amerikaner, da er fast zwei Bieter lang wird, und unterscheidet sich sonst von jenem insofern, als die Kiemenöffnungen je drei kleine Kienienanhäuge tragen. Auch bei ihm konnte ein regelrechtes Lungeuathmungs- system konstatirt werden; die Athmung geschah wie dort durch zwei Lungen. Da trat Darwin auf, durch dessen Hülfe die Uebergangsthiere erst verstanden wurden. Zufolge seiner Lehre wurden die beiden Molchfische als ver- bindende Station zwischen Fischen und Amphibien erkannt. Die Umwandlung der Kiemenathmung in Lungen- athmung fällt aber weit vor unsere Zeitrechnung. Die aufgefundenen versteinerten Reste, Abdrücke von Gräten, Schuppe», Zähnen usw. lehren, daß von den Wirbelthieren zuerst die Fische vorhanden waren. Erst in der Steinkohlenzeit, aber immer noch Mulionen von Jahren vor unseren Tagen sind die Amphibien aufgetreten, wenigstens kennen wir erst aus dieser Epoche die ersten versteinerten Reste dieser Thier- klaffe. In der Periode zwischen diesen Zeitabschnitten scheint nun die Umwandlung von einem Theil der Fische in landbewohnende lnngenathmende Thiere er- folgt zu sein, und diese Periode ist dann auch wohl das d'Orado der'Lurchfische gewesen. Ueberreste aus dieser Zeit, die etwa auf Ahnen der lebend gefun- denen Biolchfische hätten schließen lassen, wurden nirgends gefunden. Während man in der gesammten Gelehrtenwelt über das„Wenn und Tann" diskntirte, machte mau in dem Wunderlande eine neue Entdeckung. Dem Kurator des Museums in Sidney, Gerhard Krafft, ging durch Vermittelnng eines Herrn Forster ein dritter Molchfisch zu. Dem Empfänger war der Fisch vollständig unbekannt; der englische Squatter hatte ihn gelegentlich seiner Naturbeobachtungen, die er seit einigem Jahren zu seinem Vergnügen trieb, in einem Flusse des östlichen Australien, im Biirnett in Queensland, kennen gelernt. Es war der Burnett- Lachs der Eingeborenen(wegen seines prächtig rothen Fleisches so genannt) und der Djelleh der Schwarzen. Aenßerlich hatte er, gleich seinen Vettern in Afrika und Südamerika ganz die Gestalt eines Fisches. Er maß etwas über einen Meter und hatte etwa die Grundform des Karpfen. Die Flossen waren indeß anders gebaut: nicht nur, daß die Rücken-, Schwanz- und Afterflosse zusamnieugefaßt ist und in der Form eines Flossensaumes nin das spitze Ende des Leibes hernmgreift, auch die Brust- und Banchflossen hatten UnÄildungen erfahren. Die ziemlich großen ruderförmig gebauten Flossen lassen deutlich eine Hauptachse mit ansitzenden Seitenstrahlen erkennen und dieser Atittelstamm scheint sehr wohl geeignet, etwaige Kriechbewegungen des Thieres ans dem Lande zu ermöglichen, beziehungsweise zu unter- stützen. Das Skelett dieses Molchfisches ist ganz von der Beschaffenheit, wie man es bei den ältesten Fischgrnppen, z. B. den Haie» beobachtet hat, knorpelig und ohne jegliche Härte. Besonderes Interesse bietet die Bezahnung des Thieres. Die Zahl der Zähne ist äußerst klein. Im Unterkiefer sitzen zwei wellig eingekerbte Zahnplatten und auch das Pflngscharbein trägt zwei schneidezahnförmige Zähne. Die tiefe Zackung des Zahnraudes ähnelt der eines Hahnen- kammes. Wer so gestaltete Zähne einmal gesehen hat, in natura oder im Bilde, der vergißt ihre Ge- statt nicht wieder. So wurde auch der Museums- direktor in Sidney durch die sonderbare Form der Gaumenzähne des ihm vorliegenden Molchfisches an Zahndarstellungen erinnert, wie sie Agassi;, Professor am Hervard College in Cambridge bei Boston in Massachusets und gewiegter Kenner der ansgestor- beuen Thiere, schon vor Jahrzehnten in seinen Büchern gebracht hatte. Die Zähne kannte man wohl, nahm auch an, daß es Fischzähne seien, und wußte sogar, daß Millionen von Jahren vergangen waren, seitdem die Träger derselben sich dieses Be- sitzes erfreuten. Wegen der hahnenkammartigen Zähne hatte man die Gnippe jener störähnlichen Fische, die im paläozoischen und mesozoischen Zeitalter gelebt haben, Ceratodus genannt, d. i. Hornzahn oder Horn- zähner. Die spätere Wissenschaft trennte indeß auf Grund vorliegenden Beweismaterials die Leratvdas von den Acipenseridae. Der Träger solcher Zähne lag im Museum zu Sidney; es ivar zweifelsohne ein Ceratodus. So war der ungewöhnliche und höchst merkwürdige Fall eingetreten, daß ein Thier, welches viele Jahre hin- durch nur winzigen Resten nach bekannt war, das für„fossil" gehalten und als Bewohner der Urwelt angesehen wurde, leibhaftig und frisch gefangen vor- lag: ein lebendiger Fisch aus der Urwelt! Diese Entdeckung machte alle Angriffe der Anti- Darwinianer auf das System des großen Briten zu nichte und wurde nicht nur zu einem Baustein, son- der» sogar zn einem Grundpfeiler der Descendenz- theorie. Ceratodusreste fand man selbst in den Schichten der Triasperiode, das ist jene Zeit der Erdgeschichte, welche der Juraformation vorauf geht und die Aera des Jchthyosauraus und seiner Sipp- schaft bildet, ja, es gelang, die Molchfischzeit in die Tcvouperiode, welche viel älter noch als die Trias, älter noch sogar als die Steinkohlenzeit ist, zu ver- lege». Die Ceratodusarten scheinen, wenn man nach Zahufunden schließen darf, in jener Zeit fast über die ganze Welt verbreitet gewesen zu sei». Mau kennt solche Funde nicht nur ans Anstralie», Ost- indien und Nordamerika, sondern auch aus Europa; selbst in Deutschland hat man Ceratodnszähne ge- fnnde», so im Schwäbischen und in der Gegend von Magdeburg. Das Thier, welchem Krafft zu Ehren Forsters den Artnamen Eorsteri(C. Forsten) gegeben hatte, war bekannt, aber über seine Lcbensgeschichte wußte man absolut nichts, wie werthvoll dies anch gewesen wäre, da bekanntlich nach dem biogenetischen Grund- gesetz die Entwickelung des Einzelindividuunis eine Wiederholung der Entwickelungsgeschichte der Art ist. Daher wurde es nun Aufgabe, den Bildungs- gang des Ceratodus ad ovo zu studiren, und vor 334 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhalwngsbeilage. Allen arbeitete der eifrigste Tarwinianer, Häckel, an der Lösung derselben. Dank des Interesses, welches Herr Paul von Ritter in Basel der Darwin- Häckel'schen Forschung zollt, wurden die für diesen Zweck erforderliche» Geldmittel auch bald flüssig. Tie Forschungsreise unternahm ein Schüler Häckel's, Richard Semon, der heute neben seinem Bleister eine zoologische Professur in Jena bekleidet. 1831 wurde die eigenartige Ceratodus-Fahrt angetreten und 1893 kehrte der Forscher niit Schätzen reich beladen nach Jena zurück. Seine Reiseerlebnisse hat er veröffent- licht in dem vorzüglichen Werke:„Im australischen Busch und an den Küsten des Lkorallemneeres. Reise- beobachtungen eines Naturforschers in Australien, Nen-Guinea und den Btolukken", das bei W. Engel- mann-Leipzig erschienen ist. Nach de» Anfzeichnnngen Semon's bewohnt der australische Ceratodus nicht alle oder mehrere Ge- Wässer des Festlandes, sondern kommt nur in zwei Flüßchen Queenlands, also im nordöstlichen Theile des Kontinents, vor, nämlich im Burnett- und Mary- River. Da nach früheren Mittheilungen das viel gesuchte Thier das Brackwasser bewohnen sollte, wandte sich der deutsche Forscher zunächst nach der "Stadt Riaryborough, welche die Endstation der Bahn- strecke von Brisbane her bildet und an der Müh- bmig des Mary-River liegt. Auch diese Notiz be- ruhte auf Jrrthum. Auf die Versicherung kundiger Leute hin lies; sich Semon dann etwa am Mittel- lauf des Flüßchens nieder, das war aber im„austra- lischen Busch". Durch den schon erwähnten Caldwell war bereits vor einem Jahrzehnt darauf hingewiesen worden, daß der Ceratodus ähnlich unserem Triton seine Eier zwischen Wasserpflanzen ablege. Um nun diese Kleinodien zu erlangen, mußte'Semon fast selbst zum Doppelleber werden. Er und seine schwarze Hülfstruppe suchten tagaus tagein den Maryfluß meileuweit auf Ceratoduseier ab. Jedes Blatt, jeder Stengel, jedes Theilchen der Wasserpflanzen wurde der peinlichsten Untersuchung unterworfen. Lange vergebens! Endlich, es war Anfangs No- vember, welcher Monat auf der südlichen Hemisphäre etwa unserem Mai entspricht, wurden im Pflanzen- gewirr die erste» drei Eier gefunden. Caldwell's Hinweis hatte sich bestätigt. Lose im Genist hingen die kleinen Gebilde; bei ihrer grünlichen Farbe und ihrer Größe(6 bis 7 Millimeter im Durchmesser) hatten sie auffallende Aehnlichkeit mit Froschlaich, nur daß sie eben etwas größer waren. Nun mehrten sich die Funde von Tag zu Tag, und schon konnte Semon die eigentliche Arbeit, die Entwickclung des Thiercs im Ei zu studiren, beginnen. Aber noch war er zu keinem sicheren Resultat gekommen, da trat die Regcnperiode ein, welche das Flüßchen in einen reißenden Strom verwandelte, wodurch weiteres Suchen iinmöglich gemacht wurde. Der Forscher verließ die Gegend und wandte sich nach Neu-Guiuea, um nach der Regenzeit seine Untersuchuugen fort- zusetzen. Nach der zweiten Ankunft vergingen wie- derum Wochen, che die ersten Eier gesunden wurden, aber die Mühe wurde diesmal reichlich belohnt: von derselben Fundstelle erhielt Semon an siebenhundert Stück Eier, und bei dieser anßerordeiitlichcn Menge gelang es ihm auch, die ganze Entwickelnngsreihe des Molchfisches zusammen zu bringen. Schon die ersten Untersuchungen hatten Semon gelehrt, daß der Ceratodus in seinen Anfangsstadien im Wesentlichen den Amphibien gleicht. Die sorg- same Fortsetzung der Studien daheim im Stndir- zimmer hat dies bestätigt. Somit wurde der Beweis erbracht, daß der Ceratodus Australiens, wie auch seine Verwandten, der Schuppenmolch des Amazonen- stromes und der afrikanische Protopterus, die Klassen der Fische und Amphibien wirklich verbinden. Auch der letzte Versuch der Anti-Darwinianer, in den Lnrch- fischen echte Fische zu sehen, die sich besonderer Um- stände halber der Lungeuathmung anpassen mußten. wurde dadurch hinfällig. Von dem afrikanischen Schlammfisch weiß man, daß er sich in schlammigen Gewässern aufhält. In der regenarmeu Jahreszeit, die das Austrocknen derselben zur Folge hat, wühlt er sich in den Schlamm ein und schlitzt sich dadurch vor dem Vertrocknen, daß er durch reichliche Absonderung eines erhärtenden Schleimes aus seinen Hautdrüsen eine Art Kapsel um sich bildet. Jedenfalls schreitet das Thier erst im letzten Moment zu der Selbsteinsargung, denn vermöge der Lnngenathmuug wird es sich lange genug, selbst bei niedrigstem Wasserstaude in den Tümpeln der ausgetrockneten Wasserläufe halten können. Als Krafft den ersten Ceratodus sah, glaubte er annehmen zu müssen, daß dieser in derselben Weise den Sommer verschlafe wie der Afrikaner. Semon belehrte indes; die Wissenschaft eines anderen. Ceratodus hat nämlich nicht, wie Lepidosiren und Protopterus, zwei Lungen- fliigel, sondern nur einen, und geräth er auf's Trockene, so ist er verloren, da die Athninng durch die eine Lunge nicht ausreicht, ihm das Leben zu erhalten. Er kann daher seinen Aufenthalt auch mir in solchen Ge- wässern nehmen, bei denen ein vollständiges Aus- trocknen ausgeschlossen ist. Nun blieb noch die Frage: Wie konnte ein kiemeuathmendes Thier zu einem lungenathmenden werden? Wir wissen, daß die Schwimmblase des Fisches zu seinen wichtigsten und charakteristischsten Organen gehört. Sie entwickelt sich in Gestalt einer Aus- stiilpuug an der oberen Wand des Vorderdarmes und bewahrt mittelst des sogenannten„Lnftganges" ihren anfänglichen Zusammenhang mit letzterem sehr häufig das ganze Leben hindurch. So entspricht sie in ihrer Entstehungsweise der Lunge der höhereu Wirbelthiere und ist bei den Mölchfischen thatsächlich zu einer Lunge geworden. Die Schwimmblase ist mit einem aus dem Stoffwechsel des Fisches stam- meuden Gasgemenge erfüllt, das ähnlich wie die atmosphärische Luft ans Sauerstoff, Stickstoff und Kohlensäure besteht. Es ist nicht ungeheuerlich, wenn mau annimmt, das; ein im Innern eines Thieres gelegenes luftgefülltes Organ auch einmal für direkte Aufnahnie von Luft in's Blut, also zur Athmung dient. Daß dieses wirklich der Fall ist, lassen die kleinen Ansätze dazu einiger durchaus echter Fischarten erkennen. Bei unserem Ceratodus nun hat diese Umbildung in erhöhtem Maße statt- gefunden; sie ist weiter fortgeschritten, indem die Wandungen der Schwimmblase luftsaugende Blut- gefäße erhalten haben und die Mündung der Blase aus dem tiefen Darm bis in den Schlund vorgerückt ist: sie ist zur Luftröhre geworden, jene zur Lunge. Freilich ist diese Umbildung nicht im Hand- umdrehen vor sich gegangen, ganz allmälig fand sie statt, und so manches Säkulum mag verflossen sein, ehe aus dem kiemenathmenden Fisch ein luugen- athmeudes Thier wurde. Die Geologie lehrt, daß in der Devonzeit die nördliche Halbkugel der Erde zum größten Theil mit Wasser bedeckt war, auf dessen Grund sich der sogenannte alte rothe Sand- stein als Schlamni ablagerte. Im Laufe der Zeit wurde das Wasser immer flacher und immer seichter, und an Stelle der znsanimenhängendeu Wasserfläche traten Tümpel. Alles, was sich im nassen Elemente wohl fühlte, und das war wohl das Gros der ge- stimmten damaligen Fauna, zog sich in diese Wasser- löcher zurück. In dem Gewimmel wurden die weniger kräftigen Formen erdrückt; andere fanden Liebhaber — sie wurden gefressen; der in der verhältnißmäßig kleinen Wassermenge enthaltene Sauerstoff wurde bald verbraucht— ein Theil der Kicmenathmer er- stickte; immer mehr verdunstete das Wasser, und immer sauerstoffarmer wurde es, und diese Unistäude bewirkten, daß sich die alten Ceratodi neuen Ver- hältnisseu anpassen mußteil und vielleicht nach Art des heutigen Protopterus die Dürre überstanden. Vielleicht begaben sich einzelne Ceratodi auf die Wanderung. Lungenathmcnd schlängelten sie sich gleich unserem Aal über Land bis zu einem anderen Gewässer. Diese Wanderungen wurden ausgedehnter, was Kräftigung der Lungen einerseits und Schwächung der Kiemen andererseits zur Folge hatte, bis letztere schließlich gänzlich schwanden und nur in jüngsten Zuständen des Thieres wahrznnehuicn sind. So wurde aus dem Fisch ein Biolchfisch— ans dem Molchfisch ein Amphibium.— Kerbfffeier. Von Robert Seidel. fm duft'ger Schkeier, zcrrt gebreitet, 'Dertnillt nur teicbt dcrs nrüde Lcmd, Htnd durcb die stitten Ituren schreitet Aer Segen mit gefüllffer Kcrnd. Ks ziert die Welt ein reifes Schweigen Wun ncrch des Werdens tcmter Knft, Ks führt der Iriede seinen Weigen Wnd schenkt der Krde nritde Wnst. Wsrbei des Irühtings witdes Drängen, Dcrs stürmisch hob nn's Licht die Kant, Werbei des Kommers glühend Sengen. Ans grünes Korrr gebrciunt zur Mahd. Wirrt hat ihr Hagewerk vollendet Die große Witdnerin Watrrr, Wim hat sie reiche Arrrcht gespendet Wnd athmet süße Wiche nur. ö) Kerbst, du hehre Isriedensfeier, Wach Wetterstrrrrn und Werdeteid, Dir rührst nicht deine Wrrhmesteier, Du zeigst nur still dein Irrrchtgeschmeid; Du willst nicht wie der ArühCirrg prahlen, Der Wl'rrmen nur und Lieder sucht; Du willst nicht wie der Sommer strahlen, Dir willst nur opfern deine Arrrcht. Du reicher Kerbst mit deinem Iriedcn, Du bist Symbol des Ketdenthums, Das still im Hhatenschnruck hienieden (Hewaltet, bar des lauten Wrchms; (5) laß uns, edler Kerbst, dir gleichen, Wenn unf're Sonne geht zur Wast, Laß uns der Welt ein Aüllhorn reichen Woll reifer Arrrcht und süßer Last. Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 335 (Fortsetzung.) Der Bruder des einzigen Sohnes. Von Nemirow-Danschenko. Aus dem Russischen von Th. Wolfsohn. kon meiner Kindheit an erkannte ich, daß die Heuchelei ein allgemeines Gesetz in der Welt ist und daß die Thaten sich von den Worten vollständig trennen. Denn Niemand handelte in meinen Augen so, wie er von seinen Thaten sprach. Die Liebe zum Nächsten, von der Alle im Hanse so viel sprachen, die fühlte ich auf meinem ganzen Körper. Die Gerechtigkeit? O, die wurde mir mit voller Hand zu Theil! So blieb mir nur zu glauben, daß sie ihre Strafe in„jener Welt" bekommen würden. Doch auch dieser Trost wurde mir ge- nommen. da ich erfuhr, daß man in der Kirche die Reichen von den Armen theilt, den Reichen die besten Plätze giebt, de» Armen aber eine schlechte Ecke. Es ist selbstverständlich, daß man meinen Eltern die Plätze der ersten Art gab, mir aber die der letzten. Ich verstand wirklich nicht, wozu sie mich mit zur Kirche nahmen. So ging es immer weiter. Nteiner schämte man sich, obgleich ich ein sehr fähiger Knabe war. Die frühe Entwickelnng, die Gewohnheit, viel und lange zu denken, haben mir geholfen, das zu verstehen, was scheinbar für mein Alter unglaublich schwer war. Tie bitteren Wurzeln der Wissenschaft waren mir sehr lieb. Aber auch das war für mich eine neue Quelle des Leidens, denn mein Bruder konnte mir im Lernen nicht nachkommen. Er runzelte die Stirne und gab sich Mühe zn verstehen, was man ihm zerkaut in den Mnnd legte, aber zu sehr durch irdische Speisen übersättigt, konnten ihn die geistigen nicht mehr interessiren. Nach allen Vorrechten der Fähigkeit, der Kenntnisse, des inneren Dranges hätte ich auf der Gymnasialbank sitzen müssen, auf der mein Bruder saß. Aber mich in die Schule zu schicken, schämten sich meine Eltern. Ich war ja illegitim.— „Ach! wie werde ich das ertragen!" schrie meine Mutter tragisch auf. Sie wurde nach ihrer gesetz- lichen Verheirathnng nervös. „Ja, es ist unbequem," sagte mein Vater zu- stimmend. Daher wuchs ich auf wie ein Schweine- Hirt. Ich las die Bücher meines Bruders durch und lernte selbst. Bei anderen Lebensbedingungen wäre ich sicher ein sehr tüchtiger Mensch geworden, die Liebe zur Wissenschaft hätte in diesem Falle sehr viel dazu beigetragen, aber so konnte man mich nichts lernen lassen. Was für mich sonst eine Quelle des Glückes, der Freiheit, der Unabhängigkeit geworden wäre, öffnete so nur eine neue Wunde in meiner ohnedies schon so stark gekränkte» Seele. Haben denn diese gransamen Atenschen nicht gc- sehen, was in mir vorging? Wer denkt eigentlich darüber nach, warum ein 5tind die Stirn runzelt und was in seinem kleinen Herzchen vorgeht? Wächst nun später, durch die Vernachlässigung auf's Aenßerste erbittert, ein Mörder, oder ein schlechter Mensch heran, dann wunder» sich die Leute und bedauern die armen, ehrenwerthen Eltern. Aber Keiner, kein Einziger denkt darüber nach und fragt sich: wie konnte das geschehen? Einige Zeit blieb ich von meiner Umgebung ganz vergessen. Das war fast die glücklichste Periode meines Lebens im Hanse meiner Eltern. Mein Vater besaß Bücher; ich nahm sie ohne Auswahl und ging hinauf in meine Stube, um zn lesen. Es war Sommer, die Sonne schien in mein arm- seliges Kämmerchen. Sperlinge flogen an meinem Fenster fröhlich zwitschernd vorbei. Als es mir lang- weilig wurde zu lesen, sah ich aus dem Fenster hinunter ans die Straße. Sehr oft lockte mich meine Leidenschaft, den inneren Theil des Fensterbrettes, an welchen ich mich festhielt, loszulassen. Ein Augen- blick hätte geniigt, ein, zwei, drei Wendungen in der �nft— und alles Leid wäre für mich zn Ende. Tort dieser Schutzmann, der wie versteinert an der Straßenecke steht, würde angstvoll zn mir herüber- laufen. Der Hansmann käme eilig, erschrocken aus leiner Stube, als hätte er Schuld an meinem Falle, und auf die Frage: Wem gehört dieser Knabe? würde er antworten, er ist bei der Herrschaft von Qbidiil aufgezogen worden. Dann würde man mich auf irgend etwas legen und in die Wohnung hinauf- tragen. Einst sah ich solch einen Verunglückten. Das Blut floß ans seinen zerbrochenen Glied- maßen, das Gesicht war schrecklich zerschlagen, und die Angen blickten starr, mit wildem Schrecken, ans die sich ihm nähernden Leute. Was hielt mich davon zurück, meinem Leben ein Ende zn machen? Den Meinigen und mir wäre es wohler gewesen. Aber ich war feige und fürchtete physische Schmerzen. Endlich im Herbste geschah die schon lang er- wartete Veränderung in meinem Leben. Dieser Herbsttag wird mir lange unvergessen bleiben. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend regnete es. Mein Kämmerchen, das im Dachgiebel lag, war schon ganz feucht, da der Regen durchdrang. Eines Morgens wurde ich zu meinem Vater heruntergerufen. Daselbst saß ein Mann, der nach der schlechten Aussprache zn urcheilen, ein Deutscher war. „Da ist er!" sagte mein Vater. Stumpfsinnig schaute ich den Gast und meinen Vater an:„Doch ich sage es im voraus, er ist trotzig und schlecht, man muß ihn strenge halten." Der Deutsche lächelte. Solche giebt eS bei uns genug, war auf seinem Gesicht zu lesen. Mir wurde es plötzlich angst und ich erschrak, als ich unwillkürlich auf seine großen Hände hinblickte. „Kann er bei Ihnen wohnen?"„O, gewiß, das ist selbstverständlich." Nun wandte sich mein Vater zn mir:„Lieber Freund, ich gebe Dich zum Herrn Friedrich, einem Buchbinderiueister, in die Lehre; das wird Dir lieb sein, denn Du hast Bücher gern," sagte er lächelnd.„Arbeite, sei fleißig, führe Dich gut auf, und aus Dir wird, trotz Allem, ein braver Mensch werden. Der Staat braucht auch Handwerker, nicht blos Gelehrte. Sei ehrlich und willig. Wenn ich dann von Herrn Friedrich gute Nachrichten über Dich bekomme, wenn er mit Dir zufrieden ist, werde ich sicher Deiner nicht vergessen. Hast Tu dann ausgelernt und bist ein tüchtiger Mensch geworden, werde ich Dir, wenn es meine Mittel erlauben, eine Einrichtung schenken. Du wirst Dir dann selbst eine Buchbinderwerkstätte eröffnen... So, jetzt können Sie ihn mitnehmen, seine Sachen bekommt er nachgeschickt." Während niein Bater sprach, schaute ich dem Deutschen in's Gesicht. Doch ich konnte keinen warm- herzigen, freundlichen Zug entdecken. Er errieth wahr- scheinlich, was in mir vorging und wandte sich von mir fort. Herr Friedrich verabschiedete sich. Als wir auf die Straße kamen, faßte er mich am Ohr und riß so stark, daß ich aufschrie. Offenbar geschah es ohne Absicht, denn er fragte erstaunt:„Nun, was für Umstände?" Tarauf sagte mein neuer Herr lächelnd: „Dies, Junge, ist gamichts; aber wenn Du erst den Riemen fühlst, das soll Dich anders schmerzen. Bei mir mußt Tu ein scharfes Ohr haben und vor Allem Gehorsam, Gehorsam und nochmals Gehorsam." Nach dieser Rede zog er mich, wahrscheinlich wegen der diesem Volke eigenthümlichen Genauigkeit, an dem anderen Ohr und ließ mich dann einige Zeit in Ruh.— Ich will mich nicht weiter an das Leben erinnern, welches jetzt für mich begann. Kameraden hatte ich nicht. So füllte ich meine freie Zeit mit Lesen aus. Dadurch erwarb ich mir Kenntnisse und war über mein Alter entwickelt. Ich wiißte viel mehr als meine Umgebung und stand daher viel höher als sie. Mein Meister schlug mich oft mit Stock und Riemen, und doch fühlte ich mich im Innern meiner Seele glücklicher als zu Hause. Hier waren wenigstens keine Eltern, denen mein Dasein unangenehm war, die sich meiner schämten. Hier war auch gleiches Recht für Alle. Der Meister behandelte uns Alle mit gleicher Strenge. Einige Male traf ich meinen Bruder. Es war ihm streng verboten, mit mir zn reden. Erröthend wandte er sein Gesicht zur Seite, doch konnte ich noch sehen, daß seine Augen voll Thränen waren. Also dieser rosige Cherubin lernte sich auch schon meiner schämen. Trotz alledem fühlte ich ein Sehnen, die alte Ge- wohnheit rief mich nach dem elterlichen Hause zurück. Warum das? Wozu? Aber wäre es möglich, uns aus dem Labyrinthe unserer Gefühle herauszufinden? Eines Abends lief ich zn unserem Hause und betrat den Hof. Die Fenster waren alle hell erleuchtet. Heruntergelassene Vorhänge ließen die Schatten vor- überschwebeuder Personen erkennen. Gewiß ein Ball! Dort herrscht die Freude! Ich hatte gehört, daß meinem Vater das Glück hold war. Er hatte eine höhere Stelle bekommen— sein glänzendes Ein- kommen erlaubte es ihm, Bälle zu geben. Wie zog es mich jetzt zu den Meinigen I Dort oben war für mich das Paradies, tvas fiir ein trauriges Paradies! Mein Herz war noch nicht ganz erstarrt, es durstete nach Liebe und Liebkosungen. Ganz leise ging ich die Treppe hinauf. Ich hörte Klavierspiel, lautes Gespräch und Gelächter. Mein Herz schrie auf: Laßt mich doch herein, laßt mich doch herein, ich gehöre ja zu Euch, es ist ja Alles so gut das Meinige, wie das Eurige. Warum habt Ihr mich denn verstoßen? Aber plötzlich fing ich an zu schwanken und mußte mich auf die kalten Treppenstufen setzen. Ich lehnte meine heißen Wangen an das eiserne Geländer und fing an, bitterlich zu weinen. Glücklich, tausendmal glücklich sind Die, die solche Thränen nicht kennen. Wie lange ich so saß, weiß ich selbst nicht. Durstig lauschte ich nach Allem, was dort oben vorging. Plötzlich zog es mich hinaus, ich wollte klingeln. Aber... Stimmen wurden laut, wahrscheinlich geht Jemand weg, und voller Schrecken lief ich Hals über Kopf die Treppe hinab und nach Hause.—— Eine gute Seite hatte die Beschäftigung, zu zu welcher ich gezwungen war. Die freie Zeit konnte ich zum Lesen der Bücher verwenden, welche in Menge bei uns lagen. Während meine Mitarbeiter Ver- gniigungen aller Art mitmachten, las ich begierig. Der Aieister bemerkte meinen Fleiß und sagte einst halblaut: Der Kerl hat den Kopf auf der rechten Stelle. Von nun an hörte er auf, mich zu schlagen, begann, sich mit mir zu unterhalten und nannte mich statt Junge— Paul. Schon hatte ich angefangen, meine Familie, die mich dem Hunger und der Roth überlassen, zu vergessen, als sie selber mich an sie erinnerte. Einst kam zu Herrn Friedrich die Köchin aus meiner Eltern Hause. Der Meister trat kurz darauf in die Werkstätte und sagte:„Paul, zieh' Deine schönsten Kleider an und gehe mit diesem Fräulein." Ich gehorchte. Auf dem Wege erklärte mir die Köchin, daß mein Bruder schon die zweite Woche krank wäre und lange gebeten und geweint hätte, man solle mich zn ihm einlade», bis endlich der Arzt seinen Phantasien Folge zn leisten gebot; denn von selbst hätten meine Eltern es nicht gestattet. Ein merkwürdiges Gefühl hatte mich erfaßt, als ich mich nusereni Hause nahte. Noch jetzt kann ich mir dies Gefühl nicht erklären. Ich dachte, daß man mich beim Bruder lassen werde. Als ich das Haus betrat, führte man mich sofort zn ihm. Erlag im Bett, und seine Schönheit gewann noch mehr durch die Krankheit. Als ich zu meinem Bruder hinschaute, wie er so in weichen Betten lag, mußte ich unwillkürlich meiner Pritsche gedenken, und vor Wnth biß ich in die Lippen. Ich wollte ausrufen: Weg von hier, Dieb! Das ist mein Platz! Aber ich beherrschte mich sofort und setzte mich auf den nebe» dem Bett stehenden Stuhl. Während nun mein Bruder mir freudig von seinem Leben vor- plauderte und glücklich war, mich bei sich zu haben, wartete ich mit Ungeduld, ob meine Eltern nicht hereinkommen würden. Aber— sie kamen nicht. Tie Ptntter war in der Küche und der Vater be- schäftigt. Mein Bruder erzählte mir, daß man ihn in der Schule sehr gern habe, daß ihn seine Freunde 3ä6 �te Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. oft besuchten und daß es mit dem Lernen Niel besser ginge. Er werde sofort nach Beendigung der Schul- zeit die Universität besuchen; zu Hanse fänden oft Liebhaberauffiihrungeu statt, und er nähme daran Theil. Er erzählte, daß der Vater ihm eine Uhr und die Mutter eine Kette dazu geschenkt habe, weil die Zensur sehr günstig ausgefallen sei. In mir wallte es bitter auf: Alles, Alles hast Tu mir gestohlen. Alles gehört mir! Die Schule, die Be- kannten, die Liebhaberaufführungen, die Universität, dieses Zimmer, dieses Bett, die Pflege, diese Uhr und Kette, Alles ist mein!— Nach einer Stunde kam die Köchin, die mich hierher gebracht hatte, gab mir drei Rubel und befahl mir, nach Hause zu gehen. „Wirst Du wiederkommen?" fragte mein Bruder. „Nein," antwortete ich.„Warum, gefällt es Dir nicht bei mir?" � Ich lächelte, obgleich mir das Weinen näher war; ohne aufzusehen, ging ich ans dem Zimmer. Unten angekommen, warf ich die drei Rubel fort und ging nach Hanse, den Tag verfluchend, der meine Wunden von Neuem aufgerissen. Bald darauf wurde ich wieder zu meinem Bruder gerufen, aber ich ging nicht hin. Mein Meister wollte mich schon schlagen; doch plötzlich sah er mich lange und gedankenvoll an, legte mir seine Hand auf den Kopf und sagte leise: Er hat ja Recht, er hat wirklich Recht. Endlich kam mein Vater selbst, um sich zu erkundigen, warum ich denn nicht käme. Bian sagte ihm, daß ich nicht gehorchen wolle.„Was ist denn mit Dir los, Du Hund?" So fragte mich mein Vater! Der Hund aber stand mit gesenkten Blicken, ohne zu antworten, vor ihm.„Bestrasen Sie diesen Taugenichts," sagte er zu Herrn Friedrich; dieser nickte bejahend.„Schlagen Sie den Schurken, schlagen Sie ihn tüchtig. Vielleicht wird dadurch ein Mensch aus ihm." ÜNeiu Bruder genas bald. Selbverständlich, wie hätte er denn jetzt schon sterben können. Mein Blaß des Uebels war ja noch nicht voll. Jetzt hätte ich ja noch glücklich werden, noch vergessen können. Dann hätte er ja seine Mission gegen mich nicht erfüllt. So vergingen einige Jahre, ich hatte schon meine traurige Kinderzeit vergessen. Meine Lehrzeit war beendigt. Herr Friedrich war mit mir zufrieden, da ich ein tüchtiger Arbeiter war. Ich bekam festes Gehalt, ein eigenes Zimmerchen und einen Platz an seinem Tisch. Er war ein braver Kerl und verstand mich. Ueberhaupt habe ich ein braves Herz in meinem Leben nur bei den Arbeitern gefunden. Es ist, als ob das Herz bei den Reichen durch gutes Leben mit Fett bedeckt und daher schwer zugänglich wäre. In dieser Zeit war es auch, wo mir das Glück, obgleich nicht lange, hold war. Wie schon erwähnt, las ich viel in der Zeit, wo meine Kameraden ihren Vergnügungen nachgingen. So kam es ganz von selbst, daß ich mich mehr und mehr der Familie meines Meisters anschloß und besonders dessen Tochter Emilie. Friedrich schien mit dieser Neigung einver- standen zu sein. Was es für ein Mädchen war? Ich denke, daß von dieser Sorte zwölf ans ein Dutzend gehen. Reinlich, blauäugig, mit einer schmalen Stirn, rothen Arbeitshänden und naiv, wie nur Kinder sind. Ich las ihr oft vor, aber sie verstand davon wenig oder garnichts. Aber das Vorlesen an und für sich schien ihr angenehm zu sein. Sie setzt sich dazu in den Lehnsessel und schmiegt sich behaglich, in süßes Nichtsthun verloren, wie ein Kätzchen in die Kissen, Neben ihr sitzt ein junger Mann, bei dessen Vorlesen sich die Augen von selber schließen.„Nur nicht so laut," bittet sie dann. Ob sie mich liebte, weiß ich nicht, ich aber betete sie an. Sie war ja die Erste, die mich liebenswürdig behandelte. Sie lächelte mir freundlich zu. Im Umgang mit ihr, in jedem Worte, ließ ich sie meine Liebe ahnen. Sie schenkte mir Kravatten, nähte mir ein Hemd. Dagegen kaufte ich ihr billiges Parfüm. Jetzt wäre ich glücklich gewesen, doch gerade zu dieser Zeit kani mein Bruder von der Universität in unsere Stadt zurück.(Fortsetzung folgt.) IeuiLLeton. Ein Erfinder. So sitzt er wieder in seiner Boden- kammer und arbeitet an seiner„neuen Erfindung". Seine ganze Hoffnung steht darauf. Zivar ist es ein Raum, der nichts weniger als einladend aussieht; die schräge Dachwand liegt ihm fast auf dem Kopfe und durch die halb geöffnete Dachluke dringen Licht und Luit nur in bescheidmein Matze herein. Nichts, was den Raum be- hagUch machen könnte; nur eine Wanduhr mit schönem schnitzwerk erfüllt ihn mit ihrem alcichinäßigen Tik- Tak. Und doch weilt der„Erfinder" hier am liebsten, hier ist er mit seinen Plänen allein, hier hat er all' die Werk- zeuge zur Hand, die er zu seiner Arbeit braucht. Alles Mögliche kommt da zusammen, die Werkzeuge des Tisch- lers wie die galvanische Batterie des Elektrotechnikers. Man sieht nicht recht, was aus dem Dinge werden soll, das er da in seinen Schraubstock gespannt hat; aber das ist bei Erfindern öfter so, in ihrer Vorstellung lebt die Idee dessen, was da werden soll, sie sehen Alles ganz deutlich— nur ein kleiner Handgriff noch, und die Welt wird staunen. Ja, aber dieser HandgriffI Es dauert ost sehr, sehr lange, bis er gefunden wird, und in den »leisten Fällen kommt eS garnicht so weit.... Der Mann auf unserem Bilde hat die Geduld, die zu solch einem Werte nöthig ist; es brennt ihm wohl auch nicht so auf den Nägeln, wie sonst Denen, die auf Erfindungen ausgechen. In dem sauberen Hemd, durch ein Schurzfell gejchntzt, sitzt er aus seinem niedrigen Schemel: nicht einen Blick ivendct er von seiner Arbeit: ein nachdenklicher Ausdruck liegt auf seinem Gesicht. Ein feiner Kopf mit festen Linien, wie gemeißelt! Schon wird ihm das Haar licht und dünn und tritt immer weiter von der Stirn zurück. Ein wenig Sonderling ist er wohl, ganz vernarrt in seine Idee. Aber ihm ist doch wohl dabei, und die Be- friedigung über sein Thun kommt auch auf seinem Gesicht zum Ausdruck. So mag er sein ganzes Leben verbracht, als Junge schon den Stolz der Eltern und den Neid der Kameraden durch die schönen Schiffe, die Wagen, die Spielzeuge, die er gebaut, erregt haben.... Ein langes und trauriges Kapitel lictze sich von den„Erfindern" schreibe». Taufende von neuen Erfindungen werden jähr- lich ans den Markt geworfen: zu den meisten war so viel Sinnen und Arbeiten erforderlich. Und wie Wenige finden dann den erhofften Lohn, eine auch nur gewöhn- liche Bezahlung für die ungezählten Stunden des Probirens I Aber Einigen gelingt es, sie verdienen Geld, viel Geld, und ihr Beispiel Verivirrt den Anderen dann die Sinne. Jeder von ihnen hofft, einer der Ausertvählten zu sein und setzt seine beste Kraft an dieses Ziel. Ist wirklich einmal eine aussichlsvollc Erfindung von so einem armen Teufel gemacht, tvie oft kann er sie dann nicht ausbeuten oder wird auf andere Weise um den Gewinn betrogen! Eine kleine Verbesserung etwa, die von einem Geschäfts- kundigen angebracht wird, genügt, um diesem den Erfolg zuzuführen.— Das geistige Leben der Jndogermanen behandelt Weber in seinen„Vedischcn Studien". Die Jndogermanen hatten bereits feste Sitten und Gebräuche, die im Ge- dächtnitz hafteten und ebenso geordnete rechtliche Ver- bindungen. Den Göttern wurde geopfert, Skalden sangen Lieder zu ihreni Preis. Formelhafte Wendungen und Sprüche für die Darbietungen an sie bestanden. Die Götter galten ihnen als leuchtende, lichte Wesen, und eine ganze Anzahl von Sagen erzählte man sich von Liebschaften, die sie mit Menschen hatten. In der Natur- symbolik nehmen die Mächte, die über Licht und Dunkel, Tag und Nacht, gutes Wetter und llugewitter gebieten, eine hervorragende Stelle ein. lieber Allen steht natürlich die Sonne, die mit ihrer wärmenden, belebenden, zeugenden Kraft geradezu als der Mittelpunkt alles göttlichen Wirkens für die Erde gilt. Sie kämpft mit den bösen Mächten, die die Segnungen des Sonnenlichts oder des Regens den Menschen mißgönnen. Den nomadischen Verhält- nissen enisprcchend sind die Gcwittercrscheinungen sym- bolisirt: die Rinder werden geraubt und gefangen ge- halten, bis der Befreier naht. Neben der Sonne hat der Anbruch des Morgens eine große Nolle in ihren Mythen gespielt; in den alten vedischen Liebem ist die Morgcnröthe eine LicblingSgcstall. Ihre reine, jungfräuliche Schönheit bleibt sich ewig gleich. Auch das Morgengrauen und der Morgennebel sind damals schon dichterisch behandelt worden. Für den Nebel hatte man das Bild geronnener Milch oder von Milchflocken. Der Himmel ordnet sich nach den Auschaunngcn der Jndo- germancn in drei Sttlfen. Den höchsten dritten Himmel dachte man sich wohl zugleich als fluchendes Licht und fluthendes Wasser. Die zweite Stufe ist das deckende, besonders das nächtliche Himmelsgewölbe. Die der Erde nächste Stufe wird durch den„Leuchtenden"(ZenS, Jndra) repräscntirt. Der zwischen Erde und Himmel liegende Luftraum ist der Schauplatz der Kämpfe, die Zeus(Jndra) und seine Kampfgenossen, die Winde, gegen die sich auf- thürmeuden Wolkeuriesen(die Titanen) und die Schlangen- ungethüme führten. Dort haben diese ihre Höhlen und Burgen, in denen der goldene Schatz des Lichts und das fruchtbringende Naß des Regens geborgen und gehütet wird. Tie Wolken erscheinen aber auch als eine Heerde von Kühen auf der Weide personifizirt, deren herab- hängende Eittcr von den Winden, ihren Kälbcm, gemolken werden. Die Winde sind die treibende Kraft im Luft- räum: sie werden bezeichnet als eine Heerde oder als ein wütheudes Heer, das unter einem besonderen Führer steht. Auch ein eigentlicher Regengott kommt in den Sagen vor. Das Wasser gilt schon in alter Zeit als llnstcrblichkeitstrank der Götter. Der Wind nimmt auch die ausgehauchten Seelen der Slerbcnden in sich auf und geleitet sie zum Jenseits,>vo man aller irdischen Mängel ledig wird und das Wiedersehen mit den Vorangegangenen feiert. Es ist bemerkenswerth, daß auch diese Vor- stclluugen schon in die indogermanische Zeit gehören. Auch die Vorstellung von einem Todtenfluß, über den man in einem Kahn setzen muß, war schon vorhanden; gemeint ist die Luft selbst. Der weitere Weg zum Jen- seits führte, wie es scheint, über die Milchstraße. Man kannte ebenso die Sage von einer Unterwell, die unter der Erde lag. Die Ende und was zu ihr gehört, war Gegenstand mythischer Anschauung: sie wurde als Mutter gedacht, welche die Tobten freundlich in sich aufnimmt und, wie eine Mutter ihr Kind, sorglich deckt. Auch ans der Erde ist Alles belebt und steht, ob freundlich, ob feindlich, in gegenseitiger Beziehung. Haus und Hof, Feld und Flur stehen unter dem Einfluß von Kobolden, Elfen und Wichten. Waldgeister treiben ihr Wesen im Gebüsch, wiegen sich auf hohen Bäumen auf goldenen Schaukeln und tanzen zum Eynibelklange ihren Reigen. Das ganze Gebiet der indischen Magie, Liebeszanber, Verwünschungen, Behexungen usw., birgt zahlreiche in die Urzeit hineinreichende Stoffe. Ebenso gehen die Vor- stellungen vom Rheinaold der Nibelungen und von der Achillesferse ans alte Natursymbolik zurück.— Die Brieftauben nnd die Kälte. Der 93 Jahre alte Führer Jean Payot in Chamonny, dem bekannten Ausgangspunkt für die Besteigung des Montblanc, ein noch rüstiger Greis, erzählt, daß vor 50 Jahren gewöhnlich Tauben mit auf den Montblanc genommen und dort frei gelassen wurden, um den glücklichen Ausstieg in Ehamouny zu melden. Zwar waren es keine cigenl- liche Brieftauben, sondern gewöhnliche Weibchen, welche Junge im Thale hallen. Bei der gcriugen Entfernung ist daher kaum ein Verirren möglich: trotzdem kamen die geflügelten Boten nur in den seltensten Fällen in Ehamouny au, weswegen die Sitte toicder abkam. Man muß hieraus wohl schließen, daß die große Kälte die physische Kraft der Tauben außerordentlich erschöpft oder daß ihr wunderbares OricntirungSvermögen durch die tiefe Temperattir vollständig in Verwirrung geräih. Diese alte Erfahrung mit den Tauben von Ehamouny hat sich bei den von Andree, dem Luftfahrer nach dem Nordpol, mitgenommenen Brieftauben durchaus bestätigt. Am lt. Juli 1897 stieg Andree auf, und am 15. Jn!i setzte sich eine seiner Tauben ganz ermattet auf eine Scgelstange des norwegischen Fangschiffes Alken, wo sie sofort den Kopf unter einen Flügel steckte und in dieser Stellung gctödtct wurde. Nach der Depesche, die sie trug, war sie unter 82" nördl. Br. nnd 15" östl. L. am 13. Juli Mittags frei gelassen und zwar als die drille Taube seit der z>vei Tage vorher erfolgten Abfahrt. Geschossen wurde sie unter SO'/*" nördl. Br. und 20'/«" östl. L., nnd zlvar kam sie aus Süden fliegend von dem clwa vier Meilen entfernten Lande. Ihre Richiung hatte sie demnach total verloren und außerdem zeigte sie sich vollkommen erschöpft. Auch hat mau weder von ihren beiden Vorgängern noch von den zahlreichen unziveifel- Haft später noch aufgelassenen Tauben Andree's je etivas gehört oder gesehen. In den kalten Regionen des hohen Nordens scheinen daher die Brieftauben zur Uebermittclung von Nachrichten wenig geeignet.—— r.— Kein Heiliger, aber ein Märtyrer. Kurz nachdem der General der Kommune Duval erschossen worden war, kam ein Mann zuni Standesbeamten, nur die Gcbiut eines Ktiabcn anzumelden, den ihm seine Frau geschenkt hatte.„Welche Vornanien soll das 5kind haben?" fragte der Beamte.„Charles Duval," antwortete der Mann. „Aber Duval ist doch kein Vorname," erwiderte der Be- amte.„Der steht nicht im Kalender; das ist kein Name irgend eines Heiligen."„Allerdings nicht der eines Hei- Ilgen," versetzte der Vater,„aber der eines Märtyrers."— Nachdruck des Inhalts verboten! verantwortlicher Nedatieur: Oscar Kühl in Charlotlenburg.— vertu fli Hamburger Buchdrucherei und vertagsanstalt Auer& So. in Hamburg.— Drucl: Max Babing in Berlin.