Nr. 49 Illustrrrte � tnicvhalhino�ehcUaQc, 1898 Arvei Menschen. (Schluß.) f s schneite. Die kleinen, trockenen Schneessocken wirbelten vor dem Hanpteingang der kleinen Kapelle, in deren Mitte ein kostbarer, von Blumen ganz bedeckter Sarg aufgebahrt stand. Alle Glocken der Stadt läuteten. Viele schwarz gekleidete Menschensaßen längs der mit Tannengriin geschmückten Wände. Viele standen»in den Sarg; einige in auf- richtiger Traner, andere beniüht, sich den Anschein zu geben, als ob sie trauerten. Viele Blumen wurden gebracht. Zwei schwarz gekleidete Damen und eine Frau vom Begräbnißbureau hatten vollauf zu thun, die«"kommenden Kränze in Empfang zu nehmen, die au chnen befestigten Karten abzunehmen, die Blumen auf dem Sarg anzubringen und die Karten in eine kleine Urne zu legen. Die Urne war schon voll, und noch immer wurden Kränze gebracht. Es kamen immer mehr Menschen, alle waren sie weiß von Schnee, den sie vor der Kapelle abklopften oder von den Regenschirmen schüttelten. Im Hintergründe der Kapelle stand noch ein Sarg; es war ein roh gezimmertes, ärmliches, nur flüchtig mit schwarzer Farbe getünchtes Bretter- gehäuft. Ein einziger Kranz schmückte den Deckel. Da waren keine schwarz gekleideten, leise sprechenden Rtenschen, keine Karten, keine Urne nöthig. In einer dunklen Ecke saß eine barmherzige Schwester; sie schien die einzige Leidtragende zu sein. Die Beerdigung der beiden Tobten war zu derselben Stunde angesagt. Ein ganz junger, dürftig gekleideter Geistlicher wartete auch schon im Hinter- gründe; er sollte die Zeremonie bei der Beerdigung des Armen verrichten. Aber der andere Prediger war noch nicht da, und es war nicht daran zu denken, den Armen hinaus zu tragen, ehe der Reiche fort war. Der junge Geistliche mußte auf seinen älteren, mehr begünstigten Bruder im Amte warten. Da kommt durch's Schneegestöber ein junger Mann, der einen Kranz trägt. Er bleibt vor der Kapelle stehen, etwas verwundert über die große Anzahl von Menschen. Dann erblickt er in dem Gewühl einen Bekannten. „Wer wird hier begraben?" fragt er leise und zeigt auf den mit Blumen reich geschmückten Sarg. „Wissen Sie das nicht?... Ich denke, Sie komnien zur Beerdigung?" „Gewiß komme ich zur Beerdigung, aber— sagen Sie mir doch, wer liegt da?" „Unser Freund, der Großhändler Danielsen." Agestin sieht sich betroffen im Kreise um und entdeckt mehrere bekannte Gesichter; er wechselt hier einen stillen Gruß, dort einen Händedruck und zieht sich wieder durch den Haupteingang zurück. Da draußen steht Arne Bing. Er geht auf ihn zu.„Woran starb Herr Danielsen?" Roman von H. Fries-Schwenzen. Ter Gefragte legt den Zeigefinger auf die Lippen:„Hhß.. man weiß es nicht genau. Er war ganz gesund, als er am Mittwoch Abend zu Bette ging, aber auf dem Nachttisch vor seinem Bett fand man am Morgen eine geleerte Morphium- flasche." „Ah! Ist Frau Babbi hier?" Arne Bing schüttelte den Kopf:„Sie ist in Paris... mit Peter Lie." Agestin fragte nicht mehr, er wußte genug.... Jetzt kam der Prediger mit eiligen Schritten. Er ging in die Kapelle, gefolgt von Denjenigen, die vor dem Eingang gestanden hatten. Auf ein Zeichen des geistlichen Herrn setzte ein Choral, von zahlreichen Chorknaben gesungen, ein. Darauf hielt der Prediger eine lange Rede. Man sah weiße Taschentücher in Bewegung, hörte das Schluchzen einiger Frauen. Die Herren nahmen die Hüte ab: der Prediger ertheilte den Segen der Kirche. Noch ein Choral wurde gesungen. Dann faßten acht Männer den Sarg und trugen ihn aus der Kapelle, gefolgt von der zahlreichen Schaar. Als der lange Zug an Agestin, der während der Zeremonie vor der offenen Thür gestanden hatte, vorbei war, ging er in die Kapelle und entdeckte jetzt erst den zweiten Sarg, an dem außer sechs Leichenträgern nur der junge Pastor und eine barmherzige Schwester standen. Er grüßte die Anwesenden, doch ohne sich ihre Ge- sichter genau anzusehen; ein Pastor und eine barm- herzige Schwester, das waren so ganz indifferente Personen, eine Amtstracht und eine Ordenstracht, nichts war natürlicher als das. Er legte seinen Kranz auf den Sarg und stand einen Augenblick der Schwester gegenüber. Auf ihr von dem schwarzen Tuch und der weißen Binde der Ordenstracht ein- gefaßtes Gesichtsoval fiel ein schwacher Lichtschimmer. Agestin glaubte eine Vision zu haben. Die Schwester da vor ihm... War eine solche Aehnlichkeit möglich? Unterdessen hatte der Prediger schon sein Ge- sangbuch geöffnet und mit wohlklingender Stimme einen bei Begräbnissen üblichen Psalm zu singen begonnen. Als der eine kurze Vers zu Ende war, faltete er die Hände und betete ein Vaterunser, worauf die sechs Männer den Sarg anfaßten und zur Kapelle hinaustrugen. Der Prediger lud die Schwester durch eine Handbewegung ein, neben ihm zu gehen und schritt mit ihr den Männern nach. Agestin ging hinterdrein. Er befand sich in einer äußerst aufgeregten Stimmung. Soeben meinte er eine Vision gehabt zu haben. Die Schwester, die Schwester!... War es nicht Ragnhild? Aller- dings hatte die Ordenstracht, die nicht das ganze Gesicht frei ließ, ein bestimmtes Erkennen erschwert. Und doch war sie es!... Aber wie war das nur möglich? Was wollte sie hier und wie kam sie zu dem Kleid? Er war hierhergekommen, um der armen Lovisa das letzte Geleit zu geben, und kaum hatte er die Kapelle erreicht, so folgte eine Ueber- raschnng der anderen. Welch' eigenthümlicher Zu- fall, dies mit Großhändler Danielsen!... Der Gesang der Chorknaben drang durch die schnee- schwere Luft von seinem Grabe zu ihm herüber; er sah das zahlreiche Gefolge sich schwarz von der weißen Landschaft abheben. Welch' sonderbarer Gegensatz zwischen diesen zwei Beerdigungen und doch— welche Uebereinstimmung! Dort hatten die Menschen Alles aufgewandt, was nur in Menschen- macht liegt, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen; hier hatte man nichts gethan, und doch war der Eine nicht besser und nicht schlechter daran, als der Andere. Beide sollten sie zehn Fuß unter die Erde, das war das Einzige, was er mit Bestimmtheit wußte.... Die Leichenträger bogen vom Wege ab und wateten durch den lockeren Schnee zwischen lauter Grabhügeln bis au eine gähnende Grube, über der zwei verschneite Bretter und zwei Taue lagen. Der schwarze Sarg war in den wenigen Minuten weiß geworden. Die Zeremonie war bald zu Ende. Der junge Geistliche drückte den zwei Leidtragenden die Hände und ging fort, Agestin und die barmherzige Schwester zurück- lassend. Sie standen, Einer an jeder Seite der gäh- nenden Oeffnnng, und sahen einander sprachlos an, tief ergriffen von dem Ernst des Augenblicks. Agestin betrat zuerst den Rand des Grabes, unmittelbar dar- auf that Ragnhild es auch von ihrer Seite. Dann reichten sie einander schweigend die Hände über dem offenen Grab. „Auf ewig," sprach er mit gedämpfter Stimme. „Auf ewig," flüsterte sie. XXIV. An der östlichen Seite des Fjords, nur zehn Minuten Eisenbahnfahrt vom Ostbahnhof, liegt das liebliche„Baekkelaget", eine Ansammlung von Villen, Pensiouaten, Sanatorien und Miethshäusern, die den steilen Berg emporklettern. Von Jahr zu Jahr wächst ein neues Haus empor, das über das letztgebaute hinweg sich reckt. Hoch oben auf dem Berge, in der offenen Thür einer kleinen Hütte, die früher einem armen, buckeligen Schuster gehörte, steht Ragnhild und beschattet mit der Hand die Augen; die Abend- sonne steht tief und scheint ihr gerade in's Gesicht. Sie schaut nach ihrem Mann ans; schon vor einigen Minuten hat sie sein vergnügtes Jodeln gehört, dasselbe Jodeln, dem sie einst auf der Solhaugalpe lauschte, ivenn er den steilen Gebirgspfad zu ihr emporkletterte. Jetzt war sie sein Weib, seit vier Monaten. Sie 386 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. lvohnten hier in der Hütte, die gerade so groß war, daß man sich mit Anstand darin umdrehen konnte. Der buckelige Schuster hatte sie vor zwanzig Jahren für sich selbst gebaut und nicht darauf Rücksicht ge- nommen, daß seine Nachfolger großgetvachsene Wen- scheu sein könnten, die es liebten, den Kopf hoch zu tragen. Dieser Liebhaberei konnte Agestin sich hier nicht widmen. Wenn er in Gedanken sich rasch vom Stuhl erhob und sich in seiner ganzen Größe auf- richten wollte, stieß er mit dem Kopf gegen die Decke, daß die Balken krachten. Ter Schuster war Hage- stolz und ein verbitterter Menschenfeind gewesen, darum hatte er seine Hütte so weit weg von allen Menschen gebaut. Einsam und von Allen verlassen, hatte er da oben auf dem Berge gewohnt, bis endlich der Tod seinem Einsiedlerleben ein Ende geniacht. Agestin war einmal auf einem Spaziergange, von der herrlichen Aussicht gelockt, in die Nähe der Hütte gekommen und hatte sich in ein Gespräch mit dem alten Sonderling eingelassen, der vor dem Hause saß, im Begriff, einen alten Schuh zu heilen, dem so gut wie die ganze Sohle fehlte. Es war bei Sonnen- Untergang gewesen. Die letzten Strahlen der schei- denden Sonne beleuchteten grell den kleinen Mann, von dessen kahlem Schädel die viel zu groß gewordene Mütze geglitten war, wie er da saß und leise vor sich hin murmelte und darüber schalt, daß man ihm ein solches Wrack zum Versohlen bringen konnte. „Kann daraus noch ein Schuh werden?" hatte Agestin gefragt. Der Einsiedler betrachtete ihn miß- iranisch. Schließlich erwiderte er mürrisch:„O nein, dieser da hat seine Dienste hier im Leben gethan, wie ich selbst, ja, aber zusammenflicken muß ich ihn wohl doch." Mit diesen Worten zog er den Schuh über den Leisten. „Sie haben eine hübsche Aussicht hier." „O ja, sie ist nicht übel. Das ist auch Alles, was ich habe, und die Drossel und den Fink ver- steht sich, ja das Rothkehlchen versteht auch zu flöten hehe!" Das Gesicht des kleinen brummigen Ein- siedlers hatte sich plötzlich verwandelt. Er legte den Kopf auf die Seite, wie ein Kanarienvogel es thut, ehe er zu singen anfängt, und sah lächelnd nach einem Tannenwipfel hin, in dem gerade ein kleiner Sänger einen Solovortrag hielt. „Sie sehen hier wohl wenig Menschen?" Das Gesicht des Mannes war wie mit einem Schlage verändert. Das Lächeln war fort, er schielte niiß- tranisch zu Agestin hin und erwiderte kurz:„Ja, Gottlob!" Von dem Augenblick an erhielt Agestin kein Wort mehr als Antwort.... Kurz vor ihrer Trauung kamen Agestin und Ragn- hild an einem Apriltage in dieselbe Gegend. Agestin, der seit sechs Monaten nicht hier gewesen war, sah verwundert eine ganze Menge Leute sich auf dem kahlen Felsplatean um das Hans herumtreiben. Eine nähere Untersuchung ergab, daß der Schuster gestorben war, und daß seine Hütte gerade in diesem Augen- blick verauktionirt werden sollte. Agestin und Ragn- hild suchten eine billige Wohnung etwas außerhalb der Stadt. Sie gingen in die Hütte und besahen die Räumlichkeiten. Viel Platz war hier allerdings nicht, aber die Aussicht war herrlich, und der Frühling stand vor der Thür; die einsame abgelegene Lage reizte sie, und als sie wieder auf den kleinen offenen Platz vor der Hütte hinaustraten, wo die Auktion abge- halten wurde, blieben sie stehen, um zuzuhören. Die bis dahin gemachten Gebote erschienen Agestin lächerlich niedrig. Dreiundvierzig Kronen war das letzte. Auf seine Frage, wie das komme, erhielt er die Antwort, daß die Hütte auf dem Grund und Boden der Kommune stände. Der Schuster habe seiner Zeit die Erlaubniß erhalten, das Gebäude aufzu- führen, dem Käufer stände aber nicht das Recht zu, die Hütte abzureißen, um hier ein neues Hans zu bauen. Dazu kämen noch mehrere lästige Beschränkungen— so dürfe zum Beispiel der Besitzer weder Branntwein noch Bier verkaufen. Die Hütte wäre außerdem baufällig und ziemlich werthlos, zumal, da sie so weit außer allem Verkehr läge, daß Nie- mand hier mit Vortheil seinen Beruf ausüben könnte. Das letzte Gebot war jetzt neunundvierzig, höher schien sich aber Keiner versteigen zu wollen. Der Auktionator rief laut:„Nennundvierzig zum Ersten und zum Zweiten.... Will wirklich Niemand mehr bieten?... Für ein ganzes Haus?..." Die Um- stehenden lachten. „Fünfzig!" bot Agestin. Der Hammer fiel, und die Hütte gehörte dem jungen Paar. In den darauf folgende» vier Wochen waren Agestin und Ragnhild hier alle Tage. Sie kehrte aus und scheuerte, er zimmerte und tischlerte, fügte neue Schlösser in die Thllren ein, verbesserte den steinigen Weg, der von der Landstraße zur Hütte führte, und zu gnterletzt malten sie das Häuschen sowohl in- als auswendig. Am ersten Mai, ihrem Hochzeitstage, war ihre kleine„Villa" zu ihrem Empfang bereit. Hier hatten sie nun vier Monate verlebt. Agestin besorgte Einkäufe, wenn er auf seinen täglichen Wan- derungen zur Stadt an den billigen Bauernhand- lungen in der Vorstadt vorbeikam. Er benutzte selten die Eisenbahn; nur wenn er gar zu viele und gar zu große Pallete zu schleppen hatte, leistete er sich den Luxus, ein Billet für zwanzig Oere zu kaufen, uni nach der ersten Station, Baekkelaget, zu fahren, von der er dann noch eine gute Viertelstunde Berg- Wanderung bis zu seiner hochgelegenen Wohnung hatte.... Ragnhild schwenkt ihr Taschentuch. Da kommt er den steilen Felsweg herauf, mit Packeten beladen wie ein Dienstmann. „Mein armer Schatz, wie Du Dich abschleppen mußt!" „Haha! Wenn ich nur immer eine so süße Last mit einem so guten Gewissen tragen könnte wie heute," entgegnet er übermiithig, indem er sich bückt, um durch die niedrige Thür in die Hütte zu kommen, wo er sich dann gleich seiner Siebensachen entledigt. „Was meinst Du wohl, was ich da in dem großen Packet habe? Ochsenfleisch, mein Kind, zwei ganze Kilo für eine Krone und fünfzig!" „Aber wie ist das möglich, Agestin?" „Ja, niein Schatz, Einkäufe zu machen, ist eine Kunst. Sieh Dir nur dieses Fleisch an! Ist eS nicht eine Pracht?" „Ich soll Dich wohl loben?" „Wie wäre es, Ragnhild, wenn wir uns heute Abend noch ein kleines Beefsteak leisteten?" Sie drohte mit dem Finger:„Du bist ja der reine Verschwender!" „Und dazu trinken wir Beide eine Flasche Wein." Er kneift sie in die gesunde, rosige Wange:„Wie wäre das, Du kleines Leckermaul?" „Wein?" ruft sie verwundert.„Woher sollten wir Wein bekomnien?" Er zeigt triumphirend auf ein zweites Packet: „Da liegen zwei Flaschen." Sie sieht ganz bestürzt aus:„Aber Agestin!... Was fällt Dir denn ein? Weißt Tu auch, daß wir nur noch zehn Kronen haben, und daß wir damit noch vierzehn Tage auskommen müssen?" „Ragnhild, mein braves, sparsames Weib, komm, ich muß Dir einen Kuß geben!" „Nein, Du bekommst keinen Kuß, denn Du bist ein arger Verschwender und wirst uns noch an den Bettelstab bringen." Er ergreift sie übermiithig, raubt den Kuß, der ihm verwehrt wurde, und stellt sich darauf in Positur vor sie hin:„Ragnhild, sieh mich an!" „Ja, das habe ich nun so oft gethan, Agestin, und finde jedes Mal, daß es sich immer weniger der Ntiihe verlohnt." „Du Unart!... Nein, in vollem Ernst. Kannst Du mir nichts ansehen?" „Nein, wirklich nicht. Was sollte an Dir wohl zu sehen sein?" „Kannst Du denn nicht sehen, daß etwas Protzen- Haftes über mich gekommen ist? Hörst Du nicht ein fernes Klingen in der Luft— wie von einem nahenden Goldregen?" „Agestin, Du bist wohl nicht ganz gescheidt?" sagt Ragnhild, die während dieses Gesprächs sämmt- liche Pallete ausgepackt hat. Sie geht zu ihm hin und legt zärtlich ihren Kopf an seine Schulter: „Alach' nicht so viele Umstände, erzähle mir, was Du für große Rosinen im Sack hast." Er küßt sie dreimal auf den Mund und schiebt sie sanft an den Küchentisch:„Mach' Du uns nur die Beefsteaks zurecht, dann werde ich schon erzählen. Aber... groß sollen sie sein! Hörst Du?.. Sehr groß!" Ragnhild erwidert lachend:„Du bist heute über- Haupt großartig, man könnte glauben, Du hättest einen Sack voll Geld verdient." „Aber das habe ich ja! Ich war heute bei Annnerthal. Kannst Du Dir denken, was er mir sagte?... Nein, das kannst Du nicht. Er fragte mich, ob ich zweitausend Kronen baar für das un- beschränkte Verlagsrecht meines Romans ,Ein Weibhaben wolle." Ragnhild wäre ihrem Mann fast mit dem Küchen- messer in der Hand an die Brust geflogen.„Du hast doch Ja gesagt?!" „Nein," erwiderte er mit eisiger Ruhe. „Wie konntest Du nur so dumm sein?" „Ich bin garnicht dumm gewesen. Ich habe also Nein gesagt, oder vielmehr, ich bat um drei Tage Bedenkzeit, und darauf ging er ein." Ragnhild stand wie auf glühenden Kohlen:„Die Beschlagnahme wird aufgehoben, nicht wahr?" „Ja, und ich bin froh, daß ich mein Recht nicht für die zweitausend Kronen verkauft habe. Ammer- thal war seiner Sache noch nicht ganz sicher, sonst hätte er mehr geboten, ich aber bin seit einer Stunde in der glücklichen Lage, Gewißheit zu haben. Ich traf Hans Oewre in der Altstadt, und er gratulirte mir schon dazu, wie zu einer Thatsache. Er ist nämlich mit dem Präsidenten des Storthing be- freundet, und von ihm hat er erfahren, daß der Polizeimeister, um eine bereits geplante Jnterpella- tion an den Jnstizminister zu vermeiden, die beiden Romane freigegeben hat.... Ammerthal hat mir auch zweitausend Kronen für„Matheas Tagebuch" geboten." „Und das hast Du auch nicht angenommen?" „Nein. Wie konnte ich? Das Buch gehört mir doch nicht. Obgleich ich wohl mit Bestimmtheit annehmen kann, daß kein Anderer darauf Anspruch machen wird____ Warum lächelst Du so sonderbar? ... Was hast Du?" „Sei nicht all zu sicher, daß kein Anderer auf Lovisens Buch Anspruch machen kann." „Wieso? Weißt Du Jemand?" Ragnhild nickte geheimnißvoll und wehmiithig zugleich. „Wer sollte das wohl sein?" fragte er. „Ich zum Beispiel." Sie erzählte ihm, wie Lovisa ihr im Sterben den Roman vermacht hatte. Agestin sah eine Zeitlang still vor sich hin.„Sie war ein merkwürdig begabtes Weib! Schade, daß sie so früh sterben mußte. Ihr Tagebuch ist eine bedeutende Leistung und ist jetzt ein werthvolles Ge- schenk geworden. Was sagst Du denn überhaupt dazu?— Wir sind nicht mehr arm, Ragnhild!" „Was ich sage?... Ich freue mich." Ihre treuen blauen Augen, die mit einem über- glücklichen Ausdruck an ihm hingen, bestätigten ihre Worte. Er rieb sich vergnügt die Hände:„Ja, Du, Ragnhild, wir Beide haben lange warten müssen, bis wir das Glück fanden, aber dafür sind wir auch jetzt ganz unmenschlich glücklich geworden." „Hyß!" lachte sie,„laß die Dekadenten nicht hören, was Du für ein unmoderner Mensch bist; es ist noch ein Glück, daß Du den Ausdruck„un- menschlich" gebraucht hast, denn wie Du weißt, ist das Glück ein dem„modernen Menschen" gänzlich frenider Begriff.... Uebrigens ist jetzt das Beef- steak fertig. Du entschuldigst doch, daß ich Deine Aufmerksamkeit auf einen so trivialen Gegenstand lenke.... Wollen wir hier oder draußen vor der Thür essen?" „Draußen, natürlich!" rief er und trug einen kleinen Tisch auf den kahlen Felsen vor der Hütte. Ragnhild brachte das Essen, und sie setzten sich. „Kreuzmillion, das soll aber schmecken!" rief Agestin und füllte die Gläser.„Du hast allerdings recht, mein Schatz, wir sind keine modernen Menschen. Der dekadente Pessimismus und„das Hundegeheul an den Mond" der Neuromantik, ist entschieden moderner, als glückliche Liebe, aber da wir Beide Die Neue Welt. Itlustrirte Unterhaltungsbeilage. 387 hier ganz allein sind, und Keiner uns hört, so glaube ich doch, es wagen zu dürfen, mit Dir ein Glas auf unser Glück zu trinken." Sie stießen an. Als das Blahl beendet war, trug Ragnhild das Geschirr in die Hütte und wollte es noch auswaschen, während das Feuer noch auf dem Herd brannte, aber Agestin rief ihr ungeduldig zu:„Ragnhild, Du darfst jetzt nicht fortgehe», der Abcndhimmel ist so schön, komm' und setz' Dich wieder zu mir und hilf mir, den Wein trinken." Sie kam und setzte sich zu ihm. „Wie ist das schön!" rief er begeistert und zeigte mit der Hand hinaus über den Fjord. „Phantastischere Wolkenformationen, reicheres Farbenspiel sahst Du nie." „Ach weißt Du, auf dem Björneberg war der Sonnenuntergang doch auch wunderbar." „Gewiß, gewiß." Es trat eine kleine Pause ein.„Ich möchte, unsere Alten könnten uns jetzt sehen." „Ja, das möchte ich auch. Sag', glaubst Tu, daß Alles noch gut wird?" Er lachte auf, es klang ein wenig sarkastisch. „Gewiß wird das Alles wieder gut werden, sobald sie hören, daß wir so und so viel verdient haben, werden sie uns ihren Segen nicht vorenthalten." „Pfui, Agestin!" „Es ist aber wahr!"... Sie schwiegen und blickten hinab auf den äußeren Hafen, in dem unzählige Segelschiffe sich wie von einem glühenden Flammenmeer abhoben. „Wie ist das herrlich!" nahm Agestin wieder das Wort.„Und nun erst die Stadt, wie sie dort in Rauch und Nebel gehüllt liegt. Was wir da sehen, ist eine Sammlung von vielen tausenden ge- schmacklos anfgeführten Steinkolossen, die Schornstein- rauch uud andere giftige Dünste ansspeien. In der wannen Farbenpracht des scheidenden Tages aber erscheint das Alles wie ein duftiger, blauer Traum. ... Es kommt viel darauf au, mit welchen Augen man die Dinge hier im Leben ansieht. Sticht wahr, Ragnhild?"_ Sie antwortete nicht, sie sah ihn nur an. Un- begrenztes Vertrauen, stilles, inniges Glück sprach aus ihrem Blick. Er spann seine Gedanken weiter:„So wie ich jetzt die Stadt vor mir sehe, ist sie ein blauer hoff- nungsreicher Traum; dieses von Poesie und Kunst und modernen Ideen durchpulste Herz des Landes erscheint mir trotz Dekadenz und Neuromantik wie ein rasch wachsendes, aufgewecktes, großes Kind, das da liegt und träumt von einem nahe bevor- stehenden, glücklichen Zeitalter. Von diesem Gesichts- punkte aus ist auch mein neuer Roman geschrieben. Ich kann nicht und will nicht die Kunst so auf- fassen, als wäre es ihre Aufgabe, ausschließlich das Verwachsene und Krankhafte zu schildern. Wie für mich die Stadt dort das begabte träumende Kind ist, so sehe ich durch all' den brütenden Nebel hindurch auf einen klaren, sonnigen Horizont, der gutes Wetter verspricht— für die kommenden Ge- schlechter!"... Sie drückt seine Hand. Er erhebt sich, und sie wandern einige Schritte auf das hohe Plateau hin- aus. Die Luft hat sich abgekühlt, wie träumend ragen die dunklen Tannemvipfel in die blaue Dämme- rung hinein. Die Drossel schweigt. Gegen Süden sieht man den Fjord bis in die unbegrenzte Ferne blinken. Das Auge glaubt in dem azurblauen Licht- streif weit draußen das offene Meer ahnen zu dürfen. Der goldene Abeudhinunel schwimmt darüber und lächelt erröthend seinem Bildnis; dort unten in den Wogen zu.— Ende. Die Bedeutung der Elektrizität für die Industrie. Von K. Lu». Tie Wärmewirknngen des elektrischen Stromes. �TwsTir hatten bereits am Anfange dieser Ab- haMiliigcn über die Elektrizität gesehen, daß der elektrische Strom beim Durch- gange durch leitende Körper einen Widerstand zu überwinden hat, und daß diese Ueberwindnng des Lcirungswiderstandes mit einer gewissen Wärme- erzeugung verbunden ist. Diese Thatsache ist längst bekannt, und auch unseren Lesern, die diese Wärme- Wirkung des elektrischen Stromes alle Tage zu be- obachten Gelegenheit haben, wenn sie eine elektrische Glühlampe betrachten, bei der der elektrische Strom einen dünnen Kohlenfaden in intensive Weißgluth versetzt, dürfte diese Eigenschaft des elektrischen Stromes wohlbekannt sein. An sich ist es freilich eine bloße, zusammen- hangslose Aneinanderreihung von Thatsachen, wenn man sagt, daß mit dem Durchgänge von elektrischem Strom durch Elektrizitätsleiter eine Wärme-Ent- Wickelung verbunden ist. Aus der Anschauung, die wir allmälig über die Natur der Elektrizität ge- Wonnen haben, ist es aber nun nicht schwer, eine Erklärung für diese an sich räthselhafte Erscheinung zu geben; und es verleiht der Maxwell-Farady'schen Hypothese von der Statur der Elektrizität eine nur um so größere Wahrscheinlichkeit, weil durch sie auch eine zwanglose Erklärung für die Umsetzung von Elektrizität in Wärme gegeben zu werden vermag. Nach unserer Auffassung ist die Elektrizität nichts Anderes als ein gewisser Zustand der hypothetischen Friktionsmolekeln, und der elektrische Strom ist eine Bewegung der Friktionsmolekeln durch die stofflichen Wirbel der leitenden Körper hindurch. Durch die Bewegung der Friktionsmolekeln werden die stoff- licheii Wirbel natürlich in der Intensität ihres Wir- belns beeinflußt, ebenso wie ein Gießbach die mit- geführten Geröll- und Geschiebemassen in verschie- dencr Weise beeinflußt, wenn er langsam oder mit starkem Fall dahinfließt. Stach der neueren Auffassung von der Natur der Wärme ist diese nun nichts Anderes als der Zustand der stofflichen Wirbel in den Körpern, und die Teni- peratur der Körper entspricht der Intensität dieses Wirbelns. Der absolute Nullpunkt der Temperatur wäre demnach der, wo überhaupt kein Wirbeln der stofflichen Molekeln mehr stattfindet, wo sie sich in starrer Ruhe befinden. Die Znsührung von Wärme zu de» Körpern wäre dann gleichbedeutend mit einer Steigerung der Wirbelintensität der stofflichen Mo- lekeln, also mit der Steigerung des Bewegnngs- quantums, das den Molekeln eigenthiimlich ist. Die Steigerung dieses Bewegungsyuaiitiuns der Molekeln kann nun in der verschiedensten Weise ge- schehen: entweder durch Einleitung einer chemischen Zersetzung, wobei die Atome innerhalb der Molekeln ihre Plätze wechseln, oder durch mechanische Ein- sliisse, durch Schlag, Stoß, Druck u. a. m., wobei eine gehemmte äußere Bewegung ihre Fortsetzung in der Bewegung der stofflichen Wirbel findet. Aber es kann die Wirbelintisität der stofflichen Wirbel auch durch die Bewegung der Friktionsmolekeln, also durch den elektrischen Strom gesteigert werden, lind das ist gerade derjenige Fall, der uns an dieser Stelle am meisten interessirt. Wie die Steigerung der Wirbelintisität der stofflichen Wirbel durch die Bewegung der Friktionsmolekeln vor sich geht, ist aus der grundlegenden schematischen Zeichnung, von der wir in unseren Betrachtungen über das Wesen der Elektrizität unseren Ausgang genommen hatten, und nach den obigen Allseinandersetzungen ohne Wei- tercs verständlich. Sendet man also durch einen Metalldraht einen elektrischen Strom, so kann man den Draht nicht blas erwärmen und glühend machen, man vermag ihn vielmehr sogar zum Schmelzen zu bringen, wenn man durch Hindurchleiten eines genügend starken Stromes die Wirbelintensität der stofflichen Wirbel so sehr steigert, daß der innere Zusammenhang der- selben untereinander, das molekulare Gefllge, ge- lockert wird. Diese Thatsache muß man bei der Anlage jeder elektrischen Leitung in Rechnung ziehen. Bei der Anwendung starker elektrischer Ströme muß man deshalb sorgfältig den Querschnitt der Leiter, be- ziehnngsweise ihre Leitungsfähigkeit der Stärke der sie durchfließenden elektrischen Ströme anpassen, daniit nicht bei dem Betriebe elektrischer Anlagen eine schäd- liche Erwärmung der Leitungen, die eventuell eine Feuersbrunst veranlassen kann, eintritt. Um den zufälligen Durchgang zu starker Ströme durch Leitungen von zu geringer Leitungsfähigkeit vorznbengen, was bei eventuellem Kurzschluß(bei unbeabsichtigter Ver- bindung von zwei Hauptleitungen unter Ausschaltung des eigentlichen Vertheilungsnetzes, das ans die Auf- nähme bestimmter Stromstärken berechnet ist) eintreten kann, müssen deshalb auch in alle Starkstromleitungen sogenannte Abschmelzsicherungen eingeschaltet werden. Diese Abschmelzsicherungen bestehen aus kurzen Stücken einer leicht schmelzbaren Bleilegirung, die so abge- messen ist, daß nur Ströme einer gewissen Stärke unbehindert durch sie hiudurchpassiren können, die sich aber sofort bis zum Abschmelzen erwärmen, wenn die Stromstärke bis' über den zulässigen Maximal- betrag ansteigt. Mit Hülfe dieser Abschmelzsicherungen werden die in der ersten Zeit der Anwendung elek- irischer Ströme durchaus nicht selten gewesenen Brände infolge elektrischen Kurzschlusses erheblich vermindert. Dagegen wird an anderen Stellen die Erwär- mung der Leitungen durch den elektrischen Strom mit voller Absicht ausgeführt. Schon seit langer Zeit werden Blinenziinder an- gewandt, die so konstruirt sind, daß in den Zündsatz der Patrone ein dünner Metalldraht eingebettet ist, der durch einen passend gewählten elektrischen Strom zum Glühen gebracht wird, so daß die Patrone zur Explosion gelangt. Sprengungen im großen Stile, Sprengungen unter Wasser und überall dort, wo nnnüttelbare Gefahren für die Arbeiter mit der Sprengung verbunden sind, werden heute fast durch- wegs mit Hülfe des elektrischen Stromes vorge- uommen. Die Erwärmung der vom Strome durchflossenen Leiter wird in der Gegentvart in noch weit aus- gedehnterer Weise zu praktischen Zwecken ausgenützt. Alan verwerthet diese Wärmequelle, wie jede andere Wärmequelle, auch zum Kochen und Heizen. In den elektrischen Kochapparaten, Bratpfannen, Leim- kochern, Brennscheeren k. ist ein entsprechender Wider- standsdraht angebracht, der auf den dem jeweiligen Verwendungszweck entsprechenden Wärmegrad ge- bracht wird. Die Handhabung der Apparate ist die denkbar einfachste. Man hat nur nöthig, mit einem einzigen Handgriff den Stromkreis zu schließen uud in der angenehmsten Weise, ohne die geringste Be- lästignng durch Ruß, Rauch, offenes Feuer k. vollzieht sich der Vorgang der Erhitzung. Man kann sich kaum eine bequemere Küche denken, als' eine mit elektrischen Kochapparaten ausgestattete. Aber doch hat sich das Kochen mit Elektrizität, mit Ausnahme der wenigen Fälle, tvo man besondere Rücksicht auf die Feuersgefahr nehmen mnß, in der Praxis noch nicht einzubürgern vermocht, weil für diesen Ver- Ivendnngszweck der elektrische Strom noch viel zu theucr ist. Das Gleiche gilt auch für das Heizen mit Elek- trizität; die Apparate haben dieselbe Einrichtung wie die elektrischen Kochapparate; und die Anwendung ist außerordentlich angenehm und bequem; aber in der Praxis haben die elektrischen Heizapparate sich nur dort einzuführen vermocht, wo man mit dem elektrischen Strom nicht so sehr zu sparen braucht. Im Wesentlichen sind daher die elektrischen Heiz- apparate auf die Anwendung in elektrischen Tram- bahnwagen beschränkt geblieben. Da die Wider- standsdrähte hier so angeordnet werden können, daß sie einen Theil des Regulirmechanismus für den Wagenmotor bilden, ist man in der Lage, Strom, der sonst wirthschaftlich verloren gegangen wäre, praktisch nutzbar zu machen. Wo man deshalb die elektrische Heizung von Trambahnwagen in Anwen- billig gebracht hat, ist man nnt der Leistung sowohl 388 Die Neue N?elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. als auch mit den Gestehungskosten außerordentlich zufrieden. In der Praris haben die hier beschriebenen Apparate immerhin erst eine sehr bescheidene An- Wendungssphäre, dagegen erobert sich die elektrische Metallbearbeitung ein inimcr weiteres Feld. Auch hier handelt es sich im Wesentlichen um eine reine Wärmewirknng des elektrischen Stromes: auch hier wird der Widerstand, den der elektrische Strom findet, ausgenutzt. Schneidet man eine Metallstange durch und stößt man die Enden mit ihren Schnittflächen wieder zusammen, so findet der elektrische Strom an den Schnittflächen einen ungleich größeren Widerstand als in der übrigen Masse der Stange: an dieser Stelle wird deshalb auch eine stärkere Erwärmung stattfinden als an den übrigen Stellen. Trägt man dazu noch Sorge, daß die in der Stange selbst ent- wickelte Wärmemenge durch gute Wärmeleiter ab- geleitet, bei den Schnittflächen aber auf diese kon- zentrirt bleibt, und wendet man genügend starke Ströme an, so kann an dieser Stelle die Erhitzung bis zur Wcißgluth gesteigert werden. Läßt man dann noch einen starken Druck auf die Schnittfläche in der Richtung des Stabes einwirken, so ist man im Stande, die beiden aufeinander gepreßten End- flächen vollkommen zusammenzuschweißen. Die Schmierigkeit besteht nur in der Erzeugung genügend starker Ströme, wenn es sich um das Zu- sammenschweißcn von ziemlich starken Stücken handelt. Wie wir aber in dem vorausgegangenen Aufsatz ge- sehen haben, ist man leicht in der Lage, die Strom- stärke beliebig zu variiren. Jeder elektrische Strom ist durch eine gewisse Stärke und eine gewisse Spannung charaktcrisirt. Die Stärke kann man sich als die Wassermenge, die Spannung als das Gefälle eines Stromes vorstellen. Der Effekt fließenden Wassers ist nun proportional der Wassermenge und dem Gefälle. Beträgt die in der Sekunde von dem Strome fortgeführte Wasser- menge beispielsweise 100 Liter 100 Kilogramm und das Gefälle 50 Bieter, so ist der Effekt gleich 1 00 X 50= 5000 Kilogrammmeter. Dieselbe Arbeitsleistung wird aber auch von einem Flusse hervor- gebracht, der in der Sekunde 500 Liter mit sich führt, aber nur 10 Bieter Gefälle besitzt. Ebenso ist die Arbeitsleistung eines elektrischen Stromes proportional der Stromstärke und pro- portional der Spannung. Man vermag nnn leicht einen Strom von geringer Stärke, aber relativ hoher Spannung in einen solchen von großer Stärke, aber niedriger Spannung zu verwandeln. Während man die Transformirnng auf hohe Spannung, wie wir früher gesehen haben, dann anwendet, wenn man den elektrischen Strom in dünnen Leitungen auf große Entfernungen sortleiten will, so wendet man hier in dem augenblicklich vorliegenden Falle gerade daS Ilmgekehrte an, denn man will ja jetzt gerade die Wärmewirkung des Stromes bei der Ueberwindung eines Widerstandes ausnutzen. Man sieht hier, wie die Erkenntniß von der Natur des elektrischen Stromes bei der einen An- Wendung Das auszunutzen gestattet, was für einen -anderen Anwendungszweck schädlich gewesen wäre, und umgekehrt. Auf die Details der Anwendung elektrischer Ströme zu Schweißzwecken und ihre Lei- stungen will ich an dieser Sielle nicht näher eingehen, es sollen vielmehr zunächst noch einige andere Anwendungen der von elektrischen Strömen produ- zirten Wärme besprochen werden.(Schwß f-lgl.) Wie tttcm's macht. Von Manfred Wittich. fines schönen Tages kam ein junger, achtzehn- jähriger Student von der hohen Schule zu Apollonia in Jllprien nach Rom. Er war von unscheinbarem Aenßeren und schwächlicher Leibes- konstitution. Allein kam er daher. Wenigen nur bekannt in der Hauptstadt der Welt, aber hoch- fliegende Pläne wälzte der junge Mann, der Adoptiv- söhn des Eajus Julius Eäsar, in seinem Hirn. Nach nichts Geringerem strebte er, als darnach, das zu vollenden, was sein Pflegevater begonnen, aber nicht zu Ende zu führen verniocht hatte: das römische' Staatswesen, nur noch dem Namen nach eine Re- publik, ein Freistaat, in eine Monarchie zu ver- wandeln und sich ans den Thron zu setzen. Die römische Republik war eigentlich schon seit der Zeit des Marius todt:„es fehlte einzig an dem Monarchen— der neue Adler, den G. Marius den Legionen(Regimentern) verlieh, verkündete das Reich der Kaiser".(Mommsen.) Nach Marius war Sulla zeitweise absoluter Herrscher: er dankte freiwillig ab. Eajus Julius Eäsar steuerte bewußt und beut- lich auf die Königskrone los. Er ließ seine Statue neben die der sieben sagenhaften Könige Altroms setzen, die auf dem Kapital, der Stadtburg Roms, standen; er trug den königlichen Purpnrmantel; er erhob sich nicht von seinem Sitz, wenn der Senat bei ihm erschien; er ließ Münzen mit seinem Bilde schlagen. Als ihm am 15. Februar des Jahres 44 v. Chr. Marcus Antonius die Königskrone an- tragen mußte, war aber das Murren des zuschauen- den Volkes so groß, daß Eäsar sie wieder zurück- schob. Am 15. März erlag er den 23 Dolchstichen der Verschworenen, welche nur ans Rittern und Senatoren, also„Edelsten und Besten" römischer Nation, bestanden. Daraus hat Octavianus Auguftus die Lehren ge- zogen, welche er sein Leben lang treu befolgte. Alle Quellen stimmen darin überein, daß Augustus im höchsten Grade Meister der Kunst gewesen sei, seine Gedanken und Absichten, Stimmungen und Gefühle zu verbergen. Einer seiner Nachfolger auf dem römischen Kaiserthron, der„Romantiker" Julianus, den die Christen den Abtrünnigen nannten, hat eine Satire:„Die Cäsaren".geschrieben, in der er seine Vor- gänger vor den Göttern Revue passiren läßt. Beim Auftreten des Augustus bemerkt er: Dieser wurde bald blaß, bald roth, und fortwährend wechselte er die Farbe wie ein Chamäleon. Vor allen anderen Künsten verstand sich Augustus vorzüglich auf die des zähgeduldigen Znwartens bis zu dem Augenblicke, wo sein handelndes Eingreifen mit annähernd mathematischer Sicherheit Erfolg haben mußte. Die Leibsprüche, welche er immer im Munde führte, kennzeichnen dieses Talent:„Eile mit Weile", das lateinische Dichterwort:„Schnell genug geschieht, was ordentlich geschieht", und das griechische:„Besser ist ein wohlbedächt'ger als ein kühner Feldhanpt- mann." Namentlich war es nicht seffie Sache, das tckriegs- gliick voreilig zu versuchen, denn er sagte:„Leute, die einem kleinen Gewinn mit Gefahr eines großen Verlustes nachjagten, glichen Denen, welche mit gol- denen Angelhaken angelten, dessen Verlust, wenn er abgerissen würde, durch keinen Fang ersetzt werden könne." Tie geschichtliche Anekdote berichtet, Octavianus habe nur mit seinen beiden Vertrauten, dem sieg- bewährten Haudegen Agrippa und dem geschmeidigen Höfling Mäcenas, berathen, welche Staatsform dem römischen Reiche gegeben werden solle. Da soll Agrippa, der Soldat, gerathen haben, die Republik müsse wieder hergestellt werden; Mäcenas dagegen habe für die Errichtung einer Monarchie gesprochen. Daß der glatte Mäcenas zu der ihm von der Anek- dote angewiesenen Rolle recht gut paßte, ist nicht zu leugnen; desto schwerer aber kann man sich den Agrippa als einen Schwärmer für' die Republik vorstellen. Die ganze hübsche Geschichte scheint nicht wahr zu sein; es ist die angebliche Erzählung wohl weiter nichts als eine Aufgabe für junge Leute, die in den Rhetorenschulen solche subtile Fragen zu be- handeln, das Für und Wider nach allen Regeln der Redekunst aufzusetzen und vorzutragen bekamen, zur llebung ihres Scharfsinns und ihrer Sprach- gewandtheit. Vor allen Dingen war Octavianus sicherlich seiner ganzen Vergangenheil nach zu jener Zeit mit sich absolut nicht mehr— wenn er es je gewesen sein sollte— unklar über Das, was er ans dem römischen Reiche macheu wollte. Auch betrachtete er seine beiden Vertrauten, so nahe sie ihm auch standen, wie alle anderen Leute seiner Umgebung, durchaus nur als Werkzeuge, als seine Handlanger, und selbst seinen Intimen hat er wohl nie in seinem Leben sein Inneres in so Vertrauens- voller Weise erschlossen. Als kühler, nüchterner Realpolitiker legte Augustus mehr Werth auf die Sachen, als auf ihren Namen und Schein. Auch in der Wahl der Mittel, seine Zwecke zu erreichen, war er nicht skruvulös; er scheute nicht vor llnrecht und Gewalt zurück. Mutz Unrecht sein, so sei es um den Hcrrscherthron, In allem Anderen nbet Zucht und fromme Schell. Diese Verse des griechischen Tragödiendichters Enripides führte Augustus in der lateinischen Fassung, die er ihnen gegeben hatte, des Qeftcren an. Ver- sagten alle milden und rechtlichen Mittel, so kam es ihn nicht allzu schwer an, mit rücksichtsloser Ge- walt und brutaler Nichtachtung von Recht und Gesetz zuzupacken. Eine vollständige Liste der Ermordungen Einzelner und der Massentödtungen aufzustellen, müssen wir uns, in Rücksicht auf den Raum, ver- sagen. Viele zwang er, wenn sie seine Pläne und Interessen nach seiner Ansicht geschädigt hatten, zum Selbstmord. Einem ungetreuen Sekretär ließ er die Beine verstümmeln, den Hofmeister seines Sohnes Cäsar, mit schweren Gewichten an dem Halse, er- säufen. Den Prätor Quintius Gallus, der bei einer Audienz eine Schreibtafel unter dem Mantel hatte und den Augustus eines Mordanschlages für verdächtig hielt— er glaubte. Jener verberge einen Dolch—, ließ er foltern, und obgleich der Prätor nichts zu gestehen hatte, stach er ihm eigenhändig die Augen aus und ließ ihn dann hinrichten.— Als die erste französische Republik beseitigt und das Königthum unter Ludwig XVIIL wieder hergestellt war, soll dieser Herr gesagt haben:„In Frankreich hat sich nichts geändert, es ist nur ein Franzose mehr da." Eine ähnliche Verschleierung der Thatsachen war es, wenn Octavianus Augustus sich prineeps civium Romanorum, d. h. den Ersten unter den römischen Bürgern, nennen ließ. Mit dem Ehrentitel:„Erster der römischen Bürger", verband allerdings Augustus namentlich die Machtbefugnisse eines wichtigen altrepublika- nischen, demokratischen Amtes, des Tribunats. Wir sehen, daß hier, wie so oft, die Alleinherrschaft gegen die altbevorrechteten Stände sich der Hülfe der breiten Volksmassen versichert, diese gegen jene ausspielt. Das altrepublikanische Volkstribunat war geschaffen worden, um Einspruch gegen Volksfeind- liche Gesetze und gegen Ueberschreitungen der Amts- befugnisse seitens behördlicher Personen zu erheben. Hatte doch ein Volkstribun das Recht, die Ver- Haftung eines Bürgers, ja seine Aushebung zum Kriegsdienst zu hindern. Dieses Einspruchsrecht gegen alle Gesetze und Seuatsbeschliisse, und dieses schrankenlose Schntzrecht zu Gunsten jedes Unter- drückten und jedes Menschen, den der Tribun als solchen betrachtet wissen wollte, war natürlich sehr wichtig und— sehr volksthümlich. Auch verlieh es seinem Inhaber religiöse Weihe und Unverletzlich- keit seiner Person. Darum legte Augustus darauf auch hohen Werth, so hohen, daß er seine eigentliche Regierung von dem Termin der Uebernahme dieses Amtes an rechnete. Die Aussicht auf Mitregentschaft oder Thronerbschaft gründete sich in der Folgezeit ans das einem Manne übertragene Tribunenamt, wie schon Augustus seinen vertrautesten Helfern dasselbe theils auf bestimmt begrenzte Fristen, theils auf Lebenszeit verlieh. Interessant ist die Thatsache, daß unter Augustus auf die persönliche Unverletzlichkeit der Volkstribunen die Prozesse auf Majeftätsbeleidigungen sich ent- wickelten. In einem verletzten Volkstribun war nach der ursprünglichen Anschauung die Majestät des römischen Volkes verletzt: Durch die Uebernahme des Tribunen« Winieriag im Asc�mssr. Nach einem Gemälde von Richter-Lefensdorf. tPhotographieverlag von Div ffi. Albert& So. In München.) amtes auf Lebenszeit eignete sich Angustus die und Wahrer seiner Rechte und Freiheiten gegenüber mmjestas populi, die Volksinajestät, für alle Zeit den Beamten und den Junkern des Senats. für seine Person an. Auf Grund dieses altrepnbli- Freilich, so lange er noch nicht fest im Sattel kanischen Amtes erschien er dem Bolke als Schützer saß, stellte er, der Erbe und Adoptivsohn des Julius Cäsar, sich möglichst gut mit diesem altrömischen Herrenhaus, welches zum größten Theil ans Freunden und Gönnern der Mörder Cäsar's bestand. Freilich waren es in der Hauptsache nur die Formen, welche 390 Die Neue Welt. Zllustrirte Unterhaltungsbeilage. der angehende Autokrat dem hohen Hanse gegenüber wahrte. Angeblich Btitregent des Kaisers sollte der Senat sein. Augustus setzte nun fest, daß ein Senatskandidat einen ganz bedeutenden Vermögens- besitz nachzuweisen hatte. Verlor ein Senator so viel, daß er diesen Satz nicht mehr besaß, so wurde er aus der Liste gestrichen; wenn es sich aber um einen dem Kaiser genehmen Mann handelte, so schenkte Augustus einem solchen öfter Das, was er zu wenig besaß. Gestrichen, beziehungsweise nicht aufgenommen wurden Die, welche sich des Eides auf die Gesetze und die Regierungshandlungen des Kaisers weigerten. Alle diese Maßregeln bewirkten, daß nur Leute, die entweder dem Kaiser ganz ergeben waren, im Senat saßen, oder Solche, die ans Rücksicht auf ihre Stellung und ihr Vermögen es nicht riskirten, einer cäsarfeindlichen Anwandlung ihres Herzens Folge zu geben. Dabei übte Augustus alle die Kleinkünste konven- tioneller Höflichkeit und jener Leutseligkeit, die einem Monarchen so wenig kosten und ihm so gut stehen. Wenn irgend möglich, richtete er es bei seinen Reisen immer so ein, daß Abfahrt und Ankunft aus und nach der Hauptstadt oder einer Provinzial- stadt immer auf die Spätabend- oder Nachtzeit fielen, um Keinem durch Enipfangs- und Abschieds- ehrenbezengungen Mühe und Unruhe zu machen. In einem eigenhändigen Briefe an Tiberins schreibt Augustus:„Ich habe 20 000 Sesterzen ver- loren, doch nur, weil ich überaus liberal gespielt habe, wie das gewöhnlich meine Art ist. Denn wenn ich alle hie nachgelassenen Würfe eingefordert oder Das behalten hätte, was ich den einzelnen Mitspielern geschenkt habe, so hätte ich wohl an die 50 000 gewonnen. Aber es ist mir so lieber: denn der Ruhm meiner Freigebigkeit wird bis in den Himmel erhoben werden." Wir sehen, daß bei dem Herrscher der römischen Welt Alles, bis auf sein Benehmen bei seinem Lieblingszeitvertreib, dem Würfelspiel, Berechnung und immer wieder Berechnung war. Auch ausgesprochen religiöse Mmneiite benutzte der neue Herrscher der römischen Welt, um seiner Person eine höhere Weihe und größere Sicherheit zu verleihen. Thron und Altar, Monarchie und Priesterthum haben ja von je und je in innigen Wechselbeziehungen gestanden. Natürlich konnte sich ein so feiner Streber nach Beherrschung der Ge- müther der Menschen sich dieses Hiilfsmittel der Politik nicht entgehen lassen. Von priesterlichen Aemtern besaß Augustus auch eine ganze Menge; vom K. März des Jahres 12 v. Chr. ab war er Oberpriester durch Wahl; zu- gleich gehörte er allen übrigen großen Priesterkollegien an; er war Augur(Vogelschaupriester), Septemvir, Quindecimvir und Pontifex, Mitglied der Kollegien der Arvalen, Fetialen und Titier. Am wesentlichsten war dabei, daß mit dem Oberpriesteramt das Ver- fügungsrecht über das Kirchengut mit allen seinen Dependenzen verbunden war, natürlich eine sehr wesentliche Stärkung der Stellung eines Herrschers. Sicherlich war ihm die Religion in der Hauptsache nur Mittel zum Zweck, gut dazu, Andere an diesem Lenkseil und Gängelbande zu führen. Trotz der vielen Priesterämter, die er sich übertragen ließ, empörte er sich, wenn ihni dies politischen Erfolg versprach, wider die Götter. Z. B. uni zu zeigen, daß er Sicilien um jeden Preis erobern wolle, woran ihn mehrere Stürnie gehindert hatten, rief er aus, er werde auch gegen den Willen des Meeresgottes Neptun siegen, und er ließ bei den nächsten Zirknsspielen in der Reihe der Götterbilder die Statue des un- gehorsamen Neptun nicht mit einhertragen. Der Erfolg sprach für ihn, Sicilien fiel endlich in seine Hand. Um wirklich selbst ganz ungläubig zu sein, fehlte ihm die philosophische Durchbildung; er glaubte au Astrologie, Wunder und Vorzeichen, fürchtete sich vor starken Gewittern und trug ein Stück Seekalbs- fcll als schützendes Amulett. Gern sah er es, wenn ihn das Volk als einen besonders geliebten Günstling und Schiitzling der Götter betrachtete. Octavianus ließ es geschehen, daß sein Sekretär Julius Marathus von wunderbaren Vorzeichen be- richtete, welche bei Octavian's Geburt geschehen sein sollten; auch, daß man ihn einen Sohn des Gottes Apollo nannte, und die Stadt Aphrodisias dies so- gar auf ihre Münzen schreiben ließ. Fremden Kulten gegenüber steckte er den starken Geist und Rationalisten heraus. In Egypten z. B. wollte er dem heiligen Apis-Stier keine Huldigungen erweisen, wobei er bemerkte, er bete die Götter, aber keine Ochsen an. Damit machts er auch zugleich den freigeistig gesinnten Geistern seines Reiches ein Kompliment, das ihn nichts kostete. Wie die Religion, so sind sicher auch die Künste und die Künstler, die Wissenschaften und die Ge- lehrten ihm stets in erster Linie Waffen zur Be- Häuptling seiner Herrschaft, zur Erhaltung der Zu- friedenheit des Volkes mit den von ihm geschaffenen Verhältnissen gewesen. Wein und Weiber waren Augnstus nicht gefähr- lich; infolge seiner schwächlichen Gesundheit, für die er allezeit ängstlich besorgt war, enthielt er sich hierin sorgfältig aller Ausschreitungen. Ein neuerer Historiker bemerkt dazu:„Jene kräftige Sinnlichkeit, wie sie an seinem Gegner Antonius hervortritt, ver- bot sich bei Cäsar(Augustus) von selbst." Wenn er demnach als äußerst„solides Haus" auftrat, so hatte das seine guten Gründe und war nicht der Ausfluß einer erhabenen Tugendhaftigkeit. Es ist keinen Augenblick zu verkennen, daß Augustus Ordnung und Frieden und viel Gutes geschaffen hat, aber ebenso wenig kann geleugnet werden, daß-all' dieses Gute in erster Linie ihm selbst nützlich und vortheilhaft war für Aufrecht- crhaltung seines Regiments. Selbst ein so lebhafter Vertheidiger des Augustus wie Gardthausen schreibt:„Seine Erfolge verdankt er zum großen Theile einer seltenen Mischung und Verbindung von Eigenschaften, die einzeln nicht selten genannt werden können. Er besaß einen ungewöhn- lich scharfen Verstand, der Anderen gern ihre Jllu- sionen gönnte, aber unbarmherzig mit den eigenen auftäumte, eine zähe Ausdauer und einen energischen Willen, der einerseits sich durch keine Schwierig- keiten abschrecken ließ, andererseits aber nicht so rechthaberisch war, das Ziel blos auf dem einen Wege erreichen zu wollen; serner einen eminent praktischen Sinn, der auch unter schwierigen Ver- hältuissen um Auskunftsmittel nicht verlegen war. Dazu kam ein kühles Herz, das in wichtigen Fragen die Entschlüsse des Willens und Verstandes nicht kreuzte, und ein weites Gewissen, das sich eben- falls, namentlich in der ersten Zeit, den Fordeningen der politischen Nothwendigkeit oder Zweckmäßigkeit gegenüber zu bescheiden(!) verstand. Es war also der kalte, völlig rücksichtslose Egoismus, verbunden mit einer ganz ungewöhnlichen, ruhig ab- wägenden Klugheit, dem er seine Erfolge verdankte... Ein Fehler wog bei ihm schwerer als ein Verbrechen." Man sieht den Staatsmann im Heroen- und Großen-Männer-Stil, der„jenseits von Gut und Böse" nur eine Richtschnur seines Handelns kennt: den Erfolg! Und den hatte er; oft auch schlug zufälliges Mißgeschick geradezu zu seinem Vortheil aus. Ein Mordanschlag z. B., den er gegen Anto- nius, seinen Kollegen im Triumvirat(in der Tri- archie, der Dreimännerherrschaft, zu der Antonius, Augustus und Lepidus gehörten), machen ließ, miß- glückte ihm zum Heil, denn im Falle des Gelingens wäre wahrscheinlich seine Sache verloren gewesen für alle Zeit. Glück war es auch, daß er stets die geeigneten Helfer und„Handlanger" bei seinen Plänen fand, deren Fähigkeiten und Leistungen er sich so vor- trefflich zu Nutze zu machen verstand. Man hat Augustus mit den Napoleoncn ver- glichen; treffender scheint mir der Vergleich mit einem anderen der rücksichtslosesten und raffinirteslen Egoisten, mit Ludwig XIV. Auch Augnstus hul- digte der Anschauung:„Der Staat bin ich!" Er förderte in der That das Staaiswohl stets als das seine zugleich, und nach beiden Richtungen verband er Glück und Geschick in fast gleichem Niaße mit- einander. Er durfte eine bejahende Antwort erwarten, als er auf seinem Sterbelager seine Umgebung fragte: „Meint Ihr nicht, daß ich das Schauspiel des Lebens ganz artig gespielt habe?"— Z)er Steinbruch. 4� n einem lauen Oktobernachmittag kehrte der Holzhändler Bittmann aus einer der benach- (■»JV bar ten Ortschaften, wo er das Geld für die Winterlieferungen cinkassirt hatte, nach Hanse zurück. Ein feiner Nebel lag über der Landschaft, und die Dämmerung sank nieder, als Bittmann das letzte Gehölz betrat, das ihn von dem Dorfe trennte. Tagsüber hatte er viel getrunken und war nun guter Laune. Langsam und vorsichtig ging er den schmalen, glatten Fußpfad, der mit welkem, nassem Laub bedeckt war. Dabei überlegte er, was er morgen Alles einkaufen müsse, denn er wollte morgen in die Stadt hinein. Er dachte an einen kleinen, eisernen Ofen für die Gesindestube und an die neuen Strohmatten für den Stall. Dann fielen ihn: die zwei Wallachen ein, die man ihm vorige Woche zum Kaufe angeboten hatte. Es hatte ihn gleich gereut, daß er sie damals nicht geiwminen. Heute hatte er zufällig erfahren, daß sie noch zu haben seien. Da durfte er also Novelle von G. Macasy. nicht vergessen, morgen den Knecht zum Schloß- Verwalter zu schicken, damit ihm wenigstens kein Anderer zuvorkomme. Und übermorgen wollte er selbst hinüber. »Fünfzig muß er mir noch nachlassen," dachte er, und freute sich im Voraus auf das gute Geschüft. In der Ntitte des Gehölzes begann der Weg ein wenig zu steigen und fiihrte an einem Stein- bruch vorbei, der schon vor vielen Jahren aufgelassen worden war. Kleines, weißes Geröll bedeckte, vermischt mit größeren, abgerutschten Felsblöcken, den Weg. Zwischen dem jungen, dünnen Laubholz hindurch sah man eine alte, halbberfallene Hütte, die ehemals den Stein- metzen zum Schutz gedient hatte. Die Thür war aus den Angeln gebrochen und lag schief an die Wand gelehnt. Die durchziehenden Vagabunden und Kesselflicker benutzten die Hütte oftmals als Lagerstätte. Ein schwarzer Halbkreis vor der Thür bezeichnete die Stelle, wo sie ihre Feuer anzumachen pflegten. Vor dem Steinbruch staud Bittmann eine Weile sttll, um Athem zu schöpfen. Ein lauer, beklemmender Südwind strich durch das braune, dürre Laub und bog die dünnen Stämme. Traurig klang das Aechzcn des Holzes durch die weite, tiefe Stille. Von den entlaubten Aesten sickerte langsam Tropfen für Tropfen in den weichen, duf- tenden Waldboden. Bittmann stand auf seinen Stock gestützt und starrte nach dem Steinbruch hinüber, dessen steile, blendend weiße Innenwand sich grell von dem dunklen Waldgrunde abhob, der sich zu beide» Seiten darüber thürmte. Von Zeit zu Zeit löste sich ein kleiner Stein oder eine Handvoll Erde oben vom Rande los und fiel mit gedämpftem Geräusch in die Tiefe. Als Bittmann im Begriffe war, seine Wände- rung fortzusetzen, hörte er hart neben sich ein Geräusch. Er wandte sich zur Seite und sah an der Biegung des Weges seinen Schwager, den Polier Fellner, stehen, der ihn schon längere Zeit beobachtet habe» mußte. Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 391 Aergcrlich über diese Begegnung mit dem Schwager, den er nicht leiden mochte und mit dem er schon oft Streit gehabt hatte, wollte er rasch an ihm vorbei gehen. Aber Fellner blieb quer über dem Weg stehen und ließ ihn bis dicht an sich herankommen. (5-s hatte fast den Anschein, als habe er ihn hier erwartet. Endlich stand Bittmann vor dem Anderen, der ihn mit feindseligen Blicken maß und keine Miene machte, auszuweichen. Eine Weile standen sie so und blickten sich in die Augen. Dann begann Bittmann ungeduldig:„Was ist's? Was willst Du denn?" Fellner blieb unbeweglich stehen und sah den alten Mann mit seltsam stechendem Blick an. Dann sagte er langsam:„Heut' hast Du keine Ausrede, Schwager, daß es Dir an Geld fehlt. Nicht wahr?" Bittmann erschrak. Darauf also war es abgesehen! Er hatte Fdlncr, der oft in Roth war, in der letzten Zeit mehrmals abgewiesen. Jetzt erschrak er, als er merkte, wie direkt der Andere auf das Ziel losgehe. Aber neben der Angst regte sich in ihm der Zorn, und ohne lange zu überlegen, entgegnete er heftig:„Mach, daß Du weiter kommst! Was ich das letzte Mal gesagt habe, dabei bleibt's." Rasch wollte er an Fellner vorbei. Aber dieser verstellte ihm den Weg und wieder- holte nochmals:„Ueberleg' Dir's, Bittmann! Heut' hast Du keine Ausrede!" Bittmann überlief es kalt bei dem Gedanken an das viele Geld, das er bei sich trug, und daß ihm Fellner etwas anthun könne. Entsetzt wich er vor dessen drohendem Blick zurück und stamnielte:„Ich weiß garnicht, was Du willst—— ich weiß gar- nicht——" Fellner lachte bei dieser Angst und trat wieder auf ihn zu, während er sagte:„Willst Du mir das Geld vorstrecken, um das ich Dich damals gebeten habe, oder nicht?" Er war schon im Begriffe, sich abzuwenden und davon zu gehen. Aber noch einmal trat er einen Schritt näher. „Nein!" schrie Bittmann in Heller Verzweiflung und hob den Stock zur Abwehr.„Ich habe nichts. Ich habe garnichts. Und selbst, wenn ich's hätte, Dir gebe ich schon lange nichts!" Während er den Stock vor sich hin und her schwang, versuchte er es, nach rückwärts zu weiche». Und als ihn die Todesangst noch einmal überkam, schrie er mit gellender Stimme:„Du wirst doch nicht—— Du wirst doch nicht—— Hülfe! Zu Hülfe!" Dieses Schreien machte Fellner rasend. Er fürchtete, daß man sie hören könne. „Schweig doch. Du alter Schuft!" murmelte er und drang auf Bittmann ein. Bei seinem Versuch, zur Seite zu springen, glitt Bittmann auf einer nassen, schlüpfrigen Wurzel aus und stürzte zu Boden. Das war sein Verderben. Seiner Sinne nicht mächtig, stürzte sich Fellner über ihn. Der alte Mann fiihlte noch, wie der Gegner das Knie auf seine Brust stemmte, und dessen Finger gleich eisernen Klammern seine Kehle umspannten. Vergebens versuchte er es, sich aufzurichten. Seine Finger griffen in die Luft. Noch einnial wollte er um Hülfe schreien, aber nur ein dumpfer, gurgelnder Laut entrang sich seiner Kehle. Dann wurde es schwarz vor seinen Augen. Fellner fiihlte, wie sich der schlanke, geschmeidige Körper des alten Mannes unter seinem Knie wand und krümmte. Einige Augenblicke noch währten die Zuckungen, dann streckte sich der Körper mit raschem Ruck. Fellner hielt noch immer den Hals des Todten umspannt und preßte ihn mit übermenschlicher Gewalt zusammen, damit kein Laut aus dieser Kehle ent- rinne. Dabei war es ihni, als würde der Hals unter dem Druck seiner Finger immer dünner und dünner. So kniete er noch lange Zeit. Dann erhob er sich. Kalter Schweiß rieselte von seiner Stirne herab, und seine Kniee zitterten. Er betrachtete den Körper des Mannes vor sich, der regungslos, mit dem Gesicht nach der rechten Seite gewandt, da lag. Nun ist er todt! dachte er, und wagte nicht, sich von der Stelle zu rühren. Unverwandt starrte er auf den Leichnam und bemühte sich, nachzudenken, was denn eigentlich geschehen sei, und warum er Jenen getödtet habe. Aber er war wie betäubt. Ein seltsames Rauschen und Sausen hüllte seinen Kopf ein, und an dem langsamen Aufsteigen der Wärme fühlte er, wie das Blut allmälig wieder in seine Wangen zurückkehrte. Dann ließ das Rauschen nach und mit einem Male wurde es wieder klar vor ihm. Hastig beugte er sich über den Todten und nahm ihm aus der Innenseite des Rockes die Ledertasche mit dem Geld heraus, die er, ohne ihren Inhalt anzusehen, zu sich steckte... Dann fiel ihm ein, daß er den Todten nicht hier mitten am Wege liegen lassen könne. Rasch entschlossen faßte er ihn beim Aermel und Rock- kragen und schleifte ihn ein Stück weiter hinüber zum Eingang in den Steinbruch. Nun erst fiihlte er, wie schwach er geworden sei, und wie ihm das Entsetzen noch in allen Gliedern lag. Kaum vermochte er den Leichnam über dem Boden zu halten. Beim Steinbruch ließ er ihn fallen. Er überlegte. Was sollte er thun? Sollte er ihn hier irgendwo eingraben? Aber womit denn? Er war ja nicht ausgegangen, einen Mord zu begehen. Es war ja wie ein Taumel über ihn gekonimen. Oder sollte er ihn liegen lassen? Nein! Nein! Der Nächste, der des Weges kam, mußte ihn sehen. Wenn er die Leiche bis zur Schlucht hinüber- schleppen könnte, so wäre er sicher, daß man sie nicht sobald entdecken werde. Aber er fühlte, daß er dazu keine Kraft besaß. Wenige Mmuten hatten genügt, ihn schwach wie ein Kind zu machen. Er war kaum im Stande, aufrechr zu stehen. Nichts regte sich in dem füllen, abgelegenen Gehölz, und Fellner stand unschlüssig vor dem Leichnam, lauernd und zum Sprung bereit. Plötzlich zuckte er zusammen. Aus dem Steinbruch drang ein schwaches, dumpfes Geräusch. Ein Stein hatte sich oben losgelöst und rollte in die Tiefe. Da stieg in Fellner ein jäher Entschluß auf. Rasch packte er den Leichnam und zerrte ihn in den Steinbruch hinein, bis zu der weißen, steilen Rückwand. Mit den Füßen schob er ihn hinter einen Felsblock und eilte hinaus. Gleich darauf erschien er oben am Rand des Waldes und bemühte sich, mit dem Stiefelabsatz die Erde loszubröckeln. Langsam rollte die weiche Erde in die Tiefe und füllte die Grube, in der die Leiche lag. Dann kam das verwitterte Steingeröll. Mit beiden Händen hielt sich Fellner an einem überhängenden Strauche fest und stieß die zerbröckelnden Steine in die Tiefe. Immer lauter und lauter tönte das Rollen der abgleitenden Blassen, die mit hartem Klange unten aufstießen. Fast eine Viertelstunde währte die Arbeit. Fellner erschien es wie eine Ewigkeit. Als er wieder den Abhang herunter kam, war es fast Nacht geworden. Nur einen flüchtigen Blick warf er nach der Stelle, wo der Todte begraben lag und über der sich ein großer Steinhiigel aufthiirmte, der bis zur Hälfte der Wand emporragte. Dann raunte er, ohne sich umzusehen, durch das stille, dunkle Gehölz dem Dorfe zu. Als er die ersten Häuser erreichte, ging er langsam. Angst und Erregung waren plötzlich von ihm gewichen. Ein einziger Gedanke beherrschte jetzt seine Seele. Alles vermeiden, was Aufsehen erregen kann! Mit fieberiger Hast drängte sein Gehirn alles Andere zurück. Bald darauf trat er, wie allabendlich, in die Wirthsstube ein und setzte sich in seine gewohnte Ecke. Langsam füllten sich die Tische um ihn herum. Fuhrleute traten ein und Arbeiter, die Feierabend gemacht hatten. Fellner sprach mit Dem und Jenem. Er hörte, daß er sprach, ruhig und mit derselben tiefen, rauhen Stimme, wie sonst. Aber vor seinen Augen lag es wie ein Nebel- schleier, und er hörte seine Stimme wie aus weiter Ferne. *-* * Von Stunde zn Stunde wartete Fellner darauf, daß das Ausbleiben seines Schwagers ruchbar werde. Der zweite und dritte Tag war seitdem ver- gangen, und noch war kein Gerücht in die Oeffent- lichkeit gedrungen. Fellner hatte Zeit gehabt, Alles zu überlegen. Die leere Brieftasche hatte er in den Brunnen des Hauses geworfen, bei dessen Bau er beschäffigt war. Das Geld aber hatte er hinter einem Garten- zäun unter einem Stein verborgen. Und so wartete er, und mit jedem Tag stieg seine Zuversicht. Am Abend des vierten Tages schickte seine Schwester Martha einen Knecht zu ihm: ob er etwas von Bittmann wüßte. Aus eigenem Antrieb erzählte der Knecht, daß Bittmann vor vier Tagen das Haus verlassen habe und nicht mehr zurückgekommen sei. Vielleicht, meinte der Knecht, sei er in die Stadt gefahren. Fellner erklärte, daß dies wohl möglich sei. Es wundere ihn aber, warum er nicht doch zuvor eine Nachricht gegeben habe. Dann antwortete er: Er ließe seiner Schwester sagen, er wüßte vom Schwager nichts, denn er habe ihn schon einige Wochen nicht gesehen. Aber Martha möge nur nicht in Sorge sein. Morgen früh wolle er hinüberkommen. An diesem Abend erfuhr das ganze Dorf Bist- mann's Verschwinden. Im Wirthshaus sprach man von nichts Anderem. Fellner erzählte, was er von dem Knecht er- fahren hatte. Man erging sich in Vermuthungen. Ein Fuhrmann wollte Bittmann vor zwei Tagen aus der Landstraße gesehen haben, in der Richtung nach der Stadt. Ein Hansirer dagegen behauptete, er sei erst gestern Bittmann im nächsten Dorfe be- gegnet. Die Meisten waren der Ansicht, daß man die Polizei verständigen müsse. Dies merkte sich Fellner. Als er ain nächsten Morgen seine Schwester besuchte, rieth er ihr sogleich, die Anzeige zu machen. Er bot sich selbst dazu an. Aber Martha bat ihn, er möge in dem Nachbar- dorfe Umfrage halten. Fellner athmete erleichtert auf. Er fühlte, daß der Gang zur Polizei sein Ver- derben hätte sein können. Von einem' Knecht begleitet, fuhr er nun in Bittmann's Wagen in das Nachbardorf. Er erkundigte sich bei allen Leuten, von denen er vernmthete, daß sie mit Bittmann zusammen ge- Wesen sein konnten. Ueberall erzählte er dieselbe Geschichte seines Verschwindens mit denselben Worten. Und er merkte sich genau, wann die Leute den Holz- Händler zuletzt gesehen hatten, was er gesprochen und wohin er von ihnen weggegangen war. Als er am Abend zurückkehrte, hatte er eine lange Erzählung beisammen. Auf Martha's Bitten brachte er diese Nacht auf dem Hofe zu. Martha sagte, sie habe Angst, so allein in dem großen Hanse. Fellner blieb gerne bei ihr. Die ersten drei Nächte waren ihm eine Qual gewesen. Auch den nächsten Tag verbrachte er auf dem Hofe. Seine Arbeit bei dem Bau hatte er aufgegeben. Am Nachmittag kam eine Kommisston, um die Frau des Verschollenen zu vernehmen. Fellner erzählte die ganze lange Geschichte seiner gestrigen Fahrt. Auch, was er in: Wirthshaus ver- nommen hatte, erzählte er, und gab die Namen des Fuhrmanns und des Hausirers an. 392 Aie Acue 2Pctt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Manches davon notirte sich der Kommissar. Der Knecht bestätigte Wort für Wort die Erzählung Fellner's. Dann fragte der Kommissar Fellner, was er von dem Ganzen denke, und ob er glaube, daß Bittmann ein Unglück zugestoßen sei. Fellner hatte sich jedes Wort zurecht gelegt. Er meinte, falls Bittmann wirklich in die Stadt gefahren sei, so wäre es nicht unmöglich, daß man ihn irgendwo in einer abgelegenen Gegend überfallen habe. Jedenfalls sei es gut, auch auf die Menschen ein Auge zu haben, die zuletzt mit ihm zusammen- gekommen seien. Zugleich fragte er Martha, ob denn ihr Mann Geld bei sich gehabt habe. Aber Martha konnte keine Auskunft darüber geben. Diese Unterredung mit dem Kommissar vermehrte Fellner's Zuversicht. Zu derselben Zeit hatte nian in der Wohnung der Leute, bei denen Fellner geschlafen hatte, Haus- Untersuchung gehalten. Als Fellner am Abend kam, um seinen Koffer mit Kleidern und Wäsche abzn- holen, erfuhr er davon. Er erschrak heftig und fühlte, daß er einer großen Gefahr entgangen sei. Hätte er davon gewußt, so wäre er nicht im Stande gewesen, dem Kommissar so ruhig entgegen zu treten. Man hatte also bereits Verdacht gegen ihn ge- faßt, und er mußte doppelt auf der Hut sein. Jetzt, nachdem diese erste Gefahr glücklich vor- übergegangen war, faßte Fellner neue Hoffnung. Das Schlimmste war überstanden. Diesen Abend brachte er bei seiner Schwester zu und bemühte sich, sie zu trösten. Er erging sich in tausend Vermuthungen, was Alles den Holzhändler bestimmen konnte, länger aus- zubleiben und warum er keine Nachricht von sich gebe. Zuletzt glaubte er Alles, was er sich aussann. Es gab Augenblicke, in denen er ernsthaft über- legte, wo sich Bittmann jetzt aufhalten könne und wann er zurückzukehren gedenke. Nur wenn plötzlich die entsetzliche Szene im Walde in seiner Erinnerung auftauchte, fühlte er für Augenblicke das Blut in den Adern gerinnen. Dann starrte sein Blick m's Leere und sah alle Momente jenes furchtbaren, unbegreiflichen Ereignisses. Gleich darauf aber kehrten seine Sinne sich wieder der Wirklichkeit zu. In den darauffolgenden Tagen gab sich Fellncr alle Mühe, sich im Hause der Schwester überall nützlich zu machen. Mit wahrer Gier stürzte er sich auf Beschäfti- gnng, seit er fühlte, daß sie das einzige Mittel sei, alles Andere zu vergessen. Da Bestellungen eingegangen waren, begab er sich mit den Knechten auf den ungeheuren Lagerplatz, der sich hinter dem Hanse bis zum Rande des Waldes erstreckte. Dort suchte er das Holz aus und über- wachte die Verladung. Bald aber ließ er es nicht mehr beim Zusehen bewenden, sondern legte selbst mit Hand an. Wenn dann der Abend kam, war er todtmiide und schlief die ganze Nacht durch, ohne aufzuwachen. Drei Wochen waren so vergangen, anfangs in ungeduldiger Spannung, später in allmäliger Re- signation. Martha erwartete nicht mehr, ihren Mann wiederzusehen. Unvermerkt hatte ihr Fellner Stück für Stück ihrer Hoffnung entrissen. Eines Tages sagte er direkt heraus:„Bild' Dir ja nichts ein! Bittmann kommt doch nicht mehr zurück. Wer weiß, wo der schon nioders!" Martha brach in heftiges Schluchzen ans. Fellner aber dachte bei diesen Worten wirklich an allerlei mögliche Unglücksfälle, die dem Holzhändler zugestoßen sein konnten. Er hatte alle die Berichte in den Zeitungen gelesen, und die verschiedenen Vermuthungen und Be- fürchtnngen hatten ein wunderliches Gemisch von verlogenen Vorstellungen und unwillkürlichen Ein- bildnngen in ihm erzeugt. Seme eigene That war allmälig ganz in den Hintergrund getreten. Er sah sie blos flüchtig, wie aus weiter, nebelhafter Ferne. Sein Mnth aber war mit jedem Tage gewachsen. Einige Male war er selbst auf die Polizei ge- gangen; theils, um nachzufragen oder weil er vor- geladen worden war, theils, um ein Gerücht zu hinterbringen, daS noch irgendwo aufgetaucht war. Dann sprach er lange Zeit mit dem Kommissar und wunderte sich, daß er dessen forschenden, lau- ernden Blick so ruhig aushalten konnte. Er hatte aber auch bemerkt, wie sich das Be- nehmen des Kommissars ihm gegenüber mit jeder neuen Begegnung änderte. Der Mann wurde zu- sehends höflicher. Vielleicht lag es aber auch daran, daß Fellner jetzt besser gekleidet ging als früher, und daß sich sein ganzes Wesen mit der neuen Stellung, die er einnahm, geändert hatte. Jeden- falls aber hatte man keinen Verdacht mehr gegen ihn, sagte er sich frohlockend. Denn er hatte nichts so sehr gefürchtet, als die lauernden Augen des Kommissars.(Fortsetzung folgt.) Hinter. M�eg un8 Wiese zugeieckt Hnö 8er Himmel selbst verhangen, Spe Werge si»8 versteckt, Alle Weiten eingegangen. Zjt wie eine graue Hie sich vor 8en Jag geschoben, Hie 8er Monne glühe Kchleier8icht mit Hunst umwoben. N8cr sei8 ihr Alle to8t: Honne, Mon8 nn8 lichte S.terne? Huht 8as wirken8e Gebot, Has euch trieb burch Höh' un8 Jerne? Heben, lebst 8u noch ringsum? Hinö verschüttet alle Wege? Grau u»8 eng 8ie Welt un8 stumm. Hoch mein Herz schlägt seine Achläge. Otto Julius Vicrbmn». Wintertag im Hochmoor. Vor ein paar Tagen ist auf der Hochebene der erste Schnee gefallen. Im Hoch- moor ist es jetzt noch einsamer und stiller als sonst. Die Torfstecher haben längst ihre Arbeit eingestellt, einige um Pfähle aufgebaute Streuhaufen zeigen, daß im Herbste noch Menschen hier gewesen. Wie eine matte Scheibe hängt die Sonne hinter einem Wolkenvorhang, der selbst die nächsten Berge nur undeutlich hervortreten läßt. Es riecht nach Schnee. Nicht nach dem Schnee, der sich in breiten, flaumigen Ballen über die vertrockneten Schöpfe des Snmpfgrascs und den dunklen Torf gelegt hat: nach dein Schnee, der die Luft erfüllt, und der schon im nächsten Augenblick lautlos herabsinken kann in dichten Massen und großen Flocken. Kaum, daß ein Laut sich rührt. Stumm und in hohem Bogen überfliegen einzelne Krähen ab und zu das Moor: es bietet ihnen nicht Baum noch Strauch zur kurzen Rast. Plötzlich erscheint über der höchsten Torfwand das Geweih und der Kopf eines sichernden Hirsches, jenseits des Moortiimpels verfolgen einige Muttcrthiere aufmerksam seine Bewegungen. Droben im Gebirge hat der Frost scharf eingesetzt, starker Schnee- fall das Futter verschüttet und das Wild zu Thal ge- trieben. Scharrend und äsend zieht cS über das Hochmoor. Bald ist es vorüber. Unter der in Terrassen abgebauten Torfwand erscheint das Wasser des Tümpels tiefschwarz. Ein leises Glucksen läßt sich vernehmen von den in den Tiefen lebenden Wässern. Mit schmatzendem Geräusch platzt eine Gasblase. Und wieder ist es im Moor still, öd und todt.-- Das„Aufrecht"- Sehen. Es ist bekannt, daß die Bilder, die wir durch das Auge empfangen, aus der Netzhaut„auf dem Kopf stehen". Man hat oft schon versucht, diese Thatsachc zu erklären, ist aber bisher noch zu keinem völlig befriedigenden Resultat gelangt. Neuer- dings hat nun ein englischer Psychologe, George Srratton, ein Experiment gemacht, daß die ganze Frage in eine neue Beleuchtung rückt. Er fragte nicht, wie man es innner gethan: Wieso ist die verkehrte Stellung der Netz- hautbildcr die nothwendige Vorbedingung des Aufrecht- sehens? sondern formulirte die Frage so: Ist über- Haupt die verkehrte Stellung der Netzhautbilder noth- tvendige Vorbedingung des Auffechtsehens? Und das Ergebniß seiner Untersuchung ist, daß er diese Frage mit einem runden„Nein" beanllvorten kann. Das Experi- ment bestand darin, daß er Tage lang das linke Auge verdeckt hielt und vor dem rechten eine Kombination von Linsen so anbrachte, daß die von außen kommenden Bilder umgekehrt wurden, nunmehr also auf der Netz- haut„aufrecht" standen. Nur während des Schlafes wurde der Apparat abgelegt. Er hat zweimal das Experiment gemacht, das eine Mal drei, das andere Mal sogar acht Tage lang. Das Ergebniß, das er erzielte, war ein Weltbild, das genau dem normalen entgegengesetzt stand. Sehr interessant ist das Pro- tokoll, das Stratton während der zweiten Versuchsreihe angefertigt hat. In den ersten Tagen erschien die ganze sichtbare Szenerie durchaus auf dem Kopse stehend, nicht wie wirkliche Dinge, sondern wie ein Phantasma, in unlöslichem Widerspruch zu der optischen Vorstellung, die er von der Welt in der Erinnerung hatte, und zu den Eindrücken des Tastsinns. Alles Gesehene mußte erst umgedeutet, iin Geiste umgedreht werden, um ver- ständlich zu werden; Vieles wurde überhaupt nicht wieder- erkannt. Wollte Stratton nach einem Dinge greifen oder cinein Hinderniß entgehen, so machte er meist die entgegengesetzte Bewegung und konnte sie nur mit großer Mühe vcrhessern. Bei kleinen Bewegungen des Kopfes schien das ganze Gesichtsfeld zu schwingen. Ebenso tvie mit den Tasteindrücken ging es mit den Geräuschen, die von sichtbaren Gegenständen herrührten: Das Geräusch kam aus der ganz entgegengesetzten Richtung als die war, in welcher der Gegenstand zu stehen schien. In der ersten Zeit stellte sich auch Uebelkeit ein. Dieser Gesammteindruck änderte sich aber mit überraschender Schnelligkeit. Das Gesichtsfeld verlor von Tag zu Tag seinen visionären Charakter mehr und erschien immer realer: die Versuchsperson begann, sich in der neuen Orb- üung der Dinge heimisch zu fühlen. Auch die Erinne- rungsbilder an die normale Ordnung) traten mehr zurück. Allmälig gelang es, das neue Gesichtsfeld nach außen hin entsprechend zu iokalistren. Die Bewegungen konnten mit den Gesichtsciiidrückcn leichter in Einklang gebracht werden, und häufiger geübte wurden schließlich auch mechanisch. Bemerkenswertb ist besonders, daß die Dinge, die niemals Gegenstand oirckter Gefichtswahrnehmiing sein können, der eigene Kopf und Hals, am zähcstcn der Einreihung in die neue Ordnung widerstanden, und daß die Anpassung sich am vollkommensten vollzog, wenn die Versuchsperson sich in einer energischen Thätigkeit befand, während im Zustand der Ruhe der Zwiespalt zwischen der alten und der neuen Anschauung nie ganz auf- gehoben war. Doch hatte in den letzten Tagen die neue Ordnung die Oberhand: die Tinge erschienen nunmehr in ihr aufrecht und wirklich.— Aus diesem Versuch geht hervor, daß das„Aufrecht"-Sehen der Dinge nichts von vornherein Gegebenes ist. Vielmehr liegt die Sache so, daß wir unter„Anffecht" nichts Anderes verstehen, als das Bestehen einer festen Uebercinstimmung zwischen den Eindrücken des Gesichts- und des Tastsinnes. Opcrirtc Blindgeborene sehen die neuen Gesichtseindrücke weder umgekehrt noch anffecht, sie können vielmehr die Gesichts- eindrücke noch garnicht zu bestimmten Tasteindrücken ordnen: erst wenn sie dies durch eine Reihe von Er- fahrungen lernen, und sich ein fester Znsammenhang zwischen der Welt der Gesichts- und der Tasteindrücke herstellt, dann ist diese Harmonie beider eben Das, worin das Anfrechtstehen der Dinge besteht.— Ja, Bauer, das ist ganz was Anderes! Ein von Alexander dem Großen gefangener Seeräuber erklärte seinem Besiegcr stolz:„Weil ich nur ein oder zwei Schiffe habe, bin ich ein elender Räuber: ich wäre ein berühmter Weltbezwinger, wenn ich, wie Du, eine zahlreiche und tüchtige Flotte befehligte. Die Reichsversammlung der Krähen. Die Krähen hielten eine Reichsversamnilnng.„Nun? Was habt ihr beschlossen?" ffagte eine Elster eine der Heim- kehrenden.„Daß wir auf der nächsten Versammlung etivas beschließen werden!" war die Antwort.— Fay. Nachdruck des Inhalts verboten! Alle für die Redaktion der„Neuen Welt" bestimmten Sendungen sind nach Berlin, SW 19, Belithstraße 2, zu richten. Iveranillwrkltcher Redakteur: Oscar Kühl tn clharlottenburg.— Verlag: Hamburger Buchdruckeret und Verlagsanstalt Auer sr So. In Hamburg.— Druck: Max Babing in Berlin.