%äu(lrivle Q1 CnfcrHaliun�sbcil agc. Der dumme Kerns. 4� L�ie Eisenbahnarbeiten waren beendigt. Der *y Aufseher zahlte Jedem seinen Lohn ans, spickte ��3 dabei seine Tasche soviel als möglich; und schaarenwcise begannen die Leute sich zu entfernen, ein Jeder nach seinem Dorfe. In der nächsten Schänke herrschte bis um Mitter- nacht reges Leben. Der Eine füllte mit Brezeln den Korb, ein Zweiter kaufte Branntwein fiir's Haus ein, ein Dritter betrank sich an Ort und Stelle. Dann knüpften sie Bündel aus grobem Linnen, ivarfen sie über die Schultern und gingen fort, in- dun sie dem Zurückbleibenden zuriefen:„Gehab' Dich wohl, dummer Hans!" Er aber stand regungslos ans dem kahlen Felde und blickte nach den glänzenden Schienen, die so weit, weit weg, in eine unbekannte Ferne liefen. Der Wind zauste sein dunkles Haar, blies in seinen weihen Kittel und trug die letzten Töne des in der Ferne verhallenden Liedes der Davongegangenen zu ihm herüber. Bald waren die Bündel, Kittel und runden Miitzen hinter den Wachholderstränchern verschwunden, endlich auch das Lied verstninnit, er selbst aber stand noch immer mit verschränkten Armen da und wußte nicht wohin. Hinter dem sandigen Hügel ließ sich ein Rasseln, Pfeifen und Schnauben vernehmen. Ranchwolken stiegen ans, und immer stärker kam's herangebranst. Es war ein Arbeiterzng, der da einfuhr und vor der unvollendeten Station stehen blieb. Der beleibte Maschinist und sein jugendlicher Gehiilfe sprangen von der Lokomotive und liefen in die Schänke. Dasselbe thaten auch die Arbeiter, und es blieb nur der Ingenieur zurück, der nachdenklich die öde Gegend betrachtete und dem Geräusche im Dampfkessel lauschte. Der Bauer, welcher den Ingenieur kannte, verneigte sich vor ihm bis zur Erde. „Ach, Du bist es, dummer Hans! Was machst Du hier?" fragte ihn der Ingenieur. „Nichts, Herr!" entgegnete der Bauer. „Warum kehrst Du nicht in's Dorf zurück?" „Ich wüßte nicht wozu, Herr?" Der Ingenieur begann vor sich hinzusummen und sagte endlich:„Fahre nach Warschau, dort findest Du immer Arbeit." „Weiß ich doch nicht, wo das liegt." „Setz' Dich in den Zug, dann erfährst Du es schon." Der dumme Hans sprang wie eine Katze auf den Zug hinauf und setzte sich ans eine Steinladnng. „Und hast Du etwas Geld?" fragte ihn der Ingenieur. „Ich habe einen Rubel, vierzig Groschen und einen Gulden." Von Bolcslav Prus. Neuerdings vor sich hinsummend, verlor sich der Ingenieur im Anblick der Gegend, während es in der Lokomotive brunimte und zischte. Endlich kam die ganze Zugbemannung mit Flaschen und Bündeln beladen aus der Schänke herausgelaufen. Der Maschinist und sein Gehülfe stellten sich auf die Lokomotive, und vorwärts ging es. Ungefähr eine Meile weiter, an einer Biegung des Weges, zeigten sich Rauchsäulen und ein ärm- liches, großes, zwischen SUnipfen liegendes Dorf. Bei diesem Anblick kam Leben in Hans, er begann zu lachen, zu rufen und mit der Mütze zu winken. Da schrie der Maschinist zu ihm herunter:„Heda, was bückst Du Dich so hinaus? Du fliegst noch hinunter, und der Teufel holt Dich!" „Das ist ja unser Torf, Herr... Ach ja... Dort, o dort!" „Nun, wenn es Euer Dorf ist, so sitz' ruhig!" lautete die Antwort. Ans diesen Befehl setzte sich Hans ruhig hin, aber da es ihm so sonderbar um's Herz war, fing er zu beten an. Ach, wie gerne wäre er in sein ans Lehm und Stroh zusammengepatztes Dorf zurück- gekehrt, dort.. zwischen jenen Sümpfen!... Doch wozu? Wenn sie ihn auch den Dummen nannten, so viel verstand er doch noch, daß es in der großen Welt leichter Arbeit und eher ein Nachtlager giebt, als im Dorfe. O, in der großen Welt ist das Brot weißer, zum Fleisch kann man wenigstens riechen; Hänser giebt's die schwere Menge, und die Menschen sind nicht so elend wie bei uns. Eine Station nach der anderen war vorbeigeflogen, mit bald kürzerem, bald längerem Aufenthalt. Um Sonnenuntergang ließ der Ingenieur dem Bauer zu essen geben, wofür sich dieser wieder bis zur Erde verneigte. Sie kamen ans ihrer Fahrt in eine ganz neue Gegend. Da gab es keine Sümpfe, aber Hügel- land mit rasch dahineilenden Flüßchen. Die rauchigen Hütten und die strohbedeckten Scheunen waren ver- schwunden, und es zeigten sich prächtige Höfe und gemauerte Häuser, schöner als die Dorfkirche und Schänke bei ihm zu Hanse. Des Nachts hielten sie vor der aus einer Anhöhe liegenden Stadt. Hans schien es, als würde ein Haus auf das andere klimmen und als wären in jedem so viel Lichter als Sterne am Himmel. Auf hundert Leichenzügen gab's nicht mehr Lichter als hier in dieser Stadt. Irgend eine wunderbare Atusik ließ sich ver- nehmen, lachend und scherzend zogen ganze Menschen- hausen vorüber, trotzdem es schon so tief in der Nacht war, daß man im Dorfe nur noch den Schrei der Eule und das Gekläff der Hunde gehört hätte. Hans konnte nicht einschlafen. Nachdem ihm der Ingenieur ein Pfund Wurst und einen Laib Brot hatte geben lassen, wurde er ans einen anderen Lastzug, der Sand führte, hinübergeschickt. Hier saß es sich weich wie in Daunen, aber der Bauer legte sich nicht hin, sondern verzehrte hockend seine Wurst mit Brot, wobei ihm die Augen übergingen und er bei sich selbst dachte:„Ei, ei, was giebt's doch für wunderbare Dinge in dieser Welt!" Nach mehrstündigem Aufenthalt fuhr der Zug des Morgens weiter. Auf einer Station mitten im Walde hielten sie länger, und der Maschinist sagte dem Bauer, daß der Ingenieur wahrscheinlich nicht mitfahren würde, weil eine Depesche ihn zurückberufe. In der That rief der Ingenieur den Bauer zu sich. „Ich muß zurückfahren," sagte er,„wirst Du Dich allein nach Warschau wagen?" „Weiß ich's denn?" flüsterte Hans. „Nun, Du wirst doch unter den vielen Menschen nicht verloren gehen?" „Wem sollte ich denn verloren gehen, gnädiger Herr? Habe ich doch Niemanden..." In der That, wem sollte er verloren gehen? „Also fahr' zu!" sagte der Ingenieur.„Dort, gleich bei der nächsten Station, werden neue Hänser gebaut. Du wirst Ziegel tragen und nicht Hungers sterben, d. h. wenn Du nicht trinkst, und dann kann's mit Dir auch besser werden. Auf jeden Fall hast Du hier einen Rubel." Der Bauer nahm den Rubel, küßte dem Ingenieur die Füße und setzte sich auf seinen Sandwagen. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Unterwegs fragte er den Maschinisten:„Ist's weitab,.Herr, von meinem Dorfe?"—„Vielleicht vierzig Meilen!" „Und zu Fuß, Herr, müßte ich da lange gehen?" „Ungefähr drei Wochen... übrigens, was weiß ich!" Ein namenloses Entsetzen bemächtigte sich des Bauern. Wozu hatte sich der Aermste so weit hinaus- gewagt, daß er ganze drei Wochen nach Hanse brauchte! In seinem Dorfe erzählte man sich von einem Knecht, der vom Sturmwind erfaßt, und eh' er noch ein Kreuz hatte schlagen können, zwei Meilen weit als Leichnam fortgetragen wurde. Erging's ihm nicht ebenso? Ist diese feuerspeiende Höllenmaschine, vor der sich sogar alte Leute fürchten, ist sie nicht ärger als jener Sttirmwind? Und wo wird sie ihn ausspeien?.... Bei diesem Gedanken klammerte er sich krampf- Haft an den Rand des Wagens und schloß die Augen. Jetzt erst fühlte er, wie es schrecklich brauste, wie ihm der Wind um die Ohren fuhr und höhnisch lachte:„Hu, hn, hu!... Hi, hi, hi!..." 394 Ptc 3]cue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Ja, ber Stilfl'.iwinb hatte auch ihn erfaßt und fortIctrac�cn! Zwar nicht von Vater und Bintter, nicht von der eigenen Hütte, aber vom hcimathlichen Felde, ihn, den Verwaisten! Er verstand, daß etwas Schlimmes mit ihm vorgehe, aber was war zu thnn? Es war schlimm, konnte noch schlimmer werden, aber da es von jeher schlimm, schlimmer, am schlimmsten gewesen war, so öffnete er schließlich die Augen und überließ sich seinem Schicksal. Die Lokomotive ließ einen schrillen Pfiff ertönen. Hans sah hinaus und erblickte einen Wald von Hän- fern, in eine Ranchwolke eingehüllt. „Brennt's irgendwo?" fragte er den Maschinisten. „Das ist Warschan!"antwortete dieser. Dem Bauer schnürte sich das Herz zusammen. Wird er sich in diesen Ranch hineinwagen? Der Zng hielt und Hans sprang herab. Er küßte dem Maschinisten die Hand, und nachdem er sich umgesehen, ging er langsam auf einen Laden zu, ans dessen Schild Krüge mit rothem Bier und Flaschen mit grünem Schnaps aufgemalt waren. Nicht die Trinklust zog ihn hin, sondern etwas Anderes. Hinter der Schänke war ein Baugerüst zu sehen und vor dem Laden standen die Maurer. Er er- inncrte sich an den Rath des Ingenieurs und fragte nach Arbeit. Tie Maurer, tüchtige Kerle, ganz mit Kalk bespritzt, bandelten von selbst mit ihm an. „Was bist Du für Einer?... Woher kommst Du?... Wie ist Deiner Mutter Name?... Wer hat Dir solch eine Mütze genäht?..." Der Eine zupfte ihn am Aermel, der Andere zog ihm die Mütze über die Nase, Andere drehten ihn mehrmals im Kreise herum, so daß er nicht wußte, wo ihm der Kopf stand. „Woher kommst Du, Bursche?" „Aus Wiltscholikof, Herr!" entgegnete Hans. Sein Singsang und seine verlegene Bliene er- regten das schallende Gelächter der Umstehenden. Er stand zwischen ihnen und lachte mit, so sehr sie ihn auch neckten. „Ei, ei, das ist ein lustiges Volk!" dachte er. Sein Lachen und sein ehrliches Gesicht machten ihn rasch beliebt. Alan beruhigte sich und begann ihn auszufragen. Und als er erzählte, daß er Arbeit suche, forderten sie ihn ans, ihnen zu folgen. „Dumm, aber gutmiithig," sagte einer der Meister. „ Man muß ihn nehmen," bemerkte der Zweite. „Wirst Du Dich einkaufen?" fragte ein Geselle. „Wie das?" fragte Hans. „Du spendirst einen Eimer Branntwein." „Oder Du bekommst Prügel!" bemerkte ein Dritter lachend. Nach einiger Ucberlegung bemerkte der Bauer: „Lieber bekommen als geben!" Auch dies gefiel den Maurern. Zwar hinderte sie das nicht, ihm noch mehrmals die Mütze ein- zudrücken, doch erinnerten sie ihn weder an den Schnaps, noch gaben sie ihm Prügel. In solcher Unterhaltung kamen sie zum Bau und begannen die Arbeit. Die Meister kletterten auf die hohen Gerüste, während Mädchen und Kinder Ziegel trugen. Hans, als Neuling, bekam Kalk mit Sand zu mischen. Und so wurde er Maurer. Am nächsten Tage gab man ihm eine Gehiilfin, ein Mädchen, das so arm war wie er. Ihr ganzer Anzug bestand ans einem alten Tuch, einem durch- löcherten Unterrock und einem alten Hemde. Sie war nichts weniger als schön, hatte ein fahles, ein- gefallenes Gesicht, eine aufgeworfene Stumpfnase und eine niedrige Stirn. Aber Hans war nicht an- spruchsvoll. Kaum hatte sie sich mit der Schaufel neben ihn gestellt, als sie schon sein Interesse erregte, jenes Interesse, das der Anblick eines Mädchens in jedem Burschen wachruft. Und als sie unter dem ver- blichenen Kopftuch zu ihm heraufsah, da fühlte er, wie's ihm plötzlich warm uin's Herz ward. Ja, er wagte es sogar, sie anzusprechen:„Woher seid Ihr? Weit weg von Warschau? Ist es schon lange her, daß Ihr mit den Maurern arbeitet?" Um solche und ähnliche Dinge fragte er sie, immer mit Anwendung des„Ihr", aber da sie stets „Du" entgegnete, so sagte er schließlich auch„Du". „Plage Dich nicht," sagte er ihr,„ich werde schon für Dich und für mich arbeiten." Und er arbeitete rechtschaffen, daß ihm der Schweiß nur so von der Stirne rann, während das Mädchen blos die Schaufel handhabte. Von dieser Zeit an gingen sie stets zu Zweien. Zuweilen schloß sich ihnen ein Geselle an, der mit dem Mädchen Händel suchte und Hans höhnte, das war aber auch Alles. Jeden Abend pflegte Hans im Bau zu übernachten, weil er kein sonstiges Ob- dach hatte, seine Kameradin aber ging mit den Anderen und mit jenem Gesellen— der immer was an ihr zu tadeln fand, ihr auch öfters Eins ver- setzte— nach der Stadt. „Der mag die Dirne nicht," sagte sich Haus, „aber was ist zu thnn? Dazu ist er ja Geselle, um uns manchmal puffen zu können." Dafür suchte er sie auf Schritt und Tritt zu entschädigen, arbeitete für Zwei, theilte sein Früh- stiicksbrot mit ihr, und kaufte ihr, die nie Geld bei sich hatte, für fünf Groschen„Barschtsch" zum Mittagsmahl. Als man sie zum Ziegeltragen nach oben schickte, konnte der Bauer das Mädchen, das jetzt unter die Meister kam, nicht mehr vertreten. Doch ging er ihr Schritt fiir Schritt nach und sorgte ängstlich, daß sie nicht falle, und kein Ziegel ans sie herab- stürze. Des Burschen rührende Sorgfalt erregte den Hohn jenes boshaften Gesellen, der auch die Anderen auf Hansens Benehmen aufmerksam machte. Sie lachten nicht wenig und riefen von oben herab: „Nimm sie, dummer Hans, nimm sie!" Einmal um die Mittagsstunde rief der Geselle das Mädchen bei Seite. Er schien etwas von ihr haben zu wollen und belästigte sie mehr denn je. Nach dieser Unterredung kam sie ganz verweint zu Hans und fragte ihn, ob er ihr nicht zwanzig Groschen leihen könne. Was hätte er nicht für sie hergegeben! Rasch löste er den Knoten seines Taschentuches, in dem das mitgebrachte Geld eingebunden war, und gab ihr die verlangte Summe. Das Mädchen trug die zwanzig Groschen dem Gesellen hin, und von da ab gab es kaum einen Tag, wo ihr nicht der Bauer auf Nimmerwiedersehen Geld geliehen hätte. Und als er einmal schüchtern fragte:„Wozu giebst Du diesem Teufel das Geld?" entgegnete sie:„Weil's einmal sein muß." . Eines Tages gerieth der Geselle mit dem Schreiber in Stteit und kündigte den Dienst. Nicht genug an dem, befahl er auch dem Mädchen, ein Gleiches zu thun und ihm zu folgen. Das Mädchen zögerte, als aber der Schreiber drohte, falls sie nicht bis zum Abend bleibe, ihr den ganzen Wochenlohn einzubehalten, ging sie wieder an ihre Arbeit. Der Geselle ward wiithend.„Kommst Du, Kanaille," schrie er,„oder nicht?!" „Wie kann ich gehen, wenn mir nicht gezahlt werden soll. Wäre es doch gut, mir für diesen Rubel wenigstens einen Rock zu kaufen!" „Nun gut," tobte der Geselle,„so packe Dich mir aus den Augen. Komme nicht über meine Schwelle, sonst tödte ich Dich!!..." Und er ging, nach der Stadt zu. Des Abends entfernten sich, wie gewöhnlich, die Maurer nach allen Richtungen. Im Neubau blieb Hans über Nacht zurück, und heute mich das Mädchen. „Du gehst nicht fort?" fragte er sie verwundert. „Wohin denn? Hat er doch gesagt, er wolle mich fortjagen." Jetzt erst ging dem Bauer ein Licht auf. „Du hast also mit ihm gelebt?" fragte er mit schmerzlichem Tone. „Ja wohl!" flüsterte sie beschämt. „Und ihm hast Du Deinen ganzen Verdienst abgegeben, trotzdem er Dich geschlagen?" „So ist es." „Warum hast Du so abscheulich gehandelt?" „Weil ich ihn lieb hatte," entgegnete leise das Mädchen, während es sich zwischen den Psellern des Gerüstes zu verbergen suchte. Dem Bauer war es, als hätte ihn Jemand mit einem Messer mitten durch's Herz gestoßen. Nicht umsonst also hatten die Leute ihn ausgelacht. Hans näherte sich dem Mädchen.„Jetzt aber wirst Tu ihn nicht mehr lieben?" fragte er. „Nein!" entgegnete sie und fing bitterlich an zu weinen. „Du wirst nur mich allein lieben?" „Ja wohl." „Ich werde Dich nicht schlagen, noch Dir Dein Geld fortnehmen. „Das ist wahr." „Bei mir sollst Du es besser haben." Das Mädchen gab keine Antwort, sondern weinte noch heftiger und bebte am ganzen Körper. Die Nacht war kühl und feucht.„Friert Dich?" fragte der Bauer. Er setzte die Schluchzende auf einen Ziegclhanfcn, zog seinen Kittel aus und hüllte das Mädchen ein, während er selbst im bloßen Hemde dastand. „Weine nicht. Weine nicht!" sagte er.„Nur diese Nacht noch wirst Du so durchbringen müssen. Hast Du doch einen Rubel, morgen wollen wir dafür eine Wohnung aufnehmen, einen Rock aber kaufe ich Dir schon für mein eigenes Geld. Nur weine nicht!"... Aber das Mädchen achtete nicht auf seine Worte. Den Kopf emporgerichtet, schien sie auf etwas zu horchen. Von der Straße her schallte der Widerhall bekannter Schritte an ihr Ohr. Immer näher kamen sie, und gleichzeitig begann Jemand zu pfeifen und zu rufen:„Komm nach Hause!... Du!... Wo bist Du denn?..." „Hier bin ich!" rief das Mädchen aufspringend und auf die Straße hinaus eilend, wo der Geselle stand. „Hier bin ich!" wiederholte sie. „Und hast Du Geld?" fragte er. „Ja wohl.... Hier!... Dä hast Tu es!" sagte sie, ihm den Rubel hinreichend. Der Geselle schob den Rubel in die Tasche, dann aber faßte er das Mädchen an den Haaren und schlug auf sie los. „Daß Tu mir ein zweites Mal gehorchst, sonst lasse ich Dich nicht mehr über die Schwelle!... Mit diesem Rubel wirst Du Dich nicht loskaufen! ... Gehorchen sollst Tu!... Gehorchen!!...' wiederholte er, sie mit den Fäusten bearbeitend. „O Gott!" stöhnte das Mädchen. „Gehorchen sollst Du!... Gehorchen!... Was ich Dir auch befehle!" Plötzlich ließ er das Mädchen los; eine wuchtige Hand hatte ihn am Nacken gepackt. Mit Blühe wandte er den Kopf und sah in Hansens funkelnde Augen. Der Geselle, ein kräftiger Bursche, holte aus und ttaf Haus mit der Faust an den Kopf, daß es ihm nur so vor den Augen flimmerte. Trotzdem ließ Hans ihn nicht los, sondern schnürte ihm den Hals noch fester zusammen. „Erwürge mich nur!... Du Diebskerl! Du sollst schon sehen!..." stöhnte der Geselle mit heiserer Stimme. „So schlage sie nicht!" sagte der Bauer. „Nie mehr!..." krächzte Jener mit lang vor- gestreckter Zunge. Hans ließ den Gesellen los, wobei dieser bei- nahe gefallen wäre. Nachdem er mehrmals nach Luft geschnappt, sagte er:„Wenn sie nicht will, daß ich sie schlage, laß sie mir nicht nachgehen. Hat sie mich lieb, meinetwegen, aber ich schlage, weil ich es so gewohnt bin. Was liegt mir an dem Mädchen, wenn ich es nicht durchbläuen kann?... Scheere sie sich zum Teufel!..." „Sie wird auch gehen!... Große Sache!..." entgegnete der Bauer. Aber das Mädchen hatte ihn an der Hand gefaßt. „Gieb Ruhe," sagte sie, bleich und zitternd.„Menge Dich nicht in unsere Angelegenheiten!..." Hans verstummte. „Und Du, komm nach Hause!" sagte sie zum Gesellen, ihn unter dem Arm fassend.„Warum sollst Du Dich von: ersten Besten auf der Sttaße herum- stoßen lassen?" Der Geselle riß sich los und sagte lachend: Die Neue ZVelt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. „Geh' doch zu ihm! Er wird Dich nicht schlagen! Hat er Dir doch Geld gegeben!..." „Bah, laß mich in Nuhe!..." fuhr ihn das Mädchen an, und fing an, vorauszugehen. „Siehst Du, Weib und Hund müssen gleich be- handelt werden!" sagte der Geselle, auf das Mädchen zeigend.„Prügele sie, und sie springt Dir in's Feuer nach." Mit diesen Worten verschwand er, während sein Hohnlachen durch die nächtliche Stille zu Hans herüberdrang. Noch iminer stand dieser regungslos da, den starren Blick in die Finsterniß gerichtet und horchte. Dann kehrte er zwischen die Gerüste zurück und starrte ans die Stelle, wo noch vor Kurzein das Mädchen gesessen. Ihn schwindelte, während die Brust vergebens nach Athem rang. Hatte sie ihm doch soeben gesagt, daß sie nur ihn allein lieben wolle— und war dennoch fortgegangen. Eben war er so glücklich gewesen, hatte sich neben diesem lebenden Geschöpf so gut gefühlt.. war's ja ein Mädchen!.. Und jetzt!.. Wie öde und traurig!.. Warum hatte sie ihn verlassen? Doch nur, weil es ihr so beliebte! Was konnte er dagegen thnn, er, so gut und kräftig er auch war! Instinktiv brachte er ihrer Anhänglichkeit für den Gesellen Achtung entgegen, zürnte ihr nicht, daß sie ihm ihr gegebenes Versprechen gebrochen hatte, dachte auch nicht daran, ihr seine Gefühle mit Gewalt anfzu- drängen. Trotz alledem that sie ihm so leid... So leid... Bist den von Kalk zerfressenen Händen wischte er sich die Augen, dann nahm er seinen Kittel auf, der noch warm auf einem Ziegelhaufen ausgebreitet lag. Er trat wieder auf die Straße hinaus. Nichts ivar zn sehen, als die durch den Nebel funkelnden rothen Laternenlichter. Er kehrte zwischen die kalten Mauern zurück und legte sich auf die Erde hin. Doch statt zu schlafen, seufzte er schwer und tief in dieser Einsamkeit und Sehnsucht nach seinem Mädchen. Nach seinem Mädchen!.. Hatte sie ihm doch selbst gesagt, sie wolle nur ihn allein lieben. Am folgenden Tage machte sich der Bauer wie gewöhnlich an die Arbeit. Doch sie ging ihm nicht von Statten. In seiner Trostlosigkeit und Erschöpfung war ihm dieser Bau zum Ekel geworden. Wohin er trat, was er berührte, wohin er auch blickte. Alles erinnerte ihn an das Mädchen und seine bittere Ent- täuschnng. Auch die Leute verspotteten ihn, indem sie ihm nachriefen:„Nicht wahr, dummer Hans, die Mädchen in Warschau sind recht theuer?" Ja wohl, recht theuer! Hatte er doch für die Eine alle Ersparnisse hergegeben, sich zn Tode ge- hungert, sich nicht das Geringste angeschafft, keine Freude von ihr gehabt, und war noch so treulos von ihr verlassen worden. Schmerz und Scham erfüllten ihn, und da er hörte, daß in der inneren Stadt die Maurergehülfen besser bezahl: würden, machte er sich auf den Weg dahin. Er suchte einen Gesellen auf, der ihm versprochen hatte, ihn dorthin zu führen, wo am meisten Hänser gebaut wiirden. Am frühen-Morgen machten sie sich auf. Beim Anblick der Brücke, die über die Weichsel führt, riß der Bauer die Augen auf, und in diesem Moment war ihm sogar die Erinnerung an das Mädchen verschwunden. Beim Wächterhäuschen blieb er zögernd stehen. „Was ist Dir?" fragte ihn der Geselle. „Ich weiß nicht, Herr, ob man mich hier durch- läßt," entgegnete Hans. „Dummkopf!" schalt Jener.„Wenn Dich Je- mand anhält, so sage, daß Du mit mir gehst!" „Richtig!" dachte der Bauer, und wunderte sich, daß ihm eine solche Antwort nicht früher ein- gefallen war. Dann war er voll Verwunderung über die Bade- anstalt und die Schiffe, die trotz ihrer Größe nicht untersanken: dann wollte er nicht glauben, daß die ganze Brücke aus purem Eisen sei. „Dahinter steckt etwas!" sag'e er zu sich selber, „so viel Eisen ist in der ganzen Welt nicht zn haben." t-chlub folgt.) $ Dem Andenken Grillendergers. Von Albert Südekum. JfTIs war's ein. Stück von mir... Das war die Enipfindung, die sich in den « Herzen von Millionen deutscher Arbeiter regte, als sie im Oktober vorigen Jahres die Kunde ver- nahmen, der unerbittliche Tod habe der Besten einen, unseren Carl Grillcnberger, plötzlich aus unserer Mitte abberufen. Jäh und unerwartet war das Ende: noch am Morgen seines Todestages hatte er, der löwenmuthige Verfechter der Volksrechte, in der bayerischen Kammer der Abgeordneten für ein freieres Wahlrecht in hinreißender, leidenschaftdnrchglühter Rede gewichtige Worte gesprochen— am Abend schon lag er auf der Todtenbahre. So hatte er es sich immer gewünscht, das Unabwendbare: auf dem Schlachtfelde, in den Stiefeln hatte er sterben wollen — nur keinen langen Strohtod, kein häßliches Ringen mit nagender Krankheit, die Stück um Stück von Körper und Geist abbröckelt. Eine siegfreudige Natur, wollte er kämpfen bis zuletzt, und dann, da es doch einmal sein muß, rasch fallen. So hatte er es sich gewünscht, so ist es ihm geworden. Aufrichtiger und inniger ist wohl selten um einen Mann des öffentlichen Lebens getrauert worden, als um Carl Grillcnberger. Hervorgegangen aus den Reihen des modernen Jndustrieproletariats, hat er sich je und je in seinem Denken und Fühlen eins gewußt mit dem werkthätigen Volke. Er war ein volksthümlicher Redner größten Stils, nicht etwa nur, weil er seine Worte so zu wählen wußte, daß auch der minder Gebildete und wenig Geschulte ihren Sinn verstand,»ein, weil er direkt aus der Seele seiner Zuhörer herauszusprechen verstand:„Das ist deine Sache, die da verhandelt wird, das ist dein Mann, der da spricht," so dachte Jeder, der seinen Reden lauschte. Aber Grillcnberger, dessen scharf- sinniger Geist die verwickeltsten Probleme der modernen Bolkswirthschaft zu meistern verstand, der mit unver- gleichlicher Zähigkeit an seiner Bildung rastlos ar- beitete und, wohl vom Vater Schulmeister her, sich die Lust am Lernen bis in seine allerletzten Tage bewahrte, stieg nie zur flachen Alltäglichkeit hinab. Er war sich seiner geistigen lleberlcgenheit wohl bewußt— und auch der Pflichten, die sie ihm auf- bürdete: die Schaaren des Proletariats zu seiner eigenen Höhe hinaufznerziehen, das war seines Lebens großes Ziel, daran hat er Alles gesetzt. Aber seine erzieherische Thätigkeit, die nur Tie recht würdigen können, die sie in nächster Nähe beobachteten, hätte nie diese überraschenden Erfolge gezeitigt, wenn nicht sein prächtiges, goldiges Gemiith ihm erst die Herzen der Männer geöffnet hätte, deren Köpfe er revolutio- niren wollte. Sein unvergleichlicher Humor, der bald in einer kleinen, witzigen Bosheit sich entlud, bald in bajuvarischer Derbheit dreinschlng, aber nie dauernd verletzend wirkte, weil er nie tückisch wurde, bewahrte ihn vor aller Pedanterie. Seine lustigsten Einfälle, die so oft in Versammlungen, auf den Parteitagen, in den Parlamenten Stürme der Heiterkeit entfesselten, gegen wen richteten sie sich in erster Linie? Gegen die pedantischen Sanertöpfe und Wichtig- thucr, denen selbst der Sinn fiir das Komische ihres Treibens mangelte. Ganz durchdrungen von dem Ernst und der weltgeschichtlichen Bedeutung der Be- wegung, der er sein Leben gewidmet, brauchte er ihr sich doch nicht ohne Rest hinzugeben, so reich war seine Persönlichkeit. Eine Persönlichkeit, das war Carl Grillenberger, und persönlich, ganz persönlich war sein Wirken. Darum standen auch die Schaaren, denen er der Führer war, in einem eigenen Vcrhältniß zu ihm. „Unser Carl",„unser Alter"— so hieß er und heißt er noch in Nümberg, dem Ort, an dem er den größten Theil seines Lebens geweilt hat. Er war mehr als ein erfolgreicher Agitator, mehr als ein verdienstvoller Parlamentarier, mehr als ein schneidiger Journalist, er war ein Freund, ein Vater seiner Anhänger. Ob es schon patriarchalisch an- innthet, hatte dieses Verhältniß doch nichts Senti- mentales an sich; es hat Grillenberger Zeit seines 395 Lebens auch in den engen Reihen der Parteigenossen nicht an Kämpfen gefehlt; wo sie seiner Meinung nicht folgen zu können glaubten, haben seine Freunde ihm manchmal Widerpart gehalten, und er wäre der Letzte gewesen, der das anders gewünscht hätte. Wenn man von den Erfolgen des Verstorbenen redet, so muß man sich wohl daran erinnern, daß sie hart erarbeitet worden sind, und wenn man seine Vorziige preist, so treten sie nirgends leuchtender zu Tage, als in seinen Kämpfen. Unter den schwie- rigsten Verhältnissen hat er für die Partei auf einem Boden gewirkt, der zum Theil außerordentlich un- fruchtbar aussah; aber die Schwierigkeiten reizten ihn, der Kampf war sein Lebenselement, das macht, er war ein ganzer Mann. Schon gleich nach dem Tode Grillenberger's regte sich unter den Nürnbergischen Parteigenossen der Wunsch, ihm ein würdiges Denkmal zu errichten. Ein öffentlich sichtbares Zeichen unauslöschlicher Dankbarkeit sollte es sein, ein Abbild sozusagen des Denkmals, das er sich in unseren Herzen errichtet hat. Der Wunsch wurde zur That. Auf dem Zcn- tralfriedhof zn Nürnberg hat die treue Liebe seiner Parteigenossen seiner Asche eine Stätte bereitet; ein schlichtes, aber machtvoll wirkendes Postament ans rothein Granit giebt in einer Nische der Aschenurne Raum und wird gekrönt von dem lebensvollen Bronce- bild des Verstorbenen. Heinrich Schwabe's Meister- Hand hat diese Büste, die dem Parlamentarier und Volksmann ebenso gerecht wird, wie dem gemiith- vollen Kameraden, geschaffen, in der Lenz'schcn Erz- bildnerei ist sie gegossen worden. An dem Sonntag, der auf den Jahrestag seines Todes folgte, ist das Denkmal enthüllt worden. Schlicht und würdig ver- lief die Feier, die allen Theilnehmcnden die Thränen in die Augen trieb; imposant war der Vorbeimarsch der Nürnbergischen Arbeiter am Denkmal: Einund- einehalbe Stunde lang währte der Zug, Tausende und Abertausende brachten ihre stille Huldigung dar. Und Keiner ist wohl von den Tiefbewegten dort am Denkmal vorbcigepilgert, dem es nicht durch Herz und Sinne gezogen:„Als wär's ein Stück von mir!"... Die Bedeutung der Elektrizität für die Jndustrie. (Schluß.) Von K. Lux. enn man den elektrischen Strom zwischen zwei Kohlen- oder Metallspitzen übergehen läßt, so daß er den gewaltigen Luftwiderstand zn überwinden hat, so findet bei der Bildung des sog. Flammenbogens eine außerordentliche Temperatur- steigernng statt, es werden Temperaturen erzeugt, bei denen selbst die Kohle schmilzt und verdampft. Dieser Vorgang ivird bekanntlich in erster Linie dazu be- nutzt, das überaus helle Bogeulicht zu erzeugen, in zweiter Linie aber wird der elektrische Flninmcn- bogen dazu benutzt, die für die Gewinnnng und Be- arbeitung gewisser schwer schmelzbarer Metalle oder Nietallverbindungen erforderlichen hohen Tempera- tnren zu erzengen. Man ist durch kein anderes irdisches Mittel im Stande, ähnlich hohe Tempera- tnren hervorzubringen. Selbst Platin und Iridium werden im elektrischen Ofen mit Leichtigkeit zum Schmelzen gebracht; mit Hülfe der gewaltigen Hitze des Flammenbogens erzeugt man den Carborund, jenes werthvolle, überaus harte Schleifmaterial, das in der Gegenwart zum Zweck der Acetylenerzengung viel verwandte Calcinmcarbid; und es ist selbst ge- lungen, feine Diamantsplitter im elektrischen Ofen zn erzeugen. Welche technische Bedeutung in elektro- metallurgischer Beziehung der elektrische Ofen besitzt, werden lvir bei der Besprechung der elektrolytischen oder elektrochemischen Wirkungen des Stromes sehen. Hier interessirt vor Allem die Verwendung des Flammenbogens zur Aietallverarbeitung. Verbindet man nämlich ein zu bearbeitendes Metallsliick mit dem einen Pol einer Elektrizitäts- quelle und ein Kohlenstück mit dem anderen Pol, setzt man dann das Kohlenstück auf das Metallstück 396 Die Heue Welt. Illnstrirte Unterhaltungsbeilage. auf, so wird der Stromkreis geschlossen. Hebt man nun die Kohle vorsichtig von dem Metall ab, so ent- wickelt sich der eben erwähnte Flammenbogen, ohne daß der Stromkreis unterbrochen wird. Die ge- waltige Hitze des Flanimenbogens schmilzt nun das Mctallstiick direkt an, aber nur an der Stelle, wo der Flammenbogen entsteht. Läßt man nun den Flammenbogen an solche» Siel- lcn entstehen, wo zwei Metall- stücke aneinan- der stoßen, so kann man diese Metallstiicke unter Zuhülfe- nähme eines Schutzmittels gegen Oxhda- tion, wie Borax, Kolophonium, ohne Weiteres zusammen- schmelzen. Auf diese Weise wer- den bereitsheute in ziemlich aus- gedehntem Maße schmiede- eiserne Fässer ohne Nieten und ohne Loth her- gestellt; ebenso wird diese Ate- thode dazu be- nutzt, um Guß- fehler bei guß- eisernen Werk- stücken mitEisen auszufüllen zc. Jedenfalls ist diese Methode noch der viel- fältigsten An- Wendung fähig. Eine der iuter- essantesten An- Wendungen der Wärmewirknng des elektrischen Stromes ist je- doch die erst ganz neuerliche Entdeckung, mit Hülfe des elek- irischen Stroms jeden beliebigen Teniperatur- unterschied nn- ter Wasser zu erzeugen. Man istiinStande,im Wasser Feuer- erscheimmgen zu erzengen, im Wasser, das selbst nur eine Temperatur von 100° Lau- nehmen kann— gewöhnliche Druckverhältnisse vorausgesetzt— und man hat selbst Temperaturen bis 4000° 0 unter Wasser erzeugt, ohne daß dabei das Wasser selbst merklich warm wurde. Das Prinzip des neuen Versahrens wird aus dem Folgenden leicht verständlich werden: Eine der wichtigsten Eigenschaften des elektrischen Stromes ist, wie bereits erwähnt, seine Fähigkeit, chemisch zu- sammenge setzte Körper in ihre Bestandtheile zu zer- legen. Auch Wasser, wenn es in irgend einer Weise leitend gemacht worden ist, wird durch ihn in seine Bestandtheile zerlegt, indem sich an dem einen Lei- tunasende(dem negativen) Wasserstoffgas, an dem anderen(dem positiven) Sauerstoffgas ausscheidet. Die ausgeschiedenen Gase setzen sich an den Leitungs- enden, die natürlich in der beliebigsten Form ge- staltet sein können, als kleine Gasbläschen an und brodeln allmälig, wenn der Strom nicht unterbrochen wird, in dem Wasser in die Höhe, immer aber bleiben die Leitungsenden mit einer Gasschicht bedeckt, die Grillenberger's Zenkmal auf 5em HentralfrieZhof zu Mürnberg. um so dicker ist, je dünner man die eingetauchte Leitung wählt. Diese Gasschicht muß nun der elek- irische Strom überwinden, wenn er von einem Leitungsende durch das Wasser hindurch nach dem anderen geschickt wird. Die Gase leiten aber den elektrischen Strom außerordentlich schlecht, und zwar um so schlechter, eine je dickere Schicht sie bilden; der elektrische Strom findet also auf seinem Wege einen sehr erheblichen Widerstand. Ueberall aber, wo bei irgend einer Arbeitsleistung— beim Hobeln, Bohren, bei der Reibung zweier Körper zc.— ein Widerstand überwunden werden muß, entsteht Wärme. Von dieser Thatsache wird bei dem nllernenesten elektrischen Metallbearbeitungsverfahren Gebrauch ge- macht. Löthet man nämlich eine Bleiplatte an das eine Ende der elektrischen Leitung an(an das positive) und taucht sie in leitend gemachtes Wasser ein, ver- bindet das andere Ende aber mit einer gewöhnlichen Schmiedezange, mit der man ein Stück Eisen erfaßt, und taucht man dieses Stück Eisen in das Wasser ein, so passirt ein elek- irischer Strom die Bleiplatte und dasWasscr, und geht durch das Eisenstück und die Zange nach der Elek- trizitä'tsqnelle zurück. Gleich- zeitig aber wird das Wasser zer- setzt. An der Bleiplatte ent- wickelt sich Sauerstoff, an dcni Eisen aber Wasserstoff. Wählt man nun die Bleiplatte in dem Verhält- nisse znni Eisen sehr groß, so ist die Gasschicht auf dem Blei sehr dünn, ans dem Eisenstück dagegen wesent- lich dicker. An der Bleiplatte findet der elek- irische Strom einenvergleichs- weise bequemen Weg, am Eisen dagegen wird der Weg Plötz- lich sehr schmal; durch die dicke Gasschicht muß sich der clcktri- schc Strom mit großer Geivalt Hindurchdrän- gen. Bei dem großen Wider- stände, den der elektrische Stroni hier an der Gasschicht des Eisenstückes findet, wird die Gasschicht sehr heiß, sie giebt ihre Wärme an das Eisen ab, das schließlich beim Hindurch- gehendes elektri' scheu Stromes glühend heiß wird und selbst in's Schmelzen geräth. Unter dem Wasser ist das Eisen von einer leuchtenden Feuerschicht umgeben, die eine sehr hohe Temperatur besitzt, während das Wasser selbst sich nicht wesentlich erwärmt, weil alle Gase die Wärme schlecht leite». Da das Eisenstück von einer dichten Gasschicht um- geben ist, die die direkte Berührung mit dem Wasser verhindert, kann man nun das Eisen aus dem Wasser herausnehmen und dasselbe schmieden, schweißen und in jede Form bringen, genau so, wie wenn der Schmied es im Schmiedeofen glühend gemacht hätte. Das Wasser vertritt die Stelle des Herdfeuers; es giebt weder eine Belästigung durch Rauch und Ruß, noch Die Neue Welt. Illustrirte Ilnterhalwngsbeilage. ist die lästige Handhabung des Blasebalges noth» wendig, ja nicht einmal Hitze hat der Schmied aus» zustehen. Freilich ohne die Mitwirkung des Feuers ist das Eisen auch hier nicht erwärmt worden. Aber das Feuer brennt unter dem Kessel der Dampf- Maschine, die die elektrische Maschine antreibt. Die elek- irische Maschine kann jedoch in be- liebiger Entfer- nung von der elek- irischen Schmiede aufgestellt sein, viele Kilometer weit... sie kann durch Wasserräder angetrieben sein und nutzt dann die Wärme der Sonne ans, welche das Wasser auf Ber- geshöhe emporge- hoben hat und es imWildbachwieder niederbrausenläßt. Hier in dem Wasserbade, an der engbegrenzten Stelle, wo das Eisen grade ein- taucht, kommt eben die zur Erzeugung dcrElektrizitätauf- gewandte Wärme- menge wieder zum Vorschein. In der Dynamomaschine, in den elektrischen Leitungen ist nichts von Wärme zu merken, nur an der Stelle, wo wir sie brauche», tritt sie in Aktion, aber auch nur an dieser Stelle, und fast nichts geht von dieser Wärme für die beabsichtigte Nutzleistung ver- loren, wie bei dem Schmiedeofen, bei dem der grötzte Theil der Wärme- menge durch den Schornstein hin- durch geht, ein an- derer sehr erheb- licher Theil vom Schmiedefener auf dieltmgebung aus- gestrahlt wird und nur ein sehr kleiner Theil für den be- absichtigten Ver- Wendungszweck an genutzt werden kann. So wunder» bar auf den ersten Blick die Methode des Erhitzens zur Glnth unter Wasser erschien, so einfach ist doch in theoretischer Hinsicht der ganze Vorgang. Irgend wie erheblichen Eingang in die Praxis hat diese Methode jedoch noch nicht gefunden. Dagegen hat eine andere, bekanntere Ausnutzung der Wärmewirkung des elektrischen Stromes die weiteste Anwendung gefunden, nämlich die Anwen- dung des elektrischen Stromes zur Erzeugung elek- trischen Lichtes. Das elektrische Licht wird auf zwei Arten erzeugt, einmal durch Bildung des elektrischen Flammen- bogens zwischen zwei Kohlenspitzen, und das andere Mal dadurch, daß man den elektrischen Strom einen dünnen, in einen luftleeren Raum eingeschlossenen Kohlenfaden passiren läßt. Ter elektrische Strom bringt den Kohlenfaden in Weißgluth und erzeugt so das angenehine und bequem zu handhabende elek- trische Gliihlicht. In dieselbe Kategorie der Wärmewirknngen des elektrischen Stromes gehört auch das kürzlich von In der DcttHstube. Nach dem Gemälde von Agnes Stamer. Professor Nernst in Göttingen erfundene sogenannte Elektrolytglllhlicht. Während man aber überall, wo man die Wärmewirknngen des elektrischen Stromes auszunutzen beabsichtigt, als Zwischenglied den Wider- stand eines Elektrizitätsleiters benutzt, lvird bei dem Nernst'schen Glühleiter umgekehrt ein Nichtleiter benutzt. Der hierin liegende Widerspruch löst sich sofort, wenn wir bemerken, daß es an sich eigentliche Nicht- leiter für Elektrizität garnicht giebt, sondern, daß nian eigentlich nur sagen kann, daß das Leitungsvermögen verschiedener Körper außerordentliche Verschiedenheiten aufweist. So ist beispielsweise das Leitnngsvermögen von Kupfer einige millionenmal größer, als das von reinem Wasser. In Bezug hierauf sind also nur Quantitäts- unterschiede, aber keine Qualitätsunterschiede vor- Händen. Aber ein gewisser Qualitätsunterschied ist doch vorhanden, wenn auch in anderer Hinsicht. Das Leitnngsvermögen der sogenannten Elektrizitätsleiter, der Metalle zc., nimmt nämlich mit steigender Tempe- ratur ziemlich er- heblich ab, während das Leitungsver- mögen der Jso- latoren, der söge- nannten Nichtleiter mit steigender Teniperatur zu- nimmt. Ein glühend heißes Stäbchen aus Magnesia, wie man es zu den be- kannten Glüh- strumpfträgern be- nutzt, leitet die Elektrizität sogar besser, als cinPla- tinstab von gleicher Temperatur. Na- türlich setzt ein glühendes Magne- siastäbchen dem elektrischenStrome noch einen außer- ordentlichen Widerstand ent- gegen, bei der Ueberivindung die- ses Widerstandes aber wird, wie wir bereits ver- schiedentlich her- vorgehoben hatten, Wärnie produzirt, die das Magnesia- stäbchen auf eine so hohe Tempera- tur bringt, daß es in lebhafte Weißgluth geräth. In dem glühenden Zustande sendet das Magnesiastäb- chen ein außer- ordentlich inten- sives Licht ans, das mit einem ge- ringeren Strom- aufwände erzengt zu werden vermag, als das heutige elektrische Glüh- licht, vor dem es noch den wei eren Vorzug besitzt, daß das Magiicsiastäb- chen nicht verbrennt, daß man es also nicht, wie den Kohlenfaden der elektrischen Glühlampen, in einen luftleeren Raum einzuschließen braucht. Die einzige Schwierigkeit, die der Anwendung des Elektrolyt-Glühlichtes noch im Wege steht, beruht in dem Zwange, das Magnesia- stäbchen zunächst glühend zu machen, damit es für den elektrischen Strom leitend lvird. An der Ueberwindung dieser Schwierigkeit wird zur Zeit eifrig gearbeitet, wenn sie gelöst sein tvird— so wird ftaglos durch diese Wärmewirkung des elek- trischen Stromes eine neue und sicher überaus erfolg- reiche Periode des Beleuchtnngswesens einsetzen, die die meisten der bisher üblichen Beleuchtungsarten im wort- wörtlichsten Sinne in den Schatten setzen dürfte.— S98 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Die Haben sich nichts zu sagen, Sie sitzen still und stumm, Hlnd Hören die Stunden scHtagen, Die Langeweir geht um. —>�=d. KHe/ Von Thekla Lingen. Die Liebe ist tängst gegangen, jstnd ctitcH das Ktück ist Hin, Hlnd Hin ist das �lertangen Mitsammt dem Jugendsinn. WißmutH sitzt iHm zur Seite, Die SeHnsucHt sitzt bei ibr, Wnd traurig alle beide, AcH, bis zu GHränen scHier. Keins bricht das tiefe Schweigen, Kein Laut dringt in den Waum, "gTitr schwere Seufzer steigen, 'Derstohten, Hörbar kaum. * Aus„Am Scheidewege". Berlin, Schuster