G- Der dumme Kans.- (Schluß� gingen sie des Weges, Hans und der Geselle, Einer hinter dein Anderen, über die Brücke, durch das Nene Thor und die Straßen entlang. Vor dem Schloß nahm der Baner den Hut ab»nd bekrenzigte sich, in der Meinung, es sei die Kirche. Vor dem Bernhardinerkloster hätte ihn beinahe ein Omnibus überfahren. In den Straßen Lärm, Wagengerassel, Menschen- gewiihl. Dem Einen wich Hans ans, die Anderen hätte er beinahe über den Haufen gerannt, so daß er Angst bekam, durchgeprügelt zu werden. Schließ- lich war es ihm ganz wirr im Kopfe und er.verlor den Gesellen aus den Augen. „Herr!... Herr!..." schrie er, verzweifelt durch die Straßen jagend. Jemand hielt ihn auf, indem er sagte:„Still, Du Hund, hier darf nicht geschrieen werden!" „Ist mir doch mein Herr verloren gegangen!" „Was für ein Herr?" „Ein Maurergeselle!" „Auch ein Herr! Wohin willst Du denn?" „Dorthin, wo ein Haus gebaut wird!" „Was für ein Haus?" „Ein solches... aus Ziegeln!" entgegnete der Baner. „Ist das ein Dummkopf! hier wird ein Haus gebaut. dort!" „Ich sehe ja garnichts!" Man faßte ihn an der Schulter und begann ihm die Häuser zu zeigen.„So sieh' doch, hier wird ein Haus gebaut... dort ein zweites!" „Slha, aha!" sagte Hans und ging auf das letztere los, um nicht die Straße hinüberlanfen zu iniissen. An Ort und Stelle angelaugt, fragte er nach dem Gesellen. Da er ihn hier jedoch nicht antraf, ward ihm ein anderes Haus gezeigt. Aber auch hier wußte nian nichts vom Gesellen Franz, und der Bauer mußte unverrichteter Sache weiter gehen. So hatte er viele Straßen durchwandert und viele angefangene Bauten gesehen. Bei letzteren stellte er sich die Frage: Wo wohnen denn die Leute, denen die Häuser erst gebaut werden müssen? lllach und nach hatte er sich von der inneren Stadt entfernt. Der Straßenlärm nahm ab, die Passanten wurden seltener, Wagen waren fast keine mehr zu sehen. Desto größer aber wurde die Zahl der Gerüste, der Ziegelhaufen und der rothcn Mauern. Der Bauer, der die Hoffnung, den Gesellen zn finden, bereits aufgegeben hatte, dachte nunmehr au die Suche nach Arbeit. Er trat in den ersten Neubau, den er traf, ein, stellte sich nntcr die Arbeiter und schaute zu. Zu- weile» mengte er sich in's Gespräch oder verrichtete . Sieh' mal, auch auch da... und Bon Boleslav Priis. irgend eine Dienstleistung. Dem Einen half er beim Ziegellegen, dem Alnderen reichte er den Kübel, und Denen, die anstrichen, sagte er, daß es nicht so gemacht werde, sondern anders. Und das zeigte er so anschaulich, daß er den Meister von oben bis unten bespritzte. „Was treibst Du Dich hier herum, Du Tölpel?" fragte ihn der Schreiber. „Ich suche Arbeit, Herr!" „Hier giebt's keine für Dich!" „Wenn's jetzt keine giebt, dann vielleicht später, und bech Herrschaften kann's nicht schaden, wenn ich ein Wenig mithelfe!" Der Schreiber, ein Pfiffikus, merkte gleich, daß der Bauer nicht nach Geld roch. Er zog Büchlein und Bleistift hervor, begann zu streichen, zu rechnen und nahm schließlich Hans auf. Die Leute sagten, daß er an dem neuen Arbeiter extra zwanzig Groschen täglich verdiene. Auf diesem Bau blieb der Bauer bis zum Herbst. Er starb nicht Hungers, zahlte nichts fiir's Nachtlager, aber kaufte sich auch nicht ein Paar Stiefel. Sein einziges Vergnügen bestand darin, sich am Sonntag kannibalisch zn betrinken, und einmal— grade als er im Zuge war, etwas zum Besten zu geben— noch vor Beginn der„Vor- stellung" hinausgeworfen zu werden. Der Bau schoß in die Höhe. Noch war das Innere.nicht fertig und schon wurde das Dach ge- deckt, die Fenster mit Glas versehen, ja, die Leute fingen bereits an einzuziehen. Gegen Ende September begann das Regenwetter. Die Arbeit ward unterbrochen und den Gesellen ge- kündigt, unter ihnen befand sich auch Hans. Unter dem Vorwande, ihm bei der Schlußrechnung die ganze Summe einzuhändigen, hatte ihm der Schreiber allwöchentlich etwas vom Lohne abgezogen. Als es aber zur Auszahlung kam, da merkte der Bauer, trotzdem er des Lesens und Schreibens nicht kundig war, daß er betrogen werde. Er bekam nämlich nur drei Rubel, während ihm fünf gebührten. Hans nahm das Geld, zog die Mütze, kratzte sich hinter den Ohre» und trat dabei von einem Fuß auf den anderen. Der Schreiber war so sehr in sein Buch vertieft, daß er erst nach geraumer Weile den Bauer gewahr wurde und ihn in strengeni Töne anfuhr:„Nun, was hast Du hier noch zu schaffen?" „Ich glaube... Herr... Mir scheint... ich sollte mehr bekommen..." stotterte der Bauer. Krebsroth vor Zorn ging der Schreiber auf ihn los und ihn vor die Brust stoßend, schrie er:„Hör' mal, hast Du einen Paß? Wer bist Du eigent- lich? He?!..." Hans schwieg still und der Schreiber fuhr fort: „Du Bauernlümmel! Glaubst Du etwa, ich hätte Dich betrogen?" „Nein, aber..." „Nun wohl, folge mir auf die Polizei, und dort will ich Dir schwarz auf weiß zeigen, daß Du ein Dieb, ein Landstreicher bist!" Durch den Gedanken an Paß und Polizei auf's Höchste beunruhigt, sagte Hans:„Mag mein Schaden dem Herrn Schreiber zu Gute kommen!" und ver- ließ den Bau. Und da es auch den Herrn Schreiber nicht sonderlich zur Polizei hinzog— wo er übrigens gut bekannt war—, so war Hans mit dem bloßen Schreck davon gekomnien. Aber wie einsam und verlassen fühlte er sich jetzt. Er durchwanderte Straße für Straße, überall vorsprechend, wo sich nur rothe Mauern und auf- geschlagene Gerüste blicken ließen. Doch die Arbeiten waren entweder schon vollendet oder schritten der Vollendung zu, und so oft er fragte, ob man ihn da oder dort nicht aufnehmen wolle, nirgends würdigte man ihn einer Antwort. So schleppte er sich einen Tag nach dem anderen hin, überall den Schutzleuten ausweichend, aus Furcht, um den Paß befragt zu werden. Warmes Essen konnte er nicht finden, und so lebte er von Blut- Wurst, Speck, Brot, Häring, und löschte seinen Durst mit Branntwein. So hatte er schon einen Rubel ansgegcben, ohne etwas Gutes genossen zu haben. Er schlief hinter Zäunen und sehnte sich nach menschlicher Gesellschaft, denn er hatte mit Niemandem zu reden. Plötzlich kam ihm der Gedanke, ob es nicht besser wäre, nach Hanse zurückzukehren, und er fragte die Vorüber- gehenden, wo die Eisenbahn sei. Ihren Angaben folgend kam er wohl zu einem Bahnhof, aber es war nicht der richtige. Er erblickte eine große, be- lebte, mit vielen Häusern umgebene Station, doch ohne eine Spur von Eisenbahnschienen in der Nähe. Das verwirrte und erschreckte ihn, und er wußte nicht, was mit ihm vorgehe, bis schließlich irgend eine mitleidige Seele ihm erklärte, es gäbe»och andere Bahnhöfe, aber hinter der Weichsel. Jetzt erinnerte er sich, daß er schon einmal über die Brücke gegangen war. Er übernachtete in einem Graben und fragte am anderen Morgen nach dem Wege zur Brücke. Man erklärte ihm genau, wo man geradeaus, wo nach links oder nach rechts gehen müsse, und wo einzubiegen sei. Er merkte sich?llles, ging und bog ein, kam auch wohl zur Weichsel, fand jedoch keine Brücke. Er kehrte daher zur Stadt zurück. Zu seinem Unglück begann es zu regnen. Die Leute suchten Schutz unter den Regenschirmen und wer keinen hatte, Nr. 51 402 Die Aeue Velt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. ergriff die Flucht. In solch einem Unwetter wagte Hans nicht, die Vorübergehenden anzusprechen und nach dem Wege zu fragen. In diesem strömenden Regen stand er zusammengekauert an einer Mauer, frierend in seinem durchnäßten Kittel, und tröstete sich damit, daß der Regen ihm wenigstens seine nackten Füße abwaschen würde. Und als er so bleich dastand und von seinen langen Haarsträhnen das Wasser ihm in den Nacken herunterrann, blieb ein Herr plötzlich vor ihm stehen. „Ein Bettler, hm?..."—„Nein!" Der Herr ging einige Schritte weiter, kehrte aber wieder um und ftagte:„Aber essen willst Du?" „Nein." „Dummkopf!" brummte der Herr, fügte aber gleich hinzu:„Aber ein Zehngroschenstück würdest Du wohl nehmen?" „Wenn der Herr mir eins giebt, gern." Der Herr gab ihm das Geldstück und entfernte sich brummend. Dann blieb er wieder stehen, blickte den Bauer kopfschüttelnd an und ging schließlich weiter. Hans hielt das Geldstück in der geschlossenen Hand und wunderte sich:„Ei, ei, was für gute Herren es hier giebt!" Da kam ihm der Gedanke, daß der gute Herr ihm vielleicht auch den Weg zur Brücke gezeigt haben würde, aber— es war zu spät. Die Nacht brach an, die Laternen wurden an- gezündet, und der Regen nahm immer zu. Der Bauer suchte die dunkelsten Straßen auf, bog zweimal ein, bis er einige Neubauten erblickte und plötzlich die Straße erkannte, wo er vor einigen Tagen gearbeitet hatte, Ja, ja, hier die Brücke, dort der Zaun, nebenan ein Kohlenlager und dort weiter— sein Haus. In einigen Fenstern brennt Licht. Der Bauer trat in den Hof hinaus. Wenn auch nirgend sonst, hier aber gebührte ihm ein Nacht- lager von Rechtswegen. Hatte er doch das Haus gebaut. „Hel holla! wohin des Weges?" schrie ihm ein Mann in dickem Pelze von der Treppe aus nach. Es war schon recht kalt draußen. „Hans wandte sich um.„Ich bin es," sagte er,„ich gehe in den Keller schlafen." Der Mann im Pelze fuhr entrüstet auf:„Ist hier eine Nachtherberge für Bettler?" fragte er. „Aber ich habe ja den ganzen Sommer hier gearbeitet!" entgegnete der rathlose Bauer. Im Korridor erschien die um ihren Mann be- sorgte Portiersfrau und fragte:„Was geht hier vor... Wer ist das?... Etwa ein Dieb?..." „Aber wo denkst Du hin! Dieser da behauptet, hier in dem Hause gearbeitet zu haben und bean- spracht deshalb ein Nachtlager... So ein dummer Hans!" Hansens Augen erglänzten vor Freude. Behend .eilte er auf den Portier zu.„Seid Ihr aus unserem Dorfe?" rief er entzückt aus. „Warum denn?" fragte der Portier. „Weil Ihr mich nennt wie die Leute in unserem Dorfe... Bin ich doch der, dumme Hans'." Die Portierfrau kicherte in sich hinein, während ihr Mann achselzuckend sagte:„Daß Du dumm bist, sehe ich. Aber ich bin nicht vom Dorfe, sondern aus der Stadt... Aus.Krähwinkel'!" fügte er in einem Tone hinzu, daß der Bauer wieder ganz betrübt wurde. „O je, o je!" seufzte er,„das ist gewiß eine so große Stadt wie Warschau?" „Ganz so groß nicht," entgegnete der Portier, „aber eine recht nette Stadt immerhin." Nach einem kurzen Stillschweigen sagte er:„Und nun trolle Dich, denn hier darfst Du einmal nicht schlafen!" Dem Bauer sank der Muth. Traurig sah erden Portier an und ftagte:„Wohin gehen, wenn's so gießt?" Die Nichtigkeit dieser Bemerkung schien dem Portier einzuleuchten, denn wahrhaftig, wohin sollte er in diesem Hundewetter gehen? „Nun, meinetwegen denn," versetzte er,„bleib' hier, wenn's so regnet. Nur, daß Du mir in der Nacht nichts wegstiehlst, und mach' Dich vor Tages- anbruch davon, damit Dich der Wirth nicht erspäht; 's ist ein gar hitziger Herr!" Hans dantre, ging und fand, im Finstern tappend, den bekannten Keller. Nachdenr er die erstarrten Hände warm gerieben und den durchnäßten Kittel ausgewunden hatte, legte er sich auf einen Haufen Ziegelbrocken und Hobelspähne, die er einmal an diesem Orte zusammengetragen hatte. Heiß war es ihm nicht, im Gegentheil, ein wenig kalt und feucht. Doch er, der von Kindheit auf an Roth gewöhnt war, achtete nicht der gegen- wältigen Unbequemlichkeiten. Ihn quälte vielmehr der Gedanke: Was beginnen? In Warschau Arbeit suchen, oder nach Hanse zurückkehren? Sollte er Arbeit suchen, dann wo und welche? Nach Hause zurückkehren? Wozu denn?... Und wer zeigt ihm den Weg? Hunger schreckte ihn nicht. Hatte er doch noch zwei Rubel, und war denn Hunger für ihn etwas Neues?...„Nun, mag kommen, wie es will," flüsterte er. Unbekümmert um das„Biorgen" freute er sich mit dem Augenblick. Draußen goß es in Strömen.„Wie schlecht, jetzt im Graben zu schlafen," dachte er,„und tvie angenehm ist es hier!" Und er schlief ein, fest und tief, wie ein müde gearbeiteter Bauer, der, wenn ihn: einmal etwas träuint, zu sagen pflegt: die Geister der Todten hätten ihn besucht. In der Frühe heiterte es sich auf, ja, die Sonne schien sogar recht hell. Hans dankte nochmals für das Nachtlager und ging zum Hause hinaus. Erfühlte sich ganz frisch, trotzdem sein Haar noch voni gestrigen Regen ganz klebrig und der Kittel steif wie Leder war. Vor dem Thor überlegte er eine Weile, wohin er gehen sollte. Nach links oder nach rechts? Da erblickte er die offene Schänke an der Ecke und trat ein, um zu frühstücken. Er leerte ein Glas Schnaps und schritt dann ein wenig heiterer als früher der Gegend zu, wo Gerüste zu sehen waren. Sollte er Arbeit suchen? Oder nach Hause zurückkehren? Da ließ sich plötzlich ein donnerähnlicher Krach vernehmen, gleich darauf ein zweiter. Noch stärkerer. Hans blickte hin. Etwa hundert Schritte weiter nach rechts waren die Spitzen der Gerüste zu sehen, und über ihnen ein rother Rauch. Etwas Ungewöhnliches war geschehen. Von Neugier erfaßt, lief Hans, öfters ausgleitend und durch Pfützen watend, jenem Orte zu. Auf der ungepflasterteu Straße, wo kaum einige Häuser standen, bewegten sich angsterfüllte Gestalten. Laut schreiend wiesen sie mit den Händen auf den unvollendeten Bau, vor welchem Bretter, Balken und Trümmer lagen, Alles eingehüllt in jenen rothen Ziegelranch. Der Bauer lief näher hinzu und sah, was ge- schehen war— ein Neubau war eingestürzt; eine Wand von oben bis unten geborsten, eine zweite bis über die Hälfte. Von den gespaltenen Mauern hatten sich die Pfosten und die großen, zur Stütze der Decke dienenden Balken losgelöst. Viele waren gleich Holzspähnen zersplittert. In den Fenstern der anstoßenden Häuser zeigten sich erschrockene Frauengesichter, aber auf der Straße waren außer den Arbeitern kauni einige Personen zu sehen. Die Nachricht von der Katastrophe war noch nicht in's Innere der Stadt gedrungen. Der älteste Meister faßte sich zuerst.„Ist Nie- maud getödtet worden?" fragte er zitternd. „Niemand, wie es scheint. Alle waren beim Frühstück." „Wo sind die Gesellen?"—„Hier!" „Und die Gchülfen?"—„Hier!" „Andreas fehlt!" ließ sich eine Sttmme vernehmen. Schreckerstarrt standen die Anwesenden da.„Ja, er war mitten d'rin gewesen." „Er muß gesucht werden!" stieß der Meister mit heiserer Stimme hervor. Mit diesen Worten schritt er, gefolgt von den Muthigsten, auf das eingestürzte Hans zu. Mechanisch war ihm auch Hans dahin gefolgt. „Andreas!... Andreas!..." rief der Meister. „Entfernt Euch, Herr!" warnte man ihn.„Jene Wand droht einzustürzen!" „Andreas!... Andreas!..." Ein Stöhnen antwortete aus dem Innern des Hauses. An einer Stelle war die Wand thürbreit ge- spalten. Dorthin lief der Meister, sah hinein und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Dann rannte er wie rasend der Stadt zu. Hinter der Wand nämlich wand sich ein Mensch in Todesqual. Ein Balken hatte ihm beide Füße zerschmettert und eingezwängt, lieber ihm hing ein geborstenes Mauerstück, das jeden Augenblick auf ihn herabzustürzen drohte. Einer der Zimmerleute trat ganz nahe heran, und die vor Schreck erstarrten Arbeiter harrten seines Winkes, bereit, ihm zu folgen, lvenn Rettung mög- lich war. Der Verwundete wand sich in Zuckungen. Es war ein Bauer. Die schwarzen Lippen, das asch- graue Gesicht und die eingefallenen Augen zeugten von seinen gräßlichen Leiden. Den Blick auf die Umstehenden gerichtet, stöhnte und winselte er, wagte es jedoch nicht, sie um Rettung anzuflehen. „Gott, mein Gott, erbarme Dich!" kam es von seinen Lippen. „Weiter vorzudringen ist unmöglich!" sagte der Zimmermann mit dumpfer Stimme. Die Arbeiter wichen zurück, unter ihnen auch Hans in noch größerem Entsetzen als die Uebrigen. Etwas Schreckliches geht in ihm vor.... Er theilt jede Empfindung des Verwundeten: seinen Schmerz, seine Angst, seine Verzweiflung; doch gleichzeitig fühlt er in sich eine Kraft, die ihn vor- wärts treibt. Er dünkt sich in dieser Menge der Einzige, dessen Pflicht es ist, den Mann zu retten, der aus dem Dorfe hergekonmien tvar, um in der Stadt seinen Lebensunterhalt zu finden. Und während die Anderen„Fort von hier!" rufen, sagt er sich:„Hin zu ihm!" Aengstlich blickt er um sich. Er steht vor den Anderen, ganz nahe der Mauer. „Hin zu ihm!" flüstert er— und faßt die zu seinen Füßen liegende Stange. Die Menge flüstert:„Seht hin!... Was will er beginnen?... Still!..." „Gott!... Mein Golt!... Erbarme Dich!" schreit schluchzend der Verwundete. „Ich komme! Ich komme!" antwortet Hans und setzt den Fuß zwischen die Trümmer. „Ihr werdet Beide zu Grunde gehen!" ruft der Zimmermann. Schon steht Hans vor dem Unglücklichen. Er erblickt dessen zerschmetterte Füße, die Blutlache und es wird ihm dunkel vor den Augen. „Bruder! lieber Bruder!" haucht der Verwundete, Hansens Kniee umschlingend. Dieser schiebt die Stange unter den Balken, und mit einem verzweifelten Ruck hebt er ihn in die Höhe. Ein Krachen wird hörbar. Vom zweiten Stockwerk fallen Ziegeln herab. „Es stürzt ein!" schreien die Arbeiter, voll Eni- setzen auseinander stiebend. Hans hingegen sieht, hört, fühlt nichts. Mit starken: Arm stiitzt er wieder den Hebel und entfernt den Balken von den Füßen des unter ihm liegenden Menschen. Von oben stürzen Trümmer herab. Die rothen Rauchwolken verfinstern das Innere des Gebäudes. Hinter der Wand wird ein Rütteln vernehmbar, der Verwundete stöhnt laut auf.... Daun wird's Plötz- lich still. In der Oeffnung der klaffenden Mauer erscheint Hans in gebückter Haltung, mit der größten An- strcngung den Verwundeten ttagend. Langsam über- schreitet er die gefährliche Grenze und vor der Menge angelangt, ruft er mit naiver Freudigkeit aus:„Da kommt er!... Nur ein Sttefel ist ihm dort zurück- geblieben!" Die Arbeiter nehmen den Verwundeten, der ohn- mächtig geworden, in Empfang und tragen ihn vor- sichtig in das nächste Hausthor. „Wasser!" nifen sie,„Essig! Den Arzt!" Hans schleppt sich hinterdrein und denkt:„Ei, ei, ist das ein gutes Volk hier in Warschau!" Die Neue Welt. Illustrirte Ilnterhalümgsbeilage. 4N3 Erst jetzt bemerkt er Blut an seinen Händen, er wäscht sie in einer Pfütze ab und stellt sich dann unter das Hausthor, wo der Verwundete liegt. In's Innere des Hauses verlangt es ihn nicht. Ist er denn ein Doktor? Was kann er ihm helfen? Unterdessen wird es immer lebhafter. Neugierige kommen herbeigerannt, Droschken herangefahren, und aus der Ferne erklingen sogar die Glocken der irr- thiimlich alarmirten Feuerwehr. Eine Menschenmenge, der es nur um Sensationen zu thun ist, hat sich vor dem Thore angesammelt, und mit der Faust bahnen sich die Eifrigsten den Weg zum blutigen Schauspiel. Einem dieser Leute ist Hans in den Weg ge- treten. „Packe Dich, Maulaffe!" brüllt ihn der Herr an, da er sieht, daß der barfüßige Bauer unter dem Druck seiner Hand nicht gewichen ist. „Warum denn?" fragt Hans verwundert über die Eile. „Wer bist Du denn, frecher Kerl!" schreit der Neugierige.„Wie, giebt es denn keine Polizei, solche Müßiggänger zu vertreiben?" „Oho, das wird schlimm!" denkt der Bauer und fürchtet für solch ein Vergehen eingesperrt zu werden. Und um den Teufel nicht an die Wand zu malen — verschwindet er in der Menge.--- Einige Minuten später wurde vom Thor aus Derjenige gerufen, der den Verunglückten aus den Trümmern hervorgetragen hatte. Niemand meldete sich. „Wie sieht er aus?" fragte man. „Ein Bauer ist's, in weißem Kittel, runder Mütze und barfuß." „Ist Keiner auf der Straße, auf den die Be- schreibung paßt?" Man begann zu suchen. „Es ist ein solcher Bauer hier gewesen," rief Jemand,—„aber er ist fortgegangen." Die Polizei lief suchend nach allen Richtungen, die Arbeiter gleichfalls. Aber Hans war und blieb verschivnndc».— ch Die Bedeutung der Elektrizität fiir die Industrie. Von K. cfiws. Die chemischen Wirkungen des elektrischen Stromes. ?n einem meiner Einleitungsanfsätze habe ich, gelegentlich der Besprechung des galvanischen Elements, auseinandergesetzt, wie infolge der chemischen Zersetzung eine gewisse Druckdifferenz in dem galvanischen Element erzengt wird, wodurch die Friktionsinolekeln gezwungen werden, von einem Pole der Batterie durch die Flüssigkeit hindurch zu dem anderen Pole zu wandern. Sind die Pole der Batterie durch einen Leitungsdraht mit einander vcr- bnnden, so können die Friktionsmolekeln, die eben so wenig wie die Flüssigkeiten im Allgemeinen zu- saniniendrückbar sind, außerhalb der Batterie von dem zweiten Pole zum ersten außen herum zurückwandern, und es verläuft in dem ganzen System ein clektri- scher Strom. Leitet man nun umgekehrt einen elektrischen Strom durch eine chemisch znsainmcngesetzte Flüssigkeit, gleichgültig, ob es eine Lösung zusammengesetzter Sub- stanzen in Flüssigkeiten oder eine senerfliissige Substanz ist, so findet unter der Einwirkung des elektrischen Stromes eine Zersetzung der Flüssigkeit in ihre chemi- scheu Grnndbestandtheile statt. Unter Znhülfenahme der Vorstellung von den Friktionsinolekeln kann man sich nun auch ein ungefähres Bild von den Vor- gängen machen, die bei dieser chemischen Zersetzung verlaufen: der elektrische Druck oder die Spannungs- differenz bewirken eine Bewegung der Friktionsmolekeln in der znzersetzenden Flüssigkeit. Diese Friktionsinolekeln müssen ihren Weg durch das Gefüge der stoff- lichen Wirbelmolekiile nehmen. In allen Flüssigkeiten ist nun das Atomgefüge der Molekeln bei weitem lockerer, als in festen Körpern. Bei dem Wandern der Friktionsmolekeln findet infolge des Hindurch- schivingens dieser eine weitere Lockerung des Blole- kulargefüges der Flüssigkeit statt, und die Friktions- Molekeln nehmen ans ihrem Wege die jeweiligen Elementarbestandtheile der Flüssigkeit von dem einen Pole zu dem anderen. Bei diesen Zersetzungen nennt man die Eintritts- stelle des Stromes Anode, die Austrittsstelle Kathode. Läßt man beispielsweise einen elektrischen Strom durch eine Lösung von blauem Vitriol(schwefelsaures Kupfer) hindurchgehen, so scheidet sich an der Anode — unter sofortiger Bildung von freier Schwefel- säure und Entweichen von Sauerstoff— das söge- nannte Säureradikal aus, während sich an der Kathode chemisch reines Kupfer niederschlägt. Bei der elek- trolytischen Zersetzung des Wassers, das ans Sauer- stoff- und Wasserstoffgas besteht, erhalten wir an der Anode Sauerstoff, an der Kathode Wasserstoff. Dabei vollziehen sich die Zersetzungen unter den beiden Ge- setzen, daß erstens die in verschiedenen Fällen aus- geschiedenen Mengen des gleichen Stoffes sich wie die durchgegangenen Elektrizitätsmengen verhalten, und daß zweitens die beim Durchgang derselben Elek- trizitätsmengen ausgeschiedenen Mengen verschiedener Stoffe sich wie ihre chemischen Verbindungsgewichte verhalten. Fiir die Praxis haben diese beiden Ge- setze, die schon von Faraday erkannt worden sind, Bedeutung, wenn es sich um die elektrische Gewin- nnng von Metallen handelt. Die Kosten der elektrischen Metallgewinnung stehen in direktem Verhältnis; zu den Kosten des Stromes, so daß sich in jedem Falle im Voraus berechnen läßt, ob die rein hüttenmännische Gewinnung der Metalle oder die elektrische vorzuziehen ist. Eine große Zahl von Metallen wird heute ans- schließlich durch die Elektrolyse gewonnen, so unter Anderem Aluminium, das seine technische Beden- tiing ausschließlich der Elektrolyse verdankt. Ferner Magnesium, Chrom, Rein-Nickel, Kobalt, Mangan, Uran, Arsen. Aber auch eine ganze Reihe von anderen Metallen, die gewöhnlich ans hüttenmännischem Wege gewonnen werden, so zum Beispiel Kupfer, Gold, Silber, werden vielfach ans elektrischem Wege gewonnen, besonders wenn es sich, wie beim Kupfer, darum handelt, dasselbe chemisch absolut rein, tvie es fiir gewisse Zweige der Technik durchaus nothwendig ist, zu erhalten. Interessant ist es auch, daß ans diesem Wege gewisse Abfall- stoffe, wie Weißblechabsälle, noch ausgenutzt werden können, indeiit man ans elcktrolytischem Wege das Zinn von dem Eisen trennt. Tie Elektrometallurgie, wie man diese Art der Ncetallgewiminng bezeichnet, gewinnt mit der Verbilligimg des elektrischen Stroms von Tag zu Tag größere Bedentnng. Auf die beiden wichtigsten elektrometallnrgischen Verfahren soll hier noch des Näheren eingegangen werden, weil sie zur Jllnstrirung der verschiedenen hier in Frage kommenden Prinzipien dienen können: nämlich aus die elektrolytische Gewinnung von Kupfer und die elektrolytische Herstellung von Aluminium. Dort, wo das Kupfer nicht gediegen, sondern als Erz vorkommt,— und das ist bei den weitaus meisten Knpferlagerstätten der Fall— muß das Kupfer durch einen hüttenmännischen Prozeß ans dem Erze ausgeschieden werden. Relativ am ein- fachsten ist die Gewinnung von Kupfer aus reinem Erz bei den kohlensauren Knpferverbindnngen wie Malachit, Lasur k. ll-.'.gicich schwieriger dagegen stellt sich die Kupfergewinnung, wenn es sich um seine Abscheidung aus schwefelhaltigem Erze, dem Kupferkies, dem Fahlerz k. handelt, weil sich in diesen Fällen die vollständige Trennung des Schwefels von dem Kupfer nur sehr schwer bewerkstelligen läßt und weil weiter fteinde Beimengungen des Kupferkieses, wie Kobalt, Nickel, Antimon, Wismuth, Arsen, Eisen, Zinn— neben Gold und Silber— sich nur sehr schwer und durch wiederholtes Nafsiniren von dem Kupfer trennen lassen. Fiir viele Fälle der Technik ist aber die Gewinnung von möglichst reinem Kupfer unbedingtes Erfordernis;, weil dasselbe durch die geringste Beimengung fremder Substanzen, ins- besondere des Schwefels, außerordentlich an Dehn- barkeit einbüßt, und weil andererseits durch diese Beimischung das hohe elektrische Leitungsvermögen des Kupfers, das nur noch von dem Silber über- troffen wird, sich erheblich reduzirt. Insbesondere die Elektrotechnik hat aber einen sehr großen Bedarf an chemisch reinem Kupfer, und infolge dessen hat sich gerade hier die elektro-metallnrgische Kupfer- Herstellung besonders rasch eingebürgert; denn nur durch dieses Versahren kann wirklich chemisch reines Kupfer gewonnen werden. Man verfährt hierbei so, daß man durch Rösten aus dem Kupferkies den Schwefel nach Möglichkeit entfernt, wobei man das sogenannte Schwarzknpfer erhält, das sich in Platten gießen läßt. Solche Schwarzkupferplatten hängt man nun als Anode in eine saure Kupfervitriollösnng, während man eine Platte von chemisch reinem Kupfer als Kathode benutzt. Läßt man min den elektrischen Strom hindurch gehen, so scheidet sich aus dem Kupfer- Vitriol an der Kathode chemisch reines Kupfer ans, während sich an der Schwarzknpferplatte der Anode Schwefelsäure bildet. Diese Schwefelsäure verbindet sich sofort wieder mit dem Kupfer des Schwarz- knpfers zu Kupfervitriol, wodurch die Kupfervitriol- lösnng immer gleichen Konzentralionsgrad behält, während die fremden Beimischungen der Schwarz- knpferplatte als Schlamm zu Boden sinken. Man erhält ans diese Weise nicht blos ein außerordent- lich reines Kupfer, sondern es wird auch ermöglicht, mit größerer Leichtigkeit die Bestandtheile des Schlam- nies auszusondern und insbesondere die wcrthvollen Edelmetalle zu gewinnen. Während bei der elektrolytischcn Kupfergewinnung ausschließlich wässerige Lösungen benutzt werden, kommen bei der Aluminimngewinnnng mir feuer- flüssige Lösungen zur Anwendung. Die werthvollen Eigenschaften des Aluminiums, des metallischen Äestandtheiles der Thonerde, hatten schon vor langer Zeit das Bestreben der Techniker darauf gelenkt. Aluminium zu erzeugen. Durch kein hüttenmännisches Mittel gelang esÄber, das Alumininm ans der Thonerde auszuscheiden. Nur aus gewissen Aluminiumverbindungen vermochte man, unter Zu- hülfenahme von metallischem Natrium, Aluminium zu erzeugen, und da ein dem gewonnenen Alumininm äquivalentes Quantum Natrium aufgewendet werden mußte, so richtete sich naturgemäß der Preis des Alu- minilimS nach dem Preise des metallischen Natriums, das selbst durchaus nicht billig zu erzengen war. Eine vollständige Umgestaltung trat erst in dem Augenblick eiiyjils man gelernt hatte, Aluminium im elektrischen Schmelzofen, durch elektrolytischc Zu- setzung von schmelzenden Alnniiniuinverbindnngen, zu gewinnen. Leider haben sich die häufigste» natllr- lichen Alnmininmverbindnngen, insbesondere die Thon- erde, noch nicht auf diesem Wege zersetzen lassen, und man stellt das Almnininni meistens aus dem Ehriolyth, einem Aluniininm-Natrium-Fluor-Doppel- salze, her. Der Ehriolyth wird zu diesem Zwecke in den elektrischen Tiegel gebracht, der im wesent- lichen aus Thon und Graphit besteht. Der Tiegel bildet hierbei die Kathode, während eine Kohleplatte als Anode dient. Sowie eine Verbindung zwischen Kathode und Anode hergestellt ist, verläuft der Strom zwischen diesen. Entfernt man nun die beiden Pole um ein Weniges von einander, so entsteht in ähnlicher Weise wie bei den elektrischen Bogenlampen ein elektrischer Flannnenbogen, dessen außerordentlich hohe Temperatur, die auf 3— 4000 Grad geschätzt wird, die Chriolythmasse zum Schmelzen bringt. Hierbei zersetzt sich der Ehriolyth und es scheidet sich an der Kathode metallisches Alumininm ans. während sich an der Anode Fluor bildet, welches letztere durch Hinzufügen von Aluminiuinoxyd zur Wiedererzeugung eines Aluminiumflnorsalzes dient. Ein Kilogramm Alumininm erfordert zur Ausscheidung rund 29 elek- irische Pferdestärken, und danach stellt sich ein Kilo- gramm Aluminium ans rund Mk. 1,60, wenn man die Kosten fiir Abnutzung der Gebäude, Maschinen, Arbeitslöhne usw. außer Acht läßt. Der Verkaufs- preis von Aluminium beträgt gegenwärtig etwa Mk. 3,20— 4. Jni Jahre 1885 wurde das Kilo« gramm Almnininni noch mit zirka Mk. 1000 ver- kauft. Während damals und bis in die siebziger 404 Die Neue Welt. Illustnrte Unterhaltungsbeilage. Jahre hinein grähere Quantitäten iibcrhanvt nicht erhältlich waren, ist das größte Alnininiunnverk des Kontinents, Ikenhausen bei Schaffhausen, auf eine Tagesproduktion von 2000 Kilogramm eingerichtet. Tie neuen Alnuiiniumwerke an den Niagarafällen weisen eine bedeutend größere Leistungsfähigkeit ans. Wegen seines außerordentlich geringen spezifischen Gewichtes(es ist ungefähr dreimal leichter als Eisen) hatte man früher große Hoffnungen auf die technische Verwendbarkeit deS Aluminiums gesetzt, Hoffnungen, die sich bisher iin Allgemeinen nicht erfüllt haben. Für sich allein wird es fast nur zu Haus- und Küchen- geräthen, zn physikalischen Instrumenten, Truppen- ausriistungsgegeuställden, Kunstgegenständen usw. ver- wandt. Tagegen hat es eine außerordentliche Be- dentung für die Metnllrafstiiatioil gewonnen. Leim Eisen-, Stahl- und Knpferguß, selbst in geringen Quantitäten zugesetzt, wirkt es stark reduzirend auf vorhandene Sauerstoffverbindungeu und ermöglicht einen blasen freien, dichten Guß, wodurch die Werth- vollen Eigenschaften der genannten Metalle besonders stark hervortreten. Das Geheimniß der Krnpp'schen Gußstahlfabrikation beruht wohl wesentlich auf der Verwendung von Aluminium, wodurch der deutsche Gußstahl zn einer Zeit, wo die Stahlfabrikation noch in den Kinderschuhen steckte, sich die Superiorität über die ausländische Stahlfabrikation sicherte. Ganz in die letzte Zeit fällt eine Verwendungsart des Aluminiums, die jedenfalls noch sehr große Be- dentung gewinnen wird. Es handelt sich hier um die Verwendung des Aluminiums zur Erzeugung sehr hoher Temperaturen, auf das einzugehen sich vielleicht an anderer Stelle Gelegenheit bieten wird. Ein anderes elektrolytisches Verfahren hat in der Gegenwart eine über alle Maßen große Bedeutung gewonnen, nämlich die Herstellung von Calcinmcarbid ans Kohle und Kalk im elektrischen Schmelzofen. Bei den Versuchen, den metallischen Bestandtheil des Kalles, das Calcium, zu isoliren, wobei noch Kohle als Reduktionsmittel angewendet wurde, erhielt man nicht das gewünschte Calcium, sondern einen neuen, oder vielmehr bis dahin noch nicht genau erforschten Körper, nämlich das Calcinmcarbid. Das Calcium- carbid hat insofern eine große Bedeutung, als das- selbe gestattet, auf einem sehr einfachen und bequemen Wege Acetyleu herzustellen, das in der Gegenwart so viel genannte Gas, welches eine lönial größere Leuchtkraft als das Steinkohlengas besitzt. Bringt man nämlich Calcinmcarbid mit Wasser in Berührung, so zersetzen sich beide Stoffe in Acetylen und Kalk- Hydrat. Das Acetyleu wird in einem Gasometer ausgefangen und kann nun, in einer Röhrenlcitung vertheilt, zur Beleuchtung von Wohnräumen ec. be- nutzt werden. Tie außerordentliche Bequemlichkeit der Acetyleuherstellnng hat dazu geführt, daß in den letzten zwei Jahren eine ganze große Industrie neu entstaudeu ist. Und wenn bisher auch die Acetylen- beleuchtung noch nicht den Ilmfang gewonnen hat, den sie verdient, so liegt das im wesentlichen daran, daß einmal die Acetylenbeleuchtung die Konkurrenz der bereits vorhandenen Gas- und elektrischen Be- leuchtnng zu überwinden hat, und daß andererseits der Preis des Calcinmcarbids noch nicht so niedrig ist, als daß sich die Acetylenbeleuchtung billiger als die Glühlichtbeleuchtung stellt. Als ernstlicher Rivale des Gasglühlichtes kann das Acetylenlicht vorläufig noch nicht austreten, dagegen gewinnt es eine von Tag zn Tag steigende Bedeutung da, wo es sich um isolirte Beleuchtungsanlagen, abseits von Gas- zentralen und elektrischen Zentralen handelt. Erst wenn es gelingt, das Calcinmcarbid, dessen Preis naturgemäß von den Kosten der Elektrizität abhängig ist, für 16 Pfennige per Kilo zn erzeugen, wird es auch dem Gasglühlicht den Rang streitig machen. Wesentlich älter als die elektrometallnrgische Ver- Wendung des elektrischen Stromes ist die Galvano- Plastik und die Galvanostegie. Unter Galvanoplastik versteht man die Abformung von Gegenständen durch Metalle, die von dem elektrischen Strome nieder- geschlagen werden, während man unter Galvanostegie das Ueberziehen von leitend gemachten Körpern oder Metallen mit einen: fremden Aketall versteht. Das Prinzip der Galvanostegie und der Galvanoplastik ist jedoch dasselbe. Bereits Wollastou fand im Jahre 1801, daß, wenn ein Stück Silber z. B. mit Zink leitend verbunden, in eine Lösung von Kupfervitriol gebracht wird, sich das Silber mit Kupfer von solcher Festigkeit überzieht, daß der Niederschlag die Be- Handlung mit dein Polirstahl verträgt. Bereits im Jahre 1805 gelang es Brugnatelli, silberne Nie- daillcn zu vergolden, indem er sie mit dem negativen Pole einer Batterie leitend verband und als Kathode in eine Goldlösung tauchte, während er an: positiven Pole ein Goldstück in die Lösung hing. Die Galvanoplastik ist etwas neueren Datums. Im Jahre 1838 machte Jacoby der Petersburger Akademie die Mitthciluug, daß sich mit Hülfe des elektrischen Stromes Kopien von Metallen und anderen Gegenständen in Kupfer herstellen ließen. 1840 ge- lang es Murray) auch uichtmctallische Flächen, also Nichtleiter des elektrischen Stromes, durch Ueberziehen mit Graphit für den elektrischen Strom leitend zu machen und dadurch die Abnahme galvanischer Kopien von Holzschnitten, Gipsabdrücken jc. zu ermöglichen. Die Galvanoplastik und die Galvanostegie haben seit dieser Zeit eine außerordentliche Bedeutung gc- wonnen. Mit Hülfe der Galvanoplastik werden heute allgemein von Holzstöcken nietallische Kopien, söge- nannte Clichvs und Knpfercliches angefersigt, die an Stelle der Originalholzstöcke zum Druck dienen. Der Vorzug der Kupfercliches vor den Holzstöckeu beruht vor Allem darin, daß dieselben ungleich Widerstands- fähiger als der Holzstock sind, und daß mau weiterhin von demselben Holzstock eine beliebige Anzahl von Cliches abformen kann. Erst durch das galvano- plastische Verfahren ist es möglich geworden, von einem einzigen Holzschnitt Massenauflagen zu drucken, so daß mau heute im Stande ist, Bildern eine Ver- breitung zu geben, wie sie vordem unmöglich gewesen wäre. Aber nicht blos Holzschnitte, Zinkätzungen und dergleichen werden heute galvanoplastisch ver- vielfältigt, sondern auch Kunstwerke aller Art, wie Statuetten, Büsten und dergleichen. In außerordent- licher Treue und für einen vergleichsweise sehr niedrigen Preis lassen sich so plastische Kunstwerke in Kupfer kopiren. Vielleicht eine noch größere Bedeutung als die Galvanoplastik hat heute die Galvanostegie in der Industrie und Technik gewonnen. Bei einer großen Anzahl von Gebrauchsgegenständen überzieht man heute das Zinn oder Eisen, das deren Hauptmaterial bildet, mit einem lleberziig von Nickel oder Edel- metall, wodurch eine größere Widerstandsfähigkeit gegen die zerstörenden Einflüsse der Atmosphärilien geboten wird. Erst durch die Galvanostegie, die ihre große Verbreitung in dem Augenblicke gewonnen hatte, als man Elektrizität mit Hülse der dynamo- elektrischen Maschinen billig zu erzeugen im Staude war, ist das Nickel populär geworden. Vernickeltes Zinn, Blech, vernickelte Waaren aus Zinnlegirungen, Zierrath aller Art ersetzen heute Silber- und Zinn- waaren. lim Gegenstände zu vernickeln, überzieht man sie gewöhnlich erst ans galvanischem Wege mit einer dünnen Kupferschicht, woraus man sie dann als Kathode in ein sogenanntes Nickelbad hängt, d. h. in ein Gefäß, das die Auflösung eines Nickelsalzes enthält, und taucht gleichzeitig als Anode ein Nickel- blech in das Bad. Das Nickelsalz zersetzt sich beim Durchgang des Stromes und an der Kathode schlägt sich Nickel nieder, während die Anode langsau: ab- gelöst wird und die gleiche Konzentration des Nickel- bades erhält. In analoger Weise wird die galvanische Ver- knpferung, Versilberung, Vergoldung?c. vorgenommen. Die Herstellung galvanostegischer Metallniedcr- schlägt hat deshalb seine so hohe Bedeutung, weil es so ermöglicht wird, unedlen Metallen durch lieber- ziehen mit einer außerordentlich dünnen Schicht edlen Bietalls den Anschein der Echtheit zn verleihen. In unserer Zeit, wo so häufig der Schein für das Sein eintreten muß, kann es deshalb garnicht verwnnder- lich sein, daß man sich an diesen frommen Betrug gewöhnt hat. Andererseits darf man aber doch auch nicht verkennen, daß es erst durch die Galvanostegie ermöglicht worden ist, Metalle, die sonst unter den: zer- setzenden Einfluß der Atmosphäre leicht zerstört worden wären, gegen diesen widerstandsfähig zu macheu. Hiermit aber sind die chemischen Wirkungen des elektrischen Stromes noch bei Weitem nicht erschöpft. In einer ganzen Reihe der heterogensten Industriell wird die Eigenschaft des elektrischen Stromes, chemi- sche Verbindungen zu zersetzen, ausgenutzt, so in der Färberei, Bleicherei, Gerberei usw. Für die Färberei kommt die elektrolytische Her- stellung von Anilin, Aniliuschwarz, Jndigo-Kiepe usw. in Betracht. Sofern es sich um außerordentliche Reinheit des Erzeugnisses handelt, verdient das elek- trochensische Versahren bei weitem den Vorzug vor dem rein chemischen. Beim elektrischen Bleichverfahren handelt es sich im Wesentlichen um die Erzeugung von Chlor oder Ozon ans der zu bleichenden Faser. Sowohl Chlor als auch Ozon haben eine außerordentlich große chemische Veuvandtschaft zum Wasserstoff, der einen wesentlichen Bestandtheil der meisten organischen Färb- sloffe bildet. Wird diesen der Wasserstoff entzogen, so zerfallen sie und verlieren ihre färbende Wirkung. Bei dein clektrolytischen Bleichverfahren von Her- mite werden verschiedene Chlorsalze, deren bekanntestes unser Kochsalz ist, in wässeriger Lösung verwandt, in welche die zn lösenden Stoffe eingetaucht werden. Läßt man nun den elektrischen Strom durch die Lösung hindurchgehen, so werden an der Kathode Chlor und gewisse Sauerstoffverbindungen frei, die ein sehr starkes Bleichvermögen besitzen. Von Ozon-BleichvcrfaHren wird besonders das von Siemens& Halske in der Praxis angewendet. Das Verfahren besteht darin, daß die zu bleichenden Gegenstände in feuchtem Zustande in die sogenannte Ozonkammer kommen, wo sie ungleich rascher, als dies bei der Rasenbleiche der Fall ist, wo ebenfalls die Wirkung des Ozons in's Spiel kommt, gebleicht werden. Weitere technische Verwendungen hat das Ozon gewonnen zum künstlichen Altern der Weine, des Cognacs, zur Fennentirnng des Tabaks usw. usw. Die Herstellung des Ozons, bekanntlich die aktive Form des Sauerstoffs, geschieht in der Weise, daß nian einen Strou: von Luft oder Sauerstoff an Spiye» oder Plauen vorüber führt, zwischen denen eine elektrische Ladung stattfindet. Bei der elektrischen Gerberei finden ähnliche chemi- sche Vorgänge statt. Es handelt sich hier im Wesent- lichen um eine Unterstiitznug der gerbenden Wirkung der Gerbsäure durch Verinittelung ebenfalls von Chlor und Ozon. Hiermit wären wir an dein Schluß unserer Be- trachtuugen angelaugt. Wir haben gesehen, wie die Elektrizität, die vor hundert Jahren kaum erst in den Laboratorien der Physiker eine Rolle spielte, immer mehr und mehr Eingang in die Industrie gewinnt, wie sie als wohlwollende Fee bei allen Main- pulationen, bei fast jeder Thätigkeit des Menschen auftritt, wie sie im Kleinsten und Größten hülsreiche Dienste leistet, wie sie die Länder miteinander ver- bindet, als ob kein Weltmeer sie trennt, wie sie ge- stattet, die gewaltige Energie der wilden Bergströme, der in der Kohle aufgespeicherten Sonnenwärme aus- zunntzen. Wir haben auch weiterhin gesehen, daß die Strömung der Elektrizität nichts Anderes als eine besondere Form der Energie ist und daß sie in letzter Hinsicht, ebenso wie alles Leben auf der Erde, wie alle Energieformen, die uns hülfreiche Dienste leisten, der Sonne ihr Dasein verdankt.— Die Gebild-Weberei. Von Gustav Strahl. tie in den Museen aufbewahrten Stoffüberreste gewähren uns interessante Einblicke in die Kunstfertigkeit unserer Vorfahren. Mit primitiven Hiilfsmittelu haben sie es verstanden, Gewebe herzustellen, die man durchaus als mustergültig an- erkennen inuß. Trotz unserer hochentwickelten Technik sind wir heute nicht im Stande, dieselben besser zn fabriziren: im Gegentheil, in der steigenden Hast unserer Zeit ist es unmöglich, das zu leisten, tvas zn Zeiten unserer Väter langsam und bedächtig, umständlich und kostspielig, aber mit Ernst und Ver- Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 41)5 flüiibniB, mit Lust uub Liebe augefeitigt worden ist. Galt es banials, ein Stück in hnnbert Tagen herzustellen, so sollen heute himbert Stück in einem Tage herausgebracht werben; bainals war ber Weber ein Künstler, heute ist er zum Diener ber Maschine herabgesunken, ber in jebem Augenblick zu ersetzen ist. Unsere heutigen Maschinen vermögen nicht bas zu leisten, wozu früher jahrelange Er- fahrung unb Hebung des Einzelnen uöthig gewesen. Mau will bas augenscheinlich auch garnicht. Man bemüht sich vielmehr von Jahr zu Jahr immer mehr nur solche Biuster aus den Markt zu bringen, die mit Gewinn mechanisch herzustellen sind, ivährenb Sachen, die iudivibuelle Fähigkeiten des Arbeiters erheischen, fast gänzlich zurückgebrängt werben. Das künstlerische Moment wirb dadurch gewiß nicht besonders günstig beeinflußt, vielmehr wirb eine Berflachnng hervor- gerufen, die sich jedenfalls dereinst bitler rächen wirb. Mit stillem Neid durchstöbert man bei solchen Aussichten die Zieste früherer Weberknnst, jene Zeugen einer leuchtenden Pracht, die uns bas finstere Mittelalter hinterlassen hat. Die räumlich größten unb färben- reichsten Geivebestiicke früheren Kunst- fleißes sind die Gobelins. Ter Teppich der Bayeuse, den die Königin Mathilde, die Gattin Wilhelms des Eroberers, stickte, war auf Eauevas mit einer Unterlage von grobem Leinen in einer Länge von 7() Meter unb 50 Zentimeter Höhe ausgeführt. Derselbe stellte in 530 Figuren die Tharen ihres Mannes bei der lieber- fahrt uub Eroberung Englands bar und wurde an Festtagen zum Bekleiden der Wände des Chors unb beS Schiffes der Kirche verwendet. Obwohl dieser Teppich eigentlich nicht gewebt, sondern gestickt ist, so verdient derselbe doch ge- uanut zu werben, da er wichtige kultur- geschichtliche Ausschlüsse giebt; es haben aber im kl. Jahrhundert, wie Friedrich Fischbach angiebt, schon die Teppich- Webereien zu Beanvais, Arras und Trotzes mit Haute-Iisse-Stiihlen bestanden. Tie nächsten Jahrhunderte weisen in dieser Fabrikationsmethobe ein schnelles Empor- blühen unb auch einen hohen Grab der Knnst ans. Tie berühmtesten Meister, wie die van Eycks, Meinling, sowie ein Raphael und seine Schüler verschmähten es nicht, für die Teppich-Manufaktur Kartons zu liefern. Eine in ber Käthe- drale zu Angers aufbewahrte Arbeit eines berühmten Tapissiers Namens Nicolas Bataille besteht aus 7 Teppichen von je 5 Meter Höhe und<24 Meter Länge; dieselben wurden 1376 bc- gönnen uub erst 1490 vollendet. Ter flämische Künstler Michel Bernarb fertigte für Philipp dem Kühnen eine beben- tende llaute-Usse-Arbeit; dieselbe stellte ans einer Fläche von 285 Quadrat- inetern die Schlacht von Nosebecque bar und kostete die für die damalige Zeit ungeheuere Summe von 2600 Franken in Gold. Ter Farbenreichthum, welcher all' diesen alten Gobelins eigen ist, läßt sich mit mechanischen Hülfsuiitteln nicht erreichen; nur die Stickerei oder die Haute-lisse-Technik läßt die Verwendung so vieler Farben zu. Unsere modeme Weberei ist immer sehr bald au der Grenze ber Nlöglichkeit angekommen: 30 bis 40 Farben sind schon Aus- nahmen, wenn man mir durchgehenden Schuß zu Hülfe nimmt. BUt Stech- unb Broche-Figuren läßt sich die Zahl 406 Die Neue Welt Illustnrte Unterhaltungsbeilage. wohl noch etwas höher bringen, aber der Preis wird dadurch so sehr beeinflußt, daß man nur in den allerseltensten Fällen zu diesen Hülfsmittelu greift. Ilud dennoch hätte gerade die deutsche Industrie ganz besonders Ursache, diesem Kunstbediirfniß, das sich in dem großem Teppichverbrauch der letzten Jahre zeigt, Rechnung zu tragen. Besonders sind es die imitirten Gobelins französischen Ursprungs, die in ungeheueren Quantitäten importirt werden und ihrer geschmackvollen Ausführung und des billigen Preises lvegen eine gern gekaufte Waare sind. Trotzdem wird man in Deutschland, von stiimperhaften An- sängen abgesehen, noch nichts davon gewahr, daß die deutsche Industrie bemüht wäre, sich die Franzosen auf dem eigenen Markte als Konkurrenten vom Leibe zu halten; dazu wäre nicht einmal eine starke Handels- flotte nöthig! Die Haute-Iisse-Techmk verwendet im Gegensatz zu unserer heutigen Lasse-Usse-Technik senkrecht auf- gespannte Fäden als Kette, während diese an unseren Stühlen wagerecht verarbeitet werden. Bei den ersteren Stühlen sind zwischen zwei ca. 1 Meter von einander entfernt senkrecht aufgerichteten Balken zwei Qnerbäume befestigt, einer oben, der andere unten. Zwischen diesen wurden wohl anfänglich, ehe man einen drehbaren Kett- und Waarenbaum in ihre Stelle setzte, die Kettfäden aufgespannt und vermittelst Durchflechten anderer Fäden in senkrechter Richtung ein Gewebe erzeugt. Die Verflechtuugsweise kann eine willkürliche gewesen sein; die lleberreste aus der ältesten Periode zeigen schon unsere heutigen Grundbindungen. Später ist man jedenfalls zu den unseren heutigen Webgeschirren entsprechenden Bor- richtungen gekommen, lieber die Einrichtung dieses Geschirres berichtet A. von Cohausen Näheres:„In der Brusthöhe(1,25 Meter) ist durch kurze Arme vor den Ständern der Brustbaum, und 20 Zeuti- meter tiefer der Kamm befestigt. Hinter ihm hängen die Kettfäden senkrecht herab. Damit sie diese Lage beibehalten, und besonders, damit die Breite des Gewebes dieselbe bleibt, besteht der Kamm aus einem Querholz, welches auf seiner ganzen Länge in regelniäßigen Abständen mit einer Reihe köpf- loser Stifte besetzt ist, zwischen welchen ein oder inehrere Fäden liegen." Wollte man in diese Fäden(Kette) Schuß ein- tragen, so müßte man jeden Faden, der über dem Schußfaden liegen soll, vorziehen und den Schuß dahinter weiter stecken. Um niehr Fäden gleichzeitig und gleichmäßig vorziehen zu können, wird auf jeden Kettfaden eine verschiebbare Schleife geknüpft und diese in entsprechender Reihenfolge an einem Stab befestigt, der vorn über den Brustbaum hinweggelegt wird. Um ein Leinwandgewebe, bei welchem je ein Faden über dem Schuß liegt, der nächste unter dem- selben u. s. f., herzustellen, kann man alle Fäden in zwei Gruppen theilen; zu der einen gehören die geraden Zahlen, zur anderen die ungeraden. Knüpft man alle Schleifen, welche an den geradzahligen Fäden sind, auf einen Stab, die übrigen auf einen zweiten, so ist man" in der Lage, durch Vorziehen eines Stabes die Hälfte der ganzen Kette zugleich vorziehen zu können, die Kette zu theilen. Bleiben die nicht gezogenen Fäden senkrecht hängen, so wird sich zwischen ihnen und den nach vorn bewegten ein spitzer Winkel bilden, in welchen sehr leicht und bequem mit Hülfe einer Nadel oder eines Holzstnbes ein Querfaden einzulegen ist; durch Drücken mit der Äkadel oder Leiste wird der Schußfaden möglichst fest in den Winkel eingepreßt. Nach Zurücklassen des ersten Stabes wird darauf der zweite vor- gezogen, welcher die zweite Hälfte Kettenfäden trägt und in dem neu gebildeten Winkel, auch Fach genannt, der zweite Schuß eingetragen. Ebenso gut kann man auch die Kette in drei »ud vier oder mehr Gruppen theilen und eine Ver- schnürung an entsprechend viel Stäben ausführen. Die Kreuzungsweise der Fäden wird dadurch eine fteiere, mannigfaltigere. Die Gobelins zeigen durchgehend eine Bindung, zu deren Herstellung nur zwei Stäbe, heute Schäfte genannt, verwendet sind. Der Schuß ist so dicht eingetragen, daß von der Kette nichts zu sehen ist, es sind also die Figuren lediglich aus Schnßmaterial gebildet; zu den guten Gobelins wurde als Ketten- Material weiße Wolle verwendet. Die Herstellung eines solchen Teppichs stellte an den betreffenden Arbeiter ganz bedeutende An- forderungen. Da die richtige Auswahl der jeweilig zu verwendenden Schnßmaterialien betreffs der feinen Nüancirung vollständig dem Gefühl des Webers über- lassen war, so erforderte die Herstellung einer brauch- baren, der Vorlage entsprechenden Arbeit nicht allein eine große Uebnng und Geschicklichkeit der Hand, sondern auch eine feine, künstlerische Empfindung für die Wirkung der verschiedenen Farben in allen ihren zahlreichen Abstufungen. Das, was man heute unter Gebild-Weberei ver- steht, war in diesem Industriezweige nicht vorhanden; die vielen modernen Beiwerke, wie Jacquardmaschine, Kartenmuster, Wechsellade u. dgl., gab es damals noch nicht; Alles, was hervorgebracht wurde, war mehr oder minder von der individuellen Fähigkeit des Einzelnen abhängig. Waren auch die Muster, die Kartons selbst nicht das geistige Erzengniß des Webers, so mußte er doch zur Herstellung einer treuen Kopie mit ganz anderen Kenntnissen und Fähigkeiten ausgerüstet sein, als der heute am mechanischen Jacquardstuhl stehende Weber, der von all' den anderen, in die Weberei eingreifenden kom- plizirten Verrichtungen, man möchte fast sagen Wissen- schaften, keine Ahnung mehr hat; sein Gesichtskreis hat sich heute so verengert, seine Person ist von so wenig Bedeutung, daß das Fehlen des Einzelneu garnicht mehr in Betracht kommt. Aus dem Jahre 1433 wird aus Barcelona berichtet, daß Meister der Teppichwebekunst Mitglieder des großen Rothes waren, heute ist der Weber in den Augen des Spieß- bllrgerS ein so erbarmungswürdiges Geschöpf, daß man mitleidig achselzuckend über ihn hinwegsieht. Eine Analogie des Arbeitsprozesses für die Gobelinfabrikation hat man noch heute in den Smyrnateppichen: eine auftecht stehende Kette, in welche nach Maßgabe der Vorlage verschiedenfarbige Wollstückchen durch Anschleifen befestigt werden. Noch näher kommt derselben, abgesehen von der wagerechteu Kette, die Herstellung einzelner Figuren in Schußmöbelstoffen durch sogenannte Stechspulen. Nachdem das Fach durch die Maschine ausgehoben ist, wird mit kleinen Handschiitzen ohne Rollen ein bestimmtes Material, welches sich von dem durch- gehenden Schuß in Stärke und Güte besonders ab- hebt, nur unter einer kleinen Fadenpartie hinweg- gezogen, nicht über die ganze Breite, und zieht, den letzten Faden als Fangfaden benutzend, im nächsten Fach wieder zurück. Genau so verfuhr man bei Hauts-Iisse; das auf die weiße Kette gezeichnete Muster wurde, nachdem ein Schaftstab vorgezogen war, mit farbigen Wollfäden, die auf kleine Holz- stäbe gewickelt waren, ausgefüllt; beim nächsten Schuß gingen alle in derselben Richtung zurück. Dadurch entstanden am Rande jeder Figur Schlitze, Löcher, die später durch Nähen beseitigt werden mußten; in den alten Gobelins sind diese Nähstellen häufig schon wieder aufgegangen, das zum Nähen verwendete Material ist vermorscht und die Schlitze sind wieder zum Vorschein gekommen. Im Aussehen gleichen diese Gewebe unseren Ripsen, was sie im Grunde genommen ja auch sind, nur mit dem Unter- schied, daß sie mit der heutigen Herstellungsweise derselben nichts gemein haben. In verschiedenen europäischen Ländern ist diese Technik noch heute im Gebrauch. So beschäftigen sich z. B. schon seit Jahrhunderten die Rutheuen oder Russniaken in Galizien mit der Herstellung von Teppichen, sogenannten Kilims. Der Ilmstand, daß dieser Teppich ausschließlich ein Luxusgegenstand der dortigen Bauern ist, der nur bei ganz außergewöhn- lichen Gelegenheiten benutzt, zur anderen Zeit aber als kostbares Familiengnt in der Truhe aufbewahrt wird, läßt die Fabrikation als schon weit zurück- liegend annehmen; der Eindruck des alterthümlichcn Zeuges wird noch verstärkt, wenn man bedenkt, daß der Kilinr an den meisten Orten noch in der her- könunlichen, von den Vorfahren übernommenen Weise gearbeitet und auch verwendet wird. Im siidöft- lichen Ungarn bis nach Siebenbürgen konnte man noch vor einigen Jahren beobachten, daß sich immer noch eine stattliche Anzahl solcher Kilims bei der Landbevölkerung im Gebrauch befindet. Um diese Art der Produktion zu erhalten, nahm die ungarische Regierung der Zeit Veranlassung, derselben durch Subvention unter die Arme zu greifen, um ihr einen momentanen Halt zu gewähren. Abgesehen von der Musterung, welche bei den Kilims meist geometrischer Natur ist, höchst selten pflanzliche Ornamente verwendet, niemals aber thie- rische oder menschliche Formen, finden sich auch bei den nordischen Völkerschaften noch solche primitive Webformen. Eine jüngst im Lichtsnale des Kunst- gewerbemuseums zu Berlin veranstaltete Ausstellung der nordischen Kunstweberei zeigte eine große Kol- lektion von Geweben, deren Grund, streng im Gobclincharakter gehalten, mit Figuren aus stärkerem Material verziert war; diese Figuren waren größten Theils ebenfalls geometrischer. Natur; und überall ist auf den ersten Blick nachweisbar, daß sie nicht in der heutigen Weise von einem quer durchgehenden Schuß gebildet sind, sondern sich immer nur über ein kleines Stück erstrecken und dann wieder um- kehren, also wahrscheinlich in unserer heutigen Stech- spuleumanier ausgeführt sind. Eigenthiimlich an diesen Geweben ist dem echten Gobelin gegenüber der Verlans der Rippen; derselbe ist nicht quer, sondern der Länge nach. Die alten Gobelins sind ebenfalls so gewebt, daß, während des Webprozesses betrachtet, die Rippe in Richtung der senkrecht auf- gespannten Kette verlief; das Muster, die Figuren wurden aber nicht in dieser Stellung gewebt, sondern auf der Seite liegend, so daß dieselben im fertigen Teppich quergerippt wurden. Da es sich bei diesen nordischen Kunstwebereiproduktcn jedoch um andere Figuren handelt, um Figuren, die nicht in den Gobclingrund, sondern auf denselben mit separatem Material aufgetragen sind und häufig innerhalb der Figur eine Rippe als Unterbrechung oder bei gerad- linig geometrischen Figuren als Grenzlinie zum Vorschein kommen lassen, so mag dieser Unterschied als durch den Charakter des Gewebes geboten er- scheinen. cschiuß s-igt.) Der Steinbruch. 4� (Schluß.) artha stand wie betäubt. Mechanisch wischte sie an einem Fleck, der längst vom Aerniel verschwunden war. Und dazu murmelte sie blos:„Jesus Maria! Jesus Maria! Was ist Dir denn eingefallen?" Fellner hatte sich wieder beruhigt. Er saß und starrte vor sich hin und schien Alles uni sich herum vergessen zu haben. Martha raffte Novelle von G. Mncasy. die Kleidungsstücke vom Boden auf und murmelte ohne Unterlaß:„Jesus Maria! Was ist Dir denn eingefallen!" Endlich schmieg auch sie. Hart klangen die Pendelschläge der alten Ge- häuseuhr durch die bleierne Ruhe des Zimmers. Als die alte Magd die Lampe hereinbrachte, er- schraken die Beiden, als sähen sie ein Gespenst. Dann erhob sich Fellner und ging auf und ab. Martha stand vor dem Schrank und nahm fort- während dieselben Kleider wieder heraus und hängte sie wieder hinein. Sie wußte nicht, was sie that. So verlief auch das Nachtmahl: unter tiefem, beängstigendem Schweigen. Fellner bereute nun, daß er sein Geheimniß preisgegeben hatte. Ihm ahnte nichts Gutes davon. Er begriff jetzt nicht mehr, warum er das gethan hatte. .Die Tieitc Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage, Nach dem �Nachtmahl nahm Martha ihre Strickerei zur Hand und strickte. Als Fellner einmal zu ihr hinüberblickte, sah er, wie große Thränenttopfen auf deu Strumpf rollten. Ohne einen Laut weinte sie, füll und unauf- hörlich. Plötzlich fragte Martha mit rauher, heiserer Stimme:„Wie ist denn das geschehen?" „Ich weiß nicht!" entgegnete Fellner tonlos. „Es kam, ich weiß nicht wie! Wir begegneten uns droben beini Steinbruch. Ich hatte schon lange einen Zorn gehabt auf ihn. Und er wollte mir die paar lumpigen Gulden nicht borgen. Und ich wußte doch, oaß er die Äricsrasche voll Banknoten hatte--" Fellner schwieg. Nach einer Weile sagte Martha langsam:„Also des Geldes wegen!" Fellner fuhr auf:„Nein! Nein!—— Er schrie!— Er schrie, weil er sich fürchtete. Ich konnte das Geschrei nicht ertragen. Wenn Du gehört hättest, wie er schrie—— ich weiß nicht-- ich wollte ihn verhindern--- so— er fiel nieder-- und da fühlte ich seinen Hals zwischen den Fingern -- o, und so einen Zorn hatte ich! Da drückte ich halt zu..." Fellner schloß die Augen. Wieder sah er die ganze gräßliche Szene. Dann fragte Martha:„Mit den Händen?" Fellner nickte.„Ja, mit den bloßen Händen." Und dann fügte er hinzu:„Oben im Steinbruch liegt er. Ich Hab' Sand auf ihn gethan. Viel Sand." Martha schüttelte sich. „Jesus Maria!" sagte sie blos still. Sie konnte nichts von all' dem begreifen. Und als sich Fellner erhob, um in sein Schlafzimmer zu gehen, und die Thür hinter sich geschlossen hatte, da brach Martha lautlos zusammen. Fellner lag diese Nacht lange im Bett und konnte nicht schlafen. Mitternacht mußte schon vorbei sein. Unablässig dachte er die ganze Reihe der Er- eignisse durch, immer wieder diese namenlosen Qualen in sich spürend. Dann hörte er Schritte vom Gang her. Seine Thür wurde geöffnet und Martha trat ein. Sie trug eine Kerze in der Hand. Vorsichtig schloß sie die Thür. Dann stellte sie die Kerze auf das Nachtkästchen und setzte sich vor Fellncr's Bett auf einen Stuhl. Sie könne nicht schlafen, klagte sie. Fortwährend sähe sie den Ermordeten, von einem Sandhaufen bedeckt. Fellner war erschüttert. Martha sah blaß aus und blickte mit starren, weit aufgerissenen Augen inuiier auf denselben Fleck. Fellner hatte Angst, daß sie wahnsinnig geworden sei. Er richtete sich im Bette auf. Lange saßen sie so schweigend. Plötzlich sagte Martha:„Was wirst Du thun?" Fellner gab keine Antwort. Und nach einer Weile fuhr Martha fort:„Du mnßt's morgen an- zeigen. Hörst Du?" Fellner schauerte. Und Martha wiederholte mit monotoner, irrer Stimme:„Anzeigen mußt Du's! Anzeigen mußt Du's!" Als das Licht niedergebrannt war, zündete Martha eine ftische Kerze an. Dann nahm sie wieder am Bettrand Platz. Es war eine grauenhafte Nacht. Von Müdigkeit überwältigt, schlief Fellner mehr- mals ein, um gleich darauf wieder emporzuschrccken und die vorniibergebeugte Gestalt seiner Schwester zu sehen, deren Augen starr und weit aufgerissen stets denselben Fleck auf dem Boden betrachteten. Tann fiel der erste trübe Schein des Frühroths durch die Fenster. Martha erhob sich. Fröstelnd hüllte sie sich in ein Tuch und ging hinaus. Dann stand auch er auf. Sein Entschluß war, gleich Vormittags zum Kommissar zu gehen und die Anzeige zu machen. Ziellos ging er einige Sttinden im Hause umher und dachte nur an den Augenblick, wo er die Polizei- wachtstube betreten werde. Seiner Schwester wich'er aus. Er hatte Angst vor ihreni starren Blick. Wenn er nur geschwiegen hätte! dachte er. Nun gäbe er Alles darum, wenn er das wieder gut machen könnte! Um zehn Uhr verließ er das Haus. Langsam, sehr langsam ging er die vielfach ge- krümmte Gasse des Dorfes hinauf zum Platz. Als er in die Nähe der Wachtstube kam, fühlte er, Ivie sein Muth sank, und ging immer langsamer. Endlich stand er vor der kleinen, mit einem Eisengitter versehenen Glasthiir, die in die Wacht- stube führte. Die Thür stand offen und in das Zimmer schien der warme Frühlingssonnenschein. Gegenüber der Tbiire vor dem rohgezimmerten Schreibttsch saß der diensthabende Polizeibeamte, den Fellner schon von frühereu Besuchen kannte. Als er eintrat und zögernd neben der Thüre stehen blieb, nickte ihm der blasse, junge Mensch zu, und während er weiter schrieb, sagte er:„Suchen Sie den Herrn Kommissar? Der ist jetzt nicht hier. Da müssen Sie Nachmittag wiederkommen." Fellner murmelte ein paar Worte und entfernte sich. Als er das düstere, weißgetüuchte Zimmer wieder hinter sich hatte und in die sonnenbestrahlte Straße hinabblickte, war es ihm, als sei ihm sein Leben neu geschenkt worden. Vor seinen Augen flimmerte es, und er mußte eine Weile stehen bleiben, um sich zu fassen. Wie ein Jubel klang es in seinem Herzen. Dann ging er durch die Felder hinaus in die Ebene. Die Sonne that ihm wohl und der blaue Himmel und die weiche, kühle Frühlingsluft. Je weiter er ging, desto leichter wurde ihm. Er ver- gaß Alles und lauschte dem fernen Schlag der Amseln, die in den Gärten sangen. ** * Spät am Nachmittag stand Fellner wieder auf dem Platz und blickte nach der Wachtstube hinüber. Er wußte, daß er jetzt den Kommissar treffen würde. Aber Alles in ihm bäumte sich dagegen, diesen Ort des Schreckens noch einmal zu betreten. Er stand noch eine Weile unschlüssig. Dann ging er rasch die Straße zurück. Noch vor Einbruch der Dunkelheit war er auf dem Hofe. Zuerst wich er Martha ans. Er ging nach dem Holzplatz hinter und sprach mit den Knechten. Endlich trat er in's Haus. An der Thüre empfing ihn Martha. Er sah denselben starren Blick, der ihm Angst einflößte, forschend auf sich gerichtet. Langsam und stotternd sagte er:„Ich kann's nicht. Ich bin zweimal dort gewesen. Aber ich kann's nicht."— Martha wandte sich ab, ohne ein Wort zu er- widern. Es war ihm, als hätte sie ein kurzes, ver- ächtlichcs Gelächter ausgestoßen. Verwirrt und bc- unruhigt folgte er ihr in's Haus. Dann setzte ihm Martha das Nachtmahl vor und verließ sofort das Zimmer. Er berührte die Speisen fast nicht. Wieder beschlich ihn jene tiefe, hoffnungslose Bangigkeit. An diesem Tage bekam er Martha nicht mehr zu Gesicht. Die alte Magd sagte, sie sei schon schlafen gegangen. Dies verniehrte seine Unruhe. Es lag etwas Entsetzliches in der Luft. Er fühlte es und fragte sich vergeblich, was das sei. Stets mußte er an Martha denken. Was hatte sie vor? Was lvollte sie thun? Er sah ein, daß dieser Znstand nicht lange dauern könne und daß irgend Etwas geschehen müsse. Als er im Bett lag, erwartete er jeden Augen- blick, daß Martha wie gestern kommen würde. Dies wäre für ihn ein Trost gewesen. Aber Martha kam nicht, und bald darauf schlief er ein.--- Diese Nacht vom Sonnabend zum Sonntag hin- durch schlief Fellner den Schlaf der äußersten Er- schöpfung. Als er erwachte, schien die helle Morgensonne durch's Fenster. Fellner lag noch eine Weile und streckte sich. All' die langen Monate hatte er sich nicht so wohl gefühlt, wie heute. Nur der Gedanke an Martha trübte seine Freude. Was sie wohl dazu sagen werde? Er tröstete sich damit, daß sie sich doch darein finden werde, daß ihr garnichts Anderes übrig bleibe. Er wußte, daß sie ihn niemals verrathen würde- 407 dies beruhigte ihn. Nun dankte er seinem Schicksal, das ihn gestern vor einem thörichten Schritte be- wahrt hatte. Als er auf die Uhr blickte, erschrak er. Zehn Uhr! So lange hatte er geschlafen. Eilig kleidete er sich an. Eilig verließ er das Schlaf- zimmer, durchschritt den Gang und öffnete die Thüre zur Wohnstube. Da fuhr er zurück. Ein gräßlicher Anblick bot sich ihm dar. In der Mitte der Stube lag Martha in einer großen Blutlache--- Hastig schloß er die Thüre. Nun tvußte er, daß Alles aus sei. Und ohne sich lange zu besinnen, verließ er das Haus. Die Straße lag still und leer. Vom Platz herüber tönte der Chorgesang ans der Kirche. Fellner betrat die Wachtstube. Im Hintergrund des düsteren, weiß getünchten Raumes stand der Kommissar im Gespräch mit einem Mann. Er nickte Fellner, zu und dieser nahui auf einer Bank an der Seitenwand Platz. Gleich darauf entfernte sich der Mann, und Fellner stand verwirrt auf. Der Kommissar trat auf ihn zu und sagte freundlich:„Nun, was giebt's Neues, Herr Fellner?" Fellner stammelte in äußerster Verwirrung: „Herr Kommissar-- ich-- ich möchte eine Anzeige machen--- ich habe--" Plötzlich stockte er. Was sollte er sagen? Sein. ganzes Wesen wehrte sich gegen diesen Selbstverrath. Sein Benehmen fiel dein Kommissar auf. Eine Weile betrachtete er ihn mit lauernden Blicken und schien nachzudenken. Fellner hatte sich einige Schritte von ihm ent- fernt. Er dachte an die Flucht. Jetzt näherte sich ihm der Kommissar rasch und sagte in gänzlich verändertem, drohendem Tone:„Was ist's also! Was haben Sie mir mitzutheilen?" „Nichts!" schrie Fellner plötzlich in Heller Angst. Mit dem Aufgebot aller Kräfte stieß er den Koni- missar zur Seite, riß die Thüre auf und rannte in's Freie. Auf der Straße war es lebendig geworden. Die Menschen strömten gerade aus der Kirche. Einige Burschen sahen den Mann aus der Wacht- sttibe fliehen und machten sofort Jagd auf ihn. Unter der Thüre erschien der Kommissar und schrie:„Haltet ihn auf! Er hat den Bittmann ermordet!"— Wie ein Lauffeuer gingen diese Worte durch die Menge. Alle schrien:„Bittmann hat er um- gebracht. Es ist Fellner. Haltet ihn auf!"— Fellner stürmte weiter, verfolgt von dem Menschen- schwärm. Die Angst beflügelte seineu Schritt. Er wollte den Wald erreichen. Eine geheime Macht trieb ihn dem Steinbruch zu. Plötzlich fuhr aus einem Hausthor ein kleines gelbes Hündchen heraus und verfolgte ihn. Unauf- hörlich rannte er vor ihm her, verstellte ihm den Weg und stieß ein klägliches, heiseres Bellen aus. Fellner fühlte, wie sich der Abstand zwischen ihm und seinen Verfolgern verringerte. Ans allen Hänsern liefen die Leute zusammen. Da rannte ihm das Hündchen zwischen die Beine, und er stürzte zu Boden. Als er sich aufraffen wollte, hatten ihn die Leute schon erreicht. Er sah ihre drohenden Augen aus sich gerichtet. Verzweifelt schrie er:„Was wollt Ihr denn? Ich Hab' ihn halt umgebracht. Droben im Steinbruch liegt er. Da könnt Ihr ihn aus- graben."— Dann stieß er um sich und wollte sich losreißen. „Laßt mich aus!" schrie er.—„Es ist ja Alles nicht wahr!"— Wie ein Tobsüchtiger schlug er nach allen Seiten. Diese Augen der vielen Menschen machten ihn rasend. Aber seine Anstrengung war umsonst. Schon kamen zwei Polizisten herbeigeeilt. Als Fellner sah, daß es keine Rettung mehr für ihn gab, wurde er still. Langsam, mit gesenktem Haupt ging er zwischen den beiden Polizisten einher, gefolgt von der Menge und dem kleinen gelben Hündchen, das noch immer mit kläglichen, heiseren Tönen zu ihm emporbellte.— Mick auf die Stadt.' Hinnenö schau ich nie8er aus Sie Htaöt: Jus öen tausenö Achloteu öer Aabriken Kteigen feierlich ivic von Altären Käuleu Hauchs enixor. Dom WinK bewegt, Einen sie sich in ein graues Wölkchen, Das entschwebt. Ach folg' ihm mit öen Hfidieii Weit in's Kaub. Am Kugel eines Dorfes Kiecht bes ärmsten Hauern karges Aelb. Diirstenö unö im Konnenbranö verfchmachtenö. Kchwebt ein graues Hcisewölkchen her, Das von tansenö hohen Kchloten träumt Hub vom Kroll ber keuchenden Maschinen Hub von hunderttausend schwieligen Händen: Hnd der Kchweiß der hunderttausend Hände Iällt herab und tränkt die trockne Jurche Dieses kargen, ausgedörrten Feldes.. Aus die tausend Kchlote dieser Ktadt Kch' ich mit verklärten Hlicken nieder, Wie auf eine goldne Frühlingslandschaft.— Hugo Talus. Eine Gcmciiidcrathssitzniig. Eine prächtige Reihe von Portraitköpfen aus der Kleinstadt hat der Dresdener Btaler Richard Scholz in dem Bilde, das wir heute bringen, getroffen. Ein Gemeinderath in voller Thätig- leit: links der Tisch, an dem der Bürgermeister und die Sladlräthe sitzen, rechts auf einer cinfachm Bank die Vertreter der Bürgerschaft. Der Fall scheint schwierig, der gerade zur Verhandlung sieht, lind eine gewisse Spannung zwischen den Parteien rechts und links ist unverkennbar. Die beiden„Herren Stadträthe" kehren sich ab und sehen sich gegenseitig an:„Unglaublich, was die Gesellschaft Einem für Schwierigkeiten machtl" Augen- blicklich geht die Diskussion zwischen dem Bürgermeister und dem einen Stadtverordneten, der als Sprecher etwas aus der Reihe der Anderen herausgerückt ist. Ein kleiner Ackerbürger ist's, seinem Aussehen nach. In aller Be- scheidcnheit bringt er seine Bedenken vor, man darf dem Stadtoberhaupr doch nicht grob kommenl Nachdenklich schaut er vor sich hin. Fast zögernd und wie um Eni- schuldigung bittend ist seine Handbewegung: es ist, als hörte man sein:„Ich wollte ja blos meinen..."— und doch weiß der Alte so gut, was er will, und um kein Haar breit wird er davon znriickivcichen! Der„Herr Bürger- meistcr" muß wohl zuhören, obgleich er ihnen Allen am liebsten den Rücken drehen möchte. Köstlich, wie in der Art, in der er sich zum Sprecher wendet, sein Aergcr zum Ausdruck kommt! Da hat er nun Alles so gründlich überlegt und bis auf's Tipfelchen über'm i fertig, fehlt nur noch die Zustimmung der Stadtverordneten � und nun kommt ihm dieser Querkopf dazwischen und will etwas einwenden! Als ob der es besser verstände als er, der Herr Bürgermeisterl Und wie die Anderen Ge- sichter aufsetze»: die hat er toohl auch schon aufgehetzt, der alte Querulant... Sein Gesicht verzieht sich noch zu einem gezwungen freundlichen Lächeln, aber die Linke liegt schon geballt aus dem Knie, und in dem Gesicht zuckt es— gleich wird er losfahren und mit einem „Donnerwetter!" auf den Tisch schlagen. Tie Vier da hinten sitzen in ilieserve, der Ernst des Augenblicks ist ihnen bewußt. In steifer Haltung der Krämer mit dem Hauskäppchen auf dem Kopf, sinnirend der Leinweber, und in höchster Spannung hinten der Schuhmacher- meistcr. Ein feiner Humor gelangt in der Szene, bei aller Sachlichkeit der Schilderung, zum Durchbruch. Das Bild>var in diesem Jahre in der Großen Berliner Kunst- ausstellung ausgestellt.— Bo» de» Küstcnoasen in Tripolis erzählt Dr. L. H. Grothe in der„Geographischen Zeitschrift": Wenige hundert Meter vom Mmierkranz der Stadt Tripolis beginnt westlich, östlich und südöstlich das Oasenbereich der lrtüste.„Grüne Inseln" nennt der durch den Wüstensand einhcrwandernde Araber die Oasen, lind wahrlich, etwas herrlich Eilandmäßiges, Glückliches haben diese Garten- flächen. Drei Stufen von Frucht und Ernte gebenden Pflanzen gedeihen, und stellenweise übereinander. In der Höhe die Kronen der Dattelpalmen i» regelmäßigen weiten Reihen, als zweite Schicht die breitästigen Oliven und niedriger die Aprikosen-, Pfirsich-, Mandel-, Orangen-, Zitronen-, Granaten-, Johannesbrot- und Feigenbäume; die Oliven- wie die Manlbecrbänme zu selbstständigen • Aus„Neue Gedichte". München, Albert Langen. Hainen gcschaart, die übrigen Obstpflanzen zumeist lief unter den Palmenfächern. Als dritte Schicht steht zwischen den Baumstäminen die Ecrealicn- und Gemüsckullur: Gerste, Weizen, Korn, Saubohnen, Mohrenhirse, Mais, Klee, Fenchel, Kümmel, Bockshornsamen, Pfefferschoten, Melonen- arten, Gurken, Kürbisse und das den Frauen zum Färben der Fingernägel dienende Hennakraut. Breite Straßen, die sich seitwärts zu vielgewundenen Pfaden abzweigen, durchqueren die Oascnpflanzungen. Nach der Straße zu grenzen schnell aufgeworfene Erdwälle von doppelter Manneshöhe die Gärten ab. Bald setzen sich der Opuntien- kaktus, die Agave und allerlei strauchartige Gewächse in diesem Erdreich fest, durchziehen es niit ihren üppig wuchernden Wurzeln und erhallen es so vor dem Einsturz bei den Wassergüssen der Regenmonate. Einen köstlichen Genuß bietet es, des Morgens oder des Abends durch diese Gartenüppigkeit zu Pierd oder zu Esel streifen zu können, namentlich zur Frühjahrszeit. Aus den Gärten heraus zicbt ein schwerer, schwüler Tust von Orangenblüthcn— die Blätter an den dichten Opuntien- Hecken zeigen große rochgelbe Blüthen— zwischen dem Paumreich verfallene, von Buschwerk überkletterte Mauern verlassener Behausungen coder die weißen Plattdächer eines friedlichen Wohnhauses— von Zeit zu Zeit werden die umfriedeten Gärten mit ihren Palmenkronen von Hainen üppiger Oliven oder hochgewachsener Maulbeer- bäume abgelöst— unter ihnen zeigen sich einige Nomaden- zelte mit ihren schwarzbraunen Kameelhäuten oder die Reiserhütten der Neger. Wandert man nach Sonnen- Untergang durch die Oase, so ist überall Leben und Be- schäftigung. Eigenthiimlich kreischen die Schöpfräder der ..nstria.'', der Bewässerungsbrunnen, und in laut plät- schernden Tönen fließt das Wasser aus den Bocksbeuteln, die als Eimer dienen, in die Wasserbecken, von denen es in Kanälen und Kanälchen durch den ganzen Garten sickert. Charakteristisch für Tripolitanien sind die Betvässe- rungsbrunnen der Küstcnoasen in ihrer ursprünglichen, mühselige Bedienung erfordernden Form. Zu Seiten der Brunnenmündung erheben sich vertikal zwei mit Kalk gestrichene, drei bis vier Meter hohe Mauern, die sich nach oben in Stnfenform verjüngen. Diese beiden Mauer- Pfeiler tragen in der Höhe eine horizontal eingefügte Holzstange, die einem Holz- oder Eisenzplinder zur Axe dient. Um diesen läuft flaschenzugartig ein Strick, dessen eines Ende einen Bocksbeutel hält, dessen anderes Ende an dem Joch eines Ochsen oder Maulthiers befestigt ist. Als Beutel dient eine Bockshaut, die hinten aufgeschlitzt und sackartig dergestalt angehängt wird, daß das Hals- ende nach unten fällt. Das Thier, welches die Winde in Bewegung fetzt, schreitet in ein schräg sich vertiefendes Erdloch hinein, das die gleiche Länge zeigt, wie die Eni- fernung von der oberen Holzsparre bis zur Oberfläche des Wassers im Brunnen. Mit jedem Schritt, den das Thier die schräge Fläche hinunter zurücklegt, hebt sich der gefüllte lederne Eimer. Ist derselbe in der Höhe des Schöpfrades angelangt, läßt der das Zugthicr führende Eingeborene einen von ihm straff gespannten Strick nach, der' die untere Oeffnung des Beutels, den Hals der Bockshaut, während des Aufsteigens nach oben hielt, diese trichterförmig sich verlängernde Mündung schlägt auf eine zweite, in halber Höhe über der Brunnen- oberfläche gleichfalls horizontal angebrachte dünnere Holz- sparre ans und schüttet den Wasserinhalt in ein vor dem Brunnen befindliches Becken. Dieses Reservoir ist sorg- fältig gemauert und gekalkt. Füllt es sich bis ziemlich zum Rande, so läuft das Wasser durch seitliche Kehlungen in ein tiefer gelegenes Becken und vcrthcilt sich von diesem durch nach den verschiedenen Richtungen gezogene Rinnen über die ganze Gartenanlage. Kaum ist in den neun heißen Monaten des Jahres die Sonne erloschen, so beginnt der Eingeborene seine Bewässcrungsarbeit, sie stundenlang, in stumpfer Ein- förmigkeit und Beharrlichkeit, gleich geduldig wie das Zugthier an seiner Seite, oft lange bis Mitternacht ans- führend. Ein eigenthüniliches Tönen erfüllt dann die Pflanzungen. Wie ein schweres Stöhnen klingt es, wenn das niemals gefettete oder geölte Schöpfrad sich wider- willig um seine Axe dreht, um den vollen schweren Beutel aus demBrnnncn zu heben. Der morscheHolzmechanismus knarrt und ächzt bei seiner Arbeit, das Wasser plätschert laut und hell, wenn es jäh vom Beutel in das Becken schießt— dann ein abermaliges quietschendes Knirschen, aber einige Noten heller, fast wie ein wohlgefälliges Auf- lachen anzuhören, sobald der erleichterte Eimer in die Tiefe fährt— alle diese Töne geben eine bizarre Musik, die für Ten, welcher ein paar Jahre da unten seßhaft geworden ist, wenn er des Abends auf der Veranda seines Laiidhänschens lässig und träumend auf der Halfa- matte gestreckt liegt, den Klang lieber heimathlichcr Laute anninmit.— Das europäische Ocdland. Dieses Thema behandelt eine Dissertation R. Gricb's, deren Inhalt im„Globus" wiedergegeben wird: Theoretisch müßte man unter Oed- land alle die Ländcreien verstehen, die bei überhaupt möglicher Kultur derzeit entweder völlig crtraglos sind, oder� aber einer den Verhältnissen nicht entsprechenden, unwirthschaftlichen Benutzungsart unterliegen: thatsächlich rechnet nian dazu jeden Boden mit 1,20 Ntark Reinertrag pro Hektar und Jahr, oder noch weniger. Man trifft Ocdlnnd im der Ebene wie im Gebirge; Haide, Moor und Snmvf findet sich an beiden Stellen. Wissenschaftlich sind am besten zu unterscheiden Haide-, Sand-, Kalk- und Moor-Oedland. Die Gesammt-Oedfläche in Deutsch- land rechnet Grieb zu 3700000 Hektar oder etwa«>70 Ouadratmeilen heraus. In Preußen liegt die Haupt- inasse in der Provinz Hannover, wo die Lüneburger Haide etwa 200 Quadratnieilen groß ist; danach folgen Schleswig-Holstein, Westpreußen, Oldenburg, die Reichs- lande. In Oesterreich-IIngarn ist das Karstgebiet das klassische Wüstengebiet, welches 49,3 Prozent der Ge- sammtstäche der daran partizivirenden Provinzen umfaßt. Frankreich weist trotz opferwilliger Oedlandskultur immer- hin noch ungefähr 1400 Ouadratmeilen Oedland auf; Rußland ist das an Wüsteneien reichste Land Europas, wo in Südrußland etwa 18000 Ouadratmeilen dazu rechnen. In Italien bcläuft sich das Oedland auf etwa 18,2 Prozent der gcsammlen Laudesfläche usw., so daß die Gesammtsumme der europäischen Oedlündercien sich sicher auf über 22000 Ouadratmeilen beläuft, d. h. eine Fläche bedeckt, die ungefähr so groß ist wie Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Holland und Dänemark zusammen- genommen! Mit geringer Ausnahme des natürlichen Oedlandes ist das übrige künstlich durch Einwirkung des Menschen und seiner Wirthschaft hervorgerufen worden; wo sich heute unermeßliche Oedlandflächen ausdehnen, waren früher meist die schönsten Wälder. Nach der Mcimmg des Verfassers geht man nicht fehl, wenn man auch jetzt noch eine allmälige Zunahme der Ocdungen annimmt. Dadurch wird stetig das Klima verschlechtert, Kulturland versandet leicht, Ileberschwemmungsgefahre» drohen usw. Jedenfalls muß jeder Staat danach trachten, das Oedland in doppelter Beziehung nutzbar zu machen, direkt dadurch, daß es Erwäge abwirft, indirekt durch das Vcrschiviuden seines schädigenden Einflusses. Oedland muß Kulturland, d. h. je nach seinen besonderen Eigen- schaften Wald, Acker oder Wiesenland werden, doch eignen sich eigentlich nur die Moore der Ebenen zu landwirth- schaftlichen Zwecke».— Ein nettes Früchtchen. Die englischen Gelehrleu Grcnfell und Hunt haben auf dem Boden des alten Oxnhsynchos, des heutigen Banasseh in Ober- Aegypten, Ausgrabungen veranstaltet und aus den Schutthalden der alten Stadt eine Menge beschriebener Papyrusblätter und Fetzen zu Tage gefördert. Akten, Rechnungen, Briefe, selbst einzelne Gedichte sind ans diese Meise uns bekann» und neuerdings davon 158 kleinere und größere Texte in Druck gelegt worden. Unter den Briefen findet sich der fol- gende:„Theauos entbietet seinem Vater Theo» seinen Gruß. Das war ja schön von Dir, daß Tu mich nicht mit in die Stadt genommen hast. Wenn Du mich nicht mit Dir nach Alexandria nehmen willst, so werde ich Dir keine Briefe niehr schreiben und kein Wort mit Dir sprechen und Dir nicht Gesundheit wünschen. Und wenn Tu von Alexandria heim kommst, geb' ich Dir keine Hand und grüße Dich überhaupt nicht mehr. Das geschieht wahrhastig, wenn Tu mich nicht hinkonimen lassen willst. Und auch Mama hat dem Archelaos(wahrscheinlich ist das der Herr Großvater des Schlingels!) gesagt:„Es ist empörend, daß er ihn nicht mitnimmt." Aber schön war es von Dir, daß Tu die großen Zuckerschoten schicktest. Sie haben mir vorgeschwindelt, daß Tu dort schon am 12. abführest. Schick mir, bitte, auch eine Trinkschale. Wenn Tu's nicht thust, est" ich nicht und trink ich nicht. Doch genug. Lebe wohl. Am 19. Tybi. Abzuliefern dem Theo» von seinem Sohne Theonas."— Im Jahre 1709 hatte man zu London ein Ballet vorgestellt, in welchem die monarchische Gewalt und der republikanische Staat figurirten. Der Monarch, mit einem großen hölzernen Sccpter in der Hand, gab nach einem lächerlich gravitätischen und etwas schwer- fälligen Eutre pas(Kreuzsprung beim Tanzen) seinem ersten Minister einen derben Tritt in den Hinteren, welcher einem Ztveitcn, dieser einem Dritten ihn wieder- gab. und der Letzte traf nach dem Beispiel des Monarchen eine Art von ftummer und unbeweglicher Person, die Alles stillschweigend lilt, ohne sich an Jemand zu rächen. Man braucht es wohl nicht erst zu sagen, daß diese stumme Person das Volk vorstellte. Tie republikanische Regicrungsfornl ivar durch einen Eontretanz vorgestellt, der lebhaft und leicht in Reihen herumging, wo Alle sich an der Hand haltend und wechselweise die Plätze vcr- ändernd, ihre» Kameraden antworteten, so>vie anch jeder Tänzer mit frohem Muthe seiner freien Phantasie folgte. MercUr. Der Arme, dex sich ganz von unten herauf arbeiten muß, wird, wenn wirklich etwas Bedeutendes in ihm liegt, wohl immer undankbar gescholten werden. Denn er hat eine Legion von Wohlthätcrn und begegnet auf jedem Schritt Einem, der von ihm verlangt, daß er sich bücken soll; stets krumm zu gehen, ist aber doch keinem Menschen möglich.— Friedrich Hebbel Nachdruck des Jtthalts verbotri«! Tierammertlicher Redakteur: Oscar»übt iu Charlonenburg.— Verlag: Hamburger Buchdr»i!-rei und Berlagsanstall Auer it de. tu Hamburg.— TnttT: Mar Babing in Berlin.