Nr. 1 %Uuflvivic 3 tri£ crUa( UnT0sb ci tage. 1899 lK- Ail'ettcinten des Lebens. I. �ch bin nicht überflüssig hier, Du kannst niich brauchen," sagte Lena langsam,„das be- ruhigt mich!" Sie hob das bräunliche Gesicht und sah den Bruder sinnend an.„Was Du siir Falten auf der Stirn hast, Fritz!" Sie fuhr leicht mit der Hand über- seine Stirn.„Mein Bruder, sind es Sorgenfalten? Meinetwegen? Bist Tu nicht glücklich?" „Glücklich?" Er lächelte, aber es war ein etwas bitteres Lächeln.„Natürlich. Ich habe ja Alles, lvas das Herz begehrt. Ich mache mir nur oft Sorge um Dich. Noch haben wir unsere gute Mutter; aber wie lange?! Ich kann Dich mir nicht allein in der Welt vorstellen, Du bist nicht die Person dazu. Es wäre mir direkt unangenehm, Dich in Pensionen und dergleichen zu wissen— hm." Er räusperte sich.„Sage doch nicht, Lena, daß Du nicht mehr an's Heiraihen denken willst; das ist Unsinn! Einmal gemachte bittere Erfahrungen mahnen nur zur Vorsicht, aber sie brauchen nicht für immer abzuschrecken!" Sie schüttelte den Kopf:„Mir graut vor der Liebe, Fritz. Ich mag nicht mehr. Die Freude Ut so kurz— und dann all die Thränen!" Ihr Besicht wurde bleich.„Hab' ich den— den—" ste stockte und zögerte den Namen auszusprechen, „den— ach, Du weißt schon!— nicht geliebt? Schien er mich nicht zu lieben? Und doch war's nichts, wieder nichts! Er hat sich mit der Reichen verlobt, jetzt heirathen sie bald." Sie legte den Kopf aus den Tisch und weinte. Jetzt promenirt er mit ihr über die Linden, oder sie schlendern durch den Thiergarten. Es ist nicht darum, aber"— sie schluchzte heftig auf—„es ist die Enttäuschung; 'ch kann keine mehr ertragen. Paß auf, noch eine, und ich sterbe dran. Ich will-dann auch sterben!" „Lena, Lena, Du bist kindisch heftig!" Sein schon ergrauender Kopf schmiegte sich an ihren dunklen Scheitel. Kleine Schwester, soll ich Dich mal wieder Kosten, wie ich Dich so oft als Kind getröstet habe? Weißt Du noch, wie Du heultest, wenn Du nach- sthm mußtest oder einen Tadel bekommen hattest vder ein schlechtes Zeugniß?" Sie schluchzte noch immer. „Nur singen konntest Du gut, da bekamst Du 'vnner Nummer eins. Weißt Du noch, wie ich Dich auf den Schoß nahm, wenn Du untröstlich warst? Hier auf diesem linken Knie hast Du oft gesessen, Minier auf dem linken, Deinen zerzausten Kopf stecktest Du unter meinen Rock—" „Ja," sie hob rasch das Gesicht vom Tisch, »ich konnte fühlen, wie Dein Herz schlug � ja. und dann mußtest Du den Nock ganz über meinen Roman von Clara Viebig. Kopf ziehen; ich dachte, dann könnte mir garnichts Schlimnies passiren!" „Und dann steckte ich Dir einen Groschen in die Hand und sagte: Lauf, hol' Dir Bonbons!" „Ach," sie lachte ans,„die sogenannten Klümp- chensl Von der alten Frau in dem kleinen Lädchen. So gut hat mir nie mehr was geschmeckt. Die rothcn aß ich besonders gern." „Ja, und ich Unglücklicher"— er lachte gut- miithig—„bekam dann auch eins in den Mund gesteckt, eins, das Du schon vorher tüchtig beleckt hattest; Du trenntest Dich so ungern davon. Ja, ja, so war's, Lena!" Sie lachten Beide, und dann blickte das Mädchen um sich, wie ans einem Traum erwachend. Sie saßen im Garten hinter dem Hans; über ihnen eine Esche. Die zum Schirm gezogeneu schlanken Zweige hingen fast nieder auf das runde Tischchen. Die untergehende, schon blasse Herbstsonne lugte schräg durch Blätterwerk und zog helle Streifen über die Tischplatte. Sie gab auch dem braunen Lockengekräusel über der Mädchenstirn einen goldenen Schimmer. „Lena!" sagte der Bruder plötzlich und griff nach ihrer Hand. Er sagte nicht:„Wie hübsch Du bist!" aber er dachte es. Sie sah ihn zärtlich an, und dann schweiften ihre Augen über den Garten, über die Mauer nach den Bergen, die sich dort, gebadet in Glanz, erhoben. Rosige Abendwolken standen hinter ihnen. Man hatte eine schöne Aussicht von der kleinen Erhöhung an der Gartenmauer. Die blaue Mosel sah man nicht, die lag zu tief, aber jenseits der Berge mit ihren rothen Felswänden, ihrem dunklen Grün und den angeklcxteu weißen Häuschen. „Komm hin!" sagte Lena. Sie standen Beide auf; Hand in Hand gingen sie über den berasten Weg die paar Stufen hinan. Nun lehnten sie an der bröckligen Ntauer und starrten schweigend in den farbenglühenden Himmel. Sie ließen sich nicht los, sie standen noch immer Hand in Hand. Ein Lüftchen kam und wehte dem Manne die seidenen Ntädchcnhaare nin's Gesicht. Er zog die Schwester noch enger an sich. Jetzt sah man's erst, wie sie sich glichen; dieselben Augen, dieselben Nasen, auch den gleichen volllippigen Mund mit tiefen, eigensinnigen Winkeln. Selbst die Gestalten waren von einer Größe, der Mann kaum einen Fingerbreit höher als das schlanke Mädchen. „Wie schön die Berge sind und der Hinunel— ah, das thut gut!" Der Luftzug war stärker gc- worden. Mit einem Seufzer lehnte Lena den Kopf an die Schulter des Bruders.„Wenn ich hier so mit Dir stehe, begreife ich nicht, daß ich wieder fort will— nein, ich hielt's doch nicht aus in der kleinen Stadt, immer mit denselben Menschen und immer das gleiche Gerede! Freilich, wen» der Sommer kommt und man in der großen Stadt so eingesperrt ist, dann mag ich da auch nicht sein. Dann be- greife ich nicht, wie man in Berlin leben kann," setzte sie kleinlaut hinzu.„Fritz, warum ich nur immer so unruhig in mir bin? Da ist ininier ein Sehnen, ein Auf und Nieder— hätt' ich doch endlich Ruh'! Verstehst Du mich?" Er sah besorgt auf sie, dann zog es wie Aerger über sein Gesicht.„Du bist aus den sentimentalen Backfischjahren mit ihren eingebildeten Empfindungen längst heraus, Lena. Nimm Dich ein Bischen zu- sammen, dann vergehen die Duseleien. Ich habe Dich wahrhaftig lieb, aber schon als Du noch Kind warst, mochte ich das an Dir nicht leiden; Du schwankst umher, Du irrst von Einem zum Anderen. Man spricht von.Kiinstlernatureitt,— ich wünsche Dir gewiß, daß Du eine Künstlerin wirst, aber die betreffende Natur wünsche ich Dir nicht dazu." „Ich mir auch nicht," sagte sie leise. „Meiner Ansicht nach kann ein wahrer Künstler auch garnicht solche Natur gebrauchen. Da giebt's kein Schwanken, kein Auf und Nieder von Stim- mnngen; unentwegt auf ein Ziel los, nur so kann er etwas erreichen." „Mei— nst Du?" Sie zog das.Meinst Du' ganz lang und schüttelte den Kopf.„Dn verstehst mich nicht." Ihre Stimme klang traurig.„Du weißt nicht, wie das hier drinnen zugeht—" sie klopfte sich mit der geballten Hand auf die Brust— „iiiciii möchte, und man kann nicht. Man fühlt, daß man auffliegen könnte, und doch kriegt man immer wieder einen Schlag auf den Kopf. Man tappt überall herum und sucht Hülfe." „Und verliebt sich darum so leicht," warf er halb neckend, halb vorwurfsvoll ein.„Lena, Lena, wie froh würden die Mutter und ich sein. Dich in einem ruhige» Geleise zu sehen. Mir ivär's ja am liebsten, Dich einmal später für immer bei mir im Haus zu haben, aber—" „Nein, nein, nein!" Ein Schauder ging ihr über den Leib und dann, als fürchtete sie, ihn be- leidigt zu haben, schnellte sie von seiner Schulter auf und warf ihm beide Arme um den Hals.„Mein lieber Bruder!" „Ich weiß," murmelte er,„Du und Amalie, ihr seid zu verschiedene Naturen, ihr versteht euch nicht." „Sei nicht böse! Mein Bruder!" Sie hielt ihm den Mund entgegen. „Meine Schwester!" Er kiißte sie auf die Lippen und dann flüsterte er, kaum seinen Mund von den 1 Die Neue Welt. Illnstrirte Unterhaltungsbeilage. ihren hebend:„Weißt Du noch, Lena, ich sagte immer zn Dir, ,mein Biederweibchen?' Dn warst noch so klein, Du konntest nur wenig Schritt halten, aber Du liefst tapfer neben mir her!" „Ja, ich ließ Deine Hand nicht los, ich war so stolz, wenn Du statt mit Deinen großen Herren und Damen mit mir gingst. Weißt Dn noch, unsere Spaziergänge an meinen schulfreien Nachmittagen? Wir suchten Blumen und Beeren, Du machtest mir einen Kranz und küßtest mich. Dn sagtest: ,B!eiu Biederweibchen'. Da war ich so selig, daß ich ordent- lich fühlte, wie mir das Herz gegen die Rippen schlug." Lena war roth geworden, die Thränen schössen ihr in die Augen.„Sag's noch einmal: .Mein Biederweibchen'! Bitte!" Er lächelte, aber es klang gerührt:„Mein Bieder- Weibchen!" Die Geschwister standen wie ein Liebespaar. Ihre Gestalten waren jetzt von Sonnengold uni- flössen; die warmen Lichter glitten an dem hellen Kleid des Mädchens auf und nieder. Beide nah zu einander geneigten Gesichter hatten denselben röth- lichen Schimmer; plötzlich vertiefte sich dieser, sie fuhren auseinander. Vom Haus her klang eine Frauenstimme:„Fritz, Fritz!" „Amalie ruft," sagte der Mann und ließ den Arni sinken, der die Taille der Schwester umschlungen hatte.„Ja, wir kommen schon, Amalie!" „Dachte ich's doch! Ihr seid hier? Ich will das zärtliche tste-ä-tZts nicht stören!" Die große Frau, die mit langen Schritten über den berasten Gartenweg daher kani, hob kaum die Zähne von einander, jedes Wort schien ihr zu viel. Ihre Stimme war merkwürdig klanglos. Sie beachtete die Schwägerin garnicht und wandte sich nur an ihren Mann.„Es ist eben eine Einladung von Weiherhof's gekommen für morgen; große Partie auf den Kockelsberg. Ich habe zwar Nachmittags erst Visitation der Kleinkinderschnle, dann muß ich einen Augenblick zu den Diakonissen; aber dann komme ich sofort nach Haus, ziehe mich um, Du gehst dann einfach mit mir nach. Wir werden uns eventuell einen Wagen nehmen; gar kein Gegenstand." „Und Lena? Soll sie mit den Anderen gehen oder auf uns warten?" fragte der-Mann. „Lena—?" Die große Frau öffnete die kalten klarblauen Augen weiter.„Lena ist garnicht mit eingeladen!" „So— dann verzichte ich." „Was— Du willst deswegen nicht annehmen?" Das blasse Gesicht der Frau wurde dunkelroth, man sah, wie ihr das Blut zu Kopf schoß.„Einfach lächerlich! Lena wollte ja keine Besuche machen," setzte sie mürrisch hinzu. „Ich? Du hast mich garnicht dazu aufgefordert!" Des Mädchens Augen funkelten,„llebrigens"— ihr Blick streifte rasch das verfinsterte Gesicht deS Bruders—„ich mache mir nichts aus Einladungen, ich bleibe lieber zu Hans." „Das dachte ich mir auch," sagte die Schwägerin rasch.„Lena macht sich nichts ans unseren klein- städtischen Vergnügungen, und dann"— sie hob die schmale Lippe spöttisch—„in unseren Kreisen findet sie wenig Nahrung für ihre extravaganten Ideen. Bei ihrer sogenannten Künstlergesellschaft in Berlin mag sie besser am Platz sein; ich muß gestehen, ich käme um in solcher Luft. Komm, Fritz," sie nahm seinen Arm,„das Abendessen ist fertig. Die Kinder warten noch auf Dich mit dem Beten!" Sie zwang ihn, seinen Schritt ihrem eigenen, weit ausholenden anzupassen. Ihr seidenes Kleid raschelte. Frau Amalie Langen trug meist seidene Kleider, auch im Hause. Prall spannte sich der schmiegsame Stoff über ihre volle Büste, ihr stattlicher Körper bot eine vortheil- hafte Auslage; ihr Vater, der reiche Seidenfabrikant im Wupperthal, wußte das, er schickte der Tochter immer die neuesten Muster. Langsam schlenderte Lena hinter dem Ehepaar drein. Da war das Beet mit Georginen, ringsum von abgezirkeltem Buchsbaum eingefaßt. Sie waren der einzige Blumenschmuck im Garten. Frau Langen war nicht für Ueberflllssiges, nur diese steifen färben- strotzenden Dinger liebte sie; jetzt blühten sie in voller Pracht. Nachdenklich blieb Lena am Beet stehen und hob eine der dickköpfigen Blllthen an ihre Nase— kein Duft, kein Honiggernch, wie ihn selbst die wilde Feldblume entwickelt; kalt berührten die glatten Blätter ihr Gesicht. Warum sie dabei nur immer an ihre Schwägerin denken mußte? Ein Seufzer hob ihre Brust:„Mein arnier Bruder!" „Lena, wo bleibst Dn?" Mit eiligen Schritten kam Langen zurück, die Stufen der Veranda her- unter; er faßte nach der Hand der Schwester.„Bist Du böse, Lena? Beleidigt?" Er seufzte.„Du mußt das nicht so auffassen, Anialie hat eben eine, eine" — er stockte und suchte nach dem Ausdruck—„eine etwas andere Art. Aber sie ist ein vortrefflicher Charakter. Man muß sie nur zu nehmen wissen." „Und verstehst Du das?" Lena hob die Augen; sie leuchteten klug aus dem bräunlichen Gesicht. Langen biß sich auf die Lippen.„Sie liebt mich," sagte er ausweichend. „Wer sollte Dich nicht lieb haben?" Sie lächelte ihn zärtlich an.„Du guter Mensch!" Sie rieb die weiche Wange an seiner Schulter immer auf und nieder, wie ein junges Fohlen sich an der Mutter reibt. „Komm, wir wollen Amalie nicht warten lassen, sie liebt das nicht." Die Geschwister gingen miteinander in's Haus. In der Veranda war der Tisch gedeckt; im ver- dunkelten Zimmer dahinter hoben sich schwer ge- schnitzte Möbel undeutlich von den Wänden, Alles solide, wie für die Ewigkeit gemacht. Jedes Stück kostete eine Summe, das sah man auf den ersten Blick. Aus dem Boden kein Teppich, der brachte nur Staub; ungehindert glitt man über spiegelblankes Parkett. Frau Amalie Langen war berühmt wegen ihres Parketts und ihrer Einrichtung; sie hielt auch etwas darauf. Es war eigentlich gar keine Einrichtung für einen Beamten mit bescheidenem Gehalt; Land- gerichtsrath Langen hätte sich ans eigenen Mitteln das auch nicht leisten können. Beamtensohn ohne Vermögen— da giebt's nur ein Achselzucken. Die Welt fand, er hatte sehr klug gethan, daß er als Amtsrichter in dem kleinen Nest im Bergischen zu den Gesellschaften und Juristenbällen nach Elber- feld hinüberfuhr. Die schöne Amalie Barminghans hatte sich unrettbar in ihn verliebt, soweit das bei ihr überhaupt möglich war. Jedenfalls vertieften sich ihre hellen, kühlen Augen, wenn er in den Saal trat; ihre Blicke spähten umher, verfolgten ihn von Dame zu Dame, bis er endlich vor ihr stand. Ihr große, weiße Hand umspannte dann den kostbaren Fächer fester, ihr makelloser, blendender Hals hob und senkte sich unter lebhafteren Athemzügen. Papa Barniinghaus war nicht für Bälle, seine Tochter bis dahin auch nicht. Jetzt fand Fräulein Amalie auf einmal Geschmack daran. „Wenn sie nur das Haar nicht so glatt aus den: Gesicht gestrichen hätte! Wie ein Dienstmädchen," dachte Amtsrichter Langen, und beim Kotillon sagte er ihr, wie reizend er ungezwungene lockige Frisuren fände.„Sie sollten meine kleine Schwester sehen, Fräulein Barminghans, sie ist noch ein Schulmädel, fünfzehn Jahre jünger wie ich; es giebt nichts Ent- zückenderes, als diesen braunen Struwelkopf!" Sie verzog die Lippen, ohne zu antworten; aber als er am nächsten Sonntag zum Diner die Villa ihres Vaters betrat, kam sie ihm entgegen, das blonde Haar in Locken gebauscht und tief in die zu hohe Stirn frisirt. Da sah er erst, daß sie schön war. Es war ftirchtbar viel Verwandtschaft da; die Frauen seidenrauschend, die Männer mit dicken Uhr- ketten, brillantberingt und schwerste Zigarren rauchend. Das Gespräch drehte sich um Seide und Sammet und Eisenindustrie. Bekannte Firmennamen schwirr- ten, man spielte Fangball mit Riesensummen: der Mammon saß oben am Tisch und nickte langsam mit dem Kops. Der junge Amtsrichter war etwas verblüfft, die Großartigkeit der geschäftlichen Transaktionen ini- ponirte ihm; Tausende waren garnichts und andere Weltgegenden nur so„nebenan". Noch mehr aber langiveilte er sich. Innerlich gähnte er, er blickte seine Nachbarin, die Tochter des Hauses, von der Seite an; hatte sie's auch nicht gemerkt? Gottlob, ihre Nasenflügel zitterten, sie verbarg auch heimlich ein Gähnen. Nach dem Kaffee promenirte man durch den Garten. Es war nahendes Frühjahr, die Wupper ging hochgcschwellt, ihr Wasser tintenschwarz gefärbt von den Abflüssen der Fabrik. An anderen Villen- gärten mochten die Wellen grün, roth, blau vorüber- fließen... hier die eine todte Tranerfarbe; Papa Barminghans fabrizirte vorzugsweise schwarze Seide. Die scheue Märzsonne vergoldete das mattblonde Haar der jungen Dame; außerordentlich vortheilhaft hob sich ihr regelmäßiges Gesicht mit dem reinen Teint von dem dunklen Pelzwerk ab. Der große Sealkragen verdeckte das gestreifte schwarzweiße Sei- denkleid mit dem Besatz von echten Points; die ganze massive Gestalt bekam etwas Weiches, Schmieg- sames. Selbst ihre Stimme klang weicher wie sonst, als sie nun sagte:„Die Fastenzeit ist vor der Thür, wir besuchen jetzt selbstverständlich keine Gesellschaften mehr, Herr Amtsrichter— es thut mir leid!" Er hätte fragen sollen:„Warum thut's Ihnen leid?" Aber er traute sich nicht, er wußte, sie würde sagen:„Weil wir uns dann nicht mehr treffen" — oder war sie zu wohlerzogen, um so etwas zu verrathen? Als sie Seite an Seite über die sauber geharkten, kiesbestreuten Wege schritten, an deren Rändern unter'm Buchsbaum sich noch schmale Schneestreischen versteckten, fröstelte es ihn; und doch leckte die Sonne alles blank und rein. Die Strahlen waren scharf, aber sie wärmten noch nicht. Nach einer Pause, in der nichts zu hören war, als das Rauschen des schweren Seidenstoffes, sagte er:„Ich werde mir erlauben," mich zuweilen per- sönlich nach Ihrem Befinden zu erkundigen, Fräulein Barminghans!" Sie wurde über und über roth; es war ein Vergnügen, unter ihrer klaren Haut das Pulsiren des Blutes zu beobachten. An der Thür des Garten- saales küßte er ihr die Hand, dies Rothwerden schmeichelte ihm. Sie war doch ein schönes, stolzes Mädchen— und dazu dieser Reichthum! Nicht, daß Amtsrichter Langen auf Geld Jagd gemacht hätte, das lag ihm fern; aber es war schön, sich zu sagen:„Du kannst dann gleich fiir deine Mutter sorgen, die, schon so lange Wittwe, doppelt auf ihren einzigen Sohn angewiesen ist." lind Lena—?! Vor ihn, auf die Schwelle des Garten- saales, trat plötzlich das kindliche, bräunliche Mäd- chen, schüttelte die zerzausten Locken und sah ihn aus runden, glänzenden Kinderaugen bittend an. Sie war so ninsikalisch, sie wollte gern Musik sin- diren; er war ihr Vater und Bruder zugleich � niußte er nicht etwas fiir sie thun? Und hier an der Wupper lag er förmlich in der Luft, dieser Wunsch nach gutem Auskommen und gesicherter Position; es roch nach Geld. Er gab sich einen Ruck:„Fräulein Barminghans, ich hoffe, es ist Ihnen nicht unangenehm, wenn ich konime?" Sie lächelte nur, blickte rasch auf und schlug ebenso rasch die Lider nieder. Tann waren sie in den Saal getreten zu der seidenrauschenden, brillantberingten Verwandtschaft; die Atmosphäre satten Wohlbehagens und absoluter Wohlanftändigkeit nahm sie auf. Im Sommer hatten sie sich verlobt.---- „Fritz, fall' nicht," sagte Lena und faßte nach der Hand des Bruders; er war im Halbdunkel gegen eine prachwolle, metallbeschlagene Truhe gerannt. „O, hast Tu Dir wehe gethan? Du warst wohl in Gedanken?" „Fritz, kommst Du endlich?" tönte Frau Ama- liens Stimme ziemlich scharf aus dem Nebenzimmer. Die Geschwister traten ein; es war das Schlaf- zimmer der Kinder, mit einer ungeheueren Sauber- keit und Akkuratesse eingerichtet. Die Spielsachen regelrecht auf dem Tischchen in der Ecke aufgeschichtet; kein Höschen, kein Röckchen, kein Strümpfchen um- hergestrent, Alles glattgestrichen und zusammengelegt. Blllthenweiß die beiden Betten, und in den Kissen 3 ine zwei Kinder in ihren langen Weißen Nachtkitteln knieend, die Hände wie anbetende Engel gefaltet. Zwischen den Betten kniete Amalie,- sie wandte nur einen Augenblick den Kopf, als die Geschwister leise herein kamen. Sie betete vor, viel zu hohe, unverständliche Worte. Aber die Kinder falteten die Hände wie die Mutter, sie bewegten die Lippen wie die Mutter; der Junge war ganz bei der Sache, das kleine Mädchen jedoch drehte blitzschnell den Kopf, als die Thür knarrte:„Papa, Papa!" „Lora, bete," klang die strenge Stimme der Mutter. Sie beteten weiter, nun waren sie am Schluß. „So— nun seid Ihr gute Kinder! Gute Nacht!" Ein leichter Kuß auf die beiden reinen Stirnen, dann wandte sich Frau Langen zu ihrem Mann: „Du hättest wohl auch eher—" Der helle Kindcrjubel schnitt ihr das Wort ab: „Papa, Papa!" Der Junge machte Miene, aus dem Bett zu springen, Lora richtete sich kerzengerade in den Kissen aus. Jetzt glitt ein seliges Lächeln über ihr süßes Gesicht, sie hatte Lena erblickt, die im Halbdunkel an der Thür lehnte.„Tante Lena," jauchzte sie und streckte die Arme aus. „Ruhe," gebot die Mutter; ihre große Gestalt schob sich wie eine Wand vor die Betten.„Fritz, ich wünsche nicht, daß die Kinder Abends nach ihrem Gebet noch abgelenkt werden. Du hättest eher kommen sollen. Gut' Nacht. Seid still!" Ohne Wort verließ Langen hinter seiner Frau die Stube. Zögernd sah sich Lena an der Thür noch einmal um; Walter hatte den Kopf in's Kissen gedrückt, aber Lora saß ausrecht. Ter Laden vor'm Fenster war angelehnt, durch den Spalt fiel ein matterSchimmer scheidenden Tages- lichts mitten auf das schöne Kindergesicht. Die Augen waren groß, mit einem merkwürdig sehnsüchtigen Aus- druck emporgerichtet. Es durchschauerte Lena eigenthümlich; sie lief rasch auf das Bett zu und schlang, niederknieend, die Arme um den zarten Körper. Ihr Kopf ruhte an der warmen kleinen Brust, sie flüsterte:„Hast Du Tante Lena lieb, Lora? Und den Papa auch? Sehr lieb, ja?" Das Kind nickte mehrmals hintereinander, dann lehnte es sich zurück in die Kissen und sagte schläfrig: „Tante Lena, singen!" „Zwei Englein, die mich wecken, Zivei Englcin—" Lena schüttelte verneinend den Kopf:„Nicht das Lied, Lora!" Ihr wurde bange vor den großen, sehnsüchtigen Kinderaugen. Ich will Dir etwas singen vom.Marienkäfer' oder vom.Sandmann', von dem.schwarzen und dem weißen Schaf'." „Nein!" Lora stieß mit den Beinen die Decke tiefer herunter.„Zwei Englein! Zwei Englein!" Lena sang: „Zwei Englcin, die nach wecken, Zwei Englcin, die mich decken, Zwei Englcin, die mich weisen, Zum himmlischen Paradeise!" Weich klangen die halblauten Töne durch das stille Zimmer. Da— auf der Veranda heftiges Stuhlrücken, man hörte es bis hierher. Lena sprang hastig auf jetzt drang auch die Stimme der Schwägerin s. durch; sie klang erregt! Nun gedämpfte Worte des Mannes— und nun die Frauenstimme noch ein- mal, noch erregter! Lena huschte zur Schlafzimmerthür hinaus, neben- an im Dunkeln stieß sie auf den Bruder. „Komm", flüsterte er,„Amalie wartet nicht gern!" Sie traten in die Veranda. Am gedeckten Tisch, obenan, saß Frau Langen, den Rücken nach dem Garten gekehrt. Die Gasampel brannte schon, ihr grelles Licht kämpfte mit der weichen Dämmerung draußen. Das Silber blinkte auf dem steif gestärkte» Tischtuch, die Schüsseln dampften. „Barben mit frischer Butter und Petersilien- kartoffeln. Iß, Fritz!" Amalie reichte ihrem Manne die Schüsseln. Lena, die ihr gegenüber saß, schien sie nicht zu bemerken; als sei da leere Lnft, so blickte Frau Langen über sie weg. „Hier, Lena, nimm Du auch," sagte Langen und hielt der Schwester die Schüssel. Schweigend langte Lena zu; sie hätte lieber nichts gegessen, die Art und Weise der Schivägcrin schnürte ihr die Kehle zu. Draußen hatte sich der Nachtwind aufgemacht und wisperte in den Bäumen; eine der Glasscheiben war geöffnet, ein wunderbar erquickender Duft nach Grün und nächtlicher Frische kam herein. Ein Falter, vom Lampenlicht gelockt, taumelte über den Tisch und verfing sich in Amalies blondem Haar. „Aeh, das garstige Thier!" Sie riß ihn herab und trat ihn auf dem Boden todt.„Pfui, was giebt das für einen ekligen Fleck— Fritz, mach das Fenster zu, es zieht unerträglich!" (Fortsetzung solgt.) & Wom aligriechischen Fheaier. Von G. West. Her unvergängliche Zauber, der die Werke der alten griechischen Poesie umfließt, hängt mit dem naturgemäßen Bildungsgänge zusammen, dessen sich die Kunst bei den Griechen wie bei keinem anderen Volke zu rühmen hatte. Und daß hinwiederum das Theater der Träger der Gesammtbildung Griechen- lands werden und bleiben konnte, erklärt sich, so sonderbar es vielleicht auch für den ersten Augen- blick erscheinen mag, aus seinem innigen Zusammen- hang mit dem religiösen Kultus. Die dramatischen Darstellungen iin Theater waren ursprünglich nämlich nicht ein Gegenstand bloßer müßiger Unterhaltung, sie bildeten vielmehr einen wesentlichen Bcstandtheil des Gottesdienstes, der vom Volke selbst zur Bethätigung seines Glaubens ver- anstaltet wurde. Auf den Dienst des Dionysos sind die Anfänge des griechischen Theaters zurück- zuführen. Der Dithyrambos, das Festlied, durch welches die großen Thaten und Leiden dieses Gottes ver- herrlicht wurden, enthält die Keime der tragischen Poesie, wie die ausgelassenen Gesänge festlichen Jubels, die Phallosgesänge, die der Komödie. Der Name Komödie hängt mit diesen muthwilligen Gesängen und Festzügen unmittelbar zusammen, während der der Tragödie aus den schädlichen Feind des Weinstocks, den Bock taeZos), der unter Gesang dem Gotte geopfert wurde. Dionysos aber war nicht sowohl deshalb Gegenstand so hoher Verehrung, weil er den Menschen die Freuden des Weins gespendet, als vielmehr weil er durch An- bau und Pflege des Weinstocks, wie Demeter durch den Ackerbau, Kultur und Zivilisation auf die Erde und unter die Menschheit gebracht hat. Und so- wurden ihm zu Ehren jährlich vier Feste begangen, die, sännutlich Weinfeste, an die einzelnen Phasen der Entwickelung des Weinstockes bis zur Vollendung des gottgegebenen Trankes sich anschlössen: die großen oder städtischen Dionysien, das Fest der Rebenbliithe, um die Zeit der Frühlingsnacht- gleiche, wo die Macht des Winters gebrochen war und der Segen des neuen Jahres sich vorbereitete; das zweite zur Zeit der Weinlese, die ländlichen Dionysien; das dritte, das Kelter fest, dieLenäen, um die Zeit der Wintersonnenwende, und viertens die Aethesterien, etwa im Februar, wo der erste junge Wein vom neuen Fasse getrunken wurde. Alle diese Feste, besonders die Leimen und großen Dionysien, waren durch feierliche Auf- und Umzüge theils ernsten, theils heiteren Charakters ausgezeichnet. Im Reigentanz um die ranchenden Altäre des Gottes ziehend, besang nian die Thaten des Dionysos, seine Kämpfe und Siege. Ein Chorführer begann das Lied, der Chor stimmte ein. Allmälig begnügte man sich nicht mehr mit diesen einfachen Weisen. Tie Rede sonderte sich mehr und mehr vom Gesang und gewann an Selbstständigkeit. Ans Rede und Gegenrede des Chorführers und der übrigen Chor- tänzer, der Choreuten, entwickelte sich innerhalb des Chores selbst, der die Rollen an seine einzelnen Mitglieder vertheilte und gewissermaßen ein Drama unter sich spielte, der Dialog, und mit ihm entstanden die ersten Anfänge des Dramas. Aber freilich das lyrische, d. h. das gesangliche Element und die orchestische Darstellung, d. h. die Darstellung durch den Tanz, blieben noch sehr überwiegend. Endlich führte Thespis um 500 v. Chr. einen nicht zum Chore gehörenden besonderen Schau- spieler ein, und damit war die Entwickelung des Dramas als einer besonderen Dichtgattung ent- schieden. Zwischen dem Schauspieler und dem Chorführer wechselte nun die Rede, der Chor siel seltener mit seinen Gesängen ein. Mit diesem Schritte war aber auch in Bezug auf die Wahl des Stoffes eine freiere Bahn geöffnet. Die Gegenstände des Gesanges und der Darstellung wurden mannigfaltiger. Nian beschränkte sich nicht mehr auf Dionysos und seine Verherrlichung, man feierte, zuerst zum Ver- druß und nicht ohne Widerstreben der Festgenossen, auch andere Gottheiten und Heroen. So behandelte man beispielsweise mit besonderer Vorliebe den trojanischen und thebanischen Sagenkreis und zog zuletzt auch die Geschichte der Gegenwart, wie z. B. Aeschylos in den„Persern", in den Kreis der Dar- stellung. Nur das Satyrdrama erhielt die alten Beziehungen zu Dionysos im Chor aufrecht. Die Satyren, die Begleiter des Dionysos, machten darin den Chor ans, und diese Gattung trennte sich jetzt von der eigentlichen Tragödie ab und trat als selbst- ständiges Festspiel auf. Jetzt begann auch die all- mälige Gestaltung und Gliederung des für die Dar- stellung erforderlichen Festlokals, des Theaters, dessen Name von dem zuschauenden Theile der Festtheilnehmer entnommen ist. Ursprünglich war nämlich bei den Reigentänzen und Gesängen zu Ehren des Dionysos die gesammte, aus dem ganzen Volke bestehende Festgemeinschaft zugleich schauend, tanzend und singend betheiligt, etwa wie heutzutage bei kirchlichen Prozessionen, nur daß diesen der Tanz fehlt. Wo die versammelte Gemeinde ihren festlichen Umzug hielt, da sang und tanzte sie. Erst als die Menge des Volkes immer mehr zunahm, sonderten sich in natürlicher Weise von der großen Masse die geübteren Sänger und Tänzer aus, so daß die Einen gewissermaßen im Namen und als Vertreter den Festreigen führten, die Anderen zuschauten und zuhörten, dann und wann wohl auch noch in den Chorgesang mit ein- stimmten. Allmälig aber schied sich das„Theater" im engeren Sinne, d. h. der Raum der zuschauenden Festgenossen von dem Raum, in welchem der Chor seine Neigentänze und Gesänge um den Altar des Gottes aufführte. Was nun das große Publikum besonders inter- essiren dürfte, das ist die Frage nach dem Grade der Kunstvollendung der griechischen Schauspielkunst, denn sicher dürfte man im Allgemeinen geneigt sein, dieselbe für ziemlich primitiv zu halten. Vielfach wird man überhaupt lächeln, von Schauspielkunst bei den alten Griechen zu hören. Die Griechen hatten ja unter Anderem kein Btienenspiel(wegen des in dem ungeheueren Schauspielraum nöthigen Schallrohres in der Maske), das zu wunderbarer Feinheit ausgebildet sein kann und bei vielen modernen Schauspielern unleugbar ist, wodurch der darzustellende dramatische Dichter geradezu wesentlich interprctirt werden kann; es fehlte das magische Licht der Lampen mit seinen nicht selten wunder- baren Effekten; es fehlte vor Allem das weib- liche Element: bei den Griechen gab es keine einzige Schauspielerin! Wie armselig, wie nüchtern muß eine solche Schauspielkunst erscheinen— da haben wir doch ungeheuere Fortschritte gemacht, wir dürfen wohl mit berechtigtem Stolze auf die antiken Hellenen in dieser Beziehung herabsehen, so unerreicht sie auch sonst dastehen mögen! Wir wollen sehen. Einstweilen glauben wir mit der Behauptung nicht zu viel zu wagen, daß die antike, speziell althellenische Schauspielkunst ans einer Höhe stand, von der sich unsere meisten modernen Schauspieler in ihrem Dünkel nichts träumen lassen. Ja, mehr als das: die antike schauspielerische Dar- stellung nahm den ganzen Menschen in Anspruch, stellte Anforderungen an ihn, verlangte Entsagungen, die zu erfüllen ein moderner Schauspieler wohl meistens nicht gesonnen wäre. 4 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Die Griechen haben im Gegensatz zu uns Modernen, wo man die Schauspielkunst mit wenigen Ausnahmen in: Grunde wild aufwachsen läßt, es für durchaus niithig erachtet, dem Schauspieler eine gründliche wissenschaftliche und technische Ausbildung zu geben. Der Schauspieler ist der Dolmetsch des dramatischen Dichters. Das Leben, das dieser seinen Gestalten eingehaucht hat, das und kein anderes soll er zur Anschauung bringen. Dazu gehört nicht nur die Fähigkeit, in die Natur und Eigenthiimlichkeit einer anderen Person sich hinein- zudenken und sie, als wenn es die eigene wäre, in Wort, Blick, Miene, Stimme, Haltung und Bewegung darzustellen— es ist vor allen Dingen das Ver- ständniß des Dichters nöthig. Dieses Verständ- niß erfordert umfassende Kenntniß und Bildung, und je höher der Dichter steht, desto tiefer ein- dringendes fortgesetztes Studium ist nothwendig. Die griechischen Dichter kannten die Wichtigkeit dieses Punktes so wohl, daß sie, namentlich nach Aeschylos, selbst die Hauptrollen übernahmen, für die übrigen Rollen aber solche Schauspieler auswählten, die sie für das Verständniß und die Darstellung als besonders geeignet kennen gelernt hatten. Mit diese» studirten sie die Rollen ein, und da sie bei der beschränkten Zahl der Schauspieler nur einen, zuletzt höchstens drei brauchten, so läßt sich ermessen, wie vollkommen die Schöpfungen der Dichter zur Auf- fiihruug kamen. Erst Sophokles ging, weil seine Stimme zu schwach war, von der Gewohnheit, selbst auszutreten, ab, und seitdem wurde nur noch aus- nahmsweise von den Dichtern gespielt. Noch auf eine andere Art aber sorgte man für die Tüchtigkeit der Schauspieler: sie mußten sich— einer Staatsprüfung unterziehen! Keiner wurde als dritter Schauspieler ohne Exanien zugelassen, und selbstverständlich war auch für die Rollen eines ersten und zweiten Schauspielers ein besonderer „Befähigungsnachweis" erforderlich. War aber die Prüfung bestanden, so durften sie ohne Weiteres in allen Rollen des Grades, den sie sich erworben hatten, auftreten. Dabei war es eine Hauptpflicht, um ein abgerundetes Ganze in der Darstellung zu ermöglichen, daß der Deuteragonist(zweiter Schau- spieler) und der Tritagomst(dritter Schauspieler) sich in jeder Beziehung, namentlich in Hinsicht der Stimme, der Rolle des Protagonisten(ersten Schauspielers) unterordnete». Wie fein künstle- risch! Wie verschieden von dem modernen leidigen Gebrauche, daß ein beliebiger Schauspieler, von oft sehr fraglicher Begabung, die anderen alle zurück- drängt und mit seiner Stimme ohne alle Rücksicht auf den Charakter der Rolle loslegt, wie das namentlich auf Gastrollen so Sitte oder vielmehr Unsitte ist! Diejenigen Dichter, welche ihre Schauspieler nicht selbst wählten, erhielten diese dnrch's Loos zngetheilt. Da die griechischen Schauspieler keinen Souffleur hatten, also ganz auf sich selbst angewiesen waren, so waren sie gezwungen, ihre Rollen zum sicheren Eigenthnm des Gedächtnisses zu machen. So konnte es nicht fehlen, daß sie sich ganz und gar in sie einlebten und sie in allen Theilen beherrschten. Auch ist wohl zu beachten, daß kaum je ein komischer Schauspieler in der Tragödie und um- gekehrt ein tragischer in der Komödie auftrat. Diese Beschränkung ist für die Vollendung der Kunst- leistungen nicht gering anzuschlagen, während heut- zutage gerade umgekehrt ein Beweis für die„Viel- seitigkeit" eines Schauspielers darin gesehen wird, daß er die disparatesten Rollen, heute diese, morgen jene, gicbt. Von solcher„Genialität" waren die gründlichen Schauspieler des Hellenenthums freilich weit entfernt. Mit großer Gewissenhaftigkeit bildete man die äußeren Hülfsmittel der Darstellung, Stimme und Körperbewegung, aus. Jede Gemiithsverfassung hat ihre besondere Tonfarbe. Anders spricht der Haß, der Zorn, die Liebe, die Wehmnth, einen anderen Ton hat die Freude, einen anderen der Schmerz. Auch nach Alter und Geschlecht ist das Organ verschieden. Ein Schauspieler, der ver- schicdene Stimmungen wahrheitsgetreu ausdrücken soll, muß der Stimme mächtig sein, ebensosehr auf Umfang und Fülle, wie auf Biegsamkeit und Weich- heit bedacht sein. Gilt das für alle Schauspieler, so ganz besonders für die Griechen, die nicht bloß zu recitiren, sondern auch zu singen hatten, überaus große Räume auszufüllen und Frauen- und Männerrollen zu spielen hatten, so daß ihnen die feinsten Schattirungen der Stimme zum Ans- druck der zartesten Gefühle wie der heftigsten Leiden- schaften zu Gebote stehen mußten. Und daß sie das vermochten, zeigen die begeisterten Aenßerungen über das Hinreißende ihres Spiels in Männer- wie in Franenrollen, zeigt der Ruhm eines Niköstratos, Kallipides, Myniskos, Polos zc., die zwar für uns tobte, kalte Namen sind, Namen jedoch, die noch. nach Jahrhunderten von den rauhen Römern in der Kaiserzeit gefeiert wurden. Hier dürfen wir mit Recht bezweifeln, ob das Wort Schillers„Den: Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze" auf Wahr- heit beruht. Von Polos ist bekannt, daß er, um den Schnierz um den Tod seines Sohnes wahrheitsgetreu dar- zustellen, die Rolle mit der echten Aschenurne dieses Sohnes gab, ein Experiment, das gewagt sein kann und das Johann Jakob Engel in seiner„Mimik" sogar verwerflich nennt, wobei aber das Verwerf- liche höchstens in der Ruhmredigkeit über diese That zu finden sein könnte. Zugleich aber erfahren wir, mit welchen Ent- behrungen die griechischen Schauspieler dieses Ziel erkauften. Sie unterwarfen sich der strengsten Diät, machten sich die größte Einfachheit und-Mäßigkeit zur Pflicht. Starke Esser und Trinker unter den Schauspielern wurden von der Komödie verspottet und ungenügende Leistungen ihrer Leckerhaftigkeit oder Unmäßigkeit zur Last gelegt. Der Tag war bis in's Einzelne geregelt. Zu bestimmten Tages- zeiten gingen die Schauspieler spazieren, liebungen im Singen und Rezitiren veranstalteten sie nie nach Tisch, sondern früh Morgens im Bette sangen sie die Tonleiter von den tiefsten Tönen bis zu den höchsten und so wieder zurück. Auch sitzend thaten sie das. Auf die Reinheit der Aussprache wurde die peinlichste Sorgfalt verwendet, wogegen in unserer Zeit selbst ans den größten Bühnen nicht selten schmählich gefehlt wird. Daran ist nun einmal nicht zu mäkeln, daß uns die alten Griechen in dieser Beziehung ganz bedeutend„über" waren. Die Griechen hatten ein so feines Gehör, daß, als einst der Schauspieler Hegc'lochos einen kaum wahrnehm- baren Hauch, einen Apostroph, weil ihm der Athem ausging, nicht hörbar aussprach(etwa, aber in grober Weise verdeutlicht,„Sonnenschwein" statt Sonnenschein), das ganze Theater in lautes Ge- lächter ausbrach und der Schauspieler fortan die Zielscheibe des Witzes für die komischen.Dichter wurde und blieb, die ihn in ihren Dramen ver- höhnten. Sprach der Schauspieler eine kurze Silbe lang, eine lange kurz aus oder trug er gar unvoll- ständige Verse vor, an welchen ein oder zwei Glie- der fehlten, so war er in Gefahr, sofort ausgezischt, ausgepocht, ja vom Theater verwiesen zu werden. Begegnete ihm ein solches Versehen in der Rolle eines Gottes, so hatte er sogar Züchtigung zu ge- wärtigen, denn es wurde nicht nur über jede Tragödie und ihre Darstellung von fünf vom Staate gewähl- ten Männern das Richteramt ausgeübt, sondern es hatten auch Aufsichtspersonen, die Rhabdophoren (d. i. Stabträger), ihren Platz iin Theater, die eben- sowohl bei ästhetischen Versehen wie bei sittlichen Vergehungen augenblicklich einschritten. Nächst der Ansbildnng der Stimme galt es so- dann, dem Schauspieler völlige Herrschaft über den 5körper zu verschaffen, so daß jede Bewegung und Stellung seinem Körper gehorchte. Dies geschah durch die Uebungen in der Palästra oder Ring- schule und in der Tanzkunst. Ohne eine griind- liche Vorbildung durch sie würde kein griechi- scher Schauspieler gewagt haben, öffentlich aufzutreten. Sie bedurften aber der Gewandtheit, Kraft und Geschmeidigkeit des Körpers nmsomehr, je größere Schwierigkeiten die Schauspieler durch ihre ganze Ausstattung zu überwinden hatten. Auf mindestens einen Fuß hohen, fast viereckigen Schuhen zu gehen, die Gesichtsmaske, die aus Holz oder| Rinde bestand, vorzuhaben, die noch einen Theil J des Hinterkopses umgab und an die sich unmittelbar s eine Art Toupet, ein hoher Aufsatz anschloß, damit| der Kopf in den Riesenräumen ebenfalls in's Ueber- � menschliche vergrößert erschien, dazu, um jedes Miß- 1 verhältniß der Gestalt zu vernieiden, das unfehlbar hätte J eintreten müssen, wenn nicht der Rumpf entsprechend] verstärkt worden wäre— Brust und Leib ganz ge- J hörig ausgepolstert zu haben— das war wahrlich � nichts Geringes? Auch die Hände waren(durch- Handschuhe) über die natürliche Fingerlänge ans- 1 gedehnt. Daß die griechische Schauspielkunst des so wichttgen- Mittels der Mimik entbehrte, ist bei näherer Ueber- j legnng nicht so schlimm, denn nian muß bedenken, j daß die Räume des Theaters viel zu groß waren, s als daß die Physiognomie hätte erkannt werden können und— Operngläser besaßen die alten Griechen; nicht. Außerdem sollte die Maske durch die trichter- 1 förmige Oeffnnng des Btundes zur Verstärkung der■ Stimme beitragen. Ferner: der antike Dichter( zeichnet meist in starken Zügen nach feststehenden j mythischen Typen scharf ausgeprägte Gestalten, die, � plastisch abgerundet, einer Ergänzung von Seiten) des Schauspielers nicht bedürfen, also auch den Wechsel der Maske für ein und dieselbe Rolle über- j flüssig machen. Der moderne Dichter dagegen, vor i Allen Shakespeare, deutet oft nur mit einzelnen Strichen ein Charakterbild an und überläßt es dem* Schauspieler, die Züge auszuführen und zu einen: Ganzen zu gestalten, wobei der letztere in dein■ Wechsel und Reichthum des Gesichtsausdrucks einen unentbehrlichen Hebel seiner Kunst findet. Den alten Griechen eignete noch eine Eigen- z schaft, die zum mindesten so wichtig ist, wie die Naturbegabnng und technische Bildung. Es ist dies- das richtige Gefühl für das Maß des Dar- stellbaren innerhalb der Grenzen der Schön- z heit, ohne welches Talent und Kunst des festen Grundes beraubt in der Luft schweben. Gerade• darin ist die griechische Kunst ein hohes Vorbild für alle Zeiten geworden. Jede Uebertreibung war ihr zuwider und wenn sie das Richtige nicht zu � treffen wußte, so wollte sie lieber hinter dem Er- reichbaren zurückbleiben, als über die Grenze hinaus- j gehen. Eine kleine wahre Geschichte setzt diesen Grundsatz in helles Licht. Tiniauthes malte die J Opferung der Iphigenie. Tie verschiedenen Grade) des Schmerzes sind in Kälchas, dem Priester,; Odysseus, dem Freunde, Menelans, dem Bruder des Freundes ausgedrückt; aber des Vaters, Aga- j( memnons Gesicht, verhüllte er, weil er ganz richtig| urtheilte, daß so tiefer Schnierz die Grenzen der Darstellung überschreitet. Nach denselben Grund- � sätzen verfuhr die griechische Schauspielkunst, wie;, ein Ausspruch des Aeschylos beweist. Er, selbst 1 l. Schauspieler, wies den Schauspielern das rechte � Maß und bezeichnet in derber Weise die als Affen,'i die in plumper Nachahmung der Wirklichkeit durch llcbertrcibnng sich von der Schönheit entfernen. Ein Ausspruch, der um so werthvoller ist, je leichter gerade das hohe Pathos seiner Dichtungen zu solcher Verirrung verleiten konnte. So war denn der griechische Schauspieler, mit Naturgaben und gründlicher wissenschaftlicher und technischer Bildung ausgestattet, init feinem und. sicherem Takte für Maß und Schicklichkeit versehen, in Wirklichkeit das, was er sein sollte, ein Dolmetsch i des Dichters, dessen Werke er darstellte, ein Ver- mittler zwischen diesem und dem Publikum, der zur Erhabenheit seines Geistes hinaushob und, wie es Aufgabe der Tragödie ist, reinigend und versöhnend. Geist und Herz veredelte— eine Kunst, so hoch- achtbar wie nur jede andere Kunst. Die ihr ge- biihrende Achtung und Ehrung wurde in Griechen- � land der Schauspielkunst auch vollauf zu Theil, wie denn auch die äußere Lebensstellung, deren sich die Schauspieler zu erfreuen hatten, mächtig dazu bei- trug, ihr Knnststreben zu fördern. Daß ein PoloS(zur Zeit des Demosthencs) für zwei Vorstellungen ein Talent, d. i. etwa 1500 Thaler, erhielt, ist gerade in unseren Tagen oft genug überboten worden. Daß aber zwei andere Schau- 6 Die Heue Welt. Illustnrte Unterhaltungsbeilage. fpieler, Neoptüleivos und Aristodemos, ohne ihren Beruf aufzugeben, als Gesandte die VerHand- lungen zwischen Athen und Philipp von Macedonien führten, daß Archias General war, davon ist in der Theatergeschichte der neueren Zeit nichts zu finden. Die griechischen Schauspieler waren freie Bürger, frei von der Mißachtung, die z. B. schon in Rom auf ihnen lastete. Sie nahmen Theil an dem Ruhme der Dichter, wurden durch Denkmäler und Inschriften auf die Nachwelt gebracht, als Staatsmänner ge- ehrt, ja als Gesandte und Feldherren durch die Achtung der Völker ausgezeichnet. Vergegenwärtigen wir uns dann, wie die alten Griechen in entzückender Gegend, im Freien, unter dem glänzenden südlichen Himmel, in würdigen, durch alle Künste geschmückten Räumen(wasz.B.auch Richard Wagner bei uns anstrebte: eine Totalität der Künste), nicht alle Tage, sondern zu be- stimmten Festzeiten, die hohen Meisterwerke der Poesie in edelster, vollendetster Weise dargestellt sehen, so kann es nicht in Verwunderung setzen, das; dort die Gebildetsten der Nation nicht nur Genuß und Erholnug, sondern auch Erhebung suchten, daß das Theater, wonach Schiller und Goethe so unablässig strebten, eine Bildnngsschule für Erwachsene wurde, daß endlich in ihm einer der wesentlichsten Hebel für Verbreitung und Allgemeinheit des geistigen Lebens zu sehen ist, durch welche die Griechen vor allen Völkern hervorragten. �chiuh folgt.) Eyxressenwälöer in Hranöenburg. Von Wilhelm Braunsdorf. unser Wanderziel ist die Niederlansitz, jeuer Landstrich, der die heutigen Kreise Luckau, 7(£)� Kalau, Kottbus, Spremberg, Sorau, Guben und Liibben im südlichen Theil Brandenburgs um- faßt. Ans den Forscher hatte diese mit landschaft- lichen Reizen keineswegs stiefmütterlich bedachte Gegend besonders wegen ihres Reichthums an Alterthümern von je große Anziehungskraft geübt, zählt sie in prähistorischer Hinsicht doch sogar zu den bevorzugtesten Gegenden Deutschlands; und gern durchstreift der Forscher diese Landschaft, in der ihm die große Zahl von Rundwällen und Urnenfeldern, der un- erschöpfliche Reichthum an archäologischen Fundstllcken Kunde giebt von längst verflossenen Kulturperioden. Was wir als neolitische, Bronze-, Hallstatt-, römische, slavische und Regermanisirnngsperiode zu bezeichnen Pflegen, hat sich auf der jetzigen Ober- flächengestalt der Lausitz abgespielt, deren Vor- geschichte, hoch gegriffen, bis in das dritte Jahr- tausend v. Chr. zurückreicht. Tagegen waren wir über das organische Leben in der Lausitz zur Urzeit bisher nur auf Mlithmaßungen und unklare Vorstellungen angewiesen, weil darüber jeder beweis- kräftige Anhaltspunkt fehlte. Um so überraschender mußte daher die Nachricht wirken, daß dort in aller- neuester Zeit im Schooße der Erde Funde organischer Natur gemacht wurden, die der Vorzeit angehören und in ihrer Art sowohl in Deutschland als auch in den angrenzenden Ländern bis jetzt einzig dastehen. In der Braunkohlengrnbe„Viktoria" bei Groß- Räschen, an der Bahnlinie Lübbenau-Kainenz, tritt den: Auge ein Stück uralter, vor Jahrhundert- taufenden versunkener Waldherrlichkeit, eine gigantisch geformte organische Welt aus grauer Zeit entgegen. Der Spaten des Proletariers, der unermüdlich die starre Erdrinde durchwühlt, hat sie aus dem dunklen Grabe wieder an's Licht gezogen, und wie in einem interessanten Buche liest dort der Forscher ans den gut erhaltenen Ueberreste» vorzeitlicher Wälder die Geschichte von Untergegangenen und Begrabenen— vom ewigen Werden und Vergehe». Die Grube„Viktoria" ist ein Tagbau. Schon seit längerer Zeit waren die Kohlengräber mit einer gewissen Regelmäßigkeit am Grunde des Kohlenflötzes auf die Stümpfe riesenhafter, aufrechtstchcuder Bäume gestoßen, die überaus gut erhalten, nicht miueralisirt und nicht zu Kohle geworden waren und deshalb der Gewinnung der eigentlichen Kohle Hindernisse bereiteten. Immer neue, theilweise ungeheure Stiimpfe wurden bloßgelegt. Als die Gclehrtenwelt Kenntniß von den interessanten Funden erhielt, entsandte die Direktion der geologischen Landesanstalt zu Berlin den Pflanzen-Paläontologen I)r. Potonic zur Vor- nähme eingehender Untersuchungen nach dem Ent- deckungsgebiet. Betritt man den Tagbau der Grube, so thnt sich den Blicken gleichsam eine neue Welt auf, ein aus vieltauseudjähriger Vergangenheit wiedererstandener Wald der obermiocänen, richtiger pliocänen Ab- theilung des Tertiärs. Auf einer mehrere Morgen großen Fläche erheben sich auf der Sohle des Kohlen- flötzes, völlig freigelegt, in gewissen Abständen die mehrere Bieter hohen Wurzelstümpfe riesiger Bäume, schwärzlich-braune, theilweise hellbraune Stämme, wohlerhalten und meist noch mit der Rinde bekleidet. In dieser und in dem darunter liegenden Holz er- kennt man deutlich die Minirarbeit von Kerbthieren. Das Holz sieht zum größten Theil noch„wie neu" aus, ist schärzlichbraun bis hellbraun und hat große Aehnlichkeit mit dein Holze unserer Zigarrenkisten. Bisher sind schon mehr als 100 solcher Stünipfe bloßgelegt, und was dem Auge Achtung abnöthigt, das ist der gewaltige Stanimumfang, den dieselben aufweisen. Die erste Frage war, welche Baumart man in diesen Ueberreste» vor sich habe. Anfangs neigte man der Ansicht zu, daß man es mit einem Walde von Mammuthbänmen sWellinxtonia gigantea, Sequoja gigantea), wie dieselben noch jetzt im Uoseniitethal in Kalifornien anzutreffen sind, zu thun habe. Die Untersuchungen des Dr. Potouie haben ergeben, daß es sich um die Wurzelstiinipfe der in Deutschland bisher noch nicht aufgefundenen Sumpf- cypresse(Taxodium disticlrnrn) handelt, einer Konifere von auffallend konischem Wüchse, die eine Höhe von 150 Fuß erreicht und heute als heimischer Wald- bäum nur noch in den Küstensümpfen des unteren Mississippi im Staate Louisiana, den sogenannten Swamps(Waldmooren) vorkommt. Als untriig- licher Beweis dafür dienen auch die in einiger Ent- fernung von den Sümpfen hervortretenden sogenannten „Knubben" oder„Knuddeln": mehrere Fuß hohe konische Erhöhungen der weithin verzweigten Wurzeln, welche der Sumpfcypresse eigenthiimlich sind und sich bei keiner anderen Baumgattnng zeigen. Diese „Knuddeln" sind als Stützen zu betrachte», welche die im Morastboden wachsende Konifere vor der Gewalt der Stürme schützen, bedeuten also im dar- winistischen Sinne eine Anpassung der Bäume an ihre Umgebung. Ans dem Vorkommen dieser Wurzelstümpfe ini Kohlenlager der Grube„Viktoria" muß geschlossen werden, daß zur Zeit ihrer Bildung im Miocän in Deutschland ähnliche klimatische Verhältnisse geherrscht haben, wie jetzt ini südlichen Theile von Nordamerika. Die Smupfeypresse ist auch bei uns seit etwa 200 Jahren hier und da in Parks angepflanzt worden, ohne jedoch keimfähigen Samen zu entwickeln und eine solche Höhe zu erreichen, wie an ihrer snb- tropischen Heimathstätte. Die Forscher wollen die in der Grube„Viktoria" zu Tage getretene Natnrmerkwiirdigkeit als„Cypressen- sümpfe", im Sinne der Amerikaner als„Itypress Swamps" betrachtet wissen, und in der That kann kein Zweifel bestehen, daß hier Sumpfboden in der dem Pleistocän voraufgegangenen Periode gewesen ist. Die aufgedeckten Gelände bilden mithin ein bisher einzig dastehendes Seitenstück zu den heutigen Swamps, den ausgedehnten Waldmooren am Unterlauf des Mississippi. Ein uralter Swamps der Niederlausitz hat seine Auferstehung gefeiert. Im Gegensatz zu anderen Nadelhölzern wirft die Snmpfcyprcsse im Winter nicht nur die Nadel», sondern auch die jüngsten Sprossen ab. Aus diesen Abfällen, sowie ans Unterholz und Gestrüpp ist die eigentliche abbauwürdige Braunkohle entstanden, und da die Bäume im Sumpfe standen, so entstand unter Luftabschluß durch das Wasser keine vollständige Verwesung, sondern ein kohligcs Produkt. Allmälig erhöhte sich das Moor, die Bäume starben ab oder wurden durch irgend welche elementare Gewalten vcrnichict, und auf den Leichen der Vorfahren wuchsen neue Generationen enipor. Wie der Augenschein lehrt, liegen in der Grube„Viktoria" mehrere solcher Cypressemvälderschichten übereinander. Sie sind durch- aus an Ort und Stelle gewachsen und liefern den unanfechtbaren Beweis, daß die in vielen Wissenschaft- lichen Abhandlungen verbreitete Ansicht, als seien die Braunkohlen der Niederlausitz aus dort an- geschwemmten Bäumen und anderen Pflanzenkörpern entstanden, falsch ist. Außerordentlich interessant und lehrreich und für die wissenschaftliche Forschung von weittragendster Bedeutung ist ferner der Umstand, daß sich an der Fundstelle die Erdschichten ohne wesentliche Unter- brcchung bis auf den heutigen Tag in fast schematisch genauer Zeit- und Reihenfolge abgesetzt haben. Ueber dem Kohlenflötz lagert tertiärer Thon und schnee- weißer Glimmersand tertiären Alters. Das jüngste Miocän geht deutlich in das bisher in der Provinz Brandenburg vermißte Pliocän, dies in das Pleistocän über, in welch' letzterem man das im engeren Sinne so zu nennende Diluvium deutlich bemerkt. Torf- moorschichten zeigen alsdann das neuere Diluvium mit den Wurzelstümpfen großer Kiefern, darüber lagert wieder eine Schicht sandigen Thons, worauf ein jnngallnviales Torfmoor mit Stammresten der Birke folgt, das schließlich von der obersten, aus Haideerde bestehenden Schicht überdeckt ist, die noch jetzt den Mutterboden für Wald und Acker bildet. Unter dem Flötz liegen dunkle Kohleuletten und schneeweißer Glimmersand, worauf 23 Bieter unter dem ersten ein zweites Kohlenflötz mit derber, stückiger Glanzkohle von noch nicht erbohrter Mächtigkeit sich befindet. Die freistehende, zum Abbau kommende Kohlenschicht ist im Durchschnitt 1 5 Meter stark, und an ihrem Profil lassen sich deutlich drei Horizonte unterscheiden. Die unterste Schicht, in welcher der erste Wald steht, ist 2'/» Meter mächtig, die mittlere, mit ebenfalls aufrechtstehenden Cypressenstümpfen mißt 3 Meter, die obere Schicht 2 Bieter. Alle drei Schichten enthalten mehr oder minder zahlreich die riesenhaften Banmstünipfe; dazwischen lagern, theils horizontal, theils schräg gebettet, Ueberreste von Stammstücken bis zu 20 Bietern Länge. Nachdem der erste Wald untergegangen, hat sich auf dem durch Trümmer und Ueberreste aufgefüllten Boden ein zweiter Wald entwickelt, auf diesem ein dritter. An mehreren Stellen des dritten, oberen Waldes stehen die gewaltigen Stiimpfe dicht unter der Erdoberfläche, so daß die Frage entstand, wo die Stämme dieser Waldriesen geblieben sind. Haben Wirbelwinde sie zu Boden geschmettert, Wasserflnthen sie fortgcspiilt, oder hat Feuer das Veruichtungswerk vollbracht? In den Ueberreste» eines Stammes will nian deut- liche Spuren von Holzkohle entdeckt haben, so daß' wohl anzunehmen ist, daß das Feuer bei der Zer- störung betheiligt gewesen. Für die Erklärung der Brannkohlenzeit und Braunkohlenentstehung in der siidlid)en Mark ist die Entdeckung in der Grube„Viktoria" von unschätz- barem Werthe. Nun sind auch in einigen benachbarten Gruben, namentlich in den etwa 12 Kilometer süd- lich gelegenen Zschipkauer Kohlengruben, ganz ähn- liche Wurzelstiinipfe entdeckt worden, und die Struktur der geförderten Kohlen aus allen Werken der Nieder- lausitz berechtigt zu der Vermnthung, daß fast sämint- liche märkischen Kohlenflötze aus untergegangenen Cypressenwäldern sich gebildet haben. Man kann die interessante Fundstelle nicht ver- lassen, ohne den Ausdruck aufrichtiger Bewunderung für den Einblick, der nach mehr als hunderttausend Jahren dem Auge des Menschen in die Werkstatt der Natur gewährt wird. Unwillkürlich schweifen dabei die Gedanken in die Vergangenheit zurück, und die Phantasie zaubert uns herrliche Cypressenhaine vor das geistige Auge, gigantische Wälder, die einst- mals an dieser Stelle standen, Iiiesenbäume, die hock) gen Himmel ragten, bis sie zusammenbrachen und von sich überlagernden Erdschichten gebettet wurden, � in ein scheinbar ewiges Grab.. Die Sonne, die einst auf ihre frischen, rauschenden Wipfel nieder- strahlte, blickt jetzt nach Jahrtausenden mit unver- mindertem Glänze auf ihre leblosen Ueberreste herab.— -&• vV Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. ? �7- Eine ncichtt'iche TH«at. Skizze von I. H. Nosny. Autorisirte Übersetzung von E. Bransewctter. »in Septembertag ging zu Ende. Unten am Horizont hatte sich eine solche Menge Wolken aufgethiirmt, daß der Glanz der Dämmerung schnell verblich. Irrlichter schwebten über der nassen Erde, ein feuchter Nebel umhüllte die Baumwipfel; dennoch zeigte sich am Zenith ein kleiner kirschrother Streifen. Ein alter Mann hielt im Bohnenschneiden inne, kratzte langsam seine Geräthe ab und lud sie auf die Schulter. Dann schritt er in seiner mattblauen Bluse, ohne Mütze und mit seinem sandsteingelben Besicht auf dem lehmigen Wege dahin. Bei jedem Schritt krümmte er sich ein wenig, als wäre er steif, und richtete sich wieder auf, und seine Sense erklang. Seine breiten Sohlen klatschten auf dem weichen Wege. Von einer Kirche tönte klagend das Angelus- Lauten, das Licht ans den Feldern nahm einen ocker- farbigen, blendenden Ton an. Um die massigen Bauernhäuser legten sich schwarze Schatten; in einem don ihnen, dem stattlichsten, flimmerte eine kupfer- gelbe Flamme, die Lanipe war schon zum gemein- lauten Abendessen angezündet. Hunde mit heiseren Stimmen antworteten einander ans weiter Ferne. Der Alte schritt energisch, fast zornig, mit einem harten Ausdruck über der rostrothen Stirn dahin. Im letzten Schein des Tages lag eine Hütte dar ihm. Sie war mit grobem Mörtel beworfen, hatte ein Schieferdach und erschien ziemlich fest nüt ihren Eichenladen und einer Eichenthiire, hatte aber keine Glasfenster. Ein Schutzdach, das mit Eryptogamen llberrankt war, ragte hervor und dar- unter saß zitternd ein kleiner Junge von etwa fünf wahren. Er hatte wenig Haare, träumerische Augen und auf seinem elenden Körper ein verschossenes, violettes Leinwandkittelchen. Er rührte sich nicht, er hatte vor seinen nackten Füßen zusammengebundene Grashalme liegen. Der Alte stieß ihn von der Thllrschwelle fort u»d steckte seinen Schlüssel in's Schlüsselloch. Man erbliste ein ebenerdiges Zimmer. Ein baufälliger kleiner eiserner Ofen war vor dem Kamin aufgestellt, Wei Betten, mit Blättern gefüllt, befanden sich in den Ecken, ein elender Tisch, drei Stühle, einige Töpfer- lachen neben einer Lade— das war die ganze Ein- Dichtung. Der letzte Rest des unbestimmten Tages- l'chts beleuchtete die Gegenstände. „Komm!" sagte der Alte mit brummiger Stimme. Der Kleine kam hinein mit der Miene eines furchtsamen Thieres. Der Mann öffnete die Lade "ud entnahm daraus ein Stück Roggenbrot und e'n kleines Stückchen Käse. Dreiviertel davon nahm et für sich, den Rest gab er dem Kinde. Alle Beide aßen, während die Thür noch offen stand, um Licht hineinzulassen. Das Kind zitterte noch immer unter dem Blick v�s Alten. Es war ein glasiger, stierer Blick, der vus diesem barbarisch finsteren Gesicht hervorgliihte, vls wenn er dem Kleinen das Stückchen Brod und b'e Käsehappen mißgönnte. Finsterer Geiz wohnte darin. Seine noch gesunden guten Zähne bissen hornig in das braune Roggenbrot, als wollten sie daran ihre Wiith auslassen, denn der Alte hätte Weniger gebraucht, tvenn das Kind nicht einen Antheil hatte haben müssen. Und der arme Kleine, eine sfstaise, versuchte sich noch kleiner zu machen, mied dle ersterbende Helligkeit, die durch die Thüre kam, vud stillte seinen Heißhunger, ohne es jedoch zu �agen, mehr als nur ganz kleine, fast unsichtbare Krümchen in den Mund zu stecken. „Wieviel Du mich kostest! Ja, wieviel Du mich kostest!" brummte der Alte ärgerlich. . Das Kind wich erschreckt zurück und hörte für �nen Augenblick ganz auf, von seiner Ration weiter essen. Seine gcrötheten Augen irrten ängstlich vmher. Er suchte seinen kleinen Kopf zu verbergen. Der Alte sah ihn noch immer an mit seinem steinernen, kuitleidlosen Blick. Das ärmliche Gemach mit der koßen muffigen Erde als Diele und diesen beiden �«enden Wesen war trauriger, als eine Gnift. Der Kleine war der Enkel des Alten. Dieser hatte beim Tode des Sohnes ans eine Erbschaft gehofft, aber die Gläubiger erhoben auf Alles An- sprach. Er hatte nur das Kind geerbt, ihm eine Last. Er war Tagelöhner und besaß eine kleine, durch lange, entbehrungsreiche Jahre ersparte Summe. Seine herbe Bauernnatur hegte aber außerdem Ab- neignng gegen alles Kleine; ein ewiges Mißtrauen, ein Spüren, eine ständige, dumpfe innere Wuth er- füllte seine Seele. Nachdem er sich soviele Jahre satt gegessen hatte, nicht an Weizenbrod und Käse, sondern an brüchigem, trockenem Roggenbrod, nach- dem er soviel Jahre bis zum Uebermaße geknausert und seiner geheimen Sparwuth gefröhnt hatte, die es ihm ermöglichte, fast jede Woche seinen ganzen Lohn dem geheimen Schatze hinzuzufügen, kam ihm nun mit einem Male dieser gefräßige Magen in die Quere. Vom ersten Tage an ließ er das Kind hungern. Aber unglücklicher Weise sah eines Tages der Arzt, ein mitleidiger, wenn auch mürrischer Mann den kleinen Jungen, der jeden Morgen vor die Thüre gesetzt wurde und den ganzen Tag wie ein Thier umherirrte. Da wurde der Großvater vorgeladen und ihni mit Gefängniß gedroht, wenn er das arme Kind nicht besser verpflegte. So mußte er denn dieses schmarotzerische Mäulchen füttern. Ach, wie ungerecht der Alte es fand, daß der Kleine auf der Welt war. Jeden Tag hoffte er, von ihm befreit zu werden; zwei Mal hatte er bei der Messe schon darum ge- betet. Aber der Kleine lebte ruhig weiter. Bei jeder Mahlzeit, Morgens wie Abends, wurde das Herz des Großvaters von finsterem Haß erfüllt. Natürlich war der Gedanke, sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen, schon. oft in seinem schwerfälligen Hirn aufgedämmert. Aber das war schwierig. Er hätte es fern, sehr fern von Hanse thun und doch, wie gewöhnlich, pünktlich bei seiner Arbeit sein müssen. Die Nacht war hereingebrochen, die Thüre spen- dete kein Licht mehr. Der Kleine war schweigend auf sein Blätterbett geklettert, und schon ließen sich seine leichten Athcmzüge vernehmen. Der Alte blieb länger, als gewöhnlich sitzen. Er hatte zwei oder dreimal gegähnt, endlich stand er auf und ging zur Thüre. Von Wolken verhüllt, stieg der Mond empor. Durch düsteres Schwarz flimmerten zerstreute Reflexe auf. Je höher die verborgene Scheibe emporstieg, desto mehr verbreitete sich ein mattes Licht iiber die Felder. Der Nebel war verschwunden, ein warmer Hauch kam von Westen her, auf der Himmelsfläche flimmerte ein matter Schimmer. Der Alte sah das. Ihm kam der Gedanke, daß in einigen Stunden bei diesem weißlichen Himmel ein starker Regen herabgießen würde, ein Regen, der jede Spur von Schritten auf den Wegen verwischen würde. Um sich hierüber zu vergewissern, untersuchte er unwillkürlich die Gestalt der Wolken, erkundete die Windrichtung und sog die Luft ein. Seine halb thierische und halb nienschliche alte Erfahrung sicherte ihm eine richtige Berechnung. Trotz des schönen Abends mit diesem herrlichen Licht, starrten seine Augen hart in's Leere, und mehrmals mit kurzen Zwischenräumen seufzte er tief: „Es ist weit..." murmelte er. Dann plötzlich verließ er mit entschlossener Miene und hämmernden Schläfen die Thüre, schritt tastend durch die Stube und berührte leicht die Schulter seines eingeschlafenen Enkels. „He, he, Kleiner!" Seine Stimme klang sehr sanft. Das Kind richtete sich erschreckt auf und starrte mit weitaus- gerissenen Augen in die grauliche Nacht und harrte auf irgendwelche Quälereien. Aber der Alte fuhr fast liebevoll fort: „Steh' auf, Kleiner, steh' auf! Du mußt mit mir mitkommen. Ich will Dir etwas Schönes zeigen, Du wirst schon scheu! Komm nur schnell, Kleiner!" Da sprang der kleine Kerl erstaunt auf, und noch verwunderter war er iiber den milden Ton seines Großvaters. Nachdem der Alte dann einen alten Wollshawl genommen und die Thüre gut verschlossen hatte, begaben sie sich auf den Weg. Die matt erhellte Nacht war sehr mild. Der Wind veränderte fort- während den Himmel, sodaß die verschiedensten Farbentöne sie umgaben. Wolkengebilde kamen lang- sam daher, vereinigten sich und zerstreuten sich wieder: feste Blöcke wie aus Metall, schwarze Kreisel, zarte Umrahmungen mit großen weißen Höhlungen, wie Feengrotten, hie und da ein ganz gleichförmiger Raum wie Wellen und von ruhigem Glänze. Nirgend blauer Himmel. Allerhand Undurchsichtiges lagerte sich auf die weiten Felder. Die Bäume, die wie Vorhänge an den Seiten hingen, flüsterten lebhaft, alle Häuser schliefen, ohne Licht. Der Alte hielt zärtlich die Hand des Kleinen in der seinigen. Ans den weichen Wegen klangen die Schritte gedämpft, und Niemand, Niemand sah ihre geheimnißvollen Gestalten vorbeischreiten. Das Kind, dessen Herzchen sehr hingebungsvoll war, empfand eine ganz verwirrte Freude. Es sah hier und da zu dem Großvater auf und drückte unwill- kürlich seine Finger. Mitten in diesem Halbdunkel, auf diesen grauen Feldern stieg in ihm eine Ahnung von dem Wunderbaren auf, die selbst in den dunkelsten menschlichen Hirnen wohnt. Er war glücklich in einer kindlichen Täuschung und vergaß nun schon die sonstige Bosheit des Großvaters. Sie vermieden es, nahe an Häusern vorbeizn- koinmen und machten lieber einen Umweg. Dennoch witterten sie die Hunde und verfolgten sie in der tiefen Stille mit Gebell. Dann erbebte der Alte und entfernte sich noch weiter, mitten in die Felder hinein, und sagte zu dem Kleinen, um ihn-zu schnellerem Gehen zu ermuntern: „Du wirst schon sehen.... Morgen früh giebt es ein gutes Frühstück, ein sehr gutes, sage ich Dir!" „Ja, Großpapa", sagte der Kleine, ganz strahlend, und schmiegte sich an den alten Mann, da nun endlich auch in sein armes einsames Leben die unendliche Freude der liebevollen Güte einzuziehen schien. Sie schritten dahin, ohne müde zu werden. Ein kleines Wäldchen lag vor ihnen. Sie durchwanderteil es. Der Pfad war voll Blätter und Nadeln, aus Wasserpfützen spritzte es auf, wenn sie stolperten. Wild flüchtete vor ihnen und durchbrach das Unter- holz. Der Kleine hatte den Eindruck, daß ihn allerhand Lebewesen umgaben, die seine kindliche Phantasie hinter den goldigen Blätterdecken, auf den klaren Lichtungen mit dem schwärzlichen Reisig, in den schwebenden Schatten, in dem Rauschen der Wipfel ihm vorgaukelte. Wenn ein Zweig ihr Gesicht berührte, erzitterte der Alte, und Baum- formationen, die an menschliche Gestalten erinnerten, erschreckten ihn. Er blieb dann stehen, starrte ihn und ging näher, um sie zu betasten. Einmal, als er wieder so erschrak, stieg in einem wilden, struppigen Gebüsch plötzlich ein Seufzer empor. Der Alte stand starr, wie versteinert, mit weit aufgerissenen Augen. Da fuhr ein schwarzer Körper mit wolligen klang- losen Flügeln ans— es war eine Eule. Sie kamen wieder in's Freie, dann aber folgte ein Abhang, an dem zwischen Gebüsch ein Bächlein hinabsickerte. Und als sie auf der anderen Seite wieder hinabstiegen, waren die Wolken über dem Blonde weniger düster, und das Land deutlicher er- kennbar. Endlich kamen sie zu einem Pfuhl, die Stelle war ganz einsam, es wuchsen nur einige Erlen dort und rostfarbiges Schilf, Wasserlöcher, die wie graue Seide aussahen, wechselten mit düsteren Schilfgräsern ab..... Da blieb der Alte stehen. Der Wind wehte heftiger, neue Dünste stiegen am nächtlichen West- Himmel empor, alle Hunde schwie-en. Der Mann _ Die Neue Welt. Illuftnrte Unterhaltungsbeilage. nahm langsam seinen Shawl ab und schlang ihn plötzlich um die Arme des Llindes. „Keine Furcht, Kleiner.... Du wirst gleich sehen!" Das Kind, dessen Arme gefesselt waren, richtete seine sanften Augen auf den Großvater, lind dieser zog es unter liebkosenden Worten mit sich. Plötzlich, ganz am Rande des Pfuhles beugte er sich vor, und sein fahles Gesicht nahm einen wilden Ausdruck an. Seine schrecklichen Fäuste packten die zarten Schultern des Kindes. Und nun verstand ihn mit einem Wal auch der arnie Kleine und klammerte sich an seine Kniee, mit der Todesangst eines be- siegten Hirsches, und richtete sein angstverzerrtes Gesicht nach oben. Dicke Thränen liefen an seinen Wangen herab. „Großvater!.. Ach Großväterchen!" Der Alte hob ihn empor. Aber das Kind preßte in seinem ungeheueren Schrecken sich an den Groß- vater und kiißte ihn mit seinen zitternden Lippen, wo es hintraf, um ihn zu rühren: „Ich habe ja nichts gethan, Großväterchen... Ich habe ja nichts gethan!" Aber schon hatte der Alte einen Fuß im Schilf, während das Kind immer zärtlicher wurde, seinen kleinen Mund zärtlich und jammernd auf die rauhe Bluse drückte und unzusammenhängende bittende Laute murmelte. Endlich beugte der Mann sich herab und stieß das Kind, das furchtbar mit den Gliedern arbeitete, in das finstere Wasser. Blasen platzten im Schaum deS Schilfes. Einmal noch erschien das traurige Köpfchen mit den wenigen Haaren, schmutzbesudelt, mit der schwarzen Mundhöhle über dem Wasser. Der Alte grinste; mit einer haßerfüllten Gebärde stieß er den kleinen Körper wieder hinab, bohrte ihn tief in den Morast hinein und hielt ihn nieder, wie man eine gefangene Maus in einen Kübel hinein- taucht. Allmälig kam das Wasser zur Ruhe, die" Glieder hörten ans, sich zu regen, die letzten Bläschen stiegen zur Oberfläche empor. Aber der Alte stand, um Gewißheit zu haben, noch einige Minuten zu Boden geneigt und hielt den rechten Arm in den Schlamm hinab. Die düsteren Weiden setzten ihr nächtliches Klage- lied fort, eine unendliche feierliche Stille ruhte über der Erde. Endlich richtete der Mann sich auf, zog den Leichnam heraus und rollte ihn aus dem Shawl. Mit grimmigem, aber zufriedenem Blick betrachtete er seinen Enkel, das bläuliche Gesicht, das träumende Lächeln, die in ewigem Frieden geschlossenen Augen,■ alles, was von dem armen Wesen übrig geblieben war, das in seiner Hütte ihm zuviel Roggenbrot gegessen. Aber durch einen Wolkenriß spähten aus der Tiefe der Unendlichkeit drei kleine Sterne herab.— j Ha,§ir wirö's sdjiver, mich zu verlassen; Hein Juge bricht, als ob öu weinst, Wein alter Kans in allen Kassen. Ha, früher ahnt' ich nicht, bah einst Als letzter Freunb ein Kunö mir bliebe; Da sucht' ich noch bei Menschen Hiebe. Wein Hnnb, in Keinen Kunkeln Augen Hiegt mancher Dlidi von mir versenkt, Hür Ken nicht Wenschenblidie taugen, Wo man ein Uhier braucht, Kas nicht Kenkt; Die Ahnmacht auch in ihm zu sehen, Wit Ker wir selbst Kurch's Heben gehen. Du hast mir nie ein Heib bereitet; Das kann kein Mensch, Ker liebste nicht! Hun liegt Sein Heib vom Hob gebreitet, H»n lischt Sein treues Augenlicht. Was will mir Senn so menschlich scheinen? Wein Klinö, mein IreunS: o könnt' ich weinen! Richard Tehmel. » Neujahr in der Stadt. Viele modernen Künstler gehen in dem Bestreben, rein durch die Mittel ihrer Kunst zu wirken, so weit, daß sie jede Beihülfe durch stoffliche Reize als unwürdig verschmähen. Sie wählen absichtlich Motive, die an sich für Niemand Interesse bieten können. Neben vielem Anderen kann man ihnen vor allen Dingen entgegenhalten, daß diese Bemühung unnöthig ist. Wenn ihre kilnstlerische Kraft groß genug ist, wird sie auch, wenn der Inhalt des Dargestellten durchaus reizvoll ist, den Beschauer so stark gefangen nehmen, daß das Stoff- liche fast ganz aus dem Bewußtsein verschwindet. Wer denkt vor einem Werke Böcklins viel an die geschichtlichen oder sachlichen Hintergründe, auf denen sich seine Motive erheben I So ist eS auch bei unserem heutigen Bilde: inan muß sich zwingen, inhaltliche Betrachtungen anzu- knüpfen, so tverthvoll diese auch erscheinen. Alles versinkt vor dem machtvollen Eindruck des tief unter dem Beschauer liegenden Häuscrmceres. Man könnte an den Titel an- knüpfen:„Neujahr in der Stadt!" Und auch die beiden Thürmerskinder— das kleine Mädel mit dein schmalen, bleichen Gesichtchen— gäben wohl Stoff genug: Der Blick schweift aber immer ab, über die schneebedeckten Dächer hin, zn jenem gewaltigen Bau hinüber, der mit seinen beiden Thürmen iveit über sie emporsteigt. Es sind die Franenihürme Münchens, und ivir befinden uns wohl auf dcni Petersthurm. Ein Münchener wollte mir freilich beweisen, daß es dann mit der Topographie nicht ganz stimmte. Das ist nicht so lvichtig, und die Miuichener mögen es unter sich ausmachen— eine Stadt ist es, eine heutige Großstadt mit allem Dunst und Qualm, die über einer solchen lagern. Ein schwieriges Problem ist dem.Künstler da gelungen, für unsere Empfindung wirklich den Eindruck hervorzurufen, daß wir hoch oben stehen, daß große Steinmassen tief unter uns lagern. Und eine echte Großstadtstimmung ist es: wie die Häuser ' Aus„Erlösungen", 2. Auflage. Berlin, Schuster& Loeffler. so zusammengedrängt liegen, daß die Dachränder fast aneinanderstoßen, wie man es kaum begreifen kann, daß iit dieser Enge Menschen, so viele Menschen leben können. Schwer lastet die düstere graue Schneewolke auf den Dächern, krächzend flattert ein Dohlenschwarm um die mit Schneehaubcn bedeckten Frauenthürme... lieber den Klee als Zauberblume bringt M. Kronfeld in der„Wiener Medizinischen Wochenschrift" eine Zu- sammenstellung. Schon in heidnischer Zeit war der Klee (unser gewöhnlicher Wiesenklce) eine heilige Pflanze. Im Zanberkessel der Druiden fehlte er niemals. Als die katholische Kirche den Kampf mit dem Heidenthnm aufnahm, konnte sie heidnische Gebräuche nur über- winden, indem sie sie für ihre Zwecke in Dienst nahm. Der Klee blüht zur Zeit des Fronleichnamstages; daher die weitverbreitete Sitte, ihn zum Kerzenschmuck an diesem Tage zu verwenden, was wohl nichts anderes, als die Umforniung eines heidnischen Gebrauches ist. In Irland, wo sich noch zahlreiche kulturgeschichtliche Reste ans vor- christlicher Zeit erhalten haben, muß der Klee als Zauber- blume eine besonders hervorragende Rolle gespielt haben, wenn die Kirche ihn als das dem heiligen Patrick ge- weihte Nationalzeichen annahm. Auch die kirchliche Bau- kunst benutzt mit Vorliebe das Kleeblatt-Ornament. War der Klee ohnehin eine dem Volksbewnßtsein sehr vertraute Blume, so konnten merkwürdige Abweichungen im Bau dieser Blume nicht ohne tiefen Eindruck bleiben. Daher auch der Glaube an den vierblättrigcn Glücksklee, da bie Regel nur drei Blätter kennt. Auch dieser Volksglaube geht auf sehr alte Zeiten zurück. In einem Grimmschen Märchen erkennt ein Mädchen durch die Kraft des vier- blättrigen Klees, daß der schwere Balken, mit dem ein Zauberer den Hahn beladen hat, nur ein Strohhalm ist. Mit dem kirchlichen Glauben hat sich dieser Aberglaube zu vereinen' gewußt. Wenn man vierblättrigen Klee am Sonntag im Gebetbuch in die Kirche nimmt, wird seine Zaubermacht kräftiger, und wenn man ihn an einem Sonntag vor Sonnenaufgang pflückt und in den Schuh steckt, erkennt man alle Hexen. Hier ist besonders stark ber dem volksthümlichen Denken eigenchümliche Zug aus- geprägt, daß absonderliche Hantirungen auch besondere Wirkungen hervorbringen müßten. Deshalb weiß der in neuester Zeit wieder dem Publikum bekannter gewordene Dichter und Abenteurer Cyrano von Bergerac vom vierblättrigen Klee zu erzählen, er wachse nur unter dem Galgen, entstehe aus dem Blute der Gehängten und müsse am ersten Tage, da der Mond sichtbar sei, um Mitter- nacht gepflückt iverden, damit er im Spiele Glück bringe. Noch heutigentags hat sich dieser Glaube an den Glücks- klee auch in„gebildeten" Kreisen erhalten; nur erspart man sich, dem praktischeren Zug der Zeit folgend, gern die umstänvliche Mühe des Suchcns und kauft das Glück fix und fertig beim Blumenhändler. Das ist aber nicht mehr echter Klee, sondern Sauerklee, der regelmäßig vier Blätter hat: wahrscheinlich bleibt aus diesem Grunde auch manchmal die erhoffte Wirkung aus!— od. Eine große Eilgüterzuglokomotive in kl, Stunden montirt. Vor Kurzem hat die französische Westeisenbahn- gesellschaft in ihren Werkstätten zu Epernay einen bemerkens- werthen Versuch gemacht, in möglichst kurzer Zeit eine Loko- motive betriebsfertig zusammen zu setzen. Es handelte sich nach einer ftanzösffchen Fachzeitschrift um eine mit Westinghouse-Bremse ausgestattete Eilgüterzuglokomotive, die in 66 Stunden oder 6'/» Arbeitstagen soweit zu- sammengebaut wurde, daß sofort die Probefahrten mit ihr bcgouneit werden konnten. Nahmen, Kessel, Führer- stand und alle Maschinentheile lagen fertig vor, und es waren keinerlei Nacharbeiten daran erforderlich. Bei dem Versuche waren elf Schlosser, vier Lehrlinge und ein Tagelöhner beschäftigt, zu denen sich zeitweise, wenn es nöthig erschien, noch vier weitere Schlosser und vier Kesselschmiede gesellten. Zwei fahrbare elektrische Krahne von je 36 Tons Tragkraft dienten zum Versetzen der schweren Mafchinentheile, und außerdem waren mehrere Bohr- und Lochmaschinen mit elektrischem Betriebe vor- Händen. Am ersten Tage wurden die Gleitbacken und die Querverbindungen an den Längsträgern des am Böcken lagernden Rahmens verpaßt und in die vor- geschriebene Lage gebracht. Fraier wurden die Zylinder vorläufig befestigt und der, im Gegensatze zu früheren Ausführungen aus Winkeleisen und Blechen gebildete Rahmen auf Winkelinaaß geprüft. Jni Verlaufe des zweiten Tages wurden die Geradführnngen der Kreuz- köpfe angebracht, ihre Stützen für das Behobeln angezeichnet, der Rahmen zuni Bohren der Löcher für die Befestigung der Zylinder auseinander genominen, die Löcher gebohrt und anSgericben und endlich die Zylinder am Rahnien befestigt. Dann wurde am dritten Tage du Steuerwelle eingelegt, ihre Lager verpaßt, der Kessel probeweise auf den Nahmen gesetzt und dann wieder ent- fernt, um die Auflagerflächen auf den Zylinderkörpern bearbeiten zu können. Nachdem dies geschehen, wurde am vierten Tage der Kessel endgültig auf dem Rahme» befestigt, der Parallelismus geprüft, der Führerstand aufgestellt und die Geradführungen sowie die Kreuzköpfe wieder angebracht. Die Kolben und die Stenerungstheile baute man am fünften Tage ein, verpaßte die Achslager in den Gleitbacken, brachte die Lager dann auf die Achs- schenket, setzte die Lokomotive auf die Räder und be- festigte die Excenterstangen. Am fechsten Tage konnten die'Schieberstangen und Federanfhängungen angebracht werden, die Triebstangen befestigt, die Steuerung geregelt und die Schiebcrstangcn zum Aufkeilen vorbereitet. 3llt den siebenten Tag verblieb die Prüfung der Steuerung, das Aufkeilen der Schicberstangen, das Einstellen der Federn unter Berücksichtigung der Masseitvcrtheilnng unv die Erprobung der Westinghouse-Bremse sowie der In- jektoren; darauf konnte die Lokomotive die Werkstätten zur Probefahrt auf der Linie verlassen. Der Zusannncnbau der Lokomotive hätte vielleicht in einer kürzeren Zeit ausgeführt werden können, weM' man berücksichtigt, daß bei den beschränkten Raumvcrhalu nissen, unter denen gearbeitet wurde, oft einer der Arbeiter dem anderen ini Wege war, was auch die Kosten dc-> Versuches nicht unwesentlich erhöht haben mag.— g1- Zur Sittengeschichte des 18. Jahrhunderts findet man in den Memoiren des Herzogs von Richelieu interessante Beiträge. Als der König in Madame de Ehcu teauroux eine neue Maitresse gefunden hatte, meinte ma» allgemein, der Herzog hätte diese Bekanntschaft vermiltem Er schreibt darauf:„Ich würde mir kein großes Gewissen daraus machen, meinem Gebieter bei seinen Liebschaften behülflich zu sein. Man schenkt ein hübsches Gemälde, oder irgend eine Kostbarkeit, ich sehe also nicht ci», warum man einem Fürsten nicht auch die Gunst eine» Weibes verschaffen soll. Mau muß dem König, der Eine» Befehle giebt, in allen Stticken gehorsam sein, und ma» kann ihm ebensogut ein Weib, als sonst etwas verschaffet» Nicht aus Gewissensbissen habe ich in diesem Fall inP die erste Bekanntschaft vermittelt, es fehlte mir cinfa» die Gelegenheit dazu."— Nachdruck des Inhalts verboten! Alle für die Redaktion der„Neuen bestimmten Sendungen sind nach Berlin, SW I9' Benthstraste 2, zu richten. �pvcmroOTtrUcv rur-uinir: CScax K Ii h l in Tberl-ttcr.burg.— Verlag: Hamburger Buchdruckerei und B-rlagöanflatl Uuer V Sj. in Hamburg.— Vruck: Tili Vadtng In Tevtln,