Die Feue Welt C I e D t t t t t t Nr. 2 ( Fortsetzung.) Bllustrirte Unterhaltungsbeilage. Dilettanten des Lebens. Dilettanten n dem geschlossenen Glaskasten entwickelte sich eine drückende Luft, das Gas summte und strahlte erhizend nieder. Das Dienstmädchen fam und brachte eine dampfende Mehlspeise. „ So iß doch, Fritz! Ich denke Dein Lieblingsgericht was, Du willst nicht? So." Frau Amalie fniff die Lippen zusammen und saß mit hochrothem Gesicht da. " Ich danke," sagte Langen ruhig,„ ich habe feinen Appetit mehr; aber willst Du nicht Lena davon anbieten?" M " Da!" Die Frau schob, ohne hinzusehen, die Schüssel über den Tisch. Lena rührte sich nicht, sie streckte die Hand nicht aus. Jezt eine Pause. Draußen geht der Nachtwind lauter, die Zweige des Nuß baumes, dicht am Haus, werden niedergebeugt und wischen über das Verandadach. Ein Vogel stößt an die geschlossenen Scheiben und jezt Amalie sprang plöglich auf, so heftig, daß der Stuhl hinter ihr zu Boden polterte; mit einem Krachen brach ein Stück der geschnitten Lehne ab. " Ich verbitte mir solches Benehmen in meinem Haus! Wenn ich Jemandem etwas anbiete, hat er zu nehmen; wenn ich etwas nicht wünsche, hat er sich danach zu richten. Hört Ihr's? Ich will das, ich will das!" Sie stampfte mit dem Fuß. Langen war todtenbleich geworden. Er faßte den Arm seiner Frau:„ Amalie, ich bitte Dich, was hast Du?" " Geh nur Du!" Sie schüttelte zornig seine Hand ab. Meinetwegen..., meinetwegen kannst Du mit ihr schön thun, wie Du willst! Schade, daß fie Deine Schwester ist, daß Du sie nicht heirathen fannst! Ich kann ja gehen, ich bin doch überflüssig, Deine Liebe wird mir gestohlen, die Liebe meiner mein Gott, mein Gott!" In konvulsivisches Schluchzen ausbrechend, die Hände hoch erhoben, stürzte sie davon; man hörte sie polternd im anstoßenden dunklen Raum, dann klappte die Thiir zum Schlafzimmer der Kinder. Es war still. Stinder Lena bebte am ganzen Leib; sie wagte nicht aufzusehen. Ihr Herz pochte rasend, sie fühlte seine Schläge bis hinauf in den Hals; sie wollte sprechen und konnte nicht. Ihre zitternden Athemzüge wehten über den Tisch, andere zitternde Athemziige antworteten. Draußen rauschte es- sonst nichts. Und jetzt, Geflapper! Lena schaute auf. Da saß er, hatte Teller und Besteck weit von sich geschoben, die Arme auf den Tisch gestemmt und das Gesicht in den Händen vergraben. Die Thränen tamen ihr, das Entsezen wich, und großes Mitleid trat an die Stelle. Sie wagte nichts zu sagen, aber sie stand Teise auf, fauerte neben dem Bruder nieder und schmiegte den Kopf an seine Schulter. Roman von Clara Viebig. Minuten vergingen, eine Viertelstunde, fie rührten sich nicht: nur enger umschlangen ihn ihre Arme, sie fühlte sein Herz schlagenda, ein greller Ton der elektrischen Klingel! Lang, anhaltend wie ein vibrirender Hülferuf gellte er durch's Haus. Sie fuhren auf und horchten- das kam aus dem Zimmer der Kinder! Jetzt hastiges Laufen, ein unterdrückter Schrei. ,, Laß mich und stürzte fort. 1 Amalie!" Langen sprang auf Lena blieb allein zurück, verwirrt sah sie um sich. Da waren der umgestürzte Stuhl, das verschobene Tischtuch, die halbgeleerten Schüsseln; da der Teller und die Gabel darauf, wie Amalie sie hatte aus der Hand fallen lassen! Und über dem Allen das grelle Gaslicht, grausam klar die Disharmonie bescheinend. Horch, draußen der Wind in den Bäumen! Es wisperte, es klopfte an die Scheiben. Und so allein! Lena fühlte, wie es ihr über den Rücken lief in der beklommenen Stille. Kam denn Niemand? Nein, kein Mensch; sie war vergessen! Wo blieben sie, was ging vor? Zögernd, Schritt vor Schritt segend, tappte sie nebenan durch die Stube; nun stand sie vor der Schlafzimmerthür, die Hand auf der Klinke. Sollte sie eintreten? Unschlüssig stand sie. Da drinnen Schluchzen, krampfhaftes, wildes Schluchzen, nun Stöhnen! Lena trat ein. Auf dem Boden lag Amalie; ihr Kopf mit den festgeschlossenen Augen ruhte im Schooß des Dienstmädchens, das neugierig und erschrocken zugleich dreinsah. Sie schien Krämpfe zu haben, sie zuckte an allen Gliedern; bald wurde sie hoch emporgeschleudert, bald wieder das gräßliche, unerträgliche Stöhnen. Ihr Mann kniete neben ihr, rieb ihre Hände und beugte sein sorgenvolles, bleiches Gesicht tief auf das ihre:„ Amalie, liebe Frau, beruhige Dich! Amalie, Amalie!" Sie öffnete die Augen nicht, sie gab kein Zeichen des Erkennens. In den Betten knieten die Kinder, jäh aus dem Schlaf geschreckt; mit weit aufgerissenen Augen starrten sie drein, Lora's Gesichtchen trug den Ausdruck angstvollsten Entsezens." Mama, Mama!" Amalie, Amalie!" Die geschlossenen Lider der Frau preßten sich noch fester zusammen; kein Hören, kein Sehen. " Mama, Mama!" Die Kinder weinten laut, Lora war ganz außer sich. Lena umfaßte das Kind und drückte dessen zitternden Körper fest an sich:" Lora, mein Liebling, mein Goldfind, ich bin ja bei Dir, ich" Sie fam nicht weiter. " 2 1899 Fort! Sie soll fort!" Die am Boden Liegende war plößlich aufgesprungen. Jetzt stand sie schon am Bett jetzt schob sie Lena zur Seite. Mein Kind, mein Kind Niemand soll es mir stehlen!" Frau Langen fiel über das Bett und weinte herzbrechend. Die Magd hatte in natürlichem Schicklichkeitsgefühl das Zimmer verlassen. Langen versuchte seine Frau aufzurichten; sie Klammerte sich an den Kissen fest und überströmte das Kind mit ihren Thränen. " Amalie," sagte er, Amalie!" Und nun in weichem Ton: Geliebte Amalie!" Mit zitternder Hand strich er ihr über's Haar. " " Friß!" Sie ließ die Kissen fahren und warf sich ihm an den Hals. Ich liebe Dich, ich liebe Dich," schluchzte sie, ich will nicht theilen- fort, fort!" Es war, als sollte der Paroxysmus zurückkehren. Lena drückte sich zum Zimmer hinaus, fie konnte es nicht mehr mit ansehen; ein ohnmächtiger Zorn war in ihr, der ihr dunkel vor den Augen machte und ihr Blut wallen ließ. Sie hörte noch draußen das geschluchzte„ Ich liebe Dich" und das gütige Zureden des Bruders. Sie fühlte es, sie mußte fort; hier war ihres Bleibens nicht länger. Wie gepeitscht fagte sie die Treppe hinan auf ihr Stübchen; erst als sie die Thür hinter sich verschlossen, fühlte sie sich sicher. Ihr graute vor Amaliens Augen, diesen klarblauen Augen, die immer kalt und gleichgültig blickten und doch so aufflammen konnten. In besinnungsloser Haft riß sie ihre Kleider aus dem Schrank und stopfte sie in den Koffer; nur fort, fort! Ein großer Jammer war in ihr, sie biß die Zähne aufeinander, um nicht laut zu weinen; er hatte sie nicht schüßend in die Arme gezogen, er hatte Amalie nicht das Wort verboten! Er fürchtete sich vor seiner Frau. " O!" Lena tauerte sich in die Ecke des kleinen Sophas zusammen, zog die Füße herauf und drückte den schmerzenden Kopf gegen die Lehne. Sie konnte nichts mehr denken, nichts überlegen, nur das Eine: " Fort, fort!" Morgen in aller Frühe ging der Expreßzug über Köln nach Berlin; um elf Uhr Abends konnte sie dort sein, zu Hause bei der Mutter. Und doch überfiel sie ein Grauen vor dem heißen, staubigen Berlin. Fort, fort! Draußen rauschte der Nachtwind; wie spät mochte es sein? Es war ganz dunkel um sie, nur durch die lichter sich abhebende Deffnung des Fensters sah sie die Moselberge in finsteren Umrissen. Im Haus war es still, die Mägde nebenan in ihrer Kammer waren längst zu Bett gegangen; fie hatten nicht gelacht, wie sonst allabendlich, sie 10 Die Aeue A)eit. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. waren auch bedrückt. Welche Blamage vor den Dienstboten! Lena fühlte, wie ihr das Blut immer heißer aufwallte und zu Kopf stieg; in ihren Ohren summte es— halt! Das hörte sie doch, ein Rascheln draußen vor der Thür. Eine Hand drückte auf die Klinke, nun ein Pochen. „Lena!" Sie horchte, aber sie rührte sich nicht. Es war des Bruders Stimme. „Liebe Lena! Lena, hörst Du mich nicht?" „Was willst Du?" „Lena, es thut mir so leid, es ist mir so un- angenehm, ich bitte Dich—" „Weiß Amalie, daß Du hier bist?" unterbrach sie ihn rasch. „N— ein!" Das„Nein" klang zögernd. „So geh!" Der Trotz stieg ihr zu Kops.„Wenn Tu nicht den Muth hast, offen zu mir zu halten, vor Allen, dann—" „Lena, Lena, sei doch verständig! Wir haben Kinder— sie liebt mich— ich lebe mit ihr— ich— Du weißt nicht, was die Ehe ist!" „Dann— dann danke ich! Ich reise morgen ab." Tonlos klang's und doch deutlich vernehmbar. Lena hielt sich die Ohren zu, sie mochte nicht hören, was Der draußen sagen würde. Heiße Thränen liefen ihr über die Wangen. Alles still. Ob er noch vor der Thür stand? Sie nahm die Hände von den Ohren— ja, er flüsterte:„Lena, was wird die Mutter sagen? Amalie wird sich besinnen. Lena, Lena, thu mir's znlieb, reise nicht so Knall und Fall ab! Bleibe mir zulieb!" Wie schmerzlich das„mir zulieb" klang! „Nein!" Lena preßte wieder die Hände an die Ohren und den Kopf zwischen Sophakissen und Lehne. Sie komite es nicht verhindern, daß sie draußen immer noch das Flüstern und Pochen hörte— oder war's ihr nur so? Sie horchte. Nichts, garnichts mehr! Er war gegangen. II. Der Morgen kam herauf. In dem kleinen Zimmer mit dem zerwühlten Bett und dem geöffneten Koffer war fahle Frühbelenchtung. Lena trat hin und her, schon in Hut und Mantel; jetzt sah sie sich um. In dem nüchternen Licht er- schien ihr Alles anders wie gestern. Im Dunkel der Nacht war sie sich wie eine Märtyrerin vorgekommen; Hirngespinste, Träume hatten sie umwoben — und jetzt—?! Was würde die Mutter sagen? Zu Tode erschrecken mußte sie über ihre plötzliche Heimkehr. Und Fritz?!„Bleibe mir zulieb", hatte er gesagt. Er würde böse sein. Sinnend blieb Lena stehen.— Aber Amalie? „Nein, ich reise ab!" Der eigensinnige Zug um Lena's Mundwinkel trat deutlicher hervor, mit einem Ruck warf sie den Kofferdeckel zu und setzte sich darauf; das Schloß schnappte ein. Nebenan in der Mägdekammer rührte sich's, jetzt klappte die Thür. Lena öffnete rasch die ihre: „Marie, hören Sie! Wenn der Herr fragt, sagen Sie, ich wäre abgereist. Ich muß abreisen; sofort!" Sie vermied den Blick der Magd.„Ich will Nie- wanden stören. Vom Bahnhof schicke ich einen Dienst- manu, geben Sie ihm meinen Koffer. Adien!" Schon war sie die Treppe hinunter und Marie sah ihr köpf- schüttelnd nach. Allzu verwundert war die Marie nicht. Draußen war's noch menschenleer; in der Allee, zwischen den Villen und Gärten begegnete der Eilenden Niemand. Ueberall waren die grünen Jalousien ge- schlössen; hinter den Eisengittern die Blumen thau- besprengt. Und drüben, jenseits der Mosel, die Berge in wunderbarem Duft; um die Spitze der Marien- säule das erste Gleißen der hervorbrechenden Sonne. Lena sah nicht hin, sie rannte wie auf der Flucht; jetzt mäßigte sie ihren Schritt— die ersten Menschen! Durch's alte römische Stadtthor, in die innere Stadt hinein, zogen die Marktleute, Wagen knarrten, Hunde bellten; Lena empfand das Quietschen der Räder schneidend bis in's Mark. Sie fröstelte; sie war übernächtig, die Augen brannten, der Kopf schmerzte. Jetzt war sie am Bahnhof. Wenige Kofferträger standen umher; einen derselben schickte sie ab, und dann setzte sie sich i» den Wartesaal. Es war so lange Zeit, über eine Stunde noch. Sie bestellte sich Kaffee und mochte ihn doch nicht trinken, ein übles Gefühl saß ihr in der Kehle; es war ihr Alles zuwider. S'e fühlte sich grenzenlos elend. Ab und zu klappte die Thür; übermodern ge- kleidete HandluNgsreiseude mit Musterkofferii stürmten herein und riefen gähnend nach einer Tasse Kaffee. Endlos dehnten sich die Minuten. Lena stützte den schmerzenden Kopf in die Hand. Nie im Leben glaubte sie unglücklicher gewesen zu sein, nie nn- glücklicher sein zu können; der öde Bahnhof, die herbe Morgenfrühe, hier ihr einsamer Winkel, die nüchterne Leere in ihrem eigenen Innern, Alles stimmte zu einander. Kein Btcusch kümmerte sich um sie. Und er ließ sie ungehindert aus seinem Hause gehen. Wie Eine, die etwas verbrochen, hatte sie fliehen müssen! Sie stöhnte und biß sich dann auf die Lippen; sie hätte in heiße Thränen ausbrechen mögen, aber nein, nicht weinen! Der Stolz verbot es ihr. Sie versuchte nun doch den Kaffee, langsam, Löffelchen um Löffelchen, und dazwischen blickte sie nach der Thür; ob der Kofferträger bald kam? Auf der Uhr dort über dem Büffet rückten die Zeiger allmälig vor. Da— sie ließ den Löffel aus der Hand fallen, daß er auf die Untertasse klirrte. Die Thür hatte sich geöffnet; vor dem Dienstmann her drängte sich eine wohlbekannte Gestalt, den Ueberzieher nicht zu- geknöpft, den Schlips ungebunden, lose herunter- hängend. Lena sah's in einem Augenblick und mußte lächeln in aller Betrübniß— ihr ordentlicher Bruder, dem konnte das passiren? Ja, er liebte sie doch! „Lena, Lena!" Landgerichtsrath Langen trat athemlos an den Tisch.„Was thust Du mir an? Marie sagte mir eben. Du seiest fort, und gerade kommt auch der Dieustmann und will Deinen Koffer holen. Ich bitte Dich, Lena, mach' keinen Eklat! Bleib, Lena!" Er suchte ihren Blick. Eine heimliche Freude durchzuckte sie, aber sie bezwang sich.„Haben Sie den Koffer?" fragte sie den Träger. „Jawohl, Madam!" „Kommen Sie mit an den Schalter, ich habe noch kein Billet." Und sich flüchtig zum Bruder wendend:„Ich bin gleich wieder hier." „Lena, Lena!" Sie zögerte. Sein Ton dnrchschauerte sie; blaß und roth flog es über ihr Gesicht, unschlüssig senkte sie den Kopf. „Lena, wenn ich Dich nun bitte?! Amalie hat mir versprochen, liebenswürdig zu sein, sie läßt Dich grüßen und bittet Dich, zurückzukommen, sie— zucke nicht so mit dem Mund!— sie ist wirklich ver- ständiger als Du!" „So?" Lena zuckte zusammen, es traf sie wie ein Schlag in's Gesicht.„Ich— ich— kommen Sie," sagte sie hart zu dem Dienstmann. „Lena, Du bist eigensinnig, trotzig!" Sie hörte ihn nicht mehr, sie war schon hinaus. O, dieses Mädchen! Unwirsch, mit raschen Schritten ging Langen vor dem Tisch hin und her. Er kannte diese Falte zwischen ihren Brauen, diesen Zug um den aufgeworfenen Mund. Eine ttefe Bekümmerniß stieg in seiner Seele auf; wie würde sie im Leben noch anlaufen! Die Mutter war viel zu schwach, er selbst konnte nicht immer bei ihr sein— und wenn auch, folgte sie denn? Sie war liebevoll und schmiegsam, aber nur bis zu einer gewissen Grenze; da stand ihr eigner Wille, machte sich breit und ließ nichts Anderes passiren. Sängerin werden! Sie hatten's ihr Alle gesagt, ihr Körper sei nicht stark, ihre Stimme schwach— vergebens! Die Mutter mußte nach Berlin ziehen, pekuniäre Opfer wurden gebracht, seit Jahren wurde nun studirt; sie mußte eben mit dem Kopf durch die Wand. Aergerlich riß Langen an seinem Schnurrbart. Da trat sie wieder in den Saal, schlank und schmächtig im langen Reisemantel, den Schleier zurückgeschlagen von dem blassen aufgeregten Gesicht; ihre großen Augen blickten trüb. Nein, er konnte ihr nicht böse sein! Eine große Zärtlichkeit wallte in ihm auf. „Lena," sagte er weich,„meine Schwester!" Sie war auf einen alldecen Ton gefaßt gewesen; überrascht sah sie ihn au. Es war, als wollte sie sich au ihn schmiegen; sie ergriff seine Hand.„Es ist nett von Dir, daß Du noch gekommen bist; ich danke Dir!" „Böses Mädchen!" Er versuchte zn lächeln, aber es war ihm nicht danach.„Was wird die 'Mutter sagen? Und was Du für einen harten Kopf hast!" „Krause Haare, krauser Sinn!" Sie lachte wirk- lich, hellauf. Es berührte ihn fast unangenehm; wie komite sie nur jetzt lachen?„Lena, gestern sagtest Du noch, Du wüßtest, ich brauchte Dich— heut' gehst Du von mir, und es thut Dir garuicht leid?" „O doch, o doch!" Ihr Lachen war ver- schwunden, sie preßte seine Finger in ihren leiden Händen und dann, rasch sich umblickend, ob auch Niemand herschaue, drückte sie ihren Mund auf seine Hand.„Grüß' Lora und auch Walter. Du mußt mir nicht böse sein. Ich kann, ich kann nicht anders! Sie hat mich beleidigt, ich kann nicht vergessen!" „Aber vergeben!" Er sah sie ernsthast an.„Du wirst es lernen müssen im Leben." „Vergeben?" murmelte sie,„nein, ich"— sie stockte, der Portier riß die Thür auf. „Einsteigen, in der Richtung nach Gerolstein, Euskirchen, Köln!" „Du mußt umsteigen in Köln," sagte Langen hastig,„Du hast anderthalb Stunden Aufenthalt dort. Schreib mir eine Karte vom Bahnhof, wie es Dir geht." „Ja, ja!" Ihre Stimme klang gepreßt, eine unnennbare Angst vor der langen einsamen Reise überfiel sie; und heute, gerade heute, hatte sie so das Bedürfniß, sich anzulehnen! Im Hinausgehen preßte sie des Bruders Arm.„Fritz, lieber Fritz!" Sie weinte. „Meine Schwester!" Er half ihr in das Coupe, kein anderer Reisender stieg ein, und dann schwang er sich noch einmal zu ihr hinauf.„Leb' wohl, Lena!" Sie schluchzte laut und preßte ihren Kopf an seine Schulter. „Lena, was machst Du uns für Kunimer, Dir und mir! Ich bin traurig." Es wallte in ihr auf, trotzig wollte sie erwidern: „Ich? Nicht ich, Deine Frau macht Dir Kummer", aber sie sah sein Gesicht.„Du hast ja Lora", sagte sie aus einer merkwürdigen Jdeenverbindung heraus. „Fertig!" Der Schaffner warf die Thüren zu- „Leb' wohl, Lena, komm gut nach Haus!" Noch ein hastiger Kuß. Langen sprang auf den Perron zurück. Lena's blasses verweintes Gesicht nickte zum Fenster heraus. Station auf Station. Die Eifelberge guckten rechts und links in's Fenster. Lena sah nicht hinaus. Den wüsten Kopf an das Seitenpolster gedrückt, saß sie mit geschlossenen Augen. Sie fuhr wie aus einem Traum auf, wenn der Zug an einer Station hielt; dann duselte sie weiter. Der Wagen wurde hin und her geworfen, immer das gleiche Rrrrrr�, das eintönige Rattern der Räder. So saß ihr ein Rad ini Kopf, das drehte sich unaufhörlich um die gleiche knarrende Achse. Gekränkt! Eine Andere vorgezogen! So war's beim Bruder gegangen, er hatte sie lieb und hielt doch zu der Anderen; so war's bei Dem gegangen. um dessentwillen sie aus Berlin geflohen war! Wie hatte er ihr die Cour gemacht im vergangeneu Winter! Sie hatten sich oft bei einer befreundeten Familie getroffen, zu oft; er hatte ihren Gesang bewundert, ihr glühend die Hand geküßt, dann kaw das Frühjahr— aus! Er hatte auch eine Andere vorgezogen. Hatte sie ihn geliebt? Lena preßte die Augen fester zu, eine Röthe stieg ihr jäh in's Gesicht! wenn sie das nur wüßte! Sie hatte schon oft zu lieben geglaubt; immer war aus den Trümmer» einer alten Liebe das Morgenroth einer neuen g� stiegen.„Das muß so sein," sagte der berühmte Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Gesangsprofessor ,,, immer verliebt! Wo soll denn Eine sonst den Ausdruck herkriegen?" Aber nun glaubte Lena nicht mehr an eine neue Liebe. Die rechte würde doch nicht kommen, nie, nie! Alles ging unter in dem Gefühl der erlittenen Kränkung, in dem neuen großen Unglücklichsein. Sie wollte nun nichts mehr von den Menschen, nein, nur die Kunst, die Kunst! Sich an die mit allen Fasern flammern, immer ihr nach, ohne nach rechts und links zu blicken! Eine stürmische Sehnsucht faßte plöglich Lena's Herz; ein unwiderstehlicher Drang trieb ihr Thränen in die Augen, ihre Wangen glühten. „ Gerolstein!" Sie fuhr auf; sie war erschrocken. Draußen Laufen auf dem Perron, Schlagen von Thiiren, Rufen jezt wurde ihr Coupé aufgerissen. ,, Steigen Sie ein, Herr, hier ist Play," sagte die rauhe Stimme des Schaffners. Wie unangenehm! Lená zog sich ganz in ihre Ecke zurück, sie hatte jetzt nicht Lust auf Gesellschaft; sie schämte sich der Thränen, die noch verrätherisch in ihren Augen glänzten, und ihrer heißen Wangen. " Sie gestatten," sagte der Fremde, faßte an den Hut, brachte sein Gepäck unter Lena jah Malutensilien, Farbkasten, Staffelei, Leinwandschirm, Feldstuhl und warf sich dann auf den Sig, die Beine von sich streckend. Der Zug rasselte weiter. Eine halbe Stunde war vergangen; nach und nach wurde die Landschaft draußen flacher, die pittoresten Formen der Eifelberge verschwanden, die schwermüthig nackten Suppen mit ihrer kahlen Einjamfeit machten sanften Abdachungen, Aeckern und Dörfern Plaz. Schon tauchten Fabritschornsteine auf. Lena fröstelte, die ganze Poesie war dahin; und dabei mußte sie gähnen, eine schreckliche Leere in ihrem Magen quälte sie. Sie hatte Hunger. Sie schämte sich vor sich selber; wie fonnte man so unglücklich sein und doch Hunger haben? Bis Köln würde sie's noch aushalten müssen. Unruhig glitt ihr Blick umher. Ihr Gegenüber zog jezt ein weißes Papierpacketchen aus der Handtasche; ein paar appetitliche Butterbrote waren darin und zwischen Blättern auch Früchte. Das Wasser lief ihr im Mund zusammen, fie neigte sich vor und machte große Augen. Als ob er's geahnt hätte, so sah er jetzt auf; ihre Blicke begegneten sich, sie wurde über und über roth, wie ein ertapptes Kind. Ein leichtes Lächeln hob seine Oberlippe, man sah die schönen weißen Zähne; auf der flachen Hand hielt er ihr das Papier hin. Darf ich Ihnen etwas Obst anbieten? Auf ben primitiven Bahnhöfen, die wir passiren, giebt's nichts Genießbares. Verzeihen Sie, ich wollte nicht unbescheiden sein!" Lena hatte sich auf die Lippen gebissen und war in ihre Ecke zurückgefahren was Tem einfiel?! Es wurmte sie, aber gleich darauf kam ihr Alles so komisch vor, sie mußte lachen.„ Sehe ich so hungrig aus?" Und dann streckte sie die Hand aus und nahm eine Frucht und dann, zögernd, ein Butterbrot.„ Ich bin auch hungrig! Es ist gewiß komisch, daß ich sie brach verlegen ab. " 1 " D, garnicht!" Er hatte eine famose Art, ihr über die Befangenheit wegzuhelfen.„ Reisegefährten find ja für eine Weile Lebensgefährten warum also nicht?" Er langte wieder in die Tasche und entfortte eine Flasche. Da, bitte, trinken Sie!" Er hielt ihr einen Becher mit Wein hin. " Ohne Zögern that sie einen tiefen Zug, und och einen. Der Wein war start, die Schatten unter ihren Augen verschwanden, ihre Lippen wurden feucht, und roth.„ Ich fühle mich jetzt ganz anders," murmelte sie, so viel frischer, ich danke sehr!" Ihre Augen glänzten. " Er fand sie hübsch, viel hübscher, als er aufänglich gedacht hatte. Die schmale Stirn mit den Lockenringeln, der eigentlich zu große Mund mit der charakteristischen furzen Oberlippe waren pikant. Ein Mund, der viel Amiisautes plaudern konnte, den es lockend war, zu küssen. Mein Fräulein?" Es flang wie eine Frage. Sie nickte. ,, Also, mein Fräulein, erlauben Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle: Bredenhofer, Richard Bredenhofer, Dilettant in allen Künsten und sonst nichts!" ,, O!" Sie schielte nach den Malergeräthschaften, die oben im Netz schaukelten. " Nein, nein," er lachte halb spöttisch, halb leichtsinnig,„ wirklich nur ein Dilettant, auch hierin. Aber man giebt die Hoffnung im Leben nicht auf. Einmal muß es doch kommen, das, nach dem man Durst hat, das" er schloß die Hand und öffnete sie wieder ich weiß nicht, wie ich's nennen soll!" ( Fortsetzung folgt.) ,, das Bom altgriechischen Theater. ( Schluß.) Von E. West. n gedrängter Kürze wollen wir nun die Einrichtung der Stätte betrachten, auf der so viel Herrliches, über die Bretter" gegangen. Nach dem Einsturze des ursprünglichen bloßen Brettergeristes, welcher bei einer Aufführung des Aeschylos stattgefunden haben soll, wurde an einen würdigen Steinbau gegangen, der in die Zeit der großartigsten Erhebung des Volkes der Athener fällt, in die Zeit der Perserkriege. Selbstverständlich ist immer, wenn von der griechischen dramatischen Kunst die Rede ist, Athen gemeint. So ist denn das Gebäude an der Südseite der Burg entstanden, das ein Deutscher ( Professor Strack in Berlin) durch einen glücklichen Fund nach mehr als zweitausend Jahren wieder ent= deckt hat. Mit welcher Liebe daran gearbeitet worden ist, und wie alle Kiinste zur rastlosen Ausschmückung und Verherrlichung dieses Bauwerks haben beitragen müssen, ersieht man aus der Nachricht, daß es erst müssen, ersieht man aus der Nachricht, daß es erst unter Lyfurg, ein Jahrhundert später, vollendet wurde, woraus zugleich hervorgeht, daß, so lange das griechische Volk in Blüthe stand, an der Verschönerung des Theaters unaufhörlich gearbeitet worden ist. Dieses Theater hat allen anderen in GriechenLand zum Muster gedient. Das antike Theater besteht aus drei Theilen: 1. aus dem Zuschauer raum, dem„ Theater" im engeren Sinne( theatron, Schauraum); 2. aus der Orchestra, dem Tanzplaz des Chores; 3. aus der Stene( Scene), der Bühne des Schauspielers. Der Naum für die Zuschauer lehnte sich gewöhnlich an einen Hügel und war amphitheatralisch, d. h. die Size erhoben sich in konzentrischen lisch, d. h. die Size erhoben sich in konzentrischen Halbkreisen übereinander, die vernünftigste Gestaltung Halbkreisen übereinander, die vernünftigste Gestaltung eines Theaters, sowie anderer Zuschauerräume, da man hier von jedem Plaze aus gleich gut sehen fann. Mehrere von dem Mittelpunkte aus nach der Höhe zulaufende Nadien bildeten die Abtheilungen und Zugänge zu den Sizen. Ein oder zwei breite Gänge( Gürtel), welche diese Nadien untereinander verbanden, schieden die unteren Sizreihen von den oberen und sonderten so die verschiedenen Stockwerke. Die Sigstufen, 1 Fuß 2 Zoll bis 1 Fuß 5 Zoll hoch und 2 Fuß 5 Zoll bis 3 Fuß 10 3oll breit ( also recht geräumig, ohne modern- raffinirt schmutzige Raumschiuderei), waren in ihrer vorderen Hälfte zum Sigen, in der hinteren etwas vertieften fiir die Füße der in der höheren Reihe Poſtirten bestimmt. Die obersten Sißreihen umschloß entweder eine Mauer oder eine Säulenhalle. Die einzelnen Size waren durch Linien abgetheilt. Irgend weld, cr Nangunterschied war durch das Höhere oder Niedere der Size nicht ansgedrückt, alle Size waren an Werth einander vollkommen demokratisch gleich. Alle drei Näume lagen unter freiem Himmel, Bedeckung fand in der Blüthezeit des griechischen Theaters durchaus nicht statt, also weder des Zuschauerraumes, noch der Orchestra, noch der Stene. " Der wichtigste Theil war die Skene. Sie gehörte dem Schauspieler und wurde nur selten auch vom Chor benußt, wie in den Eumeniden" des Aeschylos, wo dieser die selbstständige Nolle eines Schauspielers vertrat. Andererseits steht aber fest, daß der Schauspieler nie in der Orchestra erschien, die nur dem Chore gehörte. So lange freilich Tyrische Chöre den Dionysos verherrlichten und die 11 Anfänge des Dramas innerhalb des Chorführers und der Choreuten sich hielten, gab es nur zwei Abtheilungen: Theater( éarpov, Zuschauerraum) und Orchestra. An der Stelle des Zeltes, aus welchem der Schauspieler hervorkam, welches der Sfene ihren Namen gegeben hat, trat ein festes Bühnengebäude, in den meisten Theatern mit fünf gegen die Bühne gerichteten Thüren, welche durch eine Dekoration verkleidet wurden, die ebenso wie das Gebäude selbst den Namen„ Sfene" erhielt. Später wurde das Wort„ Sfene" häufig auf den Vorplaz vor der Bühnendekoration übertragen, auf welchem der Schauspieler auftrat, der genauer Prostenion oder Proscenium, Vorplaz vor dem Bühnengebäude, hieß. Dieses Prosfenion lag zehn bis zwölf Fuß über der Orchestra. Die den Zuschauern zunächst liegende, in die Orchestra hinabsteigende Wand des Prosfenions, welche dieses von der Orchestra trennt, war mit Säulen und Statuen geschmückt und hieß ( ebenso wie der durch sie begrenzte Raum unter der Bühne) Hypostenion. In der Mitte der Orchestra stand der für die Opfer des Dionysos bestimmte Altar. Von diesem aus bis zum Prosfenion pflegte bei dramatischen Vorstellungen der Sandboden der Orchestra durch ein mehrere Fuß hohes Geriist erhöht und dieses mit der Bühne durch eine Treppe verbunden zu werden. Der Altar selbst wurde in die dramatischen Spiele in keiner Weise mit hineingezogen, wie denn auch die Orchestra in keiner Weise deforirt wurde. Auf den Stufen des Altars befand sich der den Chor begleitende Flötens, ieler, eben daselbst befanden sich die Rhabdophoren, oder auf einem für den Chor errichteten Brettergeriist, von wo aus sie ihres Amtes als Sittenpolizei im Theater walteten. Die Dekoration des Bühnengebäudes zeigte, da die Handlung auf offener Straße stattfand, ( nicht im Innern des Hauses), gewöhnlich einen Palast( rechts die Fremdenwohnung, links das Sklavenhaus) in der Tragödie; in der Komödie ein bürgerliches Wohnhaus, im Satyrdrama einen Wald oder eine Höhle. Diese Dekorationswand, wohl zu unterscheiden von der Wand des festen Bühnengebändes, enthielt drei Thüren, aus welchen jene Schauspieler hervortraten, die im Innern des Palastes oder Hauses ihren Aufenthalt hatten. Wer anderswoher kam, bediente sich der Eingänge zur Seite der Bühnenwand und zwar ein aus der näheren Umgebung Auftretender des linken, ein aus der Ferne Ankommender des rechten Einganges. Sollte in einzelnen Fällen das im Innern des Hauses Vorgefallene sichtbar werden, so wurde die Dekorationswand auseinander gezogen und auf einer auf Rollen gestellten und zum Schieben einger'chteten Masch'ne, gewissermaßen einer erhöhten kleinen Bühne, das Junere im Inneren gezeigt, nicht aber auf die Bühne selbst hinausgeschoben, wie öfter, wenn ein Leichnam sichtbar werden, soll. Außer der den Zuschauern zugekehrten Bühnenwand mit ihrer verschiebbaren Dekoration, die nur in sehr seltenen Fällen während des Stückes geändert wurde, gab es an den Seiten des Prosfenions zwischen Orchestra und Bühnenwand je eine dreiseitige drehbare Waschine, die Periakten ge= nannt, welche der Hauptwand entsprechend dekorirt war und durch deren Umdrehung eine Veränderung der näheren oder entfernteren Umgebung der auf der Hauptbühnenvand dargestellten Dertlichkeit be= wirkt werden konnte. Die Räume zur Seite des Bühnenplages, auf welchen diese Periakten angebracht waren, hießen Paraskenien. Zwischen den Periaften und der hinteren Bühnenwand befanden sich die Seitenzugänge für die Schauspieler, welche nicht aus den Thüren der Hauptdekoration auf die Bühne traten. Zu welcher Zeit an dieser Stelle die festen Flügel des Bühnengebäudes, nach der Orchestra zu, gebaut worden sind( ebenfalls Parastenien genannt), welche wahr= scheinlich zur Aufbewahrung der Theatergeräthschaften, der Garderobe und zum Aufenthaltsorte für Schauspieler und Chor dienten, läßt sich nicht mit Bestimmtheit nachweisen. Von Maschinerien gab es erstens die schon erwähnte Rollmaschine, auf welcher, nachdem sich 12 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. die Bühnenwand geöffnet hatte, das Innere gezeigt wurde. Sodann kommt eine Hebe- und Schwebe maschine vor, auch kurzweg die Maschine genannt, weil sie am meisten im Gebrauch war, mittelst welcher Götter und Heroen in der Luft schwebend erschienen. Darum spricht man von einem Deus ex machina ( Gott aus der Maschine), ein Ausdruck, der seit jener Zeit sprichwörtlich geworden ist für die durch plögliches Dazwischentreten einer Person oder eines Zufalls bewirfte und unerwartet günstige Lösung eines tragisch geschürzten Knotens im Drama( auch im Roman). Auch gab es eine sogenannte Götter bühne in der Höhe der hinteren Bühnenwand, die den Göttern zum Aufenthalt diente, wenn sie nicht durch die Maschine vom Himmel oder sonst woher auf die Erde geführt wurden, sondern vom Himmel aus mit den Menschen verkehren und deshalb dauernd in der Höhe verweilen sollten. In den uns erhal tenen Tragödien findet sich allerdings kein Beispiel ihrer Anwendung, doch wird erzählt, daß in einer verloren gegangenen Tragödie, deren Name uns jedoch erhalten ist, Jupiter auf dieser Götterbühne" erschienen sei. Auch Vorrichtungen, um Donner und Bliz. nachzuahmen, waren vorhanden. So geschah z. B. das Erstere, indem man Schläuche auf Erzplatten hin und her rollte. Versenkungen waren im hölzernen Fußboden des Prosceniums angebracht; auch gab es da in die unteren Räume führende Treppen, auf welchen die Schatten der Unterwelt, die Erynnien ( ,, Rachegöttinnen") usw. auf und abstiegen. Um es zu ermöglichen, daß die Stimme der Schauspieler in so weitem Raume überhaupt vernommen wurde, waren eigene Schallgefäße aufgestellt; wie jedoch ihre Einrichtung war, hat noch nicht ermittelt werden können. Neueren Forschungen in der Akustik zufolge ist es wahrscheinlich, daß es Schalllinsen gewesen, die in ähnlicher Weise die Tonwellen in einem Punkte auffingen, wie das Brennglas die Lichtwellen. Das größte Theater, von dem wir Kenntniß haben, das zu Megalopolis, konnte mehr als 40000 Menschen fassen, d. h. also zweimal so viel Köpfe, als die gesammte Bürgerschaft Athens betrug. Die gewöhnliche Größe war etwa auf das Viertel oder die Hälfte berechnet; so hatten in Epidauros ( in Argalis am Saronischen Meerbusen) 10 000 Menschen im Theater Platz, in Syrakus 14 000 Menschen. Bühne und Orchestra waren vom Zuschauerraum durch einen Vorhang nicht getrennt, ja, konnten es aus inneren Gründen nicht sein; denn der Vorhang würde die Zuschauer gleichsam als eine fremde Ge meinde von den Schauspielern, von dem Chor abgetrennt haben, während doch Alle, Chorsänger, Chortänzer, Schauspieler und Zuschauer nur eine Gemeinde( d. h. Festgemeinde) bildeten, die ursprünglich Alle( alle Genossen) als zu einer gottesdienstlichen Feier verbunden zu denken sind. Als aber der religiöse Ursprung völlig in den Hintergrund getreten, ja, ganz vergessen war( wie z. B. bei den Römern), als die im Theater Versammelten in bloße Zuschauer, die unterhalten sein wollten, und in lediglich berufsmäßige Unterhaltende zerfielen, da kam auch der Vorhang auf, der jetzt sogar vielfach nöthig wurde, um gewisse Vorgänge vor den Augen der Zuschauer zu verbergen. Bei den Griechen war die Entwickelung der Poesie stetig, ohne Unterbrechung, ohne Sprung; nichts von außen Hineingetragenes, nichts Fremdartiges störte sie: Alles war ureigenthiimlich und frisch aus dem Leben und mit dem Leben emporgewachsen. Das heroische Zeitalter spiegelt sich im Epos, im Homer; die Zeit der gährenden Entwickelung der Volksstämme kam in der Lyrik zum Ausdruck, deren Höhepunkt Pindar erreicht; die höchste Manneskraft und Herrlichkeit des griechischen, namentlich des atheniensischen Volkes, im Drama, das in weniger als einem Jahrhundert von den ersten Anfängen bis zur höchsten Vollendung gelangte. Aeschy= los, Sophokles, Euripides, das von anderen Nationen unerreichte dramatische Dreigestirn, fallen zusammen mit den Großthaten der Perserkriege und der Macht entfaltung durch Perikles im fünften Jahrhundert. Aeschylos fämpfte in der Schlacht bei Salamis, Sophokles tanzte als Jiin lng in dem zur Verherrlichung des Sieges geführten Festreigen, Euriherrlichung des Sieges geführten Fesireigen, Guripides wurde im gleichen Jahre( 480 v. Chr.) geboren. Das Theater wurde der Sammelplatz und Das Theater wurde der Sammelplay und Brenupunkt des politischen, religiösen und füinst lerischen Lebens. Der Gipfel seiner Höhe ist zugleich der Gipfel von Athens politischer Größe, und mit ihrem Fall lösen sich zugleich die Bausteine des Kunsttempels, die in ihrer Vereinigung ein harmonisches Ganze von unerreichter Anmuth, Würde und Hoheit darboten. In der Stetigkeit der Entwickelung der Dichtkunst waren die Griechen noch glücklicher als die Deutschen, die ihnen hierin am nächsten stehen. Auch den Deutschen war es vergönnt, wie Nibelungenlied, den Deutschen war es vergönnt, wie Nibelungenlied, Minnesang und die diesen gleichzeitigen Dichtungen beweisen, Epos und Lyrik nacheinander und auseinander zur Blüthe zu entfalten. Als aber im 14. und 15. Jahrhundert die Anfänge der dramatischen Poesie entstanden, stellten die politischen Verhältnisse des deutschen Reiches sich alsbald hemmend ihr entgegen, und noch harrt sie bis auf den heutigen Tag ihrer Vollendung, troß des Aufschwunges, den sie durch Shakespeare's Einfluß im 18. Jahrhundert genommen. Es erübrigt noch, dem Chore, dem Chorliede und dem Chortanze eine kurze Betrachtung zu widmen. Der Chor drückte immer die Oeffentlichkeit, das Volk, aus, denn so wie die Handlung stets auf offener Straße spielte, wie es eine Privathandlung garnicht giebt, so muß auch der Chor ein Theilnehmer an der Handlung sein, bestehe diese Theilnahme auch nur in Rathschlägen oder Betrachtungen des Chores, furz, im Zwiegespräche. Die Zahl der Chorpersonen in den Dithyrambischen Chören betrug 50, von der Zeit an aber, wo die Tragödie feste Ausbildung gewonnen, in jedem Stiicke 15. Ursprünglich war der Chor im Kreise aufgestellt, oder in Halbchöre getheilt, die im Halbkreise standen, später war er im Viereck aufgestellt und hielt in drei von je fünf oder in fünf Reihen von je drei seinen Einzug in die Orchestra. Stellung und Bewegung des Chors waren durch Punkte und Linien markirt, von denen der Chor ausging und auf die er zurückkehrte. Der Führer des ganzen Chors hieß Kornphaios( Chorführer); außer ihm gab es noch vier Reihenführer, so daß jede der fünf Reihen ihren Vormann hatte, welche auf der linken Seite in die Orchestra einschritten und so beim Einzuge den Zuschauern zuerst sichtbar wurden, auch bei der Aufstellung am meisten sichtbar blieben. Der Koryphaios hatte seinen Platz in der Mitte dieser, den Zuschauern zugekehrten Reihe. Die Versmaße der Chorlieder, die uns so kunstvoll erscheinen, sind es durchaus nicht in dem Maße, wie sie uns vielleicht vorkommen. Die ganze griechische Sprache ist gleichsam für kunstvollen Bau prädestinirt, so daß es keiner Künstelei bedurfte, um verschränkt griechische Verse in seltenen Versmaßen zu machen. Wie von Ovid erzählt wird, daß er bereits als Knabe Verse über Verse machte, so daß der nüchterne Vater einmal zum Bakel griff, wenn er das Versemachen nicht sein lasse, und wie der Junge um Schonung bat und versprach, er wolle nie mehr Verse machen, wie aber diese Bitte, dem Knaben selbst unbewußt, in Versform eingekleidet war, wie sich seine Rede unwillkürlich zur gebundenen gestaltete, so war es gleichsam auch bei dem ganzen Volke der so war es gleichsam auch bei dem ganzen Volke der Griechen. Von diesem wunderbaren Talente läßt man sich im rauhen, schwerfälligen Norden freilich nichts träumen, aber im Süden, schon in Venedig, noch viel mehr aber in Neapel, tritt beim Volfe eine Begabung für Sprache auf, die in Erstaunen setzt. Ich will garnicht von den Gondelliedern des sezt. Ich will garnicht von den Gondelliedern des Gondoliere reden selbst bei dem zerlumpten Lazaronen Neapels, der den ganzen Tag mit wahrhaft göttlicher Faulheit zu faulenzen versteht, zeigt sich diese geradezu verblüffende Begabung. Die Begabung der griechischen Dichter ging aber viel weiter. Nicht nur den Tert der Lieder schrieben sie ursprünglich, auch die Melodie( sie waren also auf die auch Musiker), und verstanden sich auch Tanzkunst, sie zeichneten zugleich die Tanzbewegungen, die Tanzfiguren vor, ja sie selbst tanzten auch im Chore m't. Man sieht hieran so recht deutlich, w'e d'e Kunst eine Einheit ist, in der gleichsamt wie im Steine Alles beschlossen liegt; erst allmälig lösen sich die einzelnen Theile los und gewinnen selbstständige Ausbildung. Vom Tanze aber ist der Chor gar nie zu trennen, so lange es überhaupt eine dramatische tragische Dichtung giebt. Kein Augenblick des Tanzes war ohne Gesang. Die griechische Tanzkunst war nämlich wesentlich symbolischer Art. Wort und Bild müſſen sich gewissermaßen decken: der Tänzer zeigt den Inhalt des Liedes und der Zuschauer sieht zugleich, was er hört. Im Versmaße drückt sich der Charafter des Tanzes aus, dieser ist ganz von dem charakteristischen Wesen des Versmaßes bestimmt. Näheres wissen wir freilich nicht von der antiken Tanzkunst, da wir den Tanz ja nie mit Augen gesehen haben. Das Versmaß wurde gewissermaßen graphisch durch den Tanz dargestellt, so daß durch die künstlichen Wendungen und Verschlingungen des Tanzes der Inhalt des Gesanges mehr oder weniger deutlich dem Auge entgegentritt. Ein seltenes Büchlein des Neapolitaners de Jorio bringt eine Deutung gewisser Geſtifulationen durch eine Vergleichung mit neapolitanischen Geberden. Anfangs war die Musikbegleitung, die Flöte, dem Gesange durchaus untergeordnet; nur ein einziger Flötenbläser begleitete den Chor, später fing sie an, selbstständiger aufzutreten und den Chor zu übertönen, so daß die Instrumentalbegleitung schon damals von einem Dramatiker in ihre Grenzen gewiesen werden mußte. Daß die griechische Tragödie von der leichten Unterhaltung, die wir auch im ersten Drama zu suchen gewohnt sind, himmelweit entfernt war, ersehen wir schon daraus, daß sie am frühen Morgen begann und den ganzen Tag über dauerte. Dafür würde man sich bei uns schönstens bedanken, den ganzen Tag im Freien zu ſizen, der Gunst oder Ungunst des Wetters ausgesezt zu sein! Und wenn die Menschennatur zwar überall so ziemlich dieselbe ist, so daß es z. B. schon ein viel benutztes Motiv der komischen Dichter war, den Finger in die Luft zu strecken und eine Person sagen zu lassen:„ Es regnet," wenn eine Versammlung„ gesprengt" werden sollte, so wäre es für unsere Nerven doch ein bischen viel, den ganzen Tag, auch bei schönstem Wetter, einer Theatervorstellung zuzusehen. Diinken doch die Wagner'schen Musikdramen, selbst am Abend und in gedeckten Räumen, Vielen viel zu lang! Ebenfalls eine der vielen Unbegreiflichkeiten, die uns Modernen das Alterthum auftischt. Die Tragödie war vom Staate zum Gegenstand eines öffentlichen Wettkampfes gemacht worden. Die Bürger hatten je nach ihrem Vermögen gewisse Leistungen für das Gemeinwohl zu entrichten; dazu gehörte auch die Theaterlast, um eine würdige Ausstattung des Dramas zu ermöglichen. Von einen Vermögen von drei Talenten an( etwa 15 000 Mt.) konnten die Bürger in Anspruch genommen werden. Den Leistenden ernennt der Stamm, welcher am Siegesruhm des Dichters theilnimmt. Glaubte Giner, daß ihm Unrecht geschehe, daß er zu hoch belastet sei, so stand ihm das Rechtsmittel des Vermögens tausches mit Dem frei, den er für geeigneter hielt, diese Last zu tragen. Zu den regelmäßig zu leistenden Liturgien( wie diese Art Steuer hieß) gehörte auch die Choregie, d. h. Stellung und Ausrüstung eines Chores. Der Liturg hatte das nöthige Chorpersonal zusammen zu bringen und zu bezahlen, die Choreuten unterrichten und einüben zu lassen und sie während dieser Zeit zu beköstigen. Auch für den zur Aufführung gehörigen Schmuck hatten sie zu sorgen, der um so gediegener sein mußte, als die Aufführungen nicht beim täuschenden Glanze künstlichen Lichtes, sondern im hellen Sonnenscheine stattfanden. Als aber mit zunehmendem Vermögensverfalle ( insbesondere durch den peloponnesischen Krieg) die Mittel zu einer würdigen Aufführung gebrachen, mußte der Staatsschaß eintreten, weshalb z. B. in der Komödie, die stets mehr als Stieffind behandelt wurde, der Chor schon gegen Ende des peloponne fisches Strieges wegfiel. Auch die Zulassung der Dichter zur Aufführung eines Stückes hing vom C h 111 Ic 31 бо m I 1 [ r I I e D t 3 1 1 d e Fe 11 11 -) 1. 11 1, et S= t, ch al Cit το f= er 加 Te ie 1, in eft e= er E It Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 13 veto Loret. Münch Es war einmal... Nach dem Bilde von O. Lorch. Staate ab. Einen Chor bewilligt erhalten, hieß die Erlaubniß zur Aufführung eines Stückes erhalten; wurde der Chor verweigert, so gab es auch die lettere nicht. Uebrigens ist es nicht richtig, von einer„ Theater last" zu reden: die Bürger rechneten sich's zur Ehre, zu dieser Leistung herangezogen zu werden, so lange das Staatswesen blühte, und gar Mancher leistete mehr, als wozu er verpflichtet war. Als später im stehenden, festen Theater ein Eintrittsgeld an den Theaterpächter entrichtet werden mußte, traf Perikles die Einrichtung, daß das Theatergeld den Armen aus öffentlicher Kasse bezahlt wurde; sie sollten, weil sie arm waren, vom Kunstgenusse, von der Bildung feineswegs ausgeschlossen sein! Er legte dadurch billige und fromme Rücksicht auf den Ursprung der stenischen Spiele an den Tag, die aus gemeinsamer religiöser Feier hervorgegangen, nicht ein Vorrecht der Begüterten werden sollten, und gab andererseits zu erkennen, daß er im Sinne des Aristophanes das Theater als eine höhere Bildungsanstalt des Staates betrachtete, deren Wohlthat er Keinem, auch dem geringsten Bürger nicht, entziehen zu dürfen glaubte. >< 14 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Entzauberung. Dort drüben liegt sie riesenbreit erstreckt Von Bruno Wille. And vielgezackt zum Wolkengrau gereckt Die steinern fahle Stadt von Hunderttausend Tagwerken murrend und erbrausend. Ein Dunst umhüllt die Dächer, rußig, bleiern: Der Schlote Ausgeburt- die noch nicht feiern. And doch schon murmeln von der Vespersfunde Die düstern Thürme mit dem Glockenmunde. Wie dort der Häuserwall, der Vorstadt- Rumpf, Aus fünfgezeilten Fenstern stumpf Sinüberstarrt- zum braunen Ackergrund, schmuhigroth die Mauern Wo Bwei qualmende Fabriken kauern. Horch, die Maschine heult das Vesperzeichen! Da rinnt aus dem Fabrikenthor Ein langer Bug von Arbeitsvolk Den Ackerweg dahin zur Stadt. And fieß', die Säuferstirnen röthet matt Der Abendwolken Widerschein. Auf einmal quillt der Feuerball herein Aus einem Wolkenriß und überfluthet Die Landschaft, daß sie golden gluthet. Bauberthat! Die Stadt mit ihrem Dunst Siegt nun verklärt, von Purpurduft umflossen; Ein Berg, um den in ungestümer Brunst Aus grauem Dorn, blufrothe Rosen sprossen. And sieh nur, wie die Scheibenzeilen strahlen, Mit rothem Blik das Sonnenfeuer malen Wie alle Häuser, alle Fensteraugen, Mit heißem Durst die Purpurquelle saugen And saugend immer lichter sich verklären Als ob sie fluchbelad'ne Schlösser wären, Die für ein karges Weilchen von der bösen Verwünschung sich erlösen. And sie betrachtend voller Staunen Sör' ich die Häuser gramvoll raunen: 99 Verwunschne Schlösser, verfluchte Mautern, Ach wohl, das sind wir! Müssen ja trauern In düst'rer Gede jahraus, jahrein, Sülfloses Grauen im lahmen Gebein. Durch Kerkerräume Gespenster poltern, Viel arme Menschenseelen zu foltern, Mit teuflischen Zangen, mit Dürften und Fasten, Mit knechtischen Keffen, unmenschlichen Lasten. Auf faulem Stroh die Armuth kauert, Verzehrt von Fieber und frostdurchschauert; Das Auge irrt, Es ringen die Hände; Doch fledermausig Die Sorge schwirrt Am unsere grausig Verdammten Wände... Fluch und kein Ende! Nur manchmal naht die Gnadenstunde, Wo die purpurne Sonne mit küssendem Munde Die Stirn uns rührt- und an denen gemahnt, Den unsere Seele erschauernd ahnt: Den Strahlenbräutigam wundervoll, Den starken Helden- der kommen soll, Aus gespenstischer Noth, aus Nacht und Ketten Auf ewig uns zum Sichte zu retten." So klagen die Verfluchten. And der Scheiben Roth Ward düster und erstarb in matten Funken. In Stumpfheit lag die Stadt zurückgesunken: Ein Schlackenhaufen, Schwarz- und kalt * Aus„ Einsiedelkunst aus der Kiefernhaide". Berlin, Schuster& Loeffler. as Wasser in dem rußigen Topfe des kleinen eisernen Ofens war dem Kochen nahe. Der Meister nahm die alte kreischende Kaffeemühle von dem Sims, schittete Bohnen in den Trichter und begann sie vorsichtig zu zermalmen, wobei er den aufsteigenden, kräftigen Duft voll sicht lichen Behagens einsog. Jezt gab er dem ächzenden Griff noch einen fräftigen Schwung, daß er wie ein Streisel ein paar Mal herumfuhr und zog die kleine Schieblade der Mühle heraus, als die Thüre des Stübchens mit einem Mal heftig aufgestoßen wurde. Meister! he, he, Meister!" " " Er wendete gleichmüthig den Kopf der erregten Ruferin zu. Was?" fragte er lakonisch. Die Buben sind an Euren Haselnüssen." " So," entgegnete Meister Tobias in vollster Seelenruhe, und schüttete den Kaffee in das sprudelnde Wasser. ,, Sie reißen alle reifen Nüsse ab, die miserablen Tagediebe." " Viel sind es ja nicht," begütigte er; seine Aufmerksamkeit war in weit größerem Maße von dem Kaffee als von den gestohlenen Nüssen in Anspruch genommen. Sollen sie Euch die paar vor der Nase wegholen? Nehmt den Knieriemen und Ach, ich hab' es in meiner Jugend gerade so und fodt. Meister Tobias. he Von Carlot Gottfried Reuling. " gemacht," meinte Tobias. Den Buben schmecken die Nüsse besser wie mir." " So? Und die Astern, die die Rangen zertreten, und den Mohr, den sie mit Steinen werfen?" Wirklich ertönte in diesem Augenblick das Miauen einer Kaze aus der Ferne. Der Alte fuhr erregt in die Höhe und griff nach dem Knieriemen. " # , Das Mohrchen? Ei, da soll Euch gleich-Die Pantoffeln des Meisters flapperten die steile Treppe hinunter, man hörte einen gellenden Pfiff, verklingendes Nufen und Schimpfen. Frau Lene horchte gespannt, ob sich nicht auch einige Schmerzenstöne unter den Lärm mischten und schüttelte, als sie sich in ihrer Erwartung getäuscht fand, mißbilligend den Kopf. Dann eilte sie an den Ofen und sah eifrig nach dem Topfe, damit der Kaffee ihres alten Nachbars nicht etwa überkochen könnte. Einige Minuten später trat Letterer wieder in die Stube, einen mächtigen schwarzen Kater auf dem Arm tragend. ,, Habt Ihr die Satansbrut tüchtig durchgehauen?" rief ihm Frau Lene schon entgegen, als er kaum die Thüre geöffnet hatte. ,, Sie haben ja dem Mohrchen nichts gethan," erwiderte er gelassen und hing den Knieriemen wieder an den Nagel. Dieses Züchtigungsinstrument hatte bei ihm nur symbolische Bedeutung. " Natürlich! Euch kann nichts aus der Seelenruhe bringen! Wenn man Euch bestiehlt und betrügt, so laßt Ihr's Euch ruhig gefallen. Euch tanzt Jeder auf der Nase herum." Meister Tobias beantwortete diese und ähnliche heftige Worte nur mit einem unendlich freundlichen Lächeln. Er wußte aus langjähriger Erfahrung, daß seine alte Freundin durch nichts schneller zum Schweigen gebracht werden konnte, als eben durch Schweigen. Und er hatte allen Grund, treue Nachbarschaft zu halten, denn wenn Jemand auf der Welt um sein Wohlergehen und seinen Nugen besorgt war, so war es Frau Lene. Schon als Kinder waren sie Freunde gewesen; die Eltern wohnten in dem letzten Hause der kleinen hessischen Landstadt, auf dem sogenannten Stiefelberg. Jede der beiden Familien besaß die Hälfte des Hauses, und die Kinder spielten täglich zusammen auf der hohen schmalen Steintreppe. Der Aber Dann war Tobias als lebensfroher, hoffnungs freudiger Bursche in die Fremde gezogen, und man hatte viele Jahre nichts von ihm gehört. ältere Bruder übernahm die Schusterwerkstätte und Lene, das einzige Kind, verheirathete sich. ihr Mann starb nach kurzer Zeit und Frau Lene haufte wieder allein mit ihrem Buben in den engen Näumen. Tobias schien verschollen zu sein. Der Bruder, ein wunderlicher, einsamer Mensch, redete to e a d. d L g ii in je m g be B ha je la he 10 111 טו ho ן ט 1 ita ib I al IV er de hi F di 10 111 ih al N S je ט 1 m 31 de de ina 5 S IDE S bie na AE ist au mi un 101 M äre er Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. niemals von dem Entfernten. Als er plöglich infolge eines Schlagflusses verschied, erließ das Gericht einen Ausruf wegen der Hinterlassenschaft. Doch auch der blieb lange erfolglos; schon wollte man das Haupterbe, die Hälfte des Hauses, zum Aerger der Frau Lene versteigern lassen, als der vermißt Geglaubte eines Tages den lehmigen Hohlweg vom Walde herunterkam und von seinem Erbe Besiz ergriff. In dem Städtchen hatte ihn Niemand mehr erfannt; Frau Lene allein, die gerade am gegenüberliegenden Brunnen ihren Kübel scheuerte, war in die Höhe geschnellt, als Tobias die schmale, hohe Steintreppe in die Höhe gestiegen war, und hatte jeinen Namen gerufen. Im Grunde hatte er sich wenig verändert; die freundlichen Züge waren die gleichen geblieben, nur daß sie viele feine Falten bekommen hatten; aus dem übermüthigen, tollen Burschen war ein ruhiger Mann geworden. Früher hatte er immer behauptet, das ganze Städtchen solle noch einmal von ihm reden und stolz auf ihn sein, jezt aber segte er sich ganz gleichmüthig, ganz gelassen auf seinen alten Play. Weit war er ja herumgekommen, die halbe Welt hatte er durch wandert, das versicherte wenigstens der Polizeidiener, und der mußte es aus seinen Papieren wissen. Aber wenn man ihn fragte, gab er keine rechte Antwort und an's Erzählen dachte er nicht. Er hatte überhaupt so etwas Fremdes bekommen, daß man sich nicht mehr recht traute, ihn frisch von der Leber weg zu fragen. Er öffnete wieder die alte Werkstätte, und anfangs brachten ihm Viele Arbeit, um ihn auszuhorchen. Als sie aber nichts erfuhren und Tobias nicht schnell arbeitete, blieb Giner nach dem andern weg, und bald war er zum Flickschuster geworden. Er schien sich aber nichts daraus zu machen; er arbeitete überhaupt nur, wenn ihm das Licht auf dem Nagel brannte. Sogar seinen Acker, welcher hinter dem Garten lag, hatte er zum Verdruß von Frau Lene verpachtet und zog sein bischen Gemüse dicht hinter dem Hause. Es konnte fein Zweifel walten, Meister Tobias überarbeitete sich nicht gerne, und Frau Lenie, deren Hände niemals ruhten, waren miißige Menschen ein Gräuel. Anfänglich suchte sie ihn aus seinem Schlendrian zu reißen und ersann alle mögliten Mittel, ihn zur Arbeit zu treiben. Nach und nach sah sie aber das Nuzloſe ihres Bemühens ein und sie begnigte sich jetzt, auf seine Sachen ein scharfes Auge zu haben, um ihm bei jeder Gelegenheit sein bequemes Wesen vorzuwerfen, was sich Meister Tobias in unzerstörbarer Gut müthigkeit gefallen ließ. Er hatte aus dem dickbäuchigen Eckschränkchen zwei Tassen geholt, deren goldener Rand viel von dem einstigen Glanze eingebüßt hatte, und sie auf den wurmstichigen runden Tisch gestellt. " " 1 Ehe Meister Tobias ein Wort entgegnen konnte, war sie zur Thüre hinaus und kam gleich mit einem großen Stück Kuchen zurück. „ Eigentlich solltet Ihr ihn erst morgen haben. Weil Ihr aber so ein Kindskopf mit dem Samstag Abend seid, könnt Ihr ihn auch heut' schon essen." „ Das ist schön von Euch, Lene, ich danke," antwortete der Meister. Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und sah die Gegenübersißende an. Hübsch war Frau Lene ja gerade nicht mehr, ausgenommen die dunklen Augen, deren freundlicher Ausdruck nicht so recht zu den harten, strengen Zügen passen wollte. Aber ehrlich und sauber sah sie aus, von den glattgekämmten grauen Haaren bis zu den plumpen Schuhen. Und jetzt, als sie mit der hartgearbeiteten, sehnigen Hand die Tasse sorgsam zum Munde führte, einen prüfenden Schluck nahm und ihrem alten Nachbar das Zeichen ihrer Anerkennung durch leichtes, bedeutsames Nicken fund gab, lagerte sich ein mütterlicher Zug um ihren Mund, der dem Gesicht alles Herbe nahm. An langes Stillfißen war aber bei Frau Lene nicht zu denken, besonders wenn sie ihren Strickstrumpf nicht in der Tasche führte. Kaum hatte sie ihre halbe Tasse ausgetrunken, so wanderten die Augen unablässig im Zimmer umher, und sie jagte alle zwei Minuten vom Stuhle auf, um diesem oder jenem Gegenstand eine andere Stellung zu geben. An dem Schustertische blieb sie stehen und hob ein Paar über den Leisten geschlagene Stiefel das einzige Baar neue überhaupt in die Höhe. ,, Noch nicht weiter, Tobias?" fragte sie nach sorgfältiger Prüfung. " 1 , Gut Ding will Weile haben," antwortete der Meister. Aber Ihr werdet Gure Freude an den Stiefeln haben, Lene. So was hat die Welt noch nicht gesehen." „ Na, na, wollen's abwarten. Langsam genug geht es ja. Auf diese Weise könnt Ihr es natür lich nie zu Etwas bringen. Jetzt schafft Ihr schon vier Wochen an meinem Paar. Da seht lieber auf meinen Karl. Der ist ein fleißiger Mensch. An dem könnt Ihr Euch ein Muster nehmen, so alt Ihr seid." Der Meister nahm rasch einen Schluck, um sein Schweigen zu bemänteln. Karl war das einzige Kind der Frau Lene, zu welchem sie mit abgöttischer Verehrung aufblickte. Er war in ihren Augen der schönste, beste Mensch, und alles was er that, ganz vorzüglich. Ihr Hauptkummer bestand darin, daß sie ihn trotz seiner trefflichen Anlagen nur Schreiner werden lassen konnte, und ihr Karl nun schon lange in großen Städten arbeitete. Tobias dachte freilich etwas Anderes; er sah in Karl einen verzogenen, frechen Strick, der ihn ärgerte und kränkte, wo er konnte, und nach dessen Weggang ihm sauer ersparte vierzehn Mark gefehlt hatten. Aber er hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als Lene nur ein Wort darüber angedentet; er wußte, daß Karl ihr höchster Kommt her, Lene, sezt Euch zu mir und trinkt ' ne Tasse mit, sagte er zu seiner Nachbarin, die inzwischen an allen Ecken und Enden zurecht gestellt und gewischt hatte. ,, Staffee trinken in dem Schmuz? Was fällt Stolz war, daß sie nur für ihn arbeitete und darbte Euch ein?" Sie ergriff einen alten Lappen und begann die mit Wasser gefüllte Glaskugel über dem dreibeinigen Schustert schchen einer gründlichen Reinigung zu unterwerfen. Allerdings hatte sich eine beträchtlich dicke Staubschicht über sie gelegt, war aber von dem biederen Meister nicht beachtet worden. " Ach was, laßt doch," sagte er, das werde ich nachher schon besorgen!" " und sparte. " 1 " Ihr sizzt ja da, als ob Euch die Hinkel das Brot gestohlen hätten," wendete sich Frau Lene wieder an den Nachdenklichen. Es paßt Euch wohl nicht in den Kram, daß ich wegen der Stiefel gemahnt habe? Nichts für ungut, Tobias; es eilt mir ja nicht." Der Meister schüttelte begütigend den Kopf und fie fuhr fort:„ Daß Karl ein Ausbund von einem Menschen ist, wißt Ihr. Aber daß er viel schneller schafft als Ihr, ist nur in Ordnung; er ist ja auch Es wäre gescheiter, Ihr arbeitetet noch etwas!" " Schwätzt doch nicht, Lene; heute, am Samstag Abend! Ihr wißt, da thue ich nie etwas. Das soviel jünger." ist mein altes Recht," lachte der Meister. " Schlimm genug, daß Ihr immer einen Grund ausfindig macht, um faulenzen zu können!" " Jezt ist's aber genug, Frau Lene! Wollt Ihr mir den Staffee mit Gewalt verderben? Hergesetzt und getrunken!" Sie lächelte vergnügt in sich hinein, dann schoß sie an die Thüre.„ Aber jezt muß ich fort, ich hab' noch alle Hände voll zu thun. Guten Abend, Meister!" Die letzten Worte wurden schon zwischen Thür und Angel gesprochen. Kurz darauf hörte man Frau Lene mit dem Besen auf der Treppe rumoren, als wenn das kleinste Stäubchen von den ausgetretenen Stiegen 15 abwischen wollte. Freilich, genug war in das Zimmer gepfropft, um einer reinigungsbedürftigen Seele unablässig Arbeit zu geben. Alle Wände waren mit Holzschnitten, Lichtdrucken und Abbildungen aus Zeitschriften und Kalendern beklebt; dazwischen hingen drei Kasten voll Schmetterlinge und Käfer, ein ansgestopster staubiger Nabe stand auf dem Schrank, und eine Weihe mit ausgebreiteten Flügeln schwebte an der Decke. In der einen Ecke standen auf einem Brett Pfeifen mit bunten Köpfen der Meister rauchte zwar selber nicht gegenüber baumefte eine verrostete Spaßenflinte. Auf dem hölzernen Sofa lag ein schäbiges Fuchsfell, und der ungeheure schwarzlederne Lehnsessel diente dem Mohrchen zum beständigen Ruheplay. Ein Rothfehlchen, welches frei umherflatterte, trug gerade nicht zur Vermehrung der Neinlichkeit bei. Der Meister hantirte an diesem Krimskrams eine erstaunlich furze Zeit herum und setzte sich dann in höchster Befriedigung über sein gelungenes Werk auf den mächtigen Lehnstuhl. Da der Alte die Wärme liebte, hob er das schlafende Mohrchen auf seinen Schooß; der wohlgenährte Kater diente Tobias als lebendige Wärmflasche und fühlte sich, nach seinem behaglichen Schnurren zu urtheilen, bei dieser niitzlichen Verwendung äußerst wohl. Das Feuer in dem kleinen Ofen knisterte, der zähe Wurzelstock zerfiel langsam in Gluth, ein leichter rother Schein zitterte durch das dämmerige Zimmer. Driben bei dem Zimmermann schaffte der Lehrbube die Spähne weg; Frauen und Kinder kehrten auf der Straße zu Ehren des morgigen Sonntags den gröbsten Schmuß zusammen; an dem gegenüberliegenden Brunnen rieben die Mädchen die breiten Eisenringe an ihren schweren Stübeln blank, und hier und da polterte ein mit Rühen bespannter Bretterwagen vom Felde heim. Meister Tobias schmunzelte noch behaglicher als sonst vor sich hin; die Bilder des Samstag Abends waren die gleichen geblieben wie vor einem Menschenalter. Nichts im Städtchen hatte sich geändert; nur seine ehemals braunen Haare hingen nun in schlichten weißen Strähnen nieder. Wie hatte ihn in seiner Ingend die Enge des Städtchens gedrückt, wie peinlich waren ihm die kleinen Verhältnisse gewesen! Nur hinaus, weit fort, ins bewegteste Leben, in bunte Abwechslung. Er hatte nicht gezweifelt, daß er das Glück zwingen müsse, ihm dienstbar zu sein. Aber all' sein Wagen und Ringen war nußlos ge= blieben, zum Theil aus eigener, zum Theil aus fremder Schuld. Und allmälig, wenn er die Hände müde sinken ließ, war in weiter Ferne leise Sehnsucht nach dem Samstag- Abendfrieden des weltvergessenen Städtchens in ihm aufgestiegen. Sie wurde mächtiger und mächtiger, je mehr seine Hoffnungen zerstoben; er dachte jetzt nur noch daran, wieder an dem Fenster in der engen Gasse zu sißen, aus welcher er um jeden Preis hatte fliehen wollen. Es war dunkel geworden; hier und dort blizte aus den schmalen Fenstern ein Lichtfunken auf; der verglimmende Wurzelstock flackerte noch einmal zu hellerer Gluth empor, und schwache Lichter tanzten über den Schustertisch. Unwillkürlich blickte der Meister nach den angefangenen Stiefeln; früher war ihm sein Handwerf ein Gräntel gewesen; er hielt sich zu Besserent terufen. Und jetzt? Von allen seinen fühnsten Wünschen war nur einer geblieben: einen tüchtigen neuen Stiefel zu machen. Er hatte sich eine ganz treffliche Methode ausgedacht, nach welcher das besie Sißen der Stiefel garnicht mehr zu verfehlen war. Und schön würden sie aussehen, ungewöhnlich schön. Es war recht dumm, daß kein Mensch mehr Vertrauen zu dem alten Flickschuster hatte! Lange Zeit verschloß er diesen Kummer in tiefster Brust un hoffte, es würde irgend Jemand sich ein Paar nene bestellen. bestellen. Doch keiner kam; da sprach er einmal seinen Mißmuth gegen Frau Lene aus, und da sie behauptete, Stiefel nöthig zu haben, wurde die Prote Meister Tobias maß auf höchst neue, wunderbare Art, dann machte er eine Zeichnung des " Na ja, na ja," erwiderte die Gefragte. Sie wußte, daß es jetzt Zeit sei, einzulenken; wenn der Meister Frau Lene" sagte, war er auf dem Punfte, weggefegt werden müsse. Diese Töne weckten plößlich gemacht. ärgerlich zu werden. Sie trat deshalb an den Tisch, den Ehrgeiz des Meisters; er knöpfte sein graulog den Kaffeegeruch ein und meinte:„ Gut riecht wollenes Wamus zu, nahm den liegen gebliebenen Fußes und stellte eine kleine Berechnung an. Auch der Leisten wide ganz anders wie sonst hergerichtet, er wirklich: aber wartet noch einen Auge:: blick." Lappen und that, als ob er gleichfalls den Stans 16 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. und Tobias verschwor sich hoch und thener, jeßt ein Wunderwerk herzustellen, wie die Welt noch keines gesehen habe. Wenn vor Jahren Tobias einer Dies prophezeit hätte, würde er in schallendes Gelächter ausgebrochen sein. Und doch war er äußerlich nach langem, ermiidendem Kre'slauf wieder an dem Punkte angela: gt, von welchem er ausgegangen. Daß er sich innerlich emporgerungen hatte und den nüchternen Bürgern des Städtchens geistig weit überlegen war, darumi kümmerte sich natürlich Niemand. Am anderen Morgen wurde Tobias von prächtigem Sonnenschein geweckt. Er hatte zu Ehren des Sonntags lange geschlafen und freute sich nun föniglich, daß die Sonne siegreich durch die schweren Nebel gedrungen war. Nachdem er sich gemüthlich und langsam den stachlichen Wochenbart abgenommen er trug das ganze Gesicht glatt rafirt, dem Rothkehlchen und dem Mohrchen Futter gegeben und sein höchst einfaches Mittagessen, das er Sonntags bei schönem Wetter schon um elf einnahm, beendet hatte, warf er sich in den Feiertagspuz und schlüpfte zur Hinterthür seines Hauses in's Freie. Er fonnte nicht ausstehen, wenn man wußte, wohin er seinen sonntäglichen Gang machte, und nichts war dem alten Naturfreund unangenehmer, als wenn ihn Bekannte mit dummem Grinsen fragten, warum er denn im Freien herumlaufe, anstatt im qualmigen Wirthshaus seinen Schoppen zu trinken. Die frohe Laune des Meisters wurde heute sehr vermehrt, als er in dem schnialen Hohlweg feiner Seele begegnete und von Niemand gesehen den nahen Wald erreicht hatte. Er schlug einen langsam bergauf führenden schmalen Fußpfad ein und trabte vergnüglich dahin, die frische, kühle Waldluft in tiefen Zügen athmend. Dürres Laub und trockene Zweige fniſterten unter seinen Tritten, und wenn er unversehens an einen Busch streifte, fielen bunte Blätter nieder. Das Moos war von dem Reif feucht, überall sickerte Wasser über die Steine, die gelben Farren rauschten im Winde, ein feuchter, modernder Duft stieg empor. Es war einer der wunderbaren Spät- Oktobertage, in welchen den Herbst die absterbende Natur noch einmal zum Leben kiißt. Nach längerem Aufwärtsschreiten hatte Tobias die Höhe des Gebirgszuges erreicht und ging seinem Lieblingspläßchen unter einer dicken Tanne zu, von welcher aus man den schönsten Rundblick genoß. In welcher aus man den schönsten Rundblick genoß. In bläulich- weißem Duft lag das Städchen im fernen Thal, der kleine Bach glizerte in der Sonne, hier und da stieg von den herbstlichen, kahlen Feldern eine leichte Rauchwolfe auf; dort brieten die Buben, welche Gaisen hiiteten, übrig gebliebene Kartoffeln. Der Wind trug das schwache Echo eines Schusses herüber; ein Eichelhäher flatterte kreischend durch das Unterholz. Dann wurde es still, ganz still. Die tiefste Waldesruhe herrschte dort oben. Der Meister nahm seinen Hut ab, beschattete die Augen mit der Hand und blickte äußerst vergnügt das altgewohnte Bild an; da knisterten zertretene Zweige hinter seinem Rücken, und eine rauhe Stimme rief in heiseren Tönen seinen Namen. Be troffen fuhr er herum, und sein Schrecken wuchs, als ein hohlwangiger Mensch in bettelhafter Kleidung an einem Stock auf ihn zuhumpelte. " 1 Kennt Ihr mich nicht mehr, Meister?" murmelte der Mann zwischen den Zähnen. Er faßte den Burschen scharf in's Auge; eine böse Ahnung trieb ihm eine Blutwelle heiß in's Gesicht. ,, Herr Gott, Du Mensch nicht möglich Karl?" Der Angeredete nickte triibselig.„ Ja, ja; er ist's. Gelt, das hättet Ihr Euch nicht einfallen lassen, daß ich Euch mal so lumpig vor die Augen käme!" ( Schluß folgt.) Feuilleton. Es war einmal..." Kommt schnell, Hans und Marie, die Großmutter will uns wieder was erzählen!" Das ließen sich die Beiden von der kleinen Liese nicht zweimal sagen. Der kleine Hans stolpert ciligst an seinen gewohnten Play, den besten, an den Knieen der Großmutter, die Liese stellt sich neben ihn, und die große Marie nimmt schnell ihr Strickzeug und holt einen Stuhl herbei. Das ist immer so, wenn die Großmutter sich nach dem Mittag zum Lesen hingesezt hat; wenn dann ihre schwachen Augen müde geworden sind, schiebt sie das Buch beiseite, legt die Brille ab und setzt sich zurecht. Sie braucht nicht lange zu warten oder zu rufen, bis die Kinder kommen; die haben sie schon längst beobachtet, ob es noch nicht bald so weit ist. Und nun beginnt sie... Es sind die alten Geschichten, die in ihr lebendig werden, genau so, wie sie selbst vor langen Jahren sie von ihrer Großmutter gehört. Je weiter sie kommt, um so lebhafter drängen sich ihr die Bilder auf, um so mehr verblaßt ihre Umgebung, und sie ist ganz im Lande der Märchen. Jezt hält sie gerade da, wo die Geschichte gruselig wird. Mit athemloser Spannung hängen die Augen aller drei an ihren Lippen, immer enger schmiegen sich die Kleinen an ihren Schooß, und die Marie hat längst vergessen, daß sie fleißig sein wollte.... Das Bild, dessen Stimmung uns so anmuthet, ist heute faft nicht mehr wahr. Unsere Zeit hat die Menschen entwurzelt, und was ehedem in lebendiger Ueberlieferung von Geschlecht zu Geschlecht gegeben wurde, das mußte heute in Büchern ge= ammelt werden, damit es nicht völlig verloren gehe. Aus Büchern müssen unsere Kleinen die alten Märchen lesen, die ihnen früher so viel eindringlicher von der Großmutter erzählt wurden. Und doch bewähren sie auch so noch ihren Reiz; wer hätte sie nicht gelesen und erinnerte sich nicht immer wieder gern an sie! Die konstruktiven Grundlagen des Kunstgewerbes behandelt Julius Lessing in einer kleinen Schrift, die er vor Kurzem unter dem Titel:„ Das Moderne in der Kunst"( bei Simion, Berlin) veröffentlicht hat. Die neue Richtung, führt er da aus, pflegt als Stichwort hinzuftellen, daß sie konstruktiv sei im Gegensatz zur Kunst früherer Zeiten. Dies ist verkehrt. In jeder Kunst sind die Grundformen und auf diese kommt es doch an immer konstruktiv gewesen. Man hat eben nur anders fonstruirt, nach anderem Verfahren und mit anderem Material. Was man fünstlerisches Konstruiren nennt, faßt man zusammen in das Wort Architektur, und es ist nichts zufälliges, daß man die Stile der verschiedenen Zeiten nicht nach der Malerei, nicht nach der Plastik, sondern vielmehr nach der Architektur und deren Aufgaben unterscheidet. Die Architektur schafft das Haus und den Tempel aus klimatischen, statischen und technischen Grundbedingungen heraus: ob man geschlossene Wandflächen braucht oder eine offene Säulenhalle, ob man unter hellem, südlichem Himmel durch die Thüröffnung das nöthige Licht empfängt, oder unter nordischem Himmel lange Fenſterreihen einfügen muß; ob man das Dach als flachen, immergrünen Garten oder als Sturmhaube aufsetzt, ob der wagerechte Balfen auf der Säule laftet, oder ob sich Halbbogen und Kuppelu schwingen; ob schließlich der Spizbogen die völlige Freiheit in das Syftem der Stüßen bringt, das Alles sind die Grundfragen. Hiernach richtet sich Höhe und Weite der Wand, hiernach wiederum Ausdehnung und Bewegung der schmückenden Skulpturen und Malereien, hiernach das Genügen am Altüberlieferten oder aber ein Bedürfniß nach neuen Formen. Eine der wichtigsten Grundlagen bleibt aber immer wieder das Material. Ein voll kommener Holzbau ist von dem gleichzeitigen, vollkommenen Steinbau durchaus verschieden, das Haus in Backstein verschieden von dem in Marmor, und selbst innerhalb der Marmortempel eines Landes genügt die verschiedene Tragfähigkeit der verfügbaren Steine, um die Formen so zu verschieben, daß wir stilistische Unterschiede empfinden. Innerhalb aller erwähnten Kunstperioden steht an leitender Stelle die Leistungsfähigkeit des Materials für Herstellung der Raumweite. Die Gewölbetonstruktionen konnten für einzelne monumentale Zwecke zu großen Abmessungen führen, verschränktes Holzwerk konnte die Möglichkeit weiter Hallen sichern, aber eine nahezu volle Freiheit in der Aus= dehnung und Linienführung wurde doch erst gewonnen, als in unserem Jahrhundert das Eisen als lebendiger Faftor in die Architektur eintrat, und mit dem Eisen zugleich die Maschine, welche eine bisher ungeahnte technische Bearbeitung allen Materials ermöglichte. Diese technische, industrielle Arbeit beginnt gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in England, und es ist daher kein Zufall, daß in jener Zeit auch in der Kunst und in der allgemeinen Lebensführung England gegen das herrschende Frankreich als ernster Mitbewerber auftritt, und daß es schließlich jetzt daran ist, die Leitung auf einem weiten Theile des Kunstgebietes und der Mode zu übernehmen. Der Eintritt des Eisens und der Maschine machte es nothwendig, alle Nugförmen innerhalb des Baues und der Geräthbildnerei neu zu berechnen. Vor Allem haben sich die statischen Grundbedingungen unserer Architektur durch die Ausbildung der Eisenkonstruktion verschoben. Die eigentliche Entwickelung vollzieht sich in dem Kampfe zwischen der Säule der alten und dem Eisenpfosten der neuen Zeit. Der eiserne Pfosten ermöglicht eine Weiträumigkeit, wie keine Architektur sie bisher erzielt hat. Man glaubte den Pfosten zunächst lediglich berufen, Schuppen, Gewächshäuser, Speicher und Aehnliches zu bilden. Zog man ihn in den Dienst eines irgendwie vornehmen Raumes, sei es auch nur eine Vorhalle, so umkleidete man ihn mit einem Mantel, um ihm die Form der Säule zu geben. Man behauptete, für das Auge sei der Pfosten zu dünn, eine ästhetische Kränkung. Man vergaß aber hierbei, daß die ästhetischen Vorstellungen, gegen welche er verstieß, doch auch nur Ergebnisse statischer Beobachtungen sind. Aus unserer erfahrungsmäßigen Kenntniß dessen, was eine fteinerne Säule, ein hölzerner Pfeiler tragen kann, schöpfen wir die Vorstellungen dessen, was tragfähig sei; und so hat sich denn aus der Erfahrung heraus ganz allmälig, unmerklich und darum mit vollster Siegessicherheit ein Umschwung vollzogen. Niemand denkt jetzt mehr daran, in einer Halle die eisernen Stüßen wie Säulen erscheinen zu lassen, wir sind zu völlig neuen Abmessungen, zu völlig neuen Raumbildungen gelangt. Aus dem Gewächshause ist der Krystallpalast, aus dem Schuppen die monumentale Bahnhofshalle geworden. Das moderne Geschäftshaus ist entstanden. Die eiserne Brücke schwingt sich, gleichsam förperlos, über den Abgrund mit einem poetischen Zauber, dem sich auch das berſtockteste Gemüth eines griechischen oder gothischen Berantwortlicher Nedakteur: Oscar Kühl in Charlottenburg. Romantikers nicht wird entziehen können. Ja selbst an die größten Monumentalaufgaben, wie den Thurmbau, hat sich die neue Konstruktionsweise gewagt; der Eiffelthurm steht mitten in Paris als merkwürdigstes Wahr zeichen aus dem Ende unseres Jahrhunderts. Alle diese Gebilde haben mit dem überlieferten Vorrath alter Kunstund Schmuckformen nichts gemein, sondern entlehnen dieselben nur ganz gelegentlich als äußerlichen Auspus nebensächlicher Theile. Völlig übereinstimmend mit dieser Umgestaltung architektonischer Grundformen geht bereits die Umbildung einer Anzahl von Geräthen. Hierhin gehört vor Allent das Schiff, bei dem wir den Gedanken, es durch Schnitzerei, Vergoldung oder Malerei, wie in früheren Jahrhunderten, schmücken zu sollen, vollständig aufgegeben haben. Wir schen seine Schönheit lediglich in der vollendeten Linie, welche dem Auge ohne voraufgehende Berechnung den höchsten Grad von Sicherheit und Schnelligkeit gewähr leistet. Genau ebenso werden bei den modernen Wagen die Ansprüche höchster Eleganz lediglich durch die Kon struktion befriedigt, so daß man irgend welchen Zusab von Ornament als unpassend betrachten würde. Eben dahin gehört die Ausbildung des eisernen Stuhles in einfachen, wohlgefälligen, durch feine Ornamente ge brochenen Formen, und selbst bei einem lediglich aus der Berechnung hervorgegangenen Geräthe, wie dem Fahrs rad, kommt man bereits dahin, eine überzeugend schlanke und geschmeidige Form nicht nur als tüchtig, sondern auch als schön zu empfinden. Gleiche Empfindungen haben wir gegenüber den Theilen der Maschine. Es ist sicherlich nichts zufälliges, daß ein derartiges Abweisen alter Traditionen vornehmlich Stücke trifft, welche durc ihre Erfindung oder durch die völlige Umwandlung ihre technischen Grundbedingungen ganz und gar unserer Zeit angehören. Solche Umbild: ingen vollziehen sich naturgemäß am leichtesten auf einem Boden, welcher weniger von der Ueberlieferung durchsetzt ist, als unser bildungssattes Europa. Daher war es Amerika vor behalten, auf diesem Gebiete schneller voran zu gehen. Die amerikanischen Stühle, die amerikanischen Schreibtische, die amerikanischen Beleuchtungsförper sind vollkommene Beispiele derartiger, aus dem Gebrauch entwickelter, ges sunder Formen, und in Amerika ist man ohne Schwierig feit dahin gelangt, das Zimmer des bürgerlichen Wohn hauses ohne irgend welche Anklänge an ältere Baus formen behaglich und wohlgefällig herzurichten. Daß die hier genannten Bildungen einen lebens fähigen Stern enthalten, ja, daß sie mit Naturnothwendig feit eintreten und sich Schritt für Schritt weiter ents wickeln müssen, wird eines Beweises nicht mehr be dürfen. Das sicherste Mittel, Anderen die Grenzen seines Wissens zu verbergen, ist, sie nicht zu überschreiten. Nur das Glück macht das Glück in der Welt, nicht das Verdienst. Leopardi. Nachdruck des Juhalts verboten! " Alle für die Redaktion der Neuen Welt bestimmten Sendungen sind nach Berlin, SW 19, Beuthstraße 2, zu richten. Berlag: Hamburger Buchdruckeret und Verlagsanstalt Auer& Co. in Hamburg. Druck: Mar Babing in Berlin.