35I(it(Irirf c H Cn£crha(km0ÄbcHa0C G- Dilettanten des Ledens. (Fortsetzung) würdevoll mit dem Kopfe nickend verließ der � berühmte Mann den Musiksaal: an der Thür stieß er mit Lena Langen zusammen. Sie wollte an ihm vorüber huschen, sein Blick traf gerade noch ihr zierliches Ohr, den schlanken Hals »nd die darauf sich kräuselnden widerspenstigen Haare. Er faßte nach ihrem Arm. Unwillig sah sie ihn an, sie war ihm böse, dornig ans Jedes und Jeden, dabei hätte sie bitter- Uch weinen mögen. „Fräulein Langen, was ich Ihnen sagen wollte," der Professor in seinem kostbaren Pelz beugte die lange Gestalt näher—„Sie sollten mir Schu- »lann singen. Sie haben darin so etwas— etwas—" ein cynischcs Lächeln flog flüchtig über sein Gesicht, er legte für einen Augenblick den Zeigefinger unter das zarte Kinn des Mädchens,„Sie haben sehr viel Temperament, Fräulein Langen!" Sie wurde blutroth und warf den Kopf zurück. „Keine Schande, mein liebes Kind, im Gegen- theil!" Professor Dämel wurde ganz väterlich, er legte die Hand auf die Schulter.„Keine Kirnst- lerin ohne Passion! Blut, warmes Blut gehört zum Beruf; nicht blos zur Bühnensängerin, auch für den Konzertsaal, für den Konzertsaal! Wer in die Oeffent- Uchkeit tritt, etwas erreichen will, der—* Er lächelte wieder, das gleiche, unangenehme Lächeln wie vor- her, und dabei nahm er jetzt ihre Hand und tätschelte sie.„Hören Sie, mein Kind, und wenn Sie etwa diesen Winter in einem größeren Konzert fingen wollen, ich arrangire Ihnen das. Wenden Sie sich nur ver- trauensvoll an mich, ich bin Ihr bester Freund!"' Wieder das Tätscheln, dann zog er den hohen Hut und ging. Das Mädchen sah ihm nach mit Zusaimiieiigezogcnen Brauen und einem bitteren Zug um den Mund. Sie hätte ihn fortstoßen mögen, diesen Mann mit den platten Witzen und der schleichenden itiebenswürdigkeit,' sie hatte oft erzählen hören, daß Schülerinnen, die vom Professor besonders protegirt wurden, nicht immer am besten sangen. Heute hatte auch sie ihm gefallen. Aber nicht ihr Gesang intcr- essirte ihn, ihr heißes Bemühen, ihr heißes Streben einzig und allein das Andere! Heftig trat sie ans den Boden. Ihre Hand ballte sich in den Falten des Kleides zur Faust. Nein, »ur um der Kunst willen, der reinen, hohen Kunst 'Villen wollte sie aus dem Gros hervorgezogen werden und dastehen und den staunenden Zuhörern an's Herz legen, was unvergängliche Meister an Poesie und Empfindung in Melodien gegossen. O wie schön mußte es sein, in andächtige, bewundernde, thränenfeuchte Augen zu sehen, sich eins zu fühlen mit dem großen Komponisten, sein Mund zu sein, seine Gefährtin iui Dienst der göttlichen Musik! Roman von Clara Biebig. Lena fühlte sich begeistert, erhoben. Ein Strom von Einpfindniigen wallte in ihrer Seele hin und her, sie fühlte sich augenblicklich ganz besonders be- rufen und auserwählt. Eine heilige Freude erfüllte sie, ein Gehobensein iiber die ganze Welt— da— sie zuckte zusammen, eine beringte Hand tupfte sie auf den Arm. „Na, Langenchen, Kindchen, was stehen Sie da? Das Männchen war heut' ganz niedlich, hat sich auch bei Ihnen'rangeschmnggelt, was? Glanben Sie mir, Kindchen, das is das Baste, das Baste. Mit der Kunst ist das so'ne Sache!" Die schöne„Ast- preißin" steckte zwei Finger in den Mundund pfiff darauf. „Lassen Sie mich in Ruh'," sagte Lena herb und stieß sie zurück, Wo war die heilige Freude, wo das Gehoben- sein? Weg, ganz weg: statt ihrer eine tiefe Nieder- geschlagenheit, eine kleinmiithige Trübseligkeit sonder- gleichen. Ten Kopf tief gesenkt, schritt sie über's Trottoir, die belebte Potsdamerstraße hinunter. Draußen in einer der neuen Straßen, nicht weit vom Matthäi-Kirchhof, wohnten sie. Sie fühlte sich müde, an allen Gliedern zer- schlagen, im Hals saß ihr ei» Kitzel und. in der Brust ein Brennen. Was wollte sie eigentlich mit der ganzen Singerei, dem Jn-die-Stunden-laufen, dem Solfeggircn, dem Arienkollern? Aus ihr wurde doch Zeitlebens nichts, garnichts. Lange Zeit zum Warten, zum Werden lag auch nicht mehr vor ihr, sie war schon Fünfundzwanzig; und wenn auch die iiberschlanke Figur sie sehr jungmädchenhaft erscheinen ließ, der Spiegel zeigte ihr oft müde Augen und aus den Wangen eine gewisse herbstliche Blässe. Wie lange noch, und sie war zu alt für eine Anfängerin auf der Bahn des Gesangesruhms. Langsam stolperte Lena voran. In ihrem Kopf nichts wie trübe Gedanken. Alles ging ihr auch fehl ini Lebe»; worauf sie sich freute, das wurde zu Wasser, was sie liebte, das wurde ihr genom- men. Sie dachte an all' die Courmachereien und das Getändel, aus dem nichts Ernstes geworden, von dem nichts haften geblieben war, als eine kleine beschämende Erinnerung. Und doch hatte sie immer Herz gegeben, viel Herz. Und dann dachte sie an ihren Bruder, und der niedergeschlagene Ausdruck ihres Gesichts vertiefte sich noch. Er schrieb so selten, so spärlich. Seit ihrer plötzlichen Abreise aus seinem Hause im Herbst war etwas zwischen sie getreten; was, konnte man nicht recht bestimmen, aber es war doch da. In jedem seiner Briefe schrieb er von Amalie, viel; sonst hatte er das nie gethan. Er nannte sie verständig, tüchtig, alles Angenehme suchte er ans sie zurückzuführen. Er hatte nicht viel Glück damit, weder bei der Mutter,»och bei der Schwester. „Sie hat ihn gut unter'm Pantoffel," sagte Lena und kräuselte verächtlich die Lippen. Den Brief, den sie balo nach ihrer Rückkehr nach Berlin von der Schwägerin bekommen, hatte sie in kleine und immer kleinere Stückchen zerrissen und in den Keh- richt geworfen.„Die Scheinheilige, da schreibt sie mir, Alles soll vergessen sein. ,Wir sind Beide heftig gewesen. Ich vergebe Dir von Herzen, liebe Lena' — O Die!" „Ja, sie thut wirklich so, als seiest Du allein die Schuldige," seufzte die Mutter.„Es ist unerhört!" Frau Langen fand viel an ihrer Lena zu tadeln, aber wenn Andere der Tochter zu nahe traten, das vertrug sie nicht.„So ein armes Ding," pflegte sie zu sagen,„was hat das denn in der Welt? Und wenn ich einmal nicht mehr bin— ach! Meine Lena soll wenigstens nur mit Liebe an mich zurück- denken." Frau Langen war böse auf ihren Sohn und ihre Schwiegertochter, und wenn es ihr auch schwer wurde und sie heimlich Thränen vergoß, sie zwang sich, kühl zu schreiben. So standen die Sachen. Ein Mißton hatte sich eingeschlichen in die schöne Harmonie der Geschwister. Lena durste garnicht daran denken, dann fühlte sie ihr Herz pochen und Thränen in ihren Augen auf- quellen. Heute besonders nicht; heute war ohnehin Alles Grau in Grau, ein Flor deckte das ganze Leben. Schwer, als hätte sie Gewichte an den Füßen, stieg Lena die sogenannten zwei Treppen zur Woh- nung hinan; eigentlich waren es drei. Ans jeder Stufe zögerte sie; warum eilen? Sie kam noch früh genug, von Freude wartete nichts auf sie, die Mutter würde deprimirt sein, wie sie selbst. Die Stimmungen der Tochter waren der Baro- meter für die Laune der Mutter; ließ Lena den Kopf hängen, schlich auch diese betrübt umher, seufzte iiber ihr Geschick, Wittwe zu sein, eine unversorgte Tochter zu haben, und über das Loos der Frauen im Allgemeinen. War Lena vergnügt, dann färbte auch ein zartes Roth Frau Langen's schmales Ge- ficht, sie wurde lebhaft, wie ein junges Mädchen, gesprächig, und baute Zukunftsschlösser in rosigem Licht.- „Ist Mutter zu Haus?" fragte Lena müde, als das Dienstmädchen öffnete. Sie fragte es nur aus Gewohnheit, sie hatte heute keine Eile; so garnichts Freudiges brachte sie mit. Es that ihr leid, die Mutter mit hineinzuziehen in das Gran ihrer Ge- danken, und doch konnte sie's nicht über sich gewinnen, ihre Mißstimmung zu verbergen. Zögernd öffnete sie die leis knarrende Thür zum Eßzimmer— da war der Nähtisch der Mutter am Fenster, sie selbst saß davor. Frau Langen war beschäftigt. Neben ihr stand ein Stuhl, über dessen 23 Ms Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Lehne sorgfältig ein weißes Kleid gespreizt hing; sie nähte daran. Sie war so eifrig, daß sie das Knarren der Thür überhört hatte; ganz versunken in ihre Arbeit, schien sie nur bemüht, dieselbe recht schön zn inachen. Nun hob sie das weiße Kleid mit einem Arm, hielt es von sich ab, legte den Kopf auf die Seite und betrachtete es bewundernd. Ein zartes Roth trat auf ihre Wangen und ein zärtliches Licht in ihre Augen— sie dachte sich schon die Tochter darin. „Mutter!" Lena war mit einem Sab am Näh- tisch und stieß den Stuhl mit dein Kleid zur Seite. In plötzlichein Impuls warf sie sich vor der Mutter nieder und legte den Kopf in deren Schooß.„Gute Nlutter!" Wie eine jähe Erkenntniß war's ihr ge- kommen, ihr heiß durch die Seele geschossen— die da lebte doch nur eigentlich für sie! Sie schlang beide Arme um die Taille der Miltter und wühlte den lockigen Kopf tiefer in deren Kleiderfalten. Sie hatte eine nnbezwingliche Lust, zu weinen— das Leben war doch zn schwer!— Schon strömten die Thränen. „Lena, was hast Du?" Frau Langen war er- schrocken, sie war aus ihrer stillen Beschaulichkeit zu plötzlich ausgejagt. Das Roth ihrer Wangen ver- tiefte sich; sie sah ans, wie Jemand, dem schon viel im Leben schief gegangen ist und der nun noch einen härteren Schlag erwartet.„Lena, sag' doch, ist Dir was passirt?" Ihre Stimme zitterte, sie streichelte mit bebender Hand den Scheitel der Tochter.„Was hast Du, Lena?" „Nichts, garnichts, Mutter! Ich muß nur so weinen, ich— ich— es ist Alles so gräßlich, ich bin so unglücklich! Nie, nie wird was aus mir, der Professor sagt: mir fehlen die Stimmmittel. Und dann hat er mich getätschelt— ich hätte Temperament, er würde mich im Konzert singen lassen— ah!" „Aber, Lena, das ist doch Alles sehr gut, ich begreife Dich garnicht!" „Ach, Mutter!" Hastig sprang das Mädchen auf und ballte die Hände.„Was Du weißt! Er denkt, ich bin so eine— so eine—!" Sie stampfte mit dem Fuß.„Bteiner Kunst wegen will ich vor- gezogen sein. Warum streb' ich denn, warum lern' ich denn, warum ring' ich denn?! Mein Herz könnte zerspringen. Aus mir wird nichts"— sie kranipfte die Hände ineinander und biß sich auf die Lippen, um nicht laut zu schluchzen—„mir geht Alles fehl im Leben! Warum denn gerade mir? Und ich fühl's doch, ich Hab' was in mir— etwas— einen Funken— ach, Mutter, ich bin unglücklich!" Sie warf sich wieder nieder und versteckte den Kopf. Frau Langen sah sich mit einem rathlosen Blick um, ihr Gesicht zog sich in die Länge.„Mein Gott," sagte sie kleinlaut,„wie Du immer gleich bist! Woher Du nur diese Aufgeregtheit hast, von»lir doch wahr- haftig nicht! Aber es ist auch schrecklich, ganz schrecklich, einzelne Frauen haben es zu schwer, und welche von ihnen etwas erreichen will, die erst recht." Ein nervöses Zucken, als ob sie weinen wollte, arbeitete in ihren Zügen.„Es ist schrecklich! Zn traurig! Du armes Kind!" Sie streichelte immerfort den braunen Kopf in ihrem Schooß.„Weine nicht." Die Thränen kamen ihr nun auch, ihre Stimme klang sehr erregt.„Alles geht uns fehl im Leben! Warum gerade uns?" Lena weinte immerfort, sie hob den Kopf nicht. Frau Langen sagte auch nichts mehr; schweren Herzens, mit kummervoller Miene sah sie ans ihr Kind nieder, ihre Finger zupften und glätteten an Lena's wirren Haaren. Die Uhr tickte schwer, nun holte sie dumpf zum Schlag aus. „Drei!" Die Mutter rüttelte sich seufzend.„Und gerade heute hatte ich mich so auf Dein Nachhanse- kommen gefreut! Es ist eine Einladung für Dich gekommen zu Doktor Reuter; nicht der gewöhnliche jour lixe, bewahre! Es ist eine Hoheit da, ein Großhcrzog oder ein Erbprinz! Reuter hat selbst geschrieben. Du sollst ja kommen und etwas Hübsches singen. Ich dachte, es wäre eine große Auszeichnung für Dich." „Und das sagst Du mir erst setzt? Aber Mutter?.'" Lena war blitzgeschwind auf den Füßen. „Ja, ich konnte doch nicht! Dein Kleid Hab' ich schon angefangen, znrecht zu machen." „Aber Mutter, warum hast Tu mir das nicht eher gesagt?!" Noch blinkten die Thränen auf Lena's Wangen, aber schon strahlten ihre Allgen auf. Mit einem Ruck schwang sie sich auf den Eßtisch und pendelte mit den Füßen hin und her. Sie schlug die Arme unter.„So, Blutler, nun erzähl' mal, zeig' mal den Brief!" „Hier ist er." Frau Langen holte ein Eouvert aus der Tasche. Beide Frauenköpfe neigten sich über das Billetchcn. „Wahrhaftig"— Lena pendelte immer leb- hafter—„das ist famos! Ach, wie angenehm für mich! Wie nett von Doktor Reuter, daß er mich singen läßt, gerade mich, es sind so viele, die sich darum reißen. Mutter,"— das Mädchen sprang vom Tisch herunter und lief mit elastischen Schritten in der Stube auf und nieder—„Bintter, weißt Du, es giebt doch viele Menschen, die mir wohl wollen!" „Das weiß ich ja," sagte stolz lächelnd Frau Langen. „Und, Mutter,"— Lena sah hübsch ans mit dem erhitzten Geficht und dem zerzausten Locken- geringel über der Stirn—„ich werde gut singen, sehr gut singe», ich fühle das. Ich brauche nur Glück, wirklich nur ein bischen Glück!" Sie hob die gefalteten Hände bittend wie ein Kind gegen die Brust.„Wenn ich nur ein bischen Glück hätte, dann würd' ich eine große Sängerin. Glaubst Du, Mutter? Nicht wahr. Du glaubst's?" Sie wartete keine Antwort ab, sie rannte auf und nieder, jetzt blieb sie stehen und drehte sich wirbelnd auf einem Absatz.„Sieh' nur, Mutter, wie die Sonne zum Fenster hereinscheint, sonst ist's um die Zeit im November schon dunkel. Sieh' nur, sieh' nur! Ist's nicht wie Frühling?!" Sie trällerte hoch und hell. „Nun, armes Herz, vergiß der Qual! Nun muß sich Alles, Alles wenden!" Mit einer Inbrunst ohnegleichen sang sie das „Alles, Alles," dabei warf sie die Locken zurück, legte den Kopf hintenüber und blinzelte mit halb- geschlossenen, schwimmenden Augen durch's Fenster hinaus in die fahle Novemberluft, die ein einziger verlorener Sonnenstreif flüchtig dnrchzittert hatte. „Es ist wie Frühling. Nur ein bischen, ein bischen Glück," sagte sie träumerisch. IV. Doktor Leopold Reuter machte ein Hans, ein großes sogar. An den bestimmten Winterabenden findet sich„taut Lerlin" dort ein. Eintägige Be- riihmtheiten und die Berühmtheiten einer Saison werden dem erstaunten Publikum nebst ausgezeichnetem Thee und vorzüglicher kalter Küche servirt. Alles, was Geist hat oder doch den Hauch eines Geistes in sich verspürt, glaubt sich verpflichtet, diesen da auch leuchten zu lassen. Schriftsteller, Maler, Bildhauer, Musiker bilden das Hanptelement, und die Männer der Börse mischen sich dazwischen und schwimmen oben wie Oel auf dem Wasser. Die Damen der Börse rauschen in prachtvollen Schleppen, die Künstlerinnen zeigen phantastische Ge- wänder; Andere kommen in einfachen Alltagswollenen, und dazwischen huschen kleine Mädchen in weißen Kleidern, wie frühe Bliithen am Kirschbaum. Alles ist vertrete». Dummheit sitzt neben Klugheit, Esprit neben Phlegma. Prickelndes Lachen und schwerfälliges „Hm hm"; goldstrotzende Börsen und schwindsüchtige Beutelchen; Schönheit und Schönseinwollen; Bor- nehmheit und Demimonde; Ritter vom Geiste und solche, die weder Ritter, noch vom Geiste sind; ver- schminkte Züge und Rosengesichter— tont Lerlin! Und über dem schwebt das Genie von Doktor Leopold Renter, alle diese Elemente unter einen Hut zu bringen. Und. er bringt sie. Elastisch ivie ein Jüngling gleitet der schlanke alte Mann durch die Räume; seine weißen Haare, die die Glatze umstehen, stirb gelockt, und in den dunklen Airgen hat er Zugend. Er sagt Diel Lerbrndliches, aber er lügt nie, er meint es wirklich so; es ist die unzerstörbare gute Laune seines Herzens, die istur Alles int rosigsten Lichte zeigt. Wo Talent ist, sieht er Genie, Ivo[ein latent ist, sieht er wenigstens Begabung; alte Frauen scheinen ihm„schön gewesen," und die Jungen sind ihm alle reizend. Passable Gemälde sind ihm Meisterwerke und öde Farbenvcrsnche immer noch Stimmungs- bilder. Er ist zum Knnstniäcen geschaffen; immer enthustasmirt, begeisternngsfrendig, selbst froh, zn leben und Andere leben zu lassen. Heute wimmelte es in Doktor Reuter's kiinst- lerischen Räumen mehr denn je. „Die Hoheit— die Hoheit!" „Haben Sie die Hoheit schon gesehen?" „Sind Sie schon vorgestellt?" „Hoheit— Hoheit"—--- Die Damen beugten sich wie ein buntes Tulpen- beet, durch das der Wind streicht— Hoheit gingen vorüber.. Hoheit hatten den Hausherrn unter den Arm gefaßt, Beide waren wie zwei gute Freunde mit- einander: der Hoheit noch ziemlich jugendliches, ziem- lich einfaches Gesicht trug einen sehr frenndliche» Ausdruck, und Doktor Leopold Reuter strahlte in all seiner Herzensliebenswürdigkeit. Er hatte heute eine kindliche Freude. Sie machten jetzt Halt an einer Portiere, eine junge Dame hatte sich hinter dieselbe gedrückt und sah mit glänzenden Augen vor. „Ah—!" Renler faßte sie an der Hand und zog sie näher!„Geruhen Hoheit! Fräulein Magda- lene Langen, eine junge Künstlerin, mein ganz be- sonderer Schiitzling! Süße Stimme, ganze exquisite Art des Vortrags. Da Hoheit selbst hervorragender Künstler sind, werden Hoheit selbst am besten nr- theilen können. Fräulein Langen ist meiner Ansicht nach die beste Schnmannsängerin unserer Zeit— hohe Poesie, intimer Liebreiz!" Lena war tief erröthet, sie kannte zwar Reuter's Enthnsiasnins und seine Art, im Superlativ Z» sprechen, und doch diinkten ihr seine Worte jetzt so wahr, sichere Bürgen; sie sah mit strahlendem Ans- druck der Hoheit in's Gesicht. Diese lächelte.„Ah— sehr erfreut, das Frän- lein gleich zu hören! Schumann, Schumann— ah, Schumann ist mein ganz besonderer Protege. Sagen Sie, lieber Reuter"— Hoheit drehten den Kopf interessirt zurück in das andere Zimmer—„wer ist jene Dame? Tie dort, in der rosa Robe! Bleu- dend schön! Dieser Nacken, klassische Arme! Bitre, stellen Sie mir dieselbe vor!" Noch ein huldvolles Lächeln, ein freundliches Zublinzeln von Reuter— sie gingen. Also das war die Hoheit und nun sollte sie der gleich vorsingen?! Lena fühlte auf einmal gar keine Lust mehr. Sie hatte sich so auf den heutige» Abend gefreut, konnte die Zeit nicht erwarten, war ungeduldig im Zimmer umhergetrippelt und halle lächelnd ihrem Spiegelbild zugeuickt. Tie Blntier war geschäftig um sie herumgegangen, hatte sich r»' der Tochter gefreut und noch oben von der Treppe zugerufen:„Amüsire Dich gut, sehr gut! Hast auch den Hansschlüssel? Tie Enlrc'ethiir mache UY Dir selbst ans, ich warte ans Dich. Singe sehe schön! Viel Vergniigen!"(F-risesung Per AM des NtiMtl! auf die JIM- (Schluß> Von Curt Grottcwitz. ine ähnliche, aber wohl noch größere Macht � über die Thiere hat der Mensch nun auch»ds die Pflanzen. Wie bereits erwähnt, tauche»> jüngeren Steinzeit die ersten Spuren des Ackerbaues d auf..Damals hatte der Mensch bereits die wichtig»� Kulturpflanzen in Zucht: Weizen, Gerste, HoE' Roggen, Hirse, Flachs. Schon damals mag � Mensch zum Anbau dieser Pflanzen größere Bode> flächen benutzt haben. Während die Gewächse v" dem nur Hier und da auf Unten günstigen Pläöf gedieHeii und dort einen unaufhörlichen Kampf»"! Dasein führen mußten, ebnete ihnen nun der Mensw den Weg. Auf sorgfältig vorbereiteten Feldern baute er diese wenigen Arten an, und je mehr die Bevölkerung wuchs, um so mehr dehnte sie sich aus und verbreitete so auch ihre Kulturpflanzen. So Die Neue N?elt. Illustn'rte Unterhalwngsbeilage. 27 kamen die Hülsenfrüchte in der Römerzeit nach Teutschland. Die Artenzahl der Knlturpflaiizen ver- mehrte sich stetig. Besonders verdanken wir der Entdeckung Amerikas die Kartoffel und den Mais. Der Mais hat in den wärmeren Ländern, die Kar- toffel mehr in den gemäßigten eine ungeheuere Ver- breitung gefunden. Im vorigen Jahrhundert wurde auf die Anregung Schubart's hin der Klee als Futterpflanze in Kultur genommen, in neuester Zeit aber sind eine Menge neuer Gewächse in Anbau gekommen. Die wenigsten von ihnen freilich werden im Großen, zu landwirthschaftlichen, forstlichen oder technischen Zwecken angebaut, bei Weitem die meisten sind Zierpflanzen. Während der Mensch imnierhin selten und eigentlich ausnahmsweise Thiere zum bloßen Vergnügen hält— Vögel, Hunde, Katzen— so ist die Neigung, Blumen und Sträucher nur zu ästhetischen Zwecken zu verwenden, ganz allgemein. Diesem Vor- Zug verdanken nun eine Menge Garten- und Zimmer- blumen ihre kolossale Verbreitung. In diesem Jahr- hundert besonders ist die Artenzahl dieser Gewächse eine sehr bedeutende geworden. Der regelmäßige und sehr erleichterte Verkehr mit allen Ländern hat hier zu einem sehr lebhaften Austausch geführt. Wesentlich förderlich für die Verbreitung der Pflanzen ist besonders die Bequemlichkeit, mit welcher ihre Samen von Erdtheil zu Erdtheil transportirt werden können. Dazu kommt, daß die Pflege der Gewächse >m Allgemeinen viel leichter und wohlfeiler ist als die der Thiere. Aber noch ein anderer Umstand stagt dazu bei, Pflanzen eine leichtere Verbreitung Zu ermöglichen als Thieren. In den gemäßigten legenden können alle die Gewächse der warmen und heißesten Länder kultivirt werden, vorausgesetzt, daß ihre Vegetationszeit dort so kurz ist, daß sie in unserem Sommer noch zur Fruchtreife, eventuell auch «ur zur Blüthe kommen. Die Gartenaster, die aus t-hina eingeführt worden ist, die Reseda, die aus Egypten stammt, die Petunie, die von Südamerika Zu uns gekommen ist, blühen in unserem Sommer ebenso schön wie in ihrer Heimath. Sie bringen drr uns auch Samen hervor und können deshalb, "uchdem sie im Winter zu Grunde gegangen sind, ledes Frühjahr von Neuem ohne besondere Mühe uugesäet werden. Andere fremdländische Pflanzen, 'Ulr Georginen und Canna, sind dadurch überall hin Verbreitet worden, daß ihre Wurzelstöcke im Herbst °us der Erde genommen und wie die Kartoffeln im eller überwintert werden können. Noch andere �stanzen, wie zum Beispiel die Rosen, die ebenfalls uuseren Winter nicht ertragen würden, können doch Urch nnx anzubringende Schutzvorrichtung am , eu erhalten werden. Kurz, alle diese Verhältnisse rrlerchterten es dem Menschen ungemein, eine Menge °n Pflanzen über die ganze Erde zu verbreite». .lerbei spielen auch die Gewächshäuser, in denen ganzen bei künstlicher Wärnie gezüchtet werden uuuen, eine nicht unbedeutende Rolle. Für die jprbreituug der Thiere kommen die wenigen Vogel- jungen und Aquariengeschäste usw. nur wenig " Betracht. Aber einen Gärtner hat fast jedes manche kleine Stadt hat deren mehrere, und 3 r Gärtner besitzt ein Gewächshaus und ähnlichen r�en dienende Frühbeete. Nicht unbedeutend ist ch die Verbreitung gewisser Pflanzen, die sich im rf!1"*1 Ziehen lassen. Fuchsien, Pelargonien, Ca- e«en und viele andere sind infolge dieser Eigenschaft Z ungeheuer verbreitet. und v®r°Be des Raumes, der den Ziminerblumen jei en Gewächshauspflanzen angewiesen ist, steht in keinem Verhältniß zu den unermeßlichen die den Forst- und Ackerbaupflauzen äuge- Und? �"d. Die Gartengewächse mögen der Zahl tlii-. Terrain nach, das sie einnehmen, die Haus- (gf/6 dickst allzu bedeutend übertreffen. Aber jene b.�Zen, die jetzt ungezählte Millionen von Hektaren ji, en, haben durch da? Zuthuil des Menschen eine �"Meitung gefunden, die fast die gesamnite Erd- t. l acf)e umgestaltet hat. Zwar gicbt es rn den mchteuropciischen Erdtheilen noch genug Strecken, wo Mensch das Land noch nicht bestellt, aber ,n Europa giebt es kaum einen Quadratmeter Erde, Men Pflanzenwelt nicht durch die Thätigkeit des Renschen regulirt, durch seinen Willen bestimmt wird. Wie bei den Hausthieren, so hat es sich auch der Mensch bei seinen Kulturpflanzen angelegen sein lassen, Abarten zu züchten. Schon im siebzehnten Jahrhundert wurde mit der Tulpe die Züchtung von Spielarten gewerbsmäßig betrieben. In Holland be- sonders wurde die Tulpenliebhaberei zur Mode, die einen Umfang und eine Bedeutung annahm, wie etwa jetzt die Spielerei mit den Ansichtspostkarten. Nicht weniger als tausend verschiedene Varietäten der Gartentulpe wurden damals von der züchtenden Hand des Menschen hervorgebracht. Seit Beginn unseres Jahrhunderts aber erstteckte sich diese Thäsigkeit auf fast alle Kulturpflanzen überhaupt. Es giebt jetzt eine Menge verschiedener Abarten des Roggens, . des Weizens, Hunderte von Varietäten der Kartoffel, Tausende von Apfelsorten. Ein großer Wetteifer herrscht in der Züchtung neuer Gemüsesorten, welche die alten möglichst an Frühzeitigkeit und Ergiebigkeit übertreffen sollen. Sodann ist fast keine der Tausende von Zierpflanzen den gärtnerischen Züchtungsversuchen entgangen. Man muß sagen: entgangen, denn hier artet die Züchtung von neuen Sorten in gräßlichste Unnatur aus. Mau denke nur an die vielen Pflanzen- Varietäten mit gelben, weißen und gestreiften Blättern, die aussehen, als wären sie soeben, aus dem Krauken- hause entlassen worden. Trotz alledem bleibt diese von der Mode begünstigte und durch die zu uuna- tiirlichem Luxus neigende Gesellschaft geradezu ge- forderte Zuchtspielerei ein Beweis für die Macht, die der Mensch über die Pflanzenwelt errungen hat. Die Verschleppung von wildwachsenden Pflanzen ist ebenfalls bedeutend größer als die von Thieren. Sämereien von Unkraut befinden sich in jedem Trans- port vegetabilischer Produkte, in jeder Schiffsladung. In der Nähe von Mühlen entwickelt sich oft eine Pflanzenwelt, die aus Gewächsen Ungarns, Nord- amerikas und anderer Länder besteht. 1871 entstand um Paris eine Vegetation, die durch den damaligen großen Truppenzusammenfluß in der Nähe der fran- zösischen Hauptstadt veranlaßt wurde, und die man deshalb Belagerungsflora genannt hat. Die größte Verbreitung der Unkräuter aber geschieht indirekt durch den Anbau aller Kulturpflanzen. Ueberall, wo der Mensch Land kultivirt, dahin verbreitet er auch die- jenigeu Pflanzen, die sich nun einmal dem Kultur- land unaustilgbar angepaßt haben. Ein so mächtiger Freund und Beschützer der Mensch denjenigen Pflanzen ist, die ihm nützen oder gefallen, ein so verderbenbringender Feind ist er allen anderen Gewächsen. Es ist klar, daß, wenn er für seine Schützlinge Morgen um Morgen Landes kultivirt, er dadurch alle diejenigen Pflanzen verdrängt, die ursprünglich auf diesem Lande gestanden haben. Was das heißt, geht daraus hervor, daß es in ganz Europa, welches früher zum Theil ein großes Baum- dickicht war, jetzt keinen Urwald mehr giebt. Ueber- Haupt sind die Wälder schonungslos ausgerottet oder. gewaltig bekürzt worden. In allen aber ist die umgestaltende Hand des Menschen deutlich wahrzu- nehmen. Wie viele Pflanzenarten durch dieses Vor- dringen des kultivirenden Menschen vollständig unter- gegangen sind, das läßt sich jetzt garnicht mehr feststellen. Am allmäligen Verschwinden gewisser früher häufiger Waldbäume, wie des Taxus, kann man sehr gut den immer größer werdenden Einfluß des Menschen auch auf die Wälder erkennen. In außereuropäischen Ländern, wo dieser kontrolirende Einfluß auf die Pflanzenwelt noch nicht so groß ist, zeigt sich die unheimlich vernichtende Gewalt des Nienschen darin, daß er große Waldbrände verursacht, die meilenweit allen Pflanzenwuchs zu Grunde richten. Am eifrigsten wendet sich aber sein Vernichtnngs- kämpf gegen die schädlichen Pflanzen. Denn wenn er indirekt auch die Unkräuter begünstigt, so ver- nichtet er doch jährlich von ihnen unzählige Billionen. Tie Vertilgung des Unkrautes ist eine der ivichtigsteu mid meist mit ungeheuerem Fleiß ansgefiihrte Thätigkeit der Bodeubewirthschaftnng. Würde nur ein Zehntel dieser Veruichtungsarbeit gegen die schädlichen Thiere gerichtet, es lebte vielleicht keins mehr. Die Un- kräuter freilich scheinen unverwüstlich zu sein, immer- hin weiß sie der Mensch meistens soweit einzudämmen, daß ihr Schaden nicht bedeutend ist und sie gegen die Knlturgewächse mir wenig aufkommen können. Der Einfluß des Menschen auf die Thier- und Pflanzenwelt ist also ein ganz ungeheurer. Damit seine Einwirkung auf die Natur jedoch noch nicht ist erschöpft. Allerdings ist sie auf anderen Gebieten nicht entfernt so gewaltig wie auf jenen beiden. Sie erstreckt sich hauptsächlich auf die Umgestaltung der Erdoberfläche und auf das Klima. Was die Veränderung der Erdrinde anbelangt, so ist die Macht des Menschen zwar nicht in Vergleich zu bringen mit anderen geologischen Faktoren, etwa dem Wasser. Sein Einfluß erstreckt sich vor Allem auf die aller- oberste Schicht des Erdbodens. Aber dadurch, daß er die Erdoberfläche auflockert, Wälder ausrodet, Wasserfurchen zieht, drainirt, leitet er doch die geo- logischen Agcntien in ganz bestimmte Richtungen. Wo sich das Wasser früher in einem großen Walde vertheilte und allmälig in den Boden sickerte, da fließt es jetzt bei anhaltendem Regen zu Bächen, Flüssen, Strömen zusammen und bahnt sich in tief ausgehöhlten Erdftirchen einen Weg und füllt wo- möglich Thäler mit Saud und Steinen ans. Das ist nur ein Beispiel für viele. Denn ohne Zweifel trägt der Mensch durch seine Auflockerung der Boden- oberfläche dazu bei, alle geologischen Prozesse wirk- samer, katastrophenreicher zu machen. Allerdings bemüht er sich auf der anderen Seite, diese Prozesse möglichst aufzuhalten und diesem Zwecke dienen Be- festigungen der Flußufer, der Seeküsten, Drainagen und Anderes mehr. Aber im Allgemeinen sind diese Bemühungen des Menschen gegenüber der Größe der Natur noch recht armselig. Aehnlich verhält es sich auch mit den Veränderungen der Erdrinde, die durch Bergwerke, Kanalbauten, Aufführung von Eisenbahn- dämmen verursacht werden. Die geologischen Ver- Hältnisse einer Gegend werden durch die Thätigkeit des Menschen nicht nennenswerth verändert. Aller- dings ist es möglich, daß in Zukunft auch hierin der Herr der Erde eine größere Macht gewinnt. Nicht unwichtig ist der Einfluß des Menschen auf das Klima. Von großer Bedeutung war hier besonders die Vernichtung der Wälder, die die Tem-' peratur in der Weise mildern, daß sie de» Sommer frischer und den Winter gelinder machen. Die Durch- schnittstemperatur mag vielleicht dieselbe bleiben, aber Gegenden, in denen der Wald ausgerodet wurde, z. B. manche Gebiete des südlichen Rußland, sind dadurch zu dürren Steppen geworden, im Sommer fürchterlich heiß und trocken, im Winter außerordentlich kalt. Auch die gleichartige Bestellung des Bodens, der hohe Pflanzenwuchs im Sommer, die Vegetations- losigkeit und lockere Beschaffenheit der Aecker im Winter muß natürlich auf die klimatischen und metco- rologischen Verhältnisse einen großen Gufluß haben. Im Allgemeinen erhöht reicher Pflanzenwuchs die Temperatur und Feuchtigkeit der Luft, während der brachliegende Ackerboden den entgegengesetzten Einfluß hat. Allerdings ist das Verhalten in den vcrschie- denen Jahreszeiten verschieden, und es sind bisher nur einige Versuche in dieser Richtung, und auch diese nur in kleinem Maßstabe gemacht worden. Es geht aber aus ihnen hervor, daß die Temperatur iiber verschiedenem Boden sehr verschieden ist. Man kann daher als sicher annehmen, daß auch der Mensch durch die Art seiner Bodenbearbeitung einen großen Einfluß auf das Klima und die meteorologischen Verhältnisse ausübt. Bekannt ist, daß die jährliche Durchschnittstemperatur der größeren Städte min- bestens zwei Grad höher ist, als die in ihrer länd- liehen Umgebung. Mag der Mensch lediglich ein Produkt der Natur sein, er kann trotzdem mit Recht der Herr der Erde genannt werden. Und ist seine Macht iiber die tobte Natur noch gering, sein Einfluß auf die lebende ist ein unermeßlicher. Er iibt eine umfassende Koutrole iiber die Pflanzen und Thiere aus. lind sein Streben ist das, die lebende Natur möglichst zu vernichten und an ihre Stelle die von ihm gezüchteten Haus- thiere und seine Kulturpflanzen zu setzen. Nlag es bedauerlich sein, daß durch die Thätigkeit des Atenschen der Rcichthum, die Atannigsaltigkeit, die Schönheit der vtatnr zerstört wird, ändern wird eS sich nicht lassen, da die Existenz, die Weitcrentwickelung des Atenschengeschlechts an diese Umwandlung der Natur gebunden P.— 28 Die Reue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. MeAascnralhenlNliilliel lini) ifteAtlltllillNg. Von Dr. Friedrich Grosse. enn man Kindern in den ersten Lebensjahren in den Nachen sieht, hinter das Zäpfchen, so bemerkt man häufig, daß die Hintere Rachen- wand nicht glatt, sondern wulstig ist und nicht selten förmlich warzenartige Wucherungen trägt. Das Bild tritt noch deutlicher hervor, wenn das Kind ein langgezogenes äääh spricht. Greift der Arzt in einem solchen Falle mit dem Finger hinter das Zäpfchen, oder nntersncht mit Hülfe eines Kehlkopf- spiegels, so findet er, daß dort hinten, über den Warzen und Wülsten, eine vollständig ausgebildete Mandel sitzt, auf die man auch stoßen würde, wenn man ein dünnes Stäbchen durch die Nasenlöcher horizontal nach hinten einführte. Es ist dies die Rachen-, oder genauer Nasenrachenraummandel, nach ihrem Entdecker auch Luschka'sche Mandel genannt. Sie gleicht in Aussehen und Struktur vollkommen den bekannten Mundmandeln, wie sie am Zungen- gründe zwischen den Gaumenbögen sitzen. Die Mund- niandeln sind für gewöhnlich der Ausgangspunkt, ja oft der alleinige Sitz der so gefürchteten Diphtherie und anderer Entzündungen. Die Luschka'sche Rtandel kommt meistens mit diesen allgemein bekannten Mandeln vereint vor, und nicht selten gesellt sich noch als Drittes im Bunde eine allgemeine Schwellung der Nasenmuscheln hinzu. Jndeß kann die Rachenmandel auch für sich allein vorkommen. Sie braucht auch nicht immer ein solides Ganzes zu bilden, sondern sie kann, in viele kleine Wurzeln und Lappen aufgelöst, den ganzen Nasenrachenraum ausfüllen. Sie hat zumeist eine sulzige, gallertartige Konsistenz, weshalb man auch von adenoiden Wucherungen und Vegetationen spricht; oder aber der Arzt sagt kurzweg, das Kind hat ein Gewächs, polypöse Wucherungen oder einen Polypen im Halse. Alles dies sind gleichbedeutende Ausdrücke für dasselbe Leiden. Jeder Mensch hat diese drei Mandeln auch im normalen, gesunden Znstande; aber sie sind odersollen für gewöhnlich so klein sein, daß man sie garnicht oder kaum sieht. Wenn sie für den Laien erst sichtbar geworden, sind sie bereits krankhaft vergrößert. Sie sehen dann einem Pfirsichkern nicht unähnlich und haben, wie dieser, eine Reihe trichterförmiger Löcher. In diesen bildet sich von Zeit zu Zeit ein Hirsekorn- artiges Kügelchen von graugelber Farbe und häß- lichem Geruch, ähnlich dem angeftessener Zähne. Oester kann man sie in den Mandeln noch sitzen sehen und herausdrücken. Meistens aber werden sie bei gelegentlichen Hustenstößen mit ausgeworfen. Dieser Umstand läßt den Laien fälschlich annehmen, daß sie ans der Lunge kämen und„Tuberkel" seien, d. h. mit der Lungenschwindsucht in Zusammenhang ständen. Bringen min die Mundmandeln bei beträchtlicherer Schwellung erhebliche Beschwerden mit sich, so wird selbst der Laie die Bedeutung der Nasenrachenmandel ermessen können, wenn er sich nach dem oben Aus- geführten die Lage derselben noch einmal vergegen- wärtigt. Sie liegen vor der Hinteren Nasenöffnung und müssen diese also verlegen. Infolgedessen be- kommt der kleine Patient durch seine Nase keine Luft, sodaß er durch den Mund athmet, besonders Nachts. Damit ist bereits eine ganze Reihe von hochbedenklichen Folgen gegeben. Bei der normalen Athmung durch die Nase wird die Luft von Verunreinigungen, von Staub u. dgl. gereinigt, gehörig durchfeuchtet und erwärmt. Alles dies fällt bei der Mundathuinng zum größten Theile fort. Infolge dessen treten dann auch leicht Katarrhe der Luftwege auf. Schon Eingangs hatten wir bemerkt, daß die Rachcnschlcimhaiit wulstig sei und Warzen habe. Sie erscheint auch nicht schön blaß- rosig wie beim Gesunden, sondern entziindet und mit schleimigem und eitrigem Belag bedeckt: ein Bild, welches fast nie vermißt wird. Das Kind hüstelt dann und spuckt auch viel, und garnicht so selten treten in dem blutreichen, schwammigen, leicht zerrcißbaren Gewebe Blutungen auf, die dann zumeist für Nqsenbliite» gehalten werden, da das Blut zum Theil ans der Nase abtropft. Die Eltern verinnthen in solchen Fällen öfter eine Erkrankung der Lungen. Ter Rachenkatarrh besteht auf die Dauer jedoch nicht allein, sondern er setzt sich in hochgradigen Fällen nnd nach gelegentlichen Schädlichkeiten(Er- kältnngen usw.) auf den Kehlkopf und die Luft- röhren fort, womit dann schließlich die Bedingungen für eine ernstlichere Erkrankung der genannten Par- tien nnd der Lungen gegeben sind. Der Katarrh greift andererseits auch auf die Nase über, wodurch es langsam zu den bereits er- wähnten Schleimhautschwellnngen kommt; in diesen Fällen spricht der Laie üblicherweise von Nasen- polypen. Alle diese Erscheinungen gehen mit Ab- sonderungen einher: dem bekannten Stockschnupfen, bei dem die Nasenlöcher so häufig wund und die Augenlider vielfach geröthet erscheinen. Aber auch ohne daß gerade diese Erkrankungen einzutreten brauchen, sind die Gefahren der Nachen- mandel nicht zu unterschätzen. Sie behindern den Luftstrom, der beim Athmen durch die Nase ein- gezogen wird, sodaß eine geringere Quantität Luft in die Lungen gelangt. Diese passen sich dem ge- ringcren Luftquantlim an: sie entwickeln sich nicht gehörig, sie dehnen sich nicht genügend aus, sie bleiben auf geringer Entwickelungsstufe stehen. Tie vordere Wand des Brnftkastens wölbt sich bei solchen Kindern nicht schön vor, wie es bei einem kräftig angelegten Brustkorb zu sein pflegt, sondern er wird flach; die unteren Partien, über der Taille, ziehen sich vielfach ein; die ganze Form wird länger, flacher: ein Bild, das man bei Schwindsüchtigen gar vielfach beobachtet. Der geschilderte Bau ist ein weiterer Faktor, der die Entstehung der Schwindsucht wiederum begünstigt, wie wir es oben schon für die Katarrhe benierkt haben. Athmet aber das Kind weniger Luft ein, so kommt auch weniger Sauerstoff in's Blut, das nun kohleusänrereicher werden muß und sanerstoffärmer. Die Athemluft und damit die Sauerstoffaufnahme ist, wie sattsam bekannt, für das Leben und die Gesundheit ebenso wichtig, wie das Wasser und die Speise. Ohne Sanerstoff ist die Verdauung nnd Verarbeitung der Nahrung im Blut nicht möglich; kommt also weniger Sauerstoff in's Blut, so muß nothwendigerweise die gesammte Ernährung darnieder- liegen. Der Patient hat keinen Appetit. Aber selbst wenn dieser künstlich angeregt wird, sei es nun durch Arzneimittel, oder durch eine Wasser- oder Be- wegnngskur, ja sei es selbst durch einen Aufenthalt auf dem Lande, im Gebirge oder an der See, es muß Alles wirkungslos bleiben, denn es kann ja selbst der reichlichste Sauerstoff nicht in den Körper gelangen. Dieser kann auch die besten Nahrungs- mittel nicht verarbeiten, und würden sie noch so reichlich dargeboten. Die Ernährung des Patienten wird herabgesetzt, das Kind wird blaß nnd welk, und nian spricht in solchen Fällen von Blntarmuth, die ihrerseits wieder eine Begleiterscheinung oder vielmehr eine Vorbedingung für die so weit ver- breitete Skrophulose ist. Diese aber bedeutet nichts weiter als eine echte, wirkliche Tuberkulose. Nur hat sie ihren Sitz nicht in den Lungen, sondern in den Lymphdrüsen, und zwar hauptsächlich in denen des Halses, besonders denen unter dem Unterkiefer nnd unter dem Ohre. Und es bedarf nur noch anderer ungünstiger Umstände, z. B. der oben er- wähnten Faktoren, um aus der Skrophulose, die an nnd für sich relativ leicht ausheilt nnd deshalb weit weniger gefährlich ist, die gefürchtete Tuberkulose der Lungen entstehen zu lassen. Geschwollene Lymph- drüsen finden wir denn auch fast immer bei den unglücklichen Besitzern der Mandelschwellungen, ins- besondere auch der Nasenrachenmandel. Beobachten wir einen solchen Kranken Nachts im Schlafe, so fällt uns auf, daß er mit offenem Munde athmet. Denn seine Nase ist ja nicht genügend durch- gängig. Im Wachen geht auch die Mnndathmung ganz gut von statten, anders aber im Schlaf. Hier sind bekanntlich die Muskeln erschlafft nnd infolge- dessen sinkt der Unterkiefer und mit ihm die Zunge nach hinten. Beini Athmen vibrirt letztere dann nnd verursacht dadurch das Schnarchen. Dies nimmt mit der Tiefe des Schlafes zu, bis die Athemnoth so stark wird, daß sie das Kind aufschreckt und damit die Hebung des Kiefers veranlaßt. Mit einer Schluck- nnd Kaubewegung wird das Athmen wieder besser, aber nur für eine Weile, bis der wieder tiefer ge- wordene Schlaf die geschilderten Erscheinungen von Neuem hervortreten läßt: ein Bild, schrecklich an- zuhören für die ini selben Zimmer Schlafenden nnd noch häßlicher für das beobachtende Auge der Mutter. Daß unter solchen Umständen der Schlaf nicht er- quickend sein kann, daß sich ein solches Kind gewisser- maßen immer mit einem Halbschlaf begnügen muß, liegt auf der Hand. Was Wunder dann, wenn der Sprößling träge und müde aufwacht nnd ein schlaffes, träumerisches und wenig gewecktes Wesen zeigt! Wie sein ganzer Körper ein Bild der Schwäche ist, so auch sein Geist. Auch dieser bleibt in der Entwickelung zurück. Das Kind leidet an Gedächtniß- schwäche und vermag seine Aufmerksamkeit nicht ans einen Punkt zu konzentriren. Es ist ewig unauf- mcrksam, mürrisch, gleichgültig und bleibt bald in der Schule zurück. Natürlich pflegen sich diese Eigenschaften mit der Zeit auch äußerlich sichtbar in: Antlitz des Kleinen auszuprägen, das allmälig emen stupiden Ausdruck erhält. Dieser wird noch erhöht durch wirkliche Ver- änderungen im Bau, welche die unnatürliche Athmung mit sich bringt. Das stete Offenstehen des Mundes allein verleiht dem Gesicht schon einen dummen Aus- druck, bewirkt aber außerdem noch ein langsames Ver- streichen der natürlichen Falten des Gesichts, besonders derjenigen, welche von der Gegend der Nasenflügel nach seitwärts und unten ziehen. Dieser Umstand stempelt, zumal bei schmalwangigen nnd blassen l Kindern, den Gesichtsausdruck zu einem ungemein j blöden. Um das Maß voll zu machen, gesellen sich dann noch Folgen von Seiten des Gehörs und der Sprache J hinzu. Bekanntlich hat das Mittelohr eine röhrenförmige- Oeffnung nach dem Nasenrachenraum zu, die so-I genannte Eustachische Ohrtrompete, welcher das Amt 9 zufällt, Schleim von der Mittelohrschleimhaut abzuleiten 1 und für stete Erneuerung der Luft im Ohre zu sorgen. Diese Oeffnung wird durch die Nasenrachenmandel« verlegt: das Mittelohr kann dies nicht mehr reinigen z! und muß erkranken, zumal da sich infolge der|! mangelhaften Reinigung die Katarrhe des Nasen- rachenraumes nur zu leicht auch auf das Ohr fort- pflanzen können. Kurz, es entstehen Mittelohrkatarrhe mit und ohne Eiterungen nach außen nnd Schwer- Hörigkeit. Gerade diese pflegt aber den Gesichtsaus» druck und die geistige Entwickelung in hohem Plaste zu benachtheiligen. Neben dem Gehöre leidet endlich aber auch die Sprache. Der Nasenrachenraum bildet für diese nämlich den Resonanzboden. Die dort sitzende Ge- schwulst bricht die Schallwellen der Sprache nnregel- mästig und nimmt ihr dadurch ihren Wohlklang. i 'Dazu kommt noch, daß einzelne Buchstaben über- Haupt nicht oder doch nur fehlerhaft ausgesprochen werden können, da die Mandel die Bewegung des Zäpfchens hindert: es sind dies besonders m, n nnd l, deren mangelhafte Bildung die Sprache„näselnd" macht. Wenn wir nach dieser fast endlos erscheinende» Reihe von Uebeln das Gesagte noch einmal kurz zusammenfassen wollen, so tritt uns ein Kind mit ausgebildeten Folgen der Naseiiracheiimandel als blutarmes, schwächlich und schmächtig gebautes, frcud-. loses, träges und mürrisches Wesen entgegen, das undeutlich spricht und schlecht hört, stets Schnupft» und oft laufende Ohren, wunde Nasenlöcher und geröthete Augen hat, und mit offenem Munde nnd dumniem Gesichtsansdrnck unaufmerksam dahinlebt. Natürlich wird man nicht immer alle Folg� erscheinungen beieinander finden oder alle deutlich! ausgesprochen antreffen. Jedenfalls aber gehört dis Rachenmandel zu den häufigen Erscheinungen, ans die das Augenmerk zu richten nicht dringend ge»»!! empfehlen werden kann. Wie oft sie vorkommt, ergeben Berichte vo» Spezialärzten für Ohren-, Nasen- und Kehlkopf leiden, die bei ihren Kranken die Rachenmandel l» 10 bis 20 Prozent und mehr aller ihrer Fälle vM'� 30 Die Reue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. fanden. Bei der Wichtigkeit der Sache wurde in einigen Großstädten Deutschlands bei den reget- mäßigen Revisionen der Schulkinder durch besondere Schulärzte aus die Rachenmandel geachtet: sie fand sich unter hundert Kindern regelmäßig 5 bis 10 mal. Gerade die Kinder im schulpflichtigen Alter zeigen sie am häufigsten und am ausgesprochensten. Je jünger das Kind ist oder je länger es die Schule hinter sich hat, um so mehr treten die Btandeln au Häufigkeit zurück. Nach dem 20. Jahre ungefähr schrumpfen sie von selbst, sodaß sie von da ab nur noch selten gefunden werden. Damit ist freilich nun nicht gesagt, daß man füglich die Heilung dem zunchmeuden Alter und der Natur überlassen könne. Ja, wenn die Folgen nicht wären: diese sind zum unberechenbaren Schaden des Kranken schon längst unabänderlich eingewurzelt. Hier ist's ein schwind- süchtiger Brustkasten, dort ein halb taubes Ohr, das Zcngniß ablegt. Und ein Dritter behält Zeit seines Lebens ein Brett vor dem Kopf, dessen Hirn viel- leicht sonst für große Talente und Fähigkeiten be- anlagt war. Wie entsteht nun die Mandel? und wodurch? Nicht selten kommt sie vererbt vor, also angeboren. Man kann dann oft noch bei den Eltern am Gesichts- bau sehen, daß auch sie solche in ihrer Jugend ge- habt haben. Meist aber bilden sie sich erst in den frühen Kindesjahren heraus. Da sind auch sonst skrophulös und syphilitisch belastete Kinder wieder am meisten gefährdet, Kinder, die zu Katarrhen der Nase neigen und solchen der anderen Athemwege. Oft sich wiederholender Schnupfen wird fast immer beobachtet. Ost beginnt die krankhafte Vergrößerung ziemlich plötzlich nach Ueberstehung der Masern, des Scharlachs, der Diphtherie usw. Oftnials auch ohne besondere Ursache und schleichend. Meist wird sie dann durch die genannten Krankheiten so verschlim- inert, daß selbst Unerfahrene stutzig werden. Hier will ich nicht unterlassen zu erwähnen, daß Kinder mit Mandelaiischwelliiiigeii ganz besonders leicht von der Diphtherie befallen werden und dann fast ausnahmslos schwer erkranken, da sie in dem kranken Gewebe geradezu rapid wächst. Die Nach- barschaft der Nase und der Ohren lassen die Diph- therie mit Leichtigkeit auf diese fortschreiten oder verzögern doch die Genesung, wenn sie diese nicht überhaupt unmöglich macheu. Also auch aus diesem Grunde empfiehlt sich dringend, die Mandel bald- möglichst entfernen zu lassen. Damit wären wir zu der Frage gelangt: was thun, wenn wir zu der unangenehmen Gewißheit gekommen sind, daß unser Kind eine solche Rachen- mandel hat? Und wie können wir die Entstehung irgendwie verhindern? In letzterem Sinne heißt es einfach, das Kind naturgemäß und vernünftig erziehen, es frühzeitig abhärten, damit es gegen Katarrhe frühzeitig gefeit ist. Wie wir dies Alles erreichen, gehört nicht in den Nahmen dieser Be- trachtung. Handelt es sich aber einmal um eine ausgebildete Rachenmandel, so giebt es nur ein Mittel, und das ist ihre blutige Entfernung. Zum Trost der Eltern sei gesagt, die Operation ist eine außer- ordentlich einfache und schnelle. Ob sie in Narkose (Chloroformirung oder dergleichen) geschehen soll, ist Sache des Arztes, der gewiß alles Für und Wider im Einzelfalle nach bestem Gewissen abwägt. Der Eingriff ist fast absolut ungefährlich, wenn auch in den seltensten Fällen die Blutung einmal etwas bedeutender und anhaltender sein kann; wenn sich auch gelegentlich einmal bei schon angekränkelten Ohren eine Mittelohrentzündung daran anschließen kann. Doch diese kann auch ohne Operation stündlich eintreten; und Für und Wider abgewogen, entscheidet für die Operation, und zwar je eher, desto besser. Es giebt wenige Uebel, bei denen der Arzt so einfach und so segensreich eingreifen kann, als die Rachenmandel, und ihre Entfernung gehört mit zu den dankbarsten Aufgaben.— -�3. Waisenkinder, onrad's Jugend war erfüllt mit trostlosen, traurigen Bildern. Hohe, himmelragende Schlote, aus denen der dicke Qualm in schweren, schwarzen Wolken hervorquoll, bis er sich langsam und schwerfällig über den ganzen Horizont ausbreitete. Dann sank die braune Decke immer tiefer ans die Landschaft nieder, drohend, als wollte sie Alles ersticken. Und drohend sank sie auch immer tiefer in die Seelen der Menschen, die in jener Land- schaft dahinsiechten. Er sah weite Felder, auf denen dürftiges, niedriges Getreide zwischen hochanfschießen- dem, üppigem Unkraut verkümmerte; weite Wiesen, auf denen im Sommer das von der Sonnengluth verbrannte Gras kaum den weißen, steinigen Kalk- boden verdeckte, lind Menschen sah er, Menschen mit leidenden, frühwelken Gesichtern, Menschen, die nicht lächeln konnten und mit stumpfen, glanzlosen Blicken vor sich hinstarrten; Btenschen die arbeiteten und duldeten und wieder duldeten und starben; Menschen mit müdem, schleppendem Gang, Rtänner und Frauen und Greise, die Alle gleich vergrämt und hülflos-demüthig aussahen und keine Freude kannten und kein Glück. Und dazwischen sah er das blasse Gesicht eines Weibes, das einst schön gewesen war, und zu dem er empor geblickt hatte wie zu einem hohe», fernen Wunderbild. Dieses blasse, kranke Weib, das dahinsiechte, wie dort Alle dahinsiechten, war seine Biutter gewesen. Nur dunkel und verschwimmend, wie in weiten Fernen, sah er sie. Und er sah das roth aufgedunsene wutheutstellte Gesicht eines Mannes, dessen verglaste Augen stier auf ihm geruht hatten. Und in seinen Ohren klangen wüste, nächtliche Szenen nach, in denen jener Mann getobt und geschrieen, während er fluchend in der kleinen Kammer umher- stolperte. Dazwischen klang das stille Weinen des blassen Weibes. Er erinnerte sich, wie er angst- zitternd in seinem kleinen Bettchen gelegen und den Kopf tief unter die Decke verborgen und gelveint hatte, wie das blasse Weib. Dann war es einmal still geworden. Das Weinen hatte aufgehört, und als er früh erwachte, sah er seine Mutter auf dem Boden liegen, lang ausgestreckt und regungslos; ein dunkler Strom rothen Blutes rieselte aus einer tiefen Wunde im Kopf langsam, langsam weg, bis zu seinem Bett herüber. Damals hatte er gemeint, daß nun der Tod über ihn komme; seine Kehle war zugeschnürt; er konnte nicht weinen, nicht um Hülse rufen. Ans- recht stand er im Bett und starrte heraus und starrte Skizze vn G. Marasy. ans die dunkle Blutlache und auf das entstellte Gesicht der Mutter. Nu» verließ ihn die Erinnerung. Nur dunkel empfand er, was dann geschehen war. Es waren Leute gekommen und hatten ihn ans der engen, kalten Kammer mit sich fortgeführt. Das glänzende Gesicht eines fetten Mannes sah er noch vor sich: der hatte lächelnd Alles dort be- trachtet und mit seinen weißen, fetten Fingern an der glänzende», dicken Uhrkette gespielt. Bor diesem Manne hatte er Granen empfunden. Und das war seine letzte Erinnerung aus jener ersten Zeit. Lange, lange hernach fand er sich wieder in einem großen, weißen Hause mit weiten, weißge- tünchten Sälen. Er trug eine dunkle Uniform mit glänzenden Knöpfen, und alle die vielen Knaben um ihn trugen dieselbe Uniform. Es war das Waisen- haus in der Vorstadt; und Alle, die da waren, hatten keine Eltern mehr und wußten es— denn es wurde ihnen täglich gesagt, als ein Vorwurf und als eine Ermahnung. Aber sie hätten es auch sonst erfahren. Wenn sie an den Sonntagen paarweise durch die Stadt spazieren gingen, hinab zu den Auen an der Donau, dann sahen sie alle Leute mit ver- wunderten, mitleidigen Blicken an. Sie aber sahen die vielen geputzten Menschen, die lachten und so sorglos und glücklich waren,— und da gingen sie still und paarweise an ihnen vorbei und wagten es nicht, zu Jenen emporznschauen; denn aus allen Mienen lag Verwunderung und Mitleid. So verging Sonntag um Sonntag und Woche um Woche. Kourad sah den großen Garten des Waisen- Hauses mit den hohen, hohen alten Bäumen, mit den tiefen, schattigen Laubgängen und der steilen, ver- witterten Bkauer ringsum. Dieser Waisengarte», in dem im Sommer die Amseln schlugen, laut und tönend, dieser Garten mar ihm lieb geworden. Dort- hin flüchtete er sich, wenn eine freie Stunde war, in die tiefsten Winkel und Verslecke. Und in dieser Einsamkeit, fern von den Slndereii mit ihrem schallenden Gelächter und ihrem Hohn, hier in der reinen Gartcnstille empfand er das erste Glück, das große Glück des freien'Athmens, das große Gliick, mit sich selbst allein zu sein. Denn unter den Anderen war er der Ansgestoßene. Er, der einzige von Allen. Er wußte nicht, wie es geschehen— aber sie hatten die Geschichte seiner Jugend erfahren. Und nun war es eine jahrelange, endlose Oual, die er stumm ertragen mußte. Er hörte die ewig gleichen Fragen:„So? das war er, dcss n Bater sesti Weib erschlagen hatte? Das war der, dessen Vater bis an sein Lebensende im Zucht- Haus sitzen muß." Jeder Neuankommende erfuhr es. „Zuchthäusler! Zuchthäusler!" tönte es in seine» Ohren, und er sah hundert gehässige, boshafte, grau- same Augen um sich blitzen. Wie ein Auswürfling stand er da unter ihnen, er, der Einzige, dessen Vater lebte und im Zuchthaus war.„Wie geht's Deinem Vater? Warum schreibt er Dir denn nicht?" tönte es um ihn. Oder:„Geh', besuch' ihn doch einmal im Zuchthaus! Zuchthäusler Du!" Weinend entfloh er dann und verbarg sich in einem Gebüsch oder Winkel. Regungslos lag er dort ans dem Boden, an allen Gliedern bebend vor Schmerz und Wuth. In der Ferne aber hallte und höhnte es!„Zuchthäusler! Zuchthäusler!" Eines Tages hatten sie ihn wieder verhöhnt, und da war es plötzlich heiß in ihm geworden, und vor seinen Augen flirrten rothe, flammende Fnuken. In sinnloser Wuth hatte er sich auf den Einen, den Stärksten von Allen, geworfen und ihn zu Bode» geschlagen, daß er bewußtlos liegen blieb. Die Anderen standen umher und waren sehr bleich und still geworden. Er aber ging ruhig, so ruhig, wie er nie zuvor gewesen, in den Garten hinab in sei» einsames Versteck. Nun, glaubte er, sei es zu Ende mit ihm und er habe Jenen getödtet. Er hörte gellende Stimme», die ans aller Luft auf ihn niederprallte» und schrieen: „Zuchthäusler! Zuchthäusler!" Am Nachmittag halten sie ihn anssindig gemacht und brachten ihn vor den Direktor. Nun wird die Untersuchung, nun wird das Ende sein! dachte er, und in seinem Inneren war Alles stunipf und aus' gestorben. Er sah den alten Mann, der i>n»>ee ernst und wohlwollend zu ihm wie zu den Andere» gewesen war. Und er mußte ihm erzählen, wie Alles gekommen war. Da erwachte das Lebe» wieder in ihm. Er erzählte? was er all' die Jfllste gelitten. Wie ein Fieberschauer rüttelte es ihn, aber es war ihm eine Erlösung. Als er zu Ende wa>- sank er plötzlich um und die Sinne schwanden ihn» Er lag lange in dem großen Krankenzin»»� drüben, und auch der Andere, den er getödtet Z" haben glaubte, lag dort neben ihm. Ter hatte eine schwere Wunde am Kopf, und man erzählte Konrad, daß er eine Gehirnerschütterung erlitte" habe. Das war am ersten Tage nach seiner eigene" Genesung. Da kam der alte Direktor zu ihn" setzte sich an sein Bett, hielt seine Hw.d fest Du Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 31 spmch gute, tröstliche Worte zu ihni. Da fiel ihm eine Last vom Herzen, und weinend kiistte er die Hand des alten Mannes. Am nächsten Taq standen die Fenster offen und das heiße Sonnenlicht flnthete in den kahlen Nani». Es war so still nnd Konrad sah von seinem Bette ans den Fliegen zn, die am Fenster aus und ein schwirrten. Sinnend lag er da, und die große Stille that ihm wohl. Wieder empfand er das Glück und ließ es langsam um seine Seele gleiten. Er dachte daran, daß er beinahe in dieser Krankheit gestorben wäre, und dachte darüber nach: über das was mit ihm geschehen war, und über den Tod. Da glitt plötzlich ein Schatten zu seinem Bette her- über, und er blickte auf: der Andere stand vor ihm. Er sah leichenblaß aus und sein Kops war in ein weißes Tuch gehüllt. Ilnd seltsam ernste, traurige Augen schauten ihn an, bittend und verzagt. Immer wollte er sprechen, aber er bewegte blos tonlos die Sippen, und Konrad verstand ihn doch. Er verstand diese stumme Bitte, und in seiner Seele jubelte es. Er streckte ihm die Hand entgegen und ergriff seine Hand und schüttelte sie. Und Jener setzte sich zu ihm. Sie sprachen lange kein Wort. Dann aber sprachen sie von ihrer Krankheit und davon, daß sie »un bald wieder hinaus in's Freie dürften, und daß es Sommer sei, und die Kirschen im Garten reifen. Am nächsten Tag kam der Andere wieder und kam auch am dritten Tag. Und als sie nach einer Woche das Krankenzimmer verließen, da waren sie freunde geworden: Konrad und Frank. Draußen im Waisengarteu aber reiften die Kirschen, »nd an den Büschen bliihte der weiße Jasmin, dort wchten sie nun die Einsamkeit zu Zweien auf, und iur Beide begann ein neues Leben. Frank hatte sich ganz verändert: die schwere Krankheit hatte ihn ernst gemacht und das Zu- wnimensein mit Konrad machte ihn nachdenklich. Um die Anderen aber kümmerten sie sich nicht mehr, "nd es gab keinen Hohn mehr über den Sohn des ssuchthäuslers. Wie ein treuer demüthiger Hund k"lgte Frank dem blassen, schmächtigen Knaben nach ""s dessen einsamen stillen Gedankenwegen. Konrad "der empfand zum ersten Male das tiefe Glück der Zusammengehörigkeit mit einer Menschenscele. � Der Sommer verging und der Herbst verging. �ir Boden des Waisengartens war bedeckt mit dwkkem, gelbem Laub, und es kam die Zeit der Aebel. Die Lust war feucht und kalt geworden. Aon den dünnen Aesten der entlaubten Bäume rann w"gsam Tropfen fiir Tropfen. Der Herbst verging, und der Winter verging. An einem Jahre war Kourad's Seele reif geworden. sah nicht mehr das Waisenhaus mit seinen "dien Mauern, er sah nicht mehr die scheuen, ge- •Welten, lauernden Gesichter seiner Gefährten: er .. le»un sein eigenes Leben und blickte hinab in Tiefen seiner eigenen Seele. Geheimnißvolle Worte und Töne wurden laut in ihm, und er wischte den Tönen und suchte sie auf und lauschte e>i Worten und mühte sich, sie zu deuten. Aber "»»er fremder wurde er sich selbst, und es war als steige eine dunkle Macht langsam und wollend in ihn, auf, die Herrschaft über seine Seele j.wann. Oft fragte er sich bange, was es doch ..'/'venu er das Gefühl hatte, als ob er weinen ."•'w, und wenn es so rnhlos und verworren in W' wurde, lind da hatte er nur einen Trost: .Ic Bücher, zu denen er sich flüchtete, in denen er "•'e und suchte, ganze Tage, halbe Nächte. Es w ihm, als könnte er nie genug erfahren. Gierig «hm er Alles in sich auf, ohne Wahl und ohne JZmmten Wunsch.~.......| v—-i,—? „uk—---- Er hatte jetzt volle Freiheit, -IQU ließ ihn seine eigenen Wege gehen. Nur ez Handwerk mußte er lernen wie Jeder. Aber Dan � un� er l�at nur, was er thun mußte. habg's�er suchte er wieder die Bücher, deren er ülchl werde» konnte, und fühlte eine tiefe Sehn- �ejst' aIIe8 bissen der Erde mit seinem hungrigen (Öf'{ ä» umschlingen. Darin lag für ihn die Er- es® üon dem Banne in seiner Brust: er mußte "k flnden, das Geheimnißvolle, das ihm die Erlösung bringen werde. Aber er fand es nicht. In den Büchern fand er es nicht. Manchmal aber, wenn ihn aller Trost verließ, da griff er zn seiner Geige. Er hatte in früheren Jahren das Geigenspielen gelernt, nnd so lange er es lernen mußte, war es ihm widerwärtig gewesen wie ein nnerträglichcr Zwang. Nun aber wurde es ihm eine Freude in seinen schweren, trostlosen Stunden. lind bald gewann er eine seltsame Fertigkeit. Mit jedem Tag, mit jedem neuen Können wuchs seine Freude daran. Langsam und unvermerkt versuchte er es, die Töne, die in seinem Inneren ruhten, zn formen, den eigenen Harmonien Gestalt zu geben. Und er fühlte, daß alle Töne zur Form wurden und neue Töne schufen, und daß alle Harnionien Gestalt gewannen. Stunden vergingen, die er durch- spielt hatte, und zuletzt wußte er nicht mehr, was es gewesen. Auf keinen Ton mehr konnte er sich besinnen. Nur Eines wußte er: daß Ruhe über ihn gekommen war. Aber eines Tages trat es klar vor ihn, daß er Etwas konnte, was die Anderen nicht vermochten, und daß er seine eigene und keine fremde Musik spiele. Nun erst hatte er einen tiefen Trost für seine tnibeii Stunden gefunden. Wenn er in der Werkstätte saß, in die man ihn nun schickte, und mit dem Glas vor dem Auge alle die kleinen Räderchen zusammenfügte, die das Uhrwerk bilden, dann tönte es in ihm und er vergaß die monotone, mühselige Arbeit. Und zu dem Ticken der Uhren, die an den Wänden hingen, gesellten sich die vollen, jagenden Rhythmen seiner Seele, und er zählte die Minuten, bis er von der Arbeit ftei sein nnd diese stummen Rhythmen in klingende Musik umsetzen werde. ** * Der Frühling war vergangen und ein neuer Sommer war angebrochen: der letzte, den Kourad ini Waisenhaus verbringen sollte. Um die Mitte des August wurde er entlassen, um nun zu seinem Meister zu ziehen. „Frei sein! Frei sein!" klang es jubelnd in seiner Seele, und sein Herz pochte, als er von dem alten Manne dort drinnen Abschied nahm, der ihm wohlwollend die Hand drückte und ihm seine kleinen Ersparnisse von den Arbeiten der letzten zwei Jahre einhändigte. Er hörte nichts von den ermahnenden Worten, die der Alte zu ihm und zu den Anderen sprach, er dachte blos ohne Unterlaß:„Frei sein! Frei sein!" Noch ein lauter, sehnsüchtiger Gruß der Anderen, die znrückblieben, nnd sie schritten die Straße hinab. Kourad ging neben Frank einher und schämte sich vor den vielen Menschen, denn er trug seine Geige und den kleinen, schwarzen Koffer mit seiner Habe; auf dem Koffer aber stand in groben, weißen Buch- staben sein Name und die Nummer, die er dort geführt.— Nummer 109.— Und er dachte: „Nummer 109 ist entlassen." Und doch jubelte es in ihm, denn es sollte sein erster freier Tag sein, und die Stadt, die große Stadt mit ihren bunten, prächtigen Menschen, mit ihrem lohenden Sonnenglanz und all ihrem rauschen- den Getöse lag offen vor ihm. Hastig eilte er zu seinem Meister und ließ seine Sachen zurück. Dann wollte er wieder init Frank zusammentreffen. „Wohin? Wohin?" fragte er sich tausendmal, und seine Sehnsucht unispaunte die ganze Stadt mit allen ihren Herrlichkeiten. Als der Nachmittag gekommen war, gingen sie langsam die breite Straße hinab, dem Prater zu, Beide schweigend, bedrückt und zaghaft. „Das Leben!" dachte Konrad, und der Wunsch stieg in ihm aus, all dieses Leben kennen zn lernen, von all diesem Leben zu kosten. Dann kamen sie aus der Stadt hinaus, dort hinab zu den Auen, wohin sie jeden Tag wie eine Heerde getrieben worden waren. Aber heute erschien Konrad Alles neu und umgestaltet: diese Wege, diese Bäunie, durch die die Sonue funkelte, diese Menschen, die dort langsam im Schatten gingen. Sie setzten sich auf eine Bank nnd saßen lange und schauten vor sich hin, und Konrad vermochte es nicht, alles Das, was er sah, in klare Gedanken zu bringen. Bunte, nie gesehene Bilder glitten an ihm vorbei, so schön, wie er sie in seinen tiefsten Träumen nicht erhofft hatte. Und nur Eins empfand er in sich: Sehnsucht! Unendliche Sehnsucht nach all Dem, was hier vor ihm war. Und dann gingen sie tief hinein in die Auen, weit weg von allen Wegen. Dort legten sie sich unter der breiten Krone einer Buche in's Gras und starrten in den dunkelblauen Sonnenhimmel hinauf. Wie schön! Wie schön! empfand Konrad immer wieder nnd wagte kaum zu athmen, um all' diese Schönheit nicht zn verscheuchen. Den Frank neben sich vergaß er ganz. Er hörte nur die Finken und die Drosseln drüben in den höchsten Aesten und das ferne Rollen der Equipagen ganz weit weg über den feinen Kies der Wege. Wie schön! Wie schön! Er sah den Himniel über sich und ans allen Seiten zitternde Blätterzweige, auf denen sich der Wind schaukelte. Und wieder klangen Töne in ihm, neue Töne, die er nie gehört, und ganz still stieg der Wunsch in ihm ans, er hätte seine Geige bei sich. Aber dann dachte er: nächsten Sonntag, da wird er den Nachmittag frei haben und wird ganz allem heraus in die Auen gehen und seine Geige mitnehmen. Und er sehnte sich nach dem nächsten Sonntag. Die Sonne sank und es wurde Abend. Im Walde drüben flammte das Laub in brennendem Roth, und durch die Zweige zuckten heiße Lichter. Und immer heißer und sehnsüchtiger klang das Lied der Vögel. Heiß und sehnsüchtig wurde es auch in Konrads Seele. So— so zu leben, empfand er, inimer wieder und wieder so zu leben: daran dürfte man nicht satt werden können. Er empfand es als einen zitternden, hoffenden Wunsch. Und dann kehrten sie in die Stadt zurück. Frank meinte, man solle noch in eine Schenke gehen. Konrad ging uiit. Dort, wo die letzten Häuser standen, unten am Donankanal, in der Nähe von Frank's neuer Woh- nung, traten sie in eine Schenke. Die Thür stand offen, und von innen drang Ranch nnd das Ge- murine! erregter Stimmen heraus. Konrad aber empfand es als Musik und hörte fenie, eintönige Klänge durch. Draußen auf der Straße war es Abend mir hellen, schimmernden Farben; hier drinnen aber war blasser Qualm und dazwischen trübes, flackerndes Gaslicht. Scheu und verlegen setzten sie sich an einen kleinen Tisch neben der Thüre. Für Konrad tvar es ein neues Leben, das er hier sah: es beängstigte ihn in seinem engen, gepreßten Rahmen. Schwere, ungesunde Luft, die sich beklemmend auf Menschen und Gegenstände legte; heiße, glühende Wange», von Wein nnd Streit aufgedunsen, dazwischen das schrille Gelächter eines Mädchens und funkelnde, gehässige Augen, die boshaft durch den Nebel flirrten: er empfand Angst vor dieser Atmosphäre, in der es wie dumpfes, gährendes Leben kochte, Angst vor diesen Menschen mit ihren rauhen, grellen Stimmen, mit ihren in fieberhafter Hast weggeschleuderten Worten. Der Raum war mit dunkelbraunem Holzgetäfel bedeckt, nnd Konrad starrte darüber empor zu den grauschlvarzen Tapeten mit den verblaßten Mustern und zu den elenden Bildern. Und dazu lauschte er dem wirre» Getöse. Bald klang es hier, bald dort wie ein unterdrückter Schrei der Wuth und Stühle wurden gerückt und schwere Schritte verloren sich an einer Thüre im Hintergrund. Rnhlos empfand Konrad die Stimnmng des Raumes und mechanisch trank er zum ersten Male im Leben dieses bittere Getränk, das ihm ein Kellner in einem schmutzigen Glase gereicht hatte. Der Qualm und das Bier betäubten ihn. Hülflos lehnte er sich an die Wand und schloß die Auge». Nun wurde ihm leichter. Das Stimmen- gewirr klang ihm fern, weit,, weit weg von ihm. So dachte er sich das Rauschen des weiten Meeres. Aber immer heißer wurde es ihm um die Sinne, und wie damals, als er Frank im Zorne nieder- geschlagen hatte, tanzten grelle, irre Funken vor seinen Augen. 32 Vie Acue A)elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Die Stimmen nbcr schwollen an und wilde, wirre Töne zischten durch das Getöse. Erschreckt starrte Konrad in den Hintergrund. Eine dunkle Masse hatte sich dort zusammen- geballt, und plötzlich wurde es leichcustill. Angstvoll hielt Konrad den Atheni an, und es war ihm, als drohe ein Unheil. Da stob der Knäuel auseinander und gellende Rufe wurden laut:„Hilfe! Hilfe!" Zitternd hielt Frank den Arm des Freundes fest, der hinüberstiirzen wollte in den dunklen, drohenden Hintergrund. So lauschten sie eine Weile. Gestalten huschten an ihnen vorbei, auf die Straße hinaus und von der Straße herein. Unter den Hereincilcndcn sahen sie Einige mit blitzenden Knöpfen und funkelnden Helmen. Dann wieder Stille. Es war, als ringe dort hinten ein Mensch auf Tod und Leben. Dann drängte sich der Knäuel wieder zur Thüre, und in der Mitte sah Konrad einen jungen Menschen, der sich verzweifelt wand unter den Händen Derer, die ihn hinausschleppten. Aber im Hintergrund war es still geworden. Auf der Bank längs der Wand lag eine Gestalt; die Leute standen umher. Konrad hörte ein leises, verhallendes Röcheln. Rasselnd fuhr draußen ein Wagen vor, und mehrere Mäiincr mit weißen Binden und rothen Kreuzen am Arm eilten herein. Bald darauf trugen sie die leblose Gestalt hinaus, und wieder rasselte der Wagen fort, die Straße hinab. Konrad war in seine Ecke zurückgesunken. Wirre Bilder von Roth und Elend und gransamem, uner- bittlichem Schicksal glitten wie höhnend durch seine Seele. Dann hörte er hart neben sich die hohe Stimme des Kellners, der mit Frank sprach: „Niedergestochen hat er ihn. Der überlebt die Nacht nicht." Und dann: „So war er immer. Ter war fiir's Zuchthaus geboren. Ganz wie sein Vater. Der hat auch dort geendet." Mit einem Rucke erwachte Konrad aus seinem dumpfen Träumen. „Zuchthäusler! Zuchthäusler!" klang es schrill in seinen Ohren, und er fühlte sich von tausend höhnen- den Stimmen umgeben, die schrieen und jubelten: „Zuchthäusler! Zuchthäusler!" Konrad sprang auf.„Komm!" sagte er zu Frank mit heiserer Stimme. Rasch eilten sie in die Nacht hinaus. Die kühle Nachtluft that ihren heißen Stirnen JettiKetorr. -4- Awei Anlder.-h � iefblaiiet Himmel, schimmern! wie Gpal, '• Mur hie im! öa glasweihe Walkenflockien; Hu! träumerisch im gelben Honiienslrahl Ja wiegt ias Horn Sie weichen, wirren Hocken. Kiü! fliegt's daher, rasch wie der Aamum weht, Die Hetten klirren und die Ziäber sausen, Sin'n Mäöchenschwarm aus dem Hclocipeb' Giehjt wie bie Windsbraut du vorüberbrausen. Hnd Hachen, Klaudern, Glück und Mebermuth, Die Jose Augend blüht aus weihen Wangen, Und wie der Morgen klar die Hukunst ruht, Zem Arühling gleich, wenn tausend Dlüthen prangen... Sin weiter Haum, slaubdunkel wie der Aarg— Ko öd' und trostlos ist die Kölle nimmer! Durch schwarze Fenster tropfet Kalt und karg Das Sonnenlicht, starrweih wie Mondcnschimmer Der Dsen keucht und ächzt aus tiefer Wrust, Die Aetten klirren und die Iäder sause», Sin'n Mäöchenschwarm, verblaßt und übcrrnht, Hiehst du in diesem Moderkerker Hausen. Nicht Hachen, Flaudern, Glück noch Hebermuth, Die Uose Augend ist hier bald vergangen, Und wie die Macht so kalt die Hukunst ruht, Dem Winter gleich, wenn Sisesblüthen prangen... H. E. Iah». ? Schmugglers Ende. In dem kleinen GcbirgSdorf ift Alles still. Kein Laut von Menschen wird hörbar, dicht verschlossen sind die Läden der niedrigen Fenster. Schweres Gewölk jagt am Himmel dahin; bald überdeckt es den Vollmond, und die ganze Natur liegt in tiefstem Schatten, und dann tritt er in einem Wolkenrist wieder heraus, und die Szene liegt im hellsten, fast blendenden Licht; scharf zeichnen sich die Hänser ab, jeder Stein, jeder Pfosten ist deutlich zu unterscheiden... Es ist nur scheinbar Ruhe in den Hänsern. Hinter den geschlossenen Läden harren in banger Erwartung Frauen ans die Rückkehr der Männer, denen das heranziehende Unwetter gerade recht zu ihrem gefährlichen Handiverk, dem Schmuggel, war. Es war ihnen selber nicht gut zu Muthe, als sie heute hinauszogen. So lange war Alles glatt abgegangen, aber in den letzten Tagen hatte es Anzeichen gegeben, daß die Grenzwächter ihnen auf der Spur waren. Was sollten sie aber thunl Sie waren arme Leute und dem reichen Kaufmann jenseits der wohl. Bis zu Frauk's Haus gingen sie mitsammen. Daun kehrte Konrad um: laugsam, als wäre jeder Schritt ein Lebe». Auf der Brücke, die über den Fluß in die Stadt zurückführt, blieb er stehen. Er sah in die dunklen Wellen hinab. Ihm war, als sei in seiner Seele eine Saite gesprungen. Und immer wieder hörte er die hohe Stimme, die sagte: „Er war fiir's Zuchthaus geboren. Ganz wie sein Vater!" „Nein, nein!" schrie Konrad plötzlich in tödtlicher Angst auf.„Nur das nicht! Nur das nicht!" Ihm war, als kämen von allen Seiten Menschen zusammen, die ihn umringten und schrieen: „Zuchthänsler! Zuchthäusler!" Mit einem Ruck schwang er sich über das Brücken- geländer.** * Einige Tage später warfen die Wellen den Lcich nam eines Knaben an's Ufer. Man erfuhr, daß es eine Waise sei. Niemand ahnte, wie er den Tod gefunden. Wer hätte es auch ahnen können! Selbst Frank, als er die Nachricht erhielt, glaubte, Konrad sei durch Unvorsichtigkeit in's Wasser gefallen. Im Waisenhaus aber erzählten sich die Kinder: „Nr. log ist ertrunken."— 6— Grenze verpflichtet, da half kein Zögern: die Waare lag da und mußte hiuübergcschafft werden. Uno dann glaubten sie auch, daß die Grenzwächter so leicht ihre verborgenen Schleichwege doch nicht finden würden. So zogen sie aus, und die Frauen blieben in Angst zurück... Da koliimen plötzlich vom oberen Ende des Dorfes her Schritte, eilig, aber doch gleichmäßig und schwer. Jetzt hört man einen Mann schneller vorauslaufcn bis zur letzten Hütte am anderen Ende des Dorfes. Er klopft an die Läden. Drinnen hat schon längst ein junges Weib gewartet, sie hatte keine Ruhe finden können und war immer tvicder zum Fenster geeilt, um hinauszuhorchen. Als sie jetzt den Dlann zu ihrem Hause kommen hört; und er an ihr Fenster pocht— da weiß sie, was ihr geschehen ist. Mit ein paar Schritten ist sie draußen: sie steht vor ihrem zu Tode verwundeten Planne... Eben wirft der Mond wieder sein bleiches Licht über die Szene. Auf der Büchse ivird der Gewoffene von zwei Freunden, deren Antlitz noch geschwärzt und von der Maske halb verhüllt ist, herangetragen, krampfhaft klammern sich seine Arme um ihre Schultern, der Kopf sinkt schon zurück— nicht lange mehr, und er hat ausgekämpft. Ernst und voll Mitleid richten sich die Blicke der beiden schwarzen Gesellen auf das unglückliche Weib, der Tritte naht sich ihr, uni ihr Trost zuzusprechen,'Nachbarn, die der Lärm an's Fenster gelockt, erkennen erschreckt, was vorgefallen ist— das Weib sieht nur den Sterbenden, mit einem gellenden Wehcruf, die Hände vor das Gesicht schlagend, stürzt sie zusammen... Volksjustiz im Bcrgischc». Tic Rechtspflege des Volkes ist wesentlich anders geartet als die der rechts- kundigen.Gelehrten. Sie ist vor Allem weit mannig- faltiger, und sie lehnt sich enger an die jeweilig gegebenen Ilmstände und Verhältnisse a». Aber ein gewisser Kodex des Rechts hat sich auch hier gebildet. Interessant sind unter diesem Gesichtspunkt einige Beispiele, die Otto Schell in der Monatsschrift„Ter Urquell" zusammengestellt hat. Er hat sie ans dem Gebiet des ehemaligen Bergischen gesammelt. Bis in die sechziger Jahre unseres Jahr- Hunderts war es in der Umgegend von Mettmann üblich, einem Bauer, der gegen seine Knechte und Mägde streng und hart war, in der Nacht einen Wagen auseinander- zunehmen und dessen einzelne Theile auf das Dach des Hauses, der Scheune oder des Stalles zu praktiziren. Oft versammelten sich zu diesem mühsamen'Akt der Justiz zwanzig bis dreißig und noch mehr junge Burscheu. Es ging ganz lautlos und still dabei zu, und ein Verräthcr fand sich nie. Am bekanntesten ist in jener Gegend das„Thier- jagen", auch„Austrommeln" genannt. Selbst in den großen Jndustriestädlen Elberfeld und Barmen hat sich dieser Brauch bis heute erhalten. Geübt wird er meistens gegen Männer, welche ihre Frauen geschlagen oder ihnen nicht wen geblieben sind. Am Abend versammelt sich Groß und Klein vor der Wohnung des llcbclthäters und beginnt einen ohrenzerreißenden Lärm mit Pfeilen, Johlen und Bearbeiten der verschiedenartigsten Blechinftrumeute. Der Lärm wird stundenlang fortgesetzt und wiederholt sich au drei anfcinaudcr folgenden Abenden. An eine bc- stimmte Jahreszeit oder an einzelne Wochentage ist dieser Brauch nicht gebunden. Früher ivurdcn dem arnien Sünder seine Verbrechen auch in derben Knittelversen vorgehalten. So lautet z. B. ein Vers: Hört, Ihr Leute! ich will Euch was sagen, Ter Spaß-Pilter hat das Fraumensch vernagelt, He her et cm Fcrkestall verneit. Bcivahrct das Feuer und das Licht, Daß dem Spaß-Pitter kein Unglück gcschicht. In dem vorliegenden Falle hatte sich der„Spaß Pitter" mit der Frau seines Nachbarn im Schiveincstall vergangen. Eine andere Strophe lautet: Ter N. N. hat seine Frau geschlagen, Das wollen wir dem Richter klagen. Der Richter dacht' in seinem Sinn: In der Frau, da steckt der Teufel drin. Eine Mittheilung aus den sechziger Jahren erzähl: über die Art und Weise des Ticrjagens im Amt Stein- hach, nachdem der Höllenlärm geschildert ist, weiter Fol- gendes:„Nachdem sich der Lärm gelegt, wurden dic erschreckten und bestürzten Ucbellhäter aufgefordert, her- aus zu kommen; wurde keine Folge geleistet, so sing wo» an, Schlagladen und Thüren, Fenster und Wände ein- zuschlagen. Mttels Rauch und Getvalt wurden sie au» dem Haus gewieben und nun gejagt, gestoßen und gc' schleift, bis man sie in einer Mistjauche oder in eine»» Weiher hatte; es ging aber nicht um's Leben." Am iveitesten entwickelt ist dieselbe Art der Volksjustiz in dem allaemciu bekannten„Haberfcldweiben Lberbanerns, mit dem es viele gemeinsame Züge aut weist. Das Thierjagen ist aber viel weiter verbreitet; s» ist beispielsweise auch in der Eiset bekannt. Wenn d»' Habcrer ihren Brauch auf Karl den Großen zurückführe»' so läßt sich dieses Volksgericht bis in's K. und 7. Jahr- Hundert zurück verfolgen. Aus jener Zeit sind Bußordnunge' erhalten, die wiederholt eindringlich gegen einen Brauc» eisern, bei dem man sich in Thierfelle hüllte und TM' Häupter aufsetzte. Aus dem l3. Jahrhundert stammt cl" Nachricht von einem ähnlichen Brauch. Beim Tlii.rjagr am Nicderrhein ivurdcn noch in unscrercr Zeit dic Stimuff' verschiedener Thicre nachgeahmt. Damit scheint die kkärung des Namens gegeben. Tu Brauch scheint elb mals unter allen deutschen Volksstämnicn im Schwab' gewesen zu sein, lind Shakespeare hat in seinen„Lu»l' Weibern von Windsor" das Thierj.'gen auf die B»»' gebracht.— iinlifliiöilfdif für Jriif MI!W mit IichMsverzeichniß liefert(auch für frühere Jahrgänge) zum Preise ru"- Mark R.— WuchHandtung VsvivAvt.' Berlin LW, Beulhstrasic£. Nachdruck des Inhalts Verbote«! Beramroorttldier Redallenr: O«cor»ÜHI In«harleilenbura.— Verlag: Hamburger Bnchdru�erel»n>> ver!aa»anslall Hun fc C«. In Hamburg.— tmuT: Mar vaMng ln Berlin.