Dilettanten des Lebens. tForlfetzung.) ch Du— Richard!" Susannens Gesicht yj klärte sich auf, sie streckte dem Bruder die Arme entgegen. Lachend setzte er sich auf den Rand des Ruhe- �ttes und küßte ihre beiden Hände.„Nun, wie Keht's, Susi, wieder. sehr angegriffen? O!" Sie sah ihm zärtlich in's Gesicht und streichelte ihm die Wange. Man hätte ihrem harten, spröden �rgau kaum die Modulation zugetraut:„Ist es °uch recht, daß Du bei solchem Nordost ausgehst? Tu Leichtfuß! Wenn Du Dir nun wieder Deinen Hchteu holst!" Sie gab ihni einen leichten Klaps. „Ach was!" Er haschte nach ihrer Hand.„Nur Kicht am Gängelbande führen wie ein kleines Kind! Was wollt Ihr?" Er reckte sich.„Ich bin ja jetzt kerngesund!" „Warum warst Du denn gestern nicht bei Veltens? Ich dachte, Du scheutest das Tanzen." „I bewahre!" „Dann war es recht ungezogen von Dir, weg- Zubleiben— und unklug," setzte sie bedeutungsvoll H'UZU.„Irene Reichenbach war da und umschwärmt !?ie keine. Du weißt, daß Du Chancen hast. Tas Madchen ist reizend und so bescheiden für die Millionen! Die Neichenbachs sind in der zweiten »der dritten Generation getauft, der Vater ist hoch- Zugesehen; warum fackelst Du eigentlich?" „Ich mag nicht," sagte er verdrossen. „Aber Richard!" Sic wurde roth vor Schreck. -.Was fiir Launen! Anfang Winters machtest Du % sehr die Cour— und nun auf einmal keine �usr?! Ich lvar schon so froh, ich sah Dich in �danken angenehm situirt, eine hübsche, reiche Frau, Tu kannst ganz Deinen Liebhabereien leben! Die Selchenbach betet Dich an, und der Alte würde Dich Kern als Schwiegersohn nehmen. Lieber Gott"— streichelte ihm ivieder die Wange und sah ihn mit Genngthnung an—„ich bin ja auch stolz auf T'ch! So viel Talente wie Du hast! Richard, 'ch werde Dich nächstens mit Irene Reichenbach zu- miiinien einladen, ganz allein, da hast Du die beste Gelegenheit, das Versäumte nachzuholen." „Thu' das nicht, ich mag sie nicht." Er sah >'»ster vor sich hin und kaute an seinem Schnurrbart. „Was fällt Dir ein?" Sie richtete sich in vollem . utsetzcn ans und schlug die bebenden Hände zu- Aminen.„Jetzt, nachdem ich die Sache so schon emgeleitet habe und so viel dafür gethan?! Du bist � schrecklicher Mensch, von einem kindischen Eigen- '"">! Sei doch nicht so thöricht, Du lebst und lebst !" den Tag hinein und zehrst von Deinem mütterlichen Erbtheil „Das ist bald alle," lachte er. „Was dann?" Fieberisches Roth der Erregung Roman von Clara Vicbig. trat ihr auf die Wangen.„Du weißt garnicht, was zum Leben gehört! Erst haben die Eltern für Dich gesorgt, und seit Deinen! neunzehnten Jahre, seitdem wir sie verloren haben, sorge ich für Dich." Tbränen kamen ihr in die Stimme.„Ich habe, weiß Gott, Alles aus größter Liebe gethan, Keiner wacht ängstlicher und eifersüchtiger über Dein Genie, aber— aber—" „Sei nur nicht so! Susi! Ja, Du bist sehr gut, ich bin Dir auch sehr dankbar!" Er küßte sie. „Aber sieh' mal, ich will mich doch nicht ewig be- Vormunden lassen, ich will doch nun auch einmal thun, wie ich will." Sie sah ihn mit erstannt aufgerissenen Augen an.„Wenn man sich sein ganzes Leben lang hat leiten lassen und immer unselbstständig war— und nun ans einmal— 1" Ungeduldig sprang er auf.„Dann hat man's eben einmal satt! Ich mag nicht, ich will nicht immer Euer Spielzeug sein, die Marionette, die Du hin und her schiebst, wie's Dir beliebt. Ich danke! Ich nehme die Reichenbach nicht, ich mache, was ich will— und nun laß mich in Ruh'!" Mit erregten Schritten ging er auf und nieder. „Richard, nicht so laut! Richard, meine Nerven!" „Ah so, entschuldige! Ich habe auch Nerven," sagte er gezwungen ruhig und setzte sich wieder hin; aber auf einen Stuhl, nicht auf das Ruhebett. „Du hast Dich wohl anderweitig engagirt?" Die Schwester stützte sich auf den Ellenbogen und sah den Bruder mit halb zugekniffeneu Augen forschend an.„Richard, Richard, hast Du Dich wieder ver- plempert? Es ist schrecklich!" Sie zog ihr Taschen- stich und fing an nervös zu weinen. Er rührte sich nicht, er saß da wie angenagelt. Minuten vergingen. Endlich murmelte er:„Ich liebe sie nicht. Ich will nur aus Liebe Heirathen." Sie lachte auf, mitten in ihren Thräuen; es war ein recht greller Klang in dem Lache».„Liebe—?! Nieiii Schatz, Karl und ich haben uns auch ans Liebe geheirathet! So was giebt sich in der Ehe, die ewigen Emotionen halten nicht vor. Du bist wie ein Kind, Richard— Liebe?!" Sie zuckte die Achseln und knänlte ihr Taschentuch zusammen. „Natürlich, wir haben uns ja lieb, Karl und ich — selbstverständlich— aber wie Du Dir sie denkst, so ist die Ehe nicht. Kllnstlerlaunen! Unpraktische Genicgedauken! Die Hauptsache ist, daß man nachher sein gutes Auskommen hat und sich den erwünschten Komfort gewähren kann. Denke mal, was hast Du, wenn Du eine Frau noch so liebst und sie nachher nicht ernähren kannst?! Und dann kommen Kinder und alle möglichen Unannehmlichkeiten! Daß es Dir so gehen sollte, das niacht niich schaudern." Er war bleich geworden und senkte den Kopf auf die Brust. Jetzt hob er ihn aber wieder zu- vcrsichtlich.„Ich werde arbeiten. Mein Buch muß doch endlich fertig werden— und— und dann habe ich schon viele Skizzen verkauft, wenn ich fleißig bin, male ich im Jahre mehrere Oelgemälde. Klavierstunden ä eine Mark brauche ich darum noch nicht zu geben!" Er lachte kurz und nervös und fuhr sich über die Stirn. „Du bist ein Narr," rief sie ärgerlich und schnellte hastig die Füße vom Ruhebett.„Hoffentlich machst Du keine Dummheiten!—— Ah, Karl, bitte, mache die Thür zu. Entweder hinein oder hinaus, Dein Stehen so auf dem Sprung, zwischen Thür und Angel, ist mir schrecklich. Ich bin ganz krank!" „Ja, Du scheinst heute sehr nervös zu sein!" Doktor Alleustein blieb ruhig auf der Schwelle stehen. „Karl!" sagte sie scharf. „Ah— entschuldige, mein Engel." Er schloß geräuschvoll die Thür und kam näher.„Ich habe nicht lange Zeit. Morgen, guten Morgen, vielmehr Mittag, lieber Schwager! Wie geht's? Audienz gehabt?" Er lachte jovial, daß sich seine kräftige Gestalt schüttelte, und klopfte dann dem Anderen, den er bedeutend überragte, auf die Schulter.„Du läßt Dich ja garnicht mehr bei uns sehen? So sehr selten! Beleidigt irgend was bei uns Dein Kiiustlerauge? Ich etwa gar?" Er reckte sich und strich sich wohlgefällig den wundervollen blonden Bart. „O nein," Bredenhofcr sah vor sich nieder— „ich bin eben beschäftigt, habe meine Gedanken und — und— Abends seid Ihr ja nie zu Hause," setzte er rasch hinzu, wie froh, eine Ausrede ge- fundeu zu haben. „Natürlich— geh', alter Junge!" Allenstein schlug ihm auf die Schulter und blinzelte mit den großen, auffallend blauen Augen.„Als wenn Du Abends nicht auch was vorhättest! Mach' mich nicht dumm! lind am Tage— was?— da brütest Du wohl über ungelegten Eiern?" Er lachte so herz- lich, daß ihm das Wasser in die Augen trat. „Ich bitte Dich, Karl— diese unzeitige Fröh- lichkeit! Richard hat eben mit sich zu thun," sagte Susanne sehr gereizt.„Du hast gar kein Ver- ständniß dafür. Wenn man so talentirt ist—" „Talent hin, Talent her!" Der Doktor trat an das Ruhebett und kniff seine Frau in die Wangen. „Sei man nicht so aigrirt, alte Lotte! Ich trete doch, weiß Gott, Deinem Herzensbruder nicht zu nah'! Weil er so'n famoser Kerl ist und ich ihn riesig gern mag, möchte ich ihn mehr hier haben. Aber der"— er drückte pfiffig die Augen zusammen und that geheimnißvoll—„der ist jetzt sehr in An- spruch genommen." 42 „Wieso?" Ans des jungen MmincS Wangen zirkelten sich zwei rothe Flecken ab.„Daß ich nicht wüßte!" „Na, thn' man nicht so nnschnldig!" Allenstein inilftte die Sache außerordentlich komisch finden: er musterte bald seinen Schwager, bald seine Fran. „Wer war denn das niedliche Mädchen, mit dem ich Dich neulich gegen Abend in der Kurfürsten- ftraße sah? Ihr standet unter der Laterne und konntet Euch garnicht trennen.' Ich fuhr oorbei und hielt am Nebenhans; bei Hauptmann Knrtz haben die Kinder Ohrenkatarrh infolge von Scharlach. Was Gewöhnliches war's nicht; entschieden eine Dame!" Susanne horchte auf.„Wer war das, Richard?" „O— o— eilte Bekannte— sehr nettes Mäd- che»— über jeden Zweifel erhaben— ich begreife Dich nicht, Karl!" Ein wiithender Seitenblick Bredcnhofer's streifte den Indiskreten. „Na, na!" In diesem ,Na, na' lag eine ganze Welt v?n Zweifel. Ter jnn ,e Mmtn brauste auf.„Ich verbitte mir jede Bemerknag! Fräulein Langen ist ein ganz reizendes Mädchen, ein vorzügliches Mädchen; ein starkes geistiges Band verbindet uns. Das; Du Immer gleich solche— solche Ideen haben mußt, Karl!" Der Schwager antivortcte nicht, sondern pfiff durch die Zähne und gab dann seiner Fran einen Kuß.„?ldien, alte Lotte, ärgere Dich nicht, laß ihn nur! Sei so gut, bestelle mir zu Mittag etwas recht Leichtes, vielleicht Spargel mit Backhnhn. Heute Abend bei Rienows giebt es entschieden Günselebcr- pafiete und anderes Getrüffeltes; ich muß mich schonen. Adieu, Schätzchen," er küßte sie schnalzend -auf jede Wange.„Adieu, Schwager, viel Ver- gnügen— aber nicht verplempern!" Er chrohte .lachend mit dem Finger und verließ das Zimmer. „Daß Karl immer so guter Laune ist," seufzte Fran Snsanne.„Er hat eben keine Nerven. Richard"— sie rückte sich zurecht und nahm die Miene an, als wolle sie einen Schuljungen ab- strafen—„daher also Dein Widerwille gegen eine Heirath?! Wer ist das Btädchen, was hast Du mit ihr vor?" fragte sie streng. Das Blut schoß ihm zu Kopf:„Ich liebe sie," sagte er trotzig, und dann noch einmal, weich:„Ich .liebe sie!" „Haha, hahaha!" Ihr Lachen hatte entschieden Ätvas Verletzendes; gleich darauf nahm sie eine gekränkte Miene an.„Es schmerzt mich tief, Richard, daß Du so wenig Vertrauen zu mir hast. Ich bemühe mich für Dich und mache Alles für Dich znrecht, und Du findest es nicht einmal der Mühe werth, mir ein Wort zu sagen? Wer ist sie, was ist sie, ist sie gut sitnirt?" Er sah vor sich nieder.„Sie ist Sängerin," sagte er leise,„eine angehende, junge Künstlerin, aus guter Familie, die Mutter ist Wittwe. Ver- mögen hat sie nicht." „lind Tu tvillst sie Heirathen?" „Ich will sie heirathcn." „Bist Du von Sinnen, ganz verrückt?" Sie sprang ans und faßte ihn bei beiden Schultern. Sie rüttelte ihn.„Richard— Heirathen?! Auf was?" „Tu bist sehr klug," sagte er langsam und schob ihre Hände von seinen Schultern.„Ich habe mir auch Alles gesagt. Aber ich heirathe sie doch. Ich kann nicht leben ohne sie, sie ist reizend, entzückend" — ein schwärmerischer Ausdruck verklärte sein Ge- ficht—„sie ist die Pcesie selbst. Laß nur"— er fuhr sich über die Stirn—„es wird schon wie werden!" „Du Unglücksmensch— Richard!" Frau Susanne brach in krampfhaftes Schluchzen aus und warf sich ans die Chaiselongne.„Was wird Onkel Hermann ' tagen? lind Tante Haintchen! Um Gotieswillen, uni Gottcstvillen, Du verscherzt Dir Onkels ganzes Wohlwollen! Er war so sehr für die Neichenbach, und Tu weißt, wenn er sich auf etwas kaprizirt hat— ach, Richard, dieser Kummer!" Ter junge Mann verzog finster die Stirn. „Es thut mir leid, furchtbar leid, um ihn, um Dich, um— ja, um mich am Ende auch. Es wäre besser, Lena und ich brauchten nicht mit pekuniären Schwierigkeiten zu kämpfen; aber"— er seufzte— „es ist doch nun eitttttal nicht anders! Susi," erdrückte sich neben die Schwester auf die Chaiselongne mtd ergriff deren Hände—„Susi, gute Schwester, Tu kannst viel beim Onkel durchsetzen, er hört auf Dich, leg' ein gutes Wort für mich ein! Er wird mich doch deswegen nicht enterben? Ha"— er lachte plötzlich auf und hielt dann inne, erschrocken über das eigene Lachen—„wegen solcher Lappalie! Nein— Unsinn!" „Sei nicht zu sicher! Onkel Hermann hat einen eisernen Kopf, und in den hat er sich nun einmal die Reichenbach gesetzt. Er hat schon so viel für Dich gethan— Kunstreisen, der Aufenthalt im Süden— er will Dich nun auch nach seiner Fagott selig machen. Er hat ein Recht dazu." „Recht— Recht!?" grollte er.„Er dünkt sich unfehlbar, wie der Papst. Weil ich Wohlthaten von ihm empfing, soll ich zum Dank mein ganzes Lebensglück opfern?! Nein, nein! Ich pfeife auf seine Erbschaft, mag er sie behalten. Ich gehe." Er sprang auf, rückte sich den Rock zurecht und näherte sich der Stubenthür. Dort hielt er noch einmal inne und sah zurück. Da lag seine Schwester auf dem Ruhebett, hielt die Hände vor's Gesicht gedrückt und schluchzte, daß ihr Körper bebte.„Und nicht einmal so viel Ver- tränen zu uns— kein Wort— Alles hinter dem Rücken!" Es überkam ihn wie Reue. Schon war er bei ihr und versuchte ihr die Hände vom Gesicht zu ziehen. „Laß mich— laß mich— Du hast kein Ver- trauen!" „Hätte ich Euch eher etwas gesagt, Ihr hättet mir längst abgeredet, und wer weiß"— mit einem betroffenen Ausdruck starrte er vor sich hin—„ich hätte mir abreden lassen. Ich habe mich gefürchtet. Jetzt ist der Würfel gefallen." „So hast Du schon mit ihr gesprochen?" Sie lockerte die Hände ein wenig und lauerte hinter ihnen nach dem Bruder. „Nein, noch nicht!" „Ah!" Susanne ließ die Hände vollends sinken, ein Hoffnungsstrahl glitt über ihr Gesicht. „Aber sie liebt mich, liebt mich grenzenlos, ich bin meiner Sache sicher." „Und wenn sie erfährt: Du hast nichts?!" Ein spöttisches Lächeln kräuselte die Lippen der Frau. „Sie wird mich lieben," sagte er einfach.„Wir werden uns lieben bis in alle Ewigkeit!" Die Worte waren verklungen. Sie schwiegen. An den Fenstern rüttelte der Winterwind, im Kamin ktiisterten die verglühenden Zweige; es roch nach lauter Poesie. „Susi," bat er endlich leise,„tvillst Du sie Dir nicht wenigstens einmal ansehen? Sie singt heute Abend im Konzert, das von ihrem Professor ver- anstaltet ist; komm mit mir, sieh sie! Du wirst, Tu kannst ihr nicht widerstehen! Und sie singt—!" „Ich werde sie mir ansehen," sagte sie hart. VI. Vor der Philharmonie hielten viele Equipagen. Das Konzert des berühmten Mannes war gut be- sucht; er hatte Gönner und Frennde, und wer ihm nicht wohlwollte, der zeigte es nicht. Professor Dämel führte seine auserlesenen Schüler dem Publikum vor, nebenbei hatte ein hervorragender Violinvirtuose seine Mitwirkung zugesagt. Es war häßliches Wetter. Ter Nordost war umgesprungen, Feuchtigkeit in der Luft; Regen und Schnee gingen vermischt nieder. Richard Breden- hofer hüstelte, als er mit seiner Schwester int Stronte der Menschen dahinschob. Ringsumher nichts wie Abendinäntel und Kapuzen, männliche Wesen waren weniger vertreten; Professor Dämel.machte mehr in Weiblichkeit'. Der große Saal, von den elektrischen Kugeln tageshcll erleuchtet, sah unheimlich kritisch und an- spruchsvoll aus. Hier war schon mancher Ton erklungen und hatte sich in den vielen Logen und Winkeln verfangen und war verflattert, ohne Nachhall und Nnhm. Es war kein glücklicher Gedanke, sür ein Vokalkonzert diesen Ranm zu wählen; aber Professor mußte das doch besser wissen, er war ja cm berühmter Mann. Richard Bredenhofer war von einer fieberhaften Unruhe, das Programm in seinen Händen knistertß und knitterte; in einem fort blätterte er die ersten beiden Seiten um und blätterte sie wieder zurück. Da stand es:.Fräulein Magdalene Langen- nnd hier:.Schumann'sche Lieder-. Alles Andere inter- essirte ihn nicht. Verstohlen sah er die Schwester an. Sie saß da wie ein Bild ans Stein, im hocheleganten Seiden- kleid, kerzengerade; sie ging nachher noch in Gesell- schaft zu Rienows, es war eine besondere Liebens- Würdigkeit von ihr, hier zu sein. Er sah sich um; waren denn alle Gesichter so steinern, kein einziges warm nnd entgegenkommend? Es legte sich ihm bekletitmend auf's Herz, wie eine abkühlende Touche kam es ihm auf den Kopf. Da — ganz vorn in der ersten Reihe— das strahlend heitere, jiinglingsfrische Gesicht Doktor Rettler's! Wie eine Erlösung wirkte sein Anblick auf den Ver- zagten, er klammerte sich mit den Blicken an diesem Gesicht fest. Und nun, nun ging's los! „Sitz' ruhig," sagte Fran Doktor Allenstein.„Dein Hin- und Herrntschen macht mich nervös." Es war das Einzige, was sie bis jetzt geäußert hatte; ans dem Herweg sttttntn, seit dem Hiersein stumm. Bredenhofer hörte nicht zu. Was er dachte, er wußte es selbst nicht. Leere Klänge klangen vom Podium, in seiner Seele fand kein Ton eine» Widerhall. Wie fernes Brausen umrauschte ihn das Klatschen des Publikums— der hervorragende Geiger hatte gespielt; wie ein schwarzer Strich stand er oben auf dem Podium, dienerte und schwenkte den Bogen. Was wollte der Mann da? Richard's Gedanke» wanderten fort aus dem hellen Saal, fort von de» klatschenden Menschen— in dem kleinen Künstler- zimmer stand sie wohl jetzt, den Kopf gesenkt, horchte nach dem Bcisallsbrattsen und wartete ans ihre Nummer. Ob sie Angst hatte? Er hatte Angst. Er konnte nicht still sitzen, er reckte sich nnd stre ite den Hals. Der hervorragende Geiger war fort: jetzt kam der berühmte Mann die Stufen von dein Seitenthürchen herunter, mit Würde führte er die Sängerin in rosa Seide vor. Fräulein Krotoschinska stand auf dem Zettel. Ein leises Raunen, ein flüchtiges Surren ging durch den Saal— ah, eine blendende Erscheinung! Fräulein Krotoschinska trat keck bis vorn an die Rampe, das elektrische Licht zeigte ihren tief entblößten weißen Hals noch weißer— jetzt öffnete sie den Rhtnd, ihre mächtige Stimme fiillte de» Saal und drang bis in den fernsten Winkel. Ein Beifall sondergleichen! Immer wieder mußte sie sich verneigen. Sie lächelte, sie hatte schon die richttge Art, sich mit dein Publikntn in Einverständniß zu setzen; ihre großen Augen blitzten die Reihen ab, ein Jeder glaubte einen besonderen Dank erhalten zu haben.„Famos— ausgezeichnet— herrlich," murmelte man.„Bravo, bravo!" Und der gefUrchtetc Kritiker Plappert machte folgende Bemerkung in sei» Taschenbuch:„Neuer Stern am Himmel der Kunst, junonische Erscheinung, höchst bcachtenstvertheLeistmtg, von Bühnen beizeiten mit Beschlag z» belegen." Professor Dämel strahlte. „Sie werden einen schweren Stand haben," sagte er zu Lena, als er sie die Stufe» hinabführte. Ihre Hand zitterte und war eiskalt; zu Hanse hatte sie so guten Mnth gehabt, sich gefreut, nun war ihr doch bange. Wie hülfesuchend ließ sie ihren Blick durch den Saal schweifen— sie sah nichts, Alles erschien ihr ein unentwirrbares Chaos. Dünn, kam» hörbar klangen ihr die Akkorde der Begleitung, sie holte Athem, zwei-, dreimal. „Sie ist es— da!" hatte Richard Bredenhofer geflüstert und seine Schwester angestoßen; sein Herz klopfte krampfhaft. i Frau Doktor Allenstein verzog keine Miene, sie nickte nur mit dem Kopf. Die kleinen Schumann'schen Lieder klangen recht simpel nach der rauschenden Opernarie der Vorgängerin- So garnichts Brillantes! Die Töne kamen und Me Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 43 gingen, ganz melodisch, aber unbedeutend wie heimisches Vogelgezwitscher! sie machten keinen Eindruck. Ter Ve'fall war karg! ein freundlich herablassendes, kurzes Klatschen, und dann war's ans. Brcdenhofer klappte wie wüthend die Hände zu- samme», er wollte den Beifall erzwingen. Es gelang ihm nicht. „Atach' Dich nicht lächerlich," sagte seine Schwester halblaut. Ter Schweiß brach ihm ans, er fühlte eine entsetzliche Enttäuschung und zugleich eine wilde In- dignation über das Publikum. Warum klatschten sie nicht, warum machten sie der jungen Sängerin nicht Binth? Er sah ihr Gesicht in blasser Lieblichkeit, er sah die schlanke, weiße Gestalt sich verbeugen, sich ab- wenden und gehen. Vor seinen Augen schwamm Alles, das Blut hämmerte ihm in den Schläfen, unwirsch zwirbelte er den Schnurrbart— warum sang sie nicht besser? Tie Leute hatten wirklich Recht, großer Beifall war hier nicht am Platz. „Mäßig, sehr mäßig! ich hätte Dir mehr Ge- schmack zugetraut. Ich muß gestehen, ich bin einiger- maßen erstaunt iiber Dich!" Es war die erste zu- samiueuhäugeude Rede, die Frau Susanne heute Abeud »on sich gab. Ihre Worte trafen ihn wie Nadelstiche! und doch hatte sie nicht Unrecht, er fühlte sich beschämt, rruiichtert, unglücklich. Wo war Lena's Poesie ge- blieben, ihre süße, unbeschreibliche Anmuth, der Funke, der ihren Gesang durchwärmte und ihn zur Seele sprechen ließ?! „Tic kleine Stimme verflattert im weiten Raum," schrieb Plappert in sein Notizbuch,„unglückliche Wahl — gute Schule mag gerühmt werden." _ Das Ztonzert nahm seinen Fortgang. Die ganze We wurde abgeleiert— Schüler und Schülerinnen � der hervorragende Virtuose spielte„Ungarische Tänze"— dir capo-Rlif— die Krotoschinska legte "och einmal los und erntete rasenden Beifall. Vredenhoser folgte dein Programm nicht mehr, er saß, die Stirn in die Hand gestützt, und traute sich uicht, seine Schwester anzusehen. „Ach Gott, kommt sie noch einmal?" hörte er hinter sich sagen. Er fuhr auf, bekannte, geliebte Klänge schlugen sein Ohr. „Taß Du so krank geworden, Wer hat es denn gemacht?" ,Wcr machte Dich so-krank?' von Schumann. ss'r hatte sie's noch nie singen hören. Sie stand, schlicht und rein im weißen Kleid, die Hände zusammengefaltet, den Kopf etwas hinten- iiber gebogen. Kein Räuspern im Saal, kein Scharren, kein Prograniniknittern. War sie sicherer geworden, oder war es nur sinne große Spmpathie für dieses Lied, die ihn über die Mängel hinwegtäuschte? „Daß ich trag' Todeswunden, Das ist der Menschen Thun; Natur lies! mich gesunden, Sic lassen mich nicht ruh'n!" . Tie Thränen schössen ihm in die Augen, er ichluckte krampfhaft und senkte den Kopf auf die Vrnst. Unbeschreiblich rührend klang der Gesang, er wagte keinen Athemzug! wie eine sanfte Klage derhnllten die Schlußworte, nichts von Bitterkeit »nd Vorwurf darin— sie verstand das Lied»och "icht ganz. „O Lena, Lena, ich habe Dir Unrecht gcthan, ich glaube an Deine Künstlerschaft! ich liebe Dich, ich liebe Dich!" Er hätte aufspringen mögen, eine beseligende iinnihe packte ihn. Nun sang sie das Gegenstück. Ter Bteistcr hat darüber geschrieben:.Dieselbe Weise, noch leiser'. „Tie Tage sind vergangen, Mich heilt kein Kraut der Flur: Und ans dem Traum, dem bangen, Weckt mich ein Engel nur." Er weinte heiße Thränen im Ueberschwang des Gefühls; so hatte er nicht mehr geweint seit seiner Knabenzeit. Frau Allenste'n rückte hin und her, sie hatte das Publikum gemustert, nun tippte sie den Bruder anf''s Knie:„Tu bist krank, Richard, übertrieben nervös; sprich mit dem Arzt!"— Aus. Stiihlcriickcn und Rappeln, in Hast Drängt man zu den Ausgangsthüren. Richard und seine Schwester waren eingekeilt in der Menge! jetzt ein Dnrchschlupf. „ Nun—?!" Er sah sie fragend, bang, erwartnngs- voll an. Sic zuckte die Achseln.„Ganz nett, aber" „Was.aber'," drängte er. Sie schob ihren Arm in den seinen.„Lieber Richard, es kann sein, daß etwas ans ihr wird, ebenso gut aber, daß nichts aus ihr wird. Wie es auch sei, solche Frauen heirathet man nicht. Ist doch keine Partie! Sei mein guter, kluger Bruder! Richard!" Er machte seinen Arm frei.„Und wenn auch nichts ans ihr ivürde, ihre Seele ist da, ihr eignes Ich. Ich heirathe sie." Das Blut stieg ihm zu Kopf.„Du solltest Dich schämen, so berechnend zu reden; Du, eine Frau!" Ihr Gesicht verzog sich und wechselte die Farbe. „Wir werden Alle gegen diese Heirath sein, morgen schreibe ich sofort an Onkel Hermann; er soll Dir den Kopf waschen!" „Thu's!" sagte er trotzig und warf ihr den Mantel iiber. „Adieu!" Er bot ihr keine Hand, eisig war seine Miene. Im Künstlerzimmer stand die Krotoschinska; sie hatte ein herrliches Bongnet in ihren Händen und drehte es wirbelnd hin und her. Vor ihr drehte und wandte sich ein Herr, stark jüdisch, mit blassem, weichlichem Gesicht und scharfen Augen. „Ausgezeichnet, mein Fräulein, großartig, wirklich großartig," sprach er leise und eifrig.„Sie sollte» sich die Sache überlegen, weisen Sie sie nicht leicht- fertig von der Hand!" „Was wollen Sie?" „Zwanzig Prozent, garnichts! Ich habe' Ver- bindungen mit den bedeutendsten Bühnen, die größten Künstler wenden sich vertrauensvoll an mich. Gestern erst Brief gehabt von der Sembrich und Scheide- mantel: auch Gastspiele besorge ich. Sie bekommen die glänzendsten Engagements durch mich." Ein abschätzender Blick überflog ihre üppige Gestalt; dann fuhr er, sich befriedigt die Hände reibend, fort: „Wie wä'r's mit Petersburg, Fräulein? Lieben Sie Brillanten? Kriegen massenhaft da. Liegen bei mir Kontrakte ans. Auch Hamburg, Hannover, Köln können Sie haben. Würde mehr sein für Petersburg, lohnt sich besser— bei der Figur!" Wieder musterte er sie eingehend. Sie vertieften sich in ein interessirtes Gespräch. Dicht neben der Thür stand Lena Langen. Ein brennendes Roth flog über ihr Gesicht, als sie sah, wie der Agent sich um die Krotoschinska mühte. Auch der Rezensent von:„Tageblatt" hatte diese vorhin mit Komplimenten überschüttet: der allgewaliige Plappert sie sogar um ihren Besuch gebeten, er wollte einige biographische Notizen bringen. Wer kümmerte sich um sie? Kein Neid beschlich sie, wohl aber das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit. Ihr fehlte eben das „bischen Glück", und wo das nicht war—! Sie seufzte»nd hing sich den bescheidenen Abendmantel um. Da kam der Professor. Unter den Falten des Abendmantels suchte er nach ihrer Hand und tät- schelte sie. „?!a, Kindchen, ganz schön, ganz schön!" Sie versuchte zu lächeln und seinem Blick stand- zuhalten! er sah sie so eigen an. „Habe ich denn gut gesungen?" fragte sie be- klommen. „Im Ansang etwas matt— hm, hm— aber das gab sich." Er bückte sich und suchte seine andere Hand ans ihr Herz zu legen.„Na, schlägt das Herz- che» noch so sehr?"(Foris-vung folgt.) O Galgenhumor und Harkasmus. Von Manfred Wittich. Ist) muß man des Todes Bitterkeit vertreiben!" sprach der König der Amalekiter, als Samuel ihn, den von Saul Verschonten, im Auftrage des jüdischen Stammgottes Jawch tödtete. Wir dürfen uns ivohl denken, daß diese Worte mit einem bitteren Lachen begleitet lvorden sind. Wer hätte nicht in seinem Leben einmal an sich oder Anderen die Erfahrung gemacht, daß man, wenn man am liebsten ans der Haut fahren und Alles zusammentreten möchte vor Aerger, Zorn oder Verdruß, oder gar in gänzlicher Verzweiflung, seiner Geniiithsspannnng dadurch Luft und Erleichterung verschafft, daß man in ein sarkastisches Lachen ans- bricht, lvie es Heine in folgenden Versen schildert: (Denn) wenn des Glückes hübsche Siebensachen II»S von des Schicksals Händen sind zerbrochen, lind so zu unsern Füßen hingeschmissen i lind wenn das Herz im Leibe ist zerrissen, Zerrissen, und zerschnitten, und zersiochc»,— Tann bleibt uns doch das schöne gelle Lachen. Das ist Galgenhumor! Bei einem solchen Lachen verziehen sich aber doch die Muskeln des Gesichts in unschöner Weise, daß es etwas Grinsendes erhält; man nennt dieses Lachen mit Grimm und krampfhaftem Btnskelverzerren: in- grimmig, krampshaft-bitter. Sardonisch nannte es der alte Homer, und braucht diese Wendung öfter. Ein Beispiel dafür: In Bettlergestalt, um unerkannt zu bleiben, kehrt der Held Odyssens, der König von Jthaka, ans dem Kriege vor Troja nach langer Irrfahrt heim und findet die Großen seines Inselreiches in voller Empörung. Sie wollen sein Weib Penelope bestimmen, Einem von ihnen Hand und Herrschaft zu geben, und schwelgen vom Königsgut, als wäre es schon ihr Eigen. Bei einem ihrer Gastmähler spielt Odyssens seine Bcttlerrolle und heischt als Gabe, was Jene ihm reichen mögen. Da wirft der Uebermiithigsten einer, Ktesippos, einen Kuhfuß nach ihm. Odyssens aber beugt sein Haupt zur Seite, den Wurf zu meiden, aber zugleich auch, um sein sardonisches Lächeln zu verbergen. Dieses Lachen kann die Auslösung des inneren Grimmes sein über die erniedrigende Behandlung, welche der Heerkönig Odyssens zur Zeit noch iiber sich ergchen lassen muß und will, aber auch im Voraus geäußerte grimmige Freude iiber die nahe Rache, ivelche er an den Feinden nehmen wird, wenn der Augenblick erscheint, wo er sein Inkognito brechen kann. Dieses herbe, bittere Lachen erklärten die Alten selbst so, daß es seinen Nanien habe von dem sar- dinischcn Kraut, einer dem Eppich ähnlichen, bitteren, giftigen Pflanze, deren Genuß krampfhafte Zustände, ja selbst den Tod unter einem heftigen, mit Zuckungen verbundenen Lachen hervorbringen sollte. Taß es eine solche Pflanze auf Sardinien nicht giebt, der oder die Verfasser des Heldenliedes vom Odyssens Sardinien garnicht gekannt haben, spricht nicht gegen diese Wortableitnng: es giebt genug Namen und Vorstellungen, denen eine Wirklichkeit nicht entspricht. Sarkastisch nennt man ein solches Lachen nach dem griechischen Wort sarlrazein, d. h. zerfleischen: der Lachende zerfleischt in der Vorstellung seinen Gegner, zukünftigen Sieg vorwegnehmend oder an den errungenen Sieg sich mit triumphirender Schaden- frende erinnernd. Bitterer Hohn, gerechtfertigte Freude über gelungene Rache spricht sich z. B. in den Worten aus, niit denen in Schiller's Teil der flüch- tige Banmgarten dem Tell erzählt: Ich hatte Holz gefällt im Walde, da kommt Mein Weib gelansen in der Angst des Todes: „Ter Burgvogt lieg' in meincin Haus, er Hab' Ihr anbefohlen, ihm ein Bad zu rüsten. Drauf Hab' er Ungebührliches von ihr Verlangt; sie sei entsprungen, mich zu suchen." Da lies ich frisch hinzu, so tvie ich war, Und mit der Axt Hab' ich ihm's Bad gesegnet. Der blutige Witz beruht auf dem grellen Gegensatz der That Baumgarten's, die er selbst mit dem Segen- spenden estie? Priester? vergleiche Dergleichen Ans- 44 >Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. briiche i»ld Ausdrücke eines rechten„Kriegs- und Siegshumors unserer Vorfahren"(Hildebrand) finden sich vielfach im deutschen Heldenlied, besonders häufig auch in der Sprache und Dichtung der Landsknechte. Wie Bannigarten sich mit dem segenspendenden Priester vergleicht, so auch die Landsknechte, die ihren Beruf geradezu einen Orden nennen, der freilich wenig mit freiwilligem Fasten und Beten zu thnn habe, aber doch seine Prozessionen mit den langen Spießen abhalte und mit Spieß und Hellebarde antrete zum Slapitcl, zur Berathnng, wenn's gilt, den Feind anzugreifen. Da geben sie, wie der Priester, manch' Einem„die letzte Oelnng" oder „legen ihn hin", wie's in der Landsknechtssprache heißt. Btit diesem wilden Humor schont der Lands- knecht auch seiner selbst nicht. Bittere Selbstvcrspottnng athmet das Lied vom armen Schwartenhals, einem gänzlich mittellosen Landsknecht, der im Wirthshans als armer Schächcr gar gering geachtet und übel bewirthet wird. Anfangs, als man ihm die Leere seines Beutels noch nicht ansah, ging die Sache noch gut. Das Lied sagt: Man setzt mich oben an den Tisch, Als(ob) ich ein Kaufmann wäre, Und b.i es an ein Zahlen ging, Mein Säckel stund mir leere. Da ich zu Nachts wollt schlafen gchn, Man ivics mich in die Scheuer, Da war mir armen Schwartenhals Mein Lachen viel zu theuer. Und da ich in die Scheuer kam, Da Hub ich an zn nisten, Da stachen mich die Hagendorn, Dazu die rauhen Disteln. Da ich zu Morgens früh aufstund, Der Reif lag ans dem Dache, Da mnstt ich arnicr Schwartenhals Mcins Unglücks selber lachen. Ein gleicher Galgenhumor waltet in dem Stoß- gebet eines herinitergekommenen Landsknechts an die Jungfrau Maria: Unser liebe Franc Vom kalten Brunnen, Vescheer' uns armen Landsknechten Ein' warme Sunncn, Daß wir nit erfrieren! Wohl in des Wirthes Hans Tragen wir ein' vollen Säckel, lli;b ein' leeren wieder ans. Vom„gartenden"(bettelnd und raubend sich herum- treibenden) Landsknecht bis zum Galgen, dem„drei- beinigen Thier", ivic ihn die Soldaten- und Gauner- spräche nennt, ist's mcht allzu weit. Ten schönsten Blick auf manche Stadt hat man an vielen Orten heute noch von einer Anhöhe mit dem Namen Galgenberg. Aber die Sache ist sehr klar: wo man von oben am weitesten hinabsehen kann, dahin kann man auch im weitesten Umkreis von unten hinanfsehen! Und da wirkt ein solches Gebäude auf alle Die, welche es angeht, als nachdrückliches Warnnngszeichen. Wenigstens war das die Absicht. Ein allzeit wohlbesetzter Galgen'" war der Stolz einer mittelalterlichen Stadt; der zureisende Fremde konnte daraus entnehmen, daß hier für gute, wenig- stens strenge Justiz gesorgt sei. Viaii kennt die galgenhnmoristische Anekdote, die heute in vielfach verschiedener Fassung umgeht, von jenem Hinrichtungskandidaten, der seine todtbetrübten Angehörigen am Tage vor der Exekution zu trösten und zn zerstreuen sucht durch die freundliche Ein- ladung:„Na, Ihr kommt doch morgen auch ein bischen mit'naus!" Da der HinrichtungStag ein Montag war, machte er die Bemerkung:„Zum Teufel! Die Woche fängt gut an!" Bei der Fahrt zur Richtstätte erhob sich Sturm und Regen, und der Todeskandidat hägte sich, und mit einer gewissen Schadenfreude sagte er zn seinem Begleiter, dem Nachrichter:„Aetsch, ich brauch' nicht wieder heim zn fahren bei dem Sauwetter!" Den Geist- * Sieben machen einen Galgen voll! sagt das Sprüch- wort; doch gab es auch solche für weniger Personen bis zu einer herab. Die nannte man je nach der Zahl der Galgenvögel, welche an ihnen Platz fände»! zweischläfrige, dreischläfrigc usw. Galgen, als wären es Betten, in denen sich sanft ruhen ließe. Auch ein Stück Galgenhumor! Die böse, llnglück bedeutende 7 ist die Galgenzahl. liche», der ihn tröstend ans den ewigen Richter und dessen Gnade verwi s, unterbrach er mit den Worten: „Lassen Sie es gut sein, ich rede demnächst selber mit Ihrem Meister!" Das war schon in alter Zeit unter losem Volk ganz gang und gäbe, ist aber auch in die Sprache der honetten Leute übergegangen. Von den zahl- reichen humoristisch- sarkastischen Wendungen, welche Hängen und Gehängtwerden bezeichnen, nur eine kleine Blumenlese: Von einem Gehängten sagte man: Er muß fliegen lernen: den Ast bauen; den dürren Banm reiten; die Luft über und unter sich zusammenschlagen lassen; auf hänfenem Pferd zum Himmel reiten; am Hanf sterben; eine Hanfsnppe essen; am grünen Banm im Hanf ersaufen; an einer hänfenen Holz- birne erwürgen; mit hänfenem Kragen geziert werden; ein hänfenes Halsband bekommen; seine letzte Kra- vatte kriegen; in ein hänfenes Schnupftuch niesen; durch ein hänfenes Fenster fahren. Weiter heißt es von den Delinquenten: er erfährt eine Standeserhöhung; er wird zu einer hänfenen Bratwurst zu Gaste gebeten; er muß Seilers Tochter fteien, mit Jungfer Strick(oder Jungfer Hänfin) Hochzeit halten, mit ihr einen lustigen Sprung von der Leiter thnn; er muß mit den vier Winden zu Tanze gehen; er wird zum Lnfttrocknen aufgehängt; er wird zum Feldbischof erhöht und giebt den vor- beigehenden Leuten msi den Füßen den Segen. Das unheimliche Strafgeräth des Galgens gab auch Anlaß zur Bildung eines reichen Schimpfwörter- lerikons für solche Menschen, denen man ein luftiges Begräbnis; anwünschte. Galgenbraten, nach dem Muster von Teufelsbraten gebildet, nennt man Einen, der sozusagen ein gefundenes Fressen für den Galgen ist, der, als menschenfressendes Wesen gedacht, förmlich nach ihm schnappt. Dieselbe Belebung und Verpersönlichnug des Galgens liegt zu Grunde, wenn der Inst in Lessing's„Minna von Barnhelm" zn Franziska sagt: „Fritz kann dem Galgen tausend Schritte vorgeben, und ich Ivette mein Leben, er holt ihn ein." Galgenschwengel nannte man ferner einen für den Galgen reifen Bösewicht, der an dem hoch- uothpeinlichen Instrument hin- und herbanmeln sollte, wie der Schwengel in einer schwingenden Glocke. Man sagte auch: als guter Klöppel die Feldglocke schlagen. Feldglocke nannte man den Galgen sammt Schwengel, oder auch nur den letzteren. Um zu sagen, daß Einer verdiente, gehängt zn werden, aber leider noch frei herumlaufe, nannte man ihn eine unanfgehängte Feldglocke. Das Werkzeug der Hin- richtnng, der Strick, ward zum Namen, zur Schelte für Den, der diese Strafe verdiente: man nannte ihn Galgenstrick: die Abkürzung Strick ist schon etwas milder, besagt aber im Grunde dasselbe: der Kerl verdiente eigentlich den Strick. Der Erzenger dieses Hinrichtungsgeräthes, der Seiler, wurde galgenhumoristisch als Galgenposanicntier bezeichnet, wie man ja auch einen halsabschneiderischen Wucherer Kravatteumacher nennt. Der Strick wurde als Spieß bezeichnet in der Redensart: Einen mit einem Spieß erschießen, daran man die Kühe bindet, im Gegensatz zum ehrlichen Soldatentod durch Erschießen, ehedem Erstechen mit den langen Spießen. Dieser Humor ging selbst über in die Sprache der Justiz, Richter und Schöffen. Der Henker soll, so heißt es oft in den Todes- urtheilen, den Delinquent„vom Erdreich entfernen und der Luft(oder den Vögeln in der Luft) an- befehlen, oder ihn anknüpfen„mit seinem besten Hals, daß der Wind unter und über ihm zusammen- schlägt." Unsere alte deutsche Rechtssprache ist reich an humoristischen Wendungen, die ohne Anstoß von den ernsten Richtern gebraucht wurden; heutzutage ist unser Recht nichts weniger als hnmoristisch, höchstens gedeiht noch eine Art Galgenhumor bei den Opfern unserer Justiz, die davon reden, sie seien„verdonnert" worden, es seien ihnen so und so viel Monate„aufgebrunimt" worden n. dergl. Das kommt daher, weil unser heutiges Recht nicht mehr jngendlich-lebensvoll, sondern trocken und dürr, nicht mehr volksthümlich, sondern gelehrt-znnftmäßig, bnrennkratisch geworden ist, und da können Volks- mäßige Phantasie und Humor nicht niehr zu ihrem Rechte kommen. Otto Gierke, der Heidelberger Rechtslehrer, hat ein ganzes Büchlein geschrieben über den Humor im alten deutschen Recht. Grün- miger Spott fehlt auch hier nicht. Hat Jemand einen Spielmann, einen fahrenden Geiger oder Gaukler beleidigt, so soll der das Recht haben, seinen Widerpart neben eine von der Sonne beschienene Wand zu stellen und dem Schatten auf der Wand einen Schlag zu geben. Von Strafen, welche den Bestraften dem Hohn und der Schaden- freude des Pöbels aussetzen, ließen sich eine Unmenge beibringen: Prellen mit straffgespannten, großen Tüchern, so daß der Geprellte auf- und niederfliegt wie ein Federball, Eselrciten mit rückwärts gc- wandteni Gesicht,„statt des Zaumes den Schwanz in der Hand", das Reiten auf hölzernem Pferde, das freilich oft auch schmerzlich genug gemacht werden konnte; Hnndetragen auf längere Strecken seien mir als Proben angeführt. Bekannt ist die Klage Jakob Grimm's über die aus unserem Rechte entschwundenen Elemente der Poesie, Anschaulichkeit und des Humors. Indessen dürfen wir mehr noch klagen über die entschwundene Volksthiimlichkeit und Volksverständlichkeit unseres Rechtes und seiner Pflege. Das Volk hat seine sprachbildende, mutterwitzige Kraft aber noch nicht verloren. Auch in unseren Tagen fehlt es nicht an Bethätigungen dieser Kraft. Sarkasmns und Humor werden nicht aussterben, st lange es noch gesund und kräftig empfindende Mensched giebt! Und die gedeihen allerdings am besten bei freien, glücklichen Völkern.— AclS Iseuer. Von Bruno Borchnrdt. t er Gebrauch des Feuers erhebt den Mensche» in erster Linie über das Thier; durch das Feuer allein ist er im Stande, seine Nahrung anders als im rohen Zustande zn genießen, das Feuer allein befähigt ihn auch, die verschiedensten Gegenstände zu verarbeiten und kunstfertig zu ver- ändern und miteinander zu verbinden. Kein Wunder daher, daß das Feuer in den mythologischen Sage» aller Völker eine ganz besonders hervorragende Rolle einnimmt. Seit Blenschen auf der Erde wandeln und das Feuer benutzen, galt es stets als das Symbol des Vollkommenen und Reinen, durch das dereinst auch die Welt von allem Unvollkommene» und Schlechten gereinigt und befreit werden würde. Doch wird sie nicht zu Grunde gehen, sondern wie ein Phoenix ans der Asche sich schöner und besste erheben. Die Anbetung des Feuers verband sich oft mit der Anbetung der Sonne, der allgemeinen Lichb und Wärniespenderi», die ja als glühender, feuriger Ball ihre Bahn am Himmel zieht. Mit Orinnzd, dem ewig lichten Sonnengott, dem Geiste des Gute» und des Feuers, steht Ahriman, der Geist der Fi»' sterniß, die zugleich das Böse ist, in beständige!» Kämpfe, ihm ewig unterliegend und doch immer vo» Neuem sich erhebend, gegen ihn anstürmend und sist in den Herzen der Menschen festsetzend. Nicht ga», dieselbe Rolle, wie in den asiatischen Relrsione»- spielte der Sonnengott bei den Griechen; bei ihnen ist es der donnernde und Blitze schleudernde Ze»s' der an erster Stelle verehrt wird. In dem Attribut des Blitzes und des Donnerkeiles, die der höchste Gott in der Hand hält, spricht sich deutlich sei» Zusammenhang mit dem Feuer aus. Tie Mensche» erhielten das Feuer, das im Besitze der Himmlische» war, nur durch Verrath eines den Göttern Nahe' stehenden. Der Titane Prometheus war es, der heimlich das himmlische Feuer aus dem Olymst dem göttlichen Sitze des Zeus, entwandte und es den armen Erdbewohnern brachte. Für seinen Frevel mußte er schrecklich büßen, denn der zornige Zeist $J5ivttevc*t>CtTÖ. Nach dem Bilde von A. Reinhardt. !t6 ihn an den Felsen des Kaukasus schmieden, wo � hiilflos zwischen Erde und Hiiiimel hing und Ehrlos dem Adler preisgegeben war, den Zeus Wich sandte, ihm die Leber zu zerfleischen. Nach sWen, oieleii Jahrhunderten erst wurde er von Herakles befreit und von Zeus begnadigt. � Die Menschen lieg Zeus, der nur iiber den Herrath erzürnt war, aber keinen Hasz und Zorn �Qen die Menschen hegte, im Besitze des Feuers, W sie wnflten diese Himmelsgabe wohl zu schätzen. Um es nie zu verlieren, brannte an heiliger Stätte ein ewiges Feuer, und zwar war es der Tempel der Heina, der Beschützerin des häuslichen Herdes, der hierzu ansersehen ward. Das.Herdfeuer galt recht eigentlich als Symbol des Familienlebens. In jenen alten Zeiten kannte man weder Elektrizität noch Gas, noch die Feuerzeuge der verschiedensten Art oder gar die Zündhölzchen, mit deren Hülfe wir heute, so oft es uns beliebt, diese Himmelskraft hervorrufen. Der Herd war die einzige Stelle im Hanse, wo das Feuer brannte, und von wo es jederzeit geholt werden konnte. War das Herdfener erloschen, so konnte es oftmals sehr schwierig sein, von Neuem die wärmespendende Himmelsgabe zu erhalten,- deshalb mußte es sorgsam behütet werden, und es ist verständlich, daß Hestia, die Beschützerin des heiligen Herdfeners und der Familie, in hoher Ehre stand. Was aber ist denn nun eigentlich das Feuer? Schon frühe wandten die Menschen ihre Aufmerk- samkeit und ihr Nachdenken dieser Frage zu. Aber 4R Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. die Antwort, die man im Alterthnm darauf zn geben verstand, war nur sehr unvollkommen. Erde, Wasser, Luft boten sich den betrachtenden Blicken fast von selbst als die danernden Bestandtheile alles Stoffes bar; aber das Feuer war es, in ivelchem sich Stoffe vereinigten und wieder auseinander fielen, und so wurde diesen drei das Feuer als ein viertes Elenient hinzugefügt. Aus dem chaotischen Urstoff scheiden sich diese vier Bestandtheile ab und bilden in der vcrschiedcusleu Mischung die ganze Mannigfaltigkeit der Körperwelt. Auf dieser Grundlage ist von Aristoteles ein umfassendes System aufgebaut worden, das fast zwei Jahrtausende in unbestrittener Geltung blieb. Tie Keuiitnig chemischer Vorgänge im Einzelnen wurde durch die Alchemisteu des Mittelalters zwar nicht unerheblich bereichert; die wissenschaftliche Er- kenntniß von dem Wesen der Vorgänge nahm jedoch nicht zu. Tas Ziel der Alchemisteu war ja auch garuicht diese Erkenntuiß; ihr hauptsächlichstes Bc- streben war vielmehr durch ein rein praktisches Jntcr- esse bedingt. In erster Linie war das Bemühen darauf gerichtet, den Stein der Weisen zu finden, die Kunst des Goldmachens zu erlernen; deshalb studirten sie auf jede mögliche Weise die Bedingungen, unter denen die verschiedenen Metalle Veränderungen erleiden, und versuchten, die Bietalle in einander überzuführen und zu verwandeln. Schwefel und Quecksilber hielten sie für Bestandtheile aller Metalle und in späterer Zeit wurde noch Salz hiuzngenomnien. Zu dem Ziele der Metallverwandlung kam später die nähere Erforschung der Körper und ihrer Ber- binduugen zu Heilzwecken, wodurch zwar viele Kenut- uisse im Besonderen erworben, die Natur des Feuers jedoch nicht näher erkannt wurde. Die meisten Ver- ändernngen der Körper gehen in der Hitze, während der Verbrennung, vor sich, und es war natürlich, das; dem Verbrennuugsvorgang eine besondere Auf- merlsamkeit zugewendet wurde. Zu Ende des 17. Jahrhunderts hatte nian die alte, von Aristoteles überkommene, verschwommene Auffassung, das; das Feuer selbst ein stoffliches Element sei, das mit anderen zusammen in die Körper eingehe und sie bilde, vollständig überwunden. Die Vorstellung aller- dings blieb bestehen und mußte bestehen bleiben, daß die Erscheinung des Feuers mit gewissen stoff- lichcn Eigenschaften eng verbunden sei, und diese suchte man näher zn erforschen. Zunächst glaubte man den Grund der Brenn- barkeit in einem Stoffe annehmen zn müssen, der in den brennbaren Körpern selbst enthalten sei. Dieser uubekaunte Stoff, den man„Phlogiston" nannte, sollte ein Bestandlheil aller K.'rper sein, die entflammt werden konnten; bei der Verbrennung wird das Phlogiston ausgetrieben, und wenn alles Phlogistou entwichen ist, muß die Verbrennung auf- hören. Kohle z. B. wurde als ein sehr phlogiston- reicher Körper augesehen, der daher lange brennen kann, wobei das Phlogiston auf andere Körper über- geht. Blei z. B. verwandelt sich beini Erhitzen auf dem Herd eines Flammenofens, wo die Luft frei hinzutreten kann, in das gelbe Bleioxyd, das von den älteren Chemikern Bleikalk genannt wurde. Demnach wurde angenommen, daß das Blei aus Bleikalk und Phlogiston bestehe, und beim Austreiben des Phlogiston Bleikalk übrig bleibe. Wurde dieser mit Kohle erhitzt, so entstand wieder metallisches Blei, denn, so nieinte mau, die sehr phlogistonreiche Kohle gebe au den Bleikalk Phlogiston ab, wodurch das Metall gebildet werde. Eigentlich sollte man meinen, daß schon sehr wenige einfache Versuche die Gelehrten von der Halilosigkcit dieser Ansicht überzeugen mußten. Wägt man das metallische Blei, so zeigt es sich stets leichter, als der Bleikalk, aus dem es entstanden ist, während andererseits Bleikalk, der sich bei der Erhitzung von Blei bildet, schwerer ist als dieses. Aber gerade das Umgekehrte sollte man erwarten. Ist das Phlogiston ein Stoff, so muß doch Blcikalk und Phlogiston, die zusammen das Blei geben sollen, schlverer sein, als jedes allein, während das Blei beim Austreiben des Phlogiston leichter werden müßte. Man muß nicht denken, daß die alten Chemiker diese Beziehungen nicht kannten; sie wußten sehr wohl, daß die Gewichtsverhältnisse umgekehrt lvareu, als sie nach diesen Annahmen sein mußten. Einzelne halfen sich wohl damit, daß sie dem Phlogiston negative Schwere zuschrieben, also einfach ein neues Wort bildeten, um die Eigenschaft auszn- drücken, daß Phlogiston, zu anderen Körpern hinzu- koniinend, deren Gewicht vermindere. Andere waren sich der Schwierigkeit sehr wohl bewußt, die sich hier für die Phlogistontheorie ergab, aber sie waren nicht im Stande, sie zu lösen, und blieben daher bis auf Weiteres bei diesen Annahmen stehen. Richtigere Anschauungen über das Wesen der Verbrennung und des Feuers, fast der wichtigsten Erscheinung in der ganzen Chemie, konnten erst aufkommen, als mau iveseutlich weiter in die Natur der Körper eingedrungen war. Wir können heute vom Standpunkte des sicheren Wissens aus oft kaum begreifen, wie ganz einfache Vorgänge früher so ganz falsch aufgefaßt wurden. Wir unterschätzen da ganz gewaltig die Schwierigkeiten, die stets von der Menschheit überwunden werden müssen, um von gewohnten Vorstellungen los zu kommen. Tas wird in Zukunft sicher nicht anders sein, als es bisher gewesen ist; ja, die weitere Verbreitung, welche die wissenschaftlichen Lehren heutzutage finden, macht das Erkennen eines Jrrthums oder vielmehr das Eindringen dieser Erkcnntniß in das allgemeine llrtheil noch schwieriger. Zu Anfang und in der Mitte des vorigen Jahr- Hunderts wurden die Gase näher erforscht. Vom Wasser war es jedem Kinde bekannt, daß es beim Frieren fest wird, beim Erhitzen dagegen kocht und siedet und sich in Dampf verwandelt. Auch bei einer Anzahl anderer Körper wurde dieser selbe liebergang aus dem festen in den flüssigen, ans dem flüssigen in den luftförmigen Zustand erkannt; stets war hierzu Wärme nölhig, so daß die Gase geradezu als Verbindungen von Flüssigkeiten mit Wärme, wie diese wiederum als Verbindungen fester Körper init Wärme erschienen. Dabei zeigte sich stets, daß das Gewicht der Körper unverändert blieb. Ein Pfund Eis liefert, durch Wärme in Wasser verwandelt, genau ein Pfund Wasser, und aus diesem entsteht wiederum genau ein Pfund luft- förniiger Wasserdampf bei weiterer Erhitzung. All- mälig befestigte sich durch solche Thatsachen die Ileberzeugung, daß die � Wärme, die man sich ja ebenfalls als einen Stoff dachte, ohne jedes Gewicht sei, obwohl verschiedene Mengen von Wärme wohl unterschieden werden konnten. Durch die bahubrecheuden Arbeiten des großen französischen Chemikers Lavoisier wurde endlich volles Licht über die Natur des Verbrennungsvorganges geschaffen. Wenn Blei oder andere Metalle verkalkt ivurden, so war stets der freie Zutritt der Luft dazu nöthig, und es zeigte sich immer,'daß ein bestinimtes Lufrquaiitum bei dem Prozeß verschwand. Die Luft aber wurde als ein ursprünglich fester .Körper in Verbindung mit sehr viel Wärme angc- sehen. Da lag der Gedanke sehr nahe, das; bei der Verbrennung das Btetall die verschwundene Luft mitsammt ihrer Wärme aufnehme. Bei dieser Auf- fassung erklärte es sich sofort, warum Bleikalk z. B. schwerer ist, als das metallische Blei. Nicht Phlo- gistoii geht aus dem Blei heraus, sondern Luft mit ihrer Wärme kommt zu dem Blei hinzu. Die Wärme war ohne jedes Gewicht, und deshalb mußte die Vermehrung des Gewichts lediglich von der Luft herrühren, und Lavoisier bemühte sich auch, durch Versuche festzustellen, daß der verbrennende Körper genau so viel an Gewicht zunehme, als das verschwundene Lustquantum wiegt. Durch diese Anschauung, der die meisten Chemiker allmälig beitraten, war das Phlogistou nach fast 200 jähriger Herrschaft beseitigt. Tie Verbrennung stellte sich als eine Vereinigung eines Körpers mit Luft dar, die uns deswegen nicht in die Augen fällt, weil der neu entstandene Körper meist luft- förmig oder gasig ist und in die Atmosphäre ent- weicht. Aber bei den Metallen, wo die Verbrennung viel langsamer vor sich geht, bleibt er als Ntctall- kalk in festem Zustand bestehen, und die Gewichts- zunähme ist hier deswegen deutlich zu beobachten. Ihren Schlußstein erhielt diese Auffassung, die sogen. Oxydationstheorie, als der Sauerstoff in der Luft entdeckt wurde(1774 durch Priestley). Unsere Atmosphäre ist ja kein reines Gas, sondern besteht im Wesentlichen aus zwei zusammengesetzten Gasen, dem Stickstoff und Sauerstoff. Schon Lavoisier erkannte, daß der Stickstoff mit der Verbrennung garnichts zn thun habe, vielmehr nicht im Stande sei, sie zu unterhalten; der Sauerstoff dagegen, die Wahre Lebensluft, die wir zum Athmen und Leben brauchen, ist es, der sich bei der Verbrennung mit den brennenden Körpern verbindet. Im Allgemeinen verstehen wir unter Verbrennung die schnelle, stürmische Verbindung mit Sauerstoff, die bei Gasen unter Flammenerscheinung vor sich geht. Aber auch die langsame Vereinigung des Sauerstoffs niit Metallen ist genau derselbe Vorgang. Diese langsame Ver- brennung, bei der von einer Flamme und von Feuer nichts zu sehen ist, wird eine Oxydation genannt, weil der lateinische Name des Sauerstoffs Oxygeuiiu» ist. Nicht alle Bietalle verbrennen oder oxydircn sich mit gleicher Leichtigkeit. Die schweren, edlen Bietalle Platin und Gold können nur unter ganz besonderen Umständen oxydirt werden; bei Silber geht es schon leichter und noch leichter bei Blei und Kupfer. Am bekanntesten ist der Vorgang beim Eisen, das sich an der Luft mit den gelblich-branne» Rostflecken überzieht, die sich tief in das Eisen hinein- fressen; doch handelt es sich hier nicht um eine einfache Oxydaffon, sondern um einen komplizirtercn Vorgang, der durch Feuchtigkeit sehr begünstigt wird. Es giebt sogar Metalle, die so gierig nach Sauer- stoff sind und sich so schnell mit ihm verbinden, daß man sie gar nicht frei an der Luft liegen lassen und aufbewahren kann. Kalium und Natrium z. W zeigen ein schmutziges, graubraunes Aussehen, st daß man sie kaum für Bietalle halten möchte. rührt das jedoch nur davon her, daß sie au ihrer Oberfläche vollständig oxydirt sind. Schneidet nia» sie durch, so blitzen die Schnittflächen im schönste» Mctallglanz; freilich überzieht sich auch die neue Fläche sehr bald mit einer grauen Oxydschicht« Solche Metalle muß man daher, wenn man st' aufbewahren will, sorgsam vor Luftzutritt schützen,' gewöhnlich bewahrt niaii sie daher in einem nnl Petroleum gefüllten Fläschchen auf. Wie bei den Bictallen, so geht auch bei den anderen festen Körperu die Verbrennung ohne Flammen� erscheinung vor sich, und nur die Gase sind es, die diese Erscheinung, das Feuer im eigentlichen Sinns, darbieten. Das Feuer oder die Flamme ist alst eigentlich nichts, als ein brennendes, d. h. sich»nl Sauerstoff vereinigendes Gas. Wenn wir Host' oder Kohlenfeuer sehen, so ist es im Grunde nicht das Holz oder die Kohle, welche brennen; Vereinigung mit Sauerstoff ist eine bestimmte host Temperatur nöthig; bei dieser verflüchtigt sich d» Kohle oder die brennbaren Bestandtheile des Holzes, und die sich entwickelnden heißen Gase verbrenne» sofort bei ihrer Entstehung mit heller Flamnst Erhitzt mau die Körper, ohne der Luft und dem st ihr enthaltenen Sauerstoff Zutritt zu gewähren, st kann man die entwickelten Gase fortleiten und erji da entzünden, wo sie in die Luft austreten, wie e' z. B. bei unserem Leuchtgas geschieht. Das Geheimniß des Feuers ist also von dc� Menschheit endgültig erkannt worden, das Räthstb hafte, was dem Verbrennungsvorgang und der Flamnienerscheinung anhaftete, ist beseitigt, und vo�' Klarheit darüber verbreitet. Doch darf man nst)' glauben, daß die Räthselfragen, die die Natur«»'- aufgiebt, geringer geworden sind. Der nähere Gruist z. B., der die Kohle und den Sauerstoff bei cinc- bestimmten hohen Temperatur unwiderstehlich st einander zieht, ist noch in tiefes, undurchdringliche- Dunkel gehüllt. So tauchen bei Beantwortung ei»e' Frage sofort wieder neue auf, die dem dcukendc» Geiste keine völlige Ruhe gestatten, sondern ihn st immer neuer Bethätigung spornen. Die Antworte», welche auf solche Fragen gegeben werden, stehe» stets im enge» Zusamiiienhange mit dem gesamnitc» Wisseiisiimfaiig u.id Vorstelluiigskreis einer Zeist die Geschichte einzelner Probleme ist daher zugleich auch ein Stück von der Geschichte der Entwickclung, die die gesammte Wissenschaft durchgemacht hat.—- 47 rC Z>er Auinecl-Iack.---«H tTchlub> Ziffer Evensen erwachte in seiner Sophaecke und ineinte, er hätte lange geschlafen. Erst sah er sich mit eineni Blick um, nm sich z» vergewissern, wo er eigentlich war. Gerhardtsen lag hintenüber auf einem Klappstuhl mit schlaff herab- hängenden Armen und schlief; er schnarchte, das; es in der engen Kajüte dröhnte. Berg und Markusseu saßen m>f ihren Stühlen am Tisch; die Arme hatten sie vornüber auf die Tischplatte gelegt und den Kopf m die eine Armbiegnng und schliefen fest und schwer. Evensen sah nach der Uhr. Halb vier! „Nein, Tod und Teufel, Berg! Markusseu!" Beide ftihren in die Höhe und Schiffer Gerhardtsen begann auch zu brummeu. .»Na, das ist ein netter Hahn zum Wecken!" lagte Evensen. Gerhardtsen sah nach der Uhr. .»Hm, ja; wir haben wohl geschlafen und ihn "'cht gehört." »Ich saß wach bis vor einem Weilchen," sagte Markusseu sanft. .»Er kommt schon noch, er kommt schon noch," '»einte� Gerhardtsen. »Ja, so um die Mittagszeit!" sagte Evensen. »Wetten wir, daß wir ihn in zehn Minuten haben!" Schiffer Gerhardtsen hielt die Uhr in der Hand; cr wollte eine Berechnung machen, aber Evensen "itterbrach ihn:„Er kommt! Er kommt! Zum �vusel, das sind Narreustreiche, weun erwachsene �eute so sitzen sollen und auf einen elenden Hahn tauschen!« Ihm war wüst im Kopf, und er war ärgerlich. „Tod und Teufel!" fuhr er fort,„nie im >ebeu bin ich nach Hahnengekräh' gegangen, und Hab' ich auch keine Lust dazu! Hört doch nur 'was! Wir sollen hier sitzen und uns nach diesem "»»neu Vogel richten. Wenn etwas zu weit geht, dann..." . Schiffer Gerhardtsen>var es nicht minder wüst Nl Kopf, und er war auch nicht weniger ärgerlich. ~»Ein dummer Bogel, sagst Du? Nein, weißt was, Evensen? Ich tauschte ihn unten an der Goldküste..." ,.»Es ist mir verteufelt gleichgültig, wo Du ihn ""Uest, aber so viel weiß ich..." .»Noch fünf Minuten! Noch fünf Minuten!" W Schiffer Gerhardtsen.„Es ist ein ganz merk- "vdiger Hahn, muß ich Euch sageu!..." Aber Schiffer Evensen hatte sich bereits in seinen wck hineingezwängt; und nun stand er bei der --hure.„Berg! Markusseu! Nun müßt Ihr wirklich ""'wen! Das sind ja doch nur Narreuspossen!" d». Schiffer Gerhardtsen seufzte tief, als er seine et Gäste nach vorn zum Landgang geleitete. So was war ihm noch nicht passirt. Er empfand daher "st etwas wie Dankbarkeit, als Schiffer Evensen ohdem sagte:„Wir müssen in jedem Fall doch !"Sehen und uns diesen merkwürdigen Hahn ansehen, Jw' ich höre ja ringsum im ganzen Hafen und ester oben in den Dörfern sogar die Hähne krähen; w der Hahn hier an Bord schweigt, es muß wirklich Sonderling sein!" � sie sich der Hahnensteige näherten, brachte �wiffer Gerhardtsen einen kleinen Hustenanfall zu Mibe. Vielleicht würde Jack, wenn er das hörte, "'ch loslegen. ch»ein, Jack blieb ganz ruhig sitzen. Schiffer Hg?�dtsen nahm ein Stöckchen und kraute dcni hn vorsichtig hinter dem Ohr, zog dann das � vckchen blitzschnell wieder an sich, und dann stand einen Augenblick in gespannter Erwartung. Nun """e es losgehen. . Aber der Guinea-Jack ließ nur das eine Augenlid "Ssam für einen Augenblick auf- und niedergehen "d rückte auf seiner Stange einen halben Zoll werter. Das war Alles. »Ich glaube, er schnarcht," sagte Evensen. Da nahm Schiffer Gerhardtsen wieder das Von Jacob Hilditsch. Stöckchen und kitzelte den Hahn gründlich auf der einen ganzen Seite. Der Hahn öffnete wieder die Augen, richtete sich auf, reckte den Rücken und nahm eine Stellung ein, als wollte er krähen— aber als es dann losgehen sollte, that er etwas ganz Anderes und kroch wieder auf seiner Stairge zu- sammen, zog den Hals ein und schlief weiter. Da wurde Schiffer Gerhardtsen ungewöhnlich zornig; er riß d'e Thür des Käfigs auf nnd packte den Hahn mit derbem Griff an dem einen Schnabel- läppen. „Wirst Du krähen, Du rother Teufel?" schrie er. Der Guiuea-Jack öffnete das eine Auge und sah seinen Herrn gleichgültig an. Dann drehte er sich herum und zeigte sich von der anderen Seite. Er wollte sich gerade wieder ordentlich zurechtsetzen, als Schiffer Gerhardtsen die Thür wieder aufriß und den Hahn bei einem Flügel ergriff. Er schüttelte ihn hin und her, sodaß die Federn umherwirbelten. „Du verdammter Neger Du! Du elender, träger Enterich Du! Du! Du! Du!" Da hackte der Guiuea-Jack dem Schiffer in den Finger und ließ sich auf den Boden des Käfigs herab. Er war zu schlaff, um wieder auf die Stange hin- aufzukommen, und kauerte sich daher in einer Ecke zusammen, um weiter zu schlafe». Er gurrte förmlich vor mattem Wohlbehagen, indem er ein paar Mal um die Runde ging, ehe er sich in der Ecke zu- rechtsetzte. „Pick, pick!" sagte Schiffer Evensen.„Oho, krähte er jetzt nicht? Hörtet Ihr nichts? Ich weiß bestimmt, daß er nun krähte. Es war freilich nur ganz leise, aber——" Die Sache war die, daß Schiffer Evensen nun ganz wach geworden war und sich den Scherz machte, Gerhardtsen zu foppen. Aber Gerhardtsen, der schon im nüchternen Zustande weichen und gefühlvollen Gemllthes war, war es um so mehr, wenn er ge- trunken hatte, und daher reute ihn seine derbe Be- Handlung des Guinea-Jack. Nun hatte er sich vor dem Käfig hingehockt, den Arm weit hineingesteckt und kraute den Hals des Hahnes. „Ja, der Jack, ja, ja! Das ist ein ganz eigener Kerl!" „Du sollst sehen, das ist so ein Seehahn, wie man sie nennt," sagte Schiffer Evensen.„Der kräht wohl niemals, außer wenn er in See ist! Du wirst sehen, Gerhardtsen!" Und Schiffer Gerhardtsen wandte sich uni und lachte triumphirend:„Jawohl ist es ein Seehahn! Hol' mich der Teufel, wenn es nicht ein Seehahn ist. Ja, Du, Jack, Du bist mir ein Braver. Du weißt schon, Jungchen!" „Nein, wißt Ihr was, Gentlemen?" sagte Schiffer Evensen,„nun gehen wir von Bord! Nun sollst Du in Deine Koje und Dich hinlegen, Gerhardtsen; freilich, das sollst Du! Pfui Teufel, so ein alter, verheiratheter Kerl sitzt da und kraut den häßlichen Hahn!..." Sie fanden den Landgang und tanmelten Arm in Arm den Kai entlang.—— Diesen Tag schlief Schiffer Gerhardtsen viel. Während des ganzen Tages fiel er ans einem Schlummer in den anderen, und zwischen jedem Schläfchen machte er einen Gang auf Deck und sah sich um, und immer fand er Veranlassung, den Einen oder Anderen zu fragen, ob der Guinea-Jack eben gekräht hätte. Aber nein, nicht einen Muck hatte er den ganzen Tag von sich gegeben. Da meinte Gerhardtsen, im Grunde genommen wäre das amüsant. Der Guinea-Jack war auf diese Art ja ein noch merkwürdigerer Hahn, daß er nur munter war und krähte, so lange er sich auf See befand. Man konnte wohl sagen, er selbst hätte ihn auch dazu abgerichtet. Aber um sieben Uhr Abends krähte der Guinea- Jack so, daß Schiffer Gerhardtsen vom Sopha auf- fuhr und auf Deck hinausrannte. Da stand der Hahn oben auf dein Kombiisendach, schlug mit den Flügeln und krähte, als sollte ihm der Schnabel bersten. Das begriff Schiffer Gerhardtsen nicht; er sah nach der Uhr und murmelte:„Na, min hat er wieder tüchtig losgekräht, als wollte er alles Versäumte wieder gut machen!" Dann schüttelte Gerhardtsen den Kopf und ging w eder in die Kajüte hinein. Der Hahn war doch absolut sinnlos verrückt... Zehn Minuten später kam der Decksjunge vom Barkschiff„Stamsord", das guer gegenüber auf der anderen Seite des Docks lag, angerudert. Er legte an der Hinterseite der„Marie Louise" an, hüpfte die Leiter hinauf und kam an Bord. Er wollte nicht einmal mit dem Steuermann reden, er müßte den Kapitän selbst sprechen. Er traf Schiffer Ger- hardtsen gerade bei der Halbverdeckstreppe. Der Junge zog die Mütze. Ja, er sollte nämlich vom Schiffer Evensen auf dem„Stamford" grüßen und wegen des Hahnes gratuliren! Der Schiffer hätte gehört, daß er nun am Abend fünf Minuten vor sieben krähte.—— Schiffer Gerhardtsen blieb in Mobile über einen Monat liegen. Während der ganzen Zeit krähte der Guinea-Jack zu deu ungewöhnlichsten Zeiten, bisweilen um zwei Uhr oder drei Uhr am Nach- mittag und bisweilen erst, nachdem es am Abend dunkel geworden war; nur am Morgen krähte er niemals. In der letzten Zeit hatte er es sich außerdem angewöhnt, daß er krähte, sobald Schiffer Gerhardtsen Abends nach einein kleinen gemiithlichen Landbesuch seinen Fuß auf Deck setzte. Zum Teufel, das war doch kein Grund zu krähen! Evensen auf dem „Stamford" sagte, das käme von„fehlerhafter Behandlung". Konnte man sich solch ein Geschwätz denken?! Gerade, als wenn Gerhardtsen sich nicht auf Hähne verstände! Er hatte sich ja einmal einen Hahn von so einem schwarzen Teufel von Neger unten an der Guineaküste ergaunert, als er das letzte Mal dort war, und einen zweiten solchen Hahn — ja, ja, es war ja dieser hier. Aber der Dumm- köpf, der Evensen. Gieb mir den Hahn, hatte er ge- sagt, und ich sage Dir, ich bringe ihm Manier bei!... Es war der letzte?lbend, den sie in Mobile weilten. Schiffer Gerhardtsen war an Land gewesen und hatte die Papiere geholt, und kam früh an Bord nach ein paar stillen Gläsern mit Evensen und Mar- küssen und alle den Anderen— alles nette Kerle. Er sollte gleich um die Morgendämmerung vom Schleppdampfer geholt werden, denn er wollte unter der Morgenbrise hinaus. Aber war es nicht zum Verrücktwerden?! Er war noch nicht an Bord ge- kommen, so begann schon der Tenfelshahn zu krähen nnd die„Marie Louise" wie auch alle anderen Schuten zu alarniiren. In demselben Augenblick kam der Steward aus der Kombüse. Er hatte eine Schüssel und eine Laterne in der Hand. Auch er war heut' Abend an Land gewesen und nun wollre er dem Jack sein Abendessen geben; er hatte bisher nicht Zeit dazu gefunden. Der Steward wollte wieder umkehren, als er den Schiffer Gerhardtsen erblickte; aber der Schiffer winkte ihm.„Komm, Steward! Schauen wir einmal diesen Hahn an! Was fehlt ihm eigentlich?" Der Gninea-Jack richtete sich beim Laternenschein auf und krähte wieder aus Leibeskräften. „Um halb neun Uhr Abends!" murmelte Ger- hardlsen. Da sah er etwas, worüber er rein hintenüber fiel: gerade unter dem Hahn lag ein schimmernd weißes Ei. „Steward!" sagte er nnd packte ihn beim Arm. „Siehst Du das, Steward? Nun beginnt er gar Eier zu legen, das Schwei»! Das verdammte Schlvcin!" „Das ist nur Bosheit, Kapitän! Die reine Bos- beit! Ich habe bei diesem Hahn so viel Bosheit ge- 48 Die Acne JPclt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. sehen, daß ich mich schämen würde, es zu erzählen. Er ist'draußen ans dem Kai ge nesen, und können Sie sich's denken, Kapitän— er wollte durchbrennen, müssen Sie wissen, denn ich glaube, es behagt ihm hier nicht an Bord; aber ich Hab' ihn wieder an Bord geschafft!" „Den Griesbrei soll er nicht haben!" sagte Schiffer Gerhardtsen, als der Steward die Schiissel in den Käfig hineinsetzen wollte.„Fort soll er, und zwar ans der Stelle! Es kann ein ganz brauch- barer Hahn fiir Evensen ans dem„Stamford" sein; er meint ja selbst, er verstände sich so nngehener gut ans solches Viehzeug." Eine Weile später hatte Schiffer Gerhardtsen den Kai-Wächter an Bord.„Sehen Sie hier diesen Hahn, Wächter," sagte er.„Wollen Sie ihn nehmen und, entweder heute Abend oder morgen früh, ihn selbst an Bord des„Stamford" hinrudern oder durch einen Anderen hinrudern lassen? Der„Stam- ford" liegt min draußen am River, wissen Sie. Und dann grüßen Sie von mir und sagen Sie, daß ihn Kapitän Evensen haben soll. Verslehen Sie das?" „Noch hent' Abend, Sir," sagte der Wächter, nahm den Guinea-Jack unter die Jacke und ging mit seinen schweren Schritten an's Land.... Schiffer Gerhardtsen lachte sich lustig in den Bart, als er früh in der Morgendämnierung achter- wärts ans Halbdeck stand, während sie hinaus- geschleppt wurden. Tort gerade voraus lag der „Stamford". Er rief dem Schleppdampfer zu: „Kapitän! Hart am„Stamford" vorbei, wenn Sie können!" Ja, das gönnte er dem Evensen von ganzem Herzen. Er wollte ihm eine lange Nase machen, ja, wahrlich, das wollte er! Ein Hahn, der am Abend kräht und Eier legt, geradezu Eier legt! Pfui, so'ne Schweinerei! Gerade als„Marie Louise" am„Stamford" langsam vorbeizog, krähte es dort oben, sodaß es schmetterte. Das war der Gninea-Jack; daran war nicht zu zweifeln. Schiffer Gerhardtsen wollte gerade nach der Uhr sehen und sich wundern; aber er ver- gas; das Ganze, denn achter ans dem„Stamford" stand Evensen halb angelleidet und wehte und lachte in einer geradezu beleidigenden Weise.—— ' In der Kombüse der„B-arie Louise" saß der Steward und verspeiste sein erstes Frühstück. „Bekommen wir hier an Bord auch sogar Eier?" fragte einer der Jungen, der gerade vorbeilies und sah, wie der Steward die Schale von einem Ei zerschlug, das er zwischen zweien seiner dicken Finger hielt. „Du Teufelsbub!" sagte der Steward.„Ich mußt' ja so eins kaufen, um diesen verdammten Hahn vom Schiff zu kriegen! Ich könnt' ihm ja doch nicht über den ganzen Atlantischen Ozean Opinin- tropfen geben!"— Gekränkte Unschuld/ Gin Und gebrochen!— Ja liegt öas Ken... Ja liegt ber Wagen... unö nebenbei Ein blasses, schmächtiges Zirnchen steht, Jas heulcnö Sie Aipsel der Achurze dreht. „Was willst' benii?" Uch streichle ihm sanft bas Oestcht. Ja zeigt's auf öen riesigen Wagen und spricht, Jas zitternde Atimmchen von Hchlnchzcn zerrissen: „Gie sagen, ich hätte ihn umgeschmissen!" Anna Ritter. Wlntcrabcnd. Etwas Schneelicht läßt noch die Spuren des Steiges erkennen, lleder die dürren Stengel der Tistel»"d des Haidckrantes zittert es hin und an einzelnen Stämmen empor, an die der Wind feinen Schneestaub geworfen. Von den nächsten Oalden und töängen ein fahles Gescheine, das mälig stirbt im Dunkel. Schwarz ragen die alten Föhren; als wären sie ans zniammmgeschobenen Mstern gebildet, erscheinen die Kronen, lind dalnnter die finstere, schncedrohende Wolken- wand. Den Sieig entlang stapft ein Mann. Noch wenige Schritte und er ist daheim, in dem Holzhancr- hänschen, das am Rande der Höhe und am Saume des schürenden Hochwaldes sich erhebt, und aus dessen Hinter- fenstcr das Licht freundlich herüberleuchtet. Ein Stückchen tllamr bringt unser heutiges Bild zur Anschauung, nichts weiter. Einen Föhrcnhochwald im deiilscheu Mittelgebirge, an einem Abend, da die straft des Winters g krochen, wenn der Forst voll ist der lauen Luft, die den„AusivärtS" kündet. Es ist die erste und die stärkste Freude, die der kommende Frühling den Waldlenten bereitet. In Hemdsärmeln könnte man vor die Thürc treten, um sich vollzllsaiigen mit der molligen Luft, die gesättigt ist von dein Duft der Kiefer- nadeln und dem starken Geruch der Preißelbrerkräitter. Kein Laut und kein Ton. Nur ab Und zu ein seines Stimmchen, ivenn ein gleitender Tropfen vom Ast zum Stamni überschuellt und die Rinde hinabrinnt in den thauenden Schnee. WaS sind all' die Gaben des Früh- litigS gegen diese Vorfreude, diese Verheißung? An allen Nerven zieht es. Heraus muß die Freud', und wenn der Juchzer die Kehle sprengen sollte.— Die Wünschelruthe Hut schon im Alterthum ihre Vorbilder gehabt, eine Velbiudung zwischen ihren da- uia'igen Formen und der Gestalt, die sie in Europa am Schlüsse des Mittelalters annahm, läßt sich jedoch nicht nachweisen. Was man über ihre Geschichte weiß, findet sich in dem kürzlich erschienenen Buche„Aberglaube und Zauberei" von Alfred Lehmann(Stuttgart, F. Enkel zusammengetragen, lliiter Kaiser Valens wurden inehrere Männer angeklagt, sich gegen den Kaiser verschworen und durch Zauberkünste den Namen seines Nachfolgers erforscht zu babeu. Dazu hatten sie einen Ring benutzt, der an einem feinen Faden hing. Erst Paracelsus erzählt dann wieder, daß die deutschen Bergleute zur Auf- findung verborgener Metalladem eine in Form eines Y gegabelte Ruthe gebrauchten, deren beide Zweige der Suchende horizontal in den Händen hielt. Ging er nun langsam über'S Feld, so senkte sich die Rutbe an der Stelle, an der das Metall lag. Das Verfahren wird - Au»„Sedtchte". Leipzig, A.<3. LtebeSltnd. aber zu den„unsicheren Künsten" gerechnet; es glückte nicht Jedem, und die Angaben der Wünschelruthe ivarcn durchaus nicht iininer zuverlässig. Sehr verbreitet schemt ihr Gebrauch damals auch nicht gewesen zu sein. Außerdem waren die Ansichten über die Äuwendung der Wünschel- ruthc sehr gelhcilt. Im Jahre 1630 machte ein französischer Edelmann in Böhmen die Entdeckung, daß Erlen- und Weidenzweige auch zum Auffinden unterirdischer Wasseradern gebraucht werden könnten. Die wissenschaftliche Welt wollte sich jedoch immer noch nicht für die Wünschel- rnthc interejsiren. Im Jahre 1692 erst beginnt der interessanteste Theil ihrer Geschichte. In diesem Jahre, am 3. Juli, Abends 1« Uhr, fand nian nämlich einen Wcinhändler und seine Frau in Lyon ermorderl. Jede Spur von dem Mörder fehlte, und so wurde ein reicher Landmann, Jacgucs Avmar, herbeigerufen, der mit Hülfe einer Wünschelruthe nicht nur Bietall- und Wasseradern, sondem auch sogar Diebe und Mörder zu entdecken vermögen sollte. Er behauptete auch gleich, seine Ruthe führe ihn nach drei verschiedenen Richtungen, also müßten drei Biann am Verbrechen bcthciligt sein; er folgte den Spuren viele Meilen weit, und er fand ivirklich Einen, von dem er versicherte, er wäre der Mörder. Zwar leugnete dieser jede Betheiligung am Morde, aber er wurde, auf einige recht zweifelhafte Zugeständnisse hin, verurthcilt und hin- gerichtet. Dieses Ereigniß erregte ein ungeheures Auf- sehen. In kurzer Zeil wurde eine ganze Anzahl gelehrter Bücher geschrieben, die, jedes in seiner Weise, die Wirkungen der Ruthe zu erklären suchten. Tie Geistlichen erblickten eine teuflische Kunst darin: ein Theologe suchte den Nach- weis zu führe», daß die Wirkungen der Wünschelruthe voll- ständig mit den magnetischen und elektrischen Wirkungen übereinstmimlen, so daß nicht der geringste Grund zur Annahme übernatürlicher Ursachen vorliege. Nur Eines vergaßen die gelehrten Männer alle: zu untersuchen, ob die Ruthe das, ivas man ihr zutraute, auch wirklich leistete. Einen schweren Stoß erhielten nun alle diese Theorien, als man nachwies, daß ein Zweig sich weder zum Wasser noch zum Bletall oder einem anderen Gegenstand senke, wenn er nicht von der Hand eines Meu chen gehalten werde, sondern blas an einem festen Zapfen, um den er sich leicht drehen könne, angebracht sei. Noch schlimmer Ivurde es, als Aymar nach Paris berufen wurde, Ivo verschiedene Experimente mit ihm angestellt wurden. Er konnte weder Wasser noch Metalle, die von Menschen versteckt waren, noch Diebstähle, die der Polizei bereits bekannt waren, cutdecken. Nun sing man auch au zu zweifeln, ob der Hingerichtete überhaupt der Mörder gewesen sei. Darnach verlor die gelehrte Welt das Interesse an der Wünschelruthe. Aber im Volke lebt noch heute vielfach der Glaube an ihre Wundcrkraft.— lieber die Regenerationskraft im Thierreich hielt der bekannte Zoologe an der Universität Frciburg i. B., Professor Dr. Weismann, kürzlich in der dortigen Naturforschendcn Gesellschaft einen äußerst interessanten Vortrag, dem wir das Folgende entnehmen: Die Regcnc- rationskraft ist im Thierrcich sehr verbreitet: sie ist schon lange bekannt bei den Süßwasferpolypeu, die man in fast beliebige Stücke schneiden kann, worauf sich aus jedem Stück wieder das vollständige Thier entwickelt. Weiter finden wir sie bei niederen und höheren Würmern. Bei den Wirbelthieren nimmt die Regenerations kraft mehr und mehr ab. Immerhin sind aber z. B. die Salamander im Staude, den Schwanz und die Beine zu regeneriren. Schon Spallauzini hat beobachtet, daß einem Salamander achtmal das abaeschnitteiie Bein nachwuchs. Bei den Etbechsen regenerirt wenigstens der Schwanz: er ist sogar mit einer besonderen Abbruchvorrichtung versehen. Bei noch höheren Thieren ist die Regenerationskrast sehr gering. Man kann sich das damit erklären, daß die komplizirten Organe der höheren Thiere schwerer zu ersetzen sind als die einfacheren der niederen Thiere. Daß man aber mit dieser Erklärung nicht auskomnit, zeigt der Ilmstand, daß einander verhältnißmäßig nahestehende Thiere, z. B. Salamander und Olm, eine ganz ver- schiedcue Regcnerationskraft besitzen. Professor WcismaiM erklärt nun die Regeueration als eine auf Grundlage der Naturzüchtung entstandene Anpassungserschcinung. Damit soll gesagt sei», daß nur solche Organe sich zu regeneriren im Stande sind, die leicht beschädigt oder verloren werden können und dem Thiere doch uolhweudig sind. Eine Bestätigung dieser Ansicht liegt in den Ver- suchen, die Professor Weismann mit Salamandern au- stellte, denen er innere Körpertheile, z. B. die eine Lunge, herausnahm, ohne daß Regeueration eintrat. Tie Thiere kommen eben unter gewöhnlichen Verhältnissen nicht daZW diese Organe zu verlieren: daher hat sich bei ihnen auch nicht die Fähigkeit ausgebildet, sie zu regeneriren. Auch die Rcgencralion von Körpertheilen, deren Beschädigung auf den ersten Blick nicht häufig einzutreten scheint, z. B. des Sämabels eines Vogels, erklärt sich, nachdem man bei näherer Betrachtung gesehen, daß eine solche Verletzung in den Kämpfen der Vogelwelt nicht allzu selten ist. Gegen die Ansicht von Pros. WeismanN hat ein amerikanischer Forscher eine Reihe von Versuche» in s Feld geführt, die er mit dem Einsiedlerkrebs angestellt hat. Dieser Krebs bewohnt Schneckenhäuser, aus denen er außer dem Kopf nur die vorderen drei Beinpaare herausstreckt. Während diese also im Kampf um's Dasein leicht verletzt und abgebrochen werden können, ist dies bei den beiden folgenden Beinpaaren, sowie bei den An- hängen des Hinterleibes so gut wie ausgeschlossen. N»11 zeigt sich aber die Regenerationsfähigleit bei allen ungefähr gleich. Prof. Weismann erklärt dies dadurch, daß du aus einem niederen Thierzustande übernommene Regcnc- rationssähigkeil zäh festgehalten wird, daß also in aller Erinnerung noch Organe regeneriren, die dies nicht mehr nöthig hätten. Für diese Auffassung spricht vor Allem die Thatsache, daß mehrfach die regenerirtcu Körperthcuc anders aussehen, als die ursprünglichen: sie gehöre» einem älteren Typus an. Die Regenerationsanlage kau» sich eben nicht so schnell verändern, als dies die Theilc selbst gethan haben. Weiter sind hier von Wichtigst» Beobachtungen und Versuche, die Bordage auf der Inn' Bourkoe mit den langbeinigen Gespenstheuschrccken an- gestellt hat. Er fand, daß die Regeneration der Ben»' nur von zwei bestimniten Punkten aus stattfand: dabcl wird der Fuß in Ilcbercinstimniung mit dem eben Gc- sagten als Reminiscenz an eine frühere Periode sta» fünf- nur viergliedrig. Auch bei den Krebsen findet da» Abwerfen der Beine, die Autotomie oder Selbstvcrstüiiunc- lung, an ganz bestimmten, mit besonderer Einrichtung versehenen Punkten statt. Fragt man nach dem Gruuvc dieser Erscheinung, so lautet die negative Antwort, dal' diese Form der Naturzüchtung wohl kaum auf RechnilN!! der dem Thier nachstellenden Feinde zu setzen sein bürfw Von wesentlicher Bedeutung für die Erklärung ist da- gegen die Häutung des Thieres. Es kommt häufig vor, daß das Thier nicht gut aus der Haut fahren kann- sondern ein Stück in derselben zurückläßt. So w»ro beobachtet, daß von hundert Gespensthcuschrecken bei de Häutung neun zu Grunde gehen, zweiundzwanzig c» Bein verlieren. Auf Grund der vorgetragenen Iha's fachen kommt Prof. Weismann zu dem Schluß, daß ,61 von ihm vertretene Ansicht, wonach die Regeneratlol als Anpassnngserscheinung zu erklären ist, wohl gründet sei.— og. Nachdruck des Inhalts verboten! veranlwortltcher RedaNeur: Ctcar«übt In CbarlottenbUTg.— Verlag: Hamburger Buchbruikerel UN» verlagganstalt Auer& E». In Hamburg.— Druck: Mar«ablng In Itertln.