Nr. 10 351(i(|lriri c � Cnlcirhaliim�öbcii a0c. 1899 lForlsetzung.) Aitettclnken des Ledens. A1 IX. Aiie Herrschaften würden ersucht, Abends spat »ich niehr Musik zu uiachcn," meldete Gret� V Sie hatte eben das Frühstück aus den Tisch gesetzt und stand nun in der Thür, den einen Arm m die Seite gestemmt, mit der anderen Hand wohl- gefällig die Schürze streichend! das war ihre de- liebte Stellung..., Draußen ein grauer Morgen, vielmehr st vormittag: kein Sonnenstrahl tänzelte über den Friihstiickstisch, die rosa Decke sah fahl aus m der farblosen Beleuchtung. Tie Bliimen am p>enster ließen die Köpfchen hängen, sie waren noch mchl begossen. Auf dem Tcppich unter'm Flügel lag oer �e.lchenstrauß, ein welker Klninpen. ..Was ist los?" fragte Bredenhofer.„ „Na, die Herrschaften möchten nich Musik machei, wiederholte Grete.„Um sieben haben sie»nr schon sausgellingelt unten von Rentiers. Er undste>u> lcho» alt, und die Tochter is nervenschwach, �sas en anständiges Haus is, da darf doch»ach Ze 1» "'äs so'n Radau mehr sein," setzte sie vorwurssvoll l»»zu und verschwand.. .„Also.Radau'- so so!" Ter Mge Mann lachte nervös.„Das ist ja sehr schmeichelhaft snr uns! Tein herrlicher Gesang— Nadan.'- 1 °ll." Er fuhr mit der Hand durch's. Lena streichelte ihn:„Aergere Dich nicht, Richai -- heute nicht, am ersten Morgen, heute mchl �. �inen Augenblick ließ er sich ihre Llebkosnng �lallen, dann schob er die Tasse zurück und spi'! w'l!„Ich lasse mir das nicht bieten, ich gehe zu kn Leuten hinunter; ich kann in meinem Ha» e nachen, was ich will! Ich— da klingelt e*., viel- If?)' haben sie sich wieder Z» beklage». Um Gottes- n' doch nicht etwa schon Besuch?" . Lena crröthcte, sie hatte draußen die Stimme ct Mutter erkannt. wurde geklopft. '.Herein!" f.,, u ��"f der Schwelle stand Frau Langen: sie lächelt. Se dabei Thränen in den Augen.md streckte d e im Wer Tochter aus. Als s.e Lena n.m U.'e. hatten sich glücklich die Thränen gelockert, ,>e "e» ihr jjber die Wangen. den,.'»achte ein bestürztes Gesicht— was I)eit r- weine»? Mit einer gewisten Besangen- wlf sie der Mutter ablegen. o- «mr,. r Ehemann trat unschlüssig»" 3»'.'"" St' Z°g hier an der Decke, rückte dort an e.m» gedi' Wotst stand er am Fenster»nd zerzupfte >»iitl,�l°s eine Hyazinthe. Er fühlte sich"> g' ®''cli dci diesen Thränen galiiicht am iblatz. eine Erkällnng steckte ihm in den Gliedern, Roman von Clara Viebig. kalt rieselte es ihm den Rücken herunter, und im Halse spürte er Brennen. Jetzt mußte er niesen und NUN husten. „Um Gotteswillen, Richard!" sagte Frau Langen erschrocken: es war das erste Btal heute, daß sie den Schlviegersohn direkt anredete.„Nimm Dich nur in Acht! Tu bist nicht allzu fest; wie schreck- lich für Lena, wenn Du gleich krank iviirdest!" „Warum soll ich denn krank werden?" Breden- hofer's Stimme klang imgediildig.„Liebe Rtauia, gerade um diese Jahreszeit haben sehr viele Menschen den Schnupfen. Uebrigens, lveim ich krank würde, wäre es Lena's schönste Pflicht, mich zu pflegen." Das Letzte sagte er herausfordernd, er ärgerte sich über seine Schwiegerninlter. „Ach, die Sorgen!" seufzte diese. Wenige Angenblicke herrschte nun Schweigen. Der junge Mann trommelte nervös auf die Fenster- scheiben, die junge Frau sah von Einem zum Anderen, eine gewisse Ilnrnhe hatte sich auch ihrer bemächtigt. Die Stube sah lveuig nach Freude aus, so im- endlich einfach im granen, nüchternen Tageslicht. „Wie hübsch die alten Möbel sich hier ans- nehmen!" meinte Frau Langen endlich, aber sie sagte es in einem gewissermaßen vorwurfsvollen Ton. „Ihr hättet eigentlich das Sopha nicht beziehen zu lassen brauchen, es lvar noch ganz gut. Aber wie Ihr wollt; junge Leute haben eben ihre eigenen Ansichten. Möchtet Ihr auf diesem Sopha so glück- liche Stunden verbringen, wie Dein verstorbener Pater und ich sie darauf verlebten, Lena!" Sie wischte sich die Augen.„Meine liebe Tochter, möchtest Du glücklich, recht glücklich werden!" Lena umarmte die Mutter; auch sie war be- ivegt. Ihr war heute merkwürdig iveich zu Sinn, ihr Herz klopfte erregt, und ohne Grund stiegen ihr ab und zu Thränen in die Augen; sie fühlte sich auf cinmal so wichtig, so verantwortungsvoll, und sie konnte sich einer gewissen Schwere, die auf ihr lag, nicht erwehren. Trauerte sie um entschwundene Mädchentage? Sie waren doch nicht alle so grau geivesen, wie sie gestern Abend gewähnt. „So,»iin wollen wir einmal in Deine Küche gehen," sagte Frau Langen,„Du niußl Dich doch ein Bischen kümmern." „Ach, Lena braucht sich nicht um die Küche zu kiiminern!" Bredenhofer tro...... elte stärker ans die Scheiben.„Dafür ist ja das Mädchen da. Ich will nicht, daß Lena mit erhitzten Backen am Koch- Herd steht oder sich sonst abrackert, das fördert nichts, schadet nur ihrer Stimme. Wenn sie erst eine be- rühmte Sängerin ist, bringt ihr ein einziger Lieder- abend tausendmal mehr ein, als ihi ganzes Wilch- schofteii im Hause. Und wenn ich mit meinem Buche .Robert Schnmann', halb Roman, halb Biographic, zu Ende bin, halte ich Lena noch ein zweites Mädchen; oder wir ziehen vielleicht in ein Hotel, dann ist sie den Hansstand ganz los." „Robert Schnmann?" Lena spitzte die Ohren. „Wie schön, o, Du schreibst über meinen Liebling! Davon wußte ich garnichts!" Sie klatschte in die Hände.„Robert Schnmann, Robert Schumann! Wann hast Du angefangen, bist Du schon weit?" „N— ein, noch nicht! Er siel mir gestern Abend ein, als Du sangst. Aber den Gedanken zu fassen ist die Hauptsache, die Ausführung kommt von selbst; besonders wenn man eine solche Schumann-Jnter- pretin zur Seite hat!" Er sah sie zärtlich an, kam vom Fenster auf sie zu und legte den Arm um ihre Taille.„Meine Lena, Du sollst Alles haben, was Tein Herz begehrt, wenn ich»nr erst—" „Wenn, wenn," unterbrach ihn die Schwieger- mntter.„Ja, mein lieber Sohn, da werdet Ihr aber sehr viel Geld brauchen, wenn Lena sich nicht nm den Hansstand kümmert. Blan kann auch dem besten Mädchen nicht Alles überlassen, und Eure sieht etwas unbescheiden ans; ich hätte sie nicht ge- micthet, ich sagte es ja auch, aber"— sie seufzte wieder—„junge Leute muß man gewähren lassen! Nur Ulli Eins möchte ich Dich bitten, Lenachen, schreibe bald an Deinen Bruder, heute womöglich noch! Fritz wird doch sehr Herdenken, und er be- nimmt sich so prächtig, so opferfreudig; Ihr dürft das nie vergessen, Kinderl" Bredenhofer räusperte sich ungeduldig, eine hcf- tige Eiltgegnnng wegen der Opferfreudigkcit des Schwagers schwebte ihm auf den Lippen. Er suchte Lena's Blick; sie hielt die Augen gesenkt, ein ge- dankenvoller, wie ihm schien, wehmüthiger Zug spielte um ihren Mund.„Gewiß, Mama," sagte er hastig, „Lena mag schreiben, meinetwegeii gleich jetzt. Da Lena den Bruder so über Alles zu stellen scheint, bin ich gewiß der Letzte, der ihr in dieser Beziehung etwas in den Weg legt." Ein bitteres Lächeln trat auf sein Gesicht und ein leises Bibriren in seine Stimme:„Da ich Lena ja auch so wenig bieten kann, ist es ganz klug, wenn sie sich an den Bruder hält." „Verständig, sehr verständig von Dir, mein lieber Sohn," sagte Frau Langen. Sie war ganz erleich- tcrt und der frohen Hoffninig voll, doch nach und nach ein gutes Verhältniß zwischen ihren Kindern herzustellen. Seit sich in der letzten Zeit so viel Widerwärtiges durch Lena's Verlobung zugetragen, war der Sohn entschieden in ihrer Liebe ausgerückt; er war so ruhig, so pflichttreu, sie empfand jeden seiner Briefe wie eine Erlösung. Er war doch nun einmal ihr Aeltester, das Haupt der Familie; es Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 74 war ihr ein Trost, eine Beruhigung, sich an ihn lehnen zn können. „Ja, Fritz ist ein außerordentlicher Mensch," nickte sie.„Es freut mich sehr, daß Tu das ein- siehst, lieber Richard!" Lena sah rasch auf, ihr Mann hatte eine nn- tvillkiirliche Bewegung gemacht,- sie faßte nach seiner Hand, sie hatte die Bitterkeit, das Bibriren in seinem Ton wohl herausgehört. Es war unglaublich von der Mutter, dies peinliche Thema zn berühren! „Bhitter," sie hob den Kopf mit eineni gewissen Trotz,„ich glaube kaum, daß ich heut' zum Schreiben an Fritz komme. Es hat ja auch gar keine Eile!" „Aber, Lena!" Frau Langen fiel aus allen Himmeln.„Dein Herz treibt Dich nicht dazu? Dann freilich—!" „Schreibe mir, schreibe!" Bredenhofer zog die Hand aus der seiner Frau und fuhr sich durch's Haar.„Schreibe sofort!" Nun war auch der Btutter der gereizte Ton aufgefallen, sie wollte begütigen und wußte doch nicht recht, wie. Verdutzt sah sie von der Tochter auf den Schwiegersohn, vom Schwiegersohn auf die Tochter. Ein peinliches Schweigen zwischen den drei Personen. Der Ton der Klingel fuhr wie eine Erlösung dazwischen. „Besuch?" Frau Langen griff rasch nach ihren Sachen.„Da will ich nicht stören!" Sie machte Miene, durch die andere Thür zu verschwinden. Das war gewiß Jemand von der Familie, von Allensteins! Sie hatte nicht Lust, mit denen zusammenzutreffen, das Verhältnis war doch etwas gespannt. „Miltter, bleibe doch!" Lena hing sich an sie und ließ sie nicht fort; ihr graute plötzlich vor der Schwägerin, es war ihr eine Stütze, die Mutter neben sich zu haben. Bredenhofer war zur Thür geeilt; eben riß Grete sie auf in der ihr eigenthiimlich forschen Manier:„Frau Doktor Allenstein!" Susanne rauschte über die Schwelle, sehr elegant gekleidet, einen mächtigen Blumenstrauß vor sich her streckend.„Ich gratnlire, ich gratnlire," sagte sie mit forcirt fröhlicher Stimme,„alles Gute im neuen Heim! Liebe Lena"— sie küßte die junge Frau flüchtig auf die Wange, kalt wie Eis waren ihre Lippen—„lieber Richard!" „Susanne, wie reizend von Dir! Liebe Susi!" Er küßte die Schwester mit besonderer Zärtlichkeit. „Ich wollte doch Euer erster Besuch sein, drum— ah!" Frau Allenstein hatte die Schwiegermutter erblickt, sie versank in eine förmliche Verbeugung— „Gnädige Frau!" Ebenso steif grüßte Frau Langen wieder; wie unangenehm, nicht einmal eine Viertelstunde mit der Tochter allein sein zu können! Man reichte sich die Fingerspitzen. Lena hatte die Mutter kaum je so zurückhaltend gesehen; sie hatte keine Ahnung, daß gestern, nachdem sie mit Richard die Hochzeitstafel verlassen, noch manche anzügliche Bemerkung gefallen war. Das Verhältnis; der Familien war entschieden nicht ge- bessert. Ihr wurde heiß und kalt; im Augenblick fiel ihr auch garnichts ein, was sie hätte sagen können, nicht das geringste Harmlose. So sagte sie nur:„Bitte, Susanne, nimm Platz!" Sie selbst setzte sich steif hin. Frau Langen und Frau Allenstein hatten auf dem Sopha Platz genommen; sie waren Beide nicht umfangreich, so dünn jedoch auch nicht, daß solche Lücke zwischen ihnen zu sein brauchte. „Ist Ihnen der gestrige Tag gut bekommen, gnädige Frau?" fragte Susanne und kniff dann die Lippen zusammen, als fürchte sie, schon zu ver- kindlich gewesen zu sein. „O ja. Und Ihnen?" „Danke, ebenfalls leidlich." „Das freut mich." Sie neigten stninm die Köpfe gegen einander. Das war ja eine reizende Unterhaltung. Vor Lena's Augen wurde es dunkel, so war ihr das Blut zu Kopf geschossen. Es zuckte ihr in den Fingern, sie hätte aufspringen, der Schwägerin den Strauß ans den Händen reißen und vor die Füße werfen mögen:„Da, behalt' Dir Deine Blumen! Jedes Deiner kalten Worte, Dein gezwungenes Lächeln stößt mir das Herz ab!" Als hätte Frau Allenstein diese Gedanken errathen, so wendete sie sich jetzt ganz an den Bruder:„Mein lieber Richard, nimm diese Blumen als Zeichen meiner Wünsche! Du weißt, wie ich's mit Dir meine." Ihre Stimme wurde merkwürdig weich, und ihre Augen glänzten feucht.„Mein geliebter Richard, möchtest Du immer glücklich sein, möchte jede Ent- täuschung Dir erspart bleiben!" Von einein Seufzer begleitet, klangen diese Worte ahnungsschwer. Lena und ihre Mutter wechselten rasch einen Blick. Frau Langen's feines Gesicht röthete sich vor llnmuth, sie war in der Tochter Seele hinein be- leidigt. Sie erhob sich plötzlich.„Es ist jetzt wirklich Zeit, daß ich gehe!" Bredenhofer hielt sie nicht zurück, auch Lena nicht; diese ungemüthliche, geschraubte Situation war wirklich kaum zu ertragen. Sie gab der Mutter das Geleit; draußen im Korridor flüsterte Frau Langen:„Diese unangenehme, gräßliche Frau! Adieu, mein liebes, mein liebes Kind!" Sie küßte die Tochter wiederholt; und dann, schon im Hinausgehen:„Ich kann und mag wirklich nicht wiederkommen, wenn die Allenstein da ist; laß mich's lieber vorher wissen. Adieu, mein Kind!" Roch ein Kuß.„Adieu, mein liebes Kind!" Wieder ein Kuß, und dann war sie fort. Lena stand einen Augenblick im dunklen Gang und besann sich. Der mitleidsvolle Ton der Mutter hatte ihr wohl gethan und weh zugleich. War sie denn beniitleidenswerth? Nicht glücklich, glücklich über alle Maßen? Sie rieb sich mit zwei Fingern die Stirn über der Nasenwurzel; die kleine böse Falte niußte weg, die sich da einnisten wollte. Langsam trat sie in die Stube zurück. Da saß jetzt Richard neben der Schwester auf dem Sopha, hatte den rechten Arm um sie gelegt, den linken streckte er nach Lena aus.„Komin, meine Geliebte, meine süße Frau." Susanne lächelte und drohte mit dem Finger: „Ei, ei, so verliebt!" Sollte das malitiös sein? Lena, die gern, ach so gern, dem Ruf ihres Mannes folgen wollte, hielt sich zurück.„Laß nur, Richard," sagte sie mit einer angenommenen Gleichgültigkeit, die ihr nicht stand. Vor Der da die zärtlichsten Gefühle bloslegen? Nein! Ihr weiches Gesicht wurde ernst und streng. Bredenhofer schien die Verstimmung seiner Frau weiter nicht zu bemerken, er beschäftigte sich ange- legentlich mit der Schwester. Jetzt, an diesem großen Wendepunkt seines Lebens, fühlte er doch, wie fest das Band war, das ihn mit ihr verknüpfte. Es war ihm so natürlich, sie an seinem Glücke theil- nehmen zu lassen. „Hat er denn ganz vergessen, was vorgegangen ist, wie sie sich benommen hat?" fragte sich Lena mit Bitterkeit. Richard plauderte und plauderte, und Frau Allen- stein hörte zu, ein erzwungenes Lächeln auf den Lippen. So schien es wenigstens Lena. „Nun muß Susanne aber unser ganzes Heim sehen," rief der Ahnungslose endlich fröhlich.„Herz- chen," er nickte seiner jungen Frau zu,„zeige Su- sänne Deinen Wäscheschrank und Deine Küchen- geheimnisse, sie kann Dir manchen guten Rath geben. Liebe Susi, hier ist unser Wohnzimmer, und siehst Du, hier"— Er führte die Schwester am Arm m's Nebenzimmer, seine Stimme verklang hinter der Thür. Langsam folgte Lena; sie hatte gar keine Lust, sie fühlte Widerwillen, der Schwägerin Alles zu zeigen.„Laß Dir nur nicht in Jedes hineingucken," hatte die Mutter gesagt,„das thnt nicht gut." Richtig, da hatte doch Richard wirklich schon den Schrank im Eßzimmer aufgerissen und zerrte die Gedecke und das andere Leinenzeug hervor! Er strahlte vor Freude, und Frau Allenstein stand dabei, das langgestielte Lorgnon vor die Augen haltend. „Ist das nicht reizend? Findest Du nicht auch, daß wir Alles sehr schön haben?" fragte er sie jeden Augenblick. Ein ungeheurer Stolz, die erste große Freude leuchtete ans seinen Augen. „O ja, o ja," nickte Frau Allenstein,„sehr nett! Liebe Lena, wirst Du Dich denn aber hier zurecht- finden? Du hast Dich doch nie mit dergleichen be- schäftigt. Na, so viel ist's ja nicht! Wißt Ihr aber, Kinder, was Euch noch noth thut? Ihr habt nur ein Gedeck zu zwölf Personen; wenn Ihr auch keine Gesellschaften geben werdet, das ist doch zu wenig. Erlaube, liebe Lena"— sie wendete sich mit wohl- wollender Miene zu der jungen Frau—„daß ich Dir noch eins von mir zur Verfügung stelle, lind zweimal Bettwäsche kannst Du auch noch bekommen. Kind, Kind, zerknittere doch die Servietten nicht so — halt!" Sie legte ihre Hand auf Lena's Arm. Diese hatte mit zuckenden Fingern das blaue Band, mit dem ein Stoß Servietten zusammen- gebunden war, auf- und zugeknöpft. Sie hatte eine nervöse Unruhe, sie mußte etwas zwischen den Fingern fühlen. „O, Susi, Du bist zu gut," sagte Richard und küßte der Sckstvester die Hand.„Aber findest Du denn nicht, daß wir Alles sehr reichlich haben?" setzte er fast angstvoll hinzu. Man sah's Frau Allenstein an, sie wollte nicht verletzen; es war ihr peinlich.„O, es genügt vor der Hand vollkommen," sagte sie ausweichend. Richard's strahlende Miene hatte sich umzogen, seine Ssimme klang herabgedrückt:„Ja, Du hast Recht, man versteht's eben nicht, wir müßten ent- schieden mehr haben." Er sah Lena an, ihr glänz- loser Blick fiel ihm auf.„Ist Dir etwas, mein süßes Liebchen? Entschuldige, Susanne"— er schob die Schwester bei Seite—„aber Lena ist müde. Bist Du müde, Lena, mein Engel?" „Wovon?" fragte sie mit blassen Lippen.„Ich bitte, Susanne, komm weiter!" Sie öffnete die Thiir zum dritten Zimmer. „Hier schlafen wir, und da geht es auf den Korridor zur Küche." Sie gingen weiter; Frau Allenstein war ent- schieden guter Stimmung, die wieder vorbrechende Innigkeit des Bruders stimmte sie weich. Lena zeigte Alles; mit einer müden Gleich- gültigkeit zog sie jeden Schub auf und stieß ihn wieder zu. Das interessirte sie Alles so herzlich wenig, und sie niußte doch so thun; am liebsten hätte sie sich da auf den Küchenschemel gesetzt, auf dein jetzt Grete saß und Kartoffeln schälte, und hätte geweint wie ein Kind. Warum eigentlich nur? Das undefinirbare Parfüm, das Frau Allenstein an sich hatte, reizte ihr die Nerven. Wie ihr Nlann, ihr Richard, mit der Schwester sprach! Das machte sie ganz krank. Immer fügte er sich deren energischer Meinung mit einer Geschmeidigkeit, die ihr mißfiel. Als Frau Allenstein das Mädchen unterwies, die Kartoffeln nicht zu dick zu schälen, fuhr auch der junge Hausherr Gretchen an. Das Mädchen machte ein Gesicht und suchte mit Lena einen Blick zu wechseln. Das gelang ihr nicht! mit offenen Augen, ohne zu sehen, ging Jene umher. Endlich entschloß sich Susanne zum Abschied! da sie in der Theorie eine vorzügliche Hausfrau war und jetzt, am Schlüsse der Saison, nicht mehr täglich Gesellschaften in Aussicht hatte, versprach sie, recht oft zu kommen, um Lena hülfreich zur Seite zu sein. Im Eifer, dem Bruder beizustehen, vergab sie ganz die eigene schwache Konstitution. Sie um- armte den Bruder und küßte auch Lena. Ihr Schritt verhallte auf der Treppe. Richard hielt noch die Korridorthür offen und sah ihr nach. Als er sich umwandte, lehnte Lena an der Wand, im verdunkelten Flur konnte er ihr Gesicht nichl genau erkennen. „Lena, mein Liebling," er breitete die Arwe nach ihr aus,„endlich sind wir wieder allein!" Sie wich ihm aus und ging vor ihm her in die Stube. Er ihr nach— was hatte sie? Da kauerte sie auf dem drehbaren Stuhl vor ihrem Flügel, hatte die Ellbogen auf die Klaviatiff gestemmt, daß die mißhandelten Tasten dumpl wimmerten, und drückte das Gesicht in die Hände- Im Augenblick war er bei ihr, in überströmender Zärtlichkeit rief er ihren Namen; er war zu Tode erschrocken. Wie ein Kind, das sich fürchtet, umklammerte Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 7 b sie ihn jetzt und versteckte ihr Gesicht an seinem Halse. „O, ich mag sie nicht," schluchzte sie,„ich mag sie garnicht! Wie soll das werden? Sie macht mich krank, sie lähmt mich; ich fühlte, wie sie mir hier in- wendig Alles knickt." Sie schluchzte stärker. „O, meine Lena, mein Liebling!" Er küßte ihr die Hände und streichelte ihr die verwirrten Löckchen.„Was willst Du denn? Was soll ich thun, was willst Du?" „Und Tu hörst so auf sie— meinen Wäsche- schrank kramt sie durch, sie thut, als ob sie hier zu kommandiren hätte— Du läßt Dir Alles gefallen. Da war Amalie noch viel besser!" „Lena," sagte er streng und erschrak doch zugleich über seinen eigenen Ton; der war auch übel an- gebracht. Bleich stand sie auf, ihre Thränen waren ver- siegt.„Da siehst Du's schon, sie tritt zwischen mich und Dich!" „Das wäre!" Er starrte sie fassungslos an. »Lena, Unsinn! Sei wieder gut und lieb zu mir — o sich mich an!" Sie drehte ihm den Rücken; er sollte nicht sehen, wie es in ihrem Gesicht zuckte und kämpfte, sie schämte sich, daß die Thränen wiederkamen und heiß über ihre Wangen rollten. „Lena!" Keine Antwort. _ Ihre starren Augen bohrten sich in den einen gleichgültigen Fleck auf der Diele ein— was mochte das fjir ein Fleck sein? Wie war er entstanden, dunkel und rund? Fett, Tinte? Hinter ihrem Rücken raschelte es. Nun sah sie »ch doch um, es war wie Stöhnen an ihr Ohr gedrungen. Ihr Mann saß auf dem Klavierstnhl, auf dem sie eben gesessen; auch er hatte das Gesicht m die Hände gelegt. Er war traurig. Ein heißes �ugstgefiihl durchschoß sie— was hatte sie gethan, Zürnte er? „O Richard, sei mir nicht böse!" Weinend fiel »e ihm um den Hüls.„O sei mir gut!" „Ich bin es— Geliebte, Einzige!" „Kannst Du mir verzeihen?" „Verzeih' Du mir!" �„Ach, Richard, es war so schrecklich— Susanne, Susanne!"— Sie zitterte und schmiegte sich fester an ihn. „Ja, Du hast Recht! Ich werde es Susanne sagen, einmischen darf sie sich nicht. Kein Mensch .arf sich einmischen!" Seine Stimme steigerte sich 111 Trotz.„Wir brauchen nichts von der Welt, "'ögen sie Alle bleiben! Nur Du und ich." Sie küßte ihn. „Bist Du glücklich, Lena?" „Ueber alle Maßen!" . Ihre zarten Lippen preßten sich ans die seinen rinem langen, nicht endenwollenden Kuß. Er umschlang sie fest mit beiden Armen:„Du "sit mein Himmel, meine Seligkeit! Liebst Du mich?" „Bis in den Tod!"— Kein Laut weiter. Sie sahen sich nicht um. Ter Himmel grau, so grau, verhangener mit icder Minute; ein langes, schwarzes Wolkengebilde aran, das spreizte zerfetzte Flügel. Es drohte, es �sichte vorüber, vom heulenden Winde gepeitscht; I"1 langer Schatten fiel auf's Fenster, daß die �tube düsterer wurde. .„Bis in den Tod," flüsterte er und hielt sein langes Wxjb cm's Herz gepreßt. ...„Bis in den Tod," flüsterte sie mit lächelnden 'Üben und schauerte doch dabei; wie mit kalter -and war's ihr über's Gesicht gestrichen. (Forlsetzung folgt.) « —»-s- Schnitzet.•«-«— Keiner der Eiiizelmenschen ist ermächtigt, die atlon als Ganzes zu repräsentireu. Blunischil. de» die Kriegs kommission trat ich nur ein, um Fnianzen durch die Kriegskasse aufzuhelfen, weil da Griten Ersparnisse zu niachen ivarm.«oeihe. Kkil'qlltsstn unil Witraliväjser. Von Heinrich Remagen. JX eilquellen oder Gesundbrunnen nennen wir M diejenigen wässerigen Quellen, die solche lA mineralische oder gasartige Stoffe enthalten, oder die mit einer so hohen Temperatur zu Tage kommen, daß sie um des eine» oder beider Gründe willen zum Zwecke der Krankenbehandlung benutzt werden. Diese Benutzung, wenigstens als Bäder, ist sehr alt und verliert sich im Dunkel der Geschichte. Schon Herodot, Pausanias und Strabo nennen einzelne solche Heilquellen in Griechenland, so die Erasinosquelle bei Argos, die hochberühmte Kassotis bei Delphi und die Kastalia bei Akrokorinth. Un- bekannt aber ist geblieben, wodurch zuerst die Auf- merlsamkeit ans die Heilkraft dieser Quellen gelenkt wurde. Möglich, daß die Unabhängigkeit ihrer Temperatur von den sie umgebenden Medien, der cigenthümliche Geschmack und Geruch, das Aussteigen von Gasen in Form von Blasen oder endlich der Zusammenhang mit großartigen Naturerscheinungen die Aufmerksamkeit in erster Reihe auf sie zogen, oder daß die erste Heilung von Menschen oder Thieren eine zufällige war. Von dem Leben und Treiben in den griechischen Bädern wird uns gleichfalls nichts berichtet. Auch über das Leben in den altrömischen Bädern fließen die Quellen spärlich. Da sie aber den Satirikern Juvenal, Martial und Anderen Stoff zu Epigrammen geboten haben, können wir uns denken, daß der daselbst getriebene Luxus ebenso vielseitig und rafsinirt gewesen, wie heutzutage. Speziell erwähnt finden wir, daß besorgte Mütter ihre erwachsenen Töchter schon damals in die Bäder führten, um sie recht bald des ehelichen Glückes theilhaftig werden zu lassen. Wie die Römer Alles mit Energie anfassen und in Bezug ans die Großartigkeit und Massen- haftigkeit ihrer Anlagen schon etwas vom modernen Geist an sich hatten, so erbauten sie auch überall, wohin sie ihre siegreichen Adler trugen, nicht blos die prachtvollsten Marmorbäder für Waschungen, sondern benutzten auch die entdeckten Mineralquellen auf's Eiftigste. Ihre Hauptquellen befanden sich zwar in Oberitalien und Gallien, aber auch schon Aachen, Mehadia in Thrakien(Siebenbürgen) und vielleicht auch schon Maidling waren römische Bäder. Mit dem Verfalle der römischen Herrschaft, mit dem Hereinbrechen der gernianischen Völker in die römische Welt verödeten freilich auch diese Sammel- Plätze der„eleganten Welt", und in den unsicheren Zeiten, unter dem Getöse der Waffen war keine Zeit für Liebesintriguen. Deshalb sehen wir auch mit dem Abtreten der Römer vom Schauplatze der Geschichte ihre Bäder verschwinden, und nur wenige in den Museen aüfbewahrte Marmorbeckcn und Grauitvasen sind Zeugen ihrer vergangenen Pracht. Die germanischen Völker in ihrer ungeschwächten Kraft konnten den Tand nicht würdigen und plün- derten die kostbarsten Kunstwerke. Was sollten ihnen diese Geräthschaften einer bis zum Krankhaften gesteigerten Weichlichkeit und Ueppigkeit? Sie waren ja nie krank, und das Schlimmste, die Wunden, sie wurden mit etlichen Kräutern behandelt. Erst das späte Mittelalter, als die Germanen schon lange in unbestrittenem Besitz ihrer Länder waren, erinnerte sich auch der Heilquellen und ihrer wohlthätigen Wirkungen, und da waren es Vorzugs- weise Spaa, Aachen und Wildbad, die sich eines, für jene Zeiten der größten Unsicherheit und des Mangels guter Straßen bedeutenden Besuches zu erfreuen hatten. Dürftig genug mag es in den Bädern damals ausgesehen haben, selbst der noth- wendigsten Bequemlichkeit und Vorrichtungen mögen sie bar gewesen sein. Wie daher erst die Wissenschaft unserer Zeit, die Chemie, durch Untersuchung der heute ungeheuer zahlreichen Heilquellen aus ihre Bestandtheile den Gebrauch derselben wissenschaftlich begründet hat, so war es auch der Neuzeit vorbehalten, den Bädern zu ihrem Glänze zu verhelfen und ihnen eine Be- deutung zu geben, die selbst nicht immer durch ihren medizinischen Werth gerechtfertigt wird, sondern häufig weit mehr in ihrer Lage, wie in sonstigen Verhält- nissen zu suchen ist. Der Charlatanismus, der Humbug hat ja auf dem Gebiete der Heilknnst ganz eigentlich seine Domäne, und die Marktschreierei hinsichtlich der Bäder insbesondere kann nicht besser und schärfer gegeißelt werden, als dies in der Schrift geschehen, die 1861 zu Frankfurt a. M. unter dem Titel erschien:„Ter Badeort Salzloch, seine jod-, brom-, eisen- und salzhaltigen Schwefelquellen und die tanninsanren, animalischen Luftbäder, nebst einer Apologie des Hazardspiels von Dr. Polycarpns Gast- henger, fürstlich schnackenbergischem Medizinalrathe und Brunnenarzte, Mitglied der aqnatischen Gesellschaft, des deutschen Donche-Vercins, des Kasinos und des Kegelklubs zu Schnackenberg, sowie vieler anderer gelehrter Gesellschaften Korrespondirendem und Ehrenmitgliede usw." Der zuerst auffallende allgemeinste Unterschied der Heilquellen von den gewöhnlichen Quellen ist ihre oft weit höhere Temperatur, die im Ganze» von der Tiefe abhängig ist, aus der sie ihren Laus zur Erdoberfläche nehmen. Als Mittelwerth ans sehr vielen Beobachtungen erhält man das Resultat, daß in den mittleren Brcitegraden bei einer Tiefe von etwa 100 Fuß eine gleiche Temperatur von 8 Grad Reaumur ist und daß um je 120 Fuß Tiefe die natürliche Wärme der Erde und der die- selbe durchdringenden Quellen um je 1 Grad zu- nimmt. Demnach würde der Ursprung der sehr heißen Quellen— wie die von Burtscheid, die Mühlenbadqiielle und der Karlsbader Sprudel— in einer Tiefe bis zu 7000 Fuß zu suchen sein. Die Art der fixen Ouellenbestandtheile hat ans die Temperatur gar keinen Einfluß, denn man findet sowohl ftoffrciche, als auch-arme Quellen mit nahezu derselben Zusammensetzung, die dennoch die äußersten Grenzen der vorkommenden Temperaturen erreichen. Den Inhalt an fixen Bestandtheilen verdanken die Quellen einem einfachen Anslaugnngsprozcsse, der unter Mitwirkung von Wärme und Kohlensäure unter einem oft ziemlich hohen Drucke vor sich geht und mit letztgenannten Unterstützungsmitteln im Stande ist, Gesteine zu zerbröckeln und zu lösen, die wir unter gewöhnlichen Verhältnissen als un- löslich bezeichnen. Den Beweis, daß diese Ansicht die richtige ist, lieferte Dr. Friedrich Adolf August Struve(geboren am 9. Mai 1781 zu Neustadt bei Stolpen iu Sachsen, gestorben am 29.Sepember 1840 zu Berlin), der unter Nachahmung der in Wirklichkeit obwaltenden Umstände aus dem von den betreffenden Quellen dnrchflossenen Gestein fast ganz gleiche Mineral- wasser extrahirte. Schon im Jahre 1560 versuchte Thnrneißer, künstliche Mineralwässer herzustellen. Seine Ber- suche führten indessen ebenso wie die späteren von Hoffmann(1685) und Groffroy(1724) zu keinem Resultat. Es war dies auch garnicht anders möglich, denn an eine künstliche Nachbildung irgend eines Stoffes kann ja nicht eher gedacht werden, als bis man die Natur des Stoffes kennt. In jenen Zeiten aber und bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts war eben die chemische Wissenschaft noch ein so iinbestimnites Chaos von Vorstellungen aller Art, und namentlich stand die chemische Analyse noch so sehr in ihrer Kindheit, daß eine richtige Analyse eines Mineralwassers geradezu zu den Unmöglichkeiten gehörte. Was daher vor Stnwe ans dem Gebiete der Mineralwässer bereits geleistet wurde, datirt aus den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts. Struve dagegen erzielte zuerst eine praktische Voll- cndung der Darstcllungsmethode, errichtete auch im Jahre 1815 in Dresden die erste größere Fabrik zur Darstellung künstlicher Wässer. Ihm gebührt also unstreitig das größte Verdienst ans diesem Ge- biete, und nach seinem Vorgange wurden denn auch nach und nach in den größten Städten Deutschlands BUneralwasseranstalten errichtet, die großentheils Zweiganstalten des ersten Strnve'schen Etablisse- ments Ware». Bei dem Unistande, daß nicht alle Gegenden mit � heilkräftigen Quellen gesegnet sind und nur wenige Kranke sich in der glücklichen Lage befinden, 76 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. nach dcin betreffenden Gesundbrunnen reisen und dort eine Kur gebrauchen zu können, ist der Sieg der Wissenschaft durch die künstliche Bereitung der Mineralwässer ein erfreulicher Fortschritt. Zugleich ist dadurch ein außerordentlich ausgebreiteter Jndu- striezweig von großer Bedeutung geschaffen worden. Zwar werden die Wässer vieler natürlicher Quellen auch in Flaschen gefüllt versandt, und dies war in früheren Zeiten das einzige Mittel, um auch ferner wohnenden Patienten die Wohlthat der Mineral- Wasserkur angedeihen zu lassen. Allein im Vergleich nnt diesen versandten natürlichen Wässern haben die künstlichen— vorausgesetzt, daß sie in ihrer Zu- sammeufetzung vollendet sind— einen unzweisel- haften Vorzug. Sobald nämlich die natürliche Quelle aus der Erde tritt, kommt sie mit der Luft in Be- rührung und verliert sofort an ihrer Beschaffenheit, namentlich durch Entweichen von Kohlensäure. Das hat aber meistens eine baldige Ausscheidung anderer Bestandtheile zur Folge, so daß die Zusammensetzung gleichfalls eine andere wird. Daher müssen Kur- gäste das Wasser vorschriftsmäßig so trinken, wie es eben ans dem Erdboden hervortritt. Beim Füllen kann mau aber immer nur solches Wasser nehmen, das schon mit der Luft in Berührung gewesen ist und daher einen Anstoß zu der bald eintretenden Veränderung erlitten hat. Dies ist bei den künst- licheii Wässern durchaus nicht der Fall. Dieselben werden unmittelbar nach ihrer Fabrikation sofort in Flaschen gefüllt, ohne auch nur im Geringsten mit der Luft in Berührung zu kommen, und daher fällt jede Ursache einer später auftretenden Verände- ruilg weg. Trotzdem ist im medizinischen wie nichtmedizi- nischen Publikum vielfach darüber gestritten worden, ob die künstlichen Mineralwässer den natürlichen gleichzusetzen seien, und wie überall, so haben sich auch hier zwei extreme Ansichten geltend gemacht. Die Einen behaupteten, ein künstliches Wasser könne niemals mit einem natürlichen auf die gleiche Stufe gestellt werden; zu diesen gehörten und gehören auch zum Thcil noch jetzt hauptsächlich die Brunnen- ärzte. Die Anderen dagegen stellten die Wirkungen der künstlichen Wässer nicht nur völlig gleich, sondern behaupteten sogar, daß erstere vorzuziehen seien. Die Wahrheit liegt in der Mitte. Ein künst- liches Wasser, das in seinen Bestandtheilen voll- kommen dem natürlichen gleicht, so daß beide auch nicht die geringsten Verschiedenheiten in ihrer Zn- saminensetzung zeigen, muß selbstverständlich auch dem natürlichen vollkommen gleichzusetzen sein. Jede Ver- schiedeuheit einer Zusammensetzung dagegen bedingt auch eine Verschiedenheit des Produkts. Betrifft diese Verschiedenheit wesentliche und wirksame Be- standtheile, so wird auch die Wirkung beider Wässer eine verschiedene sein; schwankt jedoch nur der Gehalt an unwesentlichen Bestandtheilen(und deren giebt es in jedem Waffer), so kann füglich von einer eigentlichen Grundverschiedenheit beider Produkte auch nicht geredet werden. Nur deshalb können die künstlichen Mineralwässer nicht in allen Fällen die- selben Dienste leisten, wie der Gebrauch der natür- lichen an der Quelle, weil die Veränderung des Aufenthaltes, wie der gewohnten Lebensweise und die Zerstreuung der Reise bei vielen Kranken höchst wichtig sind. Bei der Auswahl der dem einzelnen Krankheits- falle entsprechenden Quelle ist nicht nur aus das vorliegende Leiden, sondern auch auf die Konstitution des Kranken Rücksicht zn nehmen, auf die Neigung wichtiger Organe zu Erkrankungen. Durch den Gebrauch der Mineralwässer werden hauptsächlich der Verdauungsapparat, die Nieren, Haut und Lungen in Anspruch genommen; es ist deshalb wohl zu er- wäge», ob etwa bestehende krankhafte Zustände den Gebrauch des einen oder des anderen Wassers wider- ratheu. Zuweilen kann es sogar nothwendig werden, eine Vorbereitungsknr einzuleiten, theils um bestehende, einer Rtineralwasserkur hinderliche Zustände zu heben, theils um die Wirkung des Wassers rascher und sicherer zu gewinnen.— Sa'i'djah und Adinda. Ein Roman aus dem Volbslrben in Niederländisch- Ostindien. (Schluß.)- fr kam an Pising, wo vor vielen Jahren Have- laar gewohnt hatte, vorbei. Aber das wußte Saidjah nicht. Und wenn er es auch gewußt hätte, so waren es doch ganz andere Gedanken, die ihn beschäftigten. Er zählte die Schätze, die er mit nach Hause brachte. In einer Bambusrolle hatte er seinen Paß und seinen Führungsschein. In einem Köcher, der an einem ledernen Riemen befestigt war, schien etwas Schweres fortwährend gegen seine Schulter zn baumeln, aber das fühlte er gern. Man kann sich's denken: In dem Köcher waren dreißig spanische Thaler! Für dieses Geld konnte er wohl drei Büffel kaufen. Was würde Adinda wohl sagen? Und das war noch nicht Alles. Aus seinem Rücken sah man die mit Silber gearbeitete Scheide eines Kris, den er im Gürtel trug. Ter Griff muß wohl ans fein beschnittenem Kamoening- holz gewesen sein, denn er hatte ihn sorgfältig in eine seidene Hülle eingewickelt. Und er besaß noch mehr Schätze. Im Wulst seines Lendenkittcls be- wahrte er einen Leibgürtel aus breiten, silbernen Gliedern mit goldener Spange. Der Gürtel war zwar kurz, aber sie war auch so schlank... Adinda! Und an einer dünnen Schnur um den Hals trug er auf der Brust einen kleinen silbernen Beutel, in dem sich einige trockene Melattiblumen befanden. War es ein Wunder, daß er sich in Tangerang nicht länger aufhielt, als er brauchte, um den Be- kannten seines Vaters, der so feine Strohhüte flechten konnte, zu besuchen? War es ein Wunder, daß er wenig mit den Ätädchen sprach, denen er begegnete, und die ihn fragten:„Wohin, woher?", wie der Gruß in dieser Gegend ist? Daß er sich nicht mehr im Busch verkroch, wie vor drei Jahren, als der Resident vorbeigefahren kam, er, der den viel größeren Herrn gesehen hatte, der in Buitenzorg wohnt? Ist es zu verwundern, daß er wenig Acht gab ans die Erzählungen Derer, die eine Strecke mit ihm gingen und von den Bantan-Kidoel'schen Neuigkeiten sprachen? Daß er kaum zuhörte, als man ihm erzählte, daß der Bezirksvcrwalter Parang-Koedjang's wegen Raubes am öffentlichen Wege zu vierzehn Tagen Arrest im Hanse seines Schwiegervaters verurtheilt sei? Daß ein neuer Adsistent-Resident gekommen, weil der vorige vor einigen Monate» gestorben sei? Wie der neue Beamte in der ersten Sabah-Versammlung ge- sprachen habe? Wie seit einiger Zeit Niemand wegen Klage-Erhebung bestraft sei, und wie die Bevölkerung hoffe, daß alles Gestohlene zurückgegeben oder ver- gütet werden würde? Ihm schwebten schönere Bilder vor. Er suchte den Ketapanbaum in den Wolken, weil er noch zu weit entfernt war, um ihn bei Badoer suchen zu können. Er griff nach der Luft, die ihn umgab, als wollte er die Gestalt, die nnter dem Baum seiner warten würde, umklammern. Er zeichnete sich Adinda's Gesicht, ihren Kopf, ihre Schultern. Er sah das glänzend schwarze Haar, er sah ihr großes Auge, das in dunklem Wieder- schein funkelte, die Nasenflügel, die sie als Kind so stolz bewegte, wenn er— wie war es möglich— sie neckte, und den Mundwinkel, worin sie das süßeste Lächeln bewahrte. Er sah ihren Busen, der jetzt schwellen würde unter der Blouse... er sah wie das Kleid, das sie selber gewebt, ihre Hüften eng umschloß und, vom Schenkel herunter in gebogener Linie, längs dem Knie in herrlichem Fluß ans den kleinen Fuß herniederfiel... Endlich sah er den Ketapan. Oder vielmehr, er sah einen dunklen Fleck, den viele Sterne vor seinem Auge bedeckten. Das mußte der Djatibnsch sein, bei dem Baum, wo er Adinda am nächsten Tage nach Sonnenaufgang wiedersehen würde. Er suchte im Dunkeln und belastete viele Stänime. Bald fand er eine bekannte unebene Stelle an der südlichen Seite eines Baumes, und er legte den Finger in den Spalt, den Si-pa»teh in den Baum gehauen hatte, um den bösen Bannigeist zu be- schwören, der den Zahnschmerz seiner Multer verursacht hatte. Das war der Ketapan, den er suchte. Ja, das war der Platz, wo er Adinda zuerst anders als die übrigen Mädchen angesehen, als sie dort nicht an einem Spiel hatte theilnehmen wollen, das sie kurz vorher noch mit all' den Kindern gespielt... Dort hatte sie ihm die Melattiblumen gegeben. Er setzte sich an den Fuß des Baumes nieder und sah zu den Sternen empor. Und so oft einer fiel, betrachtete er das als einen Gruß zu seiner Rückkehr nach Badoer. Und er dachte: ob Adinda jetzt schläft? Und ob sie die Monde gut in den Reis- block eingeschnitten hat? Es würde ihn sehr schmerzen, wenn sie einen Mond vergessen hätte, als ob er noch nicht laug genug wäre... sechsunddreißig! Und ob sie schöne Kleider gemacht hat? Und er fragte sich auch, wer wohl im Hanse seines Vaters wohnte? Er erinnerte sich seiner Jugend und seiner Mutter, und des Büffels, der ihn vor dem Tiger gerettet, und er dachte, was wäre wohl aus Adinda geworden, wenn dieser Büffel weniger treu gewesen? Er achtete genau auf das Untergehen der Sterne, und jedes Mal, wenn ein Stern am Horizont ver- schwnnden war, berechnete er, daß die Sonne wieder näher am Aufgang im Osten, und er selber näher am Wiedersehen seiner Adinda war. Sie würde beim ersten Sonnenstrahl unbedingt kommen, ja, schon in der Dämmerung würde sie da sein..- Ach, warum war sie nicht schon am Tage vorher gekommen? Es schmerzte ihn, daß sie den Augen- blick, der ihm Jahre lang die Seele mit unbeschreiblichem Glänze erhellt hatte, nicht hatte schneller herbei- führen wollen. Und, ungerecht wie er in der Selbst- sucht seiner Liebe war, kam es ihm vor, als hätte Adinda schon vorher dort sein müssen, während er sich jetzt darüber beklagte, daß er auf sie warten mußte. Aber er hatte Unrecht, denn die Sonne war noch nicht aufgegangen. Die Sterne droben verbliche» zwar, beschämt, weil ihre Herrschaft bald ein Ende nehmen sollte... zwar flössen seltsame Farben über die Gipfel der Berge, die um so grauer erschienen, je schärfer sie sich gegen den heller werdenden Hinter- grund abhoben... Zwar flog hier und dort etwas Glühendes durch die östlichen Wolken... Pfeile von Gold und Feuer, die hin und her schössen..> aber sie verschwanden wieder und schienen hinter dem undurchdringlichen Vorhang, der den Tag noch iuuner vor Satdjah's Auge verbarg, niederzufallen. Allmälig wurde es Heller, immer Heller. Scho» sah er die Landschaft, und schon konnte er die Wipstl der Klappabäume, nnter denen Badoer versteckt lag, unterscheiden... dort schlief Adinda! Nein» sie schlief nicht mehr! Wie sollte sie schlaft» können? Sie wußte ja, daß Saidjah ihrer harrte. Gewiß, sie harte die ganze Nacht nicht geschlafen� Gewiß hatte der Dorfwächter an ihrer Thür geklopft und gefragt, weshalb die Lampe in ihrem Hänschc» fortbrannte, und mit lieblichem Lächeln hatte sie gc- sagt, daß ein Gelübde sie wach hielte, um das Kleid, mit dem sie beschäftigt war, fertig zu weben, wc» es vor dem ersten Tage des neuen Mondes fertig sein müsse. Oder sie hatte die Nacht im Dunkeln verbracht, auf ihrem Reisblock sitzend und mit gierigen Finger» zcchlend, ob wirklich sechsunddreißig tiefe Einschnitts drin waren. Und sie hatte sich vielleicht absichtlich verrechnet, um nochmals, und nochmals und immer wieder in der herrlichen Gewißheit zu schwelgen, dag wirklich dreimal zwölf Monde vorbeigegangen wäre», seit sie Saidjah das letzte Mal gesehen. Auch sie würde jetzt, da es schon licht wurde, ihre Augen vergebens anstrengen, um die erste» Strahlen der Sonne zu sehen, der trägen Son»e, die wegblieb... wegblieb.... j Da kam ein bläulich-rother Streifen, der stch an den Wolken festsetzte; die Ränder erhellten� l1® und erglühten, es begann zu blinken, und miede schössen Feuerpfcile durch die Luft, aber diesm» fielen sie nicht nieder, sondern blieben am dunkel Hintergrunde hängen nnd verbreiteten ihre Glm» in immer größeren Kreise»; sie begegneten einander sich kreuzend, schlängelnd, wendend, hin- und Die Aeue A)eÜ. Illustrirte Unterhalwngsbeilage 77 irrend,- und sie vereinigten sich zu Feuerbiindel»; sie leuchtete» in Goldglauz auf einem Grunde von Perlmutter, und es war roth und blau und gelb, und Silber und Purpur am Horizont... TaZ war das Morgenroth: das tvar das Wieder- sehen mit Adinda! In Sa'idjah's Seele war sprachloses Entzücken. Er wollte nicht nach Badoer gehen. Adinda selbst wiederzusehen, erschien ihm weniger schön als die Gewißheit, daß es bald sein würde. Gr setzte sich an den Fuß des Ketapan und ließ seine Augen über die Land- schnft schweisen. Tie Natur lächelte ihm zu und schien ihm ein Willkommen zuzurufen, wie die Mutter dem heimkehrenden Kinde. Und Saidjah freute sich am Wiederschen so vieler Plätze, die Zeugen seines kurzen Lebens waren. Aber wie seine Augen und seine Gedanken auch umherschweiften, sein Blick und seine Sehnsucht kehrten immer nach dem Wege, der von Badoer nach dem Ketapan führt, Zurück. Alles, was seine Sinne empfanden, hieß. Adinda. Liicks sah er die Schlucht, wo einmal ein junger Biiffel hineingestürzt war: dort hatten die Einwohner des Dorfes sich versammelt, um das Thier zu retten,— denn es ist keine ßeringe Sache, eine» jungen Biiffel zu ver- liere»,— und sie waren au Nottenseilen hinuntergeklettert. Adinda's Vater war am iapfersten gewesen... o, wie sie in die Hände klatschte, Adinda... Und drüben, im.«okosbusch, war Si-oenah von einem Baum heruntergestürzt und gestor- VW. Ach, wie die Mutter weinte!„Weil �i-oenah noch so klein sei," klagte sie... Als ob sie es nicht so traurig gesunden hätte, wenn Si-oenah größer gewesen wäre. Aber klein war er, das ist wahr, denn er war voch kleiner und schwächer als Adinda... Es war Niemand auf dem Wege, der von Andrer nach dem Baume führte. Bald würde iw kommen: O, sicher... es war noch so früh. � Sa djah sah ein Eichhörnchen»Hinter am flamme eines Klnppabanmes hin und her hupfen. Das schlanke Thierchen kletterte nner- wiidlich auf und nieder. Saidjah sah es und Zwang sich, es zu beobachten, weil das seinen Gedanken Ruhe gab. Bald äußerten sich seine Eindrücke in Worten, und er sang von dem, vws in seiner Seele vorging: »Seht, wie das Eichhörnchen seinen Lebens- unterhalt sucht Auf dem Klappabanm. Hinauf— herunter springt es, links und rechts, 2n> Kreis nm den Baum: es fällt, klettert, und fällt wieder; Es hat keine Flügel und ist dennoch flink wie ein Vogel. �wl Glück, mein Eichhörnchen, ich wünsche dir Segen! Gewiß wirst du finden die Nahrung, die dn suchst... � �ch aber sitze allein beim Djatibntch, Und warte auf die Nahrung meines Herzens. �chou lange ist mein Eichhörnchen ge- e.. sättigt... fechon längst in sein Nestchen zurück- gekehrt... 1 nd noch immer sind Seele Und H�z nsir tief betrübt... Adinda!" Es war Niemand auf dem Wege, der Badoer nach dem Ketapan führte. Sonne stand schon hoch, es wurde heiß. »Seht, wie die Sonne dort oben glänzt, Hoch über dem Waringihiigel! �te fühlt sich zu warm und wünscht nieder- zusinken, Um zu schlafen im Meer, wie in den Armen des Gatten. Viel Glück, o Sonne, ich wünsche dir Segen, Was du suchst, dn wirst es sicher finden... Ich aber sitze allein beim Djatibusch lind warte auf Ruhe für mein Herz. gegen Morgen eingeschlafen. Gewiß, sie hatte seit Wochen nicht geschlafen. So war es! Sollte er aufstehen und nach Badoer gehen? Nein! Es würde scheinen, als ob er an ihrem Worte zweifelte. Schon lange wird die Sonne untergegangen sein, Und schlafen im Bicere, wenn Alles dmikel ist... Und noch immer werden Seele Und Herz mir tief betrübt sein... Adinda!" Und noch immer war Niemand auf dem Wege, der von Badoer nach dem Bauiiie führt. O gewiß war sie, ermüdet vom Wachen während der Nacht, vom Wachen viele lange Nächte hindurch, Wenn er den Mann riefe, der drüben seinen Büffel nach dem Felde trieb? Ter Mann war zu weit. Und Saidjah wollte nicht über Adinda sprechen, sich nicht nach Adinda erkundigen... er wollte sie wiedersehen, sie allein, sie zuerst! O gewiß, gewiß, jetzt mußte sie bald kommen. Er würde warten, warten... Aber... wenn sie krank wäre, oder... todt?... 78 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhalwngsbeilage. Wie ein angeschossener Hirsch rannte Saidjah den Weg nach dem Dorfe hinauf. Er sah nichts, hörte nichts, und er hätte doch etwas hören können, denn viele Menschen standen am Wege und riefen: „Saidjah, Saidjah!" Jedoch... kam es durch die Eile, daß er Adinda's Wohnung nicht fand? Schon war er das Dorf zu Ende gelaufen, und wie wahnsinnig kehrte er zurück und schlug sich vor den Kopf, weil er an ihrem Hause hatte vorübergehen können, ohne es zu sehen. Doch wieder war er am Eingang, und... war es ein Traum?... wieder hatte er Adinda's Wohnung nicht gefunden! Er faßte seinen Kopf mit beiden Händen, als wollte er daraus den Wahn- sinn, der ihn erfaßte, wegdrücken, und er rief laut: „Betrunken, ich bin betrunken!" Die Frauen vom Dorfe kamen aus ihren Häusern und bemitleideten den armen Saidjah, den sie Alle wiedererkannten.... Von ihnen erfuhr er, daß Adinda's Wohnung nicht mehr bestand. Denn als der Bezirksverwalter ihrem Vater den Büffel genommen,— ich habe Euch gesagt, daß meine Erzählung eintönig ist,— war Adinda's Mutter vor Schmerz gestorben. Ihr Schwesterchen war gestorben, weil es keine Mutter hatte, die es säugte. Und Adinda's Vater fürchtete besttaft zu werden, wenn er seine Grundsteuer nicht bezahlte... Ich weiß wohl, ich weiß wohl, daß meine Er- Zählung eintönig ist! ... Adinda's Vater war ausgewandert. Er hatte Adinda und ihre Brüder mitgenommen. Weil er aber gehört hatte, daß Saidjah's Vater in Buitenzorg mit Prügeln bestraft worden, weil er Badoer ohne Paß verlassen hatte, war Adinda's Vater nicht nach Buitenzorg gegangen, sondern er war nach Tjilann-Kahann, dem Lebah'schen Kreis, der am Nieer liegt, gereist. Doch hatte er sich in den Wäldern versteckt und auf die Rückkehr Pa- Ento's, Pa-Lontah's, Li-Oeniah's, Pa-Ansive's, Abdoel-Jsma's und noch anderer Freunde, die Alle vom Bezirksverwalter ihrer Büffel beraubt waren und sich Alle vor Strafe fürchteten, gewartet. Da hatten sie sich Nachts eines Fischerbootes bemächttgt und waren abgefahren. Sie waren in westlicher Richtung gefahren und hatten das Land rechts liegen gelassen, bis Javapunt. Von dort aus waren sie gen Norden gesegelt, bis sie Tanah-itam, von den Europäern Prinzeninsel genannt, vor sich sahen. Dann waren sie nach Osten gefahren, um endlich den Kreis Lampong zu erreichen. So war jeden- falls der Weg, den man einander zuflüsterte in Lebah, wenn die Rede war vom offiziellen Büffel- raub oder von rückständigen Grundsteuern... Saidjah war zu bestürzt, um zu verstehen, was man ihm sagte. Er begriff die Nachricht voni Tode seines Vaters nicht einmal vollständig. Es summte in seinen Ohren, als ob man in seinem Kopf auf eine Pauke geschlagen hätte. Er sprach nicht, er starrte mit erloschenem Blick vor sich hin, ohne zu sehen, wer um ihn und bei ihm war. Endlich brach er in ein wildes Gelächter aus. Eine alte Frau nahm ihn mit in ihre Wohnung und pflegte den armen Wahnsinnigen. Bald lachte er nicht mehr so fürchterlich, aber er sprach kein Wort. Einige Einwohner von Badoer legten Geld zusammen, um den Krokodilen des Tjoedjoengflusses ein Opfer zu bringen für die Heilung Saidjah's, den nian für wahnsinnig hielt. Aber er war nicht wahnsinnig. Denn in der Nacht im hellen Mondenschein stand er auf und verließ leise das Hans, um den Platz zu suchen, wo Adinda gewohnt hatte. Es war nicht leicht, den zu finden, weil so viele Häuser eingestürzt waren. Dennoch fand er nach langem Suchen die richttge Stelle. Ja, da mußte es sein... dort hatte Adinda gewohnt. Strauchelnd über halb vermoderten Bambus und Stücke des eingestürzten Daches, bahnte er sich einen Weg nach dem Heiligthum, das er suchte. Und er fand wirklich noch etwas wieder von dem Pagger, neben dem Adinda's Bett gestanden hatte, und im Pagger steckte sogar noch der Bambusnagel, woran sie ihr Kleid aufhängte, wenn sie sich schlafen legte. Aber das Bettgestell war eingestürzt und beinahe vermodert. Er nahm eine Hand voll von den: Staube, preßte ihn an seine geöffneten Lippen und athmete tief. Am nächsten Tage fragte er die alte Frau, die ihn gepflegt hatte, wo der Reisblock sei, der Adinda gehört hatte? Die Frau war erfreut, weil sie ihn sprechen hörte, und lief im Dorfe herum, um den Block zu suchen. Als sie Saidjah mittheilen konnte, wer der neue Besitzer war, folgte er ihr schweigend, und zählte, als er beim Reisblock angelangt war, darauf zwei- unddreißig Einschnitte... Dann gab er der Frau so viel spanische Thaler, wie man zum Kaufe eines Büffels braucht, und verließ Badoer. In Tjilang-Kahan kaufte er ein Fischerboot. Nach einigen Tagen kam er in dem Kreis Lampong an, wo die Aufständischen gegen die Niederländische Herrschaft kämpften. Er schloß sich einer Truppe Bantammer an, nicht sowohl, um mitzukämpfen, als vielmehr um Adinda zu suchen. Denn er war von sanfter Natur und mehr empfänglich für Schmerz als für Haß. Eines Tages, als die Aufständischen wieder eine Niederlage erlitten hatten, irrte er in einem Dorfe umher, das eben von den niederländischen Truppen genommen war und folglich brannte. Saidjah wußte, daß die Truppe, die dort besiegt worden war, größtentheils aus Bantammern bestanden hatte. Wie ein Geist irrte er in den noch nicht völlig niedergebrannten Häusern umher, und er fand die Leiche von Adinda's Vater mit einer Kletvang- bajonettwunde in der Brust. Neben ihm sah Saidjah die drei ermordeten Brüder Adinda's, Jünglinge, fast noch Kinder. Und ein wenig weiter lag die Leiche der Adinda, nackt, abscheulich entstellt... Ein schmales Stückche» blauen Tuches war in die klaffende Brustwunde, die einem langen Widerstande ein Ende gemacht z» haben schien, eingedrungen. Da lief Saidjah den Soldaten entgegen, die mit gefällten Bajonetten die noch lebenden Meuterer in die Feuersbrunst trieben. Er umfaßte die breite» Schwertbajonette, drang mit aller Kraft vorwärts und drängte die Soldaten noch mit einer letzte» Anstrengung zurück, als seine Brust die Todeswundl empfing... Und kurz nachher war zu Batavia großer Jubel wegen der neuen Siege, die den Lorbeeren der niederländisch-indischcn Armee soviel neue Hinz»' gefügt hatte. Der Landvogt depeschirte nach de>» Mutterlande, daß die Ordnung im Lampong'sch� wieder hergestellt sei. Und der König der Nieder' lande belohnte auf Antrag seinen Staatsdiener, der so viel 5zeldenmuth gezeigt, mit vielen Orden. Und in der Sonntagskirche oder in der Betstunde stiegen aus den Herzen der Frommen DankgebeN zum Himmel empor, weil der„Herr der&eeI' schaaren" wieder unterm niederländischen Banner mitgekämpft hatte.— K Stromtreiben. �)ie Nacht hängt unterm Zternenall, � Stumm überfleckt von Zvolkenballen. Rings aus der Stadt gedämpftes Schallen. Der Strom rauscht dumpf am Brückenwall. Die Brücke schwankt. Die Wagen rollen. Hohl jeder Schritt im Wiederhall. Die Wogen drängen schwer und schwach Die durch die Brückenbogen sollen. Von Franz Diederich. Am Userbollwerk schwarz-geduckt, Stromlängs gereiht, die großen, todten Lastkähne ruh'n. Auf Deck der rothen Signallaternen ßlackern zuckt. In schmalen Schleiern tief in's Waster Sinkt zitternd ihrer Rothe Schein, Und da und dort mischt weiß sich ein vom Straßenlicht ein silberblaffer. Grauflimmernd durch den Spiegel spült Der vollen Stromfluth Wogentreiben; Rein Halt, kein Zaudern und kein Bleibet Träg-ewiges Bewegen wühlt. Sin Schieben willenloser Nassen In vorbestimmter Uferbahn— Wie oft die Augen niedersah'n, Durchbebte knirschend mich ein Hassen! Schrittmüde schlurfen mir vorbei Hohläugig schweigende Gestalten, In zwangbeherrschtem Bett gehalten Schleicht ihrer Tage.Einerlei. Nacht übergähnt ihr Urastentspannen, Und nur zuweilen spärlich fällt Erborgtes Eicht in ihre Welt, Doch dunkel treibt die Kluth von dannen. Und du bist reich, du volle ßluth, Und ßelder giebt es, durstig stöhnend— G fänden, Dämme überdröhnend, Die Dürstenden dein Segensblut! Erlösung ist dein Urafterkennen, Heilsbotschaft bängster Zeitenfrist— Wann zeigst Du brausend, daß du's bist? Der Aecker Kurchenadern brennen... 6� Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 79 Der Herr Rittmeister. Dewitz, die Wilsdniffer Vorstadt ist nicht die feinste Gegend Dresdens, aber der Platz ist hübsch; von Ziersträuchern und Bäumen umgeben, liegt er am Ende der Annen- straße, dem alten Kirchhof gegenüber, wo der Weg »ach Plauen geht. Ein Kinderspielplatz: ein großes tsiartenrund, hinter einem korbartigen Eisengitter, uut einem schönen Springbrunnen in der Mitte, der kine starke Wassersäule gerade in die Höhe sendet, während vom Rande des Rundbeetes her steinerne Frösche und Eidechsen in dasselbe hohe Becken dünne Wasserstrahlen speien, die, in der Sonne sich- kreuzend, �slt plätschernd, sprühend, funkelnd, Millionen von blitzenden Diamantentropfen über den grünen Rasen stäuben, wenn sie der Wind leise durcheinander �sht. Um das Gitter ein breiter runder Weg, den wieder schöne, alte Bäume mit dichten Kronen und hohes Gebüsch umschließen. Von der Straße her dringt der Lärm der Pferde- bahn und der Wagen nur gedämpft herein. Es ist niedlich hier. Ein Herr in einem recht bequenien, aber ele- flauten Anzug aus englischem Plaidstoff sitzt auf �>er der langen, runden Bänke, die, der Biegung � Weges folgend, mit den Lehnen nach dem �trauchdickicht zu aufgestellt sind, das den Platz b°n der Straße scheidet. Er sieht nachdenklich dem �piel der Wasser, dem Spiel der Sonne in, Gezweig und dem Spiel der Kinder auf dem Sandhaufen j1'- Die sind nicht elegant, garnicht, die meisten cheu blaß aus und haben merkwürdig große Augen. � tragen kleine, dicke Bäuche auf dünnen Beinchen, ""d das Spielgeräth, mit dem ihre Mütter sie ausästet haben, besteht aus abgebrochenen Blech- sieln, alten Topfdeckeln und dergleichen. Ein leuier arbeitet mit einem„silbernen" Präsentirbrett us Eisenblech, das augenscheinlich aus der Puppen- !s"be seiner Schwester stammt. Er wird von den . �vielen allgemein bestaunt und— beneidet, er . W sich auch und macht ein Gesicht wie ein Bank- Jii �r seinem Aufsichtsrathe eine besonders ue Dividende verkündet. . Ter Herbstnachmittag ist auffallend warm. Der m'1 seinen großen, weichen, schwarzen Filz ei' sich auf die Bank gelegt. . Uuf seiner Stirn hat sich eine tiefe Falte ein- der sn:*n ber Sonne bläulich schimniernd zieht � Rauch seiner Zigarre durch die noch goldenen „"''er, neben ihm aber flüstert ein Stimmchen: ein Hunger", und ebenso leise antwortet anderes:„Scht- der Herr, Mama muß ja 'ch kommen." uimf'" größeres, etwa neunjähriges Mädchen be- tiin/cv Geschwister: eine kleine Schwester von iDan bren und ein Brüderchen, das im Kinder- Bin liegt. Die Große schickt die Schwester, die jCBt Finger im Munde stumm vor ihr steht, 'weder nach dem Sandhaufen zn den Anderen. Wih, 6"°ch ein bischen, Lieschen, geh'." Die be- dofc Augen der Kleinen lassen wirklich befürchten, die-»Mich hat Hunger" sich wiederholen und kompromittiren könnte. b'higier trollt sich, ihre Schwester sieht be- Während der ganzen Zeit hat sie nW auf� Ä«U den Fußspitzen den �der� � .. her zu schieben, wahrend sie gUiaiK ewem Strumpfe strickt.... � Hut . Ter Hnr hat sich jetzt erhoben und � � Er tritt an den Kindenvag' Mort, stumm und sinnend b-en> »Ach.«ichtch-n auf dm W Ö klug, fast unheimlich wissend, � iunne � die Augen l So ernst blicken nur ganz Mg° saugen. Der Sinnende überhört Novelle von Theodor Duimchen. Schritt und fährt erst auf, als dicht neben ihm Jemand stehen bleibt und ein Frauenkleid ihn streift. Es ist die Mutter der drei Kleinen, die ihn fragend ansieht. Er giebt ein paar Worte der Erklärung, die sie etwas müde lächelnd, ruhig und sicher, entgegennimmt. Auch die Mutter ist anßerordentlich sauber gekleidet. Sie hat sehr feine Züge, die aber durch Sorge gelitten haben. Die Frau sieht ver- schlissen aus, abgetragen, verbraucht durch Kummer und Sorge. Der Herr zieht sich mit einer Verbeugung zurück, nimmt seinen Platz ani äußersten Ende der langen Bank wieder ein und sieht nach der entgegengesetzten Richtung. Aber er hört doch die leisen Worte der Mutter:„Ich soll morgen wiederkommen, die Herr- schaften waren nicht zu Hause." Und er fühlt fast den Seufzer, der leise ans der Brust der Tochter, der Leidensgenossin, der neunjährigen Kämeradin, aufsteigt.„Lieschen hat solchen Hunger, und für Paulchen ist gar keine Milch mehr da." „Ja, essen müssen wir etwas," antwortet die Mutter wieder.„Ich gehe nach dem Leihaint, warte hier. Du kannst dann gleich Brot und Milch holen." Die Frau eilt davon, sie geht an der linken Seite der Maternistraße hinab, sie dreht sich nicht um und bemerkt auch nicht, daß der Fremde vom Sternplatz ihr folgt und hinter ihr in das große Haus eintritt, in dem unten eine Polizeiwache und die städtische Sparkasse, oben das städtische Leihamt untergebracht sind. „Annahme der Pfänder" steht an der Thür, die zu einem großen Saal führt. Drinnen ist der Raum für das Publikum durch einen langen fort- laufenden Zahltisch von dem abgesperrt, Ivo die Beamten an ihren Pulten sitzen oder stehen. Ter für die Gold- und Silbersache» ist nicht da. Er hat wohl die Bureanzeit— sie dauert Nachmittags von halb vier bis sechs Uhr— mit einer Privat- erledignng begonnen. Die Frau tritt in einen kleinen Holzverschlag, der oben und nach der Seite des Zahltisches offen, diese Reichen unter den Nothlcidenden vor allzu neugierigen Blicken der Anderen einigermaßen schützt. Der Verkehr in Kleidungsstücken, Betten usw. geht offen über den Zahltisch weg. Der Herr Beamte läßt lange warten. Nach einer halbe» Stunde kommt er endlich an. Er hat es garnicht eilig, ordnet sehr zwanglos seinen Anzug, putzt seine Brille und wendet sich endlich mit einem kurzen„Na?" an die Frau. Sie streift von der schmalen Hand einen Trauring, und über das Gesicht des Beamten zieht ein schadenfrohes Lächeln: er trägt keinen Trauring. Schadenfreude ist die reinste Freude. Behaglich nimmt der Biedermann den Ring auf und wirft ihn in eine große Waagschale. Kurz darauf tritt er an sein Stehpult und ruft über die rechte Schulter zurück:„Vier Aiark". Die Frau sagt nichts. Der Niann macht eine Notiz und wirft ihr eine Blechmarke zu. Sie nimmt sie, ver- läßt den Verschlag und geht nach der Kasse, die nach der anderen Seite zn liegt. Der Beamte sieht jetzt fragend den Fremden an, der, um von der Frau nicht gesehen zu werden, außerhalb des Verschlages rechts am Zahltisch stehen geblieben ist: er zieht seine Uhr und reicht sie dem Manne hin. Nach eingehender Prüfung und nach- dem er auch die Uhr und die dazu gehörige Kette gewogen hat, sagt er etwas freundlicher von seinem Pulte aus:„Hundert Mark?" „HundertMark für Beides? Nur hundert Mark?" antwortet der Gefragte überrascht.„Uhr und Kette sind sehr werthvoll." „Ja, wissen Se, mer leihen hier ooch nur druff, im nach unserer Taxe, verstehen Se, wolln Se de hundert Mark oder wolln Se se nich?" sagt der Beamte empört. „Tanke, nein," antwortet der Fremde, steckt seine' uhr wieder ein und wendet sich kurz um. Alle Beamten an den Nachbarpulten blicken erstaunt auf, während er, sich aufmerksam umsehend, als wolle er das ganze Lokal mit allen Einzelheiten sich in's Ge- dächtniß prägen, den Saal verläßt. Auf dem Gange wird er durch eine Ansprache aufgehalten. Ein junger Mann mit einem scharf- geschnittenen, blassen Gesicht, in dem große Augen funkeln, geht neben ihm her und sagt mit leisem Lachen:„Sie sind wohl auch nur Studirens halber auf das Leihamt gekonimen?" „Wieso?" fragte der Andere zerstreut. „Na, sonst hätten Sie doch die hundert Mark genommen, ganz egal, was Ihr Chronometer Werth ist."— „Ach so. Weshalb giebt man eigentlich so wenig? Vier Mark für einen Trauring, der doch»lindestens zwanzig Mark Werth ist— hundert Mark auf Uhr und Kette, die über tausend gekostet haben. Das nimmt doch der an sich so menschenfreundlichen Ein- richtung viel von ihrem Werth." „Eins nach den: Anderen," sagte der Andere mit einem Lächeln um den boshaften Mund.„Erstens, ans Blenschenfreundlichkeit bestehen solche Einrich- tungen nicht, es lohnt: man nimmt unten in der Sparkasse von den ganz kleinen Leuten Geld zu drei Prozent und leiht es oben den noch kleinere» gegen unbedingte Sicherheit zu neun. Zweitens, daß man die Pfänder jetzt sehr niedrig taxirt, geschieht, damit der Wohlstand der unbemittelten Klassen bis zu den Neuwahlen erheblich wachse. Im Sommer läuft doch das Mandat des Reichstages ab, und da wird dann kurz vorher„an der Hand von Zahlen" nach- gewiesen, daß der Umsatz der städtischen Leihämter beispielsweise in den letzten drei Quartalen stetig und zwar um so lind so viel monatlich gefallen ist, ein schlagender Beweis, daß es diesen Leuten geradezu von Monat zu Nionat besser geht." „Was Sie nicht sagen," antwortete der Andere. „Verlassen Sie sich darauf, ich halte mich nämlich hier auch häusig Studirens halber auf. Ucbrigens: der berühmte Roderich Northniann erlaubt wohl, daß sich ihni ein ganz kleiner Kollege vorstellt? Doktor von Leermann." „Doktor von Leermann?" „Jawohl, der rothe Leermaun, Ihr ergebener Diener." Rorthmann reichte ihm die Hand, schüttelte sie kräftig und sagte:„Ich freue mich aufrichtig, Sie keimen zu lernen. Ich habe natürlich viel von Ihnen gehört. Von uns Beiden sind Sie jedenfalls der Berühmtere. Hoffentlich sehen wir uns wieder. Jetzt müssen Sie mich entschuldigen, ich piöchte wissen, wer die Frau da ist." Sie waren während der Unterhaltung zusammen die Treppen herabgestiegen und in's Freie getreten: in ziemlicher Entfernung schon schritt die Frau, elastischeren Schrittes als vorher, dem Sternplatz zu, um ihren Kindern Geld zn bringen. „Ah," sagte Doktor von Leermann, der den Augen des Anderen gefolgt war, überrascht.„Schon wieder." Ein Schatten zog über sein Gesicht, dann fuhr er fort:„Sparen Sie sich die Blühe, dieser Fährte zu folgen: mein Ehrenwort, daß die Frau trotz ihrer Lage keinerlei Wohlthat oder Hülfe von Ihnen annehmen würde. Und darum handelt es sich doch, ich kenne Sie, wie Sie sehen. Aber es ist, wie gesagt, völlig vergeblich. Sie nimmt nicht einmal von mir etwas an, und ich bin ihr nahe verwandt." „Sie?" rief der Andere erstaunt. „Allerdings. Sie ist eine geborene von Heiden- Linden, nur läßt sie das von Heiden lveg und neniit sich einfach Linden. Den Namen des Mannes, von dem sie geschieden ist, darf man vor ihr nicht einmal nennen, und auch das ist ein stolzer Name, und der Mann spielt eine große Rolle." Northmann sah der Davonschreitenden noch ein- mal nach. Er gab seinen Plan auf. Die beiden Herren schritten gemeinsam weiter. ßö Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage „Sicher haben Sie Recht, gnädige Frau. So lauge eine Frau liebt, ist ihr schlechterdings kein Opser zu groß. Insoweit halte ich die Einwände der Herren, daß auch die inoderne Frau berechnend, kalt und womöglich noch egoistischer wäre als der moderne Mann, siir unhaltbar. Einer wirklichen Liebe opfert die Frau Alles. Natürlich giebt es auch gefühllose und egoistische Frauen, namentlich in den oberen Schichten. Aber die lieben eben nicht. Weshalb sollten sie auch? Sie werden ja auch nicht geliebt, wenigstens nicht von ihren Männern. Die Ehe ist eine Institution, also heutzutage ein Geschäft — auf beiden Seiten.— Dem Mann ihrer Liebe aber bringt die Frau in der That jedes Opfer, in allen Schichten, nur daß es, wie gesagt, je höher hinauf, desto seltener ihr Mann ist, und aus den angeführten Gründen ihr Manu sein kann, den sie liebt." Diese Unterhaltung der Frau vom Hause mit dein berühmten Roman.ier Roderich Northmaiin begann die Gesellschaft etwas unruhig, etwas bedenklich zu machen. Es giebt eben Dinge, die sind, über die man aber nicht spricht. Und es giebt Viele», Ueberschwrmmt. Anfang März. Wie der Gluth- bauch einer Elte ist der Südwind dahergcfahreu, hinter ihm her rinnen die Wässer. Von den Bäumen tropft und stäubt es, es gluckst und klingt: Zu Thal, zu Thal! Die blanke Eisdecke des Flusses ist weiß geworden, eiu�duiupfcs Krachen in den Tiefen, die Eisdecke zer- klafft, und aus den Spalten springt das Schnecwasser. Eine Eisscholle wird unruhig, sie stößt au eine andere, die Bewegung seht sich kort: bald ist ein ganzes Gc- schwader im Absegeln. Muthwilligc giebt es darunter: sie springen über zwei, drei Vordermänner hinweg, stellen sich auf den Kopf und schlagen einen Purzelbaum. Ein Knirschen und Brausen erfüllt die Luft, Krachen tönt hinein; das Eis ist im Abgehen. Bis zu den Ufcrrändcrn steigt die Fluth, über jede niedrigere Stelle schwappen die Wässer und füllen die Niederungen. Ans dem Fluß ist ein See getvorden, durch den ein Eisstrom schießt. Und schon melden sich mit kirrendem Schrei die Möwen; Meerschwalbcn nennt man in Mitteldeutschland diese Frühjahrsgäste.— Das ist die Sitnation, die unser heutiges Bild zur Anschauiing bringt. Das klcine Haus mit dem hohen, vernioostcn Dach ist durch die Frühjahrs- wätser vollständig abgeschnitteii worden. Bis in den Schuppen ist die Fluth gedrungen, schon ist das auf- gestapelte Brennholz ins Rollen gekommeii. Eine cigcnt- liche Eemhr droht für das Haus und seine Bewohner noch nicht. Aber der vorsichtige Hausvater trifft Vor- kchrungcn, untersucht seinen Kahn, daS einzige Rettungs- uiittel, ivenn der angeschwollene Fluß auch hinter dem bauinumstandenen Hause das Ufer überschreiten sollte.— was mau thut, wozu niau sich aber nicht bekennt. Das Thun ist läßliche Schwäche— das Bekenntniß ist Todsünde. „Aber bleiben wir doch nicht bei dieser einen Seite unserer Streitfrage," unterbrach den Redenden Frau Rechtsanwalt Doktor Schninmerich,„nnzweifel- Haft hat unsere geistvolle Frau von Bärensprung so weit Recht: der Opfermnth der Liebenden ist ohne Grenzen. Ich möchte sogar bestreiten, lvas die gnädige Frau einräumt: daß aus betrogener Liebe immer Haß entstehen werde, und daß die Frau, die am heißesten geliebt habe, auch die räch- süchtigste Frau werde. Entsagendes Dulden ist bei der Frau, wenigstens bei uns in Teutschland, auch dann noch die Ziegel." „Entsagendes Dulden," sagte Northniann nach- denklich.„Hm, häufig auch schweigende Verachtung. Die Frau kann viel gründlicher verachten, als der Mann, so daß sie den Elenden ihres Zornes und ihrer Rache für völlig umverth hält... Ich möchte Ihnen eine Geschichte erzählen... wenn die Herr- schaften erlauben." „Aber bitte, bitte, Herr Northmann," rief es Jeuitl�eton. Das Zurichten und Färben der Ranchwaarcn. Wenn ein Fremder zum ersten Mal nach Leipzig kommt und den Brühl besucht, wird er erstaunt sein über die vielen Ranchwaarcnhandlungen, die ihm dort vor Augen kommen. Noch mehr wird er aber erstaunen, wenn er das Leben und Treiben im Brühl während der Messen, hauptsächlich während der Ostcrmesse beobachten kann. Da sind Rauch- waarenhändler ans fast allen Kulturländern der Welt an- wesend. Da wird gehandelt und getauscht. Rollwagen, hochbeladen mit rohen Fellen, fahren an, Wagen der Zu- richiereien bringen fertige Waaren und fahren rohe wieder ab. Leipzig ist seit Jahrhunderten die Metropole für den Pelzhandel. Millionen sind in Form von Ranchwaaren hier stets aufgestapelt. Sie kommen roh hier an, und der größte Thcil wird im zugerichteten Znstande wieder an die Kürschner und Pelzfabriken verschickt. Was Leipzig für den Rauchwaarenhandcl, das sind die Orte der Leipziger Umgegend für die Zurichterei und Färberei von Ranchwaaren: Markranstädt, Lindenau. Rötha, Schkeuditz, Taucha, Wcißenfels. Ter weitaus größte Thcil der in den Handel kommenden fertigen Ranch- waaren wird hier zugerichtet. Was heißt nun Zurichten? Das heißt, die Felle ans dem rohen Zustande im Haar und Leder so weit zu bringen, daß sie zu Pelzen, Muffen, Kragen, Mützen und dergleichen verarbeitet werden können. Es giebt nur zwei Hauptniethoden der Zurichtung; entweder wird das Fell gewalkt oder es wird„ans dem Nassen" zugerichtec. Ans dein Nassen werden meistens die Felle zugerichtet, für die sich das Walken nicht eignet. Es sind dies australisches und amerikanisches Opossum, Zobel, Luchse, Füchse, Wölfe, Bären, Schuppen(Waschbär), Wallabi(Känguruh). Bei dieser Methode wird folgendermaßen vorgegangen: Die Felle werden mit Wasser bestrichen, in nassen Säge- spahn eingelegt, anderen Tages herausgenommen, gefleischt(fleischen heißt, mit einem Eisen das Fleisch vom von allen Seiten, und„Das ist ja reizend von Ihnen," sagte die Frau voni Hanse.„Wir be- kommen heute sicher ein verspätetes Souper. Als Coinite sind inisere Herren schrecklich, nicht wahr, meine Liebe?" fügte sie hinzu, indem sie sich an Frau Doktor Schümmerich wandte, und fuhr da»», wieder zur Gesellschaft gewandt, fort:„Rücken wir zilsammen und ehren wir unseres berühmten Er- zählers Güte durch lautlose Andacht. Wer noch eine Tasse Thee haben will"— sie deutete auf das durch ihr Klingeln herbeigerufene Bkädchcn-- „der möge solches anbringen, zur rechten Zeit und und am rechten Orte, nachher aber sich jeder Störung enthalten." Roderich Northmann war noch ein wirklicher Er- zähler, die immer mehr aussterben in dieser Zeü der Druckerschwärze und des papiernen Stils. Ma'i hörte aus seinem Munde häufig ein kleines Kunst' werk von unendlichem Reiz, wie man es in der Literatur unter dem Strich und auch in Bücher» nur selten antrifft, und hier in diesem Hause, 5» dessen Intimsten er gehörte, war das wohl bekannt (Schluß folgt.) Leder enlfernen), zwei- bis dreimal mit der sogenannten Schnellbcize, einer aus Wasser, Salz, Schwefelsäure und Salmiakgeist bestehenden Flüssigkeit, gebeizt. Hierauf werden die Felle getrocknel, und das Leder mit einem Gemenge ans Wasser, Mehl, Butter und Thran geschmiert. Nun Werden die Felle„geläutert". Sie kommen zu diesem Zwecke zusammen mit Sand und Sägespahn in große Blechtonnen, die durch Holzkohlenfener erwärmt und durch Dampf- oder Wasserkraft getrieben werden. Nach dein Läutem wird Sand und Sägcspahn wieder aus den Fellen entfernt, diese werden im Leder mit Seifenwasser bestrichen und anderen Tages beschnitten. Beschneiden heißt, das Fleisch, das sich noch im Lcder befindet, mit scharfen Eisen hcrnnterschneiden. Dann wird das Lcder vor einem stumpfen Eisen durchgearbeitet, getrocknet, noch- mals geläutert nnd fertiggemacht. Schaffelle, Kanin, Schcitclaffen u. A. werden nicht in nassen Spahn eingelegt, sondern in Wasser eingeweicht; die übrigen Arbeiten sind so ziemlich dieselben, wie bei den vorher angeführten Fellsorten. DaS Walken hat den Zweck, die Felle schneller fertig zu stellen, als es bei der Arbeit„ans dem Nassen" möglich wäre. Das Walken geschieht durch große Holzhämmer oder in Kurbelwalken, die durch Dampf- oder Wasserkraft getrieben werden. Ein gewalktes Fell braucht nicht ge- fleischt nnd gebeizt zu werden, es wird nach dem Walken geläutert, bestrichen und kann anderen Tages gleich beschnitten werden. Die übrigen Arbeiten sind dieselben, wie bei der Methode„ans dein Nassen". Gewalkt werden hauptsächlich folgende Sorten: Biber, Bisam, Iltis, Nerz, Skunks, Ottern, Katzen, Hunde, Murmel u. A. Biber und Bisam werden erst„aus dem Nassen" gearbeitet nnd dann gewalkt. Verschiedene Fellsorten, die sehr starkes Leder haben, müssen dünn gesalzt werden; es sind dies: Biber, Bisam, Schuppen, Bären, Tiger, Panther, Leoparden, Ottern. Das Zurichten ist nicht immer in der heute be- stehenden Form vor sich gegangen. Früher richtete jeder Kürschnermeister seine Waare selbst mit seinen Leuten zu. Das geschah natürlich in der primitivsten und auch in der gemüthlichstcii Weise; denn erstens fehlten die heute existirendcn Hülfsmittel, wie Schnellbeize, Walk-, Läutcr- tonnen nnd vcrschiedcncs Andere. Zweitens hatten diese Leute nicht nöthig so intensiv zu arbeiten wie jetzt, es wurde lange nicht so viel Pelzwerk getragen wie heute, und datin hatten sie auch den ganzen Sommer Zeit, ihre Waare zuzurichten. Heute ist das anders. In der Pelzbranche hat sich, wie in anderen Branchen, eine großartige Revolution vollzogen. Tie mächtigen Pelzfabriken und Konfektions- firmen haben die kleinen Kürschnernieistcr in den meisten Fällen verdrängt, oder sie zu Händlern dcgradirt. Tee kleine Meister kann die»leisten Artikel nicht so billig herstellen, als er sie ans den Fabriken bezieht. Infolge dieser Umwälzung mußten naturgemäß auch für das Zurichten andere Formen nnd ein schnelleres Herstellniigs- verfahren geschaffen werden; so wird nun das Zurichten fabrikmäßig betrieben. In noch schnellcreni Tempo als die Zurichterci hat sich die Ranchwaarensärberci entwickelt. Tic Färbereien befinden sich fast ohne Ausnahme in den Händen von Großkapitalisten. Warum werden nun eigentlich die Ranchwaaren gefärbt? Erstens, um den Sorten, die im naturellen Zustande nicht gut verarbeitet werden können, ein schönes Aussehen zu geben, z. B. Murmel, Opossum, Wallabi, SealK» Persianer(und andere Schaffellarten); zweitens,»mj11 die thcure, echte Waare eine billige Imitation zu scha�: Es werden iuiitirt: Nerz durch Murmel, ScaM, durch Bisam und Kanin, Iltis und Skunks dur» amerikanisches Opossum, Schwarzsnchs durch den billiger! Griesfuchs, Seehund durch Murmel. Erivähneuswcrth ist noch die Biberimitation. Dar werden benutzt: Nutria(Sumpfbiber) nnd Schupps (Waschbär). Diese beiden Sorten werden aber>»« durch Färben, sondern durch andere Manipulationen dv" Biber ähnlich gemacht... i Da es nun für den Nichtfachmann sehr schmw ja meistens unmöglich ist, die echte Waare von der I»"' tation zu unterscheide», so ist beim Einkauf Vorsicht Platze. Ein reeller Geschäftsmann wird ja stets"j' Imitation für das verkaufen, ivas es ist. Da es m1' besonders in dieser Branche auch massenhaft untt� Geschäftsleute giebt, so frage man beim Einkauf ob die Waare echt oder iinitirt ist. Kauft mau sie'1. echt nnd es stellt sich das Gegentheil heraus, st>" der Verkäufer strafbar. nif Ilm den geehrten Leserinnen einen kleinen lieber�, über die theuren nnd billigeren Sorten zu geben, sc'."?! Nachfolgende hierhergesetzt. Tie theuren Sorten l'JjV Secotter(Kaintschatkäbiber), Schwarz- und Blaitfuw� Zobel, Scalskii, Baummarder, Vielfraß, Biber, LUflff Persianer, Breitschwänze, Tibet, Krimmer. 3» billigeren Sorten zählen: Nutria, Steinmarder, Iltis, Bisam, Murmel, Wallabi(Känguruh), verschls'ft Schaffellsorten, australisches und amerikanischcs Lpoll» jlatzen, Kanin, gefärbter Polarhase. � Für die Arbeiterfamilien koninien ja die tlst"( Sorten nicht in Betracht, denn da ist in der Reg«„ Geldbeutel nicht gefüllt genug, n»i sich derartige tnf Sachen anznschaffen. Es giebt aber auch unter e billigeren Sorten einige, die sehr haltbar sind und HL aussehen, und deswegen cmpfchlcnstverth sind. Es' dies: Bisam naturell und gcsärbt, Kanin nnd Katze» färbt, und für De», der etwas mehr daran wenden m Nerz und Iltis naturell. Vor gefärbtem Polarhasen sei aber ein Jeder geivcr das Zeug ist zwar sehr billig, ist aber nicht das Hausetragen wcrlh. Zum Schluß seien»och einige Rathschläge llG L. ima Sor ejr, oiu betreffs der Behandlung der Pelzwaaren. Ist ein artiger Artikel naß geworden, so hänge man ihn" an den heißen Ofen, sondern lasse ihn langsam trock�, möglichst an der Luft. Uni Motteiffraß zu verhine i klopfe man die Pelzwaaren möglichst jede Woche � hauptsächlich im Sommer; das ist besser als alle»s Zeitungen angepriesenen Moltenmittel. Selbstsucht. Wo sich nur das eigstic Interesse rührt, Gleich wird eine andere Sprache geführt,. Was gestern ein Topf ivar für die Frau Bai- Heut' ist es eine etrurische Vase. Hossmann v. Fall-rsl-d-s. Nachdruck des Inhalts Verbotes� Alle für die Redaktion der„Neuen bestimmten Sendungen sind nach Berlin, � Beuthstraße 2, zu richten. V-ranlw-rlNcher N-dali-ur: OScar Kühl tn Charloll-nbnrg.- Verlag: Hamburger Buchdrucker-, und B-rtagsansr-lt Auer tü To. i» Hamburg.- Druck: Mar Badt»,>n Verl».