Nr. 11 �Sliuflvivic Q1 Cufcrh aüxm0s.b erlagt?. 1899 �Fortsetzung) ipü'cffcmfcn des Lebens. 4�- x. �er berühmte Gesangprofessor Dämel lag in seinem Musikzimmer auf dem Ruhebett, dem einzigen Polstermöbel in diesem geheiligten �aum. Er hatte eben Stunde ertheilt an ein paar �cht talentlose Amerikanerinnen; die eine knautschte Stoischen den Zähnen, man hörte überhaupt nichts; die andere riß den Hals auf und blökte falsche Töne in die Welt, daß dem Hörer grauste.„Aber die Kunst jj�Ht nach Brot," pflegte der berühmte Mann mit Achselzucken zu sagen,„das sind meine melkenden Kiihe!« .�Jeht war er sehr angegriffen und wollte nicht gestört sein. Die Jalousien vor den Fenstern waren �schlössen, draußen brütete die Sonnnersonne. Er tochzclte nach den Sonnenkringeln an der Wand mch schloß dann behaglich die Augen. Da— ein Klingeln! Unwirsch fuhr er auf; toenn auch draußen stand: Sprechstunde von vier to fünf Uhr, er wollte doch nicht gestört sein. _„Nicht zu sprechen," hörte er draußen das pidchen sagen und gleich darauf eine weiche Stimme *to-loiie der Enttänschnug:„Ach, nun bin ich schon Sto» zweiten Male vergebens hier! Bitte, zeigen Sie -�rn Profxssgr wenigstens meine Karte!" . Liese weiche verschleierte Stimme klang so mnsi- «lisch � wo that er sie doch nur gleich hin? Daniel rieb sich die Stirn. Da kam auch schon das Mchen. Er las:„Btagdalena Bredenhofer", und ntlinter war mit Bleistift gekritzelt:„Lena Langen, �here Schülerin". irfs �0r Professors Gedächtniß stand sofort das ststankc Mädchen mit den übergroßen Augen und to Lockengewirr; vor einem halben Jahre ivar sie s der Gesangsklasse ausgeschieden, hatte sich ver- anscheinend eine sehr gute Partie gemacht. -v........... t.o am—...».».!» Sllll kannte die Verwandten des Mannes; die Arnsteins waren elegante Leute, viel in Gesellichatt. wollte die kleine Lang?? Ah, � f-Nvatstunden nehmen, ä dreißig Äiark,) Glaubten ihr das jetzt.„ .„Ich lasse die Dame bitten!" � erho! ch Mmeidig, ttat vor den Spiegel und otdntte A°n gepflegten Bart, die Bewunderung lanunrl vnservatoristinnen. d.. Frauengestalt im dunklen Kwd, wa ?Sm? Er hatte sie sich als Frau anba- gestellt. ..Äh. gnädige Frau, ich freue mich f-?. �ch herzlich, Sie wiederzusehen! Bitte, bitte,... *=« Platz!« Lena murmelte etwas. Roman von Clara Vievig. „O— vergessen?! Wie können Sie so etwas denken? Eine so hoch talentirte Schülerin vergißt man nie," beeiserte er sich zu versichern.„Was macht die Musik, In beUa voce?"—„Ich danke." Die junge Frau war entschieden schüchtern; warum nur? Alan iniißte ihr entgegenkommen. „Also der Gesang blüht; wohl die große Freude Ihres Herrn Gemahls? Ja, ja, kann ich mir denken. Schön, solch' kleine Nachtigall für immer eingefangen zu haben. Eigentlich jammerschadc, daß er Sie uns, der Kunst, entzogen hat! Das geht garnicht, Sie müssen die Musik wieder aufnehmen!" Lcna's schmales Gesicht erglühte, die Anerkenunng des Professors belebte sie; sie sprach freier.„Das ist's ja eben, Herr Professor, ich— ich möchte, ich muß meinen Gesang—" Sie stockte nun doch wieder. Er half ihr weiter niit einem jovialen Lächeln und in ermuthigendem Ton.„Das ist recht, das ist brav; freut mich sehr, daß Sie zu mir komnicn, gnädige Frau. Wer hat denn auch solches Interesse an Ihnen, wie Ihr alter Lehrer?!" „Das dachte ich auch," sagte sie mit einem hoff- nnngsvollen Blick.„Und glauben Sie denn wirklich, Herr Professor, daß es sich lohnt, daß es mir ge- lingen wird?" „Ohne Zweifel," versicherte er eifrig,„bei dieser musikalischen Begabung, der süßen Stinime nud der poetischen Auffassung! Sie wissen, wie viel ich immer von Ihnen gehalten habe!" „Ach ja, ja." Sie erröthete und griff nach seiner Hand.„Lieber Herr Professor, entschuldigen Sie nur, daß ich Sie damit behellige, aber ich wußte wirklich nicht, an wen ich mich sonst wenden sollte. Sie können mir helfen!" Wie komisch das klang! Dämel wurde unsicher — die junge Frau saß da, wie eine Bittende; das ivar wirklich eine ganz merkwürdige Art, so nni Stunden nachzusuchen, die man theuer bezahlte. Was wollte sie eigentlich? Er faßte sie scharf in's Auge. Ihr Kleid war geschmackvoll, aber sehr einfach, der Saum rund herum staubig, die Schuhe auch ganz grau; gefahren war sie keineswegs. Unruhig hob nnd senkte sie die Lider, um ihren Mund hatte sich ein Fältchen eingegraben. Jetzt seufzte sie. „Womit kann ich Ihnen dienen?" fragte er um eine Nuance kälter. Ihre Lider zitterten, dann hob sie den Blick und sah ihn traurig an.„Ich muß meine Musik ver- werthen," sagte sie leise,„würden Sie nicht die große Güte haben, mich zu empfehlen? Ach, Sie können mir gewiß Konzerteugagements verschaffen: ich würde auch gegen bescheidenes Honorar in kleinen Städten singen. Ich weiß, Sie haben immer so viel an der Hand." „Ich? Garnicht; nein, da irren Sie wirklich, Frau— Frau Bredenhofer, nicht wahr? Es werden fast gar keine Anfragen an mich gerichtet; zu der- gleichen habe ich in der That auch gar keine Zeit. Aber ich will Ihnen einen guten Rath geben, gehen Sie zu einem Konzertagcnten; es ist doch das Metier dieser Leute, Engagements zu vermitteln. Hier"— er zog sein Notizbuch hervor und schrieb flüchtig die Adresse nieder:„Bär, Konzertagcntur, Schöneberger Ufer 4". „Ach, danke sehr." Sie ergriff wohl den Zettel, aber sie steckte ihn nicht ein, ihre Hand bebte.„Diese Leute verlangen zu viel Prozente nnd schon eine vor- herige Anzahlung— das kann ich nicht, Herr Pro- fessor!" Ihre großen Augen sahen ihn mit einem bangen Blick an. Er konnte nicht umhin, zu finden, daß sie schöne Augen hatte, eigentlich das einzig Bemerkenswerthe in dem schmalen Gesicht; sie hatten einen feuchten Glanz, das dunkle Braun der Iris zeigte goldige Lichter und schwamm in bläulichem Weiß. Und einen hübschen Mnnd hatte sie auch, nur die Lippen zu blaß nnd die Winkel herab- gezogen. Sie schien mit Thränen zu kämpfen. „Armes Ding!" Dämel strich sich den Bart und ließ einen langen Blick über die zarte Frauen- gestalt gleiten— nicht viel dran, aber anmuthig! „Kindchen," sagte er in dem Ton, halb gntmüthig, halb spöttisch, den Lena vom Konservatorium her noch genau im Ohre hatte,„Kindchen, Sie wissen doch, mit Ihrer zarten Stinime ist nicht viel zu machen." „Aber, Herr Professor, Sie sagten doch vorhin noch—" „Was, was? In der That, ganz richtig, ganz richtig! Ich widerrufe nichts, Ihr Talent ist unleug- bar, aber nicht für den Konzertsaal! Fiir's Hans, fiir's Haus— da liegt der Schwerpunkt. Im intimen Kreis reizend, jedoch für den Konzertsaal—?" Er zog die Brauen in die Höhe und zuckte die Achseln.„Sie müssen sich doch selbst erinnern, in der Philharmonie verflatterte Ihr Ton zu garnichts. Viele sind berufen, Wenige anserwählt. Der Geist ist willig, aber die Stimme ist schwach! Haha!" Er sah sich selbstgefällig um; die bewundernden Blicke der Konservatoristinnen, ihr gemurmelter Bei- fall fehlte. Schade um den vorzüglichen Witz! In Lena's Augen schwammen große Thränen, sie fühlte sich grenzenlos entmuthigt.„Wenn Sic mir dann doch wenigstens Stunden," stotterte sie, „Stunden— verschaffen— könnten!" Daran hatte sie nie gedacht; Stnndengeben, der Verderb für den Künstler, Herabwürdigung seines Talents— nun schien es ihr der Rettungsanker. Sie klammerte sich daran.„Wenn Sie mir wenigstens einige Stunden 82 zuweisen kminten! Wenn Sie doch die Güte hätten, Herr Professor!" „Hin!" Dämel besaß eine gewisse Weichmiithig- keit jungen Frauen gegeniibcr. Er entsann sich, die kleine Langen hatte gut Klavier gespielt; es mußte nicht nnangenehm sein, in den Privatstnnden, in denen man nnmnsikalische Misses drillte, auf diese schlanken Fingerchen zu blicken. Sie mochte dann an einigen Vormittagen begleiten; der bisherige Be- gleiter paßte ohnehin nicht mehr, er erlaubte sich in letzter Zeit eine eigene musikalische Meinung. „Ich will Ihnen einen Vorschlag machen," sagte der berühmte Mann. Lena horchte auf. „An drei Vormittagen der Woche gebe ich Privatstnnden im Hause, von neun bis eins; wenn Sie wollen, können Sie die Begleitung übernehmen. Monatliches Honorar: Zweiundsiebzig, sagen wir rund siebzig Mark. Sind Sie damit einverstanden?" Ob sie das war! Lena fühlte eine große Freude, dankbar ergriff sie die Hand des Professors.„Gern, gern!" Der vergrämte Zug um ihre Mundwinkel war verschwunden, sie sah reizend aus mit dem zarten Roth auf den Wangen. Der berühmte Mann tätschelte die kleine Hand und schmunzelte, da war er billig weggekommen! Wie beschwingt eilte Lena über die Straße. Der Weg bis zu ihrer Wohnung war weit, sie be- achtete das garnicht. Was würde Richard sagen? Mußte er sich nicht freuen, wenn sie etwas zur Wirthschast beisteuerte? Siebzig Mark, welch große Summe! Sie machte einen kleinen Sprung über den Rinnstein, und dann kaufte sie der Frau, die an der Ecke stand, einen Rosenstrauß ab. Die Blüthen waren schon welk vom Sonnenbrand, ihr dunkles Roth schwärzlich, aber sie dufteten noch. Lena drückte sie sorgfältig an sich, die sollte Richard haben; und dann eilte sie weiter, den Blick zu dem tiefblauen Sommerhimmel erhoben. Bredenhofer hatte gar keine Ahnung, daß seine Frau zu ihrem früheren Lehrer gegangen war; er hätte das nie gelitten. Man sollte Lena suchen, anbieten durfte sie sich nicht. Er saß in seinem sogenannten Atelier vor der Staffelei und pinselte an einem Bildchen. Er be- nutzte dazu eine Eifelskizze, die er im vorigen Herbst flüchtig auf's Papier geworfen hatte, in Gerolstein, einen Tag vor seiner Abreise, einen Tag vor dem verhängnißvollen Znsammentreffen niit Lena im Eisen- bahnzng. Er hatte die grotesken Felszinken der kolossalen Basaltblöcke, die sich gegenüber von seinem Fenster, jenseits am Ufer der Kyll erhoben, im Abendschein sich röthen sehen; ihr melancholisches Grau hatte sich mit Himinelsrosen geschmückt, ihre schroffe Nacktheit schien verklärt, von einer weichen Wehmuth übergössen. Der Anblick hatte ihn gepackt, begeistert; mit eiligen Fingern hatte er nach seinem Skizzenbuch gegriffen, Stift und Pinsel waren iiber's Papier geflogen. Aber es war schon spät, der Glanz erlosch; er mußte das Buch schließen. Jetzt saß er und quälte sich; er konnte die Farben nicht mehr finden. Wenn er die Augen schloß, sah er's ganz deutlich, dieses todte Grau, dieses lebens- volle Roth; er athmete den eigenthiinilich herben Duft der Eifelluft und fühlte wieder die ganze Poesie, die ihn damals ergriffen. Oeffnete er die Auge», so war Alles hin, verschwunden wie Zauberspuk. Die Farben auf seiner Palette taugten alle nichts; das Grau war schmutzig und das Roth schrie. Er stöhnte, er schwitzte. Die Wände des Ateliers, mit seinen Studien und Entwürfen behängen, grinsten ihn langweilig an; durch das halbgeöffnete Fenster kam eine schwüle, trockene Sommerluft und raschelte in den unbeschrie- denen Blättern ans dem Schreibtisch. Der junge Mann faßte nach seinem Kopf, der Schädel brannte ihm; gleich über der Wohnung war der Bodenraum. Da stach die Sonne ungehindert durch die Luken, und das Schieferdach prallte vor Gluth. Ja, es war nicht Alles schön! Bredenhofer seufzte, ließ den Pinsel aus der Hand sinken und lehnte sich müde zurück. Im Frühjahr war's besser geivesen; er wußte selbst nicht, wie es kam, aber nun mehrten sich die Sorgen von Tag zn Tag— oder sah er sie nur klarer? Merkwürdig, daß sie nie auskamen, und sie sparten so! Lena war so anspruchslos, und er selbst? Er brauchte doch garnichts für sich. Abends mal eine Flasche Wein, das war ihm durchaus nöthig, sotvohl zur Nachtruhe als zu der Anregung, ohne die er nichts schaffen konnte. Ilnd wofür gaben sie denn sonst noch Geld aus? Ach, da waren so viele kleine Dinge, die neben den großen Ausgaben, wie Miethe, Steuer, Kleidung, Ntädchenlohn, her- liefen. Ten Doktor hatte nian auch gebraucht; vier Wochen hatte sich der junge Ehemann mit der gar- stigen Erkältung von seinem Hochzeitstag her herum- geschlagen. Es ninß wohl sein, daß man alle Mißstände nicht so empfindet, wenn man im ersten Taumel der Liebe ist. Bredenhofer und Lena hatten gelacht, weil Onkel Hermann hartnäckig schwieg, und ihn einen alten eigensinnigen Junggesellen genannt, der schon klein beigeben würde. Mit Leichtsinn hatten sie sich über Langen's kühler und kühler werdende Briefe hinweggetäuscht; zuletzt schrieb er garnicht mehr an Lena, nur durch die Mutter hörten sie noch von ihm. Und Allensteins? Die junge Frau hatte sich gegen jede Bevormundung entschieden gewehrt und der Gatte ihr beigestanden. Susanne war verletzt, und als sie sich vergebens bemüht hatte, dem Bruder Lena's Fehler klarzulegen, zog sie sich zurück. Das war imnierhin schmerzlich für Bredenhofer und ans- reibend dazu. Er hatte Szenen mit der Schwester seiner Frau wegen und doch von dieser keinen Dank; und Szenen mit Lena, Susanne's wegen, und von der auch keinen Dank. Die Einzige, mit der sie sich standen, war die Mutter. Aber diese konnte es auch nie lassen, ihren Besorgnissen Ausdruck zu geben und um die Ent- fremdung zwischen ihren Kindern zu jammern. Das war auf die Dauer zum Nervöswerden. Der junge Mann konnte es nicht ertragen; er war sehr artig gegen die Schwiegermutter, aber er ging meist fort oder zog sich in sein Atelier zurück, wenn Frau Langen zu Besuch kam. Als ob die das nicht gemerkt und sich bei Lena empfindlich darüber geäußert hätte! Und dazu die pekuniären Sorgen, all' dies klein- liche Rechnen und Jnerwägnngziehen! Als Jung- geselle war Bredenhofer so flink in die Tasche ge- fahren, was niachte es, wenn er da auch'mal ein Bischen zu viel verbrauchte? Es hatten sich immer hiilfreiche Beutel gefunden, Onkel Hermann war besonders generös; jetzt stand ihm kein Mensch mehr bei, jetzt, wo er es viel nöthiger gehabt hätte! Der junge Mann fuhr sich mit einem Uesen Aufseufzen über die Stirn. Er sah blaß und ab- gespannt aus, seine Augen waren müde, und das Haar klebte ihm in feuchten Ringeln an den Schläfen. Mit Unlust griff er wieder zum Pinsel, er gähnte dabei. In dieser gewitterigen Sommerluft hatte er eine Schwere in den Gliedern, eine bleierne Miidig- keit, die ihn lähmte. Er überlegte sich's, ob er ausgehen sollte oder nicht; er niußte dann die vier Treppen doch wieder herauf. Appetit hatte er gar- nicht niehr, er aß eigentlich nur, weil Lena's große Augen immer so flehentlich auf seinen Teller sahen. Diese Blicke konnten direkt eine Qual sein, er fühlte dann eine nicht zu unterdrückende Gereiztheit gegen seine Frau in sich aufsteigen. Und er liebte sie doch! Ja, sicherlich! War sie nicht bei ihm, hatte er eine Unruhe, bis sie da war— wo blieb sie, was trieb sie? Saß sie bei ihm, so kam es ihn mitunter an, er mußte sie tadeln, reizen, von Dingen mit ihr sprechen, die ihr unangenehm waren. Sie brausten Beide auf, sie bekamen rothe Köpfe— und dann, wie süß war die Versöhnung! Langweilig, wer sich immer vertrug! Sensationen, Emotionen braucht die Künstlernatur! „Ah!" Bredenhofer schöpfte tief Athem und dann legte er das Gesicht in die Hände; eine unge- heure Schlaffheit überkam ihn. So saß er und überhörte das Klopfen an der Thür; was er dachte, wußte er selbst nicht, grau und schwer, in unerquicklichem Durcheinander wogte ihm Alles im Kopf. Jetzt klopfte es wieder. „Herein!" Doktor Reuter's liebenswürdiges Gesicht schaute in's Atelier.„Ah, mein junger Freund, dachte schon, Sie wären auch nicht zu Hause; habe vier-, fünfmal geklopft!" „Verzeihen Sie!" Bredenhofer sprang auf, ziemlich verwirrt, er tauchte wie ans einer anderen Welt aus; oder hatte er geschlafen? „So fleißig?" Renter trat an die Staffelei und betrachtete das Bild. Er ging dicht heran und dann wieder zurück, hielt die hohle Hand vor's Auge und prüfte mit Kennermiene.„Wo haben Sie denn das her? Garnicht übel!" Der Künstlcrstolz regte sich in Bredenhofer, er glaubte entschiedene Bewunderung ans Reuter's Worten herauszuhören. Sein müdes Gesicht belebte sich.„Die Felsen von Gerolstein bei Sonnen- Untergang," erklärte er.„Sie wissen, ich war ver- gangenen Herbst dort, um Studien zu machen; die Eifel ist noch nicht überfluthet von lässigen Touristen, ich liebe nur das Aparte. Jetzt denke ich über de» Titel des Bildes nach, es muß etwas Sinnvolles darunter; diese grauen vorsintfluthlichen Blöcke mit dem verklärenden Schein sind gewissermaßen sym- bolisch aufzufassen." Doktor Reuter spitzte die Ohren— das konnte eine geistreiche Idee werden!„Sind Sie bald mit dem Bild fertig?" fragte er. „Fertig? O nein!" Bredenhofer trat zurück und legte den Kopf betrachtend auf die Seite. „Hätte ich nur Farben, Farben!" Im Eifer kam er heran und tupfte auf die frische Malerei.„Sehen Sie hier dies Roth, das muß ganz anders wirken und glühen! Und in den Felsspalten gefangene Sonnenstrahlen, die das gähnende Dunkel der Klüfte magisch durchleuchten! Hierher müssen ein paar wundervolle Reflexlichter, und hier, hier— siefer — sehen Sie wohl? Da ist es schon ganz licht- los, das graue Gestein wirkt vollständig abgestorben, während sich noch am Himmel ein leuchtendes Farben- spiel entfaltet." „Ein sehr schönes Bild," sagte Reuter,„in der That, außerordentlich wirkungsvoll!" „Ja!" Bredenhofer sah mit begeisterten Augen auf sein Werk, er hatte rothe Backen bekommen und lächelte.„Ich male vielleicht noch einen einsamen Vogel, der aus gähnend dunkler Felsenspalte sich emporschwingt und sich gleich der suchenden Seele im Flammenschein des Himmels verliert; seine aus- gebreiteten Schwingen sind von einer Glorie um- säumt. Denken Sie sich, wie das wirken wird!" Er streckte den Arm aus und wies nach der Decke. „Oben, ganz oben verliert er sich— sehen Sie— oh, ich muß das malen!" Er endete mit eineni Seufzer. „Wundervoll, wundervoll!" Doktor Reuter war ganz enthusiasmirt.„Sie sind ein Poet!" Er umarmte den jungen Ntann.„Wissen Sie was, lieber Freund? Dies Bild müssen Sie ausstellen, unzweifelhaft, unbedingt; Sie haben Ruhm und Ehre davon!" „Das sagen Sie so— ausstellen— ja ausstellen," meinte Bredenhofer,„das wäre wohl das Richtige. Aber bei den Kunsthändlem ist so schwer anzukommen, ich mag es nicht wieder umsonst ver- suchen. Sie nehmen nur berühmte Namen," setzte er mit Bitterkeit hinzu. „Oho, das wäre!" Reuter strahlte vor Wohl- wollen, er schlug sich auf die Brust.„Wofür wäre denn Unsereiner da mit seinen Konnexionen? Noch schöner! Man hat sein Lebenlang den Mäcen ge- spielt, und da sollte Einem nicht einmal ein Urtheil zugetraut werden? Ich sage, das Bild ist gut, sehr gut"— er trat wieder vor der Staffelei hin und her und äugelte—„es ist sogar wundervoll, herrlich! Diese Stimmung, diese Beleuchtung! Jeder Kunsthändler nimmt's, und Käufer werden sich finden— na, ich sage Ihnen, mehr als einer!" Er legte dem Beglückten bedeutungsvoll die Hand ans die Schulter:„Sie werden sich dieser Stunde noch erinnern und der Worte, die ich zu Ihnen gesprochen habe. Passen Sie auf, mit diesem Bilde betreten Sie die Leiter, die immer höher und höher führt! Ja, mein lieber, junger Freund!" Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 83 lieber Bredenhofer's Gesicht lief ein freudiges Roth und ließ die etwas spitz gewordenen Züge wieder voll erscheinen. Seine Gestalt hob sich un- willkürlich, und nun breitete er die Arme aus und warf sich Reuter an die Brust.„Ich danke Ihnen," sagte er mit knabenhafter Heftigkeit.„Ja, es wird gelingen, es muß gelingen!" Seine Augen strahlten, seine Stiinme bekam einen klangvolleren Ton.„Ich weiß es genau, es gelingt, und dann— ade Quälerei und Pfennigfuchserei! Lena soll es gut haben, und ich selbst"— er sah mit einer gewissen Scheu auf seine gelben durchsichtigen Hände—„werde wieder der Alte! Wissen Sie"— er nahm Reuter der- traulich unter den Arm und wanderte mit ihm auf und nieder—„wenn man's nicht gewohnt ist, ist das Sparen verdammt schwer. Es bekommt Einem nicht!" Der alte Mann mit dem jllnglingsfrischen Gesicht sah den jungen Mann mit dem merkwürdig—.alten Zug' konnte man nicht sagen, aber—.müden Zug' desorgt von der Seite an.„Was haben Sie, Breden- hofer?" fragte er herzlich.„Sie haben so eine liebe, reizende Frau, Sie stecken Beide voll von Talenten, eigentlich sind Sie ein ganz ideales Paar, und es drückt Sie doch was?" „Ich weiß es nicht." Bredenhofer trat vor den kleinen Spiegel, der gegenüber seiner Staffelei an der Wand hing.„Sehen Sie, ich habe Fältchen um die Augen, wie eine alte Jungfer. Ach was"— er wandte sich hastig vom Spiegel ab und rieb sich mit beiden Händen die Backen—„die werden schon wieder roth werden! Lieber, verehrter Herr Doktor, Sie haben mir eine große Wohlthat erwiesen, mir llt, als hätte ich einen Verjüngungstrank im Leibe, La la— lalala!" Leise trällernd stellte er sich wieder vor sein Bild.„Diese Reise nach Gerolstein hat mir doch Glück gebracht, viel Glück!" Er lachte. »Wo nnr Lena stecken mag? Die wird Augen machen! Zch sage es ihr nicht gleich." „Bitte, grüßen Sie Ihre liebe Frau vielmals!" Reuter legte die Hand auf's Herz und blickte enthu- hassisch nach oben.„Süßes, bezauberndes Frauchen! Rdieu, adieu, junger Meister, also das Bild fertig gemacht und dann— das Weitere übernehme ich!" Sie schüttelten einander die Hände. Mit einem Lächeln sagte Reuter noch:„Ich bin sehr eilig, habe uoch ein paar Arbeiterbesuche versprochen, und dann hole ich die Perriccioni— Sie wissen, den neuesten üalienischen Opernstern, gastirt augenblicklich hier— Zu einer Spazierfahrt ab. Ich soll den Cicerone unseres Berlino machen. Ich sage Ihnen, hinreißendes Per- hauchen!" Er küßte entzückt seine Fingerspitzen. »Augen wie Sammet und unergründlich wie die Rächt; sieht man hinein, wird man sofort zum Dichter! �eint wie mattes Elfenbein, und einen Mund, einen Mund!" Renter tänzelte in der Stube auf und weder, man sah, wie ihn die Unruhe packte. „Die muß ja sehr schön sein," sagte Bredenhofer Zerstreut. Er hatte nur halb hingehört, all seine bedanken weilten schon wieder bei seinem Bilde. Sehnsüchtig, mit einer gewissen Gier blickte er nach �er Staffelei, es drängte ihn, gleich wieder anzu- wngen; jetzt, jetzt würde er die Farben finden, er war in der Stimmung! „Wissen Sie was, lieber Freund"— Reuter hackte ihn am obersten Rockknopf—„Sie»siissen Re Perriccioni kennen lernen! Das ist was für Sie— eine übersprudelnde Künstlernatur! Ich lasse Sie's nächstens wissen, damit Sie auch von der Partie sind. Wollen Sie?" „Ja, ja!" Der junge Rtann ivar vollständig W Gedanken. „Also auf Wiederschen, grüßen Sie Frau Lena! Adieu, adieu! All Heil!" Er war gegangen, Bredenhofer allein in seinem Atelier. Ein stärkerer Windhauch kam dnrch's Fenster und wehte die losen Blätter vom Schreibtisch auf Re Erde. Bredenhofer raffte sie auf, warf sie achtlos auf ihren früheren Platz— wozu brauchte er die Zettel noch?! Nun hatte er's bald nicht mehr uöthjg, für fünfundzwanzig Mark kleine Artikel in Pageszcitnngen zu schreiben und zu zittern, ob sie Überhaupt angenommen würden! Mit einer raschen Wendung drehte er sich ganz seinem Bilde zu und stand nun da, regungslos, es unverwandt mit liebe- vollem Blick betrachtend. Das war also die erste Staffel auf der Leiter des Ruhms! Ein lange nicht mehr gekanntes Wohlgefühl er- faßte ihn, eine Lust, zu jauchzen und über die Stränge zu schlagen. Und zugleich ein fieberhafter Thätig- keitstricb, ein Drang, fertig zu werden, der Welt das vollkommene Werk zu zeigen. Er fing an zu malen und malte, ohne nur ein- mal prüfend innehalten und mit kritischem Blick seine Arbeit zu mustern; er malte mit klopfenden Pulsen und einem abgezirkelten Roth auf den Backenknochen. Den Mund hielt er im lächelnden Ausdruck halb geöffnet— in Gedanken sah er schon sein Bild im .Kunstsalon Unter den Linden hängen, in den Zeitungen wurde darauf austnerksam gemacht, das Publikum war begierig, diese eminente Leistung eines bis dahin Unbekannten zu sehen. Man eilte hin, bewunderte, fragte nach dem Preise— ja— Bredenhofer stutzte — wieviel sollte er eigentlich verlangen? Er ninßte Reuter frage». Uebrigens, das Pekuniäre kam erst in zweiter und dritter Linie; die Hauptsache war die Anerkennung des Talents. Der glückliche Ausdruck blieb auf seinem Gesicht, leise pfeifend arbeitete er weiter. Der Schweiß perlte ihm auf der Stirn und lief langsam an der bleichen Schläfe nieder; er merkte es nicht. Vorsichtig wurde die Thür geöffnet, und Lena's erhitztes Gesicht unter dem breitrandigen Strohhut guckte herein. Sie lächelte schelmisch, auf den Lippen brannte ihr das wichtige Ereigniß, am liebsten hätte sie's ihm gleich laut entgegen geschrieen. Sie drückte die Blumen an den Mund, als müsse sie ihn so verschließen. Er arbeitete, ohne aufzusehen. Dabei war die Beleuchtung nicht mehr günstig, ein gewitterkündendcr gelblicher Schein gab falsche Reflexlichter. (Fortsetzung solgl.) Im Gisenhcmtmer. Von A. Gcrisch. 'n die Jugendperiode des„eisernen Zeitalters" versetzt uns unser heutiges Bild. Es ist der Eisenhammer unserer Großväter, wie ihn Schiller verewigt hat: Des Wassers und des Feuers Kraft Verbündet sieht man hier; Das Mühlrad von der Fluth gerafft, Umwälzt sich für und für; Die Werke klappern Nacht und Tag, Im Takte pocht der Hämmer Schlag, Und bildsam von den mächt'gen Streichen Muß selbst das Eisen sich erweichen. Die Männer, die in diesen Hütten schaffen, wissen noch nichts von dem Niesen Dampf, der ihren Enkeln einst die Hämmer heben wird. Gar klein, nach unseren heutigen Begriffen, sind die größten Eisen- blöcke und-Schienen, die sie herzustellen vermögen. Daher ist es denn auch nicht das Eisen, sondern das Holz, das wir bei. dem Bau und der inneren Einrichtung der Eisenhütte alten Schlages in erster Linie verwendet sehen. Aus Holz besteht das Sparr- werk und die Bedachung, aus Holz das massige Gestell mit der mächtigen Welle zum Heben der Hämmer, ans Holz die Stiele der Hämmer und die Unterlagen der Ambose. Und an Holz war kein Mangel. Standen doch die Hütten fast ausnahmslos in den engen Thälern der waldreichen Gebirge. Denn nur dort fand der alte Hammerschmied die drei Dinge auf engem Raum vereint, die er zu seinem Betriebe benöthigte: Eisen- stein, Holzkohle und Betriebskraft. Die letztere lie- ferten ihm die wassei reichen und ausdauernden Ge- birgsbäche. Hatte das Wasser beträchtliches Gefälle, so genügte die Anlage eines kurzen, an der Thal- wand mit geringer Senkung entlang geführten Gra- bens, um das Wasser auf die nöthige Höhe zu bringen. Oft wurde aber auch das Wasser, wie die heute hier und da noch vorhandenen bewundernswcrthen Anlagen beweisen, aus stundenweiten Entfernungen heran- geleitet. Die Regel war der sogenannte„oberschlächtige,, Betrieb, d. h. das Wasser stürzte von oben auf die Schaufeln der Wasserräder. Obgleich durch diese Anordnung, die eben nur im Gebirge möglich ist, lvährend man sich in der Ebene mit mittel- oder gar unlerschlächtigen Rädern behelfen muß, der höchste Effekt iu der Ausnlltzung der Wasserkraft erzielt wurde, mußten die Räder doch von gewaltigem Durch- messer sein, wenn sie die ihnen zugedachte Arbeit leisten sollten. Treten wir nun in das Innere des Eisenhammers. An der einen Seite befinden sich die aus Granit- steinen aufgemanerten, nach vorne völlig offenen Fenerhccrde, deren rothe Glnth den Jnnenraum der Hütte grell erleuchtet. Dem einen Herde nähert sich eine rußige Gestalt mit einem Korbe voll Holz- kohlen auf dem Rücken. Ein Ruck, und die ganze Ladung fliegt in die glühende Oeffnnng. Nach einigen Sekunden ertönt ein Geprassel, vergleichbar dem Schnellfeuer einer Infanterie-Ablheilung. Die in den zahlreichen Hohlräumen der Holzkohle enthaltene Luft hat sich in der Hitze auf das Hundertfache ihres Volumens ausgedehnt und ihre Behälter auseinander gesprengt. Fortgesetzt steigen Funkengarben mit großer Geschwindigkeit durch das Gebälk bis unter das Dach empor, um dann langsam und verlöschend von oben wieder herabzusinken. Unwillkürlich drängt sich uns der Gedanke auf, dieses Balkenwerk über unseren Köpfen müsse bei dem Feuerwerk, das beständig zwischen ihm hindnrchzischt, in den nächsten Minuten in Flammen aufgehen. Und in der That, oft genug beginnt es da und dort ini Holzwerk zu glimmen, zumal, so lange der Bau noch neu ist. Nach und nach wird die Gefahr geringer. Hammerschlag und Flugasche lagern sich auf dem Holzwerk ab und bilden eine Jsolirschicht, auf welcher die Funken, ohne zu zünden, langsam verglühen. Eine Unterhaltung zu führen, ist fast unmöglich. Durch die Hütte braust es beständig wie Sturm- getöse, und von draußen her dröhnt dumpf der Fall niederstürzenden Wassers. Ter Ventilator der Neu- zeit ist noch nicht erfunden. Man benutzt zur Wind- erzengnng noch Blasebälge, und von ihnen geht jenes Geräusch ans, das wie Heulen des Sturmes klingt. Sie sind von so riesigem Umfange, daß ein beson- deres Wasserrad zu ihrer Bewegung nöthig ist. Dieses Rad ist Tag und Nacht ununterbrochen im Gange, während das größere, zum Heben der Hämmer bestimmte, in der Regel nur dann in Bewegung gesetzt wird, wenn die Hämmer ihre Arbeit beginnen sollen. Betrachten wir uns die letzteren etwas genauer. Es sind ihrer drei, von verschiedener Größe. Der schiverste mag gegen fünf Zentner wiegen. Befestigt sind sie auf ca. drei Nieter langen Stielen von bestem weißbnchenein Holze. Ungefähr dreiviertel Meter vom Ende sind die Stiele in eisernen, mit Zapfen versehenen Ringen festgekeilt. Die Zapfen bewegen sich in Lagern, die in dem mächtigen, der Welle vorgebauten Holzgestelle befestigt sind. Ganz an dem dem Hammer entgegengekehrten Ende ist in jeden Stiel ein eiserner Schwanz eingelassen und von einer Reihe über den Stiel gezogener eiserner Ringe fest- gehalten. Die Welle besteht ans dem Stamm einer Edel- tanne. Sie ist an beiden Enden mit starken eisernen, in Lagern laufenden Zapfen versehen und mißt in bearbeitetem Zustande noch 1 Meter im Durch- messer, bei einer Länge von 10 bis 15 Metern. Auf dem einen, in der„Radstnbe" gelagerten Ende trägt sie das große Wasserrad, während auf der übrigen Fläche in genauen Abstände», entsprechend der Zahl der vorhandenen Hämmer, große mit Zapfen oder Daumen versehene eiserne Ringe aufgezogen und mit Bolzen und Keilen befestigt sind. Diese Damnen oder Zapfen treffen bei der Um- drehung der Welle auf den Schwanz des Hammers und indem sie diesen niederdrücken, heben sie vorne den Hannner empor. Durch die weitere Drehung der Welle erfolgt, nachdem der Hammer bis auf eine bestimmte Höhe gehoben ist, das Abrutschen des Daumens vom Hammerstiel, worauf der Hammer vorne mit seinem ganzen Gewicht niederfällt,»in Die Neue Welt. Illustrirte llnterhalwngsbeilage. 8t vom nächstfolgendeil Daumen von Neuem gehoben zu werden. Soll der Hammer in den Ruhestand ver- fetzt werden, so wird er in seiner höchsten Stellung durch eine schnell untergestellte Stütze anfgefangen, eine Manipulalion, die nur nach langer Uebnng ge- lingt. In dieser Stellung gehen dann die Daumen der Welle, ohne ihn zu treffen, haarscharf am Schwänze des Hammerstiels vorbei. Soll umgekehrt der Hamnier in Thätigkeit treten, dann wird die Stütze, auf der er ruht, weggeschlagen, worauf er niederfällt, um nach einigen Sekunden von der in- zwischen in Bewegung gesetzten Welle erfaßt und gehoben zu werden. Diesen Moment hat Friedrich Keller auf seinem Bilde festgehalten. Eine Weile schon haben die Schmiede aufmerksam in das Feuer hineingeschaut. Jetzt sind sie einig, daß das eingefüllte Erz zu einem Klumpen zusammengeschmolzen ist, und sie treffen die nöthigen Austalten, um diesen aus dem Feuer heraus und unter den Hammer zu bringen. Da es noch grobe Arbeit zu verrichten giebt, indem erst die Schlacken und sonstigen fremden Bestandtheile aus dem Eisen herausgequetscht werden müssen, muß der größte Hammer in Thätigkeit treten. Der eine der Schmiede stößt eine zugespitzte Eisenstange mit großer Gewalt in die breiige Masse und hebt sie mit dieser ans dem Feuer heraus. Der zweite greift mit einer großen Zange zu, und schnell wird der weißglühende, sprühende Klumpen nach dem Hammer befördert, neben dem bereits ein dritter Schmied zur Bedienung des Hammers Aufstellimg genommen hat. Kaum daß der Block auf dem Ambos liegt, läßt er auch schon den Hammer fallen. Dann drückt er schnell mit ganzer Kraft die Stange nieder, die wir in seiner linken Hand sehen. Die Stange steht durch eine Eisenschiene mit dem langen Hebel- arme in Verbindung, der oberhalb des Hammer- gestelles frei in den Raum hineinragt. Durch ihn wird die im Gerinne über dem großen Wasserrad befindliche Klappe bewegt. Ein Druck, wie jetzt nach unten, öffnet die Klappe, und sofort verstummt das Getöse des bisher unbenutzt vom Gerinne nieder- stürzenden Wassers. Dagegen beginnt es in der, durch einen Bretterverschlag von der Hütte getrennten „Radslnbe" zu zischen. Das Wasser fällt auf das große Rad, die Welle beginnt sich langsam zu drehen, und erst langsam, dann inimer schneller und schneller dröhnt der Schlag des Hammers durch den Raum, so daß die beiden Schnnede vor deni Ambose Mühe haben, während der kurzen Zeit des Anfsteigens des Hammers die nöthigen Drehungen und Wendungen mit dem Eisenblock auszuführen. Immer glückt das natürlich trotz größter Uebnng und Geschicklichkeit nicht, und deshalb ist der dritte Mann jeden Augenblick bereit, durch Unterstellung der Stütze den Hammer aufzufangen, während er mit der linken Hand den Wasserzufluß derart regelt, daß die Umdrehung des Rades eine bestimmte Ge- schwindigkeit nicht übersteigt. Nach einiger Zeit ist der erst weißglühende Klumpen, der unter den Schlägen des Hammers bedeutend an Umfang verloren hat, nur noch schwach rothglühend. Ein Zeichen des Vorarbeiters, und der Hammer steht still, während die Welle, von der Schwungkraft des Rades getrieben, noch einige Um- drehungen macht. Ter Eisenbrocken wandert zurück in den Feuerherd, um abermals auf Weißgluth- Hitze gebracht zu werden, bis er nach wiederholtem Durcharbeiten unter kleinen Hämmern zn einer Stange recht guten Schmiede-Eisens wird. So ging es bei der Eisenbereitnng unserer Groß- väter zn. Der Dampf hat dieser Art von Eisen- Produktion bald ein Ende gemacht, und mit ihr ist auch das Geschlecht der Hammerschmiede alten Schlages ausgestorben. Der wuchtigste Schwauzhammer von früher ist gegen die Dampfhämmer von heute ein Kinderspiel- zeug. Wiegt doch der große Hammer bei Krupp in Essen 1000 Zentner bei 3 Meter Fallhöhe, während der große Hammer in Creuzot gar 1600 Zentner wiegt und 5 Meter Fallhöhe hat. Während im alten Eisenhammer der Ambos einfach auf einem in die Erde eingegrabeneu und mit eisernen Ringeu versehenen Holzklotze befestigt wurde, wiegt die Eha- botte— das ist der Eisenklotz, auf dem der Ambos befestigt ist— des Ereuzoter Hammers die Kleinigkeit von 1 6 000 Zentnern. Und dabei sind diese modernen Ungeheuer ihrem Führer, der sie von einer am Hanimergestelle angebrachten Gallerie aus lenkt, folg- sani wie ein gut erzogenes Kind. Dasselbe Ungethiim, das sich jetzt mit zermalmen- der Wucht auf ein zu bearbeitendes Stück Eisen oder Stahl wirft und durch seinen Schlag weithin die Erde erzittern niacht, es tänzelt im nächsten Augenblick so leicht und zierlich ans und nieder und trifft so sanft auf, daß man mit ihm Nägel in eine auf den Ambos gelegte Holzleiste einschlagen kann. Trotzdem sind auch diese Niesenhämmer, ein so ungeheuerer technischer Fortschritt in ihnen verkörpert ist, bereits ein überwundener Standpunkt. Man hat längst schon die Erfahrung gemacht, daß die Ein- Wirkung selbst der allerschwersten Hämmer auf das zn bearbeitende Stück eine vergleichsweise oberfläch- liche ist, gegen die der hydraulichen Presse. Aus diesem Grunde sind auch die Riesenhämmer der großen Werke zu dekorativen Schaustücken geworden, die nur noch selten in Gebrauch genommen werden, während die Arbeit, für die sie bestimmt waren, von den geräuschlos arbeitenden hydraulischen Pressen viel besser und intensiver verrichtet wird. Der kaum faßbar gewaltige Druck der hydraulischen Pressen wirkt bis in den innersten Kern der Eisen- und Stahlmassen und giebt ihnen ein so gleichmäßiges dichtes und zähes Gefüge, wie es durch Schläge auch mit dem schwersten Hammer nicht zu erzielen ist. Aber auch dieses Verfahren wird bald genug durch noch vortrefflichere Methoden überboten werden. Schon arbeitet man an dem Problem der Metall- gewinnung auf elektrischem und chemischem Wege; und wenn dereinst die Elektrizität den Dampf ver- drängt haben wird, wie dieser das Wasserrad, dann werden unsere Kinder und Enkel von unserer Erz- bereitung wahrscheinlich ähnlich reden wie wir von dem Eisenhammer unserer Großväter.— «■ Wom Warnen. Von Thomas River. ir wollen den Versuch machen, bestimmte volksthllmliche Anschauungen aus Volks- thiimlichen Gebräuchen und namentlich aus der Sprache zu gewinnen. Die Sprache ist im Wesentlichen ein Erzeugniß des Volksgeistes, und so sehr sie stets in lebendigein Werden sich befindet, so zahlreich enthält sie, gleichsam versteinert, gewisse Formen und Ausdrücke, in denen sich das Denken des Volkes getreulich bewahrt hat. Es sind förmlich „Ueberlebsel" einer früheren Zeit, aber so mächtig, daß sie sich ihre Geltung bis heute bewahrt haben. Solche Ueberlebsel können wir an Handlungen studireu, die noch heute bei Kulturvölkern üblich sind; aber sie begreifen werden wir am besten im Zusammenhang mit Gebräuchen, die sich bei wilden Völkern finden. In der Wetterau pflegt man nach den Leichen der Ertrunkenen zu suchen, indem man den Namen des Verunglückten auf ein Zettelchen schreibt, dieses ans ein Stück Brot legt und das Ganze frei schwimmen läßt; man ist überzeugt, daß der Name zu seinem früheren Träger schwimmt. Darin drückt sich die volksthllmliche Meinung aus, daß Name und Person untrennbar zusammengehören. Wenn wir damit den Gebrauch mancher Jndianerstämme vergleichen, daß Blutsbrüder ihren Nanien tauschen, so finden wir etwas Aehuliches. Erst durch den Zusammenhalt solcher Beispiele können wir aber verstehen, welche Anschauung dem Ganzen zu Grunde liegt. Ebenso werden wir uns manchmal nicht auf unsere Mutter- spräche beschränken können, sondern auch fremde Sprachen zum Vergleich heranziehe» müssen. Wir wollen zusehen, welche volksthllmliche Denk- anschaunngen sich an den Namen, die Bezeichnung von Personen und Dingen knüpfen. Da finden wir zunächst aus zahlreichen Gebräuchen, daß der Name die höchste Bedeutung für das Volksbewußtsein hat. Die väterliche Gewalt wurde bei den Römern bis in ihre äußerste Konsequenz anerkannt. Ter Vater konnte sein Kind aussetzen, verkaufen, sogar tödten. Ausgesetzt wurden besonders mißgebildete und gebrechliche Kinder, aber auch der Aberglaube spielte eine Rolle; so wurden alle am Todestag des Germanicus geborenen Kinder ausgesetzt, weil dies ein Unglückstag war. Erst die christlichen Kaiser, die auch das Tödten von Kindern verboten, hoben dieses Recht des Vaters auf, aber noch im 4. Jahr- hundert nach Christus wird dieser barbarische Ge- brauch als etwas allgemein Uebliches erwähnt; ja, Kaiser Constantin, zn Beginn des vierten nach- christlichen Jahrhunderts, sieht sich veranlaßt, das von seinem Vorgänger erlassene Verbot des Kinder- Verkaufs theilweise wieder aufzuheben, indem er es bei neugeborenen Kindern im Falle großer Armuth gestattete. Das Schicksal der ausgesetzten Kinder war ein entsetzliches, so daß diejenigen noch zu be- neiden waren, die einen schnellen Tod fanden. An einen mitleidigen Pflegevater kanicn die wenigsten, die meisten wurden ein Handelsobjekt für Speku- lauten; fie wurden als Sklaven verkauft, auch von Bettlern aufgegriffen, scheußlich verstümmelt und gezwungen, selbst zu betteln; auch der Prostitution j wurden die Findlinge preisgegeben, und Begegnungen solcher Kinder mit ihren Eltern werden von zeit- genössischen Schriftstellern erwähnt. Wollte ein Vater also sein Kind vor solchen Schicksalen bewahren, so mußte er es durch eine symbolische Handlung ans- drücklich anerkennen; dies geschah durch Aufhebung vom Fußboden. Vollendet wurde die Anerkennung des neuen Familienmitgliedes durch die Namen- gebung, die unter großen Feierlichkeiten bei Knaben am nennten, bei Mädchen am achten Tage stattfand. Damit war auch das neue Jnoividuum von den anderen gesondert. Bei der Namengebung selbst walteten die verschiedensten Rücksichten. Manche Familien hielten nur bestimmte Namen für„standest gemäß", außerdem spielte noch die hohe Meinung, die man von der Macht des Namens hatte, eine große Nolle: man vernued es, Namen zn geben, deren Träger etwa vor Kurzem ein unrühmliches Ende genommen, andererseits schmückte man Kinder gern mit dem Nanien populärer Personen. Ganz ähnliche Erscheinungen können wir noch heutigen Tages auch in Deutschland verfolgen. Erblich ist der Fannlienname. Die Persönlichkeit erhält aber das neue Familieumitglied durch den Tanfnamen- Der Taufakt selbst ist ja bekanntlich mit der größten Feierlichkeit verbunden. Nun beachte man aber noch Folgendes: In mehreren Gegenden Deutschlands hütet man sich, das Kind schon vor der Taufe Z« benennen. Darum heißt im Mansfeldischen der neue Welteubürger—„Taubendreckchen", gewiß eine höchst unpersönliche Bezeichnung. Und nun die Namengebung selbst. Ganz allgemein wird dem Kinde nicht der Name eines gestorbenen Geschwister� gegeben, damit es nicht gleichfalls sterbe. In de» österreichischen Alpenländern pflegt man uneheliche» Mädchen in der Taufe den Namen Margarethe (die Reine) zu geben, damit der Nanie gewissermaße» eine Entsiindignng bedeute. Doch noch andere Er- örterungeu lassen sich an die Feier der Namengebung knüpfen. Der Taufpathe pflegt dem Täufling ein Geschenk zu geben, sich auch im ferneren Leben ihn zn kümmern. Dieser Brauch, der auf die ur- ältesten Zeiten zurückgeht, hat seinen tiefen Sin»- Es drückt sich darin die volksthümliche Anschauung aus, daß der Naniengeber im gewissen Sinne auck der Schöpfer ist. In der That findet sich bei de» Jlica-Peniauern eine Schöpfungssage, die dies deutlich � zur Darstellung bringt. Viracocha, der Weltschöpfer, bildete zuerst steinerne Menschen; dann ließ er diese durch seinen Begleiter beim Namen rufen, und da wurden aus ihnen lebendige Menschen! Aller- dings ist im jetzigen Volksbewußtsein diese Anschauung ziemlich verwischt; mit großer Lebendigkeit aber h»� sich bis heute der Glaube erhalten, daß der Namen- gebcr eine Macht über den Benannten besitzt, daß die Kenutniß des Namens auch die Herrschaft über die Person verschafft. So heißt es schon in der Bibel, daß Adam die Thiere benannt habe, und eben dadurch wurde er ihr Herr. In den Märchen Im Gisenchammer. Nach dem Gemälde von Friedrich Keller. (Photographieverlag von Franz Hanfftängl tn München) 86 Die Neue Welt. Illustrirte llnterhalwngsbeilage. aller Völker finden sich Beispiele für die gleiche Anschauung. Jeder kennt wohl das Märchen vom Rumpelstilzchen. Die Königin mußte ihm zur Be- lohnnng für geleistete Dienste ihr Kind geben; der Böse aber bewilligt ihr drei Tage, fände sie inner- halb dieser Frist den Namen ihres Gläubigers, so dürfe sie das Kind behalten. Die Königin ist rathlos; sie sagt alle möglichen Namen auf, aber keiner trifft zu. Da sendet sie Boten ans, die im ganzen Reich nach unerhörten Nanien forschen sollen; endlich, am dritten Tage, als die Frist fast schon abgelaufen, belauscht ein Bote im Walde ein kleines Männchen, wie es um ein Feuer tanzt und singt: „Heute back' ich, morgen brau' ich, llebermorgen hol' ich der Königin ihr Kind; Ach, wie gut ist, daß Niemand weiß, Daß ich Rumpelstilzchen heiß'I" Mit dieser Botschaft ist die Königin gerettet; als der Böse seinen Namen hört, packt er voll Wuth sein linkes Bein und reißt sich selbst mitten entzwei. Ganz dasselbe Märchen findet sich auch im Fran- zösischen, entsprechende Märchen in zahlreichen Varianten im Skandinavischen; ja selbst das Mon- golische besitzt ein Märchen, in dem ein Mangusch, ein böser Geist, auf ähnliche Weise unschädlich ge- macht wird. In diesem mongolischen Märchen ist die Namensnennung garnicht in den Pakt mit dem bösen Geist aufgenommen; es genügt eben der bloße Name, um ihn seiner Macht zu berauben. Ganz ebenso zeigt sich dies in der nordischen Sage vom König Olaf. Dieser wollte eine Kirche bauen, die schöner und größer werden sollte, als irgend eine, aber er besaß nicht die Mittel dazu. Da hörte ein Riese von seiner Roth und machte sich erbötig, die Kirche zu erbauen, wenn ihm der König als Lohn Sonne und Mond oder den heiligen Olaf selbst geben wollte. Der König willigte ein; aber je weiter der Bau vorrückte, desto größer wurde sein Bangen. Es fehlte nur noch Dach und Spitze, da wandelte König Olaf voll Sorge durch das Land; da hörte er in einem Berge ein Kind weinen, die Mutter aber es mit den Worten beschwichtigen: „Ziß, ziß, morgen kommt Dein Vater Wind und Wetter und bringt Mond und Sonne oder den heiligen Olaf selbst." Da ward der König iiber die Maßen froh und eilte nach Hause, denn jetzt wußte er, wie er dein Riesen entkommen könnte. Gerade hatte der die Spitze angebracht, da rief Olaf: „Wind und Wetter, Du hast die Spitze schief gesetzt!" Da fiel der Riese mit entsetzlichem Krach herab und zerbrach in Stücke. Aus ähnlichen Gründen spielt der Name bei Verzauberungen und Beschwörungen eine große Rolle. In der älteren Edda wird erzählt, daß Sigurd den: Niesen Faftnr das Schwert in das Herz stieß und der tödtlich Getroffene ihn fragte, wie er heiße; aber Sigurd verhehlte seinen Namen, denn er fürchtete die Verwünschung des Sterbenden. Manche Indianer- stämme Nordamerikas zeigen den Brauch, daß die Mitglieder des Stammes ihren wahren Namen sorg- fältig vor einander verbergen und ini Verkehr sich nur Spitznamen bedienen. Sehr auffallend aber ist ein Beispiel aus unserer Zeit. Im bayerischen Gebirge hat jeder Kalenderheilige bestimmte Funk- tionen, jeder ist für genau umschriebene Fälle Schutz- Patron. Der heilige Valentin ist nun Schutzpatron gegen Epilepsie! Woher kommt das? Ganz einfach von seinem Namen. Das Volk brachte Valentin und Vallendeu-Siechthum(hinfallende Krankheit, Epilepsie) in Zusammenhang, daher der Glaube; im bayerischen Gebirge kann man oft Epileptische zu Valentinskapellen wallfahrten sehen. Ja, infolge einer ähnlichen sprachlichen Umdeutung hat der heilige Valentin einen Kollegen verdrängt: gegen den Veits- tanz galt der heilige Vitus(Veit) als Schutzpatron; da aber in vielen Gegenden für Valentin Valtl und Vaitl gesagt wird, ist an die Stelle von Vitus Valentin gerückt. Damit sind wir zu einer sehr wichtigen Er- scheinung in der Sprachbildung und im Bewußtsein gelangt. Diese Umdeutungen, die das Volk bei den verschiedensten Worten vornimmt, gehen auf einen Grund zurück. Der Name ist nicht nur mit der Person verbunden, auch die Dinge sind schon mit ihrem Namen gegeben. Das Volk hält daran fest, daß sich Keines ohne das Andere denken läßt. Und in diesem Zusammenhange werden wir wieder auf die Volksetymologien, wie man solche Umdeutungen nennt, zu sprechen kommen. Oft genug ist iiber die Häufigkeit der Namen Schulze, Müller und so fort gespottet worden. Diese Familiennanien, also Eigennamen, sind aus Gattungs- namen entstanden. War Jemand Schulze im Dorf, so hieß er zunächst„der Schulze", dann aber ließ man den Artikel weg, und aus der Amtsbezeichnung wurde die Personbezeichnung. Es liegt also eigentlich eine Verwechselung zwischen Gattungs- und Eigen- namen vor. Ein Besitzer des Gasthofes„Zur Klause" wird der„Klausenwirth" genannt. Dieser Name bezeichnet das Individuum so vollkommen, daß der Eigenname, der Tauf- und Familienname, fast ganz in Vergessenheit geräth. In den Alpenländern macht man hier auch eine sehr feine Unterscheidung. Den Behörden kann mit solchen Namen, wie„der Gelbhof- bauer",„der Haidepeter" nicht gedient sein; deshalb macht die Bevölkerung einen Unterschied zwischen heißen und sich schreiben. Das Letztere giebt immer den amtlich festgestellten Namen. So untrennbar Eigenname von Person, so enge verbindet das Volksbcwußtsein Ding und Name, und deshalb entschließt man sich auch schwer, einen einmal gewählten Namen aufzugeben, selbst wenn er nicht mehr paßt. Bleiben wir zunächst bei der Untrennbarkeit von Ding und Namen. Das kleine Kind nennt jeden Mann Papa; wenn es auf die Frage:„Wie heißt denn Deine Mutter?" zur Ant- wort giebt:„Mutter", so beruht dies auf der bereits erwähnten Umwandlung von Gattungsnamen in Eigennamen. Schwer wird ein Kind oder ein naiv denkender Mann aus dem Volke glauben wollen, daß man ganz willkürlich und nach Uebereinkuuft einen Tisch Tisch und einen Stuhl Stuhl nennt; er wird es unbegreiflich finden, daß das polnische Wort stöl, das unserem Stuhl entspricht, Tisch be- deutet. Daher der gelungene Ausspruch:„Im Deutschen heißt Brot Brot und ist auch Brot; im Französischen heißt es xain und ist auch weiter nichts als Brot!" Ja, im Kinderglauben, wohl auch im Glauben des gemeinen Mannes, haftet der Name der Person oder dem Ding nicht nur untrennbar, sondern auch von Ewigkeit her an. Die kleine Lisbeth i fragt, ob auch sie der Storch gebracht habe, und auf die bejahende Antwort der Mutter meint sie:„Ja, aber woher wußtest Du, daß es die kleine Lisbeth ist?" Und von einem Bauer wird erzählt, daß er bei einem Gespräch über die Sternkunde die Kennt- nisse der Astronomen angezweifelt habe, indem er sagte:„Wer steht uns dafür, daß Jupiter wirklich Jupiter ist?" Aus demselben Grunde halten ein- fache Menschen, die nie aus ihrem engen Kreise herausgekommen sind, oftmals fremde Sprachen nur für eine Verballhornung ihrer eigenen. Im Deutschen nennt man die französische Sprache:„Papperlapapp", und wenn der Deutschtiroler seine welschen Lands- leute verspotten will, dann sagt er, sie sprächen „Pitschelespatscheles". Wenn ein Fremdwort sich in der Muttersprache einbürgert, so wird es für ein Wort der elfteren gehalten. So konnte ein Soldat, der den dentsch-französischen Krieg mitgemacht hatte, erklären, das einzige deutsche Wort, das er in Frankreich gehört, sei Parapluie gewesen. In der- selben Meinung schnauzt ein Postbeamter einen Fremden an, er möge doch als Adresse nicht„Hier", sondern ordentlich deutsch„loco" schreiben. Darauf beruhen auch die zahlreichen Umdeutungen und Um- deutschungen, mit einem Fremdwort Volksetymologien genannt, deren wir schon früher Erwähnung thun mußten. Das Sprachbewußtsein des Volkes sucht alle Worte, deren Bedeutung es kennt, die ihm aber fremd klingen, dem eigenen Sprachschatze anzupassen und sie durch Veränderungen in lautlich bekannte Worte überzuführen. Sündfluth kommt nicht von Sünde, sondern ursprünglich hieß es Sintfluth große Fluth. Die Redensart„seine Schäfchen in's Trockene bringen" hat garnichts mit Schafen zn thun, sondern stammt aus dem Holländischen, wo der vorsichtige Kaufherr sein Schiffchen noch recht- zeitig vor dem Sturm auf's Land brachte. In Berlin giebt es Noch heute eine Rosmarienstraße, mit deutlicher Anlehnung an Marie; in Wirklichkeit aber stammt der Name vom lateinischen rosmarinns, Meeresthau. Nehmen wir beide Erscheinungen, das Nicht- anerkennen der freniden Sprache und die Volks- etymologien, zusammen, so werden wir es leicht be- greiflich finden, wenn Leute, um sich gebrochen Deutsch sprechenden Fremden besser verständlich zu niache», selbst gebrochen Deutsch reden. In einen ga»z ähnlichen Fehler verfallen auch sehr gebildete Erwachsene, wenn sie mit kleinen Kindern ganz in der Sprache von Kindern, die noch nicht ordentlich sprechen können, reden.(Schluß folgt.) Der Herr Rittmeister.-2� (Schluß.) t�rau von Bärensprung-Plaut, die Gattin des Rittmeisters a. D. Wolf von Bärensprung- Plaut auf Berkewitz, war eine exotische Erbin und hieß mit ihrem Mädchennamen Anita Pujarniscle. Northmaun, der ein Dutzend Jahre lang darauf ver- wendet hatte, vieler Mensche» Städte zu sehen und Sitten zu lernen, hatte ihren Vater, den alten Pujarniscle, vor Jahren in Havana genau gekannt, als die kleine Anita noch ein Mädchen von sieben oder acht Jahren gewesen war. Der Alte hatte sich vom Laufburschen bis zum Großbankier hinauf gearbeitet. Wenn man sehr zarten Gewissens ist und viele Bedenken hat, macht man eine solche Laufbahn natürlich auch in den Tropen nicht. Ter „ülustrissimo Tenor Don Jaime Pujarniscle" galt deshalb auch, wenn niau nicht im Amtsstil von ihm sprach, als ein ganz gefährlicher Gauner. Ehe die Novelle von Theodor Duimchcn. Verhältnisse auf der Insel Kuba schwierig geworden waren, hatte er rechtzeitig liquidirt. Northmaun hatte ihn gelegentlich einer Amerikafahrt später in New-Iort wieder gefunden, wo er, und zwar auf sehr großem Fuße, aber nur noch wenige Jahre lebte. Als vierzehnjähriges Mädchen war Anita von ihrer Tante, einer Schwester ihrer verstorbenen Mutter, nach Europa, und zwar zunächst nach Paris, gebracht worden. Man hatte die vielfache Millionen- erbin begreiflicherweise arg umdrängt, als die Tante einen Salon aufgemacht hatte. Aber die Alte hatte nicht verstanden, gewisse Elemente fem zu halten, und dadurch ihr Haus in ein falsches Licht gestellt. Einige wahre Geschichten von dem alten Pujarniscle, die iiber Madrid ihren Weg nach Paris gefunden hatten, waren auch nicht sehr förderlich gewesen. Da war die Alte denn wenigstens schlau genug gewesen, einzusehen, daß sie in Paris die stolz* Partie, auf die sie für ihre Nichte rechnete, wohl nicht zu Stande bringen würde. Sie hatte de» dortigen Haushalt im Einverständnisse mit ihre* Nichte aufgelöst. Dann hatten die Damen zuiiächö versuchsweise einige Monate in deutschen Seebäder» zugebracht und sich später in Dresden niedergelasse», der großen Karawauserai für alle möglichen Aus' länder. Northmaun war erst nach ihrer VerheirathuÄ und ganz zufällig bei ihr eingeführt worden. Bcid* waren sehr überrascht gewesen, als sie sich als alt* Bekannte erkannten. Die schöne junge Frau hatte den berühmt*" Mann sehr gut enipfangen und es einzurichten g*' wüßt, daß er sehr bald sozusagen zum Jnveuto* des Hauses zählte. Die Neue Welt. Zllustrirte Unterhaltungsbeilage. 67 Ein berühmter Btami ist immer eine besonders„Als er eines Tages wieder vor dem völligen reiste für einige Wochen in's Ausland. Sie klagte vomehme Wierde für einen ehrgeizigen Salon, und Ruin stand," fuhr Northrnann fort,„hat ihm ein auf Scheidung der Ehe ivegen böswilliger Verlassung. der ihriae litt hier und da unter einem gewissen guter Freund, der die Verhältnisse genau kannte, Alles war so eingerichtet, daß dieser Scheidungs- leisen Vorurtheil nicht etwa daß ihr Hans nicht einen vorzüglichen Rath gegeben. Er hat ihn grund ganz formgerecht, schlank unter Beweis gc- ersten Ranaes gewesen wäre im Gegentheil» man nämlich darauf aufmerksam gemacht, daß eine Frau, bracht werden konnte. Das Gericht glaubte wieder traf hier fast Alles was Geld iKamen, Stellung deren Geld doch bis auf den letzten Pfennig verbraucht einmal vor einem Fall zu stehen, wo die Parteien hatte nur dem genaueren Kenner siel doch gelegent- sei, für einen Mann in seinen Verhältnissen sehr ganz einig darüber sind, daß sie sich trennen wollen lich das Fehlen gewisier Gruppen auf, die leise nnniitzlich und eigentlich ein sträflicher Luxris wäre." und über den juristischen Gang und die Formalitäten Zurückhaltung besiiminter Kreise: die noch aktiven Während der letzten Worte Northmann's hörte sich vorher verständigt haben. Die Ehe wurde denn Kameraden des Rittmeisters zun: Beispiel ließen sich man im Nebenzimmer Stimmen, und gleich darauf auch getrennt, die Schuld des Mannes im llrtheil nicht sehen Das Ofsiziercorps hatte die reiche öffnete sich die Thür zum Salon, in der der Herr festgestellt und der Frau die Kinder zugesprochen, Ueberseeerin doch nicht zur RegiuientSdame haben vom Hanse und Doktor Schummerich erschienen. so daß auf ihr nicht der mindeste Makel ruhte. wollen Informationen ans Paris hatten vielleicht Ter Rittmeister begriff sofort die Situation, Aber auch ans ihm lag kein Makel. Alan glaubte Bedenken veranlaßt Es schien, daß der Rittmeister winkte Northmann zu, sich ja nicht stören zu lassen, eben eine ganz konstruirte Sache auf Grund eines diese Bedenken allzu gereizt aufgenommen und sofort zog leise die Thür hinter sich zu, und die beiden freundschaftlichen llebereinkommens zu sehen. Es ist seinen Abschied verlangt hatte Er hatte mit dem Herren blieben im Eingang stehen. Northmann hatte fall garmcht darüber gesprochen worden." Gelde seiner Frau dann Nerkewitz gekauft, eines der mit leisem Kopfnicken geantwortet und fuhr ruhig-„Das ist sehr interessant," hörte man jetzt die größten Güter der Nachbarschaft und dann bald nur etwas rascher, um schnell zu Ende zu kommen- Frau vom Hause sagen. Der Ton siel Northmann anaefanaen ficb auf die Politik zu werfen. Er fort:„Ter gute Freund hat die Sache auch finanzirt denn doch auf. Große Augen, in denen ein im- galt heute'schon als eine Hauptstütze seiner Partei, gegen das bündige Versprechen, daß seine Rathschläge heimlicher Schreck lag, sahen ihn aus blassem Ge- Sein Anwalt Doktor Georg Schummerich, sollte befolg: würden. Die gesellschaftliche Mache ist...cht sichte an. Er unterbrach sich iah._ diesen Ehrgeiz in ihm geweckt haben. Schümmerich, schwierig: schon als er noch verheirathet war, wurde„Aber eme Frage," fuhr Frau von Barensprung der Sohn eines sehr erfolgreichen Schnapsfabrikanten, er an die für ihn ausgesuchte Dame herangebracht, fort, den Namen des Herrn kennen Sie ja«.cht, war ein Anwalt von großer Praxis und ein ungemein Er spielte die Rolle des Unglücklichen, der für sein aber können Sie uns nicht sagen, unter welchem geschickter Geschäftemacher; in Allem, woran sich Glück nicht zu kämpfen wagt, weil er gebunden Ul. Jameit die Frau Etzt hier lcln C Geld verdienen lien batte er seine Finger, also auch Inzwischen galt es, die Frau, deren Geld er ver- Northmann sah sich um, er sah in verlegene in der Politik er war aber schlau genug, einzusehen, geudet, die er in Kummer und Elend gesrifrzt hatte Gesichter und er sah am Eingang das ivuthverzcrrte daß in seiner Partei der Name von Bärensprung- und die die Mutter seiner Kinder war. los zu werden, Gesicht des Hausherrn, neben ihm das angstbleiche PlautimmernochbesserklingtalsDoktorSchummerich. auf anständige Weise selbstverständlich,°uf e.ne ge- Doktor Schümmerich s der deutlich e.nen nnhe.l- Doktor Sckummerick batte alle Angelegenheiten des sellschaftlich korrelte Art. Nach eingehender Be- vollen Skandal, den Ruin semer Stellung und Praxis »u«�g« n b.e � bem get0mmen/ fürchtete. Er begriff: er redete hier, nichts ahnend, wei!ia er au a enelnii a ls heute und häufig ziemlich gleich mit den, scheußlichsten Mittel zu beginnen, in. Hause des Gehängten vom Strick. Blitzschnell verwickelt aeleaen babea Der Salon seiner Frau war damals schon fast ver- gingen die Gedanken ihm durch den Kopf. Natürlich, Die Serren batten gerade heute Abend eine ödet. Nur ein Jugendfrennd von ihr, ein entserntcr das war ja die reiche Ausländerin. Das war ja gemeinschaftliche Sitzung, ans der die Frau vom Vetter, suchte sie noch auf, und er kam eher häufiger, der frühere Ofsiz.er und der fetz.ge emflußre.che Hause � wieder»u fvät erscheinen zu sehen erwartete, je schlechter es ihr ging. Auch er war der Trager Mann. Daß er an die,e Möglichkeit n.cht gedacht llode.� faß lit der einen Ecfe des eines guten, alten Namens. Sein Vater war ein hatte! Das konnte ja fast aussehen, als ob er �lons nebeit der �au vom Sause die mit der höherer Beamter gewesen, der aber nur sein Gehalt absichtlich... Er satzte ,ich und antwortete der Frau Doktor Schümmerich auf einein kleinen Eck- gehabt hatte. Als er früh gestorben war, hatten Wirthin:„Unmöglich meine Gnädige Das würde sopha Plan gmon men hatte. Die übrigen Herr- die Reste seines Vermögens gerade hingereicht, daß ich doch für e.ne grobe Jndlskretlon Hal en, und es ichasten hatten sich mehr nach dieser Ecke des Salons der Junge seine Studien beendigen konnte. Von wäre sicher gegen den Willen der unglücklichen Frau hinge og und es sich n Erwartung der Erzählung, Kindesbeinen an hatten sie viel miteinander verkehrt. Ich. erzahlte doch d.e ganze G-sch.chte nur als in den �ni nilx 2al�st beauein aemacht Nur Sie hatten sich immer Du genannt. Beypiel zur Theorie, Gnadig, te, daß auch die Frau, die iuna�!,i?e sieb etwas zurück und Der Gatte begünstigte jetzt diesen Verkehr, so die ihrer Liebe Alles geopfert hat, selbst, wenn sie -in der Tennernischen'stand viel er nur irgend konnte, schuf Gelegenheiten zu sieht, daß sie elend betrogen worden ist, nicht noth- s?«« d°r" in«», lI» Flüstertöne ,n°°lti« m«-M,.m Bei.itmnd-rse!» m ftin-m-i«-»-»»f den G-d»,-» der R-ch-«er- Untei-slnlioti Hause, wo immer es nur möglich war. Rafstiurt fallen muß. r.. � c,.,. u owfi,.„mrfifp er den Galeoto" Northmann hörte, wie drüben an der Thür der dianntekt' an mcker aanz'"unauffälligeii. Namen Die Gesellschaft wurde immer betretener. Das Herr Rittmeister a.D. von Bärensprung-Plaut leise, i» einer flehen �ckwobnu m der Wilsdruffer war doch keine Geschichte, die man in einem Salon aber eifrig, mit Doktor Schümmerich sprach, der ihn, Vors 1/ l�i- ern�� mU s�andarbeiten u� durch erzählen darf. So was schreibt man allenfalls, wie es schien, zurückzuhalten bemüht war. Vtttzinachen �wozu sie ein besonderes Geschick haben damit Kenner und Kennerinnen des Lebens die Rea- Die Frau vom Hanse hatte mit flüchtigen. Blick soll dre Kind? unt r E. übehrn.ig und Sorge, listik der Darstellung in. stillen Kämmerlein bcwun- die Gesichter ihrer Gaste gestreift: sie sah. daß d.e Di-s. X Kinder unter En velM g u Frau Doktor Schu»iuierich zeigte schon deutlich guten Frenndliinen genau wußten, hier werde ihre, D ,e Frau stammt fernie En.rüstnng in ihren Mienen, die Anderen wußten der Wirthin. Geschichte erzählt. Das war ja ein seinen w! ir? meinem Älväbrs- nicht recht, ob sie empört oder nur verlegen sein ganz infamer Klatsch, der da umging hinter ihrem � r nckck ückt da!.ach sollten d jüngeren Damen rückten näher heran, Rücken. Gereizt erhob sie sich und sagte zu North- Mnn das Wott geben muffen mich-"cht darimch M-en o.e m g �■ �hüinlich. mann:„Nun, ich kenne den Namen, verehrter Freund, h J Ä?n l ira"Familie den Northmann merkte nichts: der Gegenstand hatte und kenne die Geschichte auch, aber besser als Sie. mm r.■fTJZrZhaS ihn gepackt: er war eben Künstler, wollte die Bten- Jene Frau schweigt und hält sich in bescheidener Der c-l a0? r a i r"«L SarbSn war- scheu von denen er erzählte, gestalten und hatte Zurückhaltung, weil an der Affaire garnichts Roman- sie bat, i°bald sie mundig gewor darüber seine Umgebung schon ganz vergessen. Die tisches ist, wie man Ihnen weiß gemacht hat. Ihr Frm?.? f—• m s!m i n? r n i i p b e'r okme Augen auf einen Punkt in weiter Ferne gerichtet, Plann hat sehr edelmüthig an ihr gehandelt, aus Venu. Unsummen immer""d J � in jmmer lebhafter werdendem Flusse fort: Rücksicht auf seinen und ihren Namen die mildeste heiiis hergegeben b-Szu-lelzte ch i g, u„d als die Herren frohlockend zu bemerken glaubten, Form der Scheidung gewählt. Aber daß sie ans �llen hranen oft°ber immer ohne Zg,» die Sache den natürlichen Weg gegangen wäre, die Bedingung eingegangen ist. weder seinen noch den Herrn liebte, trotzdem" ei« T) tt) g, der Hoffnung, ihren früheren Mädchennamen in der Oeffentlichkeit ? w.lder�Sp.-ler war. S.e hat Alles m l!°?g'� zu überrasch?«. In der Nacht, als z.. führen, be.veist doch ihre Schuld, und daß sie St()nrm Kn0enft?,C•? niffiT nur Armuth der Mann, plötzlich zurückkehrend, die ganze Woh- sich ruhig verhält und jede Belästigung ihres früheren fluuid gestanden, in dem nicht nur.), Seuaen vergeblich durchsuchte, hat Mannes vermeidet, liegt nicht etwa in ihrer erhabenen wd." durch wu- Sch»,d Sch.«» S«»d»n«» d» Iis w-«»- leine Vernnlassmi« in». �c>t ihren Schnit an selner Niedertracht siegt immer. Die hat, sondern daran, daß ihr eine sehr anständige deck!»".®a mu6tC JLfSr Lumv"'in Biedermänner erreichten dennoch ihren Zweck. Ter Rente ausbezahlt ivird, die wegfallen würde, wenn sie Halt," ein 9anä gewöhnlicher Lump, iimerrten Nerv beleidigten Frau war der Ge- sich irgendwie unnütz machte, diese— Rosa Kemptner." - unilke war.'...... S mit diesem Kerl länger zu lebe». Der Name wirkte auf die Herren und auch auf Vorm?" �»"a�"m�s��0�bre Nackbarii� Fran Tie Erinnerung' ihm angehört zu haben, drückte sie Northmann geradezu verblüffend. Rosa Kemptner! DokfcS �zchlung. Ihre Nachbar, � schwere Schmach, sein Name schien ihr wie Eine sehr bekannte Halbweltdame großen Stils, früher 'tor Schunlinench, begann hiii und her zu e. �ie verlangte ihrerseits die Schei- Operettendiva in einem Berliner Vorstadttheater, jetzt » m«. R-ch.-»«!, D-Iw- S«M». d-, S z-M s-»-°w-..,> dl, ,.h. l-WI-Ng. Li,b-..ich,, x-d-miim,-./ w.- -chm»m.nch� d-u-- z. I-M-. i« � di. l,».., di, d»,i. zu iju»? . die AiiwaltSstrnia aufgenoimneii halte, �. �üen daß nach außen der Anschein„Aber gnädige Frau irren sich bestimmt," sagte .»» einige Male von seinem Platze aus a rg,) daß'eine, in der Gesellschaft ja häufig er,„es handelt sich hier nicht um Rosa Kemptner." lich dann le.se erhoben. Er stand iev s| dnrchans korrekte Scheidung wegen„Im Gegentheil, Verehrtester, Sie irren sich �l°ssenm"'T�ür°gelehnl°" � unüberwindlicher Abneigung vorläge. Der Gatte bestimmt. Es ist ja augenscheinlich unsere Geschichte, 88 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. die Sie Ulis l>ier erzählen— ohne es zu ahnen, selbstverständlich. Aber ich sehe nicht ein, weshalb ich nicht darüber sprechen soll," wandte sie sich er- regt seitwärts zu Frau Doktor Schummerich, die sie zurückzuhalten suchte,„es ist nöthig. Also, lieber Freund, sagen Sie nur Ihrem Gewährsmann: unter dem Namen Rosa Kemptner verberge sich die ge- schiedene Frau meines Mannes, der ich, ich selbst, — wie ich jetzt fast befürchte, sehr thörichter Weise— durch meinen Anwalt, Doktor Schümmerich, monat- lich fünfhundert Mark auszahlen lasse. Ich ver- pflichte Sie dazu, den Klatsch da richtig zu stellen, wo Sie ihn gehört haben." Northmann erhob sich. Was für ein unentwirr- barer Knäuel. Wie konnte das Alles zusammen- hängen. Er sah, wie der Herr des Hauses von der Thür auf ihn zuschritt und fühlte die Hand Doktor Schrattc's auf seinem Arm. Er reckte sich auf und antwortete, seinerseits gereizt durch den Rattenkönig von Lug und Trug, vor dem er stand: „Ich bedanre, nicht dienen zu können, gnädigste Frau, denn ich weist zu genau, daß Rosa Kemptner nicht mit Ihrem Herrn Gemahl, dast sie überhaupt niemals vcrheirathet war, höchstens auf Vorstadt- bühnen mit Menelaus dem Guten... Gnädigste Frau," fuhr er dann rasch fort, als er die Wirkung seiner Worte sah,„es thut mir wahrhaftig furcht- bar leid, dast ich die unschuldige Veranlassung..." „Das glaubt Ihnen der Teufel, Herr," schnauzte ihn in diesem Augenblick der Nittmeister an,„Sie sind ein heimtückischer Stänker, ein infamer Hallunke." Northmann sah ruhig in das erhitzte, rohe Ge- ficht, von dem die Maske gesellschaftlicher Erziehung vollständig gefallen war.„Ich werde mich erkundigen, ob Sie noch satisfaktionsfähig sind," erwiderte er kalt. Doktor Schratt, Doktor Schummerich und einige andere Herren fielen dem Nittmeister in die Arme und hielten ihn zurück, als er sich jetzt auf Northmann stürzen wollte, der ruhig, mit einer Verbeugung gegen die Gesellschaft an der ohnmächtig zusammengebrochenen Frau vom Hanse vorüber hinausschritt. ** * Ter Zweikampf fand statt. Die Satisfaktions- fähigkeit liest sich dem Rittmeister a. D. von Bären- sprnng-Plaut in keiner Weise bestreiten. Er war von seiner Frau geschieden. Das ist an sich nichts Unehren- Haftes. Er hatte eine Rente, die seine Frau, seine jetzige Frau, seiner früheren aussetzen wollte, seiner Maitresse zugewandt. Das war ja nicht schön. Aber schliestlich: die geschiedene Frau hatte nun einmal JeuiLLeton. W C ur d en K l.' cr g e.* Join ich 5i(h frage, 5cm 5as Heben blüht: jiD sag' mir, sage, wie 5as Mohnfelb glüht! Das rothe Mohnfelb, wie es jauchzt unb lacht: Aobt ist mein Dfab unb ewig meine Wacht. Wohl manch' ein Unglück schlägt ben Menschen schwer, Wer so viel trägt, kennt keinen Aammcr mehr. Die sonnenhellen Fluren wankt er blinb Unb tappt nach Axuren, bie verschüttet stnb. Ich träume Honnen, strecke weit bie Kaub, Ach möchte greifen burch bie bunkle Wanb, Ach möchte fassen burch ber Achatte» K.chicht An rothen Mohn unb strahlenbgolö'nes Hicht... Aus alten Heiten zuckt ein Schimmer nach, Am tobten Auge blieb bie Kehnsucht wach, Unb wissenb von ber Kerrlichkeit bes Kichts, Ko ganz enterbt geh' ich burch Wacht unb Wichts. Db Freub', ob Hcib begegnet meinen Wegen, .Tobt ist mein Fluch unb tobt ist auch mein Kegen. Karl Hciiltcll. Der rötlstiche Schimmer des Mondes bei seiner Bcrfinstcrnng. Eine Mondfinsternisz tritt bekanntlich dann ein, wenn der Mond, als Vollmond der Sonne gegen- überstehend, in den Schatten eintritt, den die Erdkugel hinter sich wirft. Da die Sonne kein leuchtender Punkt ist, sondern eine leuchtende Kugel, die die Erde viel tausend mal an Größe übertrifft, so ist der Erdschaltcn nicht scharf begrenzt, sondern der eigentlich ganz dunkle Kcrnschattcn ist von einem breiten Halbschatten umgeben, der an Dunkelheit nach anstcn hin abnimmt. Wenn daher der Blond in den Erdschatten einzutreten beginnt, erscheint sein ver- finsterter Thcil nicht schwarz, sondern in einem gleich- inästigen Grau, in welchem alle Einzelheiten der Ober- fläche verschwinden. Wenn er sich nun mehr und mehr in den Schatten einsenkt, so sollte man erwarten, dast er bei totaler Verfinsterung, wenn der tiefe Kcrnschatten sich über ihm lagert, absolut schwarz werden müßte: statt dessen schimmert er aber in einem zarten, rosigen Licht, in welchem die Einzelheiten ans seiner Oberfläche wieder mit einiger Tentlichteit hervortreten. Bisweilen ist diese rothe Färbung des verfinsterten MondeS nur schwach, bisweilen jedoch ziemlich stark; bei der letzten totalen Mondsinstcrnist vom 27. Dezember 1898, • Aus„Gedichte". Zürich und Leipzig,»arl Henckell&(So. nichts annehmen wollen. Er war der Ruhe seiner Frau diesen frommen Betrug schuldig gewesen. Eine Abfindung für frühere Verpflichtungen sollte es doch sein. Warum sollte er sie nicht da verwenden, wo man eine solche Absindung von ihm verlangte. Es sollten iioch jetzt Beziehnngen zwischen Rosa und dein Rittmeister bestehen. Nun ja, aber was hat das mit der Ehre zu thnn? Ter Zweikanipf fand statt. Der Ausgang eines Duells ist unsicher wie der eines Prozesses und die Gerechtigkeit ist fast ebenso selten in Pistolenlänfcn wie in Gerichtsnrthcilen. Der Rittmeister erhielt einen leichten Streifschuß an der rechten Schläfe tmd Roderich Northmann eine Kugel durch die Lungen. Er hat monatelang im Krankenhaus gelegen und lebt jetzt im Süden zur Schonung seiner sehr an- gegriffenen Gesundheit. In Dresden wäre er übrigens sowieso unmöglich gewesen. Der von ihm provozirte Skandal hatte alle Welt gegen ihn aufgebracht. Tie Stellung des Herrn von Bärensprung-Plaut ist durch diese Sache sehr befestigt worden: sie be- wies doch, daß eigentlich nichls gegen ihn vorlag, und bewies auch, daß er nicht mit sich spaßen ließ. Ob das Glück seiner Ehe gelitten hat, läßt sich von Außen schwer beurtheilen.—