Nr. 13 �ICrilcrKallun�sljctlctQc. 1899 � Direttanten des Lebens. Fortsetzung) �or ihrem weiß umhangenen, gleich frischem Schnee leuchtenden Toilettentisch saß Amalie Langen. Sie kämmte ihr schönes Haar für die Nacht aus, gleichmäßig lang und schlicht hing eä ihr tief über �en Rücken herunter. Es sah gut wie ihre Arme aus den weiten Acrmeln des Frisirmantels-herblinkten und den Kamm durch die blonde Haarmasse führten. Am Hals hatte sie ein blaues Band, das kleidete ihrer lichten Gesichtsfarbe vortrefflich. Das Fenster hinter den Zuggardinen war noch '"cht ganz geschlossen, vom Garten lochte ein würziger Duft nach Reseden und Nelken herein; Lora hatte die auf dem kahlen Fleck unten an der Hauswand �Pflanzt, sie hatte so darum gebeten. Frau Langen butte sonst nicht viel Acht auf das Beetchen; heute vthinete sie aber doch den angenehmen Geruch mit Rehagen. Ihre Augen glänzten, ihr Gesicht trug einen Weicheren Ausdruck als gewöhnlich. Sie trug heute m Üch das Gefühl höchster Befriedigung. Sie war 'u der Vorstandssitzung des Vereins für„Allgenieine �ildthätigkeit" mit Akklamation zur stellvertretenden Präsidentin gewählt worden. Chefpräsidentin war v'r Frau Generalin von Bimmerstein, geborene Freiin Weimersheimb, die erste Frau der Stadt; sie einnach also die zweite— welch' ein Gefühl! ,. Amalie gelobte sich im Stillen, sich der Ehre, 'k ihr Widersahren, voll und ganz würdig zu er- veisen. Sie hatte ja so viel Zeit für die Mild- hutigkeit; der Junge ging in die Schule, die Dienst- 'vgde versorgten das Hauswesen, ihr Mann war vf dem Gericht, und Lora— ach, Lora, die war v so bequemes Kind, die spielte Engelchen und �vg sich eigeutlich ganz allein. oe(3t war das blonde Haar in zwei dicke Zöpfe »Mochten. Frau Amalie sah hübsch und jugendlich da knarrte die Thür, und der Landgerichtsrath ffch vorsichtig herein. � war blaß und ernst. fi"Du bist noch auf?" fragte er erstaunt und n l!- eille!1 Blick auf seine Frau; er hatte sie lauge ,'0 gesehen, meist lag sie schon im Bett, wenn de» kam. „Ja, sagte sie und schlang sich die Zöpfe um OPtt ß l*v»»"V jv;...... I-, Sie sah ihn an.„Was halt Du eigeutlich, Den ganzen Tag gehst Du verstört herum!" »Ich-? O nichts, nichts!" „Doch!" Sie stand aus und kam langsam naher N..chn zu; ihre große Gestalt schob sich wie ein i°llwerc vor ihn; er sah ordentlich dürftig neben iif?vs.„Sage mir, was Tu halt," wiederholte .- halb gebieterisch, halb zärtlich. Die Erfolge de-ö 'gen Tages hatten sie erregt und nierkwiirdig Roman von Clara Biebig. zugänglich gestimmt; auch kam die Neugier dazu, sie mußte wissen, warum er solch' ei» verstörtes Ge- ficht machte. Sie kam auf ihren Mann zu und legte den Kopf schwer an seine Schulter. Er sah auf ihr blondes Haar, es glänzte und roch wohlgepflegt und wohlgebürstet. Tarunter hob sich das hübsch gefornite Ohr, und hinter dem blauen Bande der glatte, makellose Nacken. „Fritz," sagte sie leise, dadurch wurde ihre Stimme augenehmer,„sage mir doch, was Tu hast?" Sie lehnte sich schiverer au ihn; er mußte sich festhalten, um nicht unter der Last ihres vollen warmen Körpers zu taumeln. „Ich— ich habe nichts, garnichts!" Uuwill- kürlich seufzte er dabei, sie hob den Kops und strich ihm iiber's Gesicht.„Laß nur, Slmalie! Laß nur,- ich habe wirklich nichts Besonderes— Briefe— ein paar dumme Briefe, das ist Alles. Sprechen wir nicht mehr davon!" „O doch," beharrte sie.„Warum willst Du es mir nicht sagen?" Sie ließ nicht ab zu streicheln und sah ihm forschend in's Gesicht niit einem durch die Müdigkeit umflorten Blick ihrer kalten Augen. „Du hast Briefe bekommen? Natürlich aus Berlin, andere könnten Dich nicht so verstinimenl Du hast von Lena gesprochen." „Wieso? Zu Dir doch nicht!" „Nein— aber das Kind— Lora sagte—" „Tu hast das Kind ausgefragt? Anialie!" Er sagte weiter nichts, aber er schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. Sie erröthete tief, und mit diesem Erröthen sah sie ganz so aus wie damals am Sonntag im Garten an der Wupper, als er sich über das Pulsen des Blutes unter ihrer reinen Haut freute. Er vergaß den Vorwurf. „Sage mir, was haben sie geschrieben?" bat sie. Seinen Arm um ihre Taille ziehend, veraulaßte sie ihn, mit ihr in der Stube auf und nieder zu schreiten. Ein paar Augenblicke sprachen sie nichts. Langen kränkte sich über die Neugier seiner Frau; das Kind ausfragen— wie konnte sie das thun? Aber zugleich ärgerte er sich über sich selbst, daß er sich nicht besser bezwungen hatte. War er denn ganz unklug? Aber sie drückte sich so fest au ihn; dabei war er müde und matt, der Tag hatte ihn zermürbt. Es mußte eine Wohlthat sein, sich aussprechen zu können. Er hatte den lebhaften Wunsch, den Kopf an eine iveiche Schulter zu legen, sich streicheln zu lassen und dabei die Augen zu schließen. Er dachte garnicht direkt an seine Frau, mir dieser eine Wunsch bemächtigte sich seiner, immer dringlicher und dringlicher. Er seufzte. „Bist Du böse?" fragte Slmalie.„Sage mir, was Du hast, ich will es wissen. Bitte!" Bei dem , bitte' spitzte sie die Lippen und küßte ihn; und nun noch einmal. Er seufzte wieder aus tiefstem Herzensgründe; fast gegen seinen Wille» entfuhr es ihm:„Ja, ich habe Briefe aus Berlin!" „Zeige sie mir!" Mechanisch griff er in die Brusttasche und reichte ihr die Briefe. Hastig riß sie ihm die Papiere aus der Hand, trat dicht an ihre» Toilettentisch und las beim flackern- den Schein der Kerzen. Kein Zug in ihrem Ge- ficht verrieth, was sie dachte, nur ihre Lippen kniffen sich dünn zusammen. „Nun," fragte sie endlich, ohne ihren Manu anzusehen,„hast Du hierauf schon geantwortet?" „Nein; ich war schon dabei, aber da"— Er stockte. Seine Lora, die war dazwischen getreten, er hörte auch jetzt ihr Stimmchen: ,Arme Taute Lena! Da ist doch nix bös zu sein, Väterchen'— das Kind war Leua's Fürsprecher gewesen.„Ich will mir's noch überlegen," sagte er ausweichend, „man muß nicht in der ersten Hitze schreiben. Wenn ich's recht erwäge, muß ich bedenken, daß Lena falsch geleitet ist; da ist der Einfluß ihres Mannes— und sie sind Beide ja noch jung, unbesonnen, im- pulsive Naturen," setzte er entschuldigend hinzu. „Unbesonnen, impulsiv?" Sie fuhr ans, durch ihre plötzliche heftige Bewegung flatterte ihr weiter Frisirmantel, die Kerzen verlöschten. Im lauen Halbdunkel der Sommernacht sah er ihr weißes Gesicht sich gegenüber und ihre scharfumrandeten glitzernden Augäpfel.„Wie kannst Du? Wie darfst Du— wie darfst Du Dir das gefallen lassen? Es ist unerhört!" Ihr klangloses Organ steigerte sich, sie faßte seine beiden Handgelenke.„Tu— Du hast mir nichts davon gesagt; Du hast ihr Geld geschickt?!" „Es war von meinem Gehalt," sagte er gepreßt. „Also abgespart?! Die Undankbare! Du bist zu gut gegen sie, immer zu gut gewesen. Hast sie imnier verzogen! Aber diesmal, diesmal hat sie Dich wirklich zu tief gekränkt! Ich bin beleidigt in Dir, ja, so beleidigt!" Amalie weinte.„Was habe ich schon um Lena erduldet?! Mich hast Du gegen sie zurückgesetzt! Aber jetzt— jetzt— I" Sie neigte ihr Gesicht ganz nahe gegen das seine, Thränen der Wuth und der Eifersucht flössen über ihre Wangen; auch Mitleid war wohl dabei.„Jetzt mußt Du ihr einen gehörigen Brief schreiben, gleich morgen; er wird ihr nur zum Besten dienen. Vielleicht, daß sie Umkehr hält in ihrem hochmüthigen Sinn. Thu's, thu'sl" 98 Die Neue A)elt> Illustrirte Unterhaltungsbeilage. „Ich kmm nicht," stöhnte er,„sie ist dvch meine Schwester. Ich habe sie so lieb gehabt!" „Lieb— lieb? Du thnst es ja auch nnr ans Liebe für sie. Aber sie liebt Dich nicht. Ich allein liebe Dich, ich!" Mit Heftigkeit riß sie seinen Kopf an sich nnd preßte ihn. Er konnte kaum athuieu; ein Erschrecken lähmte ihn, er wollte sich aufbäumen gegen die Frau— vergebens! „Versprich mir, daß Du morgen schreibst! Ich werde Dir dabei helfen. Wir wollen nicht zu streng sein, uns kommt es zu, zu richten. Versprich es mir!" Er nickte stumm; er konnte nicht sprechen, ihr schwerer Körper lastete auf ihm wie ein Alp. Er war sehr müde. Jetzt ließ sie ihn los.„Du armer Mann," sagte sie plötzlich mit einer seltenen, ungewohnten Weichheit—„so viel Undank zu erfahren! Armer!" Da war's— Mitleid! Mitleid, das er so nöthig brauchte, das er so sehr ersehnte! Matt ließ er seinen Kopf an ihre Schulter sinken. Am nächsten Morgen schrieb Laudgerichtsrath Langen an seine Schwester einen Brief, der diese im Innersten treffen mußte; Bredenhofer's that er darin keinerlei Erwähnung, er schwieg ihn todt. Als er selbst sein Schreiben zur Post trug, stand er ein paar Momente in tiefem Sinnen vor dem Kasten, dann plötzlich— als verbrenne ihm der Brief die Finger— ließ er ihn hineinfallen. „Aus," sagte er traurig, als er mit hastigem Schritt von dannen ging. XII. Magdalene Bredenhofer stand vor dem Spiegel und setzte sich einen großen schwarzen Hut mit Federn auf; die nickten in ihr blasses Gesichtchen und gaben ihm einen eigenthümlichen Reiz. Ans der Leipziger- straße in einem eleganten Schaufenster hatten sie gestern den Hut gesehen; er war nicht billig, aber Richard bestand darauf, ihn zu kaufen. „Er wird Dich kleiden," sagte er zu seiner Frau, „er ist durchaus malerisch. Und die Federn kannst Du ja immer gebrauchen. Jetzt, wo mein Bild auf der Ausstellung ist, brauchen wir überhaupt nicht ängstlich zu sein, �vonti, Avanti! Ich will auch, daß Du morgen hübsch bist!" Er drängte sie in den Laden hinein, und sie hatte sich ganz gern drängen lassen. Nun kam sie sich selbst hübsch in dem Hut vor; auch das weiße Wollkleid, noch von ihrer Mädchen- zeit her, stand ihr gut. Nnr röthere Wangen hätte sie haben müssen und ein glücklicheres Leuchten in den Augen, die leicht gerötheten schweren Lider kamen von durchwachten Nächten, von heimlich vergossene» Thräne». Die letzten vierzehn Tage hatte Lena wenig ge- schlafen. Nachts lag sie wach im Bett, die Hände ans der Brust gefaltet, mit weiten Augen in's Dunkel starrend. Sie dachte immer und immer nur an ihren Bruder. Das hatte sie nicht geglaubt, daß er ihr so zürnen würde; das hatte sie nicht gewollt! Wie ein Peitschenschlag hatte sie jedes seiner kalten Worte getroffen— hinter diesen Zeilen war nichts mehr von Liebe— nein, er hatte abgeschlossen mit ihr, er fand sie undankbar! Erst hatte sie die Tragweite seines Briefes ganiicht begriffen; als Richard ihr denselben mit einem verlegenen Lachen in den Schooß schleuderte, hatte sie auch gelacht, im Trotz. Als die Mutter, der der Sohn ebenfalls geschrieben, diesen Brief nicht zeigen wollte, sondern nur bitterlich weinte, war sie nngednldig geworden. Aber jetzt, mit jedem Tage mehr, empfand sie, was sie angerichtet hatte. ,Jch mache einen Strich unter die Vergangen- heit', hatte Langen geschrieben..Atöchtest Du Dein Glück finden, ich werde mich freuen, durch Tritte davon zu hören. Direkt sind wir wohl fertig mit- einander'. „Ans," sagte Lena und reckte die Hände im Dunkeln empor und weinte. Sie biß die Zähne zusammen, um nicht laut zu schluchzen— mir Richard nicht stören! Er wurde heftig, wenn er ihre Thränen sah, er wollte es nicht begreifen, warum sie sich so alterirte; allein in ihm sollte sie Genüge finden und nach nichts Anderem fragen. Selbst für ihre Kunst hatte er nicht mehr das feurige Interesse; er dachte nur an sein Bild, sprach von seinem Bilde. Lena mochte kaum mehr singen. Wozu auch? Sie brachte es ja doch zu nichts, selbst die Begleitstunden hatte sie nicht annehmen dürfen. Nun war der Professor böse. Ans— Alles aus! Mit einem müden, gleichgültigen Blick wandte sich Lena vom Spiegel ab— wozu sich noch an- starren? In diesem weißen Kleide hatte sie als Mädchen oft gesungen und Beifall geerntet, stolze Hoffnungen, fröhliche Erwartungen hatten ihr darin die Brust geschwellt; jetzt hätte sie sich's vom Leibe reißen mögen. Sie hatte so gar keine Lust auszu- gehen; ob sie nun die fremde Signora kennen lernte, von der Doktor Renter so viel Wesens machte, oder nicht. Könnte sie allein zu Hanse bleiben, welche Wohlthat! Die Thür des Schlafzimmers klappte; Breden- hofer trat jetzt ein, den Hut schon ans dem Kopf, Spazierstöckchen und Handschuhe in der Hand. „Bist Du fertig, Schatz?" fragte er fröhlich. Ein Lächeln lag ihm auf den Lippen, er sah lustig und unternehmend ans.„Wie gut Dir der Hut steht! Können wir mm gehen?" „Könnte ich nicht lieber hier bleiben?" sagte Lena; ein nniiberwindbarer Widerwille gegen Lust nnd fröhliche Menschen überkam sie.„Laß mich hier— ich bin nicht wohl— ich bin nicht in der Stimmung— ich—" Sie brach in Thränen ans. „O!" Ein besorgter Blick des Mannes streifte die junge Frau.„Launen, Lena? Oder am Ende gar—?" Er zog sie an sich.„Du bist in letzter Zeit so gereizt und ungleich, pimpelst oft," setzte er angstvoll hinzu—„um Gotteswillen, Lena, das wäre schrecklich, das könnten wir schlecht brauchen!" Er fuhr sich mit einer nervösen Bewegung durch'» Haar. „O nein, Hab' keine Angst," sagte sie kalt und trat zurück. Ein dunkles Roth stieg ihr über Stirn, Wangen und Hals. ,Er versteht Dich nicht', flüsterte es mit Bitterkeit in ihrem Innern, ,er hat keine Ahnung, daß Du um den Bruder trauerst.' „Ich kann ja auch mitgehen," meinte sie tonlos, „es ist mir am Ende ganz egal." Auf' der Straße bot er ihr den Arm. Schlank nnd elegant schritten ihre Gestalten dicht neben ein- ander iiber's Trottoir.„Welch' hübsches Paar!" sagte irgend Jemand hinter ihnen; Lena hörte es, aber sie freute sich nicht mehr darüber. Schon seit längerer Zeit hatte man auf Renter's Veranlassung mit Signora Perriccioni am dritten Orte zusammentreffen wollen; der Knnstmäcen war ganz begeistert von diesem neuesten Stern nnd wollte ihn durchaus mit seiner allemenesten Entdeckung— Bredenhofer als Malergenie— bekannt machen. Draußen am Lehrter Bahnhof, in der Kunstans- stellung, sollte man sich heute finden. Nicht um Bilder zu sehen, Gott bewahre! Die eigene Lei- stmig beschäftigt einen doch immer mehr als fremde Leistungen; aber man wollte im Parke sitzen, den Tanzweisen der ungarischen Kapelle lauschen und sich beim Plätschern der Springbrunnen und dem Summen der vorllberflnthendcn Menschheit amüsant unterhalten. „Du sollst mal sehen, Lena," sagte Bredenhofer, „wir werden uns schon gut amüsiren. Ich bin schon jetzt fidel!" In der That, man sah's ihm an, er wippte mit dem Stöckchen durch die Luft, und seine Augen blickten so klar und leuchtend in den reinblauen Septemberhimmel, wie sie es lange nicht gethan. „Kutscher, zum Ausstellungspark!" rief er und hob seine Frau an der nächsten Straßenecke in eine Droschke. Sie rollten durch die belebten Straßen und dann durch den Thiergarten und an Häusern nnd Gärten vorbei, in denen Rosen blühten und smaragdgrüner frischgesprengter Rasen duftete. „Es ist doch köstlich hier!" Bredenhofer drückte Lena's Hand.„Eine Seligkeit, so mit Dir zu fahre»! Du siehst so hübsch aus! Ich liebe Dich mi- „Warum nicht gar?!" Sie mußte lächeln und ihn ansehen; ja, es war nett, so zu fahren! Tie schweren Gedanken konnten so schnell nicht mit; die rasch durchschnittene Luft fächelte das Gesicht ange- nehm und machte die Lider kühl und leicht. „Wenn ich das Bild verkauft habe," sagte er, „dann fahren wir öfter spazieren; ich sehe nicht ein, warum wir uns das nicht leisten solle»." Sie nickte ihm z». Guter Laune kamen sie im Ansstellnngspark an, Reuter empfing sie schon dort. Er bot Lena de» Arm und führte sie durch'» Gedränge.„Kommen Sie nur! Die Perriccioni ist schon da, wir sitze» vor Bauer. Nun sollen Sie mal was sehen!" Mit trinniphirender Miene führte er sie auf einen Tisch zu, au dem eine Dame und ein Herr saßen. „Gestatten Sie, Signora: Meine lieben Berliner Freunde, Herr und Frau Richard Bredenhofer. Er, ausgezeichneter Maler, sie, eine kleine Nachtigall— Signora Perriccioni, unsere göttliche, unvergleichliche, berückende Diva! Und Signor Lavallo!" Lena war sehr enttäuscht. Also das war die Perri cioni, von der Reuter schwärmte und die Zcü Hingen voll waren?! Eine rundliche, nicht menr junge Person mit starken Hüften, eng znsammen- geschnürter Taille und gelbem Teint; nur die Auge» waren wunderbar, funkelnde schwarze Kohlen n»d sammetweich. Lena fühlte sich einigermaßen be- troffen, die Sängerin empfing sie mit übersprudeln- der Herzlichkeit, als begrüße sie eine langjährige Bekannte. Auch Signor Lavallo, der Begleiter der Perriccioni, that das Seine; er beugte sich über die Hand der jungen Frau und küßte sie. Eine Unterhaltung war bald in Fluß. Lena mußte sich eingestehen, es plauderte sich gut mit de» Italiener», die Signora hatte doch einen entschiedene» Reiz. Alles an ihr sprach, die Lippen, die Hände, die Augen, nnd wenn sie lachte, zeigte sie perlweiße, tadellose Zahnreihen. Sie war ein lustiger Vogel, frei, ohne frech zu sein; mit großer Grazie schlürste sie ihr Eis und steckte ihre Zigarette an der Brede»- hofer's an. Die Beiden schienen sich überhaupt g»l zu verstehen; Lena hatte ihren-Mann kaum je l" gesehen, er war von einer übersprudelnden Heiterkeit, pfiff die Weisen des Orchesters leise nach und zeichnet ans den Rand des Musikprogramms die Karikaturc» der voriiberwandelnden Menschen. Reuter rieb sich die Hände, er fühlte sich als Urheber dieser fröhlichen Zusammenkunft.„3fl' Künstlernaturen," rief er,„Künstlernaturen finde» zu Wasser und zu Land! Prosit— es lebe d» Kunst!" Sie stießen mit ihren Kaffeegläsern die Signora klingelte mit ihrem Eislöffel. „Bald mit etwas Besserem, prosit!" Brede»- hofer führte sein Glas an den Löffel der Signor»- „Wir werden nachher für edleren Stoff sorgen!". „O," sagte die Signora,„das gefällt mir. werden nachher Sekt trinken; ich trinke Sekt stlff gern!" Sie war von einer unglaublichen Naivität;»»» deutsch sprach sie, es war erstaunlich! Signor Lavallo verhielt sich ziemlich ruhig! hatte einen schwermiithigen Angenaufschlag und eü» schlanke, durchsichtige Hand, am kleinen Finger � Rechten funkelte ein prachtvoller Brillantring. war eigentlich dieser Lavallo, wie kam er zu der Sängerin und sie zu ihm?.. Lavallo hier— Lavallo dort! Die Perriccio»' behandelte ihn wie ihren Sklaven und doch hing � an seinem Blick. Sprach er mit Lena, so folg� sie gespannt der Unterhaltung, wenn sie auch selbst, anscheinend interessirt, plauderte; endlich schien!lC sich zu überzeugen, daß die junge Frau ungefähr!»" sei, sie widmete sich ganz Bredenhofer und Reuter und drehte dem anderen Paar fast den Rücken. „Sie sind auch Sängerin?" fragte Lavallo»»' einem Angenaufschlag, als spräche er von dem schwerster Kummer der Welt.„Sie singen schön?"„ „O, das weiß ich nicht— das heißt, ich �. Lena lächelte verwirrt, es widerstrebte ihr zu sage»- ,Ja, ich singe schön-, und doch hätte sie's um Alle' nicht verneinen mögen. „Sie singen gewiß schön," beharrte er. haben Auge», die von Binsik reden. O." wehrte e ab,„sagen Sie nicht», ich kenne das. Ich habe»>»! umsonst viele Sängerinnen entdeckt. Fragen Signora Perriccioni, was sie war, ehe ich sie SU fa»d 9!) — garnichts! Eine Sache, weiter nichts; jetzt ist sie eine Person." Lena sah ihn erstaunt an, er redete von der Tignora als von seinein Werk, und doch war sie die Berühmte, und wer kannte ihn? Als erriethe er ihre Gedanken, sagte er jetzt: ..Das ist nun eininal so, die Künstlerin erntet die Lorbeeren und der Impresario wird vergessen. Bella, ist es nicht so?" Er legte vertraulich die Hand v»s den Arm der Perriccioni; diese fuhr herum und iah ihm mit einem langen Blick in die Angen. Sie sprachen italienisch miteinander, so rasch, dast Lena nicht folgen konnte, ein Gewirr von weichen sang- baren Lauten schlug an ihr Ohr. Die Beiden schienen sehr vertraut. Nun wandte sich Lavallo wieder z» der jungen Frau.„Dieser alte Manu," er nickte nach Renter hin—„o, er ist ein Kunstkenner, ein weiser Mann! � Hat mir viel von Ihnen erzählt, Madame. Ich möchte Sie singen hören. Ich gehe von hier nach Petersburg, ich stelle eine Truppe zusammen, mit der ich dort konzertire. In Petersburg, Moskau »nd allen großen Städten; auch in Warschan ans �em Wege dorthin. Ich brauche noch eine Junge, schlanke, die Lolksliedchen singt, deutsche, rührende Polksliedchen, bei denen die Leute weinen. Sie braucht nicht viel zu können; nur das muß sie haben, das" er bückte sich wieder und küßte ihre Hand— »Was Sie haben!" Fortsetzung folgt.) Von Ernst Wahrmund. achdem die christliche Kirche international lvie ywV' das römische Weltreich und endlich selbst eine politische Macht geworden war, eine �taatskirche mit einem ansgebildetcn Lehrgebäude, kssen einzelne Sätze geglaubt werden sollten, wurde le»Religion der Liebe" ebenso ausschließlich herrsch- Nnd verfolgungssüchtig wie jede andere Staatskirche. �»sfällig ist es immerhin, daß die christliche Kirche hke leibliche Mutter, die Synagoge, so ganz und 901 verleugnet hat. . Zu dem Judenhaß des deutschen Mittelalters Minen christliche Priester zuerst gehetzt zu haben, ,e aus Neid vergehen wollten, als sie unter den "�liitgischeu Kaisern sehen mußten, daß gelehrte m weltkundige Söhne des Volkes Israels am hohe Vertraueiisstellnngen einnahmen. So be- sich Karl der Große eines Juden illamens . laak bei seinem spanischen Feldzug nnd bei den .�Handlungen mit Sultan Raschid zu allerlei Ge- Wnrtcii, denen die christlichen Hofschranzen nnd Ge- »icht gewachsen waren infolge ihrer Unkennt- '! der orientalischen Sprachen und des Handels und Midels in fernen Ländern. . Am Hofe Lndwig's des Frommen mußte es "Edlen und der hohen Geistlichkeit ebenfalls stark '"'«fallen, daß des Kaisers Gemahlin mit dem alt- iwnieutlichen Namen Judith„das auserwählte Volk . wies", die„Kinder der Propheten",„Nachkommen Patriarchen,"„das Geschlecht der Gerechten" wnders begünstigte. Es ward Rtode, den Segen 1 Rabbiner zu empsaiigcn und ihre Predigten . Mhören mit demselben Eifer, mit welchem man , e» bei christlichen Priestern that. Ein Geistlicher, Üb �o.it.s Bodo, trat sogar zum Judenthum � und»ahm den Namen Eleasar an. «n /.'"rl der Kahle, seit 843 Herr von Neustrien, Sj/Istrankenlaiid, Aquitaniens und der spanischen /"vt besaß einen jüdischen Leibarzt Namens Zede- («ii"'- l!"b Inda„der Getreue" war sein politischer .„""-mg, der ihm als Zollpächtcr diente nnd wohl o,.,' � befunden, aber von vielen Großen glühend �'"it wurde. jjj Juden, die Retter orientalischer Wissenschaft, '.�orgänger des Ehristenthnms, als Sprachkenncr, lz Fleute, Finanzkünstler, Rechenmeistcr, Aerzte, ttjfji"wtschcr nnd in tausend anderen Dingen den rr �"üblich, ivnrden eben infolge der Gunst 'wcher, ivclche in erster Linie von all diesen Eigenschaften Nutzen zogen nnd ihre Tiener hebrä- ischen Stammes begünstigten, weil sie ihre Brauch- barkeit schätzen gelernt hatten, bald genug von Adel und christlicher Geistlichkeit gleichermaßen beneidet, gehaßt nnd angefeindet. Die Abneigung der alten Römer gegen die Inden hatte ihre politischen Gründe. Tie steten Aufstände unter den römischen Kaisern hatten der Metropole der alten Welt schwer zu schaffen gemacht, bis Titus Staat und Volk Juda endgültig zertriiminerte. Das spielte jedenfalls auch mit hinein in den christlich germanischen Antisemitismus; dieser konnte sich auf den Spott römischer Schriftsteller über die Inden berufen, soweit er von römischer Geschichte etwas kannte. Freilich war bei der Erinnerung an die altrömische Abneigung gegen die Jude» fatal, daß das kaiserliche Rom auch die Ehristen einfach als zu dieser Sekte gehörend bettachtet hatte. Die Juden hatte Altrom bekämpft als Nation, nnd das Ehristen- thuni ivar ursprünglich international seit dem großen Einigungs-Pfingstkongreß zu Jerusalem, wo die Rich- timg Paulus über die jüdisch partiknlaristisch-natioual- beschränkte Richtung Petrus Herr geworden war. Das internationale Christenthnm aber, welches die Christenthnmverfolguiigen der römischen Cäsaren Nero, Tiocletia», Jnlianus Apostata so gründlich verfluchte nnd verwünschte, hat seinerseits die Inden mindestens ebenso gransam behandelt, aber in seiner Kirchengeschichte kein Kapitel mit der lleberschrift „Judenverfolgung en" eingeführt. Es hatte auch nicht, wie Alt-Rom, die Staatsraisou für sich, einen jüdischen„Staat" gab es ja nicht mehr. Ans den romanischen Ländern, wo altrömische Toleranz herrschte, aus Italien, Südfrankreich kamen jüdische Familien nach Teutschland mit den Talenten ihrer Rasse, den Erfahrungen ihrer alten Kultur ausgerüstet. In süddeutsche» nnd rheinische» Städten brachten sie es zu Gemeinden. Ihr enger Zusammenschluß, ihr stark aus- geprägter Familiensinn, wohl auch der Umstand, daß sie ihren Glanben mit seiner konsequenten Ein- gvttesverehriing für richtiger hieltet, als den Drei- einigkeitsglanben der Ehristen, vor Allem aber ihre wirthschaftlichen Erfolge erregten den christlichen Haß. Auch der Schutz der Herrscher hatte sehr materielle Gründe. Willkommen waren ihre Dienste,— aber sie gaben auch ein vortreffliches Ansbeutnngsobjekt ab. So wurden sie des heiligen römische» Reiches deutscher Nation„Kammerknechte", die sich besonderen kaiserlichen Schutzes erstellten— freilich nicht umsonst, sonder» für gutes Geld. Von jedem neuen Kaiser mußten sie die Bestätigung ihrer„Privilegien", d. h. die Erlanbniß, gegen höhere Abgaben, als die christlichen Kauflente, Handel zu treiben, von Neuem erwerben, bestätigen lassen. Nach„christlich-germanischem" Staatsrecht war es guter Wille des Kaisers, wenn er sie leben ließ; dieser gute Wille mußte mit einem Drittel aller Jndenhabe bezahlt werde». Dafür beschützte sie der Kaiser. Dieser Judenschutz(sammt seinen Gefällen und Einnahmen) konnte vom Kaiser verschenkt, vcrlehnt nnd versetzt werden. Am längsten blieb der Inden- schütz in den flieichsstädten bestehen. Gegen gutes Geld traten die Kaiser manchen Städten das Recht ab,„eine Judengemeinde zu halten"; diese waren ja gute, leistungsfähige Steuerzahler nnd Erpressungs- objekte. Als solche behandelten Fürsten und Slä. te die Judengemeinde mit löblichem Eiser nni die Wette. So zwang man hänsig Judengemcinden, ihr Schutz- recht„freiwillig" aufzugeben, um sie zu neuer Zah- Iniig zu nöthige», den aufgegebenen Schutz neuer- dings wieder zu erwerben. Wenn ei» Kaiser, ein Fürst, eine Stadt Krieg zu führen halte, brauchte man natürlich Geld, nnd das erpreßte man mit Vorliebe von den Inden— trotz allem Kaiserschutz! Den Anstoß zu den cigentlichen Judenverfolgungen im großen Stil gaben die Krenzzüge, lie noch heute viel zu sehr in idealer Belenchtinig als Aeußerimgen der religiösen Begeisternng, viel zu wenig ans ihre niatenellen nnd ivirthschaftlichen Triebfedern bc- tiachtet zu werden pflegen. Oft lvrnde die Parole ausgegeben: haben einst die Inden Jesus Ehristus an's Kreuz geschlagen, so mögen sie auch zahlen für den heiligen Krieg zur Befreiung des Grabes Christi. Bald hieß es weiter:„Was sollen wir erst nach dem heiligen Land ziehen? Strafen wir zunächst die Nachkommen der Mörder Christi, die wir so nahe bei der Hand haben: auch das wird Gott Wohlgefallen!" Waren ehedem die Inden als Stenerpächter dem Volke genugsam verhaßt, so ward es schlimmer und schlimmer, als man ihnen verbot, Grundbesitz zu er- werben, Aeniter zu verwalten, in die Zünfte der Handwerker einzutreten, als die Kanfleute deutschen Geblüts ihre Kenntnisse sich angeeignet hatten und ihrer Dienste nicht mehr bednrsten, als sie auf Schacher und Wucher beschränkt wurde». Den Christen war das Zinsnehmen eigentlich verboten bei Strafe des Verlustes ihres Seelenheils, die Judenseelen aber konnte und sollte der Teufel im- behelligt holen, ja mau verpflichtete die Juden ge- radezn zum Leihen ans Pfänder. Getviß nahmen sie oft recht hohe Zinsen, aber ihre Sicherheit war auch gering genug. Ihre kaiserlichen und sonstigen Schntzherreu nahmen keinen Anstand, den Schnldiieru der Juden ihre Schulden zu schenken. So entledigte Ludwig der Baier den bei 85 Juden schwer verschuldeten Burggrasen Johann von Nürnberg dieser und aller seiner übrigen Schulden bei Inden mit einem Federstrich. Er schrieb an die Nürnberger Judenschaft:„Das wolleii wir nicht entbehren, daß ihr uns mit Leib nnd mit Gut angehört und wir mit Euch schaffen, thnn nnd handeln mögen, was wir wollen nnd wie es uns gut dünkt." Päpste machten es ebenso. Eugen erklärte alle Theilnehmer am zweiten Kreuzzuge ihrer Juden- schulden gnitt und ledig. Jnnocenz III. erließ zur Zeit des vierten Krenzzuges eine Bulle mit der gleichen Bestimmmig. König Wenzel bereicherte sich und viele Städte des Reiches ans diese Wciie. So überschrieb er ein Guthaben der Inden in schwäbischen Städten einfach auf diese, die sich wohl kaum an die Schuldner der Inden, sondern an diese selbst hielten und sich „erholten". Diese hohen und höchsten Beispiele fanden natürlich gelehrige Schüler auf den übrigen Stufen der gesellschaftlichen Standesstnfenleiter: Alle be- trachteten den Juden mehr oder minder als ein jagdbares, wirthschaftliches Wild. Wie im Leben, so ist auch in der Literatur und Kunst des Ntittelalters der Jnde nahezu vogelfrei. Schon der Dichter des Heliand(verfaßt um 839 n. Chr.), jenes altsächsischen Heldengedichtes, welches das Leben Jesu behandelt, sucht auf jede Weise das Christenthum vom Judenthum los zu machen: es meldet nichts von des Johannes nnd von Christi Beschneidnng: den Schwur„bei Zern- salem" in der Bergpredigt übergeht er, Beziehungen auf das alte Testament übergeht er geflissentlich. Zahlreiche mittelalterliche Gedichte schildern einen Wortkampf zwischen Vertretern der christlichen Kirche nnd der' Judenschaft, welche sammt nnd sonders damit enden, daß der christliche Sprecher glänzend siegt nnd der jüdische mit Schimpf und Schande unterliegt. Ein ganzes Epos deS Konrad von Wiirzburg ist dem Religionsstreit zwischen Christen- thum nnd Judenthum gewidmet. In seinem H. Sil- vestcr läßt der 1287 zu Basel verstorbene Dichter den Titelhelden mit den jüdischen Meistern am Hofe ConstantinS des Großen disputiren, dessen Nhitter Helena die jüdische Religion bevorzugt. Der Nteister Zambri tödtet einen Stier, indem er ihm ein zauber- kräftiges Wort zuruft; Silvester aber thnt das größere Wunder, daß er den Stier durch ein Wort wieder lebendig macht. In unzähligen Gemälden und Bildwerken werden Kirche nnd Synagoge, Judenthum nnd Christen- thnm, in Gestalt ztvcicr weiblicher Figuren einander gegenüber gestellt. Die„Synagoge" tritt meist mit verbundenen Angen auf, um ihre geistige Blindheit zu kennzeichnen, der Schaft der Fahne, die sie ge- wöhnlich trägt, ist zerbrochen. Zuweilen treten für die beiden allegorischen Franengestalten der Hohe- Priester nnd der Papst ein als Vertreter ihrer beiden Neligioneii. Das Fähnlein der Kirche, bezichnngs- libliotot* � il«TFriavo keine wachsen). Der Jud weiß sich zu wehren und andere zu scheren. Des Juden liebste Farbe ist gelb. Die Juden schreiben gern mit doppelter Kreide. Die Juden seynd in einem Land so nutz als die Mäuß auf dem Getreideboden und die Motten einem Kleide. Flnddrige(zerlumpte) Juden haben dys meiste Geld. Jüden und Ministen(Mennoniten) bedregt alle Christen. Wenn die Juden von Moses reden, so denken sie auch an die Propheten. Wo viele Juden sind, da sind viele Diebe. Hans Sachs zitirt als Beleg für den Erbhaß zwischen Inden und Christen: Das alt Sprichwort sagt: Inden und Christen: Hund und Katz auf einer Misten! Im gewöhnlichen Sprachgebrauch wurde das Wort auch immer gehässig für etwas Schlechtes angewendet. Juden nannten einige Handwerke die Jungen, welche noch nicht die sogenannte Gesellen- taufe überstanden hatten. Einen lügenhaften Bericht bezeichnete nian als einen Inden, daher die Redens- art: Einem einen Juden aufhängen, ihm etivas weis machen. Ferner hieß ein stachlicher, nnreinlicher Bart ein Jude; im Rheinischen nannte mau den Juden zum Hohn einen bestimmten Theil des Rück- grats vom Schweine den Inden. Am nächstliegenden ist der Gebrauch des Wortes Jude als Schimpf- name für einen unsauberen, wucherischen und bc- triigerischen Nichtjuden, deren es genug gab und von denen schon Hugo von Trimberg in seinem„Renner" sagt: Sind böse Juden des Teufels Rüden(Jagdhunde),? Wes Rüden sind dann getaufte Jüden? Die Quintessenz des mittelalterlichen Antisemitis« mus finden wir noch in Luther's Schriften:„Volt den Inden und ihren Lügen" und„Vom Schein Hamphoras"(1543). Der Verfasser dieser Fluch- und Schimpsbiicher gehört freilich— wenigstens von 1525 an nach seiner letzten„revolutionären" That, seiner Eheschließung!— mehr dem schola- stischen Mittelalter als der Neuzeit an. 152p hatte Luther in seiner Schrift:„Daß Jesus Christus ein geborener Jude sei" ganz anders-i nämlich vernünftig und tolerant über diesen Gegen- stand geschrieben, 1543 aber läßt er kein gutes Haar au den Juden. Sie sind ihm„aller Bosheit voll, voll Geizes, Neides, Hasses untereinander, Hochmuths, Wuchers, Stolzes, Fluchens wider uns Heiden... Ter Teufel hat dies Volk besessen mit seinen Engeln... sie sind die rechten Liigener und Bluthunde, die die ganze Schrift mit ihren erlogenen Glossen von Anfang an bis noch daher ohne Auf- hören verkehret und verfälscht haben, lind all ihres Herzens ängstlich Seufzen und Sehnen und Hoffe» geht dahin, daß sie einmal mit uns Heiden möchte» umbgehen, wie sie zur Zeit Esther in Persia mit den Heiden nmbgingen... Schreiben doch ihre Talmud und Rabbinen, das Tödten sei nicht Sünde, so ein Jude einen Heiden tödtet... und so er einem Heiden den Eid nicht hält, ist nicht Sünde..> Stehlen und Rauben, wie sie durch den Wucher thu» den Gojini, sei ein Gottesdienst, den sie halten..- Auf solcher Lehre beharren auch noch heutigen Tages die Juden und thun wie ihre Väter, verkehren Gottes Wort, geizen, wuchern, stehlen, morden, wo sie könne«, und lehren solches ihre Kinder immer für und ff» nachthun." Seine praktischen Rathschläge stehen ganz mff der nämlichen Stufe der Vernunft und Sittlichkeil' Ausweisung, Wegnahme alles Vermögens, Zwangs- arbeit; die Synagogen sollten verbrannt, ihre heilige» Bücher ihnen genommen, bei Todesstrafe ihnen ver- boten werden, im deutschen Lande Gott zu lobe», zu danken, zu beten und zu lehren.„Und weil wu wissen, daß sie es heimlich thun, so ist es eben»' viel, als thäten sie es öffentlich. Denn was>»»>> weiß, das heimlich geschieht und geduldet ivird, das heißt doch nicht heimlich." Genug davon! Die mittelalterliche Barbarei m ja bis zur Stunde„in der Christenheit" noch niG abgethan. Noch heute hat Luther Nachfolger»»' Gesinnungsgenossen! lieber hundert Jahre nach Lc!' sing, nach der französischen Revolution, die zuem die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetze M"' klamirt Hai, geht das finstere Mittelalter ohne Sd)f|1 auf offener Straße einher!— Die KonfeKüonsstoff-FabriKation. Von Arno Hirsch. _ an versteht unter Konfektion im Allgeineim'" n�e diejenigen Kleidungsstücke, weM sagen wir, den Stubenanzug zur Straße»' toilette vervollständigen. Ans dieser Definition laN sich näher bestimmen, welche einzelnen Stücke dalff zu rechnen sind: Herreniiberzieher, Tamenmän»» Jaqnets, Capes.'c. Die Stoffe, die zu diesen � kleidungsgegenstäuden verwendet werden, schwattff in der Qualität von den feinsten Seiden- und stoffen bis herab zu den ruppigsten Schundimitatio»� in Baumwolle: alle haben aber eins gemeinsam möglichste Stärke bei thunlichst ausgesprochen Weichheit. Diese Eigenthüinlichkeit bedingt bei fPj allen eine Znsamniensetznng aus zwei Geweben; 6 eine zur Erzielnng des äußeren Ansehens, das andr zur Hervorbringung der Stärke. Man spricht halb gewöhnlich von Oberwaare und linterwall< 102 Die Heue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. oder Grund und Futter; bei Beurtheilnng des Werthes ist zumeist die Oberwaare ausschlaggebend. In Seide hat es wohl nur Dameukonfektions- stoffe gegeben, die sogenannten Matlassc's, deren hauptsächlichster Herstelluugsort Elberfeld ist. In den 80 er Jahren waren diese Stoffe in Qualität vorzüglich; zur Oberkette wurde drei- und vierfache Seide gcnoiunien, auch am Lberschust wurde nicht gespart; Schublagen von 240 Schuß auf den Elber- felder Zoll waren durchaus keine Seltenheit. Das sinn- und planlose Wüthen unserer Fabrikanten machte jedoch aus dieser großartigen Qualität bald eine Waare, die nicht mehr zum Ansehen ist, geschweige denn, daß sie sich tragen läßt. Einmal Regen und Sonnenschein, und man fühlt sich versucht, einen Jutesack gegen einen solchen Mantel schön zu finden. Als nun gar erst die Berliner Konfektionsstoff- Fabrikanten anfingen, Matlasse zu fabriziren, da war das Ende weg, die haben es traurig heraus, aus einem noch leidlichen Artikel Schund zu machen. Doch davon später. Beschäftigen wir uns zuerst einmal mit der Herstellung solcher Doppelstoffe im Allgemeinen. Trennt man die Unterwaare von einem solchen Stoffe ab, so behält man meist ein dünnes, glattes Gewebe, welches jedoch meist so fadenscheinig ist, daß es selbstständig kaum Verwendung finden könnte; die diesen Stoffen eigenthümliche Stärke muß also lediglich durch das Unterwerk erzielt werden. Dieses besteht gewöhnlich aus einer baumwollenen Zwirnkctte und einem bisweilen 3 mm starken Kunst- wollschuß. Tie Zusammensetzung beider Gewebe ge- schieht nun derart, daß die Ketten zu beiden Theilen gleichzeitig aufgespannt werden, jedoch so, daß jede von einem besonderen Baum(so nennt man die wagerecht gelagerte Walze, auf welche das Kettgarn aufgewickelt ist) dem Webgeschirr zugeführt wird. Das Verhältniß der beiden Ketten schwankt in der Fadenzahl; am gebräuchlichsten ist die Einstellung 2 zu l, d. h. die Oberkctte hat doppelt soviel Fäden wie die linterkette. Beim Weben wird nun so der- fahren, daß erst eine Anzahl Schüsse eines dünnen Materials in die Oberkette geschossen werden, und darauf, der Einstellung der Kette entsprechend, viel- leicht die Hälfte der oberen Schußzahl von starker Kunstwolle in die Uuterkette. Diese Webweise würde nun aber in Wirklichkeit auch zwei getrennte Gewebe ergeben, man muß also danach trachten, beide Waaren möglichst innig zu verbinden. Dies geschieht zumeist dadurch, daß man beim Weben des Oberwerkes einige Fäden der Unterkette über einen Oberschuß binden läßt; der darauf folgende Unterschuß hindert nachher ein Verschieben dieses AnbiudungSpunktes, und beide Gewebe sind somit unzertrennlich verbunden. Die richtige Lagerung dieser Anbindungspunkte ist für die Doppelstoff-Fabrikation eine der heikelsten Arbeiten und verlangt ein eingehendes Studium und jähre- lange Hebung; manchmal ganz unscheinbare Ungenauig- keilen können die ganze Waare verderben, indem diese Anbindungspunkte das glatte Aussehen der Ober- waare derart stören, daß kein nachfolgendes Appretur- verfahren im Stande ist, diesen Fehler zu korrigiren. Auch die unrichtige Spannung der Unterkette kann unauslöschliche Spuren im Oberwerk hinterlassen. Ein wenig anders stellt sich die Anbindung der Unterkette bei den seidenen Matlassc's, indem hier meist noch eine dritte Schußqualität, der sogenannte Fllllschuß hinzukommt, der sich zwischen beide Ketten legt, ohne daß eine Verkreuzung von Ober- und Unterkettfäden stattfindet, vielniehr ohne Ausnahme alle Seidfäden nach oben gehen, das Oberfach bilden, während alle Futterlettfäden nach unten gehen. Bei der Schußfolge: drei Oberschuß, ein Fiillschuß und ein Futterschuß bindet meist beim dritten Oberschuß, dem sogenannten Schneidschuß ein Theil der Unter- kette oben an. Diese Webweise giebt dem Btatlasse, da der Füllschuß meist aus mehrfacher Baumwolle besteht, ein brettartiges Gefühl, es fehlt ihm das Voluminöse der wohl ähnlich hergestellten, aber nach- her gewalkten Wollwaaren, weshalb letztere auch nie ernstlich vom Matlasse eine Konkurrenz zu befürchten hatten. Die Zusammensetzung des seidenen Mat- lasse's verbietet es, daß als Unterschuß, zur Futter- bildung, ein gut walkender Wollschuß verwendet tverden darf, da die als Füllschuß.und meist auch als Grnndschuß verwendete Baumwolle nicht wallt, bei Znsammenziehung des Wollschusses sich also Beulen nach rechts herausdrücken würden; deshalb darf hier als Futterschnß nur eine ganz minderwerthige Faser verbraucht werden. Aus all diesen Umständen resultirt denn auch, daß seidener Matlasse, auch wenn es noch nicht die schlechteste Qualität ist, eigentlich nicht der Zweckmäßigkeit entspricht, sondern nur Rtittel ist zur Befriedigung des Scheines einer gewissen Wohl- habenheit. In besseren wollenen Konfektionsstoffen unter- scheidet man eine ganze Reihe von Qualitäten, je nachdem dieselben aus Kammgarn oder Streichgarn hergestellt sind. Zu ersteren gehören neben den jedermann als Kammgarn kenntlichen Stoffen die in den letzten Jahren so beliebten Coverteoats, welche aus einem in der Wolle gefärbten Kamnigarnfaden und einem darum gezwirnten dünnen Banmwollfaden (rohweiß) bestehen. Streichgarne, d. h. walkfähige Schafwolle, haben im Oberwerk: Ratine', Satin, Eskimo, Double?c.; diese Namen bezeichnen meist nur verschiedene Qualitäten. Eine Stufe tiefer im Werth stehen dann die aus einem Gemisch von Wolle und Baumwolle gesponnenen Fäden, welche sich in der Waare durch Zweifarbigkeit kenntlich machen, und als Konkurrenten der gemischtfarbig gesponnenen oder melirten Garne auftreten. Diese zuerst in Kamm- garn unter der Bezeichnung Beige(sprich: bähsch) und Vigoureux erschienenen, in Qualität recht passa- bleu Waaren stellten sich infolge des Prodnktions- Prozesses(Färben der nnaesponnenen Wolle und späteres Mischen vor dem Spinnen) etwas theurer als stiickfarbige Waaren; da fand die liebe Kon- kurrenz gar bald, daß inan auch ähnliche Effekte erzielen konnte, wenn man der Wolle einen gewissen Prozentsatz der weniger gut färbenden Baumwolle hinzusetzte. Nicht genug, daß dadurch die Fabrikations- spesen bedeutend sanken und der Marktpreis unter- boten wurde, ivollte es wieder Einer dem Anderen voraus thun und verschlechterte die Qualität derart, daß nicht die Wolle einen Prozentsatz Baumwolle als Beimischung erhielt, sondern daß die Baumwolle die erste Geige zu spielen bekam und ihr nur noch ein geringer Prozentsatz Wolle zur Erzielung des Effektes beigegeben wurde. Heute ist der weitaus größte Theil von der letzteren Beschaffenheit. Eine weitere Spezies der Konfektionsstoffe sind die Lockenwaaren, auch Eurls(sprich: körls) genannt. Diese werden ebenfalls in passablen und miserablen Qualitäten gefertigt. Die ersteren haben ein Streich- garngrundgewebe, auf welches der lockenbildende Faden gleichsam als Verzierung gelagert ist. Enne etwas geringere Qualität entsteht schon dadurch, daß das Grundgewebe aus baumwollenem Trikot besteht (Trikotcurl). Die Elastizität dieser Wirkwaare setzt dem Znsammenziehen des Curlfadens keinen Wider- stand entgegen, eignet sich also, abgesehen von der unreellen Qualität, ganz besonders für diesen Stoff. Die Erzeugung des erwähnten Lockenfadens ist eine besondere Spezies der Garnpräparation, wie diese besonders in der Krimmerfabrikation eine bedeutende Rolle spielt. Der meist ans englischer Wolle be- stehende Faden wird in bestimmten Fadenzahlen zu einer starken Schnur zusammengedreht und durch Kochen in einer Lösung von Ammoniak, Kochsalz und ähnlichen Ingredienzen in dieser Stellung fixirt. Die einzelnen Fäden behalten nach dem Trocknen und Anfscheiteln ihre um die Schnur hernmlanfenden Windungen und suchen diese, wenn man sie gerade zieht, so bald als möglich, wieder aiiznnehmen. Streckt man also einen solchen Faden, so ist er scheinbar glatt, z. B. als Schuß in der straff gespannten Waare; sowie aber diese künstliche Spannung nach- läßt, so nimmt der Faden unter lleberivindnng des durch das Grnndgewebe erzengten Widerstandes seine frühere, aus der Schnnrdrehnng resnltirendc Stellung ein. Selbstverständlich verliert das Gewebe dem- entsprechend in der Breite. Ter diesem Material eigenthümliche Glanz hatte diesen Waaren mehrere Jahre eine ganz bevorzugte Stellung gesichert. Aber wie überall suchte auch hier die Konkurrenz durch Verschlechlermig der Qualität diesen Rivalen vom Markte zu verdrängen. Alan versuchte es schließlich auch mit losen gedrehten, minderwerthigen West- garnen als Einschlag auf baumwollene Ketten und erzielte den sogenannten Walkkrimmer. Doch auch dieser war noch nicht schlecht genug. Schließlich nahm man dünne Weftfäden lose gezwinit als Kette und Shoddy, auch Lnmpenschuß genannt, als Ein- schlag, und erhält so die von den Webern drastisch „Wurstpelle" geheißenen Waaren. Und diese domi- niren nun schon Jahre lang; ein Wunder ist es freilich nicht, die Lumpen kosten fast nichts und gehen auch schnell wieder entzwei, sodaß der Bedarf eigentlich nicht aufhört. Diese roh gewebte„Wurst- pelle" wird bis zu 30 Prozent eingewalkt und stellt dann eine filzige Masse dar, auf welcher sich zerstreut einzelne Locken schüchtern erheben, die dadurch ent- stehen, daß einzelne Fasern des Kettenmaterials zu- sammenschrumpfen, andere nicht, und daher bei dein ziemlich beträchtlichen Prozentsatz des Walkens nach oben heraus getrieben werden. Und solche Lumpen werden nicht selten dem kaufenden Publikum i» Kleiderhandlnngen als englische Eheviotstoffe auf- gehängt. Noch täuschender werden englische Qualitäten durch Verlvendung farbiger Garne in Kette und Schuß erzielt. Wird hier das Material etwas solider gewählt, so muß man schon etwas Kenner sein, nm den Unterschied sogleich zu merken, wenn nicht der Preis als solcher schon indirekt darauf hinweist. Weiter abwärts folgt dann eine glatte, filzartige Qualität, die ans einem gleichmäßig walkenden Kunst- wollfaden in Kette und Lumpenfchuß zusammen- geflochten ist. Die Weber nennen solche Ketten „Knack", wahrscheinlich weil das Zeug schon entzwei geht, wenn man es etwas scharf ansieht; nur durch eine ganz intensive Walke ist es möglich, hier einen Halt und Zusammenhang zu schaffen. Etwas in diese Qualitäten hinein spielen auch die zu Damen- Regenmänteln vielfach gebrauchten brannweiß gc- tüpfelten Stoffe. Ter weiße Faden besteht hier aus ganz weich gedrehter roher Baumwolle, ähnlich der in den bekannten weichen Scheuerlappen verwebte»; daraus erklärt sich vielleicht auch, warum solche Mäntel so schnell ein einem solchen Scheuerlappc» ähnliches Aussehen annehmen. Das letzte Glied dieser Schnndfabrikation bilde» die imitirten Tuche, die häufig zu Jaqnets,„Hohen- zollernmänteln" U.A. verarbeitet werden. Von A bisZ nichts als Baumwolle, von wirklichem Tuch keine Spur; eine baumwollene Kette, noch nicht einmal immer Zwirn, wird mit einem ganz offenen Bai»»- wollschuß verwebt, das Zeug dann gefärbt und st lange gerauht, d. h. auf der Oberfläche zerkratzt, bis kein Faden mehr erkenntlich ist. Die so er- haltene Tuchdecke wird dann gepreßt, tvodurch st nach der Schwere des verwandten Druckes Glan» erzeugt wird, und nun geht die Kleiderfabrikatio» los. An den„Hohenzollernmä'nteln" kann n""1 diese Studien am besten machen; die schwarze» sehen schon den ersten Winter ans, als ob ihre Träger sich öfters auf dem Straßendamm hernns gewälzt hätte», fleckig, nicht selten sogar von oben bis unten streifig. Aber nun gar erst die blan- grauen! Ist es schon bei den besten Wollqualitä'teN eine recht gefährliche Sache, diese Töne zu färbe» — nicht einmal in Wollfarbe, d. h. Färbung ungesponnenen Faser, kann man für Echtheit gara»- tircn— so ist es bei der absolut»nznverläsfstst» Banmwollfärbnng ganz ausgeschlossen, diesen 4»» zu erreichen, soweit die Dauerhaftigkeit in Freist kommt. Wenn nun aber ein Herrrr Lentna» schneidig mit grauem-Mantel daherkommt, so m»b man es doch auch; da man aber nicht so stf. Kredit hat wie jener, so muß man sich naturgeM»» mit werthlosen Imitationen begnügen. Wenn's»»� so aussieht! Aber man frage nur nicht, lange? Sehr bald erscheint statt des zarten Vl'» ein recht schön schmutziges Gelb, und wenn sich d»° dann mit dem Blan mischt, so entsteht ein wund»»' voller Effekt, das sieht dann schneidig aus! Ib' gerade an diesen Qualitäten verdienen die Kleide»' Handlungen das Meiste, iveil nicht der reelle Weutz in Frage kommt, sondern der Käufer seine Eilelle' mitbezahlen muß. cZchwb itr vy Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 103 lFortsetzung.) <~�r- Eine saubere Keschichke.-H ,�as, was, Gesetz, Vertrag? Na, zeig''mal ben Vertrag! Na, wo ist er den»? Gieb ihn doch'mal her. Na!" Diese Worte trafen die Bauern wie Schläge s>»f den Kopf. Michael Kusmitsch sah, daß hier seine Worte von Recht und Gesetz verschwendet waren, weil der Vertrag in Perechwatow's Hände» war, der mit ihm thun konnte, was er wollte. In ihm siedete es, und seine Empörung riß ihn mit sich sort, weiter, als er selbst es wollte. Er wollte bch rächen, wenn auch nur durch Worte, da er Wiiie Ohnmacht fühlte. „Sieh, Gutsherr, Gutsherr!" erscholl es aus dem Munde des Michael Kusmitsch giftig und ironisch und so laut, als ob der Sprechende wollte, daß ?a» ganze Dorf und die ganze Umgebung es hören wüte, ,cheii Bauer wollt Ihr also berauben? O, glaubt gewiß nicht an Jesus Christus, und vor i-wtt fürchtet Ihr Euch auch nicht! Na, reich werdet von fremdem Gute nicht werden. Ne!" »Was, was? Was erdreistest Du Dich, Du gemeiner Kerl? Weißt Du, wer ich bin? Weißt �-w's? Ich werde Dir's schon zeigen, ich werde den Adelsmarschall, den Gouverneur, ich... Raus 7� Ihr, Ihr gemeinen Kerle! Fort von meinem Hofe!« � Die Bauern hatten den Michael Kusmitsch, schweigen heischend, in die Seite gestoßen, der aber konnte beim besten Willen nicht aufhören. Erst mußte � seinem Zorn in heftigen Worten Luft machen. �..schwieg erst dann, als Perechwatow, der be- gklffen hatte, daß die Sache nicht zu seinen Gunsten Wen könne, in der Vorhalle verschwand, indem er w Thür in voller Wuth zuschlug. Nu» verstummte Michael Kusmitsch und sah � scheuen Blicken seine Kameraden an. Sein t dstcht hatte längst den gewöhnlichen frohen Aus- .�ck verloren. Seine Lippen waren ganz trocken ""r Aufregung. »Umgarnt," erscholl es aus der vielköpfigen ""ge.„Was sollen wir jetzt thun, Brüderchen?" ..»Fort, fort, Kerle! Was steht Ihr noch, hier Mr Euch kein Platz," kam es von des Lakaien wpen, der in der Vorhalle erschien. Seine Miene � so, als wäre er am tiefsten beleidigt worden. i."Nach Hause also," sagte Jemand in der Menge. Hb die Bauern setzten mit solch' energischer Bewe- die Mützen auf, als wollten sie sie für immer k den Köpfen behalten. Schweigend verließen sie den Hof des Gutsherrn. II. d.-. �dot Fedotowitsch Betnjagin hatte als Schreiber * Amtes Pogorelofka eine sehr kleine Dienst- l>»«.g kune, in der er mit seiner Familie,� die ttj Wwer Frau, seiner alten Mutter und sechs j,'dem bestand, hauste. Die größeren Kinder standen Her im Wege und störten besonders dann, wenn. jjh'l es sehr eilig hatte, wofür sie pädagogische erm» gel,,'n Gestalt von freundlichen Püffen ein- tzj„s Die jüngeren schrieen und winselten imuier. ielba Ökcr hatten sie gemein, alle baten um Brot, � u dann, wenn sie welches in der Hand hielten. kille wohnten in einem Zimmer, das durch einen ft°%ng getheilt wurde. In der einen Hälfte i>e„ kis Ehebett und ein sehr großer Kasten, der •toHzen Reichthum der Familie Betnjagin cnthiell. Hidn 8 überhaupt der Familie war ein kleines, Männchen, mit kleinem Kopf und einem U von merkwürdig dunkler Farbe. Kaum '>H tA � Jemand rühmen, ihn ruhig sitzen gesehen ltell?' kaum konnte man sich ihn anders vor- lim J! k>ls mit sorgenvollem Gesicht eilig und ohne chuug schreibend. Stur wenn er aus der Hifit v'® k>as Geschrei eines seiner Sprossen vernahm, fioQ er.�e Feder. Dann warf er sie rasch bei Seite, �»nd stiftete, den Gekränkten streichelnd und �Qa'ktger am Ohr zupfend, Frieden. Unter- bntzte er eiuein der Sechse die Stase, und Von S. N. Potapenko. eilend, wie er gekommen, flog er darauf in's Amts- zimmer zurück. In diesem kleineu Männchen lebten großartige Fainilientugenden. Fünfzehn Jahre hin- durch hatte er ruhelos die Slmtsgänge besorgt und in der Mußezeit geschrieben. Und das alles, um die stets hungrigen Mäuler seiner Sprößlinge zu stopfen. Ja, in dem Maße, wie die Zahl dieser Mäuler wuchs, wuchs auch seine Energie. Sein Gesichtsausdruck wurde besorgter; seine Feder flog rascher. Als er wieder einmal eifrig schreibend an seinem Tische saß, um an die zahllosen Gouvernements- ämter einen Bericht zu erstatten, öffnete sich plötzlich die niedrige Thür des Dorfamtes, und in's Zimmer trat ein untersetzter, breitschulteriger fünfzigjähriger Bauer von hohem Wuchs, mit straffer, selbstbewußter Haltung, dunkelblondem Vollbart und ruhigen grauen Augen. Es war der Dorfschulze. Man sah es ihm sogleich an, daß ihm dieser Gang ungewohnt war, denn er hatte große Stiefel und einen feierlichen Kaftan an. „Fedot Fedotowitsch, meine Hochachtung," sagte der Eintretende, indem er seine schwielige Hand in die kleine des Schreibers legte.„Der Gutsherr fordert," sagte er sich setzend,„Thimophee, sein Lakai, kam zu mir gelaufen, daß der Schulze niit dem Schreiber sogleich kommen solle. Es sei etwas mit unseren Bauern vorgefallen. Thimophee sagte, sie hätten Geld für das gepachtete Feld gebracht. Er aber wollte es nicht nehmen, wollte nicht erlauben, daß sie ihren Roggen schneiden. Das ist natürlich sehr schlau von ihm. Ein Schnitter ist heutigen Tages sehr thener, und in den verflossenen Jahren haben sie ihm fast Sllles unentgeltlich besorgt. Na, so will er's heute auch haben." „Ja, was kann ich denn hier thun?" piepte Fedot Fedotowitsch mit seinem dünnen Stimmchen. Während der Rede des Schulzen hatte er schon Alles durchdacht, und obgleich er seine Rolle in dieser Geschichte nicht verstand, so erschrak er doch. Man konnte ja nicht wissen, was Perechwatow for- derte, und mit dem Sldelsmarschall stand er auf Du und Du. O ja, der konnte Jemand mit Wohl- gefallen überfchiitten, besser aber noch verstand er es. Einem das Leben zu verleiden. Fedot Fedo- towitsch griff instinktiv nach dem Stuhl, auf dem er saß, um sich zu überzeugen, ob der Boden unter ihn, noch fest wäre. „Na, so muß man wohl gehen," sagte halb- fragend der Schulze. „Was will er denn? Sich Gott, ach Gott!" klagte Fedot Fedotowitsch, indem er seinen Dienst- rock anzog. Es war sein Galarock, den er nur in den ernsten Slugenblicken seines Lebens trug, nämlich, wenn er zu zittern hatte; das waren die feierlichen Augenblicke in dem Leben einer kleinen Kanzleiratte. Bald erreichten Beide die Terrasse Perechwatow's und warteten geduldig, bis man sie rief. Endlich wurden sie in's Hans geführt und zwar zu ihrem Erstaunen i» Perechwatow's Gemach, was natürlich für sie eine außerordentliche Ehre war. In dem Gemach, dessen Fenster auf einen Pracht- vollen Obstgarten hinausgingen, hingen auffallend viele Heiligenbilder in großen vergoldeten Rahmen und mit ewig brennenden Länipchen davor. Dann stand da auch ein großer offener Schrank mit Büchern religiös-sittliche» Inhalts. Auch ein Betpult war im Zimmer, auf dem ein großes Gebetbuch in Sammet- einband mit goldenem Kreuze ruhte. Perechwatow's Gesicht verhieß durchaus kein Ge- witter. Es war ruhig, bewegungslos, kaum sah man unter den schweren Lidern die Augen. Als die Behörde erschien, erhob er sich. „Euer Excellenz geruhten uns zu rufen,"'sagte Fedot Fedotowitsch, indem er die Hände militärisch an die Hoscnuath legte und ängstlich in Perechwa- tow's Gesicht sah. Ganz anders war die Haltung des Schulzen. Er kam ungezwungen herein, aller- Vings blieb auch er an der Thür stehen, doch war seine Haltung eine durchaus natürliche. Er sah nicht einmal Perechwatow an, sondern blickte zum Fenster hinaus und bewunderte einen prächtigen, zweigreichen Kirschbaum. Perechwatow reichte Fedot Fedotowitsch und dem Schulzen die Hand und auf zwei Stühle zeigend, sagte er:„Setzen Sie sich, meine Herren. Eine sehr wichtige Slngelegenheit!" Dabei spielte er an- scheinend unauffällig mit dem Annenorden, den er zuvor zur besseren Repräsentation angelegt hatte. Der Schulze bemerkte dieses Spiel, wurde ein wenig verlegen und sah nicht mehr zum Fenster hinaus. „Ich wende mich an Euch, meine Herren, als an die hiesige Behörde, versteht Ihr?" sagte Perech- watow in sehr vornehmem, nachdrücklichem Tone. „Wißt Ihr, was bei Euch hier vorgeht? Wißt Ihr, welche verderblichen Keime in den Hirnen der Po- gorelofkaer Bauern aufschießen? Wißt Ihr, auf welchen, man kann sagen, verhängnißvollen Weg Ihr das Euch anvertraute Dorf gebracht habt?..." Die Behörde sah sich verlegen, fast erschrocken an.„Was geht denn bei uns vor?" fragten ihre Blicke. „Eine schlechte Behörde seid Ihr doch, wenn Ihr nicht einmal wißt, was vor Euren Augen vor- geht," fuhr Samsson Perechwatow in einem Tone fort, als ob er großmüthig seinen Gästen einen guten, dnrchans uneigennützigen Rath geben wollte.„Ja, die Sache ist schon weit gekommen, und das Volk ist unter Euch fürchterlich übermiithig geworden, so übermiithig... Wißt Ihr, was ich Euch sagen will? Wenn Ihr nicht zur Zeit die Zügel straff zieht, so... so. fürchte ich, wird es einen Slufrnhr geben." „Euer Excellenz, das ist noch niemals gewesen »nd wird auch nicht sein," schrie der ganz erschrockene Fedot Fedotowitsch. „Unsere Bauern einen Aufruhr?" lachte gut- miithig der Schulze.„I wo. Das Volk bei uns ist zu zahm, zu verhungert, um aufrührerisch zu werden. Das kann nicht an Aufruhr denken. Um- sonst benurnhigt Ihr Euch, Euer Gnaden." „Ich denke, Danilo Fedoceitsch, das kann ich besser beurtheilen, ob man sich zu beunruhigen braucht," entgegnete weich, aber bestimmt Perechwatow.„Ich bin ein Mensch mit Erfahrungen und ich sehe Vieles sehr gut, das Ihr niemals sehen werdet, wenn Ihr Euch auch die Augen aussehen solltet. Ja, ich, Brüderchen, bin schlau, und wenn ich von einer Ge- fahr spreche, so brauchst Du nicht mehr zu zweifeln. Paff' nur auf, und Du wirst sehen, daß Alles richtig ist. Du schweigst, weißt Du denn nicht, was bei mir heute vorgefallen ist? Weißt Du, was Deine zahmen Bauern sich heute bei mir erlaubten? Geld brachten sie, ist das gut? Nicht Einer, nein. Alle miteinander, weißt Du, wonach das riecht? Das ist Komplott, und Streik soll es werden! Und wenn es so weiter geht, wenn das ganze Dorf, und weiter das zweite, das dritte, der ganze Kreis, das ganze Gouvernement so wird?... Ja, weißt Du nun, wonach das riecht? Was willst Du denn sagen? Was, wenn sich Sllle mit einem Mal versammeln und sagen:„Wir wollen nicht mehr für die Guts- Herren arbeite», wir wollen fünf Rubel den Tag und weiter, wir wollen keine Stenern zahlen..." Na, wißt Ihr nun, was das ist? Wißt Ihr, wie man das nennt?... Das, Brüderchen, ist Sluf- rühr... Sechs Jahre arbeiteten sie ordentlich und jetzt mit einem Male empören sie sich. Und Du, Danilo Fedoceitsch, sagst noch, ich soll mich nicht beunruhigen? Ueberlcge doch selbst einmal, was daraus werden kann, werden wird..." Tie Behörde saß auf den Stühlen und über- legte wirklich, was daraus werden konnte. Sie fühlte sich umgeben von einem Flammenmeer, denn Perechwatow hatte ja ganz klar bewiesen, daß in Pogorelofka ein Aufruhr ausgebrochen sei; das war klar wie der Tag, Zweifel gab es nicht mehr. Der Schulze war natürlich eiwas weniger auf« 104 Die Neue N)elt. Illustrirte Nnterhaltungsbeilage. geregt, ihm, der nie das Dorf verlassen hatte, waren die Worte„Streik und Aufruhr" ganz unklare Be- griffe. So etwas hatte er noch niemals gesehen und in der ganzen Umgebung niemals davon gehört. Seine Aufregung kam nur durch das verhäugniß- volle, giftige Zischen, nnt dem der Unglücksrabe sein Krächzen begleitete. Anders war es mit Fedot Fedotowitsch. Er hielt sich schon für den unglücklichsten Menschen. Er hatte von der Sache einen Begriff, wenn auch einen sehr unklaren. Er hatte das Wort Revolution schon aus- sprechen hören von Leuten, denen die Wuth darüber aus den Augen leuchtete. „Man muß das Eisen schmieden, so lange es warm ist. Es ist nöthig, den Brand zur rechten Zeit zu löschen, die Aufrührer ordentlich zu nehmen. Man muß ein Beispiel statnircn. Natürlich dürfen die Maßnahmen nicht zu strenge sein, milde und human muß man strafen, so meine ich. Ich denke mir, man sollte, so was... kurz, man sollte die Steuern einziehen." „Wieso die Steuern plötzlich einziehen?" schrie mit weit aufgerissenen Augen der Schulze; er war gänzlich paff, das hätte er gewiß nicht erwartet. „Excellenz," piepte Fedot Fedotowitsch,„wenn Sie nicht zu scherzen geruhen, ist das doch einfach ganz unmöglich... ganz unmöglich!" „Ich weiß sehr wohl, was möglich und unmög- lich sein kann. Und wenn ich Euch hierher gerufen habe und meine Zeit mit Euch vergeude, so geschieht es gewiß nicht, um Euch eine Fabel zu erzählen. Ich bin kein Freund von Scherzen. Ich sage Euch, die Steuern müssen eingezogen werden, müssen, müssen. Und gleich heute schon. Das ist die klügste Maßnahme. Das wird sie criuncrn, daß es über ihnen noch eine Behörde giebt." „Wie Euer Gnaden will," sagte ehrfurchtsvoll der Schulze,„aber die Steuern zu dieser Zeit ein- ziehen, das... nein... das ist überhaupt nicht denkbar, daraus wird einfach nichts!" „Na, wie Ihr wollt." Pcrechwntow zuckte mit den Achseln.„Wie Ihr wollt, meine Herren, ich stehe der Sache ja ganz fern. Falls etwas vor- kommt, so beschuldigt Euch selbst... Ist also unmöglich?" „Durchaus unmöglich," sagte bestimmt der Schulze und zuckte ebenfalls nnt den Achseln, als Zeichen, daß es ihm überhaupt unbegreiflich sei, wie Jemandem so etwas nur einfallen könne. Fedot Fedotowitsch erhob sich. Anscheinend dachte er ganz anders über die Sache, als der Schulze. Nimmer hätte er sich entschlossen, so kategorisch zu erklären, daß die Sache unmöglich wäre. Er kannte Perechwatow und verstand sehr wohl in seinen Worten das zu lesen, was in ihnen versteckt lag, und er hatte Folgendes herausgelesen: Wie Ihr wollt, ich stehe der Sache fern, aber bedenkt, ich werde es Euch nie vergeben und vergessen. Umsonst ist man doch nicht mit dem Adelsmarschall auf so gutem Fuße. „Na, Gott befohlen," sagte Perechwatow,„ich habe Euch gewarnt und somit meine Schuldigkeit gethan." Der Schulze hatte sich schon zur Thür gewandt, um zu gehen, aber Fedotowitsch stand noch ans der- selben Stelle wie gebannt. Weggehen mit solch einem schweren Stein auf dem Herzen, das ging iiber seine Kräfte. „Excellenz," sagte er leise und ängstlich, ohne Perechwatow anzusehen, der schon mit stolzem Blick die Gäste hinauszubefördern schien,„Excellenz, er- laubt uns, zu überlegen." „Na, iiberlegt es Euch, überlegt es Euch," er- laubte großinüthig der Gutsherr.„Warum sollt Ihr es Euch nicht überlegen? Mir ist es eigentlich ganz gleich..."-I „Hier ist überhaupt nichts zu überlegen," be- kräftigte mit einer Handbcwegung der Schulze.„So etwas ist nirgends und nie vorgekommen. Verzeihung," fügte er sich verneigend hinzu und ging hinaus. Ihm folgte, sich fast bis zum Boden neigend, Fedot Fedotowitsch. „Ach ja, ich habe vergessen"— plötzlich siel Perechwatow etwas ein—„ich habe mit Dir, Fedot Fedotowitsch, noch eine Angelegenheit zu besprechen. Bleib' noch ein paar Minuten, der Schulze wird draußen ein wenig ans Dich warten." Und wirklich, der Schulze ging hinaus, und Fedot Fcdotowilsch blieb leichteren Herzens bei Perechwatow. Jetzt überschaute er die ganze Situation. Es wurde ihm klar, wie weit sein Gutsherr in dieser Sache ein unbethciligter Mensch war. Er sah ein, daß seine, Fedot Fedotowitsch's Dienste auch etwas Werth sei» könnten. Die Situation hatte sich jetzt gründlich geändert. Mit der majestätischen Ruhe Perechwatow's war ee vorbei. Seine Augen öffneten sich und sahen um ruhig umher. Seine Bewegungen verriethen ängst' liche Eile und die sonst so langsam dahinfließende Sprache war hastig. Die ganze Erscheinung schie» mit einem Male klein und unbedeutend. Er sab sich vorsichtig um, ging zur Thür, um sich zu über- zeugen, daß der Schulze auch wirklich weg wa» (Forlsetzung folgt.) I e u i L t e t o n. 'Unfern Kusurn.* �er Abend lastek mälig aus dir Heide, In Schlick und Prielen sinkk das Wakken- merr. Wein Himmel ist wir purp urblaue Seide, Uebrr den Deich grh'n stille Bebel her. Dir Vinsengräser zittern leise, leise. Das khut der wund erweiche Wrsterivind. Heimlich von drüben eine Liedrrwrise— Aus grauer Hallig singt ein Friesenkind. Ich greise mit verhülltem Blick hinaus— Wo liegt das Fand der srhnsuchipillen Ruh? Der Krake breitet seine Flügel aus Und lenkt den Inseln zu... _ Hans Bcthgr. • Aus„Die Perlenschnur". Eine Anthologie moderner SJqrit, herausgegeben von Ludwig Semmel. Berlin und Leipzig, Schuster&, Loefflsr.— In den Dünen. Max Liebermann, der Schöpfer des von uns heute zur Abbildung gebrachten Bildes, steht unter den deillschen Malern der Gegenwart in der vordersten Reihe. Er ist einer der Ersten gewesen, der sich der vom Ausland kommenden naturalistischen Kunst angeschlossen hat; und er gilt jetzt als das Haupt der Berliner Schule, soweit man von einer solchen überhaupt sprechen kann. An holländischen und französischen Bor- bildern hat er sich geschult. Millet's, des großen Bauern- malerS, schlichte und ernste Kunst hat einen bestimmenden Einfluß auf ihn geübt; in seinen besten Bildern bat er eine Größe der künstlerischen Anschauung erreicht, die an Millet gemahnt. Was an Liebermanws Bildern so be- sonders wirkt, das ist der tiefe Ernst der künstlerischen Arbeit, der in ihnen allen zuni Ausdruck kommt. Was er erreicht hat, ist ihm nicht mühelos in den Schoost gefallen. Er hat schiver um seine Kunst gerungen und in unermüdlicher Arbeit seinen Stil entwickelt. Ein Strick dieser Arbeit läßt sich in den Bildern verfolgen, die in der„Reuen Welt" bisher schon zur Abbildung gelangt sind, dem„Altmännerhaus in Amsterdam" und den „Flachsspinnerinnen in Holland" aus den achtziger Jahren sbcide im Jahrgang 189« der ,91. W.") und dem heutigen. Zunächst das„Altmännerhaus". Alte Leute sitzen auf Bänken einander gegenüber oder stehen herum in einer Baunihalle, durch deren stark gelichtetes Laub überall die Sonnenstrahlen dringen. Weich legt sich die Luft £—-i-s-— ae— um die ergrauten Alten, in einzelnen Tupfen spielen die Strahlet! über sie, über den Erdboden, über die Baum- stämme hin. Das ist alles mit großer Schärfe ersaßt, jeder Zug in einfacher, bis in die Einzelheiten getreuer Weise dargestellt— jeder Mann für sich eine Charakter- figur. Im zweiten Bilde, den„Flachsspinnerinnen", ist schon das Format bedeutend größer, fast lebensgroß. Auch hier sind zahlreiche Figuren, noch dazu in einem engen Raum, beisammen! aber in der Komposition treten die ersten zwei oder drei im Vordergrunde stark heraus. Sie sind einfach und groß gegeben, in der Zeichnung nicht mehr so detaillirt, sondern in den großen Zügen herausgearbeitet und mit breitem Pinsel breit und kräftig hingeschrieben. Auf diesem Wege ist Liebermann fort- geschritten. Das Stoffgebiet, das er in den Bereich seiner Malerei einbezog, ist nicht leicht zu umschreiben, auch in dem Kleinsten und Unscheinbarsten wußte er malerische Reize zu entdecken. Ant nächsten wird er uns freilich immer als Darsteller des Blenschenlebcns stehen; in diesen Bildern klingt ein so tiefes menschliches Mitempfinden mit, daß sie unS gerade dadurch, weil über die rein künstlerische Wirkung hinaus, in ihren Bann zwingen. Unser heutiges Bild reiht �sich auch in diesem Betracht dem Besten, was er geschanen, an. Tie Vereinfachung des Motivs ist in Bildern wie diesem zu ihrem letzten Ziel gekommen. Ein Weg über öde Dünen, ein müder alter Mann am Wege sitzend.' das ist alles. Und doch ist der Eindruck des Bildes so stark, eine große Stimmung klar zum Ausdruck gebracht. Ein regenschwerer Tag. In trübem Gran verhängt der Himmel. Tie Wolken streichen in nicdrigem Zuge über das Land hin. ES geht sich schiver auf dem glitschigen Dünensandc, und der Weg über die Dünen zuin nächsten Dorfe war weit. Schon früh am Morgen hatte sich der Alte mit schwerbepackier Kiepe aufgemacht, jetzt ist er auf dem Heimwege. Tie feuchte Lust, die Mühen des Weges haben den unter der Last seiner Jahre schon Gebeugten so müde gemacht. Er kann nicht weiter, er muß erst ruhen. So sitzt er da, mit gebeugtem Rücken und gesenktem Kopf, mit müdem, grämlichem Ausdruck in den ver- witterten Zügen, hindämmernd, kaum fähig, einen Gedanken oder einen Ent'chluß zu fassen, die zerarbcitctcit Hände auf seinen Stab gestützt. Das ist so einfach im Aus- druck, ohne jedes übertriebene Pathos, und doch von so ticfergreifcndcr Wirkung. Und dann die Natur I Mit außerordentlicher Kraft sind die Linien der welligen Dünen herausgearbeitet, vor allem die Grenzlinie gegen den Horizont; ihre trostlose Cedc und die schwer darauf lastenden Wolken geben den geeigneten Hintergrund für die schwere melancholische Stimlumig des ganzen Motivs.— Mctallcarbide. Die Kenntniß des EcilciitmcarbidS, das in Berührung mit Wasser sich unter Bildung von Acetplen zersetzt, hat eben wegen dieser Reaktion und dE praktischen Verwendbarkeit des entstandenen Gases in dc» letzten Jahren eine große Verbreitung gewonnen. Weit weniger bekannt ist dagegen, daß auch eine Menge andern Metalle Verbindungen mit Kohle eingehen, also EarbtK liefern, die in ihren Eigenschaften eine große Aehnlichkc» mit dem Calciumcarbid zeigen. Gewonnen werden Carbide sämmtlich in ähnlicher Weise, wie das Calci»'»' carbid, indem man nämlich das Metall oder ein äffet»11' oxyd im elektrischen Ofen mit Kohle zusammenbringt»»11 einen starken elektrischen Strom hindurchschickt.„ Für die meisten dieser Carbide ist ihre Reaktion»» Wasser von gelööhnlichcr Temperatur charakteristisch; ist sie nicht stets so stürmisch, wie beim Calciumcarbt» Aluminiumearbid z. B. wird erst in 10—12 Tagen vo»' ständig zersetzt. Dabei entsteht nicht Acetplen, sondem das giftige Sumpf- oder Grubengas oder Methan,»� sein wissenschaftlicher Namen lautet. Diese Eigen»»»» legt die Vermuihnng nahe, daß das Snuipfgas, weläl� seit Jahrhunderten der Erde an vielen Stellen entströw und schon so oft in Bergwerken zu Explosionen Ver»» lassung gegeben hat, durch die Taufende von MeufffP' leben vernichtet wurden, durch eine Einwirkung von Waltz auf Aluniiniumearbid int Innen: der Erde entstandet� Auch sonst haben die Metallcarbide bei der geologis»» Cntwickelung der Erde wahrscheinlich eine große R»» gespielt, ja, es ist nicht unwahrscheinlich, daß einst»1»?, rast der gcsammte Kohlenstoff nur in Verbindung'» Metallen vorhanden gewesen ist und dann durch die C'» Wirkung des Wassers auf diese Verbindungen Kohl». Wasserstoffe, wie Grubengas, Acetplen k., sowie auch». flüssigen Kohlenwasserstoffe des Petroleums und seile, wie Paraffin, entstanden sind; denn auch die Bild»1? von festen flüssigen und festen Kohlenwasserstoffen ist d»» die Einwirkung von Wasser ans manche Äffelallcarb'� z. B. auf Eercarbid und vor allem aus Urancarbid» obachtet ivorden. Andererseits giebt es auch einigt � stimmte Metalle, Chrom z. B., deren Carbide sehr bestw'»; find und von Wasser selbst bei der Sicdetempcrati». keiner Weise angegriffen werden. Tie nähere Erforsch»., dieser Körper, deren Darstellung den Chemikern H»•, den letzten Jahren gelungen ist, verspricht der Wissen!� noch manche unerivartele und vielleicht überraschende reicherung.—-»"ij Nachdruck des Inhalts verboten! Alle für die Redaktion der„Neuen 28� bestimmten Sciidungen sind»ach Berlin, 8� 1' Beuthstraße 2, zu richten. «eraniworllicher Rednklenr: Oscar Kühl in Charlotlenburg.— Verlag: Hamburger Buchdruckeret und BertagSanfiatt Auer&(So. in Hamburg.— Druct: Map Babing in Berti». fv