Nr. 14 SSKujlrtrlc O-CnicrivaduTTCjsbeUagc. 1899 Direttanten des Lebens. (Forlsetzung) ena war halb erschrockeil, halb geschmeichelt. „Aber Signora Perriccioni— nehmen Sie die doch mit," stotterte sie. Lavallo lächelte schwermiithig.„ Sie hat für Monate iine, eine— sagen wir.Abhaltung' in Deutsch- �nd; ich hole sie erst wieder, wenn sie genug hat. Sie singt auch keine Volkslieder, sie ist eine viel zu Kwße Künstlerin. Was wollen Sie? Sie weiß biel, zu viel. Kleine Lieder kann nur singen, der eine weiße Seele hat, wie Sie, Madame!" Er iah sie zärtlich bewundernd und zugleich kühl und abwägend an mit seinen matten, traurigen Augen. . Lena fühlte eine entschiedene Sympathie für den AJann; er erschien ihr wie Einer, der schon viele Enttäuschungen hinter sich hat. „Wann kann ich Sie singen hören, Madame?" nagte wieder seine weiche einschmeichelnde Stimme. Sie sah unschlüssig in ihren Schooß und dann Z« ihrem Mann hin; er beachtete sie nicht, so ver- �eft war er in die Unterhaltung mit der Signora, konnte sich nicht mit ihm in Einverständniß setzen. «Wenn Sie zu uns kommen wollen," sagte sie halb- �a»t und verlegen,„dann will ich Ihnen gern vor- mgen. Bitte, besuchen Sie uns, mein Mann wird M) freuen!" „Dank, tausend Dank!" Er geberdete sich wie Einer, dem ein großer Gnadenakt zu Theil geworden. »Ich werde kommen, es müßte denn die Erde ver- Sehen!« Er legte die Hand auf's Herz:„Bei den Heiligen, ich schwöre es! Madame, singen Sie Volks- fader oder kleine Lieder, bei denen man weinen muß?" Sie beachtete nicht, daß er sie prüfend taxirte. Ein liebliches Roth färbte ihre Wangen, es that ihr S>ohl, daß sich Jemand so warm für ihre Kunst interessirte. Sie hatte das so lange entbehrt. Mit listigem Athem und einem begeisterten Blick in den �ugen sprach sie von der Musik. Sie fragte ihn: «Kennen Sie Dies, kennen Sie Das?" Und wenn �'s nicht kannte, was meistens der Fall war, so mmmte sie ihm die Melodie vor und sprach leise die Worte. Sie empfand mehr Freude als seit lange, lange. Es saß sich so schön hier beim kühlen Wasser, �nrauscht von den Klängen einer temperamentvollen Wusik. Die Menge zog vorüber und doch mar sie seitab. Kleiderrauschen, Kiesknirschen, Sprechen Und Lachen klangen wie hinter einer Nebelmauer. Die da oben fiedelten und fiedelten! Die Gestalt des Dirigenten beugte sich hin und her wie ein Rohr fa Winde, jedes Glied an ihm lebte, jeder Zoll war Musik. Er holte weitaus mit dem Arm, schleuderte ihn hin und her und warf sich vornüber, daß die Ichwarze Mähne ihm in'S Gesicht fiel. Und nun «m der Mond hervor, voll und silbern, beschämte Roman von Clara Viebig. das elektrische Licht, übergoß die braunen Musikanten und spiegelte sich blendend in jeder Perle des Spring- brunnens. „Zauberhaft," sagte Bredenhofer.„Man kann die weite Pußta sehen und die braunen Gestalten darauf. Die Zigeuner fiedeln und klagen, das Feuer unter'm Kessel brennt, und die Sterne bleiben am Himmel stehen. Jetzt Tanzen und Jauchzen. Das Leben ist doch schön! Es lebe!" „O ja," flüsterte Lena und suchte unter'm Tisch die Hand ihres Mannes. Sie hatte keinen Tropfen Wein im Glas gehabt, und doch war sie wie be- rauscht. Die Mondnacht und die Zauberklänge hatten das gemacht und das ganze wunderbare Entrücktsein vom alltäglichen Leben und dem Kummer der letzten Wochen. Der Springbrunnen rauschte ein Adagio, ein Schlunnnerlied in Moll. Die Menschen waren weniger geworden; ab und zu ein flüsterndes Pärchen, im Mondschein rasch vorübergleitend und dunklere Büsche suchend. Ein leiser Nachtwind raschelte in den Bäumen und säuselte heran, einen Duft von Heliottop und Grün mit sich bringend. Es war wie im Märchen. Die Zigerner spielten schmelzender und schmelzen- der, Lena's Augen glänzten im Mondenschimnier wie die eines seligen Kindes; jetzt gedachte sie nicht mehr ihres Schmerzes. Es war wunderschön so zu leben — wunderschön! Sie fuhr zusammen, die Signora hatte geniest. Jetzt sagte die:„Es wird kühl; morgen singe ich die ,Traviata'. Ui Jegerl, i krieg' a Schnupfen," setzte sie plötzlich im unverfälschtesten Wienerisch hinzu. Die Anderen lachten, die kleine Gesellschaft er- hob sich. Lavallo stürzte wie ein Unsinniger auf die Sängerin zu und hing ihr einen dicken kostbaren Shawl um. Er zog sie am Arm eilig mit sich fort, immer bemüht, ihr mit seiner Gestalt den äugen- blicklich stärker wehenden Wind abzufangen. „Da geht er hin," sagte Reuter,„und schützt seine kostbare Pflanze vor'm Nachtthau. Ja, das ist ein famoser Kerl, der Lavallo! Der versteht's. Ein Jnipressario, wie ihn sich Keine besser wünschen kann! Und dabei nicht herrisch. Die Perriccioni—" er näherte seinen Mund dem Ohr Bredenhofer's und flüstecte; dann schloß er laut:„Sie sehen, er ist sehr bequem; er tritt vom Schauplatz ab und ist wieder da, wenn er gebraucht wird. Die Sache mit dem Fürsten dauert ja nicht lange, die Per- riccioni ist ein Zugvogel, sie hält's selbst in höchsten Fesseln nicht aus. Brillanten hat sie, sage ich Ihnen, Brillanten— die thun's ihr nicht mehr an!" Sie waren am Ausgang angelangt.„Und nun mein Sekt?" fragte die Perriccioni und blinzelte mit ihren Kohlenaugen. Auch Reuter war noch nicht für die Trennung, am allerwenigsten Bredenhofer. Er winkte zwei Droschken heran und forderte die Gesellschaften auf, einzusteigen. „Ich bitte die Herrschaften, meine Gäste zu sein. Es ist ein schöner Abend, und wir sind nun einmal jung! Sei vergnügt," raunte er seiner Frau zu, „Reuter sagt mir, mein Bild gefalle sehr; es ist so gut wie verkauft. Freue Dich!" Eine halbe Stunde später saßen sie in dem kleinen versteckten Weinrestaurant in der Nähe der Linden; Bredenhofer kannte es von seiner Junggeselleuzeit her. Die Perricvioni verstand zu trinken, und Appetit hatte sie— erstaunlich! Es war allerliebst, wie sie mit ihren weißen Zähnen die Krammetsvögel zer- knabberte, und bei der Gänseleberpastete versicherte, sie hätte sich noch nie den Magen verdorben. Sie nippte nicht vom Champagner, sie goß den ganzen Kelch auf einen Ruck hinunter; man sah garnicht, daß sie schluckte. Sie wurde ungemein drollig, über- stürzte sich in Theatergeschichten, die sie mit Gesten und funkelnden Augen vortrug; dabei war sie nicht frivol, sondern von der ungezogenen Ausgelassenheit eines anmuthigen Kindes. Man konnte ihr nicht böse sein, die ganze Person wurde jünger und reizender. „Das ist das Genie," flüsterte Reuter verzückt. Bredenhofer zog seinerseits alle Schleusen auf. Er sekundirte der Diva, er wurde ganz der sorglose lustige Mensch, als den Lena ihn kennen gelernt. Eine plötzliche Verliebtheit überkam sie. Wie er da saß, die schlanke Gestalt, nachlässig hintenüber gelehnt, mit der weichen Hand die Haare zurückstreichend, jung, hübsch, sprühendes Leben in den Augen, auf dem schmalen Gesicht einen geistreichen Zug! Sie hätte ihn küssen mögen; sie zog ihren Stuhl näher an ihn heran. Er nickte ihr zu, und dann legte er zärtlich den Arn: um ihre Schultern.„Verzeihen die Herr- schaften," sagte er in kläglichem Ton,„aber ich ver- hungere und verdurste hier!" Sie sahen ihn erstaunt an. „Ich halt's nicht mehr aus, ich muß meiner Frau einen Kuß geben," fuhr er übermiithig fort, „ich Hab' sie zu lieb!" Allgemeines Gelächter. „O, Ihr Glücklichen," rief enthusiastisch der alte Reuter,„Ihr Glücklichen, Ihr habt Euch lieb!" Mit schwimmenden, gerührten Augen sah er das junge Paar an.„O Ihr, Ihr! Alle Eharisinnen Euch hold— und Musen— und Amor, der lächelnde Knabe— und—" Er wurde von Bewegung über- mannt. Beim dritten Glase stellte sich diese Be- wegung regelmäßig ein. Die Signora lachte laut auf und warf sich gegen sDic Heue Welt. Illustrirte l( n t c v t; a ltung? b c t( a g e. 106 Lavnllo. Sie drückte ihm einen schallende« 5i»jj ans den Mnnd.„I»in» Dir a Bnsserl geden," rief sie,„der Zienter is zn komisch!" Sie lachte, daß sie sich schüttelte und ihr die Thränen über die Wangen liefen.„Weißt Dn noch, Lavallo, wie Tu mich aufgegabelt hast? Ein Wascherinadel in Mar- garethen, weiter nichts; nur einen Kattnnfetzen auf de.» �ieib und Sonntags noch ein paar Ohrringel! Da Hab' i auch glaubt, das Liebhaben macht's— macht glücklich— Tiavolo!" Sie legte die gespreizten Finger an die Nase:„Pah!" Lavallo blieb unverändert ernst, mit seinen schwer- müthigen Augen sah er die Signora an; es war ihm entschieden nicht angenehm, daß sie so ans der Schule plauderte.„Bella," sagte er inahnend und drückte ihren Arm. Sie lachte ihr schönes Helles Lachen, das so sorglos von den Wänden widerhallte. Und dann sprachen sie italienisch miteinander, blihgcschwind, daß kein Anderer der Unterhaltung folgen konnte. Lena starrte mit großen Augen die Signora an— also ein Wascherinadel, weiter nichts, daher auch das flüssige Deutsch! Und in den Berliner Zeitungen stand schon lange vor dein Eititreffen der Diva die romantische Geschichte eines verarmten alt- italienischen Fllrstengeschlechts, dessen einzig übrig- gebliebener Sproß jene Sängerin sei, die den Adels- namen abgelegt, statt dessen aber den Adel des Genies auf der Stirn trage. „Ja, Signor Lavallo versteht's," lachte Renter, „der kann Eine groß machen!" Lena wurde blaß und roth; wie ein Blitz schoß es ihr durch's Innere und erhellte alle dunklen Wünsche und Hoffnungen. Sie war wie geblendet. Wenn der Mann etwas für sie thun wollte! Er schien sich zu interessiren. O, sie wollte ihm vor- singen mit aller Kraft ihres Könnens und ihrer Seele! Wenn er sie mitnahm auf seine Tournee, sie zur großen Sängerin machte— wenn sie wieder- kam, bekannt, gefeiert, glänzend honorirt! O, da würden die Verwandten andere Saiten ausziehen, und das kleinliche Sorgen, das den Much lähmt und den Hoffnungen die Flügel knickt, würde ein Ende haben! Sie sah verstohlen ihren Mann von der Seite an— was würde der sagen? Er mußte stolz, stolz auf sie sein, sich freuen. Ach, sie that's lvirklich nicht ans Eitelkeit, aus Ruhmsucht; sie that's ans Liebe zu ihm und zur Kunst. Sie that's aus einem dunklen Drang, herauszukommen aus Verhältnissen, die sie bedrückte«. Mit einem Seufzer kniff Lena die Augen zu; sie wollte nichts mehr sehe», die Perspektive der Zukunft erschien ihr zu glänzend und die Gegen- wart plötzlich dunkler als dunkel. Ihr schwindelte; sie griff mit der Hand um sich und klammerte sich an die Tischkante. „Fehlt Ihnen etwas, Frau Lena?" „Ob, rnadame?" „Um Gotteswillen, Leim!" Wie hinter einer dicken Wand hörte sie das Lachen der Signora ersterben, sie fühlte sich vom Arm ihres Mannes umfaßt— Alles dunkel, Alles dunkel— es stieg ihr ein Knäuel in den Hals, würgte sie und ließ sie nur zitternd und mühsam athmen. „Oh"— sie holte stöhnend Athem. Jetzt sah sie wieder. Langsam wich die Angst, es wurde ihr besser. „Hast Du mich erschreckt, Lena!" Bredcnhofer sah ihr mit einem eigenthllmlich unruhigen, forschen- den Blick in das blasse Gesicht.„Trink einmal!" Er hielt ihr das Weinglas an den Mund. Mit Ekel stieß sie es zurück.„Ich kann nicht trinken," sagte sie mühsam, und dann zwang sie sich zu lächeln.„Ich danke, es geht mir wieder ganz gut!" Aber es wollte doch keine rechte Fröhlichkeit mehr in Fluß kommen; die Diva gähnte, und Bredcnhofer machte ein verstörtes Gesicht. Nur Reuter säuselte in seinem Enthusiasmus fort; es war ihm garnicht nach Wunsch, daß die Anderen schon aufbrachen. Lena athmete erlöst, als ihr draußen die Nacht- luft um die Schläfen wehte. An der Ecke der Linden trennte man sich. „Also, Madame, ich werde von Ihrer Erlaubniß Gebrauch machen," flüsterte Lavallo bei seinem Hand- knß.„Bald, sehr bald— o welcher Genuß, Sie zn hören!" Er legte die Hand auf die Brust, klappte die Augen nielancholisch auf und zn und beugte sich tief und feierlich. „Was wollte der Mensch?" fragte Bredcnhofer seine Frau, als die perlende Lachsalve der Signora hinter den Bäumen verklungen war und auch Renter sich verabschiedet hatte. „Er will uns besuchen," antwortete sie mit einem leichten Herzklopfen,„er will mich singen hören." „So," sagte er gleichgültig, wippte mit deni Stöckchen und sah den breiten Mondstrahlen nach, die sich über Firste und Wände ergossen und in silbernem Strom iiber'S Trottoir flntheten. Seine Gleichgültigkeit war ihr unangenehm, mit Schmerz empfand sie's, er hatte nicht mehr die alte Theilnahme für ihre Kunst.„Jawohl," beharrte sie mit einiger Gereiztheit,„er will mich singen hören, er zeigt eben großes Interesse. Vielleicht, daß er mich engagiren will für seine Tournee nach Ruß- land." Mit gespannter Miene sah sie ihren Mann an— was würde er sagen? Bredcnhofer lachte laut auf.„Warum nicht gar? Haha, llnsinn!" Sein Lachen beleidigte sie; sie antwortete nichts darauf, aber sie ging stumm und verstimmt an seinem Arm weiter. Ohne Glanz glitt ihr Blick über die einsame, nachtstille Straße und dann hinauf zum Himmel. Die Sterne konnten sich nicht geltend machen neben dem vollen, Alles überstrahlenden Mondlicht, sie blinzelten und zitterten; aber da— da— der eine zuckte und wackelte, und nun schoß er wie ein goldener Funke hinab in's Bodenlose. Eine Stern- schnuppe. Lena drückte rasch die Hand auf's Herz— jetzt etwas wünschen, schnell einen großen heißen Wunsch, und er war erfüllt! Es fiel ihr nichts ein. Da— der Stern war längst gefallen. xni. Lena ging hocherregt in ihrem Zimmer anf und nieder. Ter Flügel stand geöffnet, Notenblätter waren zur Erde geweht unter den zurückgeschobenen Klavierstuhl. Hier, hier war er anfgesprnngen in hellem Eni- zücken, hatte ihr begeistert die Hände geküßt und, seine Melancholie ganz vergessend, enthusiastisch ge- rufen:„O dieser cbarme— Madame, Sie sind ganz, was ich suche!" Die junge Frau hielt mit dem Anf- und Nieder- gehen inne; sie blieb stehen, preßte beide Hände an ihre glühenden Wangen und starrte wie traumver- loren zu Boden. In ihren Ohren klangen seine Worte nach, er hatte ihr so viel Angenehmes und Schönes gesagt; mit lechzenden Lippen hatte sie seine Anerkennung eingesogen— ah, that das gut! Sie sah sich schon auf dem Podium, zu Füßen die lauschende Menge. Laute der Bewunderung, auch in fremder Sprache verstanden, schlugen an ihr Ohr. Welch' seliges Gefühl, sich dann zu verbeugen! „Sie müssen ein einfaches weißes Kleid tragen, ganz simpel, ganz schlicht, und das Haar so, so!" Mit einer raschen Handbewegung hatte ihr Lavallo die Locken wild in die Stirn gestrichen; dann wies er lang den Rücken hinunter:„Und Zöpfe, ganz echt, ganz deutsch! Sie heißen.Fräulein', wir machen das so, das ist besser; Niemand giebt Ihnen mehr als sechzehn. O, Sie werden wirken!" Er hatte sich die Fingerspitzen geküßt und dann seinen schwer- müthigsten Augenanfschlag gethan.„Sie rühren!" Eine unbeschreiblich freudige Erregtheit durch- zitterte Lena's Nerven; ein Gehobenscin war in ihr, das sie alles Nächstliegende vergessen ließ. Sie lief wieder in der Stube umher mit den flüchtigen Schritten eines Rehes, sie rückte hier, sie rückte dort, kroch unter's Klavier und las die Notenblätter zusammen, und wußte doch selbst nicht, was sie that. Sie zog die Schublade im Schreibtisch auf, in der sie ihre Wirthschaftskasse verwahrte, und zählte und zählte; es waren nur wenige Groschen mehr drin, aber was machte das? Bald, bald hatte das ängstliche Rechnen eine Endel Lavallo schlug glänzende Bedingungen vor. Ihre Brust hob und senkte sich rasch unter einem befreienden Athemzng— wenn doch Richard nach Hanse käme! Er war in den Knnstsalon Unter den Linden gegangen, wo sein Bild anshing. Jetzt kam er; sie hörte seinen Tritt auf der Treppe, lief und riß rasch die Entrecthiir auf. Per- wundert sgh er sie an. „So heiß, so roth, Lena?" Sie hing sich an ihn und zog ihn in die Stube; in ihrer Herzensfreude wartete sie nicht, bis er Hut und Stock abgelegt hatte, sie sprudelte ihm gleich die ganze Geschichte entgegen. Mit hochgezogenen Augenbrauen hörte er sie an, dann tippte er sie auf die Stirn:„Lena, Schatz, ist's da drinnen nicht ganz richtig? Was— mit Lavallo nach Petersburg?" Er lachte, wie er vor- gestern Nacht anf der Straße gelacht hatte. Sie ließ sich nicht beirren; mit der größten Ernsthaftigkeit ttug sie ihre Sache vor, die Wiederholung machte ihr die Aussicht noch reizvoller. Wie eine Landschaft bei öfterem Sehen immer neue Schön- heiten offenbart, so war es mit Lavallo's Vorschlag: sie verliebte sich mehr und mehr in denselben.„Und denke," schloß sie mit hochrothcn Wangen,„wenn was aus mir wird! Wie wird das unsere Verhältnisse aufbessern und uns den Verwandten gegenüber eine andere Position geben! Ach, Richard, ich freue mich so!" Sie drückte seine Hand gegen ihr klopfendes Herz. „Und Du denkst, ich werde Dich gehen lassen?" murrte er zwischen geschlossenen Lippen. Das Roth des Unmuths stieg ihm in die Stirn und färbte seine Wangen mit ein paar abgezirkelten Flecken. Sie sah ihn groß an.„Du wirst— Du mußt — natürlich!" Jetzt lachte er wieder, aber es war nicht das Lachen ungläubigen, gutmiithigen Spottes, eine böse Gereiztheit klang durch.„Niemals," sagte er,„nie- mals. Das sind Verrücktheiten; Du bist meine Frau und gehörst zu mir. Wenn der Lavallo noch ein- mal kommt, weise ich ihm die Thür. Ich werfe ihn hinaus," setzte er heftig aufbrausend hinzu. „Das wirst Du nicht thun," rief sie außer sich- „Ich thue es!" „O Du!" Sie hob leidenschaftlich die Hände. „Willst Du mich einsperren? Gicb mir meine Kunst wieder, meinen Gesang, nieine frohen Mädchen- stunden! Meinen Bruder hast Du mir genommen, mein— mein— und jetzt auch—* Sie brach schluchzend ab. „Sprich es aus," sagte er heiser und faßte ihre Handgelenke.„Was Hab' ich Dir genommen? Deinen Bruder und Dein— Dein—" er drückte fester „sag's!" „O nichts, nichts!" Sich besinnend sah sie m sein Gesicht; es blickte sie an mit einem Ausdruck nnbestimmter, zerfahrener Qual. Er ließ ihre Handgelenke los und wandte sic» ab.„Du willst es mir nicht sagen, aber ich wcill es— ich habe Dein Glück genommen!" Mit schleppen' dem Schritt ging er zur Stnbenthiir; er sah aus wie ein alter Plann, so unsicher die Beine, so hall' los der Rücken. „Richard, Richard!" Sie stürzte hinter ihn' drein mit jammervollem Weinen, sie hielt seinen Raa fest.„Richard, sei mir nicht böse, ich— ich Sie hielt jäh inne, und dann stieß sie es doch he� vor in iiberguellender Pein:„Ich bin unglücklich! Das Wort war entflohen: eine bange, schreckliche Pause entstand. „Nein, nein!" schrie sie, als er stumm»m bleichen, zuckenden Lippen auf sie blickte.„Es ist nicht wahr— nicht wahr— ich liebe Dich ich liebe Dich!" Sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust- So standen sie, nahe bei einander, und doch eins, ohne das andere zu umfassen. Es streckte sich etwa-- zwischen sie und rückte Brust von Brust; es reckst sich etwas über sie und beschattete ihre Gesichter, das sie einander nicht mehr deutlich sahen. Es war la klein gewesen, und schon wurde es größer und dehiM seine schwarzen Fittiche. Sie konnten es doch uw1 greifen. Sie standen nur und schauderten...- (Kortsetzunli solgt.) 107 Mcklmgsmsen im Werlhurn. Von A. Demmer. nter den Werken des„antiken Voltaire", des geistreichen Schriftstellers Lucimi,* dessen CT3 immer geistreiche, aber manchmal frivole Essays den Verfall des klassischen Sllterthimis in vortrefflicher Weise spiegeln, findet sich ein sehr amüsantes Schriftchen, dem er den Titel„Wahre Geschichten" gegeben hat. So nennt er sie, weil kein Wort davon wahr ist. Es kehrt seine Spitze gegen die massenhaften Geschichten von abentener- lichen Erlebnissen und von wunderbaren Menschen und Thieren, die sich in den Werken zahlreicher klassischer Autoren als angebliche wissenschaftliche Thatsachen finden. Diese Leute will Lucia» an llngereimtheiten noch übergipfeln, und so kani das Zu Stande, was man nicht unpassend den antiken Münchhausen genannt hat. Weil er gerade nichts Anderes zu thun wußte, so erzählt Lucian, rüstete tt ein Schiff ans, um ans Entdeckungen auszugchen. Durch die„Säulen des Herkules"(so hieß bei den Alten die Straße von Gibralta) gelangte er in den Atlantischen Ozean und wurde durch einen heftigen Sturm in ein Land verschlagen, Ivo der Weingott Vacchns Spuren ehemaliger Anwesenheit in Wein- stocken, die in Jungfrauen ausliefen, und einen Wein- ström mit Weinfischen hinterlassen hatte. Als das Schiff dieses wunderbare Eiland verlassen hat, saßt ks ein furchtbarer Wind, trägt es tausend Meilen in die Höhe und setzt es auf Wolken ab, ans denen ks ganz vergnüglich dahersegelt. So kommen sie schließlich aus dem Mond an, lernen dessen König Endymion kennen und sein Heer von Pferdegeiern, Leuten auf dreiköpfigen Geiern, derem Größe man sich daran vorstellen kann, daß ihre Federn länger sind als Mastbänme. Unsere Reisenden nehmen an kinem Kriege gegen die Sonnenbewohner theil, der vus beiden Seiten die erstaunlichsten Geschöpfe in Dhätigkeit setzt, Kohlvögel, die anstatt mit Federn Mit Kohl bewach'en sind und Salatblätter als Flügel liaben, Flöhe von Elefantengröße und ans Seiten i�kr Sonnenbewohner sogar den Schützen im Thier- kreis. Schließlich treten Lucian und die Seinigen vie Rückreise nach der Erde an und gelangen über i>en Morgenstern durch den Thierkreis, linker Hand Ml der Sonne und schließlich noch an Wolkenkukuks- lleim vorbei, wieder in den Ozean. Hier haben sie vas Unglück, mitsanimt ihrem Schiffe von einem gefälligen Walfisch von fiinfnndvierzig Bieilen Länge verschluckt zu werden. Dieses Ungeheuer hat in seinem Innern eine ganze Welt— Wasser, Land, Berge >md auch zahlreiche Bewohner, die schon früher das Unglück gehabt haben, verschluckt zu werden: mit Ulnen entbrennt natürlich sogleich ein Vernichtungs- s�kg, in dem sie ausgerottet werden. Um aus dem pnlfisch wieder herauszukommen, zündet Lucian schließlich den Wald in seinem Innern an, wodurch m>s Thier verreckt; sein Plaut wird mit einem großen �nlken aufgesperrt und das Schiff an Seilen von Xf» Zähnen aus in's Wasser gelassen. Ihre weitere lsllhrt bringt sie in eine Art von Schlaraffenland, mnen Theil des SDleeres, der von Milch ist; darin Ukgt eine große Insel von Käse. Dann taucht die �usel der Seligen vor ihnen auf, wo es ihnen ge- sftlet wird, das Glück der Schaffen in sieben- Monatlichem Aufenthalt kennen zu lernen; vortrefflich llt die Beschreibung der unsterblichen Seelen:„Sie lklbst abxx haben keine eigentlichen Körper(denn sie smd unantastbar und ohne Fleisch und Bein), sondern "ur die Gestalt und Idee davon; und dem ungeachtet lallen und stehen sie. haben alle ihre Sinne und �den wie andere Menschen. Kurz, ihre Seele scheint �gentlich nackend einherzugehen und blos den Schein kines Leibes um sich geworfen zu haben. Mau onnte sie mit ausgerichteten Schatten vergleichen, ,!e' anstatt schwarz zu sein, die natürliche Farbe �llks Körpers hätten; und man muß sie betasten Mollen, um sich zu überzeugen, daß das, was man '�9� kein Körper ist." Beim Abschied g'ebt Odysseus, j,* Er war aus Samosata am Euphrat gebürtig und - C Zur röiutschcn Kaiscrzcit, um die Milte des 2. �ahr- mÄ?. ohne daß die treue Penelope es gewahr wird, dem Lucian einen Brief an die Nymphe Kalypso auf der Insel Ogygia, bei der er sich so lange nach der Heimath Jthaka gehärmt hat, mit, und theilt seiner alten Geliebten mit, wie leid es ihm jetzt thue, nicht als ein Unsterblicher bei ihr geblieben zu sein, die Seligkeit sei gräßlich langweilig, und er wolle sich so bald als möglich aus dem Staube machen, um zu ihr zu komnien. Die Seefahrer erreichen Ogygia und erleben dann noch manches Abenteuer, treffen Seeräuber, die auf Kürbissen fahren, Schiffer, die Nüsse als Fahrzeuge benutzen, Leute, die ans Del- phinen reiten, Ochsenköpfler, Eselsfüßler, gerathcn an eine Wasserkluft, wo das Wasser tausend Stadien tiefer steht als anderslvo, und scheitern schließlich an einer unbekannten Küste. Mit seiner letzten Lüge nimmt Lucian von seinen Lesern Abschied: „Was nun weiter aus dem Festlande erfolgt, davon werde ich in den folgenden Büchern Bericht er- statten." Nach dieser Fortsetzung schlägt man das Blatt natürlich vergeblich um. Alle die abenteuerlichen Geschöpfe und Gegenden der„Wahren Geschichten" zielen ans Stellen alter Schriftsteller ab— zum Theil auf die homerischen Epen, deren Erzählungen in den naiveren Zeiten des klassischen Alterthnms in allen Einzelheiten nicht als Produkt dichterischer Phantasie, sondern als zuver- lässige Geschichtserzählung angesehen wurden. Das Pteiste aber geht ans Schriftsteller, die in wissen- schastlichen Werken fabelhafte Berichte für bare Münze verausgabten; und wenige Bücher des früheren Alter- thums über geographische Dinge sind davon frei. Da ist gleich der„Vater der Geschichte", Herodot, der im fünften Jahrhundert v. Chr. die ruhmreichen Kämpfe' der Griechen gegen die Perser beschrieb und die Geschichte und Geographie der„Barbaren" in seine Darstellung einbcgriff. Er erzählt ganz nn- befangen von einem Volk in Afrika, das Hundsköpfe hat, von einem anderen, das überhaupt keine Köpfe, sondern die Augen in der Brust hat; in Indien kennt er eine Gattung Ameisen, die so groß sind lvie Füchse. Da ist der Geschichtsschreiber Ktesias, der gegen 400 als Leibarzt am Hof des Perserkönigs Arta- xerxes lebte und eine Geschichte der Perser und Assyrer und eine Beschreibung von Indien lieferte. Er nannte den Herodot einen Lügner, wußte aber auch von Menschen mit Hnndsköpfen, die n»r bellen könnten, von Leuten niit Schwänzen und Aehnlichem zu be- richten. Pytheas, ein Grieche aus Massilia, dem heutigen Marseille, der zur Zeit Alexander's des Großen eine Reise nach dem Norden unternahm und bis an die norddeutschen Küsten und nach Schottland kam, sprach von einer Gegend hoch im Norden, noch über Thüle hinaus, wo ein Gemenge von Wasser, Luft und Erde ein Band zwischen Himmel und Erde bildete; auch Lhrcnmenschen und Pferdefüßler waren ihm bekannt. Eine ganze Menge von Sagen knüpfte sich an den indischen Feldzng Alexander's des Großen an. Davon lieferte Oncsikritos, der Oberstenermann von Alexander's Admiral Nearch, eine Beschreibung, in der er Alexander unter Anderem Afrika umschiffcn ließ; er trieb es so arg, daß über sein Buch ge- urtheilt wurde, es sei nicht Alles darin erlogen. Wenig später schrieb Plegasthenes ein Buch über Indien, in dem es von Ohrenlosen, Nasenlosen und Ohrenschläfern nur so wimmelt. Dies sind einige von den Schriftstellern, gegen die sich der Witz des Lucian ckehrte. Ter naive Wunderglaube des früheren Alterthums war diesem Spötter, wie den hochgebildeten Kreisen, an die er sich wandte, gänzlich abhanden gekommen. Sehr begreiflich daher, daß er jene Leute alle zusammen als Lügner und Schwindler in einen Sack steckte. Aber das trifft doch nur auf Wenige, wie Ktesias und Onesikritos, zu; dagegen geschieht den Meisten mit ihrer Einreihnng»nter die Lügner bitter Un- recht, und man würde sie ganz verkehrt benrtheilcn, wenn man ihre Verdienste um die Wissenschaft nach jenen wunderbaren Erzählungen abschätzen ivollte. Herodot z. B. unternahm für seine Geschichte der Pcrscrkriege weite Reisen, durch ganz Griechenland, nach llnteritalien, nach Egypten und Vorderasien, und das will in einem Zeitalter ohne Verkehrsmittel viel heißen. Wo er aus eigener Anschauung spricht, ist er stets vollkommen zuverlässig und durch die neuere Forschung glänzend bestätigt worden. Freilich verstand er blos Griechisch, da er es, wie seine Landsleute überhaupt, unter seiner Würde hielt, eine Barbarensprache zu erlernen. So war er vielfach, zumal für Länder, in die ihn seine Reisen nicht ge- führt hatten, darauf angewiesen, Angaben aus zweiter Hand zu übernehmen, und da ist es weiter nicht erstaunlich, daß Vieles den Stempel orientalischer Liebe zur ilebertreibung und zum Wunderbaren an sich trägt, was er leichtgläubig für wahr hielt, da sein kritischer Sinn nur sehr schwach entwickelt war. Aehnlich steht es mit dem berühmten Pytheas von Massilia. Was er ans eigener Anschauung schilderte, ist ganz zuverlässig; aber er ließ sich von manchem Seemann Garne spinnen, deren Unsinnigkeit für ein aufgeklärteres Zeilalter handgreiflich war und auch seine wahren Angaben in Mißkredit brachte. Heute wird man seinen Verdiensten um die Er- forschung gerechter. Gleich Herodot und Pytheas haben noch zahl- reiche alte Gelehrte den Gefahren und Mühsalen, denen Forschungsrcisende damals noch viel mehr als heute ausgesetzt waren, getrotzt: die Geschichtsforscher Polybius im 2. und Posilonius im 1. Jahrhundert v. Chr., der Geograph Strabo zur Zeit des Kaisers Augnstus und zahlreiche Andere vermehrten durch Reisen die geographischen Kenntnisse ihrer Zeit. Aber das Meiste, was im Alterthnm für die Erweiterung des geographischen Gesichtskreises geschah, ging doch nicht von Gelehrten aus, die sich aus Wissenstrieb den Gefahren unbekannter Meere aussetzten, sondern wurde, wie es auch im großen Zeitalter der Ent- deckungen war, durch Eroberungsziige und den Handel zu Wege gebracht. Was die Eroberungen betrifft, so braucht man nur daran zu denken, daß Alexander der Große Indien, die römischen Legionen Gallien, Spanien, Britannien, Germanien, Arabien, Maure- tanien den Kulturvölkern am Mittelmeer bekannt machten. So weit dagegen der Handel in Betracht kam, waren es viel weniger die Griechen und die Römer, deren Schifffahrt sich ganz auf die Küsten des Btittel- ländischen und Schwarzen Meeres beschränkten, als das unternehmende Handclsvolk der Phönizier an der syrischen Küste und ihre mächtige Pflanzstadt Karthago in der Nähe des heutigen Tunis, die lang- jährige Nebenbuhlerin Roms, die in die Ferne hinaus- strebten und schon zu Zeiten, als die Römer noch Barbaren waren, die Griechen ihre Kulturentwickelung erst begannen, auf ihren kleinen Ruderschiffen ohne Kompaß kühn in die unbekannten Weiten des In- dischen und des Atlantischen Ozeans hinausfuhren, an der indischen Küste Gold und Elfenbein, von den britischen Inseln Zinn holten. Höchst wahrscheinlich haben phönizische Seeleute schon zwei Jahrtausende vor Vasco de Gama das Kap der Guten Hoffnung umschifft. Wir haben darüber einen interessanten Bericht bei Herodot, der wohl werth ist, übersetzt zu werden:„Libyen(Afrika) ist vom Meere umflosseu außer dem Theil, der an Asien grenzt, wie Nccho, König von Egppte», zum ersten Mal gezeigt hat, der, nachdem er die Arbeiten an dem Kanal voni Nil nach dem Arabischen Meer- b Ilsen*' eingestellt hatte, phönizische Männer auf Schiffen abschickte, mit dem Auftrag, auf dem Rück- weg durch die Säulen des Herkules zu fahren, bis sie in das nördliche Meer(das Mittelmeer) und so nach Egypten gelangten. Nachdem nun die Phönizier ans dem rothen Meere aufgebrochen waren, fuhren sie durch das südliche Meer(den Indischen Ozean); sobald es Herbst wurde, gingen sie an der Stelle von Libyen, wohin sie gerade auf ihrer Fahrt ge- langt waren, an Land und besäeten es und warteten auf die Ernte; wenn sie das Getreide eingebracht hatten, fuhren sie weiter, so daß sie»ach Verlans von zwei Jahren im dritten Jahre die Säulen des * König Nccho II. von Egypten(609—695 v. Chr.) nahm einen Kanal vom Nil zum Nöthen Meer in An- griff, der erst hundert Jahre später durch den Pcrserkönig Darius vollendet wurde. Dieser Vorläufer des Suez- Kanals verfiel später. Die Neue Welt. Illustrirte Unterhalwngsbeilage. 108 Herkules umschifften und nach Egypten gelangten. Und sie sagten, was mir zwar nicht glaubwürdig erscheint, vielleicht aber sonst Jemand, daß sie bei der Umschiffung Libyens die Sonne zur Rechten hatten." Gerade diese letzte Angabe, an die Herodot nicht glauben will, macht es, weil sie vollkommen den Thatsachen entspricht, ungemein wahrscheinlich, daß schon sechs Jahrhunderte vor Christi Phönizier Afrika umschifft haben. Freilich blieb diese Entdeckung ohne jede prak- tischen Folgen. Zwar weniger ausgedehnt, aber folgen- reicher war eine Expedition, die die Republik Kar- thago in der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts vor Christi unternahm. Wir haben darüber den Originalbericht des Leiters der Expedition in griechi- scher llebersetzung, eine unschätzbare Urkunde, die uns einen ganz einzigen Einblick in die Methode solcher antiken Expeditionen gestattet. Zu der Zeit, als die Unternehmung stattfand, zwischen 430 und 450 V.Chr., befand sich Karthago auf der Höhe seiner Bliithe. Sieben zahlreichen Kolonien an der afrikanischen Nord- kiiste, auf Sizilien, Sardinien und in Spanien be- saß die Republik auch einige Ansiedlungen an der atlantischen Küste Afrikas in der Nähe der Straße von Gibralta, die aber sehr heruntergekonimen waren. Um den alten Kolonien neue Ansiedler zuzuführen und weitere Niederlassungen mehr südlich zu be- gründen, schickte die Republik einen ihrer beiden höchsten Beamten, den Suffeten(„Richter") Hanno ab. Er erhielt 60 Peutekonteren(offene Schiffe mit 50 Ruderern) und 30 000 Kolonisten, Männer und Frauen, an Bord. „Nachdem wir abgefahren waren," heißt es in dem Bericht,„die Säulen des Herkules passirt und außerhalb derselben zwei Tagesfahrten zurückgelegt hatten, gründeten wir die erste Stadt und nannten sie Thymiaterium(das heutige Mamura); eine große Ebene lag dabei. Dann segelten wir nach Westen und landete» bei dem libyschen Vorgebirge Soloeis (Kap Cantin), das dicht mit Bäumen bestanden ist. Nachdem wir hier einen Tempel des Poseidon er- richtet hatten, fuhren wir einen halben Tag lang nach Osten, bis wir an einen Sumpf gelangten, der nicht weit vom Meere lag und voll langen Schilfes war; auch Elephanten und andere Thiere in großer Zahl hielten sich darin auf." Nach einer Tagfahrt hörten die Sümpfe auf, und die Flotte gelangte zu fünf alten karthagischen Ansiedlungen, die mit neuen Ansiedlern versorgt wurden.„Nach- dem wir von dort abgefahren waren, kamen wir an den großen Fluß Lixus(Wad Traa), der in Libyen entspringt. An seinen Ufern weidete das Nomaden- voll der Lixiten seine Heerde»; da wir uns befreundet hatten, so blieben wir einige Zeit bei ihnen, lieber dieses Volk hinaus wohnten ungastliche Sieger in einem an wilden Thieren reichen Lande, das von hohen Bergen durchschnitten ist: auf diesen Bergen soll der Lixus entspringen. In diesen Gebirgen sollen Menschen von merkwürdiger Gestalt wohnen, Troglodyten(d. h. Höhlenbewohner, wahrscheinlich Menschenaffen), von denen die Lixiten behaupten, daß sie schneller laufen könnten als Pferde. Wir nahmen Dolnietscher von den Lixiten und fuhren zwölf Tagereisen südwärts an der Küste vorbei, dann wieder eine Tagereise nach Osten. Tort fanden wir im Innern eines Aleerbusens eine kleine Insel, fünf Stadien(ungefähr ein Kilometer) im Umfang (die Insel Arguin in der Mündung des Rio d'Ouro): darauf legten wir eine Ansiedlung an, die wir Kerne nannten. Nach den Strecken, die wir zurückgelegt hatten, berechneten wir, daß sie Karthago gegen- überliege: denn die Fahrt von Karthago bis zu den Säulen des Herkules und von da bis Kerne war ziemlich gleich lang. Von da kamen wir, nachdem wir durch einen großen Fluß geschifft waren Namens Chretes(den nördlichen Müiidinigsarm des Senegal), in einen See(den See Ngnier): in dem See lagen drei Inseln, die größer waren als Kerne. Nachdem wir von diesen eine Tagesfahrt gemacht hatten, kamen wir in den innersten Theil des Sees, über dem sich gewaltige Berge erhoben, voll von wilden und mit Thierfellen bekleideten Menschen, die u»S durch Steinwürfe am Landen verhinderten. Dann brachte uns unsere Fahrt zu einem anderen großen und breiten Strom(dem Senegal), der voll Krokodile und Flußpferde war. Hier kehrten wir um und gelangten nach Kerne zurück." Aber sie kehrten nur um, um sich frisch mit Lebensmitteln zu versehen und dann einen neuen Vorstoß nach Süden zu machen.„Von dort haben wir zwölf Tagereisen nach Süden, das Land ent- lang, das allenthalben von Negern bewohnt war, die nicht auf uns warteten, sondern entflohen: ihre Sprache war auch für die Lixiten, die wir bei uns hatten, unverständlich. Am letzten Tage aber legten wir bei hohen, dicht mit wohlriechenden Bäumen bewachsenen Bergen an(Kap Verde). Nachdem wir diese Berge in zwei Tagen umschifft hatten, gelangten wir in einen riesigen Meerbusen(die Mündung des Gambia), zu dessen beiden Seilen das Land eben war. Bei Nacht sahen wir dort allenthalben Feuer in einer gewissen Entfernung, bald höher, bald niedriger." Die Eingeborenen an diesem Theil der afrikanischen Küste pflegen zur Zeit der größten Trockenheit im Sommer das Gras anzuzünden, um den Boden dadurch zu verbessern, und diese Gras- brände nehmen enorme Dimensionen an. Hanno's Expedition sollte noch oft durch diese ihnen ganz räthselhafte Erscheinung geschreckt werden.„Nachdem wir Wasser eingenommen hatten, fuhren wir weiter fünf Tage längs des Landes, bis wir in einen großen Busen kamen, der nach Angabe unserer Dol- metfcher das„Horn des Westens" genannt wurde (der Golf von Bissao, in den sich der Rio Gcba und der Rio Grande ergießen). In diesem Busen lag eine große Insel und in der Insel eine seeartige Bai, hierin eine zweite Insel(die Insel Harang). Wir landeten hier und sahen bei Tag nichts als Wald, bei Nacht aber viele Feuer und vernahmen den Klang von Flöten, Becken, Pauken und lautes Geschrei. Schreck erfaßte uns, und die Seher be- fahlen, die Insel zu verlassen. Wir fuhren schleunigst ab und schifften ein Land entlang, das von Feuer- dämpfen erfüllt war, und aus dem sich Feuerströme in das Meer ergossen. Das Land war wegen der Hitze unzugänglich. Eiligst fuhren wir auch von hier schreckerfüllt ab. Nach einer Fahrt von vier Tagen sahen wir bei Nacht das Land niit Feuern angefüllt: in der Mitte war ein Feuer von bedeu- tender Höhe und größer als die anderen, das an- scheinend bis an den Himmel reichte. Dies stellte sich bei Tage als ein hoher Berg heraus, der den Namen„Götterwagen" führte(Mont Sagres an der Kiiste von Sierra Leone). Nachdem wir von dort drei Tage lang an Feuerströmen vorbeigefahren waren, kamen wir in einen Meerbusen, der das„Horn des Südens" genannt wurde(der Golf von Shcrboro). In seinem Inneren lag eine Insel, ähnlich jener früheren, niit einem seeartigen Einschnitt, und darin lag eine zweite Insel, voll wilder Menschen. Die große Mehrzahl waren Weiber mit behaartem Körper, welche die Dolmetscher Gorillas nannten. Als wir sie verfolgten, konnten wir die Männchen nicht ein- holen, sondern sie entkamen alle, da sie über die Felsen kletterten und sich mit Steinen wehrten; da- gegen fingen wir drei Weibchen, die aber ihre Führer bissen und kratzten und nicht mitgehen wollten. Wir tödteten sie, zogen ihnen die Haut ab und brachten die Felle nach Karthago. Denn wir fuhren nicht mehr weiter, da uns die Lebensmittel ausgingen." Die Affen, die hier ganz naiv wilde Menschen ge- nannt werden, sind jedenfalls nicht mit denen identisch, die jetzt Gorillas heißen, sondern vermuthlich Schim- pausen. Diese Affeninsel, von der die Karthager ihre Rückreise antrelen mußten, ist das heutige Sher- boro, ungefähr l1/»0 nördlich vom Aequator. Von wunderbaren Abenteuern ist in dem Reise- bericht des karthagischen Suffeten nichts zu finden. Aber gerade in seiner schlichten Sprache macht er auf Jeden den Eindruck ungeschminkter Wahrhaftigkeit: um so mehr ist es zu bedauern, daß wir nicht auch den Bericht über eine zweite gleichzeitig im Auftrag der Republik Karthago nnternommene Expedition nach den atlantischen Küsten Europas besitzen, die unter der Führung des Himilko bis nach Britannien gelangte. Die Karthager hielten Kerne, die südlichste An- siedlung, die Hanno begründet hatte, fest und ent- wickelten dort einen einträglichen Handel. Alle Jahre schicktm sie eine ganze Flotte dorthin mit Artikeln für den Tauschhandel, bei dem sie den Eingeborenen Schmucksachen, Töpferwaaren, Wein und dergleichen lieferten und Elephantenzähne, Wolle, Thierhäute empfingen. So lagen die Anfänge einer Besiedlung der afrikanischen Westküste vor, die die Karthager zu weiteren Entdeckungen hätten führen müssen. Freilich kam es dazu nicht; die Kriege mit Rom brache» Karthagos Macht, und als im Jahre 146 v. Chr. die reiche Handelsstadt, deren Einwohnerzahl auf 700000 geschätzt wurde, der unerbittlichen Feindschaft der Römer zum Opfer fiel und in einem Flammenmeer endigte, da gingen gleichzeitig auch alle Keime zukünftiger Entdeckungen im Atlantischen Ozean für Jahrhunderte zu Grunde. Denn die Römer, wie sie überhaupt kein eigentlich seefahrendes Volk waren, hatten nun vollends eine unllberwind- liche Abneigung, sich in den Ozean hinauszuwagen. Und so vollständig hörte jede Verbindung mit den Küsten auf, die von den Karthagern einstmals betreten worden waren, daß sie am Ausgang des Mittelalters noch einmal ganz von Neuem entdeckt werden mußten.— Die Konfelüionsstoff-FabnKation. Von Arno Hirsch. st für sich und seine Familie. Alsdann war er vreit, die schlimmsten Sachen zu thnn, um seine "Uteressen zu wahren. ,»Na, wie meinst Du also, Fedot Fedotowitsch?" .?8te der Schulze in einem weit weniger gleich- gulligen Tone als vorher, da er gemeint, er habe Kur mit einer Herrenlaune zu thnn. »,»Laß mir Zeit, Danilo Fedoceitsch, das muß Erlegt werden," sagte Fedot Fedotowitsch nach vagei» Schweigen. Danilo Fedoceitsch überließ ihm bereitwillig das nachdenken für sich und ihn, und so trennten sich Der Schulze ging auf's Feld, auf Perechwatow stlen der verlorenen Zeit schimpfend, mehr aber vch darüber, daß er ihm die Gemüthsruhe ge- übt hatte. ». Fedot Fedoceitsch ging und schloß sich in das "ttszimmer ein; er verzichtete auf das Mittagsessen und vergaß sogar, den Galarock auszuziehen. Zwei Stunden wandelte er von einer Ecke des Zimmers zur anderen, und immer überlegte er und überlegte, obgleich er eigentlich fast sicher wußte, daß er nichts Neues ausbrüten werde, daß die Sorge um die so kostbare Haut, sein einziges Eigenthum, Oberhand gewinnen werde iiber das schwache Emporsteigen seiner menschlichen Instinkte. III. Abends gegen sieben Uhr verbreitete sich in Pogorelofka von Mund zu Mund ein eigenthiim- liches Gerücht. Man behauptete, der Deutsche habe dem Zaren den Krieg erklärt, und die Regierung brauche schnell Geld. Eine rührige Frau erzählte die Geschichte ihren Betschwestern in solch anschaulichen Bildern und mit so bestimmten Angaben, daß bei den ZuHörerinnen gar kein Zweifel mehr blieb. Sie hatte das Alles erfahren, als sie zufällig beim Schulzen- nmt vorüberging. Vor der Thür des Amtes saßt» gemllthlich der Schulze und der Schreiber und tranken kühlenden Kwas. „Aeh, hör' mal,Perepitschka," rief ihr der Schreiber zu,„hast Du denn nichts gehört?" Die Perepitschka blieb sofort stehen. Was kann geschehen sein, das sie nicht gehört hat? Wer soll denn hören, wenn nicht sie, Perepitschka, die sämmt- liche Neuigkeiten von Pogorelofka wußte, ehe sie durch das Dorf ihren Lauf nahmen. „Na, einen Krieg mit den Deutschen giebt es, das ist's. Nun, was stehst Du denn und reißt das Maiil auf? Sonst weißt Du doch Alles, und jetzt?" „Herrjeh, wirklich einen Krieg?!" „Na, man sagt's Dir doch,'s giebt Krieg," bestätigte der Schulze.„Die Steuern sollen gleich eingezogen werden. Weißt Du, der Deutsche ist mächlig. Während wir gemiithlich unser Feld be- stellten, hat er Pulver gesammelt. Und da ist nun jetzt ein Erlaß ergangen, daß man die Steuern..." Perepitschka hat nichts mehr gehört; sie hat nicht länger auf dem Platze ausharren können. Sobald sie eine Neuigkeit hörte, war sie stets wie von der Stelle fortgeweht. Ein unbezwingliches Bedllrfniß, sich auszusprechen, treibt sie zu den Nachbarinnen. Die unvollkommene Kriegsnachricht hat sie schnell mit ihrer reichen Phantasie ausgeschmückt, und es entstand alsbald bei ihr ein sehr klares Bild von der Sache. Das Kricgsgeriicht lief von Einem zum Andern und wurde natürlich durch die verschiedensten Zusätze bereichert. Leichtsinnige Frauen glaubten unbedingt Slllcs! Unter den Bauern fand die Neuig- keit großes Mißtranen. „Du hast das wohl geträumt, alte Hexe!" schrie man der Perepitschka zu. Sie aber verschwor sich bei Jesus Ehristns, bei allen Heiligen, ja, sogar bei ihrem eigenen Körper, daß ihr der Schulze selbst diese Neuigkeit erzählt habe. Tie Bauern liefen nach dem Schulzenamt. Der Schreiber machte ein ernstes Gesicht. Er hatte sich schon an den Gedanken gewöhnt, daß man zuerst für die eigene Haut sorgen müsse. Den Schulzen hatte er nach Hanse geschickt, denn er fürchtete, Danilo Fedoceitsch könne die ganze Sache noch zu- guterletzt durch irgend eine Thorhcit verrathen. „Hast Tu, Fedot Fedotowitsch, gehört, was die Weiber quasseln? Ein Krieg mit den Deutschen soll ausgebrochen sein?" „Ja, ja, ist schon so ähnlich." sagte kaltblütig Fedotowitsch. Er war in Uniform und brllstete sich stolz. „Und man soll die Stenern einziehen?" „Ja, die Steuern... macht Euch heute bereit, sammelt!" „Und mit welchem Rechte will man uns zu Grunde richten?" „Mit welchem Rechte, fragt Ihr? Hier!" Der Schreiber nahni aus der Brusttasche ein Papier und zeigte es ausbreitend den Bauern. Diese sahen das große Amtssiegel, das sogleich seine Wirkung ausübte. „Also ein Erlaß?" „Wie Ihr seht. Ich habe daS Ding doch nicht aus meinen Fingem gesogen," sagte er mit einer Handbewegnng, die ausdrückte, vor einem gesiegelten Papier giebt es keine Rettung. „Und lügst Du auch nicht?" fragte mißtrauisch ein Kleinrusse. „Kannst denn lesen?" entgegnete der Schreiber. „Ne, kann nich." „Na also, könntest sonst selbst lesen." „Ist das ein Unglück! Kommt nicht das eine, so kommt das zweite, ist's nicht das zweite, so das zehnte; ist's nickt das Ungeziefer, so der Hagel, wenn nicht der Hagel, so der Gutsherr, und wenn endlich nicht dieser, so schickt uns Gott den Deutschen... 's wird wohl für unsere Sünden sein," beschloß der Kleinrnsse seine philosophische Betrachtung. Was half's, die Bauern mußten eben Alles glauben. Die meisten söhnten sich mit dem noth- wendigen Uebel aus, weil sie noch den Rest des Geldes von der Heuernte liegen hatten. Einige andere aber ließen gleich den Kopf hängen. Es öffnete sich vor ihnen eine Aussicht, die viel Elend brachte. Es konnte ihnen ihr letztes Pferd, ja sogar ihre ganze häusliche Einrichtung kosten. Gleich nach Sonnenuntergang begann die Polizei ihre Thätigkeit. Fedot Fedotowitsch lief in höchster Aufregung vom Amtszimmer in seine Wohnung, ohne zu bemerken, daß er seine Sprößlinge um- rannte. Er sah und hörte überhaupt nichts. Bis zur Stenereinziehung war er sehr muthig, aber so- bald die Beamten ansingen, von Haus zu Hans zu gehen, lief er nervös umher, als ob sein kleiner Rumpf elektrisirt würde. Die Angst war unnöthig. Niemals verlief die Einziehung so friedlich, niemals war die Polizei so nachsichtig mit den Unbemittelten. Sobald sich zeigte, daß in einem Hanse wirklich kein baares Geld auf- zutreiben war, ging der Beamte schweigend fort. Er beherzigte die Vorschrift des Gutsherrn, den Armen nicht zu drängen. Bei den Anfrührern fand sich natürlich Geld, das nämlich, was sie für Perechwatow bereit hatten, und— weiter wollte man ja auch nichts. Als die Polizei nach dem Schulzenamt zurückkam und verkündete, daß Alles glücklich verlaufen wäre, riß Fedot Fedotowitsch erstaunt den Mund auf. Ihm war ein Stein vom Herzen gefallen. Doch eins war schlimm. Michael Kusmitsch war nicht zu Hanse und nirgends zu finden. Seine Frau wußte nur soviel, daß er vor Sonnenuntergang sein Pferd angespannt hatte und mit den Worten, daß er für längere Zeit fortbleiben werde, aus dem Dorf gefahren sei. Dies verminderte die Freude des Schreibers sehr. Er wußte, daß Michael Kusmitsch ein entschlossener Mensch war, und daß er höchst erbittert von Perech- watow fortgegangen war. Was konnte der aus- gedacht haben? War von ihm nicht Unheil zu be- fürchten? Fedot Fedotowitsch fühlte, daß seine Haut zu prickeln anfing... Die Morgensonne des nächsten Tages schien die Erde versengen zu wollen. Sobald sie iiber dem naheliegenden Wäldchen emporstieg, durchglühte sie niit ihren heißen Strahlen die Lust. Noch zwei, drei solche Tage, und auf den Feldern wird Alles versengt sein, und leere Nehren werden gen Himmel deuten. Diesen Morgen stand Perechwatow früher als sonst auf. Er hatte die Nacht schlecht geschlafen. Immer berechnete er die bevorstehenden Verluste, falls ihm sein geistreicher Einfall nicht gelänge. Er war ordentlich ärgerlich auf sich selbst, daß er nicht zur rechten Zeit Arbeiter gedungen hatte. Selbst gestern hätte er noch in der nächsten großen Stadt Arbeiter bekommen, freilich mit fünffachem Verluste, als wenn er mit„häuslichen Mitteln", d. h. niit seinen Bauern geerntet hätte. Die ungeheuren Vcr- lnste, die ihm vielleicht bevorstanden, schreckten seine gierige Phantasie; denn sollten diese Dummköpfe, die Bauern, diesmal kl»g handeln und die Arbeit bestimmt verweigern, so gingen zweitausend Dessatinen Roggen zu Grunde, Roggen, wie er im ganzen Kreise nicht zu sehen war. Um vier Uhr Morgens war Perechwatow schon auf den Beinen, wodurch er seinen Diener Thimophee, der gern noch schlafen wollte, in unangenehmes Staunen versetzte. B»»W»WW Vi'e Acne Welt. Illnflrirte Auterhaltungsbeilage. N2 „Waren sie noch nicht hier?" fragte Perech- watow den Diener, der sich schlaftrunken das linke Auge rieb. „Wen meinen Sie?" fragte Thinwphee außer- ordentlich nnliebenswiirdig. „Jene... die von gestern." „Die Bauern? Nein, die waren noch nicht hier." Nach einer halben Stunde rief Perechwatow nochmals:„Thimophee, noch nicht?" „Nichts zu sehen. Soll ich sie vielleicht rufen?" „I bewahre! Sollst Niemandem ein Wort davon sagen, hörst Du?" „Zu Befehl." Perechwatow sah unablässig zun« Fenster hinaus, immer nach der Sonne. „Ach, was für eine strahlende Sonne! Eine ivahre Gluth! Wird wohl Alles versengen," seufzte er und lief mit Leichtigkeit durch das Zininier, trotz seiner zweihundertnndzwanzig Pfund.„Na, meinet- wegen, ich werde schon leide».?lber Ihr sollt mich kennen lernen, meine Guten," unterhielt er sich im Geiste mit den„Aufriihrern". Um halb sechs kamen die Bauern zu Perechwatow auf den Hof. Ihr Aussehen war ein gänzlich anderes als gestern; fast konnte man meinen, es seien auch andere. Die Gesichter trugen den Ausdruck einer stumpfen Ergebenheit. Sie sprachen auch nicht, von Zeit zu Zeit hob Jemand den Kopf zur Sonne mit der kurzen Bemerkung„sengt". Die Anderen ant- worteten nicht; eS schien ihnen ganz gleichgültig, ob die Sonne brannte oder nicht. Thimophee zeigte sich in der Thür. „Na, schläft Samson Perechwatow noch?" fragten verlegen die Bauern. „Natürlich schläft er; wozu soll er so früh aufstehen? Vielleicht Euer Gnaden wegen?" antwortete mit unnachahmlicher Frechheit Thimophee und ver- schwand sogleich, um dcmHerrnMittheilung zu machen. Perechwatow zog nach empfangener Nachricht die Uhr aus der Tasche und ans das Zifferblatt starrend, saß er genau fiinf Minuten im Zimmer. Tann zog er den Rock aus und den Schlafrock an, es sollte aussehen, als ob er eben ans dem Bette käme. Als der Gutsherr in der Thür erschien, nahmen die Bauern wie auf Kommando die Mützen her- unter, und ebenso einmiithig räusperten sie sich, als ob sie alle mit einem Male sprechen wollten. Perechwatow war in seinen Bewegungen langsam und majestätisch, ganz wie gestern; man mußte denken, daß er sich über seine Lage keine Sorgen machte. „Nun, was wollt Ihr, meine Lieben," sagte er in deniselben weichen Tone, in dem er gestern seine Rede begonnen. Die Bauern schwiegen, anscheinend in der Er- Wartung, daß einer von ihnen das Wort ergreifen werde. Da aber Michael Kusmitsch nicht zugegen war und sich ein anderer Redner nicht fand, be- gannen sie Alle gleichzeitig zu sprechen. Natürlich >var nichts zu verstehen. Perechwatow wußte aber Alles, was er zu wissen brauchte. „Ich verstehe ja nichts, Einer von Euch soll reden," unterbrach Perechwatow das Murmeln des Haufens. Dann vernahm man die heisere Stimme des kränk- lichen Bauern, desselben, der gestern das unglückliche Ende der Sache prophezeit hatte. Er zeigte sich beredter als alle anderen. „Erlaubt, Euer Gnaden, wie Ihr uns gestern befohlen," röchelte er aus allen Kräften,„Euren Roggen vom Felde zu nehmen. Tarnach niöchten wir unser Korn herunternehmen. Wir sind mit allem einverstanden..." „Wieso?" rief Perechwatow erstaunt.„Waruin bringt Ihr denn nicht das Geld? Habt Ihr doch alle Taschen voll Geld. Was soll denn das heißen? Ich verstehe nichts, ich kann wirklich nicht begreifen?" „Geld? Gott hat uns schon für unsere Sünden eine Strafe geschickt. Gestern mußten wir die Steuer« bezahlen. Soll ein Krieg ausgebrochen sein mit de« Deutschen." „Krieg? So, so... Das ist mir ganz neu. Wieso habe ich denn nichts davon gehört? Und nu» soll ich Euch doch erlauben, das Korn abzunehmen? Ich weiß wirklich nicht, das muß ich mir erst überlegen." „Erlaubt, Euer Gnaden, die Zeit ist so gefährlich jetzt. Mit jeder Minute kann Alles verloren gehe«/ Eures und das Unsrige." Die Bauern machte« tiefe Verbeugungen.(Schluß ,°lgt.) IeuitLeton. Neues Werden!* Mieses wogende Gedränge � Dunkel nur empfund'nrr Glulhrn, Die grdankenfruchlbar Puchen In dir Welt aus Dasrins-Cngr... Diese keimenden Gesänge, Welche lang im Schlummer ruhten,— Ihres Werdens wohlig Bluten Still umhaucht von Bupgepräuge: Klingt es nicht wie süße Ähnung, Datz aus morschen Denkenstrümmern Keine Ideale schimmern? Lenz, ich jauchze deiner Mahnung, And, wir Du, voll Hup am Ringen Will ich neue That vollbringen! _ Franz Hermann. Aus„Moderne Lyril". Berit», 8. Waldau'« Verlag. Frühling. Sonnenflillhm durch den Raum, der Himmel in strahlendon Glänze. Ein lauer kräftiger Hauch zieht über die Cbeue, die letzte Knospe hat ihre Hüllen gesprengt, frisches Grün, so weit das Auge blickt... Das Motiv, dasHeiurichZügcl, der Münchcner Maler, in unserem heutigen Bilde gemalt, bringt nichts Neues: Die Bäume, unter deren Kronen sich ein Ausblick auf die weite Ebene eröffnet, die darunter grasenden Schafe, all' das hat er schon oft gemalt, und auey den Lesern der„Neuen Welt" ist er durch ein ähnliches Bild bekannt. Aber es verlohnt sich, ihm darin zu folgen, so neu und machtvoll tvciß er es immer wieder zu gestalten. Wie hier die Ebene schier meilenweit sich dehnt, zur Mitte sich senkt und dann wieder mälig zn der fernen Horizont- jinie ansteigt, wie sie mit Gehöften und Feldern besetzt ist, wie mau es wirtlich empfindet, daß unter dieser Fläche die alte feste Erde ruht, in der starke Bäume unerschütterlich lvurzeln, das ist mit einer außerordentlichen Kunst der Tarstellung gegeben, lind wieder sind auch die Schafe, über deren breite Wollriickeu die Sonne spielt, mit der ganzen Kunst Zügel's, des besten unserer Thiermaler, gezeichnet.— Die Ursachen der Träume. Eine scharfe Grenze zwischen dem wachen Zustande und dem Schlafe giebt es nicht, der Schlaf tritt allmälig und unmerklich ein. Daraus folgt, so führt Alfred Lehmann in seinem Buche„Aberglaube und Zauberei" auS, daß die Vor- stellungsreihe, die im wachen Zustande begonnen hat, sich im Schlafe fortsetzen kann. Da der Mensch im tiefen Schlaf nicht träumt, so müssen die„Träume durch Affozia- ttonen" aufhören, wenn der Schlaf hinreichend tief gc- worden ist. Die Träume, die gegen Morgen, wenn der Schlaf wiederum leicht wird, auftreten, müssen also eine andere Ursache haben. Die Forschung hat ergeben, daß diese Träume durch Nervenreize direkt ausgelöst werden. Aber nur starke Neize vermögen sich geltend zu niachen, am ebestcn wahrscheinlich Druck- imd Tempcratur- empfiudungen, späterhin, gegen Morgen, auch Gehörs- und Gcsichlsempfiudungen. In weit größerem Umfange üben Zustände des Organismus selbst einen Einfluß aus das Gehirn aus, z. B. die freie oder gehemmte Athmung, die Blutzirkulatiou, chemische Veränderungen des Blutes, die Lage des Körpers, Hunger und Durst, krankhafte Zustände usw.; dann können aber andere Reize hinzu- treten und den Verlauf des Traumes ändern, eine iveitere Ursache für den unregelmäßigen Charakter der Träume. Da man annehmen darf, daß jeder Nervenreiz stets dieselbe Empflndung hervorruft, so muß ein häufig wieder- kehrender Nervenreiz anch sehr leicht denselben Traum auslösen. Der gleiche Nervenreiz muß serner. auch bei verschiedenen Menschen gleiche Träume hervorrufen. Der Inhalt derselben kann natürlich bei dem so überaus ver- schiedcuen Bewußtseinsleden der Menschen nicht völlig übereinstimmen; aber es giebt doch bei den meisten eine ganze Reihe gleichartiger Träume, die durch bestimmte llmslände verursacht werden. Jeder kennt wohl aus eigener Erfahrung Träume, in denen mau die Empfiu- bimg des Fliegens oder eines jähen Sturzes hat usw. Derartige Träume bauen sich auf einer bestimmten, von einem'Nervenreiz ausgehenden Empfindung auf, die durch ihre Stärke und ihre Dauer das ganze Traumbewußtsein beherrscht. So rührt die Empfindung des Flieg ens oder Schwedens von einer freien und leichten Athmung her. Lehmann erzählt als Beispiel, er habe während eines Mittagsschlafes auf dem Sopha einen langen Traum des Jntzalis gehabt, daß er sich damit belustigte, auf und nieder zu schweben. Als er erwachte, lag er auf dem Rücken, hatte die Arme an den Seiten, den Kopf stark zurückgcbogcn und die Brust sehr hoch, die Athmung war sehr frei, und er befand sich sehr tvohj. Der physio- logische Gegensatz zum Fliegen ist die Beklemmung, das allgenicin bekannte Alpdrücken. Die Ursache dieses Zustandes liegt darin, daß die Athmung durch irgend eine Ursache behindert ist. Alan hat verschiedene Ver- suche angestellt, um dies zu bctveiscn. So wurde Per- fönen, die an Alpdrücken litten, mitten im Schlaf eine wollene Bettdecke über Mund und Nase gelegt. Sofort begann der Schlafende in liefen, langen Zügen zu athmen. Dabei wurde sein Gesicht roth, die Athmungsmuskeln arbeiteten gewalttg: er stöhnte, rührte sich aber nicht, bis er sich plötzlich mit einer gewaltsamen Ansttengung im Bett umdrehte und dadurch das Gesicht von der Decke befreite. Nun wurde die Achmung wieder ruhig und der Betreffende schlief weiter. Nachdem er geweckt worden erzählte er, er hätte ein furchtbares Alpdrücken gehab- ein häßliches Thier wäre ihm plötzlich auf die Bru> gesprungen und hätte ihn am Athmen gehindert. � der Versuchspersonen erklärte auch, daß ihr der plötzli� Sprung des Thieres das Auffallendste gewesen da es sonst immer schleichend über sie zu kommen pflc�s Gewöhnlich tritt eine Hemmung der Athmung im Schu« nur allmäjig ein, und dies erscheint dem Träumende« als ein schleichendes Herannahen des feindlichen Wese'� Tie Empfindung eines tiefen und jähen Falls h" zur Ursache eine Erschlaffung der Bcinmuskulatur. fiw. häufig ist solch' ein Fall der Schluß eines langen»» äußerst unbehaglichen Traumes, in dem man sich verfriS wähnt. Um seinen Verfolgern zu entgehen, springt>«� dann aus dem Fenster oder von einem Berge, oder einer Höhe hinab und wacht dann während des stalle« in großer Angst auf. Solche Träume rühren gewöhM davon her, daß das eine Bein über dem anderen lieg' so daß die Blutzirkulation durch den Druck auf k« größere Ader gehemmt wird. Um dieselbe wieder«% zugjcichcn, arbeitet das Herz bedeutend kräftiger; dadu� entsteht bei dem Schlafenden das Angstgefühl, von dc der ganze Traum ausgeht. Lehmann führt an, daß, den Traum wiederholt willkürlich dadurch hervorrief, er sich mit übereinandergeschlageuen Beinen zum San«! niederlegte; wenn er dann über dem Fallen erwacht� schlug der Puls jedesmal schneller als normal. W Empfindung, nackend zu sein, tritt ein, wenn Bettdecke hinabgleitet und ein Theil des Körpers en>b>«« wird. Endlich werden zahlreiche Träume dadurch«sri gelöst, daß man sich krank fühlt; diese sind nawr ebenso abwechselnd und mannigfaltig, wie die Krankh"� Ursachen selbst.— Im Walärani. In nackten Bönnien um mich her der Häher, Der ewig kreischende, der Eichclspaltcr, Und über Farrnkraut gaukelt nah nnd näher Und ivieder weiter ein Zitronenfalter, Ein Hühnerhabicht schießt als Mäuscspähcr Pfeilschnell knicklängs vorbei dem Pflugstcrzhaltr«- Ter Himmel lacht, der große Knospeusäer, Und auf den Feldern klingen Lstcrpsaltcr. Detlev von Lilicncro"- Nachdruck des Inhalts verbotet»-� Alle für die Redaktion der„Neuen bestimmten Sendungen sind nach Berlin,' Beuthstraße 2, zu richten. V«r-nl«ortltißer LiedaNeur: Oscar Kühl w«hartonenburg. - Vertag: Hamdurger«uchdruikeret und«erlagsanstall Buer& Ca. t» Hamburg. — Druck: Max Babing in Berti»