Nr. 15 �Uuflvtvic H Cnlcrha( hmgsb eil agc. 1899 Dilettanten des Lebens. Fortsetzung.) P im, Kinder, so stumm?" fragte Frau Langen's Stimme von der Thür her. Sie war ein- - getreten, die Beiden hatten es garnicht be- �ttkt.„Was habt Ihr denn? Es ist doch nichts passirt?" setzte sie ängstlich hinzu. „Btiitter!" Mit einem Ruf der Erlösung eilte �kna lins sie zu. „Was ist denn? Was ist denn?" Frau Langen H sich unruhig um; dieses thräneufenchte Blicken °cr Tochter, das Vibriren ihrer eiskalten Hand sagten Senng; sie mar sofort mit unglücklich. „?lch, ach," jammerte sie,„was ist denn ge- ichehe»? So sagt niir's doch!" � Tas fehlte auch noch! Bredenhofer biß sich den Schnurrbart und fuhr nervös durch's Haar.„RichtS 111 vasstrt. Ich bitte Tich, liebe Mama, Lena hat berriickte Ideen, die ich nicht gutheiße." Lena zuckte zusammen, aber sie sprach nicht; sie le(5 ihrem Mann das Wort. Während er erzählte, lchniiegte sie sich fester au die Mutter und uinklam- '»erte deren Hand, wie Beistand heischend. Frau Langen hörte mit offenem Munde zu; das 'nrte mädchenhafte Roth ans ihren Wangen kam ging. Slls Bredenhofer schloß:„Es ist lächer- .7- so wie ich mein Bild verkaufe, sind wir ans Bedrängniß. Und es wird in den nächsten �"»e» der Fall sein, eben sprach ich noch gute gekannte— nickte sie dem Schwiegersöhne be- '"edigt zu. »Es ist ganz in der Ordnung, daß Du es nicht Mebst.« sagle sie.„Meine Tochter in's wildfremde "Üilaud— oh!" Sie hob abwehrend die Hände; / dann sich zu Lena wendend:„Was würde Fritz ich bitte Dich! Du solltest Deinem Mann °°nkbar sein, daß er Dir diese dumme Geschichte weigert; er thut's doch nur aus Liebe!" , Riit einer trotzigen Gebärde warf Lena den Kops "um. sie wollte erwidern— da— die Klingel schon streckte Grete den Kopf in die Stube: " Üich die Frau Doktor!" »lim Gotteswillen, die Slllenstein!" Frau Langen df'-'""vtr wie eine nuniiv, vlc— ."Falle sticht.„Kommt die auch gerade— Lena, k- e Dir die Jlugen— schnell— man sieht s, ll Du geweint hast!" �®it ungeheuchelter Freude ging Richard der �apvester entgegen; sie war wochenlang nicht da- nese»; er begrüßte sie mit einem Kuß. - Auch Lena gab sich Mühe, freundlich zu er- s./nien, aber ihr Lächeln war verzerrt. Frau Langen > besorgt die Tochter an, sie saß wie aus Kohlen; "n die Slllenstein nur nichts merkte! Sic begaun , Abhuste Ilntcrhaltnng, mehr Interesse an dem liehen von Frau Slllenstein zeigend, als je zuvor. Roman von Clara Biebig. Wie ein geschickter Fischer warf sie ein Netz von Fragen ans: über das Ergehen der Frau Doktor, über den Erfolg ihrer Badereise, das Befinden des Herrn Gemahls und so weiter; sie suchte in miitter- licher Vertheidigungsweise die Einsilbigkeit und Ver- störtheit der Tochter zu decken. Es half Alles nichts, Frau Allenstein hatte scharfe Augen und eine nervöse Feinfiihligkeit für zugespitzte Situationen.„Bist Tu nicht wohl, liebe Lena?" fragte sie. lind als diese mühsam hervor- würgte:„O doch," wandte sie sich zum Bruder. „Richard, ich finde, Deine Frau sieht sehr ange- griffen aus!" Sie ließ einen frauenhasten Kenner- blick über Lcna's Gestalt streifen.„Sie hat Schatten unter den Augen und bleiche Lippen; Du solltest einmal Karl konsultiren. Sie muß viel Milch trinken, vielleicht auch Malzpräparate nehmen!" Daun klopfte sie Lcna's Hand:„Ja, ja, das macht sich schon Alles— nur Muth!" „Ich iveiß nicht, was Du willst." Lena's Ge- ficht wurde von einem dunklen Purpur überzogen. „Ich bin ganz gesund. Was mir fehlt, giebt mir doch Keiner," setzte sie halblaut, wie unwillkürlich hinzu. „Du bist ans falscher Fährte, liebe Susi, sagte Bredenhofer. Er achtete nicht ans das mahnende Zupfen der Schlvicgernintter, es war ihm eine Wohl- that, sich Luft zu machen. Der Aerger Lena's wegen übermannte ihn.„Meine Frau ist nicht krank, sie ist unvcruiiiiftig. Jetzt, wo sich uns durch mein Bild die schönste Zukunftsaussicht eröffnet, bekommt sie, aufgestachelt durch die Einblasungen eines ganz nichtigen Patrons, die Idee, als Sängerin öffentlich zu glänzen. Ich hätte das nie zngegeben; für mich, für mein Haus mag sie ihre Kunst ausüben, aber weiter— o nein!" Er schüttelte sortgesetzt den Kopf. „lind— und—" Lena's Lippen zitterten, sie konnten kanni die Worte formen—„und— und— wer hat immer von»leineiu Stern gesprochen, an den zu glauben mir vorgeredet? D»! Und jetzt ans einmal nicht mehr? Warum nicht? Weil sie Alle gegen mich sind, Dich hetzen. D» liebst inich nicht mehr!" Sie brach in fassungsloses Schluchzen ans. Fran Allenstein zuckte die Achseln und suchte den Blick des Bruders, als wollte sie sagen: Siehst „ Hab' ich Dich nicht gewarnt? Dann legte sie einer Mitleidswallung den Arm um die Schulter oci Schwägerin:„Weine Dich nur ans! Ihr werdet Euch schon wieder vertragen, ich werde Richard gut zureden." TaS war Frau Langen anßcr'iu Spaß; sie war gewiß eine schüchterne Natur, aber, Gott sei Tank, ihre Tochter hatte ucch keinen fremden Schutz nöthig! Da war sie auch noch da. Entschlossen erhob sie Du in der sich und zog Lena mit sich.„Lassen Sie meine Tochter nur, Fran Doktor, lassen Sie nur! Ich verstehe Lena am besten. Wenn sie weint, wird sie wohl ihre Gründe haben. Komm, mein Kind!" Frau Allenstein stieß ein kurzes verlegenes Lachen aus.„Bitte, o bitte, gnädige Frau! Solch ver- wöhnte kleine Prinzessin!" „Aber Mama— aber Susanne?!!" Bredenhofer sah Hülflos von einer der Frauen zur anderen, die Situation war ihm höchst nnsympathisch. Die erregten Mienen der Beiden, Lena's verschlvollenes, verweintes Gesicht beleidigten sein Schönheitsgefühl.„Es ist gräßlich," stöhnte er und stemmte den Arm auf den Tisch. „Armer Bruder," sagte Susanne und streichelte ihm die Haare. „Armes Kind," sagte Fran Langen und führte die Weinende zum Nebenzimmer. Bredenhofer rührte sich nicht, er hatte kein Wort der Beruhigung für seine Frau.„Ein Unsinn— unerträglich," brummte er,„mein Bild macht Alles glatt!" Auf der Schwelle strauchelte Lena; sie hob plötzlich das Gesicht ans dem Taschentuch, das ihr die Mutter vorgehalten, und drehte sich nach der Schwägerin um.„Du— Du," sagte sie drohend- „Ihr Alle— Ihr Alle!" Finster glitten ihre Blicke von Susanne zu Richard.„Hör' nicht ans die," rief sie sinnlos heftig mit einem gellenden zerbrochenen Klang in der Stimme,„die mordet unser Glück! Ihr seid Alle schuld!" Sie stieß die Mutter zurück, ging allein in's Nebenzimmer und verschloß die Thür hinter sich. Fran Langen starrte mit einer verdutzten, ge- kränkten Miene die geschlossene Thür an; dann wurde sie blutroth im Gesicht. Unsicher, scheu sah sie nach dem Sopha.„Ich will auch gehe», empfehle mich," sagte sie gedrückt. Der Schwiegersohn hielt sie nicht zurück; gleich darauf hörte man die Korridorthür zuklappen. Die Geschwister waren allein. „Das ist ja nett! Haha!" Frau Allenstein sah sich verstört im Zimmer um, blickte den Bruder an; er saß da, das Gesicht mit der Hand beschattend. Erst lachte sie ans, dann brach sie in hysterisches Schluchzen ans. Diese Szene mit ihren brutalen Anschuldigungen war in der That zu viel für ihre schwachen Nerven. „Daß Du so etwas duldest!" stöhnte sie hinter dem grellgeränderten seidenen Taschentuch.„Meine Nerven! Was wird Karl sagen?" Fran Susanne fragte wenig nach ihrem Mau», aber in Hanptmonieuten führte sie ihn doch in's Treffen. „Karl wird außer sich sein. Es ist unerhört! Die Neue Welt. Illustdrte Ante i. Haltungebeilage. 114 Das hat mein für seine Liebe— 8! lies thut man ans Liebe— das ist der Lohn!" Sie schluchzte krampfhaft und fuhr sich nach dem Herzen.„Wie mein Herz klopft; es springt! Oh, oh!" Dem Bruder wurde angst; er rückte ihr nahe. „Susi, liebe Susi, um Gottes willen, es thut mir schrecklich leid!" Sie ließ, ganz schwach, den Kopf an seine Schulter sinken und schloß die Augen. „Ich bitte Dich, sage nichts zu Karl," flüsterte er.„Lena meint es wirklich nicht so, Tu mußt sie entschuldigen— sie ist jetzt etwas erregt— und dann der Einfluß der Schwiegermama— verzeih' ihr, liebe Susi!" Er kiißte die Schwester und streichelte ihr die kunstvoll toupirten Haare. „O, Du armer Junge!" Susanne weinte jetzt wirkliche Thränen.„Hab' ich's nicht gesagt, nicht vorher gewußt?" Sie hob den Kopf, legte ihm beide Hände nm's Gesicht und sah ihn kummervoll a».„Biein Stolz, mein Richard!" Lange ver- senkte sie sich in seinen Anblick, wie eine bekümmerte Mutter in den des verlorenen Kindes.„So etwas— diese nnverniinftige kleine Frau," fuhr sie plötzlich auf,„Dich zu hemmen, Dir das Leben zu verbittern! Blutige Thränen könnte man—" Sie fuhr nervös zusammen, es hatte geklopft. Da stand auch schon Grete in der Thür. Unter der gekräuselten Stirnmähne war sie dnnkelroth. Das war ihr denn doch zu arg; sie hatte noch nie bei einer Herrschaft gedient, bei der der Schlächter um sein Geld mahnen kam. Wenn auch das Jahr noch nicht um war, sie beschloß zu ziehen; einzig wenn man ihr zwanzig Mark zulegte— dann vielleicht? Sie drehte das verfettete Metzgerbuch zwischen den Fingern und hielt es dann wie ein inkns tekel in die Höhe. „Der Schlächter," sagte sie,„er hat für drei Monate zu kriegen. Un denn wollte ich auch sagen, daß ich zn'n Ersten ziehe, heut' is der fufzehnte!" „Sie werden doch nicht?" Bredenhofer war sehr erschrocken. Grete hatte immer ein ordentliches Essen auf den Tisch gebracht; große Braten, wie er sie liebte, schon zum Frühstück saftiges kaltes Fleisch, und zwar nie mehr als zweimal von demselben. „Sie werden doch nicht ziehen?" wiederholte er »och einmal.„Es hat Ihnen doch kein Mensch was in den Weg gelegt!" „Ne— aber—" Grete fühlte, daß ihre Aktien stiegen. Frau Allenstein hatte nach dem verfetteten Buch gegriffen, mit spitzen Fingern durchblätterte sie's. „Was— was? Die Woche fiir zwanzig Blark Fleisch? Macht den Monat achtzig Mark! Hier sind Summa Sumniarnm ungefähr dreihundert- zwanzig Mark notirt. Das ist unerhört viel fiir den kleinen Haushalt!" Sie sah das Mädchen scharf an. „Nanu, denken Sie vielleicht, Madame, ich hab't jestohlen?" Grete war im höchsten Grade empört. „Da können Sie bei meine andre Herrschaften fragen, nie is was passirt, Allens habe ich unterjehabt. Aber freilich, so lange hat der Schlächter auch nie zu warten jebraucht! Was soll ich dem Mann nn sagen, Herr Bredenhofer?" „Ich bringe das Geld gleich selbst heraus. Gehen Sie nur!" Bredenhofer war sehr erregt; die Hand, die der Schwester das Buch abnahm, zitterte. Er ging an den Schreibtisch und suchte die Wirthschaftskasse seiner Frau; mit einer kläglichen Äeberde schüttelte er das magere Portemonnaie ans, nur ein paar Mark in kleiner Münze kollerten heraus.„Es ist schrecklich; wo Lena nur all' das Geld läßt?" Er drehte die eigenen Taschen um und um.„Wie fatal, ich bringe im Ganzen nicht mehr als fünfzig Mark zusammen— der Mann muß noch warten. Ich begreife nicht, wie man so viel veressen kann! Unangenehm, sehr nnangenehm!" Unausgesetzt die Farbe wechselnd ging er zur Thür. „Richard," rief Susanne leise,„Richard, warte 'mal! Du mußt den Schlächter bezahlen, sofort," sagte sie entschlossen.„Schon des Mädchens wegen; die Person ist»»verschämt. Hier—" sie zog ihr angeschwollenes Portemonnaie ans der Tasche und öffnete es—„ich wollte bei Ee.son bezahlen; ab.r nun lasse ich's noch. Hier hast Du dreihundert Mark; werde den Mann los!" „Susanne!" Weiter sagte Bredenhofer nichts, aber man merkte es ihm an, ihm fiel eine Last vom Herzen. Er eilte hinaus und kam nach ein paar Augenblicken pfeifend wieder herein. Sein Gesicht war anfgellärt, keine Sorgenfalte mehr auf der Stirn. „O Du Gute!" Er setzte sich dicht neben die Schwester und lächelte sie an.„Wie nett von Dir; Du bist doch die Beste! In ein paar Tagen zahl' ich Tir's zurück; Du mußt wissen, mein Bild wird sich brillant verkaufen. Freilich—" er rieb sich die Sffrn—„am ersten Oktober geht ein tüchtiger Batzen fiir die Miethe drauf— aber, bah! Rur keine Angst! Das Bild erzielt einen fanlosen Preis, ich bin sicher. Ein Glück, daß wir das in Aussicht haben, ich wüßte sonst wahrhaftig nicht— weißt Tu, Susi, ich habe nie geglaubt, daß man so viel zum Leben braucht. Ich würde als Junggeselle etwas mehr gespart haben, wenn ich an eine baldige Heirath gedacht hätte." „Sie war Deine größte Thorheit," sagte Frau Allenstein. „O, das mußt Du nicht sagen! Nein, nein! Lena ist so lieb und gut, sie kann so reizend sein — ja, wirklich, sehr reizend! Sie ist hübsch, klug, anmuthig und— und—" Er schwieg: weiter wußte er nichts zu sagen. „Und niacht Dich nicht glücklich," ergänzte die Schwester bitter.„Sie ist unpraktisch, kindisch, eigen- sinnig. Sie macht Dir Szenen, sie quält Dich. Was hast Du fiir eine Häuslichkeit! Aber von nun an werde ich mich kümmern— ich! Ich fühle die moralische Verpflichtung. Darf so etwas mit dem Schlächter vorkommen? Als Künstler kannst Du Dich um dergleichen nicht kümmern, aber sie, sie! Ich sage es noch einmal, ich sage es im ahnungs- bangen Gefühl meiner großen Liebe zu Dir: Diese Heirath ist Dein Unglück!" Bredenhofer widersprach nicht mehr. XIV. Es ist Herbst; Herbst draußen. Und drinnen— ist es noch Frühling, Liebesfrühling, Lebensfrühling? Kalt, unliebenswürdig pfeift der Wind über die abgelegene Elsholzstraße. Jetzt, wo der Botanische Garten des vollen Grüns entkleidet ist, wo die zwitschernden Vögel verstummen und der Himmel umzogen und kiihl herniederblickt, hat es keinen Reiz mehr, oben im vierten Stock am Fenster zu stehen und die weite Aussicht zu genießen. Die Bäume haben wohl noch Blätter, aber die sind bräunlich und verschrnnipft; das Sommerlanb ist weg, mit ihm die Freudigkeit. Langweilig, nüchtern dehnt sich die kahle Back- steinmaner des Parks; die Thiirme und Dächer in der Ferne verschwimmen im nassen Nebel. Bredenhofer war in seinem Atelier und starrte wie ein Irrsinniger in die Kiste, die geöffnet vor ihm stand. Da lag, sorgfältig angeschraubt, die Ecken mit Papier umwickelt, sein Bild. Zurück— sein Bild— war's möglich?! Er griff zum so und so vieltenmale nach dem Zettel, der dabei lag, und las ihn zum so und so vieltenmal; eine Rechnung war's. Die Zeit, in der sein Bild ausgestellt gewesen, war genau auf Tag und Stunde berechnet; und darunter hatte der Be- sitzer des Knnstsalons bemerkt, daß er gern ei» ander- mal zu Diensten sei, dies Bild aber lediglich Herrn Doktor Reuter zulieb genommen, sich gleich nichts von ihm versprochen habe und es jetzt als unver- käuflich zurückschicke.' „Bin ich verrückt?" Bredenhofer schrie es laut; er faßte sich an den Kopf und rannte vor der Kiste auf und nieder, nur dann plötzlich wieder still zu stehen und hinznstarren, zu starren, bis ihn der Schweiß auf die Stirn und das Wasser in die Augen trat. „Ich bin verloren," sagte er tonlos, und dann lachte er grell, daß es von den Wänden widerschrillte. Er hustete dumpf und hielt die Brust dabei; er fühlt sich plötzlich so elend, jeder Kraft beraubt, zum Sterben müde. Alles ekelte ihn an, Alles grinste ihn an; der graue Tag da draußen, das bleiche Licht, das hier drinnen auf den Fußboden fiel und dort in die Ecke der leeren Leinwand ans der Staffelei einen blassen Kringel zu malen versuchte. An den farblosen Wänden grinste» die Studien und Skizzen; hätten sie Zungen gehabt, sie hätten sie heranSgestrcckt. lind in jener Ecke— da— da— stand etwas und sah ihn an aus weiten, leeren Augenhöhlen- es war ein Blick, der das Blut erstarren niacht nnd doch in einem ungeheuren Angstgefühl das Herz z» rascherem Klopfen antreibt. „Schulden— Schulden," sagte es und grinste auch. Und dann kam es näher und verkroch sich i» die Kleider des Mannes und verkroch sich in jede Falte seiner Seele. Er war blaß.„Was wird Lena sagen?" mnr- melte er. Eine ungeheure Pein überkam ihn bei dem Gedanken an ihre Thränen, an die Thränen der Schwiegermutter. Und zugleich packte ihn eine unbändige Wuth. Zertriimmem, zertrümmern! In Stücke schlagen, in Fetzen gehen! Er sah sich um. Da lag das Stemnieisen, mit dem er die Kiste geöffnet; der Portier hatte es ge- borgt. Er nahm es auf und wog es in der Hand — gar kein schweres Ding und doch mächtig genug zum Zerstören. Er ließ es niedersausen, daß der Nahmen krachte und die Leinwand des Bildes mitten durchriß. Es war ihm eine Wonne, drauf los zu hauen nnd zu stechen; keine Stelle sollte ganz bleiben, kein Ueberbleibsel ihn noch an diese Stunde erinnern — Alles vergehen, Alles! Er hielt endlich inne, er war erschöpft. Stöhnend sank er auf den nächsten Stuhl nnd bedeckte das Gesicht niit den Händen. Die fenchtgeschwitzten Haar- ringel fielen ihm über die wachsbleichen Finger; er kroch ganz in sich zusamnien, er kam sich so ge- demiithigt, so ungerecht mißhandelt vor. Was nun? Zum ersten Oktober hatte er keine Biiethe gezahlt, er war sie noch schuldig— auf da» Bild hin leichten Herzens schuldig geblieben. Dreihundert Riark waren an Frau Allenstein zurückzugeben— lachend hatte er sie auf das Bild verwiesen. Lena würde kämmen und Wirthschaftsgeld ver- langen, hatte es schon verlangt— er tröstete sie mit dem Bild. Er wußte es, sie hielt sich an die Mutter, die half ihr einstweilen aus. Tie arme Frau gab, was sie von ihrem Einkommen entbehren konnte: sie gab ohne jeden Vorwurf, nur mit einer stillen leidenden Duldermiene— o Scham! Bredenhofer schüttelte sich wie im Krampf; dann saß er eine lange Weile regungslos, stumpf, wie ein Idiot—„ja, wie ein Idiot," sagte er sich selbst. Er konnte nicht mehr fühlen, nicht mehr denken. Ein stupides Brüte» hatte sich seiner be- mächtigt. Endlich ließ er die Hände vom Gesicht gleiten, sein glanzlos, ziellos umherirrender Blick fiel ani das zertrümmerte Bild in der Kiste; er sah daraus hin, als müsse er sich erst darauf besinnen, dann sprang er mit einem Wehlant auf. Er griff sah in die wilden Haare nnd riß daran; er schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn, drehte sich wie ein Kreisel um sich selbst und fiel mit einem Krach vor der Kiste auf die Kniee. Da lag er und versuchte mit zitternden Händen die Fetzen aneinander zu fügen— nutzloses Bemühe», ein unheilbarer Riß spaltete klaffend den Himmel; dem Vogel, der sich stolz in's leuchtende Roth schwang, fehlten die Flügel. „ Mein Bild, mein Bild! Meine Hoffnung, meine Hoffnung!" Er hockte auf dem Boden, ein Z»' sammcngebrochener Mensch, nnd wimmerte. Es war kalt im Atelier, noch kein Feuer im Ofen. Draußen fegte der rauhe Wind vorüber und drückte gegen die Scheiben, als wollte er sie ei»" pressen. Irgendwo kreischte ein verrosteter Riegel; unten, drei Treppen, klapperte die Eisenstange der Markise am Balkon, oben auf dem Boden sta»h eine Luke offen, das Fensterchen wurde hin und her geworfen. Eine trostlose Musik; die Musik Die Neue N)clt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Winters, der mm bald kam und alles Leben ein- sargte. Schauer ans Schauer lief dem Einsamen über den Rücken. Seine Hände waren erstarrt, seine Kße auch; es fröstelte ihn, daß seine Zähne auf- einander schlugen, und trotzdem litt er unter Hitze. Wie eine Schneelast senkte sich's nieder; ein unge- heures weißes Tuch fiel langsam vom Himmel, durch- brach das Tach des Hauses, die Decke des Zimmers, und senkte sich über ihn, unliiftbar, unabschiittelbar. ®» Leichentuch. Der Unglückliche ächzte, er schlug angstvoll um sich— er entrann dem nicht mehr. Eine Todes- ahnuiig durchschauerte ihn; eine Ahnung, die ihm uie gekommen war, so lange er hoffte. Aber jetzt—?! „Sterben— sterben— Dir wär's am besten," flüsterte eine(Stimme in ihm. Er streckte den Arm aus und hob die Hand gegen's Licht; da pulste noch so viel Blut, da klopfte noch so viel Leben und verlangte sein Recht. Nein, nicht sterben. O nein! � Er sprang plötzlich aus seiner hockenden Stellung u»f; die Füße waren ihni eingeschlafen, er konnte kaum treten. Vorsichtig schritt er hin und her, um das Blut wieder in Gang zu bringen; mit dem Zurückkehrenden, gleichmäßig fluthcnden Strom fühlte fx eine belebendere Ahnung. Noch war nicht alle Hoffnung verloren. War es nicht fast allen be- deutenden Männern so ergangen? Hatten sie nicht durch die tiefsten Tiefen gehen müssen, Enttäuschung auf Enttäuschung erleiden, bis ihr Genie sich Bahn brach und in unbestrittener Glorie leuchtete? Magnetisch hingezogen trat er vor den Spiegel. pi» düsteres, blasses Gesicht mit übernatürlich großen �ugeu sah ihn an— ein bedeutendes Gesicht, das 'aar nicht zu leugnen. Hier die finstere Falte zioischen den Augenbrauen sprach von Denken. Bredeuhofer lächelte und wischte sich über die Falte; das Spiegelbild that desgleichen und lächelte auch. „Nein," sagte er laut,„nur nicht den Mnth berloreu! Wozu hat man seinen Stern? Ich werde auch schon durchbeißen." Er nickte seinem Spiegel- ,fld zu, dann griff er nach Hut und Paletot, die w der Ecke hingen. Ich will zu Reuter gehen; es aürd mir gut thun, mit einem Menschen z» sprechen, dkr an mich glaubt." Leise öffnete er die Atelierthür, schlich durch den Korridor und tappte eilig die Treppe hinunter. Ein 'kuck, daß Lena nicht das Zertrümmern des Bildes gehört hatte, nicht gekomnien mar, ihn nicht gefragt hatte! Er wäre grob geworden, aus Verzweiflung und aus— Scham. Ja, aus Schani! Er schämte bch. ihr sein Fiasko einzugestehen; wenn er au ihre berwunderten, fassungslosen Blicke dachte, setzte sein '�rz den Schlag aus. lind dann ihre Thränen! �ke hatte seit einiger Zeit Augen wie ein wundes Reh. Wie ein Dieb stahl er sich zum Hanse heraus. Draußen enipfing ihn schneidende Luft; in durstigen tfügen athmcte er sie ein. tF-ris-dung folgt) Krcrft und Mulle. Von 5iarl Wernhrr. rast und Stoff bilde» die beiden Elemente der Welt oder vielmehr alles Geschehens, aller Veränderung in der Welt, straft .�uuen wir die Ursache jeder Veränderung; die Ver- uuderuug selbst muß aber an irgend etwas Mate- si-llem vor sich gehen. Sehen wir von deni stoff- Inhalt der Welt ab, so bleibt nur der unter- chiedslose, sich überall gleiche Raum übrig, der sich u öder Leere endlos nach allen Seiten erstreckt. .k'rgeudZ kann sich in ihm etivas verändern, nirgends L Gelegenheit zur Bcthätignng von Kraft gegeben. 5�bst unser Denken ist in engster Weise an den �soff gebunden; einerseits hängt es auf's engste »N der Organisation unseres Gehirns znsanmicn, »dcrerseits ist es auch unmittelbar auf die uns .'"9s umgebende stoffliche Welt gerichtet oder nimmt zum mindesten den Inhalt seiner Begriffe ans 'w Welt. Uralt ist daher die Streitfrage, ob das Geistige oder das Stoffliche das Primäre, das Ab- solute, das Erste und Grundlegende, oder das Sc- kuudäre, das Zweite, das Abgeleitete sei. Beispiele hierfür können wir zu allen Zeiten finden. Vor fast zweieinhalb Jahrtausenden lehrten in Griechenland die Atomistiker, daß das Stoffliche das zu Grunde Liegende sei; alle Körper bestehen nach ihrer Meinung ans kleinsten nntheilbaren Theil- che», eben deswegen Atome(Untheilbare) genannt, die durch ihre ungeheure Anzahl und ihr enges Bei- einanderstehen, wodurch die leeren Zwischenräume ganz klein werden, den Anschein eines zusammen- hängenden Körpers hervorrufen. Auch die mensch- liche Seele, als der Träger des Denkens, muß aus solchen Atomen bestehen, und zwar sollen es die vollkommen glatten und runden Atome sein, welche in gleicher Weise das Feuer wie die Seele des Menschen zusammensetzen. Ganz im Gegensatz hierzu behauptet ein anderer griechischer Denker, Plato, daß die ganze stoffliche Welt gar kein wirkliches Dasein hat, sondern daß ihr nur eine Scheinexistenz zukomme; wirklich sei nur das Gedachte, und zwar das begrifflich Erfaßte, der Begriff oder die Idee eines Körpers. Nur insoweit die einzelnen Dinge an diesem Begriff oder der Idee Theil hätten, könnte man sie als wirklich vorhanden betrachten. Auch in unserer Zeit ist der uralte Streit zwischen Materialismus und Jdealisnms nicht beendet; aller- dings zeigen die philosophischen Systeme, in denen' diese Richtungen ihren Ausdruck finden, stets eine ihrer Zeit angemessene Darstellung. Einer der glänzendsten Vertreter des Idealismus ist Schiller. In der Welt, die wir mit unseren Sinnen erfassen, sieht er überall den Streit und den Widerspruch; „Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart ini Rannie stoßen sich die Sachen," läßt er z. B. seinen Wallenstein sagen, und gleich darauf „Da(in der Sinnenwelt nämlich) herrscht der Streit, und nur die Stärke siegt".„Aber flüchtet aus der Sinne Schranken in die Freiheit der Gedanken, und die Fnrchterscheinnng ist entfloh'»," heißt es in einem Gedicht, das den Schiller'schen Standpunkt klar zum Ausdruck bringt; in jener Welt dxs Idealen, wo die Gestalt oder die Form oder das Bild herrscht, „in den heiteren Regionen, wo die reinen Formen wohnen, rauscht des Jammers trüber Strom nicht mehr." So sagt auch Wallenstein ganz im Schiller- scheu Sinn,„es ist der Geist, der sich den Körper baut." Nein, gerade umgekehrt, der Geist entsteht nur an dem Stoff, es ist der Stoff, der an sich den Geist und das Denken als eine besondere Eigen- thümlichkeit entwickelt, lautet die Meimmg der Materialisten, die in eindringender Weise z. B. von Pro- fessor Büchner in seinem bekannten und weit ver- breiteten Buche„Kraft und Stoff" entwickelt und vertreten wird. Zu diesem alten, niemals bis zu Ende geführten Kampfe will ich in diesen anspruchslosen Zeilen nicht das Wort ergreife»; ich will einfach darzustellen versuchen, was die modernen Naturforscher, speziell die Physiker, sich darunter denken, wenn sie von Kraft und Stoff, oder wie es bei ihnen gebräuchlich ist, von Kraft und Masse reden. lieberall, wo wir Veränderung wahrnehmen, sprechen wir auch, wie schon Anfangs hervorgehoben, von Kraft; das Wort„Kraft" stammt von der An- strengung, die wir selbst anwenden müssen, wenn wir schwere Blassen in Bewegung setzen wollen. Ein großer Stein bleibt ruhig an seinem Platze liegen; wenn wir uns aber anstrengen, wenn wir Kraft anwenden, so können wir ihn von seinem Orte fortwälzen. Freilich bleibt er sofort wieder liegen, sobald wir nachlassen, und wir müssen andauernd mit der Kraft unserer Muskeln ans ihn einwirken, wenn wir ihn in dauernder Bewegung halten wollen. Einen kleineren Stein können wir zwar in die Höhe oder in die Ferne schleudern, und er behält seine Bewegung eine ganze Zeit lang, nachdem wir nur während eines kurzen Momentes auf ihn eingewirkt haben; aber er sinkt doch bald zur Erde und kommt wieder zur Ruhe. Ueberhanpt sehen wir rings um uns, daß jede Bewegung, die einmal eingeleitet ist, 115 bald wieder aufhört, wenn nicht andauernd Kraft angewendet wird, um sie aufrecht zn erhalten. Ans dieser Erfahrung leitet der einfache Verstand den Satz ab, daß jede Bewegung durch eine Kraft unter- halten wird, und die Forscher und Denker, die sich in grauen Zeiten mit den Vorgängen in der Natur beschäftigten, wollten daher die Geschwindigkeit der Bewegung zum Blaß für die Kraft nehmen. Verhältnißmäßig einfache lleberlegungen können schon zeigen, daß diese ganze Anschauung fehlerhaft ist; trotzdem hat es mehrerer Jahrtausende bedurft, ehe die Blenschheit des Jrrthiimlichen in dieser Vor- stellung inne wurde, und auch heute sind wir noch weit davon entfernt, daß etwa Jedermann sich des Verkehrten darin bewußt wäre. Freilich wird ein mit größerer Kraft horizontal fortgeschleuderter Stein auch entsprechend weiter fliegen und eine größere Geschwindigkeit haben; aber unsere Einwirkung auf ihn war doch nur eine ganz kurze, augenblickliche, und trotzdem bewegt er sich noch nach dem Aufhören derselben. Schon dieses ganz naheliegende Beispiel zeigt, daß doch nicht in jedem Augenblicke eine Kraft wirksam sein muß, um die Bewegung aufrecht zu halten. Daß eine fortdauernd wirkende Kraft zur Bewegung nothwendig ist, prägt sich wohl am dent- lichsten bei der Betrachtung eines schwer bcladenen Wagens ein; sowie die Pferde auch nur für einen Moment in ihrer Anstrengung nachlassen, bleibt der Wagen sofort stehen. Trotzdem zeigt auch gerade dieses Beispiel, daß die ganze Vorstellung falsch ist. Denken wir uns den Wagen z. B. auf Schienen gesetzt, so wissen wir ja sehr gut, daß die Pferde eine viel geringere Anstrengung haben, ihn in Be- wegung zu halten, als vorher. Bei jedem Pferde- bahnwagen können wir beobachten, daß die Pferde beim Anziehen zwar eine erhebliche Kraft anwenden müssen; dann aber läuft der Wagen fast ganz von selbst, wie sich ein geschleuderter Stein auch von selbst bewegt, und nur wenig Kraft gehört dazu, ihn am Aufhören der Bewegung zu verhindern. Ja, wenn die Pferde plötzlich stehen bleiben, wenn etwa das eine stürzt und der Wagen nun schnell halten soll, so ist es bekannt, daß er auch ohne jede Kraft- leistung noch eine Strecke weiter rollt, und daß man umgekehrt erhebliche Kraft aufwenden muß, um ihn schnell zum Stillstand zu bringen. Worin liegt denn nun der wesentliche Unterschied zwischen einem auf Schienen rollenden Wagen und einem ans der Straße oder Chaussee fahrenden? In der Bewegung doch offenbar nicht, sondern in dem Boden, auf ivelchem sie erfolgt. Die Schienen sind glatt, nnd daher setzen sie der Bewegung einen viel geringeren Widerstand entgegen, als das unebene Straßenpflaster; hier ist der Widerstand so stark, daß die Bewegung sofort aufhört und der Wagen zur Ruhe kommt, wenn nicht beständig eine Kraft zur Ueberlvindung des Widerstandes wirkt. Daß lediglich der Widerstand, welchen die fortivährende Reibung an der Bodenfläche der Bewegung entgegen- setzt, diese hemmt, sieht man deutlich bei einer Billard- kugel, die auf dem Billardtnch viel schneller in ihrem Laufe aufhört, als auf einem gut polirten Tische. Ein durch die Luft geschleuderter Stein hat gar nur den ganz geringen Widerstand der Luft zn über- winden nnd behält daher seine horizontale Geschwindig- keit fast unverändert bei; zur Ruhe kommt er nur deswegen, weil er zur Erde herniedergczogen wird. Ans diese» nnd vielen anderen Beispielen, die ein Blick in's tägliche Leben giebt, erkennt man, daß es nicht wahr ist, daß man 5!'raft zur Aufrecht- erhaltnng einer Beivegung braucht; Ivo dies nöthig ist, sind stets bestimmte Hindernisse der Bewegung vorhanden; zu ihrer Ueberwindung braucht man Kraft, deren Größe von der Stärke der Hindernisse ab- hängig ist, nicht von der Stärke der Bewegung. Ei» Körper, der einmal in Bewegung ist, wird sich auch ohne jede Kraft stets weiter bewegen, imd wären wir im Stande, jedes Hindernis; der Bewegung zu beseitigen, so würden wir das auch unmittelbar be- obachten können; in dem Maße, wie wir die Hemm- nisse geringer machen, beobachten wir auch ein längeres Andanern der Beivegimg. Dadurch kommen wir zu der Anschauung, ivelche die Grundlage der ganzen mcdernen Naturanffassung bildet, daß nämlich Be- 116 wcgimg für die Körper ein natiirgeiiiäßcr Zustand ist, und daß ein beivegter Körper, falls nichts auf ihn einwirkt, seine Bewegung beibehält. Wie aber zur Vermehrniig der Bewegung, zur Vergrößerung der Geschwindigkeit, Kraft nothwendig ist, so auch zur Verringerung derselben; bei einigermaßen starker Bewegung sind sogar sehr er- liebliche Kräfte nöthig, um die Bewegung zu hemmen. Muß also Bewegung nicht allgemein durch eine Kraft ver- anlaßt sein und erhalten wer- den, so kann auch die Ge- schwindigkeit kein Blaß für die Kraft biete». Ist es vielmehr jede Aenderung der Bewegung, die durch eine Kraft verursacht ivird, so liegt es nahe, diese Aenderungen, also zunächst die Aendernngen der Geschwindig- keit, zur Vergleichung der Kräfte zu benutzen. Nimmt die Ge- schwindigkeit eines bewegten Körpers beständig zu, etwa um zehn Meter in jeder Sekunde, so werden wir sagen, es wirkt auf ihn eine zehnmal so große Kraft, als wenn der Zuwachs seiner Geschwindigkeit in jeder Sekunde, seine sogenannte Be- schlennigung, nur einen Meter beträgt. Am bekanntesten ist uns die Kraft, welche alle Kör- per zur Erde herniederzieht, die Schwere. Ein Körper, der ihrer Einwirkung unterliegt, fällt be- ständig schneller und schneller, und zwar nimmt die Geschwin- digkeit in jeder Sekunde um fast zehn Meter zu. Auf dem Monde beträgt die Beschlen- nignng eines fallenden Steines, d. i. die Zunahme der Ge- schwindigkeit in jeder Sekunde, nur l3/* Meter, also etwa den sechsten Thcil von zehn Metern; daher sagen wir, daß die Schwerkraft dort nur den sechs- ten Theil von der irdischen Schwere beträgt. Auf der Sonne dagegen herrscht eine Schwerkraft, die 27 mal so groß ist, als die auf der Erde; denn dort würde ein fallender Stein eine Beschleunigung von 270 Metern erfahren. Es waren, wie gesagt, mehr als zwei Jahrtausende nothwendig, ehe die Menschheit er- kannte, daß es für die Beur- theilnng einer Kraft auf die Beschleunigung, auf die Ver- ändernng der Geschwindigkeit, ankommt, die sie an einem be- wegteil Körper hervorbringt, nicht aber auf die Geschwindig- keit selbst. Es ist jedoch klar, daß mit der Beschleunigung noch nicht Alles gegeben sein kann, was zur Schätzung der Kraft nothwendig ist. Die ver- schiedensten Körper fallen gleich schnell und erfahren beim Fallen die gleichen Geschwindigkeitsänderungen von etwa zehn Metern in jeder Sekunde; wir sagen daher auch, auf der Erde herrscht eine Schwere, die den Körpern eine Beschleunigung von etwa zehn Metern, oder genauer von 98 t Ceiltimetern ertheilt. Das klingt beinahe so, als ob auf alle Körper eine gleich große Kraft wirkt, als ob also alle Körper gleich schwer seien. Das ist jedoch, wie wir wissen, durchaus nicht der Fall; die 5iörper erlangen zwar beim Fallen die gleiche Geschwindigkeit, aber ihre Schwere, wie sie sich durch den Druck auf die Unterlage äußert, ist doch sehr verschieden. Körper, die gleich schwer sind, halten sich, wenn sie durch eine über eine Nolle gezogene Schnur verbunden sind, das Gleichgewicht; ebenso bleiben die Schalen einer Waage, wenn gleich stark auf sie gedrückt wird, wenn also gleich schwere Körper in ihnen liegen, im Gleichgewicht. Es muß also außer der Beschlennignng noch etwas vorhanden Scierin. Bronzestatue von Thomas Dennerlein. sein, was die Größe der Schwerkraft bestimmt; und dies ist eben dasjenige, was die Physiker die Masse eines Körpers nennen. Von Körper», welche den gleichen Druck auf ihre Unterlage ausüben, welche sich also auf einer Waage im Gleichgewicht halten oder gleich schwer sind, sagt man, daß sie gleich viel Masse enthalten. An und für sich wäre eS nnver- ständlich, wollte man einem Stück Eisen und einem Stück Zucker die gleiche Masse zuschreiben; in allen ihren Eigenschaften sind Eisen und Zucker so ver- schieden, daß von einer Gleichheit des ihnen zu Grunde liegenden Stoßes gar keine Rede sein kann. Aber verschieden große Stücke von ihnen halten sich auf der Wage im Gleichgewicht, sind also gleich schwer; es muß daher in ihnen etwas Vergleichbares mid Gemeinsames vorhanden sein, und dies bezeichnet man eben als die Masse des betreffenden Eisen- rcsp. Znckerstiickes. Daß Kö per von gleicher Masse, also gleicli schwere Körper, sich auch gegen andere Kräfte, als die Schwere, in gleicher Weise verhalten, kann man in den verschiedensten Fällen beobachten. Ein Beispiel einer von der Schwere unab- hängigen Kraft stellt z. B. die Kraft einer gespannten Feder oder auch einer gespannten Gummischnur dar. Ein außer- ordentlich einfach anzustellendes Experiment ist das folgende: Man befestigt eine Guinuii- schnür an einem kleinen Wägcl- chen, etwa einer kleinen Eisen- bahn für Kinder, wie man sie für zehn Pfennige überall kaufe» kann. Spannt man dann die Schnur mit der einen Hand, während man mit der anderen das Wägelchen festhält, so wird es beim Loslassen nach dein anderen Ende hinrollen. Tie Geschwindigkeit, die der kleine Wagen beim Anlaufen hat, wird außer von der Glätte der Tischfläche von der Stärke der Gummischnur und der in idr wirksamen elastischen Kraft ab- hängig sein. Belastet man»»» bei diesem Versuch das Wägel- chen mit kleinen Stücken von Eisen, Messing, Zucker oder anderem, so wird die Ge- schwindigkeit des Anlaufens da- durch jedesmal verringert. Man kann sich leicht davon über- zeugen, daß solche Stücke vo» Eisen und Zucker oder andere» Dingen, die sich auf der Waags das Gleichgewicht halten, aum die Anlaufsgeschwindigkeit des Wagens um den gleichen Betrag vermindern. Es verräth si'- also auch hier ihre gemeinsann Eigenschaft, gewisserniaßcn e>» gleich großer Widerstand, de» die träge Materie dem liebes gehen in die Bewegung e»v gegensetzt. Dieser Trägheit;' widerstand ist es eigentli� was von den Physikern at- Bkasse bezeichnet und in eine»' bestiiilmten Maße gemessen wird, indem man die Masse eine- Liters Wasser zur Einheit»inn» und Kilogramm nennt. Aber auch abgesehen von, daß alle Materie an P kraftbegabt ist, daß von jede» Stoffe aus eine Einwirkung auf jeden anderen erfolgt, F hören die Begriffe Kraft»» Masse eng zusammen; /» Kraft wird stets an der träfst Masse wirksam, und sie wird durch die Beschlc»»» gnng, die sie an ihr hervorbringt, sowie durch i!st Größe selbst, durch ihren Trägheitswiderstand fst' messen.... Doch gilt das Gesagte in strenger Form nur l» die Bewcgnngskräfte, unter deren Einfluß die~' wegungen im Weltall sich vollziehen; diese Bewegung�' ihre Veränderungen und die ihnen z» Grunde liegend' Ursache» oder Kräfte sind am frühesten und eindoP lichsten erforscht; mit ihrer Erforschung begann gerndo das Zeitalter der modernen Naturwissenschaft.■ giebt aber außer den mit unseren Augen wahrnelst� baren und mit unseren Sinnen erfaßbaren Beweg» „(st» Die Aeue Welt. Zllustrirte Anterhaltungsbeilage. 117 noch eine große Reihe anderer Veränderungen im Universum, denen ebenfalls Ursachen oder Kräfte zu Grunde liegen. Dahin gehören z. B. die Vorgänge elektrischer Art, die Vorgänge bei der Ansbreitnng der Wärme oder des Lichtes, die eigenthiimlichen Erscheinungen z. B. welche eintreten, wenn Lichtstrahlen auf Glaslinsen, auf spiegelnde Flächen oder auf durchsichtige Knistallstiicke fallen. In neuerer Zeit sind die Naturforscher mit Glück und Erfolg bemüht gewesen, alle derartigen Vorgänge aus Bewegungen Zurückzuführen und so zu einer einheitlichen Vor- stellung über die verschiedensten Erscheinungen in der Welt zu gelangen.— ihrer Färbung; liegen sie lange Zeit im Schlamme eingebettet auf dem Boden des Meeres, so zeigen sie meist dunkles Aussehen, das mitunter als direkt schwarze Färbung bezeichnet werden kann. Nicht immer zeigen die Korallen eine gleichmäßige Farbe in allen ihren Theilen. Es kommt sogar vor, daß eine einzelne Koralle wohl schwarzes Aeußeres hat, daß aber darunter ein rother Kern zu finden ist, oder daß sie aus mehreren verschieden gefärbten Schichten besteht. Ilm diese Schätze zu gewinnen, wird an vielen Küsten der Länder und Inseln des Mittelmceres ausgedehnte Fischerei betrieben. Finden sich Korallen- bänke in der Nähe der llfer, so kann die Korallen- gewinnung durch Taucher besorgt werde». Aller- Proveii' alen„Engin", von den Italienern„Jngegno" genannt wird, besteht nach den Angaben von Bauer ans zwei gleichen, soliden Balken mis Eichenholz, deren Länge ans großen Barken 2,50 und hin und wieder sogar mehr Meter beträgt. Die Balken sind in der Mitte kreuzweise fest miteinander verbunden, so daß von hier vier gleich lange, nach den Enden zu dünner werdende Arme unter rechten Winkeln aus- gehen. In den Vercinignngspnnkten ist ein schwerer Körper angebracht, der die ganze Vorrichtung im Wasser zum Sinken bringt. Während der erschwerende Theil früher meist aus einem Stein oder einem Bleiklotz bestand, faßt man in neuerer Zeit die vier Holzarme gleich in Eisen. An jedem der Arme ist außen in einem ringsherum laufenden Kerb eine einer Hcröclkfabrik in Sevilln. Nach dem Gemälde von Th. von der Beek. lllilllng lillii öcriorfllTfii. Von P. M. Grcmpe. rothcn Korallen, die sich bei den verschie- ►-£ denen Völkern als Schimickmittel nicht ge- nnger Beliebtheit erfreuen, werden fast nur "üttelmeere gewonnen. Hier finden sich in Tiefen, Mischen 3 und 300 Meter schwanken, die Kolonien � Korallenpolypen. Um den Korallenstock, einen M rothcn Aufbau aus kohlcnsanrem Kalk von � Zentimeter Höhe und 2,5 Zentimeter Dicke, 'Ich eine dünne Haut von fleischiger Beschaffen- - i>ch die einzelnen Polypen durch ihre Färbung von dem röthlichen Untergrund ab- Ter Stock zeigt meist die Form eines kleinen Mches, dessen breite Grundfläche ziemlich feil mit harten Theilen des Meerbodens verwachsen ist. lebenden Edelkorallen zeigen alle Nuancen Roth. Nur selten werden weiße Stöcke ange- Cn.' man nimmt an, daß die rein weiße Farbe h krankhafte Vorgänge hervorgerufen wird. Ab- »bene Korallen erleiden oft eine Veränderung dings darf dann die Tiefe nur bis zu 10 Metern beiragen. Für die Korallenfischerei werden Haupt- sächlich große Boote von eine größere Barke etwa 100 Mo wiegt, so ist die Handhabung des- selben außerordentlich mühsam und anstrengend. Wenn man nun in Erwägung zieht, daß die Fischer diese Arbeit täglich achtzehn Stunden hindurch ver- richten, und daß sie dabei viel unter der Hitze der glühenden Sonne des Somme s zu leiden haben, so wird man das Loos dieser Männer schwerlich bencidenswerth finden. Trotz aller Geschicklichkeit und Erfahrung gelingt es den Korallenfischern nicht immer, mit ihren mannigfachen Hülfsmitteln die Netze vom Meeresboden frei zu bekommen. Eine größere Fangmaschine repräsentirt aber einen Werth von etwa 100 Mark, und ein solcher Verlust schädigt den Korallenfischer daher in höchst empfindlicher Weise. Nachdem das Netz ausgeworfen und das Boot eine mehr oder niinder lange Strecke zurückgelegt hat, zieht der Fischer die Fangvorrichtting wieder ein, nimmt eine Auslese der vom Grunde herauf- geholten Schätze vor, bessert die fast immer stark mitgenommenen Netztheile aus und wiederholt die Fangoperationen auf's Neue. Im Laufe eines Tages wird so das„Jugegno" sieben bis fünfzehn Mal ausgeworfen. Während der Nacht bleiben die größeren Schiffe auf der See, die kleineren dagegen suchen den Hafen auf. Der Werth und die Menge der von einem Boot im Laufe der jährlichen Fangzeit gewonnenen Korallen ist selbstverständlich außerordentlich verschieden. An der Küste der Insel Korsika gilt als mittlerer Jahresdurchschnitt 210 Kilo Korallen im Werthe von 7560 Biark, an der sardinischen Küste 190 Kilo im Werthe von 7600 Ninrk, und an der Küste Afrikas rechnet man auf ein Schiff 150 Kilo im Gesammt- werthe von etwa 9275 Niark. Im letzten Dezennium wurde der Werth der im Laufe eines Jahres ans dem Mittelmecre ge- fischten Korallen im Durchschnitt auf 4 600000 Mark geschätzt, so daß etwa 78 000 Kilo Korallen den Fluthen jährlich entrissen werden. Fleckige Korallen werden als minderwerthige Waare pro Kilo mit 4 bis 16 Mark bezahlt; da- gegen erzielen schon schwarze Funde, die als Trauer- schmuck Verwendung finden können, für 1 Kilo 9,50 ins 12 Mark. Rothe Korallen kosten je nach der Qualität pro Kilo 36 bis 56-Mark. Die höchsten Preise erzielen die großen oder hervorragend schönen Korallenstücke; da können oft Preise von 400 Mark und darüber für 1 Kilo erreicht werden. Die Verarbeitung der Korallen wird in Italien industriell betrieben. Etwa 6000 Arbeiter und Arbeiterinnen sind damit beschäftigt, die Korallen- stücke zu mannigfachen Schmuck- und Gebrauchs- gegenständen zu gestalten. Ein großer Theil der Korallen wird zu kugel- förmigen Stücken verarbeitet, die auf Schnüre ge- zogen werden und als Rosenkränze, Arm- und Halsbänder in den Handel kommen. Bei orienta- lischen Völkern erfreuen sich auch mit Korallen verzierte Gürtel großer Beliebtheit. Kameen und Blumen, Figuren, die Menschen und Thiere dar- stellen, werden von italienischen Kunsthandwerker» aus Korallenmaterial geschnitzt und finden als Broschen?c. vielfache Verwendung. Größere Korallen- stücke werden häufig als Griffe zu Schirmen und Stöcken verwendet. Bis zu 7200 Mark sind schon für so einen Griff bezahlt worden. Die Türken benutzen Korallen zur Ausschmückung der Pfeifen und Waffen, auch die Geschirre der Pferde und häufig sogar die Wände der Wohnstuben werden damit verziert. Die Chinesen zahlen für ausnahms- weise große Korallen, die bei ihnen gern als Kugeln auf den M'aiidarineiihiiteii getragen werden, Liebhaberpreise von riesiger Höhe. Im Indischen Ozean wächst die schwarze Koralle; der Stock besteht aus einer glänzenden Hornmasse von pechschwarzer Farbe. Diese Koralle führt auch den Namen Königskoralle, weil sie besonders zur Anfertigung von Szeptern für indische Fürsten be- nutzt wird. Eine blaue Korallenart wurde früher vielfach an der Goldküste gefunden; auch an den Ufern von Kamerun sind blaue Korallen vorgekommen. Natürlich gelangen auch gefälschte Korallen i» den Handel. Tie billigen Kunstprodukte bestehen aus Siegellack, aus rothgcfärbten Knochen, aus Glasperlen, die mit rothem Ghps ausgefüllt sind, und aus Biarmorpulver, welches durch rothgefärbte Bindemittel zusammengehalten wird. Während aber echte 5iorallen mit Säuren aufbrausen, rufen Ver- fälschnngen diesen Vorgang nicht hervor und könne» daher leicht erkannt werden.— (Schluß) G-. Eine snubere Keschichte. 4� �crechwatow wollte sich aber noch ein wenig bitten lassen. Die verlegene Btiene der ge- zähmten Bittsteller, die noch gestern mit so entschiedenen Forderungen zu ihm gekommen, gefiel ihm sehr. Aber die Zeit erlaubte es ihm nicht; jede Atinute kostete Geld.„Na, meinetwegen, es mag sein. Geht an die Arbeit, aber Ihr müßt auch die ganze Ernte besorgen; ich schicke Euch gleich den Verwalter. Nun, geht mit Gott," schloß er, indem er die Hände erhob, als ob er sie zu ihrem Werke segnen ivollte. „Tanke schön!" sagten die Bauern im Chor und verneigten sich vor Perechwatow bis zur Erde. Dann verließen sie den Hof des Gutsbesitzers mit solch innerer Befriedigung, als ob man ihnen hundert Rubel geschenkt hätte. Bald waren sie bei der Arbeit, und in Perechwatow's Feldern vernahm man die Mnsik der klingenden Sensen. Tie Bauern waren mit ihren Familien hinaus- gezogen, sogar die kleineren Kinder waren beschäftigt. Gekocht wurde an dem Tage überhaupt nicht; denn die Frauen mußten ebenso emsig im Felde arbeiten wie die Männer. Nie wurde mit solchem Eifer ge- arbeitet. Z»r Mittagszeit nahm man einen schnell bereiteten kalten Brei zu sich, und die Arbeit Hub wieder an. Von einer Ruhepause nahm man Ab- stand. Nur die Kinder, die nicht im Stande waren, unausgesetzt bei einer Hitze von dreißig Grad zu arbeiten, liefen fortwährend nach dem halb aus- getrockneten Flusse. Sie tauchten schnell einmal in dem schlammigen Wasser unter und begaben sich nach dieser fragwürdigen Erguickung gleich wieder an die Arbeit, lind je mehr die Sonne glühte, desto mehr arbeiteten die Bauern. Ab und zu sahen sie sich ihre unweit gelegenen Felder mit dem schönen Roggen an, und das gab ihnen Kraft, die Aliidigkeit zu besiegen und weiter zu arbeiten. Ihre Felder schienen ihnen mit den schweren Nehren aufmunternd zuzunicken. Am Abende des folgenden Tages, als die Sonne sich zum letzten Male in den, sich durch die Felder schlängelnden Flusse abspiegelte und hinter dem dichten Schilfe verschwand, als sich über die wenig schönen Häuser Dämmerung senkte, als wie auf Verabredung die munteren Feldsänger plötzlich schwiegen und die Von S. R. Potapcuko. schrcihalsigen Krähen ihre Abendunterhaltung be- gannen,— da fuhren in den weiten nmzännten Hof vor der großen Scheune Perechwatow's die letzten Erntewagen hinein. Fünf große Mieten, deren Köpfe in sechszackigen Sternen aus Garben endeten, waren höchst kunstvoll aufgebaut, lind noch war Korn da für zwei ebenso große Mieten. Als endlich die Arbeit beendet war, erhoben die Bauern ihre müden Köpfe, um sich genau das Werk ihrer Hände zu betrachten. Hierbei wurden sie gestört durch das feierliche Erscheinen Perechwatow's, der, umgeben von einem Gefoige von Dienern, mit wohlwollendem Lächeln hinzutrat. Die Bedienten brachten eine Menge Branntwein und Roggenbrot- scheiden. Ehrfurchtsvoll rissen die Bauern die Mätzen herunter, sich selbst unbewußt, ob diese Ehrfurcht dem Gutsherrn oder dem Branntwein galt, ihrem beste» Freund nach harter Arbeit. Perechwatow bot eigenhändig Jedem ein großes Glas. Die Bauern schlugen ein Kreuz, tranken es mit einem Zuge aus und schnalzten befriedigt mit der Zunge. „Ich danke Euch, meine Freunde," sagte Samsson Perechwatow väterlich,„ich danke Euch aufrichtig, denn Ihr habt Eure Pflicht erfüllt. Ich bin zu- frieden und Ihr gewiß auch. Na, und morgen könnt Ihr meinetwegen Euren Roggen ernten. Ich erlaub's!" Daß Perechwatow zufrieden war, unterlag keinem Zweifel, aber lvoraus er schloß, daß die Bauern es auch waren, das blieb unverständlich. Die Bauern verließen den Hof. Perechwatow stand aber noch lange bei den Mieten, er rieb sich vor Vergnügen die Hände. Diese großartige Ernte, die ihm bedeutenden Gewinn verhieß, hatte ihm, dank seiner Schlauheit, fast keinen Arbeitslohn gekostet. Als er in sein Haus zurückkehrte, fand er einen theuren Gast vor: den Adelsmarschall Sachndalj. Der Fürst war über sechzig Jahre alt, schwerfällig und langsam in körperlicher und geistiger Beziehung. Sein feitcs bartloses Gesicht zeigte nur einen Aus- druck, den des Wohlbehagens, sobald nämlich seine ungeschlachten Glieder sich in angenehmer Ruhe befanden. Zuerst bat Perechwatow seinen Gast, die Mieten zu besichtigen, und versprach, ihm dabei eine sehr feine Geschichte zu erzählen. Der Fürst willigte ein, in dem Augenblick jedoch, als er den Kopf hob, die schönen Spitzen der Mieten zu bewundern, wurde sein Gesicht dunkclroth, und mit weit auf- gerissenen Augen trat er erschrocken einen Schritt zurück. Perechwatow hatte ihm die interessanteste Episode seiner Geschichte erzählt, nämlich die Lüge vom Krieg und vom Einziehen der Steuern. „Na, weißt Du..., das... ist schon ein z» kühner Einfall," sagte der Fürst erregt, indem er sich Alühe gab, sein Erstaunen zu verbergen, un> den Freund nicht zu bennrnhigcn. „Ach was, ich versichere, daß Niemand darunter gelitten hat," beruhigte ihn Perechwatow.„Wen» Du wüßtest, wie das Alles so rasch verlief. Morgen ernten die Bauern für sich, lind wenn dann nachher die Zeit der Steuereinziehung kommt, werden l't sich sehr freuen, daß sie schon gezahlt haben." Es hatte wirklich den Anschein, als ob er de» Bauern eine Wohlthat erwiesen hatte. „Ja, aber..." Der Fürst erwiderte nichts niehr. In Pereäj' watow's Arbeitszimmer entwarf er schnell eine» Zettel an den Torfschreibcr. Obgleich sich der Fürst den Anschein gab, ganz heiter zu sein, und sich bemühte, ein freundschaftliches Gespräch ZU führen, so bemerkte sein Wirlh doch, daß er ga»Z ans dem Häuschen war. „So etivas solltest Du, lieber Freund, unter- lassen. Das war nicht recht!", warf er von Zeit zu Zeit mitten in ein ganz anderes Gespräch hinein- „Was ist denn dabei?" fragte höchst unschuldig Perechwatow.„Mein Gott, was verstehen den» die Bauern davon? Doch rein garnichts!" „S'ist schon richtig, was Du sagst... Doch, Du hättest es lieber lassen sollen." Perechwatow wußte sehr genau, daß die Sache nicht so unschuldig war, und daß es zum Scherze» keinen Grund gab. Aber er rechnete sehr auf die Macht und Einflüsse seines erlauchten Freundes. Als Fedot Fedotowitsch den Zettel in seiner zitternden Hand hielt und die Unterschrift des Adels� Marschalls erkannte, konnte er sich nicht entscheide», ob er sich zu fürchten oder zu freuen habe. Nachdei» Die Heue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 119 er jedoch die fünf heiligen Zeilen Sr. Dnrchlnncht gelesen, wurde er ganz starr.„In Anbetracht der z» erwartenden Mißverständnisse," schrieb der Fürst, �dürfen Sie nicht mehr im Dorfe bleiben, begeben 2ie sich niwerziiglich aus mein Gut, und the.len Sie ein Gleiches dem Dorfschulzen mit." „Du lieber Gott, wohin wird mich mein Schicksal noch bringen," seufzte Fedotowitsch schwer auf, indem er einen verzweifelten Blick auf seine Kleinen >varf, für die allein er sich in diese Sache halte verwickeln lassen, fiir die er mit seinem Gewissen Handel getrieben hatte. IV. Am folgenden Biorgen ganz früh, als die Ein- wohner Pogorolofka's sich noch verschlafen die Augen "eben, fuhr in das Dorf ein Banernwagen, bespannt wit einem abgehetzten Gaul. Im Wagen saß ein �auer mit langem, blondem Bart. Seäi über- wüdetes Gesicht verrieth große Aufregung. Als er dem Hof des Bauern Sasula ankam, rief dieser '>>"> zu:„Bist Du es, Michail? He, warte doch! �oher bringt Dich denn der Teufel? Wohin warst denn verschwunden?" Der Wagen blieb stehen. „Was ist denn bei Euch inzwischen geschehen?" „Bei uns? Nichts, garnichts. Gestern sind v>ir mit der Ernte des Gutsherrn fertig geworden," ivgte achselznckend Sasula. Er gehörte mit zu den -Aufriihrern"! „Fertig geworden... Schafsköpfe seid Ihr. Euch von Jedem die Haut herunter schinden. chi auch kein Wunder, daß sie es thun, wenn Ihr %eii selbst in die Arnie lauft." „Na, gegen solche Macht ist doch nichts zu Lochen. Ucbrigens ist die Sache schon besorgt, und darüber ist nicht mehr zu reden. Leichter wird sie davon gewiß nicht." „Und doch, mein Freund, werden wir darüber dvch zu reden haben. Ich bringe eine Menge Nach- "chten mit. Nicht umsonst bin ich zu so vielen be- vachbarten Dörfern gefahren. Bestelle Du nur, daß 'Üe zum Schulzenamt kommen. Ich iverde Euch "was�erzählen, daß Euch die Augen aufgehen." »Schön, ist gut," antwortete Sasula. Michail peitschte auf seinen Gaul los, daß er ?"ch im Karriere weiter lief. Die Nachricht, die Mi Sasula gegeben, hatte auf ihn erschütternd ge- �kt. Er hatte nicht gedacht, daß die Bauern sich �.Fasch ändern und dem Gutsherrn zu Willen sein wurden. Dieser Michail Kusnntsch war ein eigen- Mailicher Mensch. Gewöhnlich konnte man im Dorfe "»en heitereren finden als ihn. Er war stets mit Schicksal zufrieden. Im Verkehr mit seinen /vchbarn friedliebend und nachgiebig, zeigte er sich .doch als ein ganz Anderer, sobald es Jemand Zchol, stj,, Dorf oder seine Landsleute zu beleidigen. . dhrend die anderen Bauern, bewußt ihrer Lhn- �vcht, geduldig eine Kränkung ertragen konnten, ge- J.' er sogleich aus dem Häuschen. Er wurde , vthend, gallig und begann zu schimpfen. Und trotz- siill' er vst allein gegen Viele zu kämpfen hatte, d"e er seine Sache doch meist gut zu Ende. Er artete einfach den rechten Augenblick, um sich an i'M» Widersacher rücksichtslos zu rächen. Es wohnte Michail Kusnntsch ein hohes Gemeinschaftsgefühl. . Es vergingen keine zwanzig Minuteit, und Michail J twu Hans zu Haus und forderte die Bauern ki» vrsanimlung auf.„Es sollen unbedingt Alle h""uen!" schrie er,„da es sich um eine Sache "delt, die noch nie dagewesen." lliid sie kamen auch wirklich Alle. „'Ma, Michail Kusniitsch, sprich, wozu hast Du s, versammelt?" wandten sich einige der neugierig- ' Banern an Michail. ,-.Aeib' Dir nur erst die Augen aus," kam es von Michail zurück.„Denkst Du, ich werde J'den. Einzelnen darlegen? Ne, dazu reicht keine •ae aus." Vilich sand Michail die Zeit gekominen.�die vinnilnng zu eröffnen.„Vorgestern, sagtet Ihr, Zln. s�te, daß Michail toll geworden wäre; aber n,,. irtll ist nicht toll, sondern er hat etivas Gutes berichtet," begann er seine lllede in herbem, galligem Tone.„Sobald ich von der Perepitschka hörte, was diese dumme Frau von Krieg und Stenern erzählte, sobald der Schreiber dies Alles bestätigte, habe ich mein Pferd anspannen lassen und bin flugs zu den Nachbardörfern gefahren. Ich kam zum ersten und ging gerades Weges zum Schulzen. Dort dient als Schulze Menjailo, ein vornehmer Bauer mit Hellem Verstand, nicht so Einer wie unser Schulze, den jedes Weib im Streit besiegen kann. Ich komme also z» ihm und frage gleich:.Ist es wahr, daß ein Krieg mit den Deutschen ausgebrochen ist, daß man schleunigst die Stenern einziehen soll?' Der machte aber Augen: ,Du, sagt er, bist Du denn von Sinnen? Ich habe von keinem Krieg gehört, und was Du da von Steuern sprichst, sagt er, so wird man, wenn auch ein wirklicher Krieg wäre, sagt er, in dieser knappen Zeit doch keine Steuern einziehen. Dafür giebt es kein Gesetz. Dazu, sagt er, hat die Regierung anderes Geld, verstehst Du?' ,Und bei uns,' sage ich.ziehen sie Stenern ein.' ,So spei ihnen in die Augen,' waren seine eigenen Worte. Na, denke ich mir, vielleicht weiß er noch nichts, vielleicht hat er noch keine Nachricht bekommen. Ich fahre in das nächste Dorf. Dort hält man mich für einen Narren, und wie viel hat man über mich gelacht! Ich schäme mich, das zu erzählen. ,Du bist wohl aus dem Jrrenhause entsprungen, Alle haben auf dem Felde zu thun, und Du sprichst von den Deutschen.' Na, denke ich mir, fahre doch noch in ein anderes Dorf. Dort ist mir der Schreiber bekannt, aber der wußte auch nichts. Er meinte, unser Schreiber und Schulze haben das geträumt, oder sie seien toll getvorden. Da hört doch Alles auf, sagte ich nur. Ich sehe, die ganze Sache ist eine Gaunerei. Ich eile schleunigst nach Hause. Hier hat schon Alles fiir den Gutsbesitzer gearbeitet. Man hat sich fiir den sauberen Herrn gehörig abgehetzt. So ist die Sache. Wie Ihr seht, hat man uns betrogen, auf die schänd- lichste Art betrogen! So ist es!..." Michail hat seine Rede geendet. Seine Stimme klang so verzweifelt, auf seinem Gesicht spiegelte sich eine solche Erbitterung, daß er die Versammlung in die höchste Aufregung versetzte. „Also so handelt nian gegen uns! Soll das christlich sein?" schrien die Bauern. „Ten Schulzen her!" erscholl es plötzlich. „Weshalb den Schulzen?" schrie Michail. „Unser Schulze ist einfach ein Narr, der versteht nicht mehr, als mein Gaul!... Nicht der Schulze hat die Schuld!"—„Wer denn?" „'s giebt welche, die'n bischen klüger sind als der Schulze! Sieh' nur höher hinauf!" Der Schulze wurde trotzdem gerufen. „Sag' mal, Danilo Fedoceitsch, was fiir einen Befehl hast Du denn über den Krieg mit den Deutschen bekommen? Und über die Steuern?" drängte man den Schulze». Danilo Fedo.eitsch sah ganz verschlafen aus; man hatte ihn im Schlafe gestört. „Besehl? Ich weiß von garnichts, Kinder, ich bin doch kein Gelehrter. Was wollt Ihr von mir? Ter Schreiber sagte ein Befehl... mit Siegeln... sagt' ich auch ein Befehl. Die Steuer», sagte er, sollen wir einziehen.?la, sagt' ich, ziehen wir ein." „Ja, was für ein Schulze bist Du denn, wenn Du solche Dummheiten machst?" „Na, weißt Tu denn nicht, was für einer? Im Trinken ist er ein Schulze," witzelte der Dorf- spaßmacher, und die ganze Versainmlnng schüttelte sich vor Lachen. Der Schulze benutzte diesen Augenblick, um sich heimlich und ruhmlos zu entfernen. Der Witz hatte ihn desto mehr gekränkt, da er das Trinken wirklich liebte. „Der Dorfschreiber her!" schrie nun die Menge. „Ter Schreiber wird natürlich Alles auf den Schulzen wälzen," bemerkte Einer. Aber mit dem Schreiber kam die Sache ganz anders. Man fand ihn garnicht z» Hanse. Seine Frau erklärte, daß er noch gestern Abend gereist sei. daß sie nicht wüßte, wann er zurückkomme. „Und ich werde Euch, Brüder, sagen," schrie Michail bei dieser Kunde,„daß hier weder der Schulze noch der Schreiber Schuld hat; es ist kein Anderer als der Gutsherr selbst, der die Sache veranstaltete. So ist es. Vorgestern brachten wir das Geld, das wollte er nicht, und schnell hat er das Gerücht von dem Krieg ausgesprengt. Dann hat man Euch das Geld abgenommen, und nachher seid Ihr zu ihm im Namen Gottes bitten gegangen. Bald wird's einen Befehl geben, das Geld zurück- zuzahlen,'s ist eben ein Jrrthum gewesen." Das leuchtete den Bauern ein. Jeder wunderte sich, daß ihm nicht selbst der Gedanke gekommen. Wann ist es denn vorgekommen, daß man im Sommer die Steuern erhoben hätte, wann ist es je vorgekommen, daß man bei den Mittellosen die Einrichtung nicht verkaufte? „Ter ist es! Der Gutsherr allein hat uns hintergangen! Was ist denn nun zu thun?" „Das weiß ich nicht," schrie Michail,„das Meine habe ich gcthan. Ich habe Euch erzählt, wie die Sache ist, und jetzt thut Ihr, was Ihr wollt. Aber ich... ich... werde ihm das nicht vergeben, so leichten Kaufes soll er nicht davon kommen!" Der Ton, mit dem diese letzten Worte gesprochen wurden, rief bei Allen Schrecken hervor. ,Ter wird schon was anrichten, er sieht ja ganz toll aus,' dachten Alle fiir sich. Die Versammlung ging ohne irgend welchen Entschluß zu fassen auseinander. Begegnete Je- mand von den Bauern an dem Tage Michail, so wurde er roth und schlug vor dem bösen, durch- dringenden Blick Michail's die Augen nieder. Michail arbeitete während des ganzen Tages nicht. V. Es war kurz nach Mitteniacht. Porogelofka schlief einen tiefen Schlaf. Durch das Hirn der äußerst ermüdeten Bauern zogen keine Träume, weder süße, noch beunruhigende. Im Dorfe herrschte Todtenslille, sogar das sonst weithinschallende Gekläff der wachsamen Hunde war nicht zu hören, und nur bisweile» kam ans dem nahen Walde das klagende, gedehnte Gestöhn eines erwachten Vogels oder das leichte, stoßweise Geräusch des nächtlichen Windes, der sich in dem Waldesdickicht verfangen hatte. Und Niemand von den Dorfbewohnern beobachtele, wie der tiefdunkle Himmel durch eine helle Röthe er- leuchtet wurde, wie die Sterne am Himmel erblaßten und erloschen und wie ganz Pogorclofka allmälig in glänzendem Lichte erstrahlte, so daß es einem Zauberstädtchen aus einem Ntärchen glich, das von einem geheimnißvollen Schein umgeben war. Die Weiber, die im Freien schliefen, sahen zuerst diese eigeuthiimliche Erscheinung. Entsetzt liefen sie davon, ohne Ziel und Bewußtsein. Sie begriffen im ersten Schrecken nicht, was sie sahen. Zwei von ihnen eilten zum Flusse mit der offenbaren Absicht, sich in's Wasser zu stürzen, aber dort an- gelangt, kamen sie zur Besinnung und machten Kehrt. Die Beherzteren begriffen gleich das unheimliche Er- eigniß, sie fingen ei» entsetzliches Geschrei an. „O, Du Herr im Himmel! Feuer!" Das ganze Dorf stürzte zu Perechwatow's Tenne. Lichterloh brannten die gestern erst so schön auf- gebauten Roggenmieten. Jetzt schiene» sie mit ihren sechszackigen Spitzen wahre Sterne zu sein. Die Luft war von beißendem Rauch erfüllt. Perechwatow war schon da. Wie ein Wahnsinniger lief er um den breunenden Roggen, während er mit heiserer Stimme schrie:„Wasser! Fässer! Rettet das He»! Das Heu rettet mir! Der Roggen ist schon ver- loren! He»! He»! Begießt's mit Wasser! Schnell!" Das Heu war fiir ihn wirklich wichtiger als der Roggen. Nicht weit von den brennenden Mieten entfernt standen drei mächtige Schober ausgezeichneten Heues. Perechwatow erhoffte sich von dem Heu großen Gewinn. Ein Funke brauchte nur hinüber zu fliegen, und auch die Heuernte ging zum Teufel. „Was steht Ihr denn so? Tölpel! Was gafft Ihr mit ausgerissenen Bläu lern? Nehmt doch Eimer! Brüderchen, helft doch! Habt Erbarmen! Habt Ihr denn keine christliche Seele?" flehte und tobte ab- wechselnd Perechwatow. 120 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. „Und hast Du vielleicht eine?" vernahm man eine dumpfe Stimme aus der Menge. Das war Michail's Stimme. Die Bauern sahen sich um, und als sie ihn erkannten, begriffen sie die ganze Sache. Er war ohne Kopfbedecknng, barfuß, mit zottigem Haar und sah gänzlich verwildert aus. Es schien, als ob er mit unbeschreiblichem Genuß mit seinen Augen das furchtbare Flammenmeer verschlang. „Helft doch! Helft!" flehte verzweifelt Perech- watow. Die Bauern standen wie angewachsen. „Warum rührt Ihr Euch nicht? Mörder! Schufte! Vernichten wollt Ihr mich!... So werde ich Euch! Nach Sibirien kommt Ihr! In die Bleiwerke! Das ist grausam! Ihr seid keine Christen, Mörder seid Ihr!" Perechwatow sah fürchterlich aus. Sein Gesicht war voll wilder Wuth, die mit Blut unterlaufenen Augen schienen aus den Höhlen springen zu wollen. Er wußte nicht, was er that. Drei Arbeiter aus seinem„engeren, häuslichen Gefolge" machten sich ruhig und langsam bei de» Wasserfässern zu schaffen. Es war auch ihnen anscheinend ganz gleichgültig, ob das schöne Heu verbrannte oder nicht. Es waren diese Drei die einzigen fest angestellten Arbeiter, denn der Gutsherr zog billige„zufällige" Arbeiter- Hände vor. Während Perechwatow von Zeit zu Zeit mit einem Eimer Wasser schöpfte und es voll Erbitterung auf das Heu goß, erhob sich ihm zum Aerger der Morgenwind. Funken flogen nach jener Richtung, wo vom hellen Schein der Flammen be- leuchtet die prächtigen Heuschober standen. Perech- watow lief sinnlos mit leerem Eimer um das Heu. Hülse war nicht mehr möglich. Ein Angenblick— und auch die Schober wurden ein Raub der Flammen. Erschöpft ließ sich Perechwatow auf dem Rasen nieder. Er knirschte mit den Zähnen. Allmälig wurde die Flamme kleiner und kleiner. Aus dem glimnienden Stroh und Heu wirbelten dichte Ranch- säulen empor. Endlich blieb nichts als glühende Asche.?llles, was auf Perechwatow's Hofe stand, war den Flammen geopfert. Der Verlust war ungeheuer, und ebenso groß war Samsson Platono- witsch Perechwatow's Kummer. Die Bauern kamen in einer ganz ungewohnten Stimmung nach Hanse. Viele fühlten Gewissens» bisse, aber gleichzeitig war ihr Herz gegen ihren Willen von einer Art Genngthnnug erfüllt. Niemaiü sprach von der Ursache des Brandes;-man erzählte verschiedene Einzelheiten während des Brandes und sagte, daß Perechwatow der Strafe Gottes anhei» gefallen wäre. „Gottes? Natürlich!..." sagte nnvorsichüg ein junger Bursche,„aber wie eigenthiimlich Michail aussah!" „Weshalb eigenthiimlich? Er war, wie er immer war! Und D» halt' lieber Dein Maul!'! schnauzten ihn die älteren Bauern an. Der Bursche verstummte. Nach einiger Zeit begann die Untersuchung; sie zog sich sehr in die Länge. Michail wurde verhastet und dem Untersuchungsrichter zugeführt. Es schien sehr schlecht um seine Sache bestellt zu sein, den» gegen ihn gab es viele Verdachtsmomente. Plötzlicd aber nahm die Sache eine wunderbare Wendung- Die Untersuchung wurde abgebrochen und Michail gänzlich unerwartet in Freiheit gesetzt. Man erzählte, daß er zur rechten Zeit von einem Kriege mit de» Deutschen gesprochen und dabei des AdelsmarschalU und anderer Persönlichkeiten gedacht haben soll- Und das hatte Michail Kusmitsch gerettet.— JeuiLLeton. Hie Könne sinkt.* Uicht lange Kurstest Ku noch Herbranntes Herz! Herheifjung ist in der Haft, Jus unbekannten Miinöern bläst mich's an — Hie große Kühle kommt... Weine �>o»»e staub heiß über mir im Mittage: Heib mir gegrüßt, baß ihr kommt, Ihr xlohliche» Minbe, Ihr kühlen Heister bes Nachmittags I Wie Hüft geht fremb unS rein. Hchielt nicht mit schiefem Herführerblick Aie Macht mich an?... Hleib stark, mein tapfres Herz! Frag nicht: warum?— Friedrich Nietzsche. Säcri». Langsam, gleichmäßig schreitet die junge Bäuerin über das Saatfeld, und in gleichem Takt greift die Rechte in den Sanicnkorb, holt aus und streut, den Arm in einem kleinen Bogen schwingend, die leichten Körner über die aufgelockerte Erde; die Linke hält den von einem Bande über der Schulter getragenen Saatkorb. Fast zierlich ist ihr Gang, graziös, ttoh der kräftig cnt- wickelten Formen des Körpers, ihre Erscheinung. Lcis wiegt der Oberkörper in den Hüften und beugt sich zur rechten Seite hinüber, um die Bewegung mit Nachdruck zu führen. Eine Nicderbayerin ist's, nach ihrer klcid- saineu Tracht, dem hochgeschürzten, einfachen Rock, dem anschließenden Leibchen, dem kunstvoll umgeschlungenen Kopftuch.— In einer Tabakfabrik in Sevilla. Enge Räume, erfüllt von dein Gifthauch der frischen Tabakblätter, mühsame Arbeit um kargen Lohn und, dadurch bedingt, frühes Siechthum: das ist es, woran das Motiv des heutigen Bildes uns zunächst gemahnt. Nicht eigentlich diese Seite, das ernste'Lebensbild der schwer ringenden Arbeit, hat der Maler in nnscrcm Bilde festgehalten. Ihm fiel mehr die bunlbeivegte«zciie auf: In dein schmalen Raum im Hintergründe die dicht gedrängt fitzenden Frauen in emsiger Arbeit, und vorn an dem einzelnen Tisch die Mädel, die gerade eine Pause gemacht haben und nun eifrig miteinander schwatzen. Daß sie nur für cincn Augenblick ihre Arbeit unterbrachen, zeigt der Tisch, der mit Tabak und den bereits fertigen Zigarrette» bedeckt ist. Eine wichtige Neuigkeit tvird von der erzählt, die dem Beschauer den Rücken kehrt; wie gebannt hängen die Anderen an ihren Lippen, um ja kein Wort zu ver- * Aus„Tie Perlenschnur". Eine Anthologie moderner l'ijvif, l,crö iu s.egeden von L u d w i g G e m m e l. Berlin und Leipzig, Schuster Loeisler.— £---- lieren. Es sind echte spanische Typen, prächtig i» dem üppigen schwarzen Haar und den lebhaften dunklen Angcn. Und was unsere Abbildung nicht zeigt, die kräftige Farbe, trat auch hinzu, die Szene dem Maler werthvoll zu machen. Gelbroth und Grün in malerischer Gruppirung sind die Haitpttöne auf spanischen Bildern, Aber der Ernst des Lebens spielt auch in diese Tarstellnng hineilt. Tort in der Ecke sitzt eine junge Mutter— sie muß die kurze Pause benutzen, ihr Kind zu nähren. Das Kind fand nirgend sonst eine Unterkunft, die Mutter mußte es an die Stätte der Arbeit, in all den Dunst, der den jungen Lungen Gift ist, mitnehmen... Eine Handwerkerschule in Rew-Dork. Um den nöthigen Nachwuchs von eigentlichen Handwerkern, ins- besondere auf dem großen Gebiete des Bauwesens zu schaffen, hat man in Amerika Einnchtuilgeu getroffen, die die Unterweisung in den Arbeitsmethoden und Hand- griffen des eigentlichen Handwerks von der Belriebs- Werkstatt loslösten, sie damit dem Zufall entrissen und sie iu eigentliche Lehrwerkstätten verlegten und so mehr konzentrirten. Eine solche Einrichtung ist die New-D orker Handwerkerschnle, deren Eröffnung im Herbst 1881 mit etwa 30 Schülern stattfand; gegenwärtig besuchen sie schon mehr als 600 junge Leute, Die'Hauptzahl der Schüler stellt das Baugewerbe im weiteren Sinne: Maurer, Stukkateure, Bauklempner, Jnstallenre und Elektriker, Zimmerleute, Anstreicher, Schildermaler, Wand- und Freskomaler, Grobschmiede und Fassadenmacher; außerdem giebt es aber auch noch eine Abtheilung für Schriftsetzer und Buchdrucker,.Eine eingehendere Dar- stellnng des Lehrganges findet sich in der„Deutschen Zeitschrift für ausländisches Untcrrichtswesen", der wir die folgenden Angaben entnehmen, Die Ausbildung ist eine praktische und theoretische, Tie praktische Ausbildung geschieht in Werkstätten, die lediglich diesem Zlveckc dienen. Es sind ihrer eine ganze Anzahl in dem Gebäude der Schule vorgesehen, särnmtlich höchst praktisch eingerichtet und reichlich mit Werkzeugen und Materialien ausgestattet. Verkauft wird von den hier gefertigten Gegenständen nichts. Die Maurer lernen hier alle Arten von Mauerwerk selbst ausführen, und zwar wird das Mauerwerk stets nur so hoch aufgcstihrt, daß die jungen Leute bequem reichen können; dann wird es niedergerissen und die Backsteine werden gereinigt, um von Neuem verwandt zu werden. Zuerst wird nur aus sorgfältige Arbeit ge- sehen; erst gegen Ende des Kurfns ivird eine Stunde festgesetzt, in der die junge» Leute auch zeigen körnien, wie schnell ein Jeder eine kunstgerechte Mauer aufzuführen im Stande ist. Bevor eine Hebung gemacht wird, zeigt der Lehrer erst, wie i»an es machen muß, Aehnlich werden die Stukkateure beschäftigt. Fachmänner haben sich bei einem Besuch der Schale dahin geäußert, daß die von den Zöglingen gelieferte Mauerarbeit zu dem Besten gehöre, was sie auf diesem Gebiete gesehen hätten. Die Jnstallenre lernen Röhren legen, Bade-, Wasserlcilungs-, Beleuchtungs- und Heizapparate aufstellen, nebst allen anderen in das Fach einschlagenden Arbeiten, Sehr anschaulich soll ein von den Schülern deS Wer Jahrgangs hergestelltes Diagramm sämnitlicher Jnstallationsarbciten für das Leitungssystem eines dreistöckigen Hauses sein, Die Elektriker lernen Zimmer- und Hansglocke», Alarm- Apparate, Drahtleitungcn usw. herstellen, Leitungsdrähte Herrichten, verbinden und adjustiren, Klingeln, Signal- geräthe, Tastknöpfe und ähnliches anbringen. Die Am streicher, Schildermaler und Wandmaler lernen von einfachsten Tünche bis zum künstlerisch vollendeten Plafond- einsah Alles, ivas für das Fach der Holz- und WanM Malerei in Betracht kommt. Es wird dem Schüßr gezeigt, ivic Flüchen siir diesen Zweck vorzubercite»- wie Schablonen anzufertigen und anzuwenden si»d- Schriftzeichnen und Malen ist ebenfalls ein besondert» Unterrichtsfach, Tie Schüler haben das Brett für da Malerei vorzubereiten, alsdann werden Musterbuchstabe» und Schriften nach Vorlagen darauf kopirt. Die Buw' staben werden zunächst einfarbig, dann mehrfarbig u»» ohne Schatten dargestellt. Hierauf folgt der Bnchstab«» durch Linien und Schalten, Alsdann werden Schritte» auf Holz und Glas mit Vergoldung gemalt. Um de» Unterricht iu der Ausführung solcher Arbeiten der Wirklichkeit möglichst entsprechend zu gestalten, läßt ma» die Schüler auch Schilder auf einer Leiter stehend male»- Die Freskomaler lernen vor Allem die Freskobehandlu»» der Wandstächen, sodann aber auch den Gebranch � Malntcnsilicn und die Mischung der Farben. Die Schmies lernen die Behandlung der Esse, den Gebrauch vo» Hammer und Ambos, von Zange und Feile, die Ankert' gung von Klammern, Nägeln, Ringen, Ketten und Wert' zeugen, sowie die Methoden des Härtens und Stähleist- nebst dem Feilen und Poliren des Schmiedeeisens, T»' Fassadenmacher beschäftigen sich hauptsächlich mitFassadem arbeiten ans Eisenplatten(cornice-woi-k). Die Schrw' setzer und Buchdrucker pflegen vor Allem den sogenannte» Accidcnz- und Geschäftsdruck, ohne indessen den wichtigere» Zeitimgsdruck zu vernachlässigen; dabei wird auf gefällige» Aussehen des Druckes besonderer Werth gelegt, Tie Lehrer dieser praktischen Fächer sind stets ane>' kannt tüchtige Praktiker, Tie theoretische Ausbildung beschränkt sich aus Kenntniß der Arbeitsmaterialic»- Geschäftsführung, Freihandzeichnen und Gewerbezeichue»- besonders Anfertigung einfacher Pläne und sogeuaiu»»' Werkzeichuungen zur Pcranschaulichung des Arbeiisstiuft--' Tie einzelnen Fachkurse dauern drei, vier, auch sc«,'; Monate, Sie zerfallen in Tages- und Abendkurse, D" Tageskurse sind für solche junge Leute, die erst c» Handwerk erlernen wollen; diese kommen oft von w»' her nach New-Pork. Um ihnen billige Unterkunft k» verschaffen, ist ein eigenes Wohngebände errichtet, wo r für fünf Dollars monatlich ein möblirtes Zimmer neb» Heizung und Beleuchtung haben können. Die Abendkurt' sind für solche Handiverkslehrlingc bestimmt, die eiw gewisse Vorbildung haben, sich aber noch vervollkommne» möchten. Das Schulgeld schwankt zwischen 40 uN» 6 Dollars für den Kursus, Es bringt jährlich etu'g 10 000 Dollars ein, während das Schulbudget sich a» zirka ZSOOODollars beläuft. Die fehlenden LoOOODollar» werden größtenihcils ans einer im Jahre 1892 errichtetrt Stiftung im Betrage von einer halben Million Dollar bestritten, Tie Anstalt hat ihre eigene Zeilschrift, d> von den Zöglingen der Setzer- uno Druckerabtheilu»S gesetzt und gedruckt wird.— � Nachdruck des Inhalts verboten! Sllle für die flicdaktivn der„Neuen Wclt� bestimmten Sendungen sind nach Berlin, SW l0' Benthstraße 2, zu richten. UJevnmroovtllcljcv 9!claltniv: Oscar K ü h I tn llharlailenburg,— Verlag: Hamburger Buchbruckeret und Berlagsanstall Auer«I Co. tu Hamburg.— Iruck: Mar Badtttg IN BerUil. zu n Schn »ersck hause