Fortsetzung 1 Jakob.•4�-- Roman von Alexander L. Kielland. Autorifirte Uebcrsetzung ans dem Norwegischen von Leo Bloch. ls für Törris Mittagszeit war, und er hinauf in die Küche kam, da fand er ein Mädchen — von ganz anderem Schlag. Die große glalt- Mrige Kiichen-Bertha war eine Gestalt, die er besser kannte. Und sobald sie einander guten Tag gesagt Mtten, wußten sie alle Beide, daß sie hier in der Groß«, Stadt zusammen gehörten, alle Beide vorn d sicheren Platz hatte, sobald er ihn nur einnehmen lvollte. So war der erste Tag für ihn in Arbeit und �tiick hingegangen das Einzige, was ihn quälte, 'anrjue Geldkasse. Er hatte Angst, daß nicht Alles aa Frau Knudsen kommen und Einiges unterwegs abfallen könnte: denn sollte etwas abfallen, so sollte Qs jedenfalls für ihn sein. Endlich in der Dämmerung kam ein kleines Mädchen, welches ein halbes Pfund Kaffee bekommen Mte. Törres wog es sofort ab, Fräulein Thorsen b�r mit einigen Damen beschäftigt, die eben kamen, »nd der galante Herr Jessen sprang hinzu, das Gas a»Zuzünden. Da war es, daß Törres die ersten zehn Oere bau dem aufgezählten Kleingeld nahm, welches das Mädchen mit hatte, und den Nest in die Schale busseln ließ, so wie es Herr Jessen machte. Darauf schloß er heftig die Kasse und wandte sich ab. Aber in demselben Augenblick überfiel ihn ein bugehenrer Schreck. Er stand, den Schilling zwischen � Finger geklemmt, und als es nun plötzlich ganz bell geworden war, wagte er es um Alles in der -�elt nicht, ihn in die Tasche zu stecken. Er wagte a"ch nicht, in das dunkle Ende des Ladens hinunter Zu gehen; das, glaubte er, würde verdächtig ans- scheu, darum ging er ganz gegen seinen Willen ""eil Schritt hinauf, mit rothern Kopfe und am GUttzei, Körper bebend. Wenn Einer in dicscin Augen- fchck ei,, Wort zu ihm gesagt hätte, hätte er den Schilling fallen lassen und gestanden. Ein paar Sekunden lang war er fast.besinnungslos vor Angst, aber Niemand gab ans ihn Acht, und langsam kehrte die Besinnung wie eine kühle Strömung durch seinen ganzen Leib zurück, und wie erleichtert steckte er nn- bewußt die Hände in die Hosentaschen, wie er zu thnn pflegte. Inzwischen wurden die Damen fertig, und da einen Augenblick Niemand im Laden luaf, rief Herr Jessen scharf: „Nicht dastehen mit den Händen in den Taschen!" Törres ließ den Schilling in seine tiefe, sichere Hosentasche gleiten, aber er war doch wieder so er- schrocken, daß er zitterte und nicht wußte, wo er hin sehen sollte. Sie lachten— die anderen Beiden, und da gerade steht Frau Knudsen aus dem Comptoir her- unterstieg, sagte Herr Jessen familiär: „Nicht wahr, Frau Knudsen, der Bursche vom Lande muß sich das abgewöhnen, mit den Händen in den Taschen dazustehen?" „Das wird Herr Wall gewiß bald von selbst einsehen," antwortete Frau Knudsen, ohne Einen von ihnen anzusehen. Törres vergaß mit einen: Male die elenden zehn Oere. Frau Knudsen hatte ihn gleichsam in Schutz genommen und seinen Namen verändert— etwas, worauf er nie von selbst verfallen wäre. Aber es ivar ihm klar, wie viel feiner es klang. Herr Wall zu heißen als Schnurzwall, wie er nach der Käthncr- stelle seines Vaters angegeben hatte. Wie war er ihr dankbar! Er würde gewiß recht auf die Geld- lasse für sie aufpassen. Herr Jessen aber machte große Augen und ließ sich herab, nach Fräulein Thorsen hin Gesichter zu schneiden. lffoch einen aufregenden Augenblick hatte Törres nach diesem langen und anstrengenden Tage, und das war, als Frau Knudsen mit der kleinen Geld- lade in der Hand ans dem Eomptoir herunter kam, um den Kassenbestand des Tages zu holen. Aber nachdem er gesehen, wie das vor sich ging, fühlte er keine Angst mehr um seine zehn Oere; da wurde weder gezählt noch abgefragt— und was könnte es überdies helfen? dachte er. Schon nach den ersten Tage» war Törres sich darüber klar, daß man jeden Tag ganz getrost ein wenig ans der Kasse klemmen könnte, aber mit Maßen und vor Allein— nur er. Und wieder betrachtete er mit Btißtrauen den feinen Herr» Jessen, der sei len lavendelblanen Sommeriiberziehcr anzog und sich eine Zigarre an- zündete, während er den Laden verließ. Handschuhe hatte er auch, die konnten über zwei Kronen kosten; das wußte Törres bereits. Das konnte nimmer- mehr mit rechten Dingen zugehen. Als Alles fertig war, nahm Fräulein Thorsen geschwind ihren Thee bei Frau Knudsen und ging dann ans, ihre Freundinnen aufzusuchen. Törres dagegen aß mit ungeheurem Appetit die guten Butterbrote, welche Bertha ihm gestrichen hatte, und während er sie in sich hineinstopfte, saß sie auf der Küchenbank neben ihm und freute sich. Madame war so in Verlegenheit gewesen, wo sie Törres unterbringen sollte, erzählte Bertha; erst hatte sie daran gedacht, ihn in dem kleinen Alkoven unten am Lagerhause wohnen zu lassen, wo er die erste Nacht geschlafen hatte. Aber Bertha hatte es durchgesetzt, daß eine Schlafbank in ein kleines Dach- ziinmer gestellt wurde, wo der verstorbene Knudsen, der in seinen Freistunden ein eifriger Schreiner war, eine Art Werkstatt gehabt hatte. Da Törres todtmllde war, wollte er an: liebsten zu Bett, sobald er satt war, und Bertha folgte ihn: niit Licht hinauf, um ihn: Alles zu zeigen. Die Treppe führte zun: Boden hinauf, ungefähr in der Mitte des Hauses, und von dort ging ein Gang nach beiden Enden. Unter den: altmodischen weitläufigen Dach gab es viele K leide: kaniniern und Spindenstnben zu beiden Seiten des Ganges, und eine solche war es, die Törres haben sollte, Bertha leuchtete und zeigte sie ihn:, inden: sie versprach, die Hobelbank und all das Geriiinpel herauszuränuicn, das in den Ecken herum stand. Törres war mehr als vergnügt; weißes Bett, Stuhl, Tisch und Waschtisch, das war anders als ans den: Boden daheim in einem großen Loche mit den anderen Jungen. Nachdem sie das Licht für ihn angezündet, nahm sie das ihrige und ging hinaus. „Dort hinten siehst Tu meine Kammer," sagte sie und deutete den Gang hinunter, wo sie beim Lichtschein das Geländer einer kleinen Treppe sehen konnten, die zu Frau Knndsen's Zimmern herunter fiihrte, und gleich daneben war Bertha's Kammerthiir. Törres glaubte, er müsse galant sein, so müde er war, und sagte: „Ter Weg ist.nicht lang." Bertha drohte ihm, mild lächelnd. „Aber wer wohnt da?" fragte Törres und deutete nach der anderen Nichtimg, wo auch eine weiße Thür an: Ende des Ganges schiininerte. „Ach!" antwortete Bertha höhnisch;„das ist nur Jungfer Thorsen; übrigens ist die gewiß fast die ganze Nacht aus mit ihren Kerlen." „So?" sagte Törres. „Ja, Du kennst die Stadtweiber nicht; aber nimm Dich in Acht!" Damit ging sie nach ihrer Seite. So müde er war,»ahn: Törres doch noch sein Geld vor, als er sich vergewissert hatte, daß Nie- Nr. 24 186 mmib auf dein Gange war, der durch einen Spalt hätte zusehen können. Ä!ir ganz bej anderer Liebe betrachtete er die zehn Lere, die er gcnainmen hatte. Gr fing an zu be- rechnen,'was daraus werden könnte, wie weit er es treiben dürfte, wie er sein Kapital anlegen sollte— aber jetzt ivar er so todtnnide, daß er kaum sein Geld und seine Kleider verwahrt hatte, als er in einen tiefen, gesunden Schlaf versank. V. Die Tage vergingen, und Törres arbeitete so, daß der Hausknecht Simon Varhong, welcher ein frommer Anhänger von Olaf Spödeland war, zu seinem guten Freund und Mitchristen Halvor Röide- vaag sagte: „Dieser junge Mensch hat den Teufel; den» kaum ist er ans dem Bett, so ist er überall. Ich kann mich nicht mucksen, ohne daß er über mir ist, und das ganze Lager konnte er schon den dritten Tag auswendig, jede Kiste, jede Tonne, jedes Tau- ende; ja ich glaube ganz gewiß, er kennt jede ein- zelne Ratte im Hause sozusagen pro persona." Während dessen wurde von oben her nach Simon gerufen, und er eilte davon und ließ die Speicher- thür offen stehen. Unten lag Halvor Röidevaag und brütete; er wollte ans Simon warten, er hätte ihm gern noch etwas gesagt. Der Südwind stieß mit schweren Stößen ans der Bucht, und der Herbstregen tropfte gerade über der halbdnnklen Stadt. Halvor Röidevaag hatte gut Zeit, denn er war Fährmann. Er saß in seinem Boote und sah auf und nieder an Fran Knndsen's großem Speicher; darauf nahm er Brandt's in Augenschein. Aber während er seine Pfeife in Brand setzen ivollte, trieb das Boot weit hinüber. Und als er endlich, trotz Wind und Nässe, Feuer bekam, da war just ein Comptorist auf der Schiffsbrücke, der ihn anrief, und er mußte für zehn Lere zum Zollamt rudern. Obschon TörreS ausschweifend von der Stadt geträumt und sich geradezu vorgestellt hatte, daß er mit einem Male in die Herrlichkeit hineinsteigen würde, war er doch im Anfang ganz überwältigt in dem großen Geschäft. Er entdeckte bald die stille Mauer, welche Herr Jessen und Fräulein Thorsen ungefähr in der Mitte des Ladens aufrichteten. Er nahm jedoch, als ob er es selbstverständlich fände, den einfachen Theil des Ladens für sich, bis er sich ordentlich fest- gesetzt hätte. Jetzt wurden auch seine neuen Kleider fertig. Sie hatten so unvernünftig viel gekostet, daß es ihn >vie ein Schmerz immer trieb, die Gcldkasse zu um- kreisen, bis er den Betrag wieder eingebracht hätte. Aber schon am ersten Tage, als er in städti- scher Kleidung erschien, war es unmöglich, eine nn- sichtbare Mauer im Laden aufrecht zu erhalten. Es konnte Niemandem einfallen, eine so feine Person zum Speicher hinunter nach einem Sacke Niehl zu schicken; das sah selbst Herr Jessen sofort ein, während er spitz den Anzug durchging und ihn voller Falten und Fehler fand. Fräulein Thorsen wagte nicht, sich selbst zu ge- stehen, was sie fühlte; sie sagte aber zu ihren Frenn- diune», daß sie eine solche Berändermig nicht für möglich gehalten hätte. In wirklichen Kleidern sähe Herr Wall bedeutend ans, nahezu extra! Er hatte sein Haar geschnitten und den ganzen dummen, flau- migen Bart wcgrasirt, so daß er jetzt nur einen weichen blonden Schnurrbart über dem Munde hatte; ja, er war ertra! Selbst Fran Knndsen stutztx und wurde roth, als sie ihn wieder erkannte, und die Leute bemerkten die Neuerung; Fräulein Thorsen's Frenndiunen kamen herein, ihn anzusehen,— ja Herr Jessen bemerkte sogar, daß Fremde und Kinder sich unwillkürlich an Törres wandten, als ob er der Erste wäre. Törres selber war glücklicher als je. Jedesmal, wenn er das SilbergSld in der Kasse rasseln hörte oder die Kassenscheine beim Entfalten in ihrer Art knitterten, da ging ein Strom der Freude durch ihn hindurch. Er war den ganzen Tag in uniuiter- brochener Thätigkeit, und bald brauchte er die Anderen um nichts mehr zu fragen. Aber das Leben, das in diesem jungen Blute war, gab auch Leben ab an die Anderen, an die, welche kamen, und an die, welche gingen, an das Geschäft selbst. Die Leute bekamen Lust zu kaufen in diesem Laden, wo es so lebhaft war, wo die Kunden lächelten und die Bedienung zwischen Tisch und Regalen mir so flog. „Nene Besen kehren gut," sagte Herr Jessen, „aber auf die Dauer ist es doch ein wirklich ge- bildetes Wesen, welches das gute Pnbliknm an ein Geschäft fesselt." Fräulein Thorsen nickte, aber Törres, welcher auch die Bemerkung gehört hatte— was übrigens auch die Absicht war— fiel schnell einige Stufen tiefer. Als armer Käthnersohii kannte er die aristokra- tische Ordnung unter den Bauern wohl vollauf. Aber über die große Kluft zwischen Land- und Stadt- lenten war er unsicher und ängstlich. Es waren nicht so sehr die großen ernsthaften Mächte auf Seiten der Stadtlente: Religion und Recht; das hatte er ja doch in seiner Jugend gesehen und gelernt, daß in Advokatenkniffen und Winkelziigen, sowie in Scheinheiligkeit der Bauer nicht zurück stand; Alles, was sich hinter ernsten Gesichtern und schwer- fälligen Worten bergen konnte, verstand der Bauer so gut wie die Stadtlente. Aber all' die Lebhaftigkeit und der Leichtsinn, welche die Stadt sich erlauben konnte, all' diese Ver- schwendung auf große Häuser mit Spiegelscheiben, auf feine Kleider und kostbare Bergniiglingen, das Geld, welches täglich von Hand zu Hand rollte, dieses leichte Leben und Lachen— man sehe nur das Lachen, welch' großer Unterschied in diesem einen Ding! Von Kindheit auf hatte Törres Lachen an ernst- haften Leuten nie gekannt; er erinnerte sich nicht, daß die Mutter jemals lachte, außer zum Hohne, wenn Jemand dumm angelaufen war. Sonst lachten Burschen und Dirnen, wenn sie unter sich schäkerten und tollten, am liebsten unter Abend in der Dämme- rnng. Aber das Lächeln und Herauslachen um nichts wie bei den Stadtlenten, das kannte er nicht von Hause her. Darum glaubte er zu Anfang, daß alle Leute in der Stadt so ungemein spaßig wären, und er spaßte und alberte mit. Aber er wurde bald be- denklich. Es kam vor, gerade wenn er in der lebhaftesten Unlerhandlnng stand imb dabei das eine oder das andere Scherzwort fiel, daß die feinen Damen, wenn er plötzlich sein lautes schallendes Bauernlachen auf- schlug, mit einem Ntale sich zurückzogen und die aus- gepackten Waaren liegen ließen. Vergebens strengte er alle seine Liebenswürdigkeit an; sie zogen sich zurück. Er fühlte, daß es hier etwas Dninmes gab, daß er an der Kluft stand; es brannte in ihm, als er von Herrn Jessen das Wort„gebildet" hörte. So hörte er denn nach Herrn Jessen's Lachen; es war fast lautlos und inwendig: aber doch war er in einem ständigen Lächeln und Spaßen, und immer brachte er die Kunden zum Lachen. Fräulein Thorsen sagte mir„tji— tji— tji," wenn sie lachte, ungefähr wie eine Katze, wenn sie niest,- dachte Törres. Abends aber übte er sich in seiner Kammer vor dem Spiegel; und er selbst wurde ganz erschrocken, als er den Mund recht aufmachte und alle seine starken Zähne sah, und sich das mächtige Zahnfleisch zeigte, so wie er zu lachen gewohnt war. Er wunderte sich nicht, wenn die feinen Damen einen Schreck bekamen vor einem solchen Maul. Und zugleich erinnerte er sich, daß daheim ans dem Lande die Leute gewöhnlich häßlich wurden, wenn sie lachten; nicht gerade die Weiber. Aber es war doch viel süßer, wenn Fräulein Thorsen sagte:„tji— tji— tji." Einige Tage lang übte sich Törres in dem stillen Lachen, ohne den Mund aufzureißen; aber ohne es selbst zu wissen, kam es zu einem„Tji-tji-tji," und als er das zum ersten Ntale im Laden hören ließ, entstand ein allgemeines Kichern. Herr Jessen sah ihn durch die Lorgnette an; als aber auch Fräulein Thorsen anfing, wandte er sich von ihr mit einer Miene, welche ausdrückte, daß er sie Beide aufgab. Herr Anton Jessen aß und wohnte zu Hause bei seiner Atntter, einer Schullehrerwittwe. Sie hatte weder Mangel noch Mich: gescheut, ihren kleinen Anton so fein und nett zu halten, wie eine Puppe, und das war ihr geglückt. Als er klein war, liainite man ihn den„Polkajungen"; aber jetzt war er unbestritten der hübscheste junge Mann in der Laden- brauche. Sein Leben war bis jetzt eben und ohne Hindcr- nisse hingeglitten. Seine Mutter entfernte nach Kräfte» jeden Stein ans seinem Wege, und da er selbst innsterhaft fleißig und anstellig war, gelang es ihm bald, Geschäftsführer in Fran Knndsen's Geschäft zu werden. Frau Jessen hatte sehr jung gcheirathet. Schon als ihr Ntomi noch ein blasser Schuljunge war mit matten Augen und langem Haar, war sie seine verlobte Braut gewesen, und sobald er mit seinem theologischen Examen fertig war, heiratheten sie. Aber noch ehe seine kleine Frau ihm das erste Kind geboren, erlag der schwächliche Mann einer ganz gewöhnlichen Erkältung, welche im Nu seine Lungen zerstörte. Während seines traurigen Begräbnisses hörte Fran Jessen den alten Doktor mit einem Verwandten ihres Mannes über den Verstorbenen sprechen. „Ja," sagte der Arzt,„es war ja Wahnwitz, daß er heirathete. Er vertrug das garnicht. Das hat ihm im Grunde das Leben gekostet." Das konnte sie nie vergessen. Die Ehe selbst war hingegangen, ohne daß sie viel bemerkt hätte. Ihres Mannes Schwäche, welche plötzlich wie tödt- liehe Mattigkeit über ihn kam, gerade, wenn es ihr schien, als seien sie in ihrem kleinen Puppenheiin so recht glücklich, seine heftig aufflackernde Leidenschaft, die ihn fast schmerzhaft hinriß in ihrem kurzen Liebes- glück— nachher verstand sie das Alles besser,»»d sie fühlte fast eine Beschämung, die sie nicht ver- winden konnte. So neu war ihr noch die Erweckung ihrer Sinne, daß eine schüchterne Schamhaftigkeit— noch empfind- licher als bei jungen Mädchen— über sie kam, sobald ihr Mann sie verlassen hatte. Sie fühlte fast eine Angst vor sich, vor ihrem Geschlechte, m'5 seit sie den kleinen Anton in ihren Armen wiegte, dachte sie darauf, wie sie ihn beschützen könnte. Die Mittel fehlten, um den Jungen studiren 5" lassen, und Frau Jessen hätte auch nicht daran denken mögen, ihn in dem gefährlichen Alter nach Chrisliaiiln unter die Stndenten gehen zu lassen. Darum blieb er in der Stadt und wurde Kausniann, während!|C ihn behielt und mit wachsamer Sorglichkeit an das Hans fesselte. Sie machte ihn so unbeholfen w>/ nur möglich, indem sie für seine geringsten Bedürft nisse sorgte und für ihn an alle möglichen Kleinst!- keilen voraus dachte, so daß er das Kind in ihw Hand blieb, außer Stande, selbst etwas zu beftiminen, oder sich zu entschließen, ob er Schirm oder Sw" nehmen sollte, ehe er Mutter gefragt, in der größte Verlegenheit, wenn Mutter nicht das Taschentuch f die rechte Tasche gesteckt, und ohne Geschmack fi" anderes. Essen als das, welches die Mutter angerichtet. In der Schule hatte man ja den„Polkajungcn unbarmherzig aufgezogen und seine Schiichternbc» beschmutzt, so gut man konnte. Tann war er wiedtt heimgekehrt zu seiner reinen Mutter, noch verschii»)- terter und verwirrter, und seine Natur, welche einwickeln sollte, verkrüppelte in Ungesnndheit. Aber als er erwachsen war und einen kleines schwarzen Schnurrbart bekam, fing er an, sich ich- Haft für die jungen Mädchen zu intercssiren; und d>o kamen ihm reichlich entgegen, weil er so fein ehrerbietig war., Er war auch bald so halb verlobt; das gew' ihm sehr gut; am liebsten mit Mehreren auf c'"' mal; da fühlte er sich doch etwas sicherer. Den" wenn er ernsthaft an Hochzeit und diese Tinge dachte, fühlte er sich beklemmt und genirt. Er konnte de"! seine Mutter nie verlassen und sein warmes Schaft zimmer neben ihrer Kammer. (Fortsetzung folgt 1 Die Neue Welt. Illustrirte Anterhaltungsbeilage. 187 Vor fünfzig Jahren! Von Wilhelm Liebknecht. (Forlseyung� III Juni 1848— die Jiinischlacht. Vier Monate vorher hatten Bürger und Arbeiter noch iicbcneiiiaiider, Schulter an Schulter auf den Barrikaden des Februar gcfochten. Die Arbeiter wollten aber nicht wieder um die Früchte des Sieges betrogen werden, wie 1830, wo die alte, oerdorrte Reliquie ans der„groszen Revolution": Lafayette ihnen Lonis Philipp, den Sohn des geköpften.Efralite als„die beste der Republiken" aiifgeschwätzt hatte. Die achtzehn Jahre der Jnliinonarchie, unter dein ..Biirgerkönig", der ein König der Bourgeois war, hatte den Kapitalismus in Frankreich eingebürgert� »"d mit dem Kapitalismus war der Sozialismus eingezogen. Aus der Asche des gnillotinirten Ba- benf, der, wie die„Leveller" nach der englischen Revolution, ans der französischen Nevolulion die Äleichheitsidee, und ans der Gleichheitsidee den Koni- Nllimsiiins heraiisdestillirt hatte, waren die Pioniere modernen Sozialismus erstanden: die Saint �imon, Fourier,(sabct, Prondhon, Lonis Plane.'Und der Sozialisnius, das heißt der Ge- danke, daß der Kapitalisinns Ansbentung der Arbeit sei, und daß es gelte, durch eine vernünftige und gerechte Organisation der Arbeit die Ansbentung und den Kapitalisinns abzuschaffen, war in das Hirn und das Herz so ziemlich jedes französischen Arbeiters eingedrungen. Freilich noch nicht der klare, ans der �rkenntniß des gesellschaftlichen Entwickelnngs- Prozesses hervorgewachsene Gedanke, der des Zieles sich bewußt ist. Mehr Gefühls- als Verstandessache, wie bei allen jungen und großen Bewegungen. Diesmal wollten sie nicht geprellt sein, die prole- tarischen Sieger des 24. Februar. Man warf ihnen, uni sie zu beruhigen, das gleißende Trugbild: Recht ans Arbeit! hin, das in der kapitalistischen Gesell- schaft das Recht auf's Armenhans oder Zucht- Hans ist, und man narrte sie mit den National- Werkstätten, die nur Almosen in versteckter Form waren und daneben die Eigenschaft hatten, das Piirgerthiim zu erschrecken und gegen die Arbeiter 3n erbittern. Inzwischen saminelte man Truppen in Paris, warb das Lnnipenproletariat an und dressirte k- auf das echte Proletariat, wie eine Bulldogge ans de» Hfmni dressirt wird, lind sobald Alles fertig war z» der Staat lind Gesellschaft rettenden That, schloß man urplötzlich im Juni die Nationalwerk- hatten und stellte die in ihnen beschäftigten Arbeiter uor die Wahl, in die weitabgelegene Sandwiiste der �ologne ailsznwandcrn oder zu verhungern. Zu ver- hungern. In Paris bleiben, das war der sichere Hungertod. Die Handels- und Geschäftskrise, die Anfangs des Jahres 1848 aus Amerika und England nach Frankreich hiniibergekoininen war, mn 'htcii Rnndgaiig durch Europa zn vollenden— diese surchlbare Krise, die nicht, wie gewissenlose Reaktio- Uare verbreitet und gedankenlose Philister geglaubt haben, die Frucht und Folge der Ne.olntion war, sondern umgekehrt die Revolution hat herbeiführen helfen— war im Juni noch auf dem Höhepunkt, alle Geschäfte lagen darnieder, und Arbeit zn finden war ein aussichtsloses Bemühen. Tic auf's Pflaster lliworfenen Arbeiter gingen nicht in die Sologne, wollten aber auch nicht Hungers sterben. Sie er- wuerten sich des Wahlspruches der verzweifelten �eidenweber von Lyon: Vi vre en trn voll laut, "i mourir en combattant!— arbeitend leben, oder kämpfend de» Tod! wie Greulich in seinem Mächtigen Prolctarierlied es übersetzt hat. Sie be- schlössen zn kämpfen. Die Blüthe der Pariser Arbeiterschaft machte genieinsame Sache mit ihnen, '»'d am 22. Juni 1848 begann die Jiinischlacht. Die erste Schlacht des modernen Klassen- Kampfes, lind bis jetzt die blutigste. Blutiger wlbst als der Kommunekampf, der auch Opfer ahne Zahl forderte, die meisten jedoch erst nach dem Kampfe. Vier Tage wurde gekämpft, lind nach Wer Tagen war das Proletariat durch die erdrückende llebermacht besiegt und— die politische Weltlage lleändert. Die Junischlacht ist eine der großen Schlachten, die gleich der Schlacht auf den Catalan- nischen Feldern und bei Vrilmy, um mit Göthe zn reden, der bei Valmy mit war, eine Weltwende, den Anfang einer neuen Aera bedeuten. Und niemals ist die Nichtigkeit der sozialistischen Lehre, daß die politischen Verhältnisse den ökono- mischen untergeordnet und von ihnen bestimmt sind, glänzender und handgreiflicher bestätigt worden, als durch die Jiinischlacht'und ihre Folgen. Ich habe sie an anderem Ort eine politische Wasserscheide ge- naiint. Eine Wasserscheide ist die Hochebene, welche zwei Meergebiete trennt und von welcher herab von den verschiedenen Abdachungen die Wasser nach ver- schicdencn Meeren herabfließen. Vor der Junischlacht flössen die politischen Partei- Wasser des Biirgerthnms der Revolution und De- mokratie zu— nach der Junischlacht fließen sie in der Richtung der Reaktion und der Diktatur. Tic Sieger der Jiinischlacht waren die Enkel der Bastillestiirmer, und die Bourgeois von 1848 waren die direkten Nachkommen der Kämpfer des „dritten Standes", welche ihr Programm in den „Menschenrechten" niedergelegt hatten. Im Laufe der modernen Entwickelung war das Bürgerthum ein anderes geworden. Ans dem Klein- biirgcrthnm hatte sich das Großbürgerthnm, die Bourgeoisie, herausgebildet. Das Bürgerthnm der französischen Revolution war von dem Adel, der Geistlichkeit, der Monarchie unterdrückt— darnin haßte es den Adel, die Geistlichkeit, die Monarchie, und war begeistert für Freiheit, Gleichheit und flie- publik. Aber nach Ueberwindnng des Adels, der Geistlichkeit und der Monarchie und nach Befestigung der bürgerlichen Weltordnnng zeigte sich, erst winzig klein, allmälig größer und größer werdend, ein neuer Feind. Die kapitalistische Gesellschaft betreibt mit Hülfe der Maschinen die Produktion im Großen und häuft Arbeitermassen zusammen, die nicht, wie in der kleinbürgerlichen Welt Aussicht auf Einrich- tnng selbstständiger Betriebe haben. Diese Massen sind zwar dem Schoost der bürgerlichen Gesellschaft entsprungen, allein ihre Interessen laufen denen der kapitalistischen Bürger schnurstracks zuwider. Geist- lichkeit, Adel und Monarchie haben sich der bürger- lichen Ordnung unterworfen: sie sind sogar in deren Dienst getreten, ans den Feinden sind Freunde ge- worden, mit denen zusammen sich das kapitalistisch gewordene Bürgerthum gegen den neuen Feind wendet. Derartige Verschiebungen der Tinge lassen sich nicht sofort erkennen, es dauert oft lange, ehe die Wirkungen sichtbar und fühlbar werden, lind so erklärt es sich, daß die französische Bourgeoisie, so weit sie nicht schon ausgeprägt kapitalistisch war, dem Sturz der Jnliinonarchie zujubelte und in den ersten Tagen für die Febrnar-Nepnblik schwärmte, — allein die Begeisterung dauerte nicht lange. Mit dem Auftauchen der sozialistischen Bestrebungen er- kältete sie rasch, und die Jiinischlacht brachte eine völlige Revolution der Anschaunngen hervor. Es gab jetzt nur noch einen Feind: das Proletariat! Und von nun an hatte die Regierung für die Bourgeoisie nur noch einen Zweck: die Unterdrückung und Nieder- Haltung des Proletariats. Die Regierung gestaltete sich so naturgeinäß zur Diktatur— zur Klassen- diktatnr derBonrgeoisic. Am ll». Dezember 1848 wählten die Enkel der Bastillestiirmer, die durch ihre kapitalistischen Klasseninteressen reaktionär ge- wordene» Bourgeois Lonis Napoleon, den künftigen Staatsstreichkaiser, a l s künftigen Staatsstreichkaiser mit riesiger Majorität zum Präsidenten der Februar- Republik, die er, je eher je lieber, erdrosseln sollte. Tie Wasser der bürgerlichen Entwickelung flössen nicht mehr nach dem Meere der Revolution zn— sie hatten die Richtung gewechselt und flössen von da an nach dem Meere der Reaktion, dem sie noch heule zufließen. Und dem sie zufließen werden, bis das Proletariat stark genug ist, der vom Bürgerthnm verrathene» Demokratie in der höheren und erweiterten Form der Sozialdemokratie znm Sieg zu verhelfen. Am 2t>. Juni 1848 wurden die letzten der Junikämpfer im Kampf niedergeschossen. In ihnen war die Februar-Ncvolntion erschossen. Und auch die Miirz-Nevolntion. Als Herr Kager» am Tage daraus, dem 21. Juni 1848, seinen„kühnen Griff" that und? die Welt- geschichte überlistet zu haben wähnte, indem er einen österreichischen Erzherzog— Johann—, der durch eine bürgerliche Heirath und einen Trinksprnch billige Popularität erlangt hatte, unter dem Titel„Reichs- Verweser" zum Oberhaupt des im Lnftban bc- griffenen neuen Deutschlands machte, da ahnte er nicht, daß in Paris bereits die Würfel der Eilt- scheidnng über die ganze März-Revolntion niitsammt der Reichsvcrweserschaft und dem Frankfurter Lnftban gefallen waren. In dem Volkswitz, der den Reichsverweser in einen„Reichsvermodercr" nmtanfte, lag ein tieferer Sinn, als den Witzniachern bewußt war— wenigstens den meisten. Woher sollte die Erkenntniß kommen'ö Und die Feinde des Volks hielten sich noch versteckt oder heulten nach Noten mit den revolii- tionären Wölfen. Und winzig klein war die Zahl Derer, welche die Bedeutung der Jiinischlacht be- griffe»! Wohl hatte Karl Marx, mit Friedrich Engels, Wolf(dem Kasematten-Wolf— Lupus— dem das„Kapital" gewidmet ist), Freiligrath, Tränke, die„Nene Rheinische Zeitung" gegründet und das Banner des Sozialismus entfaltet— allein es war ein Predigen in der Wüste. Zur Zeit ihres höchsten Abonnciitenstandes hatte daS Blatt, welches heute noch unsere Bewnndernng erregt, keine 3000 Abonnenten. Die Grundlagen und Voraiissetznngen einer sozialistischen Bewegung waren nicht vorhanden. Tie einzige wirkliche Arbeiterorganisation von irgend welcher Bedeutung: der Berliner Niaschinenarbcitcr- verein, wurde vom Bürgerthnm bemnltcrt und sonnte sich in der Gunst des Biirgcrthnms, das selber noch keine Ahnung von dem Klassengegensatz hatte und in den Arbeitern freiwillige Dienstboten und— Schutzmänner erblickte. Als es an die Bewaffnung der Arbeiter ging, um die von allen„Nicht-Regie- rnngsmensche»" geforderte Volksbewaffnung durch- zuführen, da kam allerdings bald das Mißtraneii und die Furcht. Tic Jiinischlacht vollends machte der„Harmonie" ein Ende. Das deutsche Bürgerthnm in seiner nn- geheuren Mehrheit wurde von Angst und Schrecken erfüllt— empfand Granen vor der„Anarchie" und sehnte sich nach„geordneten Zuständen", das heißt nach einer„starken Regierung" und vor Allem nach einer starken Polizei. Mit anderen Worten, das bürgerliche Element hörte ans, eine Stütze der Bewegung zn sei»: es wurde im Gcgcntheil ein Henininiß. Und die Arbeiter stellten noch keine selbstständige, genügende Kraft dar. Das Bürgerthnm nicht mehr, das Proletariat noch nicht. I» diesem„Nicht mehr"-und„Noch nicht" drückt sich das Schicksal der Märzrevolntio» ans. Und nicht blos der Märzrevolntion. Dieses Nicht mehr— Noch nicht kennzeichnet die ganze Geschichte des letzten Halbjahrhnnderts und wirft seinen Schatten bis über das neunzehnte Jahrhundert hinaus in's zwanzigste. Wie weit, das läßt sich noch nicht berechnen. Bis die Tragweite der Ereignisse abgemessen, der Inhalt und das Wesen weltnmwälzcnder Be- wegnngcn von den Massen erfaßt ist— das dauert so lange. Je größer die Masse— das lehrt uns scho> die Physik, deren Gesetze znni Theil auch für die Politik gelten je größer die Masse, desto schwerer sie in Bewegung zn bringen, desto länger dauert es, bis sie in Bewegung ist. Dafür über- dauert die Beivegnng aber auch die bewegende Kraft und setzt die Wirkung sich noch so.t, wenn die Ursache schon aufgehört hat, was seinerseils wieder für eine neue Bewegung hinderlich ist. Nehmen wir die ökonomische Revolution, die das Bürger- thnm aus einem Faktor der Nevolulion zu einem Faktor der Reaktion gestaltet und in dem Proletariat einen nenen revolutionären Faktor geschaffen hat. Diese Revolnlion kennte im Jahre 1848 von Männern wie Marx und Engels, die in England bereits die Vollendung der in Deutschland erst bc- ginnenden Revolution geschaut hatten, erkannt ziiid in ihren Wirkungen vorausberechnet werden— von den Volksmassen, welche die Erfahrungen Englands nicht vor Augen hatten, war das jedoch nicht zu ver- langen. ES war unmöglich, daß der Sozialisnius da- 188 Die Acue UVIt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. der mir sein dynastisches Interesse im Auge hatte, eine entscheidende Niederlage zngefiigt. Auch das>var eine Warnung an die Herren Luft- stein-Banmeister in Frankfurt am Ntain. Doch für sie gab es keine Warnungen. Sie lebten eingesponnen in ihre Dok- trinen und hatten, da der Ver- such, im südwestlichen Zipfel Deutschlands die Republik aus- zurufen, mißglückt war, keine Sorge mehr. Das Einzige, was sie fürchteten, war das Volk, die einzige Kraft, welche das Ideal der deutschen Freiheit und Einheit hätte perwirklichen können. Welchen Grund hatte das Volk, zu murren? Schenkten sie ihm nicht die Grundrechte? Kein Ztveifel, es war fleißig, das Frankfurter Parlament. Wer die fünf dicken Quart- bände mit den Reden, die in einem Jahr— so lange ungefähr dauerte die Herrlichkeit — in der Paulskirche(ein böses Omen, daß das erste deutsche Parlament in eine Kirche ein- quartirt war!) gehalten wurden, sich ansieht, sie durchblättert und gar durchliest, der kann sich eines gewissen Respektes nicht er- wehren— und des Bedauerns nicht, daß so viel Fleiß so schlecht angewandt worden ist. Und doch war es so gute Arbeit ß1 gut dem Zweck und dem Inhalt nach. Die Grundrechte des deutschen Volkes— die Pres;- sreihcit, die Gewissensfreiheit, die Vereiusfreihcit— alle inög- lichen Rechte und Freiheiten, und alle möglichen Garantien der Rechte und Freiheiten— auf dem Papier. Die ,, Menschen- rechte", welche die französische Zlatioualversammlnng entworfen und die„Oeelaration ok Rights der amerikanischen Unabhängig- keits-Akte— waren nichts, ver- glichen mit unseren Grundrechte» — auf dem Papier. Die„ deutsche Griindlichkeit" hatte sich an de» Grundrechten gründlichst be- währt. Wir hatten sie beschämt, die oberflächlichen Franzosen n»t> die unwissenden Amerikaner. Aber die oberflächlichen Fra»- zosen hatten, ehe sie die„Men- schenrcchte" aufstellten, die Bastille gestürmt, und die un- wissenden Amerikaner, ehe si� die„Erklärung der Rechte' schrieben, die Unabhängigkeit erkämpft— nnd das Frankfurter Parlament zäumte das Pferd ani Schwanz auf: es sehte die „Grundrechte" fest, ehe es die Unabhängigkeit erkämpft H»tfr Da kam plötzlich eine neue Warnung— eindringlicher»ls jene ersten gewesen. Der Ver- rath in Schleswig-Holstci» ist vollendet, das in der Wilde»- brnch'schen Depesche dargelegte Programm des Schein- kriegs mit Dänemark, der ein wirklicher Krieg gege» das deutsche Volk nnd die deutsche Revolution sei» soll'e, ist, soweit es sich in Schleswig-Holstein ver- wirklichen ließ, verwirk.icht— am 26. August 184s wird der Waffenstillstand von Malmoe abge- schlössen, der die„stammverwandten Brüder" de» Dänen überlieferte. Ein Schrei der Entrüstung durch ganz Deutsch- land. Das Frankfurter Parlament, das diesnim mals ans deutschem Boden als einheimisches deutsches Gewächs entstehen konnte. So finden wir auch, daß die Sozialisten oder Kommunisten des Jahres 1848 ausnahmslos entweder durch Aufenthalt im weiter entwickelten Auslände oder durch Studium der französischen und englischen Sozialisten zum Sozialismus gebracht waren. Daß unter solchen Umständen der Sozialismus in der M'ärz- reuolntiou keine hervorragende, überhaupt keine selbstständige Rolle zu spielen vermochte, das bedarf keiner weiteren Erläuterung. Was haben wir denn vierzehn Jahre später erlebt, nachdem die ökonomische Revo- lution sich in Deutschland er- heblich weiter entivickelt und anßerordentli he Fortschritte ge- macht hatte? Lassalle trat auf und zeigte den deutschen Arbeitern, daß diese ökonomischcRevolntiondicJntcr- essen der Arbeiter nnd Proleta- ricr denen der Arbeitgeber und Kapitalisten entgegensehe und feindlich mache— daß in Folge dessen die Arbeiter in der poli- tischen Bewegung nicht mehr mit dem Biirgerthlim zusammengehen könnten, sondern als selbststän- dige Partei sich zu orgauisiren hätten. Was war die Wirkung seiner Worte auf die deutschen Arbeiter? In Berlin hörten sie ihn garnicht an, nnd im übrigen Teutschland waren es wenige Tausende, die in seinen„All- gemeinen deutschen Arbei- terverein" eintraten. Es dauerte noch gut sieben Jahre, ehe die Logik der Thatsachen in die Blasse der Blassen gedrungen war und sie in die Beivegung trieb. Doch wir sind im Jahre acht- zehuhundertuudachtunbvierzig. Die Juuischlacht ist geschlagen, das Rückgrat der Revolution ist gebrochen, und Gagern,„der ge- borene Präsident", der vollendete Typus des deutschen Liberalis- mus, der sich nach langem Siech- thnm und unzähligen Mause- rungcn allmälig im Laufe der Zeiten zu dem rückgratlosen Weichthiere, genannt National- liberalismns, entwickelt hat— und Gagern hat seinen„kühnen Griff" gethan. Teutschland hatte ein Oberhaupt. Das Oberhaupt, aber keine Beine und keinen Leib. Blos ein Haupt— iiber das man in Berlin die Nase rümpfte, und in Wien auch.„Blau"— das ist die Reaktion, die Nacht- lnft witterte und die zu merken anfing, daß die Revolution, vorder sie so feige iu's Mausloch gekrochen war, keinen Kopf hatte. Und der„Reichsvermoderer" war sicherlich kein Kopf, vor dem sie zu zittern brauchte. Das Frankfurter Parlament aber war„praktisch". Es hatte dem Reich ein„Oberhaupt" gegeben; es gab dem„Oberhaupt" ein Ministerium. Ein Reichs- Ministerium. Tie Reichsregierung war fe.tig! Eine Rcichsregierung— aber kein Reich. Tie kleinen Staaten, die der Volksströmung folgen mußten, er- klärten sich für die Reichsregiernng. Die zwei Groß- staaten, auf die allein es ankam, hielten zurück— machten nur die allernothwendigsten Zngeständniffe, und orgauisirten ihre Streitkräfte. Namentlich die Armeen. Es war die Zeit, wo das Sprüchwort aufkam: Gegen Demokraten helfen nur Soldaten! Die preußischen Soldaten waren nach der Nieder- läge des 18. Blärz gegen die Dänen geschickt worden. Wignon.(Nach Goethe.) Lebensgroße Marmorstatue von Joseph v. Kopf. lind dort übten sie sich in einem Scheiukrieg, den die preußische Regierung selbst in Geheimdepcschcn als solchen bezeichnet hat— fiir den Revanchckrieg nach innen.„Der Prinz," ihr Führer, war ivieder zurückgekommen. Und die österreichische Armee unter Radetzky, von der ein Dichter der Reaktion saug: „In Deiueni Lager ist Oesterreich", nämlich die Dynastie der Habsburger, hatte in Italien bei Custozza(am 25. Juli) der italienischen Revolution, schlecht geführt von dem Savoyer König Karl Albert, Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 189 Zufällig mit deni Volk fühlt, verwirft— freilich mit geringer Mehrheit— mn 5. September den Waffenstillstand, geht aber sofort in sich, erkennt, daß es nicht„staatsniännisch" ist, mit dein Volke ZU fühlen, stößt elf Tage später, am 16. September, den Beschluß des 5. September wieder»in und bestätigt den Waffenstillstand. Und in dein Waffen- Itillstmid bestätigt das Parlament den Verrnth gegen die Revolution, der es seinen Urspning verdankte. Ist größere Knrzsichtigkeit oder Tollheit denkbar? Tie Trennung zwischen Parlament und Volk war mm vollzogen, und ohne ein Riese oder Halbgott Z» sein, hatte das Frankfurter Parlament an sich selber das vollbracht, was Herkules' an Antäns, um ihn�zn überwinden: es hatte sich von der Mutter ®rbe entfernt und die Quelle seiner Kraft freiwillig Erlassen in selbstniördcrischer Verblendung. Theil der Truppen mit dem Volk sich verbrüderte. Dieses war Herr der Hauptstadt, aus der die Re- gierung flüchtete. Aber die Dynastie hatte eine siegreiche Armee— siegreich in Böhmen, sieg- reich in Italien, und von allen Seiten zogen die Truppen sich um Wien znsammen. In ganz Teutschland unbeschreiblicher Jubel. Der Revolntionsvulkan schien sich wieder geöffnet zu haben. Begeisterte Jünglinge und Männer eilten nach Wien. Die Linke des Frankfurter Parlaments schickte zwei der Ihrigen hin, um dem Volke von Wien zu zeigen, daß Teutschland mit ihm war. Die Zwei waren Robert Blum und Fröbel. Ter Wahn ivar kurz, das Unvermeidliche trat ein. Tie militärische tlebermacht siegte iiber die Begeiste- rung des Volles, dem obendrein der Verrath in den Rücken siel. Tie Scheidung zwischen Arbeitern und und die Acra des Standrechts begann. Am 9. No- vember 1848 wurde Robert Blu m auf der Bri- gittenau erschossen und damit dem Frankfurter Parlament ein blutiges Jlernento mori au die Wand gemalt. Der 9. November 1848 sah noch ein anderes Ereigniß. Die Reaktion in Deutschland war nicht weniger thätig gewesen, als die in Oesterreich. Gegen das Volk waren die Dynastien allezeit einig, so grimmig sie auch im Uebrigen einander haßten und bekämpften. In Berlin war Alles vorbereitet für die Revanche. Die Garde, die am 19. März von dem siegreichen Volk ans Berlin ivar getrieben worden, zog an demselben neunten November wieder in Berlin ein, mit„Vater Wrangel" und dem Belagerungszustand.(Forg-tzung folgt.) . Die Empörung des Volkes führte zu zwei Anf- Jmiiben. In Frankfurt Straßenkampf, der durch 7� militärische Uebermacht bald erdrückt ward— m Baden ein zweiter, natürlich erfolgloser Versuch, mk Republik zu proklamiren. Das Parlament, welches, gestützt auf das Volk, me in den Dynastien verkörperte Reaktion zu über- milideii hatte, wenn anders es seine Aufgabe der 'Verstellung eines einigen und freien Deutschlands sksälleu wollte— hatte sich zum Werkzeug dieser Auktion gemacht. Was Augen hatte zu sehen, sah, Q& das Parlament nur noch für den Papierkorb er Geschichte arbeitete. Noch einmal— im Oktober— leuchtete den voffnungsseligen ein Hoffnungsstrahl. Wien hatte !'ch erhoben. Die Deutschen dort, mit jenem Gefühl '�ernationaler Gerechtigkeit, mit jenem Weltbürger- swni(Kosmopolitismus), diesem wohl einzigen Gut, wir unserem politischen Elend verdanken— machten gemeinsame Sache mit den Magyaren, 'e das habsbnrgische Joch abschütteln wollten. Das *°lk verhinderte den Ausmarsch der Truppen gegen ,e Ungarn und siegte im Straßen kämpf, ivobei ein Nach dem Gemälde von B. Genzmer. Bürgern ivar, unter dem Einfluß der Junischlacht, bereits so weit gediehen, daß die Bürger vor den Arbeitern mehr Angst hatten, als vor dem Reaktions- Heer, und daß sie das Pulver der kämpfenden Arbeiter durch Beimischung von dunklem Saud unbrauchbar machten. Der gleiche Beweggrund trieb 15 Jahre später das deutsche Biirgcrthnm in die Arme Bismarck's, der ihnen weniger verhaßt war, als die Arbeiter gefürchtet. Dieses Gefühl hat das Bürgerthnm in den Dienst der öieaktion gestellt und bestimmt seit einem halben Jahrhundert den Gang der Entwicke- lnng auf dem Festlande von Europa. Einzig Eng- laiid ist dieser rückläufigen Bewegung entgangen, weil das englische Bürgerthum früher reif war, als das Bürgerthnm anderer Länder, und auch sonst, durch die Verhältnisse begünstigt, seine politische und ökonomische Macht so fest begründen konnte, daß es Vertrauen zu deren Bestand hat, an die Möglichkeit einer gewaltsamen Revolution nicht glaubt und den Weg der Reform und des organischen Fortschritts für innner gesichert hält. Wien wurde von dem Reaktionsheer erstürmt, Von: Wekkerprophezeien. Von Fr. Elirlc». t as Wctterprophezeicu ivar in alter Zeit, nnment- lich im Mittelalter, nicht ungefährlich. Sagte Jemand ein Unwetter vorher, und traf das- selbe ein, so sah mau in ihm nicht nur den Wetter- Propheten, sondern vielmehr den Wettermacher, der durch sein Bündniß mit dem Teufel das Unwetter herangezanbert hätte. So lesen wir in einer alten Chronik der Stadt Osnabrück:„Anno 1596 hat nian in unserer Stadt Ossenbrukh auf einen Tag 166 Unhnlden verbrennet, weil sie haben ausgehen lassen grausame Wetter und Wasserguß mit Hagel, und haben großen Schaden angericht durch ihr Tenffels Knust." Da war doch der Glaube der alten Griechen und Römer, die ihre Götter je nach ihren Launen donnern und blitzen oder schön Wetter machen ließen, besser, insofern er harmlos war. Neben den götterglänbigen Leuten gab es aber doch schon in alter Zeit auch solche, welche meinten, Alles, was sich in der Natur ereignet, nmß auch seine 190 Me Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. natürlichen Ursachen linben. In Bezug ans die Witterungserscheinnngen war es nun freilich nicht ganz leicht, die richnzen Ursachen herauszufinden, und so stellt denn die Geschichte der Erklärung des Wetters eine grosze Kette von Jrrthiimern und wunderlichsten Behauptungen dar. Sobald nun das Gebiet der Voransbestim- mnng des Wetters betreten wird, begegnen wir auch heute noch einer ganzen Zahl irrthümlicher Meinungen, die weit verbreitet sind. Die Hauptursache des Um- standes, daß diese Jrrthümer so schwer auszurotten sind, liegt darin, daß eine zufällig einmal ein- getroffene Prophezeiung einen sehr viel tieferen und nachhaltigeren Eindruck macht, als eine ganze Reihe nicht eingetroffener, die zum guten Theil garnicht beachtet-und schnell vergessen werden. Da man von den Grundlagen, auf denen die heutige Meteorologie oder Wetterwissenschaft beruht, in früherer Zeit noch nichts wußte, so suchte man zunächst in den Sternen, um die Einflüsse, die das gute oder schlechte Wetter bringen, zu erkennen. Das darf nicht weiter Wunder nehmen; wollte man doch nicht nur bevorstehende Naturereignisse oder weltgeschichtliche Begebenheiten in den Sternen lese», sondern sogar das Schicksal des einzelnen Menschen von ihnen beeinflußt wissen. Als jedoch die Richtig- keit der Wetterprophezeiungen ans den Sternen gar zu viel zu wünschen übrig ließ, da glaubte man als Ersatz im Mondwechsel eine Erscheinung gefunden zu haben, deren Einfluß ans die Witterung von größter Bedeutung sei. Daß dem so sei, wird auch heute noch vielfach geglaubt, ohne daß sich indessen der geringste wissenschaftliche Beweis für diese An- nähme erbringen läßt. Auch die Prognosen(Vorher- sagungen) des bekannten Professor Falb, der immer noch eine große Zahl Gläubiger findet, beruhen zum guten Theil auf der Annahme eines Mondeinflnsses. Man weiß, daß Fluth und Ebbe durch den Blond hervorgebracht werden. Vollmond und Nenmond üben eine beträchtliche deutlich erkennbare Anziehungs- kraft auf die großen Wasserflächen der Bleere aus, und es ist ja vielleicht nicht ganz von der Hand zu weisen, daß sie einen ähnlichen Einfluß auf die die Erde umgebende Lufthülle— deren verschiedene Be- schaffenheit eben das„Wetter" bedingt— ausüben. Indessen ist darüber noch nichts Bestimmtes nach- gewiesen, und infolgedessen kann sich Professor Falb unter den Mciiineru der Wissenschaft kein Vertrauen erwerbe». Ein aufmerksames Verfolgen der Falb'schen Prognosen läßt denn auch erkennen, daß ein Nicht- eintreffen häufiger ist als ein Eintreffen der vorher- gesagten Witternngserscheinnngen. Daß die Zahl der Anhänger dieses Propheten dennoch eine große ist, erklärt sich aus dem schon oben angeführten Umstand, daß eine richtige Prophezeiung mehr Ein- druck macht, als zehn falsche. Gänzlich falsch ist die auch heute noch weit ver- breitete Ansicht, daß der Mondwechsel stets oder auch nur meistens einen Witterungswechsel im Gefolge habe, daß nach jedem Vollmond oder Neumond sich das Wetter ändern müsse. Ter deutsche Physiker Gronau wies schon auf Grund ihm zur Verfügung stehender hundertjähriger Beobachtungen nach, daß sich bei Nenmond das Wetter in 4l Prozent aller Fälle änderte, bei Vollmond in 39 Prozent, so daß also bei 59 rcsp. 91 Prozent des Mondwechsels die Witterung ihren bisherigen Eharakter beibehielt. Aehnliche Verhältnisse sind auch in neuerer Zeit be- rechnet. Nach Beobachtungen ans dem Jahre 1898 stellten sich für die Btonate. Januar bis November vorigen Jahres für das untere Elbgebiet die Ver- Hältnisse folgcnderinaßen: Bei L3 in diese Zeit fal- lcnden Mondwechseln behielt das Wetter in 12 Fällen seinen Eharakter gänzlich unverändert bei, in 11 Fällen änderte es sich. Bei diesen 1 1 Fällen bestand die Acndernng ö Mal in einem Slärkerwerden des Windes, 4 Mal wuchs dabei der Wind zum Sturm an. Die beiden Mondwechsel im Januar brachten einige der im vorvergangenen Winter so seltenen Frosttage. Da sich aber noch zweimal außerhalb des Blondwechsels Kälte einstellte, und auch im Februar und März je 2 Mal Kälte zu anderer als Vollnwnds- oder Neu- mondszeit eintrat, so kann man diesen Erscheinungen auch keine Bedeutung beilegen. Auch die Meinung, daß der Vollmond eine Wolken zertheilende Kraft besäße, ist irrig, wie durch eine längere Beobachtnngsreihe nachgewiesen ist. Eine andere Bedeutung als der Blond besitzt die Sonne für die bevorstehende Witterung. Nicht des- halb, tveil ihr Scheinen gutes Wetter und ihr Ver- decktsein im Allgemeinen schlechtes Wetter bedeutet, sondern wegen der Sonnen flecken, die sich von Zeit zu Zeit an ihrer Oberfläche zeigen. Was diese Sonnenfleckcn sind, weiß man nicht genau. Einige fassen sie als in der glühenden Sonnenatmosphäre schwebende wolkcnartige Gebilde auf, Andere halten sie für schlackcnartige Abkiihlnngsprodnkte auf der Oberfläche des festen Sonncnlörpers. Wie dem auch sei, es scheint festzustehen, daß das Erscheinen einer größeren Anzahl von nicht zu kleinen Sonnenflecken eine Zunahme der Niederschläge ans der Erde im Ge- folge hat, daß namentlich auch vermehrte Hagelschläge in von Sonnenfleckcn reiche» Jahren zu erwarten sind, eine Annahme, die daS Jahr 1898 bestätigt hat. Die Untersuchungen hierüber sind noch nicht abgeschlossen, aber es,, steht bestimmt zu erwarten, daß man das Auftreten von Sonnenflecke» mit der Zeit für die Wette» Prognosen wird verlverthen könne». Der heutige Stand der wissenschaftlich betriebenen Meteorologie erlaubt eine Wetterprophezeiung auf längere Zeit voraus überhaupt noch nicht. Der Volksglaube ist darin weniger gewissenhaft und kennt eine ganze Menge Zeichen für das bevor- stehende Wetter einer Jahreszeit, die zum Theil in schönen„Bauernregeln" ihren Ausdruck finden. Wie sinnlos viele derselben sind, geht schon daraus her- vor, daß sie zum Theil an bewegliche Festtage an- knüpfen. Z. B.„Gründonnerstag heiter, bleibt's eine Woche weiter" und dergleichen. Daß sich die Natur nach diesen ganz willkürlich festgesetzten Tagen richten soll, die in einem Jahr vier Wochen früher oder später sein können als in einem anderen, ist doch wahrlich etwas viel verlangt! Die Bezeichnung einzelner Kalendertage für vor- anssichtlich eintretende Wetteränderungen hat immer- hin einige Berechtigung, z. B. bringen die Tage um die sogenannten„Eisheiligen" Pankratius, Servatius und Mamertus thatsächlich fast in jedem Jahr Nacht- froste oder doch wenigstens kühleres Wetter. Auch das Prophezeien von sieben Wochen Regenwetter, wenn solches am„Siebenschläfer" oder am Johannis- tag eintritt, hat noch einige Berechtigung, weil Südwest- wind, der uns Regen zu bringen pflegt, häufig langeZeit anhält, wenn er um die genannten Tage herum eintritt. Auch das Thierreich und das Pflanzenreich liefern dem Volksglanben Material zu Wetterprophczcinngen, deren Werth indessen gleich Null ist, wenigstens da, wo es sich um Vorhersagungen iiber einige Stunden hinaus handelt. Aus dem friihcren oder späteren Eintreffen oder Fortziehen der Zugvögel will man auf einen frühen Schluß oder Beginn der kalten Jahreszeit schließen können. Fortgesetzte Bcobach- tiingen haben indessen erwiese», daß die Vögel nur den jciveilig vorhandenen Witternngseindrllcken folgen, nicht den in Zukunft zu erwartenden. Wäre es damit anders, so würden nicht so häufig zahllose Zugvögel verspäteten Friihjahrsfrösten zum Opfer fallen. Nicht selten wird man dagegen das Nichtige treffen, wenn man aus dem Fluge der Schwalben im Sommer auf das für die nächsten Stunden oder auch den nächsten Tagen bevorstehende Wetter Schlüsse ziehen ivill. Fliegen die Schwalben hoch, so ist Andaner des trockenen Wetters zu erivarten(ab- gesehen von Gewittern, vor denen die Schwalben auch hoch zu fliegen pflegen). Ziehen dagegen die Vögel dicht iiber dem Erdboden hin, so darf man auf baldigen Regen rechnen. Die eigentlichen Welter- Propheten sind aber nicht die Schwalben, sondern die Mücken und anderen Insekten, auf welche sie Jagd machen. Diese besitzen anscheinend ein sehr feines Gefühl für Aenderungen im Feuchtigkeits- gehalt der Luft. Sammelt sich in den höheren Luft- schichten Feuchtigkeit an, so steigen sie in die noch trockenen Luftschichten dicht iiber dem Erdboden hinab. Hierhin folgen ihnen dann die Schwalben, und da durch zeigen sie uns an, daß die Luft feucht zu zu werden beginnt, was ein gewöhnlicher Vorbote des Regens ist. Ein sehr feines Empfinden für Luftdrucks- n»d Fenchtigkeitsverhältnisse scheinen auch die Spinnc» zu besitzen. Das Verhalten der Kreuzspinne erlaubt Vcriinithnngen iiber das in nächster Zeit zu erwar- tcnde Wetter, die sich oft bestätigen werden. Spinut die Kreuzspinne am Morgen ein großes, schön gc formtcs Netz, so bleibt es voraussichtlich den Tag iiber trocken; bleibt sie aber in einer Ecke sitzen, st' ist ziemlich wahrscheinlich Regen oder Wind zu er- warten. Ans längere Zeit hinaus Schlüsse aus dem Verhalten der Spinnen zu ziehen, ist aber ein- schieden nnsinnig. Daß der als Wetterprophet st viel gerühmte und gefangen gehaltene Lanbfro ein ganz unzuverlässiger Geselle ist, merkt Jeder sehr bald, der den grünen Haiisfreniid einige Zeit be herbergt. Was nun die Vorhersage des Wetters in A»- kniipfnng an bestimmte Erscheinnngen im Pflanze»' reich betrifft, so steht es damit auch nur schlecht Es soll zum Beispiel einen harten Winter geben wenn die Wallnnßbän nie reichlich Frucht tragen Wenn das der Fall wäre, dann müßten die Wetterkarten unseres Vaterlandes ein recht buntes Ans sehen haben. Denn nicht selten gicbt es in einem Ort überreichlich Wallniisse, während in einem andere» dicht daneben liegenden die Bäume mir eine außer- ordentlich knappe Ernte ergeben. Das frühere oder spätere Abfalle» des Laubes von den Bäumen soll auch ein Zeichen für eine» zu erwartenden milden oder strengen Winter se»» Wer den Laubfall und seine Ursachen einigermaßen zn beobachten versteht, wird erkennen, daß ein ein- ziger Morgensrost im Herbste die Bäume gänzlich zn entlauben vermag. Tie noch in den Blaltsiieb ausätzen enthaltene Flüssigkeit gefriert alsdann»'st da das Eis mehr Raum eiilnimmt als die gleiche Menge Wasser, so iverden die Blätter abgcspreng» Es macht einen eigenthümlichen Eindruck, an eine»' absolut windstillen Morgen, der frostigen Nebel bring> die Bläst er von den Bäumen regnen zu sehen. Allst die Erschcinnng des Laubfalles richtet sich nach dc»l Wetter, das gerade zur betreffenden Zeit herrsA keineswegs nach dem, was in Zukunft zu erwarte» ist. lind ebenso ist es mit den nndercn Erschcinmig� aus dem Pflanzenreich, denen man eine Ziiliiiip kiindende Bedentnng beilegt. Du siehst also, lieber Leser, es steht traurig»l!! die volksthiimlichen Wetlerprophczeinngen. Und ivc»» wir Dir min auch noch sagen müssen, daß sogar de> Besitz eines wissenschaftlichen Jnftrnmentes, des Bar»' Nieters, für das Vorherkünden znkünstigen Wetten- auch nichts nützt, wie jeder glückliche Besitzer eine- solchen oft genng erfahren haben wird, so wirst~» wohl zu dem Schluß kommen, daß es das Beste ist das Prophezeien ganz zu lassen. Das ist denn auch in der That das Beste. D»- Vorherbestimmen des Wetters ist eine Wissenschast deren Erlernung nicht viel leichter ist, als die eilst-' anderen Zweiges der modernen Natnrwissenschaftcn Es gilt da die gleichzeitige imd sachkundige Leost achtimg einer ganzen Reihe von Instrumenten, MW gleichnng der Wetterberichte aus den verschiede» sst» Gegenden zn gleicher Zeit, und endlich das in Read nungziehen des jeweilig herrschenden Windes, dc' Bewölkung nnd anderer Wettererschcinungen. Das am besten organisirte Institut in diest Hinsicht ist die deutsche Secwarte in Hainbnrg, b» ja auch täglich Wetterberichte nnd Prognosen den folgenden Tag herausgiebt, deren Znverlässigkc» mit der Zeit eine bedentendc geworden ist. 80 bst 90 Prozent der Vorhersagnngen dieses Jnstitust- pflegen richtig zu sein.— Die Neue Welt. Illujlrirte Unterhaltungsbeilage. l.ji �1(0 TH cr Regen hatte seit vieruildzlvanzig Stunden nicht Bj aufgehölt. Zn dein kleinen Hotel in Engadin, s in dein wir den Sommer verbrachten, erdrückte uns schier die Langeweile. Wir waren von dem Talon in den Speisesaal, von dem Speisesaal in Salon geirrt und hatten den Regen betrachtet, der an die Scheiben schlug, die grauen Flore, die das Thal bedeckten, und die Dampfwolken, die die Berge umkreisten. Dann hatten wir mit dem Essen eine Stunde todtgeschlagen, und dann kam der lange 'lbend, der keine andere Unkerhaltnng bot, als daß wir auf die düstere Musik des Regens und des Windes lauschten. Wir waren im Salon versammelt, wo der Hotel- wirth ein tüchtiges Feuer hatte anzünden lassen. Unsere Gesellschaft war ivenig zahlreich. Es war da eine englische Dame mit mehreren Mädchen uud einem niedlichen kleinen Jungen: zwei schweizer Studenten: eine deutsche Familie, Vater, Mutter und drei Kinder: ein älterer Russe, der wie ein bensionirler Offizier aussah; endlich einer meiner Freunde und ich. Tie Damen hatten ihre Hand- arbeiten vorgenommen. Sie hatten uns zu rauchen gestattet und wir rauchten. Eine halbe Stunde zog �ie Unterhaltung sich hin. Wir quälten uns?llle ab, einen interessanten Gegenstand zu finden, aber Niemand fand Etwas. Plötzlich schlug der kleine Engländer vor, ein Jeder von uns sollte eine Ge- Schichte erzählen: das war die Rettung. Man schnitt Papierstiicke, warf sie in einen Hut und wir mußten Ziehen, wer zuerst erzählen sollte. Das Loos fiel auf den Russen, der ein ziemlich verlegenes Gesicht wachte. „Ich habe so wenig gelesen," sagte er,„ich habe nichts zu erzählen." „Es thut nichts, ob Sie etivas gelesen haben °der nicht," erwiderte ich.„Sie haben jedenfalls in Fhrein Leben manche seltsamen Dinge erlebt. Er- fahlen Sie uns irgend ein Abenteuer, das Ihnen islbst passirt ist; ich bin überzeugt, das wird Jedem lieber sein, als die schönsten Romane." „Abgesehen davon, daß die Wahrheit oft merk- würdiger ist, als die Romane," fügte die englische �anie hinzu. Tie übrige Gesellschaft schloß sich aus an, so daß der alte Herr schließlich nachgeben wußte. „Nun gut," sagte er,„ich werde Ihnen erzählen, wie wir in einem Urwald Sibiriens ein Dorf eut- akckt haben." �« * , Tos Leben ist in de» sib rischen Garnisonen Zwmlich langweilig, namentlich in den kleinen Städten, wo man vernrtheilt ist, stets dieselben Gesichter zu sthen, dieselben Scherze zn hören und sich in dem- wiben Kreise von Pflichten und Vergniignngen hernm- Zudrehen. Die Bücher waren zn jener Zeit selten •""" denn ich lag seit mehr als llO Jahren in B. in Garnison—, die Zeitungen erhielten wir mit zwei- Uwnatlicher Verspätung. Wir lödleten die Zeit, so üut wir konnten, indem wir sangen, tranken und Kurten spielten. Manchmal veranstaltete ein vcr- heiratheter Offizier oder Beamter einen Ball; das hwr ein heiß ersehntes Fest, und noch lange Zeit 'Wach man darüber. . Ich war schon seit vier Jahren in B., als stues Tages einer meiner Kameraden in mein Zimmer Jwrjte und erregt ausrief:„Plan hat eben im Wolde ein Dorf entdeckt!" „Sind Sie verrückt? Der Jspraivnik kennt .uch das Land ans zehn Rteilen in der fliiinde bis w de» kleinsten Winkel hinein! Wo sollte sich dieses �wuf denn die ganze Zeit über versteckt haben? Fauler Witz!" Doch mein Freund versicherte, die Sache wäre w°hr. Die'Nachricht wäre nach B. von einem Landstreicher gebracht worden, de» man anfgegristen, 1)18 er in ein Hans hatte gehen ivollen, und der geglaubt hatte, straflos auszugehen, wenn er die wstenz dieses geheimnißvollen Dorfes verrieth. Eine Kroberung Nach dein Nnsflschen des Gregor Matschtctt. Er erzählte, er hätte sich im Walde verirrt, wäre mehrere Tage nmhergeivandert und hätte im Augen- blick, da er vor Kälte und Hunger zusammenbrach, das Dorf bemerkt, das im tiefsten Grunde des Waldes versteckt lag. Die Bewohner des Dorfes hatten niemals Frenide gesehen; sie hatten keine Ahnung von der Welt, die hinter dem düsteren Walde lag. Sie hätten den Landstreicher beinahe getödtet, um ihn zn hindern, ihre Zuflucht an- zugeben, doch die Dorfältesten hatten sich für ihn verwendet. Plan hatte ihn nur schwören lassen, das Geheininiß zu bewahren; cr hatte es ans ein Kreuz von weißem Holze geschworen und ihnen außerdem versprochen, sie nie zu verlassen. Einige Zeit hatte er bei ihnen gelebt; doch das Leben war ihm unmöglich ohne Schnaps und Tabak, und so war cr entflohen. Ich ergriff nieine Bärenmütze und eilte nach dem Polizeibnrean; der Vagabund war in eine schwarze Zelle eingeschlossen, die für die Landstreicher und Trunkenbolde als Gefängniß diente. Ich sah ihn von einer nngbheneren Menge umringt, wohl der halben Einwohnerschaft der kleinen Stadt. Biaii legte ihm auf einmal so viel verschiedene Fragen vor, daß ich mich frage, wie er dabei seinen Ver- stand behalten konnte. „Sind die Bewohner des geheimnißvollen Dorfes arm und hungrig?" fragte ihn der Polizei-Sekretär. „Durchans nicht. Sie sind wohlhabend, besitzen mehr Brot, als sie verzehren können, und bedeutende Vorräthe an Fischen, wie auch an Hühnern und Kühen. Sie arbeiten Alle brüderlich zusammen und werden von einem Greise berathen, dem sie wie einem Vater folgen." „lind sind sie orthodoxe Christen?" fragte unser Pope, der Pater Arefa. „Nein, es sind Ketzer, sie sind altgläubig." „Giebt es bei ihnen eine Schenke?" fragte einer der Anwesenden, ein gewisser Polonsky, der mit Branntwein handelte! „Nein, sie wissen nicht einmal, was das ist." Wir waren Alle sehr aufgeregt und dachten an die Mittel, dieses Dorf zu belagern und seine Be- wohner zu Gefangenen zu machen, bevor sie von unserem Plane noch Wind bekommen konnten. Das war gerade das Wild, das wir uns wünschten. Wer kümmerte sich nni das Schicksal eines einsamen, nnbekannten Dorfes? Alle unsere Jägerinstinlte waren in Aufruhr, ganz abgesehen von unserer Neugier, dieses Phänomen zn sehen, eine ganze Bevölkerung, die seit einein Jahrhundert und länger in völliger Unkenntniß unserer Zivilisation, ohne Geld, ohne Gerichte, ohne Polizei lebte. Endlich wurde ein Plan vorgeschlagen und ein- stimmig angenommen. Wir wollten die Kälte ab- warten, die bald eintreten mußte; und wenn die Erde gefroren war, wollten wir in Blasse gegen das Dorf ziehen und es so umzingeln, daß Nie- niand entwischen konnte. Nie hatten wir, seit wir in Sibirien waren, den Winter so ungeduldig er- wartet. Indessen hatten die Bewohner des geheininiß- vollen Dorfes keine Ahnung von unserem Dasein. In der Tiefe der Wälder, im Schatten der Zedern, jenseits der sieben Seeen und der Sumpfnebel lebten sie dahin, ohne sich um die übrige Welt zn kümmern. Ihr Dorf war zweifellos von einer Schaar Alt- gläubiger gegründet worden, die im Herzen des Waldes eine Zuflucht vor den Versuchungen dieser Welt gesucht hatten. Nach und nach hatten sich ihnen andere Kolo- nisten angeschlossen, Sträflinge, denen es gelungen war, zn entfliehen, und die hier»ach wochenlangem Umherstreifen eine Zuflucht gefunden hatten; � Deserteure, die der Zufall hergeführt und die ihr altes Leben im Schweigen der hohe» Bäume vergessen hatten. So hatte die Bevölkerung sich langsam ver- mehrt. Alle lebten glücklich, vollkommen glücklich. Sie trugen Kleider, die sie selbst nähten; während der kurzen Sommerwochen erfreuten sie sich der Sonne und in den langen Win ernächteu betrachteten sie die phantastischen Reflexe des Nordlichts am düsteren Himmel. Die Gebräuche unserer Gesell- schaft waren ihnen nnbekannt: sie wußten nicht, was kaufen, was verkaufen heißt; das Wort„Pflicht" hatte für sie gar keine Bedeutung. Sie arbeiteten, um dem Hunger und der Roth zu entgehen und verzehrten, was sie produzirtcn. An der Spitze stand ein Greis, Namens Prof; das war der einzige Mann im Dorfe, der sich an die Traditionen und Gewohnheiten der zivilisirten Gesellschaft erinnerte. Unter seiner Leitung vertheilte die Gemeinde die Lebensmittel nach den Bedürfnissen eines Jeden. 'Nie weigerte man sich, die Landstreicher anfznnehnien oder den Sträflingen Gastfreundschaft zn geben. Man nahm sie ans und theilte mit ihnen; man be- handelte sie als Brüder und verlangte von ihnen, sie sollten schwören, das Dorf, so lange sie lebten, nicht zn verlassen. In ihren Augen gab es keine Verbrecher: die Sträflinge waren nur das Opfer eines Verhängnisses, sie waren unter dem Gewicht einer für sie zu schweren Last zusammengebrochen. Sie nannten unsere Verurtheilten„Gottesmänner". während wir, die zivilisirten Blenschen und im All- gemeinen alle Einwohner der Welt, für. sie schwarze Raben waren. Ich erfuhr alle diese Einzelheiten einige Zeit darauf von einem alten, braven Mann, der lange Zeit in der Gegend Richter gewesen war. Er hatte übrigens schon anderswo in Sibirien Dörfer der- selben Art gesehen. Die ungeheueren Wälder und endlosen Ebenen bieten den Deserteuren, den ent- flohenen Sträflingen, den verfolgten Fanatikern sichere Zufluchtsorte. * �* Endlich kam der Frost und wir setzten den Tag unserer Expedition fest. Die Damen unserer Gesell- schaft bestanden darauf, uns begleiten zn dürfen. Tie Schönheit der Stadt, Musa Kondratjewna, lernte das, Schießen, um einem dieser Rebellen das Herz durchbohren zu können. Wir verabredeten, i» der Lichtung ein Pick-nick zu arrangiren; die Damen sollten für die Speisen sorgen. Wir brachen in bester Stimmung zu Pferde auf,' sangen, schrieen und lachten. Unsere Leuten waren in vier Gruppen gethcilt, an deren Spitze je Einer von uns stand. Der Polizeimeister sollte das Dorf von der Oslseite her angreifen, der Jspraivnik, der von dem Landstreicher geführt wurde, sollte von Norden kommen. Ich hatte das.Kommando der Nordgruppe; ein anderer Offizier befehligte die siid- liche. Der Vater Arefa hatte durchaus mit uns mitkommen wollen. Eine Soldatenkette verband die vier Gruppen. So bildete unsere Armee denn einen vollständigen Kreis. Wir wollten das Dorf um- zingeln und Niemand konnte entwischen. Wir erreichten das Dorf Alle zusammen, und groß war unsere Freude bei dem Gedanken an die Ueberraschnng der Einwohner, wenn sie uns erblicken würden. Doch das Dorf schien wie todt. Kein Mensch rührte sich, kein Hund bellte, man hätte glauben können, sich an einem verlassenen Orte zn befinden; nur das Schweigen war so düster, daß wir darüber ganz bestürzt waren. Bestürzt sahen wir uns an. Wir hatten Ge- schrei, Drohungen erwartet und hoffte», eine zitternde Menge zu sehen, die sich zu den Füßen unserer Pferde drängten, doch statt dessen nichts als dieses entsetzliche Schweigen. Der Jsprawnik war der Erste, der sich von seinem Entsetzen erholte.„Der Teufel hole diese verdammte Brut!" rief er wüthend. Doch bald kam er auf de» Gedanken, die Einwohner hielten sich vielleicht in ihre» Hänsern oder Kellern ver- steckt und richteten diese gräßlichen kleinen Gewehre auf uns, die das Eichlätzchen in die Nase, den Bären in? Ohr treffen und so schnell und gcränsch- 193 Die Heue Hielt. Illustrirte Ilnterhaltungsbeilage. los tödteil! Wir fingen an, uns sehr unbehaglich zn fühlen. Ter Polizeiineister flieg ooi» Pferde und verkroch sich hinter seinem Roß, während ein anderer Offizier seinem Beispiel folgte. Sogar unser tapferer Hauptmann legte sich flach auf den Hals seines Thieres und der Jsprawnik versteckte sich hinter einem Banm. Glücklicherweise hatten wir Polonsky bei uns, der an der polnischen Revolution theilgenommen hatte und zu Allem bereit war. Er machte sich über unsere Furcht lustig.„Bei Gott!" sagte er zu uns, „ich habe ganz ändere Dinge gesehen. Diese Thiere verstecken sich in ihren Kellern, wie Ratten in ihren Löchern; doch seien Sie unbesorgt, ich übernehme es, sie herauszulocken." lind unter seiner Führung schritten wir auf die ersten Häuser zu. „Niemand hier!" rief Polonsky, nachdem er in eines der Häuser gedrungen war. Dann blinzelte er mit den Augen und suchte weiter. Wir schämten uns unserer Feigheit und schworen, das; wir nicht die geringste Furcht gehabt hätten. Ter Hauptmann machte sich am Zügel seines Pferdes zu schaffen, die Anderen suchten sich zn fassen, so gut sie konnten. Auf Augenblicke sahen wir Polonsky wieder erscheinen; er durchsuchte alle Winkel; und seine fröhliche Niiene hatte genügt, uns zu beruhigen. Dennoch vergingen die Minuten sehr langsam, und unsere Herzen schlugen zum Zerspringen. Um IeuiLseton. Sotnmerabenö. r$|lar ruh'» die Hüfte auf her weiten Flur; Fern kämpft kcr Kee, das hohe Hohridjt flimmert, Am Achilfe glüht Sic letzte Honnciifpur, (|iii blasses Wölkchen röthet(ich uuö schimmert. Asom Wieseiigrunke naht ein Klochenton, Ein Duft von Hhau entweicht 8er warmen Krke, Am stillen Walde lauscht öie Aämm'rung schon, Ser Fzirte sammelt seine satte Heerde. Am jungen Aioggen rührt sich nicht ein Halm, Die Klockie schweigt wie aus der Welt geschieden; Hur noch öie Grillen geigen ihren Dsalm. Ko sei doch froh, mein Herz, in all' dem Frieden! Richard Tchmcl. * Mignon. Die Gestalt des heimathflüchtigen, in der Fremde uinhergestoßenen Kindes aus Gocthe's„Wilhelm Meister" lebt heute in der Vorstellung des Volkes. Die Mignon-Lieder sind allgemein bekannt, ihrem zarten stleiz kann sich Niemand entziehen. Eine solche Gestalt mußte auch die Phantasie der.Künstler fesseln; immer wieder wurde das Wagnis; unternonuneu, die zart umriisene Figur in den festeren und bestimmteren Linien der bitd- lichen Darstellung zn gestalten. Es ist nur natürlich, daß keine so ganz zn befriedtgen vermag; die Gestalt des Dichters giebl der Phantasie einen größeren Spiel- ranm als der bildende Künstler es vermöchte. Anziehend ist die Verkörpernilg der Mignon von Joseph v. Kopf, die wir heute in der Abbildung vorführen; sie giebt das Zarte, Scheue, Mädchenhafte des Urbildes in feinsinniger Darstellung wieder. Der jetzt schon alte Bildhauer ist noch in den Traditionen der klassischen Schule aufgewachsen, die Rücksicht ans die schönen Konturen giebt seiner Kunst den Charakter. Von dem, tvas diese Schule zu leisten vermochte, legt unsere Statue ein schönes Zeitgmß ab; sie ist von einer das Auge fesselnden Weichheit und Anmuth der Formen. Langsam, zögernd schreitet Mignon vor, mit schtnerzli.h-schncnde.» Ausdruck im Gesicht wendet sie den leise gesenkten Kopf zurück. Wie fröstelnd zieht sich die ganze Gestalt znsammen, eng preßt sie den rechten Arm an den Körper und greift mit der Linken hinüber, als ivollte sie sich noch stärker in sich zusannncndrückcn. Der Fluß der Linien des von der Rechten znsainmen- gerafften Gewandes geht mit den weichen llmrißlinien zn einer reinen Harmonie zusammen.— Mäher. Längst ehe die Sonne hinter der Wald- tvand emporgestiegen, tvarcn die drei Mäher ans der Wiese, die sich zwischen dem Waldrand und dein See hinzieht. Ter frische Nachtthau mußte noch an de« Gräsern haften, sollte der Schnitt gut von Statten gehen. Jetzt, wo die Sonne schon hoch steht, ist der größte Thcil der Arbeit bereits gechan; hin.cn liegen in geraden Reihen die Schtvaden, und nur ein Streisen am Rande des Sees entlang ist noch niederzulegen. In gleich- mäßigen Abständen rücken die Mäher sei.tvärls vor; eben aber hat der Vorderste, der Vormähcr, der sonst am weitesten außen stand, die Arbeit unterbrechen müssen, seine Sense in stninpf geworden itnd innb mit dem Wetz- stritt geschärft werden. Ein paar schnelle Striche längs der Schneide, uild die Arbeit beginnt von Neuem. Tic beiden anderen Mäher haben imterdesscii nicht gerastet; in regelmäßigem Schwünge fährt die Sense durch das Gras, halb dreht sich der Körper mit, während er fest ans den ivcit anseinandcr gestellten Beinen ruht. Wie eine Maschine, in jeder Bewegung genau bemessen, arbeiten die Menschen. Schon liegt eine drückende Hitze ant der Natur und macht die Arbeit, die in der lhanfrischcn Morgeiistniide begonnen wurde, immer bcschtvcrlicher. Regungslos liegt der Spiegel dcS Sees, lr.nm daß ein Windhauch in ciiicni leisen Strich über das W aller fährt. Von fliinmenidcm Schein erzittert die Luft. In ihrem Glatize verschwinden Wald und Hänser, die um den See sich hinziehen.— Riesenwürste. Mit den Aufzügen und Tänzen, die von den Metzgern im Mittelalter zur Fastnachtszcit ver- anslaltet wurden, waren in inehreren Städten Teussch- lands Umzüge mit riesigen Würsten �verbunden. So verehrten, wie Rudolf Eckart in seiner kleinen Schrift „Brauch und Sitte"(Oldenburg und Leipzig, Schulze's Verlag) erzählt, die Schwcincnictzger in Nürnberg dem dortigen Rache einst eine Brattvnrst von 60 Ellen Länge, welche in feierlichem Zuge mit musikalischer Bcg'eilnng von zwei Metzgerkncchten auf einer Stange ans das Rathhans getragen wurde zu„sonderbarer Ergötznng" der Rathsherren; die Stange tvar roth und weiß und mit Rosmarin umwnnd.ii. Später fand ein ähnlicher Anszug statt, nur war die Wurst größer, deim diese, die von gutem„Brattvnrstzeuge" in fünf Stunden gemacht war, hatte 493 Elleit(die Aletzgerknechte hätten sie gerne „uf 500 Ellen gebracht, ist ihnen aber am Gedärm zcrrunnen") und enthielt 183 Pfund„lauter gut schwemm fleisch und speck, 20 Pfund gantzcn Pfeffer und ändert- halb Pfund Mnskatbliic". Zwölf Metzgergesellcn(der Chronist hat die Namen derselben axfleivahrt, sowie die Namen der Gesellen, welche d e Wurst angefertigt) trugen dieselbe an einer der eben beschriebenen ähnlichen Stange, die in der Mitte mir eisernem Scharnierbande versehen war,„daß sich die stange, tvenn sie in eine gaffen und in die grimme gegangen, hat biegen kSnncn". Am Abend des Aschermittwochs aber wurde die Wurst zerschnitten und den Herren des Rathes, auch Freunden und Bekannten etliche Ellen davon verehrt, die übrigen„Drü nmer" aber beim Tanze in der„Ploben Flasche in Fröhlichkeit mit einander verzehrt". Diese Ricsemvürste scheinen Beifall ge unden zu haben, denn mehrere Jahre darauf wi.d abermals von einem ähnlichen Fabrikate erzählt, das 596 Ellen lang und 232 Pfund schwer war, und es ist sogar durch eine» Kupferstich ein in Nürnberg im Jahre 1658 am 8. und 9. Februar gehaltener Umzug der Metzger aitf uns gekommen, bei welchem eine 514 Pfund schwere und 658 Ellen lange Brativurst von 12 Metzgergesellen an einer 49 Fuß langen Stange in der Stadt umher- getragen wurde. Gleichelimzüge findet man zu Königs- berg in Preußen, wo 1583 zn Nmjahr 91 Flcischergesellcn eine Bratwurst von 596 Ellen Länge und 434 Pfund Schwere, zn Ivelcher 36Schweineschinlen verwendet worden, ans hölzernen Hebeln mid unter freudigem Gesänge durch die Stadt trugen. Tie Palme aber ist derjenigen Wurst zuznerkennen, die ebenfalls i» Königsberg achtzehn Jahre später fabrizirl wurde, denn sie war 1005 Ellen lang, wog beinahe 900 Pfund und enthielt 81 geräucherte Schinken»nd 181 Pfund Pfeffer. Dieses Maniinnth unter den Würsten wurde ebenfalls am Neujahrstagc in Gesellschaft der Bäcker verzehrt, ivclche in edlem Wetteifer einige Tage später ans zwecks Scheffeln Weizenmehl acht große Swietzeln, jeder fünf Ellen lang, und sechs große Bretzeln backten, dieselben durch die Stadt trugen und dann mit denselben die Fleischer regalirten. Diese Bc- gcbcuheil hat ein gewisser Josua Ncigshorn in einem lateinischen Gedicht verherrlicht, in tvelchem er besonders malerisch die Verfertigung der Brativurst schildert.— Mondhöfe. Jedermann hat sicher den Mond schon von einem Hof umgeben gesehen, einem verwaschenen weißlichen Schein, der sich vom dunklen Hintergriinde des Hiimnels abhebt. Zuweilen erscheint ein solcher Hof deutlich gefärbt, indem der Mond sich von einem bläu- lichen Kreis umgeben zeigt, der»ach innen in ein helleres Weiß übergeht, während er nach außen von einem gelben und rothcn Kreis begrenzt ist, ans die manchmal noch weitere farbige, abwechselnd grüne und rothc Kreise folgen. Bestreut man eine Glasplatte mit einem feinen Staub, etwa.Semen Lycopodii, und blickt dann durch das Glas nach einer Flamine, so sieht nmii diese in gleicher Weise von einem Hof umgeben. Derselbe entsteht, ivcil die Lich;strahlcn, wenn sie durch die feinen Oeffnnnzcn Ulis herillil noch immer dasselbe Todesschweigen. Kein anderes Geräu'ch, als der rhythmische Schritt der Pferde. Niemand sprach ein Wort. Die Spannung wurde unerträglich; es war uns, als sinke der Boden zn unseren Füßen ein. Endlich tauchte Polonsky hinter einer Hecke ans. „Ich habe sie gefunden!" rief er, und in demselben Augenblick vernahmen wir ein entsetzliches Geschrei. Frauen heulten, Kinder weinten; und hinter der Hecke hörte man ein seltsames Geräusch, als lven» eine Armee sich auf dem Platze bewegte, ohne den- selben verlassen zu können.(Zchiuß folgt.) ch zivischcn den Slanbtheilcheit hindurchgehen, eigenthllmliche Ablenkungen von ihrem Wege, sogenannte Beugungen. erleiden,'wobei zugleich ein Auflösen des weißen Lichtes in seine Bestandthcile stattfindet. Auf die genaue Darlegung der vielfachen, oft sehr schönen Beugungserscheinnngen muß hier verzichtet werden; ich will nur darails hinweisen, daß sie überall auftreten, wo nian weißes Licht durch sehr enge Oeffnunge» gehen läßt. Blickt man z. B. durch das femmaschige Netz eines seidenen Regen- oder Sonnenschirmes nach einer Lichtquelle, so wird man deutlich eine farbige Beugnngserscheinung tvahrnehmen. Aehnlichc Erscheinungen pflegen ähnliche Ursache» zn haben. Auch die Höfe um den Mond werden durch Beugung des Lichtes beim Durchgang durch enge Oeck- nnngen erklärt. Sie erscheinen nur, wenn die Luft nicht ganz klar ist, sondern einen ziemlichen Tunstgehalt hat Ter Wasserdampf, ivelcher in der Luft schwebt, ist kei»c zusammenhängende Blasse, sondern besteht ans ciiizelm» feinen Nebelbläschen, die das auffallende Licht zurück- halten. Durch die Zwischenräume zwischen den cinzelns» Bläschen geht das Licht hindurch und erleidet dabei die Beugung, durch ivelche die farbigen Ringe entstehen. Die Größe dieser Ringe, die nicht immer dieselbe ist, steht in engem Zusammenhange mit der Größe der Nebel- bläschen, so daß man diese aus der Beobachtung der Häb berechnen kann. Ihr Durchmesser ergiebt sich zuweist'» als'/to eines Millimeters, zuweilen erheblich oeringer, bis zu'/io eines Millimeters. Gewöhnlich sind ni«t alle Nebelbläschcn von nahezu gleicher Größe, sonder» es schweben in der Atmosphäre Bläschen von sehr ver- schiedenem Durchmesser. Dann sind die einzelnen farbige» Kreise nicht scharf getrennt, sondern fallen übereinander, so daß ein weißliches Licht entsteht. Man hat dann de» häufigen Fall eines Hofes ohne Farben. Auch um die Sonne erscheinen zuweilen solche Höst, doch sind sie hier wegen des blendenden Lichtes der Sonne oft nicht zu erblicken; betrachtet man aber da» Spiegelbild der Sonne in einem ruhigen Wasser, ff erhlickt man den Hof recht deutlich.— d- Sommernacht im Archipel. In seinem Buche„Zs»� Reisen in der Türkei"(Berlin, F. Fontane& Co.) fl'e» Rudolph Lindau, nachdem er von seinem Aufenthah in LcSb os erzählt, nachstehende Schilderung des Abends und der sternhellen Nächle in jenen Gegenden: Ich h»� mich während meines Lebens oftmals am Nachthimuw der südlichen Breiten erfreuen können, aber die Nächst im Archipel hatten etwas eigenthümlich Schönes, das>»> nicht beschreiben kann. Bei Sonn»Untergang erglühst» die kahlen Felsen in milder Farbenpracht, wie ich i» anderswo als in Griechenland nicht gesehen habe;»ist wenn ich mich später ans dem Verdeck ausgestreckt ha'st, vor mir die gezackten Ilmrisse dunkler ruhender Höln'» und im Mondlicht gebadete, weiße stille Städte, über»m den tiefen Dom des reichen Hinimels und unter mir das goldig, silbern, bläulich, schwarz erzitternde Meer, das, kaum hörbar plätschernd, mit sanftem Rauschen h» Summen ein Schlummerlied der'Natur an mein OV j trug, dann kam Ruhe, sorgloser Friede, eine u»end>>» wohlthucnde Abspannung über mich, wie Opium sie d.'>» von Schmerzen befreiten Körper bringen kann. Dw', was mir im Laufe des Tages Sorge bereitet haben moa)>'- war aus meinciu Geiste verwischt, und wenn es in deutliche», schwachen Umrissen auftanchte, so erschien v- nichtig: nichtig das Sorgen, nichtig das Wünschen u»? Hoffen, ein schmerzloses Erlöschen— Nirwana, das Gluh des Alters.— Während der stillen, milden SoMN>G° nächte des Archipels war es mir beschieden.— Nachdruck des Inhalts verboten!� Alle für die fliedaktion der„Neuen Wcl� bestimmten Sendungen sind nach Berlin, � Bcnthstrasie 2, zn richten. veraMworMcher Ncdaklcur: OScar 5t ü h l In Tharlottenbur».— V-rlag: Hamburger Buchbruckeret und Verlag�anslaN Auer Ho. in Hamburg.— Driiil: Mar VadNig In Berlin.