>e ib ch it c- b, te c; ht m st, ite ii> el, ni, till ist ,c» ns illk )a die ich ide ms >cn er- ich en> Nr. 26 liorffcfc lung.) 55Kxt|Irir£c CnlcrhcvKimigÄbcUa�c» Jakob.•4�—- Roman von Sllcxendcr L. Äicllaud. Autorisirte Ilebersehung aus dem Norwegischen von Leo Bloch. Kit )en ncr md -nd ab- sen uni reu iu> ohl ■in, sich in«- etzt ine hin ukt itcn Sellen üb' ucn nie cher ue- st-n isin -hrl id«- •S ihr den ist II" Ist, ber sonst war Törres nicht viel iveiter ge- kommen. Obgleich er den Ruf halte, ein . tüchtiger Verkäufer z» sein, von welchem die Manien sich gern bedienen ließen, und obgleich Fran «nudsen sein Gehalt erhöht hatte, so kam er ihr doch Nremals näher. Sie war das feinste Franeiizimmer, ns er kannte— nicht puppenfein wie Fräulein Morsen, sondern inwendig fein, still und überlegen. . Aber Herr Jessen wachte über den Schah, wie "ver die Abrechnung. Ein Gefühl, daß dieser Bauern- brsche vielleicht doch einmal gefährlich werde» könnte, hatte angefangen, in Herrn Jessen's Sicherheit ans- »hdämiiiern- und er wurde immer genauer in den �lniten Kleinigkeiten, daß Törres ja nicht einen strich höher kommen sollte, als er zuließ. Darum war Herr Jessen auch liebenswürdiger Fräulein Thorsen,- denn auch da kam es ihm .°b, daß Törres sich vorzudrängen versuchte, lind ■b bekam Fräulein Thorsen's Herz nie Zeit, ganz tb werden, sondern blieb schmerzlich zwischen Beide stetheilt. ... Nur an einer Stelle hatte Törres einen voll- Sandigen Sieg errungen, und das war über die ttoge Bertha. Die Schnelligkeit, mit welcher dieser auernbursch, der als ihresgleichen angefangen, zu feinen Herrn aufgerückt war, welcher nun im jj»ni»er aß und Sonntags eingeladen wurde, hatte � großen Eindruck gemacht. . Aber Törres selbst fing an zu fühlen, daß er i'haß. So lange er nicht an Herrn Jessen vorbei- Minen konnte,>var das Alles noch nichts. Und i�br Jessen war so behende und korrekt,- nie konnte � wres einen Fehler entdecken, an dem er einsetzen bw'te; es sah so aus, als ob Herr Jessen sich immer % im Geschäft festsetzte, und die Stadt war mehr b je darüber einig, daß aus ihm und der Wittwe bch ein Paar werden würde. e. Es war spät in der Nacht, als Törres von "er Kartenpartie bei einem Kameraden nach Hause Sein Kopf war heiß von Toddy und dem .boakrauch in dem kleinen beschränkten Zimmer, und �.st'ng gcge,, Wind und Regen in trotzigen Gedanken. Uanieraden hatten wieder von Jessen und Frau biif,•" besprochen; Törres schwur, während er ging, ; ber Schlag sitzen solle. Was er thun wollte, wußte er nicht genau; aber �bgen sollte Jessen etwas Anderes zu fühlen be« biinen; er ließ sich nicht länger ducken, er— ; zuweilen kamen solche Anfälle von Raserei br ihn. Aber da pflegte er die Zähne so fest bochb nder�ubeißen, daß er zitterte, und da ging es h, Er zog seine Stiefel unten aus, wie er pflegte, er so spät kam, und schlich sich vorsichtig im Dunklen die Treppe hinauf. Aber als er iiber de» Gang in sein Zimmer tappen wollte, blieb er ans einmal stehen, und ein Gedanke schoß wie ein Blitz in ihm auf. Da drinnen, zur Linken, lag Jessen's Liebste, oder was sie sonst war; jedenfalls stand sie ans seiner Seite; mit ihr wollte er den Anfang machen. Manchen Abend hatte er so an Fräulein Thorsen gedacht, wenn er so nah an ihrer Thür vorbeikam. Aber immer war er vernünftig gewesen und hatte an den Skandal und Aufstand gedacht. Bertha konnte hören,— und Frau Knudsen unten. Aber heute Abend hatte er Muth dazu, was auch daraus werden sollte; und auf Strümpfen, wie er war, schlich er sich an ihre Thür. Fräulein Thorsen hatte in der ersten Zeit, als dieses Mannsbild auf den Boden gekommen war, ihre Thür treulich verschlossen. Aber jetzt war sie in vollständiger Sicherheit davon abgegangen. Er schlich sich lautlos hinein und tastete sich vorwärts zum Bett. Sie fuhr im Schlafe auf; aber er ergriff sofort ihre Hände und flüsterte, sie müsse ganz ruhig sein; es wäre keine Gefahr. „Brennt es?" murmelte sie und riß sich los. „Nein, ich bin es nur— Wall—, und ich komme, ein paar Worte mit Ihnen zu reden, Fräulein!" „Ach, wie ich erschrocken bin!" seufzte Fräulein Thorsen und legte sich zurück; erst in diesem Augen- blicke erwachte sie eigentlich; und zugleich zog sie sich einwärts bis zur Wand und fragte in neuer Angst, was er hier wollte. Er wollte ein bischen mit ihr reden. Er müßte sofort gehen, sofort, sagte sie und fing an zu beben; was wollte er von ihr? Sie sähen sich ja den ganzen Tag. Das wäre es gerade, daß sie sich den ganzen Tag sähen und doch nie ein vertrauliches Wort ge- sprochen hätten; er wäre so einsam, Keiner kümmerte sich um ihn. Sie lag mit offenen Augen im Dunkel und hörte ans seine Worte, welche er in traurigem und ehr- erbietigem Tone flüsterte. Sie konnte sehen, daß er sich vor ihrem Bett auf die Kniee gelegt; aber da kein weiteres Anzeichen dafür sprach, daß er ihr nahe kommen würde, lag sie still und hörte ihn an, ohne zu zittern. Sie wäre immer so nett und freundlich zu ihm gewesen, seit er gekommen; aber gerade darum könnte er es nicht länger aushalten—. Was könnte er nicht aushalten? fragte sie im Flüstertöne, wie er. Ach. sie wüßte gut. was er meinte. Nein, sie wüßte wirklich nicht. Daß sie leugnen wollte! Als ob er es nicht sähe, was zwischen ihr und Herrn Jessen wäre. Er hörte sie eine heftige Bewegung machen, während sie mit festem Tone antwortete:„Ich bin nicht mit Herrn Jessen verlobt." „Nennen Sie es, wie Sic wollen," sagte Törres- anzüglich. Jetzt aber richtete sie sich ganz im Bett aus nnd sagte eindringlich:„Ich habe absolut nichts mit Herrn Jessen zu thun, nnd das will ich Ihnen nur sagen; nie ist mir ein Mann so nahe gewesen wie Sie heute Abend; jetzt müssen Sie gehen— sofort, sofort!" Er rief ihr ein„pst" zu, denn sie hatte auge- fangen, laut zu sprechen, nnd er fuhr selbst flüsternd fort, ihr für diese Versicherung zu danken, welche ihn so glücklich machte, wenn auch— Er müsse ihr glauben; sie hatte sich jetzt wieder in ihr Kissen zurückgelegt, und während sie ihn in- ständig bat, ihr zn glauben, kam eine von ihren warmen kleinen Händen bis ganz zu ihm hinüber. Törres ergriff sie; während er sie hielt, wurde ihm so merkwürdig schwindelig! Aber da er von seiner Heimath an solche nächtliche Besuche gewohnt war und auch daran, Zeit zu geben und nicht die Mädchen das erste Mal scheu zu mache», fuhr er ruhig fort zu flüstern; er dankte ihr und bat sie, nicht böse zu sein, daß er gekommen wäre. Nein, das würde sie nicht sein; aber jetzt müßte er gehen und dann müßte er ihr glauben. Das würde er und er wollte ihr erzählen— Nein, jetzt müßte er wirklich gehen, und sie zog die Hand zurück. Er erhob sich und sagte achtungsvoll:„Wenn Sie es verlangen, da gehe ich." Aber an der Thüre flüsterte er:„War das jetzt nicht nett von mir, daß ich ging, wie Sie mich baten?" „Ja, danke," flüsterte sie im Dunkelen zurück; „gute Nacht!" Sie horchte, bis Alles ganz still geworden war, und fühlte fast eine überschwengliche Freude darüber, daß er so nett war, zu gehen, als sie ihn bat. Und während sie Stunde auf Stunde schlief, glaubte sie wach zu liegen und daran zu denken. Und am Morgen war sie nicht sicher, ob nicht das Ganze ein Traum gewesen. VII. Es war nach dem Mittagessen. Gustav Krüger saß tief in seinem Lehnstnhle und las etwas, ehe er einschlief. Lange konnte das nicht sein, denn das Licht schwand schnell an dem kurzen Herbsttage. 202 Die Neue Welt. Itlustnrte Unterhaltungsbeilage. Tante 2opt)ic strickte und Julie laq in cineni Schaukelstuhl zurückgelehnt mit einer Zehing und hörte den Anderen zu, sagte selbst aber nichts. „Warum streitest Du dagegen, Sophie?" sagte Krüger. „Ich streite überhaupt nicht dagegen; ich frage nur, ist hier etwas für einen Ball da?" „Julie hatte Lust." „Zwei Banernlienteuants, anderthalb Studenten und im Uebngen Ladenjinigeu. Kann das auch etwas werden?" „Du sollst ja doch nicht tanzen, Sophie!" „Nein, Gott sei Dank!" Kurz darauf sagte Krüger, immer noch ohne oom Buche aufzusehen:„Ich denke, es ist zumeist das, daß Du nicht Frau Steiner von allen ihren Anbetern umgeben sehen willst." Aber da mußte Tante Sophie lachen, wirklich ein überlegenes spöttisches Lachen; das waren ein paar ueite Anbeter, zum Beispiel Lehrer Jensen, der noch obendrein verheirathet war. „Ja, das ist nun so mit alten Jungfern; die mögen nicht—" „Alte Jungfern!" sagte Tante Sophie;„das Wert hat sie in's Haus gebracht; das hast Du früher nie gesagt, Gustav." „Ja, aber Du wirst doch nicht leugnen, Sophie, daß Tu alt bist und—— und unrerheirathet?" „Das leugne ich nicht," antwortete Tante Sophie. „Ja, ja!" antwortete Kriiger mit leichtem Gähnen, legte das Buch fort und schloß die Augen;„etwas Anderes habe ich ja nicht gesagt." Kurz darauf schnarchte er in gleichmäßigen Takten; Tante Sophie's Stricknadeln gingen auch zur Ruhe, und Julie ließ die Zeitung aus den Fußboden nieder- gleiten und versank in Träumereien. Seit sie von ihrem Dresdener Aufenthalt nach Hause gekommen war, und besonders jetzt, seit sie sich so mit Frau Steiner befreundet hatte, waren die Stadt und alle Menschen ihr ganz entfremdet. Alle Damen, wie Frau Bankpräsident Christensen, und die anderen, welche sie von ihrer Mutter her kannten, sahen sie jetzt mit wunderlicher Miene an, wie ihr schien. In den ersten Tagen hatten sich alle um sie gedrängt und sie eingeladen; und sie hatte immer wieder erzählt von ihrem Aufenthalte im Auslände, Alles, was sie erlebt, gesehen und gegessen hatte. Aber einige Zeit darauf hielt ihre beste Freundin Jolla Blum es für ihre Pflicht, Julie anzuvertrauen, daß es der ganzen Stadt schien, sie wäre lächerlich mit dieser Auslandsreise, von welcher sie überall er- zählte, wo sie hinkam. Es wären ja so Viele, die gereist waren, zum Beispiel Frau Christenseu, welche mit ihrem Mmme in Paris gewesen, und iiberdies Konsul With, der wäre doch genug gereist, und der hatte gesagt, daß Dresden ein langweiliges Nest wäre. „Ja, aber Liebsie!" meinte Julie;„sie fragten ja Alle und ivollten wissen—" „Außerdem haben ja nicht Alle die Mittel zum Reisen," fuhr Jolla Blum fort, deren Herz voll war, „und darum scheint es Vielen, darum brauche mau sich nicht so wichtig zu thim— ja, das sagt man— es könne für Dich hier zu Hause wohl auch gut genug sein— sagt man— wenn so viele Andere sich damit zufrieden geben." „Liebste, habe ich etwas Anderes gesagt?" unter- brach Julie bestürzt. � „Und es ist auch nicht Alles so ausgezeichnet im Auslände; denn der Fleischsalat, den Tu Frau Ludwigsen lehrtest—" „Sie bat um das Rezept—" „Ja, entschuldige, Julie, der war, weiß Gott! nicht zu essen; denn ich war selbst den Abend da; und das Ptädchen, das den Rest bekam, mußte sich die ganze geschlagene Nacht übergeben." Nach dieser Zeit nahm sich Julie wohl in Acht, vas Ausland oder so etwas zu erwähnen; aber sie meikte wohl, daß es zu spät war. Es war eine Kälte eingetreten; sie hatte sie Alle beleidigt. Und das wurde noch schlimmer, als Frau Steiner in die Stadt kam und Julie an sich zog. Denn Frau Steiner saß sofort auf dem„Jsolir- scheinet", wie sie selbst sagte; und wäre es nicht gc resen, daß die Männer sie suchten, so wäre sie vollständig von der Gesellschaft ausgeschlossen ge- Wesen. Uiner den Damen bekam sie auch keinen anderen rertranten Verkehr als Julie Kriiger, wes- halb sie diese auch vollständig mit Beschlag belegte. Inzwischen h'cltcil der ganze UmgaugSAeis und die Freundinnen ihrer Mutter noch an Julie fest; sie luden sie weiter ein und zwar mit solchem Eifer, daß Julie merkte, es fcllte ein Versuch sein, sie dem gefährlichen Einflnsfe zu entziehen. Und so lvnrde sie ärgerlich und that sich mit der jungen Frau zusammen; sie putzte sich und ver- anstaltete kleine Diners zur Freude ihres leicht- sinnigen Vaters. Sie hatte aber auch ihre bösen Stunden, in denen ihr Muth sank, wie diesen Nachmittag, wäh- rcnd sie ihre Freundin erwartete. Julie hatte so viel von ihrer Ninttcr Blut und kannte ihre Welt so gut, daß keine Miene in einem Gesichte, keäie Andentung im Tonfalle ihr entging. All' die scharfen Stacheln, in die Jeder gleichsam eingehüllt war, trafen sie, und sie fühlte, daß das einzige Mittel wäre, ebenso sauer und stachelig zu werden wie die Stadt. Von klein auf war sie herumgegangen, halb be- wüßt von Einem zum Anderen schwankend. Hing sie um des Vaters Hals, lustig und froh, fühlte sie eine Art böses Gewissen. Aber saß sie vernünftig mit einer kleinen Arbeit zwischen den Freundinnen der Mutter und hörte sie die Unterhaltung gehen von Haus zu Haus, von Sorge zu Sorge, von Uebel zu Uebel, da litt sie, weil sie sich sehnte, hinaus zu kommen. Nach dem Tode der Mutter und dem Aufent- halte im Auslände war sie etwas sicherer geworden; aber neue Grübeleien und Zweifel entstanden ans ihrem vertraulichen Verhältnisse zu Frau Steiner. Die Männer waren es und wieder die Miiinier, von denen sie zu hören bekam. Abgründe von Schlechtigkeit und Schmutz öffneten sich vor Julie. L bschon sie oft nur die Hälfte verstand, bekam sie doch so gründlich Bescheid, daß sie sich selbst ihrem eigenen Vater gegenüber genirt fühlte. Denn das konnte sie begreifen— ihre Freundin hatte es sogar mit einem leichten Lachen geradezu gesagt, daß ihr Vater nicht um ein Haar breit besser wäre als die Anderen. Aber, daß Jemand darüber lachen konnte!— und Lulli, welche das Schreckliche erfahren hatte, mit einem solchen Manne verheirathet zu sein, und sie, welche so heldenmiithig die Reinheit gerächt hatte, daß sie niit ihrer thener erkauften Erfahrung von der ungebundenen Sittenlosigkeit der Männer trotzdem beständig um diese Männer kreiste, oder sie jeden- falls um sich kreisen ließ! Nicht so, daß sie die Finger ausgestreckt hätte; sie bekamen gut zn hören; sie kannte sie aus- und inwendig und das gab sie ihnen zn verstehen. Die aber lachten nur und kamen wieder. Sie schaarten sich um sie, als ob sie gerade wünschten, recht geprügelt zn werden und all' ihre Niedrigkeit vorgelesen und beschrieben zn bekommen. Spaßhaft ivar es, das war sicher, aber es machte Julie verwirrt; sie sehnte sich nach Lulli's Atelier, während sie saß und sich vor ihrem Kommen graute. Frau Steiner hatte nämlich ihre Wohnung in ein modernes Atelier, wie es sein sollte, verwandelt. Und das imponirte Allen, welche dorthin kamen: die halbdunklen Räume mit plötzlichen Lichtwirkungen, überall Teppiche und Portieren, Draperien und spanische Wände; kühne Aktzeichnungen; Fran Steiuer's eigene Malereien, deren aufrichtige Farben sofort alle mitgebrachten Autoritäten umwarfen; die unmög- lichen Stühle, welche nicht zum Sitzen da waren, die niedrigen Divans, die aufgehängten Topfscherben und die gespannten Fächer, all' das Fremde um die schöne geschiedene Frau herum gab den Eingeweihten den Geschmack des äußerst Verfeinerten an der Grenze des Lasterhasten. Hier wurden kleine auserlesene Diners gegeben mit den wunderlichsten Gerichten und reichlich Wein, Zigaretten und ungezwungener Unterhaltung. Aber am Tage darauf ging ein Grauen durch die Stadt, als ob die Höllenpforte sich einen Augenblick lang geöffnet hätte. Aber am meisten wurde Julie von den langen NachniittagSstnnden gefesselt, wenn sie und Frau Lulli ausgestreckt ans dem Divan lagen bei Zigaretten und einem Glase Liinenr; dabei lernte sie. Es läutete draußen im Entree; aber Julie ging nicht anfmachen, obgleich sie fast gewiß war, daß es ihre Freundin war. Sie liebte und bewunderte Lulli, aber es war— wie gerade an diesem Nach- mittag— immer etwas, was auf sie wartete, ein Richterstnhl, an dem sie nicht vorbeikommen konnte. Als Frau Steiner in die Stube trat, wo c-5 nun fast dunkel war, wachten die Alten sofort auf und fingen eifrig zu plaudern an,.als ob sie nicht geschlafen hätten; Julie erhob sich auch, aber langsai». „Wollen Sie uns die Ehre erweisen, unseren Weihnachtsball zn eröffnen?" fragte Kriiger galant vom Sopha hinüber.| „Hier giebt's Ball? Brillant! Tu warst s» ungewiß, Julie." „Julie schien es natürlich, daß die Stadt sa arm an Karalieren ist," sagte Tante Sophie. „Ach, wir müssen Krcthi und Plclhi nehme»/ meinte Frau Steiner lachend. „Sie nehmen also mit mir verlieb?" fragte Kriiger. „Ob ich es thne!" „Ein altes ekliges Mannsbild, wie ich bin?" „Hätten w'r nur viele solche, Herr Kriiger! Aber bist Du nicht vergnügt, Julie?" „Rlir scheint, wie Tante Sophie—" „Liebste, wir nehmen unsere ganze Menagerie und dazu alle wilden Thiers ans dem Walve; wir durchsuchen das Zoll-, Post-, Telegraphen- und Schul' Wesen und dann alle Kramläden; der kleine nette Jessen bei Kundsen, das kann gut angehen." „Es ist überdies alter Brauch, Knudsen's Personal einzuladen," sagte Kriiger. ig „Brillant!" rief Frau Steiner;„dann bekoinnA Tu auch Deinen Freund, Julie, den langen, roth' haarigen—" „Nein, da muß ich bitten," sagte Julie etww' scharf;„das ist doch gewiß Deine Schwärmerei. „Tn hast ihn entdeckt, Julie." „Von wem sprechen die Damen?" fragte Kriiger- „Von dem Großen, Neuen bei Frau Knudsen- „Von Dem! Dem Bauernjungeu, dem llnge' Heuer!" rief Kriiger und sprang auf;„ach, das st Spaß, um mich zu ärgern."' „Weit ab, Herr Kriiger; Julie findet>p (listinAiie!" „Das bist Tu, die das findet, Lulli." „Eil' Dich, Sophie! Hier ist es so dunkel:"■ kann nicht sehen, ob sie mich zum Narren machen, sagte Gustav Kriiger ärgerlich.?lber als To» Sophie, welche schon lange mit der Hängelan>F gerasselt hatte, Feuer bekam, und als Frau Steins weiter versicherte, daß sowohl sie wie Julie>' lebhaft für Herrn Wall interessirten, da wurde[ ganz außer sich und schwor, daß der Bursche einen Fuß in sein Haus setzen sollte. Als aber die junge Frau Steiner, welche» seine Hitze geivohnt war, nur lachte, nahm er seine Hut und ging hinunter in's Eomptoir. Nach der Lampe bekam es Tante Sophie'" dem Ofen zu thnu und raffelte so lange und tLaN� mit Kohleuschaufel und Feuerzange, daß die j»»M Damen nicht zu Worte kommen konnten. Frau L» zcg Julie mit sich; sie sollten nach Haus zn ihr," die Menagerie zu revidiren und zu sehen, was eigentlich zu einem Balle aufzutreiben war.. Auf der Straße aber blieben sie vor dem ober! � Fenster von Frau Knudsen stehen, wo Törres g''ulJ mit einigen jungen Damen beschäftigt war, wel l lächelten. „Es ist garnicht so schlimm, Julie!" „Das war häßlich von Dir, Lulli, daß Tu einreden wolltest, daß ich— daß er—",, r „Aber Liebe! Tu kannst doch wissen, Dein, verstand, daß es Spaß war; oder sollte doch � „Pfui, Lulli! Heute bist Du boshaft." M Frau Steiner drückte ihren Arm an sich 11 zog sie mit durch die diiuklen Straßen. (For-s-tzung Patck 203 Vor fitiifna Jahren! Von Wilhelm Lirbkuecht. sKortsehung.) W/V�iin Kaiscrdeputation mitniiier einem fy!*� der parlameiitarischeii Kaiserpossen-Tichter gegenüber Zweifel geäußert wurden, pfleg- tc» die tapfersten der„Besten"(die„Besten" waren be schon danials) unter Erhenchclnng des Muthes >vildgewordener Hnnimel sich in die Brust zu werfen «nd niit drohender Bramarbasmiene auszurufen: „Ter König muß, mag er wollen oder nicht, "»d wenn er nicht will, so machen wir eine Revolution." „Wir"— daß Gott sich erbarm'. Eher macht ei» Ztall Poll Kaninchen Revolution! Als von Anderen Revolution gemacht wurde, da fielen„wir" vor Schreck fast in Ohnmacht. Ties klägliche Ende der Kaiserposse hatte das �ute, daß für Jeden, der sähig war, die Tinge zu sehen, wie sie sind— eine Fähigkeit, die leider sehr wenig verbreitet ist— der Abgrund enthüllt und hell belenchiet ward, welcher die deutschen Iürsten am dem deutschen Volk— und von allen modern bürgerlichen Ideen trennt. Tiefe absolute Verachtung and Igiiorirnng des Volks, diese Einbildung, höhere ;®cse»-zu sein, diese Bernsnng auf die Gottheit— �n>o» war in England seil genau 200 Jahren keine ®Piir mehr vorhanden, seit jenem Jahr 1048, dem �chiclsalsjahr, das durch den westfälischen Frieden bas arme, zerstückte Deutschland nach den Schreck- nisicn des dreißigjährigen Krieges ans der Reihe bcr lebenden Staaten strich— und das gleichzeitig ersten, zunächst blos für England entscheidenden ?icg der Volkssonveränität über die Fürsten- idiiveränität brachte. Hier stand ans einmal, dreiviertel Jahre nach dem 18. März, als der Rausch ter Märzrevolution noch die Blassen beherrschte, obgleich die Einsichtige» längst geahnt hatten, daß wurmstichig geworden war, vor dem deutschen öolk der ganze Aberglaube und Hexenzanbcr des Mittelalters. Das Eottcsgnadenthum, das anfangs, es sich vor der jungen Revolution»och zu schwach fühlte, mit ihr halte paltiren wollen— "Wt fühlte es sich stark genug, die Rollen zn ver- wuschen, und verlangte von der Revolution, daß ' e wit jchj, jlt paktiren und sich vor ihm dcnniths- d?il zu verneigen habe. Das Feste, die Kraft, war '"cht das Volk, sondern die Fiirstenschast. R'ichi ans ein Volke heraus-und auf den Schultern des Volkes Wiste der Reuban Teulschlands sich erheben, sondern »rch die Gnade der Fürsten und ans den Schultern d" Fürsten. Alles, was nicht von den Fürsten ?"®(lt',9, war Revolution. Eine vom Volke oder d°ch der Vrlksvertrctnng geschaffene Krone hatre den �"dergcrnch der Revolution",>var ein schmntziger „ans Treck und Letten gebacken." . Das Parlament, welches den Fußtritt empfangen d"t!e, war weder in der Stimmniig noch in der Lage, Handschuh und den Kampf anfznnehmen. Es .."ite in per toUcn Verblendung impotenter Selbst- 1 �Hebung, gepaart mit dünkelhaftem, sich nnsehlbar »wiibendem Doktrinarismus, alle Wurzeln seiner Kraft . sflkschnitten und sich dciii Volke erst entsremdet, dann waidlich eiltgegcngcslcllt. Vom Volke gehaßt»nd Flachtet, von den Fürsten verachtet, ohne jegliche "wltanlieile Biacht,>var das Frankfurter Parlament Moinmen ohnmächtig nnd trieb stenerlos einher, " Tpielzcng der Wogen nnd Winde. (..Aber im Volke regte es sich mächtig. Tie . lichsverfassnng, ivelche das Parlament so mühsam lehtgedrechselt hatte, stand wesentlich ans dcmo- wische, n Boden und enthielt, abgesehen vom Erb- �wrthmii, viele sehr gute Bestimmungen. Bor � l»i gewährte sie das allgemeine gleiche, 'lekte nnd geheime Wahlrecht, welches, wenn '"Kraft bestehend, die Herrschaft der Volksson- Jswität bedeutete und dem souveränen Volke die »»"ölichkeit bot, den vorhandenen Mängeln abzuhelfen leine» souveränen Willen zur Geltung zn bringen. i �s ist hjer der Platz, die Haiiptbestiinmnugcu Fl Reichsverfafsilug mitzutheilen. Mit der Wahl Königs von Preußen— am 28. März war das Verfassnngswerk vollendet; nnd am Tage darauf — am 29. März 1849— wurde die Reichs- verfassnug„pnbl'zirt." Sie beschränkte im Interesse der Staatseinheit die Rechte der Einzelstaaten, denen sie z. B. das Recht entzog, im Auslände ständige Gesandte zn halten. Es sollte nach Außen nnr noch eine Vertretung des Reichs geben. Dagegen bc- hielten die Fürsten das Recht, Truppen zn halten nnd deren Befehlshaber zn ernennen. Der Reichs- gemalt war weiter die oberste Gesetzgebung übertragen, soivcit sie nicht Fragen betraf, deren Regelung lediglich die einzelnen Staaten interessirte. So unterlag ihm die Gesetzgebung über das Zoll- und Mnilzwesen, über das gesamnite bürgerliche, das Gewerbe-, Handels- nnd Wechsel-Recht. Tie Rcichsgewalt lag in den Händen des Kaisers und des Reichstags. Dein Kaiser, der den Titel:„Kaiser der Deutschen" führte, stand die Exekutive zn, die er durch ver- antivortliche Minister ansiilte. Er erklärte Krieg und schloß Frieden, er schloß die Bündinsse» id Verträge mit den auswärtige i Staate i, er berief und schloß den Reichstag. Dieser zerfiel in ein Staaten- nnd Volks haus. Das Ersterc bestand ans den Vertretern der einzelnen Staaten, ivelche zur Hälfte durch die Regierung, zur Hälfte durch die Volksvertretung des betresscnden Staates ans 6 Jahre ernannt wurden. Das Letztere wurde durch die Abgeordneten des deutschen Volkes gebildet. Es kam— nach den Bestinimniigen. des Reichswahl- gesetzes— durch direkte und freie Wahl z» Stande— ans je 1 00 000 Einwohner ein Abgeordneter. Wähler war jeder unbescholtene Deutsche, der das 25., wählbar jeder, der das 30. Lebensjahr zurückgelegt hatte. Die Wahlperiode betrug 3 Iahte, die Abgeordneten erhielten Diäten. Von beiden Häusern des Reichstags gemeinsain gefaßte Beschlüsse bedurften, nni Gesetzeskraft zu erlangen, der Zu- stimnimig des Kaisers. Wurde ein Beschluß jedoch drei Sitzungsperioden nacheinander unverändert an- genonime», so wurde er auch ohne die kaiser- liche Zttstiminnng mit Ablauf der 3. Sitzungs- Periode Gesetz. Als Grundrechte des deutschen Volkes wurden endlich erklärt nnd eingeführt: Freizügigkeit, freies Vereins- nnd Versnminlnngsrecht, uneingeschränkte Preßfreiheit, Freiheit der Wi se ischaft nnd ihrer Lehre, Unverletzlichkeit der Wohnnng, des Brief- gehcimnisses, Uncntgeltlichkeit des Unterrichts für Jcdcrmaiin in den Volksschulen, für II'.bemittelte in allen Schulen, Rechtsprechung in Strafsachen durch Schwurgerichte, in Zivilsachen durch gewählte Richter. Beseitigt wurden alle St tndeSnnterschiede, die Tode?- strafe, die gntsherrliche Gerichtsbarkeit, ausgehoben die Familicnfidcikvminisse nnd Lehen, verboten wurde die Annahme ausländischer Orden. Endlich wurde bestimmt, daß jeder deutsche Staat eine Verfassnng mit Volksvertretung haben solle. Die Stellungnahme der verhaßten preußischen Regierung gegen die Reichsverfassiing nnd die beleidigende Art und Weise, ivie der Prenßenkönig die Kaiserkrone abgelehnt hatte, bewirkte, daß die demokratischen Elemente sich unwillkürlich der Reichs- verfassnng zu nähern begannen nnd sie st>»ipathischer bctrachtelcn. Den Erbkaiscr, dies schlechteste Stück der Reichsverfassiing, war man durch die Ablehnung des Krnigs von Preußen ja glücklich los. . Inzwischen hatten sich die„Kaisermacher" von ihrem ersten Schrecken erholt, und sie entdeckten einen Strohhalm, an den sie sich anklammerten nnd der in ihrer Phantasie schnell zn einem Balken wurde, stark genug, den luftigen Lnftban der Reichs- Verfassung zn tragen. Der König von Preußen hatte sich bei der Ablehnung der Krone so ausgedrückt, daß man mit Würgen, Drehen nnd Wenden ans dem Wortlaut den Schluß ziehen konnte, er wiirde die Krone annehmen, wenn die übrigen Fürsten Deutschlands ihn zum„Erbkaiser"„küren" würden. Dieser altmodische Ansdrnck der alten, vermoderte» Reichsverfassiing mit ihren Kur-, d. h. Kür- und Wahlsürsten, die den Kaiser zn wählen hatten, bc- tvics freilich, daß der König von Preußen an die mittelalterliche seilt ale Rcichsverfassnng dachte, die das moderne Prinzip der Volkssonveränität nicht kannte, und nicht an eine m dcrne Verfassnng, die den Monarchen mit allen, vom Liberalismns ersun- denen parlamentarischen Garantien der Freiheit nnd der Volksrechtc iimgab. Doch derartige Bedenken knincn den Herren Par- lamentariern nicht in den Sinn. Sie waren ja „praktische" Politiker,„Realpolitiker"; und das „Praktische" unserer liberalen Herren„Realpolitiker" hat allezeit darin bestanden, daß sie sich»in das Thatsächliche— Reale— nnd die Thatsachen nicht kümmern nnd— je nach den llmständen— kleine oder große Luftschlösser banen, die— ans dem Papier— außerordentlich'„praktisch" eingerichtet sind, nnd nur den, einen praktischen Realpolitiker allerdings nicht störenden llkachthcil haben, daß man nicht darin wohnen kann. Sollte es nicht möglich sei», die anderen Fürsten dazu zn bestimmen, daß sie den König von Preußen zum Erbkaiser„kürten"? In Preußen gab cS damals schon eine große Partei, auch in den Regierungskreisen bis hinauf in die Hohen- zoller» familie, die Preußen mit Hülfe einer Volks- bcivegnng an die Spitze Deutschlands zn bringen bestrebt war; nnd die Abneigung des Königs gegen die Kaiserkrone wurde von den meiste» seiner nächsten Berwandteii und obersten Beamten nicht getheilt. Bei dem schwankenden Charakter des Königs war ein Gcsinmnigswechsel eine Möglichkeit, mit der gerechnet werden konnte, lind die übrigen Fürsten hatten zwar keine Lust, dem König von Preußen, dem sie an monarchischer Wiirde nnd Gottesbegnadnng ganz gleich standen, geivisserlnaßen als ihrem Ober- Monarchen sich»nterznordnen; allein die Märzrevoln- tion hatte ihnen gezeigt, daß ihre Biacht doch gcbrcch- lich und allerhand bösen Zufällen nnterworsen war— nnd es konnte ihnen nicht nnangenchm sein, durch Einfügnng in ein großes Ganzes größere Sicherheit zu gewinnen. Außerdem waren sie auch in höherem Maße als die Hohenzollern-Dynastie von der Volks- vertretnng abhängig, lind die Mehrheit sämmtlicher Kanimern in Teutschland war für die Rrichsverfassnng. Je kleiner die Staaten, desto kleiner die Macht der Fürsten gegen das Volk. Die kleinereil Fürsten waren denn auch sofort bereit, die Verfassnng mit dem Erbkaiser anznnchmcn, und elf Tage, nachdem das Frankfurter Parlament von Friedrich Wilhelm dem Vierten so grausam nnd boshaft in den April geschickt worden ivar,— am 14. April übergaben die Vertreter von 28 deutschen Negiernngcn dem preußischen Bevollmächtigten bei der„Zentral- gcwalt" in Frankfurt a. Bc. eine Note, in der sie die Reichsverfassiing nnd das preußische Erbkaiser- thiiiii anerkannten und erklärten, daß sie zwar gegen einzelne Bestimmungen der Ncichsverfassnng Bedenken hätten, daß diese Bedenken aber zurücktreten müßten angesichts der Gefahren, die durch ein Hinansschieben oder gar das Scheiter» des Verfassnngslverks für Deutschland erwachsen würden. Das sah ans dem Papier recht hübsch aus— wie denn noch vieles Andere damals auf dem Papier recht hübsch aussah, trotz des Fußtritts vom 3. April. Die Sache hatte nnr einen Haken. Unter den 28 die Reichsversassung anerkennenden Regierungen glänzten gerade die Rc- gicrnngcn durch Abwesenheit, ans welche es ankam, nämlich diejenigen, welche Macht hatten. Deutschland war ja nach der Märzrevolntion mit 36 Re- giernngen und 32 Fürsten— begnadet; es fehlten demnach, da die vier Freien Städte: Hamburg, B. einen, Lübeck nnd Frankfurt a. Bt. auf der Liste der 28 waren, sechs Fürsten: die beiden größten, Hohenzollern nnd Habsbnrg, von denen der erstcre, da er Adressat der Erklärung war, von selbst ans- schied, und auch der zweite, weil Gegner der Reichs- Verfassung und des preußischen Erbkaiscrs— und die vier Könige von Bayern, Hannover, Sachsen nnd Württemberg. Das war ominös. Und waren die Fiirsten der Achtnndzwanziger-Erklärung auch theoretisch ein Jeder genau eb.msovicl iverth wie die Großen und Größten ihrer Kollegen, so wogen sie doch praktisch allzusammen nicht den vierten Theil so viel, wie die vier durch Abwesenheit glänzenden „Kollegen". Und die preußische Regierung war in dieser Bcziehnng nnzweifclhaft„praktisch". Sie war mich praktisch, als die Natioiialvcrsammlnng am 21. April, auf den Antrag von Rodbertus, mit 179 ao4 Me Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. gegen 159 Stimmen die Rechtsbestcindigkeit der Reichsverfassnng anerkannte und damit der Regierung die Pflicht auferlegte, den König zur Annahme der Reichsverfassnng zu bestimmen. Die Regierung pfiff auf den Beschluß, jagte, um reinen Tisch zu machen, die Nationaluersammlung auseinander, und richtete am 29. April an die sogenannte„Deutsche Zentral- gewalt" eine Note, worin sie, den Fußtritt des Königs noch verstärkend, erklärte, von einer Annahme der Reichsvcrfassung und der Reichskrone seitens des Königs von Preußen könne die Rede nicht sein; das Parlament niiisse eine Reichsverfassung mit sämmtlichen(wohlgezählten 36) deutschen Regierungen vereinbaren, und falls das nicht geschehe, würden die Regierungen genöthigt sein, eine Reichsver- fassung zu oktroyiren, das heißt von oben herab dem.deutschen Volk als Zwangsjoch auferlegen. Der„Bruch mit der Revolution" war mit dieser Note nun auch formell auf's Gründlichste voll- zogen. Die Bewegung im Volke wuchs und die re- volutionären Elemente, sowie Alle, denen es mit der Freiheit und Einheit Deutschlands ernst war, gruppirten sich um die Reichsverfassung, die durch das Vorgehen der preußischen Regierung zur Fahne der Märzrevolution gemacht wurde. Wer für die Errungenschaften der Märzrevolution war und das souveräne Recht des Volkes über das Fürstenrecht setzte, wurde durch die Logik der Thatsachen unter das Banner der Reichsverfassung getrieben. III. Mit Entsetzen sahen die Doktrinäre des Frank- furter Parlaments, wie die Reichsverfassung, die sie als Damm gegen die Revolution errichtet zu haben glaubten, durch die Logik der Thatsachen zum Banner der Revolution wurde und wie der „monarchische Rechtsboden" sich in einen revo- lutionären Rechtsboden verwandelte. Den„Kaiser- machern" grawe es nicht blos vor dem eigenen Werk, es wurde ihnen auch unheimlich in den Räumen der Paulskirche, in denen sie sich bisher so wohl- gefällig im stolzen Bewußtsein ihrer nationalen und professoralen Unfehlbarkeit gespreizt hatten. Zu Dutzenden rissen sie aus. Die Mitglieder der Kaiserdeputation waren meistens garnicht mehr nach Frankfurt zurückgekehrt. Die Herren Patrioten und„einzigen Staatsmänner" hatten noch nicht die eiserne Stirn, durch welche sie heute sich auszeichnen und ihre Wangen gegen die Röthe der Scham gefeit haben. Das Parlament wurde entvölkert, dermaßen, daß das Parteieuverhältniß sich verschob, und die Majorität zur Minorität wurde. Und die Minder- heit,— die Linke—, welche in Folge des Aus- reißens der„Rechten" Biajorität geworden war, setzte am 4. Mai, allerdings mit geringer Mehrheit. einen Beschluß durch zur Erlassung eines Aufrufs, der die gcsannute Nation: Volk und Regierungeu aufforderte, die von dem Parlament beschlossene Neichsverwaltnng zur Geltung zu bringen. Mit diesem Aufruf, der allerdings nur den Ereignissen nachhinkte— denn die Durchführung der Reichsverfassung war bereits das allgemeine Stichwort der Opposition und Demokratie— war der Volksbewegung, die sich gegen die reaktionären Regierungen, die preußische obenan, wandte, ein Rechtsboden gegeben, so fest wie ein Rechtsboden überhaupt sein kann. Das Parlament— sagten wir— hinkte den Ereignissen nach, was beiläufig das Schicksal so ziemlich aller Parlamente ist. Das Volk hatte nicht auf das Parlament gewartet. Es hatte begriffen, daß die Entscheidung gekomme», und die Revolution zu Ende war, wenn sie nicht die Reaktion unmittelbar überwinde« konnte. Und zwar mit thatsächlichen Machtmitteln, nicht mit moralischen. Moralische Siege sind immer thatsächliche Niederlagen. Anscheinend, äußerlich betrachtet waren für das Volk die Aussichten nicht ungünstig. Die Reichsverfassung war zweifellos bei dem ganzen Bürgerthum sehr populär und außerdem war sie von 28 deutschen Regierungen angenommen worden. Das stellte immer- hin eine beträchtliche Macht dar und bot eine gute Operasionsbasis gegen die Reaktion unter preußischer Führung. Aus der anderen Seite war gerade der Umstand, daß die revolutionären Elemente sich um die Reichsverfassung schaartcn, geeignet, die eigentlichen Freunde der Reichsverfassung zu erschrecken. Ter eben noch für die Reichsverfassung begeisterten Bürger bemächtigte sich eine ähnliche Stimmung wie des Berliner Philisterthums nach dem 18. Ntärz. Sie fingen au, sich vor dem eigenen Wort und vor sich selbst zu fürchten. Und so geschah das Seltsame: die Reichsverfassung wurde von ihren Feinden ver- theidigt und von ihren Freunden verrathen. Die Bewegung erstreckte sich über ganz Deutsch- land. Ihr Kern und ihr Hanptherd waren aber im südwestlichen Deutschland. Von allen modernen Kultur- läudern ist Deutschland dasjenige, in welchem kulturell die wenigst gleichartige Bevölkerung lebt. Zwischen Nord- und Südfrankreich, zwischen Nord-Süd- und Mitteleugland ist bei Weitem kein solcher Unterschied, wie zwischen dem südwestlichen und nordöstlichen Deutschland. Das alte, von der Sonne römischer Zivilisation durchwärmte und erhellte alte Kulturland im Südwesten ist um Jahrhunderte voraus dem slavischen Land im Nordwesten, in dem das Deutsch- thum, so weit es sich nicht mit dein Slaveuthum gemischt hat, nur Kolonien bildet. Dieser linterschied, der sich heute noch so stark bemerkbar macht— welche Kluft zwischen unseren halbrussischen Ostelbiern und dem demokratischen Rheinland!— trat auch in der Märzrevolution, an deren Ende wir jetzt stehen, lebendig und scharf zu Tage. Baden, Württemberg, Hessen, die preußische Rheiuprovinz waren durch und durch mit revolutionären und demokratischen Ideen durchtränkt— im Osten Deutschlands waren es nur die größereu Städte und die Großstädte: Berlin, Breslau, Königsberg, während die mehr slavische Landbevölkerung sich vergleichsweise gleichgültig ver- hielt. In Kaiserslautern kündigte eine Landesversamm- lnng der bayerischen Pfalz der Regierung(Bayern) den Gehorsam auf, weil sie die Anerkennung der Reichsverfassnng verweigerte, und setzte eine pro- visorische Regierung ein. Dresden folgte nach. Sachsen war, nächst Baden und der bayerischen Pfalz, der Thcil Teutschlands, wo die Bevölkerung am Allgemeinsten sich für die Revolution erklärt hatte. Tie hohe industrielle Eutwickeluug dieses Landes, das schon zu Zeiten der Reformation in der vordersten Reihe war, hatte die politische Erziehung des ebenso fleißigen wie geistig regsamen Volkes gefördert. In keinem deutschen Staat waren so viele politische Vereine, war so viel politische Organisation. Keine Stadt, kein Städtchen, ja beinahe kein Torf ohne irgend einen Verein— Vaterlandsverein(konstitutionell) oder Volksverein(demokratisch-republikanisch). Die Kammer war die radikalste in Teutschland. Der König Friedrich August liebte zwar Preußen nicht, aber er haßte die Demokratie mehr als Preußen und versicherte sich schon im Laufe des April prenßi- scher Militärhülfe für den Fall eines Konfliktes mit der Kammer. Die Kammer beschloß mit großer Ntehrheit, daß die Reichsverfassnng sofort durch- zuführen sei. Die Regierung antwortete, da Preußen die Reichsverfassung nicht anerkenne, habe es keinen Sinn, daß Sachsen dies thue. Der König ging weiter: er entließ das radikale Märzniinisterinm und nahm sich reaktionäre Männer— Beiist und Nabenhorst. Das war die Kriegserklärung. Die Kammer, welche protcstirte, wurde aufgelöst. Ge- waltige Anfrcgnug bemächtigte sich der Massen in Dresden, der Hauptstadt, und in allen übrige» Theileu des Landes bis in die abgelegensten Dörfer. Am 4. April flüchtete der König mit seinen re- aktionären Minister» und den Schätzen des„Grünen Gewölbes" auf den uneinnehmbaren Königstein. Das Volk blieb die Antwort nicht schuldig. Während die Straßen sich mit Barrikaden bedeckten, ward eine provisorische Regierung niedergesetzt, bestehend aus den drei radikalen Führern: Tzschiruer, Heubner und To dt. Die sächsischen Truppen waren nicht im Stande, den Ausstand zu bewältigen, dem ans Leipzig, Pirna, Zwickau, Planen, Chemnitz und dem ganzen Erzgebirge Kämpfer zuströmten. Die preußische Regierung, welche ihr dem Volke gegebenes Versprechen einer Verfassung dreiunddreißig Jahre lang vergessen hatte, erinnerte sich aber sehr wohl des dem König von Sachsen gegen das Volk gegebenen Versprechens. Den 5. Mai traf das erste preußische Regiment in Dresden ein, wo der Kamps aus das Heftigste entbrannt war, und weitere preußische Regimenter folgten in den nächsten Tagen. Tie Aufständischen kämpften mit äußerster Zähigkeit und unter vortrefflicher militärischer Leitung. Nur der llcbermacht gelang es nach fünftägigem Kamps — vom 5. bis 9. Mai— des Aufstandes Herr zu werden. Es war ein Sieg der preußischen Truppen— das„herrliche Kriegsheer" hatte nun seine Revanche für den 18. März, wie sein Kriegs- Herr schon am 3. April sie gehabt hatte. Preußen, „der Staat des deutschen Berufs", nach der Dichtung unserer nationalen„Realpolitiker"— der„Musterstaat", der die„Neugeburt Deutschlands" vollbringen sollte, hatte sich in der That und der Wahrheit als der Hort der deutschen Reaktion entpuppt— als Feind der Revolution, der mit bewaffneter Hand jedem Versuch, die Neugeburt Deutschlands zu be- wirken, niederschlug. Vorläufig noch in offenein Kampf— mit Kartätschen und der Flinte, die schieß! und dem Säbel, der haut. Die Tage der Metzelei nach dem Kampf, der Abschlachtung vermittelst Pulver und Blei durch das staatsrettende Stand- recht, waren noch nicht angebrochen. In Dresden, obgleich siegreich, hatte die preußische Regierung doch erfahren, daß die Verläßlichkeit des herrlichen Kriegs- Heeres nicht ganz„rein und zweifelsohne" war. Die Soldaten, so sorgfältig man sie auch ausgesucht hatte, gingen nicht mit der gewünschten Freudigkeit in den Kampf. Freilich als der Kampf einmal ernstlich entbrannt war. wurde auch„die Bestie im Mensche» entfesselt.(Forlseyung folgt.) Bissfiislhllfisilhe PdtlTppolm. Von Fr. Carlen. p avoisier, der Begründer der moderncii Chemie, 6) hatte schon im Jahre 1799 die Ansicht ans- gesprochen, daß man aus stetiger Beobachtung des Luftdruckes mit Hülfe des Barometers Schlüsse ans das bevorstehende Wetter ziehen könne. Er hatte erkannt, daß bei hohem Barometerstande das Wetter in der Regel gut war, während ein niedriger Bar»- meterstand schlechtes Wetter brachte. Dieser Er- kenntniß entsprang die noch heute übliche Eintheilnng des Barometers mit den Merkpnnkten für scha" Wetter, Veränderlich und Sturm oder Regen. J»' dessen mußte man bald einsehen, daß man, so langr die Barometerablesungen nur au einem Orte vorgenommen wurden, nur der Stand des Zeigers am „Veränderlich" einigermaßen das Nichtige traf, daß also der praktische Nutzen dieser Ablesungen fast gleich Null war. Als aber Gelegenheit geboten war, durch telegraphisch übermittelte Barometcrangaben, Vergleiche von mehreren entfernt liegenden Orten gleich- zeitig anzustellen, erkannte man, daß sich die Gebiete hohen und niedrigen Luftdruckes in mehr oder weniger regelmäßiger Weise fortpflanzten. Mau gab de» Wetterbeobachtungen eine bestimmte Organisation, sammelte die Meldungen an Zentralstellen und er- zielte so sich fortschreitend günstiger gestaltende Er- folge hinsichtlich der Vorhersagnng des Wetters, insbesondere der Vorausbestimmung von Stürmen. Zuerst-ward in den Vereinigten Staaten vo» Nordamerika ein wohlorganisirtes Sturmwarnungs- wesen eingerichtet. Wir in Deutschland haben in der in Hamburg seit dem Jahre 1875 stationirte» deutschen Seewarte ein Institut, dessen Vorher- bestimmunge» sich jetzt in 89 bis 99 Prozent aller Fälle als richtig erweisen— geimß ein schönet Triumph der wissenschaftlichen Meteorologie. Die Scewarte erhält täglich von etwa 199 ver- schiedenen Beobachtungsstationeu Meldungen über die Morgens 8 Uhr dort herrschenden Wittermigs- Verhältnisse, Angaben über Luftdruck, Temperaiur, Windrichtung, Windstärke und Bewölkung. Dos Gebiet dieser Stationen erstreckt sich in westöstlicher Richb'ng von der Irländischen Westküste bis nach 206 Die Neue ZVclt. Illustn'rte Unterhaltungsbeilage. Archangelsk, lvährcnd es im Norden durch Bodo in Norivegen, im Süden durch Neapel am Mittelmeer begrenzt wird. Mit Hülfe des so gewonnenen ziemlich reichhaltigen Materials fertigt die Seewarte einen Bericht über die jeweilige Wetterlage Europas an, der telegraphisch in's Binnenland versendet wird. In den ersten Jahren ihres Bestehens oersandte die Seewarte auch an die Zeitungen Wetterprognosen für oer- schiedene Theile des deutschen Reichsgebietes, die sich indessen infolge des starken Einflusses lokaler Verhält- nisse auf das Wetter als zu unzuverlässig erwiesen, da nur durchschnittlich 57 pZt. der Vorherbestimmungen eintrafen. Jetzt giebt die Seewarte, abgesehen von den Sturmwarnungen, nur noch Prognosen fiir das nordwestdeutsche Küstengebiet heraus, das dem Be- obachtnngsorte Hamburg nahe liegt. Die Vorher- bestimniungen im Binnenlande werden von dort stationirten Wetterbureaux unter eigener Verantwort- lichkeit herausgegeben, kommen aber an Zuverlässigkeit denen der Seewarte fast gleich'. Zum Verständnis; der Wetterberichte ist es nöthig, auf die Entstehung verschiedener Lnfldrucksverhältnisse etwas näher einzugehen. Unser Erdball ist von einer Schicht atmosphä- rischer Luft umgeben, deren Mächtigkeit man ans etwa 75 bis 80 Kilometer schätzt. Diese Lnftmenge hat ein ganz beträchtliches Gewicht, sie übt ans die Erd- oberfläche einen beträchtlichen Druck aus. Aus einem Qnadratcentimcter Erdoberfläche ist dieser Druck ebenso gros;, wie der, den eine Quecksilbersäule von 1 Quadrat- centimeter Grundfläche und 760 Millimetern Höhe ans ihre Unterlage ausübt. Das findet seinen gcbränch- lichen Ausdruck in dem Satze: der Lustdruck entspricht unter normalen Verhältnissen einem Barometerstände von 760 Millimetern. Diese Angabc ist richtig fiir alle Orte, die in gleicher Höhe mit der Meeres- oberfläche liegen.. Begeben wir uns an einen Ort, der etwa 100 Nieter über dem Meere liegt, so lastet ans uns nicht mehr der ganze Druck der Erdatmo- sphäre, sondern die über uns liegende Luftschicht ist um 100 Meter kürzer. Das Quecksilber im Baro- meter steht dann um 1 Millimeter tiefer, also ans 759 Millimeter(wenn nicht besondere Witternngs- Verhältnisse einen anderen Barometerstand bedingen). In einem Orte von 200 Bieter Höhe zeigt die Quecksilbersäule auf 758 Biillimeter, und in gleichem Maße fällt das Barometer fiir je 100 Bieter Höhe um 1 Biillimeter. Wenn nun aber an der Bieeresoberfläche das Baronieter tiefer steht als 760 Millimeter, etwa ans 745 Biillimeter, so beweist das, daß die Luftschicht hier nicht ihre normale Höhe hat, sondern, daß sich über dem Beobachtungsorte gewissermaßen eine Ein- buchtung in der Erdatmosphäre befinden muß, die bei dem genannten Barometerstand etwa 1500 Bieter Tiefe hätte. Stellen wir uns vor, daß an der Bieeresoberfläche im Wasser eine solche tiefe Ein- buchtung sich bilden würde, so würde sofort von allen Seiten das Wasser in diese hineinströmen, bis wieder eine ebene Fläche entstanden wäre. Genau so ver- hält es sich mit der Luftschicht, tvelche die Erde umgiebt. Entsteht in ihr irgendwo eine Einbuchtung, . so strömt sofort von allen Seiten die Luft dorthin, in dem Bestreben, die Oberfläche wieder gleichmäßig zu gestalten. Dieses Hinzuströmen der Luft in solche Einbuchtungen, also nach Orten mit tiefem Baro- meterstand, ist es, was wir als Wind empfinden. Je tiefer die Bucht ist, um so stärker wird die Luft hineinströmen, das heißt in's Praktische übersetzt: je tiefer der Barometerstand an einem Orte im Gegensatz zu einein anderen ist, um so stärkerer Wind wird zwischen beiden Orten wehen. � Ebenso gut wie in der Atmosphäre eine Ein- bnchtnng entstehen kann, kann sich natürlich auch eine Ausbuchtung, gewissermaßen ein Lnftberg bilden. Auf Orle unter einem solche» Berg wird die Luft infolgedessen stärker drücken, das heißt: hier steht das Barometer höher. DaS Ausfindigmachen solcher Luft- Berge und -Thäler und das Erkennen ihres Fortschreitens ist die Hauptaufgabe der Seewarte und anderer In- stitnte, welche sich mit Voransbestimnlnng des Wei ers befassen. Lnflbergc(barometrische„Maxima") und Lufrthäler(barometrische„Biinima") schreiten in der- selben Weise fort, wie etwa Wellenberge und Wellen- thäler an der Wasseroberfläche. Da es die Minima sind, welche schlechtes Wetier und Sturm mitbringen, so hat man auf ihr Fortschreiten das Hauptaugen- merk zu richten; und durch lange sorgfältige Be- obachtung hat man festgestellt, daß sich auf der für uns allein in Betracht komniendeu nördlichen Halb- kugel ein Minimum von Westen nach Osten fort- zubewegen pflegt, und zlvar meistens auf ganz be- stimmten Wegen, die man als„Zngstraßen der Minima" bezeichnete Vom Atlantischen Ozean kommend, führen diese Straßen theils über Irland, England und Schottland, theils über Norwegen. Telegra- phische Meldungen aus mehreren Orten in diesen Ländern geben Anskunft darüber, welchen Weg ein Minimum genommen hat; und daraus läßt sich unter Beriicksichtignng lokaler Wilternngsverhältnisse mit ziemlicher Sicherheit das Wetter des folgenden Tages bestimmen. Der gewöhnliche Verlauf des Wetters beim Herannahen eines Miniinums ist in Deutsch- land etwa Folgender: Befindet sich das Minimilm oder wie man auch sagt die„Depression" in England, so wehen mäßige oder schivache östliche bis südöstliche Winde bei meist heiterem Wetter. Dann dreht der Wind alsbald nach Süden, je mehr die Depression nach Osten fortschreitet, der Himmel beivölkt sich mit zunehmender Stärke. Hat das Minimum Siidschwcden erreicht, so tritl alsbald bei stärker werdenden siid- westlichen Winden Regen«in; der Wind dreht weiter nach Westen und Rordwesten, und endlich bei Eintritt heiteren Himmels über tstordeu nach Osten. Wir sagten oben, daß der Wind stets nach dem Minimum hin weht; das ist auch in der Theorie richtig, aber das Hinzuströmen erfolgt nicht grab- linig auf das Miliiminn loS, sondern durch die Kugelgestalt der Erde und die tägliche Erdumdrehung beeinflußt, findet eine Ablenkung von der grade» Linie statt, in der Weise, daß der Wind um das Minimum herumkreist, und zwar in einer dem Laufe des Uhrzeigers entgegengesetzten Richtung. So kommt es, daß wir Südwest- oder Westwind haben, wenn sich das Minimnnl nördlich von uns befindet. Die Geschwindigkeit, mit welcher sich eine De- Pression fortpflanzt, ist sehr verschi.'den. Durch- schnittlich legt sie in einer Stunde einen Weg von etwa 30 Kilometern zurück. Je tiefer das Barometer im Minimum steht, um so rascher eilt letzteres vor- wärts. Sehr tiefe Depressionen kommen oft so schnell von England über die Nordsee gezogen, daß sich ihr Einfluß eher geltend, macht, als die telegra- phischen Meldungen an der Scewe.rte eintreffe», und so kommt es, daß die Nordwestküste Deutschlands oft von Stürmen heimgesucht wird, fiir die es gar keine Anzeichen gab, und fiir welche die Seewartc keine Stnriiiwarnnng erlassen hatte. Bor den meisten Stürmen, welche nnscre Küsten bedrohen, warnt die Seewarte zur rechten Zeit, und dadurch wird viel Elend und Unglück verhütet. Manches Menschenleben bleibt erhalten, das sonst draußen auf der See ein Opfer der Wellen geworden wäre, viele Schiffe und Güter bleiben im sicheren Hafen, die ohne Warnnng ein Raub der gierigen See geworden wären. An vielen Punkten, namentlich an allen Hafenplätzen sind weit sichtbare Signalmasten aufgestellt, an denen besondere, den Schiffern auf weite Eiitseruung erkennbare Signale aufgehißt werden, wenn ein Unwetter heranzuziehen droht. Bei Enx- Häven an der Elbmiindnng ist überdies ein sogenannter „Semaphor" aufgerichtet, ein Sigualmast, der vor- beifahrenden Schiffern Angaben macht iiber die Richtung und Stärke des Windes der im Augenblick bei Helgoland und Borkum herrscht, so daß ein in die Nordsee auslaufendes Schiff genau weiß, was für Wetter ihm fiir die nächsten zwölf Stunden bevorsteht. Wenngleich die Sturiiiwarnungen nur fiir das verhältnißuiäßig kleine Gebiet unserer Nord- und Ostseekiistcn Bedeutung haben, so ist ihr rechtzeitiges Bekanntgeben doch die allerwicht gste Aufgabe der Seewarte. Im Binnenlande pflegt ein Unwetlcr doch selbst in den schlimmsten Fällen nicht so viel Unheil anzurichten, als an den Küsten und auf der See. Droht auch manche Ernte v ruichtet zu werde'', wird auch mancher Wohnsitz eine Beute des Sturmes, so sind Verluste von Menschenleben infolge eines Unwetters doch immer etwas sehr Seltenes, während auf dem salzigen Wasser so manches Hoffnungsrolle Menschenleben den Launen des Wetters zum Opfer fällt. Immerhin wünscht auch der Binnenländer M wissen, was der folgende Tag fiir. Wetter bringen wird. Der Landwirth wird seine Verfügungen iiber die Arbeiten des folgenden Tages danach einrichten, der Städter möchte wissen, cb er seinen Regenschirm daheim lassen oder mitnehmen soll, wenn er eine Landpartie unternehinen will. Hier treten denn nun die schon erwähnten Wetterbureaux in ihre Rechte, wie sie in verschiedenen Städten existiren. Sie versenden ihre Prognosen an die Zeitungen und durch diese werden sie bis auf's flache Land hinaus verbreitet. Wir erwähnten schon, daß eine einigermaßen sichere Prognose sich nur auf Grund des Stndinuis der telegraphischen Wetterberichte ans einer möglichst großen Anzahl von Orten aufstellen läßt. Dazu kommt dann»och die lokale Beobachtung. Fiir diese ist ein Hauptmoment der Zug der so- genannten„Cirrnswolken"; Federwolken oder Wind- streifen nennt man diese zarten Wolkengebilde auch- Ihre Bewegmig ist fiir die Mulhmaßung des Z» erwartenden Wetters so wichtig, daß man oft schön daraus allein eine Prognose fiir seinen Aufenthaltsort stellen kann. Der Zug der Cirrnswolken zeigt an, welche Richtung der Wind in höheren Luftschichten hat. Wüs werden oftmals beobachten, daß die feinen Feder- wollen direkt entgegengesetzt der Windrichtung, welche an der Erdoberfläche herrscht, ziehen. Wenn bei Ostwind die Eirruswolken aus Westen ziehen, ch läßt das mit Sicherheit auf das Herannahen eines barometrischen Minimums schließen, und damit ani eine Verschlechterung des Wetters. Federwolken, die aus einer zwischen Südwell und Nordwest gelegenen Himmelsrichtung ziehe», bringen unter zehn Btal fast sicher acht Mal Rege» innerhalb 24 Stunden'. Wenn die EirnistvoUe» sehr rasch ans Nordwesten ziehen und dabei die Gestalt von zerzausten gebogenen Fäden oder zerfetzte» Schleiern haben, so kann man getrost prophezeie», daß innerhalb 12 Stunden Rege» fällt; in 9 vc» 10 Fällen wird mau Recht behalten. Wenn llei nnbeständigcm Wetter mit Nordwem wind Federwolken gegen den Wind, also ans dp' lichen Richtungen, ziehen, so kann man crivarte», daß sich das Wetter innerhalb 24 Stunden beffee» wird... Diese Merkmale zieht die Secwarte iiatürl»' auch in Rechnung. Wenn aber dennoch Jrrthii»� vorkommen, so beweist das eben, daß die Weltm- Wissenschaft noch nicht völlig ergründet ist. Die meisten Fehler, welche die Seewarte maö>, haben ihren Grund darin, daß zwischen Engla».( Norwegen und unseren deutschen Küsten die Nor.ll)' liegt, auf der es keine mit dem Festlande telegrapl»» verbundenen Beobachtnugsstationen giebt. Lägen» 'der'Mitte der Nordsee einige Inseln, oder wiiü' es gelingen, dort fest stationirte Schiffe mit dc» Festlande telegraphisch zu verbinden, so würde»:i11 den Verlauf der Depressionen auch verfolgen fli"1"; wenn sie ihren Weg quer über die See nehiNsN' die Wettervorherjagnngen würden damit eine stll absolute Sicherheit ihres Eintreffens gewinnen. Tic Unterhaltung und Stationirung solcher. wachtschiffc mitten in der See wäre technisch nwl keine Unmöglichkeit mehr— aber sie würde Geld kosten, und deshalb müssen wir warten, n' wir in ein Zeitalter lomnien, das für Wissens�»/ liehe Zwecke mchr Geld üb. ig hat, als das Zeitalter der Kanonen und Kriegsschiffe.— Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 207 Der Herr Kandidat.-----H- Von Johaiiucs Schlaf. s �,'s war Mittagszeit. Die Familie hatte sich um den großen Eßtisch in, Verandazimnier versammelt. „Mädchen, iß doch!" rief Herr Bürger Martlja zn. . Martha, die mit ihrer Gabel wählerisch zwischen den paar Fleischstiickchen vor ihr aus dem Teller umherstocherte, verzog das Gesicht und wurde roth Uor Verdruß. ß � Aergerlich sah sie zu dem Herin Kandidaten hinüber, als wollte sie ihn verantivortlich machen dir die Niicksichtslosigkeit, die sich Papa ihr gegen- über in seiner Gegenwart zn Schulden kommen ließ. f„Ach, nur nicht so schn'ppisch thun, gnädiges 1 Fräulein! Ja?" Martha legte demonstrativ Messer und Gabel auf den Teller und sah ans, als wenn sie in Thränen aiisbrechen wollte. „Aber, Bürger!" Frau Bürger zog ein Gesicht. „Ach, sprich doch»ich, Bertha! Wie soll denn das Mädchen da zn Kräften komme»!" sagte Herr i Bürger, indem er sich ein mächtiges Stück Braten auf den Teller nahm.„Sie nährt sich ja effektiv aur noch von Bonbons! Alle Tage wird se dürrer!" „Aber Bürger!" „Na, sehen Sie, das will mir meine Frau»n a>ch zugestehen, Herr Kandidat! Was sagen Sie dazu, als Pädagoge!" Ter Herr Kandidat sagte garnichts dazu. Uebrigens dearbeitete Herr Bürger bereits sein Bratenstück und 'aure mit beiden Backen. Der arme Herr 5kandidat saß die ganze Zeit 1®.'« auf Kohlen. Das Tischgespräch pflegte nämlich vsters ein wenig peinliche Wendlingen zu nehmen, j®«»n Herr Bürger sich seiner bemächtigte, und sie hatten wohl auch einen Menschen mit größeren diplomatischen Fähigkeiten, als über die der Herr Kandidat verfügte, in Verlegenheit gesetzt. Außerdem I�ar der Herr Kandidat erst seit Kurzem Hanslehrer "> der Familie Bürger. Er bückte sich daher ver- silan nur noch tiefer über seinen Teller und hantirte || inilich ungeschickt mit Messer und Gabel auf ihm herum. „Aber bitte, Herr Kandidat, lassen Sie sich doch .'cht nöthigen!" wandte sich jetzt Frau Bürger gegen etwas gereizt, denn an irgend Jemand mußte de ihren Unmnth doch los werden. . Ter Herr Kandidat zuckte zn einem Bückling zu- "luieu und lächelte. .»Ja, potz Tausend, Mann! Gcniren giebt's bei nicht!" Herrn Biirger's lebhaftes Gemiith war abgelenkt. „Nein, o nein! Hehe!" Zum Beweis, daß er sich nicht im Geringsten deaire, nahm der Herr Kandidat eilfertig noch ein ..'atenscheibchcn auf seinen Teller und nippte an ruieni Bierglas. , Bis zum Nachtisch ging eS nun ziemlich schtveig- Zu. Nur das Geschirr klirrte in dem großen, Uttagsstillen, luxuriös ausgestatteten Zimmer, dessen ™'gelthüren nach der Veranda weit geöffnet waren. . Draußen, in der heißen Mittagsluft hörte man ältlich die großen, blauen Fliegen sninnien, die in Sonne spielten, und die Rosen dufteten von der �aiidabrüstnng herein. y Ter Herr KaiMdat, der ja wohl eigentlich die 'Wichtung fühlte, etwas zur Unterhaltung beizu- ,«fOn--' ■®trtnp' i" 91"..........——„ ®efi)■�en u'e' b" befangen war, um einen ergiebigen j�s ächsstoff auf das Tapet zu bringen, wurde in allgemeinen Stillschweigen nur noch verlegener. "uyiiiimicii �/uu|u;iuuuui>>.....—,----- Öij. Zitier Zerstreutheit packte er sich, von Frau •Nnf1 �enöthigt, den ganzen Dessertteller so voll Übel s!�' er erbleichte und Frau Bürger ihn leinen noch so großen Appetit verwundert ansah. „Aber essen Sie doch, Herr Kandidat!" „Ja! O ja!"— w.'k'ich hob Herr Bürger den Tisch auf und e den Herrn Kandidaten am Rockknopf. „Na, Toktorchen! Kommen Sie! Nun wollen wir uns ein bißchen'naussetzen und was plaudern!" Der Herr Kandidat erhob sich, halb von Herrn Bürger gezogen, mit einem Seufzer der Erleichterung. Die unglückseligen Kirschen, die ihn nun sicher fiir den ganzen Tag aus dem Konzept bringen würden, hatte er, iveil er sich dazu verpflichtet fühlte, nun wirklich unter nicht unbeträchtlichen Seelenqualen aufgegessen. „Eine Zigarre, Doktorchen?" rief Herr Bürger, der leise vor sich hin schimpfend im Büffet herum- gekramt hatte. „Danke!" „So! Und nun kommen Sie, Verehrtester!" Herr Bürger trat mit ihm auf die Veranda hinaus und zog ihn neben sich auf die gelbgestrichene, gußeiserne Gartenbank nieder. Er drückte sich in eine Ecke und faltete seine runden, weißen Hände, an denen ein dicker Brillant- ring blitzte. Der Ehering verschwand fast im Fleische. Der Herr Kandidat, der in seinem schwarzen sehr faltigen Rocke respektvoll und steif auf der äußersten Kante des anderen Bankendes saß, hielt die Augen unter der Brille gesenkt. Seine mageren, sonst bleichen Backen waren von dem reichlichen, guten Mittagessen noch leicht geröthet. „Aber... Sie rauchen ja kalt, Bester!" Herr Bürger reichte ihm die Ziindholzschachtel. „Ah! Da ist ja schon wieder dieser infame Haln im Garten!" Herr Bürger sprang plötzlich auf und lief mit einem Rohrstöckchen, das neben ihm in der Ecke gestanden hatte, so schnell ihn: das seine Wohl- deleibtheit gestattete, die paar Stufen zum Garten hinunter auf den Rasenfleck zu, dicht vor der Veranda, auf dem sechs gelbe Cochinchinas nmherscharrten. Ter Hahn war dem grellbunt kolorirtcn steinernen Zwerg, der mitten im Rasen lag und ans einer Pfeife rauchte, auf die rothe Zipfelmütze geklettert und krähte aus Leibeskräften mit seiner tiefen, dröhnenden Baßstimme. „Theodor! Lümmel! Willst Du aus dem Garten!" schrie ihm Herr Bürger zn, indem er sein Rohr- stöckchen schwang und ans ihn zustürzte. .Theodor' verließ schleunigst seinen Standort und rannte, verdrießlich gackernd, spornstreichs mit seinen fünf Hennen wieder in den Hof zurück. „Sie glauben garnicht, was ich mit dem ver» steckten Burschen meine liebe Roth habe! Er weiß recht gut, er soll nicht in den Garten kommen, aber er kann's nicht lassen, kann's einfach nicht lassen! Was sagen Sie dazu?— Sie glauben garnicht, wie ich mich über die Bestie ärgern muß!— Und dann kräht das den ganzen Tag! Und mit einer Stimme?— Was sagen Sie? Mein Nachbar Schwarzkopf hat mich doch schon wegen dem Schlingel verklagen wollen! Und dabeihat das Vieh geradezu Meiischeiiverstand, sehen Sie! Er weiß ganz genau, was er thun soll. Aber er is so vergeßlich, so ungeheuer vergeßlich, und die anderen verleitet er natürlich auch zum Spektakeln. Na, was will man machen!— Auf der anderen Seite Hab' ich die Bestien auch ivieder so gern, daß ich mich nicht davon trennen kann. Ich kann Ihnen sagen, Sie könnten mir den schönsten Bernhardiner anbieten, ich ziehe meine Eochinchinas vor.— Aber, Ihre— Zigarre?..." „LH, sie— brennt noch!" beeilte sich der Herr Kandidat zn versichern und zog, daß er feucrroth wurde. „Ach was!— Sie is ja wieder ausgegangen! Hier!— Stecken Sie an!— Aber mehr als drei Zündhölzchen werden nicht mehr bewilligt." Ter Herr Kandidat lächelte respektvoll und steckte sich die Zigarre an. „Hm! Na, Verehrtester! sagen Sie mal..." Herr Bürger prach„maaal".— „Sagen Sie mal, also... wie gefällt Ihnen Ihr Zimmer? Sind Sie z ifneden?" „Sehr! Sehr!" beeilte sich der Herr Kandidat zn versichern. „Nicht wahr? Sie haben nämlich eine wunder- bare Aussicht über die Gärten!— Eh, Madam' Bürger! bringen Sie doch mal den Kaffee?!— Ach herrjeh! Nun fängt die Martha wieder an! Diese Klavierwuth bringt mich noch zum Verzweifeln, kann ich Ihnen sagen!— Na, aber meine Frau läßt sich nu eben mal»ich ausreden, daß sowas zur„Bildung" gehört.— Bildung! Is ja ganz schön!— Na, kurz und gut!—" Herr Bürger machte eine resignirende Hand- bewegnng. „Wie sind Sie übrigens mit dem Unterricht zufrieden?" „Oh, sehr gut! Fräulein Martha hat..." „Wissen Sie was? Strengen Sie sie nur nich zu sehr an. Ich begreife überhaupt nich, was das dem Mädel nützen soll, wenn sie sich den Kopp voll französische und englische Vokabeln pfropft. Höherer Mumpitz!— Klavier klimpern, französisch plappern, Redensarten machen nn' den lieben langen Tag Bonbons knabbern. Na! Ich sage!— Wenn sie wenigstens noch'n ordentliches Essen kochen lernte! — Den Walter können Sie übrigens recht stramm nehmen; der Schlingel hat kein Sitzefleisch.— Lernt er denn?" „Oh, ich bin zufrieden." „Nein, wissen Sie! Genir'n Sie sich man ja nich! Wenn's mal nich klappt in der Fechtschule, dann sagen Sie's nur ganz getrost; ich will dann schon nachhelfen!— Schön! Schön!" „Bitte, Herr Kandidat!" Der Herr Kandidat, der schon angefangen hatte, sich ein tvenig wohler zn fühlen, war beim Erscheinen Frau Biirger's zusammengefahren. Erst als sie wieder in das Zimmer zurück war, wagte er, da er sich in Herrn Biirger's Nähe freier fühlte, sich ein paar Stückchen Zucker in den Kaffee zu rühren. Herr Bürger, der ihm schmunzelnd zugesehen hatte, klopfte ihm auf seine dürre Schulter. „Also, Sie wollen nu mal Lehrer werden?" „Ja." „An einem Gyinnasium?" Herr Bürger pflegte manchmal ans Zerstreutheit überflüssige Fragen zu thun. „Ja." „Nun, und fühlen Sie sich denn nun eigentlich auch wohl bei dieser Karriere?" „O gewiß!" Ter Herr Kandidat fühlte sich angenehm berührt, als Herr Bürger auf diesen Gesprächsstoff kam. Seine kurzsichtigen Augen belebten sich hinter der Brille. Diesem Thema fühlte er sich völlig gewachsen. „Sic haben also aus Neigung Philologie stndirt?" „Ja, das heißt, anfangs ja nicht." „Nicht." „Aber da meine Eltern— unbemittelt waren, und... Ich hatte in den alten Sprachen gute Fortschritte gemacht und unser Direktor rieth mir, Philologie zu stndire». Außerdem verschaffte er mir ein paar Stipendien..." „Na, und nachher haben Sie sich bei Ihrem Studium wohlgefiihlt?" Herr Bürger hatte ein Stück Zucker in den Mund genommen und führte nun die Tasse an die Lippen. „O ja, das kann ich wohl sagen." „Na ja! hui!— Aber nu sagen Sie mir mal ganz ansrichtig: woz» nützt denn nu eigentlich noch die ganze klassische Philologie.— Sagen Sie mir nur mal, welchen praktischen Nutzen hat ein junger Mann von den alten Sprachen!" „Oh...« Ter Herr Kandidat lächelte verlegen. Aber Herr Bürger ließ ihn garnicht erst zn Worte kommen. Er liebte es, nach Tisch sein Halbstiindchen zu plaudern. S03 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. „Eh— m!— Wissen Sie, ich hnlte das für total niizeitgeiiiäjz! Praktisch sein! Praktisch sein! Das is die Hauptsache, wenn man heute was vor sich bringen will. In die Welt passen.— Ich sage mir,'n junger Mann muß rechnen können, vor allen Dingen rechnen können! Seine vier Spezies am Schnürchen haben.— Im klebrigen: Nene Sprachen? meinetwegen Naturwissenschaften und Mathematik.— Sehn Sie mal! Ich bin Kaufmann? nich wahr? Großhändler!— Ich habe hier meine schöne Villa? ich habe meine Cochinchinas, meinen hübschen Garten. Das Gemälde drin über'm Sofa, das ich meiner Frau zu Weihnachten geschenkt habe, kostet mich dreitausend Mark. Na Gott, ich hab's dazu. Und dann sehn Sie mich mal an! Leide ich etwa Roth? Wie?— Ich blühe vor Gesund- heit und pflege meinen Spitzbauch, hehe!— Und — da! hier! fassen Sie mal an meinen Arm!" Der Herr Kandidat, der nicht wußte, ob diese Aufforderung ernst gemeint sei, zögerte. „Na, fassen Sie doch mal!" Der Herr Kandidat faßte Herrn Bürger mit seiner mageren Hand schüchtern an den Oberarm. „Was?— Hä?— Muskeln!— Nich?— Hähähä! Ja, sehn Sie? Was wollen Sie mehr? — Aber wie gesagt: praktisch sein muß der Mensch, in die Welt muß er sich zu finden wissen, wenn er's heute zu was bringen will. Weiter nichts!— Sehn Sie, von Haus aus bin ich'n ganz armer Teufel und habe auch nich'n rothen Heller gehabt. Aber nachher, wie ich diente, blieb ich beim Konimiß und bracht' es bis zum Unteroffizier. Nachher Hab' ich eine Kantine gepachtet. Ich legte mir Sparkröten zurück. Das Geschäft ging brillant, denn ich wußte meine Leute zu nehmen, verstehen Sie? hehe!— Na sehen Sie, im' da wären wir denn mit den Jahren so pku ä peu'chctt in die Höhe gekonnueu!" Herr Bürger blinzelte dem Herrn Kandidaten zu und klopfte sich mit der flachen Hand auf den Magen. „Hernach, in den sechz'ger Jahren, machte ich brillante Geschäfte nnt Petroleum. Was soll ich sagen: ich hatte eine Zeit lang einen Umsatz von zweihundert Faß pro Tag. Zwei— hun— dert Faß! — Hähähä! Sie nennen mich hier heute noch den Petrolenmkönig.— Hähähä!— Na, und was hat mir im Grunde zu meinem Vermögen verholfen, sehen Sie? Meine vier Spezies un'n bißchen— Gripps. Weiter garnichts!— lln' nu' bitt' ich Sie! Was hat dagegen'n studirter Mann? Nehmen Sie mal an: schon die kostspielige Vorbereitung und dann die langsame Karriere heut- zutage!— Aber„studirt"! Ein„studirter Mann"! — Hähä!— Ja, ja, satteln Sie um, werden Sie Kaufmann, Doktorchen!—" Herr Bürger rülpste und stäubte behaglich die weiße Asche von seiner Zigarre. „Ich will Ihnen mal was sagen, Verehrtester!" fing er mit Wichtigkeit wieder an,„in der Welt, wie sie nu'mal ist, wird nach der Macht gefragt, der Macht? und die hängt heutzutage vom Gelde ab, le— big— lich vom Gelde." „Oh, aber..." „Ah na ja: wollen— hähä! ich weiß schon, was Sie sagen — Aber wissen Sie was?" Herr Bürger legte seine runde weiche Hand dem Herrn Kandidaten auf den dürren Arm. „Alles Andere, auch das, was man so das „Ideale" nennt, stützt nur das Geld oder wird zu diesem Zwecke wieder vom Gelde gestützt. Verstehen Sie mich auch recht?" „Ja, aber..." „Eh— Sie sind noch jung? sind noch'n junger Mann, Dokterchen!" „Nein nein! Sie haben ganz recht, Herr Kandidat!" sagte Frau Bürger, die in diesem Augenblick aus dem Zimmer kam.„Ich streite mich mit meinem JeniLteton. Sommer.* wie sie leuchtet, Wie sie üppig steht, Zie Hose— Welch' satter Zust)u Air hinüberweht I Aoch lose Hur haftet ihre Aracht— streift Deine Hu st sie, Hältst Du über Wacht Die welken Ilätter in ber heiße» Kaub... gjie hatte einst bcn jungen Mai gekannt Unb muß 6cm stillen Kommer nun gewahren— Hörst Du 6as Hauschen goldener Jehre»? «Ks geht 6er Kommer über's Han6... Thekla Liiigc». Abend. Nach einer Zeit, in der die Maler in ihrem Bestreben, Licht und Farbe ihrer Kunst zurückzuerobern, sich nicht genug thun konnten, grelle Mittagssonnengluth darzustellen, in der immer raffinirtere Milte! versucht ivurden, der Leuchtkraft der Farben in einer von der Sonne beschienenen Landschaft mit den Farben der Palette nachzukommen, ist jetzt wieder eine Umkehr erfolgt. Heute geben mehr die Stunden der Dämmerung, des Abends, ia selbst die unbestimmten Farben und Formen der Nacht den Malern die Motive. Es sind verschiedenartige Gründe, die sie dahin geführt haben. Eine gewisse Ermüdung, ein Bedürfniß nach Ruhe und Einkehr nach der An- spannuna heftiger Kampfjahre mag den ersten Anstoß gegeben haben. In Dämmerungs- und Abendstimmungen fand' eine träumerische Melancholie am besten ihren Aus- druck? sie ließen sich eher mit Gestalten der Phantasie erfüllen als die Landschaft, in der unter klarem Sonnen- schein Alles fest und bestimmt dalag. Bei dem Maler unseres Bildes, dem Münchener Charles I. Palmiä, * Aus„Am Tcheldnvege". BerUn und Letpzls, Schuster & Loefjler.— Mann jeden Tag darüber." Sie ließ sich nieder. „Das fing schon damals an, als Rudolf auf das Gymnasium sollte. Denken Sie sich, mein Mann wollte ihn durchaus auf die Gewerbeschnle bringen!" „Das wäre auch das Allerbeste gewesen," brummte Herr Bürger. „Nun, ich meinerseits finde das einfach nicht fein,— Schwarzkopfs, Müllers, Martens: Alle schicken ihre Junzens auf das Gymnasium, sind es ist auch garnicht zu bestreiten, sie bekommen da mehr Schliff. Du giebst'freilich nichts darauf."-s Frau Bürger hatte diese letzten Worte mit scharfer, vielleicht etwas spöttischer Betonung gesprochen.- Der Herr Kandidat, der zu alledem nichts zn sagen wußte, unterstützte die Unterhaltung nur ab und zn, wenn man sich an ihn wandte, mit einei» „Ja" oder„Nein" und hatte im Uebrigen nur den heimlichen und sehnlichen Wunsch, wieder oben in seinem Wen, freundlichen Zimmer über seinein Tacitus zu sitzen. Meistens starrte er nachdenklich über seine nun- mehr wieder kalte Zigarre weg auf den Spring- brunnen unten im Garten. Ilm den Rand des Bassins saßen sechs nackte Badeengel, die mit einer schönen, gelben Oelfarbe überpinselt waren, so daß es den Anschein hatte, als tvären sie mit holländischer Sauce Übergossen. „Ich sage immer: Nicht nur das Geld, auch die höhere Bildung gehört zum Leben. Das Geld mutz erst dadurch veredelt werden!" fügte sie sentenziLs Hinz».„Bildung macht den Menschen erst vollständig!"| „Höhere Bildung!" brummte Herr Bürger.„Ja, das sieht man an Rudolf! Er is noch so un- praktisch, daß er nicht mal ein' vernünftigen Skat spielen kann." Er erhob sich und ging in das Zimmer,»»> sein Mittagsschläfchen zu halten, bevor er sich in's Comptoir begab... —'S ist es freilich ein anderes Motiv, das ihn zu der Abend- stimmung geführt hat. Ihm war es um die schwere Pracht der Farben zu thun, um die tiefe goldige Gluth des Abend- Himmels in ihrem fesselnden Gegensatz zu den schweren dunklen Wolkenzügen und den massigen dunkelgrünen Laubkronen, die das Licht umspielt, die es hie und da goldig glitzernd durchdringt. In dem Spiegel des stehenden Wassers kehrt dieses machtvolle Bild verklärt, mit einem feuchten Schimmer wieder. Düster und schwer wirkt diese Landschaft, der Eindruck einer fast unheimlichen Ruhe, aber auch von Größe geht von ihr aus.— Die Schmiedekunst im Evhclnndc. Von altersher ist die Schmiedekunst im Evhelande(Togo) verbreitet. Sie ift Familien- und Erbgut und muß in den Grenzen der Familie bleiben. Läßt sich Einer, der nicht Mitglied einer Familie von Schmieden ist, beikommen, doch eine Schmicdewerkstätte zu errichten, so wird er nach der An- schauung der Evheneger seinen Tod in dieser Arbeit finden. Bon den mancherlei abergläubische» Vorstellungen und der Art, wie das Handwerk bei den Evhenegeru geübt wird, giebt der Missionar C.Spieß in der Wochenschrift „Globus"(Braunschwcig, Fr. Vieweg& Sohn) eine anschauliche Schilderung, der wir das Folgende auSzugs- weise entnehmen. Der Hammer, das wichtigste Werkzeug eines Schmiedes, gilt als eine Gottheit, ein Tro. Eine ge- heimnißvolle Macht wohnt in den Werkzeugen. Bei Fetischcssen, die Eintracht und Frieden herstellen sollen, dürfen der„Hammer und seine Verwandten" nicht fehlen; sie werden in einen Topf gethan, aus dem dann die Anwesenden trinken. Der äußere Bau der Werkstätte ist auf's Einfachste hergestellt: einige Pfähle, auf denen ein Grasdach ruht. Meist ist nur em Feuer in Thätigkeit, unter Ilmständen auch zwei, und die größte Schmiede, die Spieß sah, unterhielt drei Blasebälge. Der Blasebalg ist sehr einfach. Der Schmied sucht einen entsprechenden Baumstamm, an dem zwei Arme für passende Luftröhren sich befinden. Damit er den Blasebalg gut Hantiren kann, nimmt er ihn nicht zu groß. Um die nöthige Luft zu gewinnen, werden über die Oeffnungeu der beiden Arnie entweder Felle oder starke Blätter, wie die der Bananen, gespannt. In der Mitte dieser Fellüberzüge ist je ein Handgriff angebracht, durch dessen Auf- und Niederberegen Luft erzeugt wird bezw.Lust, welche schon vorhanden, ausströmt. Ueberall, wo im Evhelmcde Schmiedewerkstätten zu finden sind, werden nur männliche Angestellte thätig sei»' dagegen sollen in Santrokofi, wo viel Eisen gewönne» wird, in Apafo und Lolobi Frauen den Blasebalg>» Bewegung halten. Das Eisen in Santrokofi ist»>» Erde»ermischt und sieht aus wie Sandstein. Man bau ein Haus, das die Form eines großen Ofens hat. G1 genügend Holz gesammelt, dann wird das ausgegrabene, mit Erde vermischte Eisen darauf gethan. Das Eist» bleibt so lange aus dem Feuer, bis es schmilzt und da»» in Löcher, welche man vorher gegraben hat, fließt..0" früheren Zeiten waren die Evheer fleißiger im Eise»- ausgraben. Sie waren auch davon überzeugt, daß c- besser als das europäische war. Als das europäisch� Eisen allgemein bekannt wurde und man es überall Zw» Verkauf hatte, sagten sich die Evheer, da das Ausgrabe» mit zu viel Mühe verbunden war und zu wenig Eise» zum Schmieden bei großem Holzverbrauch abfiel,— e» ist besser, wir nehmen europäisches. Dazu sagt mit Siech' ein alter Evheer:„Wären wir klug genug, und würde» Werkzeuge, wie die Europäer herstellen, wir könnte» schneller rohes Eisen gewinnen und hätten nicht nöihlll' europäisches zu kaufen, denn unseres ist besser als da» hcrgclwachte.". Den Arbeitsvorgang beim Schmieden selbst schildert Spieß in folgender Weise: Auf den Kohlen läßt der: Schmied das Eisen so lange, bis es glühend wird,>v»» mit Hülfe seines primitiven Blasebalges zwar nickst'» sehr kurzer Zeit, aber doch erreicht wird. Er»»»»» seine Eisenzange mit den langen Schnäbeln, ergreift da» Eisen damit, thut es auf den Ambos, der schon enr»° päisches Aussehen hat, und schlägt es zur gctvünschtc» Gestalt. Sobald das Eisen kalt und schwarz geworden, kommt es wieder iu's Feuer? es wird dann wieder»!» glühend gemacht und zur gewünschten Form geschlaw»» Bis in die neueste Zeit hinein werden von de» Schmieden hier im Evhelande gearbeitet: Aexte, Hacke»- Buschmesser, Thürriegel, Schlüssel, Fesseln, Blessem- Siasirmesser, besondere Messer zum Anbohren des Pal>»' Weines, Schwerter, Dolche, Spieße, Armringe, Fintz�' ringe, Kriegsglocken, Glocken für Fesischpriester, Mörse» Ketten, Fußschellen, große Nadeln, Hämmer und klein- Eisenwaaren für Thüren, Fenster und Koffer. Sem geschickte Schmiede bringen es auch fertig, Gewehrthe»' zu schmiedm.—____ Nachdruck des Inhalts verboten! ■trantnortltdi«! SRrtarteut: OStar«übt tn«bartottenbur#,— Verlag: Hamburger«»chdruikiret und vertags-nft-lt«ü«t&«e. tn Hamburg.—»ruck: Mar Babtna In Aertln.