Nr. 28 �Säuflrtvle �1 Cn£crHaHun0ÄbeUa0c. 1899 Jakob.•4&- Fortsetzung� Roman von Alexander L. jiiclland. Antorisirte Ueberschung ans dein Norwegischen von Leo Bloch. IX. nfl-' ---V � örres hatte sicher ans Soiiilenscheiii für seinen y'" großen Tag gerechnet. Darnm wurde er �uch etivas verstinniit. als er früh Mvrgens durch halbdnnklcn Laden tappte, nni die Rolllädcn �fziiziehen: es lvar ranhkaltes Herbstwetter mit lchlveren Wolken imb Siidivind. Er begann in den Schaufenstern zu arbeiten; �er Alles sah anders ans als gestern Abend in °">l matten Gaslicht, lind das kalte graue Licht, welches die Frische ans allen Farben sog, nahm ihm einmal allen Math. Er stützte und wurde von einem großen Zweifel � sich selbst ergriffen. Er sah sich um, ob es gut �re, ob es nicht ganz wahnwitzig wäre. Aber da Hörle er ihren leichten Fuß auf der Kreppe. Gr lief hinaus, ihr entgegen in den dunklen �ikoven; sie hielten einander ilmfaßt, imb alle IIn- '"'le war in demselben Augenblicke von Törres weg- gewischt. .Aber im Laden, Ivo es hell war, genirte sich ™i»leiii Thorsen; sie crröthcte und stammelte, als Porres ganz ernst sagte:„Wollen Sie mir helfen, inäulein?" Es war die reine Konwdie; sie waren so strahlend Midlich, und 5! einer der Anderen wußte von etivas. , Da kam ein Bote von Herrn Jessen, daß er iei[te nicht käme; und jetzt warteten sie gespannt ans Wdii Kuudfen. .. Auch sie stutzte in der Eoniptoirthiir— ganz """wältigt, lind das Gefühl, welches sie zuerst Wif, lvar Angst über alle diese Maaren, welche gehörten, lvelche sie verkaufen und bezahlt be- Mimen sollte. »Aber Gott! was für Seife!" rief sie und blieb einem hohen Schloß aus bmitcn Seisenstücken wchen, welches Törres mitten auf dein Tische auf- Whrt hatte;„wir haben viel zu viel Seife!" . Törreö zeigte ihr lächelnd, daß das ganze Schloß Wien hohl nnd leer war. »Aber anf dein Lager!" sagte Frau Knndsen. »Haben wir keine mehr," lachte Törres. ..»Haben Sie Alles ausgestellt?" Sie hatte es [w"ie anders denken können, als daß man nur eine Probe aiisstcllte;„aber geht das auch?" sj. Törres nahm, immer noch lächelnd, eine große Iwpschachtcl aus dem Fache, Ivo Reihen ähnlicher schachteln standen; er öffnete sie nnd zeigte sie Frau Wchseii; sie war vollständig leer. .»Sehen Sie, Frau Knndsen! Die Leute müssen Eindruck bekomnien, daß Cornelius Knndscn's �den so vollgepfropft ist von allerlei ansgezeichncten ."'gen, daß er förmlich überschlveinmt wird— nur "w Ilebcrflnß." Der Tag fing an und Frau Knndsen blieb im Laden. Es machte ihr Spaß, die überraschten Ge- sichter zu sehen, zu hören, ivas die Leute sagten, lvenn sie hineinkamen und die Verändermig erblickten. Alle glaubten, daß der Laden erweitert worden wäre, denn von oben bis nnten war er gleich voll von Farben nnd hellen Stoffen. Schon die neue Ausstellung in den Schaufenstern, welche Törres nach seinem Lopfe koinponirt hatte, zog die Leute an; das nahm Tags über noch zu; aber erst Nachmittags, als das Gas angezündet war, zeigte sich der Laden in seinem neuen Glanz. Ganz am oberen Ende, Ivo früher nur der feinste Dameiipntz gewesen war, breitete sich jetzt eine bunte Aiisstellmig von Wollgarn und fertigen Wollsache» über den Tisch nnd oben über die Fächer, welche mit Wolle in allen Farben und Qualitäten gefüllt schienen. Aber am größten war doch die Ueberraschung über den untersten Theil des Ladens, der früher halb dunkel gelvesen war. Da strahlten jetzt neue Gasstammen, lvährend die ganze Abtheilung vom Boden bis zur Decke blendend weiß war. Hier hatten Törres und Fräulein Thorsen Alles, was an iveißen Waaren zu finden war, zu einer üppigen Ausstellung vereinigt. Aus den Fächern, die voll von Servietten waren, hingen breite Daniasttüchcr ganz zum Boden hin- unter in reichen Falten, wie Gletscher, Theetücher mit großen Bougnetts nnd breiten Borden, Ser- viettcn mit Fransen in Packeten mit Seidenband herum; der Tisch war bedeckt mit schimmernd weißem Unterzeug für Damen und Kinder; Einsätze nnd Stickereien für Hemden und Beinkleider, Spitzen, Kragen, Taschentücher, weiße Unterröcke— ein Duft von Reinheit hatte diesen verlorenen Winkel in den für die Damenwelt anziehendsten Platz venvaiidelt; nnd die alte Theilnug des Ladens lvar mit einem Schlage durchbrochen. Dabei entstand unleugbar ein ganzes Theil Per- wirrnng; aber das gefiel Törres; er wollte, daß die Leute ein bischen durcheinander herumfahren sollten, ehe sie fanden, was sie suchten. Und nach und nach kam über das Publikum eine Stimmung von Eifer nnd guter Lanne; junge Mädchen lachten nnd schwatz- teil laut, während ernste Männer, welche ernsthafte Dinge kaufe» lvollten, mitten unter den Weibslenten dastanden und nicht recht wußten, ob ihnen das ge- fiele oder nicht. Aber Simon Varhoug war da, wie früher; und Proben von allem Biögliche» konnte man vor sich auf dem Tische finden, hell war es auch, so daß eS uolst anging. Es war nur so wnn- derlich, sich zwischen diesen feinen Damen zu bewegen. Frau Knudsen kam allmälig dazu, den ganzen bewegten Tag an der Kasse zu stehen, wo sie viele Komplimente von den Kunden empfing. Und Abends waren sie nnd ihre Leute ganz ermattet. Törres zeigte ihr trimiiphirend die Rninen des Seifenschlosses. „Aber was wohl Herr Jessen sagen wird?" sagte plötzlich Frau Knndsen. Das kleine Fräulein Thorsen wurde ans einmal ernst nnd sah Törres an; aber der antwortete ganz ruhig:„Ich wünschte nur, Jessen käme morgen; es wird hier genug zu thnn geben." Während ans diese Art der Tag in Cornelius Knildsen's Geschäft verging, lvar es nebenan in Brandt'? großen Räumen sehr still. Das Personal lief ab nnd zu auf die Straße hinaus oder machte sich dort zu thnn, um die neue Ansstellmig und den großen Andrang beini Nachbar anzusehen. Aber Gustav Krüger selbst merkte nichts, und als Julie beim Mittagessen erzählen wollte, daß sie nnd Frau Steiner drinnen gewesen nnd Herrn Wall's Veränderungen angesehen hätten, brach er das Ge- spräch ab und wollte nichts hören. Als er indessen nach seinem Mittagsschlaf in sein Geschäft herunterkam, siel es ihm auf, lvie einsam es war. „Schlechtes Wetter! Die Leute halten sich zn Hause," sagte er im Vorbeigehen zn seinem Ge- schäftsführer. „Die Leute gehen heute einen anderen Weg," antwortete dieser. Krüger nahm seinen Hut und ging hinaus. Die Ausstellung in den Fenstern fand er häßlich. Als er aber hineingehen nnd Frau Knudsen begrüßen wollte, sah er durch die Glasthür den Laden voller Leute, und Frau Knndsen selbst saß erhitzt nnd vcr- gniigt an der Kasse. Er ließ die Thür los und ging wieder heim. Als er aber in seinen großen, lvohlgeordneten und so menschenleeren Laden trat, da drängte es sich ihm zum ersten Male innerlich anf, daß jetzt eine Konkurrenz auf Leben und Tod bestände; nnd er wußte wohl, wessen Schuld es war. Anton Jessen hatte von der großen Umwälzung im Laden dnrch Freunde erfahren, welche ihn am Abend besuchten. Er begab sich darum am nächsten Morgen voll gerüstet in's Geschäft, bereit, das Ganze von oben herab zn nehmen, und sicher, daß er schon Frau Knudsen beweisen würde, daß diese einfache Planier, Alles auszustreuen, für ein feines Geschäft den Ruin bedeutete. Sein Prinzip war im Gegen- theil, eine Schachtel oder ein Packet aus dem Fache zu holen mit einer Miene, als wollte er dein Kunden eine ganz besondere Aufinerksainkeit erweisen, nnd so die Waaren als etwas Extrafeines und Auserlesenes vorzuzeigen. Auf diese Art hatte er manchen Sieg 218 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. errungen, selbst über Brandt, dessen Maaren sonst als die feinsten berühmt waren. Er kam so früh, daß noch nicht sonderlich zu thnn war. Aber Törres und die Anderen waren noch beschäftigt, nach der Verwirrung von gestern Ordnung zu schaffen. Blitten im Laden blieb er stehen, den Hut auf dem Kopfe, und sah verächtlich den langen Tisch auf und nieder; darauf sagte er in einem Tone, den er sich unterwegs eingeübt hatte: „Alles das hier einpacken; der Tisch soll ab- geräumt werden!" Fräulein Thorsen hatte fast einen Schlag vor die Brust bekommen, als er eintrat; Herr Jessen hatte noch große Macht über sie. Sie stand leichen- blaß, ohne sich zu rühren. Auch von den Anderen machte Keiner Miene anzufassen. In Herrn Jessen's Gesicht fing es an zu zucken und um den Mund zu beben. Er erhob seinen kleinen, dünnen Stock und schlug auf den Tisch: „Hier soll abgeräumt werden! Wer ist's, der hier zu befehlen hat, Sie oder ich?" Er sah Törres fest in die Augen. Aber Wall that, als wäre er ganz ruhig, und lachte höhnisch: „Ich denke, weder Sie noch ich." „Das werden wir bald sehen!" rief Herr Jessen und eilte in's Comptoir hinauf. Unten in den Laden kamen Leute, und das Geschäft ging. Aber jedes Mal, wenn man einen Ton ans dem Comptoir hörte, sah Fräulein Thorsen ans Wall. Sie fühlte, daß diese Augenblicke über sie bestimmten. Aber sie konnte in seinen Mienen nichts lesen. Törres arbeitete munter und eifrig, als ob nichts geschehen wäre. Sobald Jessen vor Frau Knudsen stand, fing er an, schnell und heftig zu sprechen, seine Augen fest in die ihrigen bohrend. Sie beeilte sich, ihn zu unterbrechen: „Ja, es war dumm, Herr Jessen! Ich gebe zu, ich hätte mit Ihnen reden sollen, ehe ich—" „Ach, das ist nicht das Schlimmste, Frau Knud- sen, aber—" „Aber," fuhr sie fort,„ich selbst hatte keine Ahnung, daß die Aenderung—" „ Es ist nicht die Veränderung, von der ich reden will," sagte er düster. „Aber ich muß übrigens gestehen," sagte Frau Knudsen,„daß es bis jetzt jedenfalls zu gehen scheint—" „Ich habe viel mit meiner Mutter gesprochen, Frau Knudsen, in der letzten Zeit, über— über meine Zukunft—" Sie versuchte, noch das, was sie kommen sah, abzuwehren; aber sein innerer Aufruhr strömte nun über; er vergaß seine Schüchternheit, während er dieses Eine fühlte, daß Alles für ihn auf dem Spiele stände und er siegen miißte. Und indem sich Alles in ihm darauf konzentrirte, sie zu gewinnen, schilderte er mit zitterndem Eifer, wie alle seine Träume be- ständig um sie kreisten, wie er sie liebte, und wie seine alte Mutter den Tag segnen würde, an dem sie ihn glücklich machte. Frau Knudsen hatte manches Mal daran ge- dacht, wie es ablaufen würde, wenn sie wieder auf einen Mann stieße, der sie mit der brausenden Leiden- schaft eines verliebten Mannes überwältigte. Aber obschon so viel Leidenschaftlichkeit in seinem Wesen und Reden lag, fühlte sie sich— fast zu ihrer eigenen Ueberraschnng— eher ruhig und kalt, wäh- rend er noch fortsprach. Seine gekränkte Eitelkeit, sein phantastischer, träumerischer Sinn gaben den Worten einen unauf- richtigen Ton, welchen sie heraushörte; es war ein heftiger Aufruhr, ein heißes Gebet; aber es war bei allem kein verliebter Mann; sie empfand es fast mit Unwillen. Sie erhob sich vom Pult, ging zur Wohnstube und sagte trocken und überlegen: „Herr Jessen, ich muß Ihnen ein für alle Mal verbieten, auf diese Art mit mir zu reden— sonst müssen wir uns trennen." „Gut, Frau Knudsen," rief er plötzlich mit einer Art von Lachen;„wir wollen uns sofort trennen, wenn Sie erlauben!" „Wir wollen jetzt vernünftig sein, Herr Jessen!" Aber jetzt war er aus einmal der verzärtelte Knabe geworden, der es auf Tod und Leben bis zur äußersten Spitze treiben wollte; er wollte der Verstoßene, der Verhöhnte sein; er wollte Alles ans sich nehmen, je mehr, je besser. Einmal sollte es wohl noch an den Tag kommen, was Anton Jessen eigentlich wäre. Und so fuhr er ans dem Comptoir hinaus durch den Laden, ohne Gruß, ohne Adien, und heim zur Bhltter, um seine Sorgen abzuladen.——— Einige Zeit darauf saß Bankpräsident Christensen im inneren Direktionszimmer und rieb seine große, dicke Nase, während er Jemanden erwartete, nach dem er einen Boten geschickt hatte. Während nun Törres von dem Bankdiener hinein- geführt wurde, sah Christensen unter seiner Hand ans den jungen Mann und bemerkte, daß er blaß war und unstäte Augen hatte. Er wies ihm darauf einen Platz neben seinem eigenen Lehnstuhl an; aber Törres setzte sich mit nnsicherem Lächeln ganz an der Thür auf die äußerste Kante eines Stuhles. „Ich habe öfter das Vergnügen gehabt, Sie in der Bank zu sehen, Herr Törres Wall! besonders in der letzten Zeit—" „Ja, wir haben ja verschiedene Papiere in laufender—" „Von Cornelius Knudsen's Papieren rede ich nicht," unterbrach der Bankpräsident trocken;„es sind Ihre eigenen Transaktionen, welche ich nnt Interesse verfolgt habe." „O, Herr Präsident! Kleinigkeiten," antwortete Törres und wand sich auf dem Stuhle. „Alles in Allem ist es kein so unbedeutender Betrag, der durch Sie in der Bank angelegt wurde — im Laufe der—" „Aber das ist nicht mein Geld," begann Törres eifrig und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. „— im Laufe der letzten Monate," fuhr der Präsident ruhig fort. „Aber das ist nicht mein Geld, Herr Präsident!" rief Törres eifrig;„es ist in Kommission—" „Natürlich ist das nicht Ihr Geld— Alles," sagte Christensen, als ob er sich über diesen Eifer wunderte;„ich kann mir ja denken, daß ein junger Mann in Ihrer Stellung nicht so viel zurückgelegt haben kann, selbst wenn er sehr— hm— sehr unternehmend ist." Wieder rieb er seine Nase, während er darauf lauerte, Törres unter seiner Hand hindurch anzu- sehen. Törres sank innerlich zusammen; dieser Mann wußte das Ganze und hatte ihn in seiner Hand. Es war nämlich so zugegangen, daß er, nachdem er Geschäftsführer geworden, um sein stets wachsendes Kapital unterzubringen, ein ganzes Theil kleinere Summen in Christensen's Bank angelegt hatte auf Namen, welche er selbst erfand. Er wählte am liebsten Höfe aus der Gegend von Schnurzwall, wo er bekannt war, und versah sie dann selbst mit solchen Vornamen, von denen er wußte, daß sie sich dort nicht fanden. So hatte er schon viele Kontokorrente niit der Bank, ohne daß sein eigener Name irgend- wo vorkam. Aber die Nase des Bankpräsidenten hatte wohl gerochen, aus welcher Kasse das Geld kam; das wurde Törres in diesem Augenblicke klar. Er saß auf der äußersten Kante des Stuhles, bereit lveg- zulaufen oder sich niederzuwerfen und um Gnade zu bitten, er wußte selbst nicht was. „Sie müssen einen guten Namen in Ihrer Hei- math haben, wenn so viele verschiedene Leute aus der Gegend durch Sie ihre Ersparnisse anlegen lassen," sagte der Präsident nach einer kurzen Pause. Törres konnte den Mund nicht aufmachen. „Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn ein junger Mann Vertrauen bei seinen Leuten genießt. Ich interessire niich sehr für die jüngeren Kräfte, welche in unserer Stadt aufkommen." Nie in seinem Leben war TörreS in solcher Ungewißheit gewesen. Saß der große Mann da und spielte mit ihm, ehe der Schlag kam? Oder was in aller Welt wollte er? „Ich kann Ihnen ansehen," sagte der Bank- Präsident lächelnd,„daß Sie dasitzen und sich Gc- danken niachen, was ich eigentlich damit wollte, daß ich Sie hier in mein Privatzimmer hereinrufen ließ, nicht wahr? Sie sind unsicher?" Diese Qual konnte Törres nicht länger aus- halten; das seine Gespinnst, in das er sich verstrickt fühlte, brachte ihn schließlich in Hitze; sein natür- licher Trotz brach durch, und, indem er mit einem Ruck sich ganz fest auf den Stuhl setzte, fragte er den Präsidenten gerade in's Gesicht: „Haben Sie vielleicht einen Argwohn?" „Ärgwohn!" rief der Präsident und fuhr auf, „ich verstehe nicht, was Sie meinen. Ach, Sie denken wieder an diese Wechsel, aber ich versichere Sic, ich halte Cornelius Knudsen's Geschäft für voll- ständig solide, zumal in Verbindung mit G. Kriiger's Endossement. Aber als Geschäftsführer bei Frau Wittwe Knudsen sollten Sie es sich doch angelegen sein lassen, die Schulden zu vermindern; sie sind groß genug. Aber ich nähre bei Weitem nicht Furcht oder Argwohn, wie Sie sich ausdrücken." Während er sprach, hatte der Bankpräsident sich erhoben und war zum Fenster gegangen; er hatte förmlich Sehnsucht, seinen Aplomb wiederzugewinnen. Etwas so Klotziges lvar ihm nie vorgekoinmen, und er fing an, von dieser„jungen Kraft" geringer zu denken. Es war sonst seine Art, wenn er einen jungen Menschen aufschießen sah, mit Rath und Herablassung zu Hülfe zu kommen, was er sich dann auf manche Ärt bezahlt machte; aber sie mußten dann schon etwas feiner sein als Der. Und Törres benutzte seinerseits den Augenblick, während der Andere auf die Straße sah, seine Ge- danken zu sammeln. Er war fast am Rande des Abgrundes gelvesen. Noch ein Wort, und er hätte sich und sein Geheimniß verrathen und ausgeliefert. So bös war es nicht gegangen. Wie viel auch der Bankpräsident wußte oder ahnte, so war doch das nicht seine Absicht, ihm Rechenschaft darüber abzu- verlangen, woher er all das Geld hätte. Und auf alles Ändere war Törres gefaßt. „Nein, sehen Sie! weswegen ich Sie habe herein- kommen lassen," fuhr jetzt der Präsident in freund- lichem Tone fort,„das ist, weil ich mich, wie gesagt, warm für die jungen Kräfte in unserer Stadt inter- essire. Und wenn Sie schon so großes Vertrauen unter Ihren Leuten genießen, so werden Sie ohne Zweifel in Zukunft noch mehr Summen unterzu- bringen haben." „Das will ich hoffen, Herr Präsident!" „Und dazu wollte ich Ihnen meine Hülfe in Rath und That anbieten." „Ich kann garnicht genug danken—" „O, es ist mir ein Vergnügen, den jungen Kräften aufzuhelfen," sagte der Präsident, setzte sich wieder im Lehnstuhl zurecht und setzte Herrn Wall aus- einander, wie die Einzahlung auf Sparkassenbücher gerade gut genug für alte Jungfern wäre. Aber die jungen Kräfte, welche beitragen wollten, die Stadt zu heben, die müßten auch ihre Kapitalien in die merkansilen Unternehmungen der Stadt, Schifffahrt, industrielle Anlagen usw. stecken. Jetzt war Törres vollständig dabei und über alle Maßen erleichtert. Er verstand sich gut auf Christen- sen's berühmte Spezialität, unerfahrene Fremde zu verlocken, lästige SchiffSantheile und zweifelhafte Aktien zu kaufen. Er war bereit, sich eine große Strecke lang diesem gefährlichen Manne zu fügen, der wahrscheinlich sein Spiel mit den erdichteten Namen durchschaut hatte und sein Geheimniß ahnte; aber er wollte sich geniigend vorsehen. Darum that er äußerst begehrlich und dankte für die Aussicht, das Geld vortheilhaft anlegen zu können, die der Präsident ihm eröffnete. Aber er machte noch kein bestimmtes Anerbieten, indem er die ganze Zeit daran festhielt, daß er ja kein eigenes Kapital hätte. Aber wenn er Geld in Händen haben würde, würde er gewiß nicht unterlassen, von deö Herrn Präsidenten liebenswürdigem Beistand Gebrauch zu machen. Damit trennten sie sich für dieses Mal. (ffortfctimg folgt.} iDtc Aeue Melt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 219 ?as Hloiitrill' dtllilcht Ueetcr iin lthtcil Aaftzchnt. Von Leopold Schönhoff. nter lcideiischiftlichcn Ausbrüche» wurde der Beginn einer neuen theatralischen und Kunst- cpoche geschaffen. Zugleich wurde Berlin als herrschender Borort für die Biihnenkunst sowohl, >vie für den Bühnen inarkt bestätigt. In Berlin entstand eine Zentrale für Teutschland und Deutsch- Österreich, wie sie in gleich unifassendem Sinn in der Theatcrgeschichte bisher nicht bekannt war. � Seit der Zeit der heftigsten liinstlerischen Fehden Ü»d jetzt zehn Jahre verflossen. Vor zehn Jahren wurde als Ausdruck der Unzufriedenheit, des unge- berdigen Dranges nach neuen künstlerischen Gestalten, »ach neuen künstlerischen Wahrheiten die„Freie Bühne" gegründet. Es ist das ein markantes Erinnerungsnierkinal. Celbstverständlich sind die jungen Wünsche und Triebe nicht erst mit der„Freien Bühne" in die Höhe gc- lchossen. Wer ivollte im clvig flnthenden Wechsel an einzelnes bestiniintes Moment als fcststchenden Ansgangspnnkt betrachten? Fremde Einflüsse, soziale �rundströinnnge», die auf die künstlerisch schaffende Jugend Eindruck machen mußten, gelvannen schon früher in mannigfachem Kunstbestreben Geltung. Vom slamnivcrwandten Norden, vom benachbarten Frank- reich wurden Fäden zu uns hinübergesponnen. Ein Berliner Theaterdirektor hatte es bereits gewagt, Ibsens„Gespenster" in einer Biittagsoorstellmig vor einem wild aufgeregten Publikum zn spielen. Schon damals schien es, als müsse sich die lang verhaltene ilnruhe energisch entladen. Es gab eine stürmisch bewegte Gemeinschaft. Viele begriffen damals noch nicht, daß mit der ersten modernen Tragödie großen Stils die beharrliche Trägheit der deutschen Schau- biihne von damals aufgescheucht war. Aber die Ge- nügsamen und ewig Vergnüglichen witterten instinktiv, daß ihnen hier ein mächtiger Feind auferstanden sei,' und die Vorwärtsstiirmer jubelten. So focht man i» Ekstase und im Haß: das Kampfgetöse hallte in der Presse in Kritik und Eegenkritik nach. Wissen- ichaftliche Fachmänner wurden aufgeboten, um die Tragödie auf ihre modern-darwinistische Wissen- ichaftlichkeit hin zu prüfen. So ward endlich einmal iür den deutschen Philister ohne Unterschied der Parteigesinnung eine Knnstfrage ernsthaft genommen. Bei Leuten selbst, die sonst in brutaler Bornirtheit. 5» schreien pflegen:„Wir brauchen keine Dichter und Künstler!" dämmerte eine Ahnung von den durchaus >ealen künstlerischen Kulturwerthen auf. Jedoch blieben derlei Vorstöße vereinzelt. Zu- frinmengefiihrt wurden sie meist in der„Freien Bühne"; und noch ernergischere, ja wüste und wilde Formen nahm der Kampf in der denkiviirdigen Vor- stellung des dramatischen Gemäldes„Vor Sonnen- änfgang" an. Hiermit hatte Deutschlands Jugend und einer ihrer Wortführer, Gerhart Hauptmann, Kl sprechen begonnen. Junger Werdedrang verlangte "ach einer Niethodc. Man meinte wirklich,„Vor Sonnenaufgang" in künstlerischer wie in ethischer Beziehung zu stehen; der sinnbildliche Titel des Dramas klang wie eine Prophetie: der vcrschwom- "leneil, kaum anschaulichen und epigonenhaft dahin- fließenden Greisenknnst sollte die neue naturalistische Weise ein Ende mit Schrecken bereiten. Das Gesell- schaftsdrama der Griinderperiode, das phosphoreS- Zfrende, faulende Znstände höchstens mit Lindan'schem Gewitzel und einem bischen FAuosstcü behandelte, sollte durch ehrliche, herbe Wahrheitsforschung abgelöst werden. Und so wie seiner Zeit die Maler Frankreichs, als sie weltflüchtig in die Einsamkeit von Barbizon flohen, um an der intimen Natur wieder sehe» zu lernen, zugleich den Menschen in der Natur mit anderen Augen zn betrachten begannen, so geschah es ähnlich mit dem jungen, deutschen Dramatiker. Einer der ersten künstlerischen Bahnbrecher Frankreichs hat ein werthvolles Bekenntniß hinterlassen, das einen inter- essanten psychologischen Aufschluß über neue soziale Einflüsse in der Kunst giebt.„Du siehst," so heißt eZ darin,„in der Landschaft Gestalten, die graben und hacken. Tu siehst, wie eine davon sich von Zeit zn Zeit gleichsam das Kreuz einrenkt und mit dem Rücken der Hand die Stirne trocknet. Ist das die vielgepriesene fröhliche Arbeit? Und doch finde ich hier das wahrhaft Menschliche, die Poesie!" Niit der Vertiefung in die intimen Einzelheiten der Landschaft, mit dem Bemühen nach der Treue im Kleinen stieß man auch auf den arbeitsüber- ladenen, im Schweiß und Frohndienst keuchenden Nienschen. Die Arme-Lent-Malerei verschönte und verzuckerte nicht mehr; und ein herb wehmüthiger, pessimistischer Grnndklang ertönte gleichzeitig ans den Biihnenschildcrnngen der Nalnralisten. Es waren sozialistische Anregungen gegeben, aber durchaus nicht eine sozialistische Kunst gewonnen. Tie Kunst als feinste geistige Frucht wächst erst auf dem gereiften Baum. Auf gefestigten Lebenserscheinungen, manch- mal sogar, wenn die wieder zu zerbröckeln beginnen, entfaltet sie ihre höchste Kraft. Es ist schwierig, durch die beängstigende Fülle dramatischer Geschehnisse hilidnrchzuschrciten und im Großen ivcnigstens Weg und Richtung zu finden. Eines ist gewiß. Das Theater hat eine vorHerr- schende Bedentnng innerhalb der gesamniten Kunst- betrachtnng gewonnen. Ihm wird oft im Wider- sprnch mit dem inneren Werth ein unverhältnißmäßig breiter Nanni gewährt. Hervorragende Berliner Erstaufführungen beschäftigen die Presse bis nach den vorgelagerten Provinzstädten hin. So kann man leicht zn einer Ueberschätznng des Theaters innerhalb des gesamniten Knnstgebictes gelangen. Ja, der Kunstschriftsteller Edgar Steiger stützt sich in einem umfassenden Buch zum modernen Drama auf die Behauptung: Nunmehr eigentlich habe das dramatische Zeitalter erst begonnen und die musikalisch- lyrische Aera in der Kunst werde von der drama- tischen Entwickelnng abgelöst. Die Behauptung hat etwas Blendendes für sich, zumal wenn man die Kunst in innere Beziehung zum beschleunigten Pulsschlag unseres ganzen gegen- wärtigen Lebens bringt. Allein, was in dem sinnbildlichen Wort„Vor Sonnenaufgang" verheißen war, ein Drängen zum Licht, zur stolzen Höhe, zn monumentaler drama- tischer Macht, hat sich bisher zum Mindesten nicht erfüllt: und heute mag man eher skeptisch als mit allzugroßem Optimismus der Entwickelnng der Dinge folgen. Was sich ursprünglich wie eine literarische Revo- lntion gebcrdcte, scheint im Grunde knizlebig gewesen zn sein. Man verspürte zn Anfang trotz aller Irr- thiimer und Ausschreitungen, die mit radikal-jngend- lichem Getriebe immer verbunden sind, trotz mancher Pedanterie andererseits, wie sie konsequente Schul- Naturalisten mit echter deutscher Gründlichkeit übten, eine erquickende Gläubigkeit, Selbstvertranen und den Much, nicht mehr ein Nachbildner der Alten zn sein. Selbst wenn man die Eigenkraft zu über- schätzen liebte, so hatte trotzdem die naive Freude. mit der man in's Nene trat, etwas Erfrischendes an sich. Bald aber stellte sich ein Rückschlag und mit ihm eine roniamische, unbestimmbare Sehnsucht ein. Solche Rückschläge sind unvermeidlich, im Leben des einzelnen Künstlers sowohl, den die Zweifel bcschlcichen, den das Verlangen treibt, die Grenzen seiner Begabung nach verschiedene» Richtungen hin auszumessen, wie in der Kunstgemeinschaft überhaupt. Was in der Gegenwart aber befremdet, das ist das andauernde, scheue Tasten und Versuchen! Müdes Sehnen und banges Sachen! Das scheint zur Zeit ein Merkmal in unseren Künsten zn sein. Daß der satte Pöbel sich, wie in früheren Zeiten, an der geistigen Arnnith von hundertfach aufgeführten Stücken, wie die„Hofgnnst" oder das„Weiße Rößl" Blumenthal's sind, ergötzt, das wäre nicht so schlimm. Aber eine gewisse Peinlichkeit, mit der man vom Leben weg zn Träumen, zn spielerischen Märchen und Stimmungsbildern ohne tiefen Lebens- inhalt flüchtet, die klagende Resignation, der man so häufig begegnet, macht Sorgen nni die kommende Entwickelnng. Man möchte eine„Kunst für Künstler" schaffen, das Wesen der Kunstgemeinden tritt mannig- fach auf: und bei all diesen Intimitäten, bei all den Zartheiten, die gewiß nicht selten feinsinnig empfunden sind, hat man wiederum das Gefühl, als flüchteten die Künstler vor dem Dasein in unserer Gegenwart. Nicht>vie Leute, die sich für eine Weile sammeln imd vertiefen müssen, sondern wie gar sensitive, ängstliche Naturen. Das giebt einen merklviirdigen Widerspruch zur rauhen Spannung in unserem wirklichen Lebe». Da sind Diejenigen Sieger, die derb aufzutreten wissen, die sich träumerischer Versonnenheit am Wenigsten überlassen. Immer straffer werden die Kräfte in großen Sammelbecken gleichsam vereinigt. Ein Sol- datisches herrscht vor. Die Großstadt z. B. verlangt äußerste Anspannung: der Verkehr in ihr Umsicht und Disziplin. Ihre Kanfhänser gleichen riesigen Waarenkasernenients. An latenten und offenkundigen Spannungen reich ist das internationale Dnsein. Von dieser aufgespeicherten Energie entfernen sich zur Zeit Künste und Künstler. Gern und nach allen Seiten stieben sie auseinander. Es fehlt der große, zusammenfassende Eifer, wie er die verschiedenen Renaissancebewegnngen in den Künsten einleitet. Taraus sollen keine sicheren Schlüsse gezogen werden. Es soll nur betont werden, daß die Be- wcgnng der achtziger Jahre bisher nicht erfüllte, was sie begann, und daß der Sturm von ehedem heute wieder Nielancholien gewichen ist. Ter Wahr- hcitsdrang, der Neu-Realismus, wie er durch unsere Kiinstlerschaft brauste, war gegenüber den schläfrig- akademischen Jambendramen und gegenüber den glatten Vergniiglichkeiten der Schablonenkomödie gewiß eine Slothwcndigkeit. Nur konnte man in der konsequenten naturalistischen Methode, wie sie im strengsten Sinn Johannes Schlaf pflegte(„Meister Oelze", „Familie Sclicke"), nicht zur Höhenkunst vordringen. Viel Schuld trägt ein theoretischer Jrrthnm. Man wollte es den beschreibenden Forschern gleich- thun und das Kunstwerk gleichsam wie eine natur- wissenschaftliche Erfahrung behandeln. Das hat einerseits einen dauernden Gewinn für das fort- schreitende Theater gebracht. Durch Jrrthiiiner hin- durch gelangten wir zur Werthschätznng des intimen Theaters, der verfeinerten psychologischen Zergliede- rnng, zum geschärften Blick für das sorgsame Detail. Andererseits kam die mächtig kombinatorische Phan- taste, die erst das Detail zu einem Zeit- und Ideen- drama von überragender Dauer zusammenfaßt, zu kurz. Nur eine deutsche Arbeit streift, von sozia- listischen Zeiterregnngen gehoben, trotz ihrem genre- artigen Charakter an Werke von monumentaler Wucht, und das ist Hanptmann's Weberdrama. Als Hauptmann, ebenfalls ans Zeiterregungen heraus, Genre- und Detailstudien aus weiterer historischer Vergangenheit zn einem Werke von monumentaler Bedentnng zusammenschweißen wollte, versagte seine Kraft. Es war im„Florian Geyer", einem Helden der Bauernkriege. Selbst Zola mußte das persönliche Tempe- rament hervorheben, als er den Werth der neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse für die Kunst pries. Sein oft erwähntes naturalistisches Bekenntniß wollte ein Stück Natur, durch ein Temperament gesehen, wissen, lind im Grunde war das die Hauptsache zu allen Zeiten. Das persönliche Temperament hat den deutschen naturalistischen Produkten so vielfach gefehlt. Ja, es gab Fanatiker, die die Bedingungen vom Schaffen, als einem künstlerischen Akt, und vom Erkennen, als einer wissenschaftlichen M'ethode, völlig verkannten, die in ihren dramatischen Gebilden nach„absoluter Objektivität", also nach gänzlicher Preisgabe des Temperamentes strebten. Während das Wirthschaftslcbcn unserer Zeit durch natiinvissenschaftliche Erkenntniß in überreicher Fülle befruchtet tvnrde, hat man durch die gleiche Erkenntniß in künstlerischer Beziehung sich oft in Einseitigkeit und Enge verrannt. Man hat sich wesentlich an's Detail festgeklammert, in die Spezialität verbohrt und eine Seite moderner Welt mit Vorliebe gepflegt: das verschärfte Sehen,„wie durch ein Mikroskop". Mannigfach ist das schon von Beobachtcin unserer Kunstentwickelung betont worden. Nichts ist diesem verschärften Schauen an sich unwichtig, nicht das 220 Vis Neue Welt. Ilhistnrte Unterhaltungsbcilaqe ängstliche Stöhnen eines halbwüchsigen, verschüchterten Dorfkindes(„Hnnnele"), noch das bekloniinene Weh eines fchlesischen Fuhrmannes. In alle Winkelchen dieser wenig koinplizirten Seelen wird hineingeleuchtet; mitunter mit unheimlichem Effekt, mit einer Spür- traft, als drängen Röntgen'sche Strahlen in das bc- leuchtete Objekt.(Zchluß folgt.) Vor fünfzig Jahren! Von Wilhelm Liebknecht. (Schluß.) rentano, der Diktator, hatte das Zeug nicht zum Diktator. Gleich allen schwachen Naturen, die von revolutionären Bewegungen in hohe und verantwortliche Stellungen gehoben sind, wurde er durch das Bewußtsein seiner Unzulänglichkeit noch mehr geschwächt, schwankte er im Zickzackkurs zwischen Niedergeschlagenheit und Ueberinuth und wandte die Btacht, welche der Zufall ihm in die Hand gegeben, tölpelhaft zum Schaden der Sache an, die ihm an- vertraut worden. Sein Grimm richtete sich— wieder eine Charaktereigenschaft der Schwäche— gegen Die, welche ihn vorandrängten, und so geschah es, daß er bald nicht in den Reaktionären und Spießbürgern den Haupt-Feind erblickte, sondern in den Männern, die zu revolutionärer Rettungsthat trieben. Diese Männer waren zum großen Theil ans dem übrigen Deutschland, entweder weil in ihrer Heimath für eine Erhebung kein Boden, oder weil die versuchte Erhebung gescheitert, nach Baden gekommen und hatten als„Fremde", wenn sie norddeutschen Dialekt sprachen, als„Preußen" viel niit Mißtrauen und Stanimesvorurtheilen zu kämpfen, was ihr Wirken crschtverte. Schließlich hatten sie, darunter auch ich, sich unter der Führung Gustav Struve's, der trotz seiner Schrullen doch der energischste war unter den badischen Landesgrößenund Volksmännern, zu einem Klub vereinigt, dein„Klub des entschiedeneu Fortschritts". Komischer Name. Und doch damals nicht komisch. Scharf abgegrenzte Parteien gab es noch nicht, und folglich auch keine scharf abgegrenzten, konkreten Forderungen und Programme. Es war Alles unbestimmt, und so wußten wir der herrschenden Unentschiedenheit, die nicht vom Fleck kam, nichts Besseres entgegen- zusetzen als den„entschiedenen Fortschritt". Uebrigens war der Ausdruck von Struve, nicht von mir. In diesem Klub sammelten sich die rcvo- lutionären Elemente, von älteren außer Struve, noch Tzschirner, Mitglied der provisorischen Regierung in Dresden, dem es gelungen war, nach Nieder- werfung des Aufstandes seine Flucht zu bewerk- stelligen. Wir waren einig, daß alle Kraft darauf gerichtet werden müsse, die Armee zu reorganisiren, die Volkswehren, soweit brauchbar, mit der Armee zu verschmelzen und kampffähig zu machen und die Revolution nach Außen zu tragen. Brentano, der immer noch an Verhandlungen und Verein- barungen mit den entgegenstehenden, allerdings sehr problematischen und zweifelhaften Gewalten dachte, träufelte durch sein Schwanken und Zaudern kalt Wasser auf die glühende Begeisterung der Massen. Wohl kann Begeisterung die Disziplin nicht ersetzen, aber wo Begeisterung ist, da läßt sich auch in sehr kurzer Zeit die zum Schlagen nothwendige Dis- ziplin schaffen, und Muth und Ausdauer sind immer vorhanden, wo die Begeisterung ein Ziel hat und den Weg zum Ziele sieht. Mit den badischen Soldaten und Volkswehren hätte ein ge- schickter Organisator, der an Herz und Verstand sich wandte, Alles gemacht, was gemacht werden mußte. Der geschickte Organisator fehlte aber— in der Regierung. Für die Soldaten wäre er da- gewesen, wenn man ihn hätte verwenden wollen. Der junge Sigl, der im Osteraufstand des Jahres 1848 sich ausgezeichnet hatte, war auf dem Posten — und nothgedrungen ward ihm auch bis zum Ein- treffen Bkieroslawski's der Oberbefehl übertragen. Allein sein Handeln ward vielfach durchkreuzt nnd das Mißtranen Brentano's beschränkte ihm möglichst das Thätigkeitsgeb'ct. Als Micrcslawski eintraf, war es bereits zu spät. Und der Umstand, daß dieser geniale Heerführer nicht deutsch sprach nnd daß alle seine Befehle nnd Ansprachen durch Tol- nietscher ans dem Französischen in's Deutsche über- setzt werden mußten, war nicht gee'gnet, die Truppen zu begeistern. Trotzdem geschah, soweit die Soldaten in Frage, sehr viel, ivas jedoch nicht der Regierung zu danken ist, sondem fast ausschließlich dem geradezu bewnndcrnswerthen Geist der meisten Truppen- abtheilnngen, namentlich der Artillerie. Was es ist, eine Armee zu reorganisiren, deren Offiziere da- vongclanfen oder davongejagt sind, das haben die Franzosen im Jahre 1792 erlebt, wo es vorkam, daß Truppen, die bald nachher alle Armeen Europas schlugen, von lächerlicher Panik ergriffen, vor dem Feinde davonliefen. Inzwischen hatte auch Brentano die Ueberzengnng gewonnen, daß er, wenn es ihm nicht gelang, die mehr und niehr erstarkende Partei der revoln- tionären Aktion sich vom Halse zu schaffen, die Diktatur nicht mehr lange werde ausüben können. Er entschloß sich zu einem Staatsstreich, der am li. Juni niit Hülfe der reaktionären Karlsruher Biirgerwehr ausgeführt ward. Struve, der offizielle Führer der„Revolutionäre", B c cker(JohannPhilipp), der tapfere, scharf- und umsichtige, bei aller Bc- sonnenheit zu den kühnsten Wagnissen bereite Führer der durch nnd durch revolutionären Flüchtlingslegion, und einige Andere wurden verhaftet, ein Schicksal, das auch mich betraf, der ich die Flüchtlingslegion gegen die Biirgerwehr zum Kampfe aufrief. Die drohende Haltung der Freischärler nnd Soldaten zwang Brentano zu einem Kompromiß: Becker, Struve usw. wurden in Freiheit gesetzt, jedoch unter der Bedin- gung, mit den Freischärlern und der Flüchtlings- legion Karlsruhe zu verlassen nnd gegen de» Feind zu gehen, welch' letzteres ja>var, was wir gewollt hatten. Ich selbst wurde in die Rastatter Kase- matten gebracht, wo ich drei Tage unter der furcht- baren Anklage stand, einen Mordversuch auf Brentano gemacht zu haben— eine Prozeßkomödie, der die Soldaten von Rastatt ein heiteres Ende bereiteten. Während Solches im Inneren vor sich ging, gestalteten sich nach Außen die Dinge immer un- günstiger. Nachdem sich herausgestellt hatte, daß die Revolution nicht die Kraft hatte, über die Grenzen hinanszudringen und ihren Herd zu erweitern, konnte die Reaklion in aller Gemiithsruhe ihre Maßregeln treffen. Als der Großherzog Ntitte Mai aus Baden geflüchtet war, richtete er sofort an die preußische Regierung nnd an die Reichsrcgiernng ein Gesuch um bewaffneten Beistand gegen sein rebellisches Volk und Heer. Und beide Regierungen hatten sich schleunigst bereit erklärt. So geschah das Seltsame, daß die Reichsregiernng sich derselben preußischen Regierung, welche die Reichsverfassung zertrümmert hatte, zu gemeinsamer militärischer Aktion gegen eine Bewegung anschloß, welche die Durchführung der Reichsversassung gegen die rebellische Regierung Preußens zu ihrem Programm hatte. Genug— wo es galt, gegen das deutsche Volk vorzugehen, da waren Reichsregiernng nnd preußische Regierung ein Herz und eine Seele— wie die preußische Regierung schon im Noveniber 1848 sogar mit der österreichischen Regierung ein Herz nnd eine Seele gewesen war, als es galt, in Wien das Volk zu Pulver und Blei zu begnadigen nnd über Berlin den Belagerungszustand zu verhängen. Vkit größter Eile wurden Truppen zur Verwendung gegen die„Rebellen" zusammengezogen: zwei preußische Armeekorps nnd ein Reichshecr. Die preußischen Armeekorps rückten auf dem linken Rheinnfer gegen die bayerische Pfalz, um von da nach Baden zu dringen— das Reichsheer, dem bald noch preußische Truppen zugctheilt wurden, rückte auf dem rechten Rheinufer auf der„Bergstraße" direkt gegen Baden, während ein zweites Reichsheer in Württemberg und Bayern organisirt ward, um das langgestreckte Baden in der Ostflanke anzugreifen. Der Aufstand sollte also in der Front angegriffen, von beiden Seiten umfaßt und so erdrückt werden. Bei der lieber- macht der Reaktionstruppcn war, wenn nicht uner- wartete Zwischenfälle eintraten, die Niederlage des Nevolntionsheeres nur eine Frage der Zeit, und nicht langer Zeit. War es doch, die verfügbaren Volkswehren nnd säinintliche Freischaaren unter Becker und Willich eingerechnet, zu Anfang des Feldzuges nur 30000 Mann mit 60 Geschiitze» stark, wozu aus der Pfalz noch bestenfalls 5000 Mann kamen — Alles in Allem also 36 000 Mann, denen eine weit mehr als doppelte Uebermacht gegenüberstand. Tie einzige Möglichkeit zu siegen war: politisch die Ausdehnung des Revolntionsherds, nnd mili- tärisch die Ueberwindung eines der feindlichen Heer- hänfen nach dein anderen, ehe sie sich vereinigt- in jedem Fall der Angriff. Für beides war aber der rechte Moment versäumt worden. Und die Nach- richten aus Paris lauteten niederschmetternd— die für den 13. Juni angesagte„Revolution" war aus- geblieben. Das Proletariat fehlte— der furchtbare Aderlaß der Junischlacht hatte ihm ans Jahrzehnte das Lebensblut genommen. Nur im fernen Osten leuch- tete noch ein glänzender Hoffnungsstern: wunderbare Mären liefen ein vorn„Heldenvolk der Magyaren" das die österreichischen Armeen aus dem Lande trieb, „als wie der Wolf die Heerde scheucht," und dessen siegreiche Armee ans dem Wege nach Wien sein sollte. Arn 10. Juni trat in Karlsruhe die„kon- stitnirende Versammlung" zusammen. Sie er klärte Baden zum Freistaat nnd setzte eine pro- visorische Regierung ein, bestehend ans Brentano, Goegg nnd Werner— Letzterer einer der Vielen, die vortreffliche Menschen sind und schlechte Mnsikaiiie». Eine endgültige Regiernng zu schaffen, dazu konnte» die Leutchen sich nicht aufschwingen— sie traute» sich nicht so viel Kraft zu. Da Brentano das Recht erhielt, die Minister nnd sonstigen hohen Beamte» zu ernennen, so blieb er thatsächlich Diktator. Kurz vorher war auch Microslawsky angelangt, noch nicht völlig genesen von den Wunden, die er aus Sizilien bei Catania empfangen. Er fand eine Lage vor, die er, auch mit genauester Kenntniß der Verhält- nisse nnd Menschen, nicht zu entwirren nnd zu bc- herrschen vermocht hätte. Am Neckar und im Oden- wald war der Kampf bereits entbrannt mit den»»' rückenden„Reichstrnppen", und die Preußen stände» an den Grenzen der Pfalz. Mieroslawsky that das Nienschenmögliche. Doch er konnte nicht verhindern, daß die Preußen am 12. Juni in die Pfalz ei»- rückten, die ihnen entgegentretenden Freischärler, denen nur wen g Militär zur Seite stand, bei Kirch- h ei m bo landen zersprengten und am 15. Juni>n Ludwigs Hafen am Rhein— Mannheim gegenüber— einzogen. In der Pfalz war sehr wenig Organisation gewesen— nnd so groß war die Kopt- losigkeit, daß die Schiffsbrücke bei Ludwigshafen noch nicht abgefahren war, als die Preußen sich vor der Stadt zeigten. Ohne die rasche Entschlossenheit der badischen Artillerie, die cm Joch der Brücke M saminenschoß nnd das Feuer der Preußen, die durch glühende Kugeln Mannheim in Brand schießen woll- ten, mit überlegener Sicherheit erwiderte, hätten die Preußen damals den Rhein überschritten, nnd wäre» dem nm Heidelberg stehenden badischen Korps in de» Rücken gefallen. Ein Blick auf die Landkarte geniigl, um klar zu mache», wie ungünstig die badische Re- volutionSarmce gestellt war. Gelang es den Preuße», über den Rhein zu setzen, so war das nördliche Bade» unhaltbar. Ntieroslawsky schlug in rascher und kiihch» Aktion die Reichsarmee zurück; aber er hatte keine Zeit, sich des Sieges zu freuen. Der Rheinllbergang, der den Preußen bei Mannheim mißlungen>v»e, glückte ihnen am 20. Juni bei Ger Mersheim, und Ntieroslawski war nun von drei Seiten bedroh' — von Westen, Norden und Osten, wohin die Reicht truppen sich gewandt hatten. Er griff das voi» Rhein kommende preußische Korps am 21. Juni � Waghänscl an, entschlossen, dann sich auf die übrige» Gegner zu werfen. Der Angriff gelang, die Preuße» wurden zurückgedrängt, ein Theil war schon ans&cr Flucht,— da kehrte ein Regiment badische Kavallerie, von verrätherischcn Offizieren befehligt, plötzlich>»"' und brachte die eigenen Leute in Verwirrung; nnd del Sieg verwandelte sich in eine Niederlage. Groß der Verlust ans beiden Seiten. Teni badischen blieb nun nichts übrig, als ein schleuniger Rückzug dieser— der berühmte„Flankenmarsch"— wurde 22a Me Neue A?clt. Illllstrirte Nnterhaltungsbeilage. auch glücklich bewerkstelligt und das badische Heer »ahm an der Murg, auf die Festung Rastatt sich stützend, seine neue Aufstellung. Die Preußen wagten sich nur langsam vor— bei Waghänsel hatten sie die Tüchtigkeit der Revolutionsarmee kennen gelernt und verschiedene Schlappen, die sie erlitten, prägten die Lektion noch tiefer ein. Ihre Führung war mehr als m'ttelmätzig. Trotz doppelter und dreifacher Uebermacht konnten sie die Murglinie mcht durchbrechen; in der blutigen Schlacht des 29. Juni wurden sie mit blutigen Köpfen heinigeschickt. Man sieht: nihmvoll war der Feldzug nicht für das Reaktionsheer. Der folgende Tag aber brachte einen Umschlag. D'e Reichsarmee hatte von Württemberg aus die Murglinie umgangen, die nun nicht mehr zu halten war. Rasch wurde Rastatt mit den nöthigen BesatzungStnippen versehen und der allgemeine Rück- zug angetreten. Der Plan, bei Freiburg, und dann im Schwarzwald noch eine Schlacht zu liefern und den Guerillakrieg zu orgnnisiren, mußte aufgegeben werden. Am 1 1.Juli trat der Rest des badischen Revolutionsheeres auf Schweizer Gebiet über. Der Vorhang war gefallen über diesem Stück deutscher Revolution. Die Lorbeeren der Hattnau, Windischgrätz ließen die nordischen Rcaktionsfllhrcr nicht schlafen. Doch so lange Rastatt noch Widerstand leistete, mußten sie ihrer Gier Zaum anlegen. Nicht auf lange. Umzingelt, von jeder Aussicht auf Hülfe abgeschnitten, durch trügerische Versprechungen ge- täuscht, kapitulirte die Besatzung am 2l. Augnst. Sofort traten die preußischen Standgerichte zu- sammen. Beim Einmarsch in Baden hatte der Prinz von Preußen„ganz Baden in Kriegszustand erklärt; wer Widerstand leiste, solle vor das Kriegs- gericht gestellt werden und jeder Korps- kommandant befugt sein, Todesurtheile zu bestätigen." Zehn Tage nach der Uebergabe von Rastatt be- gann das standrechtliche Erschießen. Mit dem Er- schießen ging es rascher als mit dem Vormarsch gegen die Revolutionstruppen. Das erste Opfer des preußischen Standrechts war Dortu, der am 31. Juli in Freibnrg erschossen ward. Und nun in rascher Reihenfolge. Neunundzwanzig Kämpfer für Deutschlands Freiheit und Einheit wurden gestandrechtelt in Freiburg, in Mannheim, in Rastatt. Die Namen sind hinten auf einer Gedenk- und Ehrentafel vereinigt; und zwei der Standrechts- urtheile dort auch mitgetheilt: die gegen Dortu und Trützschler. � � * Auch drüben im Ungarland fiel der Vorhang. Viel Hunde sind des Löwen Tod. Das besiegte Oesterreich hatte beim Zar um Hülfe gebettelt, der in fünfviertel Jahren Zeit gehabt hatte, sich von seinem höchst nnkaiserlichen und unritterlichen Schreck über die Februar-Revolution zu erholen. Eine russische Armee rückte in Siebenbürgen ein und, auf der einen Seite von den Oesterreichern, auf der anderen Seile von den Russen umfaßt, mußte das ungarische Heer am 13. Augnst bei Vilagos kapi- tuliren. Man hat es Verrath genannt, es war'aber Nothwendigkeit. Noch stand Komorn, das unbezwingliche. Doch am 27. September mußte auch Komorn sich ergeben. Und, wie in Baden nach dem Fall von Rastatt, so ging es in Ungarn nach dem Fall von Komorn. Am 6. Oktober 1849 wurden zu Arad an nenn Galgen dreizehn der tapfersten ungarischen Revo- lutionsführer gehängt. Und Hunderte wurden in den folgenden Monaten gehängt oder„zu Pulver und Blei begnadigt". In Deutschland das Standrecht, in Oesterreich- Ungarn das Slaudrecht. In Frankreich Napoleon der Kleine Präsident der Republik— in Italien die römische Republik mit Mazzini durch französische Truppen gestiirzt— nirgends niehr wehte die Fahne der Revolution. Und in Wien und Berlin feierte die Reaktion ihre Orgien. Die dynastischen Zänkereien zwischen Habs- bürg und Hohenzollern brachen von Neuem los. Am 1. September 1850 wurde der Bundestag feierlich wieder hergestellt. Das deutsche Bürgerthum dachte nur noch an's „Geldmachen". Für die Freiheit und andere„Jugend- eseleien" war es nicht mehr zu haben. ** * Die 27 Gestandrechteten von Baden sind: I. Bauer, Soldat, von Gissigheim. A. Bernigau, Offizier, von Miillhausen. Ernst v. Biedenfeld, Major, von Bühl. Georg Bönning, Offizier, von Wiesbaden. Andreas Eounis, Dragoner, von Pforzheim. Dietz, Klempner, ans Schneeberg. Max Dort» aus Potsdam. Ernst Elsenhans, Redakteur, von Feuerbach. I. Güntard, Soldat, von Konstanz. Konrad Heilig, Wachtmeister, von Pfullendorf. Höfer, Lehrer, aus Brehme»(Baden). Karl Jakobi, Schreiner, aus Mannheim. Peter Jäger, Soldat, von Aglasterhausen. Johann Jansen ans Köln. Kilmarz, Soldat, aus Rastatt. Rohlenbecher, Soldat, aus Karlsruhe. Gebhard Kromer, Soldat, aus Brombach. Lacher, Soldat, aus Bruchsal. Konrad Lenzinger, Korporal, aus Durlach. Theophil Mnicwski aus Russisch-Polen. Reff, Kriegskomniissar, von Rümmingen. L. P. Schade, Soldat, von Karlsruhe. Schräder, preußischer Artillerist. St reuber, Wagineister, aus Mannheim. G. N. Tiedemann, Offizier, von Landshut. W. Trützschler, Zivilkommissar. L. Zenthöfer, Büchsenmacher, von Mannheim. Zwei Standrechtsurtheile. „Zur Warnung.. � Johann Ludwig Maximilian Dortu au? Potsdam, ehemal. kgl. preußischer Ausknltator und Unteroffizier im 24. Landwehr-Regiment, hatte sich aus Anlaß der im Mai d. I. stattgefundenen Staats- Umwälzung in dieses Land begeben und war nach dem Einrücken der kgl. preußischen Armee den Truppe» seines eigenen rechtmäßigen Land- und Kriegsherrn, seinen eigenen Waffenbrüdern und Landsleutcn mit den Waffen in der Hand feindselig gegeniibergetrcten. Derselbe wurde dah.-r am 11. Juli er. wegen Kriegs- verraths Hierselbst vor ein Kriegsgericht gestellt. Das von diesem wider ihn erlassene Erkeimtmß ist am gestrigen Tage von mir dahin bestätigt worden, daß der Angeschuldigte wegen Kriegsverraths,»nier Degradation zum Gemeinen, Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes und dem Verluste der Nationalkokarde, mit deni Tode durch Erschießen Z» bestrafen. Dies rechtskräftige Urtheil ist heute Morgen um 4 Uhr an dem Angeschuldigten in der Nähe de- Kirchhofes von Wiehre vollzogen worden, was hienm zur öffentlichen Kenntnis; gebracht wird." * „Wilhelm Adolf von Trützschler aus Gotha- ehemals königlich sächsischer Äppellationsgerichrr'- Assessor in Dresden, schloß sich dem jüngsten badischen Aufstande schon in den ersten Tagen seiner Entstehung an und bekleidete vom 26. Rtai bis 22. Juni diese? Jahres die Stellen eines Zivilkommissä'rs für Stadt Mannheim und eines Regierungsdirektors snr den Unterrheinkreis. Derselbe hat in diesen schaften die ausgedehnteste Wirksamkeit zur Organs sation des Aufstandes, zur Aufstellung und.l�- riistnng des ersten Aufgebots, zur Errichtung � Vertheidigungs-Anstalten um hiesige Stadt entwicht- ja sich an den militärischen Operationen der Auf- .. Die WnnenKirche..4� (Schluß) »m paar Mal versuchte die Frau wohl, sie auszuforschen, aber sie bekam niemals eine isy Antwort von ihr, und so schwieg sie und überließ Maja sich selbst. Diese arbeitete auch weiter, aber entzog sich doch, soweit sie konnte, den neugierigen Blicken;' besonders fürchtete sie sich vor dem Mann, denn sie hatte ihn sagen hören: solch ein Mädel hätte doch gar keine Scham in sich! Und sie wußte ja selbst, wie tief sie sich schämte. Wie eine drohende Unwetterwolke lag„die lange Nacht" über Allem. Sie ruhte wie ein Todes- gedanke über der Seele und war wie ein qualm- erfüllter Raum für den hinsiechenden Körper. Aber für die unglückliche Maja wurde sie doch ein Liebes- mantel, der die Schande verdeckte. Natürlich wußten Alle, wie es mit ihr stand, aber die„lange Nacht" schwächte doch die Aufmerksamkeit ab, denn Jeder hatte genug mit sich selbst zu thun. Als aber die Sonne wiederkam und das Licht mit jedem Tage zunahm, als Land und Wasser die neue Lebensbetvegung dahertrng und die Leute sich wie neugeboren fühlten, da wuchs, wie immer, da» Böse mit dem Guten, und was man im Halb- Von Magdalena Thoresen. Deutsch von Ernst Vransewctter. dunkel ruhig hatte hingehen lassen, darüber wurde nun zu Gericht gesessen. Da kam es denn auch mit Maja dahin, daß sie, wie der Bauer es vorausgesagt hatte. Rede und Antwort stehen sollte. Mit anderen Worten: sie sollte sagen, wer der Vater des Kindes wäre, damit man ihn zur Verantwortung ziehen könnte. Darauf antwortete Maja nichts Anderes, als früher, sie schwieg und verbarg sich. Wie konnte sie ihn in all' dies Häßliche hineinziehen. Dann kam ein Samstagabend. Die Leute hatten beschlossen, am Sonntag zur Kirche zu fahren, und um zur Zeit hinzugelangen, mußten sie im Morgengrauen fort und daher zeitig zu Bett. Nach dem Abendbrot nahm der Bauer Maja vor und achtete weder auf ihre Antworten, noch auf ihr Schweigen— denn nun sollte die Sache ein Ende haben! „Du sollst morgen mit zur Kirche kommen," sagte er fest.„Und dann sollst Du mir zum Pfarrer folgen, damit er Dich verhören kann." Sie begann am ganzen Leibe zu beben und schloß die Augen. xn „Ja, das hilft nichts, fuhr er fort. sollst sagen, wer der Vater des Kindes ist- dem du gehst. Das mußt Du doch wissen." Hierauf ging er zu Bett, und es dauerte. lange, bis das Gesinde dasselbe that; aber Nie»' achtete darauf, ob Maja drinnen oder draußen wa sie konnte ja thun, was sie wollte! Und das that sie. Im Dunkel der Nacht � sie sich von dem Orte fort, hinaus über Berge � Sümpfe, so weit sie zu kommen vermochte.~ versteckte sie sich hinter einen Felsblock und F' � all' ihrem Elend hin. Das Zittern, das f � der Drohung des Bauern überfallen hatte,. i so daß sie das Bewußtsein dafür verlor, wo nnt jedem Augenblick zu und wurde immer, hafter. Schließlich raste die Pein in ihrem � � befand.„w Da glaubte sie plötzlich, den Herrgott 0 vor sich stehen zu sehen nnt einer drohendtfi■ � in der Hand— gerade so, wie sie ihn sich' � Kindheit gedacht hatte; und er gebot ihr, im SM auszuharren, denn das wäre sein Wille! � Und da wurde sie stark, und sie gab nicht rührer unmittelbar bethciligt. Er ist daher»» öffentlich und mündlich gepflogener Verhandln� durch Urtheil des Standgerichts vom Gestrigen � Hochverraths für schuldig erklärt und deshalb)» Tode mittels Erschießens vcrurtheilt worden. Dieb- Urtheil ivurde heute früh 4 Uhr dahier vollZ»�' Mannheim, den 14. Augnst 1849. Im NM» der Untersnchnngskommission fsif das Standge« Mannheim: Babo."— Sie Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 223 Muck von sich, bevor sie eine erleichternde Klnge ausstieß, mit der aller Schinerz verschwand. Darauf schloß sie die Augen nnd versank in eine tiese Stiche "»b erwachte erst, als der Tag zn(?nde ging, darüber, daß eine Hand über ihre Stirn hinstrich. Eine alte Fran stand über sie gebengt und starrte � mit kleinen funkelnden Augen an. Sie verriethen "icht viel Mitgefühl, aber es leuchtete etwas Eilt- schlossenes ans ihnen hervor. Es war eine Finnin. hatte ihre Erdhütte in der Nähe, nnd that, "rts wenn sie bereit wäre, ihr zn helfen; aber sie "wr nicht, was man feinfühlig nennt. Das konnte Maja aber ganz gleich sein. ' Indessen sorgte die Finnin für sie, so gut sie '"»nte, und als einige Tage vergangen waren, »Minderte Maja wieder in die trostlose Wüste hinaus, aus der sie hergekoininen war. � In der kurzen Zeit, die verflossen war, seit sie "> der Finnenkirche mit ihrem Schah gesessen hatte "ud die ganze Welt vergessen, nnd bis zu der fechtet liehen Nacht, in der sie auf dein Steinhaufen ""f dem Hochgebirge lag und ihr todtes Kind gebar, 1Dat sie so alt geworden, daß sie sich schämte, ihr fetiges Alter zu sagen, und sie gab sich um mehrere sahre älter aus, als sie war. Auch hatten sie die �ute ja hauptsächlich deshalb, weil sie so jung war, feüeschäiut— daher mußte sie versuchen, ob sie fe davon freilügen konnte. „ Aber die Lüge half ihr nicht. Von einer mußte lle Zur anderen ihre Zuflucht nehmen und schließlich feb sie sich in ihnen selbst nicht mehr zurecht, sie ferden zu Fallen, in denen sie sich selbst fing. fer in Einem blieb sie standhaft: sie nannte nie- "fes den Burschen, wie oft sie auch ausgefragt fe verhöhnt wurde. Aber es war unfaßbar, wie- 'st Trost und Hülfe sie davon hatte, dies Bewußt- fe bei sich im Stillen zu haben. . Wenn sie Lust dazu hatte, konnte sie sich mit .fe zusammendenken. Sie konnte sich an die dunkle lltartafel in der Finnenkirche hin versehen und ihn »'"ein Schatz" sagen hören, und damit war sie ja »b dem ganzen Elend heraus! ** * 50 Jahre waren verflossen, und noch ging ®la von Dienst zu Dienst; ebenso elend gekleidet schlecht ernährt, wie früher. . Sie konnte die Gegend nicht recht verlassen, in � der Bursche wohnte, und ohne daß er oder ein "derer Mensch es ahnte, behielt sie ihn im Auge; .fe sie kam nie in seine Nähe und sie sah ihn ""als. Sie war endlich ihres Lebens überdrüssig forden. Sie hatte einen schwächlichen Körper und zu nichts Lust: Niemand mochte sie leiden und ein — wen. Wie yane einen lonoacguuicu ie zu nichts Lust; Niemand mochte sie leiden und . �[Iß■*•"*- ev,»...... t um sfees J Da m..... �........ SRR...... BBH fe Nebel endlich das erlösende Licht wieder. Aber '••»♦/**/"w| ♦ J vtivmv«*!«/»♦»VM.y.», iolrfi-"v"'"chle sich aus Niemand etwas Leben hatte keinen Zweck. kam nach einem Winter mit brütendem Dunkel - vw? vil.V|viiw~' ,Lmebr es zunahm, desto heftiger wurde der Sturm, %. es war, als wenn er vor Erbitterung la)woll. fet nichts blieb auf seinem Platze, weder zu Lande Ife zur See, und die Leute setzten unablaistg ihr ein, um ihren Beruf ausfüllen zu komien. So kam jene Februarnacht einnndachtzig heran, e''i Orkan über Nordland und Finnmarken mit J'sr solchen Wildheit hereinbrach, daß man sich)"> jferhunderten nicht auf etwas Aehnliches beiiunen >. fe verheerte die ganze Küste, nnd wo er in die eindrang, sprengte er Alles, was Menlchen- ; zlisouimengefiigt hatten. Ueberall schwebte ma ..�beusgcfahr, u»d das Volk zog flüchtend zwischen J'""stürzenden Behausungen umher. Eine Kirche j,. s von ihrem Fundament emporgehoben, wie i von einer Schachtel, und schief aus� eine Seite ffe', eine andere Kirche wurde ganz fortgenlsi, kein Splitterchc» von ihr dablieb, und von dritten wurde die Thurmspitze davongetragen, JJ�Me unbewohnte Insel hin, drei Meilen weit ijUngliick und Verwirrung herrschten Mrall, vom »n�fen Strande bis zum untersten Fjordwinkel, i�.d'e Leute bildeten eine Genieinschaft, was> 'efe wo Alle von demselben Schicksal getronen werden: der Eine erkundigte sich bei dem Anderen, nnd die Neugier wurde schnell zu einem Drange des Mitgefühls entwickelt. In Kjöllefjord, bei Klaus Paalsen. auf dem Oedhof, sah es nicht besser ans, als anderwärts. Das Dach war fortgeblasen, die Valkeuwände aus- einander gerissen, und nur mit Roth war das Vieh gerettet worden. Während zweier Tage konnte man keinen Ausweg suchen oder finden, jeder mußte auf sich selbst Acht geben; als aber der Sturm etwas in seiner Wildheit nachgelassen hatte, so daß man wieder festen Fuß fassen konnte, bekam Klaus bald die Gewißheit, daß sein Hof nicht mehr bewohn- bar wäre. So faßte er denn den Beschluß, mit seiner Familie fortznzieheu und Unterkunft zu suchen, wo sie sie finden konnten. Am nächsten kam es ihrem Wunsche, dem Oedhof für immer den Rücken zu kehren, und er sprach mit seiner Familie darüber. Er war noch ein Mann von kräftigem Alter, seine Fran war einige Jahre jünger als er, und seine drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, waren erwachsene und arbeitsfähige Menschen. Da konnte man wohl etwas Neues anfangen. Er konnte Alles, was er besaß, zu Geld machen und nach Amerika gehen. Darin stimmten ihm Alle bei, ausgenommen der älteste Sohn. Simon liebte sein düsteres Kinder- heim, in dem er während des ganzen Jahres mit der Natur ringen mußte. Aber der Vater war ein strenger Mann, der keinen Widerspruch duldete; darum biß der Sohn die Unlust in sich. Simon war, als er bei der Finnenkirche saß und mit dem Mädchen scherzte, noch ein sehr froher Bursche; wie aber die Jahre vergingen, war er düster und ernst geworden, und da er ebeiisowenig Wider- spruch vertrug wie der Vater, kamen sie nicht selten miteinander in Uneiiiigkeit. Er gab dann seine Meinung durch Schweigen zu erkennen, und das begriff der Vater sehr wohl. Aber das galt ihm gleich. Der Bursche war ein tüchtiger Arbeiter, und er besaß Energie genug, um seine Sache gleich gut zn machen, ob er Lust dazu hatte oder nicht. Nachdem nun Klaus Paalsen mit seiner Familie den Kjöllefjord verlassen hatte, vergingen ein paar Wochen, in denen das Wetter gleich schlecht blieb. Es war ständig entweder zunehmender oder ab- nehmender Sturm, und die See kam niemals zur Ruhe. Endlich kani es jedoch so weit, daß Klaus mit seinen beiden Söhnen wieder zum Oedhof hin- ziehen konnten, um eine Uebersicht zu gewinnen über den Umfang des Unglücks und einiges nothwendige Hausgeräth hervorzusuchen, um es zu ihrem gegen- wärtigen Aufenthallsorte mitzunehmen. Es wurde ein niederschmetternder Anblick für sie. Jeder nahm es in seiner Weise auf, aber den Ver- tust hatten sie Alle zu tragen. Sie sahen schnell ein, daß durch den Verkauf der zersprengten Gebäude nicht viel zu gewinnen wäre, und der Boden war nicht viel werth. Klaus setzte sich daneben hin und überließ sich zornigem Schweigen— das war so seine Art im Unglück. „Ich will Dir einen Rath geben, Vater," sagte Simon;„überlaß mir den Hof, und ziehe Du nach Amerika." „Wenn ich nach Amerika gehe, gehst Du mit," erwiderte der Vater, und es sähe beinahe aus, als wollte er den Sohn auffressen. Es wurde nicht mehr darüber gesprochen. Das Hausgeräth wurde hervorgesucht und der Reihe nach aufgestellt, und es wurde reparirt, was sich repa- riren ließ. „Es sind Menschen hier gewesen, seit wir fort- gezogen," sagte der jüngste Sohn, und zeigte auf eine Stelle hin, wo einige Holzscheite und ein paar verbrannte Kartoffeln lagen. Während dessen war ein alter Finne herzu- getreten, der ein Stück tiefer im Fjord wohnte und mit den Hofleuten gut bekannt war. Er konnte ihnen sogleich Bescheid geben. � Das wäre ein armes Mädchen, das über die Berge herabgekommen wäre und sich hier auf dem Hofe aufgehalten hätte. Er hätte sie zwei bis drei Mal gesehen, aber sie hätte jedes Ziisammentreffen vermieden. Als er dann vor einigen Tagen hörte, daß die Leute auf dem Hof zurückerwartet würden, hatte er sie gewarnt, und da wäre sie weggegangen. Ter Vater und der jüngste Sohn meinten, daß sie sich wohl etwas heransgcsncht hätte, was sie brauchen könnte, und damit weggegangen wäre; aber Simon unterbrach sie nnd fragte: was das für ein Mädchen wäre, das sich so allein in der Welt nuihertriebe? Der Finne antwortete, was er wüßte, hätte er von seiner Schwester. Sie hätte sich vor einigen Jahren des Mädchens angenomuien. Sie hätte sie hinter einem Steinblock gefunden, wo sie ohnmächtig mit eineni todtgeborenen Kinde lag. Die Arme! Sie war damals wohl nur eine Dirne von sechzehn bis siebzehn Jahren. Klaus Paalsen stieß ein Schimpfwort iiber sie ans und gab dann den Söhnen einen Wink, mit der Arbeit fortzufahren. Aber Siinon stand da, als wäre er plötzlich gelähmt. „Wie hieß das Mädchen?" fragte er, so daß es kaum zu hören war. „Sie hieß wohl Maja!" erwiderte der Finne. „Was fehlt Dir, Junge?" sagte der Vater. Hierauf bekam er keine Antwort. Aber Simon legte mit einer Kraft Hand an, daß es den An- schein hatte, als wollte er sich an Allem rächen, was er anrührte. Vor dem nächsten Morgen waren sie jedoch nicht fertig zum Fortziehen, und dann kehrten sie dem vernichteten Heim abermals mit sorgenvollem Sinn den Rücken. Aber es lag Bitterkeit in der Traner, und sie sahen unwilligen Sinnes zurück. Es war fast, als wenn die Siuiuen ein falsches Herz in sich bargen, das sie betrogen hatte. Selbst Siinon fühlte sich nicht mehr von seinen Kindergedanken dorthin hingezogen. Ein anderer Gedanke war in ihm empor- gestiegen, der niehr und mehr sich zn einem Schreck- bild verdüsterte, und, von diesem bedroht, wollte er niemals den Oedhof oder den Kjöllefjord wieder- sehen. Seinetwege» konnte es nun immer nach Amerika hinübergehen— je weiter fort, desto besser! Niemals hatte Simon ein Boot so gerudert. Jeder Ruderschlag war, als gälte es das Leben. Und als sich endlich am Strande die dunkeln Säulen der Finnenkirche zeigten und die Sonnen- strahlen sich zwischen sie hineinflochten, da tauchte eine Erinnerung in ihm auf und machte ihn so weich, daß er am liebsten hätte weinen mögen. Aber er kniff die Augenlider fest zu— er wollte weder die Finnenkirche noch etwas Anderes sehen. „Was liegt denn dort?" störte der jüngste Bruder ihn auf und hielt die Ruder an.„Ist das ein Frauenzimmer?" Ein heißer Strom durchfuhr Simon und erblickte auf. „Das mag sein, wer will," wies der Vater ihn ab nnd begann wieder zu rudern. Aber Simon war ein Gedanke gekommen, wer es sein könnte.„Vater," sagte er, und seine Stimme bebte ein wenig,„Du mußt mich hier an'SLand setzen." „Hier bei der Finnenkirche?" fragte der Vater, nnd sah verwundert nach ihm hin. Aber auf dem Gesicht des Sohnes stand eine Schrift, die es Klans Paalsen»icht schwer fiel zn deuten. Das war der rechthaberische Eigensiun, der sein eigenes Gemüth erfüllte. Gleichwohl konnte er sich nicht so mit dem ersten Wort von einem Jungen bezwingen lassen. „Ich ineine, Du bist verrückt!" fügte er hinzu und ruderte weiter. „Du magst thun, was Du willst," erwiderte der Bursche, und seine Augen blitzten dem Vater entgegen.„Aber an der ersten Stelle, wo wir an's Land anlegen, nehnie ich ein Boot und rudere hierher— und Du siehst mich nicht mehr wieder." Klaus sah den Sohn abermals prüfend an. „Willst Du mit dem Frauenzimmer dort Scherz treiben?" fragte er.„Du hast Dich, wie ich mich besinne, schon früher' einmal mit solch' Einer hier bei der Finnenkirche abgegeien." Der Bursche hatte sich im Boot aufgerichtet und stand fast auf dem Sprung. Er war kreidebleich 324 Die Heue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. im Gesicht und der ganze Körper bebte. Aber schnell nahm er sich zusammen und wandte sich nach dem Bruder um:„Ruder' zu, Junge, und-hilf mir— wir sind Zwei gegen Einen!" Und während der Vater überwältigt dasaß und zusah, wandten sie das Boot um und ruderten nach dem Ufer hin. Bei dem ersten Stein, der einen sicheren Halt für den Fuß bot, sprang Simon an's Land. „Nun dank' ich Dir!" sagte er zu dem Bruder, und sie wechselten einen liebevollen Blick miteinander. „Bist Du rein von Sinnen und Verstand, Junge?!" schrie der Vater ihm nach.„Was soll Deine Mutter dazu sagen?!" Das Wort traf den Burschen, und er blieb rathlos stehen. Die Mutter hatte er von Herzen lieb und wollte ihr ungern Kummer bereiten— denn nun mußte er thuu, was recht war.— Da ging er ein paar Schritte zurück:„Sage meiner Mutter," bat er mild,„daß dort in der Finnenkirche ein armes Mädchen liegt, das seit fünf Jahren um meinetivillen Böses erlitten hat, sie ist Heimlos und elend, und Viele denken, sie ist auch schamlos; aber nun soll sie meine Frau werden— und dann mag es gehen, wie es will," Als er'das gesagt hatte, wandte er dem Boot den Rücken und achtete nicht weiter auf Das, was dort gesprochen wurde. Eine Weile später stand er in der Finnenkirche. Hier sah er einen leblosen Menschen vor sich, ein armes, krankes und ver- hungertes Weib, mit Todeskälte in jedem Zuge. Gleichwohl erkannte er sie wieder. Er setzte sich neben ihren gegen den Altar gelehnten todten Körper, und er wurde bei der Erinnerung an ihr früheres Beisammensein an dieser Stelle so weich gestimmt, und bei dein Gedanken an Alles, was sie gelitten haben mußte, daß er weinte. Da war es ihm, als wenn ein Zucken sie durchfuhr, erdrückte sie an sich; er hauchte ihr Gesicht an und lehnte seine Wange an die ihrige.— Ach, er hatte solches Mitleid mit ihr. Da kehrte das Leben zurück und sie blickte ihn wie im Traum an. �— �2�.— �9 euiLLeton. Im„Schwarzen Lande". liauorn � Im Krc»s muß er, Igou Tßräuen fcßwer Ate Lüste fcßauern. Was seß' ich dort? WaßnßalTen drößnen, Es sucht mein Sehnen Den alten Hrt. Die Kalme schtvirren Int Windesßauch; Durch Dorn ttnd Strauch Wfadloses Irren. Hiftschmang'rer Dantps Steigt nachtgeßoren; Es sprengt die Ähren DU dies Gestampf. Kter weilt kein Irieden, "glur Hual und Floth, Ks flammen roth Hlnzähtige Schmieden. Du Hhal der W lagen, So dumpf tmd Heist, Woll Wenschenschweist... Die Kämmer schlagen. Flachtgeister kauern Int Gras umher, "Don Hhränen schwer Die Lüfte schauern. Nach Paul Verlaine. Das Falkcniiest. Sechzig Schuh über dem Erdboden, mitten in der Krone einer mächtigen Tanne, hatten sie den Plap gefunden, der ihnen zur Anlage eines Nestes tanglich erschien. Im spitzen Winkel zu einem abgestorbenen Ast und in gleicher Höhe mit ihm griff ein grünender Ast schier wie ein gebogener Arm ans; dürres Reisig über beide gelegt, cNvasTvtoos und einige Flechten, der Horst war fertig: überhängende Zlveigc gaben das schönste Schutzdach, lind schnell begann das Weibchen mit dem Lege- und Brntgeschäft. Bald begann es sich in dem Nest zu rühren.' Ein Junges nach dem anderen kroch ans, schließlich waren es vier Stück, sie füllten die ganze innere Rundung des Horstes. Eine ganz komische Ge- sellschaft, diese jungen Räuber! Feiner, ivolliger Flaum deckt ihre knolligen Körper, großköpfig, großäugig hockt einer neben, über dem anderen, und ganz rhythmisch klingt ihr ewiges Gih— Gih— Gih, das vorn Hunger erzählt. Der weite Schlund ist-nicht zu stopfen. Die Alten magern ab. Immer weiter dehnen sie ihre Jagd- flüge. Im Bergwald ist nm diese Zeit nicht viel zn holen. So geht'S denn zu den Änsiedluiigcn der Menschen hinaus, oft stundenweit. Manche dumme Taube, versprengte Hühner nnd junge Gänse lverdeti erstoßen und nach dem Horst geschleppt. Tie Falkenmutter versteht das Geschäft ganz besonders. Sie fliegt mit ihrer Beute in die Nähe des Nestes und rupft sie vor den Augen ihrer Frcßsäcke. Das steigert die Gier der Jungen derart, daß sie am liebsten gleich ans dlffu Neste sprängen. Diese» Moment hat unser Künstler im Bilde festgehalten. B. Liljefors zählt zu den ersten Vogclmalern der Jetztzeit. Sind dann die Jungen ausgeflogen, dann erscheint der ganze Horst wie gespickt mit Vogelknochen, und nnten zwischen den Wurzeln der Tanne liegen Federbüschel und Vogclgcrippe in ganzen Haufen.— Eine Ätondscheinnacht KlltX) Meter über dem Meere schildert der schwedische Reisende Sven Hedin in seinem Buche„Durch Asiens Wilsten" tLeipzig, F. A. Brockhaus). Auf seinen umfangreichen dreijährigen Reisen auf vorher nie von Europäern betretenen Wegen in Zeutral-Asien, Tibet nnd Chiiia gelangte er im Sommer des Jahres 1894 zu dem„Vater der Eisberge", dem Mus-tag-ata im Osten des Pamir-Plateaus, den er zweimal bestieg. Wie er beim ztvciten Male eine Nacht in der Höhe von mehr als LllCK) Metern zugebracht, schildert er in folgender Weise: Einen großartigere» Lagerplatz habe ich nie gehabt: auf dem schneebedeckten Abhänge eines der höchsten Berge der Welt, an dessen Fuß Gletscherzungen, Bäche und Seen in den Schleier der Nacht gehüllt lagen, nnd am Rande eines der phantastischsten Gletscher, den die Gebirgswelt aufweisen kann. Nur ein paar Schritte nach Süden, und mir wären in einen 4(X> Meter tiefen Abgrund auf stahlblankes, blanglänzendes Eis gefallen. Ich hatte einen malerischen Sonneiinntergang er- wartet, er war aber nicht besonders ungewöhnlich. Tie Sonne versank hinter gelbroth schimmernden Wolken, die noch lange nach Sonnenuntergang leuchteten»ud auf denen die Gebirge von Pamir sich als scharfe Silhouetten abzeichneten. Das ganze Sarik-ko-Thal lag schon eine gute Weile im Schatten, als die Sonne noch ihre letzten Strahlen über den Mus-tag-ata ergoß. Doch bald tvurdc auch unser Lager von dunklen, kalten Schatten umhüllt; der Gipfel des Berges erglänzte einen Angenblick wie ein scharlachrother Pnlkaitkegel, um gleich darauf ebeufalls in Dunkel gehüllt zu werden. Ich trat in die Nacht hinaus, um den Vollmond aufgehen zu sehen. Wir hatten nicht tveit nach dem unendlichen Weltenraume, daher trat der Herrscher der Stacht hier in so blendendem Glänze auf, daß man ihn nur mit Anstrengung bewachten konnte. In stiller Majestät stieg er hinter der dunklen, jäh abfallenden Felswand an der gegenüberliegenden Seite des Gletschers empor. Tief 'unten ini Abgrunde lag der Gletscher im Schatten. Manchmal hörte inau einen dumpfen Knall, wenn eine neue Spalte cutstand, oder das Gepolter eines Blockes, der vom Panzer- eise herunterstürzte. lieber unseren Lagerplatz gießt der Mond seül Silber in reichstem Maße und ruft zauberische Effekte hervor. Dunkel stehen die Aaks(Grunzochseu, die als Reit- und Lastthiere gebraucht tunrdcn) auf dem Schnee da, scharf umrisse», mit hängendem Kopfe, still wie die Steine, an die sie festgebunden sind; nur bisweilen knirschen sie mit den Zähnen. Tie drei Kirgisen, die nicht in der Jurte Platz gefunden, haben zwische» einigen größeren Blöcken eiti Feuer angezündet und sich, nachdem es erloschen, iil ihre Pelze gehüllt, haben den Kopf auf die Erde gelegt nnd sich dicht aneinander gedrängt, um die ersterbende Gluth gelauert, Fledermäusen im Winter vergleichbar. Trotz des Mondscheins ist es nicht leicht, sich im „Erkeunst Du mich wieder, Ataja?" fragte er- Ihr Blick bekam einen seltsam scheuen Schimmer. Als sie ihn aber ein wellig angeblickt hatte, ver- breitete sich ein Lächeln über ihr ganzes Gesicht und sie flüsterte:„Mein Schatz!" „Ja, Dein Schatz und Dein Mann, und was Du sonst willst!" rief er und lachte mit Weinen im Halse.—— I Gegen Abend kam ein Boot in den Fjord hinein- gesteuert und richtete den Kurs gerade auf die Finnenkirche zn. Simon paßte auf.„Das ist mein Bruder!" rief er nnd war mit einem Sprung unten beim Boot. „Ich sollte Dir vom Vater sagen," rief der Bruder ihm entgegen,„wenn Du willst, könntest D» nm seinetwillen gut den Hof beziehen und Dich mit dem Gerümpel abplagen!" „Hnrrah!" rief Simon froh.„Ja, dann steht Nichts im Wege, Maja! Daun sollst Du Bäuerin auf dem Oedhof werden."— Sarik-ko-Thal zu orientircn. Mit Mühe unterscheidet man die dunkleren Jeilaus von Kainpcr-kischlak, Jaw- bulak und Su-baschi, ihre von Gletscherbächeu belvasserien Wiesen zivischcu dem grauen Schutt und den Kleine» Kara-kul. Im Uebrigen ist die Landschaf!»ach dieser Seite hin, bis zu den Gipfeln der Pamir-Berge hinauf, ein verschwommenes Chaos ohne Haltepunkte. Am schönsten ist die Szenerie da, wo der Mond steht. Von diesem Anblick überwältigt, bleibe ich wie angewurzelt stehen. Es ist ein so großartiges, zaiiber- Haftes Schauspiel, daß weder Feder noch Pinjel es auch imr annähernd veranschaulichen können. Schon die Architektur der Natur ist ein kühnes Meisterwerk! Hier dehnt sich der blaue Gle scher aus, von seinen beiden, mit Eis- und Schneefelderu gepanzerten Felstvändeu eingefaßt; dort erhebt sich der fünf.öpfige Bergriese ha-li zum Himmel empor. Tie Felswand uns gerade gegcu- über fällt in so tiefen Schatten, daß wir nur mühsw» unterscheiden können, wo das durchsichtige Mantclci? auf ihrem Grate endet nnd das schwarze Gestein anfäugt Liuks, einige hundert Mcler über nns, sehen tvst das Firngebier dcS Gletschers, das sich im Atoiidschei» badet. Auf dein dunklen Kamme im Südosten lauze» kleine, in tveiße Schleier gehüllte Elsen auf d.» Gletscherfirnen entlang über den nördlichen Gipfel hinweg. Tiest leichten, von schwachem Südwind getriebenen Wölkche» bilden vor dem Monde konzentrische Ringe in de» Farbe» des Regenbogens, Mondhöfe und andere, in schnelle»' Wechsel einander ablösende Figuren. Die Phantasie braucht sich nicht anzustrengen,>u» diese Wölkchen in alles Mögliche zn verwandeln: ein- ander jagende Gespenster in weißen Gewändeni, tanzende Elsen, spielende Bcrgkoboldc, den Bergkönig nnd seil»' Söhne auf der Brautfahrt oder die Seelen der Todte», die von ihren Schutzengeln nach glücklicheren Gefilde» geführt werden. Wir glauben, das weiße Kameel Z» sehen, das der Sage nach den Derwisch von Mns-tag-at» hinabtrug, die vierzig Ritter, die Chan Ehodscha gegc» die Chinesen beistanden, oder die Glücklichen in der Stad Tschanaidar der kirgisischen Legende, die aus dem Giplsi des Berges zu einer Zeit gebaut wurde, als noch alle Menschen auf Erden ohne Sorgen lebten. Trotz der Kälte steht man wie festgebannt im Schnee und verfohst mit Staunen und Bewunderung dieses bunte, phantastisch� Gewirr, das in tausend Gestalten vorbeihuscht. Alles ist still; das Echo der Felswand dort auf der anderen Seite antwortet nicht. Die dünne Lnst ist nich» zn fühlen und braucht eine Lawine, nm in Vibratio» zn gerathe». Man sieht den Atheui der Paks, aber ina» hört die Athemzüge nicht. Still und regungslos stehe» die Thiere da. Ein seltsames Gefühl ergreift die Sinne- Es wird uns schwer, zu begreifen, daß vier Welttheile unter unseren Füßen liegen und daß eine durch, de» Punkt, auf dem wir ims befinden, um die Erde gelegte konzentrischcKng ll nur die Spitzen einer leicht zu addirende» Zahl von asiatischen nnd südamerikanischen Bergen ah- schneiden iviirde. Man glaubt an der Grenze des schwel- genden, kalten, grenzenlosen Weltraumes zu stehen. Alle für die Reduktion der„Neuen Wclth bestimmten Sendnugeu sind nach Berlin, H>)V 19, Beuthstraße 2, zu richten. Nachdruck des Inhalts verboten! lverannvorlltcher Nedalmir: D6cav Kühl In llharlott-ubura.—«-ring! Lambiira« Bnchdniikeret und VcrlazZanltalt Sln-r&(So. In Onmlmm.—-tnirf; Mar Bodlne In Berlin.