Nr. 30 �SlixtflvivU QJ Cnicrhal{ im�ob i?Ha gc 1899 •�ortfeftunfl.) r— � et ß 0 ß. Roman von Alexander L. Kielland. Autoristrte Uebersetzung ans dein Norwegischen von Leo Bloch. �ie haben heute Abend bis jetzt garnicht ge- tanzt, Herr Wall?" �„ Nein, ich mußte mit Verschiedenen über Geschäfte reden." „Und Sie glaubten, das ist wichtiger als Tanzen?" Ja, das glaubte er wirklich und lachte. ..„Sie glauben, Sie können in der Welt vor- sviirts kommen ohne uns?" fragte Frau Steiner und ihn höhnisch an. Aber Törres verstand nicht recht und sah von M hinüber auf die Dame vis-.'; vis, während eine �»e Tour begann. Als sie wieder zur Ruhe kamen, sagte Fran «keiner: „Haben Sie je einen Mann vorwärts kommen �hen ohne weibliche Hülfe?" Jetzt verstand Törres und antwortete rasch: „Ich habe einen Mann gekannt, der in einen großen Hof hineinheirathete: aber er wurde doch nichts anderes bei alledem als ein alles Weib sein Leben lang. Es kommt darauf an, sehen Sie—" „O, Sie nehmen Alles so grob!" rief sie: »bissen Sie denn etwas Bkächtigeres als das Weib?" „Ja, den Mann, wenn er Geld hat," mit- Artete Törres und lachte mit seinen gelbliche», Norken Bauernzähnen. Er wurde ihr in einem Augenblicke fast fürchtcr- nch; diese grobe Kraft, welche hier drinnen ver- leidet herumging zwischen gedankenlosen, jungen Mädchen, Lieutenants und Blume». Sie ivollte, Neiß Gott, nichts mehr mit ihrer Entdeckung zn thnn Mben: Julie sollte ihn mit Vergnügen bekommen. „Sie verstehen sich nicht auf die Weiber," sagte ba trocken. „Aber Sie, Fran Steiner, verstehen sich ans die Männer." Sein Ton und Blick waren aufrichtige Be- tvunderung. „Wollen Sie da Rath von mir annehmen?" fragte ue, etwas milder gestimmt. „Wenn Sie so— so herablassend sein wollen?" „Ja, gewiß will ich so herablassend sein," mit- hortete sie und lachte:„aber sagen Sie mir zuerst, und nicht die Bauern arg langsam in der Liebe?" „Wie? Langsam?" „Ob sie sich nicht lange besinnen?" „Die Mädchen?" „Beide Theile." „Was sollten die Jungen sich besinnen?" rief Törres und lachte wieder. Sie fing seinen Blick auf, der sie fast gierig l-om Scheitel bis zur Zehe verschlang, und sie sah kin, daß es gefährlicher war, mit diesem Manne über solche Dinge zu reden als mit den Lieutenants. Sie antwortete trocken:„Ich glaubte, auf dem Lande würden die Ehen erst nach langen Ueber- legungen von beiden Seiten geschlossen." „Ja, Ehen!" antwortete er, und wurde sofort ernsthaft.„Das meinten Sie also?" „Aber so geht es nicht bei uns," sagte Fran Steiner mit einem schnellen Blick hinüber zn Julie und dem Lieutenant, welche sich gerade zu nnter- halten schienen;„bei uns muß ein Mann dreist und schnell sei», im rechten Augenblick zugreifen— sonst—" „Sonst?" „Sonst kommt ein Anderer," antwortete sie und begann die sechste Tour. Seine?lngen wichen jetzt nicht von Julie, als ob er fürchtete, es könnte sie ihm Jemand noch während des Tanzens wegnehmen. Es war nicht weiter Zeit zum Reden. Törres folgte seiner Dame in das kleine Zimmer, wo sie sich ausruhen wollte. Er hätte so gern gefragt; aber er stotterte nur in der Aufregung: „Würden Sie mir also rathen zn— zn—" „Das Glück hilft dem Mnthigen," sagte sie lächelnd und ging von ihm. Es war gegen zwölf Uhr und der Ball auf seinem Höhepunkte: kein Zwang mehr und noch keine Müdigkeit oder Uebertreibung. Alle amiisirten sich zusammen, während jeder Einzelne mit seinen In- trignen und kleinen Plänen, Hoffnungen, lieber- raschnngen und Enltä'nschnngen beschäftigt war. Ei» gefährlicher, berauschender Duft von Liebe und Wein strömte durch Saal und Zimmer auf und nieder. Törres war in einem wunderlichen Aufruhr von schwellendem Selbstgefühl und Unternehmnngsdrang. Er hatte früher nie gesehen, wie hübsch Julie sein konnte. Der kleine Kopf saß so fein auf dem schlanken Hals; sie war ausgeschnitten, hatte aber um den ganzen Kragen und auf den Schultern einen reichen Besatz von alten kostbaren Spitzen, welche ihr Vater einmal mitgebracht, aber nie seine Frau hatte überreden können, zn tragen. Dabei war sie roth vom Tanz und lustig, ohne an das Saure und Stachliche da draußen in der Stadt und hier in den Winkeln zu denke». Rur während der Fraiu.aise war Julie etwas aus der Stimmung gekommen. Denn erstens hatte ihr Kavalier, Lieutenant Filtvedt, sie ausschließlich von seiner hoffnungslosen Verehrung fiir Frau Steiner nnterhalten. Und dann hatte sie während des Tanzes das Paar vis-ii-vis beobachtet. Es war schmählich, schien es Julie, von ihrer Freundin, so mit Herrn Wall zu kokettiren, wenn sie ihn doch nur zum Narren haben wollte; dazu war er wirklich zu gut. Tante Sophie kam zuweilen von ihren vielen Geschäften draußen in den Ballsaal herein, nni nach der Jugend zu sehen, und sie hatte ausdrücklich mit Kennermiene erklärt, daß Herr Wall der einzige Mann im Saale wäre. Das schien Julie»nn nicht, aber es war jedenfalls garnicht über ihn zn lachen. Wenn ihr Tanz kam, wollte sie aufrichtig freundlich zu ihm sein, vielleicht ihn etwas vor Lulli warnen. Nach der Fram.aise wollte Törres nicht mehr tanzen vor dem Walzer mit Julie. Er machte darum nur eine kurze Extratour mit Bankpräsidcnt Christensen's Tochter, welche sich sauer und steif hernmschwenken ließ, während er selbst, ebenso gut wie alle Anderen, wußte, daß das ein Tanz war, den alle Jünglinge durchmachen mußten, wenn sie zn den jungen Kräften gerechnet werden wollten. Darauf ging er in die Herrenzimmer hinein, beschäftigt mit sich selbst und seinem Glück, dem Glück, das er schon in seiner Hand zu halten schien. Hatte Frau Steiner ihm nicht demlich zn verstehen gegeben, daß Julie nur herumging und auf eine» dreisten Schritt von ihm wartete? Der sollte nicht ausbleiben, und dann— dann war er mit einem Ntale oben auf. Drinnen auf einem Sopha saß Herr Jessen und gab sich den Anschein, zum Hanse zn gehören. Törres war so hoch oben, daß er ihm im Vorbei- gehen zurief: „Na, Jessen, tanzst Du nicht?" Es war nicht Zeit genug, daß diese Frechheit hätte Eindruck machen können; denn Oberlehrer Hammer, welcher sich den ganzen Abend damit amiisirte, die jungen Leute zn untersuchen, nahm auf dem Sopha Platz und sing ein Gespräch an. Schnell hatte Herr Jessen dem alten Herrn anvertraut, daß er des Ganzen müde wäre; be- sonders hätte das Leben ihn eine ungeheure Gering- schätzung der Weiber gelehrt. Das fand der Alte zwar äußerst verständig, aber ebenso traurig; er äußerte seine Theilnahme und sprach die Hoffnung aus, daß die Zeit das vielleicht heilen würde. Aber Herr Jessen ant- wartete mit einem schweren Blicke, daß die Hoff- nnng todt wäre. Als dies eine Weile gewährt hatte, sagte der Oberlehrer plötzlich: „Aber, Herr Jessen, Sie haben ganz bestimmt Talent!" „Ich? Nein— wie meinen Sie denn das?" „Haben Sie nicht viele Verwandte?" „Ja, o ja," antwortete Herr Jessen verwirrt, „die Familie meiner Ahitter ist sehr groß, dänischen Ursprungs." „Ah!" brach der Oberlehrer überrascht aus, „und da ist kein Talent in der Familie?" 234 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. „Nein— nicht, daß ich wüßte." „Höchst absonderlich," sagte der freundliche alte Herr und betrachtete Herrn Jessen mit Interesse. „Meine Mutter spielt ein bischen," sagte er furchtsam. „Das kann ich mir denken: aber sehen Sie: jede große Familie hat hentzntage ein Talent, einen Maler oder jedenfalls einen Schriftsteller, und Sie kennen keinen in Ihrer Familie?" „Nee, nein— ich glaube nicht." „Das ist ja höchst auffallend," sagte der Ober- lehrer ernsthaft:„aber halt: wenn Sie selbst der Mann wären!" Jessen wurde es ganz heiß. „Ohne es zu wissen— ja, so geht es oft!" sagte der alte Herr und erhob sich:„da geht man herum wie ein anderer gewöhnlicher Mensch mit einem unbewußten Talent, bis in einer schönen Morgenstunde— schwupp! da ist es da!" Er tupfte Herrn Jessen geheimnißpoll an die Stirn, während er weiter auf seine Runde ging. Ganz benommen saß Herr Jessen wieder in seinem Sopha und vergaß den Lärm des Balles, während er an das Nene und Unvermuthete dachte, daß er wahrscheinlich Talent hätte. Und je länger er daran dachte, um so wahrscheinlicher kam es ihm vor. War es nicht das Talent, was heraus wollte, wenn er sich beständig nach etwas Höherem sehnte? War es nicht immer das Talent, das nicht aner- kannt wurde? All dies hatte der kluge, alte Herr gesehen: könnte er sich jetzt nur selbst darüber klar werden, was das für ein Talent war, das in ihm saß! Der Nächste, den der Oberlehrer traf,>var Törres Wall; der?llte grüßte gntmiithig: er kannte ihn so halbwegs: ob er sich gut amiisirte? „Tausend Dank— ausgezeichnet!" antwortete Törres, entzückt über diese neue Auszeichnung, und ergriff die Hand des Anderen, was nicht die Mei- nung war. Der Oberlehrer ging schnell weiter, indem er Krüger darin Recht gab, daß mit dem Menschen kein Verkehren sei. Aber Törres ging und wartete auf den Tanz mit Fräulein Julie, welcher, wie er sich belmißt war, ein Wendepunkt in seinem Leben werden sollte, stärkte sich mit ein paar Glas von Krüger's berühmtem Weihnachtspinisch, ohne daß das starke Getränk ihm anders zu Kopfe stieg, als daß es seinen Mnth Heller machte und etwas die Vorsicht verschleierte, welche ihm sonst so tief im Blute lag. Einer seiner Freunde stellte ihn dem neuen Geist- lichen vor. „Wir sind ziemlich nahe Landsleute, so ungefähr," sagte der Geistliche freundlich:„mein Vater war auch Käthner, und nannte sich nach dem Hofe— Opstad— Sie kennen ihn gewiß?" „Nein!" antwortete Törres kurz: war jetzt Zeit an Schnurzlvall zu denken? Der Geistliche, welcher nen und vorsichtig war, schwenkte ab: nber Törres leerte noch ein Glas und eilte in den Ballsaal; der Walzer sollte anfangen. XI. Während des ganzen vorhergehenden Tanzes war Julie mit Jolla Blum in ihrem Privatzimmer ge- wesen. Sie war müde und fühlte den Drang, mit Jemandem zu plaudern. Es war übrigens lange her, daß Jolla Blum nicht mehr zur Vertranten er- wählt worden war. „Wie gefällt er Dir, Jolla, wenn Du auf- richtig sein willst?" „Bist Du wirklich in ihn verliebt?" fragte Jolla, anstatt zu antworten. „Ich weiß nicht." „Dann bist Du es." „Nein, weitab! Es ist nur das, daß sie nicht das Recht haben soll, ihn zuni Narren zu machen." „Frau Steiner macht Alle zu Narren, selbst ihre besten Freunde, sagt man." „Sie sollte nur versuchen!" „Du solltest nur alles das wissen, was man von ihr sagt." Sonst hemmte Julie sie, wenn sie auf all den Klatsch kam, der über Frau Steiner in der Stadt umlief: aber heute Abend ließ sie Jolla Blum ihr Herz erleichtern. „Kannst Du Dir denken? Man sagt auch, sie hat Einen in Christiania, einen wirklichen." „Ihren Mann, meinst Du—" „Nein! Noch Einen! Wirklich so Einen; Du weißt." „Ach, Geschwätz, Jolla!" „Ja, man sagt auch," fuhr sie eifrig fort;„man sagt, sie hat auch mit dem Wall ein Verhältniß, während sie so thut, als macht sie ihn zum Narren, damit es Keiner merken soll." „Wer sagt das?" rief Julie heftig. „Ja, man sagt so; ich weiß nicht mehr, wer?" antwortete Jolla Blum unschuldig. Als sie wieder in den Saal kamen, sollte gerade der Walzer anfangen, welchen Julie Törres ver- sprachen hatte, und er stand schon und suchte sie mit den Augen; er war so groß, daß er den Bieisten über die Köpfe wegsah. Als sie einmal getanzt hatten, nahmen sie aus einem kleinen Sopha im Saale Platz und Törres fühlte sein Herz schlagen in Erwartnng dessen, was kommen sollte; inzwischen war es ihni nicht möglich, einen Anfang zu finden. Es war Julie, welche zuerst sagte: „Sie hatten eine amüsante Fran�aise?" „O ja!" „Sie ist bezaubernd?" „Frau Steiner? O— Jeder nach seinem Ge- schmack," sagte Törres und sah ihr plötzlich fest in die Augen. Julie wurde etwas roth und machte unwillkür- lich einen Ruck zur Seite. „Sie ist sehr gefährlich—" „Nicht für Alle," antwortete Törres. Julie erhob sich, und sie tanzten wieder. Sie hatte geglaubt, daß Lnlli ihn ganz in ihrem Garn hätte, und das glaubte Lnlli gewiß auch, lind nun galt es ja ihr selbst. Er ging mit Heirathsgedanken im Kopse herum: aber das wollte Julie auf keine Weise hören, wenigstens jetzt noch nicht. Vergebens versuchte Törres weiter zu kommen; sie hielt ihn zurück und lenkte ab, so daß die Unter- Haltung nicht weiter kam als zu Kleinigkeiten, über welche sie lachten. Nach dem Tanze wollte Törres, unruhig und nervös, sie nicht fahren lassen. Sie sagte, daß sie hinaus müßte zu Tante Sophie in die Küche. Er wollte mitgehen: sie konnte ihn nicht loswerden. Durch das Zimmer der alten Dame kam er mit, fast bis zur Küchenthür; sie lachte noch, war aber halb auf ihn böse. „Sehen Sie, hier trennen wir uns!" rief sie und reichte ihm die Hand. „Aber— aber, ivir sind doch einig?" brachte er endlich heraus. „Ja, da!" rief Julie lachend, während sie in der Küche verschwand. Törres suchte Frau Steiner in dem kleinen Zimmer ans, und ganz strahlend über sein Glück, rief er ihr zu: „Denken Sie! Sie glaubte, Sie wären es!" Frau Steiner verstand ihn und sah auf mit einem Paar Augen, welches Törres, aufgeregt wie er war, nicht verstand. Aber jetzt war das Maß voll; sie wollte sich von diesem Tölpel zurückziehen. „Sagten Sie nicht vorher, Sie wollten meinem Rathe folgen?" „Habe ich das nicht gethan? Und denken Sie sich-" Sie nnterbrach ihn:„Aber wagen Sie weiter?" „Ich wage alles Mögliche," antwortete er. „Das ist es ja, sehen Sie, daß Sie so, wie Sie jetzt vorwärts stürmen, leicht das Ganze ver- derben können. Zwischen Leute unseres Schlages fährt man nicht—" „Aber Sie lehrten mich ja gerade, man müsse zugreifen. Und ich versichere Sie—" „Ja, rerstehen Sie, aber—" sie war selbst etwas verwirrt: indessen nahm sie sich zusammen: „sehen Sie, bei uns hat man doch den Brauch, sich — sich die Einwilligung der Familie zu sichern." Das war ganz nach Törres Wall's Begriffen, daß man zuerst bei den Eltern freite; er sagte darum etwas herabgestimmt: „Sie meinen, ich sollte erst den Alten fragen?" „Ich glaube nicht, daß ihm eine Ueberraschung gefallen würde," sagte Frau Steiner; es schien ihr nun selbst, daß dies zu weit ginge, und sie erhob sich- Er sprang auf; heute Abend hatte er Mnth zu Allem. Auf Julie zählte er ziemlich sicher; so konnte kein Mädchen sein, wenn es nicht gewillt war. Feurig und glücklich ging er, um seinen zukünftigen Schwiegervater aufzusuchen. Frau Steiner wollte ihn zurückhalten; dies konnte zu böse werden. Aber er war so schnell, und außerdem — was konnte sie dafür, wenn diese eingebildete Person Dummheiten machte; alle Menschen hatten ihn ja verwöhnt und ihm Flöhe in's Ohr gesetzt: sie selbst hatte ihn, weiß Gott, immer zum Narren gehalten. Aber sie dachte daran, wie es eigentlich niit Julie zusammenhing: ob die kleine Gans sich wirk- lich einbildete, einen Sieg errungen zu haben, der etwas werth wäre. Und plötzlich überfiel die schöne Frau mitten im Taumel des Balles eine Muthlosigkeit. Sie empfand den Abstand gegen ihr Leben in der Hauptstadt als Weltdame, als junge Frau, wo man nicht nLthig hatte, Rücksicht zu nehmen mitten in einer Umgebung, welche ihr doppelt glänzend vorkam in diesem Augew blick, in dem sie so heruntergekommen war, daß sie mit einer kleinen Kleinstadtdanie um einen Laden- jungen vom Lande kämpfte. Sie knüllte ihr Taschen- tuch in der Hand, winkte den Lieutenants Filtvedt und Tnftemo und eilte, als sie ihr entgegengestürzt kamen, einen an jeder Seite, hinaus, Julie zu finden und sich bereit zu halten auf Alles, was kommen mußte. Inzwischen ging Törres unverdrossen auf der Jagd nach seinem Schwiegervater durch alle Stuben. All' das Glück, das ihm in letzter Zeit und an diesem Abend folgte, berauschte ihn mehr als Das, was er getninken hatte. Darum kam nur der eine Gedanke heraus: Sie sollen es sehen! Sie sollen es sehen, sie Allel Als ob er eine andere Person geworden, welche nicht länger mehr in dem vorsichtigen Bauern wur- zelte, kamen nur helle Bilder in ihm auf: der Bank- Präsident, der beginnende Respekt bei den Anderen, sein gutes Geld, Julie selbst, ihre Freundlichkeit■— sie sollen es sehen, sie Alle!— bis er auf einmal den Wirth erblickte, welcher im Gespräch mit Konsul With und einigen anderen Herren am Eingänge zw» Eomptoir stand. Einen Augenblick blieb Törres unwillkürlich stehe» beim Anblick dieses Mannes, der ihm auf eine eigen- thümliche Art von der ersten Begegnung her so ver- haßt geblieben war. Aber er näherte sich trotzdem, um einen gelegenen Augenblick zu ergreifen und MÜ Krüger drinnen im Eomptoir zu sprechen, zu welchem die Thür offen war, um den Rauch ausziehen zu lassen- Konsul With wurde zu seinem Kartentisch 8e' rufen. Die Gruppe löste sich auf, nnd der Wirth ging in's Eomptoir, Zigarren zu holen. Törres folgte ihm nach. Drinnen war kein Licht angezündet: ein Fenster nach dem Meere hinaus stand offen; es war kühl und still; der Lärm des Balles klang weit entfernt. Eine kühle Besinnung strömte über den jungen Mann; er blieb stehen und wollte sich gerade wieder hinausschleichen, als KrügE ihn plötzlich hinter sich bemerkte und auffuhr: „Wer zum Teufel? Hu, sind Sie das?" Nun gab es keinen Rückzug; Törres sammelte sich: eine Sekunde war er gleichsam abwesend. „Sie werden ziemlich überrascht sein, Herr Krüger," sing er etwas unsicher an;„ich habe Ihne» etwas von großer Wichtigkeit mitzutheilen— und bitte, ob—" „Geschäfte auf morgen!" sagte Krüger und schlug mit der Hand auf; er stand auf einem Stuhl vor einem hohen Schrank und kramte nach Zigarren- „Es sind nicht eigentlich Geschäfte; es sind privat — ganz piivatissima!" sagte Törres mnthiger. „Hm!" antwortete Krüger und stieg schwerfällig wieder herunter. Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 235 Törres schwitzte; aber er war nicht der Mann, sich zu ergeben. „Ich möchte mit Ihnen reden, Herr Kriiger, da es Sitte ist, die Einwilligung der Eltern nach- Zusucheu." „He?" sagte Kriiger und dachte: der schneidet s'ch, der Esel. „Die Einwilligung Ihrer Tochter habe ich so Out wie sicher." „Ja, gewiß, ja, gewiß, haben Sie die," sagte «rijger und suchte so behutsam als möglich an deni betrunkenen Menschen vorbeizukommen. „Nein, nein, jetzt müssen Sie weiter hören!" sagte Törres scharf und hielt ihn am Rockaufschlag lest:„Ich bin so gut wie verlobt mit Ihrer Tochter '(Forlseyung folgt.) Äie Zewohner des pelau- Archipels. Eine ethnologische Skizze von Heinrich Eunow. > ls vor Kurzem Madrider Depeschen den Ver- kauf der Spanien nach dem Verlust der Philippinen noch verbliebenen Kolonial- besitznngen in der Südsee an Deutschlands ankim- digten, tauchten, wie immer in derartigen Fällen, sofort in der Presse allerlei Mittheilnngen über die Oeographischen und ethnographischen Verhältnisse der neuen Gebiete aus, darunter manche Notizen, die Oar sonderbare Weisheit auskramten. Meist wurde» ose ans ganz verschiedene Theile der Karolinen be- Kiglichcn ethnographischen Angaben bunt zusammen- oenicngt und so ein Gemisch hergestellt, das, wenn es auch in Einzelheiten Nichtiges enthielt, doch in seiner Gesammtheit ein völlig entstelltes Bild des sozialen Lebens der Karoliiienbewohner bot. Sind auch die neuen Besitzungen, die Deutschland erwirbt, nicht groß und nur schivach bevölkert, so haben doch bie dort lebenden Stämme auf den verschiedeneu Insel- 0 Uppen durchaus verschiedenartige Sitten und soziale Einrichtungen. Selbst zwischen Bcvölkerungötheilen, bie nahe beisammen wohnen und von denen sich nachweisen läßt, daß sie sich höchstwahrscheinlich vor garuicht so langer Zeit voneinander abgezweigt haben, Nue z. 23. die Pelau- und die Mortlock-Jnsulauer, bestehen mancherlei linterschiede. Es wäre deshalb ein zweckloses Beginnen, in einem Gesammtbildc eine Darstellung der Lebensweise sämnitlicher kleiner Völkerschaften unserer neuen Besitzungen bieten zu 'vollen; eine Auswahl muß getroffen werden, und f'a zweifellos die westlichen Karolinen, die Palau-, richtiger Pelau-Inseln, die ethnologisch interessan- festen sind, sollen diese, die besonders von dem Polen 3. Knbary eingehend erforscht sind, den Gegenstand unserer Schilderung bilden. Seit des Reisenden Karl Semper's Schrift:„Die Pclau-Jnseln im Stillen Ozean"(erschienen 1873 bei F. A. Brockhans in Leipzig) wird gewöhnlich die Bevölkerung des östlich von den Philippinen Oelegenen Pelau- Archipels ans 10(KK1 Personen angegeben, einige geographische Werke beziffern sogar die Einwohnerzahl der Insel Babclthanp allein ans lOOOO. Das sind Ucbertreibimgen. Wie Knbary. der *7 Jahre ans den Karolinen lebte, nachweist, beträgt im höchsten Fall die Gcsanimtzahl zwischen 4000 bis 5000. Trotz dieser relativ geringen Bevölkennigs- Menge bestehen auf den Inseln eine ganze Reihe kleiner Staaten oder richtiger Gemeinde- Konföderationen, denn die pelananischen Staaten sind zumeist mir einfache Vereinigungen mehrerer Dorfgenieiiiden zn einem einfachen Schutz- und Trutzbiindniß: Ver- einignngen, die allerdings nicht immer ganz freiwillig entstanden sind, sondern zu welchen häufig erst die kleineren durch die größeren Genieinden gezwungen Mnrden. In solchem Fall übt dann auch wohl der Häuptling des Hanptdorfes über die kleineren Weben- dörfer des Staatsverbandes eine gewisse Obergewalt aus und sucht sie in Abhängigkeit zu halten. Wenn die Angliederung erst durch Besiegung der kleineren Dorfschaften herbeigeführt worden ist, müssen diese sogar nicht selten einen mäßigen Tribut entrichten. Im Allgemeinen aber regiert jedes Torf sich selbst nach alter Sitte. Daher haben denn auch die Pclauaner für diese durch Zusamnienschlnß mehrerer Dorfschaften entstandene Distriktsverhände keinen eigenen Namen; sie nennen diese Vereinigungen zum linterschied von dem Dorf, dem„Pelu", einfach „Klon Pelu", d. h. große Gemeinde. Solche staat- lichen Verbände giebt es mehrere, von denen einzelne zeitweise im letzten halben Jahrhundert eine zieniliche Macht erlangt haben. Am bekanntesten geworden sind der Staat„Slrekolong", der ans acht gleich- berechtigten Gemeinden besteht, ferner der ans der Besiegnng von Nachbardörfern durch das Dorf „Molegojok" entstandene Staat gleichen Namens, sowie dessen Erbfeind, der Staat Korrjor(Eoröre). Zur Bildung eigentlich fester Slaatsgemeinschaften mit zentralisirten Regierungen ist es also nirgends gekommen; als politische Einheit in nnserem Sinne kann nur die Dorfgenieinde, das Pcln, gelten. Ein solches pclauanisches Dorf ist nun aber nicht etwa ein bloßer Haufe» von einzelnen Familien, die sich zufällig nebeneinander niedergelassen haben; der Dorf- Verfassung liegt vielmehr eine cigenthiimliche Familien- organisation zu Grunde. Jede Dorfgemeinde besteht nämlich wieder aus einer?lnzahl— gewöhnlich 10 bis 25— Familiengemeinschaften, von den Pelananern„Blais" genannt, die von Familien- älteste», den sogenannten„Rnpaks" geleitet werden. Hat ein Dorf 12 Familiengruppen, dann hat es auch zehn Rnpaks, die in ihrer Gesammtheit den Gemeinderath des Dorfes bilden. Der Rupak des ältesten und vornehmsten Geschlechts ist zugleich Gemeinderaths-Vorsitzcnder und Dorfhänptling. Neben dem männlichen steht das weibliche Ober- Haupt der Faniiliengemeinschaft, die„Rnpakeldil". Sie ist jedoch niemals die Frau des Rnpaks, sondern immer eine Tante oder ältere Schwester; denn da bei den Pelananern ein Mann nie eine Frau aus seiner Familie Heirathen darf, so ist seine Frau stets eine Fremde und einer solchen Fremden dürfe» nach der Anschauung der Pelau- Jusnläner unter keiner Bedingung Familienrcchte eingeräumt werden. Die Rnpakeldil theilt das Regiment mit dem Rupak, der sie in allen wichtigeren Angelegenheiten der Familie zn Rathe zu ziehen hat. Dabei ist es durchaus nichts Seltenes, daß die Rnpakeldil an einen Mann in einem anderen Dorfe verheirathet ist und bei diesem wohnt. In solchem Fall kommt sie, sobald ettvas Wich.iges zur Erörterung steht, zn ihrer Familie herüber, bespricht sich mit dem die Familiengrnppe leitenden Bruder oder Neffen und geht dann ivieder zn ihrem Mann zurück. Derartige Familiengemeinschaften bestehen be- kanntlich auch bei anderen»likronesischen und poly- nesischen Völkern. Eigenthümlich ist aber den Pe- lauanern, daß die noch nicht zum Rupak avanzirtcn jüngeren männlichen Familienmitglieder selten hei- rathen. Verheirathet ist meist nur der Familien- älteste. Er bewohnt mit seiner Frau und den jüngeren, noch nicht verheiratheten Miidchen das der Familie gemeinschaftlich gehörende Blai-Haus; die männlichen Familienmitglieder, Jünglinge und Männer, wohnen und schlafen außerhalb des Faniilienhanses in ihren besonderen Klubhäusern. Sie kommen, außer zur Mahlzeit, nur selten in's Hans des Familienvor- stehers, und dann meist nur, wenn sie etivas haben tvollen. Da nämlich in gewissem Sinne das Hans und das Vermögen eines Zinpak als Eigenthnm der Gesammtfamilie gilt, so können die jüngeren Brüder, Consins, Neffen usw. in seiner Abwesenheit ans der Wohnung einen von ihnen begehrten Gegenstand cnt- wenden, ohne daß er sie zur Rückgabe zwingen oder sie bestrafen darf. Diese Eigenthnnisbegriffe erklären auch die Eifersucht, mit der die Familie darauf achtet, daß der Rupak seine Frau und seine Kinder nicht ans dem Familienvermögen bereichert. Vor Allem wird der Boden als gemeinsames Gut der ganze» Familie betrachtet. Nur mit Zustimmung aller übrigen erwachsenen männlichen Familienmitglieder darf der Rupak davon Antheile verkaufen oder zur Nutznießung tveggeben, und diese übrigen Familien- m tglieder geben ihre Einwilligiliig gewöhnlich nur dann, wenn sie vom Verkaufspreis etwas abbckoninicn. Sogar seinen eigenen Kinder» ist das Faniilien- oberhanpt nicht berechtigt, vom Familienland etwas zu schenken, sei dieses auch noch so ausgedehnt. Bei Lebzeiten des Rupak wird zwar, falls die Ver- leihnngen an seine Kinder mäßig sind, meist darüber hinweggesehen: sobald er aber seine Zlngen geschlossen hat. nimmt einfach die Familie die verschenkten Län- dereicn wieder an sich. Natürlich ist die stete Ueberwachnng und heimliche Beaufsichtigung seitens der Mitglieder seines Geschlechts dem Rupak nichts weniger als angenehm, und so sucht er sich deren Kontrole möglichst zu ent- ziehen. Er hält seine wirthschaftlichen Maßnahmen vor den übrigen Slngehörigen seiner Familie geheim lind wirthschaftet am liebsten mit seiner Frau und deren Slngehörigen, besonders sieht er es gern, wenn seine Schwiegersöhne sich bei ihm niederlassen. Das hindert jedoch nicht, daß, wenn ein Mitglied seiner Familie mit einem Slngehörigen der Familie seiner Frau in Streit geräth, er sofort energisch für seine Blutsverwandten eintritt. Bei solchen Vorfällen er- weist sich dann doch immer wieder die Familien- solidarität stärker, als das wirthschaftliche Eigen- interesse. Wie bei allen Bewohnern des Karolinen-Archipels, beruht auch bei den Pelananern die Familie auf den: sogenannten Mutterrecht, d. h. das Kind gehört nicht zur Familie des Vaters, sondern zn jener der Mutter, und erbt von dieser Rang und Vermögen. Demnach gehören also auch die Kinder eines Rupak nicht zn seinem„Blai", sondern zu dem seiner besseren Hälfte, wenn sie auch beim Vater in dessen Hanse wohnen. Dagegen zählen säninitliche Kinder seiner Mutter (auch seine Stiefgeschwister), seiner Mutterschwestern, seiner Schwestern, seiner Cousinen nsw. zu seinem Familienverbande. Eine pelananische Großfainiliic pflanzt sich also nur in weiblicher Linie fort; alle von männlichen Familienangehörigen gezeugten Kinder fallen außerhalb der Familie. Deshalb führen auch die Frauen, die Rhitter geworden sind, den Ehren- nanien„Mutter des Blai" und stehen bei ihren Familien in hoher Achtung. Mit Aiisnahine des Äeltesten in der Faniilien- grnppe, verheirathen sich, wie schon gesagt, die Männer sehr selten, auch nicht, wenn sie seit Langem über den Lenz ihres Lebens hinaus sind. Fällt einem der Brüder oder Konsins des Rupak ein, sich zu verheirathen und sich bei ihni niederlassen zu wollen, so muß Letzterer in seiner Eigenschaft als Familien- oberhanpt dem Nenverheirathetcn ein Stück voni Familienland abtreten und ihm bei der Einrichtung seiner Wohnung behülflich sein; doch derartige Fälle kommen nur wenig vor. Gewöhnlich leben die jüngeren männlichen Angehörigen einer Familie, bis sie selbst Rnpaks werden, in den Klubhäusern, den „Bais"(nicht zu verwechseln mit den„Blais"), oder sie lassen sich mit ihrer Frau bei deren Eltern nieder, wenigstens in der ersten Zeit. Wie überall in Mikronesien und Polynesien habe» auch bei den Pelananern die Dorsschaftey ihre„Frenndschafts- Häuser", wo die Männer den größten Theil ihrer Zeit mit Berathmigen, Ausrüstnngen z» irgend welchen Streifziigen, Schwatzen und Allotria hinbringen. Doch bei den Pelananern ist diese Einrichtung zn einem ganz besonders wichtigen Faktor im gesellschaftlichen Leben geworden. Tie nichiverheiratheten Männer wohnen und schlafen nicht nur ständig in diesen „Bais", sondern die Bewohnerschaft eines solchen Hauses bildet auch zugleich für sich eine besondere Freundschafts-, Unterstützungs- und Kriegsgenossen- schaft, ein sogenanntes„Kaldcbekel". Das Wort „Kaldebekel" ist zusammcngeselzt ans den Worten „Kaldil", Antheil, Zugehörigkeit, und„Kabekel", Kriegskanoe; es bedeutet demnach„Die zum Kriegs- kanoe Gehörenden." Jedes Bai ist zugleich ein Kaldcbekel, das seinen eigenen Hnnptmann hat und dessen Mitglieder in gewissen Nothfällcn füreinander eintreten. Bei inneren Streitigkeiten gewinnen oft diese Vereinigungen großen Einfluß und werden selbst den Häuptlingen gefährlich. Die Knldcbekels sind nach Altersstufen organisirt. Das oberste umfaßt die Schicht der ältesten Männer, also z. B. alle, die über 50 Jahre alt sind; dann folgen in gewissen Abständen die jüngere» Alters- stufen. Das letzte und unterste Kaldcbekel besteht nur aus Knaben. i 236 ?>ie Acue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Den mcinnlichen nachgebildet sind die weiblichen Vereine, die deshalb auch ebenfalls 5ialdebekels genannt werden, obgleich sie selbstverständlich keine Kliegskanoes besixen und nicht in den Krieg ziehen. Dadurch, daß die jungen Männer nicht heilathe», verzichten sie noch nicht auf Liebesfreuden. Sie suchen bei den Dorfschonen Entschädigung, und da diese durchweg gerne sich etivas schenken lassen und nicht allzu spröde sind, findet gewöhnlich das Liebes- sehnen der pelananischen Männerherzen bei den iveib- lichen Verständnis. Austerdein aber hat gewöhnlich jedes Klubhans seine„Armengohl", d. h. ein jüngeres Weib, das den Männern ihr Vai in Ordnung hält und zugleich deren gemeinschaftliche Geliebte spielt. Nominell ist sie zwar nur die Geliebte eines Mannes, gewöhnlich des angesehensten und reichsten im Bai; aber er hat nicht die Berechtigung, ihrem Verkehr mit seinen Genossen hindernd in den Weg zu treten, wenn Alles sich still und unter den nach pelananischen Siitlichkekksbegriffen als anständig geltenden Formen vollzieht. Die Armengohl ist keineswegs eine ver- achtete Dirne. Die Töchter aus den allerbesten imd angesehensten Familien geben sich zu solcher Stellung her, denn die Armengohl wird für ihre Thät'gkeit im Bai hochbezahlt und heinist außerdem, wenn sie klug ist, von ihren Neben-Geliebten manches Geschenk ein. Für Geld(buntes Steingeld) und Geschen.'e aber ist dein Pelananer Alles feil. Gewöhnlich wird der Kontrakt zwischen dem Bai und der Armengohl auf drei Monate geschlossen; sind dann beide Thcile miteinander zufrieden, verlängert er sich. Einer späteren Verheirathung steht die Stellung als Armen- gohl durchaus nicht im Wege; kein Mann nimmt daran Anstoß. Eine besondere Form des Arniengohlwesens ist das„Blolohbol". Beim Blolohbol ist es nämlich nicht der Mann, der um eine Armengohl anfragt, sondern eine Anzahl junger Mädchen und Franen aus einein Dorfe— gewöhnlich 6 bis 10— machen sich gemeinsam zu einer Fahrt nach irgend einem Nachbardorfe auf und verdingen sich dort selbst ans kürzere oder längere Zeit als Armengohls. Solche Streifziige werden von den Rupaks nicht ungern gesehen, da die Mädchen ja Geld uiit zurück in's Dorf bringen. Strenge verboten ist nur, daß ein Nlädchen sich mit einem Manne einläßt, der zu ihrer Familie gehört, mag er auch in einem anderen Dorfe leben. Außer diesen freiwilligen Dirnen giebt es noch solche, die von einem besiegten Dorf dem herrschenden von Zeit zu Zeit gleichsam als Tribut zugesandt werden müssen. Auch diese Mädchen haben auf gute Behandlung Anspruch und verheirathen sich später häufig. All das zeigt, daß von einer Sittsamkeit in unserem Sinne bei den Pelananern nicht die Rede sein kann. Thatsächlich ist den Mädchen erlaubt, zu thnn und zu lassen, was ihnen beliebt; Haupt- fache ist nur, daß sie sich recht v'el schenken lassen, denn sonst gelten sie bei den älteren Angehörigen ihrer Familien für dumm. Ist das Mäbche» ans den Jugendjahren heraus, dann wird allinälig an's Heirathen gedacht. Bald findet sich denn auch ein Rnpak, der sich zu seinem.älteren Ehegespons noch ein jüngeres zulegen möchte, oder es kommt ein jüngerer Mann, der sich anbietet, dein Vater des Mädchens bei der Arbeit zu helfen und sich bei ihm niederzulassen, falls dieser ihm seine Tochter geben will. Geht der Alte darauf ein, so bezahlt der Heirath-lustige das übliche Brantgeld an seinen Schwiegervater, und nun ist die Ehe geschlossen. Hochzeitszerenionien giebt es nicht. Gar oft dauert die Ehe jedoch nur recht kurze Zeit. War die Liebe nicht allzu heiß, dann finden nicht selten die Neu- vermählten bald, daß sie doch nicht recht zusammen passen und gehen ohne Weiteres wieder auseinander. Manchmal ist es der Mann, der den Ehebund auf- hebt, häufiger die Gattin. Selbstverständlich nimmt die junge Ehe nicht immer einen solchen Verlauf; auch bei den Pelananern giebt es herzliche Verhält- nisse, wo zwei Menschen in treuer Zuneigung fest bis an's Lebensende znsanlinenhalte». Anders liegt die Sache, wenn das Mädchen einen Rnpak heirathet; dann dauert die Ehe ge- wöhniich bis zum Tode eines der Beiden, denn bei solcher Verbindung g'ebt es für die Frau und ihre Familie etwas einzuheimsen. Derartige Ehen werden auch seitens der Frau meist erst im reiferen Lebensalter geschlossen, da der Rnpak eine Frau haben will, die Erfahrung hat und ihn in seiner Stellung zu stiitzen vermag. Und die Frau wieder betrachtet eine solche Ehe als Versorgung und als ein Mittel, sich und ihrer Famil'e Vorteile zu sichern. Eigent- liche Liebe kommt fast nie dabei in's Spiel; das Ganze ist ein Geschäft. Gcbnnde.i ist übrigens auch die Frau eines Rnpak nicht an ihren Mann; sie ist ihm gewissermaßen nur geliehen, und er muß, um ihre Familie bei guter Laune zu erhalten, seiner besseren Hälfte viel freien Willen lassen nnd iiber- dies bei allen»«"glichen Anlässen an ihre Verwandt- schuft die üblichen Geschenke geben. Zuerst bei der Hochzeit, dann, wenn seine Frau sich Mutter fühlt, wenn sie geboren hat, wenn sein Schwiegervater ein Fest giebt usw. Dafür erhält er zwar meist kleine Geschenke zurück; aber sie sind von viel geringcrem Werthe, wie die seinigen. Am deutlichsten jedoch zeigt sich die Tharsache, daß die Frau dem Manne nur geliehen ist, darin, daß der Mann sie, sobald sie ihre Entbindung herannahen oder sich krank fühlt, in's Haus ihrer Eltern bringen muß, da sie nur auf hcimath- lichem Boden gebären und sterben darf. Die Heim- kehr der er.rankteu Frau in ihre Familie hat jedes- mal der Ehemann durch ein Geschenk zu erkaufen. Stirbt die Frau, dann hat der Mann sein Pflichtenv.'rhälmiß gegen d e Eltern seiner Frau durch eine Abstandssumme zu löse» und ist nun seinen Schwiegereltern keinerlei Rücksichten mehr schuldig; sie sind ihm wieder f«emd. Seine Kinder gehören dem Hanse ihrer Mutter an nnd übersiedeln ge- wöhnlich in's Hans der Großeltern; doch ivird manchmal, wenn das Verhältniß des Schwiegersohnes zum Schwiegervater ein freundschaftliches war, dein Ersteren gestattet, eines oder mehrere seiner Kinder bis zu ihrer Mündigkeit, bei sich zu behalten. Stirbt hingegen der Plann, so suchen seine Verwandten, namentlich sein Nachfolger als Rnpak, der hinter- bliebeneii Frau und ihren Kindern das Steingeld und sonstige Kostbarkeiten abzuzwacken, die der Ver- storbene jenen geschenkl hatte, und schicken dann die Wittwe mit ihren Kindern mit einen« Absindungs- geschenk an ihre Familie zurück. In das Blai-Haus zieht der neue Rnpak ein. Damit ist das Band, das die Frau an die Familie ihres Mannes knüpfte, gelöst. Die pelauanische Ehe ist also,«vie«vir sehen, eine recht nüchterne Institution, eine richtige Ehe aus geschäftlichen Motiven. Nichts von der Poesie, von jener natürlichen Hingebung, jenem gedankenlosen Sichselbstüberlassen, mit«velchein so oft die geschäftige Phantasie das Liebesleben der„Naturkinder" unter Poliinesiens blauem Himmel ausgestattet hat. Selbst- verständlich ist in einer solchen nüchternen, erst in späteren Lebensjahren geschlossenen Ehcverbmdiing auch auf reichen Kindersegeii nicht zu rechnen. Vielleicht ist hierin viel niehr noch, als in Krankheiten nnd anderen Umständen, die Ursache des stetigen Rückganges der Bevölkerungsziffer in den letzten Jahrzehnten zu suchen. Einigermaßen gemildert«vird das Hinschivinden der Bevölkerung zwar durch die Vielweiberei, doch ist das Halten von mehreren Frauen ans den schon erwähnten Gründen eine so kostspielige Sache, daß nur die reicheren Häuptlinge sich dieses Vergnügen leisten können. Dazu kommt lioch, daß der Mann nur die älteste zuerst geheirathete Frau in das Hans seines Blai einführen darf; für jede spätere muß er eine eigene besondere Hütte einrichten, und zwar in verschiedenen Lertlichkeiten, damit seine Gattin Nr. l oder Nr. 2 nicht immer mit Nr. 3 znsaminengeräth. Daraus geht schon hervor, daß der Mann zur ehelichen Treue nicht verpflichtet ist. Solange er sich nur iiicht öffentlich etwas vergiebt, gehen sein Weib seine Liebeshändel nichts an. Dagegen ist der Frau der Ehebruch nicht gestattet. Sie kann,«venu ihr das Zusammenleben mit ihrem Eheherrn z«lr Last «vird, sich unter ziemlich leichten Bedingungen von ihm trennen nnd dann ein anderes Verhältniß ein- gehen; aber so lange sie verheirathet ist, hat sie sich eines sittsamen Lcbcnsivandels zu befleißige««. Ebenso ist einem Plann verboten, sich mit eiiies Anderen Weib einzulassen. Thut er es dennoch, risk'rt er, ganz jämmerlich verhauen zu werden und obendrein vielleicht noch ein hohes Sühnegeld bezahlen zu müsse». Sind aber die häuslichen Freuden dein Manne auch nicht allzu reichlich zngeiiiesse««, so führt er in anderer Hinsicht ein desto ge«»iithlicheres Leben. Ain meisten haben noch die Rupaks zu thnn. Ihre Dorf- regierungsgeschäfte, das Eintreten für ihre Blais bei Zlvistigkeiten nach innen und außen nehmen viel Zeit in Anspruch, zumal jede nebensächliche Blaßregel endlos besprochen werden muß. An«veitcren Beschäftigungen kommen noch hinzu der Fischfang, das Kriegsühren, die Zimmerei, der Betel- und Tabakbau. Dagegen haben die nicht verheiratheten jüngeren Männer» falls nicht gerade Krieg geführt oder größere Fisch- z'ige unternommen«verde», recht«venig zu thun und füllen die meiste Zeit mit Amüsements nnd Schivatzc» aus. Die Hauptarbeit liegt den Frauen ob, obgleich auch sie noch immer viel Zeit zum Schivatzen iibrig haben. Neben den häirslichcn Verrichtungen fällt dem schlvächereu Geschlecht die Aufzucht der kleinen Kinder, das Herstellen der meisten Gebrauchsgegen- stände, das Jnstandhalten der Torf- nnd Fcldivege, soivie der«veitans größte Theil des Ackerbaues zu. Der Plann baut mir für seinen eigenen Bedarf etivas Betel und Tabak. Die Versorgung der Küche mit Vegetabilieu ist Sache der Frau, und dies erfordert harte Arbeit, denn die Hauptnahrung der Pelananer ist Taro, nnd zwar Sumpftaro, bei dessen Anbau die Frauen manchmal bis a» die Kniee ini Morast stehen müssen. Aber gerade wegen die'cr Bedeutuiig der Frau für den Wohlstand der Bevölkerung genießt das«veibliche Geschlecht eine hohe Achtung. Tie Frau ist, wie der Pelananer sich aiis. nickt, die „Gerger", zu deutsch ungefähr Grundlage, des Dorfes und der Fainilie. Auf ihrer Thätigkeit beruht in« Wesentlichen der Reichlhun« der Gemeinde, nnd durtl sie nur pflanzt sich die Familie fort. Demnach«vird denn auch im Pelau-Archipel Derjenige, der eine Frau beleidigt, sie mißhandelt oder gar tödtet, vn'l schlverer bestraft, als«ver dieselben Ausschreitungen gegen einen Plann begeht; denn die Frau ist, sage» die Pelananer, viel nützlicher für die Gesellschaft, als der Mann. Auch in der Gemeinde haben die Frauen einen großen Einfluß. Ten weiblichen Fst' milienältesten, den Rupakeldils, steht allein die Ans- ficht iiber die weibliche Hä.fte der Dorfschaft, sowie iiber die Wege und Taropflanzungen zu. Sodaii» sind sie Nichterinnen iiber alle Verstöße gegen die gute Sitte und in allen Ehestreitigkeiten. Trotz aller Habsucht sind jedoch auch«vieder die Pelauaner ein recht leichtlebiges Völkchen, echte Kindel des Augenblicks,«vie fast alle Südseevölker. Sie vermögen über die Gegenwart völlig die Zukunft zu übersehen, getreu den« biblischen Spruch: Sorget«üäst für den kommenden Blorgen, den» der morgige Tag «vird fiir das Seine sorgen. Jenes selbstquälerische' Grübeln iiber Das, was«verde«« soll, das in« denken- den Kulturmenschen steckt nnd ihn so oft nicht frob «verde» läßt, kennt der Pelananer nicht. Die Gebnft eines Kindes, der Tod eines Erivachsenen, die lieber- »ahme eines Rnpak- Amtes, der Bau eines neue» Bai, die Gründung eines Kalocbckel, das Hera»- nahen des Vollmondes, der reiche Ertrag eines ge- mcinsanlcn Fischzuges: Alles giebt Veranlassung J» Festen, die oft tagelang dauern, und zu«vclche» häufig auch noch die Nachbargenieinden cingcladc» «Verden. Nur Hochzcits este kennen unsere neue» Landsleute nicht. Vielleicht gilt ihnen das Sidb verheirathen nicht als freudiges Ereigniß. Und giebt- gerade keinen Anlaß zum Festefeiern, dann schäm; man einen, d. h. die Familien des Dorfes bovirthc» sich gegenseitig, oder es wird ein Tanzfest veranstaltet. Tanzen mögen die Pelananer für ihr Leben ger»- Das größte Tanzfest, das einen halbreligiösen Charakter hat, ist das„Mnlbekel", das manchmal wochenlaull anhält, nnd zu dein schon lange vorher Vorbereitunge» getroffen nnd Tanz-Ercrziticn eingeübt werden. Stet-' «verde«« dazu die befreundeten Nachbardörfer zw» Besuch gebeten. Ilebrigens konnnt selbst bei dieser Gelegenheit«vieder die pelauanische Erlverbssucht zw» Durchbruch. Tie zum Fest Geladeneu, die>»» j Familien des feiernden Dorfes verschivägert süw' müssen an ihre Schlvägcr und Schlviegereltern reicht Geschenke geben, und auch die sonst noch Eingeladene» 238 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. bringen allerlei Präsente mit. Es sind eigentlich nicht die Gastgeber, welche die Kosten des Festes tragen, sondern die Gäste selbst. Seit einigen Jahrzehnten geht die Bevölkerung der Pelan-Jnseln stetig znrnck. Zum größeren Theil ist das jedenfalls den pelananischen Eheverhältnisscn geschuldet, doch trägt auch das häufige Kriegfiihren der Geineinden gegeneinander, die epidemisch auf- tretende Influenza und die Sitte des„Kopfsuchens" dazu bei. Sobald nämlich ein Klubhaus eingeweiht Ivird, ein Häuptling die lliegierung antrllt, oder ein großes Tanzfest veranstaltet wird, werden zur Ver- schönernng der Feier einige Menschenköpfe gefordert. In der leöten Zeit hat zwar dieser Brauch abge- nomine», immerhin kommen noch manche Fälle vor.— Wachstuch. Von Fred Hood. las Wachstuch, das heute in recht mannig- Ci*yJ fachen, zum Theil recht reizvollen Farben und Mustern in den Handel gebracht wird, gelangt eigentlich unter einem Pseudonym auf den Markt, denn was wir allgemein als Wachstuch bezeichnen, hat in Wahrheit die verschiedensten Web- stoffc zur Grundlage, ivie Leinen, Barchent, Kattun, Musselin k.; aber mit Wachs haben diese Fabrikate schon lange nichts mehr zu thnn. Die Bezeichnungen „Wachstuch" und„Wachsleinewand" sind nichts Anderes, als eine historische Reminiscenz, denn die vor einigen Jahrzehnten zu Möbeldecken, Hutiiber- ziigeii k. verwendeten Glanzstoffe, deren sich gewiß manche unserer Leser noch erinnern werden, waren in der That das, ivas ihr Name besagt. Es waren Webstoffe, die in t einer Lösung von Wachs in Ter- pentinöl gestrichen waren und ganz naturgemäß in ter Kälte spröde, in der Wärme klebrig, schmierig und übelriechend wurden. Seitdem aber die auf- strebende Tapeteuindustrie sich der Wachstuchtechnik bemächtigt hat, wurden weit bessere und wohlfeilere Stoffe ans den Markt gebracht. An die Stelle des Wachses trat der Leiuölfiruiß, durch dessen Berwendnug die Produkte haltbarer und die be- zeichneten Uebelstäude durchaus vermieden wurden. Die Wachstnchindustrie vermochte bisher nicht in gleichem Maße wie die Tapetenfabrikation die Bortheile zu genießen, welche der Maschinenbetrieb zu bieten vermag. Es wäre aber auch nicht an- gebracht, ans diesem Gebiete der Massenproduktion zu eifrig das Wort zu reden, da bei dem sehr ver- schiedenen und schnell wechselnden Geschmack der Käufer, denen man durch Darbietung immer neuer Muster gerecht zu werden strebt, ein andauernder Betrieb der Druckmaschinnen nicht durchführbar ist. In der Tapetenindustrie geht der Wechsel der Muster allerdings noch rapiter vor sich, indessen ist der Verbrauch gewisser Fabrikate ein so massenhafter, daß sich trotz der" kostspieligen Herstellung der Walzen doch das Wnlzendruckverfahren als rentabel erwiesen hat. Dazu konimt, daß die zur Wachstuchfabrikation verlvendete i rohen Gewebe nicht selten Knoten und ungleiche Stellen zeigen, welche der Arbeiter zu entfernen oder auszugleichen vermag, während die rastlose Maschine darüber hinweggeht und ihre Arbeit leistet, so gut es gerade der Mechanismus gestattet. Die Fabrikation beginnt mit dem Ausspannen des Gewebes auf einem senkrechten Gerähme- es ist das bei großen Stücken keine leichte Arbeit. Das eine Ende des Zeuges wird an einen der vertikalen Endpfosten genagelt oder mit Schnüren befestigt, dann der Stoff in der Längenrichtung aufgerollt, frei- händig oder unter Anwendung eines kleinen Karrens vor den Nahmen hingeführt, ausg spannt und an den Längsbalken provisorisch mit Halen befest'gt. Der jenseitige Eckpfosten, an welchen das andere Ende des Gewebes festgenagelt wird, ist verschiebbar angeordnet und dient dazu, das Gewebe in der Längen- richtung anzuziehen und straff zu spannen. In der- selben Weise geschieht dann nach erfolgter Nagelnng auch das Spannen des Gewebes in der Onerrichtung durch Tieferstellen des unteren Läugenholzes. Der Stoff wird zunächst auf beiden Seiten mit dünnflüssigem Leim grundirt und nach dem Trocknen so lange mit Bimsstein gerieben, bis alle Unebenheiten des Gewebes entfernt sind. Der Leimanstrich hat den Zweck, das Eindringen des Firnisses in das Innere des Gewebes zu verhindern, damit der Stoff nicht zu steif und hart werde. Wachstuche, deren Anstrichmasse nicht elastisch genug ist, werden natiir- lich leicht rissig und brüchig. Bei billigeren Stoffen begniigt man sich mit einer Kleistergrundirung. Da von dieser ersten Btanipulation viel abhängt, so be- handeln viele Fabriken ihre Anstrichmasseu als Ge- heimniß. Auch in dieser Technik geht Probircn über Studiren, und die Erfahrung entscheidet Alles. Natiir- lich werden die zu Tischtüchern verlvendeten Wachs- barchcnte auf der Rückseite nicht grundirt, da der weiche Flaum dieser Stoffe zum Schutz der Politur- flächen dient. Zum Bedrucken der Stoffe benutzt man die auch schon allgemein gebräuchlichen Deckfarben, wie Ocker, Bleiweiß, Chromgelb, Berliner Blau, Mennige, Zinnober usw., die theils mit reinem Leinöl, theils unter Znsatz von Trockenmitteln(Sikkativ oder Harzen) Verwendung finden. Bei den besten Fabrikaten sieht man von der Verwendung von Trockenmitteln ab; denn wenn auch das reine Oel sehr langsam trocknet, so macht es doch die Druckfarben weit haltbarer und widerstandsfähiger. Für die erste Farbschicht wird der Farbstoff recht steif bereitet, mit einem kräftigen Pinsel auf das Tuch oder Leinen übertragen und dann mit eineni langen falzbeinartigen Instrument ausgebreitet und glatt gestrichen. Derart wird zu- nächst die Rückseite behandelt und, wenn der An- strich derselben getrocknet, die zweite dünnere Farbschicht, meist in demselben Ton, aufgetragen. Erst nach Beendigung dieser Manipulation beginnt die Behandlung der Sichtflächen. Blau muß hier vor- sichtig und mit Bedacht vorgehen und nicht etwa, um die Arbeit zu beschleunigen, die Farbe zu dick austragen, sondern mit Geduld und Ausdauer eine deckende Farbschicht über die andere setzen. Die Wahl des Tones spielt' bei den unteren Schichten keine sehr wesentliche Rolle, doch soll es sich enipfehlen, um recht klare Flächen zu erhalten, wie beim Oel- farbenanstrich von Wandflächen, nach und nach von den helleren zu den tieferen Tönen überzugehen. Tie erste Schicht wird wie auf der Rückseite in steifer Farbe aufgetragen, mit Bimsstein abgeschliffen, dann die zweite Schicht in dünner Farbe erzeugt, wieder abgeschliffen, und so fort, bis nach drei- oder viermaligem Streichen der Fläche ein dünner Pinsel- strich folgen kann, der den Abschluß bildet oder den Grnndton des aufzudrückenden Ornaments ergiebt. Bei leichteren, wohlfeileren Erzeugnissen wird man das Verfahren etwas abkürzen können; will man aber schöne völlig glatte Wachstuche von zäher, lcder- artiger Beschaffenheit erhalten, so ist diese mühsame langwierige Behandlung des Stoffes, welche nicht selten mehr als zwei Monate in Anspruch nimmt, unbedingt erforderlich. Im llebrigen hat man natür- lich schon bei der Wahl des Gewebes, dann aber auch bei der Herstellung der Farbschichten darauf Rücksicht zu nehmen, ob die Erzenguisse zum lieber- ziehen von Möbeln, zur Belleidung von Wänden, zu Teppichen und Läufern, zu Wagenverdecken, Reise- koffern und-Taschen oder ähnlichen Erzeugnissen Verwendung finden sollen. Diejenigen Stoffe, deren Verwendung einen reicheren Schmuck verlangen, gelangen nun zur Druckerei. Ganz wie in der Tapetendruckerei finden wir hier dieselben hölzernen Druckplatten mit erhaben gearbeiteten Mustern. Für die billigeren Wachstuch- gualitätcn findet allerdings auch vereinzelt die Walzen- drnckmaschine Anwendung, indem die verschiedeneu Farben nacheinander anfgedrnckt werden. Bei der gewöhnlichen Handarbeit werden die Farben dick- flüssig eingerieben und auf eine elastische Fläche möglichst gleichmäßig anfgcstrichcn, von welcher sie durch die Form aufgenommen werden. Die lieber- lragung auf das Wachstuch erfolgt mittelst einfacher Schraubeupressen oder auch durch Anpressen der Form mit einigen Hammcrschlägen. Nun werden aber die Wachstuchfabrikate in ganz anderer Weise in Anspruch genommen als die Tapete» und auch nicht wenig strapazirt. Sie erfteuen sich gerade deshalb einer großen Beliebtheit, weil Staub und Schmutz von ihnen leicht mit feuchtem Lappe» eulfernt werden können; aber diese Behandlung der Fabrikate bedingt auch, daß die aufgedruckten Muster eine gewisse Dauerhaftigkeit besitzen und der häufigen Reibung zu widerstehen vermögen. Nicht wenig si»d die Tischdecken in täglichem Gebranch der Abnutzung unterworfen, und die Muster der Läufer und Teppiche sollen sogar unter unseren Fußtritten standhaft bleiben. Das ist etwas viel verlangt, und im Grunde wäre es um die Wachstuchfabrikation auch schlecht bestellt, wenn die Technik in dieser Hinsicht vollkommen wäre. Sollen aber die Muster auch nur für einige Zeit den vielfachen mechanischen Angriffen widerstehe», um ihrem Verwendungszweck zu entsprechen, so dürfe» die Farben derselben weder zu dünn aufgetragen werden noch gar zu scharf oder reliefartig aus der Fläche hervortreten: sie müssen auch möglichst untel gleichmäßigem Druck aufgepreßt werden, uni sich fest mit der Unterlage zu verbinden. Wie die Erfahrung lehrt, verniag man aber diese Gleichmäßigkeit der Farbenvertheilung und des Druckes bei breitere» Farbenflccken nicht zu erzielen, da beim Aufdrücke» der entsprechenden Formen auf das Farbkissen de zähe Farbmasse naturgemäß in der Mitte der For»> in einer dickeren Schicht hasten bleibt als an de» Rändern, so daß auch der Abdruck ungleichmäßig und unkorrekt ausfällt. Besteht nun das Muster aus derartigen größeren Farbflächen, so hilft man>>? durch Zerlegen derselben in Punkte und Striche; die Flächen der Formen werden durch parallele bez. kreuze we's geführte Einschnitte in eine Menge kleiner Korpcr geiheilr, deren jeder sein Tröpfchen Farbe aiifninnnt, um es auf die Leinwand z» übertragen. Diese Tech»» ve. leiht den Wachstuchinnstern ihren Charakter,»»" es ist jetzt Sache der Zeichner, ihre Entwürfe dies# Technik derart anzupassen, daß eine harmonische Müs kling erzielt wird. Indessen ist man ja nicht a»i derartige Muster beschränkt, ja man verniag dunst freihändiges Aufmalen von Tönen mit dem Pius" die Sklaverei des Druckverfahrens zu überwinde» und eigenartige reizvolle Stücke zu erzielen. Auch die sehr beliebte marmorartige Behandlung der Flächen geschieht aus freier Hand, und die be' scheidenen Werkzeuge, deren man sich hierbei bedient, sind Schwämme, Wollzeng und Pinsel verschiedene/ Form. Die Farbe wird ungleichmäßig aufgetupfl und in mehr oder minder geschickter Weise verthcün oder es wird der Stoff gleichmäßig getüncht und d>e Farben an einzelnen Stellen zur Erziclimg de- Musters wieder abgehoben. Häufig dient auch Hälfte eines Salat- oder Krantkopfes als Werkzeug zum Marmoriren, und dieses sonderbare Jnstruwe» wird sogar als sehr zweckentsprechend gerühmt. Ä» alle Arten von Fournieren mit den mannigfachst� Masernngen werden erzengt, und zwar meist»»te Verwendung von Holzwalzen, die jedoch im AU!� meinen die Maserung zu hart herausbringen, so d»» ein nachträgliches Verwaschen der Farbentöne>»» ein Nachhelfen mit dem Pinsel erforderlich w«� Endlich erhalten alle Wachstuchartikel einen UeberM mit Glanzfirniß, der den Farben erst die volle Kl»»' heit und Intensität verleiht. Hauptsitz der Wachstuchfabrikation ist LeiPZsg' außerdem liesern hervorragende Erzeugnisse: BeG�j Frankfurt a. M., Offenbach und Wien. Die dl»' dustrie ist im Aufsteigen begriffen und ist bemüht, neue Absatzgebiete ausfindig zu machen.» sich weiter zu vervollkonnnnen, muß jedoch die Teck» mit der Entwickelung der Tapetenindustrie fortschreite�- denn es kann keinem Zweifel unterliegen, daß»»/ Vorkehrungen und Verfahren der Wachstuchfabrikah»� jetzt noch primitiv und deshalb verbessernngsbediiiW sind. Der Erfilidungsgeist der Techniker wird versäumen, das Fehlende nachzuholen, das Manö» hafte zu vervollkommnen.— iDte Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 1 (Schluß � [i nuge, dunkle Wolken hingen nin ivestlichen Vi Hinmiel und im Osten lag silberner Dunst � über dein Düster der Wildniß. Als der volle Mond die Wolkenhöhen erstieg und seine bleichen Strahlen ans die Büsche warst erglomm das Lager- leuer mit hochrothem Schein, und seine Flammen züngelten dann und wann lustig empor. Nichts be- �egte sich in der Helle des Feuers, weder hier noch wo die Mondstrahlen die Büsche theilweise er- hellten. Scheinbar sich selbst übei lassen, flackerten und knisterten die Flammen im langen Schweigen, das über der Wildniß brütete. Der Thon sank schwer hernieder und durchzog das Dunkel am Grunde der Meskites mit einem dichten Dunstkreis, und kein �uge konnte hindurchspähen und die dunklen Körper bewahren, die sich nach dem Lagerfeuer hinbewegten, »nd die Blätter und Zweige, die sonst gleich ver- sathen, wenn in der Wildniß die Gefahr sich nähert, schienen unberührt zu bleiben von diesen sich win- denden, gleitenden Schleichern. Sie krochen vorwärts bis zu einem Punkt, wo höchstens ein Aufflackern des Feuers sie flüchtig Hütte bescheinen können, und hier blieben sie vorerst üegen, um ihr Opfer genau zu erspähen. Ztvei öan ihnen bewegten sich endlich so weit aufeinander � daß ihre Gesichter aus der Dunkelheit auf- tauchten. Eins sah das andere mit verständniß- ballern, befriedigtem Lächeln an:„iblsta äonmemlo, el Ioco, gracias a la madre de Dios."* , Die Lippen des Anderen erweiterten sich zu wieni zustimmenden Grinsen über des„Narren" Sorglosigkeit. Ein leises Zeichengeben vollzog sich uu Dunkel, und dann begann ein rnckweises Vor- �ärtsschieben, von kurzen Pansen unterbrochen, in honen man nichts vernahm, als ein leises Athem- Halen. Im Schein des Feuers stand ein hoher �usch, der seinen langen Schatten weil rückwärts suarf. Bist peinlickier Genauigkeit schritten die Ge- Ualten in diesem Schatten entlang, bis sie hinterm ®usch anlangten. Durch seine dünnen Zweige und lchnialen Blätter hindurch betrachteten sie mit behag- licher Genngthnung einen Körper, wie es schien, von �aucr Decke umhüllt und unbewegt ruhend am Erdboden neben dem Feuer. Das Lächeln freudiger �areinpfindung wich einein Ausdruck rücksichtsloser Entschlossenheit. Zwei von ihnen erhoben ihre rostige» Flinten mit breiten,, aber beschädigtem Laust lchoben sie leise durch das Gezweig und drückten ab. Der Lärm dieser Schüsse erdröhnte weithin über h'e einsame Llanura, als ob sie der ganzen Welt sttkiinden wollte», welch' heimtückische That in einem 'hrer entlegenen Winkel verübt worden sei. Als der graue Rauch sich verzogen hatte, sahen h'a gespannt hinspähenden Meuchler, daß der decken- bbrhüllte Körper noch unbewegt dalag. Bei dieser Wahrnehmung brachen die feigen Gesellen in ein r>uniphii-endes Gelächter aus und erhoben sich lustig, blli gälte es jetzt einen Spaß. Sie machten sick) �genseitig allerlei Zeichen gratulirender Anerkennung ""k schritten in die Helle des Feuers. � Da erklang von irgend einem Fleck in der Dunkelheit her ein gellendes Lachen zu ihnen herüber. war ein grausiges, dänionisches Lachen, voll Spott, ■*>ß und Wildheit. Es inachte sie erstarren wie Wachsfiguren: das gelbe Gesicht, beschienen von dem Löschenden Feuer, uiid die dunklen Augen groß und a'er„ach dem Dunkel der Büsche gerichtet, aus oneii das unheimliche Lachen heroorgedrungen war. . as Lachen hatte ihre Sinne so gelähmt, daß sie � Augenblick garnicht an Flucht dachten; sie waren �fangene ihrer eigenen Furcht. Dann plötzlich besannen sie sich niid wandten sich schreiend und �stiknlirend zum Laufen; doch da erdröhnte der {�itschei, artige Knall einer Büchse, und gleichzeitig Mt ein Mann einen bitteren Schrei, drehte sich o>Nnial um und taumelte langhin nieder. Das dichte obiisch verbarg bald die Spur der Anderen. * Er schläft, der Narr; Dank sei der Mutter Gottes. In der Ltemura CV Von Julius Schwarte». Still war's wieder in der Wildniß. Das halb- -erloschene Feuer beleuchtete schwach die deckenumhüllte Form, sowie den hingestreckten Körper des todten Menchlers.—— „Nim seid Ihr auch noch nicht viel besser daran," sprach der Fremde mit trockener, heiserer Stimme. „Doch, doch," erwiderte Jimmy,„ich bin ihnen jetzt Einen vor," worauf der Andere bemerkte, daß ihrer doch immerhin noch sieben sein möchten. Die beiden Männer hatten die Nacht im dichten Gebüsch verbracht nnd näherten sich jetzt dem Lager. Die Sonne ivarf ihre ersten, wärmenden Strahlen über die graue Steppe und ihr Buschgewirr. Die oberen Zweige erschienen in goldigem Licht, während die Schatten unter ihnen ei» bläuliches Dunkel bildete». Plötzlich entfuhr den. Fremden ein unterdrückter Schreckenslaut. Er war an eine Stelle gekommen, von der er, durch eine Oeffnniig im Dickicht spähend, einen klaren Anblick vom Gesicht des Todten hatte. Nachdenklich sah der Erstere hin. lieberall erweckte der siegende Strahl der Sonne die Natur zu neuem Leben; dort aber, auf winzigem Fleck, verharrte der starre, unbesiegbare Tod. „Oh," sagte Jimmy, der im nächsten Augenblick auch den Erschossenen gesehen hatte,„ich dachte zu- erst, es sei der Jobo; würde allerdings sonderbar gewesen sein nach dem, was ich ihm gestern gesagt." Sie setzten ihren Weg fort, der Fremde nur zögernd, Jimmy aber in zunehmender Neugierde. Bald standen sie neben dem Todten nnd betrachteten ihn mit ernstem Schweigen. „Ich kenne den Burschen," murmelte Jimmy endlich,„er heißt Pedro Sanchy; hätte auch was Besseres thnn können als linsereinen inencheln zu wollen; war aber sein Lebtag ein...." Der Fremde, der jedenfalls noch nicht lange im Lande war, konnte solchem Anblick augenscheinlich nur schwer Stand halten. „Um Himmelswillen," unterbrach er Jimmy's Ausführungen,„sprecht nicht in dieser Weise." „In welcher Weise? Ich wollte Euch nur sagen, daß der da nichts Besseres verdient hat." Nach kurzem Sinnen antwortete der Fremde: „Gewiß, mag wohl sein, aber—"er bewegte ab- wehrend die Hand,„sprecht leiser oder sonst etwas; ich lveiß nicht, was es recht ist, es geht schon wieder vorüber, denk' ich, aber..." „Nun, schon gut," sprach Jimmy beschwichtigend, dem seltsamen Gebahren des Anderen nachgebend und den Kopf senkend. Doch in derselben Minute verivandelte sich sein besonnener Ernst in lästerliche Verwünschungen, und die Flüche entfuhren ihm mit erschreckender Geläufigkeit. Er hatte nämlich den Inhalt der zusammengebündelten grauen Decke unter- sucht nnd nebst vielen anderen Dingen seine Brat- pfanne hervorgezogen: es war nur noch ein breiter Ring mit langem Stiel. Eine der beide» Ladungen, bestehend aus Steinsplittern, Eisenstllckchen und dergl. hatte die Niitte getroffen. Jimmy hielt seine ihm unentbehrliche, jetzt aber so geschändete Pfanne hoch, indem er sie hin nnd her drehte. Er fluchte, bis er zufällig die Ab- Wesenheit seines Gefährten gewahrte; doch einen Augenblick später sah er ihn mit dem Pferd aus dem Busch daher kommen. Schtveigend nnd wie geistes- abwesend hantirte der Fremde an seinem Thiere herum. „Nun, wollt wohl fori?" fragte Jimmy. Des Angeredeten Hände tasteten unsicher am Zaninzeng umher. Einmal schalt er auf die Schnalle, als ob sie das Zittern seiner Hände verursachte; ein anderes Bial wandte er sich, um auf des Todten Gesicht zu sehen, das die Sonne jetzt hell beschien. Zuletzt rief er: „Oh, ich weiß ja, wie die ganze Sache zuging; aber ich fühle, als läge mir ein Bleigewicht auf der Seele." lind er lvandte das Gesicht mit schmerz- lichem Ausdruck noch einmal um nach dem todten Mann.„Mir ist, als ob er mich anklagen wollte, als ob..." „Aber," sagte Jimmy verwirrt nnd ihn groß ansehend,„Ihr habt ihn doch nicht erschossen; ich erschoß ihn." „Ich weiß, aber ich fühle ähnlich so; ich kann's nicht los werden." Jimmy schüttelte mit dem Kopf und wollte etwas anttvorten, als Schüsse erdröhnten und verworrenes Geschrei und Gerufe aus den Büschen zu ihnen drang. Des Fremden Pferd machte einen hohen, zuckenden Sprung, schnob wild auf in plötzlicher Angst, fiel auf's Knie, strampelte sich wieder hoch nnd raste davon. „Das kommt vom Erzählen," rief Jimmy ärgerlich. Beide hatten sich platt auf den Boden geworfen und besichtigten das Dickicht. Jimmy wies hin, wo der Rauch über den Buschspitzen emportränselte. Er umspannte fester, den Revolver, die Waffe hob sick) langsam vom Boden nnd zeigte niit dem blanken Lauf nach dem Gebüsch. „Hallo, Jobo!" rief Jimmy nach der Richtung hin,„habt Ihr Eure rostigen Flinten schon wieder geladen?" Es blieb still um sie her. Der Sonne prächtige Strahlengarben warfen sich über den weiten Busch nnd malten den fernen Dunst im Westen mit schwachrothem Licht, nnd hoch in der Luft flog ein großer Vogel mit langsamem Flügelschlag kreisend umher. „Ihr da, kommt nur heraus!" rief Jimmy wieder in das Gebiisch hinein;„ich will Euch zeigen, wie man schießt, wenn Jhr's denn nicht anders wollt. Was Ihr da thnt, ist keine Art und Weise." Keine Antwort, nnd im Busch kein Laut. „Sie sind fortgegangen," sagte der Genosse neben ihm, indem er spähend den Kopf etwas hob. „Glaubt das nur nicht," erwiderte Jimmy, der durch allerlei spöttische Anreden die feigen Angreifer zu reizen und ans dem Dickicht hervor zu locken versucht hatte.„Glaubt das nur nicht, sie sind da, wohl alle Sieben." „Woher wißt Ihr das?" „Weil ich's weiß. Sie lassen so schnell nicht ab. Hebt Euren Kopf nicht, oder sie geben's Euch!" Während dessen durchforschten seine Augen un- ausgesetzt das Gebiisch.„Sie sind da, sicherlich, vergeßt das nicht!" lind wieder hob er seine Stimme und rief seine Feinde an. „Jobo, sieh' mal her! Seid Ihr da noch nicht müde vom Herumrutschen? Ihr solltet man lieber nach Hause gehen nnd schlafen, etwas Anderes thnt Ihr ja sonst auch nicht gern. Laßt Euch wenigstens 'n bischen sehen, Eaballeros; Ihr seid doch nicht etwa bange, daß ich schieße, wie könnte ich das wohl thnn? Eure schmutzigen Strohdeckel sind Euch wohl schon heruntergefallen— vor Angst natürlich; sammelt sie mal wieder auf nnd laßt Euch dann mal hier sehen, Ihr feigen Hallunken!" Die Antwort war ein plötzliches Durcheinander von wilden Flüchen, hervorgestoßen mit jähem Haß nnd auf Jimmy alles erdenkliche Ung ück herab- schreiend. Es war, als ob Jemand einen Käsig voll boshafter Assen und wilder Katzen wiithend gemacht hätte. Jimmy kicherte vor sich hin über den Erfolg seiner Rede. Doch bald begann er ärgerlich zu werden, denn seine versteckten Feinde nannten ihn ein über das andere Mal einen rothhaarigen Feig- ling, eine Memme, die nur im Dunkel die Hand balle, einen Grünling, der schon davonliefe vor dem Schatten solch' ehrenwerther Senores, wie sie doch seien. In der That, sie belegten ihn mit all' den Eigenschaften, die er an ihnen z» kennen glaubte. Alan konnte ihm nur zu gut ansehen, wie all' die infamen Ziedensarten ihn bitter beleidigten, während er dalag auf dem Boden, die Lip.en zusammen- gepreßt, das zornsunkelnde Auge nach dem Gebiisch gerichtet, in zuckender Faust die Waffe fertig zum Schuß. 240 Die Aeue Welt. Illultrirte Unterhalwngybeilcige. „Ich will's dafür wissen," rief er endlich in heiserem Tone.„Ich halt's hier nicht mehr ans. Die Wuth frißt mich ans. Es muß heut' ja doch zu Ende..." „Keinen Zoll weiter!" rief sein Gefährte streng und ihn gleichzeitig am Fuße znriickreißend. „Nnn, was soll's denn noch," erwiderte Jimmy, wieder zum Aufsprunge bereit. „Biegt den Kopf he.unterl" rief der Andere mit schriller Stimme. Zu spät. Als die Schüsse daher dröhnt.», stieß Jimmy ein stöhnendes Grunzen aus und lehnte sich einen Augenblick ans den Ellbogen, während sein Arm sich schüttelte wie ein Zweig im Winde. Dann sprang er noch einmal auf, blutend und schwankend, das Gesicht durchzuckt von Schmerz, das Auge von seiner letzten Leidenschaft tvild durchglüht. Die Feinde kamen jetzt schnell und katzenartig heran. Die Vorgänge der nächsten Augenblicke cnt- wickelten sich zn einem verschwommenen Bilde, zu einem wüsten, wirren Traum, in dem das Rascheln der Füße, der Knall der Schliffe, Rufen und Schreien hervordrang, während ans dem walleiiden Ranch wnthverzerrte Gesichter, gleich gelben Btaskeu, auf- tauchten und dann ivieder verschwanden, als liiat- ternde Schüsse sie in schneller Folge zurücktrieben, in's bergende Buschwerk hinein. Ter Fremde saß nieder, legte die elsschüssige, noch ranchende Winchesterbüchse bei Seite und wandte sich seinem unglücklichen Gefährten zu. Er fühlte ein tiefes Erbarmen mit dem Sterbenden, dessen Leben zwar ivohl nicht viele Gntthaten auszulveisen haben mochte, dessen gewaltsamer Tod aber doch manche Verfehlungen sühnte. Voll und groß hob Jimmy noch einmal das Auge zum fernen, klaren Himmel empor und schloß es langsam wieder. In weichen, warmen Luftwellen strich der Wind über die einsame Llannra und beivegte flüsternd die Gräser um das Haupt des Sterbenden; schmeichelnd und kosend säuselten sie hin und wieder, als sängen sie lcis ein tröstend Sterbelied. Ter Fremde saß noch immer am Boden, wischte sich mit dem Aermel Schweiß und Staub ans dem Gesicht und beobachtete drei der Angreiser, die, wohl verwundet, humpelnd und stolpernd davongelanse» waren. Sie wandten sich um und sahen nach ihm. Er hob drohend den Arm mit der Waffe. standen während eines Augenblicks still und schiene» zn überlegen; dann aber verschwanden sie mit einem Fluch im Gebüsch. Er stand ans, klopfte seine weiche Decke, die vom Trampeln der Füße schmutzig ge- worden war, sorgfältig ab und legte sie über Jickmy'» Körper. Dann wandte er sich schwankenden Schrittes dem Dickicht zu; vielleicht hoffte er, sein Pferd irgendwo zu finden, um damit den nächsten Pueblo (Ort) zu erreichen, der einen guten Tagritt entfernt war. Langsam und müde bog er das Gezweige auseinander und verschwand in demselben. Hinter ihm schlugen Blätter und Zweige wieder zusammen und wandten sich dem Tobten zu. Sie nickten und schaukelten und schwangen sich allgemach wieder nihig, und nichts unterbrach mehr den Frieden der Wildniß.— Kaideöitö. !>)ie Wittagsonne brütet aus ber Kaibe, Hm Kiiöen broht ein schwarzer Hing. Herburstet hängt 8as magere Getreide, Helsa glich treibt ein Achmetterling. Ermaltet rich'n ber Kirt unö seine Hchafe. Die Ente träumt im Hiusenflrant, Die Hingeluatter sonnt in trägem Gchlafe Itnregbar ihre Iigerhaut. Hm Hickizack zuckt ei» Hlih. unb Dasscrfluthen Gntsiiirze» gierig bunkclem Helt. Ks jauchzt ber K.turm unb peitscht niit seinen Huthen Erlösenb meine Lzaiöcwelt. Tetlev von Lilie» cro». Heimkehr. Ein echtes Strandbild von der Ostsee: Weit geht der Blick, bis Saud und Meer in Eins ver- schwimmen: von dem Strande auf steigen die niedrigen, nur mit spärlichem Grün besetzten Dünen, mit dem Giebel schauen die niedrigen Hütten des Fischerdorfes herüber. Würden sie auch, wie so oft, garnicht sichtbar, das da- hinter gelagerte Fischerdorf wäre durch die auf dem Strande frei liegenden Boote zur Genüge bezeichnet. Darüber spannt sich Gran in Grau lastend der Himmel. Dazu noch das regelmäßige und gleichförmige Rauschen des Meeres, von dessen Wellen die letzten schaumigen Ausläufer an den kleinen Strandkämnien hinauflecken, oft auch darüber hinfahren und im Sande Tümpel bilden— es giebt kaum eine Landschaft, in der sich die monotone und melancholische Stimmung dem einsamen Wandcrer schwerer und drückender auf's Herz legte... Ein Fischer- boot naht dem Strande. Jni nächsten Augenblick wird das Boot von der letzten Welle emporgehoben und wird knirschend auf's Flache fahren. Das letzte SU'ick muß es dann durch's Wasser gezogen werden. So weit als möglich also hinauf auf den Strand! Mit aller Kraft legt sich der eine Ruderer noch einmal in den Riemen; der andere hat ihn schon eingezogen und greift nach der Kette, um im nächsten Augenblick hinauszuspringen und das Boot weiter zu ziehen. Es wird einen gehörigen Stoß setzen, man muß Acht geben. Der alte Graubart am Steuer lenkt scharf spähend so, daß das Boot im rechten Winkel auffährt. Die freie Rechte ballt er zur Faust, als brauche er in der Erwartung des Stoßes ein Gegengewicht.— Die Ruinen von Palmyra. An der großen Kara- wanenstraße, die Syrien mit Seleucia, das Mittelmeer mit dem Persischen Golf verband, lag das alte Palmyra. Das eigentliche Emporblühen der Siadt fällt in das letzte Jahrhundert v. Chr. Aus kleinen Anfängen schwangen sich die Palmyrer zn den Hauptvermittlern des Handels zwischen dem Osten und dem Westen empor. Was heute der Snezkanal ist, war früher in erster Linie der Landweg durch die Syrische Wüste und Mesopotamien. In der Zeit der Blüthe entstand eine Reihe von herrlichen Bauten, deren Ruinen noch heute Beivunderung erregen. Tie griechische Zivilisation traf sich hier mit der Kultur des Ostens. Aber maßgebend wurde die griechisch-römische Kunstrichtung. Sie erhielt in Palmyra namentlich in der Bauknust eine derartig pnmkvolle Ausgestaltung, wie sie im Alterthum niemals an irgend einem anderen Ort erreicht worden ist. Eine prächtige Schildernng der Ruinen jener alten Bauten giebt r>r. Max Freiherr von Oppenheim in seinem reich ausgestatteten Reiscwerk „Vom Miltesmcer zum Persischen Golf"(Berlin, Dietrich Reimer), aus der wir Einiges hierher setzen: Tie»us erhaltenen Reste des alten Palmyra macheu auf den Beschauer einen überwältigenden Eindruck, be- sonders auch deshalb, weil sie so ganz unvermittelt in der Wüste ihm entgegentreten. Von der mehrere Kilo- meter langen Säulenhalle, die einst die Stadt in ihrer ganzen Länge durchzog, giebt gegenwärtig noch eine stattliche Anzahl Säulen Zeugniß. Gekreuzt wurde diese Säulen-Allee von mehreren anderen Straßen, die gleich- falls von Säulenreihen eingefaßt waren. Die Säulen zeigen etwa in drittel Höhe Konsolen, die in früherer Zeit die Statuen berühmter Männer getragen haben, von denen heule jedoch keine einzige mehr steht. Ein prachtvolles Thor im südöstlichen Thcilc der Stadt öffnet seine Hauptbogen einer die Säulen-Allee kreuzenden Ouer- straße, während durch zwei kleinere Bogen zwei Neben- straßen führe», die im spitzen Winkel die Hauptstraße schneiden. Sämmtliche Bauten von Palmyra bestehen aus einem wenig widerstandsfähigen weißen Kaltstei», der vielfach eine gelbliche Farbe angenommen hat. Tie Säulen haben in ihrem unteren Theile vielfach durch Erosion stark gelitten und dadurch das Aussehen von angefaulten Baumstämmen erhalten. Höchst auffällig treten dazwischen einige Granitsäulcn hervor. Am Südeude der Hauptstraße steht der große Tempel, welcher der Lokalgotthcit, dem Sonucngotte Bel, geweiht war. Das Tcmpejgebäude hatte einen gewaltigen Umfang. Es stand auf erhöhter Terrasse und war mit Mauern umgeben, die 15—16 Meter hoch waren und von denen jede einzelne auf der inneren Seite eine Länge von 235 Metern hatte. Hflite sind nur noch Trümmerreste vorhanden, aus denen aber noch ganze Säulenreihen, die mit Architraven geschmückt sind, emporragen, lieber hundert Hütten des modernen Palmyra haben in dem Tempel Platz gefunden. Sie sind auf dem Schutt, der den Boden oft mehrere Meter hoch bedeckt, errichtet oder malerisch zwischen herrlichen Bögen und Säulen eingebaut. Als Material sind oft die wunderschönen Säulen, Kapitäle und reichgeschmückten Steine des alten Tempels verwendet. Ganze Straßen ziehen sich bergauf bergab im Innern des Riesenbaues hin. Ein kleiner Theil des Tempels muß in alter Zeit schon zu einer Moschee umgewandelt worden sein; hier finden sich die am schönsten erhaltenen Ruinenrestc. Hier sieht man noch wunderliche Plafonds und Wanddekorationen mit Benutzung des Thicrkrcises und geometrischer Figuren, ferner zierliche Blumen- guirlandcn, Kapitäle, Reliefs und Dekorationen der mannigfachsten Art. Die Fassaden einzelner Bautheile besitzen eine auffallende Achnlichkcit mit manchen Fassaden unserer europäischen Großstädte. Auf der anderen Seite zeichnen sich die Anßenmauern durch ihre gewaltige Ein- fachheit aus. Deutlich lassen sich an den Tempel niauern die Spuren späterer Umbauten erkennen. Eine charakteristische Eigcnthümlichkeit von Palmyra bilden die zum Theil reich mit Ornamenten ausgestatteten viereckigen Grabthürme, welche die Erbbegräbnisse der vornehmen palmyrenischen Familien darstellen. Die Thürme sind inehrere Stockwerke hoch und haben im Inneren Kammern, die zur Aufnahme der Särge und Ascheu- urnen dienten. Ein solcher Thurm hatte sechs Stock werke und Abtheilungeu für 48t) Todte; er war III englische Fuß hoch und hielt unten 33'/-, oben 25,8 Fu>i im Geviert. Innerhalb der Kammern waren Tarstellungen der dort bestatteten Personen im Hochrelief angebracht gewöhnlich mit Inschriften, die den Namen und da-' Todesjahr der Verstorbenen nach der seleucidischen Aera enthalten. Heutzutage findet sich kaum ein einziges der Reliefs an seiner ursprünglichen Stelle vor. In de» Gräbern sind auch noch Mumien gefunden worden. Art der Behandlung der Mumien, der dazu verwendete Balsam und der Stoff erinnern an die Einwickelung und Präpaririing der egyptischcn Mumien..! Seine Existenz in der Wüste verdankt Palmyra zwe> mächtigen Onellen. Einige hundert Schritt südlich vo>» Ausgang des Gräbenhales bricht aus einer tiefen Felsenhöhle ein Bach hervor, dessen warmes und stark schwestv haltige» Wasser man trinkbar macht, indem man es>" einem Gefäß eine Zeit lang stehen läßt und dann»m den oberen Theil vorsichtig wegschöpft. Eine zweve Quelle mit besserem Wasser entspringt nördlich von' Sonnentempcl, umfließt den Bau aus der Nord-»nd Ostseite und vereinigt sich im Osten desselben mit dcw ersten Wasserlauf. Diese beiden Bäche bewässern einen die Ruinenstadt im Süden und Osten umgebenden Kram von Gärten, deren üppig grünende Vegetation selbst dn Gluthen der Sommersonnc nicht versengen können""" die inmitten der Wüste mit ihren hohen Granaten, FeisZ und Weiiiaupflanzungcn, zwischen denen sich malern« einige Dattelpalmen gellend machen, einen bezaubernde» Eindruck hervorrufen. Ten Gärten schließen sich Getreide� felder an, die nach Südosten sich etwa 20 Minuten>»e>' hinziehen. Für die Bedürfnisse des alten Palmyra genug» diese beiden Onellen sammt den zahlreichen BrunU*»' von denen noch heute mehrere erhalten sind, jedoch Damals war eine Wasserleitung angelegt worden. d> aus einem Stauwerk Quell- und Regenwasser der Sm° zuführte und deren Spuren sich durch das Gräbcrih» bis i» das Gebiege nach Nordwesten hinauf verfolg� lassen; außerdem dürste jedes Haus eine Sammelstem für den Regen besessen haben.— Niemals ist eine große Entdeckung über Nacht dunb plötzlicke Eingebung dem Hirn eines genialen Bienscke» entsprungen. Sie ward angesauit und wuchs langsau» bis sie ihre prächtige Blüthe auf dem Boden eines de- sonders reisen Mcnfchengeistes erschloß, um zu dufte» durch ihre Zeit bis in fernere Tage.— W. v. Buchwald. ,, „Deutsches Gesellschafislebeu im endenden MltlelaUer Laßt mir die jungen Leute nur Und crgetzt Euch an ihren Gaben! Es will doch Großmama Natur Manchmal einen närrischen Einfall haben.— iSoelhe. Alle für die Redaktion der„Neuen Welt'� bestimmten Sendungen sind nach Berlin, SW ist- Benthstraße 2, zu richten. Nachdruck des Inhalts verboten! Beraniworlltch-r Redalleur: OScar«ühl in«harlotlenburg.—«erlag: Hamburger Buchdruckeret und verlagSanklalt Auer b. So. In Hamburg.— Druck: Mar Babing in Berlin.