Nr. 32 Sllxtflriric 3 tixlt'rKaUxtTiqj-sbciia�c. 1899 li' nJ1 �sorlsctzunn) Jakob. 4� Roman von Alexander L. ftielland. Autorisirtc Ueberseliung ans dem Norwegischen von Leo Bloch. f des kleinen Fräulein Thorsen hatte tfLs in dieser Zeit sehr schwer gelitten. Als sie l nach Brandt's Weihnachtsball, zu dein sie �cht eingeladen war— Damen ivaren immer genug , als sie da seine Treulosigkeit erfuhr, fand sie � Zuerst einigen Trost in seiner großen Niederlage. » Aber ihr Herz konnte nicht lange ertragen, ihn verändert zu sehen, wie er war, besonders in de» sttle» Tagen. Sie war wohl fest entschlossen, es 'i)" ernstlich fühlen zu lassen, wie treulos er fast geworden wäre; aber sie wollte sich doch versöhnen Men, und dann wollte sie ihn oben halten, wenn k Rit auch Alle verließen. Tie große Bertha dagegen hatte längst verzichtet. �'e sah ein, daß Törres für sie zu groß und zu war. Aber sie besuchte ihn in seiner neuen �ohinnig, wenn sie freien Sonntag hatte. Sie hatte ch»i ihre Ersparnisse zu verwalten gegeben. Zwischen den beiden Freinidinnen Julie Krüger Frau Steiner kam es nicht zum Bruche. Tie Stinnnung, welche während des Balles so �vrk über Frau Steiner gekomnien war, wurde durch 's1 ungemüthlichen Schluß des Festes noch verstärkt. sah jetzt die Gesellschaft in der kleinen Stadt � eine reine Lächerlichkeit an, wo sie sich rein wrhvars, sich selbst und ihre Kunst. . Gewiß gab es eine Zeit, in der sie erklärt hatte, sie lieber am entferntesten Bteere wohnen wollte, 5 zu riskiren, ihren widerwärtigen Mann überall treffen. Aber das war anders geworden. In }x mächtigen Sehnsucht nach der Hauptstadt und o?" lustigen Leben unter Künstlern und jungen Fleute», wo sie und ihr Mann heimisch gewesen fonren, kam es ihr jetzt ganz boniirt vor, fort- Füchten vor einem möglichen Zusammentreffen einem Manne, mit dem sie ja jetzt nicht das Hingste zu thun hatte, ausgenommen, daß er sie "terhielt. • Sie war die Gekränkte und sie hatte das sittliche wpizip gerächt; Aller Sympathie mußte auf ihrer �'te sein. Wenn sie in einer Gesellschaft ans Herrn seiner stieß, sollte es sie nun nicht mehr länger bcher machen. � Sie wollte wieder drinnen sein; gerade das jWante an ihrer Stellung wollte sie ausnützen, eine viue, welche die Männer von Grund auf kannte. in der Kleinstadt hatte sie oft bemerkt, daß die Donner sie als Eine ansahen, welche mit ihrem �bensiverke fertig wäre, als ob sie erwarteten, N sie wie ein Zeichen stehen bleiben würde, eine �gessäule für die Sittlichkeit. . Nein! Das war die Absicht nicht. Es war an tc Zeit, dieses Kleinstadtleben zu beenden. �te war ihr eigener Herr und ließ sofort daS Mädchen Sachen und Schmuck einpacken, während sie Atelier und Wohnung bis auf Weiteres behielt. Da war nur noch das eine Ding im Wege; wie sollte sie von Krügers Abschied nehmen? Ein Billet zu schreiben und zu verschwinden war so ungeheuer bequem. Aber das würde sie sofort mit dem Skandal auf dem Balle in Verbindung bringen, und davon wollte sie sich gerade ganz frei halten. Alles war ausschließlich durch Jnlie's klotzigen Versuch, einen noch klotzigeren Anbeter anzuziehen, gekommen. Mit eineni so groben Spiele durfte sie, die Frau Steiner, nie zusammen genannt werden. Darum fand sie sich ein paar Tage nach dem Balle ein, geputzt und heiter und mit ihrer unschul- digsten Miene. In der Stube traf sie nur Krüger, der gegen seine Gewohnheit verlegen aussah; gleichzeitig kam auch Tante Sophie aus der Küche herein, und zwar auf eine Art, daß Frau Steiner sich unsicher fühlte. „Die kleine Julie hat, weiß Gott! seit dem Balle gelegen," sagte Tante Sophie und nahm auf dem Sopha Stellung. „Nein! wie leid mir das thut; ich würde sie so gern sehen." „Julie will Niemaiiden sehen, nicht einmal Sie; sie hat es ausdrücklich gesagt." Gustav Krüger niußte nun in das Gespräch ein- greifen; er wußte, daß Tante Sophie viel auf dem Herzen hatte. „Sehen Sie," sagte er,„es dauert immer ein paar Tage, bis ein großes Hans in Ordnung kommt." „Natürlich," antwortete Frau Steiner freundlich und wandte sich zu ihm. „Das Haus ist schon längst in Ordnung; wäre es nur auch so leicht, die Menschen in Ordnung zu bringen!" sagte Tante Sophie stramm. „Sie, Frau Steiner, sehen ebenso strahlend aus wie inimer," sagte der galante Krüger. „Das trifft sich gut, daß ich jetzt so wohl bin, da ich reisen muß." „Sie reisen?" „Ich reise morgen nach Christiania; ich habe Briefe bekommen," fuhr sie etwas verlegen fort. „Für immer?" fragte Tante Sophie mit so im- verkenubarer Freude, daß Krüger sich beeilen mußte, von Reise, Reisewetter und Reise-Effekten zu sprechen; er nannte sogar einige ausgezeichnete Plaids, die er hatte, obgleich er den Laden ungern oben in der Wohnung und im Gesellschaftsleben erwähnte. „Ich will sofort Ordre geben, Ihnen einige zur Auswahl zuzusenden," sagte er und erhob sich;„ich sage nicht Adieu; wir sehen uns noch vor der Abreise?" „Das thun wir gewiß," antwortete sie, und sie fühlten sich gegenseitig erleichtert. Fra» Steiner wollte nun so schnell wie möglich von Tante Sophie fortkommen; aber diese setzte sich znrecht und begann sehr offenherzig: „Es ist mir nicht unlieb, daß Sie reisen." „Sieh, sieh!" antwortete Frau Steiner und zog ihre Handschuhe an; sie wollte lächeln, fühlte sich aber doch nicht ganz sicher. „Ich glaube, Sie haben keinen guten Einfluß auf Julie gehabt." „Sie sollte wohl zur alten Jungfer aufgezogen werden?" „Nein, im Gegentheil, sie soll Heirathen, aber ordentlich, dauerhaft!" „Habe ich Ihre Pläne gekreuzt?" fragte Frau Steiner, die um den Mund blaß wurde. „Sie haben ihr so viel Dummheiten über die Mannsleute gelehrt, daß sie jetzt Keinem traut." Tante Sophie ging zur Küche, und Frau Steiner verließ das Entrc'e. Am nächsten Tage reiste sie ab. Julie war froh, daß sie ihre Freundin, deren Treulosigkeit sie ahnte, nicht zu sehen brauchte. Nie würde ein so netter und bescheidener Mensch, urc Herr Wall, sich so aufgeführt haben, wenn ihm nicht von eineni Anderen eingeheizt worden wäre. Und das sei Lulli gewesen, die.jhv erst als ihren Narren hätte behalten wollen, und als das mißglückte, die schreckliche Szene herbeigeführt hätte, um sich zu rächen. Und nie konnte sie den Augenblick vergessen, wie er so verlassen dastand, während ihr eigener Vater fast rasend war, und sie— sie hatte ihn auch verleugnet vor allen seinen Feinden. Sie konnte nicht anders handeln, deun sie waren ja nicht ver- lobt— aber trotzdem— Dann kam Jolla Blum und brachte Bescheid über Alles, was nian in der Stadt dachte und sagte; sie sprach unaufhörlich mit angespannten Mienen und hochgezogencn Augenbrauen, um nicht über die Worte zu stolpern, die herausströmten, als lösten sie sich aus einer Presse. Und dann nahm die Stadt Julie Krüger wieder auf. Sie schämte sich über den im Umgange mit Frau Steiner beschmutzten Ton; das paßte nicht für sie. Die besorgten Freundinnen aus Mittters Zeit schöpften neue Hoffnung für die kleine Julie. XIII. Nachdem Törres vergebens darüber nachgegrübelt, was der Geistliche gewollt, erwiderte er den Besuch, auch zur Abendzeit; und da hielt ihn der Geistliche zurück zum Abendessen, das er holen ließ, da er unverheirathet war. Dieses Mal kamen sie besser miteinander in's Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 200 Gespräch, und Törres fing an, seinen Argwohn ab- zulegen. Sie standen ja einander so nahe; sie konnten in derselben Sprache znsaminen reden, und Beide waren sie in einer fremden Welt ein Stück vorwärts gekommen— Jeder ans seinem Wege; der Geistliche war ja am iveitesten gekommen. Als sie einmal davon sprachen, sagte der Priester lächelnd:„Sie sind sonderbar, Sie!— Sie fürchten nichts, sind aber doch leicht zu erschrecken." „Jeder nach seiner Art; aber man kann nicht zu hoch klettern, denn dann komnit man zu Fall." Pfarrer Opstad lachte still in sich hinein, und da er dunklen Vollbart und Brille hatte, war sein Gesicht nicht immer so leicht zu verstehen; Törres glaubte min, er lache iiber ihn. „Ich lache," sagte der Geistliche,„weil ich sehe, Sie glauben noch an diese feinen Leute, an die Bildung." Törres sah ihn ungewiß an, aber der Geistliche nahm einen Schluck aus seinem Glase— sie pflegten zusammen Toddy zu trinken—, sticke sich im Stuhle znrccht»nd fing an: „Hören Sie jetzt, wie es mir gegangen ist, wie ich von der Dnnnnhcit geheilt wurde, welche wir Bauern mit uns herumschleppen, daß ein so großer Sprung zwischen uns und diesen sogenannten Ge- bildeten ist. Ich wühlte mich durch zum Seminar, demiithig, ans dem Bauche vor Allem und vor Allen, aber besonders vor der Bildung— Bildung und Gelehrsamkeit war ja das Höchste— hm!" sagte der Priester und wechselte mit einem Male den Ton: „Natürlich, gleich nach der Religion!" „Natürlich," antwortete Törres ebenso ernsthaft, worauf der Geistliche gleichsam mit einem halben Seufzer in seiner natürlichen Büschsprache fortfuhr, ohne sich vor Worten ans der Bauernsprache zu scheuen: „So wurde ich Hanslehrer bei einem Bezirks- richter im Ostlande. Es war ein großer Kreis um die Kirchstadt, und ich hatte alle Beamtengöhren, eine iiber alle Maßen unartige Bande! Aber die Erwachsenen waren viel schlimmer! Die Herren, wenn die zusammenkamen, oder die Damen in der Küche— und gegen die Dienstboten!— Bildung — hahaha! Ja, da hättest Du was von Bildung hören können!" Törres sah den Anderen an, der bei seiner Er- Zählung augenscheinlich in Aufregung gerieth. „Ich will nicht von der Rohheit reden, wenn der Vogt, der Richter»nd die ganze Blase dasaßen und fluchten, so daß die Funken nur so aus den Karten flogen, und die schlimmsten Geschichten er- zählten. Aber selbst wenn sie anständig unter Damen saßen und ernsthaft sprachen, war doch nichts An- dcres zu hören als ein einstimmiges Herunterreißen von all Dem, wovon ich vorher geglaubt, es gehörte mit zur Bildung." „So?" sagte Törres ungläubig. „Da wurde kein einziges von den Dingen, zu denen ich bis dahin immer aufgesehen hatte, ge- nannt, ohne daß es in diesem Kreise heruntergerissen und verhöhnt wurde. Sprach man von Kunst und Literatur, so war es Häßlichkeit und Unsittlickikeit. Erwähnte man Wissenschaft, so war das etwas höchst Unzuverlässiges, womit sich nur einige wenige Aus- erwählte einlassen dürften, ohne in die Irre zn gehen. Ans dem Auslande, in dem auch nicht ein Einziger von ihnen gewesen war, kam all das Böse, das wir hier zu Hanse uns vom Leibe halten müßten: Bücher, Bilder, Gedanken und Ideen— Alles war gefähr- lich, die ganze Zeit war gefährlich— selbst die Luft! Jede Sonne, die aufging, schreckte sie mit ihrem neuen Licht, vor dem sie ihre verräucherten Ofenwinkel abschlössen und verrammelten." Törres fiel es schwer, dem Geistlichen zu folgen, wenn er in Eifer gerieth; aber er hörte trotzdem genau auf jedes Wort. „Ich selbst war damals tief religiös," fuhr Opstad fort, aber verbesserte sich sofort,„das will nicht heißen, daß ich es jetzt weniger wäre, aber auf eine andere Art, verstehen Sie!" Törres verstand das wohl, und der Andere fuhr fort:„Darum litt ich auch am meisten vom Geist- lichen." „War der auch dabei?" „Ja! Der war noch der Schlimmste; denn der konnte sich und die Anderen so in Wnth reden, daß sogar die Weibslente ganz wild wurden. Und dann führte er in seiner Predigt einen wahren Kmizzng, schimpfte lind verfluchte Bücher lind ferne Mit- menschen, die er nur dem Namen nach kannte. Ich sagte nie ein Wort, aber einmal stand ich ans»nd verließ das Zimmer. Das genügte; ich ivnrde als verdächtig entfernt und kam nach Christiania, um mich zum theologischen Examen durchzukriechen und dnrchznhnngern." „Sehen Sie," sagte Törres lächelnd,„Gelehr- samkeit gehört dazu!" „Gelehrsamkeit!" rief Opstad und erhob sich im Eifer;„Zwang und Verfinsternng!— das heißt, Gottes Wort lernten wir ja pur und rein— pur und rein." Ans diesen schroffen Uebergang war er so ein- geübt wie ein Zirkuspferd, das ohne Kommando, nur ans eine Aendernng der Musik in eine andere Gangart übergeht; und Törres nahm seinerseits die passende Büene an, so oft er den Geistlichen heraus- steckte. Es war wie eine stillschweigende Ueberein- kunft zwischen ihnen, daß Alles auf die Religion Bezügliche bei ihnen Beiden in Ordnung wäre. Was sie aneinander band, war der geineinsame Ursprung und die gegenseitige Achtung vor ihrer Geschäftstüchtigkeit. „Du müßtest lesen," sagte der Geistliche einmal später, als sie intim geworden waren. Törres machte eine ungeduldige Geberde. „Nein, ich meine nicht Bücher. Aber Du solltest Zeitungen und Aehnliches lesen; da könntest Du lernen, wie wenig die Gebildeten selbst auf Bildung geben." Nun erhielt Törres die Zeitungen der Hanpt- stadt und vom Prediger Opstad christliche Zeit- schriften; und als er sich nach und nach daran ge- wöhnt hatte, sie zu lesen, sah er ein, daß der Geist- liche Recht hatte. Ueberall stand der Kampf gegen das, was er früher immer für die Kluft selbst ge- halten hatte. Wie dumm war er mit dieser Demuth gewesen! Es war ja meistentheils Tändelei und Herumratherei, was die Leute sich zu wissen einbildeten; all die großen Worte von„selbst denken" und„frei denken" waren Humbug; die ewige Wahrheit lag in dem Kinderglauben selbst, und aller Welt Weisheit kam nicht auf gegen den kleinen Katechismus, und den kannte er— hahckha!— er mußte über sich selbst lachen. Da war er herumgegangen und hatte zu Gustav Kriiger, Oberlehrer Hammer und den Anderen auf- gesehen, die all das gelesen hatten, was in den Büchern stand, und nun waren sie nichts anderes als Freidenker, die in die Hölle gehörten und eigcnt- lich nicht frei in der Gesellschaft herumlaufen durften. Und die Geistlichen, welche er bisher als eine Anzahl unbegreiflicher Wichtelmänner betrachtet hatte, deren Macht Niemand entgehen konnte, die wurden jetzt Gewerbetreibende wie er selbst; sie predigten und priesen an, sie warnten vor den gefährlichen fremden Waaren und hielten ihre Opfer mit Ver- sprechungen und Drohungen um sich. Törres fand es vernünftig, daß es eine Hölle gab; aber er sah klar ein, daß, wenn man erst einmal den Leuten allgemein erlauben würde, daran zn zweifeln, ob es eine gäbe— daß es dann erst wirklich zur Hölle gehen würde— mit dem großen, schönen Geschäfte, daß die Geistlichen betrieben. Bei seiner Freundschaft mit Prediger Opstad fühlte er schon das gemeinsame Interesse, wie ein Bernfszweig den anderen hält. Von dieser Zeit an erhielt das Leben für Törres Wall das Aussehen, welches er selbst bei ruhiger Ueberlegung als das sichere und zuverlässige empfand, nach welchem man sich richten konnte, ohne von Leitern herabzufallen oder vor Klüften zu stutzen. Er machte nunmehr seine Znkunftspläne, ohne mit etwas Anderem zu rechnen, als mit seinem Gelde und seinem eigenen Willen. Inzwischen besorgte er mit nnverdrossenem Eifer Frau Knudsen's Geschäft und gewann beständig mehr Einfluß aus sie, während er im Stillen seine weiteren Pläne vorbereitete und sich in der öffentlichen Mei- nnng zu einem von Denen aufschwang, die eine große Zukunft hätten. Die Konkurrenz zwischen den beiden Nachbar- geschäften lvnrde immer schärfer, wenn auch noch immer in frcnndschaftlichcn Formen. Törres besuchte sogar Jessen, lud ihn ein, als ob nichts im Wege wäre, und eines Abends trafen sich sogar Herr Jessen und Fräulein Thorsen ans einer kleinen Abendgesell- schaft bei Törres Wall. Er hatte jetzt solche Be- hcndigkeit und Macht in seinem Wesen, daß Keiner Zeit zum Stutzen bekam; ehe die Beiden es noch recht merkten, hatte der Wirth sie lachend am Tische nebeneinander plazirt. Sie hatte längst jede Hoffnung verloren, daß Törres zn ihr zurückkehren würde; aber doch fühlte sie, daß sie in seiner Macht wäre. Aber als es ihr aufging, daß es sein Wille war, sie zn Herrn Jessen zurückzuführen, schien ihr das unmöglich; he wollte ihm das sagen— am nächsten Tage. Aber am Tage darauf und alle Tage nahm Fräulein Thorsen vergebens ihren M»th zusammen; er durchschallte sie, wich ans und schob sie immer vorwärts dorthin, wo er sie haben wollte. Es war eine schreckliche Zeit für sie, als Herr Jessen unsicher und fieberhaft die alten Annähernngsversnche be- gann;— er müßte es ja wissen!— natürlich� Sie hatten sich ja nicht einmal Mühe gegeben, es zn verbergen, lind jetzt kam Herr Jessen, der Alles wußte, und Törres half noch dabei! Wieder war sie hülflos zwischen diesen beiden Mannsleuten � ja, es war schlimmer als je.(J-rli-vung folgt.) a .y- Dom Schnapsteufel und was damit zusammenhängt. Von Albert Südebum. (Schluß.)_ �Z�iir die Arbeiter hat das Wirthshans, die Kneipe, eine ganz andere Bedenlimg, die durch Kaffee- sttzäiifeii und Volksküchen in ke'ner Weise Zl> ersetzen ist. Für sie besteht die unabweisbare Roth- wendigkeit, wenn anders sie ihre elende Lage über- hanpt verbessern wollen, sich mit ihren Klasse»- genossen, das ist so viel wie Leidensgefährten, Z» gemeinsamem Handeln zusammen zu thun. Politische und gewerkschaftliche Organisation, das ist das Mittel, mit dem die Welt umgestaltet werden soll und wird. Wie aber soll sich der Arbeiter zum Arbeiter finde». In der Fabrik verhindert die strenge Aufsicht, d>e Pflicht nnnnterbrochener Thätigkeit die nothwendige Diskussion; die enge Häuslichkeit verbietet das sanimenströmen der Menschen von selbst. Wohl» also? Jn's Wirthshans. Kommt nun noch daZ» ein System polizeilicher Unterdrückung, wie es d»' Staatsweisen von gestern und heute anfznrichtr» für ihrer Regierungskunst höchsten Triuniph hielte» und noch halten, dann erhöht sich dementsprechend die Bedeutung des VersammlnngslokaleS. Nicht»M in den Sälen großer Etablissements, sondern in den kleinen Hinterzimmern unscheinbarer Schenk ist viele ernste Politik getrieben worden! Hättejl wir die Freiheit der Gasse und des Marktes»"e die Alten, so wäre auch bei uns Manches mckco-'- Aber Freiheit! Wo ist sie denn bei uns? Wolw' wir nur blicken— Vevormundung und Kncr ttt»ll mit allen ihren Folgen. Gerade auf diesen wichtül� und nur allzuleicht übersehenen Punkt in der Ef örterung der Alkoholfrage hat unser Parteigen»P Karl Kantsky nnt allem Nachdruck hingewiesen. paar Sätze aus dem, was er darüber schrieb, sollet auch hier wiedergegeben werden.„Der Proletarier- so sagt er(„Neue Zeit" 1891, Bd. 2, Seite iO'), „der in England auf das Wirthshans verzichtet, verzichtet blos auf den Alkohol. Seine gesellige>t und politischen Bedürfnisse hat er anderswo besst zu befriedigen Gelegenheit. An jedem öffentliche» Platz darf, wenn nicht der Verkehr dadurch behinder wird, eine Versammlnng ohne Weiteres abgehalte> Die Neue Zvelt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 25 1 »erben Dort tauicfit das Volk seine Gedanken trinken könnte, wenn sie nicht schon längst vorher und antisoziale, sind immer das Produkt der physio- au« dort sdnilt es fielt zur politischen Thätigkeit. in der Regel den Dienst guittirte, damit der Glas- psychischen Organisation und der den Menschen um- Nir' Ken Keffer fit» rteu Tbeil des Proletariats Händler nicht bankerott Ivird. Wer hat nicht schon gebenden natürlichen und sozialen Atmosphäre: und kommen daneben»och in Betracht die zahlreichen von dem Fettherz der bierzechenden Männer gehört, weiter: Ein Verbrechen muß entweder als der Akt und rafch ncki vermehrenden Arbciterklubs. In seinem das man in der Medizin geradezu das„Bierherz" des individuellen freien Willens oder als natürliche Mich it? der Arbeiter völlia frei da ist er Herr des nennt? Wer weiß nicht, daß die vornehmen Herr- Wirkung natürlicher Ursachen betrachtet werden. Die Hauses da hat ihm Niemand etwas dreinzureden, schaften nach Karlsbad oder einem anderen solchen erste dieser Erklär..,.gen ist ganz unwissenschaftlich: � ouck nicht die Nolivi fo lange er sich keine Ungesetz- Orte wandern, um d.e Folgen eifrigen und nach- w.isenschaftl.ch kann zede menichl.che Handlung nur lidifeit m Schulden kommen läßt Dort kann der haltigen Sekttrinkens am Magen wieder zu kuriren? erklärt werden als das Ergebniß einer bestimmten Arbeiter' mit feinen Genossen zusammenkommen und Oder meint man. die Geschichte von der Sänsernase. organischen Anlage, die in einen, bestimmten physi- -? b Ä S sich»chmm d» Tatterich tmd dAeicheta wita l-dtgltch b°». ch-tt»»d t°-i°l-» Mi.-tt«-m, dem- er « Mi llen Er verliert also wenn er ein Abstainer haste Nachreden? Nein, es ,st ganz nnzwe.sel- so.st,- und wer will es... unseren Rechen be- i b b n Elilbaltfaiiier Einer der keine alkoholischen hast, daß der andauernde starke Alkoholgenuß ganz stre.ten?- dann Ware es ia wirklich außerordentlich � Geträn e tr nktl i t dadurch'nicht das Mindeste in charakteristische Veränderungen im Körper hervorruft, sonderbar, wenn sich kein Zusammenhang zwischen seiiie? Ben annas'reibeit Anders bei uns. Wie die man als Krankheiten bezeichnet. Was aber am chronischem Alkoholismus und Verbrechen nachweisen !"irSÄ Versammlungsfreiheit bei bedenklichsten ist, daß ist die durch ihn bewirkte ließe. Selbst wenn der Beweis statistisch«och uns bestellt ist brauckten wir unseren Lesern nicht Herabsetzung der Widerstandsfähigkeit des Organismus Nicht erbracht wäre, durfte man aus logischen � an nd rnlle � wie gegen krankmachende Einflüsse der Außenwelt. Die Gründen den Zusammenhang als bestehend erklären. leicht e ill anck die dürstiaen Rechte zu konfisziren.„Konstitution" des Menschen wird untergraben, wen» Daraus aber crgiebt sich mit durchaus zwingender ! die der deutsche Vroletarie� Das er ein Zecher ist: was am Mäßigen oder Enthalt- Gewalt, daß der Alkoholismus in. hohen Grade eine eii.'iae Bolliverk� der volitischen Freiheit des Pro- samen wirkungslos vorübergeht, das wirft den Trinker soziale Angelegenheit ist. Aber er„t noch mehr, letariei"" das iliin so leicht Hicht konfiszirt werden auf das Schmerzenslager, und was dem Ersteren er ist eine wichtige proletarische Angelegenheit. kam st � da« Wirt?l,a.!s'" vielleicht eine leichte Erkrankung kostet, das kann Wir haben ja schon gesehen, daß der aus ganz be- I Wer unseren Auseinandersetzungen bis hierher den Zweiten schon unter die Erde bringen. stimmten Ursachen entstandene Verzehr von alkoholi- geduldia ae olat ist der wird ii»3 wohl schwerlich Nun kann ja Einer mit einem Schein von Recht scheu Getränken bei der Arbeit und in den Arbeits- '»> Verdate haben' daß.vir nunniehr endlich mit vielleicht einwenden:„Das ist mir höchst gleichgültig, pausen zu e.nem Raubbau mit den Kräften der Ar- Paiiken und Drommeten est.e schmetternde Anklage ob ich krank werde, und Anderen kann's erst recht beiter führt, und daß er ferner die thatsächlich bei nee.,, j,,,, Keb,.nn«te..sel in die Welt schlendern egal sein. Mein Körper ist mein Körper, und damit den Proletariern bestehende dauernde Unterernährung und ,,,it stfJriicn Strafen Demjenigen drohen, mache ich, was ich will. Wenn ich krank werde, so verschleiern hilft. Nehmen wir nun noch hinzu seine der immer nnrff„illst de, Eid des Abstinenzlers ist das ebenfalls meine Sache und geht gar Niemanden soeben anfgedcckten Znsanimenhänge mit dem Ver- ableaen will Aber mcilii ivir uns auch frei halten etwas an!" So dürfte mit Recht nur Einer sprechen, brecherthum, die doch selbstverständlich für die Prole- von allen einseitiacn und deshalb schon gänzlich der, wie Robinson, allein auf einer Insel haust; wer tarier in erster Linie verhängnißvoll werden� 'virkunasloken pathetischen Phrasen die die Traktätchen aber in einer geordneten menschlichen Gesellschaft unsere Behauptung bereits unwiderleglich sei.., auch der Mäßigkei Issana i er zn einer so widerwärti en lebt, der gehört in der That nicht sich elbst allein wem. wir nicht noch das Folgende anführen könnten. L-ktiir nmck n?w std n wir doch auch Wieden.», au, sondern ans den haben auch die anderen„So sehr wir," sagt Grotjahn,„betonen müssen, uns eines araen Versehens schuldig machen, wenn Gesellschafts, nitglieder ein Anrecht; es kann ihnen daß der Alkoholisnius in Häufigkeit und Erscheinungs- -vir nicb die b dciillichen Seiten des Alkoholgeiinsses garnicht gleichgültig sein, ob und wie viele ihrer forn. ans sozialen Zustanden resnlt.rt, so ist auch Wohl für den Einzelme, ischen als auch'für die Volksgenossen krank, daher gehindert sind, an der...cht zu leugnen, daß er semer, cits diese selbst wieder Gesellschaft untersuchen wollt!» Einiges davon haben gemeinsanien Arbeit ihr gebührend The.l zu scharten, beeinflußt. Das gilt nicht etwa m dem Sinne, daß wi s? oben ckön im Vorbeigehe» gestreift. Und das wird sofort ganz deutlich, wenn wir uns die soziale Lage einer Bevölkernngsklasse durch über- Wenn man von den schädlichen Folgen des vergegenwärtigen, daß die Folgen des Alkoholisn.ns mäßigen Aufwand für Spintnosen direkt schlechter AlkoholäenulleS reden>vill- unter welchen Um- offensichtlich auch aus das soziale Gebiet hinüber- wurde: denn so wenig zu bestreiten ist, daß der ständen er erst besonders schädlich lvirkt, das werden spielen. Indem wir die auf der Grenze zwischen Alkoholismus für das einzelne Individuum häufig wir aleicb sel en- dann kann man Ivohl die Ant- dem individuellen und dem gesellschaftlichen Gebiete die Ursache des wirthschaftlichen Zusalllmenbruchs ist, wort bttre... Atb was' Ach habe einen Mann gc- stehenden geistigen Erkrankungen, deren Zusainmenhaiig so ist doch bisher nicht der Beweis erbracht worden, ka mt der bntst ieden Taa ewen Rausch i.nd ist mit überreichlichem Schnapskonsum zum Theil nach- daß für eine ganze Gruppe ans gleicher wirthschaft- ff. ber hatte weisbar ist, bei Seite lassen, wollen wir hier nur licher Stufe stehender Jndividi.en der unter ihnen wend f'L kick natürlicli nicht ernsthaft dessen Einfluß ans das Verbrecherthum kurz berühren, verbreitete Alkoholismus mehr die Ursache, als viel- 2» S«°u Terjenige, kt„ Mm»°m° kk.He.k ein SMPWm»ktpnoü wliften für fsthr i£ Her/ in dem Ausspruche offen- Arbeit verfaßt hat, die ganz ausschließlich dem Studium gewesen ist. Vielmehr wirkt der vermehrte Alkohol- bar, Alle Arbeiter sind Diebe'' Ich habe einen der physischen, moralischen und intellektuellen Natur konsum der Arbeiter in anderer Weise aus die tvirth- gehabt Ver hS nS bestolilen"' Eine solche Art des Verbrechers gewidmet ist, der französische Ge- schaftliche Stellung ein: der Proletarier besitzt in den der Dis�sstnn siibrt nienials zn einem brauchbaren fängnißarzt Lauvcrgne(sprich: lohwernje) wies ai.s den Spirituosen ein Wohlseiles und leicht zugängliches Graew st"°. sisthen Sachen inuß �nan eben die Zusammenhang hin(1841), und Morel, der nur wenig'Mittel, den Druck der sozialen Msöre sich weniger eff re- r»-ff-en durch die Beobach- später schrieb(1857), stellt unter den Ursachen des fühlbar zu machen, die Ausbentungsmöglichkcit zn se ieu Eryihrmigen ergänzen' Verbrechens den Alkoholismus mit seiner schädigenden steigern und außerdem noch leichter, als dieses schon 12 ber? L f?e9iJ�t«S in«Sr Einwirkung auf die Nachkom.nen der Trinker obena... ohnehin der Fall ist, de», Judifferentismns gegen- Fw???"�iefe«"'es?ff n stch ine bestimmte Anzahl Der deutsche Gefängnißdirektor Sichart hat bei 4000 über den Bestrebungen, die zur Hebung seiner Klasse vlln ff ff r" d,(ILefineiifchcn und für von ihm beobachteten Sträflinge» Nachforschiiiigcn dienen, zn verfallen." Jndifferenrisniiis, Unverstand ffu len Folge.. f..r den E nzelm�> angestellt und dabei gefunden, daß der Massen, wie unser altes Kampflied diese., Aus- .�'-"'chakt antuhren d.e. u �° �Ä��sses Geistesstörung. Epilepsie. Selbstn.ord und Alkoho- druck verdeutscht,- wer kennt ihn nicht als den sieb?"mr eine"7 nitl norfimals zurückgreifen lismns der Vorfahren sich fanden bei 3ö,8 pZt. größten Feind der ganzen Arbeiterbewegung? Müssen IS l\ mt STS der Brandstifter. 32,2 pZt. der Diebe, 28,7 pZt..vir nicht täglich und stündlich alle unsere Kräfte in triL uT ff � ff Mii kiniaen kleiner der Geschlcchtsverbrecher und 23,6 pZt. der Betrüger, der politischen und gewerkschaftlichen Thätigkeit an- » en ist ein Unterschied.- 1 3 Havelock Ellis sagt in seinem Buche:„Verbrecher und spannen, um de» Jiidiffereiitismns, die Gleichgültig- A koholmengen und d.e der mff einmal oder m�ru��(@eitc 106): �s besteht heute kein keit, den trägen Sklavensim. zu bekämpfen? chatzen genossenen großen;ff■. Iif Cranj Zweifel mehr daran, daß sowohl chronischer Alkoho- Welche Snmme von schädigenden Einflüssen des "ander gemeinsam, daß pe vom ni s'v lismus als ein vorübergehender Ranschznstand zur übermäßigen Alkoholgennsses haben wir schon in snius ohne dauernde Schädigt» g«ejt der Zeugung tiefgehende Veränderniigen in diesem kurzen Ucberblick zusainmengefaßt! Nicht nur, kew t"' �lcff e Sämige. � Gehirn und Nervensystem der Eltern sowohl als des daß er bestimmte Krankheiten des Körpers und des 8 webes und dauernde Becnitiachtigni g m Kindes hervorruft. Einige der typischen Fälle von Geistes erzengt, nicht nur daß er, was bedenklicher ff n stellen sch m w R�el nur � instinktiver Kriminalität(angeborenen Verbrecher- ist, die Kraft der Konstitntion bricht, nicht mir daß � Genuß betrachtlicher Gaben h Ng � � thums) sind einzig und allein dem Alkoholismus er das Elend verhüllt und unzweifelhaft im Zu- >'ff D« Regelmäßigkeit oder Ha stg eines der Eltern zuzuschreiben." Sorgfältige sta- samnienhange niit dem Verbrecherthiim steht, nein, es ist das eigentlich �"dlge- tistjschx Mittheilniigen über die 4000 Sträflinge, die er trägt auch sein Theil Schuld an der furchtbaren, Mter dem die Hohe der ledesmal emget.„ im£nitPe ber Zeit in Elmira(Zuchthaus von New- dem Einzelneu und dem Ganzen schädlichen sozialen tohollscher Getränke an"'""L 3 heson- York) sich aufgehalten haben, ergaben, daß sich bei Trägheit, an dem Jndiffereiitisimis. irostahn.) Wer dauernd größere l 37 7 pZt., ja wahrscheinlich sogar noch bei weiteren Nun soll wohl doch endlich der große Fluch crs von Schnaps konsunlirt, der ka lo'nZt� Trunksucht der Eltern zweifellos nachweisen folgen, denkt vielleicht mancher Leser. Das Loblied wundern, wenn schließlich sein Korper zu einer man-»o■, des Wassers wollen wir aber auch hier nicht an- Anden Ausstellung der venchiedensten 1■' mag die Bedeutnng und Veweiskiaft solcher stimmen. Schon ans dem einen durchschlagenden ».ff Das Herz, die Leber, dle � r' � obcr � niedrig einschätzen, wie uian Grunde, weil wir uns davon denn doch zu wenig "b der Darm nichtounempmd � jedenfalls steht doch dieses fest: Diemensch- Erfolg versprechen. Wo die Thatsachen rede», braucht lichcn H-ndlmigr-. chrlichc.md W» ilk«-z»m**«-<>***** Die Neue Welt. Illustrirte Unterhalwngsbeilage. zustanlineln. Man hat wohl der Sozialdemokratie den Vorwurf gemacht, sie stehe der Alkoholfrage zu gleichgiiltig gegenüber; man hat z. B. ans Belgien hingewiesen, wo unsere Genossen, an ihrer Spitze der geistvolle, gescheidte und redegewrndte Vandervelde, eine starke Mäßigkcitsbewegung iu's Leben gerufen haben: aber in Wirklichkeit ist es doch so, daß die deutsche Sozialdemokratie, auch wenn sie nicht viel Aufhebens davon macht, in Wirklichkeit dem Alkoho- lismuZ beständig den Boden abgräbt. Die be- wnndernswerthe geistige, moralische und materielle Hebung unseres Proletariats, die sie durchgesetzt hat, ist die beste Anti-Alkoholbewegnug, die sich überhaupt nur denken läßt. Wir können uns auch da wieder aus die ruhigen und klaren Worte Grotjahn's be- nfeu, der ausführt:„Wie mannigfaltig auch die Ursachen des mißbräuchlichen Genusses alkoholischer Getränke in den einzelnen Ländern sind und wie verschiedenartige Mittel dementsprechend auch zur Bekämpfung dieses Mißbranches angewendet werden müssen, eines giebt sich mit plastischer Deutlichkeit zu erkennen: Das ursächliche Moment, hinter dem alle übrigen an Bedeutung zurücktreten, ist der direkte und indirekte Einfluß der sozialen Verhältnisse, ihre Besserung ist das wirksamste Btittel im Kampfe gegen den Alkoholismus. Ist der Nährboden der sozialen Misere dem Spirituoseiimißbranche entzogen, so wird auch die individuelle Erziehung durch das belehrende Wort eine größere Wirkung als bisher ans"' en und der Alkoholgenuß seine Vorzüge entfalten können, ohne in Mißbrauch überzugehen." Das ist auch unsere Meinung von der Sache. Wie steht es nun aber eigentlich mit der Frage, von deren Erörterung wir ausgegangen? Wir sagten, der Philister behaupte in der Regel keck, das Elend der Massen verschulde der Schnapsteufel, Andere dagegen setzten dem entgegen, das Elend schaffe den Schnapsteufcl. Wer hat nun eigentlich recht? Können wir darauf eine klare, eindeutige Antwort geben? Wer das Vorausgehende aufmerksam gelesen hat, der wird uns wohl zustimmen, wenn wir sagen: Ja. Und die Antwort lautet so: Es liegt in Beidem ein Theil der Wahrheit, aber in dem Satze des Philisters liegt entschieden der kleinere Theil. Die Grundursache, der der Alkoholtenfel seine Existenz verdankt, ist zweifellos das Elend; aber der ver- wünschte Kerl Hai so eine Art Dankbarkeit in sich, oder mag man es Selbsterhaltungstrieb nennen: Kurzum, er trägt das Seine dazu bei, das Elend zn verelvigen. Darum gehört er aber zu unseren Feinden, dieser Herr Schnapsteufel. Und ich denke, wir werden auch mit ihm fertig werden. Man sagt ja nicht mit Unrecht: Die Sozialdemokraten fürchten sich vor dem Teufel nicht!— "itir K- Mirbelsiürme und Metiersäulen. von Th. Overbeck. /-Aä /sv» s kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen, daß in früheren Weltperioden, vor vielen Millionen von Jahren, zerstörende Natur- creignisse im Allgemeinen weit häufigere Erscheinungen waren als gegenwärtig. Es zeigt sich aber ein völlig anderes Bild, wenn man die verwüstenden Er- scheinungen nach ihrer Art getrennt betrachtet. Während die jetzt relativ doch seltenen furchtbaren plntonischen und vulkanischen Erschiitternngen, ge- waltige Erdbeben, vulkanische Ausbrüche, Erhebungen und Versinken von Gebirgen und größeren Gebieten in den ältesten Zeiten unzweifelhaft äußerst häufig waren, spielten die, zur Jetztzeit oft so entsetzliche Verwüstungen hervorrufenden, Wirbel- und Strom- bewcgnngcn der Lufthülle unseres Planeten, die Orkane, in der Vergangenheit, mit Ausnahme der allerältestcn Zeiten, nur eine untergeordnete Rolle. Während des ältesten, solaren, d. h. des Sonnen- stadinms der Erde, als letztere noch eine strahlend leuchtende Kugel in höchster Gluth befindlicher ge- schmolzmer Massen darstellte, deren Oberfläche einen wogenden Fencrozean bildete, war die Erdatmosphäre allerdings infolge des permanenten Austausches der glühenden unteren und kühleren oberen Schichten und gewaltigen Ausbrüchen glühenden Wasserstoffgases der Schauplatz furchtbarster Glnthwirbcl, die jedoch im Wesentlichen einen Austausch in vertikaler Richtung d. h. von unten nach oben und unigekehrt vermittelten. Als jedoch die Oberfläche des Erdballs sich mit einer die innere Erdglnth und den eisigen Weltraum trennenden Erstarrungsrinde bedeckte, trat unzweifel- Haft eine allgemeine Beruhigung der Atmosphäre ein. Stürme fehlten wahrscheinlich gänzlich oder waren doch nur von geringer Stärke. Die Grundursachen aller Stürme sind nämlich lediglich Temperaturunterschiede und dadurch bedingte Dichtigkeits- und Schweredifferenzen innerhalb unserer Lusthülle. Diese fehlten aber ehemals während langer Zeiträume entweder ganz oder waren doch nur sehr gering, ans der ganzen Erde herrschte ein gleichmäßig heißes Klima, daher fehlten natürlich auch stürmische Aus- gleiche. Erst als zur Tertiärzeit klimatische Unterschiede auf der Erde sich fühlbar machten, besonders als die Erkaltung der Polarregionen derartige Fortschritte gemacht, daß ewige Eis- und Schneekappen die Pole umlagerten, trat eine neue Stnrmperiode ein. Während jedoch die Gluthwirbel der Urzeit im Wesentlichen, wie bereits erwähnt, einen Ausgleich von oben und unten darstellten, findet in der späteren, zweiten Stnrmperiode der Ausgleich vorzugsweise in horizon- taler Richtung zwischen Aequator und Polen, den heißen und kalten Zonen statt. Da nun aber die Eis- und Schneekappen der Polargebiete infolge der zunehmenden Erkaltung des Erdballs langsam vorschreiten, wie die offen zu Tage liegende Verschlechterung des Klimas von Grönland und Island deutlich beweist, die zur Zeit nur noch lediglich von der Sonne abhängende Temperatur der Tropen, der Gebiete zwischen den Wendekreisen, aber nahezu oder vielleicht bis auf Weiteres ganz un- verändert bleibt, so rücken sich die Extreme von Tag zu Tag näher, das unausbleibliche Resultat ist eine fortwährende, langsame Steigerung der atmosphäri- scheu Störungen. Mit anderen Worten ausgedrückt heißt das: die Orkane werden von Jahr zu Jahr langsam an Gewalt und Zahl zunehmen, wir gehen einer täglich sich steigernden Schnelligkeit derselben entgegen, mag diese Zunahme auch nur äußerst unmerklich vor sich gehen und vielleicht erst in Jahrhunderlen oder Jahr- lausenden deutlich fühlbar werden. Erst wenn in- folge der Erkaltung alle Wärme von der Erde ver- schlvnnden sein wird, werden auch die Stürme wieder verschwinde». So ganz sicher ist nun eine kaum fühlbare Zu- nähme allerdings nicht, denn gerade die letzten Jahr- zehnte zeigen eine recht anfsallende Häufung von schweren Stürmen, in erster Linie der furchtbaren Tornados in Nordamerika. Doch auch in Europa zeigten sich in den letzten Jahren derartige, früher- hier sehr seltene Erscheinungen in recht auffälliger Anzahl. Die relative Seltenheit der Tornados oder Wettersäulen in Europa ist unzweifelhaft auf die gewaltige Gebirgsmauer zurückzuführen, welche von den Pyrenäen an, in östlicher Richtung fast lückenles bis in's ferne Ostasien sich erstreckt und eine direkte Berührung der heißen südlichen und kalten nördlichen Lüfte äußerst erschwert. In Nordamerika fehlt eine derartige ostwestliche Gebirgswand, dafür ist eine Nord-Siidkette im Westen vorhanden, ungehindert können sich die Extreme be- rühren, die heißen Lüfte des Südens stauen sich direkt an den Felsengebirgen, wodurch sie östlich abgelenkt werden; das Resultat sind die furchtbaren, zahlreichen Tornados der Vereinigten Staaten. Die Ursache aller derartiger Wirbelbewegungen der Luft ist nun ursprünglich der Druck senkrecht oder nahezu senkrecht auf einander stoßender Luft- ströme. Scheinbar, was sogar meistens der Fall ist, kann daher vorher absolute Windslille sein, in den Lnftmassen herrscht aber dennoch eine gewaltige Spannung, die oft eine Kleinigkeit auslösen kann. Oft genügt in solchen Fällen ein kleine?, durch irgend einen unwesentlichen Zufall hervorgerufenes Luftdrnckmiiiimnm. Die gespannte Luft bewegt sich sofort dorchüi, die gestauten Massen kommen in Bewegimg, gleiten an einander hin, und die bald sich ungeheuer verstärkende Wirbelbeivegung ist aus- gelöst. Nun tritt ein zweiter wesentlicher Faktor in Thätigkeit. � Innerhalb des Luftwirbels bildet sich nämlich naturgemäß ein nahezu luftleerer Raum, in den aus den höheren Regionen der Atmosphäre eis- kalte, stark verdünnte Luft herabsinkt. Diese wird ununterbrochen von dem Wirbel wieder fortgesogcn, aber stets durch Nachschub ergänzt; das Resultat sind gewaltige Wasserdainpfkondensationen, tief dunkle Wolken, die oft schwarze Nacht verbreiten, Wolken- bräche und elektrische Erscheinungen von außer- ordentlicher Stärke. Bei den größeren Wirbeln, den vorzugsweise in heißen Gegenden auftretenden Zyklonen und auch den Tornados der gemäßigten Zonen, welche iib:r größere Strecken eilen, spielt nun noch der Erd- Umschwung eine Rolle, da diese Stürme stets aus Gegenden mit schneller Rotationsbewegung in solche mit langsamer übertreten. Daraus ergicbt sich erstens bei Wirbelstürmen der nördlichen Erdhalbkugel eine Drehungsrichtiing der Luft des Wirbels von rechts nach links, also entgegengesetzt der Richtung, in welcher die Zeiger einer llhr rotiren, auf der süd- lichen Hemisphäre ist es gerade umgekehrt: dann aber auch findet die Ortsveränderung des gesaninitcn Sturmes auf der nördlichen Erdhälfte anfänglich in westlicher, dann nördlicher, schließlich nordöstlicher Richtung, auf der südlichen in westlicher, südlicher und endlich südöstlicher Richtung statt, die Tornados der Nordhcnnsphäre laufen mcislens von Südwest nach Nordost, die der südlichen Halbkugel von Nord- West nach Südost. Die kleinen Luftwirbel, welche mit dem Name» Wcttersäulen oder Tronibcn, die über dem Lande sich als sogenannte Windhosen, über dem Meere, über Seen und Flüssen als Wasserhosen sich e»t- wickeln, zeigen meistens derartige Regelmäßigkeiten hinsichtlich der Drehmigsrichtnng und Forlbewegutts nicht, was wohl darauf zurückzuführen ist, daß unwesentlichercn, örtlichen Zufälligkeiten ihre Eiw stehnng verdanken. Die große» Zyklone Westindiens entstehen dadurch, daß aeguatoriale Liiftströinungen in vom Pole her- kommende einbrechen, was dadurch bedingt wird, daß die über dem asiatischen und afrikanischen Kon- tinente aufgestiegene heiße Luft infolge der Erd- � rotation nach Westen abschließt, mit anderen Worte» gesagt, der schnell rotirenden Oberfläche nicht mit gleicher Geschwindigkeit zn folgen vermag. Dadurch versperrt sie aber dem oberen Passat seinen Rückweg nach den Wendekreisen und zwingt diesen, nach unten auszuweichen, woraus dann die Wirbelstürme als Ausgleichsprozeß hervorgehen. Während nun in dem horizontal über der Erde rotirenden Luftringe die Geschwindigkeit des Sturmes eine ungeheure ist, herrscht im Zentrum desselben völlige Windstille bei außerordentlich niedrigem Luft- druck. Hieraus resultirt die merkwürdige Erscheinung, daß an den Orten, die in der Bahnrichtung des Sturmes liegen, also in der Richtung, in welcher der Wirbel über der Erde weiter wandert, scheinbar zwei, durch die Windstille des Zentrums getrennte Orkane auftreten, die aber in entgegengesetzter Richtung wiithen. Wahrhaft entsetzlich ist nun die Gewalt dieser Luftwirbel, am schrecklichsten sind aber die Wirkungen der vorzugsweise nordanierikanischeu Tornados, das betroffene Gebiet ist bei diesen jedoch glücklicherweise incistens relativ gering, während die eigentliche» Zyklone über große Gebiete dahinbransen. lieber die Gewalt dieser Stürme wird vielfach geradez» Unglaubliches berichtet, auch zeigen dieselben oft räthselhafte Begleilerscheiniingen, die noch der Er- forschnng harren. Am 2. Angnst 1837 wurden von einem Zyklon auf Antigua Hänser geradezu umgedreht, das Untere nach oben gekehrt. Bei dem Hurrikan(englischer Name der Zyklone) von Guadeloupe(25. Juli 1825) durchschlug ein dünnes Brett von 1 Meter Länge einen 45 Zentimeter im Durchmesser haltenden Palnieu- stamm. Auf Mauritius ward im Jahre l8l8 ei» auf einem 400 Bieter hohen Berge stehendes Hans 254 Die Neue N?elt. Illustrirte Untechaltungsbeilaqe. nebst allen Bewohnern fortgeweht und in das eine Meile weit entfernte Meer geschlendert. Bei derartigen Stürmen steigt an den Küsten das Meer in kürzester Frist oft zu gewaltiger Höhe. So wurden bei einem Orkan auf den Fidschi-Jnseln im Jahre 1874 große Theile der Küstenregion so unerwartet hoch überfluthet, daß es vielen Ein- geborenen unmöglich war, die ganz nahen, kaum einen Kilometer entfernten, sicheren Höhen zu erreichen/ Am 1. Aovember 1867 wurden an der MUndmig des Brahmaputra in Indien verschiedene große flache Inseln in einer Stunde 25 Fuß hoch vom Meere überfluthet, wobei sämmtliche Bewohner der Inseln nm's Leben kamen. Bei dem gewaltigen Zyklon zu Kalkutta(5. Oktober 1864) ertranken auf den ebenfalls überflutheten Inseln des Gangesdeltas 48 000 Menschen. Groß sind natürlich bei solchen Stürmen auch die Verluste an Schiffen und Menschen auf der See und selbst in den Häfen. So wurden zir Porto Nico im Jahre 1837 33 Schiffe zerstört. Die Engländer verloren im vorigen Jahrhundert (1782) durch einen Zyklon, der weit in die ge- mäßigte Zone vordrang, eine ganze Flottille, drei große Kriegsschiffe und eine Anzahl erbeuteter fran- zösischer Schiffe, bei welcher Gelegenheit die gesammte Bemannung, über 3000 Seeleute, umkamen. Eine Beschreibung eines solchen Zyklons besitzen wir von einem Oberstlieutenant Reib zu Bridgetown über den Barbadoes-Orkan vom 10. August 1831, die ein recht packendes Bild der großartigen und schrecklichen Erscheinung bietet. Wir geben die Erzählung hier auszugsweise wieder. Am 10. August, Abends 7 Uhr, war der Himmel heiter und die Luft ruhig, etwas nach 9 Uhr aber setzte ein schwacher Wind ans Norden ein, der sich langsam verstärkte, jedoch von Windstille unter- krochen ward. Um 9Vs Uhr sah man in Nordost und Nordwest ferne Blitze, nach Mitternacht wurde das ununterbrochene Flammen der Blitze schrecklich und großartig und der Stnrm brauste wüthend aus Norden und Nordosten, gegen 1 Uhr Nachts artete der Sturm zum wllthenden, brüllenden Orkan aus und sprang gleichzeitig von Nordost nach Nordw»st. Die oberen Regionen der Atmosphäre waren jetzt von ununterbrochenen Blitzen erleuchtet, aber diese oberen Blitze wurden an Glanz weit übertroffen von zahllosen Strahlen elektrischen Feuers, die in tieferen Lagen nach allen Richtungen schössen. Etwas nach 2 Uhr ward das Heulen des Orkans so gewaltig, daß keine Sprache es zu beschreiben vermag. Um diese Zeit suchte der Oberstlieutenant Nickle, Befehlshaber des auf Barbadoes stehenden Regimentes, Schutz unter einem Fensterbogen des unteren Stockwerks seines Hauses nach der Straße hinaus; er hörte wegen des Sturmes nicht das Einstürzen des Daches und oberen Stockwerkes. Um 3 Uhr nahm der Wind ab und erstarb schließlich ganz. Windstille herrschte, auf wenige Minuten erloschen auch die Blitze und die tiefe Dunkelheit, welche nun plötzlich die Stadt einhüllte, machte einen grausigen Eindruck. Das Zentrum des Zyklons lag über der Insel. Jetzt aber fielen feurige Meteore vom Himmel, darunter ein dunkel- rother Kugelblitz, der allmälig blendend weiß ward und auf einem Platze der Stadt aufschlug und er- löschte. Die dunkeln Wolken hingen so tief, daß sie fast die Häuser berührten, die Dunstmasse sendete Flammen niederwärts, die schnell wieder aufwärts von der Erde zurückschlugen. Gleich darauf brach der Orkan mit größerer Wuth urplötzlich wieder los, dieses Mal aber von Westen, Tausende von Trümmern als Wurfgeschosse vor sich her treibend. Die festesten Gebäude erbebten in ihren Fundamenten und die Erde selbst erzitterte, schwache Erdstöße zeigten sich, als der Zerstörer über sie hinwegschritt. Der Donner war nicht mehr zu hören, denn das gräßliche Geheul des Windes, das Brausen des Ozeans, dessen mächtige Wellen die ganze weite Küste in hanshohe Schaummassen hüllten, das Ge- rassel der Ziegel, das Einstürzen der Dächer und Mauern und die Vereinigung von tausend anderen Tönen bildeten ein Entsetzen erregendes Getöse. Nach 5 Uhr ließ der Stnrm nach, und da hörte man von allen Richtungen das Fallen der Ziegel und Bausteine, die der Sturm hoch in die Luft fort- geführt hatte. Jetzt nahm der Stnrm mehr und mehr ab und änderte seine Richtung in Süd und Südost, um 9 Uhr war schönes Wetter. Der Regen stürzte während des Orkans mit solcher Gewalt herab, daß er die Haut verletzte, und die elektrische Spannung war so groß, daß im Garten von Coddrington- College aus einem Neger elektrische Funken hervorsprangen. Nach dem Sturme glich die Gegend einer Wüste, denn nirgends war eine Spur von Vegetation. Die zahlreichen Land- sitze in der Umgebung von Bridgetown, früher von Bäumen und dichtem Gebüsch beschattet, lagen nun frei und in Trümmern. Aus der Richtung der umgestürzten Kokospalmen war zu ersehen, daß die ersten durch einen Nordostwind, die größte Anzahl aber durch einen Nordwestwind entwurzelt worden waren. Genau dasselbe Gebiet ward im vorigen Jahre, am 11. September, von einem gleichen Orkane heim- gesucht, der auf Barbadoes 10 000 Hänser zerstörte und 50 000 Menschen obdachlos machte. Santa Lucia ward völlig verwüstet. Eine Niesenwelle über- flnthete die kleine Insel Choisenl bei St. Lucia (nicht zu verwechseln mit der großen Insel gleichen Namens östlich von Neu-Guinea) und wusch deren Hauptstadt fast weg. Merkwürdigerweise zeigten sich gleichzeitig, d. h. am 9. und 10. September, an welchen Tagen dieser Orkan im Ozean östlich von Barbadoes entstand, auf der nördlichen Hemisphäre großartige Nordlicht- erscheinungen und starke magnetische Störungen, welche u. A. stundenlang den telegraphischen Verkehr zwischen Skandinavien und Deutschland unmöglich machten. Höchstwahrscheinlich standen beide Er- scheinungen in irgend einem Zusammenhange. Auffällig sind die ersten Anzeichen eines ent- stehenden Zyklons. Diese erste Spur ist eine kleine tiefschwarze Wolke am Himniel, die unter dem Namen „Ochsenauge" allen Seefahrern der Tropen bekannte Erscheinung, welche in heftiger, wirbelnder Bewegung begriffen ist und, sich rapid vergrößernd, bald den ganzen Himmel überzieht. Zuweilen gelangen die Zyklone Westindiens, dann allerdings bedeutend abgeschwächt, auch bis zu uns und bedingen dann eine auffällige, plötzliche Temperaturerhöhung. Als z. B. am Weihnachts- abend 1821 ein Zyklon nach Europa gelangte, stieg das Thermometer am Siidabhange der Karischen Alpen plötzlich auf Z- 25° R., in Genf stieg es während der Nacht plötzlich um 5° R., ähnlich war es in Paris und Hamburg, aus welchen Orten dariibcr berichtet ward. Wenn, wie aus diesen Schilderungen sich ergiebt, die Gewalt derartiger Zyklone nun auch eine un- geheure ist, so wird sie aber dennoch erheblich iiber- troffen von jenen der vorzugsweise in Nordamerika wüthenden Tornados; glücklicherweise ist der Zer- ftörungskreis der letzteren erheblich kleiner als jener der westindischen Zyklone und der asiatischen Taifune, welch letzteren Stürme den westindischen Wirbeln ähneln. Erklärlich wird das, wenn man bedenkt, daß die fortschreitende Bewegung der Alles in Nacht hüllenden Tornadowolke bis 160 Kilometer in der Stunde beträgt und die Wirbelbewegung in dem auf der Erde schleifenden spitzen Trichtcrende(die Tornados haben stets die Gestalt eines Trichters von relativ kleinen Dimensionen, wogegen die Zyklone großen, auf der Erde rotirenden, horizontalen Scheiben gleichen) meistens zwischen 160 bis 230 Kilometer pro Stunde schwankt. Der bekannteste Tornado der neueren Zeit ist unzweifelhaft derjenige, welcher am 27. Mai 1896 die Stadt St. Louis im Staate Missouri heimsiichte; durch höchst merkwürdige Begleiterscheinungen zeichnete sich aber der Wirbelstnrm vom 18. April 1880 ans. Dieser letztere Sturm kam am Abend des 18. April ans dem südwestlichen Theile von Greene Connty (Missouri) und zog in nordöstlicher Richtung durch das Ouellengebiet des James River, lim sechs llhr Abends langte er bei dem Städtchen Marshfield an, von vielen Einwohnern schon aus der Ferne bemerkt. Der Trichter erschien inwendig schwarz, außen aber Heller, ausnahmsweise war der Sturm weder von Donner und Blitz noch von Regen begleitet, obgleich es in naher Entfernung rings herum regnete und hagelte, der Durchmesser der eigentlichen Tornado- wölke betrug kaum ein Viertel englische Meile. Desto größer war aber die Gewalt und desto grauen- voller waren die Verwüstungen. Am 21. April begrub man in Rlarshfield 71 Getödte e und 25 lagen noch ini Sterben, das Schicksal einer Reihe von Personen kannte man nicht, denn sie waren vom Sturin wie Spreu fortgeführt. Nach dem Sturme standen von Marshfield, einem Städtchen von 2000 Ein- wohnern, nur noch 12 Häuser und diese lagen außer- halb der Sturmbahn. Das Merkwürdigste aber, wodurch sich dieser Orkan auszeichnete, worüber der Meteorologe Pro- fessor John H. Tice aus Sl. Louis, welcher a» Ort und Stelle sofort Alles untersuchte, berichtete, ist, daß allenthalben dem Gange des Orkans entlang sich Spuren befinden, welche beweisen, daß ein mäch- tiger Wasserstrahl hinter der Trombe her floß,-l» einigen Stellen fanden sich nur schwache Zeiche» eines solchen Wasserstrahles, an anderen Punkte» aber war der Schutt iiber mehrere Fuß hohe Hemm- nisse hinweggefiihrt. Dieser Wasserstrom floß mehr- fach in größtem Maße bergaufwärts, Wurzel»»»? Grasbüschel zeigten durch ihre Lage vielfach, daß der Strom bergauf lief und daß die Gewässer, was höchst bedeutungsvoll ist, von allen Punkten der Windrose nach dem Punkte strömten, wo der Orkan zur Zeit raste. Ein unmittelbarer Beobachter ans St. Louis, der mit dem Leben davonkam, weil er sich mit seiner Familie einige Nieter von dem Punkte entfernt de- fand, an welchem die Wolke voriiberbrauste, sah- daß eine 15 Fuß hohe schwarze Wasserwoge hinter dein Berührungspunkte der Trombe sammt dem Erd- boden daherrollte. In einem Augenblick rollte!>* auch hoch iiber die betreffende Familie hinweg, erwies sich kalt und durchnäßte natürlich Alle bis ans die Haut. Woher kam diese unerklärliche Woge? Wr- muthlich bestand sie ans Kondensationswasser der Luft, erzeugt durch die innerhalb des Trichters herab- sinkende eisige Luft der höheren Regionen, dem sich ans der llnigebnng durch den Wirbel herangesogenes Wasser der Oberfläche zugesellte. Abweichend von diesem Tornado von 1880 zeigte sich der Wirbelsturm von St. Louis am 27. Mai 1396. lieber diesen wird berichtet, daß drei gesonderte Stürme aufeinander zu folgen schienen, der eine kam von Nordwest, der zweite von West, der dritte aus Südwesten, bei der Erreichung des Mississippi aber sich zu einem großen Wirbel zusammenschlössen. Um 4 Uhr Nachmittags häuften sich am westliche» Horizont Wolken mit gekräuselten gelben Rändern- Dann erhob sich ein leichter Wind, und plötzlich trat Finsternis; ein, diese ward immer tiefer, und als der Sturm über die Stadt hereinbrach, herrschte nahez» Nacht. Aus den tintenschwarzen Wolken schösse» nun trichterförniige Bildungen erdabivärts. Einige dieser Gebilde erreichten den Erdboden nicht, sondern blieben hoch in der Luft, andere aber schleiften»ut ihren unteren Enden über die Erde, sich dabei drehend und windend wie verwundete Ungeheuer. Blißc spielten um sie hernni. Aus den Wolken kam jrßt ein schauerlich krachendes Geräusch, welches das Rollen des Donners weit an Stärke übertraf. West- lich der Stadt vereinigten sich dann die Trichter- wölken und brausten iiber dieselbe hinweg, Alles, was ihnen im Wege stand, über den Haufen werfend- Dreißig Minuten nach dem ersten Erscheinen w» westlichen Himmel war die Zerstörung vollendet. Auch in unseren Gegenden zeigen sich vereinzelt ähnliche Erscheinungen, ja in den letzten Jahre» häuften sie sich auch bei uns, wie erwähnt, in fast bennrnhigender Weise. Im Allgemeinen entwickelte» sie jedoch hier nicht die gigantische Gewalt wie im Norden Amerikas. Ab und zu jedoch tritt auch bec uns einmal ein richtiger Tornado auf, so z. W ü» vorigen Herbst am Rhein, oder im Jahre 1830 über der Stadt Hannover, bei welcher Gelegenheit das große Dorf Bnchholz in wenigen Minuten nieder- geweht wurde und in der Sturmbahn kein BaNl», auch nicht der stärkste, stehen blieb.— 255 Der Kerr Werrvaller. H lFortsetzun�.) � ottfried Gabelniann ließ sich lachend auf einen Stuhl fallen.„Herrgott noch nei', wie Ihr -j£9 engherzig seid! Was kann Euch denn dran biegen, wenn ich Euch mit einem Vorschuß unter die Arme greifen will?! Ihr solltet froh sein, daß Ihr ®"ch so die Sorge vom Hals schaffen könnt. Uebrigens ift's ja auch garnicht geschenkt; ich schenke prinzipiell "ichts. Hier, Frau, habt Ihr noch ein paar Groschen. �eht hin und holt ein Viaß Bier. Nach dem vielen �eden giebt's Durst." „Gleich, Herr Verwalter, gleich. Ich will nur ftffch eine saubere Schürze vorbinden," sprudelte die Alte hervor.„Nein, aber so'ne Gutherzigkeit. Gott sank's Euch, Herr Verwalter!... Da sind wir ja ll»f einmal alle unsere Sorgen los." !- Lena griff ihr nach dein Arm.„Bleib Ainttcr; ich Hab' jüngere Füße. Das Bier kann ich auch holen." „Wenn Deine Mutter gehen will, laß sie doch," klef Herr Gabelniann und scharrte ungeduldig mit den Füßen. |„Jawohl, das Bier hole ich!" versetzte die Alte. »Ich laß mir dies in meiner Freude nicht nehmen. Unterhalt' den Herrn gut, bis ich wiederkomme." «n Blick des Verständnisses wurde zwischen ihr und dem Verwalter gewechselt. Das Mädchen bemerkte es nicht. Als die Holländern die Thür hinter sich in die blinke gezogen hatte, fing Lena an, den Tisch ab- iurämnen. Weshalb sie abränme, fragte Herr Gabelmann. sie denn schon zu Nacht gegessen hätten? Eigentlich noch nicht, erwiderte das Mädchen, "der sie habe keinen Hunger mehr. Weshalb denn? Das wisse sie nicht, war die Antwort. „Ich will hoffen, daß Du Dich durch meine Anwesenheit nicht genirt fühlst?" Bewahre, vor ihm genire sie sich nicht, sagte das Mädchen. „Ist auch nicht nothwendig, vor mir brauchst Du Dich ganz und garnicht zu geniren," versetzt, den Ton auf das letzte Wortchen legend, Herr Gabelmann fliitig und rückte etwas unruhig auf seinem Stuhl hu> und her. Es entstand eine kleine Pause. Das Mädchen befand sich in einer eigenthümlichen Verlegenheit, der Verwalter war sichtlich erregt. Da bemerkte er eine kleine Wunde an des Mädchens rechtem Handgelenk. Er griff nach der Hand. „Was hast Du denn da gemacht, Lene?" iragte er. Sie ließ ihm die Hand und schaute vor sich nieder.„Ich Hab' mich ein bische» verbrannt." „Ach Tu liebes Patscherl," girrte Herr Gabel- 'Nanu und strich zärtlich über ihre arbeitsfeste, jedoch iieine, wohlgeformtc Hand.„Komm, setz' Dich ein �euig zu mir, Lene, ich Hab' Dir etwas zu sagen." „Ich höre auch, wenn ich stehe," flüsterte das Mädchen. Der Verwalter zog sie nieder ans seinen Schoos niid legte seinen Arm um ihre Taille. Auch das iieß sie geschehen.„Aber, Mädchen, Du wirst Dich doch nicht fürchten vor mir," sagte er. „Ich weiß nicht... Was wollt Ihr denn eigentlich?" „Ein bischen gut sein." Seine Stimme schien überschnappen zu ivollen und seine Linke zitterte, «ls er das Kinn des Mä'dchens in die Höhe hob. Lene versuchte, sich ans seiner Umarmung zu befreie». „Laßt mich los," rief sie,„wenn meine Mutter käme." „Wir hören ja die Hausthür knarren." „Wenn Jemand durch'/ Fenster hereinguckt!" „Die Läden sind ja geschlossen!" „Aber ich will nicht!" Sie wehrte sich heftiger, er aber schlang desto kester seine Arme um sie. Erzählung von K. H. Diefenbach. „Ich schreie um Hülfe, wenn Ihr mich nicht gleich los laßt." „Du hättest Dich nicht zu mir setzen sollen, dummes Ding. Los lasse ich Dich nimmer," keuchte der Verwalter. „Um Gottcswillen, was wollt' Ihr denn von mir," flehte sie ängstlich. Sie wehrte sich nicht mehr. „Wie alt bist Du denn? Mädchen, so dumm kannst Du nicht mehr sein. Es wär' ja rein zum Lachen! Ich Hab' Dich einmal gern, ich mag Dich leiden. Und Du niußt mein werden!... Oder bin ich Dir zuwider?" Er war ein stattlicher Mann, der Herr Gottlieb Gabelmann, daran war nun einmal nicht zu zweifeln. Das Mädchen, das einen raschen Blick an ihm niedergleiten ließ, bemerkte erst jetzt, daß er eigentlich ein recht hübscher Mann sei. Da fiel ihr Anton ein. So stattlich war der nicht, aber sie hat ihm Treue versprochen; sie wollen sich heirathen. Wann? Ja, Tu lieber Gott, da können noch ein paar Tröpfchen Wasser zuvor den Rhein hinunterfließen! Das Heirathen kostet Geld und oft genug hatte ihr die Btntter in den letzten Wochen vorgepredigt, was Alles von Nöthen sei, wenn sich Zwei zusammenthun wollten, und mache man auch nur die aller- bescheidensten Ansprüche. Gewiß in die Hunderte belief sich die Summe. Gegenwärtig hatte sie keinen Pfennig, und Anton— der hatte eben fünfzig Mark auf der Sparkasse liegen. Fünfzig Mark! Was ist damit zu machen. Es kann noch lange währen, bis ans der Heirath'was wird, Jahre lang. Treu bleiben kann sie Anton so lang— aber!... Dies Alles wirbelte ihr in einer Sekunde im Kopf herum. Es schien, als habe der Verwalter in ihren Gedanken gelesen, denn plötzlich sagte er:„Was ist dabei, Du kannst Deinem Anton doch gut sein. Und wer weiß, wenn Du besonders lieb bist, kann ich vielleicht etwas für Euch thnn, damit Ihr recht bald zusammen kommen könnt. Sonst werdet Ihr doch alt und grau, ehe Ihr das Nothdürftigste zusammen habt. Und so mit Nichts heirathen, Lene, das ist eine gefährliche Sache!" Das Mädchen schwieg. Anton doch gut sein! Das Wort war ihr in's Herz gefahren. Anton doch gut sein und dem da— zu Willen. Sie zuckte zusammen. Nein, nein,'s wär' eine Schande, so was! „Darüber branchst Du Dir keine Gedanken zu machen. Das passirt bei reichen und feinen Leuten. Liebes Kind"— die Stimme des Verivalters nahm einen väterlichen Ton an—„so was passirt täglich und Niemand läßt sich ein graues Haar darum wachsen. Der Anton— ja, lvas der nicht weiß, macht ihn nicht heiß." Seine Worte singen an Eindruck ans das Mädchen zu machen,'s ist richtig, dachte Lene. Anton brauchte nichts davon zu wissen. Reiche und feine Leute machen's auch so. Anton hat's zuerst selbst gedacht, und in der Zeitung stehen oft so Geschichten. „Na also, Lene," versetzte der Verwalter, der wohl sah, was in dem Mädchen vorging.„Sei nicht so einfältig. Ich verspreche Dir— in einem halben Jahre sollst Du Deinen Anton haben." Er ließ sie los. Das Mädchen athmete schwer und stand auf. „Wo nur die Mutter bleiben mag," sagte sie und strich sich iiber die Augen. „Die lvird jedenfalls bei einer Nachbarin stehen und schwatzen," entgegnete Herr Gabelmann. Er erhob sich ebenfalls und ergriff ihre Hand. „Nun, Lene?" Sie sah ihn einen Moment starr an. „Wir sind doch so arm!" seufzte sie.— IH. Anton, der bei einem Bauern Unterkunft ge- fundcn hatte, hatte eine halbe Stunde zuvor seinen Arbeilskiltel mit einem sauberen Rock vertauscht, sich eine Pfeife angezündet und war auf die Dorfstraße hinaus getreten. Es war stockfinster, so, daß man kein: Hand vor den Augen sah. In Dingskirchen gab's keine Straßenlaternen, wer Abends ans der Straße Licht haben wollte, der nahm sich eine Stall- laterne mit. Der Wind rauschte in den Zweigen einiger alten Nußbäume, die in einem Garten standen und ihre mächtigen Kronen halb iiber die Gasse hingen. Ein paar Regentropfen sielen nieder,„'s giebt morgen Regen," murmelte Anton. Er fühlte in die Tasche. Er war das in letzter Zeit so ge- wöhnt geworden, sich stets vorm Ausgehen zu über- zeugen, ob auch das Taschenmesser mit feststehender Klinge vorhanden sei. Warum, wußte er eigentlich selbst nicht genau. Er hatte eine Ahnung, als ob die Gelegenheit, davon Gebrauch machen zu müssen, sich einmal bald einstellen werde. So oft er an sein Messer dachte, dachte er auch an den Verwalter. Er hatte ihn in letzter Zeit öfter in das Holländer- Häuschen schlüpfen sehen, zwar meistens zu einer Zeit, in der Lene abwesend war, wie er ganz genau wußte, aber verdächtig war ihm das doch. In stillem Beobachten hatte er einen großen Groll gegen ihn in sich angesammelt, einen Groll, der ihn manchmal zu ersticken drohte. Lene-behauptete zwar immer, sie spreche mit dem Verwalter nicht mehr, als sie unbedingt müsse, aber dennoch, das Mißtrauen war einmal da und ließ sich nicht so ohne Weiteres von der Hand weisen. Weswegen besucht der Mann die Holländern so oft? Er ließ dort waschen und flicken. Ja, aber das ist doch immer noch kein Anlaß, jeden zweiten Tag mindestens dort einen Besuch zu machen. Er kannte den Mann zu genau, um ihm nicht unreine Absichten unterzuschieben. Und Lene schien ihm auch seit einigen Wochen nur mit halbem Ohr zuzuhören, wenn er sein ständiges Kapitel über Herrn Gottfried Gabelniann abhaspelte. Ja, einmal hatte sie sogar gesagt:„Du übertreibst, Anton, so schlimm ist der Verwalter nicht." Das gab seinem Mißtrauen neue Nahrung. Von ferne hörte man ein paar Mädchen und Burschen singen. Sie saßen in einer Spinnstube. Anton ging auch manchmal hin, Lene ebenfalls. So machte er sich denn auch jetzt dorthin auf den Weg. Er schlich zum Fenster des betreffenden Hauses und lugte in die Stube. Von Lene war nichts zu sehen. Sie mußte noch zu Hause sein. Eben schlug's acht Uhr vom Kirchthurm. „Acht, und die Lene noch nicht da? Dann kommt sie heut' Abend überhaupt nicht," philosophirte der Bursche und lenkte seine Schritte nach dem Holländerhäuschen. Es sing sachte an zu regnen. Er legte das Ohr an's Fenster; wie leises Flüstern nur drang jetzt eine Stimme an sein Ohr, die Stimme des Verwalters. Dann war's ein Weilchen füll. Jetzt— was ist das? das ist Lene. Zum Kukuk, was haben dieZwei miteinander? Er lauschte, ob er nicht auch die Alte würde reden hören. Statt dieser aber hob der Verwalter wieder an. Dem Burschen stieg das Blut zu Kopf. Er untersuchte die Läden, ob er nicht eine Ritze entdecken könne, die einen Einblick in die Stube gewährte. Da fiel ihm ein heller Punkt in's Auge. Ein Knorren war aus einem Brett gesprungen. Er stellte sich ans die Fußspitzen, aber er konnte mit dcni Auge nicht an die Oeffnung langen. Er sah sich um. Eine Pflugschleife stand auf der anderen Straßenseitc. Er tnig sie herbei und jetzt konnte er in die Stube sehen. Steif wie ein Holz stand er und schaute und seine Augen funkelten.-- Wie lange Anton da gestanden hatte— er wußte es nicht. Als er wieder zur Besinnung kam, sah er noch, wie der Verwalter an der Thür stand und Lene die Hand reichte.„Also, Schatz, bewahre Dein Geheimniß. Zu Ostern nächstes Jahr sollst Du Deinen Anton haben, ich verspreche es Dir," hörte er noch den Verwalter sagen, dann legte der- selbe die Hand auf die Klinke und trat auf den Hausflur hinaus. 25G Die Aeue Welt. Zllustrirte Unterhaltungsbeilage. Ein leiser Wilthschrei entrang sich der Kehle des Betrogenen. Seine Hand fuhr blitzschnell in die Tasche.... „Zinn Satan, was ist das," schrie der Ver- Walter heiser, als er ans die Straße trat. Eine kräft'ge Hand hatte ihn am Hemdkragen gepackt, und eine rauhe Stimme brüllte:„Jetzt ist's aus mit Dir, Du Himmelhnnd." Herr Gottfried Gabelmann übersah die Situation init einem Blick. Er fing mit den: linken Arm den Stoß des Messers ans und langte, als Mensch, der sich nicht so leicht überrumpeln läßt, sein eigenes Dolchmesser ans der Tasche. Ehe sein wüthender Angreifer seinen Stoß wiederholen konnte, hatte er ihm die Klinge seines Messers zwischen das dicke Schulterblatt gestoßen und demselben zugleich einen heftigen Schlenker gegeben, sodaß der Bursche stöhnend rücklings in den Straßenschmutz sank und dort be- sinnnngslos liegen blieb. Jetzt schlug der Verwalter Lärm, und in zehn Minuten wußte es das ganze Dorf:„Der lange Anton hat einen Raubanfall ans den Herrn Ver- Walter gemacht, aber erfolglos, denn der Herr hat ihn mit einem Messerstich abgewehrt. Der lange Anton liegt schwer oerwnndet im Rathhaus; er wird seine Schandthat mit dem Leben bezahlen müssen. Ter Herr Verwalter hat einen Stich in den Arm bekommen' und muß nun wohl auch ein paar Wochen den Arm in der Binde tragen. Nein, wie aber nur so was möglich sein kann!" Es gab aber auch Viele, die gewünscht hätten, daß dem Knecht sein Vorhaben besser geglückt wäre. Diese behielten ihre Meinung jedoch für sich. Lene hatte den Vorfall auf der Straße nicht bemerkt; erst auf das Geschrei des Verwalters war sie heransgestürzt und heulend hatte sie sich über Anton geworfen. Man mußte sie von ihm reißen und mit Gewalt in's Hans bringen. Mit keinem Wort verrieth sie sich— die Einzige, die außer den beiden Verwundeten um den Grund zu dieser blutigen Szene wußten, war die alte Holländern. Auch sie heulte ihr Theilchen und schlug sich gegen die Brust über den unglücklichen, verlorenen Schwiegersohn. Sie verfluchte ihn vor allen Menschen laut und hoffte im Geheimen, daß er die Geschichte mit dem Leben bezahlen möge. Lene heulte eine ganze Nacht. Am anderen Morgen war sie ruhig, und als am dritten Tage Anton sang- und klanglos in's Grab gescharrt wurde, da brachte sie es gar über sich, als tiefbetrübte Braut hinter dem Sarge herzuschreiten. Herr Gottfried Gabelmann kehrte auch in der Folge öfters in dem Holländerhänschen ein. Da bekam aber eines Abends die alte Holländern, die ein paar Wochen nach oben geschildertem Vorfall anfing, merkwürdig einsilbig zu werden, den wunder- lichen Einfall, sich vor ihren Gast zu stellen und ihm eine absonderliche Standrede zu halten. Mit ein- töniger Stimme quälte sie langsani Wort für Wort heraus und schlürfte dann zurück auf ihren Platz hinter dein Ofen, woher sie gekommen. Lene hielt die Schürze vor die Augen und schluchzte, Herr Gottfried Gabelmann aber setzte seinen Hut auf und wünschte Gute Nacht. Das war das letzte Mal, daß er den Fuß in dieses Haus gesetzt hatte.— cs�tus folgt.) IeuitLelon. Am Schilfe.* Jir kommt es vor lnsmeifen Aort an dem Sckikf. Ats Hört' icH's teis sich tkeilen Jlnd Cifpckn: Hilf! Ick Kann es nickt verstehen, Hk es mich täuscht, Die Winde drnker gehen, Ier Weiher kreischt. Wollt' nie mir Winsen schneiden ZUs Kind am Heich, Als mühte mas erleiden Den Hodesstreich. Ks mar als mie ein Hrinsen Wnd ein Genick Der langen schmarzen Winsen— Ich floh zurück. Wnd doch fand ich mich gerne Wnd mieder ein, Als könnte mas nicht ferne Werkorgen fein. Als müßt' ich noch erfassen Was es mir mollt', Als ok ich's nicht verlassen Im Leide sollt'........ ® � r Marti» Mi-cit. Villa am Meer. Arnold Böcklin ist von der „historischen Landschaft" ansgegangen, und er ist ihr Vollender geworden. Die historischen Landschafter fühlten sich auf deutschem Boden nicht heimisch, die Motive, die sie da fanden, hatten für sie nicht die Größe, nach der sie strebten. Ans klassischem Boden, in den strengen, scharf gezeichneten Linien des griechischen und röniischen Berglandes, fanden sie ihr Ideal; bei den Bildern dieser Stätten schivebten in ihrer Phantasie die Erinnerungen längst entschtvundener glanzvoller Zeiten mit, deren stumme Zeugen sie gewesen waren, und diese gaben ihnen größere Fülle, historischen Hintergrund. So koniponirten sie die Landschaften, in denen auf die große Linie der Hauptton gelegt wurde; sie suchten ihre Bedeutung zu steigern, indem sie gewaltige Lufteffekte hiueinmalten. Stellte Einer die Ebene von Marathon dar, so stand drohend eine mächtige Gewitterwolke am Himmel, ein Blitz zuckte hernieder, und, scheu geworden, raste ein reiterloses Pferd über die Ebene. Szenen aus der Sagenwelt oder Ge- schichte der Alten dienten allen diesen Bildern als Staffage. Aber diese Landschaften wurden unserem Empfinden nicht zum Leben erweckt, sie waren todt, man fühlte, daß sie gestellt waren, und sie wirkten als große Dekorationen, wie die Coulissen auf der Bühne. Sie waren übertrieben Aus„fflcfammelte SOerle". Leipzig, S. F. Amelang.— und grob in ihren Effekten; trotz des Aufivandes äußer- licher Mittel war ihnen innerer Gehalt versagt. Böcklin hat auch der historischen Landschaft Sinn und Form ge- geben. Er ziekt in seinen Bildern freilich gemeinhin nicht auf ein bestimmtes historisches Ereigniß, er giebt Stimmungen, ivie die Geschichte, wie Denkmäler ferner Zeilen sie in uns erwecken. Eine Villa am Meer. Auf gewaltigen Felsblöcken, die weit in die See vorspringen, ist sie erbaut, von Bännien ist sie umschlossen, hohe Ehpressen flankiren die Stirnseite und fangen die von der See her fahrenden Stürme ab. Ans den dichten Kronen leuchten die strengen Linien der sänlengetragenen Marmorhalle, die Mauern des Hauses bauen sich zu einem breiten niedrigen Thurm auf. Giebelfiguren krönen den geradlinigen Bau, in Kaskaden springt das Wasser über die Stufen der Felsen herab, die marmornen Rosse des Meergottes tummeln sich in den Sprudeln. Aber es geht zu Ende mit dieser stolzen Pracht. Das Gemäuer ist zerklüftet und in den Rissen wuchert das Unkraut... Die schwere, bange Stimmung verfallender Pracht lebt in jedem Zuge des Bildes. Von draußen tönt das hohle Brausen des an die Felsen brandenden Meeres, letzte Ausläufer der Wellen fahren rauschend herein an den geschützten niedrigen Strand. Eine dunkle Wetterwand steht am Horizont, scharf fährt schon der Wind von der See her, daß die Bäume sich biegen unter seinem Wehen. Aufgeregt schießen die Möven über das Wasser hin. Eine hohe Frau ans dem Schloß, ganz in ein schwarzes Tranergetvand gehüllt, ist über die zerfallenden Steintreppen hinab an den Strand geschritten und lehnt nun, in tiefem Sinnen, an dem Fels. In ihrer Seele findet die bange Stimmung ihren Widerhall in dem dumpfen Ton der Brandung, dem gleichförmigen Rauschen der Wellen, in dem Heulen des heranziehenden Sturmes.— Menschensüße zum Greifen. Man lacht und witzelt über die garstig verunstalteten Klumpfüße der Chinesinnen; man begreift nicht, tvarnnr sie noch immer von solcher Gewochnheit sich nicht frei machen. Wohlgefällig betrachtet man dann den eigenen Fuß iin eleganten Stiefel: Ja, so muß der Fuß und seine Bekleidung sich machen, so zeigen beide auch unsere Modebilder! Ist solche Red.rei irgendwie begründet? Die Schneiderin schwatzt viel von „schöner" Taille, Modebilder zeigen Wespentaillen, Schnür- leider beengen die Brust, erschweren das Athmen, legen den Grund zu mancherlei Krankheiten. Es ist Mode, und die ist allgeivaltig. Ter Schuhmacher verfügt ähnlich über unseren Fuß. Von Jugend auf zwängen wir uns in seine Marterwerkzeuge der Mode ivegen hinein, ertragen die schmerzenden Hühner- und Kronenangen, dicke Ballen, verkrüppelte Zehen, eingewachsene Nägel imd andere Knltnrerzenanisse der Blöde. Wir bettachten in einer Gemäld.'gallerie Bilder ans früheren Jahrhunderten. Die verschiedensten Fußbekleidungen haben andere Grund- formen, sind aber der Gestalt des Fußes an Skeletten in anatomischen und zoologischen Museen völlig angemessen gebildet. Kinder und Erwachsene, die bei uns im Sommer barfuß gehen, besitzen noch annähernd solche Fnßformen, wie jene Naturvölker, die stets barfuß gehen, und was diese mit ihren Füßen und Zehen leisten können, davon mögen die nachstehenden Zeilen erzählen. In Ostafrika, das früher wenig von europäischen Reisenden besucht wurde, nannte man diese„Leute mit Eselsfüßen" wegen der hohen Stiefel. Als wir vor einem Jahrzehnt verschiedene Familien der Somali mit Kindern wochenlang in unseren Zoologischen Gärten p' ihrem Thun und Treiben beobachten konnten, sahen wir, daß deren Beine eine etwas andere Stellung als d>r unsrigen haben, daß ihre Zehen garnicht verkrüppelt fi"6 und daß sie mit den Füßen Mancherlei verrichten, nwzu wir ups nur der Hände bedienen können. Ter Sch»>ie° saß stundenlang unter einem Bretterdache zusammen- gekauert und hielt das Eisen, welches der Hammer 3'1 Speerspitzen verarbeitete, mit der vorderen Sohle und den beiden größten Zehen fest. Jede Zehe ist bei diese» Leuten ein selbstständig bewegliches Glied, das hänpß zum Ersatz der Finger dient, lim kleine Gegenstände vom Boden aufzuheben, bückt sich der Somali nicht, sondern ergreift sie niit der großen und zweiten Zehe und bringt sie in rascher Bewegung bis zu den Hände». Tie Negermatrosen auf den Fahrzeugen des Rothe» Meeres sind in kürzester Zeit oben auf dem Mastba»»» weil sie mit den Händen ein Tan fassen, mit der erste» und zweiten Zehe ein benachbartes zweites und so schnell hinaufklettern wie die Affen. Kommen die Hottentotte» mit Weißen zusammen, so tragen sie ihre Sandalen>»" den Händen, weil sie dann besser und unbeachtet mit de» Füßen stehlen können. Aehnlich wie diese verfahren die Siidsee-Jnsulaner, wenn sie des Tausches halber eure- päische Schiffe besuchen. Nägel und andere kleine Gege»- stände auf dem Deck ergreifen sie niit dem Fuße, reiche» sie schnell dem Nachbar, arbeiten also mit dem Fuße>?' tvie bei uns die„Langfinger". In Amerika heben d» Indianer Pukatans Geldstücke mit den Füßen auf, schleuder» sogar Steine mit ihnen weit weg. Auf Sumatra bediel» man sich beim Ballspiel auch der Zehen; die Muskel» der Zehen der Javanen sind so entwickelt, wie bei»»- die Finger, es macht für sie keinen Unterschied, ob w etwas mit den Fingern oder Zehen festhalten. Bei de» Anamiten ist es durchaus nichts Ungewöhnliches, zu sel?e»- wie der Steuermann mit dem Fuße das Steuer regier', um inzwischen mit den Händen eine Zigarre zu ivickeb» Auch bei manchen Kulturvölkern Asiens, die nicht in e»!b Schuhe die Füße zwängen, sondern barfuß gehen, finde» wir eine ähnliche Verwendung der Füße und Zehen w- höchst brauchbare Greiforgane. Bewundernswerth ist be> allen Handwerker» in Beirut die Geschicklichkeit, mit der sie sich der Zehen zum Halten des Arbeitsstückes ober des Werkzeuges bedienen. Die Holzschnitzer in TaniaSkU- halten das Brett mit den Zehen fest, und noch geschickter sind die Holzbildhauer in Simla.,> In Europa, das jetzt in Stiefeln und Sporen klirr', bringen nur besonders begabte„Fußkünstler" nach langer, unausgesetzter Uebung das endlich zu Stande, w»� andersivo durchaus nichts Ungewöhnliches ist. Ter armlos geborene Ledgewood, der auch nur einen F>»' besaß, vermochte mit ihm allerlei Greifknnststücke a»iS' zuführen. Er schrieb, zeichnete, fädelte eine Nadel e'»- rasirte sich sogar. In Arnstadt sah ich eine Frau»» den Füßen Strümpfe stricken. Ter französische Male» Ducörnet hielt mit dem linken Fuß die Palette und führ» den Pinsel mit dein rechten.— L. K- Alle für die Nedaktion der„Neuen Welt� bestimmten Seudnugen sind nach Berlin, SW I9' Beuthstrabe 2, zu richten. 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