WiMommen und Abschied. schlug mein Herz: geschwind zu Pferde! Ls war gethan, fast eh' gedacht. �er Abend wiegte schon die£rde, �d an den Bergen hing die Nacht; Schern stand im Nebelkleid die-Eiche ausgethürmter Riese da, Do Kinsterniß aus dem Testräuche Dit hundert schwarzen Augen sah. Der LNond von einem Wolkenhugel Zah kläglich aus dem Duft hervor; Die Winde schwangen leise Klügel, Umsausten schauerlich mein Khr; Die Nacht schuf tausend Ungeheuer, Doch frisch und fröhlich war mein LTtuth; In meinen Adern welches Heuer! In meinem Herzen welche Eluth! Dich sah ich, und die milde Freude Floß von dem süßen Blick auf mich; Sanz war mein Herz an Deiner Seite Und jeder Athemzug für Dich. Tin rosafarbnes Frühlingswetter Umgab das liebliche Eesicht, Und Zärtlichkeit für mich— Ihr Eotter! Ich hofft' es, ich verdient' es nicht! Doch ach, schon mit der LNorgensonne verengt der Abschied mir das Herz: In Deinen Rüssen, welche Wonne! In Deinem Auge, welcher-Schmerz! Ich ging. Du standst und sahst zur Trden Und sahst mir nach mit nassem Blick; Und doch— welch Elück, geliebt zu werden! Und lieben, Eötter, welch' ein Elück! Ksethe. füllest wieder Busch und Thal � Still mit Nebelglanz, Läsest endlich auch einmal LTTeine Seele ganz; Breitest über mein Eefild Lindernd Deinen Blick, Wie des Freundes Auge mild Ueber mein Eeschick. Icden Nachklang fühlt mein Herz Froh- und trüber Zeit, Wandle zwischen Freud' und Schmerz In der Einsamkeit. M�nd frische Nahrung, neues Blut � Saug' ich aus freier Welt; Wie ist Natur so hold und gut, Die mich am Busen hält! Die Welle wieget unfern Rahn Im Rudertakt hinauf, Und Berge, wolkig himmelan, Begegnen unserm Lauf. An den Mond. Fließe, fließe, lieber Fluß! Nimmer werd' ich froh! So verrauschte Scherz und Ruß Und die Treue so. Ich besaß es doch einmal, Was so köstlich ist! Daß man doch zu seiner LZual Nimmer es vergißt! Rausche, Fluß, das Thal entlang, Ghne Rast und Ruh, Rausche, flüstre meinem Sang Lttelodien zu, Auf dem See. Aug', mein Aug', was sinkst Du nieder? Eoldne Träume, kommt Ihr wieder? Weg, Du Traum! so gold du bist! Hier auch Lieb' und Leben ist. Wenn Du in der Winternacht Wüthend überschwillst, Gder um die Frühlingspracht Iunger Rnospen quillst. Selig, wer sich vor der Welt Vhne Haß verschließt, Einen Freund am Busen hält Und mit dem genießt, Was von Menschen nicht gewußt, Gder nicht bedacht, Durch das Labyrinth der Brust Wandelt in der Nacht. HoetHe. Auf der Welle blinken Tausend schwebende Sterne; Weiche Nebel trinken Rings die thürmende Ferne; Morgenwind umflügelt Die beschattete Bucht, Und im See bespiegelt Sich die reifende Frucht. Koethe. 266 Me Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Jakob. 4� Fortsetzung> Noman von Alexander L. Kiellaud. Autorisirte Uebersetznng aus dem Norwegischen von Leo Bloch. Krügcr's Haus gab es wieder stille Zeiten. Für Julie war jener Ball noch weit wehr ein (£)o2) Wendepunkt geworden als fiir Törres. Ihre Freundin, ivelche sie in das freie Leben und die muthigen Ansichten, die nur halb für sie paßten, hineingeführt hatte— die war fort, und dafür kam Jolla Blum mit der vollen Tasche; die ganze Stadt erhob ihre Stacheln gegen sie und ihren Vater. Und Tante Sophie sah, wie Julie bleicher und spitzer im Gesicht wurde, die ärmlichsten Kleider heraussuchte, um die Freundinnen ihrer Mutter zu besuchen— zur Erbauung oder zum Thee. „Du siechst dahin— ja, das thust Du, Julie!" „Ich versichere Dir, Tante, ich bin nicht krank." „Doch bist Du krank, und ich weiß, was Dir fehlt," sagte Tante mit großer Sicherheit. Julie wich aus, denn sie wußte, wo das hinaus sollte. Aber Tante Sophie war nicht zart; das nächste Bial sagte sie:„Kannst Du ihn garnicht vergessen?" „Wen?" fragte Julie bebend. „Ach, daß Du Dich vor mir verstellen willst! Du verleugnetest ihn in der Stunde der Roth," sagte Tante Sophie mit Wärme. Julie wandte sich ab; dasselbe sagte auch Jolla Blum, und gerade hiermit kämpfte sie so oft, wenn sie allein war. „Aber Alles kann noch gut werden," meinte die Tante;„man könnte sich wieder treffen und er- klären—" „Niemals— Taute!" „Oder Du könntest ihn wissen lassen—" „Bist Du toll, Tante? Niemals!"— Julie flüchtete auf ihr Zinimer. „Ja, entweder Du selbst oder ein Anderer," sagte Tante Sophie für sich; ihre Lebenserfahrung ging in der Richtung, daß Liebe und Jugend zu- sammen gehören, und sie konnte nicht vertragen, daß zwei junge Leute herumgingen und sich das Leben sauer machten, nur weil der Eine nicht zuerst ein gutes Wort geben wollte. Und Gustav Krüger selbst hatte seine gute Laune verloren; er ging schwerfällig die Treppe auf und nieder zwischen Geschäft und Wohnung, und er hatte nicht einmal Lust zu größerer Geselligkeit, als zu einer Partie Schach und einem Glase Toddy mit dem Oberlehrer. Aber selbst diese Abende hatten ihren Charakter verloren; Krüger hörte ohne Interesse von den Fort- schritten, welche der Oberlehrer mit seinem Buche machte; und erwähnte dieser die Suppenkiiche fiir die Volksschule, so lenkte Krüger ab und machte sich iiber sein Glas. Bis endlich eines Abends, als es ziemlich spät geworden war und sie nach Beendigung ihrer Partie noch bei einem guten, warmen Glase zusammen saßen, der Oberlehrer einen Ansatz nahm und gerade her- aus sagte: „Nein! Jetzt mußt Du mir erzählen, was los ist, Krüger! Es giebt etwas, was Dich bedrückt— jawohl!— Du sprichst nie mehr von Deinem Plan, von dem Fonds." „Dem Fonds?" fragte Krüger und lächelte nn- klar, so daß der Oberlehrer sogar einen Augenblick glaubte, der Grog wäre heute Abend zu stark ge- wesen. Aber Krüger stand auf und ging im Zimmer herum, als ob er nach Jemandem hinter den Möbeln suchte, horchte an der Thür und sah hinaus in den dunklen Raum hinter der Gardine; dem Oberlehrer wurde es immer ungemüthlicher. „Ja, denn Du kannst nie wissen, wo er ist," sagte Krüger;„er kann an den unglaublichsten Stellen versteckt sein." „Wer? Wen meinst Du?" fragte der Oberlehrer. „Er— der Bauernjunge— der Vampyr!" rief Krüger, ganz verstört im Gesicht. „Ach, Quatsch!" sagte der Andere und lachte; „Du bist ja ganz besessen von dem Menschen." „Ja, das bin ich, geradezu besessen. Sieh', wie weit er mich schon getrieben hat! Hier zu Hause, in dieser nämlichen Stube, hat er uns einen Skandal aufgeführt, den Julie nie verwindet—" „Du übertreibst, Krüger!" den sie nie verwindet. Von Frau Knudsen hat er mich geschieden, unsere alte, gute Freundschaft zerstört; er hat uns in diese Konkurrenz hinein ge- zwungen, die uns Beide vernichtet; er zwang mich, Jessen zu nehmen, um mich zu schützen, und jetzt nahm er mir Jessen wieder fort, um uns um so schneller zur Schlachtbank zu führen—" „Aber Du wirst ja toll, Krüger! Dieser eine Mensch—" Krüger aber fuhr in starker Bewegung fort: „Und der Fonds, von dem Du sprachst— er ist fort, fort bis zum letzten Schilling; ich habe an allen Kanten Alles zusammenkratzen müssen, um das Geschäft zu halten, und dennoch geht es bergab, mit reißender Hast; wenn er eines Tages Frau Knudsen dazu bekommt, mir das Endossement zu verweigern, so bin ich am gleichen Tage rninirt!" „Aber Gott bewahre! Ist das wahr?" rief der Oberlehrer, welcher nun ernsthaft wurde. „Und ich," fuhr Krüger fort, indem er sich schwer- fällig in seinen Stuhl setzte und die Arme vorn auf den Tisch legte,„ich, der ich mir einbildete, ich würde das Geschäft hochbringen, zu Reichthum fiir Julie und zur Hülfe fiir Viele! Jetzt bekommt sie vielleicht Recht— meine Frau, wenn sie in Bitter- keit prophezeite, ich würde Alles verderben!— sie bekommt Recht!— sie und die Anderen, die ganze Stadt bekommt Recht über mich!" Er sank im Stuhle zusammen, und der Ober- lehrer blieb sitzen— stumm, und vergaß seine Zigarre. Es wurde so ganz still in dem alten Haus, kein Laut von der Straße, kein Laut in der Stube bis auf Krüger, welcher ab und zu einen schweren Seufzer that, der dahinstarb unter der hohen Decke, von wo alle Eugelsköpfe mit verwunderten Augen auf ihn herabstierten.--— Inzwischen war die Stadt lebhaft beschäftigt mit Anton Jessen und seinem flotten Geschäft. Es war ein Laden, desgleichen man noch nicht gesehen hatte, eher ein großer Salon mit anstoßenden Kabinetten, wo die junge Frau und drei junge Damen die Kunden bedienten, während Herr Jessen auf und ab ging und seine Rathschläge und Weisungen ertheilte. Sie gaben ein zierliches Paar ab und paßten füreinander. Er war dunkel und immer noch groß genug, um neben seiner kleinen hellblonden Frag Figur zu machen, während ihre feine Figur in schwarz- seidenem Kleide sich von dem Ladenlichte und den kostbaren Stoffen mit den lebhaften Farben abhob. Ihr Gesicht bekam etwas Farbe, und in ihrem Blick lag, wenn sie ihn hob, etwas wie verhaltene Zärt- lichkeit. Sie hatte sich schon eine gewisse Art augeeignet, ihn zu pflegen und darauf zu achten, daß er sich nicht einmal überanstrengte, denn das vertrug er nicht. Schon am Tage nach der Hochzeit hatte die alte Frau Jessen eine gute Meinung von ihrer Schwiegertochter bekommen, als sie sie vollständig angezogen in der Wohnung fand, während der arme Anton, der an große Gesellschaft nicht gewöhnt war, mit Kopfschmerzen bei Hafersuppe im Bett lag. Er war glücklich iiber ihre ruhige Zärtlichkeit, und sie war ihm dankbar, weil er sie nicht mit Fragen quälte. Sie fand ihre alte Jugendschwärmerei für ihn wieder, etwa wie einen niedlichen Puppenmann; — der Andere war die Sünde, düster und unwider- stehlich. Es war Törres gewesen, der das Haus in Gang gebracht und auf dem Fuße eingerichtet hatte, wie er wollte. Herr Jessen hatte gedacht, sich zwischen seinem Geschäft und seinem Talent, welches er jetzt mit einiger Sicherheit in der Literatur gefunden hatte, zu theilen. Seine Idee war nun: indem er seiner Frau laut Gedichte vorlas— von den guten, berühmten Gedichten—, wollte er selbst seinen Geschmack und sein Ohr ausbilden und so das Talent herauslocken, das bedauerlicherweise so lange ungepflegt in ihm gelegen hatte. Aber ehe er es merkte, war sein kleines Heim ein Sammelpunkt für Jugend und Frohsinn, wo nian sich ganz gewiß amüsirte, aber wo kein Platz gelassen wurde für die Literatur, kein Boden für das Talent. Er beklagte sich bei seiner Frau, und ein paar Tage darauf sagte Törres Wall zufälligerweise: „Du, Jessen, mir scheint es sonderbar von Dir, wo Du doch so viele höhere Interessen hast, daß Dir solche Gesellschaften geniigen können, wo man nur albert und ißt." „Wer sagt, daß ich befriedigt bin?" antwortete Herr Jessen bitter und fuhr sich über die Stirn. „Aber, mein Lieber, Du hast es doch in der Hand, den Ton anzugeben. Du mußt doch auf etwas verfallen können, was uns Andere heben kann." „Anton liest so nett vor— ," sagte seine Frau, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen. „Er liest vor?— Was liest er?" ftagte Törres überrascht. „Besonders Gedichte." „Ach, was mußt Du damit kommen!" rief Jessen verdrießlich. Aber Törres gab keine Ruhe, bis er Jessen dazu bekam, etwas zur Probe vorzulesen; und noch an demselben Abend mußte er den ganzen„Terje Wigen"* vor einem bewundernden Kreis aufsagew Und von der Zeit verwandte Jessen alle freie Zeü darauf, ein abwechselungsreiches Repertoire zu be« kommen; und wenn Jemand eine gesellige Zusammen- kunft bei ihm selbst oder außer dem Hause vor- schlug, war er sofort bereit. Seine Mutter war entzückt von seinem Talente. So verging das Frühjahr in Freude und Sonnen- schein; aber so sicher wie Monat auf Monat folgte, ebenso prompt kehrten ans den Tag die Wechsel zurück, um eingelöst oder erneuert zu werden, oder sich auf verschiedene Art zu verwandeln oder � verpuppen. Aber Herrn Jessen fehlte es nie an einem Aus- weg. Der erste Zulauf zu dem neuen Geschäft Habs nicht blos seine Bücher gefüllt, sondern ihm auw eine Kasse verschafft, welche sowohl den kostspielig� Haushalt bestreiten, als auch den ersten Stoß Wechch aushalten konnte. Er richtete sich auch mit f1' schmack ein, ohne zum Herbst und zur Wintersaiw» zu sparen. Das ging sechs Monate, und es ging jW1' Monate, und es ging noch drei, aber etwas be- schwerlich. Die Geschäftsreisenden bekamen länger� Gesichter, aber dabei kleinere Köpfe. Aber es gu° so viele davon, man konnte ständig bekommen, wa» man wollte, und der Kredit wurde zäher, je stär'� man ihn anzog. Bis plötzlich eines Tages Ban'° Präsident Christensen sich die Nase rieb und w Bankdirektion für den kommenden Sonnabend Raa>' mittag zu einer Sitzung bei geschlossenen Thüreu zusammenrief. XV., Am Tage vorher— also Freitag— war Törre- Wall früh aus dem Geschäft heimgegangen. i Knudsen hatte ihn eingeladen, bei ihr mit Predig� Opstad zusammen zu Abend zu essen. Er Halle Besinnen dankend angenommen und war banalf 1,0 Hause gegangen. Er saß mit vielen Papier« vor sich und fe1" Hände bebten, wenn er«twa« anrührte. Und a es an der äußer« Thür pochte, fuhr er zusamwe und wurde bleich. Aber während er aufmachen ging, hellte er st' Geficht vor dem Spiegel wieder aus und sagte sog" halblaut zu sich selbst:„Ich dachte gleich, daß keine sieben Jahre dauem würde." * Ein sehr umfangreiches Gedicht von Zbsekl. D\z Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 267 Der, welcher kam, war Anton Jessen— blaß und verstört. Er warf sich in's Sopha und brach aus:„Jetzt komme ich nicht weiter durch!" Törres sah auf, ohne Verwuiwerung, ohne Frage, so ganz kalt sah er den Anderen an. „Ich hatte sicher auf Dich gerechnet", sagte Jessen und schlug die Augen nieder. Törres zuckte die Achseln und nahm wieder seine Papiere vor. In Anton Jessen kämpften wider- streitende Gefühle. Ihm schien es, daß der Andere verpflichtet wäre, ihm zu helfen— er konnte nicht sagen, weshalb? Er wußte, daß er weder Pfand noch Sicherheit mehr zu bieten hatte, aber es kam chm doch vor, daß er einige Unterlage für die Hülfe bot; indessen er konnte nicht sagen, was es war; es sammelte sich Altes und Neues von Groll und schwerverhaltener Raserei, während er unverwandt auf diesen großen, soliden Burschen stierte, wie er bei der Lampe mit all den verdammten Papieren vor sich saß. „Willst Du uns nicht helfen?" fuhr er plötzlich auf. „Ja— hinterher—" antwortete Törres ganz ruhig. _„Hinterher— Hinterher!— ja Dank sollst Du baben!" murmelte Jessen und ging nervös in der Stube auf und nieder; er dachte an Ruin und Schande und an seine kleine Frau, die wußte, wo kr war und was es galt, und nun bebend und kartend zu Hause saß. »Es giebt welche, für die es schlimmer ist als suv Dich, Jessen," fing Törres an;„da ist nun Zuerst das Garantiedokument." „Das Du erreicht hast; Du bist da gedeckt ge- nug, sollte ich glauben." „Ich hoffe es," antwortete Törres;„obgleich bas Keiner wissen kann, wenn- die Bankrotte erst anfangen." „Giebt es mehr?" fragte Jessen gespannt. „Ich weiß nicht, ob wir— ob Frau Knudsen Uch durchhelfen kann." „Aber Lieber! das ist ja eine Kleinigkeit." „Ja, ein bischen hier und ein bischen da! Wenn bie Banken erst durch einen Bankrott geschreckt werden, ba weiß man schon; dazu kommen alle Wechsel von Brandt, auf denen wir stehen." „Gustav Krüger auch!" rief Jessen in einem Tone, der fast entzückt klang. „Ich kann nichts wissen," sagte Törres und blätterte ernsthaft in seinen Papieren;„aber es 'ommt mir vor—" Inzwischen hörte Anton Jessen nicht auf ihn, sondern dachte an andere Dinge. Sein Fall nahm | Uch ganz anders aus, wenn er in Gesellschaft so Koßer und guter Häuser sich ereignete; seine ge- �ugeu Ziffern würden von den große» verschlungen bürden, und im Schatten der allgemeinen Bestürzung Aber Hänser wie den„alten Brandt" und Cornelius Knudsen würde er seinen kleinen Bankrott durch- fuhren können und vielleicht glimpflich aus all' dem buiaus kommen. „Aber das ist ja eine ganze Reihe— sagte er. „Es ist eine Krise," antwortete Törres im Tone "ks Baukpräsidenten. „Eine Krise, ja!— das ist es wirklich," rief TsUton Jessen fast vergnügt und eilte sofort mit Mom kostbaren Worte, das fast besser war als !>ulfe, nach Hause zu seiner kleinen Frau. [„ Törres saß noch eine Weile, bis er zu Frau . Knudsen ging; und als er schon den Ueberzieher an- Wte, mußte er noch zurück zum Büffet nach einem jfrpßeu Glas Cognac. In dem ganzen langen Plan, bkssen Erfüllung jetzt vor der Thür stand, gab es "Ur� einen dunklen Punkt. Auf alles Andere freute � stch geradezu; nur Frau Knudsen—! f Wenn er so weit dachte, pflegte er die Zukunft Ach so vorzustellen, daß er, wenn Alles nach seinem Kopfe geordnet wäre, zu Frau Knudsen hingehen AAd in der einen oder anderen Art etwas für sie hu» würde. Dachte er sie zu Heirathen, so war unmöglich, wenn sie Bankrott gemacht hatte; And dachte er ihr Geld zu geben, so war das noch kniger möglich, denn das würde nur Argwohn And Klatschereien verursachen. Aber er dachte trotz- VNl immer, daß er etwas für sie thun würde. Während er sich ihrem Hause näherte, saß Prediger Opstad schon da und sprach lebhast mit der jungen Wittwe. Und als Törres eintrat und sie zusammen sah, fiel es ihm ein, ob es wohl an der Zeit gewesen, diese Zwei znsamnien zu führen. Jetzt war es zu spät; dafür kannte er seinen Freund zu gut. „Und es geht weiter gut mit Herrn Jessen?" fragte der Geistliche, das Gespräch fortsetzend. „Ich glaube es sicher," antwortete Frau Knudsen; „jedenfalls hoffe ich es." „Aber er ist doch ein Konkurrent?" „Wir sind alle Konkurrenten und gute Freunde, nicht wahr, Herr Wall? Wir helfen dem kleinen Jessen, so gut wie möglich-mit uns zu konkurriren." Törres antwortete:„Man soll Keinem über seine Kräfte helfen,— selbst wenn es ein Konkurrent ist." „Nein! da können Sie Recht haben," sagte Frau Knudsen lachend, während sie in das Eßzimmer voran ging; sie hatten nur ans Törres gewartet. Er schwankte eine Zeit lang zwischen vielen Stimmungen. Sollte er versuchen, in Gegenwart eines Zeugen so zu thun, als ob er der Vorsichtige wäre, der immer gewarnt hatte? Aber das wäre ja lächerlich, so spät. Morgen würden Anton Jessen's Wechsel protestirt werden, und Montag würde der Bankrott öffentlich sein. So schlug er in Lussigkeit um und brachte sie dazu, daß sie den ganzen Abend lachten und sich aniiisirten. Aber mit ungewöhnlich beklommenem Herzen kroch er in's Bett; und es war ihm unmöglich, das Bild von der ersten Nacht in Frau Knudsen's Haus los zu werden, wie er die ersten zehn Oere versteckte, die er genomnien hatte.--— Die eigentliche fungirende und besoldete Direktion in Christensen's Bank bestand zur Zeit ans drei Herren. Zuerst aus Christcnsen selbst als Präsident, dann aus Konsul With, dem' gute Freunde zu diesem Platze verholfen hatten, als er das Vermögen seiner Frau bei Karsten Lövdahl's großen: Bankrott ver- loren hatte; und vor Kurzem hatte Törres Wall sich vom mehrjährigen Ersatzmann zum wirklichen Direktor aufgeschwungen. In der kurzen Zeit, welche er dabei gewesen war, war der Präsident in seinem Urtheil über die Tüchtigkeit der jungen Kraft in kleinen Geschäften noch bestärkt worden; aber wenn es zu größeren und wichtigeren Angelegenheiten kam, hielt er es nicht für schwieriger, Törres Wall zu beugen, als Konsul With, der ihm den Posten verdankte und ein gebrochener Mann war. Er ließ darum seine beiden Kollegen eine Weile im Direktionszimmer sitzen, ehe er mit einem Packet Wechseln zwischen den Fingern eintrat. „Wie die Herren vielleicht wissen, sieht es so aus, als ob die Firma Anton Jessen in diesen Tagen gewisse Schwierigkeiten hat." „Man hat wohl heute ihre Wechsel protestirt?" fragte Törres. „Nein, ich habe das gewiß nicht; es waren nur kleine Beträge— da sind sie;— ich habe die ganze Zeit auf Jessen's Kassenboten gewartet." „Inzwischen ist die Sonne untergegangen," sagte Konsul With und sah auf seine Uhr. Der Bankpräsident lächelte innerlich über den arnicn Konsul, der es nie lassen konnte, sich wichtig zu thun. „Ich lehne die Verantwortung dafür ab, daß diese Wechsel bis Montag liegen bleiben," sagte TörreS Wall. Der Präsident erhob seine Nase, als ob er die Luft prüfte. „Das stimmt nicht mit den Traditionen dieser Bank, gegen alte Kunden hastig oder übereilt vor- zugehen. Wenn man ein bischen Zeit giebt, einen billigen—" Törres Wall unterbrach ihn, während er in seine eigenen Aufzeichnungen hineinsah. „Außer den Banken giebt es nur zwei hiesige Firmen, welche mit Anton Jessen in Verbindung stehen." „Brandt und E. Knudsen", sagte Konsul With. Der Bankpräsident sah ihn an, nahm darauf seine Lorgnette, um die Aufzeichnungen, die Wall ihm zuschob, zu untersuchen. „Um so mehr Grund wird eine Bank niit unseren Traditionen haben, Mäßigung zu zeigen, wenn— wie es scheint— größere Schwierigkeiten zu erwarten stehen." Die anderen Beiden schwiegen; jetzt war man bei der Sache. Es war nämlich bekannt, daß Christensen auch ein kleines Tiskontogeschäft auf eigene Hand trieb, daß inzwischen immer, wenn etwas schlecht ging, ans Rechnung der Bank erschien; jedenfalls war der Verlust immer, ehe es zu spät war, durch den einen oder den anderen Nachtrag in die Bücher der Bank hinübergekommcn. Bei den drei bedrohten Firmen hatte er nicht so wenig zu verlieren; er hatte schon längst gedacht, stch zu retten; aber bis dahin hatte er immer gemeint, es wäre noch Zeit genug. „Natürlich", sagte er überlegen,„habe ich diese Verhältnisse längst gekannt; aber ich glaube,— wie ich geglaubt habe,— daß man vor Allem sehen muß, Zeit zu gewinnen— nicht zu hart aufzutreten,— versuchen, in Glimpflichkeit abzuwickeln—" Zu seinem großen Erstaunen brach Törres in ein kurzes, rauhes Lachen aus und sagte: „Ich verlange, daß die fälligen Wechsel spätestens Montag protestirt werden!" Christensen richtete sich auf; es war Zeit, die junge Kraft ein bischen zu ducken. „Das ist jedenfalls eine Direktionsfrage— auf die übliche Art zu lösen. Wie stellen Sie sich, Herr Konsnl With?" Der Bankpräsident sah ihn nicht einmal an, so sicher war er der Antwort. „Ich muß mich vollständig dem Votum von Herrn Wall anschließen," sagte Konsul With mit nnsichcrcr Stimme. Der Bankpräsident machte einen Satz im Stuhle. Er wußte nicht, daß Konsul With, dessen Einnahmen für den alten Kavalier ganz ungenügend waren, schon längst in Törres Wall's Klauen war, der hier zum ersten Male seine Macht über ihn ge- braucht hatte. Und vom Konsul sah Christensen auf die neue Kraft, welche er selbst groß gezogen hatte. Und er fühlte, daß sein ganzer Aplonib, der ganze Bourgeoiston, der ganze große Elephanten- apparat vollständig verloren und wirkungslos war gegen diese Bauernsicherheit, die auf ihr Geld pochte, ohne einen anderen Gedanken im Kopfe. Er begann zu reden, indem er die unglücklichen Verhältnisse beklagte, die Stadt beklagte und die einzelnen Personen. Aber Törres, der den langen Rückzug nicht anhören wollte, wandte sich an Konsul With, der das Protokoll führte: „Also wird mein Vorschlag angenommen?" „Eilisttmmig," sagte der Präsident mit seinem tiefen Brustton.(ForiNtzung sorgt.) Goethe. Von L. Schön Hoff. or 150 Jahren, am 28. August, wurde Goethe, das sinnlichste Genie der Deutschen, zu Frankfurt am Bkain geboren. Der Begriff „sinnlichstes Genie" ist hier in der Bedeutung ge- braucht, daß sich der ungemein erregbaren Ein- bildungskraft Gocthe's Welt, Natur, Leben in reicher Fülle zu sinnfälligen, deutlichen Vorstellungen wan- delten. Für Alles, wodurch dies Genie berührt ward, fand es ein Gleichniß aus der Welt sinn- licher Anschauung, und da Goethe in einem langen, bedeutungsschweren Dasein so viel zu durchdringen hatte, so wird Jeder, der über sein Verhältniß zu Goethe Rechenschaft ablegt, zugleich viel von sich selber bekennen, der Humane, wie der Unduldsame, der Radikale, wie der Konservative, der Welt-, wie der Pfahlbürger. So entfernt ist nnS Gocthe's Person heute und doch so nahe und eindringlich sein Wirken, daß wir seine, allgemeine Größe ohne Parteileidenschaftlichkeit ermessen und begreifen können. Man braucht nicht mit Phrasen vom„Olympier Goethe" herum zn 268 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. werfen, wie sie die deutschen Jubiläumsmeyer in diesen Tagen unsinnig oft anwenden werden. Man kann die Erscheinung Goethe sehr real mit all' ihren Menschlichkeiten ohne vergötternde Vorstellung fassen. Aber man kann an ihr nicht in brutalem Phlegma vorübergehen, will man selber als moderner Mensch empfunden werden; und wer heute im keifenden Eifer den jungen Goethe anbläfft, weil er ihm in dem und jenem Sdick mißrathen zu sein scheint, der wird wohl selbst lächerlich. Er beweist eben, daß er eine so geschlossene Persönlichkeit, wie die Goethe's, nicht nach ihren Gesetzen begreifen kann oder will. Will man den Goethe haben, wie er geworden ist, den großen Tröster, den menschlich-warmen Mahner und dem kein anderes gleichkommt, dafür halten diese Buben sich berechtigt, seine moralische Person vor ihren Richterstuhl zu ziehen. Daher rühren zum Beispiel die weitläufigen, in unzähligen Büchern und Journalen geführten Untersuchungen des Lebens Goethe's von der moralischen Seite, w'e etwa, ob er nicht dieses oder jenes Mädel, mit dem er als Jüngling eine Liebelei gehabt, hätte heirathcn sollen und müssen, ob er nicht hätte ein„Mann des Volks", ein„deutscher Patriot", würdig eines Parlaments- sitzes in der Paulskirche usw., sein sollen. Durch solchen schreienden Undank beweisen jene unberufenen Richter, daß sie moralisch elrnsolche Lumpen sind, wie intellektuell— womit viel gesagt ist." verfassen können, mit so bitteren Erfahrungen über zersetzende Einflüsse in der bürgerlichen Ordnung? Wie hätte sonst Goethe, der werdende Mann, den Plan zur Tragödie des maßlos irrenden, weil maß- los strebenden Menschen fassen sollen, und wie wäre Goethe, der Greis,_ am Ende zu deni wehmüthig ergreifenden Bckenntniß gekommen, daß er selbst an allen seinen Schöpfungen keine Freude mehr genieße, es sei denn an dem Idyll von„Hermann und Dorothea"? Wer eine solche Generalbeichte am Schluß einer Goethe'schen Laufbahn ablegt, der hat ganz gewiß auch sein irdisches Schmerzenstheil ver- wunden. Man muß nur nicht einseitig oder eigen- willig sich an irgend einen Theil von Goethe's Lebens- IfcÄU nn!l 5i£0Elt. Nach einem Gemälde von Max Liebermann in der Pinakothek zu München. wissenden Begleiter in Roth und Fülle, im Weh und in Lust, den intensiv sinnenden Künstler, so kann man billig nicht von ihm verlangen, daß er etwa ein Frömmler von rechts oder ein Agitator von links sei. Agitiren heißt extensiv, nach der Weite hin arbeiten, künstlerisch schaffen in Goethe's Sinn heißt zutiefst sich sammeln. Die Entrüstung des Philosophen Schopenhauer iiber die Goetheschnüffler ist darum leicht zu ver- stehen. Es trifft heute noch auf eine ganze Klasse von Leuten zu, die nicht gelernt haben, eine bedeu- tende Person aus ihren äußeren und inneren Be- dingungen heraus zu verstehen. Schopenhauer meint in Bezug auf die Klasse, die einen großen Geist nach ihren kleinen persönlichen Bedürfnissen modeln möchten:„Dafür, daß ein großer Geist ihnen die Schätze seines Innersten eröffnet und durch die äußerste Anstrengung seiner Kräfte Werke hervor- gebracht hat, welche nicht nur ihnen, sondern auch ihren Nachkommen bis in die zehnte Generation zur Erhebung und Erleichterung gereichen, dafür also, daß er der Menschheit ein Geschenk gemacht hat, Um diese Worte richtig einzuschätzen, braucht man sich mir an unsere Dunkelmänner und die Goethe-Dcbatte im Reichstag, ivie an gewisse Taschen- kalender zu erinnern, in denen dem Alkoholiker Goethe sein Hang zu Wein und Kirschwasser vorgeworfen wird. Anders steht es um die Stimmen, die den lebenden Goethe, der noch nicht in geschichtliche Betrachtung gerückt war, so leidenschaftlich verfolgten. Da begreift man die vorschnelle Ungerechtigkeit besser, besonders bei erhitzten Kampfnaturen, die selbst ihre starken Verdienste hatten. Man kann auch diese Stimmen, selbst die eines Lessing darunter, geschichtlich ob- jektiver abwägen. Es ivird oft von der Goethe'schen„Harmonie" im Leben und Schaffen gesprochen. Tausende haben das Schlagwort gehört. Tausende auf den Schulen haben es ihren Lehrern geglaubt und nacherzählt. Und doch ist es kaum in äußerlichen Umrissen richtig. Goethe's Leben wie sein Schaffen verlief durchaus nicht in glattem Ebenmaß. Er hatte seine auf- geregten Katastrophen. Wie hätte sonst der Jiing- ling Goethe eine Komödie wie die„BUtschnldigen" werk klammern wollen. Denn in seiner erstaunlichen Mannigfaltigkeit offenbart es die stürmisch radikalste» Gedanken, die in deutscher Sprache gedacht worden sind; und er reicht hinab bis zu friedlich biirgerlichee Enge. Man schlägt ein Blatt auf und ein wahr- Haft weltbürgerlicher kühner Hauch umweht nns! und dann und wann stößt man wieder auf ein Blatt, das Genie verweilt in behaglichen Niederungen, und gelegentlich sogar verspürt man die Nähe eines Klein- bürgers. Aber dies umfassende, glanzvolle Leben läßt sich nicht in Stücke reißen. Es giebt doch überall bei allen Unruhen und Katastrophen, bei allen jähen Uebergängen und Ueberraschungen einen einheit- lichen Organismus; und keinen deutschen Dichter giebt es, vielleicht auch keinen von den hochgenialen aller Völker, dessen Schaffen in so inniger Treue mit seinen Erlebnissen verbunden wäre. Jede Erfahrung wird Goethe» zum Gedicht. Daher die Bezeichnung Goethe's als eines„Gelegenheitsdichters" im enn- nenten Sinn; oder was auf eins herauskommt, eines wahrhaften Dichters, der nur besingt, was ihm die eigengewonnene Lebenserfahrung heißt. Spielereien Die Heue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 269 »nd höfischer Klingklang bilden die wenig erheblichen Ausnahmen. „Es ist der Charakter der Deutschen, dafi sie über Allein schwer werden und daß Alles über ihnen Leute mit radikaler Geberde haben vor dem deutschen Philister Herrn v. Goethe granlich machen wollein Andere haben herumgerochen, ob nicht giftige Dünste aus Goethe für das Boll abzuwehren seien; und darin kein Organ hat, wer den Sturm im„Götz" oder die durchsichtige Tiefe in den letzten Theilen des„Faust" nicht begreift, dem fehlt der Sinn für künstlerische Macht und Lebendigkeit. Die Form, NäNV- x;- O> X, O x N WMK x| HtzW & 1? X «5 C ,; XsX Äni Wol'�gcrng von Hoet�e. Nach dem Gemälde von D. May aus dein Jahre 1779. Nach einer im Tolta'schen Verlag tn Slultgart erschienenen Pholographie. chwer wird." Das ist ein Ausspruch Goethe's. � giebt den Schlüssel zu Manchem, lvas erklärt, dariim es mit Goethe und dem Volk nicht so ist, oie es heute sein könnte. Wir dürfen uns nicht «lügen und dreist behaupten: Goethe sei Geiucingiit er' Nation. Wir brauchen auch deii� Pessimisten on der anderen Seite nicht zu folgen, die behaupte», Üoethe werde immer nur einer kleinen Gcmeiiide hochstehender angehören. Plan hat Goethe's Lebens- Zerk nach deutscher Art pedantisch schwer genommen. eine dritte Gruppe predigte:„Nichts für den Pöbel! Laßt doch Goethe den Auserwählten." So sehr alle diese Gruppen eine Mauer um den„schweren" Goethe zu ziehen beflissen waren, ist er dennoch in Geist und Blut der Nation gesickert. Man muß den hellen Goethe'schen Geist nur nicht verdunkeln; und das Blüthenreiche, was aus diesem Geist ge- sprochen, führt doch zum Volksinstinkt, zur Volks- secle zurück. Wer für die Sinnlichkeit Goethe'scher Lyrik, für den Wohllaut und das Volksliedmächsige nicht der Inhalt ist ihm fremd oder„zu schwer". Ich weiß wohl, daß ein llngelehrter die schlotternden Lemuren z. B. ans der antiken Mythologie nicht kennen wird. Wenn aber die Lemuren dem er- blindeten greisen Faust das Grab schaufeln, und wenn der ahnungslose Faust sich am Spatengeklirr ergötzt und meint, es werde für ihn gefrohnt; wenn dann die Lemuren den Sang anstimmen: „Wie jung ich war und lebt' und liebt', Mich deucht, das war wohl süße; Die Neue Welt. Illustnrte Unterhalwngsbeilage. 270 Wo's fröhlich klang und lustig ging, Da rührten sich meine Füße. Nun hat das tückische Alter mich Mit seiner Krücke getroffen, Ich stolpert' über Grabesthür— Warum stand sie just offen?" ich glaube nicht, daß dann irgendwer die tragische Melancholie dieser Stelle wird verkennen mögen; und sie findet sich im übel berufenen ziveiten Theil des Faust. Darum sollte man nicht ablassen, zu sprechen: Nehmt es nicht zu schwer. Goethe hat uns das edelste Erbe hinterlassen. Jeder von uns muß es erwerben, um es zu besitzen. Die irren und reden die Wahrheit nicht, die Euch von Goethe schrecken wollen. Die eifernden Laien so gut, wie die Pfaffen, die an Goethe ihren Sonder-Leckerbissen und ihr heimliches Ergötzen haben wollen. Wieviel allein an Zitaten aus Goethe ist in den deutschen Sprach- schätz aufgenommen und wieviel aus seiner Gedanken- werkstätte ist wie unbewußt in unser Aller Ideen eingegangen. Noch lange ist Goethe's Kulturmission nicht beendet. Noch wirkt Goethe lebendig in unserer Mitte. Nicht den vereinzelten, verfeinerten Gemeinden, in seiner Höhenkunst gerade hat er der Gesammtheit gelebt. Wir können seinen Beistand nicht entbehren, wo es Menschliches zu erkenne» giebt. Es hat eine romantische Periode gegeben, in der Goethe, der„Olympier",.zum Universalgenie aus- gerufen wurde. Das war wiederum eine verklärende Phrase. Nichts mehr. Ein Universalgenie wäre heutzutage ein Unding. Eher könnte man sich einen Mann vorstellen, der auf allen erkenntuißtheoretischen und künstlerischen Gebieten dilettirt. Es haben sich denn auch keine„Wunder" in Goethe's Leben vollzogen. Er war ein lebhaft regsamer Knabe, aber kein Wunderkind; und um die Jahrhundertswende etwa, also nach dem 50. Lebens- jähre, ließ seine künstlerische Potenz, seine sinnenfrohe Anschaulichkeit, seine gestaltungskräftige Sprache nach, wie bei anderen schaffenden Menschenkindern auch. In der alten Krönungsstadt Frankfurt gab es Manches, woran die Fähigkeit, zu beobachten und künstlerisch zu schauen, sich üben konnte. Wie fest diese ersten Jugendeindrücke hafteten, das hat der alternde Goethe in den ersten Theilen seines Buches: „Wahrheit und Dichtung" in edler, klarer Prosa dargestellt. Die zartesten künstlerischen Eindrücke des Kindes, die Krönung Josef's II., die Frankfurter Franzosenzeit mit dem kunstlicbenden Königslieutenant Thorane aus der Provence, das Alles und mancher eigene Wildfangstreich dazu ist lebhaft genug ge- schildert. Allgemein bekannt sind die Charakterbilder des rauhen, ziemlich pedantischen Vaters und der frohsinnigen, menschlich warmen, trefflichen Mutter, der„Frau Aja". Der junge Wolfgang ist kein stolzer Patrizierssohn zu nennen. Die Faniilie Goethe war erst zu Ende des 17. Jahrhunderts in Frankfurt eingewandert und des Dichters Großvater war ein ein- facherSchneidermeister, der erst durch dieHeirath mit einer begüterten Gastwirths-Wittwe zu Wohlstand gelangte. Als junger Jurist kam Johann Wolfgang auf Wunsch des Vaters nach Leipzig. Dort entstanden seine ersten Komödienspiele; unter ihnen„Die Mit- schuldigen". Nicht ihres poetischen Werthes wegen ist diese Komödie hier erwähnt. Sie ist in ihrer Art merkwürdig für die gesammte künstlerische Ideen- weit des heranwachsenden Goethe. Was in ihm später zu köstlicher Frucht gedieh, es waltet schon hier, wie ein nothwendiges Gesetz. Man nannte und nennt die Komödie in literargeschichtlichcn Werken „unerquicklich", zumal, wenn man die Jugend des Studenten Goethe in Betracht zieht. In den Mit- schuldigen wird gezeigt, wie„die bürgerliche Sozietät in vielen Dingen unterminirt ist." Das wird aber ohne Jungen-Pathos, ohne sittliche Enttiistung, ganz „moralinfrei" vorgetragen. Kein Tendenzriecher, sondern ein freier Künstler, der begreift und Be- griffeues gestaltet, führt das Wort. Es ist nicht Zweck dieses Aufsatzes, auf bio- graphische Einzelheiten einzugehen. Zum Lebenswerk Goethe's können hier nur einzelne Anregungen ge- geben werden. So sei denn noch in Kürze die Thatsache erwähnt, wie Goethe in Leipzig erlrankte und später 1770 nach Straßburg kam. In der elsässischen Landschaft ward's dem Frankfurter Bürgersohn wohler. Dort faßte sein dich- terischer Genius Wurzel; dort wurde er vom Ostpreußen Herder, der um mehrere Jahre älter war, in eine neue Welt eingeführt; dort hatte er auch sein vielberllhmtes und ebenso viel verlästertes Liebes- abenteuer mit Friederiken, der Pfarrerstochter von Sesenheim. Das intellektuell Wichtigste bleibt, daß Goethe die Erfahrung gewonnen hatte,„die Dichtung sei eine Welt- und Völkergabe, nicht ein Privat- erbtheil einiger feinen, gebildeten Geister." Herder- sche Ideen zum Volksgeist, Herder'sche Studien zum Volkslied beeinflußten den aufhorchenden Goethe, und mochte der schwerfällige Herder mitunter auch über den jungen Goethe ungehalten sein, den er wegen seines beweglichen Naturells„spatzenmäßig" nennt, die Achtung des körperlich und geistig blühenden Goethe schmeichelte ihm doch. Was Herder's Ideen zu bedeuten hatten, wissen wir eigentlich erst heute voll einzuschätzen, da wir das künstlerische Schaffen überhaupt im größten kulturgeschichtlichen Zusammenhang als nothwendigen Ausdruck von Zeitepoche und Volksseele betrachten. Herder's kritisches Genie drang in dieser Hinsicht zu größerer philosophischer Tiefe vor, als Lessing's blanker, scharfer Verstand, der zugleich für die Frei- heitsideen, für den Gedanken der Aufklärung und Duldsamkeit kämpfend sich bewährte. Die nenerwachte Lust am volksthiimlichen Ton, an der Volksweise darf man als vorbildend für Goethe's Kunstweise nicht unterschätzen. Sie treibt zum Reichsten, was wir an Goethe besitzen, zu den reiz- und klangvollsten lyrischen Gebilden, und in der Lyrik ist Goethe einzig stark; zu Liedern, die einfach hingehaucht erscheinen und dennoch die ttefsten Empfindnngen einschließen. Sie sind erreichbar für das naivste Gemüth und sie treffen das komplizirteste Menschenyirn; und weiter greift die volksthiimliche Weise über zu einer Reihe balladenförmiger Sänge, und sie wird nicht nur eine äußere, auch eine innerliche Stütze in den Knittelversen des„Faust". Das ist eine durchführende Linie von ungewöhnlicher Bedeutung. In der That hat Herder's Treff-Jnstinkt auf den ersten Wurf Goethe's Sturm- und Drang-Drama, den„Götz", erkannt. Herder meinte dazu:„Der „Götz" ist ein deutsches Stück, groß und unregel- mäßig, wie das deutsche Reich ist, aber voll Charakter, voll Kraft und Bewegung." Man muß wissen, was das damals zu sagen hatte. In weiten Kreisen waren die Gemüther über den„Götz" erregt; das ist gewiß. Aber die gelehrte Welt! Ein gewichtiger Mann, wie Lessing, der kein Verhältniß mehr zu dieser neu aufstrebenden Welt finden konnte, schrieb aber auch, nachdem er von dem Erfolg der Berliner „Götz"-Aufführung(1774) gehört hatte, an einen Freund:„Das ist, fürchte ich, weder zur Ehre des Verfassers, noch zur Ehre Berlins. Meil(ein da- maliger Kostllmzeichner) hat ohne Zweifel den größten Theil daran. Denn eine Stadt, die kahlen Tönen nachläuft, kann auch hübschen Kleidern nachlaufen." Lessing's starke und aufrechte Person soll damit nicht herabgesetzt werden. Lessing hat im Kampf um Shakespeare und gegen konventionellen Zwang auch für Goethe reinen Raum geschaffen. Es kommt öfter vor, daß Menschen, die fest in ihrer Zeit wurzeln, dem Werdenden, das sich stürmisch geberdet, mit Rtißtrauen begegnen. Heute wissen wir nach- ttäglich Alle, was wir am„Götz" und seiner grund- deutschen, derb entfesselten Sprache haben und lassen uns das wenig bekümmern, daß Goethe's Beleuchtung nicht mit den neuesten Forscherergebnissen aus dem Bauernkriege stimmt und daß der Götz zumindest ein zweideutiger Kunde war. Auch bei dem anderen Jugendwerk Goethe's, bei „Werther's Leiden" neigte sich Lessing der Stimmung Jener zu, die das künstlerische Schaffen nicht als Selbstzweck ansahen und moralpädagogische Bedenken hatten. Gegen den ttüb-melancholischen Jugend- drang reagirte auch wohl Lessings abgeklärte Männ- lichkeit, wenn der Kritiker meint, Goethe hätte durch eine cynische Nachschrift die beklemmende Wirkung des Romans, der mit einem Selbstmord aus Unglück- licher Liebe endigt, zerstören sollen. Uns Modernen ist das Erlebte und Verklärte in der Werther-Dichtung fern gerückt. Aber damals, da das Bächlein Schmerzgefühle der Zeit, senttmen- talische, rührselige Beweglichkeit wie in einem Brenn- spiegel zusammenfaßte, wirkte es wie ein Phänomen auf alle„schönen Seelen". Und wer schwelgte nicht im Gefühl, eine schöne Seele zu sein! Je mehr die Pfaffen und Pfahlbürger im Verein über die Ver- herrlichung des Selbstmordes eiferten, desto über- raschender wurde der Siegeslauf der Dichtung. In fremde Sprachen wurde sie übersetzt; es regnete Parodien und Kopien, und bekannt ist das Kuriosum, daß man selbst in China auf Porzellan Werther und Lotten nach etlichen Jahren zu malen begann. Vielumstritten, vielgenannt war Goethe jedenfalls seinen Zeitgenossen interessant geworden, und so suchte Karl August von Weimar ihn an seinen Hof zu ziehen. Die Weimarsche Periode hat den Literaten von jeher viel zu schaffen gemacht. Die Einen flennen mit ihrem„Wenn und Aber", die Anderen sind bereit, das„klassische Weimar", Deutschlands „geheiligten Boden", schönzufärben. Man kann sich ganz gewiß für ein emporsttebendes Genie eine ge- deihlichere Stätte denken, als das dorfmäßige Klatsch- nest Weimar von damals. Karl August war sicher nicht der freie Geist, als den ihn höfische Schilde- rungen ausgeben möchten. Im strahlenden Goethe sah er einen tollen Kumpan gleichsam, der mit ihm „in Kraft und Genuß die untersten Gründe auf- wühlen" sollte; nnd für Das, was im Innern Goethe's wirkte, hatten die fürstlichen Damen gleich- falls kaum ein zureichendes Verständniß. Darum sind die Betrachtungen, was denn geschehen wäre, wenn Goethe nicht nach Weimar kam, müßig- Goethe's wirthschaftliche Lage mußte gefesttgt werden. Aus der juristischen Laufbahn war er herausgerissen, und die schriftstellerische, die wirthschaftlich anders betrachtet werden muß, als heute, bot ihm noch keine rechte Stütze. Nimmt man Schwächen und Eitel- leiten hinzu,— selbst das Gerede-über die Duz- brllder Karl August und Goethe und ihre gemein- samen wilden Streiche konnte schmeicheln,— so wird man Manches begreifen. Man stelle sich das Genie nur ja nicht im Heiligenschein vor. Dazu ttat die lang andauernde Liebe und Freundschaft zu Frau Charlotte v. Stein. Die höfischen Pflichten und Ge- schäfte und später die geregelte Beamtenthätigken hatten Goethe sicherlich in seiner frischesten männ- lichen Zeit von poetischen Produkten abgehaltcn- Aber die romantische Schwärmerei:„Warum mußte ein Goethe nur Weimar'jche Rekruten ausheben helfen" usw. ist wiederum überflüssig; und daiM kann selbst das fruchtbarste Genie nicht immerzu Bliithen treiben und Früchte schenken. Es muß doM auch empfangen, wenn es geben soll, und es braum die mannigfaltigsten Berührungen mit der Wut' lichkeit, mit dem vielverästelten harten Leben. KlMst. und Stände lernte Goethe scharf unterscheiden, vielerlei Menschliches trat ihn: nahe, und sozialistische Begrm durfte er sich bilden. Ein Zeugniß von seiner eigene Hand ist ein Brief an den Dichter Knebel in Weimm» worin Goethe mittheilt:„So steig' ich durch«1 Stände aufwärts, sehe den Bauersmann b Erde das Nothdiirftige abfordern, das doch auch 5? behaglich Auskommen wäre, wenn er nur f''r'!? selbst schwitzte. Du weißt aber, wenn die läuse auf den Rosenzweigen sitzen und sich bub' dick und grün gefressen haben, dann kommen � Ameisen und saugen ihnen den filttirten Saft a* den Leibern. Und so gehts weiter, und wir hübe» so weit gebracht, daß oben in einem Tage nie? verzehrt wird, als unten in einem Jahr beigebe� werden kann." So ganz„nutzlos" lebte denn Goe nicht„am Hofe" daher. Wie wäre sonst die reiche Erfahrung über wenn liche Typen und Lebenszustände in Goethes hingen, in der überquellenden Spruchweisheit Ki' hohen Alters zu erklären? Eines ist ohne das A'w nicht zu haben. Wenn man Goethe als den Hkrrllw Schilderer und Kenner typischer Frauennaturen Pre j wenn man sein Gretchen und sein Klärchen(Egw�- und seine gesammte„Frauengalerie" rühmt, so o man ihm nicht wie ein Sonntagsprediger beiwnm' � Aus der Luft oder vom Himmel her wird auch Genie keine Erleuchtung, Modelle wollen ftudirt, dichte in Goethe's Sinn erlebt sein.(Schluß b'ls'-' Die Neue A)elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 271 Wet-JuLchen.-H ie reichste Frmi des Dorfes, die Knhbich- bäuenn, war gestorben. Kinder hatte die -Wittwe nicht hinterlassen. Das Bauerngut, >» das sie vor Jahren hineingeheirathct hatte, fiel daher an die nächsten Blutsverwandten des früh- Zeitig hingeschiedenen Kuhbichbauers zurück. � Es gab, wie man bei uns z» sagen pflegt: «eine schöne Leiche". Die Erben hatten sich nicht tuinpen lassen wollen. Nach dem Begräbnisse wurden Gasthof— der zu solchen Zwecken recht bequem in nächster Nähe des Kirchhofs gelegen war— Erfrischungen gereicht: Kaffee, Kuchen, Butterbrot, �iurst, Käse, Bier und vor Allem Schnaps. Es ging lebhast her in der Schenkstube. Von Traner um die Verstorbene war nicht viel zu spüren. Die ganze Zunft der Klageweiber fehlte hier vollständig. Die Anverwandten verlangten keine Trauer- Bezeugungen von Seiten der„Leichengäste". Nur ein paar ganz alte Weiblein weinten, wohl zu ihrem eigenen Vergniigen, ganz still für sich hin. Eine Ausnahme von der allgemeinen Gleichgültigkeit fachte Toni, die Magd der Verstorbenen- das Mädchen heulte, daß sie schließlich der Bock stieß. Eine Thatsache, die viel bemerkt wurde und manches «opfschütteln erregte. Denn die Verstorbene war ntt ihre Härte dem Gefinde gegenüber bekannt gewesen. Ueberhaupt folgte der Kuhbichbäuerin kein guter «mnund nach. Ihr Geiz war berüchtigt. Ihr herrisches, rauhes Wesen hatte sie unbeliebt und ge- rorchtet gemacht bei Nachbarn und Dienstboten. Mit der Sippe ihres Gatten hatte sie von Alters her Kriegsfuß gestanden. Die protzige Vetternschaft «nmie es ihr nicht vergeben, daß sie, ein blutarmes s Dmg, das nichts besessen, als ihren kerngesunden ' �ih und ihre kräftigen Arme, den reichen Kuhbich- ?auer geheirathet hatte, der von Jugend auf �wächlich und ein Schwindsuchtskandidat gewesen Auf diese Weise war den habsüchtigen An- to&tern das große Bauerngut entgangen, das man 'chon als sichere Beute anzusehen, sich gewöhnt h�e. Zwei Generationen waren darüber in's Grab Lunken, bis endlich durch den Tod der lebenszähen Mtoerin das Besitzthum wieder an die Familie iurückfiel. . Eigentlich hätten die Erben nur Grund zur Dankbarkeit gehabt, der Verewigten gegenüber. Sie h°tte das Ihre vorttefflich zusammenzuhalten ver- �nden. Haus und Hof waren in tadellosem Zu- 'tonde, Weg und Steg beschickt, der Wald geschont, r" Felder in gutem Dung, die Wiesen gepflegt, er Viehstand vollzählig, die Scheune voll Stroh Heu, und aus dem Getreideboden lagerten Vor- aus viele Jahre hinaus. Dabei war das � schuldenfrei, und auch noch baar Geld übrig. 5" Todte erstattete der Faniilie mit Zinsen zurück, sie sich, vor jetzt nahezu sechzig Jahren, er- dachet hatte. � Für sich selbst hatte die sparsame Frau nicht x1 mehr als Nahrung und Kleidung gebraucht. �ggegeben an die Armen hatte sie nichts. Ge« Mu war ihr kaum etwas worden, denn die ?Mtchb8iierin hatte ein paar scharfe Augen im ?We, und in ihrer guten Zeit war sie zu allen 2�8= und Nachtstunden in Haus, Keller, Stall und 5�u»e umhergegangen, aufpassend, daß ihr nichts wnden komme. Zu alledem lag vor der Haus- sp ein bissiger Keltenhund, der jedem Bettler in . e Beine fuhr. Aber ärger noch als dieser Wächter üute die Bäuerin selbst zufahren. So kam cS, h} der einsam gelegene Bauernhof in Verruf kam «P und breit. Während man das ganze übrige 0rf» Haus für HauS, abgraste, mochten die Be- plUer noch so arm sein, ließ man die Behausung � anerkannt reichsten Frau im Orte verschont.- so mrchtet war ihre und ihres Hofwächters Bissigkeit. .A staatsches Weibsbild' war sie gewesen, in |wtet Jugend, das konnte sich Jeder sagen, der die &' mit ungebrochenem Rückgrat, mit ihren knochigen �len. die sie bei jedem Wetter bis über die Ellen« Von Wilhelm von Polenz. bogen bloß trug, mit ihrem langSii, scharfgeschnittenen, dnrcksts Alter ausgetrockneten Gesichte, steif und gerade auf ihrem Besitzthum einherschreiten sah, mit herrischer Miene, wie sie mit blecherner Greisen- stimme ihre Befehle austheilte. Der Kuhbichbauer, auf den sich die älteren Dorfgenossen noch recht wohl besinnen konnten, war so ziemlich in Allem das gerade Gegentheil seiner Ehehälfte gewesen, schwächlich, schüchtern, kümmerlich, „a kleener Karle!" wie im Volksmunde derartige, von der Natur spärlich bedachte Persönlichkeiten heißen. Kinder waren aus diesem Bunde nicht hervorgegangen. Manches wurde dieser Frau nachgesagt; und Vieles davon mochte leeres'Gerede sein. Ob, wie die Dorffama behauptete, die Bäuerin ihre„größere Forsche" dazu benutzt hatte, dem Ehe- manne ihr Uebergewicht handgreiflich fühlbar zu machen, soll dahingestellt bleiben. Sicher ist, daß die„Kuhbchen", wie sie genannt wurde, die Hosen angehabt und daß sie auch nach ihres Mannes Tode in ihren vier Pfählen das Reginient mit eiserner Hand geführt hat, unbeliebt und einsam; bis schließlich ein wirklich Starker über sie kam, vor dessen Hauche auch ihr wettergebräuntes zähes Bauerngesicht er- bleichte.--- Die alte Frau lag kaum eine Stunde im Grabe, noch schaufelte der Todtengräber Erde und richtete den Hügel über der Grube, da war man schon drüben im Gasthof eifrig am Werke, ihren Ruf zu verderben und allerhand plumpe Witze über ihre Eigenheiten zum Besten zu geben. Mit erhitzten Gesichtern saßen die Bauern da, in jener halbstädtischen Tracht, die den Landleuten so schlecht steht, die ihre Vorzüge: derbknochige Kraft und sehnenzähe Festigkeit, verhüllt und ihre groben Nachtheile doppelt hervortreten läßt. Schon waren einige der jungen Leute stark angetrunken. Niemand konnte wissen, wie dieses Trauerfest enden würde. Die gesetzteren und vorsichtigen Leute begannen, nach- dem sie die günsttge Gelegenheit benutzt hatten, ihren Appetit zu stillen, sich langsam zu entfernen. Ein paar ältere Frauenspersonen verließen selb- ander den Gasthof. Die eine war eine behäbige Bauersfrau, die„Hoppebäuerin". Ihre Begleiterin eine ältere Jungfrau, bekannt im Dorfe unter den« Spitznamen:„Betjnlchen". Diesen Namen führte Julchen, weil sie von Jugend auf etne fleißige Kirchgängerin und Besucherin des Katechismus- Unterrichts und der Betstunden gewesen war. Bet- julchen stellte sich als eine mittelgroße, schwächliche Mädchenerscheinung dar, von schwer zu bestimmeudem Alter. Ihr äußerer Mensch hatte wenig Dörfisches an sich. Auffällig stach die wächsern durchsichtige Farbe ihres verwelken Gesichtes von den apfelrothen Pausebacken der kugelrunden Hoppebäuerin ab. Ihre Feinde, deren sich Betjulchen trotz ihrer christlichen Gesinnung doch auch einige gemacht hatte, schalten sie eine„Petistin" und behaupteten, sie befasse sich mit Aufhetzen der Leute und allerhand Stänkereien. Andere wieder hielten große Stücke auf sie, priesen ihre Frömmigkeit und ihr gebildetes,„bethuliches" Wesen. Ihr Vater war Dorffchulmeister gewesen und war, nachdem er pensionirt worden, im Dorfe haften geblieben. Von ihm hatte Julchen den Hang zum Lehrhaften und das salbungsvolle Wesen ge- erbt. Sie war eine Meisterin in allerhand schönen Künsten. Viele eigenarttge Dinge wußte sie her- zustellen: Brautkränze, Grabkränze, Blumensträuße für die verschiedensten Zwecke, Pathenbriefe, Hochzeits- gedichte, Liebesbriefe. Sie war im Besitze eines Briefstellers, in dem Vorlagen für alle erdenklichen Lebenslagen vorhanden waren; aber das wußten ihre Kunden nicht. Im Dorfe glaubte man all- gemein, daß die schwungvollen und feingedrechselten Briefe, die Julchen für ein geringes Entgelt lieferte, Erzeugnisse ihrer eigenen Phantasie seien. Auf diese Weise verdiente sich das alte Mädchen ihren Lebensunterhalt. Sie zeichnete sich durch be- sondere Sauberkeit der Erscheinung aus. Da sie die gröberen Arbeiten scheute und nur den höheren Künsten des Dichtens, Briefschreibens und Kränze- windens oblag, wurde es ihr nicht schwer, stets mit gutgehaltenen Kleidern und weißen Händen einher- zugehen. Ihr ganzes Auftreten hatte, ihrer höheren Bildung entsprechend, etwas Besonderes, Verfeinertes, Durchgeistigtes. Sie sprach ziemlich dialektfrei und bevorzugte die gewählteren Redewendungen, häusig flocht sie auch ein biblisches Zitat oder eine Strophe aus dem Gesangbuch in ihre Rede ein. Ihre Be« redsamkeit wurde viel bewundert und geschätzt. Bei keinem Frauenkaffee im Dorfe durfte das Betjnlchen fehlen, denn sie hatte immer diese oder jene Nenig- keit auf Lager, und in der Kunst, eine Geschichte vorzutragen, übertraf sie so leicht Niemand. Die beiden Frauen schritten den Kirchsteg hin- auf, der parallel der Dorfstraße an den hinteren Breitseiten der verstreuten Gehöfte entlangführt. Es hatte geregnet. Der Pfad war noch feucht, und die Beiden hatten daher vorsorglicherweise ihre Feiertagskleider emporgerafft, so daß die Unterröcke zu Tage traten. Die Hoppebäuerin trug einen gelb- rothen Unterrock, Betjulchen, ihrer ernsteren Richtung gemäß, einen kaffeebraunen. Beide hielten Gesang- bücher in den Händen, unter denen die unentfalteten Taschentücher lagen. Die Hoppebäuerin spann das Gerede, das sie im Wirthshause über die Verstorbene mit angehört hatte, weiter. Was die„Kuhbchen" von all' ihrem Geize gehabt hätte, philosophirte sie. Nun sei sie todt, und in ihre harten Thaler theilten sich die lachenden Erben. Es sei doch eine Schande gewesen für den ganzen Ort, wie sie's gettieben hätte. Das Betjulchen hörte sich solche Reden eine Weile mit an, mit der überlegenen Miene einer Person, die tieferen Einblick in den Zusammenhang der Dinge besitzt, und die vorläufig ihr Urtheil noch mit guter Absicht zurückhält. Die Hoppebäuerin rief schließlich mit der Miene der moralisch Entrüsteten:„Die is duch wie a Heidenmensch gesturben, was de Kuhbchen war. Daß die salig Wirde, wie der Pfarr Vörden meente, das kannch in Labn ne gleben— su a meschantes Weibsbild, wie das war." Hier wurde sie von ihrer Begleiterin unterbrochen: „Sagt das nicht, beste Frau Hoppe! das können wir armen, blöden Menschenkinder niemals wissen, in unserer Blindheit, hienieden. Die Verewigte hat auch ihre guten Seiten gehabt. Der liebe Herrgott, der die Herzen kündigt, wird das zu Tage bringen." „Ihren Mann hat se uner de Arde geärgert — und gepriegelt hat se'n och! Lehmekarle, was der Nubber is, hats gehiert, wir der selge Kuhbich nächtens gebrillt hat und gegurgelt, so hat se'n ver- druschen.... Su en kranken Mann, das is dnch ne rächt!... Ne, ne, die is ne salch gesturben; das wir duch keene Gerachttgkeet ne!" „Mit nichten, Frau Hoppe! Ernestine Kuhbich ist in Frieden dahingeschieden, versöhnt und im Glauben an ihren Heiland, und auf dem Tobten- bette ist auch noch eine schöne Handlung der Barm- Herzigkeit von ihr ausgegangen, für die ihr im Jenseits reichlicher Lohn ausgezahlt werden wird." „Die hätte was Gutt's gestiftet— de Kuhbchen! Nu, das wer» Se mer duch ne vorraden, Julchen!" „Da muß man eben höhere Einsichten zu Hülfe nehmen, Frau Hoppe!.Unser Wissen und Verstand ist mit Finsterniß umhüllett... Aber— wie gesagt— das ist nicht Jedermann gegeben..." Die Bauersfrau sah ihre Begleiterin mit offenem Munde an ob dieser Rede. Betjulchen wußte sich öfters solch' ein geheimuißvolles Wesen zu geben, das seine Wirkung auf die einfälttgen Dorflente selten verfehlte. „Es ist dies wieder mal eine jener höheren Schickungen," fuhr Julcheu fort,„welche uns belehrt, 272 3Dic Aeue Welt. Illuftrirte Unterhaltungsbeilage. daß wir über keinen unserer Mitmenschen vor seinem Ende den Stab brechen sollen." Sie machte eine Pause, senkte und fuhr dann im Predigertone fort:„Ja, ich darf wohl sagen, ich habe an diesem Sterbelager wieder einmal einen tiefen Einblick in die Räthsel der menschlichen Seele gethan und gesehen." „Und was hau Se dcnne gesehen?" fragte die Hoppebäuerin, die neugierig geworden war. „Sie wissen doch wahrscheinlich, Frau Hoppe," begann Jnlchen,„daß es mit dem Lesen und Schreiben der verewigten Frau Ernestine Kuhbich nicht weit her war: ja, man darf wohl sagen— ohne der Verstorbenen damit Unrecht zu thun— sie verstand davon so gut wie gar nichts." „Nu, se war ja och nur su ne halbe Gruße- magd gewasen, eh' der Kuhbichbauer se nahm." „Ich wurde deshalb öfter von ihr herbeigezogen, um ihr bei Erledigung ihrer intimeren Familien- angelegenheitcn behiilflich zu sein. Die Verewigte bewies immer ein besonderes Zutrauen zu mir und hat mir mancherlei anvertraut: ja, ich darf wohl sagen, ich war ihre einzige Freundin und Vertraute." Die Sprecherin ließ hier eine bedeutungsvolle Pause eintreten. Die Hoppebäuerin war ganz Ohr. Sie kannte Betjnlchen zur Genüge, um aus ihrer ganzen Art und Weise mit Sicherheit zu schließen, daß sie etwas Interessantes im Hinterhalte habe. „Ernestine Kuhbich fing in der letzten Zeit an recht schwach zu werden. Und wenn es ihr gar so bange wurde nm's Herz, dann schickte sie nach mir, damit ich ihr christlichen Trost spenden möchte. Ich habe oftmals mit ihr gebetet, und sie sagte immer, das thäte ihr so besonders wohl." „Nu, worim that denn Die»ich nach an Pfarrn schicken?" „Oft genug habe ich ihr dazu gerathen..Liebe Frau Knhbich', sagte ich,.lassen Sie doch den Pastor holen!' Aber damit wollte sie sich nicht besrennden. .Dazu is später immer noch Zeit/ sagte sie. Sie war darin so ein eigenthiimlicher Charakter; ich ver- muthe, sie dachte, das könne wohl gar ihr Ende beschleunigen, wenn sie den Herrn Pastor rufen ließ." „Und das wollt Ihr an salgen Tud nennen, Jnlchen, ohne an Herrn Pastor?" „Hört mich nur ans, Fran Hoppe!... Ich merk' es ja den Menschen inimer gleich an, was sie im Herzen haben. Die Verewigie pflegte oft so tief zu seufzen, als hätte sie eine große Last auf dem Gewissen. Nim— vor mir bleibt ja sowas nicht lange im Verborgenen..Liebe Frau!' sage ich,.Ihr habt etwas auf dem Herzen— ich weiß es— sagt mir's nur! Erleichtert Euch!— Ich sag' es keiner Menschenseele weiter!'— Da er- leichterte sie denn ihre Brust und sagte mir Alles." (Schlub folgt.) Ieuitteton. Frau und Ziegen. Man hat wohl öfter den modernen Malern zwar zugestanden, daß sie in der intimen, ein- dringenden Schilderung der Natur eine große Kunst ent- wickelt haben, aber man hat ihnen dann Größe, Monu- Mentalität der Wirkung abgesprochen. Wir haben schon unlängst(Nr. 14 der„Plenen Welt") gelegentlich des Lieber- mann schen Bildes„In den Dünen" darauf hingewiesen, welch' kraftvolle Wirkung dieser Künstler im Anschluß an den französischen Bauernmaler Millet in seinen Bildern erreichte, wie er durch stete Vereinfachung zur Größe der Darstellung gekommen ist. Unser heutiges Bild läßt diesen Zug noch stärker hervortreten: In einer großen, ehernen Linie zieht sich die Ebene hin und setzt scharf gegen den umwölkten Horizont ab, in wuchtigem Aufbau wächst die Silhouette der alten Frau gegen den Himmel empor. Ein scharfer Wind fährt über das Land, das Gewand flattert. Alan fühlt, wie die Frau sich stark in's Zeug legt, uni das widerstrebende Thier mit sich zu ziehen; es ist Größe, Monumentalität in den Linien, mit denen dieses Bewegungsmotiv gegeben, wie in der Art, wie die weite, kahle Ebene herausgearbeitet ist.— Musikalische Zwangsvorstellungen sind unter den mannigfachen Arten der Zwangsborstellungen, das heißt solcher, die in der Vorstellungswclt eines Menschen auf- treten, ohne daß ihnen eine äußere Ursache entspricht, und die ihn oft hartnäckig quälen, die häufigsten und interessan- testen. Sie finden sich, wie L. Löwenfeld in einem Vortrage ausführte, angedeutet und vorübergehend auch bei Gesunden, ausgebildet und andauernd aber in der Regel nur bei ncnrasthcnischen, hysterischen und melancho- lischen Zuständen; am häufigsten, aber keineswegs ans- schließlich finden sie sich bei Personen, die sich berufsmäßig mit der Musik beschäftigen. Stur zun, Theil entstammen die Zwangsvorstellmigcn den musikalischen Stücken, mit denen die Betreffenden sich gerade beschäftigen; häufiger liegen sie diesen ganz ferne, und bei Personen mit hoher musikalischer Bildung, die sich nur mit guter Musik be- fassen, zeichnen sich die Zwangsvorstellungen meistens durch ihren trivialen Charakter aus; die Töne, die diese Personen nnausgesetzt zu hören vcrurtheilt sind, ent- stammen Gassenhauern, Operettenwalzcrn usw. An Hartnäckigkeit können die musikalischen Zwangsvorstellungen wenigstens für kürzere Zeiträume das Bedeutendste leisten, was im Bereiche der Zwangsvorstellungen vorkommt; sie können sich Tag und Nacht ohne Unterlaß geltend machen, den Schlaf verhindern, durch ihr Andauern ver- schicdcne peiitliche Zufälle, wie Herzklopfen, Angstzustände, Uebelkeiten usw. herbeiführen und die Heimgesuchten zur Verzweiflung bringen. Zum größten Theile gehören die musikalischen Zwangsvorstellungen dem akustischen Gebiete an, in manchen Fällen verkttüpfen sie jedoch mit den akustischen entsprechende Bewegungsvorstellungen; so fühlt der Betroffene etwa den Zwang, sich den Fingersatz der Melodien, die nicht aus dem Kopfe zu bringen sind, vor- zustellen. Biitunter verbinden sich die akustischen Vor- stellungen niit entsprechenden Zwangsbelvegungcn, der Betreffende fühlt sich z. B. gezwungen, die innerlich ge- hörte Melodie zu summen oder dergleichen. Verursacht werden die musikalischen Zwangsvorstellungen wohl meistens, aber nicht allein, durch überanstrengende Be- schäftigung mit Musik. Bei Personen, die Musik betreiben, kann jeder Erschöpfungszustand des Gehirns, gleichviel wie er verursucht ist, zum Auftreten dieser Zwangs- Vorstellungen führen.— Vater und Sohn. Sie schritten Beide rüstig ans, bis sie die letzten Häuser der Stadt im Rücken hatten und der Lärm der Straßen allmälig hinter ihnen ver- hallte. Dann bogen sie rechts in den schmalen Feldweg ein, der zu dem kleinen Dorfe führte, in dem sie wohnten. Nun gingen sie langsamer. Der Alte schien in tiefes Nachdenken versunken; mit gebeugtem Rücken und ge- senktem Kopf schritt er schleppend dahin. In der linken Hand trug er die leere Blechkanne, die er, mit kaltem Kaffee gefüllt, des Morgens in die Fabrik mitnahm. Ter Sohn hatte die seinige an einer Schnur befestigt und umgehängt. So konnte er besser Blumen pflücken, die spärlich am Rande des Weges wuchsen. Der Alte ging, ohne sich umzusehen, seinen regelmäßigen Schritt. Der Knabe war zurückgeblieben. Nun lief er, den Vater einzuholen. Dann ordnete er die verkümmerten Blüthen und breiten Gräser zum Strauß. „Den bring' ich der Mutter. Hab' sonst schönere gefunden, als ich noch zur Schule ging— gestern noch. Da sucht' ich auch den ganzen Nachmittag. Nun muß ich in die Fabrik. Jeden Tag, Vater?" „Jeden Tag." „Von Morgens bis Abends?"—„Von Morgens bis Abends." „Wie heute? Jeden Tag und jeden Tag, genau wie heute?"—„Wie heute. Immer." „Aber Sonntags darf ich ausruhen, auf die Wiese gehen, laufen, springen und spielen und Blumen pflücken?" —„Wenn wir auf dem Acker nichts zu thun haben, ja." Nachdenklich schwieg der Knabe. Tann, plötzlich, fragte er:„Vater, wie oft bist Du schon so gegangen?"— „Wie oft? Weiß nicht. Immer." Er sann einen Augen- hlick.„Zwanzig Jahr wohl beinah." „Zwanzig Jahre?" Ter Junge rechnete.„Das sind über sechstausend Tage, Vater. Ohne Sonntag."— „Soviel werden's sein, ja." „Und immer Morgens hin und Abends zurück?"— „Immer." „Das n�chf ich nicht!'" Der Alte blieb stehen, richtete sich ein wenig auf und sah den Knaben scharf an. Dann, als besänne er sich, sagte er milde:„Daran gewöhnt man sich." Schweigend schritten sie weiter. Plötzlich blieb der Junge stehen:„Ich kann nicht weiter, Vater; bin so furchtbar müde." Der Alte hörte es wohl nicht. „Ist's noch weit, Vater?"—„Bald sind wir zu Haus." „Wirst Du nie müde, Vater?"—„Das gewöhnt sich." „Mir thut der Rücken weh."—„Hast schwere Stücke tragen müsse». Hab's geseh'n." „Muß ich morgen wieder?"—„Wirst wohl müssen." „'n paar Mal hat's mir ordentlich geknackt in den Knochen. Aber ich hab's mir verbissen. Kein Mensch hat's gemerkt, wie ich mich gequält Hab'."—„Darf's auch nicht." „Aber jeden Tag krieg' ich's wohl nicht fertig. Das halt' ich nicht aus. Auf den Schulter» Hab' ich große, blaue Flecke», glaub' ich."—„Tie vergeh'» wieder. Ist Alles Gewohnheit... Aller Anfang ist schwer." „Spürst Du garnichts mehr?"—„Nichts. Nein." Der Alte hüstelte.„Wenn blos der Husten nicht wär'." Sie schwiegen wieder. Ter Knabe schaute in die untergehende Sonne. Gerade vor ihnen, weit hinten am Horizont, tauchte sie hinab. In scheinbar unendlicher Länge dehnte sich der Weg fast wie eine schnurgerade Linie— bis in die Sonne, dachte der Knabe. Er ging wieder hinter dem Vater, dessen Gestalt sich in scharfen Umrissen abhob vom fernen, röthlichen Abendhimmel. Wie gebannt hielt der Knabe seine Blicke auf den Alten gerichtet. So fremd schien er ihm; so hatte er ihn noch nie gesehen.„Warum gehst Du so krumm, Vater?" „Krumm?" Unwillkürlich reckte er sich. Dann sank er wieder zusammen.„Das macht die Arbeit." „Werde ich auch so?"—„Du?" Der Alte schien nachzudenken. Dann sagte er schnell:„Das kann man nicht wissen, mein Sohn. Die Menschen sind verschieden." „In der Fabrik sind sie aber fast Alle so."—„Das macht die Arbeit," wiederholte der Alte. „Warum ist denn das so? Müssen wir denn da hingehen?"—„Ja. Wir müssen." „Warum?"—„Weil wir leben wollen. Und wer leben will, muß arbeiten— soll arbeiten," fügte er hart hinzu. „Von Morgens bis Abends? Immer? Den ganzen Tag?" Der Alte antwortete nicht mehr... Plötzlich lachte der Junge hell auf. Vor ihnen aul dem Wege, nur wenige Schritte entfernt, saß ein Häslein und machte, die Beide» scheu anblinzelud, sei»„Männchen• Tann hopste es mit langen Sätzen in's Feld. Der Knabe sah dem Hasen nach, bis er in einer schmalen Furche des Feldes verschwunden war. Dann blickte der Junge, noch jachend, den Alten an. Da wurde er wieder nachdenklich- „Warum lachst Du gar nie, Vater?"— Erstaunt blickte dieser auf.„Hab's verlernt. Hatt' wohl auch wenig Ursach' dazu im Leben." „Das Leben ist wohl sehr traurig, Vater?" Fj „Traurig? Weiß nicht recht mehr, lvas das heißt. Das Leben ist kein Spaß, weiß ich nur." Er schwieg einen Augenblick. Eine seltsame Bewegung veränderte flüchtig die harten, gefurchten Züge.„Wirst noch Alles selber erfahren. Mußt nicht so viel fragen. Das thut nicht gut für Unsereins. Für Dich schon garnicht." Scheu blieb der Knabe zurück; eine»»gekannte Ehr- furcht vor dem Vater stieg ihm auf. Als sie die morsche Brücke des breiten Wiesengrabeils betraten, blieb er stehen und lehnte sich über das hölzerne Geländer. Dunkel und schmutzig wälzte sich das schlauuiuiss Wasser dahin. Mit großen Augen starrte er hiiiei»- Seine Hand löste sich und das dürftige Sträußlein flCl hinab. Dann schwamm es langsam in dem schwarzen Wasser fort.„Mich freut's nicht mehr," murmelte er vor sich hiu und ging, wie von einer inneren Last be- drückt, weiter. Sein Kopf senkte sich, und fast unmerUl« bog sich der Rücken. Tie natürliche Linie schien zu breche» unter der Wucht ängstlicher, beklemmender Ahnungen. Schiveigend legten die Beiden den Rest des Weges zurück. Mit kurzem Gruß traten sie in das niedrige Häuschen und setzten sich an den weißgeschenerten, vier- eckigen Tisch. Tie Mutter trug das Essen auf: Mehl- suppe und hinterher Bratkartoffeln mit. Speck. Dan», bei der Mahlzeit, fragte sie:„Na, wie war Dir's de»» so am ersten Tag?" Der Junge schluckte hastig ein paar Happen hinunter- Dann ließ er die Gabel fallen und schrie auf:„Mutter: Ich geh' nimmer in die Fabrikl", Sprachlos blickte die Frau auf den Alten. sagte ruhig:„Es kommt ihm gar schwer an." Sie strich dem Jmigen mitleidig über's Haar.«° gewöhnt sich Alles, mein Jung'— Alles.". „Und wird nie anders?" Bang blickte er zu ihr»>»• „Es wird anders!" Hart sprach's der Alte legte die Gabel hin. Dann stand er auf und ging Z»" Fenster. Vor ihm in weiter, grauer Dämmerung das Feld.. „Es wird anders!" wiederholte er und kehrte!'»' zum Knaben.„Du magst es noch erleben!"— Ernst Preczang. Nachdruck des Inhalts verboten! Alle für die Ncdaktiou der„Neuen Wclt� bestimmten Sendungen sind nach Berlin, LW I9' Beuthstraße 2, zu richten. veranlworlUchir Redaiieur: Oscar Kühl tn EharloNciiburg.— Vorlag: Hamluirger Buchdruckerel und Verlagsanstall Auer ti So. tu Hamburg.— Druck: Mar Babing In Aerllu. ti