Schluß) — ir nrt tt,a�te"ber Herrn Bankdirektor Groß- (s�Sy� y) Händler T. Wall keine Witze nichr. Es wurde schon als geschmacklos angesehen, o?" jetzt Jemand mit„Frau Knudsen's Kasse" mte anrücken wollen. Das mußte ganz anders «Mrtig zugegangen sein, wenn man sich einen 'chen j„ sg zusammengeflogenen ktchthnm erklären wollte; das war ein Anlaß, den �kwacke mam und Gottes Segen zu bewundern. .. So wie er jetzt gestellt war, vermochte er in wer kleinen Gesellschaft all den Schaden anzn- chte„, der einem rücksichtslosen und heißhungrige» . Spital folgt, das Bank und Kredit beherrscht. Seine ,.%n waren überall,— wo ein Schilling zu ver- wen war, streckte er sofort die Klanen ans und ?trieb die Kleinen von der Beute. War ein kleines kschäft in Flor gekommen, so unterband er seinen Jpdit, verleumdete den Inhaber bei den auswärtigen � wbindnngen, zog die Verbindung selbst an sich und Drängte die früheren, lleberall war er zur Stelle, . w über sein eigentliches Geschäft hinaus, im Schiffs- ijjwbel, in allen möglichen Spekulationen,— er ver- J'iiQhte auch nicht zwei Kronen, wenn er sie eineni "deren abnehmen konnte. / Darum wurde er wie ein Moloch verehrt— Mr noch mehr als der Bankpräsidcnt; denn ganz .° grinimig war dieser nie gewesen. Alle Kauflente .*wen sich vor ihm und versteckten sich mit ihren �nen Knochen in einen Winkel; sie wagten kaum �.annonciren, damit der große Mann nicht ahnte, sie einigen Umsatz hätten, und ihnen das Essen Munde wegnähme. Und darum wurde er auch zu allem Möglichen g-ählt. in die Stadtverwaltung und in alle mög- �wen Gesellschaften und Unternehmnngen; ohne seinen wmeu war das beste Geschäft sicher, zu scheitern. gte Jemand ihn beleidigt, so konnte er eben so mit seinen Büchern sofort zum Stadtvogt gehen. Als er so in wenigen Jahren Alles an Ver- ming und Vortheilen aus der Stadt gezogen hatte, ■"3 sich nur herauspumpen ließ, fand er, daß er . w, da er über dreißig Jahre alt war, auch De- 'Wer werden wollte. Es war Brauch in der Stadt, wenn Einer reich gorden, machte er gern eine Spritztour in's Parla- L, Rechten sagte er nichts, aber sein Freund, w Geistliche, zwinkerte> JaKoß. Roman von Alexander L. Kielland. Autorisirtc Ucbcrsctzniig ans dem Norwegischen von Leo Bloch. i.---------' � der Wurzel des Volkes, und Aehnliches, was A" vortrefflich fand. Außerdem war er ein Mann d,.. gefährliche Bildung, dazu ein reicher Mann, m die Kirche ging. Nur der„Arbeiterring" wollte nicht auf seine Wahl eingehen. Sie hatten Simon Varhoug zum Obmann, und der warnte vor Torres Wall. Aber da ging Törres eines Tages zum Speicher hinunter und sagte so, daß es Mehrere hörten:„Du Simon, Du Sozialist—" Ganz erschrocken fing Simon zu protestiren an. Aber es kam in der Stadt herum; es stand sogar in einer Zeitung, daß sich eine starke sozialistische Strömung im Arbeiterring geltend machte, lind als Simon Varhoug ganz empört zu der angesetzten Versammlung kam, um sich und seine Kameraden von diesen fürchterlichen Anschnldigungen zu reinigen, mußte ihm sein lieber Freund und Mitchrist Halvor Röideväag mittheilen, daß jeder Einzelne sich aus dem„Arbeiterring" abgemeldet hatte und der ganze Saal leer stand, so daß— wie dieselbe Zeitung bemerkte— am nächsten Morgen nichts Anderes von diesem prachtvollen Ring über war, als die beiden Edelsteine: Simon Varhoug und Halvor Röidevaag. So wurde Törres mit großer Majorität gewählt. Anfänglich bereute er es und fühlte sich sehr übel in der Kanimer. Er glaubte lange, daß sie ihn zum Narren hielten. Ein Gefühl gleich dem, das er in seiner Jugend vor der Kluft in der Gesellschaft gefühlt hatte, be- nnrnhigte ihn zwischen diesen ernsten Männern, welche über Anträge der Protokollkommission aufbrausten und noch über vieles, vieles Andere, was er nicht verstand. Aber nachdem er sich über diese Kerle mit den großen Worten und muthigen Mienen erkundigt hatte, erfuhr er ja, daß sie arm wären,— der Eine ärmer als der Andere— ha!— arm wie die Kirchen- mause— Alle! Hahaha! Was kümmerte ihn ihr rollendes rr und ihr steifer Nacken? Ein paar reiche Leute gab es da, denen schloß er sich an, kam mit mehreren in der Stadt im Verkehr und stieg hoch auf im Gesellschaftslebcn, ohne zu fallen. Im Saale und bei den Kommissionsverhand- lungen langweilte er sich ungeheuer. Aber draußen in den Gängen, auf den Treppen, von den ge- mauerten Kellern tief unten bis ganz hinauf zu den Gallerien— da liebte er zu wandeln. Am meisten Nachmittags, wenn Alles erleuchtet und das ganze Gebäude geheizt war— da lautlos auf weichen Teppichen von Gang zu Gang wandern, gegrüßt von den Boten und Thürhütern, in ein Zimmer hin- ein und ein bischen auf einem weichen Armstnhl zu sitzen, sich in der Restauration zu erfrischen, sich drinnen eine kleine Weile auf einem Platz zu zeigen und dann neue Wege zu wandeln— und all' das mit dem Beivußtsein, Geld dafür zu bekommen— das wurde für Törres Wall ein großes Vergnügen. Und diese Bauern, welche er traf, aber in seiner Eigenschaft als städtischer Großhändler in einiger Entfernung von sich hielt,— wie gut konnte er verstehen, er, der das enge Leben bei ihnen zu Hause kannte, daß sie eher bereit sein mußten, ihre Seelen und den letzten Rest ihres Ehrgefühls zu verkaufen, als auf dieses mollige Leben in diesem weitläufigen Palast für die Schwindelwichtigkeit zu verzichten. Besonderen Ruhm aber erhielt seine Kammer- fahrt, nachdem er seine Rede gehalten hatte. Die Idee hatte er vom Prediger Opstad und er wartete nur auf einen Gegenstand, wo sie passen könnte. Eines Vormittags, als �Saal und Gallerie voll besetzt waren, erhob er sich in einer Debatte über eine Frage des Schulwesens und sagte, daß er, was ihn beträfe, ausschließlich auf dem Boden des Kinderglanbens stände. Es wäre ihm nicht unbekannt, daß man heutzutage so etwas nicht sagen dürfe, wenn man für einen gebildeten Mann, einen vorgeschrittenen Mann gelten wollte, aber er wollte es jetzt trotzdem sagen, klar und geradeaus nach seiner Art, wie er entsprossen sei aus der Wurzel des Volkes;— ja, es war ihm sogar lieb, das in diesem Saal bekennen zu dürfen, daß er nicht weiter gekommen wäre— so wahr, wie er da stand— er war nicht weiter gekommen, als bis zu dem demiithigen Grunde des Kinderglaubens, und er wollte Gott darum bitten, daß er nie weiter kommen möchte. Seine Rede erregte Aufmerksamkeit, denn er sprach mit großer Frische, und man wunderte sich darüber, daß dieser junge Mann, der so schnell ein Vermögen gemacht hatte, gleichzeitig so stark von der Religion eingenommen sein konnte. lind obgleich er später nie mehr sprach, wurde er doch darauf zu den besten Kräften auf der Seite von Thron und Altar gerechnet. Daheim in seiner Stadt zwinkerten die Männer der Rechten Pastor Opstad zu und drückten ihm warm die Hand. Die Linke stand, wie gewöhnlich, mit langen Nasen und fluchte— wie gewöhnlich—:„Auch er!" Aber Simon Varhoug flüsterte seinem Freunde und Mitchristen Halvor Röidevaag zu:„Was habe ich gesagt? Der Mensch hat den Teufel!" Aber das größte Aufsehen erregte es doch, als die Zeitung der Hauptstadt in einer Art, daß man die offizielle und zuverlässige Quelle merkte, die Nach- richt brachte, Herr Abgeordneter, Großhändler und Bankdirektor T. Wall würde bei nächster Gelegenheit zum Ritter des Olafsordens ernannt werden— diese Nachricht machte einen allseitig überwältigenden Eindruck. Selbst Die, welche über diese Kinkerlitzchen am Nr. 36 u)1 rirk' i 1 1 1 K' r 1 1 a 1 1 u u lJo b l' i l a Li i.'. Me Neue Welt. Illustrirte Nnterhalwngsbeilage. 282 loseste» zu spotten pflegten, wurden nachdenklich? die Weiber sahen ihre Männer von der Seite an und dachten:„So etwas bekomnist Du nie." Ja, sogar die kleinen Leute und die Ohnmächtigsten in der Gesellschaft, sie setzten sich— allein oder mehrere zusammen, Mann und Frau an den Betten der Kinder— sie setzten sich hin und staunten das an: daß ein Mann, von dem Alle wußten, daß er in seinem ganzen Leben nichts gethan, als Schlimmes für andere Leute, daß der für eine Auszeichnung herausgesucht wurde. Daß dieser abgelegene Haufen Geld— zusammen- gescharrt in lauter Schmutz und Unrecht— daß der schon bis Stockholm stinken konnte!— das packte sie, und sie fingen an nachzudenken. War es nicht im Grunde nnißig für sie selbst und ein Unrecht gegen ihre Kinder, sie zu dieser Ehrlichkeit zu er- ziehen, die am längsten währen sollte? Denn es war ja garnicht wahr. Und hieß es nicht den Kindern eine Chance zum Weiterkommen im Leben abschneiden, wenn man sie zwang zu lesen und zu lernen und ihnen Achtung vor der Wissenschaft einflößte, während nian ihnen verborgen hielt, daß der Weg von unten nach oben in der Gesellschaft geebnet war für die Habsucht, welche sich niemals schämte, für die Heuchelei, welche niemals blinzelte. Aber vor dem großen Manne selbst senkten sich alle Stacheln, und die Stadt lag ganz glatt und platt auf dem Bauch vor ihm, als er zum Sonimer aus der Kammer zurückkehrte. Alle Geschäftsleute, welche in dieser Zeit etwas zum Nagen gefunden hatten, verbargen sorgfältig ihre Knochen und er- schienen wedelnd zu dem großen Festmahl, welches im Klub zu Ehren des heimgekehrten Herrn Wall gegeben wurde. Auch Damen sollten an diesem Feste Theil nehmen, und hier sollte Törres die schöne Frau Steiner wiedersehen, welche vor einigen Monaten in die Stadt gekommen war. Während er sich ankleidete und an alle seine Antwortreden denken sollte, schlich sich der Gedanke an sie unwillkürlich zwischen seine Worte und ver- wirrte ihn. Er hatte gehört, sie wäre zur Stadt gekommen, um ihr Atelier zu räumen, das alle diese Jahre auf ihre Rechnung leer gestanden hatte, Alles zu verkaufen und wieder abzureisen. Und das hielt er für verständig, da er aus der Hauptstadt wußte, daß ihr Mann rninirt wäre und sie wahrscheinlich nicht länger erhalten könnte. Er fühlte, daß, wie sehr er sich auch bewaffnen wollte, Alles von der Art und Weise abhing, wie sie ihn aufnehmen würde. Noch in diesem Augen- blick, nachdem er Alles und Alle vor sich hergewälzt hatte, erkannte er, daß dieses Weib seine letzte Probe war. Sie hatte ihn zum Narren gehalten, ihn lachend bis hart zum Rande des Abgrunds geführt. Ob sie noch die Macht besaß?— oder war hier eine Möglichkeit zur Rache? Vor Tisch war ein solches Gedränge um den großen Mann, daß Törres nur einen Schimmer von ihr in einer Damengnippe zu sehen bekam. Aber er erkannte im gleichen Augenblick den warmen Stoß nach seinem Herzen, als ob sein Athem stocken wollte vor diesem Weibe, das ihn so früh überwältigt hatte, und dessen Macht noch die gleiche zu sein schien. Dann begannen die Reden, man bespeiste den großen Mann mit den fettesten Worten, auf die nian kommen konnte. Zuerst sprach Bankpräsident Christensen ans die jungen Kräfte, welche sie allmälig ablösen sollten nnd die Arbeit weiter führen usw. Daraus brachte Rechtsanwalt Dreher einen Gruß von den Kleinen in der Gesellschaft, für welche Herr Wall ein Vater und Wohlthäter wäre. Dann kam ein Deputirter vom Lande und sprach auf den selfinaclk man, aus der Wurzel des Volkes usw. Am besten aber sprach Prediger Opstad. Er wollte nicht, daß man zu stark den sslkmacks man, wie es hieß, betonte. Von sich selbst aus ver- möchte der Mensch nichts, und Niemand wüßte das besser als sein Freund— T. Wall. In beständiger Erkenntniß dessen, daß der Segen von oben käme und ganz ohne unser Verdienst, hätte dieser Biann sich aus kleinen Verhältnissen heraufgearbeitet, und darum hätte Gott seine.Heerde fett gemacht nnd ihm viel von irdischem Gute gegeben. Und wie empfangen, würde er es auch verwalten— dessen war der Geist- liche gewiß. Törres hatte auf all dies mit vieler Würde geantwortet; er hatte so gute Vorstudien beim Bank- Präsidenten gemacht und sich später in der Kammer ausgebildet, daß er die leersten Worte und die glattesten Schmeicheleien heraus sagen konnte, wie ein ernster Manu, der von Herzen spricht. Frau Steiner saß weit unten am Tische neben einem ihrer alten Kavaliere; sie konnte den Ehren- gast sehen, imnier, wenn er sich zum Sprechen er- hob; sie hörte, was er sagte, und was die Anderen zu ihm sagten. Und das war jener Ladenjnnge, den sie einst zu ihrer Verfiigung gehabt und zum Narren gemacht hatte! Seit dieser Zeit hatte sie selbst viele Enttäu- schlingen erlebt. Die Hauptstadt hatte sich bereits verändert, als sie wieder dahin kam. Es war ge- rade so weit, daß die Leute sich ein bischen an einen Skandal oder eine Scheidung erinnerten, aber sonst beschäftigten sie ganz neue nnd viel schlimmere Ge- schichten. Sie fühlte, man betrachtete sie mit einem gewissen Interesse, aber doch als Eine, welche ihre Mission schon erfüllt hätte. Und da auch ihr Mann, der sich nicht im mindesten gebessert hatte, nicht weiter das bisherige Verhältnis; fortsetzen konnte, indem— wie er sich schamlos genug ausdrückte— sein Ge- schüft nicht eine Geschiedene und eine Illegitime zu- gleich aushalten konnte, war sie in die kleine Stadt zurückgekehrt, halb in Verzweiflung und ganz rath- los für die Zukunft. Schön war sie noch und gekleidet wie keine Andere hier im Saal. Und während das große Fest weiter ging und alle Anbetung an den Einen verschwendet wurde, begannen Frau Steiner's Augen Glanz anzunehmen, und sie fragte sich, ob hier nicht noch möglicherweise zu finden wäre, was sie brauchte: sorgloser Reichthum und ein Mann. Sie hatte noch eine gewisse Angst vor seiner Plumpheit behalten, aber alle Welt lag ihm ja zu Füßen, er konnte sich nicht geändert haben. Schlimmer war, ob er gemerkt hätte— und er hatte es ganz gewiß hinterher gemerkt— wie viel Schuld sie an jenem Abend hatte; ob er ihr vergeben hätte? Ob sie ihn zum Vergessen bringen könnte? Beide waren unsicher, als sie einander begegneten, nachdem er lange um sie gekreuzt hatte. Und wie nach Uebereinkunft nahm sie sofort seinen Arm, und sie gingen in eines der Nebenzimmer, wo Niemand war. Sein Herz schlug wie in seiner Jugend, als sie sich setzten; sie lachten Beide etwas und konnten keinen rechten Anfang finden. „Sie haben sich wahrhaftig sehr verändert, Herr Wall." „Das haben Sie aber garnicht, nicht im Ge- ringsten," sagte er nnd sah ihr in's Gesicht und hinunter über ihre weißen Schultern mit diesem gierigen Blick, den sie wieder erkannte und vor dem sie sich unwillkürlich zurückzog. „Wir trafen uns nie in Christiania," sagte sie. „Ich fragte nach Ihnen in den feinsten Kreisen, aber keine Menschenseele kannte Sie." Er war doch derselbe; sie wechselte das Thema. „Wie ging es Ihnen in der Kammer?" „Ausgezeichnet," antwortete Törres. Sie kannte auch diesen Sanguinismus. „Aber— aber ist es nicht etwas schwierig— so hineinzukommen?" „Ach, ich genirte mich nicht, ich war ja reicher als die Alle zusammen!" sagte er und lachte sie mit seinen starken Zähnen an, so daß sie sich wieder etwas zurückzog. Indessen war er jetzt in's Geleise gekommen und erzählte ihr, wie einem vertrauten Freunde, all -- das, was er in den letzten Jahren ausgerichtet hatte. So viel sah er sofort, daß nicht weiter die Rede davon war, ihn zum Narren zu machen; es galt vorläufig, die Vergangenheit vergessen sein zu lassen und sie warm zu nehmen, schnell, während er in seinem Glänze und sie ohne Stütze war. lind eine Macht kam über ihn bei dem Ge- danken, daß er dem allerunmöglichsten Traum seiner Jugend nahe war; dieses Weib, das für ihn das blendendste gewesen war und noch war, das so schwindelnd hoch gestanden, hatte er jetzt die Mög' lichkeit, in seine Gewalt zu bekommen. Er würde diesen weißen Nacken küssen— und ihn beugen: die Liebe brannte in ihm zugleich mit etivas von Rache, so wie er die Weiber lieben niußte. Sie hatte ihre Berechnungen vergessen und fühlte sich entwaffnet. Die Stärke, welche sie schon in gewissem Maße an dem Bauernburschen bewundert hatte, überwältigte sie. Sie wurde immer bleicher, während er noch sprach. Zuerst hatte sie überlegt, ob sie ihn nehmen sollte, aber jetzt fühlte sie, daß zum Schlüsse er sie nahm. Mehrmals hatten besorgte Herren vom Festcomite nach dem Ehrengaste gespäht und sich diskret znrllch gezogen. Törres ergriff ihre Hand und sagte:„Jetzt habe ich Alles, außer dem Höchsten. Gestatten Sie mir, Sie in die Räume hineinzuführen, aus denen Sie mich einst vertrieben, dann werden wir quitt sein— und doppelt glücklich." Ein Schauer durchfuhr sie, aber gleichzeitig näherte sich vorsichtig Bankpräsident Christensen. „Es ist wohl schwierig, sich zu einigen?" fragte er fein. „Nein, wir sind jetzt einig," rief Törres Wall strahlend.„Nicht wahr, Frau Steiner?" Sie erhob sich, sie standen Hand in Hand vor dem lächelnden Bankpräsidenten. Sie wandte ihren Kopf zu Törres Wall's starker Schulter und flüsterte:„Ja, wir wollen einig sein."-- Als er spät in der Nacht von seinem Fest, das sich zu einem stürmischen Verlobungsgelage ent- wickelt hatte, nach Hanse ging, machte Törres einen Umweg, um seine Verlobte nach ihrem Hause ZU begleiten. In der warmen hellen Sommernacht strich der Duft von den Feldern nnd den Haidekrauthügeln in die Stadt hinüber. Törres blieb an einer Elke stehen und sog die Luft in langen Zügen ein. Und mit der bekannten Landluft stiegen Kindheit und Jugend wieder in seinen Sinnen auf— Zeiten- an die er sonst in diesen geschäftigen Jahren niast gedacht hatte. Auch seiner Familie hatte er niast viel gedacht; kam Einer von ihnen zur Stadt, l" war seine erste Sorge, ihn wieder los zu werden� Aber in der Nacht legten sich auch die Erinne« rnngen über seine Stimmung, die so weich u»d glückgesättigt war, wie nie vorher; nnd er glaubte, daß er wahrgesprochcn, Gott hatte seinen Segen Arbeit gegeben. War es nicht mit ihm in Allem so gegangen wie mit Jakob?— und bekam er niast jetzt— am Ende der sieben Jahre— seine Rahe� — die herrlichste Rahel, welche je ein Mann gewönne»- Vor seinem Hause blieb er stehen und betrachtete die großen goldenen Buchstaben in seinem selfma»® Namen; aber oben in den Zimmern und im Schlaff zimmer gingen seine Gedanken weiter vorwärts — zu der schönen Frau in seinen Salons, de» bewundernden Gästen, und seiner Macht über Alle- Und als er sich entkleidet hatte und zu Bett ging, dachte er an die Kinder, und er fing an 3� studireu, wie er wohl seinen erstgeborenen Sah» nennen sollte., Plötzlich— wie durch eine Offenbarung sta» der Name vor ihm, und er nannte ihn halblaut'»' Dunkeln, wie aus Dankbarkeit. „Jakob" war der Name!„Jakob" war de� Name, den sein Sohn führen sollte, und er selbst würde ihn lehren, ihn zu führen.— Ende. r IHc Heue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 283 Ae geologilche Uiliigktit kl Manzen initi Uiere. lSchluß.) Von Kurt Krc>ltc',oih. ine Gattung der Gitterthierchen, die sogenannten J}) Nummuliten, die in der Frühzeit der tertiären Epoche lebten, hat das Stannenswertheste don gesteinsbildcnder Thätigkeit geleistet. Obwohl sie U"r während einer verhältnißinäßig kurzen Zeitspanne Erdenbürger waren, nur einen kleinen Theil einer kinzigen Epoche ihren LebcnSfaden spinnen konnten, so haben sie doch während dieser Zeit sich die gewaltigsten Denlinäler gesetzt, die jemals Wesen zu erbauen im Stande waren. Sie bilden eine ununterbrochene, bisweilen mächtig anschwellende Gesteinsschicht, die i>ch von Marokko und Spanien durch Nordafrika Und die europäischen Gebirge, Alpen, Apenninen, Karpathen, ferner durch die Balkanhalbinscl iiber Kleinasien, Persien, Indien, China bis nach den hniterasiatischen Inseln dahinzieht. Sie besaßen also k>nen ganz ungeheueren Vcrbreitungsbezirk, und ihre vwhl muß eine so unermeßliche gewesen sein, daß uienschliche Auffassung sich davon keinen Begriff Usachen kann. Wie ungeheuer viele Millionen dieser Thiergeriiste mögen auf einen einzigen Kubikmeter Kalkstein gehen; und nun denke man sich die ungezählten Millionen von derartigen Kalksteinwiirfeln, aus denen aer Nummnlitenkalk nur der Alpen besteht. Wenn andere kalkverivendende Wesen auch nicht biese gigantische Bauthätigkeit entwickelten, so ist ihre Spur doch allenthalben auf der Erde nachweisbar. Denn es handelt sich hier nicht um kleine und lokale «etheiligung der Organismen am Bau der Erd- aberfläche, ihre Bedeutung dabei ist im Gegentheil ai"e ganz gewaltige und äußerst vielseitige. Die Dhät'gkeit vieler Wesen aber bekommt noch eine ganz besondere Wichtigkeit dadurch, daß sie selbst als Wirkliche Baumeister Gebilde aufführen, welche das Niveau der Erdoberfläche unmittelbar verändern. Denn aic Thiere und Pflanzen, deren kalkige lleberreste den Meeresboden bedecken oder bedeckt haben, sind �wächst nur dafür thätig, die Tiefen auszufüllen. ßis gicbt nun aber Thiere— es sind die bekannten Korallen— welche sich des„Hochbaues" befleißigen. Ünter Korallen ist keineswegs eine einzelne Thierart Zu verstehen, der Name umfaßt vielmehr eine ganze Gruppe von Wesen, die, in der Hauptsache aus einer das Mcerwasser aufnehmenden Magenröhre bestehend, Zu Kolonien, sogenannten Stöcken vereinigt oder bielmehr zusammengewachsen sind. Die Koralle sitzt »lit ihrer unteren Seite auf dem Meeresboden fest. Sie vermehrt sich besonders durch Knospung, wobei die jungen Thiere an den Seiten des alten, ähnlich 'vie pflanzliche Triebe hcrvorwachsen. Die Jungen bleiben dabei mit dem Muttcrthiere immer verbunden und indem sie sich nun ihrerseits auf dieselbe Weise dermehren, kommen jene seltsam verzweigten Stöcke Zu Stande, aus denen die Korallen bestehen. Jedes dieser Wesen besitzt ein kalkiges Skelett, die Hunderte bon Individuen aber, die einen Stock zusammen- letzen, bilden ein zusammenhängendes Kalkgeriist, ans dessen Ziveigspitzen die Einzelthicre hervorgucken. Nun lagern aber bei den riffbauenden Korallen viele Stöcke Uebeneinandcr, und die abgestorbenen Kolonien, die ganz und gar verkalken, werden als Unterlagen benutzt, auf denen neue Korallenstaaten ihr Heim gründen. So wachsen denn die Korallenriffe vom Meeresboden aus allmälig in die Höhe. Allerdings lieben die Thiere verhältnißmäßig seichte Meere, tiefer als sechzig Meter darf der Grund nicht sein, auf dem sie sich ansiedeln. Außerdem sind die Korallen, wenigstens die der jetzigen Erdperiode, Bewohner heißer Gegenden. Sie gedeihen nur in einem Wasser, dessen Temperatur nie unter 20 Grad Eclsins sinkt. Sie sind demnach auf die tropischen und subtropischen Meere beschränkt. Aber da gerade i» diesen Zonen das Meer ungeheuere Dimensionen einnimmt und der ganze Stille Ozean in diese Region lallt, so ist die Verbreitung der riffbanenden Korallen eine ganz gewaltige. Obivohl die Korallen nur eine u>äß ge Mecrtiefe lieben, so sind sie keineswegs nur an den Küsten vorhanden. Denn abgesehen davon, daß es auch mitten im Meere seichte Stellen giebt, so entwickeln die Thiere auch überall an hervor- ragenden unterseeischen Felsen oder auch an Inseln ihre Bauthätigkeit. Es kommt aber vor Allem dazu, daß die Korallen vielfach ihre Arbeit schon in früheren Erdepochen begonnen haben, als das Meer ein ganz anderes Niveau hatte. In demselben Maße, wie das Wasser im Laufe der Zeit stieg, wuchs auch der Sorallenban mehr und niehr in die Höhe, sodaß die Korallenriffe heute ganz bedeutend weiter als 60 Meter, mitunter 1000 Meter in die Tiefe reichen. Natürlich stammt dann nur der obere Theil ans der Jetztzeit, und von diesem oberen Theile ist wieder nur der oberste von lebenden Thieren bewohnt. Diese aber bauen ununterbrochen weiter, bis sie die Ober- fläche des Wassers erreichen. Hierdurch ist dann eine Koralleninsel entstanden, die durch das Gespllle des Meeres und durch Pflanzenwuchs bisweilen um einige Meter über die Oberfläche erhoben wird. Es giebt freilich auch Koralleninseln, die durch allmälige oder plötzliche vulkanische Erhebung des Meeresbodens weit über den Wasserspiegel emporgeriickt werden. Dabei ist die Ausdehnung mancher Korallenbauten außer- ordentlich groß, einige dieser Riffe sind 150 Kilo- meter breit und fast 2000 5i'ilometer lang. Im Stillen Ozean allein werden 300 Koralleninseln ge- zählt, ganz abgesehen von den vielen Riffen und sonstigen Bauten, die auf die Thätigkeit von Koralleu zurückzuführen sind. Auch im Atlantischen Ozean haben diese Thiere eine rege Wirksamkeit entfaltet. So ist die Halbinsel Florida zum großen Theil von Korallen gebaut. Außerordentlich reich an Bauwerken dieser Thiere aber ist die slldasiatische Küste. Hier liegen auch die größten Koralleninseln, die es über- Haupt giebt, die Lakkediven und die Bkaledivcn. So kann man denn sagen, daß die Korallen den Meeres- beben der tropischen Ozeane in ganz wesentlichem Grade verändern, daß sie ihm eine Menge steiler Erhebungen geben, von denen nur ein geringer Theil als Insel sichtbar wird, und daß sie weiterhin auch das Festland erweitern oder die Küste mit einem festen Walle umgeben, der sie vor der Zerstörung durch die Wogen schützt. Auch in der Vorzeit haben diese Thiere ihre Riffe gebaut, die heute als feste Kalksteingebirge an den verschiedensten Punkten der Erde zu Tage treten und sich äußerlich kaum von den Erdschichten unterscheiden, welche der kalkverwendenden Thätigkeit anderer organischer Wesen zuzuschreiben sind. Bei der gesteinsbildenden Arbeit der Thiere und Pflanzen spielt also der Kalk eine Hauptrolle. Jndeß ist er nicht das einzige Material, das jene bei ihrer geologischen Bauthätigkeit verwandt haben. Neben dem Kalk ist es der Kohlenstoff, der in derselben Weise als Ueberrest organischer Wesen, speziell der Pflanzen, große und mächtige Lager der Erdober- fläche zusammensetzt. Es ist die bekannte Erschei- mnig, daß die Wälder der Vorzeit unter besonders günstigen Verhältnissen sich erhielten und im Laufe der Zeit als Kohle mehr oder minder große und dicke Lager im Erdboden bildeten. In früheren Erdepochen, als das Klima noch bedeutend wärmer und feuchter lvar, mehr Kohlensäure die Luft er- füllte, entwickelte sich die Banmwelt zu üppigster Bliithe. Die Bäume, zum Theil aus riesigen Farren, Cykadeen, Nadelhölzern und Palmen bestehend, wucherten aus feuchtem Boden schnell empor. Sank einer dieser Niesen ans Altersschwäche oder, von anderen seinesgleichen bedrängt, dahin, so wuchsen über ihn, ehe er verwesen konnte, neue Pflanzen empor. Ueberschwemmnilgen bedeckten ihn mit einer dünnen Erdschicht, jedenfalls wurde der zerstörende Einfluß der Luft ihm ferngehalten, und das ist das Wesentliche bei der Umwandlung des Holzes in Kohle. Der Baum machte einen Vcrmodernngsprozeß durch, bei lvelchem sich sein Hauptbestandtheil, der Kohlen- stoff erhielt, während die übrigen Bestandtheile durch das Wasser nach und nach hinweggcfiihrt wurden. Aber diese Veränderung geht nur außerordentlich langsam vor sich. Daher kommt es auch, daß die Brannkohlen, die ans der Tertiärzeit stammen, nie so weit in der Verkohlnng vorgeschritten sind, ivie die Steinkohlen, die ans der vorhergehenden Epoche stammen, und daß auch die Braunkohlen wie die Steinkohlen immer reicher an Kohlenstoff werden, einem je älteren Abschnitt ihrer Epoche sie angehören. Beim Anthrazit, der noch in der Periode vor der Steinkohlenzeit entstand, sind alle anderen Bestand- theile so weit entwichen, daß er sogar bis 04 Prozent Kohlenstoff enthält, während die jüngste Brannkohle davon 67 Prozent aufweist. Am weitesten vor- geschritten in der Verkohlung aber ist der Graphit, der aus der archäischen Periode stammt, der Zeit, in welcher die Erdkruste eben erst festgelvorden war und das Wasser und die Pflanzenwelt ihre geologische Thätigkeit begannen. Der Graphit, der sich nur in einzelnen Nestern an verschiedenen Punkten der Erde findet, besteht vollständig aus Kohlenstoff, in ihm ist der Verkohlungsprozeß beendet, der so unermeßliche Jahrmillionen in Anspruch nimmt. Uebrigens waren die Pflanzen, die dem Graphit seinen Ursprung gaben, Algen, doch ist die Pflanzenart für den Werth und die Vermodernngsstufe, auf der die Kohle steht, von keinem Belang. Nur die Zeit verwandelt allmälig eine Pflanze in Braunkohle, Steinkohle, Anthrazit und schließlich in Graphit. Allerdings können bc- sondere Ereignisse, hauptsächlich die Berührung mit vulkanischen Massen, eine schnellere EntWickelung des Verkohlungsprozesses hervorrufen. So ist beim Zu- sammenstoß mit dem aus der Tiefe hervorquellenden gluthfliissigen Basalt die Brannkohle des Meißners in der Nähe von Kassel in Anthrazit umgewandelt worden. Der erste Prozeß der Verkohlung kann aber noch heutzutage beobachtet werden. Denn die Bildung des Torfes ist der erste Schritt auf dem langen Wege, der zur Umwandlung der Pflanzen- substanz in reinen Kohlenstoff führt. An feuchten, sumpfigen Stellen siedeln sich eine Menge Pflanzen, besonders Torfmoose an, die auf den abgestorbenen Theilen ihrer Gefährten immer weiter wuchern, dabei aber eine so feste, luftabschließende Decke über diesen bilden, daß nie eine Verwesung, sondern nur eine Vermoderung unter Konservirung des Kohlenstoffes eintreten kann. Ist die vermodernde Schicht bereits sehr dick, so wird sie fester, und nun können auch einzelne Sträucher und Bäume, besonders Erlen und Weiden, ihr Fortkommen hier finden. Werden diese Gehölze aber größer, so versinken sie häufig genug, durch ihr eigenes Gewicht herniedergerissen, in dem weichen Sumpf, und Torfmoose, Wollgräser und haideartige Pflanzen bedecken sie in kurzer Zeit so dicht, daß auch sie zu Torf umgewandelt werden können. Blätter, Zweige, Früchte der Pflanzen, die am Ufer oder in der Nähe des Sumpfes wachsen, werden häufig genug vom Winde in diesen gefegt und hier der allgemeinen Torfschicht einverleibt. Solche Torfmoore giebt es zum Beispiel in der Mark Brandenburg ungeheuer viele, und manche von ihnen ziehen sich, mehrere Meter dick, viele Meilen weit dahin. Sie fehlen aber wohl überhaupt keinem Lande, sie treten überall auf als Zeugniß der kohlen- bildenden Thätigkeit der Pflanzen, die allerdings früher ungleich viel stärker gewesen sein muß. Der liebergang von Torf zur Braunkohle ist auch heutigen Tages zu beobachten. Wo ein Torf- lager in der Nähe der See vom Flngsande bedeckt und unter dicken Dünenhiigeln zusammengepreßt wird, da ist der Torf bereits in eine Art Braun- kohle übergegangen. Die Braunkohle, die wir in der tertiären Epoche so häufig finden, wurde von mächtigen Bäumen eines Klimas gebildet, das be- sonders im Anfang bedeutend wärmer war als daS jetzt in Mitteleuropa herrschende. Denn außer Wall- nüssen, Eichen, Cypressen und Feigen waren auch Palmen an der Bildung der Brannkohle betheiligt. Wie noch heutzutage ganz Norddentschland ein er- giebiger Boden für Pflanzenverkohlung ist, so war dies auch in tertiärer Zeit der Fall. Denn die Braunkohlenablagerung ist am großartigsten und ans- gedehntesten im norddeutschen Tieflande vor sich ge- gangen. Dieses weite Gebiet, das im Wesentlichen ein tertiäres Gebilde ist, das aber während der Eis- zeit mit nordischem Geröll oberflächlich bedeckt wurde, war in jener tertiären Periode fast vollständig über- zogen von weiten, flachen Sümpfen, in deren warmem Boden und an deren Rändern eine subtropische Pflnnzemvelt auf's lleppigste gedieh. So ist denn überall der Boden Norddeutschlands bis in die Lcip- 284 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. ziger und Breslauer, sowie rheinischen Ansbnchtnngen hinein mit Kohlenflöhen von oft sehr weiter Ans- dehnung und cirofler Aiiichtigkeit durchzogen. Die Steinkohlen wurden in den beiden Perioden gebildet, welche der Tertuirepoche vorangehen, und sie sind um so gehaltvoller und auch um so reicher abgelagert, je älter sie sind. Denn in der Sekundär- cpoche, wo die heutigen Kontinente zumeist vom Meere bedeckt waren, hatten die Pflanzen keine große Gelegenheit, ihre kohlenbildende Thätigkeit zu ver- richten. Die Steinkohlen der Biickebnrger Gegend verdanken zum Beispiel jener Epoche ihre Entstehung. Am reichsten vollzog sich die Steinkohlenbildung in einem Abschnitt der Primärepoche, so reich, daß man jene Periode direkt Steinkohlenzeit genannt hat. Da- mals waren es nicht nur gewaltige Banmfarren, welche das Biaterial für die Steinkohle lieferten, sondern allerhand andere Kryptogamen, Schachtel- Halme, Bärlappe, welche als mächtige Bäume in kohlcnsäurereicher Luft und auf fenchtwarmem Sumpf- bodcn riefige Wälder bildeten. Die damalige Pflanzen- Welt, die noch keine Blumen, keine Monokotyledonen und Dikotyledonen kannte, war verhältnißmäßig arm an Arten, um so reicher war die Zahl der Jndivi- dnen. So bildeten denn die Pflanzen der Stein- kohlenperiode riesige Erdschichten, die an Größe den .Kalkablagernngen der organischen Welt fast eben- bärtig sind. Die Steinkohlengegenden Deutschlands, Englands, überhaupt Europas sind bekannt, sie stehen aber in keinem Verhältniß zu den ausgebreiieten Kohlendistrikten, welche in Nordamerika viele Staaten in undnrchbrochenem Znsammenhang durchziehen. Es lassen sich dort sechs gewaltige Gebiete unterscheiden. Davon erstreckt sich das eine an der Westseite des Alleghanygebirges hin über Ohio, Kentucky, Tenessee, Alabama und nördlich über Pennsylvanien. Es um- faßt ein Gebiet von 2400 Quadratmeilen und er- reicht an mehreren Stellen eine Mächtigkeit von 40 Nietern. Von den anderen fünf Revieren ist zwar nur eins ebenso groß, aber auch die anderen Steinkohlengebiete sind nicht eben klein zu nennen. Auch Asien ist reich an Steinkohle, besonders soll China noch unermeßliche, aber bisher noch uner- schlossene Kohlcnfelder besitzen. Uebrigens ist in den meisten dieser Distrikte die Steinkohle zum Theil in Anthrazit übergegangen. Jedenfalls läßt sich an der gewaltigen Verbreitung der Kohlen über die ganze Erde ermessen, welche außerordentlich wichtige Rolle die Pflanzen durch ihre kohlenbildcnde Thätigkeit bei der Zusammensetzung der Erdoberfläche spielen. Wie die Pflanzen infolge von Vermodernng Erd- schichten zusammensetzen, so führt auch die Ver- moderuug von Thieren zur Erzeugung besonderer, wenn auch viel unbedeutenderer Substanzen der Erd- rinde. Denn das Petroleum ist das Zersetznngs- Produkt aufgehäufter Thierleiber, die durch besondere Umstände vor Verwesung geschützt wurden. Das Erdöl findet sich an seichten Meeresbuchten, in denen sich eine reiche Thierwelt entwickelte. Durch Abschluß vom Meere wurde der Busen, da viel Wasser ver- dunstete, immer enger und die Thierwelt konzentrirte sich an einer immer kleiner und kleiner werdenden Stelle, bis das Wasser überhaupt zum Leben nicht mehr ausreichte. Hier gingen nun diese zusammen- gepferchten Thiere massenhaft zu Grunde, aber eine Verschiittnng durch Erde bewahrte ihre Leiber vor Verwesung. Durch allmälige Zersetzung bildete sich ans ihnen das Erdöl, das sich an verschiedenen Stellen des Erdballs in unterirdischen natürlichen Bassins findet und ans Quellen zu Tage tritt. Solche Quellen sind vor allem im Elsaß, auf der Insel Zante in Griechenland, auf der Halbinsel Abscheron am Kaspisee und in besonderer Ergiebigkeit in den Unionsstaaten Ohio, Pennsylvanien und in West- Virginien. Eine ähnliche Entstehung, wie das Petroleum, hatte auch der Asphalt, der ebenso, wie jenes, zum großen Theil aus Kohlenstoff in Ver- bindnng niit Wasserstoff besteht und darum ein Seitenstück zu den Kohlen bildet. Doch können sich diese thierischen Verkohlungsprodnkte an Bedeutung und Verbreitung mit denen der Pflanzen nicht im geringsten messen. Neben der Bildung von Kalkgebirgen und Kohlen- flötzcn üben die Pflanzen auch durch Ablagerung von Kieselerde einen gesteinbildenden Einfluß aus. Es sind nur Mikroorganismen, die diese Schichten von Kieselerde erzeugen, Strahlenthierchen und Kieselalgen, aber schon das Beispiel der Nummuliten hat zur Geniige gezeigt, welche ungeheuere erdumgestaltende Kraft gerade diese Kleinwesm entwickeln können. Gleich den Nummuliten umgeben sich auch die Kiesel- algen und Strahlenthierchen mit einem festen Panzer, der hier aber nicht aus Kalk, sondern eben aus Kieselerde besteht. Indem sich nun die Panzer der sterbenden Mikroorganismen im Meere übereinander- häufen, entstehen ausgedehnte Lager von Kieselerde. Noch heutzutage ist das Meer an vielen Stellen mit großen Schichten von Panzern der Strahlenthierchen bedeckt. Aber auch in der Vorzeit sind auf diese Weise größere Ablagerungen entstanden, die heute als Polirschiefer und Kieselguhr größere, in Nord- amerika sogar Hunderte von Nietern dicke Erdschichten bilden. Unter anderen ist auch der Boden, auf dem Berlin steht, aus den Kieselpanzern mikroskopischer Pflanzen zusammengesetzt. In kleinerem Maßstäbe sind Thiere und Pflanzen noch vielfach die Veranlassung zur Bildung der ver- schiedenartigsten Gesteine und Schichten der Erd- oberfläche gewesen. So ist aus der Anhäufung von Knochen größerer Wirbelthiere eine besondere als „Knochenbreccie" bezeichnete Erdbildnng entstanden. Die Skelette mächtiger Reptilien und Fische haben an mehreren Stellen der sogenannten Triasformation (des Zeitabschnittes, der der Jnrazeit voraufging) kleinere Schichten gebildet. Lagen von Knochen, die von Elephanten, Flußpferd, Rhinozeros und anderen Thieren des Diluviums herrühren, fanden sich häufig in Höhlen und Spalten von Gebirgen, wo diese Thiere jedenfalls Unterschlupf suchten. Die seltsamste Art und Weise der Erdverändernng findet sich aber ohne Zweifel bei einigen Seevögeln, welche auf den Inseln und Küsten des westlichen Südamerika ihre Exkremente absetzen. Bei dem guten Appetit, den diese Vögel entwickeln, und dem Reichthum an Fischen, die ihnen zur Nahrung dienen, absolviren sie ihre Thätigkeit mit so großem Erfolge, daß weite Küsten und Inseln mit Guano bedeckt werden und daß dieser bis zu zwölf Meter dicke Schichten bildet. So technisch wichtig die Guanoerzeugung ist, so schädlich ist eine andere Erdbildung, welche durch den Einfluß von Pflanzen entsteht. Die norddeutschen Heiden iverden meist von einer ausgedehnten, wenn auch wenig mächtigen rothen Erdschicht durchzogen, welche sich nur wenig unter der Bodenoberfläche dahinschiebt. Sie ist so stark eisenhaltig und so fest, daß keine Wurzel durch sie hindurchdringen kann und daß infolgedessen jeder Baumwuchs ausgeschlossen ist und nur armseliges Haidekraut hier gedeihen kann. Dieser sogenannte Raseneisenstein wird durch die chemische Einwirkung verwesender Pflanzen auf die Bodenunterlage erzeugt. Außer in Norddeutschland ist dieser für den Acker- und Forstbau sehr ver- hängnißvolle Raseneisenstein auch noch in Holland und in Polen sowie in Skandinavien ziemlich weit verbreitet. Ganz anders ist die Wirkung der Man- grove- Bäume, welche in tropischen Gegenden an sumpfigen Flußrändern und Meeresbuchten wachsen und vom Ufer aus immer weiter in den Atorast eindringen. Durch ihre eigenartige dichte Verwurzelung bilden sie auf und in dem Wasser undurchdringliche Dickichte, in denen das Gespüle des Meeres sich verfängt. Auf diese Weise wird der sunipfige Boden nach und nach ausgefüllt und seines Sumpfcharakters beraubt und neues Land dem Meeresboden ab- gerungen. Auch verhindern die Mangrove- Bäume, daß der Schlamm, den Flüsse mit sich führen und au ihrer Mündung absetzen, von der Meeresströmung hinweggefiihrt wird. Sie benutzen ihn vielmehr, um auch damit in der wirksamsten Weise das Küstenland zu erweitern und auf Kosten des Meeres zu ver- größern. Noch in manch anderer Weise wirken Pflanzen und Thiere, wenn auch in bescheidenerem Maße, auf die Bildung der Erdoberfläche ein. Es ist jedenfalls klar, daß die organischen Wesen eine höchst mannigfaltige geologische Thätigkeit entwickeln. Sie sind es, die viele vorhandene Gebilde der Erdoberfläche zerstören und die andererseits auch solche Gebilde in reichstem Maße schaffen. Wie die organische Welt an Formen und Kraftbethätigunß viel reicher und mannigfaltiger ist als die anorganische, so ist auch die geologische Thätigkeit der Pflanze» und Thiere weit abwechslungsreicher, buntfarbiger und interessanter als die Wirkung aller der anderen Kräfte, welche an der Umgestaltung des Erdbodens arbeiten.— � j Die Sintfluthsclgen. Von A. Demmer. mnter den großen Naturereignissen von ver- nichtender Wirkung, die im menschliche» � Bewußtsein einen gewaltigen, unvergeßliche» Eindruck hinterlassen, stehen Ueberschlvenimungen vo» ungewöhnlichem Umfang durch Verbreitung und Häufig'' keit ziemlich obenan. Es ist daher sehr begreiflich, daß sich in den ältesten Ueberlieferungen zahlreicher Völker aus Zeiten, als das Leben sonst einförmig dahinfloß, der Gesichtskreis eng begrenzt, das Wisse» gering war, die Erinnerung an besonders furchtbare und opferreiche Ueberschwemmnngen findet, die da»» leicht zu Ueberfluthnngen des ganzen Erdkreises»»t Vernichtung alles Lebenden ausgestaltet werden. Merk- würdig aber ist, daß für eine dieser Ueberliefernnge» noch heute vielfach der Anspruch erhoben wird, buchstäblich für wahr gehalten zu werden. Sie ist ciw halten in den Kapiteln des ersten Buches Ntosis, der Genesis, die erzählen, wie Gott beschließt, die Menschen wegen ihrer Verderbtheit vom Erdbode» zu vertilgen, und zu diesem Zweck eine allgenienu', eine Sintfluth* über die Erde hereinbrechen läßt, die selbst die höchsten Berge bedeckt, und der»»>' der fromme Noah, seine Frau, seine drei Söll»r und deren Weiber als Stammhalter der künftige» Menschheit nebst Exemplaren aller Säugethiere, Böget und Kriechthiere in einer von Noah erbauten Arche entrinnen. Es braucht kaum darauf hingewiesen zu tvcrde», welche Menge unüberwindlicher Bedenken sich der buchstäblich verstandenen biblischen Erzählung c»b gegenstellen. Wenn die höchsten Berge Lberschwe»»»! gewesen sein sollten, so müßte die Fluth auf der ganzen Erdkugel die Höhe von etwa 0000 Meter über dem Meeresspiegel erreicht haben, und nm» fragt sich vergeblich, woher dieses Wasserquantrn» kommen sollte. Hier muß man schon ein Wunder annehmen, wovon freilich in der Bibel nichts steht- Die Vulkane der Tertiärzeit, also einer Epoche, es noch keine Menschen auf der Erde gab, habe» lockere Aschenkegel, die von der Fluth hätten weg' gespült werden müssen; da dies nicht geschehen ist, so muß man hier wieder ein Wunder annehme»- Fische wurden in die Arche nicht aufgenommen,»u» können die»leisten Fische nur entweder in SalZ' oder in Süßwasser existiren, hätten also in der dum die Sintfluth erzeugten Wassermischnng zu Gründl gehen müssen, lieber die erstaunliche Bauart der Arche, die drei Stockwerke, aber nur ein einzig� Fenster obenan von der Größe einer Elle hat, braucht- kein Wort verloren zu werden. Aber fragen»>»» man sich, wo in einem Fahrzeug von 300 Elle» Länge, 50 Ellen Breite und 30 Ellen Höhe Pl»h war nicht nur für die riesige Menagerie von Thiere», sondern auch für Lebensmittel auf ein ganzes Iah»! hier muß man wiever ein Wunder annehmen, etw» ein besonders konzentrirtes Nahrungsmittel, wie das denn auch geschehen ist. Genug, jedes weitere Wm» würde die Undenkbarkeit einer allgemeinen Fluth m» allen Nebenumständen, wie sie in der Bibel stehe», nur noch augenscheinlicher machen, ohne doch weiter zu führen. � Um zu verstehen, wie der biblische Bericht auf' zufassen ist, inwiefern er Glauben verdient, was Z» Grunde liegende Thatsache, was spätere Ausschmückung ist, muß man seiner Zusammensetzung und seinem Alter auf die Spur zu kommen suchen. Da ist nun das Wichtigste, daß die Sintflutherzählnng der Bibel So schreibt Luther noch stets; das Wort bedeutet „allgemeine Fluth" und hat mit„Sünde" nichts Z» schaffen; darum ist die Schreibart„Sundflulh" unrichtig- 286 Die Neue Welt. Illustrirte Nnterhalwngsbeilage. i nichts Einheitliches ist, sondern ans zwei lieber- lieserungen ziemlich äußerlich zusammengesetzt wurde. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts machte ein französischer Arzt Namens d'Astruc die Ent- dccknng, daß man in der Genesis zwei Quellen- schriften unterscheiden könne, die daran kenntlich seien, daß in der einen Gott immer mit Jahve(bei Luther mit„Herr" übersetzt), in der anderen mit Elohim (bei Luther„Gott") bezeichnet werde: daher die nnansgesetzten Wiederholungen und zahlreichen Wider- spräche. Diese Entdeckung hat sich nun vollkommen bestätigt und ist bedeutend ausgebaut worden. Alan nennt seitdem die eine Quelle, die der Genesis zu Grunde liegt, den Jahvisten, die andere den Elo- histen. Jener hat gegen 800 v. Chr. geschrieben, Dieser dagegen erst in der Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Beide kommen nun auch in der biblischen Sintflntherzählung zu Worte, so daß man sie fast lückenlos wieder herstellen kann, und wenn sie auch in der Hauptsache überstimmen, so wider- sprechen sie sich doch in einer Anzahl Einzelheiten. Nach dem Jahvisten ninimt Noah von den reinen Thieren je sieben, von den unreinen je ein Paar in in die Arche, nach dem Elohisten von allen Thieren ohne Unterschied ein Paar, und was wesentlicher ist, bei dem Jahvisten dauert die ganze Katastrophe nur achtundsechzig Tage, bei dem Elohisten dagegen ein ganzes Jahr; nach Diesem landet der Kasten im Gebirge Ararat, worunter übrigens nicht etwa der heute so genannte Berg, sondern das Land Armenien zu verstehen ist, während bei dem Jahvisten überhaupt kein bestimmter Ort genannt wird. Also um eine dem Wandel der Zeit unterworfene Ueberlieferung handelt es sich, die kritisch betrachtet sein will und die die aller Wahrscheinlichkeit nach zu Grunde liegende Thatsache sicher sehr umgestaltet und durch nach- träglich zugefügte Züge erweitert wiedergiebt. Beide Quellen wissen nun freilich von einer Ueberfluthung der ganzen Erde zu erzählen. Wie wenig das aber besagt, entnehme man daraus, daß noch zu der Zeit, als das erste Buch Mosis in seiner jetzigen Gestalt aufgezeichnet wurde, der geographische Horizont der Juden sich laut der Völkertafel im zehnten Kapitel der Genesis auf Vorderasien und Nordostafrika be- schränkte, während sie von dem Goldlande Ophir in Indien und der phönizischen Kolonie Tartcssus in Spanien nur ganz dunkle Vorstellungen hatten. Zu den Zeiten nun erst, als das der Ueberlieferung zu Grunde liegende Ereigniß sich abspielte, mußte also der geographische Gesichtskreis uothwendig so eng sein, daß man die beiden biblischen Schriftsteller billigerweise mit ihrer„ganzen Erde" garnicht beim Wort nehmen darf. Man hat nun den Bericht des Elohisten weiter gepreßt, um herauszubekommen, wo die Fluth nun eigentlich stattgefunden, indem man daraus, daß nach dem Elohisten das Wasser in drei Monaten bis auf die Gipfel der Berge, ztvanzig Fuß fiel, daß viereinhalb Monate später die Erde wieder völlig trocken war, schloß, daß die„höchsten Berge" des Elohisten blos dreißig Fuß hoch waren, daß nian es also mit einem Tieflande als Schauplatz der That zu thnn habe, und das könne nur Äieso- potamien, das Stromland des Euphrat und Tigris sein. Daß die Ueberfluthung in Mesopotamien, dem Lande, wo die Juden ihre Heimath suchten, entstanden, ist nun freilich wahrscheinlich, aber nicht aus den Zeitangaben des Elohisten zu schließen; denn dieses sind später zugefügte Details, die mit der ursprüng- lichen Lage nichts zu schaffen haben. Ohne ander- iveitiges Material läßt sich aus dem biblischen Bericht nur das als muthmaßlich thatsächlichen Kern heraus- schälen, daß irgendivann und irgendwo das Volk, bei dem die Tradition entstand, von einer großen Ueberschwemmung betroffen wurde, der die Meisten zum Opfer fielen, ein Theil aber ans Fahrzeugen und sonstwie entrann. Da kommen nun die Verfechter der biblischen Sintfluth bereits mit den Fluthtagen anderer Völker, um damit, wenn nicht die Allgemeinheit der Sint- fluth, so doch wenigstens das zu retten, daß sie die ganze damalige Menschheit betroffen habe, und daß nur Noah und seine Familie als Vorfahren der späteren Menschheit gerettet worden seien. Um als Erinnerungen an ein solches Ereigniß gelten zu können, müßten die betreffenden Sagen natürlich sehr große Aehnlichkeit mit dem biblischen Bericht ans- weisen, und zwar das in ihrer ältesten, nicht etwa in einer jüngeren, womöglich gar erst in christlicher Zeit und unter christlichem Einfluß entstandenen Fassung. Daraufhin wären denn die einzelnen Sagen anzusehen, was ja auch sein unabhängiges Interesse hat. Am bekanntesten ist die griechische Fluthsage, die sich an die Namen Denkalion und Pyrrha knüpft, wie sie erzählt ist in den„Verwandlungen" des römischen Dichters Ovid, der zur Zeit des Angustus, also gegen Christi Geburt, schrieb. Darnach be- schließt der Göttervater Jupiter aus Zorn über die Verruchtheit des ehernen Geschlechts, die Menschheit durch eine große Fluth zu vertilgen. Der feuchte Südwind wird aus der Höhle des Aeolus losgelassen und entfesselt gewaltige Regerigiisse, die Flüsse treten auf Neptuns Befehl über ihre Ufer, und mit seinein Dreizack erschüttert der Meeresgott die Erde, nin dem Wasser freie Bahn zu schaffen. Bald ist die ganze Erde mit Wasser bedeckt, die Meiffchheit vec- nichtet. Nur der fromme Deukalion mit seinein Weibe Pyrrha landet auf kleinem Fahrzeug an dein Berge Parnaß in der griechischen Landschaft Tbeisn' lien, und diese Beiden erzeugen eine neue Menschheit, indem sie Steine hinter sich werfen, die sich 111 Menschen verwandeln: daher sind wir ein so harte» Geschlecht. Die anderen Lebewesen bringt die Erde aus sich neu hervor. Aehnlich erzählt der griechische Schriftsteller Apollodor hundert Jahre früher die Sage, nur daß bei ihm die Fluth, die in der Pha»" taste des römischen Dichters eine allgemeine gewordeil ist, sich auf einen Theil von Griechenland beschränkt- Damit vergleiche man nun, tvas der Dichter Pindat zur Zeit der Perserkriege(Anfang des 5. Jnhr- Hunderts v. Chr.) über die Denkalion'sche Fluth Z" sagen weiß: Deukalion und Pyrrha, sagt er, stiegen vom Parnaß nieder, um die erste Stadt zu gründe» und unvermählt ein Steiugeschlecht zu erzeugen. Da» schwarze Erdreich der Ebene lag vom Schivalle de» Wassers überschwemmt, bis durch die Kunst de» Zeus die Fluth schwand. Hier ist die Sage>>»») ganz unausgebildet: man sieht nicht einmal, ob d>c Wasser von einer Ueberschwemmung oder vom lw spriinglichen Chaos herrühren. So erwähnt denil auch der Vater der Geschichte, Herodot, den Denkm lion als Stammvater der Griechen, ohne ein Wo« über eine Fluch zu sagen, während bei den Vätc»» der griechischen Mythen, Homer und Hesiod, de» Dcu'alion überhaupt nicht gedacht wird. Btit dic>cr Fluthsage, die günstigsten Falls eine Erinnerung»» eine Ueberschwemmung von Thessalien ist, läßt � t W also für die Noah'sche Fluth beim besten Wille» nichts beweisen.(Schluß sola-.) Eine Herbst-Fahrt in den„Rosengarten'!«4- Von Hiudokf Lcrvcent. kat der geneigte Leser eine Ahnung davon, was ein„Hüttenwart" ist? Wir kommen um die Beantwortung dieser Frage nicht herum, denn hätte der Schreiber dieser Zeilen nicht im letzten Herbst einen mit dieser Eigenschaft behafteten Herrn in Bozen kennen gelernt, so ist es mehr als fraglich, ob er die Tour, die er zu beschreiben hat, gemacht haben würde. Dergleichen wird von Niemandem zum Vergnügen, sondern höchstens ans Pflichtgefühl geplant und findet dann allerdings auch unter- nehmende Mitläufer, wenigstens zuweilen. Der große deutsche und österreichische Alpenverein, der wohl in jeder größeren Stadt Deutschlands und Oesterreichs eine Sektion besitzt, hat eine seiner .Hauptaufgaben darin erblickt, in den unwirthlichen Regionen des Hochgebirges bis zu 3000 Meter Bteereshöhe hinauf Schutzhäuser zu errichten, welche die Besteigung der Hochgipfel wesentlich erleichtern, das böse Bivonakireu überflüssig machen, dem Man- derer im Hochgebirge bei eintretendem Unwetter einen behaglichen Unterschlupf gewähren und ihn vor jeder Ausbeutung seiner Nothlage durch habgierige Wirthe schützen. So billig wie die Vereine könnte es aber auch der hnmanste und bescheidenste Wirth nicht machen, ohne in kurzer Zeit bankerott zu werden. Der— sehr mäßige— Preis für Grund und Boden, der— meist sehr hohe— Betrag der Baukosten— die gesammte Ausstattung mit Mobiliar, Kücheneinrichtnng usw.— die Kosten für Anlegung und Erhaltung bequemerer Zugangswege zur Hütte — die mitunter sehr erheblichen Reparaturen— Alles bleibt vollständig außer Ansatz, d. h. der Ge- sammtbetrag wird ä koucks pei cku hingegeben und die Sektionen sind meist schon zufrieden, wenn die Hütten keine fortlaufenden Zuschüsse erfordern und der Regie- aufwand durch die erhobenen Schlafgelder gedeckt wird. Diese Schlafgelder aber sind sehr niedrig; ein gutes Matratzenlager im allgemeinen Schlafraum kostet für Mitglieder alpiner Vereine 30 Kreuzer, für andere Menschenkinder 60 Kreuzer, ein Betrag, der auch drunten in den Thälcrn trotz der bekannten tiroler Billigkeit nicht reichen würde, obgleich man dort meist weder so sauber, noch so bequem unter- gebracht ist. Wollte ein Wirth in diesen Höhen ein Unterknnftshaus bauen, so müßte er, weil er doch zunächst sein Kapital zu verzinsen hätte, ganz andere Preise verlangen und er müßte das unisomehr thnn, als die Saison nur drei Monate dauert. Vor Mitte Juni schmilzt der Schnee nicht weg und im Sep- tember hat man bereits wieder niit Schneestürmen zu rechnen; so oft es im Thale regnet, schneit es in den Höhen und weicher, hoher Neuschnee hält die Besucher in den Thälem zurück und setzt den Wirth auf's Trockene. Hätte der Alpenverein nicht ein- gegriffen, so würden in diesen Höhen entweder keine Schutzhänser existiren oder es würde sehr theuer in ihnen sein und man müßte schon„sehr warm ange- zogen" sein, um überhaupt Hochtouren in den Alpen unternehmen zu können. Die meisten Hütten sind neuerdings im Sommer bewirthschaftet, d. h. die Sektion überläßt einem soliden Thalwirth die Bewirthschaftung ohne jede Entschädigung seinerseits, schreibt ihm aber dafür dt Preise für Speisen und Getränke vor und hängt/» der Hütte den betreffenden Tarif aus, so daß ds Tourist gegen jede Uebervortheilnng geschützt w- Während der übrigen Zeit des Jahres sind die Hiß»» aber ebenfalls zugänglich, d. h. der Schlüssel durch die Führer oder den nächsten Wirth erhältlm und man findet in der Hütte Wein, Konserve»- Suppentafeln, trockene Gemüse usw. Nian t»»»' dann eben seinen eigenen Koch und wirft den Betr»� für's Uebernachten und für das Entnommene »til einer kurzen Bleistiftnotiz in eine an der Wand»»' gebrachte eiserne Kassette, zu der nur der Hllttenwar den Schlüssel hat. Befindet man sich in Bcgleii»»» eines Führers, so besorgt dieser das Kochen»»� hat früh das Aufwaschen, das Ordnen der~»fler' stätten, das Ausfegen usw. zu besorgen, wofür s umsonst übernachtet. Hierbei muß sich natürlich dt Sektion, namentlich in den überhaupt nicht bcwuw schafteten Hütten, ganz und gar auf die Ehrliche der Besucher verlassen, denn es ist ja keinerlei Kontrot möglich, es haben sich aber auch noch nie IIebelstä»de herausgestellt, eher wird bei Mangel an passende» Kleingeld etwas mehr als zu wenig bezahlt.~e% Tourist, der in diese unwirthlichen Gegenden Hera»!' gestiegen ist, lernt inmitten der iibergcwaltigen Rat» den Werth dieser gastlichen Schützhäuser von Herze» schätzen und er müßte wohl ein Lnmp in Folio� st1»' um zum Dank für die genoffene Gastfreundschaft de betreffenden Sektion auch n.q) wissentlich ci»e» Schaden zuzufügen. Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 237 Die Einrichtungen sind nicht iiberall genau die deichen- da und dort wird ein kleines Eintrittsgeld Phöben, man hat wohl auch für verbrauchtes Breun- dessen Herauftransport umständlich und kostspielig etwas zu entrichten, aber im Großen und Ganzen 'chren die humanen Bestimmimgen überall wieder machen Tirol, in weit höherem Grade als die Schweiz, wo die Fremdenindustrie in einer schon !"cht mehr schönen Vliithe steht, zum Ideal des lußwandernden Touristen, sehr zum Nutzen des �>nen, in so vieler Beziehung weit zurückgebliebenen Landes. In größeren Sektionen, welche mehrere Hütten flitzen, ruhen die Angelegenheiten der Hütten, die A schwer im Plenum verhandeln lassen, in den banden eines besonderen Hüttciiausschusses, der für £de Hütte einen Hüttenwart und einen oder mehrere Stellvertreter bestellt, lvelche dafür zu sorgen haben, W die Hütte alle Zeit mit allem Erforderlichen uelbst niit Lektüre, Musikinstrumenten, Spielen usw. [llr etwa Eingeregnete oder Eingeschneite) versehen üh daß die Wirthschaft ihre Schuldigkeit thnt, und Hütte regelmäßig mit frischem Brot, frischem weisch usw. verproviantirt wird. In der ersten Hälfte des Oktober vorigen Jahres |jWt ich mich in Bozen auf, in der Absicht, von ""tt aus verschiedene Dolomit-Touren zu unter- JJkhmen. Das ist etwas spät im Jahre und die sind schon recht kurz, aber Frühling und Herbst Iwd im Uebrigen die beste Zeit für Südtirol und ich �be schon wochenlange Wanderungen um diese Zeit vernehmen können, ohne auch nur ein Wölkchen "w tiefblauen Himmel zu gewahren. Diesmal frei- N sah es bedenklich aus. Die Thäler hingen voller Kolken, es regnete unaufhörlich, und man bedurfte 'c>ner besonderen alpinen Erfahrung, um sich zu sagen, 'Ü es oben auf den Bergen ausgiebig schneien werde, Und neuer, weicher Schnee ist ein tückischer Kunde, isui schon manches blühende Menschenleben zum "bfer fiel. Durch einen alten, guten Freund, den Opfern Johann Santner von Bozen, das A und 0 "llcr Steiger, die etwas im Gebiet des Rosengartens � unternehmen gedenken(er hat diese wilde, bizarre �elt eigentlich erst erschlossen und so manche der drohendsten Zacken und Thürine dieser Muschelkalk- fttfle überhaupt zuerst bestiegen), war ich in eine Gesellschaft von Herbstfnschlern gerathen, die ans einer Weinkneipe in die andere zog, um so ihr Dhma, ihren Bronchialkatarrh, ihre Nervosität oder >hr Herzleiden zu beseitige», und ich athmete erleichtert duf, als in dieser Gruppe von Fabrikanten, Bankiers, �erwaltungs- und Kommerzienräthen plötzlich der Huttenwart der neuen Bajoletthütte der Sektion Leipzig duftanchte, der eher zu mir paßte und dem es um lede Stunde leid war, die er in Bozen verbummeln dwßte. Er wollte mit Santner und dessen ver- dsiratheter Tochter(auch einer Kletterin ersten Ranges) dw Grasleiten- und Bajoletthütte inspiziren, die Kassen foren, die Hüttenbücher abholen, und war sehr ärger- ''ch darüber, daß das heillose Wetter der Erfüllung °'eser amtlichen Verpflichtungen vorläufig einen Riegel �rschob. Die Grasleitenhiitte gehört ebenfalls der Sektion Leipzig und war im vergangenen Jahr durch �uei, umfassenden Erweiterungsbau bedeutend ver- Äußert worden, während man gleichzeitig unterhalb Thürme von Vajolett, einem Schmuckstück der �osengartengrnppe, die neue Bajoletthütte erbaut hatte. -�ein neuer Bekannter war also Hüttenwart für die ""Je Hütte, aber zugleich Stellvertreter für die ältere, "»d sollte nun beide, die nur zwei Stunden von Lander entfernt sind, vor deni Einwintern noch ?u»nal besuchen. Er war also mein Mann und ge- "ottete mir bereitwilligst, mich ihm anschließen zu surfen, sobald � der Regen aufhöre und die Tour "öglich werde. Zum Glück ging schon am Abend des kommenden �flges der Wind nach Norden herum, Santner er- törte, daß der nächste Morgen gutes Wetter bringen J�rde, und er behielt Recht. Blauer Himmel und Sonnenschein lachten am Morgen durch die Scheiben, t"d zwischen den Oleandern des Hotel Kreutner "'f dem Johannisvlatz wurde beim Friihkaffce be- Jossen, am, ittag nach Blumau zu fahren, "»auf nach Tiers zu steigen, dort zu übernachten und am nächsten Morgen nach den Hütten aufzu- brechen, die durch den GraSleitenpaß miteinander in Verbindung stehen. Unsere bisherigen Kneipgenossen schüttelten die Köpfe, auf denen man den Blondschein in allen seinen Vierteln studireu konnte, und erklärten, daß sie uni keinen Preis mitthun würden; es hätte sie aber auch Niemand dazu aufgefordert, denn was sollten wir mit solchen abgetakelten Lebemännern und ihren Eiitbehrungsbäuchen da oben im wilden Hoch- gebirge? Bis Tiers hätten wir sie vielleicht gebracht, nach Grasleiten schwerlich und nach Vajolett gewiß nicht— wir hätten sie denn tragen müssen, und für ein solches Vergnügen dankten wir natürlich. Zudem fehlte ihnen jede alpine Ausrüstung, und auch mit derselben hätten wir sie nicht brauchen können; schließlich hätte Einen von ihnen der Schlag gerührt, und wenn wir auch an der Verantwortung dafür leicht getragen hätten— wer setzt sich denn einer solchen Gefahr aus? Unsere kleine Expedition, zu der sich fast in der letzten Minute noch ein anderer Leipziger Herr ge- sellte, bestand aus sehr vertrauenswürdigen Elementen. Von Santner und seiner Tochter zu schweigen, die so ziemlich Alles durchgemacht haben, was man über- Haupt in den Bergen erleben kann, und die mit allen Gefahren der Hochalpen und speziell der Dolo- miten vertraut sind, waren wir alle abgehärtete, zähe und elastische Bursche, wenn auch längst nicht mehr zu den Jungen zählend, und wie sich später ergab, hatte Jeder wenigstens schon einmal in den Bergen in unmittelbarster Lebens- oder Todesgefahr ge- schwebt, war also verwendbar und zuverlässig. Selbst im Rosengarten war ich schon mehrmals gewesen, sogar im November, wo die Touren allerdings auf- hören, ein Spaß zu sein. Dicht hinter Blumau öffnet sich das Tierser Thal und die Tierser Ache stürzt sich schäumend und tosend in den Eisak, der der Äsch zueilt. Das enge, ivilde Thal zieht sich stetig steil in die Höhe, aber es wandert sich gut auf dem neuen Sträßchen, das auf dem linken Ufer der Ache angelegt ist, während das alte, kaum mehr als ein Karrensteg, sich am rechten Ufer gehalten hatte. Wer den Weg an einem heißen Sommertage machen muß und oben- drein bepackt ist, der hat gehörig zu schwitzen; an einem kühlen Oktoberabend macht sich das weit besser. Für Neulinge mögen die da und dort am Wege angebrachten„Marterln", auf denen ein naiver Dorf- künstler dargestellt hat, wie Jemand abstürzt, in die angeschwollene Ache geräth, voin Blitz erschlagen oder von seine» eigenen scheu gewordenen Pferden zu Tode geschleift oder von einem stürzenden Baum erschlagen wird, etwas Unheiniliches haben; der tiefe Ernst des rauhen Thales, zu dem der muntere, leicht- sinnige Weinstock des sonnigen Etschthales schwer stiinmen würde, wird aber durch ein solches gemaltes memento mori energisch hervorgehoben und ich möchte sie ungern missen. Ohne in dem Gasthaus, wo alles Fuhrwerk Wegzoll zu entrichten hat,„zuzukehren", setzten>vir unseren Weg fort, und als die Nacht sich auf die Häuschen und Hütten von Tiers herab- senkte, klirrten unsere Eispickel auf den paar Stufen, die zur„Rose" emporführen, und die gute, dicke Frau Tschager kam den verspäteten Gästen schmunzelnd entgegen und ließ sich erzählen, daß wir am nächsten Tage zur Grasleitenhiitte und dann über die Vajolett- Hütte nach Perra im Fassathal wollten beziehungs- weise müßten. „Ja mein!" hieß es,„werden's denn aber durch den Schnee kommen? Heut früh sein zwei junge Leut aus München, Studentle oder so was, hinauf, trotz alles Abredens, und haben nit einmal'n Schlüssel zur Hütten verlangt, weil sie bis Abend in Fassa sein wollten. Proviant haben's gnua mitg'nomma, aber wenn das nur gut ausgeht! I Hab' immer g'meint, daß sie umkehren und auf d' Nacht wieder hier sein würden, aber's hat sich noch nix spüren lassen und jetzt ist's schon zu spät und sie fänden nimmer wieder heraus." Nun, wir beruhigten die brave Frau; die jungen Leute würden schon durchgekommen sein und säßen nun wohl bereits beim Nizzi in Perra und ließen sich die Forellen munden. So ivohl wurde es uns nicht einmal; wir konnten ganz zufrieden sein, daß am selben Tage ein„Schöpsle" geschlachtet� worden war, so daß es wenigstens Fleisch gab. Die„Rose" ist, obgleich seit dem Bestehen der Grasleitenhütte Schritt für Schritt vergrößert und — wenn auch zaghaft— den Ansprüchen der Neuzeit angepaßt, immer noch eins von den echten, guten, alten tiroler Gasthäusern, in denen die Rechnung früh auf der Schiefertafel gemacht wird, und die noch recht lange so bleiben mögen. Hotels mit be- frackten Kellnern, denen die Simpelfransen in die Ssirn hängen, sind beinahe eine Beleidigung der wilden, ernsten, großartigen Natur, die sie umgiebt, und es soll ein derbes, handfestes Dirndl sein, das mir meine genagelten Bergschnhe tüchtig einfettet, damit ich nothfalls auch einmal durch einen Bergbach waten kann, ohne nasse Strümpfe zu bekommen— nicht ein verdrossener oder katzbuckelnder Hausknecht. Sprungsedermatratzen sind natürlich ein nnbe- kanntcr Luxus, auch fühlt sich die Bettwäsche naßkalt an, aber in solche» Höhen ist das nicht anders, da doch gelüftet werden muß, und es wird, wenigstens bis zum Eintritt des Winters, tüchtig gelüftet; die Leute sind weder luftscheu noch empfindlich und bei 10° K ist es ihnen schon ganz behaglich. Nun, am Abend unserer Ankunft war tüchtig geheizt worden, und die Atmosphäre in dem niedrigen Zimmer ließ Manches zu wünschen übrig. Die Tiroler rauchen infolge des Tabakmonopols ein Polizei- widriges Kraut, und es ist inir immer äußerst be- zeichnend erschienen, daß sie ihre Pfeifen Stinktiegel nennen. Natürlich waren auch verschiedene Führer da, darunter der Löwenhansl, ursprünglich ein Fleischer seines Zeichens, ein bärenstarker Mensch, der aber die Führerei auch aufzustecken gedenkt, da selbst seine Riesennatur den Strapazen auf die Dauer nicht ge- wachsen ist. Er hat sich inzwischen zum Maurer- meister entwickelt, die Grasleitenhiitte umgebaut, den Neubau der Bajoletthütte besorgt und den Bau einer Kölner Hütte am Tschagerjoch übernommen, wozu übrigens auch ein kernfester Mensch gehört, denn der Bauplatz der Bajoletthütte mußte zu Pfingsten aus dem Schnee geschaufelt werden, und das Uebernachten erfolgte in einer Art Höhle unter einem überhängenden Felsen, da nicht erst Baracken gebaut werden konnten und man nicht allabendlich hinunter nach Perra laufen mochte und früh wieder herauf. Da sich der Hüttenwart in unserer Gesellschaft befand, der seine im August eingeweihte Hütte noch garnicht kannte, obgleich er sie von Leipzig aus mit allem Röthigen hatte versorgen lassen, so erschien es selbstverständlich, daß Hansl uns am nächsten Morgen begleitete. Der Aufbruch sollte ganz früh erfolgen und es war in der That noch ganz grau, als wir unser Frühstück einnahmen, das aus Kaffee, Thee oder Blilch bestand; daheim kann man mich mit Milch jagen, in den Bergen ist sie mir ein Bedürf- niß, gerade so wie fettes Fleisch, Speck usw. Als unsere kleine Expedition sich in Bewegung setzte, waren die Aussichten auf einen schönen Tag sehr gering. Es hatte in der Nacht gefroren, war aber wolkig und trübe und man mußte mit der Möglichkeit eines Schneesturms rechnen; wir hatten allen Grund uns zu beeilen, d. h. keine überflüssigen Pansen einzuschieben, denn das zulässige Marsch- tempo ist ein für alle Mal gegeben— man kann nicht von demselben abiveichcn, ohne sich im?lnfang zu übernehmen und nachher umzuklappen, so daß man für eine starke Erschöpfung nur einen Zeitverlust eintauscht, also doppelten Verlust erleidet. Hinter Tiers, unweit der kleinen Chprianskapelle, gabelt sich das Thal, um als„Purgametsch" rechts nach dem Karrerscepaß und als„Tschamin" gerade- aus zu ziehen. Man kommt an dem Weißlahnbad vorüber, früher einem ganz primitiven„Banernbadl", wie sie in Tirol so häusig sind, jetzt einer modernen Sommerfrische, die auch hohen Ansprüchen genügen kann, und dann umfängt uns das Schweigen der Wald- und Bergeinsamkeit, nur unterbrochen von dem Rauschen der Ache, deren Bett mit riesigen Fels- trümmern und entwurzelten Bäumen angefüllt ist. Bis zur Grasleitenhiitte erinnert nichts mehr an das Treiben der Menschen, als da und dort ein kleiner Heustadl oder eine offene Ochsenhütte. Der Weg 288 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. steigt scharf bergan; die Stirn bedeckt sich sehr bald trog der Morgenkiihle mit perlenden Schweisttropsen, und das Herz beginnt heftig zn arbeiten. Zur Rechten hat man prächtigen Wald, zur Linken, jenseits der Ache, die prallen Steilwände des gewaltigen Schlern- Massivs, und die gigantische Wildheit dieser Fels- szenerie fängt an, uns die Worte vom Munde zn nehmen und uns mit dem Gefühl der Ohnmacht und der Nichtigkeit zn erfüllen, auch wenn wir den Weg schon öfter gemacht haben. Auf der moosigen Boden- decke zeigten sich bereits Schneeflecken; des Schnees ward rasch mehr, und als wir in der Ochsenhiitte ani rechten„Leger", wo die Kühe im Sommer ihre Mittagsrast und ihre Nachtruhe halten, ein frugales Frühstück hielten, befanden wir uns bereits inmitten einer vollständigen Winterlandschaft. Unweit des Bärenlochs, einer Stätte grauenhafter Verwüstung, denn hier bricht die Ache aus den Flanken des Schlernmassivs hervor und hat gewaltige Fels- triimmer in chaotischem Durcheinander herabgewälzt, trafen wir zwei junge Leute, die sich als die Münchner Touristen entpuppten. Sie wollten uns zunächst den guten Rath geben, umzukehren, denn hinter der Gras- leitenhütte könne man nicht weiter; sie hätten es versucht, seien aber gleich bei den ersten Schritten bis zum Hals im Schnee versunken und zögen es vor, nach Tiers und Blumau zurückzukehren. Nun wurde der Leipziger Hüttenwart neugierig und wollte wissen, wo und wie sie die Nacht zugebracht hätten, und als er ihnen auf den Kops zusagte, dann müßten sie ja die Hütte mit Gewalt erbrochen haben, beichteten sie ziemlich de- und wehmiithig, daß ihnen allerdings nichts weiter übrig geblieben sei, daß sie aber bereits einen Brief an den Hüttenwart in der Tasche hätten, durch den sie sich zum Ersatz des angerichteten Schadens verpflichteten. Dem Stell- Vertreter des Herrn in Leipzig ihre Nothlage aus- einandersetzen zn können, war ihnen sichtlich lieb, und sie erschöpften sich in Entschnldignngen. Sie kannten wohl die Voralpen bei München, hatten aber von der Großartigkeit und Wildheit der Dolomitlandschaft keinen Begriff gehabt, als sie die Tour antraten, die im Herbst ein ganz anderes Gesicht annimmt als im Sommer, ans den natürlich alle Angaben der Reisehandbücher zugeschnitten sind. Vom Bären- loch an waren sie in tiefen Schnee gerathen und nur langsam vorwärts gekommen, so daß es bereits dunkelte, als sie die Hütte erreichten, in der un- bestimmten Hoffnung, dort eine andere Partie an- zutreffen. Natürlich hatte die Hütte todteinsam in der verschneiten Steimviiste gelegen, und da sie nicht weiter konnten und es zur Umkehr zn spät war, hatten sie sich in ihrer Angst daran geniacht, die Hütte zu erbrechen, um unter Dach und Fach zn kommen. Hätten sie im Freien bivouakirt, so liefen sie Gefahr, elend zn erfrieren; man konnte ihnen also keinen Vorwurf machen, höchstens den, daß sie sich erst gründlich hätten orientiren sollen, ehe sie die innere Thiir aufbrachen. Die äußere Thür ist nämlich nie verschlossen und führt in einen Vorraum mit einem Herd, der auch mit Holz versehen ist und von dem eine Leiter nach dem Heuboden führt; diese Einrichtung ist zu dem Zweck getroffen, Hirten, Jägern usw., die in der Nähe der Hütte von Nebel oder von einem Unwetter überfallen werden, eine Zuflucht zu bieten. Da sie Proviant bei sich führten, wären sie also in dem offenen Vorraum ganz gut geborgen gewesen und hätten nicht nöthig gehabt, mit ihren Pickeln die ganze Thiir derart zn zerarbeiten, daß ein Zimmermann einen vollen Tag zu thun hatte, sie wieder in Stand zu setzen. Nun, das Unglück war eben geschehen, und da die Leute für jeden Schaden aufkamen, konnte man sie ja ziehen lassen. Dazu nämlich, wieder umzukehren und mit uns und unter wegknndiger Führung die Tonr doch noch durchzuführen, waren sie trotz unseres Zuredens nicht zn bewegen. Vergebens wiesen wir auf die junge Frau hin, die mit uns sei und von der sie sich doch nicht würden beschämen lassen; sie meinten, die Dame sehe ihnen gerade so ans, als ob sie der- gleichen schon manchmal durchgeführt habe, sie aber seien Neulinge und müßten den ersten Eindruck, de» sie vom wirklichen Hochgebirge bekommen hätten, erst verdauen und verwinden. Kurz, ihr gesunkener Muth und ihr geduckter Unternehmnngsgeist waren nicht wieder aufzurichten und der Versucher hatte keine Macht über sie. Wir ließen sie also ziehen und sie eilten so hastig davon, daß es fast aussah, als seien sie froh, einer zweiten Gefahr mit heiler Haut entronnen zn sein. Der Fall ist übrigens. typisch; die nieisten Unfälle im Hochgebirge, über welche die Zeitungen so viel Lärm schlagen, ohne z» bedenken, daß beim Reiten, Fahren, Baden, SchwüN' inen, Schlittschuhlaufen, Radfahren usw. absolut nicht blos, sondern auch prozentnaliter weit niehr Mensche» ihr Leben einbüßen, als auf Bergtonren, sind aul Unvorsichtigkeit, Eigensinn, Mangel an Erfahrung, führerloses Gehen usw. zurückzuführen und wäre» meist vermeidbar gewesen. Was für uns nur ei» komisches Qui pro quo war, über das wir im Laufe des Tages noch oft gelacht haben, konnte sich seh1' leicht zu einer Tragödie auswachsen, wenn die junge» Leute hartnäckiger waren und auf einem der Pässe, die nach Campitello und Perret führen, von der Nacht oder von einem der Schneestürme überrascht wurden, die im Herbst so häufig sind, von der Lawinengefahr ganz abgesehen, die bei Neuschnee immer in der Luft hängt und der auch ein niir g»t bekannter Tierser Führer an der sonst nicht gerade schwierigen Marmolada zum Opfer gefallen ist. (Schluß folgt.) euiLLeton. Die Fischerhütken/ &E)l wie ans Eisen steh« dir Fischerhülken in der � dunkeln Nacht. Gleich grohrn, mächtigen Fittichen breiten sie die strohgedeckten, übermoosten Dächer schützend über den stillen Herd... traulich, treu und trotzig... und machtlos prallt der Sturm an ihnen ab... und sroh und freundlich lugen ihre Giebrlsrnster in die Siratzen...„Seid unbrsorgl! wir hallen gule Wacht!"... nur auf den Fremden, der des Weges kommt, sehn sie voll Mitztraun und voll Argwohn... srindselig-drohend fast, als käme Etwas mit ihm, das die Eintracht des stillen Herde» stören könne, den sie schirmen... uiid sich zu rinem Sturm ausheben, dem auch ste nicht mehr ge.oachsen. � Der Besuch. Auf der Probe war ihr der Einfall gekommen, und sobald sie frei mar, hatte sie sich auf den Weg gemacht. Es war ein schöner, heller Frühsommertag, voll Sonnenschein und angenehmer Wärme. Bald war das junge Mädchen dem Trubel der inneren Stadt cut- rönnen,' die ruhigen Vorstadtgassen des„Lichtcnthals" lagen vor ihm. Schier wie ein loser Bub schlenderte sie an den niedrigen Häusern hin, von denen man die seltsam nberfangenen Schlote sehen konnte, mancher Schritt glich einem kleinen Hupfer. Sie ivar wieder daheim I Daheim in dem Stadttheil, in dem„Grund", in dem sie anfgewachscn, wo sie als Wäschermadel gearbeitet hatte und dem sie emlanfen war, um ihr Glück zu machen. Mit ein paar Sprüngen stand sie an der Thür der ihr so bekannten Hinterhanswohnung.„Jesses, die Wally I" hatten wie ans einem Munde die drei Mädchen geschrien, die gerade mit ihrem Mittagessen fertig geworden.„So ein Besuch I Jesses, neinl" Und die Eine hatte schnell ein großes Laken vor das Fenster gehangen, damit die Sonne nicht blende, die Andere einen Sttihl herbeigeholt, ' A»S„Von Alltag und Sonne" Berlin.— F. Fontane& To., fein säuberlich abgewischt und an die Plättbretter gestellt. Mally mich Play nehmen und erzählen. Und sie setzt sich, zündet sich eine Zigarrette an—„Uj, wie fesch!" ich lägt ein Bein über das andere und erzählt: Wie sie damals ausgerückt, weil sie„unbedingt" zum Theater „gemußt", wie sie anfangs fast garnichts bekommen habe und hin- und hergcstoßen worden. Jetzt aber kriege sie schon dreißig Gulden im Monat, und zum Herbst werde sie„mindestens" iun zwanzig Gulden aufgebessert. Dann würde sie auch Rollen bekommen, wirkliche Rollen. Die Mädchen sind wieder an ihre Arbeit gegangen, aber es will nicht so recht gehen. So ein lieber Besuch kommt nicht alle Tage. Eine Jede ist stolz, mit der Mally früher zusammen gearbeitet zn haben, und Eine um die Andere hat noch eme Frage und noch eine Frage. Die Nelly hat das eine Knie auf einen Schemel gestemmt, die Arme auf das Plättbrett gelegt, sie ist über das Gehörte„ganz weg", auch ihre Nachbarin läßt sich kein Wort entgehen. Nur das ältere Mädchen, das in einem Korbe frisch eingesprengte Wäsche bringt, kann einen leisen Zweifel nicht zurückhalten.„Was, Mädel? Ein bißl anfschneiden wirst halt doch auch?" sagen ihre fragenden Augen... Es mag dem Einen oder Anderen vorkommen, als wären dem Künstler seine Gestalten etwas„süß" aus- gefallen. Karl Zewy hat nur nach der Natur gemalt. Es ist der Typus der Mädchen aus dem Volke in den alten Wiener Vorstädten, den er uns zur Anschauung bringt, die süßen„harben Goschcrln" aus Lichtenthal, vom Thurry, ans Ottakring. Wohl Dem, der jung ist!— Die Siiinesschiirfc Blinder. Es ist eine ganz all- gemeine Annahine, daß Blindgeborene und früh Erblmdete einen gewissen Ersatz für das mangelnde Sehvermögen dadurch finden, daß ihre anderen Sinne, Geruch, Gefühl, Gehör, sich um so schärfer ausbilden. Auch verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen schienen diese Meinung zu bestättgen, obwohl auch vereinzelte gegcnthcilige Vcr- suchsrcsnltate bekannt geworden sind. Professor Griesbach in Basel hat in jüngster Zeit diese Frage eingehend unter- sucht und kommt auf Grund seiner vielen Beobachtungen, die an den männlichen Zöglingen und vier Mädchen der Blinde»-Unterrichtsanstalt zu Jltzach im Ober-Elsaß angestellt wurden, zu erheblich abweichenden Resultaten. Was zunächst den Tastsinn bctriyt, so fand Griesbach den Unterschied im Unterscheidnngsvermögen für taktile Eindrücke unerheblich; kleine linterschiede warm zwar vorhanden, aber zn Gunsten der Sehenden. Auch die Tastschärfe erwies sich bei den Blinden geringer, als bei den Sehenden, insbesondere fühlten die Blinden an � Zeigfingcrspitzen weniger gut, als Sehende, wie dein überhaupt an der ganzen Hand ein stärkerer Eindnv nöthig war, als bei Sehenden, um eine deutliche empfindung zu erzeugen. Auch die Richtung, aus welcher ein Schall kam, konnten die Blinden nicht sicherer angeben, als D'* Sehenden; eher war noch ein Unterschied zu Gunst«» der Letzteren zu bemerken. Ebenso wenig zeigte sich die Entfernung, in welcher ein Ton noch wahrgenommen lverden konnte, ein Unterschied.. Für die Schärfe des Geruchs galt dasselbe.®i» Unterschied zeigte sich dagegen in der Ermüdung dura Handarbeit; hier ermüden die Blinden in viel höhere»' Grade, als gleichaltrige Sehende. Ueberhanpt ermüde» Blinde durch Handarbeit viel stärker, als durch gelfttge Arbeit, was bei Sehenden nicht der Fall ist. Bei gcistllF Arbeit dagegen stehen die Blinden hinsichtlich der Er- müdung den Sehenden nicht nach oder doch nur in sem geringem Grade.— d. Zussischc Hpridjivörter. Es stört der Armuth bitfrer Harm Gar manches Herzcnsglück auf Erden; Die Liebe bleibt nicht lange warm, Beginnt der Herd erst kalt zu werden. * Der Eber sieht dem Hungertode Sich schon geweiht und ist bestürzt, Wenn feine Mast das kleine Eichhorn Um eine Eichel kürzt. * Eher als zu helfen ist Das Geschick bereit zn quälen; Habe Du nur rechten Durst, Und es wird an Salz nicht fehlen.— Maximilian Bor». Nachdruck des Inhalts verboten! Alle für die Redaktion der„Neuen Welt� bestimmten Sendungen sind nach Bcrliu, SW IN Beuthstraße 2, zu richten. Viranlwortltch» Nedalleur: OScar»ühl in TharloUenburg.— Verlag: Hamburger Buchdruckeret und vcrlagSanstalt Auer& To. in Hamburg.— Druck: Mar Babing in Berlin.