�Uxifirivie 3 Ii li er h a 1(im ob eil a 0 c. �"r»s«h»ng) ���cruhigt verlies; der Ingenieur die Station und fiSpf schlug den Waldweg ein, der gegen Pribis- lawitz führt. Lange blieb er jedoch nicht. Der Reiz des duftgeschwängerten Abends eines heißen Junitages vermochte ihn nicht gänzlich zu fesseln, und bevor noch die Finsternis; eintrat und das einsame ®elmiibe auf dem Platze der künftigen Bahnstation von Skalitz von der übrigen Welt abschloß, saß der lunge Mann schon wieder über seiner Arbeit. Ans langen, lrenz und quer ziisanimcn gestellten Zifferreihen suchte er die Durchschnittszahlen zu ge- lvinnen, rechnete nach und verglich, und es war be- Veits nahe an Mitternacht, als er endlich sein ein- faches Zimmer betrat. Er trat an das Fenster und schaute zu dem sternenklaren Himmel empor, und sein Blick blieb auf dem zackigen Rande einer ans dem nördlichen Horizont sich aufthürmcnden Wolle haften. Es ..wetterleuchtete", das heißt, hinter den schwarzen Wolken in der weiten Ferne wüthetcn die entfesselten Elemente und peitschten mit hundertfachen Ruthen die bebende und ächzende Erde, und ein Donner- schlag nach dem anderen verbreitete Angst und Eick- setzen in den Herzen von Tausenden. lind hier sah es doch so spaßhaft aus, als wäre das weite Fir- Mament besät mit kleinen Pulverhäufchen, die von Uuithwilligcn Knaben angezündet werden. Rechts und links erglühte und leuchtete es, bald blitzte es oben, bald in der Tiefe, und bald erschien mir der Saum der schweren herabhängenden Wolke wie in slüssigeS Gold getaucht... KeLestyne. 4� Novelle von Inn Lier. Autorisirte Ucbcrsetzuiig ans dem Böhmischen von Frantn Häjck UIUU UCUUlU/tU uwu.;....... nach zwanzig, dreißig Generationen alle Ge bitter, alle Regungen und Strebungen unseres Zeit- alters. Die Katastrophen in der Weltgeschichte sind wie Protuberanzen der Sonne. Die Menschheit rafft Uch ans und erhebt sich bis zu den Höhen ihres " � frrtrf ITYTCllh CIII Ich sagte ihm, daß er sie wenigstens abwaschen möchte. Der Kerl liegt jahraus, jahrein in dem Koth auf der Landstraße und gäbe es nicht eine Kirchweih', würde er sein Fuhrwerk niemals reinigen. Im gleichen Augenblick kam auch schon ans einem der letzten Borstadthänschen ein wackeliges, unansehnliches Gefährt zum Vorschein. „Filip kommt schon, ich nmß ihm entgegen," meldete der Kutscher und zog seine Pferde an. Der Ingenieur schaute den beiden Fuhrwerken, die in raschem Tempo dem Bahnhof zueilten, ein Weilchen nach. Dann begann er sich langsam an- znkleiden. Inzwischen kam sein Assistent von der Expositur in Jewan und brachte auch den Zeichner mit. Alle Drei frühstückten gemeinschaftlich und be- sprachen die zum Zwecke der Bewirthung der Herr- schaften getroffenen Vorbereitnngen und gingen dann hinunter. Hier wartete ihrer bereits Galat und mit ihm achtzehn ausgewählte Arbeiter im Sonntagsstaat, eine Dräsine und drei Geleisewagen, Alles geputzt und ausgeschmückt. Die Fuhrwerke waren mit aller- Hand Decken ausgelegt und znnl Schutze gegen den Sonnenbrand war mit Hülfe von Stangen und Tüchern eine Art von Baldachin über ihnen her- gestellt. Um die elfte Stunde brachte Wenzel den Unter- uehmer in den Kreis seiner Unterthanen. Herr Chladeck füllte wie ein Ballon den ganzen Fond des Wagens, während seine Gattin in eine Ecke sich so bequem drückte, als es eben nur ging. Sie war erstaunlich mager, aber um so länger, vermnth- lich um den vollendeten Gegensatz zu ihrem Gatten zu bilden, was angeblich zur Erreichung der ehelichen �....... u Harmonie unbedingt nothwendig sein soll. Auer Weile'erst nahm er die Pfeife ans dem Munde Hätte man Vergleiche anstellen wollen, so wäre und niachte auch seine Bemerkung. Dann nickten Herr Ehladck als ein umfangreicher, in allen Farben sie einander zu und gingen weiter. Aehnlich thaten des Sanguinismus schillernder Glasballon erschienen, die Weiber, die jedoch nur niit den Köpfen gestikn- viäbrend T-rau Ebladek mebr einer scblanken. dnrck lirten, denn in den Händen, die in gehäkelten Hand- herab, und sein Geist kehrte von dem Zentralstcrn unseres„Weltalls" wieder zurück zu seineu prosai- sehen Rechnungen. In Gedanken ging er wieder einzelne Linien und Striche seiner Pläne durch, ließ nochmals die langen Reihen seiner winzigen Zifferchen Revue passircn und schlief ein mit dem zufriedensten Lächeln auf den Lippen, glücklich, als hätte ihn ans seinen Papieren der süße Duft des Jasmin ange- weht, die kritzelnde Feder ihm das frohe Gezwitscher junger Vögel oder das Zirpen der Grille vorgc- gaukelt. II. In aller Frühe trat der Ingenieur an's Fenster. Der köstlichste Sommermorgen lachte ihm entgegen, strahlend, duftend, bunt und frisch. Die Gegend durchwehte ein leichter, kühlender Hauch, eine über- aus angenehme Folge des gestrigen fernen Gewitters, welches nach glaubwürdigem Befund mehrerer Koni- Missionen eine Fläche von 3000 Quadratkilometern verheerte und einen Schaden von 1 384 726 Gulden 59 Krenzern anrichtete. Das kühlende Zephhrcheu war somit gut bezahlt. Von dem klaren Morgen- Himmel hoben sich die Silhouetten zahllosen Land- volles wirksam ab. Von allen Seiten zogen sie herbei, auf allen Wegen und Stegen, durch die Felder um das Thal herum, alle in der Richtung gegen Rowna zur Kirche. Ein Mann hinter dem anderen, eine Bäuerin folgte der anderen. Es war unter- haltend, sie einzeln z'n beobachten, wie sie daher schritten, langsam und gemessen, und wie sie von Zeit zu Zeit stehen blieben, um die Fortschritte des ' Nach siges Gold getaucht.... �... So kindlich und so amüsant erscheint also ein Bahubaues zu mustern und zu begutachten. verderbenbringendes Gewitter aus der Entfernung längerem Beschauen hob dann Einer seinen Stock von zivanzig, dreißig Meilen, lind ebenso kleinlich und deutete in das Thal hinab und sprach etwas, zu bilden, was angeblich zur Erreickmno v. und matt verlöschen auch am Firmament der Mensch- Der Andere gab zuerst keine Antwort, und nach Harmonie unbedingt no hwendia se i Ü � �........"'«—Honen alle Ge- einer Weile erst nahm er die Pfeife ansäen. Munde Hätte mm Bergl�e Ä—.....----- j..~ stch auf und ei /f rr ib est. eingewickelte Gebetbücher. Clchnpg, und nach Jahrhunde'' st t 0 Kutscher Wenzi VW»»»».»------' r.* r r 7 schuhen staken, trugen sie in gestickte Taschentücher während Frau Chladek mehr einer schlanken, durch Melancholie getrübten Phiole glich, die mit der konzentrirten Säure des Cholerismus angefüllt war. Auf dem Vordersitze war das Nesthäkchen der beiden Eheleute plazirt, ein etwa achtjähriges Mädchen, und - nciodtiae Erplo- Der Kutscher Wenzel stand mit dem Wagen..................-------— For,chcr mit s�m De cskop im g. schoberest. Er streichelte seine Pferde und musterte aus dem lauten Wesen, das die Frau mit ihrem n wie eine fluchtige Epstode und J!.' ,ufrieben � vorüber ziehenden Landlente und es Kinde trieb, erfuhren die wartenden Männer, daß ?.h°t paar Zeilen mehr Z gewährte ihm besondere Genugthuung, zu sehen, wie die Perle der herrschaftlichen Familie Sophie hieß. Z°.t erhob sich eine P�era zu i-r'no g �@ gewundert wurde.„Gott sei Dank, daß wir die Reise überstanden Ge-"W°uzch fahren Sie zu, es wird Zeit'" mahnte schichte ist aus., � cm r a Trotz dem gewichtigen Ernste seines Monologs blieb der Jngenienr von dem Pessimismus unan- gekränkelt, als er sein Lager aufsuchte. Sein geiltige» Auge schweifte von den Himmelshdhen wieder aus die trümmerbesäeten Felder des Skalitzer Bahnhofes der Ingenieur. „Guten Morgen, gnädiger Herr," lachte der Kutscher zu ihm herauf.„Seien Sie unbesorgt, ich kenne meine Zeit, wenn ich fahren muß. Ich warte nur noch auf den Fuhrmann Filip. Ich konnte sonst nichts Anderes aufsteiben als sein« Britschka. .y- i vV>.,----- j—........- � t*/ v*- M* „Gott sei Dank, daß wir die Reise überstandeu haben," pustete Herr Chladek und wischte mit einem biinten Tuche an seinem kahlen Schädel. „So eine Faniilie verursacht niehr Sorgen und Umstände, als hundert von Ihren Arbeitern. Und da sind ivir nur sieben— ich, meine Frau, Sophie, und— dort kommt er eben, der zukünftige Doktor der Rechte und gegenwärtige Quartaner Emil, dann 998 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Irene und die Erzieherin der kleinen Bande, Cele- styne.... Kennen Sie sie noch nicht? Nein?... Ich nahm sie erst unlängst in Dienst.... Und dazu noch das Dienstmädchen, zusammen also sieben Stück. Haben Sie Platz genug für uns Alle? Werden wir uns nicht drücken müssen? Fallen wir nicht her- unter?..." Der Ingenieur sah und hörte Herrn Chladek kaum. Sein Blick hing gebannt an der rothen Wand der Bauhütte, von der sich wie ein Marmorrelief in scharfen Konturen die schlanke Gestalt der jugend- lichen Erzieherin klar abhob. Ein interessantes, echt römisches Profil. Feste, durch weiblichen Reiz ge- milderte Stirn, sanft gebogenes Näschen, ein stolzer, beinahe trotziger Mund und ein kräftiges Kinn. Auf den sich vordrängenden braunen Locken saß ein Hütchen von etwas phantastischer Form, die dem Ingenieur unwillkürlich die Vorstellung einer Minerva oder einer Amazone nahe brachte. Das junge Mädchen hals so eben Emil und Irene ans der Britschka und führte die beiden hüpfenden Kinder an der Hand den Eltern zu. Dabei wandte sie dem Ingenieur ihr volles Antlitz zu. Keine Spur darin von der Strenge des Profils. En face hatte sie ein rundes, weiches, echt slavisches Gesicht, zart und lieblich. Nur die vollen Lippen schien ein fester Wille zu schließen, und aus den großen, braunen Augen blickte die Ruhe eines verschlossenen, selbst- bewußten Charakters. Obwohl ein Gesicht, welches en face und im Profil zweierlei grundverschievene Charakterzüge auf- weist, für den Ingenieur keine neue Erscheinung war, fesselte ihn die interessante Seltsamkeit bei Celestyne dermaßen, daß er es kaum beachtete, wie inzwischen der Unternehmer den Vergniigungszug für die Landpartie arrangirte. „Wie gesagt, Sie Galat mit dem Herrn Zeichner fahren im ersten Wagen, als unsere Vorhut; dann die Dräsine mit mir und dem Herrn Assistenten ans dem Vordersitz. He... Ingenieur, Sie werden hoffentlich nicht beleidigt sein, daß ich mir den Herrn Assistenten als Begleiter mitnehme. Ich will auch einmal aus seinem Munde etwas über den Bahnbau vernehmen. Sie fahren hinter uns— es sind da noch zwei Wägelchen— ja, so wird's am besten sein, Sie fahren mit dem Fräulein im dritten Wagen, und auf dem letzten kann das Gepäck untergebracht werden, mit dein Dienstmädchen als Aufsicht. Ja... Teufel, beinahe hätte ich vergessen! Ich muß Sie doch erst vorstellen! Mein Bauführer, Herr In- genieur Zaul, meine Erzieherin, Fräulein Celestyne Dy- Ty--" „Tietz," ergänzte ruhig das Mädchen selbst. „Für die Namen habe ich nun einmal keiu Ge- dächtniß, aber was schadet es..." lachte Herr Chladek. „Also fahren wir!" Eine Opposition war nicht vorhanden, und so wurde der Antrag des Unternehmers ohne Abände- rungen angenommen. „Aber ich bitte Sie, Ingenieur," fing das Fräu- lein au,„warum setzen Sie sich denn dem Sonnen- brande aus? Nehmen Sie doch neben mir Platz." Leicht verwirrt folgte der junge Mann ihrer Weisung und wollte galant etwas erwidern, blieb aber stumm. Der Blick, mit dem ihn das Mädchen streifte, war so kühl und abweisend, wie der einer byzantinischen Madonna, und so sicher wie der Blick einer gereiften Frau, die keine Gefahr mehr kennt und sucht. War es der blühende Hochmuth, oder war es abweisende Unzugänglichkeit? Der Ingenieur war weder eitel noch selbstsüchtig. Doch hier an der Seite der schönen Erzieherin wollte es ihm doch scheinen, als wäre er zu sehr in den Schatten gestellt worden. Das machte ihn verlegen. Unwillkürlich schob er die Hände in die Taschen seines Paletots, empfand es aber sofort als eine Unschicklichkeit und zog sie rasch wieder heraus, ohne nun zu wissen, welche Position er dem Fräulein gegenüber einnehmen sollte. Und so faltete er die Hände zwischen den Knieen, und leicht vorgeneigt, grübelte er nach einer rettenden Eingebung. Die wechselnde Bewegung der unter ihnen scheinbar fliehenden Bahn- schwellen verursachte bei ihm ein körperliches Unbe- Hägen und that seinen Augen wehe, und so suchte er für sie nach einem festen Stiitzpunkte. Dieser Stützpunkt waren zwei kreuzweise übereinander ge- setzte Damenfiißchen. Die Füßchen waren schlank, psychisch— die Erzieherin war also von edlem Charakter, und hatte Phantasie; sie waren gewölbt und schwunghaft modellirt— das Fräulein war von guter Rasse. Und diese Fllßchen, obwohl schmal, waren doch voll, beinahe üppig— ein Zeichen mehr, daß in dieser Dame ein feuriges, kerniges Leben pulsirte. Der Ingenieur wurde sich plötzlich seiner Ritterpflicht bewußt, die ihm gebot, für die Unter- Haltung der Dame zu sorgen. Er empfand es, wie ihm diese Pflicht in allen Fibern brannte. Er hob den Kopf und bemerkte, wie das Miidchen, dem er mit seinem Hute offenbar die Aussicht versperrt hatte, sich leicht zurückbog und an ihm vorbei einen Gegen- stand aufmerksam betrachtete, der sie zu interessiren schien. In ihrem Blick zuckte etwas, er wußte nicht gleich, was es sein mochte, und so folgte er ihrer Gesichtslinie, um zu sehen, was ihre Aufmerksamkeit erregte. Er erblickte einen Arbeiter, der keuchend und schweißtriefend mit einem schwerbeladenen Hand- karren sich abmühte. Und diesem Geschöpfe galt das ganze Interesse des Fräuleins! Ein absonder- licher Geschmack— vielleicht auch nur Langeweile. Denn was konnte sie sonst verleiten, einer so all- täglichen Erscheinung soviel Aufmerksamkeit zu widmen, einer Erscheinung, der man von Morgenfrühe bis in die späte Nacht hinein so unzählige Male begegnet. Die Bahnstrecke, bisher nur auf der rechten Seite vom Walde umsäumt, bog, allmälig dem Laufe der Myslowka folgend, in den dichten Wald ein. Der Gesichtskreis verengte sich, und das Auge ruhte nun auf dem eiuförmigeu, finsteren Dickicht, in dessen ge- heimnißvollem Schatten unsichtbare, allgegenwärtige und dennoch unfaßbare Kobolde schlummern. Auch das Echo, durch den Schall der vorwärts rasselnden Fahrzeuge aufgescheucht, stellte sich ein und hallte in langgezogenen Tönen von Hügel zu Hügel, erstarb in der Ferne, um plötzlich in der nächsten Nähe bald rechts, bald links wieder zu erbrausen. Stellen- weise dehnte sich der Wald bis dicht an die Ufer des schmalen Baches, der sich durch das eintönige Waldesdunkel hinschlängelte und aus dem köstlichen Grün hervorleuchtete wie eine über ein grünes Sanimetkissen hingelegte Perlenschnnr. Der harzige Duft des Nadelholzes, die Einfach- keit und Reinheit der Farben, stellenweise blendende Lichteffekte in der schnell wechselnden, großartigen Szenerie wirkten auf die Sinne der Ausflügler wie ein reinigendes, erfrischendes Bad. „Der Teich, den Sie da vor sich sehen, Frän- lein, heißt„die Schlucht" und ebenso nennt man die daneben stehende Mühle," begann der Ingenieur die Unterhaltung. Die Erzieherin wandte sich nach der bezeichneten Richtung. Ihr Begleiter guälte sich, zu errathen, welche Gedanken der Anblick in ihr wachgerufen hat, und wie sich die Gegend in ihren schönen, großen, braunen Augen wiederspiegeln mag. „Ein köstliches, halb idyllisches, halb roman- tisches Bildchen," fuhr er fort, iu plötzlich erwachtem Eifer Schönheiten entdeckend, die ihn bisher beim Nivelliren und Abstechen der Bahnstrecke kaum be- rührt hatten. „Ein hübsches Objekt für ein Aquarell," be- stätigte die Erzieherin.„Eine anmuthige, von be- waldeten Höhen eingeschlossene Schlucht mit einer klaren Wasserfläche, worin sich die Mühle spiegelt." Das ruhige Profil des Mädchens ließ erkennen, daß sie nur etwas sagte, um ihren Begleiter nicht ohne Erwiderung zu lassen. „Und nun denken Sie sich anstatt der Mühle eine Villa, oder noch besser, eine Burg," unterbrach der Ingenieur das Fräulein. „Wozu?" „Nun, weil dann das Ganze noch malerischer erscheinen würde. Und dabei kommt Einem unwill- kürlich der Gedanke— ja der Wunsch, in dieseni köstlichen, ländlichen Idyll, so direkt im Schooße der Natur, dauernd wohnen zu können." „Ein Gedanke ex tempore?" lächelte das Mädchen. „Em Souutagseinfall allerdings, dcnu am Werk- tage bleibt mir für derartiges Sehnen keine Zeit übrig." „Und wenn Sie Ihren Sonntagseinfall durch- führen könnten, würden Sie hier voraussichtlich ein Leben führen, das immer alltäglicher, schließlich bis zum Ueberdrusse langweilig wäre, so daß Sie an einem schönen Tage den Sonntagseinfall bekämen, sich ans dem Schooße der Natur wieder unter die Menschen zurück zu flüchten." „Wohl möglich, denn es läßt sich nicht bestreiten, daß der Mensch selbst in Arkadien nach einer Ab- wechslung sich sehnen dürfte." „Das heißt,— sind wir gesättigt, wollen wir verdauen, um nach der Verdauung uns auf's Neue sättigen zu können. Der Mensch wird einfach nn- aufhörlich von irgend einem Verlangen beherrscht. Das momentane Gefallen an Gegenden, die auf das Auge angenehm einwirken, betrachte ich nur als den Ausdruck dieses menschlichen Begehrens. Wir gönnen dem Teiche in der„Schlucht" seine Ruhe nicht, wir mißgönnen ihm seine Abgeschiedenheit von der Welt, seine reine Luft, die ihn umweht. Wir begehren einfach diese Vorzüge für uns. Und gesättigt werfe» wir sie achtlos wieder weg, wie die Blume, deren Duft wir eingesogen haben." „Um dann wieder zu einem anderen Parfiim zu greifen," ergänzte der Ingenieur.„Ihr Ausspruch, mein Fräulein, ist durchaus zutreffend und findet in verschiedenen Variationen Widerhall in der Seele eines jeden denkenden Menschen...." „Am Aschermittwoch!" „Freilich. Aber heute, glaube ich, haben wir diesen garstigen Tag nicht...." „Oh doch! Aber ich gönne es Ihnen, wenn er im Kalender Ihres Lebens auf ein anderes Datum fällt. Vielleicht haben Sie auch einen längeren Kar- neval, und der Tag der Erkenntniß und der Bitter- nisse stellt sich nur selten bei Ihnen ein. Es giebt jedoch Menschen, denen das Schicksal nur deshalb das Siegel der Nichtigkeit hundertmal von der Stirne wegwischt, um es zum hundert und erstenmale wieder darauf drücken zu können. Solche Menschen durch" schauen auch am Sonntage, auch in der Zeit der Rosen die menschlichen Schwächen und erkennen sie" Eine sonderbare Sprache in dem Munde eines jungen Mädchens, das so allerliebst niedliche Fiißchen hatte. Der Ingenieur, in das Beschauen derselben wieder vertieft, konnte sich keineswegs auf die Hobe aschermittwochlicher Betrachtungen aufschwingen. Er blickte unaufhörlich vor sich nieder und seine Gedanken waren eitel Rosen, keine Spur von Asche. Möglich, daß die Erzieherin nur scherzte. Er blickte sie von der Seite an und sah die strengen Linien ihres Profils. Nein, sie hatte nicht gescherzt. Eine Dame, die den Pessimismus predigt, ist gefährlicher als Schopenhauer, welcher— wie be- kannt— keine weibliche Anniuth in's Feld führe» kann, dessen Argumente von keinem zierlichen Fiißche» unterstützt werden, und den gegen sachliche Angriffe keine Galanterie schützt, welche einer Dame gcge»' über kein Mann außer Acht lassen darf. Schweigend fuhren sie so eine geraume Weile- Ten Ingenieur wandelte plötzlich die Lust an, dem Fräulein die Freude am philosophischen Grübeln zu vertreiben. Er wußte, daß Wunderlichkeiten am besten auf homöopathischem Wege kurirt werden, und so begann er dann wieder: „Ich will mich meiner Sonntagsstimmnng ent- schlagen, und bekenne im Ernste, daß ich mit Ihne», Fräulein, übereinstimme. Aus Ueberzeugnng. Rnr daß ich mich etwas abseits stelle, ich urtheile nicht, ich analysire, und da sehe ich allerdings nur die reine Naivetät anstatt des Neides und der Begehrlichkeit, welche Sie der Menschheit unterschieben. Und ww soll ich mich da an den Schönheiten, die„die Schlucht" umgeben, erfreuen, wenn ich erkannt habe, daß fie garnicht existiren, daß die Farbe überhaupt nur eine optische Täuschung ist, daß die einzelnen Farben nur den sichtbaren Maßstab für die Schwingungen der verschiedenen Lichtwellen bilden, und daß dieses Licht selbst, wie auch die Wärme und Aehnliches nur ein schwacher Versuch sind, mit welchem unsere Mutter Natur die wissenschaftliche Molekülen-Theorie zu er- Härten wachtet." Die Neue XDelt Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 299 Die Erzieherin wendete sich dem Sprechenden zu. Das strenge Profil verschwand, und an seiner Statt erblickte der Ingenieur ein reizendes," zartes, rosiges Btädchengesicht, um dessen schwellende Lippen ebenso wie in den klaren, braunen Augen Kobolde spielten. ;_ Er lachte, in der Erwartung, daß das Fräulein einstimmen werde. „Warum lachen Sie, mein Herr? Ueber Ihre Ueberzeugung? Oder soll Ihr Lachen vielleicht dazu dienen, mir zu verrathen, daß Sie meine Worte für so thöricht halten, daß man auf sie nur mit einem Scherz antworten könne." Ihre Stimnie nahm eine sarkastische Färbung an. „Behüte!" wehrte sich, einigermaßen beschämt, der Ingenieur. „Dann bleiben wir bei dem Thema, das nicht lächerlich ist." And den ganzen Weg bis Jewan mußte der Ingenieur die Qual ertragen, die ihm ihr Gespräch über transzendentale Gegenstände bereitete, und sich der berauschenden Einwirkung der Reize dieses schönen Mädchens erwehren. Er unterschied genau die Wir- kung dieser beiden Elemente, die auf seine Nerven und sein Blut einstürmten. Durch das Vakuum der buddhistischen Glanbenssätze leuchteten ihm zwei braune, große Augen traurig entgegen, daß ihm fast die Augen ubergingen, und von dem Dasein eines organischen Lebens als dem Merkmale des Absterbens unserer Erdkugel hätte er sich beinahe durch einen Kuß über- Zeugt, als ihm Celestyne im Eifer der Diskussion ihre lebensvolle, zartgeröthete Wange auf eine Hand- spanne nahe brachte. Ungeachtet aller Paragraphen der gesellschaftlichen Gesetze ergriff die Erzieherin, einmal für einen Moment, seine Hand und zeigte ihm eine Sieihe der schönsten weißen Zähnchen. Ihr Busen wogte, und ihre Bewegungen wurden lebhafter und ungezwungen, wie unter alten Be- kannten.... „Nun habe ich aber von der Reise nachgerade genug!" rief Herr Chladek, als des Ingenieurs Wagen mit Eelesthne die eben stehen gebliebene Dräsine erreichte.„Mensch, ich kann Ihnen nur sagen, mein Schädel brummt mir schon.. ah.. brrr!" Der Schädel des Ingenieurs brummte auch. Dabei nahm er aber dennoch ivahr, zum ersten Male vielleicht in seinem Leben, daß die vertrauliche An- rede als„Mensch" zwar sehr natürlich, aber unter lini ständen nicht sehr ehrend ist, namentlich in Gegen- lvart von Damen. „... Und auch muß ich Ihnen sagen, daß ich gehörig nnznfrieden bin," knurrte Herr Chladek. „Sie bauen mir viel zu schnell, für jede Stunde, die der Bau früher fertig wird, als vertragsmäßig festgestellt ist, bin ich genöthigt, für die Erhaltung der Strecke zu sorgen." „Ich baue so sorgfältig, daß Sie nichts zu be- fürchten haben." „Sorgfältig! Sorgfältig! Was nützen mir die Brücken, die nicht einmal hundert Jahre nach meinem Tode einstürzen?... Sie genirt mein Schaden frei- lich nicht! Warum werden Sie roth? Sie werden sich doch nicht etwa schämen wollen, oder gar ärgern? Beides ist eine Dummheit,— namentlich vor dem Mittagessen. Nach dem Essen wollen wir weiter dar- Über sprechen. Ich will mir jetzt meinen Appetit nicht verderben lassen, denn ich habe einen schreck- lichen Hunger, und nichts ärgert mich mehr, als wenn ich meine Essenszeit nicht einhalten kann, was mir übrigens nicht so leicht passirt. Früher speisten wir um zwöf Uhr, jetzt aber hat meine Frau auf die Mittagsstunde das ckejeuner ä I» kourelretts verlegt und so haben wir das Diner erst um drei Uhr.... Gut! Ich setze mich Mittags zu dem ckojeunor dinotoire, aber meine Frau kann reden was sie will, mein Magen läßt sich nichts vorreden, und ich esse so lange, bis ich genug habe. Um drei Uhr esse ich dann noch einmal— nach dem Willen meiner Frau. Hören Sie, gerade läuten sie zu Mittag.... Die richten da ihre Zeit ein, wie es mir scheint, nach der königlichen Sternwarte in... in... na, Tu Irene aus der höheren Mädchen- schule: Wo rcsidirte der wunderliche König von Frankreich?" „In Avetot." „So, so! Also nach der königlichen Sternwarte in Avetot. Gleich habe ich es mir gedacht: Zwölf Uhr und acht Minuten. Sie haben um anderthalb Minuten weniger, Ingenieur? Werfen Sie Ihre Uhr weg und kaufen Sie sich eine» Chronometer, wie der meine ist. Er kostete sammt der Kette nur fünfhundert Gulden...." „Gabriel!" mahnte Frau Chladek. Ihr langer Arm, wie geschaffen zum Anschauungsunterricht von der Theorie der scharfen Winkel, zitterte. Vielleicht vor Aerger, oder auch vor Sehnsucht nach dem stützenden Arm des Herrn Chladek. „Verzeihe, meine Theuerste," entschuldigte sich Herr Chladek,„die Krebse erwarten uns, also be- eilen wir uns. Zwölf Uhr und neun Minuten, die höchste Zeit. Gerade habe ich dem Ingenieur von nieiuem Hunger erzählt...." Der Unternehmer steuerte sammt seinem Sermon dem Hohlwege zu. GJovIfccung folgt.) Ä Me Mrslhllllg der nördsirijm AurWrl. Von Helene Borchardt. �ede Wissenschaft ist aus praktischen Bedürf- nissen entstanden und hat bei ihrem Empor- blühen praktische Bedürfnisse der Menschen befriedigt. So erwuchsen die Naturwissenschaften in unmittelbarstem Zusammenhang mit der Medizin, und bei der erhabensten aller Wissenschaften, die wie keine andere geeignet ist, den Blick von den kleinen Alltagssorgen hinweg, vom Streit und den Leiden- schaftcn der Menschen auf der Erde zu den stillen, unwandelbaren Gestirnen und den ewigen Gesetzen des Weltalls zu richten, der Astronomie, ist der Zusammenhang mit den Bedürfnissen der Schifffahrt und der Landwirthschaft unverkennbar. Der Ver- kehr der Menschen war es auch, der die nähere Erforschung unseres Wohnsitzes nothwendig machte und so den ersten Anstoß zur Entwickelung einer geographischen Wissenschaft gab. Gerade bei der Geographie finden wir bis in unsere Tage hinein, daß die Entwickelung der Wissenschaft mit der Sucht, sich zu bereichern, Hand in Hand geht. Nicht Wissens- drang, sondern die Hoffnung auf reichen Handels- verkehr führte die Phönizier über die Säulen des Herkules hinaus; um die Neichthiimcr Indiens zu holen, segelte Kolumbus nach Westen, umschifften die Portugiesen die Siidkiiste Afrikas. Auch heute soll die nähere Erforschung dieses Crdtheils sowie die Erschließung Ostasiens in erster Reihe den wirth- schaftlichen Interessen der europäischen Völker dienen. Derselbe Geist, der die modernen Völker durch alle Welttheile treibt, war es auch, der die Menschen in die eisstarrenden Regionen des Nordpols und Südpols getrieben hat. Im fernen Süden vermuthete man seit alter Zeit einen großen und reichen Kontinent, von dessen Entdeckung man sich goldene Berge versprach; den Anlaß zu den nordischen Fahrten gab der Wunsch und die Hoffnung, nach dem gepriesenen Indien, das die Portugiesen um Afrika herum, die Spanier auf dem Wege durch die Magellansstraße im Süden von Amerika erreichten, von England und Holland aus auf einem kürzeren Wege zu kommen. Wenn wir von den Fahrten der alten Normänner um das Jahr 900 und 1000 nach Christus und der damals geschehenen Entdeckung Grönlands absehen, so können wir wohl als ersten, der eine Nordpol- Expedition ansriisten wollte, den Vcnetianer Manson nennen. Seine Idee, Indien auf der Fahrt nach Norden, und zwar nach Nordwesten, um Amerika herum, zu erreichen, fand in England Beifall und llnterstützung. Die Portugiesen aber erwirkten vom Papst, der die zu entdeckenden indischen Länder zwischen ihnen und den Spaniern getheilt hatte, einen Bannfluch gegen Jeden, der einen Eingriff in ihre geheiligten Rechte wagen würde. Als nun auf dem Meere Mansons Schiff von einem gewaltigen Sturme überfallen wurde, glaubte seine Mannschaft den Fluch des heiligen Vaters zu vernehmen, und weigerte sich, weiter zu fahren. Zwar ließ Manson seine Leute später wegen Meuterei zur Verantwortung ziehen, aber seine Unternehmung war gescheitert. Bald darauf rüstete ein anderer Vcnetianer, Cabot, ebenfalls von England aus zwei kleine Schiffe aus, um die nordwestliche Durchfahrt nach China und Indien zu finden. Er segelte bis zum 56. Breiten- grad und entdeckte Florida und Neufundland, von wo er die ersten Eskimos nach Europa brachte. Nachdem er die Küste von Labrador eine Strecke weit verfolgt hatte, kehrte er um, ohne den eigent- lichen Zweck der Reise erreicht zu haben. Da aber die Schifffahrt nach der fischreichen Küste Labrador's gewinnbringend war, so entwickelte sich nach dieser Gegend im 16. Jahrhundert ein reger Verkehr. In- zwischen wurde auch der Gedanke, den Weg nach Asien, über Nordwesten, die nordwestliche Durchfahrt, zu finden, eifrig weiter verfolgt. Schon 1517 kam Sebastian Cabot in die Hudson-Straße, und in den nächsten Jahren folgten weitere Expeditionen; da sie aber nicht zum Ziele führten, kam man auf den Gedanken, die Durchfahrt im Nordosten an der asiatischen Seite zu versuchen. Der englische Kapitän Willoughby wurde mit drei Schiffen ausgesandt und entdeckte die Spitzbergischen Inseln; weiter nach Osten segelnd, gerieth er in das Eis, und versuchte den Rückweg nach Süden zu gewinnen. Er überwinterte mit seiner Mannschaft auf der Halbinsel Kola, wo er mit der Besatzung zweier Schiffe den Strapazen des nordischen Winters erlag. Das dritte Schiff dagegen erreichte glücklich Archangelsk au der Mündung der Dwina, und von dort ging die Mannschaft unter dem Kapitän Chancellor auf dem Landwege nach Moskau; sie knüpften dort sehr günstige Handels- bcziehungen an, bevor sie nach Hause zurückkehrten. Es bildete sich infolge dieses russischen Handels in London die Muscovy Company, welche mehrfach Schiffe zur Erforschung der Nordkiiste Asiens und der Entdeckung der nordöstlichen Durchfahrt ans- rüstete. Aber erst im Jahre 1580 wurde die Karische Straße einmal eisfrei gefunden, sodaß ein Einfahren in's Kausche Meer möglich war; sehr weit kam man jedoch nicht, da die gewaltigen Eismassen die Schiffe zur Umkehr nöthigten. In jener Zeit nahmen die Engländer und bald darauf auch die Holländer die Bemühungen zur Entdeckung der nordwestlichen Passage wieder auf. Frobisher brachte von seiner Expedition, die ihn nach der Nordkllste von Labrador geführt hatte, ein Stück eines Steines mit, in welchem man Gold zu sehen glaubte. Nasch verbreitete sich die Kunde von dem vermeintlichen neu entdeckten Goldlaude, und in den folgenden Jahren gingen zahlreiche Schiffe dorthin. Alan fand bald, daß das Gestein Labradors zwar glänze, aber nicht ein Ständchen Gold enthalte. Wir können hier nicht alle Expeditionen einzeln aufzählen; es seien nur die wichtigsten genannt. Zu erwähnen ist der Engländer Gilbert, der 1583 auf Neufundland, wo bereits Franzosen und Portugiesen einen einträglichen Fischhandel trieben, die erste englische Niederlassung in der neuen Welt gründete. 1585 durchfuhr Davis die nach ihm benannte Straße zwischen Amerika und Grönland, wo er zwei Jahre später bis zum 73. Breitengrade gelangte. 1594 fuhren holländische Schiffe durch die Jngorstraße, welche zwischen Asien und der kleinen Insel Waigatsch im Süden von Nowaja Semlja liegt, wiederum in's Karische Meer; eine andere holländische Expedition unter Barents entdeckte 1596 die Bäreninsel und von Neuem Spitzbergen, fuhr dann östlich und kam um die Nordspitze von Nowaja Semlja in's Karische Meer. Nach einer schrecklichen Ueberwinteruug auf Nowaja Semlja, auf die man nicht gerechnet und für die man sich nicht vorbereitet hatte, gelangte die Expedition, deren Führer den Strapazen erlegen war, im nächsten Jahre auf Böten über das Meer nach 'Kola, wo sie von russischen Schiffen aufgenommen wurde. Der kühne Seefahrer Heinrich Hudson faßte den Plan, da weder im Nordosten, noch iin Nordwesten eine Durchfahrt zu finden war, nunmehr direkt zwischen Grönland und Spitzbergen, oder auch im Osten von Spitzbergen nach Norden vorzudringen 300 Die Neue N?elt. Illustn'rte Unterhalkmgsbeilaqe. und über den Nordpol nach China und Indien zu fahren. 1607 drang er im Osten Grönlands, 1608 im Osten Spitzbergens vor; doch trieb ihn das Eis jedesmal zurück. Der Name dieses Entdeckers, der ein trauriges Ende fand, ist besonders durch die Fahrten, die er in den nächsten Jahren zur Ent- deckung der Nordwest-Durchfahrt unternahm, bekannt geworden. Er fuhr durch die nach ihm benannte Hndson-Straße in die ebenfalls seinen Namen tra- gcnde große Meeresbucht, wo er vom Eise eingc- schlössen wurde und sich zur Ueberwinterung gezwungen sah. Als sich im Frühjahr die Eis- massen lösten, fuhr er weiter nach Westen, weil er fälschlich vermnthete, daß das Meer noch Wasserverbiudnng nach Westen hätte. Seine Mannschaft wen- terte aber und setzte ihn nebst neun Kranken in einem kleinen Boote auf dem Meere aus, während das Schiff nach Europa zurückkehrte. Zwei Jahre später wurde die Hudsonbai ihrer ganzen Ausdehnung nach abgesucht, um das Schicksal des unglücklichen Kapitäns aufzuklären; doch wurde keine Spur von ihm ge- funden. Jedenfalls sind die zehn unglücklichen Leute dem Hunger und der Kälte erlegen. Einige Jahre später, 1616, gelangte der Engländer Bassin, im Zuge der Davis-Straße segelnd, iu die 20000 Quadrat- meilen große, nach ihm benannte Baffinsbai und konnte in dieser bis zum Smithsund unter 78" nördl. Br. vordringen; eine Durchfahrt nach Westen konnte er jedoch nicht finden. Nach seiner Rückkehr bestritt er ener- gisch, daß eine solche überhaupt möglich sei, und als auch wei- tere Versuche ohne Erfolg waren, gab man die Bemühungen zur Entdeckung der nördlichen Durch- fahrt allmälig auf. Hatten somit die zahllosen Fahrten nach Norden, Nord- Westen und Nordosten auch nicht zu dem gewünschten Ziel geführt, so waren sie doch nicht vergeh- lich gemacht, die nördlichen Küsten von Asien und Amerika waren iu ziemlicher Ausdehnung erforscht worden, ein sehr starler Handel mit Pelzwaaren wurde mit den Eskimos getrieben, und außerdem zeigten sich die nor- dischen Gewässer reich an See- Hunden, Fischen und Walen. Der Walsischfang war ein sehr ergiebiger und lohnender, und alljährlich wurde im Sommer das Eismeer von zahl- reichen Fangschiffen befahren, die oft mit reicher Beute heimkehrten. Aber auch der Gedanke an die Mög- lichkeit der gesuchten Durchfahrt, und zwar einer fiir den Handelsverkehr geeigneten Fahrstraße, erlosch nicht ganz, und 1743 setzte das englische Parlament eine Belohnung von 20000P, also etwa jVl. 400 000, für die Entdeckung der Durchfahrt ans. Die Polarforschung selbst stand indessen keines- wegs still. 1721 waren die heutigen dänischen Kolonien in Grönland gegründet worden; auf Land- reisen wurden weite Strecken des amerikanischen Kontinents erschlossen; die Kenntniß Sibiriens wurde durch die von Peter dem Großen geplante und nach seinem Tode ausgeführte große arktische Erpedition (1725— 1742) sehr erheblich gefördert. Die Tren- nnng Asiens und Amerikas war schon 1648 er- kannt worden, 1728 wurde von Bering die Bering- straße durchfahren, und 1742 wurde die nördlichste Spitze Asiens, Kap Tscheljuskin, von Tscheljuskin nmwandert. Von Kamschatka aus erreichten 1741 Bering und Tschirikow das gegenüberliegende ameri- kanische Festland, durch welche stteise die Fahrten der russischen Pelzjäger nach den Aleuten und der Nordwest-Küste Amerikas sowie die Gründung der russisch-amerikanischen Kompagnie veranlaßt wurde. 1760 wurde Nowaja Semlja umschifft, 1770 und 1773 wurden die ueusibirischen Inseln von Ljachow besucht. 1778 sollte Cook die Ausdehnung der Nordlvcstkiiste Amerikas feststellen; er erledigte Am Waisenhaus zu Aüliccß. Nach dem Gemälde von G. (In der Gallerie des Herrn Raussendorss in Berlin.) diese Aufgabe vollständig, fuhr durch die Bering- straße und verfolgte dann die asiatische Küste, um vielleicht die nordöstliche Durchfahrt aufzufinden. Auch im Anfange unseres Jahrhunderts wurde die sibirische Küste durch eine Reihe von Fahrten zu Schiff und zu Schlitten näher erforscht. Gleichzeitig regte sich auch das Interesse wieder fiir die Entdeckung der nordwestlichen Durchfahrt. Der kühne Walsischfänger Skoresby hatte 1806 im Osten Grönlands bis zu der nie erreichten hohen Breite von 81�/ü Grad fahren können; ebenso fand sein Sohn 1816 die Grönlandssee fast eisfrei. Es schien daher, als ob das ewige Polareis sich in ein- zelne Massen aufgelöst habe, und zufolge dieser großen Veränderung des Eises glaubte man, die Nordwest- liche Durchfahrt müsse nunmehr gefunden werden. Der für die Entdeckung der Durchfahrt vom eng- tischen Parlament ausgesetzte Preis von 20000£ wurde erneuert und der vierte Theil davon für Denjenigen bestimmt, der bis zum 1 10. Längengrade westlich von Greenwich vordringen würde. Schon 1818 lpurden zwei Schiffe unter John Roß und Parry nach der Bafsinsbai gesandt, während eine andere Expedition unter Buchau im Osten Grönlands so weit als möglich vordringen sollte; nachdem sie Grönland umschifft oder, falls es mit dem amerikanischen Festlande zusammen hinge, an diesem entlang gefahren, sollte sie nach dem Stillen Ozean segeln, um dort eventuell mit Roß zusammen zu treffen. Beide Expeditionen hatten keinen Erfolg: Buchau wurde durch Eis am Vordringen verhindert und ebenso hatte Roß eine sehr beschwer- liche Fahrt. Schon beim Ein- dringen in die Baffinsbai erfuhr er von den ihm begegnenden Walsischfahrern, daß seit Jahren nicht so viel Eis dort anzn- treffen sei, als gerade damals. Tie Eisverhältnisse jener Gegen- den sind also von Jahr zu Jahr außerordentlich veränderlich; ein- mal kann man ungehindert bis zum Smithsund vordringen, ein anderes Mal wieder kommen so ungeheure Eismassen von der Polgegend herab, daß schon das Einfahren in die Baffinsbai schwierig wird. Roß traf, wie gesagt, sehr ungünstige Eis- Verhältnisse, und seine Schiffe saßen sehr bald im Eise so fest, daß das Fortkommen außer- ordentlich schwierig war. Es wurden Taue an den Eisblöcken befestigt und mittelst der Schiffs- winden, um welche die Taue geschlungen waren, die Schiffe langsam weiter'bngsirt. Auf diese Weise kam man bis zu dem schon von Baffin äuge- gebenen Lancastersnnd, der sich als etwa acht Meilen breite Wasserfläche darstellte, die nach innen zu schmäler lvird. Roß glaubte deshalb eine geschlossene Bucht vor sich zu haben, ans der es nach Westen zu keine» Ausgang gebe. Deshalb ent- schloß er sich zur Ilmkehr, ohne ein nennenswerthes Resultat trotz der großen Beschwerden erreicht zu haben. In England wurde er deshalb außerordentlich ge- tadelt und sehr verspottet, und schon im nächsten Jahre wurde Parry mit zwei Schiffen nach . derselbenGegend geschickt. Dieser durchfuhr den Lancastersnnd, sowie die sich anschließende Barrowstraße und den Welling- Kühl. tonkanal und durchforschte die weiter westlich gelegenen Inseln. Auf der Melville-Jnsel über- winterte er und gelangte im Frühjahre 1820 bis zum l 14. Längengrade, von wo er im Süden das Banksland erblickte. Seinem weiteren Vordringen setzte jedoch das Eis eine Grenze. Nachdem er den für die Erreichung des 110. Längengrades ans- gesetzten Preis von 5000£ erhalten, bekam er den Auftrag, die amerikanische Küste von der Hudson- straße aus zu erforschen; mit seinen Schiffen Für.) und Hella drang er auch bis zur Fury- und Hella- straße unter 70 Grad nördl. Br. vor, sah sich dann aber zur Ulnkehr genöthigt. Noch einmal unternahm derselbe Forscher mit denselben Schiffen den Versuch, vom Lancastersund aus die Beringstraße zu finden: doch kam er diesmal durchaus nicht so weit, wie sechs Jahre zuvor. Er mußte das eine Schiff, die Fury, als Wrack aufgeben und mit dem anderen ohne besonderes Resultat heimkehren.(Schluß ,olgt.) £ Die Aeue A?clt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 301 Me Lrztllgllng von Dohsgfrülhcn. Von P. M. Grcmpe. KVuß)_ 1/v/ oschusähnlich riechende cheniischc Präparate werden aus einer aromatischen Nitro- Verbindung fabrizirt. Aenßerst wenige �tvichtSthcilchen dieses Kunstproduktes geniigen, um � eine ungemein lange Zeitdauer den intensiven Mchusgeruch zu verbreiten, eine Eigenschaft, die Räumlich auch dem natürlichen Moschus eigen ist. �>s Kunstprodnkt eignet sich aber in manchen Fällen .�'er als das natürliche zum Festhalten oder Ab- 'ächen verschiedener Wohlgeriiche. Der Preis von Verwendung erwähnt zu werden verdienen, sind noch Mirbanöl und Bittermandelöl. Ersteres wird schon seit dem Jahre 1836 aus dem Steinkohlcntheer in der Weise gewonnen, dasi dessen Hanptbcstandtheil Benzol mit Salpetersäure behandelt wird. Mirbanöl spielt bei der Seifenproduktion als wohlriechender Znsatz eine große Rolle. Ebenfalls aus Stein- kohlentheer, und zwar ans Tolnol, wird das Bitter- niandelöl erzeugt, welches früher ans den natürlichen bitteren Mandeln mühsam herausgezogen werden mußte. Die als Essenzen oder Extrakte bezeichneten Riechstoffe sind Auflösungen in starkem Weingeist, die zur Herstellung der Parfllmerien in der Weise benutzt werden, daß man sie mit anderen wohl- Die große Flüchtigkeit der guten Parfümerien zwingt schon an und für sich den Fabrikanten, die Verpackung der Fliissigkeiten möglichst dicht herstellen zu lassen. Bei de» immerhin erheblichen Kosten der wirklich vorzüglichen Wohlgeriiche kommen daher die Unkosten der besseren Behälter kaum in Betracht; nur in den Fällen, wo diese Verpackungsmittel (Flaschen, Kriige, Tuben zc.) prächtig verziert, ausgeschmückt und ans besonders thenerem Material sind, wird natürlich der Preis dadurch noch wesentlich erhöht. Allgemein gültig ist aber der Satz, der hier als Rath allen Käufern flüssiger Aromatas gegeben werden soll, dessen sich also vor allen Dingen das Wohlgeriiche in größerem Maße verbrauchende zarte Geschlecht immer erinnern sollte: Kaufet flüssige �ÜCvßßtctCl. Nach dem Gemälde von Paul Hey. '�stnwschus beträgt meist mehr denn 1000 Mark j*0 Kilo. i Zur Herstellung bestimmter Parfiiinerieu werden jTchweg mehrere Riechstoffe benutzt; nach längerem Jern der Mischungen tritt dann der gewünschte Zeitliche, harnionische Geruch hervor. In der Ilen Zeit kann eine geübte Nase ziemlich leicht die Zlchiedeneii Bestandtheile der Mischung feststellen. . st in der letzten Zeit ist die Entdeckung gemacht °chen, daß selbst der reine Kamille-Gcrnch ans che Weise zu erzielen ist, wenn die richtigen Snb- "Zen(Eananga, Vetiver, Alang-Blang, Joiio» ee.) Zweckmäßiger Form vereinigt werden. Das beliebte Veilchen-Parfüm wird zur Zeit . besten in der Weise hergestellt, daß man das stchcnartig riechende chemische Produkt Jonon mit " Auszügen ans natürlichen Veilchen mischt; dieser rwhlgeruch ist nndanernd und ermangelt nicht des »".Blumen anhaftenden angenehmen Grasgeruches. jch die chemische Industrie hier ein erfolgreiches c° lohnendes Feld für ihre Thätigkcit gefunden bemeist am besten der Preis des Jonon, der Kilo die Kleinigkeit von 8000 Mark beträgt, . brend das natürliche Rosenöl im Durchschnitt � 750 Mark kostet. Ehemische Erzeugnisse, die wegen ihrer großen ! riechenden Substanzen in der richtigen Weise vcr- einigt. So besteht z. V. eine gute, feinriechende Patschnli-Essenz ans 8 Gramm Patschnli nnd 2 Gramm Rosenöl, die in 1 Liter Alkohol aufgelöst sind. Taschentuch-Parfiimcrien, auch Riechwässer oder Bougucts genannt, werden unter Benntziiiig der vor- bereiteten Extrakte durch zweckmäßiges Schütteln und Lagern gewonnen. Das Taschentuch-Parsüm mit dein schönen Namen„Friihlingskiisse" wird nach folgendem Rezept erzengt: Bergamotteöl 4 Gramm, Zitroncnöl l Gramm, Akazien-Essenz 0,15 Liter, Ambra-Essenz 0,05 Liter, Jasmin-Essenz 0,1 Liter, Rosen-Essenz 1,25 Liter, Veilchen-Essenz 1,25 Liter, Rosenöl 3 Gramm, Alkohol 0,15 Liter. Natürlich kann von den einzelnen Bestandtheilen in entsprechendem Verhältiiiß mehr oder weniger genommen werden, je nachdem ein größerer oder kleinerer Vorrath Parfüm hergestellt werden soll. Der bekannte Wohlgeruch„Lau ck« Coloxiio" wird nach unzähligen Rezepten angefertigt, die als Hanptbestandthcile immer Orange-, Zitronen- nnd Bergamotteöl vorschreiben. Eine erprobte Vorschrift für dieses Parfüm empfiehlt folgende Bestandtheile in 1,5 Liter Alkohol aufgelöst: Bergamotteöl 5 Gramm, Melissenöl 0,75 Gramm, Zitronenöl 0,75 Gramm, Lavendclöl 0,40 Gramm, Neroliöl 0,40 Gramm. Parfümerien nur in Gefäßen, die durch eingeschliffcnc Glasstöpsel dicht verschlossen sind, denn Korkverschlüsse sind undicht, lassen also den Duft entweichen nnd theilen außerdem den ihnen eigenthiimlichen Geruch den Aromatas mit. Die besonders in England beliebten Ricchsalze werden in der Weise fabrizirt, daß Aetzammoniak oder kohlensaurem Ammoniak von vollständiger Rein- hcit durch Zusatz von Rosen-, Nelken-, Bcrgamottc-, Miiseat-, Zimmt- und Lavendelöl zu angenehmen Düften vcrholfen wird. In ähnlicher Weise werden die Toiletten-Essige hergestellt. Branntwcin-Essig, der einen beinahe angenehmen erfrischenden Geruch entwickelt, wird durch Zusatz von Kampher, Lavendel-, Rosmarin- und Macisöl für Toilcttenzwecke zugerichtet oder unter Benntznng der aus verschiedenen Pflanzen gewonnenen Essenzen parfümirt. Unter den trockenen Parfümerien erfreuen sich die Ränchernngsmittel großer Beliebtheit; thcils entwickeln sie schon beim Erhitzen Wohlgeriiche(Räncherpnlver), theils werden sie aber zu diesem Zweck verbrannt (Räucherkerzen nnd Räncherpastillen). Das Verfahren besteht im Wesentlichen immer in der Parfüniirung geeigneter Stoffe; diese sind Holzkohle, Salpeter, Santa- oder Eedcrnholz, Bernsteinpulver, Papier- streifen, die, wenn sie nicht verbrennen sollen, in 302 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. heiße Alannlösnng getaucht werden, und Lampendocht. Natürlich kann zur Herstellung der Räuchermaterialien beinahe jedes Parfüm benutzt werden, ganz gleich- gültig, ob es sich aus vielen oder wenigen riechenden Bestandtheilen zusammensetzt. Da in Berlin in diesem Jahre längere Zeit auf allen belebten Straßen und Plätzen ein schwunghafter Handel mit Räncherpapieren betrieben wurde, und da anscheinend diese Art des Parfüms sich größeren Konsums erfreut, so ist es wohl angebracht, eine Vorschrift zur Anfertigung glimnienden Räncherpapiers zu geben, zumal die auf den Straßen feilgebotenen Papierstreifen allerdings einen ziemlich intensiven Geruch entwickeln, dieser aber von vielen Menschen nicht gerade als„Wohl"-Geruch bezeichnet wurde. Das Papier wird zweckmäßig mit einer Lösung von 125 Gramm Salpeter in Wasser behandelt und dann in eine Fliissigkeit ge- taucht, die man wie folgt zusammenstellt: Benzoö 15 Gramm, Weihrauch und Santaholz je 10 Gramm, Grasöl 1 Gramm und Alkohol 0,10 Liter; schließlich kann man noch 5 Gramm Vetiver-Essenz hinzufügen. Dieses Räncherpapier brennt ohne Flamme, ent- wickelt aber ein lebhaftes Funkensprllhen und bietet somit namentlich im Dunklen einen sehr schönen Anblick. Um Wäsche, Spinden zc. dauernd mit einem ge- wissen Wohlgeruch zu imprägniren, werden die so- genannten„spanischen Leder" in der Weise angefer- tigt, daß man Ziegen-, Reh- oder Schafleder(in Stücken von geeigneter Größe) in einer Mischung aus den verschiedensten Oelen und Essenzen drei bis vier Tage liegen läßt und es dann nach dem Trocknen mit einem Brei aus Moschus, Zibcth, Glycerin, Wasser, Gummi und Benzoesäure bestreicht. Nachdem nunmehr das Leder zusammengelegt und wieder ge- trocknet ist, hat ein lltiechspender das Licht der Welt erblickt, der Jahre lang Wohlgerllche verbreitet. In einfacherer Form werden diese Parfiimerien auch unter Benutzung von Watte und Fließpapier an Stelle des Leders gefertigt. Die Riechpulver— in Converts, Säckchen, Schachteln, Kissen zc. verpackt— bestehen zum größten Theil aus getrockneten und zerriebenen Pflanzen von angenehmem Geruch. Selbstverständlich ist auch die Fabrikation dieser Wohlgerüche von Schwierigkeiten begleitet, die man im ersten Augenblick bei dem anscheinend so außerordentlich einfachen Grundgedanken des Verfahrens garnicht für möglich halten möchte. Der Parfümeriefrennd weiß z. B. sehr genau, daß außer Veilchenblüthen noch eine nicht geringe Zahl anderer Pflanzentheile ihren Duft beim Trocknen verlieren und infolge des auftretenden unangenehmen Geruches nicht zur Anfertigung von Riechpulveru benutzbar sind. Außerdem ist zu beachten, daß wegen der Gefahr der Schimmelbildiing nur vollständig trockene Pflanzen verarbeitet werden dürfen. Die Zahl der in den Handel gebrachten riechenden Pulver ist sehr groß; zu ihren Hauptbestandtheilen gehören sehr oft Moschus und Zibeth, die dann mit den diversen Aromatas versetzt sind. Als Emulsionen werden in der Parfümeriekunst Zusammenstellungen bezeichnet, die sich bei der Be- rührung mit Wasser durch sehr feine Vertheilnng in eine der Milch ähnliche Flüssigkeit verwandeln; zum Theil werden diese Präparate zur Hautpflege gleich mit dem gehörigen Wasserzusatz in den Handel gebracht. Die Hauptsubstanzen derartiger Schönheits- mittel sind: Schweinefett, Oliven- und Ntandelöl, sowie Glpcerin, denen zur Erzielung guter Konser- virung Salicylsäure in außerordentlich kleinen Mengen zugesetzt wird. Die zu dieser Gruppe von Par- fiimerien gehörenden Mehle und Pasten werden ans den mehligen Bestandtheilen fetthaltiger Pflanzen- stoffe gemacht: dagegen bestehen die Pulver zur Pflege der Fingernägel hauptsächlich aus mit Karmin leicht gefärbtem Zinnoxyd, das durch wohlriechende Oele parfiiniirt ist. Die zur Haupt- und Haarpflege erfundenen Mittel heißen Pomaden, wenn sie von fester Beschaffenheit sind, während sie die Bezeichnung Haaröle dann führen, wenn sie eine mehr flüssige Konsistenz haben. Die fettigen Rohmaterialien dazu sind: Stearin, Talg, Schweinefett, Rindermark, Bärenfett, Paraffin, Walrath, Wachs und verschiedene Oele, die, wie schon ausgeführt wurde, absolut rein sein müssen. Nachdem die Fette mit den Aromatas gehörig ver- mischt sind, wird ihnen vor dem Erstarren durch Farbenzusatz, der meist in Glycerin erst aufgelöst wurde, die gewünschte Niiance verliehen. Für die Pflege des Rtundes stellt die hygieinische Parfümerie dem Menschen Zahnpasten, Zahnpulver, Tinkturen und Mundwässer zur Verfügung. So wichtig die gründliche Reinigung des Mundes auch ist, nie dürfen die Ntittel zur Pflege desselben ätzende oder sonst stark angreifende Materialien enthalten. Zahnpulver, die Bimsstein oder Holzkohle in sich bergen, find nicht empfehlenswerth, da sie das Zahn- Email stark angreifen und bei dauerndem Gebrauch fortschleifen. Da aber jedes Mittel zur Zahnpflege nicht nur dem Munde Frische, angenehmen Geruch und gesundes Aussehen verleihen soll, sondern auch die in der Mundhöhle sich infolge der Zersetzung von Resten der Nahrung zc. entwickelnden Säuren und Bazillen unschädlich niachen muß, so sind auf diesem Gebiete der Parfümerie-Fabrikation die Grund- regeln der Hygieine wohl zu beachten. Als Mate- rialien zu Zahnpulvern kommen kohlensaurer Kalk, verschiedene duftende Oele, Zucker, Wasser, Stärke- mehl, Veilchenwurzcl und Zimmt in Betracht. Tie Pastillen enthalten meist einen geringen Zusatz von Zibeth und Moschus. Die Mundwässer sind Auf- lösnngen wohlriechender Substanzen in Alkohol oder Rosenwasser mit antiseptischen und wohl auch matt särbenden Zusätzen. Eines der billigsten und ver- breitetsten Mittel zur Pflege des Gebisses ist eine schwache Auflösung von übermangansaurem Kaliuin, ein violetter Körper, der in jeder Droguerie und Apotheke für wenige Pfennige zu haben ist. Die guten und wohl parfiimirten Präparate sind natur- gemäß nicht sehr billig. Als Kosmetica werden diejenigen Erzengnisse der Parfümerie-Fabrikation bezeichnet, die zur Ver- schönernng der Haut und zur Pflege des Haarschmuckes dienen. Zu den erstgenannten Mitteln gehört die seit jeher gebrauchte Schminke, die aber von solcher Zusammensetzung sein muß, daß sie der Gesundheit keinen Schaden zufügt. Da es den Schönheitssinn des Kulturmenschen unserer Zeit beleidigt, wenn die zur Hautpflege verwendeten Kosmetica auffallend in Erscheinung treten, so muß schon bei der Zusammen- stellung der Schminken mit der nöthigen Vorsicht verfahren werden. Es braucht wohl nicht eingehend auseinandergesetzt zu werden, daß selbstverständlich auch bei einer guten Schminke der Konsument mit künstlerischem Geschick das Auftragen und Ver- reiben vorzunehmen hat, um den beabsichtigten Effekt unauffällig zu erzielen. Viele weiße Schminken bestehen aus fein gepulvertem und parfümirtein Speckstein, andere aus basischem Wismuthnitrat. Die„Geheimmittel" zur Entfernung von Sommer- sprossen, Miltternialeii und Leberflecken enthalten fast durchweg als Hauptbestand Kalium-Karbonat(Pott- asche), dem Wohlgerüche verschiedener Art zugesetzt werden. Der gewünschte Erfolg wird theils gar- nicht, theils in geringem Maße, aber wohl nie voll- ständig damit erzielt. Aromatisirte und röthlich gefärbte Mischungen, die als Toilettenpulver beliebt sind, bestehen aus irgend einem Stärkemehl und Specksteinpulver. Die Verwendung geschieht durch Einreibung der Haut mittelst der Puderquaste; die früher zu diesem Z>recl viel benutzte Hasenpfote kommt heute wohl nur noch äußerst selten zur Anwendung. Am bekanntesten ist ja der unverfrorene Schwindel, der mit„Haarerzeugern" getrieben wird. So lange gebildete und ungebildete Menschen Haarwuchsmittel begehren, wird leider der Parfümeur gezwungen send solche anzufertigen; das Rezept dazu ist natürlich immer das heiligste Geheimniß, denn es würden ja viele Personen auf diesen Schwindel nicht hineiw fallen, wenn sie eine Ahnung von der Zusammen' setzung der mystischen Haarerzeugungsmiltel hatte»- Daß besonders hier das Sprüchwort: Die Dumme» werden nicht alle! am Platze ist, beweist die llnzal» neuer Haarerzenger, die fortgesetzt fabrizirt werden und— leider Abnehmer finden. Vielleicht ist(- aber doch gut, wenn wir hier einem dieser geheimnUi' vollen Mittel auf den Leib rücken und seine, jede»' falls sehr prosaische Zusammensetzung zu Nutz und Frommen aller eventueller Interessenten veröffem' lichen, selbst wenn dieses Bartwnchsmittcl den resF' tablen Neimen„Baume de Milan pour les cheveux führt; man höre also: Mandelöl, Walrath, Carmi», Canthariden-, Storax- und Tolu-Essenz, sowie Schweinefett. Die Haarfärbemittel unterscheiden sich sonders in solche, die den Farbstoff erst infolge eine- chemischen Prozesses auf dem Haare entwickeln,»» in solche, die den färbenden Stoff fertig enthalten- Die Zusammensetzung dieser Mittel muß darum 0® besonders gewissenhaft seitens des Parfümenrs uns' genommen werden, weil gewisse Stoffe Kahlköpfig� herbeiführen können— einen Effekt, den der Ko»' sument von Haarfärbemitteln zweifelsohne keineswegs herbeizuführen wünscht. Immerhin giebt es lF Erzeugnisse der Parfümeriekunst zum Färben de Haare, deren richtiger Gebranch allerdings auch d> vorherige Reinigung des Haarwuchses von Fett u» Staub zur Voraussetzung hat. Da Haarfärbemittel aus Bleipräparaten sehr W sundheitsschädlich sind, so sollten solche niemals F kauft werden. Die vielbenutzte orientalische HmU' färbe enthält Moschus, Ambra, Galläpfel, st's' Eisen- und Kupferpulver. Zum Gebrauch wird diew trockene Pulver befeuchtet und darauf müssen d Haare kräftig damit eingerieben werden. Nach wenig* Tagen tritt die beabsichtigte tiefschwarze Farbs d Haare ein. Beim Auftragen einer verdünnten Löl»»» von krystallisirtem Kalium-Permanganat tritt d Färbung sofort ein; mit diesem Mittel lassen fi auch alle Farbennüancen von Blond bis zum dum* sten Braun den Kopf- und Barthaaren mitthcu* Die sogenannten„Doppelten-Haarfärbemittel" meid in der Weise angewendet, daß zwei Flüssigkeiten, zur bequemeren Unterscheidung in Flaschen von». schiedener Farbe gefüllt sind, nacheinander mit e> weichen Bürste in's Haar gewischt werden; so tfl' z. B. die erste(weiße) Flasche eine Lösung von G» äpfelpnlver in Rosenwasser und die zweite(d>»n Flasche eine Lösung von Silbernitrat enthalten.. Als letztes Fabrikat der Parfiimerie-Jndnl, dieser Skizze noch der Enthaarungsmu� werden, deren Wirkung dem zerstören des Schwefel-Calciums zuzuschreiben mtfp« uns unschädliches Mittel J»1' ist das Calcium-�"' mit Pfeffermiinz- soll in gedacht Einfluß Als ein gutes und seitigung von Haarwuchs in der Zusammensetzung »nd l3' llt. Zitronenöl, Stärkemehl, Zucker und Wasser beka» � Der Teig wird aus dem luftdicht verschloff*" � haltenden Gefäß auf die Haut gebracht; nam � bis 45 Minuten sind die hervorstehenden Hnnre aber nicht die Wurzeln!— zerstört und die � � wird abgewaschen. Ist das Haar nach kinZ � oder längerer Zeit wieder gewachsen, so muß natu diese Prozedur wiederholt werden.— D\z Neue A?elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Z03 'Tl�onicrs VOM Nach dom Dänischen des I. B. Jensen. ürzlich starb ein Bianii, der als der unbeug- , samste Nacken von ganz Himmerland bekannt war. In seiner Jugend galt Thomas fiir pRustig, und noch lange nachher erzählte man von Ml Prügelei, die damals um Hans Nielsen's Jör- Me stattgefunden hatte. Es war am Vorabend des Johannistages. l. �e Dorfjugend war oben auf dem Miihlenberge Mannnelt, um das Johanuisfeuer abzubrennen. seder der Knechte hatte sein Lämnichen bekommen, wer Andersen's Jesper verlas unter allgemeiner Merkeit die Liste. Paul Sören Kristian's Sohn win Jörgine, was Jesper so einzurichten verstanden We. Paul saß neben Jörgine auf einem mit Gras oewachsenen Nain. . Das Johannisfener brannte' es war eine ans Wer Stange befestigte Theertonne, die innen und �Ben loderte. Der Wind pfiff hörbar durch das pundloch; es leuchtete weißglühend und innen hielten die heißen Flammen. Sie schlugen oben heraus, leckten und knisterten und die gekräuselte Rauchsäule verlvr sich in der Dunkelheit. � In langer Reihe saßen die Mädchen auf einem wn. Sie waren vom Feuer beleuchtet, zuckende chatten huschten über ihre Schürzen hin. Die »echte standen in Gruppen beisammen, riefen und Ärzten, andere saßen neben den Mädchen und ver- achten, ihnen den Kopf zu verdrehen. Die Nacht or dunkel und warm, feucht vom thaufrischen Grase. , Wenn die Knechte sich vor dem Feuer hin und bewegten, verschoben die Schatten sich an den JjWflelseiteii. Der Berg bekam von den langen schatten, die sich drehten, das Aussehen eines großen �ades mit Speichen. . Ein Lied wurde angestinimt und die Knechte Wen Hnrrah beim Anblick der in den Nachbar- "oferii angezündeten Johannisfeuer. Sie trieben Derlei Scherze: einer von ihnen nahm einen kleinen Mgen und warf ihn wie eine todte Masse mitten ?! die Mädchenschaar hinein, die laut aufkreischte. �or Junge fiel in Jörgine's Schooß. Sie streichelte "»b drückte ihn trotz seines Widerstrebens. Ein Knecht eilte den Hügel hinan mit verdäch- Wr Geschwindigkeit. Er trug etwas in seiner flitze, das Jörgine sehen sollte. Alle Mädchen Ween auf. Es war ein Igel, der zusammengerollt � W der Mütze lag. Nachdem man sich ein Weilchen I W dem kleinen Thier amüsirt hatte, legte der Knecht : Znr Seite an die Erde, und da lag es nun zu Wer Kugel zusammengerollt und allzu furchtsam, ' 81 sich zu rühren. . Das Feuer prasselte, die Funken stoben, schössen W die Dunkelheit empor, senkten sich wieder und �löschten. !>.„Dort kommt Jemand mit einer Fackel," riefen jungen Leute. In der That tauchte in ziem- 'Wer Entfernung ein rothes Licht auf, das sich im �gensatz zu den anderen Lichtern des Dorfes be- �gte. Man verfolgte den wandernden Stern, der .Wnschemlich die Chaussee entlang ging. Bald sWuf konnte man an der schwankenden Bewegung .Wk», daß er von Jemand getragen wurde. Bei ** Theilung des Weges schwenkte das Licht ab ."d kam auf den Hügel zu,- bald darauf ward es einer, hörte auf zu strahlen und ward ein fester, ächtender Punkt. Und jetzt gewahrte man etwas Wr dem Träger der Fackel. Es zeigte sich, daß es Y>onias vom Spanghofe war. Er hatte einen llen �theerten Besen auf einen Stiel gesteckt und ihn brennend über seinem Kopfe. Als er den "gel erstiegen hatte, hieß man ihn willkommen. . Hurrah, welch' ein Feuer!" riefen sie. „ Thomas blickte hastig Paul und Jörgine an und , Welte gezwungen. Er reckte sich und schlenderte brennenden Besen in die Theertonne hinein. ''winnicndes Pech saß noch am Ende des Stiels; / schlug ihn so lange in's Gras, bis das Feuer "�gelöscht war. , Welch' ein Feuer, welch' herrliches Feuer, welch' prächtiges Feuer!" sangen die Knechte und wandten ihr Antlitz dem Feuer zu, das ihre unsägliche Freude beleuchtete. Und der Schein desselben glitt unter die Kopftücher der Mädchen und fiel auf manchen rothen Mund. Nach Thomas Ankunft veränderte sich der Ton unter den Versammelten, Niemand wollte mehr kindisch sein. Thomas schritt mit freundlichen Worten direkt auf Jörgine zu; er ließ allerhand durchblicken, ob- gleich Paul neben ihr saß. Jörgine lachte und wußte vor Befangenheit nicht wohin. „Ja, diesen armen Teufel da willst Du doch wohl nicht Heirathen!" sagte Thomas unter Anderem und machte eine höhnische Kopfbewegung nach Paul's Seite hin. Paul sagte nichts, die anderen jungen Leute wurden ganz still. Nun war die Sache die, daß Jörgine beiden Bewerbern Hoffnung gemacht hatte und in ihrem Wankelinnth bald mit Thomas und bald mit Paul schön gethan hatte; Beide waren die Söhne von Hofbesitzern. Aber in der letzten Zeit machte sie sich wohl mehr aus Paul. Das merkte Thomas jetzt auch. Jörgine sah aus, als lebe sie in glück- licher Unwissenheit all' dieser Dinge. Paul starrte nachdenklich vor sich hin. Als das Schweigen eine Weile gedauert hatte, schlug Thomas eine helle Lache auf und wandte um. Die eisernen Bänder der Tonne sprangen, die brennenden Hölzer klafften anseinander und begannen umzufallen, das Johannisfener war am Verlöschen. Es wurde dunkel auf dem Hügel; die Mädchen wollten aufbrechen. Weit draußen am Horizonte brannten die Feuer der anderen Ortschaften auch nur noch ganz spärlich, sie qualmten und sanken zusammen wie todtmiide, überwachte Augen. Die jungen Leute zerstreuten sich. Die Dunkelheit schlug über dem öden Berge zusammen. Nur etwas glühende Asche lag noch knisternd am Boden. Als Alle den Hügel verlassen hatten, rollte der Igel sich ruckweise auf, die kleine blanke Schnauze und die schwarzen Perlenangen kamen zum Vorschein. Dann lief er eilig fort, in's Gras hinein. Jörgine ward von Mehreren begleitet, Paul ging an ihrer Seite. Etwas weiter hinten kamen Thomas und einige Andere; er sprach überlaut in seiner ge- wohnten, verächtlich hingeworfenen Weise. Seine Kälte steckte die Anderen an, sodaß sie ebenfalls streitsüchtig wurden. „Teufel auch, Du solltest sie ihm nicht lassen," sagte Jesper als Freund zu Thomas. „Das will ich auch nicht," antwortete Thomas. Gleich darauf eilte er plötzlich vorwärts und drängte sich zwischen Paul und Jörgine. „Jetzt will ich Dich begleiten," sagte er, außer Stande, sich zu beherrschen,„und laß diesen Schmier- prinz allein laufen." Er ergriff Jörgine's Arm. Aber sie ward böse und entwand sich ihm. „Kannst Du Dich denn nicht ruhig verhalten?" sagte sie heftig. „Ich begreife ia wohl, was Du willst," sagte Paul im selben Augenblick mit gedämpfter Stimme. „Ja, nieine Absicht ist, Dir Prügel zu geben, Du Schweinskopf Du!" rief Thomas laut. Die ganze Schaar fuhr bei diesen Worten aus- einander. Plan mäkelte und versuchte den Zwist bei- zulegen. Aber l�anl war schließlich auch erregt worden und blickte sich nun nach Bundesgenossen um. „Laß gut sein!" sagte Einer und erfaßte Paul's Oberarm und Handgelenk.„Laß gut sein." „Er soll nicht...", sagte Paul eigensinnig und riß sich los. „Ich bin bereit!" rief Thomas und stellte sich mit gespreizten Beinen auf. An der Wiesenböschung waren sie stehen ge- blieben. Der Tag graute, und in dem fahlen Licht sahen die jungen Leute bleich und bösartig ans. In eineul nahen Hofe krähte der Hahn. Unten in der Thalsenknng lagen die Wiesen, vom Thau ver- silbert. Jörgine stand etwas abseits. Plötzlich senkte sie ganz still das Haupt und brach in Thränen ans. „Geh Du nach Hause, Jörgine," sagte Jesper tröstend und wandte sie um, dem Heimweg zu. „Geh Du nur; Du bleibst besser nicht hier." Jörgine ging, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzublicken. Sobald sie außer Sicht war, ging Thomas hin, schiittelie vor Paul's Augen die Faust und gebrauchte beleidigende Worte. Paul antwortete nicht, aber schaute sich wieder erregt nach Helfern um. „Ich werde Dich flach schlagen, wie eine Kröte!" rief Thomas, rückte Paul näher und stand ans den Zehenspitzen dicht an ihn gelehnt. Noch wich Paul zurück; aber sein Gesicht bekam einen starren Ausdruck! „Das darfst Du Dir nicht bieten lassen!" stachelte ihn Jesper an. Aber Paul vermochte sich immer noch nicht zu entschließen. Thomas schritt lange um ihn herum, reizte und verhöhnte ihn. Erst als Thomas Paul zum Zeichen seiner Verachtung mit der Hand über's Gesicht wischte und ihm dabei ein Schimpfwort zuschlenderte, entschloß sich Paul. „Uebrigens fürchte ich mich keineswegs vor Dir," sagte er scharf. „Soo!" sagte Jesper und verließ rückwärts schreitend die Beiden, indem er mit ausgebreiteten Armen die Anderen mit fortdrängte. Nach alter Sitte begannen Thomas und Paul mit dem Armgriff. Sie packten sich einander am Oberarm und Jeder versuchte den Anderen umzureißen. Ihre Anstrengungen waren ohne gewaltsame Bc- wegnngen, sie rührten sich kaum vom Fleck, aber bei Beiden brach sofort der Schweiß hervor. Beide spannten ihre Kräfte bis zum Aenßersten an, sie spreizten die Beine und steiften den Rücken. Die Beinkleider schlössen sich straff nin die Gelenke. Aber Paul war der Schwächere, plötzlich verlor er das Gleichgewicht, seine Beine schlugen in die Luft, und Thomas warf ihn zu Boden, daß es krachte. Unter gewöhnlichen Umständen wäre der Kampf jetzt zu Ende gewesen. Paul hatte verloren. Aber Thomas ließ ihn nicht los; er hielt ihn unter und höhnte keuchend: „.Haah; Haa— h!" Das ärgerte Paul, der schon bereit gewesen war, sich als besiegt zu erklären, und er packte Thomas von Neuem. Und dann begann der zweite Angriff, bei dem gewöhnlich Blut floß. Alles schwieg. Jesper stand wie auf Nadeln, so interessirt war er an der Sache. Paul war es, der die Prügel bekam, alle mit einander. Thomas schlug ihm mit den Knöchel» auf den Schädel und betäubte ihn, er bog seinen Körper an beiden Enden zusammen und hämmerte ihm auf dem Rücken— richtete ihn überhaupt methodisch her. Da aber Paul nicht eigentlich Widerstand leisten konnte und ganz damit aufhörte, schien es Thomas leid zu thun und er ließ etwas locker. Diesen Moment benutzte Paul, um Thomas einige schlimme Fußtritte zu versetzen. Schließlich lag Paul wie ein Klumpen am Erdboden, derartig verprügelt, daß er sich nicht zu rühren vermochte. Thomas saß quer ans seinem Körper und be- arbeitete ihn. Paul blickte ihn mit roth unter- laufenen Augen an. „Schlag nur zu!" stieß er hervor und streckte die Arme am Erdboden ans.„Schlag mich nur gleich ganz todt— jetzt,>vo Du nun doch einmal dabei bist." lind Thomas schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. Schließlich mischten sich die Zuschauer darein. „Halt ein nun!" sagte Jesper.„Laß ihn jetzt liegen, Thomas, jetzt ist es genug!" 1 _ 304 Me Neue N?elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Thomas erhob sich widerwillig; er hätte gerne noch weiter geschlagen. Es war jetzt Heller Tag; die Sonne war iiber den Wiesen aufgegangen. Einige begleiteten Paul; als er schließlich sich aufgerichtet hatte, konnte er allein nicht stehen. Thomas ging heim, gefolgt von Jesper; er schritt daher wie ein Löwe und steckte den Bauch vor. Sie sollten ihm nur nicht zu nahe kommen, die guten Burschen! drohte er. Wie sie so dahin- schritten, ward Jesper nahezu verlegen über des Freundes großprahlerische Erregung. Die Schlägerei wurde in der ganzen Umgegend besprochen und Paul wurde verlacht wegen der Prügel, die er bekommen hatte. Thomas dagegen war ein fixer Vursch. Wer aber trotz alledem Jörgine bekam, das war Paul. So endete die Geschichte. Sie wollte ihn haben. Nach der Schlägerei empfand sie für Thomas nur Verachtung. So machten denn Paul und Jörgine Hochzeit. Da keines von Beiden das älteste Kind in der Familie war, so richtete man ihnen einen der Aus- märkerhöfe unten an der Aue ein und zivar den- jenigen, der dem Spanghofe gerade gegenüber lag. Sie mußten Schulden machen, aber sie waren jung und konnten sich emporarbeiten. Paul und Jörgine wurden glücklich und bekamen im Laufe der Zeit alle Jahre ein Kind. Mit dem Nachbarhofe wurde kein Verkehr ge- pflogen, im Sommer gingen die Leute beim Heuen auf je einer Seite der Aue, ohne einander anzublicken. Das Gesinde vertrug sich ebenfalls nicht. Thomas Spanghof legte sich auf den Pferde- Handel und wurde ein verdrießlicher, wortkarger Mensch, den Niemand leiden mochte. Nachdem er den Hof geerbt hatte, verheirathete er sich. Acht Jahre vergingen, ohne daß die beiden Männer sich seit jener Johannisnacht gesehen hätten. Da, eines Spätnachmittags, erschien Thomas Spanghof bei Paul. Hastig betrat er das Zimmer. Es war angefüllt mit Kindern in allen Größen. Jörgine saß da und wiegte das Jüngste; als sie Thomas erblickte, sank sie auf ihrem Stuhl zusammen und blickte ihn furchtsam an. Thomas blickte erst sie an, darnach alle die Kleinen und fragte kurz nach dem Mann. Paul kam und schielte verwundert nach Thomas hin. Als sie aber fünf Minuten später der Spang- Hofbesitzer verließ, saßen sowohl Paul als Jörgine schweigend da, blickten einander an und ließen ver- zagt den Kopf hängen. Thomas hatte ihnen das Geld gekiindigt; die Papiere waren in seinem Besitz, er hatte sie gekauft. Diese Sache erregte Aufsehen in der Umgegend; man sagte Thomas nach, daß er bösartig sei. Aber er bestand ans sein Necht, und Paul mußte von seinen Ländereien verkaufen, um ihn zufrieden zu stellen. Von der Zeit an ging es Paul schlecht. Er konnte die Ausgaben nicht bestreiten, und Thomas vom Spaughof verfolgte ihn. Paul hatte, um die Hauptschuld tilgen zu können, außerdem noch baares Geld leihen müssen. Thomas versuchte sich der Papiere zu bemächtigen, jedoch die Besitzer wollten sie nicht verkaufen. Da strengte Thomas einen Prozeß gegen den Nachbar an, wegen der Berech- tigung des Fischens in der Aue. Nach Verlauf von zwei Jahren gewann Paul den Prozeß; aber da hatte er schon die Wiese, auf welcher die ganze Sache beruhte, veräußern müssen. Der Käufer übergab sie sofort dem Thomas. Damit noch nicht genug, ließ Thomas Paul wegen eines Grenzzeichens vor Gericht laden. Auch hier gewann Paul; aber er wurde arm dabei. euiLLeton. 6— Hospital. Wie Hoffnung scheint wie Stroh in feuchtem Stall � zu blinken. Macht dir die Wespe Angst, von ihrem Flug bettiubt? Siehst du. das; immer noch die milde Sonne stäubt? Was schliefest du nicht ein, gestützt von deiner linken! So nimm die« Wasser hier aus kühlem Brunnenschacht Und trinke, schlafe. Sieh', ich will auch ganz verstummen, Und wenn du leise träumst, dir Wiegenlieder summen, Wie einem Kinde, dem besorgt die Mutter wacht. '« ist Mittag schon. Madame, verlassen Sir ihn, bitte. Er schläft. Wie seltsam weich der Frau gedämpfte Schritte Anklingen im Gehirn dem armen, kranken Wann. 's ist Mittag schon. Ich ließ nach seinen Blumen sehen. So schlaf. Dir Hoffnung blinkt von fern. O sagt mir, wann, September-Rosen, wollt ihr jemals auferstehen? Nach Paul Verlaine. Im Waisenhaus zu Lübeck. Der in Dresden lebende Gotthard Kühl nimmt unter den deutscheii Malern der Gegenwart in gewissem Betracht eine führende Stellung ein; er ist der Erste, der sich dem Jnterieurbilde als dem Hanptgebicte seiner Kunst zugewandt, in dem- selben Sinne, in dem die alten Holländer es zu so hoher Vollendung entwickelt Hadem Es ist eine schlichte, intime Kunst, deren bestes Merkmal die liebevolle Durch- führnng reizvoller Details und— im echten Sinne des Wortes— gemüthlicher Szenen ans dem Leben ist. Den heutigen Maler fesselt auch im Interieur stärker noch, als es schon beim früheren der Fall ivar, das Spiel des einfallenden Lichts: wie es, am liebsten durch eine hoch- gelegene Oeffnung, etwa durch ein hohes Fenster, auf den Boden und ans die Wände fällt und von da sich in Reflex- lichtern über den ganzen Raum verbreitet und im Hinter- gründe allniälig verliert, lind na ürlich ist die heutige Jnterienrmalerei von der modernen Farbenanschannng getragen; lichtere Farbcnwerthe, fein durchgebildete Nuancen, wie sie die naturalistische Malerei hervorgezogen hat, geben diesen Bildern denselben Farbencharaktcr, ivie den modernen Landschaften. Gotthard Kühl sucht seine Motive an sehr verschieden gearteten Orten, mir Vorliebe in den Dielen niederdeutscher Häuser, in denen oft ein Fleischer oder ein Krämer mit den von ihm feilgebotenen Maaren zugleich für die schönsten malerischen Motive sorgt, während in dem hohen, nur durch die halbgeöffnete Thür und die oberen Thorfensier erleuchteten Raum ein schummeriges Licht herrscht; oder er malt Bnreanstuben mit gelben Möbeln, verstaubten Aktenbündcln und Gitter- fenstern, die von den Sonnenstrahlen zierlich ans dem Fußboden nachgezeichnet werden. Ein schimmerndes Gelb, ein sanftes, tiefes Roth und ein weiches, feuchtes Blau sind die vorherrschenden Farben auf seinen Bildern. Sind Menschen in diesen Räumen, so ruhen sie meist; müde Grcise, deren Lebensarbeit gethan ist, sitzen, in stillem Sinnen allein oder in Grichpen miteinander plaudernd, ans den Bänken des Allmännerhanses, Berg- arbeitcr warten in einem Häuschen vor der Schicht, bis die Reihe der Einfahrt an sie kommt. Auch das Motiv unseres heutigen Bildes findet sich hänfig auf Kühbs Bildern: Waiscnniädchen, bei der Arbeit oder beim Spiel. Sic sind eingeschlossen in die hohen, engen Mauern des Asyls, aber der Frohsinn der Jugend läßt sich auch bei ihnen nicht unterdrücken; sie sind lustig beim Spiel, sie scherzen und lachen bei der leichten.Aichenarbeit. Das Bild zeigt Kühsis Art; das freundliche Licht im engen Hofe, die lichten Wände mit den Bildern, das Holz- geländer, der blanke Kupferkessel und sein Inhalt, der für die Küche bestimmt ist— all' das eint sich zu einem anmuthenden, von Licht erfüllten und zu einer feinen Farbenharmonie gestimmten Ganzen.— Herbsttag. Die Landschaft der deutschen Mittel- gcbirgsgegenden erfreut sich heute einer besonderen Gunst der Maler. Die sanften Höhenzüge kommen der Freude an bestimmt gezeichneten, großen Linien entgegen, die sich jetzt wieder geltend macht; die Dörfer und Städtchen, die in den Senkungen zwischen den Höhen eingebettet liegen, gewähren von der Höhe einen lieblichen Anblick. Der Münchcner Paul Hey gehört zu der Gruppe von Malern, deren Kunst nicht mehr von dm Stürmen der ersten Zeit in der modernen Bewegung zeugt, die aber Paul war zu der Zeit ein etivas kränklicher Mann, sein Wesen war überhaupt von jener blasse» Verzagtheit, die Bitterkeit und Halsstarrigkeit ver- bergen soll. Hin und wieder, wenn Jemand ihn beklagte, konnte er zu weinen anfangen und da»» schimpfte er hinterher. Wieder prozessirte er»A Thomas Spanghof, diesmal wegen„unerlaubte» Grasens auf fremdem Gebiet". Die Sache war noch unentschieden; sie hatte schon ein Jahr gedauert. Den ganzen Sommer iiber war Paul sehr unruhig; das Urtheil mußte m> Herbst fallen, und wenn er verlor, dann mußte er den Hof verlassen, das wußte er. In demselben Jahre war dann die große Dürre, von der die Leute noch heute reden. Mit Ausnahme einiger Gewitterschauer siel kei» Regen vom Frühjahr an, und diese vermochten den Staub an der Oberfläche aufzuwühlen und d« Erde wie pockennarbig aussehen zu machen. Lange warteten die Bauern so geduldig wie da Korn. Es wuchs trotzdem; es versuchte gleich!»� vorsichtig so in aller Stille ein wenig zu loachK>» Aber die Aussichten waren schlecht. Als der Sonintt kam, sprach man davon, was vielleicht noch gerem werden könne. Das bedeutete, daß man auf so B,e wie nur eben möglich Verzicht geleistet hatte. Ave der Regen kam nicht. Da stand nun das kranke Korn auf den FeldEf' Hafer, so lang wie ein Finger, Roggen, so w"» wie gebleichtes Haar und mit halbtauben Aehre■ Draußen, auf den weniger geschützten Feldern a Fjord, wuchs fast nichts. Lange, lange glaubte immer noch, daß ein Regen die Saat zn rette» vE' möge, aber die Hoffnung und Zuversicht wurde schwächer und schwächer, genau wie die Halme all! den Feldern.(Schluß f°ls«.> in ehrlicher Arbeit das Gewonnene verwcrthcn, als rühm' gefestigte Künstler schlichte Bilder ohne große Anspr»�' aber von ernster und tiefer Auffassung malen. Von uim ciusiti um» ueici viununuiiy imucu. �-j Bank unter den beiden mächtigen Linden geht auf»»1�. der Blick hinunter in das Thal und über Bilde der Blick hinunter in das Thai und über Dächer der kleinen Stadt und darüber hinweg Zß» weiten Hochebene, die bis an den Horizont sich erstr®, Es ist Herbst, alle Felder wurden längst abgeerntet, Höhen sind kahl und von den Bäunieu fällt Blatt> Blatt. Es ist schon frisch hier oben, der alte Hirte, auf der Bank sitzt, hat den Mantel über die SaM geworfen, um sich vor dem schaffen Winde zu schws Ter Dirne freilich, die im Vorbeigehen auf em V" Worte bei ihm stehen geblieben ist, macht das nicht», � läuft herum, als wäre es im Hochsommer, dem jUM Blut wird das rauhe Wetter noch nicht gefährlich- sin- uiii Iusfässe. Schlägt ein Mensch todt den andern, So nennt's ein Jeder Mord: Doch tödten sich tausend im Kampfe— So braucht man ein andres WortI Was heut' Ihr Recht nennt und verbrieft- Ha, tvenn Ihr Euch recht tief vertieft Jn's Buch der Zeit,— Ihr werdet lesen: 's ist Raub und Unrecht einst gewesen I Sieh, tvclch' ein Zug um diese Nase liegt, Ich glaube gar, der komme Mann, er riecht Manchmal aus längst vcrgang'ner Zcitenluft � Mit Schmunzeln eines Ketzcrbratcns Duft! * So rührend pries er heute das Glück Ter Armen vor seinen Frommen— Er hat, die Antlvort kam gestern zurück, Gehaltszulage bekommen I ginte. Nachdruck des Inhalts Verbote» Alle für die Redaktion der„Neuen 2ÖeJg bestimmten Sendungen sind nach Berlin,' Benthstraße 2, zn richten. veranlworlltchir RedaNeur: OScar Kühl tn Charlollenburg.— Verla«: Hamburger vnchbnickerel und«erla«»anllalt Auer St«o. In Hamburg.— tnuf: Mar»adln« In Berlln. ! �heii 'Vit: ife