Nr. 39 fSHuflvivie � CnicrUaf(xtncjsibci l agc. 1899 .. KeLestyne. Fortsetzung.) Jie Erzieherin, welche die dem Ingenieur ge- machten Vorwürfe mit angehört hat, zögerte � noch. „Wie kommt es," frng sie, die Bahnstrecke der �»ge nach musternd,„daß Sie einzelne Theile der r"'" früher fertig bauen als die anderen? Die strecke, die wir bisher passirt haben, ist beinahe '�lig, ansgcschottert und mit Schienen versehen, »»d hier jst mit einem Male die Geschichte zu Ende, �>d die Bahn ragt hier in's Leere, wie abgeschnitten. ?o weit ich noch sehen kann, nichts als anfgelvorfene s�de, eine Reihe von Gruben und Löchern, aus tvelchen fangen und Pfühle heransragen— vermuthlich das Grippe der zukünftigen Bahn?" „Ja wohl," lachte der Ingenieur, hen Cele- olIiens Frage belustigte.„Bis hierher haben die �»genieure eines anderetl Uiiternehmers das Erd- �lch aufgewühlt, und hier ist auch der Tumuiel- meiner Thätigkeit zu Ende. Ich Hantire auf skttiselben genau so lange, wie die dort drüben, bin Wien jedoch mit meinen Arbeiten ein halbes Jahr Boraus, i» derselben Frist, mit demselben Aufgebot !"knschlicher und mechanischer Arbeit und mit den- 'eföeii Unkosten!" „Somit haben Sie Ihre Leute um ein halbes ooljr der Arbeit verkürzt. Der Unternehmer hat "echt; Sie bauen zu schnell." . Verblüfft schaute der Ingenieur nach der Er- hierin. Sie stieg soeben mit den Kindern die Löschung hinab und zeigte ihm ein geradezu un- �»nherziges Profil. .„Eine Frauenzimmer- Kalkulation," dachte er, '"dem er langsam der übrigen Gesellschaft folgte. doch ging ihm ihr Vorwurf nicht aus dem .„Affe. Was der Unternehmer gesagt, hatte er schon "sinst vergessen. Die Worte des Mädchens be- Ickten ihn länger. Schrecklich war die Verwüstung, die Herr Chladek Alter den aufgetrageneu Krebsen anrichtete. Der �fflwirth von Jewan stellte auf den Tisch die erste chüssel, die zweite Schüssel und schließlich seine Milzen Reserven, die vorhanden waren. .„Hm.. nun! Gut hat es geschmeckt, Kinderchens," Abte Herr Chladek, mit der Zunge schnalzend, in- er mit seiner Serviette herumfuchtelte.„Beinahe jAffe ich noch Appetit, aber ich will mich mäßigen. i®16 Aerzte verstehen zwar garnichts, aber darin Wen sie vielleicht doch Recht, daß mir die Un- Aßjgkeit schaden könnte. Letzthin— Sie werden Ja noch erinnern— habe ich mir ein Bischen Aheinlachs mehr gegönnt, und schon stand es schlimm mir. Das Gejammer hätten Sie hören sollen, �»genieurl AIS löge ich schon auf dem Brette! �"lr ich dacht« nicht daran. In dieser Hinsicht Novelle von Jan Lier. Slutorisirte Uebersetzung aus dem Böhmischeil von Frauta HSjek. besitze ich eine kolossale Widerstandsfähigkeit. Sie würden es garnicht glauben..." Die Teller und Gläser erklirrten, ein donnernder Knall ließ das ganze Gebäude erzittern. „Ich bitte Sie um Gotteswillen... was ist das? Wird hier geschossen? Ich kann das Schießen in der Rühe..." Ein neuer Böllerschuß unterbrach den Unter- nehnier in seiner Rede. „Herr Gastwirth, gehen Sie und untersagen Sie doch diesen Unfug," ersuchte Frau Chladek.„Ich bin ganz erschreckt und die Kinder ängstigen sich auch..." „Und das Haus kann über unseren Köpfen zu- sammenstürzen!" schrie der Unternehmer und starrte entsetzt ans ein winziges Körnchen Kalk, däs von der Decke herab fiel.„Solchen alten Baracken ist nicht zu trauen. Leutchen macht, daß wir hinaus kommen...." Die ganze Gesellschaft begab sich eiligst in's Freie. „Die Arbeiter haben von Ihrer Ankunft er- fahren, Herr Unternehmer, und haben Ihnen diese kleine Ovation bereitet," erklärte der Ingenieur Zaul. „Unsinn! Mensch, wie können Sie nur von Ovationen reden, wo es doch nur auf eine Bettelei hinausläuft. Ich soll wohl für das verschossene Pulver etwas zum Besten geben?... Nichts gebe ich! Tie Leute, die uns begleiten, bekommen jeder einen Liter Bier, Brot und Käse, und außerdem nosiren Sie Jedem dreiviertel Tag. Und damit basta! Ich lasse mir meinen Ausflug nicht un- nützerweise vertheuern." „Wie Sie befehlen." „Also nach Adalschin wollen Sie uns führen? Ich mache mir zwar aus dem Walde garnichts, aber den Kindern zu Liebe thuc ich Alles. Apropos! Wie weit werden wir gehen müssen?" „Ein kleines halbes Stündchen." „Ach, Du lieber Gott! Aber was ist da zu thun! Im Uebrigen gehen wir ja noch nicht. Ich entschließe mich erst dann, wenn Sie mir die Frage beantwortet haben: Bekommen wir in Adalschin etwas Gescheidtes zur Vesper?" „Ja wohl!" „Na, schön! Man sieht, daß Sie doch ein Bischen Witz haben, Mensch! Also in Gottes Namen vorwärts! Gehen wir!" Die Gesellschaft machte sich auf den Weg. Kaum waren sie auf der Slnhöhe hinter dem Dorfe, zog Herr Chladek bereits den Rock aus. Zweihundert Schritte weiter knüpfte er die Kravatte und den Kragen loS, und auf dem halben Wege riß er auch die Weste vom Leibe. Den Hut behielt er unter dem Sonnenschirm auf dem Kopfe, nur um auf die Grüße der Dorflente danken zn können, die, von dem schönen Sountagswetter herausgelockt, auf den Feldrainen lagerten und, ihre Pfeifen schmauchend, von dem Stande ihrer Saaten plauderten. Frau Chladek war über das Neglige ihres Gatten keineswegs erbaut und trennte sich von ihm, der inmitten der fröhlichen, hüpfenden und wacker aus- schreitenden Gesellschaft geschleppt wurde, wie ein im Triumphe heimgebrachter Kriegsgefangener. Im Walde zerstreute sich die Gesellschaft, bald stoben die Theilnehmer auseinander und stießen wieder zusammen, um dann gruppenweise oder in Paaren, oder auch einzeln im laugen Zuge vorwärts zn schreiten. Durch diesen stetigen Wechsel ging der Ingenieur bald mit dem Assistenten, oder er leistete Frau Chladek Gesellschaft, die an besonders umveg- samen Stellen huldvoll seinen Arm annahm. Im nächsten Augenblick konnte man ihn schon wieder unter seinen Arbeitern finden, die den Herrschaften folgten, oder er fand sich au der Seite des Unter- nehmers selbst ein, nachdem er dienstfertig Celesthncn geholfen, die im Walde auseinander laufenden Kinder wieder zusammen zu treiben. Für die Stadtkinder war der Wald etwas Neues. Alles, was sie hier sahen, war ihnen unbekannt und sie fanden Alles wunderbar. Bald brachen sie in laute Freude ans, bald ängstigten sie sich, und die Erzieherin war kaum im Stande, mit allen ihren Erklärungen und Ermahnungen nachznkoinmen. Der Ingenieur bemühte sich vergebens, mit ihr ein Ge- sprach anzuknüpfen. Er ärgerte sich deshalb und begnügte sich, Cele- styne zu beobachten. Hatte sie sich mit den Kindern beschäftigt und sich mit ihnen unterhalten, strahlreu ihre Augen und Wangen vor Lust. Sobald sie jedoch allein war, verschwand die Fröhlichkeit von ihrem Antlitz so plötzlich, als wenn eine Wolke die Sonne verdeckt. Es wohnte ihr also keine Freude inne, und was ihre Wangen färbte, war nur der Widerschein fremder Glückseligkeit. Der Ingenieur zermarterte sein Gehirn, was wohl die Ursache sein mochte, bis sie endlich in Adalschin anlaugten. Der traute Waldwinkcl war keineswegs nach des Unternehmers Geschmack, und er hielt mit seiner Unzufriedenheit nicht hinter dem Berge: „Wegen dieses Nestes hetze ich mich eine volle geschlagene Stunde durch den Wald?" fing er zu jammern an. Der Weg hat sich thatsächlich durch allerlei Verzögerungen so lange ausgedehnt. „Weil hier die Bäume, die Kirche und das Heger- haus einsam im Moose staken? Wo ist unser Vesper?" fuhr er fort. „Im Hegerhanse," erklärte der Assistent,„Honig, Sahne, frische Butter...." 306 Die Reue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. „Bier, Bier will ich!" koiiiinaiidirte der Unter- nehmer. „Auch damit können wir dienen," beruhigte der den Gästen entgegenkommende Heger. „Das wird eine schöne Jauche sein," räsonnirte der Unternehmer weiter.„Da haben Sie oer- Ninthlich dein Wirth von Jewan ein Bicrtel-Giiner längst angezapfter Brühe abgenommen, haben es stundenlang in der Sonnenglnth hierher transportirt nnd haben es jetzt ans dem Beden im Heu... ha... nicht? Solches Bier ist für mich das reine Gift, aber... her damit! Ein Schluck wird mich noch nicht umbringen, nnd ich bin am Verdursten." Das Mißtranen des Unternehmers wurde durch einen guten, frischen Trunk beseitigt. Die ganze Gesellschaft besetzte die im Freien anfge'.cllten Tische. Das vorzügliche Vesperbrot brachte Alle in die beste Laune, auch den Herrn Chladek, der nach dem fünften Glase mit aller Hart- näckigkeit ein Lied anzustimmen versuchte nnd seine Frau nnbarmherzig malträtirte, um sie auch zum Singen zu bewegen. Der Sauerteig seines Niehl- breiigen, sangninistischen Naturells drängte sich nach der Oberfläche. Man konnte sich kaum einen herrlicheren Speise- saal wünschen. Der wellige Boden mit einem zarten, weichen Teppich belegt, inmitten der in Gruppen stehenden Bäume, die, stellenweise in lange Kolon- naden gereiht, die herrlichste Perspektive gewährten. Von den Zweigen hingen Büschel langer, saftiger Nadeln wie kostbarste Draperien. Hoch über den Bäumen der klare, blaue Himmel, dessen milden Wiederschein, der über dem Waloe ausgebreitet lag, hundertfache Sonnenstrahlen kreuzten, einzelne Par- tien wie mit flüssigem Golde begießend. An leichten oder halb versteckten lauschigen Plätzchen war kein Mangel. In den Bäumen sang ein sanfter, kaum ivahrnehmbarer Wind seine geheimnißvolle Melodie; hier nnd dort regte es sich leise in den Wipfeln. Nichts unterbrach die köstliche Ruhe, als vielleicht ein ferner Peitschenknall, die Stimme eines weidenden Thieres, oder das Liedchen eines Hirten.... III. Nach dem Vesperbrot lagerte sich die ganze Ge- sellschaft in dem weichen Moose. Die Kinder hängten sich an das Dienstmädchen, das mit ihnen Schwämme, allerlei Gräser nnd Kräuter und Heidelbeeren suchte. Frau Chladek nahm zwischen dem Assistenten nnd dein Zeichner Platz und brachte ein elegant ge- bundenes Buch zum Vorschein, dessen sich der Assi- stent sofort galant bemächtigte, um der Gebieterin daraus vorzulesen. Sie willigte ein und fischte dann aus ihrem Handkörbchen einen angefangenen Strumpf mit Strickzeug heraus. Celestyne setzte sich etwas abseits; sie blickte stumm zu den fliehenden blauen Wölkchen empor, und der Jngenienr, der, nicht ganz zufällig, sich in ihrer Nähe niedergelassen, schaute zu ihr hin. „In einer Weile lauft Ihr mir Alle ausein- ander, ich sehe es schon. Und da wollen wir vorher zllsaininen sprechen, Jngeliienr," sagte Herr Chladek. Kaum daß der Unternehmer die Angelegenheiten seines Magens geregelt hatte, dachte er schon lvieder an das Geschäft. „Geben Sie mein Bündel daher, Galat!" befahl er diesem.„Ich muß Ihnen bekepnen, Ingenieur, daß ich Ihren Rechnungsfascikel noch garnicht an- geschaut habe. Zwar hatte ich den besten Willen dazu, und ich habe es auch gleich, wie ich zu Hanse angekommen war, vor mich hingelegt und init dem ersten Blatt angefangen. Aber es geht mir manch- mal recht kurios, ich strenge meine Augen an und suche die Ziffern beim Wickel zu fassen, aber sie entschlüpfen mir immer wieder, und ich muß imnier wieder von vorne anfangen, bis— bis ich auf einmal merke, daß ich auf dem besten Wege bin, einzuschlummern. Dann schenke ich mir ein Gläschen Sherry ein, wissen Sie, weil..." „Ja, ja, ich weiß schon. Sie legten sich dann hübsch in Ihr Bett und schliefen," bemerkte der In- genieur leichthin.„Ich stehe ja zu Diensten, und hoffe, daß Ihnen Alles bald klar sein wird." Galat brachte das Packet mit den Papieren. Herr Chladek erklomm mühsam ein geleertes Bier- fäßchen und nahm„seinem Btcnschen" gegenüber Platz. Halb sitzend, halb liegend ruhte unfern von den Beiden Celestyne. In der unbewußt malerischen, von allem konfessionellen Zwange freien Lage kamen die jugendlich frischen Formen ihrer ebenmäßigen, elastischen Gestalt zum Vorschein. Nur mit Mühe konnte sich der Jngenienr von ihrem Anblick los- reißen. Mit einer raschen Bewegung griff er nach seinen Alien und erklärte kurz und bündig, die ans den Verträgen mit der„Böhniisch-Mährischen Verbin- dnngsbahu-Gesellschaft" sich ergebenden Verhältnisse. „Das Geheimniß aller meiner Fortschritte bei den Arbeiten ist sehr durchsichtig," schloß der In- genieur, die Hauptsnminen der Leistungen nnd der Auslagen rekapitnlirend, seine Anssührungen.„Der Schlüssel dazu liegt in meiner Strebsamkeit. Wenn Sie die Belege genau prüfen, werden Sie finden, daß mein Erfolg einzig ans einer systematischen, ökono- mischen Ausbentnng aller vorhandenen Arbeitskräfte basirt. Bei mir werden die einzelnen Arbeiten nicht der Reihe nach hergestellt, sondern alle verde» gleich- zeitig in Angriff genommen. Es ist keine einzige Hand dabei, die da faullenzt, nnd— was noch mehr ist, keine ist der anderen hindernd im Wege." Den Kopf auf ihren weißen, vollen, plastisch vollkommenen Arm, von ivelchem der weite Aermel bis zum Ellenbogen herabsiel, stützend, hörte Celestyne den AilSführnngen des Ingenieurs zu. Ihr Antlitz war ihm im halben Profil zugewendet, ein Anblick, welcher, gepaart mit der gestimmte» aparten Erscheinung des Mädchens, die Anftnerksainkeit des In- genienrs derart ablenkte, daß er die Einwendungen des Unternehmers kaum beachtete. „Aber für die Menge Arbeit habe ich auch eine Menge Geld zahlen müssen," hörte er den Unter- nehmer sagen. „Ganz gewiß. Absolut sogar mehr als die anderen Unternehmer, vergleichsweise jedoch bedeutend weniger. Unsere Nachbarn Parsch& Kost lassen ihre Arbeiten ebenso wie die Anderen im Akkord her- stellen, nnd zahlen für ein Kubikmeter Aufschüttung vierzig Kreuzer, uns kostet dieselbe Arbeit zweinnd- dreißig. Oder das Steinbrechen..." Celestyne nahm den Hut ab nnd ihr entfesseltes, dichtes braunes Haar fiel lose auf die Schultern nnd den Nacken, und verlieh ihrem zarten, weichen Teint eine kostbare Folie. „Nun also... Was kostet uns das Stein- brechen?" frug Herr Chladek weiter. „Ja... so!" besann sich der Ingenieur. „Parsch& Koß zahlen für einen Kubikmeter ändert- halb Gulden. Wir haben vorige Woche in den Stein- brüchcn zwei hundert und nennnndsechzig Gulden und fünfzehn Kreuzer ausgegeben, nnd haben dafür zwei hundert und vierundzwanzig Nieter Material ge- Wonnen. Rechnen Sie also nach nnd Sie werden sich überzeugen, daß wir auch in diesem Falle um zwanzig Prozent billiger arbeiten." Die Erzieherin wandte ihr volles, von einer inneren Bewegung erregtes Gesicht den beiden Männern zu. So oft ihre lange Wimpern sich hoben, traf den Jngenienr ein zündender Blick aus ihren schönen Augen, in denen es glühte. Der Jngenienr konnte sich nicht losreißen von dem Anblick des wundervollen Mädchenbildes, in dem ihn jedoch der vom Eigennutz besessene Unternehmer unaufhörlich störte, indem er mit den Papieren „seinem Nienschen" vor den Augen herninfuchtelte. „Ich könnte Ihnen noch eine ganze Reihe von solchen Vergleichen vorführen, die Sie jedoch selbst spielend finden werden," resumirte der Ingenieur Zaul.„So viel können Sie jedoch überzeugt sein, daß Ihre Arbeiter im wahren Sinne des Wortes das Brot im Schweiße ihres Angesichtes verdienen müssen...." Celestyne erhob sich zur Hälfte, und ein langer, flammender Blick traf den Ingenieur. „... daß ich einen Jeden zum Anspannen aller seiner Kräfte anzutreiben verstehe, und zwar zur Arbeit bis zur Erschöpfung, dadurch habe ich Ihnen Tausende noch iiber den kalkulirten Gewinn verdient, denn in der Arbeit kenne ich keine Nachsicht und kein Erbarmen, weder mit mir, noch mit den Anderen! Celestyne stand auf. � „Mensch, Sie haben vor mir noch nie geprahlt, bemerkte der Unternehmer,„nnd da Sie es heute thnn, so schließe ich daraus, daß Sie sich ärgern. Nun... beruhigen Sie sich, ich weiß ja,>vas ich an Ihnen habe. Aber... warten Sie, ich hlibe im Keller einen famosen Wein, ich schicke Ihnen zwei Flaschen davon. Trinken Sie ihn mit Soda- wasser nnd spülen Sie den Aerger hinunter." „Ihr Mißtranen hat mich allerdings gekränkt, um so mehr, als Sie es mich in einem Augenblick fühlen ließen, den ich für geeignet hielt, Ihnen mit- zntheilen, daß ich im Begriffe stehe, die eine Hälfte der Arbeiter zu entlassen." il „So müssen Sie mit mir reden, Freundchen, freute sich der Unternehmer.„So werde ich alla der Erste sein, der das barfüßige Gesindel los wird- Und in allen Dingen will ich Ihnen vertrauen nnd nachgeben, wenn ich nur recht viel einnehme und wenig auszugeben habe. Galat, räumen Sie die Papiere wieder weg!" Celestyne wandte sich von den beiden Männern ab und schritt zu de» Kindern, die in einiger Cut- fernung im Walde spielten. Der Jngenienr wollte sich ihr nähern, sie merkte es nnd beschleunigte ihre Schritte. Sie wich ihm aus.,: „Wenn es den Herrschaften vielleicht gefällhl wäre, das Innere der Kirche des heiligen Georg>n Augenschein zu nehmen," frug der Heger, einen Schlüsselbund in der Hand schwingend.„Ein alt- böhmischer Bau, sehr alt, sehr alterthiiinlich." „Hören Sie auf!" unterbrach ihn der Jngeinenl- „Es ist nicht Alles alterthümlich, was alt und schimmelich ist. Auch Ihr stilloses Kirchlein nicht, das aus einer Periode stammt, wo in Böhmen d>e Böhmen nicht mehr bauten." Der Heger führte stillschweigend die Herrschaften zu dem Eingange, schloß das kreischende Schloß a»! und blieb an der Thüre stehen., Viel des Interessanten gab es allerdings»ich zu bewundern. Herr Chladek, der eine Erkältung befürchtete, war der Erste, der das Hans verlieb, ihm folgte der Ingenieur, den der Lärm, welche» die Kinder auf dein Glockenthurm verursachte, h'� anflockte. Emil hatte dort richtig eine Glocke heraus- gefunden, die aus dein Jahre 1611 stamnite, um eingedenk der Ermahnungen seines Geschichtslehrcv-, der seine Schüler gern zu archäologischen Forschm#» aufmunterte, quälte er sich unter der BewunderuMt der staunenden Mama nnd der Mitwirkung stiuck Schwestern damit ab, für den erwähnten Lehrer � Inschriften zu entziffern. Der Ingenieur überließ ihn dieser mühevolle' Arbeit nnd stieg wieder herunter. Er war allem, Draußen mühte sich der Unternehmer mit dem letzte» noch vorhandenen Reste des Bieres ab, und in bE Kirche war es still wie in einer Gruft. Er strems flüchtig nochmals das Innere des in traumhaft� Dämmerung versunkenen Raumes, und sein A»9e' an das herrschende Zwielicht bereits gewöhnt, erblick' im Presbyterium eine lichte Gestalt._ Mit leisem Schritte betrat er das Hauptsch'" und näherte sich dem Altare. Negnngslos, selbstvergessen kniete hier auf ds» nntersten Stufen Celestyne. Das lose Haar floß langen Wellen bis zu den Knien und ihren flf falteten Händen. Ihr Kopf war ein wenig zurück' gebeugt und aus dem blassen, wie im Affekt cr- starrten Antlitz blickten zwei glühende, weit osstm' Augen empor, als würden sie den Hinimel'»' trotzigen Verlangen eines sich aufbäumenden, leide»- schaftlichen Herzens beschivören.. Allmälig neigte sich ihr Kopf tiefer, und m Lippen senkten sich auf die gefalteten, zur Brust er- hobenen Hände, und ein schwerer Seufzer drang aus der von mächtiger Erregung durchzitterten Br»!'- Plötzlich schlug sie beide Hände vor ihr Antlitz un° sank mit der Stirn auf die Erde. So lag sie d», auf den Stufen des Altars, und aus dem bebende», zuckenden Körper rang sich ein stilles, inniges Gebet. Mächtig ergriffen stand der Ingenieur. Es wm ihm zu Muthe, als müßte er hinstürzen und da pic Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 307 ltltsaiiie Mädchen, dessen, wie es ihm schien, krank- Mste Erregung er sich nicht zu erklären wußte, zn W einporreißen. Die Furcht jedoch, ihre Andacht stören, hielt ihn davon ab. lind so wartete er verhaltenem Atheiu und horchte. Einzelne Seufzer langen an sein Ohr, sonst kein Laut. (Forlsetzung folgt.) & Die böhmischen Brüder. Von Fßomcls Winer. Jie Schlacht bei Lipan hatte der sozialen Be- wegnng, wie sie ihren Ausdruck ini Tabo- � ritenthum gefunden, ein' furchtbares Ende breitet. Am 30. Mai 1434 siegte nicht der Katholizismus über den Hussitisnins; an jenem Tage gelang es einem hohen Adel, den Mächtigen des "andes, das Volk in den Staub zn treten, es end- klultig unter ein Joch zu beugen, dem entrinnen zu wniien es allzufrüh gehofft hatte. Jene Herren, g'e an einem einzigen Tage 13000 Taboriten er- farninngslos niedermachten und die 700 Gefangenen Scheunen sperren und lebendig verbrennen ließen, lenc Herren hatten es zuerst verstanden, die hnssitische �eivegnng für ihre Zwecke auszunutzen. Solange Konfisziren von Kirchengiitern, die Verschleuderung von fremdem Eigenthum dauerte, ivar der Adel gern Zvcit, hülfreiche Hand zu leisten. Aber, sagt ein lairchmis konservativ gesinnter Geschichtschrciber init !fl»iachahnilicher Naivetät, der Adel wollte sich die »tüchte sichern und diese in Ruhe genießen. Daher gviff er mit Freuden nach dem Scheinkoniproiniß, W die sogenannten Prager Kompaktaten Römisch- Katholischen und Hnssitcn brachte, und als die Tabo- siten ihre Zustimmung verweigerten, war es der gussltische Adel selbst, der seine„Glaubcnsbriider" ausrottete. Doch es bleibt immer vergeblich, mit dem Fleisch auch den Geist tödten zn wollen. Das Reformations- Zeitalter hatte begonnen, und die neuen sozialen, politischen und kirchlichen Bildungen fanden ihren �andlnngsreichen Ausdruck in zahlreichen nenen Ver- auiigungen, die dem Charakter der Zeit gemäß vor- Liegend religiöse Formen annahmen. In Böhmen >var es die Sekte der„Böhmischen Brüder", die pald große Verbreitung gewann, aber die lange nicht >o in die Tiefe des Volkes wuchs; daher mußte sie auch langsani dahinschwinden, in den letzten Jahr- Ahnten ihres Bestandes zu vollkommener Bedentnngs- losigkeit verurtheilt. Zunächst waren es die sozialen Verhältnisse Böhmens, die fortlvährend neue Scktcnbildungen �Uiöglichten. Der Beginn des 15. Jahrhunderts bedeutet einen Wendepunkt in der Wirthschaftsgeschichte Deutschlands und seiner Nebenländer. Der Adel, U>irthschaf>lich und kulturell gesunken, konnte sich nur burch Aussaugung der Bauern halten; das Bild iener Zeit hat in kräftigen Strichen Lamprccht gezeichnet. In einer Edelmannslehre, die Uhland '» seine Lolksliedcrsamnilung aufgenommen hat, heißt es: Wiltn dich enteren, du junger Edelmann, folg du utiner lere: fip uf, drab zum bau! Halt dich zu dem grünen wald, wan der bur ins holz fcrt, so reim in freislich au. Dcrivisch in bi dem kragen, crfreuw das herze diu, »im im, was er habe, spann us die vferdeliu sin! Bis frisch und darzu unverzagt, wan er nummeu Pfenning hat, so riß im dgurgel ab. Jininer mehr wuchs die Verknechtung der Bauern h»rch die Grnndhcrren. Auf de» Hufen, sagt Lamprccht, trat Ilebervölkernng ein; die hörigen Hufen mußten getheilt werden. Dadurch aber schien dein Grundherrn die Sicherheit des Pachtzinses zu leiden, und er half sich damit, daß er die hufelosen Grundholde einfach für leibeigen erklärte, selbst- verständlich unter Hinweis auf einen biblischen Spruch. Immer weiter ward der Begriff der Leibeigenschaft ausgedehnt: das Erbrecht der bäuerlichen Pächter wurde bestritten, ans Freien wurden Leibeigene. Im Jahre 1 183 erklärte der böhmische Adel in aller Form Rechtens den Bauern für leibeigen. Durch die nnanfhörliche Bedrückung, unter der der Banernstand litt, wurde immer eine Quelle für neue religiöse Strömungen offen gelassen. Mit dem Fortschreiten des Kapitalismus gerieth auch das städtische Proletariat in immer größeres Elend. Das römische Recht kam auf, und wie es zur Zeit seiner Eni- stehung dazu gedient hatte, die Herrschaft der Reichen über die Armen in Gesetzesform zu kleiden, so diente es jetzt dem gleichen Ziveck. Den bisherigen lvirth- schaftlichen Verhältnissen entsprach das deutsche Recht als ländliches Recht. Als es anfing, durch das römische verdrängt zu werden, hieß es bald im Volksmnnd: Tas edle Recht ist worden krank, Den Armen kurz, den Neichen lang. So war es kein Wunder, wenn diese Schichten der Bevölkerung der„Unität", d. i. der Vereinigung dxr böhmischen Brüder, einen lebhaften sozialen Einschlag gaben, und es begreift sich, daß die Verfolgungen, unter denen die Mitglieder der Unität zeitweilig zu leiden hatten, ihre sozialen Motive stark hervorkehrten. In einer Schmähschrift gegen die Brüder wird ge- sagt:, /Merkt, ihr Christen, die Priester der Tabo- riten sind sicherlich Ketzer, Waldenser mehr als Wiclefiten!" Mit der Bezeichnung„Waldenser" sollte ein besonderer Schimpf zugefügt werden; es kam darin zum Ausdruck, daß die Unität mehr eine soziale Sekte, wie die Waldenser, als eine religiöse Sekte, wie die Wiclefiten, sei. Uebrigens befanden sich unter den Begründern der Unität auch Waldenser, und in einem Schreiben, das aus der Zeit der ersten Bruder- Verfolgung stammt, wird ausdrücklich aufdieAchnlichkeit waldeusischen und brüderischen Glanbens hingewiesen. Doch nicht nur die sozialen, auch die religiösen Verhältnisse drängten zn fortwährenden Reformations- versuchen. Zn verrottet waren die Zustände der katholischen Kirche, als daß diese die Befreiung der Geister von ihrer Herrschaft nicht hätte als Wünschens- Werth erscheinen lassen. Für die allgemeine Ver- dcrbniß in der Klerisei haben wir das eigene Zengniß streng römisch-katholisch gesinnter Männer selbst, die den Versuch wagten, bessernde Hand anzulegen. Doch ihre Miihe scheint nicht allzuviel Früchte getragen zn haben. Roch in der„Generalordnung" vom Jahre 1567 spricht Kaiser Maximilian II. über das„gottlose, schändliche und ärgerliche Saufen, Zutrinken und Völlerei, so schier nirgends mehr als in Klöster im Schwange ist." Außer dem Katholizismus kam in Böhmen noch der Utraguisinus in Betracht. Wie das Taboriten- thuin den linken Flügel des Hnssitismus bedeutet, so der Utraquismus den rechten. Aber wurde jenes von einer mächtigen, tiefen Bolksbetvegnng getragen, so entsprang dieser nur der Furcht der adeligen Kaste vor dem Volke. Ihm steifte nichts das Rückgrat, und so vernrtheilte er sich selbst zur völligen Auf- saugung durch den Katholizismus. Den Abschluß seines rnhinlosen Strebens bildete der Augenblick, als der Administrator des utraguistischen Konsistorinnls dem Prager Erzbischof den Eid der Treue leistete (1580). Nichtsdestoweniger war der Utraquismus in der Mitte deS 15. Jahrhunderts mächtig genug, um die Geister an sich zu fesseln; und es waren auch Utraqnisten, die das theoretische Fundament für die Briiderunität legen halfen. Wie eng dieser geistige Zusammenhang zwischen Utraquismus und Brüderschaft war, geht schon aus dem Umstände hervor, daß das erste Haupt der Brüder, Gregor, als Neffe des ersten von den Behörden anerkannten Erzbischofs der Utraqnisten, Rokycana, bezeichnet wird, eine Annahme, die der historischen Begründung entbehrt. Die Geschichte der Brüderschaft bringt anfänglich abwechselnd einmal mehr ihren sozialen, einmal ihren religiösen Charakter zum Vorschein,' je mehr sich aber die Brüder auf den religiösen Boden zurückziehen, desto mehr verlieren sie ihren materiellen Halt. Ihr Verzicht auf ihre ursprünglichen sozialen Forderungen trägt ihnen zwar die Unterstützung zahlreicher hoch- mögender Herreu ein, aber zu gleicher Zeit ein nnfrnchtbares Stillestchcn; und eine Sekte, die keiner wirthschaftlichen Form mehr entsprach, mußte ver- schwinden. Blit dem dreißigjährigen Krieg endet die Unität; Theile ihrer Glanbenssätze werden von romantischen Weltverbesserern in die liege Gemeinschaft der Herrenhnter hinübergerettet. Die Geschichte der böhmischen Brüder hat in Gindely einen außerordentlich liebevollen und ehr- lichen Darsteller gefunden. Auf seine grundlegenden Arbeiten gehen alle späteren Darstellungen zurück, auch die von Hnber in seiner„Geschichte Oester- reichs", die wir vorzugsweise benutzen. Als theoretischer Reformator der Unität wird Peter Chelcickh(Peter von Chelcic) bezeichnet, der, ohne eingehendere Studien getrieben zu haben, einer der fruchtbarsten Schriftsteller und einer der selbst- ständigsten Denker jener Zeit ivar. Er sah die Hanptursache des Verfalls der Kirche in der engen Verbindung,, welche Kaiserthum und Papstthum nach der Bekehrung Constantin's des Großen zum Christen- thnm geschlossen hatten. Staat und Kirche sollten nach der Meinung Chelcickh's ganz unabhängig von einander sein. Er verfocht die Ansicht, daß nicht nur in Glanbenssachen jeder Zwang, jede Anwendung von Gewalt verwerflich, sondern daß kirchliche Gemeinde und Staat unvereinbare Gegensätze seien, weil das wahre Christenthnm ans freier lieber- zeugnng, der Staat auf Zwang beruhen müsse. Namentlich der Krieg, wie jede Tödtnng eines Menschen sei unerlaubt; der wahre Christ dürfe nie Gewalt anwenden, auch gegen die härtesten Be- driicknngen und Verfolgungen sich nicht wehren. Der Eid sei unzulässig; der Christ müsse sich von Allem, was mit dein Staate zusammenhänge, unbe- dingt fernhalten, dürfe daher auch kein Amt be- kleiden. Jede Ständegliedcrnng sei Gott zuwider; es dürfe Stand, Rang und Vermögen keinen Unter- schied ausmachen. Das christliche Leben bestehe in der Befolgung der Gebote Gottes und der Bcthäti- gung der Nächstenliebe. Von den Schriften Chelcickh's fühlte sich besonders ein armer Laiidmann von ritterlicher Abkunft, Gregor, begeistert. Er hatte Nokycana die Kenntnis; der erwähnten Lehren zn danken. Aber immer tiefer tvnrde die Kluft zwischen dem ehrlichen Gregor und dein charakterlosen Streber Rokycana, so daß sich schließlich dieser aus einem berathenden Freunde in einen gehässigen Feind venvandelte. Um die Leute los zn werden, verschaffte er ihnen nach der Thron- besteignng Georg's von Podiebrad die Erlanbniß, auf dem Königlichen Gute Kunwald bei Senften- berg, an der Grenze der Grafschaft Glatz, sich an- znsiedeln. Im Jahre 1461 schlug der Wind um, und die Verfolgungen begannen, zunächst von ntra- quistischcr Seite ausgehend, denn der Adel witterte die Konsequenzen, die eine genaue Befolgung der briiderischcn Lehren nach sich ziehen mußte. Doch die Brüder waren nicht mehr zu unterdrücke». Hatten sie sich aber bisher keine eige.ie kirchliche Konstitntion gegeben, so wurde dies mit den Verfolgungen anders. 1467 schufen sie diese Organisation und wählten durch das Loos Drei aus ihrer Mitte zn Priestern, welchen ein alter waldcnsischer Geistlicher durch Handauflegiing die Bestätigung ertheille. Die Ge- nossenschaft führte fortab den Namen„Briiderunität". Die Hanptqnelle ihres Glaubens bildete die Bibel. Wie die Taboriten verwarfen die Brüder die Ver- ehrung der Heiligen und ihrer Bilder, das Fegfener, die Ablässe und viele Zeremonien. Die Konimnnion empfingen sie unter beiden Gestalten, wie die Utraqnisten, aber sie glaubten, daß man Leib und Blut Christi nicht wirklich, sondern nur geistiger Weise genieße. Die Wirksamkeit der Sakramente hielten sie für bedingt durch die sittliche Reinheit des spendenden Priesters. Daher wurden Diejenigen, welche von einem katholischen Geistlichen die Taufe empfangen hatten, bei der Anfnahme in die Unität wieder getauft. Für die Grundlage ihrer Religion erklärten sie die Rechtfertigung durch den Glaube», der aber ein lebendiger, mit der Liebe verbundener sein müsse. Deswegen hielte» sie fest an der Nothwendigkeit einer äußeren Bethätigung des Glanbens und forderten zunächst von jedem Einzelnen ein einfaches, geordnetes Leben, Enthaltung von Pracht und rauschenden Ver- 308 Die Aeue Welt. Illustnrte Ilnterhaltmigsbeilage. gnimnligcn, Vcviiieidniisi von Wucher und atsen Geschäfte», welche eiueu damit verwandten Charakter haben, freiwillige Armnth und Miterstiitznng der Äiittellosen. Giitergemeinschaft wurde nicht eingeführt; doch war es Gebet, daß Jeder nach Kräften den Armen uiilcrstiitzen müsse. Die höchste Gewalt stand bei der Synode, bei der alle Priester oder geistlichen Vorsteher der Ge- ineiiide zu erscheinen berechtigt waren. Priester konnte Jeder, auch ein einfacher Bauer oder Hand- werker werden. Der Synode waren Alle unbedingten Gehorsam schuldig. Tie Leitung der Geschäfte unter gewöhnlichen Verhältnissen war in den Hände» eines engeren Ruthes von zehn bis zwölf Riitgliedern, welche durch Vertreter aller Gemeinden gewählt wurden. An der Spitze stand der Senior oder Aelteste, welcher auch die Priester aufnahm und weihte. Der Priester hatte die Aufgabe, Kinder und Erwachsene zu unterrichten, zu predigen, Beichte zu hören, das Abendmahl anszntheilen, besonders aber das sittliche Leben seiner Untergebenen zu über- wachen und durch seine Ermahniingeii Sünden vor- znbengen. In den Zeiten der Verfolgung wurden dem Hausvater innerhalb seiner Familie die Funktionen eines Priesters übertragen. In einem Synodal- beschlnß des Jahres I50k heißt es:„Was das Verbot der Versammlungen durch die weltliche Wacht betrifft, so wird beschlossen, daß man sie für einige Zeit, wo es nothwendig ist, unterlassen soll, lind unterdessen wird allenthalben den Hausvätern be- fohle», daß ein jeder sich in den Hänsern mit seinem gläubigen Gesinde am Sonntag zum Früh- und Nachmittagsgottcsdienst bei verschlossenen Thüren versammle. Und wenn der Hansvater oder ein Anderer lesen kann, soll er Etwas vorlesen und womöglich auch ein Lied singen oder eine Ansprache halten oder das Alles thun und zum Gebet ermahnen. Item soll er zu Hanse seine Kinder unterrichten. Item zu passender Zeit, wenn es möglich ist, eine geheime Versammlnng abhalten, nicht zu zahlreich, auch nicht ans verschiedenen ferngelegenen Orten, sondeiu wenige und besonders zum Genuß des heiligen Abendmahls." Verstanden es die Brüder, in der Roth den Zn'ammenhalt zu wahren, so machten sich die ver- schiedenen Strömungen in der Unität um so heftiger in ruhigeren Zeiten geltend. Immer mehr nahm die gemäßigte Richtung überhand, gemäßigt in Bezug ans ihr soziales Programm. Die bcdentendsten Führer der gemäßigten Richtung waren Prokop von Nenhans und Lukas von Prag(gestorben>528). Durch ihren Einfluß kam ein Synodalbeschlnß zu Stande, welcher unter gewissen Einschränkungen den Eid, den Kriegsdienst, den Handel, den Besitz von Reichthümern und die Bekleidung von Aemtern für zulässig erklärte. Die Biinorität unter Führung des Bruders Arnos wollte sich damit nicht zufrieden geben und schied nach längeren Streitigkeiten 14!>8 endgültig ans der Unität. Nach wenigen Jahr- zehnten verschwinden die Amositer vollständig, die Brüder aber behaupten sich, freilich um den Preis ihrer selbstständigen Bedeutung. Immer mehr wuchs der Einfluß der Wohlhabenden in der Brüderschaft, so daß das Schicksal der Brüder eins wurde mit dem des protestantischen, überhaupt nicht katholischen Adels. Der letzte Versuch, die Brüder, denen man ihren Ursprung nicht verzeihen konnte, auszurotten, ein Versuch, an dem sich mit besonders eifrigem 5zaß der utragnistische Adel betheiligte, fand im Beginn des 18. Jahrhunderts statt. Nachdem der König Wladislalv schon im Jahre 1503 infolge des Drängens seiner Gemahlin und einiger seiner Räthe dem Landesunterkämmerer den Befehl gegeben hatte, in den Königlichen Städten und auf den Gütern der Krone alle Priester der Brüder zu ver- haften und diese selbst zum Besuche der Kirchen zu zwingen, nahm im Juli 1508 der Landtag ein Gesetz gegen die Brüder an, das in die Landtafcl eingetragen wurde und für das ganze Land Gültigkeit haben sollte. Alle ihre Versammlungen wurden verboten, ihre Bücher sollten verbrannt, ihre Lehrer und Vorsteher zur Belehrung vor katholische oder utraquistische Geistliche gestellt und, wenn sie hart- nä'ckig blieben, zur Bestrafung dem Oberstbnrggrafen überliefert, die Brüder selbst durch Belehrung zur Ablegung ihrer Jrrthümer bewogen werden. Das Gesetz wurde streng bis zum Jahre 1516 durch- geführt, aber trotzdem wuchs die Unität in diesem Zeitraum sehr rasch. Ganz»nabhäng'g von dem politischen Zwiespalt in der Brüderschaft war der Streit, der um Nutzen oder Schaden der gelehrten, d. h. insbesondere sprach- wissenschaftlichen Bildung geführt wurde. So sehr die Brüder darauf bedacht waren, die Kenntniß des Lesens und Schreibens unter ihren Anhängern zu verbreiten, im Allgemeinen die Volksbildung zu heben, so ivenig wollten sie großentheils von einer besonderen Ausbildung ihrer Priester wissen, damit diese den Theologen anderer Konfessionen gewachsen seien. Ter schon erwähnte Lukas von Prag, selbst ein Mann von ganz hervorragender Bildung, äußert sich in der briioerischen„ Antwort auf Luther's Schrift" (1523) sehr abfällig über das„voetorkothmn der Gelehrsamkeit".„Wir denken und halten," sagt er, „für den Schlüssel der heiligen Schriften und für die goldene Richtschnur, welche der Antichrist durch seine Gelehrten gestohlen und versteckt hat, den allgemeinen christlichen Glanben... Tie Schüler geben wir zur Belehrung darin den Pflegern und Vorstehern, damit sie, beginnend bei den Buchstaben und ersten Wahrheiten, lernen, Alles erwerben, haben und gebrauchen, ohne alle müßige und unnütze Tinge... Wir lehren nicht den Gedanken und Verstand der heiligen Schrift um des Denkens und Verstehens selbst willen, welches nur zu Aufgeblasenheit und Zank führt, sondern um der Befolgung und des Thuns willen, damit so die heilsame Kenntniß mit- getheilt werde, denn nicht die Hörer des Gesetzes oder Die davon sprechen, werden gerecht, sondern die Thäter." Das Lutherthum blieb auch so ziemlich einflußlos auf die Entwickelung der Brüder, die anfänglich sehr darauf bedacht ivaren, nicht mit den Protestanten verwechselt zu werden, ebensowenig wie mit anderen, der Verfolgung ausgesetzten Sekten, wie es beispiels- weise die Wiedertäufer waren. Deshalb schafften die Brüder die Wiedertaufe ganz ab, und gewannen dadurch immer mehr Unterstützung in Adelskreisen. lind als über den Adel zur Zeit des schmalkaloischen Krieges ein Strafgericht hereinbrach, mußten die Brüder am meisten leiden. Es war nämlich in Böhmen zum förmlichen Abfall von König Ferdinand gekommen. Unter den acht adeligen Mitgliedern der provisorischen Regierung befanden sich vier Brüder. Als die Bewegung niedergeschlagen war, stellten die Utraqnisten, um alle Schuld von sich abzuwälzen, die Senioren der Brüder als die Anstifter der Erhebung hin. Der König, der in den Brüdern das größte Hindcrniß der von ihm geplanten religiösen Einigung aller seiner Unterthanen sah, war es sehr zufrieden, als ihn am 18. September 1547 beim Verlassen der Schloßkirche die Vertreter der katholischen nid ntraqnistischen Geistlichkeit an der Thürc erwarteten und ihn um„Schutz" gegen die Brüder baten. An- fangs Oktober erschien eine Königliche. Verordnung, durch welche das Mandat König Wladislaw's vom Jahre 1508 strenge mit rückwirkender Kraft erneuert wurde. Einige Monate darauf erschien ein neues Dekret, ivelches die Schließung der Bethänser der Brüder und die Verhaftung ihrer Prediger anordnete. Die auf königlichen Herrschaften ansässige» Mitglieder der Unität wurden aus Böhmen und ganz Oesterreich ausgewiesen, worauf einige Hunderte theils nach Preußen, theils nach Polen, gingen. Die Senioren entzogen sich der Verhaftung durch die Aufsuchung von Verstecken. Der Vorsteher der Unität, Bruder Angusta, wurde zu einer geheimen Unterredung nach Leitomischl gelockt und dann festgenommen. Sechzehn Jahre schmachtete er im Kerker, mehrmals in grau- sainster Weise gefoltert. Trotzdem erreichte König Ferdinand seinen Zweck' nicht. Die Unität wuchs und wuchs, freilich mehr in die Breite als in die Tiefe. Als Maxipnlian II. auf den Thron kam, wollte er öffentlich zwar von einer Aufhebung dieser Dekrete nichts wissen, ließ aber die Verordnungen nicht ausführen und versprach mündlich einer Deputation der Brüder, ihnen ein gnädiger Herr sein zu wollen. Doch war mit dieser schwan'enden Haltung des Kaisers dem Religionsfrieden in Böhmen nicht gc- dient. Die Grnppirung der Parteien war eine andere geworden. Die Utraqnisten gingen in den Katholiken auf, auch formell, die Brüder in die Protestanten, obgleich hier äußerlich ein Unterschied gewahrt wurde. Das Schicksal der Protestanten besiegelte auch daS der Brüder, die mit dem dreißigjährigen Kriege überhaupt verschwinden. Der letzte Bischof der Unität war Comenins, einer der berühmtesten Pädagogen aller Zeiten. Die Volkslil»nigsbestrebnugen der Brüder haben eine ausführliche Würdigung durch I. Müller erfahren, der in seinem Buche„Die deutschen Katechismen der böhmischen Brüder" eine Menge Material zur Geschichte des böhmischen VolkSschnlwcsens zusammenträgt. Tie Brüder bemühten sich so erfolgreich, die Kenntniß des Lesens und Schreibens zu verbreiten, daß ihre Gegner sie deswegen beschuldigten, sie ständen»lü dem Teufel im Bunde! Große Verdienste erwarben sich die Brüder auch dadurch, daß sie die Deutschen die tschechische, die Tschechen die deutsche Sprache lehrten und so die nationalen Gegensätze mildern halfen. Mit dem Eindringen des Humanismus konnten sich auch die Brüder nicht mehr dem Stndini» der alten Sprachen verschließen. Der Erfolg war ein bedeutender. Tie Uebersetzung des Neuen Testaments in's Tschechische durch den Bruder Blahoslaw wird mit Recht Luther's Uebersetzung gleichgestellt, und die in Brüderkreisen entstandene Uebersetzung der Bibel ist noch heute unübertroffen. Wenn also die Brüder sich auch nicht behaupten konnten, so war ihr Wirke» doch nicht ohne Bedeutung für das böhmische Volk. Me irforfdjung dcr nüröfirfm MlWrt. Von Helene Vorchardt. (Schluß.)- gleicher Zeit war das amerikanische Festland vom Binnenlande ans ans Landerpedilioue» erforscht worden. Die erste Franklin'säst Expedition, 1819, welche bis zur Mündung des Knpfcrmincnflusses vordrang, ist durch die zahllose» Gefahren und Leiden, die sie traf, zu einer für I>c allerdings traurigen Berühmtheit gelangt. Aus der Rückreise nach einer Hütte, die Franklin zur erste» Ueberwinternng errichtet hatte, und wo die Expedition Proviant zu finden hoffte, war die Entkräftung der Leute so groß geworden, daß sie zum Zurücklegen der letzten sechs Meilen volle vier Tage brauchten. Als sie endlich die Hütte erreicht hatten, war keine Spur von Lorräthen in ihr zu entdecken. Volle 27 Tage blieben sie trotzdem in der elenden Hütte, da die Kräfte zu einem Marsche nicht mehr ausreichten- Aus Rennthierhänten, gebrannten Knochen und Per- gamcnt kochten sie eine Art Brei, mit dem sie ihr Leben zu fristen versuchten. Gerettet wurden schließlich durch einige Indianer, tvclche ihnen Lebens- mittel brachten; doch ist es begreiflich, daß die meisten Mitglieder der Expedition zu Grunde ge- gangen waren, als die Hülfe kam. Nur vier, unter ihnen Franklin selbst, überstanden die furchtbaren Strapazen. Ans seiner zweiten Erpedition, 1825— 182?� ging Franklin von der Niüudung des Mackenzie ans westlich, während Richardson sich östlich tvandte; gleichzeitig war Kapitän Beechey durch die Bering- straße bis zum Kap Barroiv vorgedrungen, hatte jedoch den geplanten Anschluß an die von Franklin geleitete Landexpedition nicht erlangt. Es war allmälig vollständig klar geworden, daß sowohl eine nordwestliche als nordöstliche Durch- fahrt, sowie auch eine rein nördliche im Osten Grönlands über Spitzbergen, wenn sie überhaupt existirte, fiir die Schifffayrt nach Ostasien und Indien oder nach den nordwestlichen Theilen von Amercka ohne jeden Nutzen sei, da eine gefahrlose Handels- straße jedenfalls nicht existirte, so daß ein Handels- schiff niemals darauf rechnen konnte, ohne im Eist einzufrieren, seinen Weg fortsetzen zu könne». Die Wahrscheinlichkeit sprach sogar dafür, daß ein einmal eingefrorenes Schiff nicht wieder loskommen, sondern 31U J>k Jlcue ZDcIt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. von den Eismassen zerdriickt werden würde. Die englische Negierung zog daher, 1826, den für die Entdeckung der nordivestlichen Durchfahrt ausgesetzten Preis zurück. Nichtsdestoweniger erfolgten noch eine ganze Reihe von Entdeckungsfahrten, bei denen nun aber ansgesprochenermaßen das rein wissenschaftliche Interesse überwog. Namentlich war es die Erfor- schung der magnetischen Erscheinungen auf der Erde, welche die Blicke nach dem Pole zog. Im hohen Norden muß ein Punkt vorhanden sein, an welchem die Magnetnadel eine senkrechte Stellung einnimmt; die Lage dieses sogenannten magnetischen Poles muß für die Vertheilung der magnetischen Kräfte auf der ganzen Erde von besonderer Wichtigkeit sein, sodaß magnetische Beobachtungen in hohen Breiten ein be- sonderes Interesse erregen. Der schon früher ge- nannte Kapitäm John Roß, der in England wegen seiner schnellen Rückkehr 1818 sehr verspottet wurde, erhielt von dem Kaufmann Felix Booth die Mittel zu einer Expedition von zwei Schiffen, mit denen er 1829 von England absegelte. Er drang hierbei weiter nach Westen vor, als irgend eine frühere Expedition, konnte jedoch eine eigentliche Durchfahrt nach der Beringstraße nicht finden. Dagegen wurde die Küste der Halbinsel Boothia, die Roß zu Ehren von Booth so genannt hatte, und die der etwas südwestlich gelegenen Halbinsel König Williamsland sehr genau aufgenommen. Auf Boothia erreichte James Roß, der Neffe des Kapitäns, auch den magnetischen Pol. Am 1. Juni 1831 fand er auf einer Hügelreihe unter 70° 5' 17" nördl. Br. und 96° 46' 45" westl. L. von Greenwich den Punkt, an dem die Magnetnadel völlig unbeweglich senkrecht stand. Die Ergebnisse der Expedition wurden mit großen Mühsalen erkauft; nachdem man vier Winter im hohen Norden zugebracht hatte, sah man sich ge- nöthigt, das Schiff, das vom Eise nicht loskam, zu verlassen; die Boote wurden auf Schlitten über das Eis geschafft, und als man nach einer sehr be- schwerlichen Fahrt bis zum offenen Meere kam, versuchte man, die Baffinsbai zn erreichen. Am Lau- castcr Sund trafen sie nach unsäglichen Mühsalen den Walfischfahrer Jsabella, der sie nach England zurückbrachte. Eine neue Aera der Polarforschung begann niit der unglücklichen Expedition, welche die englische Regierung unter Franklin im Jahre 1845 zur Auf- suchung der nordwestlichen Durchfahrt entsandte. Die Expedition bestand aus 140 Köpfen auf den beiden Schiffen Erebns und Terror, die Roß auf seiner vierjährigen Reise nach dem Südpol gehabt hatte. Im Juli 1845 wurden die beiden Schiffe in der Baffinsbai von einem Walfischfänger gesehen, und seitdem blieb die Expedition verschollen. Zahllose Expeditionen wurden ausgesandt, um das Schicksal Frauklin's und seiner Gefährten zn ergründen. 10 000 wurden für das Bringen sicherer Nach- richten, und der doppelte Preis für die Rettung Franklin's und seiner Gefährten von der englischen Regierung ausgesetzt; jedoch Alles war umsonst. Da- gegen wurden die geographischen Verhältnisse der nordamerikanischen Inselwelt durch diese vielen Expeditionen auf's Eingehendste erforscht. Bei einer derselben wurde auch die so lange vergeblich gesuchte nordivcstliche Durchfahrt gefunden. Es war die vom Kapitän Mc Clnre geführte Expedition, welche auf dem Schiffe Jnvestigator ini Januar 1850 England verließ, um die Südspitze von Amerika segelte, dann an der amerikanischen Westküste entlang bis zur Beringstraße und von dort in's Eismeer gelangte. An der Südost-Küste von Banksland versuchte das Schiff, durch die Prince of Wales-Slraße zwischen Banks- und Prinz Albertland durchzudringen. Durch Eis gehindert, mußte es umkehren und die Insel im Westen und Norden umfahren. Im Norden fror es in der Mercy-Bncht ein und kam nicht wieder vom Eise los. Der Kapitän Ate Clnre stellte auf einem Ausflug fest, daß zwischen Banks- land und der Melville-Jnsel sich eine Wasserstraße befindet, in welche auch die Prince of Wales-Straße einmündet. Dadurch war er der Entdecker der lange gesuchten Durchfahrt geworden, und zwar hatte er gleich zwei Durchfahrten gefunden, die eine durch die neu entdeckte Banks- oder Mc Clnre-Straße, die andere durch die Prince of Wales-Straße. Aller- dings sind beide Wege in der Regel durch Eis ge- sperrt. Auf der Melville-Jnsel hinterließ er Nach- richten über seine Expedition, die von 5iellett, der auf der kleinen, im Süden der Melville-Jnsel gelegenen Dealy-Jnsel überwinterte, gefunden wurden. Durch Kellett benachrichtigt, begab sich Mc Clnre mit seiner Mannschaft über das Eis zn Schlitten nach der Dealy-Jnsel. Doch auch Kellett's Schiffe kamen vom Eise nicht mehr dauernd los. Im September froren sie von Neuem ein und mußten im nächsten Jahre verlassen werden; die Mann- schafteil gingen daher zu Schlitten weiter östlich, wo an der Ostküste von Nord-Devon eine andere Expc- dition überwinterte. Deren Schiff, der Northstar, konnte im August 1854 das Eis verlassen und traf schon in der Baffinsbai mehrere Schiffe, von denen die Mannschaften der im Eise verlassenen Schiffe nach England zurückgebracht wurden. Dort feierte man Mc Clnre in großartiger Weise als den Ent- decker der nordwestlichen Durchfahrt und belohnte ihn mit einem Ehrengeschenk von 10 000£. Von Franklin hatte Mc Clnre keine Spur gefunden; das Schicksal dieser Expedition wurde erst viel später aufgeklärt. Sie hatte an der kleinen Bnchh-Jiiscl am Eingang des Wellington-Kanals, wohin Mc Clnre zu Schlitten gewandert war, den Winter 1845/46 zugebracht; von dort hatte sie sich südwärts nach King Williams-Land gewandt, wo Franklin am 11. Juni 1847 gestorben war. Der Rest der Expedition verließ im April des folgenden Jahres die Schiffe und versuchte, das amerikanische Festland zn erreichen; doch sind auf dieser Reise sämmtliche Theilnehmer dem Hunger und den Strapazen erlegen. Mit der Entdeckung Btc Clure's kam die Er- forschung der Polarländer natürlich nicht zum Still- stand. Doch wollen wir hier nur die Fahrten er- wähnen, welche die Erforschung der sibirischen Küste, und somit die Auffindung der nordöstlichen Durchfahrt zum Ziel hatten. 1872 ging der österreichische Dampfer Tegetthoff unter Weyprecht und Payer nach Nowaja Seinlja, um dieses zu umfahren und weiter östlich die Durchfahrt nach der Beringstraße zu suchen. Unter 76° nördl. Br. aber wurde das Schiff bereits vom Eise umschlossen und trieb nun mit dem Eise unerwarteter Weise nach Norden. Dabei gelangte das Schiff an die Küste eines unbekannten Landes, welches von den Forschern Franz-Josef-Land genannt wurde. Sie erforschten dasselbe auf Schlitten bis über den 82. Breitengrad hinaus, wo Payer noch weiter nördlich etwa unter 83° Land zn sehen glaubte, das er Petermannsland nannte. Ter Tegetthoff kam vom Eise nicht mehr los und mußte im Mai 1874 aufgegeben werden. Die Mannschaft ging in Booten und Schlitten in südöstlicher Richtung nach Nowaja Seinlja, wo sie von einem rnssischen Walsischfänger aufgenommcn und gerettet wurden. In der Folge wurde Franz-Josef-Land öfter besucht und näher erforscht; 1881— 82 überwinterte dort an der Südküste der Inselgruppe der Engländer Leigh Smith, der sein Schiff ebenfalls verloren hatte. Auch, er mußte sich init seiner Mannschaft nach Nowaja Seinlja iiber's Eis retten. Ergebnißrcicher und besser ausgerüstet war die Expedition des Engländers Jackson, der vier Jahre, von 1894—97, auf Franz-Josef-Land zubrachte. Er hatte dort auf einer der südlichsten Inseln, der North Brook-Jnsel, bei 5lap Flora eine Station angelegt, von der aus Schlittenreisen nach Norden unternommen wurden. Ans denselben wurde der Verlauf der Küste sowie das Zerfallen der Gruppe in zahllose kleine Inseln festgestellt. Es ist bekannt, daß Nansen bei der Rückkehr von seiner Reise die englische Expedition bei Kap Flora im Juni 1896 antraf, und im August desselben Jahres mit dem Schiffe Windward, das neue Lebensmittel für Jackson und seine Leute nach Franz-Josef-Land brachte, in die Heimath zn- rückkehrte. Jackson dagegen umwanderte im Früh- jähr 1897 auf einem zweimonatlichen Ausflüge den westlichen Thcil der Inselgruppe und kehrte dann im August 1897 ebenfalls auf der Wiudward nach England zurück. Eine weitere Reihe von Expeditionen stellte sich, wie die vorher erwähnte österreichische, die Aufgabe, die Nordküste Sibiriens zn erforschen und womöglich die nordöstliche Durchfahrt nach der Beringstraße zn finden. Das Karische Meer erwies sich als schiffbar, und mehrfach fuhr man weit über dasselbe hinaus nach Osten bis zur Müudnng der Lena. Das sibirische Stromnetz wurde durch diese Fahrten der europäischen Schifffahrt erschlossen, nnd regelmäßig besuchen seit jener Zeit Kaufleute, die einen ein- träglichen Pelzhandel treiben, den sibirischen Norden und selbst die Nensibirischen Inseln. Am berühmtesten von diesen Fahrten ist die des Schweden Norden- skjöld, der im Jahre 1878 mit der Bega an Sibirien entlang nach der Beringstraße fahren wollte, um so die alte Aufgabe der nordöstlichen Durchfahrt zn lösen. Er gelangte bis zur Kolintschinbai, ganz nahe vor der Beringstraße; dort aber fror die Bega ein, sodaß die Expedition überwintern mußte. Erst i'11 nächsten Sommer kam das Schiff vom Eise wieder los, nnd nun fuhr Nordenskjöld durch die Bering- straße und kehrte, die Ost- nnd Siidküste Asiens umfahrend, durch den Snezkanal nnd das mittel- ländische Atecr nach Europa zurück, wo er überall mit großer Begeisterung und großer Auszeichnung empfangen wurde. Den umgekehrten Weg durch die Beringstraße nach den europäischen Gewässern sollte die l87'.> ansgcsandte Jeanette- Expedition auf dem Schiß Jeanette unter der Führung von Delong nehmen. Obwohl der Verlauf der Expedition ein sehr nnglnck- lichcr war, ist sie doch für die Kenntniß der Polar- Verhältnisse von großer Bedeutung geworden, weil durch sie die ganz eigenartige Reise Nansen's an- geregt wurde. Delong hatte den Weg durch die Beringstraße gewählt, weil mehrfach Walfischfänger die Erfahrung gemacht hatten, daß im Eise festsitzende Fahrzeuge in jenen Gegenden nordwärts trieben. Er vermuthete daher, daß die unter dem Namen Japanischer Strom bekannte warme Meeresströmung durch die Beringstraße noch weit nach Norden reiche nnd vielleicht gar an der Küste von Wrangelland entlang bis zum Nordpol und darüber hinausführe. Allerdings hat sich Wrangelland später als eine gan» kleine Insel erwiesen. Delong meinte, der Japanische Strom würde Entdeckungsreisenden erlauben, sehr hohe Breiten zu erreichen: allerdings, fügte er hinzu, würde er auch bei einem ettvaigeu Einfrieren die Schwierigkeit der Rückkehr erheblich vermehren. Seine Vermuthung sollte zur traurigen Wahrheit werden. Schon unter 71�/ü" nördl. Br. gcricth die Jeanette in's Eis nnd trieb nun im Eise zwei Jahre in nördlicher Richtung, bis sie unter 77 V�° nördl. Br. den gewaltigen Pressungen des Eises nicht mehr Widerstand leisten konnte; am>2. Juni 1881 wurde sie zertrümmert und sank. Die Mannschaft versuchle in drei Booten, von denen eines jedoch verschollen blieb, die sibirische Küste zn erreichen. Von den beiden anderen Booten erlagen die meisten Insassen im Gebiete der Lenamiindnng den Anstrengungen nnd dem Hunger, nnd nur wenige llcbcrlebende wurden von einer Hiilsserpedition aufgefimdeii und gerettet. Bekanntlich wurde für Nansen diese Expedition der Anlaß für die Behauptung, daß man vom Berings- meer ausgehend mit einer Eisströmnng über den Pm in die Grönländischen oder Spitzbergischen Gewässer müsse gelangen können, eine Behauptung, dere» Wahrheit durch seine eigene Reise ertviesen wurde. Mit der Konstatirnng der nordwestlichen, der nord- östlichen und dieser letzten, schon vor fast 300 Jahre» oon Hudson gesuchten rein nördlichen Durchfahrt m in wissenschaftlicher Beziehung allerdings erst das Wenigste erreicht. Die geographische Kenntniß von dem Aussehen unseres Planeten ist freilich bereichert worden, obivohl noch immer weite Gebiete unbekannt bleiben. Das hauptsächlichste Interesse nehmen jcdow die meteorologischen Verhältnisse in Anspruch und ihr Einfluß anf das Klima nnd den Verlauf der Witterung in den zivilisirteu Gegenden Europas und Amerikas. Ihrer Ersorschnng sollen in erster Linie die Reisen dienen, die theils geplant, theils in der Ausführung begriffen sind.— $ Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 311 (Schluß.) vom �SpangKofc* Nach dem Dänischen dcS I. P. Jensen. n dein Tage, da der Regen kam— es war Gmde Inli— hatte die Sonne unbarmherzig vom frühen Morgen an, ivic schon an all' den vorhergehenden Tagen, sengend am Himmel ge- standen, und die Stimmung war allgemein sehr ge- dnirft. Tie Sorge trieb die Leute zusammen, sie schlössen sich aneinander. Vor dem Hanse des(sie- »leindevorstehers stand eine Gruppe beisammen und mvog die möglichen Aussichten' sie sprachen gedäinpst, als ob Jemand gestorben sei; sie standen ganz dicht Zusammen mit einem rathlosen Ausdruck iii den Ge- nchtern. Gram und Furcht beugten ihren Nacken noch stefer, als es sonst der Fall war. Noch einmal über- "ogen die Blicke den Himmel; aber er ivar wolkenlos. Unter jedem Dache herrschte Verzweislüng, sorgen- volle Gesichter erschienen hinter den Scheiben und blickten gen Himmel. Was sollse nur daraus werden! »der Anblick, der sich darbot, konnte einen Mann krbleichen machen; die Felder lagen da wie lauge f Strecken voll Jammer und Demüthigungeu. � Aber um die Mittagszeit kühlte die Luft ab, ! schwere Wolken zogen eilig vom Westen heraus; >v!e dunkle Riesen kamen sie dahergeflogen mit weit luisgestreckten Armen. Alan ivolite es erst kaum glauben, und als es dann zu regnen begann, ver- lochte Niemaiid seine Bewegung zu verbergen. Ja, � sing an zu gießen. Anfangs schien noch die Sonne, und der Regen kam hoch oben aus der Lust u> langen, glänzenden, goldig leuchtenden Streifen. Feuer und Funken stoben aus den Kornfeldern und Uber dem Wege stand seiner Dunst vom Wasserstaub. sss regnete bei Sonnenschein, jeder Tropfen flimmerte im Licht. lind derart war auch die Freude aller Menschen. Anhige Männer fuhren zur Thür hinaus und riefen Halloh— um es den, Nachbar drüben zu sagen. F» der Mitte der Straße stießen sie auseinander und blieben im strömenden Regen stehen. Die Kinder, bie durch die Schweigsamkeit der Alten beeinflußt Morden waren, gerieihen jetzt außer sich. Noch konnte Alles wieder gut tverden. Die Männer drückten einander die Hände, einige versteckten sich und weinten. Sie brauchten sich nicht zu verbergen, Alle waren barin einig, daß sich Jeder gehen lassen könne, da es nachher vergessen sein sollte. Panl Sörenscn war draußen aus seinem Felde, als der Regen kam. Er war unsäglich froh; sein Slorn hätte sich nicht länger halten können. Während bie Sonne schien, zweifelte er noch, aber als die Alolken sich schlössen und es dauernder, befruchtender Aegcn wurde, ließ er seiner Freude freien Laus. langsam schritt er im Regen heim, hob das Haupt Und ließ die kühlenden Tropfen über sein Antlitz iaufen und seine Augen blenden; er streckte die Hände aus und ließ sie vom Regen bespülen. Mit innerem Frohlocken ließ er sich bis auf die Haut burchweichen. Panl's letztes Feld stieß an dasjenige Thomas Spanghos's, und als er auf dem Heimwege war, begegnete er seinem Feinde. Thomas kam von seinem Haferselde her, wo das Korn gebengt dastand, bie Nässe einsog und fast im selben Augenblick grün {Wirde. Die Freude überwältigte Paul, als er ihn iah: er hatte Vertrauen zu Allem und ihm war, °ls müßten sich alle Dinge zum Besten kehren. Als Unn aber Paul dem Besitzer des Spanghoses nahe mm, wußte er nicht, was er eigentlich von ihm wollte— vielleicht war es nur der Drang, einem Menschen zu begegnen und seine Hoffnungen mit {bm auszutauschen. Paul blieb stehen und sah Thomas mit leuchtenden Augen und einem Ausdruck berlegener Freude an. Thomas wandte ihm das Antlitz zu und fuhr s°rt, im selben Schritte weiter zu gehen.„Du Lausejunge l" sagte er gedämpft und mit ausge- lprochener Bosheit. Seine Zähne entblößten sich, und feine Augen stachen von Haß. Dann schritt er weiter. Jetzt erst begriff Paul, daß er sich mit Thomas batte versöhnen wollen; er wurde rasend, Alles in ihm bebte. Eine Welle stand er noch im Regen und schaute aus Thomas breiten Rücken, der sich langsam entfernte, dann ging er heim. Ans der halben Höhe des Hügels angelangt, brach er in Thränen aus und schwankte mit gebeugtem Rücken weiter. Zur Erntezeit siel das Urtheil in der Erstattungs- angelegenheit. Panl verlor und mußte den Hos verlassen. Niemand konnte ihm Helsen, er mußte sich darein finden. Damit die Familie nicht der Gemeinde zur Last falle, verschafften die Bewohner Paul eine Käthe, zu der etwas Land gehörte. Es war sehr knapp, Paul arbeitete im Tagelohn. Aber der Gram ver- zehrte ihn; die meiste Zeit war er bettlägerig. Die ältesten Kinder dienten; aber es gab daheim noch fünf Mäuler' zu versorgen und Jörgine war wieder guter Hoffnung. Es kam vor, daß sie, Haus Nielseu's Tochter, mit einem Eimer umhergehen und die Hosbesitzersraueu um Milch bitten mußte. Zu Thomas Spanghos ging sie nicht— ausaugs. Aber als es sich traf, daß sie einmal anderswo nichts bekam, ging sie auch nach dem Spanghose. Seitdem war sie hänsiger dort, wenn sie in Verlegenheit war; sie wußte, daß Thomas es sich nicht versagte, ihr etwas zu geben. Zu der Schelte und den Ermah- nungeu, die sie dabei empfing, schwieg sie stille. Thomas bot ihr eines Tages, als Fremde im Zimmer waren, Geld an. Jörgine nahm es und freute sich darüber. Thomas hatte es ihr nur an- geboten in dem Glanben, daß sie es ausschlagen würde, aber als sie es nun doch nahm, warf er ihr in groben Worten ihre Fruchtbarkeit vor. Wenn sie so bettelarm waren, konnten sie sich doch wohl be- zähmen!... Es ward immer ärmlicher in Panl's Familie, und schließlich mußten sie iii's Armenhans. Thomas hatte sie nicht vergessen, und als Panl schließlich starb, verfolgte er seine Kinder, beschuldigte den einen Sohn des Diebstahls und suchte auch den anderen Uebles zuzufügen. Es gelang ihm aber damit nicht so recht, da er bei den Leuten verhaßt war. Thomas lebte mit den Meisten im Unfrieden; er prozessirte mit mehr als einem Mann. Es kam Thomas nicht daraus an, direkt in einen Hos hin- einzugehen und den Besitzer mit Schinipsworteu zu überschütten; Jedermann sagte er grobe Unannehm- lichkeiten in's Gesicht hinein. Weib und Kind hatten es ebenfalls keineswegs gut. Inzwischen hatte sich Thomas einen großen Wohl- stand erworben; er handelte mit Vieh und betrog die Leute, daß ihnen Hören und Scheu verging. Es war ihm ein Kleines, einem Häusler eine Kuh zu verkaufen, die, wie es sich dann später herausstellte, mit verhänguißvolleu Fehlern behastet war, und es war allgemein bekannt, daß er seinen Vater um den„Auszug" betrogen hatte, so daß der alte Plann zu seinem Schwiegersohn gehen und dort sterben mußte. Aber das Lachen war schließlich doch noch aus Seiten der Leute, denn mit Thomas ereignete sich etwas Sonderbares. Thomas hatte schon lange gehustet; als der Winter vorüber war, sah er elend aus. Die Frau setzte ihm so lange zu, bis er schließlich zum Doktor fuhr. „Ja, Ihr Bauern," sagte Doktor Erichsen, als er Thomas untersucht hatte,„Ihr geht so lange zwischen Euren Kühen umher, bis jeder Zweite von Euch Tuberkeln hat. Ihre Lungen sind von oben bis unten voll. Sie können nach Hause gehen und sich hinlegen." Thomas antwortete darauf nicht viel. Er fuhr heim und brauchte die Arzneien. Lange hörte man kein Wort von ihm. Aber der Husten verschlimmerte sich; der schwere Mann war schon ganz abgezehrt. Er ging abermals zum Arzt und ließ sich gehörig untersuchen. „Wie lange kann ich leben?" ftagte er barsch und sah dem Arzte gerade in's Gesicht. „Sie können noch ein Jahr leben; wenn Sic aber vernünftig leben wollen, vielleicht zwei." „Ja, was heißt vernünftig?" fragte Thomas und lachte höhnisch. „Sie müssen sich ruhig verhalten— vor allen Dingen keine Erkältungen." „Ja, dann ist mir's einerlei," sagte Thomas und griff zur Mütze. Er kam nach Hause und war wie eine Gewitterwolke. Thomas war früher stets ein ordentlicher Mensch gewesen, aber am Tage nach dem Besuch beim Arzt fuhr er in's Wirths- Hans— das Gehen fiel ihm schon schwer— und kam total betrunken heim. Das eingefallene Antlitz war leichenblaß, als sie ihn hineintrugen. Sie hatten einen derartigen Respekt vor diesem Manne, daß sie ihn mit der größten Ehrerbietung behandelten, obgleich er bewußtlos war. Von der Zeit an führte Thomas Spanghof ein unsolides Leben. Er trank und war fortwährend unterwegs. Einige andere Viehhändler standen ihm bei; sie hielten Saufereien ab, bei denen Wein ge- trunken und ellenlange Mürbebraten gegessen wurden. Thomas veränderte sich. Seine ansbransende Art bekam einen Stoß in's Humoristische, er sang und schlug die Karten auf den Tisch. „Sie sagen, daß ich nicht leben kann; aber ich will Euch zeigen, daß ich's kann.— Nochmal Trumpf! Ich verzehre meine eigene Begräbnißkost. Treff König, was wollt Ihr damit machen? So geht es nicht! Treff Dame, nur immer drüber!.." Die anderen Gesellen lachten, daß sie dem Er- sticken nahe waren. Bis zum hellen Morgen saßen und tranken sie wie Cyklopeu, und Thomas— er war vollständig außer sich— bezahlte. Als er dieses Leben ein Jahr lang geführt hatte, lebte er immer noch. Er war fleischig ge- worden, hatte rothe Flecke im Gesicht und seine früheren Kräfte wieder. '„Lassen Sie sich mal betrachten!" sagte Doktor Erichsen verwundert.„Wie ist es möglich, Sie führen ja ein wahnsinniges Leben!" Und der Doktor untersuchte ihn. Es stellte sich heraus, daß Thomas Spanghof frisch wie ein Ochse war; er war wirklich wieder vollkommen gesund geworden. „Sie sind ein radikaler Mann," sagte Doktor Erichsen. „Aber jetzt will ich Ihnen etwas sagen, Thomas Spanghof. Die Kur, die Sie angewandt haben, war so schlimm, wie die Krankheit— ehe noch ein Jahr vergangen ist, werden Sie an Delirium tremens zusammenbrechen." Thomas brach in ein lautes Gelächter aus und fuhr davon; er würde nicht so verrückt sein, sich todt zu trinken. Eine Weile hielt er es auch aus, obgleich es ihm schwer wurde, diese ewigen Feste zu missen. Aber es geht manchmal merkwürdig zu in dieser Welt. Thomas war schon dieses Leben allzu sehr gewohnt. Ein Jahr verging, und Thomas war fortwährend angetrunken. Eines Tages kam er aus dem Schlafzimmer heraus. Er war in Hemdsärmeln, die Weste saß straff über dem dicken Leib. In seinem Antlitz las man Unentschlossenheit und Angst. Die Augen hatten den harten Ausdruck verloren. „Gott im Himmel, Thomas!"____ rief die Frau und starrte ihn an. Thomas sagte nichts, gleich darauf verlor sich ver Angstausdruck; er ging hinaus, ergriff ein Pferde- geschirr und warf es aus die Pflastersteine hinaus. „Spann an!" rief er zornig dem Knecht zu. Thomas fuhr davon und kam betrunken heim. Nach einigen Tagen hielt Thomas abermals ein Gelage mit seinen Zechgenossen. Er nahm sich zu- sanimen und war kaum mehr als gut angeheitert. Ans der Heimfahrt ward er vollkommen nüchtern. Zornig saß er im Wagen und umspannte die Zügel mit der Faust. 312 äMc Neue Welt. Illustvirte Unterhaltungsbeilage. Grad' wie er den 5iops hob. sah er einen Mann in Volstrnp— der Ort lag anderthalb Meilen entfernt— einen nngehener großen Mann, der sich backte imd die Landschaft wie einen Tepvich auszurollen begann. Er hals niit den Füßen nach, rollte Felder und Häuser, Höfe und Bäume zusauiinen. Hinter ihm war Alles eine graue Fläche. Als er eine Meile aufgerollt hatte, ging er ein paar Meilen weiter und begann dort von Neuem. Die Sonne beschien seinen schwarzen Wollkopf. Thomas sah sich dieses Schauspiel eine Weile an, dann lächelte er ungläubig: „Steh' stille!" sagte er gedämpft und halb lachend. Aber im selben Augenblick war der Mann verschwunden. Eine Weile saß Thomas schweigend da, es wetterleuchtete in seinem Antlitz; er verzog heftig den Mund und schlug auf die Pferde los. Während es in scharfem Trabe heimwärts ging, war Thomas sehr unruhig. Seine groben Hände zitterten. Als er die Anhöhe vor dem Spanghofe hin- unterftihr und der starke Luftdruck sein Gesicht traf, sah er plötzlich auf dem Wege vor sich etwas Dunkles aufflattern und ihm entgegen kommen. Im Nu hatte es ihn erreicht und flog ihm direkt in's Gesicht. Es schlug wie eine Stahlstange gegen einen Stein— so singend scharf, daß sein Kopf davonsprang wie ein Ei... Thomas Spanghof fiel rücklings in den Wagen; die Pferde liefen von selbst in den Hof hinein. Vor der Tränke hielten sie an, und als der Knecht herbei- gelaufen kam, sah er, daß Thomas auf dem Boden des Wagens lag. Thomas Spanghof hatte Delirium. Die Leute lachten und sagten: Erschossen wird der nicht, der gehängt werden soll. Aber Thomas erholte sich noch einmal. So- lange der Anfall dauerte, mußten sechs Mann ihn halten. Doch er war zähelebig. Der fremde Wanderer/ Mrr fremde Wanderer singt ein Lied Von der Both. C£b lauscht ihm der graubärtige Schmied Und sein blondes Weib— dir beiden Jungen Sind spielend wieder fortgesprungen. Der fremde Wanderer ist grau und blaß Von der Both. Sein rissiger Wanlel ist schwer und nasi. Und was der fremde Wanderer singk, tzark an die Niedern Wauern dringt. Jivischen des Liedes Töne klangen Hammerschläge aus Eisenstangrn. Wilhelm vou Scholz. Auf dem Heimwege. Es war ein saures Stück Arbeit, stundenlang draußen ailf den Hängen herum- zusteigen und tiefgebückt mit der krummen Handsichel das Fiegenfutter zu schneiden. Und dann, als der Tag ver- blich, war noch das Riesenbündel auf den Schultern heimwärts zu tragen. Da ist auch für das kraftvolle Mädel die niedrige Mauer eine Erlösung; auf einen Augenblick hat sie die Last abgelegt und streckt nun den vom langen Bücken schmerzenden Rücken. Auch das kleine Mädchen hat gern den.ttrug, den es hinausgebracht hat auf's Feld, hingesetzt und sich bcguem auf die Mauer gelagert... Es ist eine prächtige, kernige Erscheinung, die Magd; bei aller Kraft und bei aller Dürftigkeit der Kleidung, des derben, kurzen Rockes, der groben Schuhe, entbehrt sie der Anmuth nicht. Prächtig ist vor Allem die Haltung herausgebracht, dieses wohlige Recken und Dehnen der von dem schweren Druck befreiten starken Glieder; wie gemeißelt steht die Gestalt vor uns. In dem ebenmäßigen, ja schönen Gesicht aber sitzt der Ernst; schier Trotz ist es. Das macht die immerwährende, nie »«u«„»l« BttltnflhKui".«t», Anthol-ete uukmui ttljTit. H-rauKges«ben von Ludwl»»«mm«l. Berltn nnt» 0ine>n anderen RettnngSschacht kamen über 500 Personen � darunter mehrere mit dem Kopf voran!— ohne jeden Schaden an der Ausgangsthür an. In einer Schujr wurden 135 Personen mit der Einrichtung des Rettungs- schachte» vertraut gemacht; in einer Minute halten allc Kinder das Straßen-Niveau unbeschädigt erreicht, und ein Knabe, der wegen lahmer Füße Krücken mitnehmen mußte, hatte diese Rutschpartie mit seinen Krücken unter dem Arm ebenfalls gut mitgemacht. Die Nettungsschächtc haben an der Außenseite eine eiserne Leiter, damit die Feuerwehr direkt zum Dache emporsteigen kann. Auf einer solchen Leiter hatte w einer anderen Schule ein Feuerivehrmann Aufstellung genommen, der die zirka 12 Meter hohe Strecke nach der Abgabe des Fenersignals sofort herunterzusteigen Havel von den bereits mit dem Rcttungsschacht bekannt gemachten Schulkindern hatten aber bereits über dreißig den Erd- boden mit Hülfe der Gleitspirale erreicht, ehe der geübte Feuerwehrmann die Leiter heruntergestiegen war. J» Amerika, wo über 200 000 Personen bereits durch solche Schächte ans luftigeil Höhen zur Mutter Erde herab- gefahren sind, hat sich bisher auch noch nicht ein Unglück dabei ereignet. gx- Alle für die Redaktion der„Neuen Welt� bestimmten Sendungen sind nach Berlin, SW 19/ Beuthstraße 2, zu richten. ____———==3 Nachdruck des Inhalts verböte«! Ktiattrui: C*cax»üdl In«iartoilinlrnTfl.—«erla«: Hamduro« Buchdru-k-rel u»d v-rlagianflalt Kart t«a. t» Corniuro,— ttraa: m-r r-dtn» In«rrn» i