m Nr. 42 SSilujlriric � Ciiivx-ha Ü iui0c.bci 1 atjc. 1899 tForlfetzungl KeLestyne. Novclle von Ja» Licr. Autorisirte Uebcrschiiiig ans dem Böhmischen von Front» Hjjek. fty elestyne blieb mit dem Jnciciiieur allein. Eine Weile schien ee, als überlegte sie, ob sie nicht auch aufbrechen und den Kindern folgen sollte. Inzwischen schlief jedoch Fran Chladek wirklich ein, und ihr Troubadour, der Rechnungsführer, schloß sich den Kleinen an, jagte und tollte mit ihnen, dabei alle ihre Schritte mit überängstlicher Anfmerlsamkeit be- wachend. Die Kinder waren somit in guter Hut. Eelestyne verblieb auf ihrem Platz und versank in Gedanken. Eine leichte Wolke lagerte sich auf ihrer Stirn, und die Lippen, wie im erivachende» Selbstbewußtsein oder Trotze, schlössen sich fester. Der Ausdruck warmer Erregung und aufrichtiger Mit- theilsamkeit, der ihr Antlitz so Leblich belebte, verschwand. Der Ingenieur erröthete, und in seinen Augen glühte es heiß auf, als er die Entfernung all' der lästigen Zeugen wahrgenonnnen. Kaum fünfzig Schritte von ihnen, liefen zwar die Kinder Herrn», "nd seitwärts in Rufweite schlummerte Frau Chladek, "nd dennoch fühlte sich der junge Mann hier in der verlassenen Ruine inmitten der mittäglichen, todten Stille so einsam und mit dem Mädchen allein, wie auf einem Schiffchen im Meere. „Den Gipfel aller Trübsal erreichte die hiesige Gegend unter Wenzel IV.," setzte der Ingenieur das angefangene Gespräch fort, allerdings nicht in der Absicht, bei dem Thema lange zu verweilen. Es lag ihm nur daran, einen liebergang zu finden, welcher ihm ermöglichte, dasjenige hervorzubringen, was seine Brust zum Sprengen erfüllte.„In jener Zeit, wo der Fürst der abtrünnigen Vasallen und hochgeborenen Stranchritter im Königreich, mein Namensvetter ruhmlosen Andenkens, Herr Mikesch Zanl von Ostredek, die Burg Duba und die be- "achbarte Koinorni Hradek an sich riß..." „... und als der Eizbischof Zbhnek von Hasen- bürg mit dem königlichen Heere die Gegend über- schwemmte, den Zanl bclageite und die Burgen wieder zurück eroberte— wollen Sie wahrscheinlich sagen." „Erlauben Sie, mein Fräulein, daß ich wieder- holt bekenne, wie mir die Anfinerksamkeit, mit der Sie meinen begleitenden Tert gelesen haben, über alle Maßen schmeichelt. Es ist wohl möglich, daß die königlichen Söldner hier eben so unmenschlich gehaust haben, wie-die räuberischen Horden selbst, immerhin aber haben sie hier Ordnung geschaffen und das Volk befreit...." „Wovon denn, mein Herr? Oder huldigen Sie der Ansicht, daß der geraubte Sklave frei wird, wenn man ihn dem sogenannten rechtmäßigen Herrn zurück giebt? Ich vermuthe, daß der Tyrann Zanl dem Volke gleich lieb war wie die Tyrannen ans dem Gcschlechte der Duba. lind wer weiß, ob nicht vielleicht noch lieber, denn die Räuber pflegen mit dem armen Volke, in dessen Btitte sie leben, gute Kameradschaft zu halten. Herr Mikesch Zanl wurde gehenkt, weil er die Güter Gleichgestellter gebrand- schätzt hatte. Hätte er sich an dem gemeinen Volke vergriffen, Niemand hätte ihn daran gehindert. Auch die Geschichte würde heute nichts mehr davon wissen, und Herr Mikesch konnte ein reines Epitaph haben, sogar Messen wären für ihn als den-Seligen ge- lesen worden, wenn er ein Kloster gestiftet hätte." „Zum Dessert geben Sie wohl dem Obst den Vorzug," bemerkte der Ingenieur, Celestyne das Körbchen mit dem Obst hinreichend, indem er selbst ein Stückchen Käse nahm. „Herr Zanl, sind Sie nicht unachtsam?" „Gott bewahre, Fräulein! Ich suche nur Ihre Aufmerksamkeit aiff die Gegenwart zu lenken, da ich es für unrecht halte, wenn Sie sich ansschließ- lich mit der Vergangenheit und den allgemeinen Interessen befassen." „Wollen Sie mir erlauben, Ihnen zu gestehen, wie ich Ihre Verdienste hochschätze? Ich bin gerne aufrichtig, und heute— ich weiß selbst nicht, was mich dazu treibt,— heute drängt sich mir geradezu die Wahrheit auf die Zunge, reine, scharfe, unge- schminkte Wahrheit..." „lind gewiß auch schöne Wahrheit! Aus Ihrem Munde kann eine andere garnicht fließen." „Sie werden für Ihre Schmeicheleien sofort bestraft werden, wenn ich Ihnen sage, daß Sie mehr als unachtsam— ja, daß Sie frivol sind. Sie sind ein ebenso gemeinschädlicher Mensch, lvie es Ihr Vor- fahr gewesen." „Fräulein beliebt zu scherzen," lachte verlegen der Jngeuienr.„Sie sagen da mit ernster Miene einen Scherz, ein Wortspiel, dessen scheinbare Spitze an der Rüstung meiner Unschuld abbricht. Ich heiße wohl Zanl, aber so weit das Gedächtuiß meines Vaters, der ein Töpfer, meines Großvaters, der ein Kirchendiener war, und des llrgroßvaters, der ein Schneider gewesen, reicht, stamme ich keineswegs von dem blauen Blute des hochgeborenen Strauchritters." „Das Gedächtniß Ihrer Väter reicht nicht sehr weit zurück; in der Beschreibung von der Burg Tuba sagen Sie, daß Herr Mikesch Zanl mit seinem Prüder Johann hingerichtet wurde und daß die königliche Kammer ihre Güter konsiszirte.- Es ist somit nicht erwiesen, daß sie keine Nachkommen hinterlassen hätten. Und diese Nachkommen können leben, ver- armt, ohne Prädikat und Familien-Chronik noch heute, und Sie können einer von ihnen sein, viel- leicht ein direkter Agnat des Herrn Btitesch." „Ich dan e für den Stcunmbanm." „Doch lassen wir solche Mnthmaßnngen bei Seite. Der Grund für meinen Ausspruch liegt in Ihrer persönlichen Thätigkeit, welche der Unternehmer von jeher, auch in meiner Gegenwart, nicht genug rühmen kann, zu welcher Sie sich mit Stolz bekennen und die Sie auch zu einem würdigen Repräsentanten des Namens Zanl stempelt. Ich hörte schon so Vieles von Ihnen, leider nichts Gutes. Wundern Sie sich nicht, daß ich gegen Sie eingenommen bin und daß ich mit Ihnen spreche, wie mit einem alten Bekannten, gleich znin ersten Rtale mit solch' einer bewußten, absichtlichen... sagen wir Rücksichtslosigkeit. Ist doch die Wahrheit immer rücksichtslos. Auch haben Sie es mir erlaubt, sie zu sagen, von mir Alles hernnterznwälzen, was mich gleich bei unserem Zu- sammentreffen in Adalchin drückte, mich erregte und gegen Sie immer mehr aufbrachte." „Ich bin am Ende meiner Fähigkeit, Sie zu verstehen, angelangt." „Sie werden mich gleich verstehen.... Erinnern Sie sich, daß Herr Mikesch Andere ausplünderte und sie zum Danke dann noch todtschlug. Gestehen Sie sich selbst, daß Sie, im Grunde genommen, dasselbe thnn, nur mit dem Unterschiede, daß Ihr hoch- geborener Vorfahre den Raub selbst behielt, während Sie, dazu gedungen, es für eine» Anderen verrichten?" „Ich diene treu meinem Herrn. Wollen Sie es mir zum Vorwurf machen?" „Ja. Sonst zehrte aus der robottenden Mensch- heit die Aristokratie, jetzt thnn es die„Brotgeber". Sie haben vorhin ganz richtig die eisernen Kassa- schränke als die modernen Burgen bezeichnet. I» solch' einer Burg sind Sie der bezahlte Bnrgvogt, der erste Diener. Aus den in der Burg verwahrten Schätzen warfen Sie eine Hand voll Brosamen aus, als Lockspeise für die hungrigen Parias, deren ein- ziges Gut ihr Magen ist, für den sie im Schweiße ihres Angesichts sorgen müssen. Beißen sie nun ans die ausgeworfene Lockspeise an, so erweisen Sie ihnen die Gnade, ihre Arbeit anzunehmen. Diese Arbeit verwandelt sich in Werthe, welche Sie ihren Händen entwinden und sie in der Burg Ihres Herrn ans- speichern. Ans dem Ertrage ihrer Arbeit gönnen Sie ihnen zur Erhaltung ihres Lebens so viel, als genügt, um sie de» Hunger nicht allzusehr fühlen zu lassen, die bequemste Peitsche, die sie immer wieder unter Ihr Joch treibt und den arglosen Geniiithern noch Lobgesänge erpreßt, welche sie zu Ihrem Ruhme anstimme». Und hat Ihr Herr einmal genug, so jagt er Sie und die Anderen fort, mit dem Rathe: Gehet hin und suchet Euch einen anderen Herrn, der sich durch Eurer Hände Arbeit ernähren läßt. sucht Euch eine andere Kasse, die sich aufschließt, uni die Früchte Eurer Arbeit anfznnehmen." 330 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhültutigsbeilage. „Ich unterliege dem Eindrucke Ihrer Worte," erwiderte der Ingenieur, dos Atödcheil mit Bewun- dernng betrachtend.„�iann ich, schivacher Gros- Halm, gegen den mächtigen Strom allein etwas ausrichten?" „Gewiß.... Davongejagt, tverden Sie gehen und sich trösten: Ich habe, meine Schuldigkeit ge- than, und in diesem Bewußtsein werden Sie viel- leicht dann verhungern. Atit Ihnen geht ein mäch- tiger Arbeitsfaktor zu Grunde und der Honig bleibt im fremden Stock. Oder aber, Sie finden sainmt Ihren Arbeitern auf's Acne Gnade vor den Augen eines Anderen, der auf's Nene die Peitsche schwingt; und die Arbeiter werden Sie wieder rühmen, die- selben Arbeiter, denen sich's geziemte, daß sie mit Ihnen ebenso verführen, wie das Gericht mit Mikesch Zaul." „Ich bin nicht der Schuldige, nur das Werkzeug." „Leere Ausflüchte. Ohne Sic ist die todte Güter- niasse nur ein thönerner Riese ohne Seele. Laßt die Intelligenz dem gefräßigen Kapital den Dienst ver- sagen, und der thönerne Riese verwandelt sich sofort in das, was er ist, nämlich eine leblose Masse. Die bewußten Sklavendienste der Intelligenz sind eine Schändlichkeit. Aber wenn die Intelligenz sämmtliche Arbeitshände in die Sklavenkctten schlagen hilft— und das thut sie—, so begeht sie die schlimmste, allergrößte Schändlichkeit." „Erlauben Sie, mein Fräulein, daß ich die An- ficht ganz entschieden bestreite, als ob jedem Ein- zelnen die Möglichkeit geboten wäre, gleichberechtigter Theilhaber an dem Gesamintergebniß aller Werths zu sein, gleichzeitig als selbstständiger Erzeuger und Konsument. Es ist gut, und gewiß auch Allen nützlich, wenn in einzelnen Händen mehr Vermögen sich ansammelt, als der Durchschnittsertrag aus- machen würde." „Möglich. Doch das wollen wir nicht entscheiden. Dann sollen sich aber die Neichen nur als die Ver- Weser dieser Güter betrachten imd nicht als bevorrechtete Besitzer. Moralisch sind sie nicht berechtigt, die ihnen anvertrauten, durch fremde Hände er- zeugten Güter in eigenem Interesse zu vermehren. Ist ja doch das Vermögen nichts Anderes, als in Werths verwandelte Arbeit, ivelche sie doch selbst nicht verrichtet haben." „Wohl wahr. Wenn wir jedoch die thatsäch- lichen Verhältnisse mit nüchternem Auge betrachten, so sehen wir, daß ans diesem Ansammeln der Ar- beitswcrthe Diejenigen, die sie geschaffen und auch weiter die Arbeit verrichten, dennoch auch Nutzen ziehen, wenn auch, wie ich zugebe, verhältnißmäßig kleineren. Aber ist der Einzelne im Stande, dieses Mißverhältniß auszugleichen?" „Nein, das ist er nicht. Aber er soll sich wenig- stens dieser Ungleichheit bewußt sein und soll trachten, sie zu vermindern. Er soll mitarbeiten an der Aende- rung dieser Zustände und soll Helsen, eine Gesell- schaftsordnung herbeiführen, die der Arbeit den ihr gebührenden Schutz gewährleistet. Sie aber, Herr Zaul, Sie bemühen sich, diese Ungleichheiten noch zu vergrößern. Bor vierzehn Tagen rühmten Sie sich in meiner Gegenwart, wie Sie Ihre Arbeiter zu prellen verstehen, indem Sie durch vollständige Ansniitzung aller ihrer Kräfte ihnen Alles nehmen: ihre Kraft, die Zeit, ja schließlich den Ertrag ihrer Arbeit selbst. Und als Ersatz jagen Sie die Hälfte von ihnen in einer Woche aus der Arbeit, Hunderte werden vertrieben und Tausende verlieren dadurch das Brot. Ans einem Theile machen Sie Bettler und Landstreicher, und Andere schicken Sie gerade aus zu stehlen. Fast Alle aber werden dadurch zu nutzlosen, unproduktiven Mensche» herabgedriickt, die viel mehr Schaden anrichten, als der Betrag aus- macht, welcher durch ihre Entlassung erspart wird. Aber Ihr Gewissen, Herr Ingenieur, blejbt rein, Ihre Brust schwillt vor Freude, und mit stolz er- hobenem Haupte werden Sie Ihrem Gebieter sagen: Herr, Dein Gewinn konnte sein einhundert, ich aber habe ihn vermehrt ans Hundert und Eins. Und Sie werden ein ausgezeichneter Plann, die Zierde und Stütze der menschlichen Gesellschaft...." Celestyne erhob sich. Sie war bleich und ihr Profil drückte, so lange sie sprach, eine schneidende Härte ans, während in den feuchten Augen ein verhaltenes Feuer brannte. Der Ingenieur blickte in wortloser Erreanng zu ihr empor. Mit einem anderen Apostel des Sozia- lisinns hätte er zweifellos gestritten, ihm geglaubt oder auch nicht geglaubt. Celestynens Worte fielen jedoch tief in seine Seele und ergriffen ihn. An- fänglich allerdings nur als Symptom ihres gereizten Gemiiths. Er fühlte ein inniges Mitleid, aber nur mit ihr, mit ihr allein. „Ich weiß die Wahrheiten, die Sie da gebracht haben, wohl zu würdigen, mein Fräulein," sagte er nach einem Augenblick,„doch es däncht mir, daß Sie ihnen ein viel zu scharfes Relies verleihen. Sie denken groß und fühlen mit großer Wärme. Und un- zweifelhaft befassen Sie sich fleißig mit dem Studiuni der modernsten Wissenschaften...." „Sie glauben, daß ich Ihnen auswendig ge- lernte Weisheit vorgesagt habe? Kein Wunder. Ihre Augen sind gegenüber der eigenen Roth blind und gegen die Roth Aller, die für ihre Arbeit dulden müssen. Und dringt einmal die Klage eines der Unterdrückten an Ihr Ohr, sodann wähnen Sie Sätze aus Büchern zu hören. Sie verschließen sich die Ohren vor den vermeintlichen Thorhciten und hören und sehen nicht. Sie wissen nicht einmal das Vertrauen zu würdigen, wenn sich Ihnen so ein gegnältes Herz erschließt. Herr Zanl"— Celestyne legte unwillkürlich ihre Hand auf den Arm des Inge- nieurs—„was ans mir sprach, war das Elend meiner eigenen Eltern, waren die Lehrsätze ans der Chronik meines vernichteten Lebens." „Ich wollte Sie keineswegs kränken," entschnl- digtc sich bittend der Ingenieur.„Auch will ich nicht mehr darauf zurückkommen. Nur zu meiner Rechtfertigung will ich bemerken, daß ich unter den Arbeitern sehr beliebt bin...." „Möglich. Ich weiß es ivohl, daß Sie in Ihrer Grausamkeit gleich gerecht sind, gegen sich selbst ivie gegen alle die Anderen." Ein Geräusch wurde laut. Beide wandten sich und sahen Fran Chladck. Sie öffnete, innner noch müde, die Augen und legte den Kopf nach der anderen Seite. Der Ingenieur befürchtete ihr baldiges Erwachen. „Ich danke Ihnen für das mir erwiesene Ver- trauen von ganzem Herzen," sagte er rasch mit ge- beimpfter Stimme.„Sic können versichert sein, daß ich desselben mehr würdig bin, als Sie ahnen, denn gestern schon vertraute ich Ihnen grenzenlos." Celestyne erhob zu ihm ihre großen Auge». „Sie reichten mir soeben Ihre Hand, Fräulein," sprach der Ingenieur mit wachsender Wärme weiter, „ich halte sie nun fest und lasse sie nicht mehr los, hoch erfreut, daß ich Ihnen ein Freund sein darf. Ich bin es, es ist für mich eine einfache, natürliche Nothwendigkeit, und ich wäre es, selbst wenn Sie sich dem widersetzen wollten. Erlauben Sie inir, daß ich Ihnen bekenne..." „Zu einem vertraulichen Verkehr mit mir haben Sie kein Recht, Herr Zanl, und wünschen Sie nicht..." „Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen bekenne," fuhr der Ingenieur unbeirrt immer feuriger fort, „daß ich Ihren Ausspruch von dem vernichteten Leben einer so jungen Dame für übertrieben halte. Er ist entschieden zu voreilig gethan, denn das mensch- liche Leben wird nicht so leicht vernichtet, wie eö uns manchmal in der subjektiven Auffassung eines erregten Augenblicks scheinen mag. Immerhin kann es verhängnißvvll und vergiftend einwirken, wenn sich solch' ein heimlich und absichtlich gehegter Wahn in uns festwurzelt. Darum heischt es die Achtung und die Gerechtigkeit gegen diese junge Dame, daß die Berechtigung Ihres Ausspruches entweder begründet oder dessen Grundlosigkeit nach- gewiesen wird, oder aber— wenn es nicht anders möglich sein sollte, daß man es in seiner Beden- tung ans das allergeringste Maß beschränkt. Dazu ist es nnbedingt nothwendig, daß Sie sich anvertrauen, daß Sie Jemand haben, der Ihnen rathen kann, Berfügnug, ja... sehen Sie, mein Fränleiii, auch ich fühle mich erfüllt von einem unabweislichen Drange, Ihnen einen Dienst zu erweisen, ob Tic schon wollen oder nicht, lind... Sie werden doch nicht wünschen, daß ich im blinden Eifer, begangenes Unrecht gut zu machen, noch mehr Unheil anrichte? Ich bedarf der Führung, des Lichtes, wollen Sie es mir nicht spenden?" „Ich habe Ihnen meine warme Theilnahme an dein Schicksale der Arbeiter anvertraut. Was ich that, geschah ausschließlich in ihrem Interesse— eines Anderen bedarf es nicht." ciS-» Tie Erzieherin machte Anstalten, sich zu ent- fernen. und ich bin unbescheiden genug, zu glauben, daß Sie nicht fehl gingen, wenn Ihre Wahl auf mich fallen würde. Ich stelle mich Ihnen für diesen Fall zur „Und für sich selbst wollen Sie nichts thnn?" „Nein." „Ich befürchte, daß die mir crthcilte Belehrung nicht den gewünschten Erfolg haben wird. Ihnen zu Liebe wünschte ich mit einem Schlage von Ihrer Lehre durchdrungen zu sein, jedoch uns Kindern eines skeptischen Zeitalters verdorrt der Same eines jeden Glanbens, wenn er nicht von der Flamme einer nngetrübten, begründeten Ueberzengnng erwärmt und erleuchtet wird. Sie theilten mir Ihre Schluß- folgerungen mit, aber den Grund, all' die Faktoren und Ziffern, ans welchen Sie geschöpft, wollen Sie mir vorenthalten. Und so bleibt mir der Zweifel an der Richtigkeit Ihrer Schlüsse, der Zweifel, ob Sie ,die gegebenen Faktoren nicht falsch bewerthet und bei Ihrer Berechnung nicht eine unrichtige Forniel angewandt haben." „Die Unierstcllnng ist sonst nicht gerade eine delikate ultima ratio, hat aber fast immer Erfolg, da der Angefallene dann genöthigt ist. Von gre w»l gre, sich zu vertheidigen." Celestyne ließ sich wieder nieder. Der Ingenieur überzeugte sich fürsorglich, daß Fran Chladck innner noch schlummerte, und wendete sich auf's Neue zu dem Mädchen. Sie spielte niit dein am Gurte befestigten Fächer, schloß und öffnete ihn wieder und blickte über ihn hinweg. Hoch über der Burgruine schweiften ihre Augen, und es schien, als ob sich in ihnen etwas wie Verlegenheit, Trotz oder auch eine Art von Furcht widerspiegelten. Daun senkten sich plötzlich die Augen des Mädchens und blieben fest ans bei» Ingenieur haften, und deutlich lag es in ihre>i> Blick: Sei es, ich fürchte mich nicht vor Dir. „Sie reizen in mir die menschliche Selbstsucht- die sich auch mit Schicksalsschlägen gerne brüstet- wenn sie angezweifelt werden,", fing sie an.„Jw biir Ihnen für Ihre Herausforderung keineswegs dankbar, nehme sie jedoch an." Sie stützte sich ungezwungen auf den Ellenbogen, und indem st1' mechanisch mit dem Fächer spielte, fuhr sie fort' „Wenn ich Ihre Heransfordernng annehme, sühl� ich mich, zu meinem Droste sei es gesagt, nicht durch die Eitelkeit dazu veranlaßt, obwohl Sie vermuthlich gerade ans diese Schwäche am meisten speknlirt haben dürften." „Fräulein..." „Sprechen Sie nicht in den Wind, Herr Zaun In Ihnen täusche ich mich ganz bestimmt nicht, und wahrscheinlich auch nicht in mir selbst. Es istZnir, als wäre ich verpflichtet, den Erfolg meiner Sem bmig mit dem Opfer zu besiegeln, welches Sie vo» mir fordern. Möglich, daß ich mich überschätze, und vielleicht würde die Geschichte von all' de» Tausenden verfehlter Lebensexistenzen oder eine er- dichtete Erzählung dieselbe oder noch bessere Wirkunll haben, als meine Geschichte. Vielleicht ist es all«) thöricht von mir, daß ich Ihrer Laune nachgebe.•, „Für mich, für meine Person, Fräulein, ver- lange ich nicht einen Laut..." Ein forschender, von einem Lächeln begleiteter Blick Eelestvne's schien die Wahrheit dieser Worte ergründen zu wollen. Ingenieur Zaul hielt ihn nick pochendem Herzen standhaft aus. „Nehmen Sie an," sprach er mit erkünstelter Ruhe,„daß Sie eine Mission zu erfüllen haben, und schildern Sie uns, mit Diskretion, die zu be- messen Ihnen allerdings anheimgestellt wird, das vernichtete Leben einer jungen Dame, welches zunl Ausgangspunkte aller Ihrer Klagen über den PÜiL Dk Gleite Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. brauch der tteberinacht und d'e Bedrückung der Schwachen geworden ist. Ich lvill Ihren Aus- fiihrungen glauben, und schwöre es Ihnen zu, dast >ch mich nach ihnen richten werde, sobald Sie mich überzeugt haben..." „Sollten Sie von meiner heutigen geistigen und Physischen Beschaffenheit ausgehen," begann Celcstyne, »und mit entsprechender Perspektive meinen Lebens- iaus zurück verfolgen, dann würden Sie wahrscheinlich Zu der Vorstellung einer Häuslichkeit von zwei glück- Achcn, anständigen Menschen kommen, die das Nöthige Zuni Leben besaßen und sich durch Ncchtschaffenheit, lleordnetc Verhältnisse und entsprechende Intelligenz ausgezeichnet haben. Mich selbst werden Sie sich dermnthlich denken als ein gehätscheltes Kind, als cm Nesthäkchen, dessen Jugend den Eltern zum neuen Lebensfrühling geivorden.. Ich will einst- weilen von dein Gegentheil nicht sprechen. Tie Kinder haben für die Unterschiede der Armuth und des Neichthnnis kein Verffändniß und lachen gleich glücklich aus den Lumpen die Mutter, die Bettlerin� an, ipje die in Atlas Gehüllten die Fürstin. t fc- Auch ich kann mich meiner frühesten Kindheit nicht crinnern. Als meine älteste Erinnerung weiß ich nur noch, welch' einen mächtigen Eindruck auf mein Kindes- gcmiith die Thiire eines hohen, nach Lawendel riechenden Salons machte, hinter welcher Onkel Tregor, nachdem er von mir und Walburga Abschied genommen, verschwunden ist. Er lies; uns allein wit einer zuckersüß lächelnden, und mit Znckerwcrk auch uns und unseren Gram stillenden Vorsteherin eines Pensionats. Im Kreise Gleicher fühlten wir hus hier bald heimisch und vergaßen die matten, sich schnell verwischenden Eindrücke aus der Heimnth um so leichter, als wir selbst während der Ferien die Anstalt nicht verließen. In der herrlichen, gesegneten Rheingegend wuchsen wir ans und ans unserer schönen ümgebmig gewannen wir die ersten Grnndcindriicke, die den Eharakter und die Geniiithsrichtnng zu be- stimmen pflegen. Außer nnserem Wohnorte kannten wir nur noch die gelegentlichen Ausflugsorte, und von der übrigen Welt nur einige schön gemalte Veduten, dann allerlei Tonristen, den Onkel und die Tante, sowie den Vater Weincr Gefährtin, die zeitweilig und abwechselnd zu cinci» kurzen Besuche gekommen sind. Wir aßen gut »nd wohnten bequem, beinahe vornehm, und der Kreis unserer Vorstellungen, nnscres Sinnens und Trachtens, unseres Begehrens und all' der kleinen Jntrignen bc- wegte sich ausschließlich in der glänzenden Welt, deren begriff durch den täglichen Umgang mit Baronessen »nd anderen Edelfränleius, sowie den Töchtern der teicheil Bourgeoisie erzeugt wird. Walburga war weine Schwester und ihre Frenndinnen waren auch die meinigen. Nur gelegentlich, in seltenen Augen- blicken, kam mir wie ein ferner Tranni manchmal die Wahrheit zi m Bewußtsein, daß eine Blutsverwandt- lchaft uns nicht verbände, und das; ich seit dem dritten Jahre unserer Kindheit nur Walbnrga's Ge- fährtin und Spielgcnossin gewesen sei. Zu jener Zeit starb Walbnrga's Mutter, und der verwittwete Vater, der nicht wieder Heirathen »lochte, gab uns Beide damals zu seinem Schwager, dein Onkel Gregor. Nachdem sich jedoch der Vater uiit dem Onkel Gregor wegen irgend welcher Geld- angelegenheiten veinneinigt halte, kamen wir in das Pensionat, weil Walbnrga's Elternhaus, in dem die Hausfrau fehlte, für ihre Erziehung als durch- aus nngceignet befiniden wurde. So wuchs ich uiit Walburga auf,»nd nnr gelegentlich konnte ich beiläufig vernehmen, daß meine Eltern dein Arbeilerstande angehören. lind wenn ich dann Walburga frng, lvarnni denn auch mein Vater uns »ie besuche, gab sie mir mit Lachen zur Antwort, daß fleißige Menschen derart wecke Neisen nnr znin Vergnügen nicht zu machen pflegen. Ich gab mich damit zufrieden, und in Gedanken baute ich mir nach dem Muster ans meiner Umgebnng. nach Gedichten «nd Idyllen ein weißes, schmuckes Häuschen inniitten eines lvohlgcpflcgtcn, kleinen Gartens, und dort Vorstellung, und selbst als ich heranwuchs, fiel es mir niemals ein, an sie den Maßstab der Wirklich- keit zu legen, ivie sie mir zeitiveilig in ihrer nackten Wahrheit in die Erscheinnng trat. Tie Zeit, die ich brauche, um Ihnen dies Alles zu erzählen, ist jedenfalls hnndertmnl länger als diejenige, die ich anwandte, um den matte» Er- inuernngen an meine Eltern nachzuhängen. Ich freute mich wohl auf sie, aber nnr wie ein Kind, das seine Eltern nie gekannt und das durch ein Band erwiesener Liebe an sie nicht gekettet ist. Die Erinnerung an sie zuckte mir nur manchmal durch den Sinn, und das Interesse, welches ich an ihnen nahm, war jedenfalls viel geringer und nebelhafter als dasjenige, welches mir die Epanlettes irgend eines Lieiitenauts nnserer städtischen Garnison ein- flößten." Ter Ingenieur fuhr zusammen und warf einen nnrnhigen Blick auf das Mädchen. (Zortscyung folgt.) Äll5 dm Fdpiielder ftarifdjfii Wrilger. Von II. Acinrner. � aß die Lüge eine gesellschaftliche Macht ist, kann wohl als ein Gemeinplatz gelten: das; �9 sie im täglichen Leben eine große Nolle spielt, lehrt Jedem die eigene Erfahrung, daß sie im öffent- liehen Leben der zivilisirten Welt eine viel gebrauchte Waffe ist, dürfte auch nnr mehr Wenigen ein Geheim- niß sein, und ans der sprüchivörtlichen Redensart von dem„Lügen, wie gedruckt," geht augenscheinlich her- vor, daß die Klasse von Menschen, deren Produkte durch die Hände der Setzer gehen, für besonders reich gesegnet gilt mit Leuten, die, wenn es ihnen nützlich scheint,„das Ding sagen, das nicht ist". Die literarische Klasse hat denn auch den zweisel- haften Vorzug, jene Könige des Lügens zu den Ihrigen zu zählen, die nicht wie andere Leute zu diesem oder jenem bestimmten Zweck, hier und da ein wenig lügen, sondern planmäßig lügen, Gewebe von lauter Ersindmigen als Wahrheit schwarz auf weiß von sich zu geben, kurz, ans dem Lügen einen Berns machen. Tie Erwerbsthätigen dieses Berufes pflegt man unter dem Namen literarische Betrüger zilsammen- zufassen; sie zerfallen in die beiden Haupizweige Derer, die da Handschriften nnd dergleichen fabriziren, um sich einen Namen als Entdecker zu machen, das sind die Meisten, nnd Derer, die von Gegenden, die sie nie gesehen, nnd Erlebnissen, die sie nie gehabt haben, zu erzählen wissen, dies sind die Interessantesten. Diese Leute waren früher häufiger als heute, wo man ihnen gewöhnlich bald auf die Spur kommt,- aber sie sind noch nicht ausgestorben. Freilich, der Mann mit der Telegrammadresse Kakaobanm nnd dem Kroueiwrden ist nnr ein Zwerg in dem Fache. Da- gegen produzirte sich im vorigen Jahre in England ein ivohlgerathenes Exemplar. Unter dem Namen Nongeniont trat vor die Oeffentlichkcit ein Mann, der behauptete, an die Küste von Nordaustralien ver- schlagen, einige dreißig Jahre dort unter den Wilden gelebt zu haben; seine Erlebnisse waren natürlich höchst romantisch. Er trat sehr sicher ans und fand, obwohl Uinvahrscheinliches genug in seinen Angaben war, Glanben nicht nnr beim größeren Publikum, sondern auch bei Verteteni der Wissenschaft, hielt öffentliche Vorträge nnd sah seine Erlebnisse gedruckt. Kurz, er war ein großer Mann, bis ihm der Lon- doner„Dailq Ehroniele" auf die Spur kam nnd ihn als einen ganz lonipletcn Schwindler, einen literarischen Betrüger entlarvte. Vielleicht das schönste bekannte Exemplar der Art ist ein Mann, der, gleichfalls in England, zu Beginn des vorigen Jahrhunderts sein Wesen trieb nnd den erfniidenen Namen Georg Psalmanazar führte. Er hat in einer nach seinem Tode erschienenen .. Tst.' ckT...ckinp, eckcksckiaffcneii Eltern, stets Anlobiographie ein vollkommenes Bekenntnis; abgelegt, hrnem verletzte tck; meine„„ch- tie ganze Geschichte seines Schwindels bloßgelegt; nn sanberen Festgwa chisriedenheit. nnr seinen wahren Nninen nnd seinen Geburtsort Jahre 1076 irgendwo im Süden von Frankreich geboren, nicht lvcit von der Gaseogne, deren Be- wohner seit je im Rns einer Neigung zum Auf- -schneiden stehen. Seine Familie war alt, aber her- nntergekommen. Er selbst zeigte früh bedentende Anlagen, besonders zum Erlernen fremder Sprachen, nnd ehrgeizige Wünsche, in der großen Welt um jeden Preis eine Figur zu machen. In einem Jesuiten- kvlleg mit gelehrter Bildung, vor Allein der Be- herrschnng des Lateinischen, versehen, verließ er, sech- zehn Jahre alt, seine Heimath, und zwar gleich in einer angenommenen Rolle: mit einem Paß, in dem er als ein Isländer nnd Student der Theologie, der wegen seiner Religion das Land verlassen, be- schrieben war, machte er sich auf die Wanderschaft nnd trieb sich als Bettelstndent, meist in äußerster Noth, in Mitteleuropa umher. In dieser Wanderzeit keimte in Psalmanazar der Gedanke eines großen Betrugs, durch den er Aufsehen zu erregen hoffte: er fälschte einen neuen Paß, in dem er als ein zum Ehristenthnni bekehrter Japaner sign- rirte. Dies änderte er bald dahin, das; er sich für einen noch heidnischen Japaner ausgab. Der Plan war schlau angelegt. Er lebte von rohem Fleisch, Wurzeln nnd Kräntcrn, was nach ihm japanischer Brauch war; er konstrnirte eine besondere Sprache, die japanisch secki sollte, nnd ein Alphabet; nnd er fand schließlich noch einen e'genen Gottesdienst, wie er sich auch den Namen Psalir.anazar zulegte. Der Erfolg, mit dein er seine neue Rolle spielte, war znnächst nicht groß. In Landau wäre er durch sein sonderbares Gebahren beinahe als Spion an den Galgen gekommen. Er fignrirte dann eine zcitlang als Kellner in einem Kaffeehaus zu Aachen nnd war schließlich gezwungen, sich anwerben zu lassen, erst in einein Regiment des Kölner Kiirfürsten, dann in einem mecklenbnrgischen Regiment, das die Holländer gemiethet hatten: ohne aber seine Rolle fallen zu lassen. Als er Ende 1702 mit seinem Regiment in dcr Festnng Sluys an der Scheldeniiindung lag, hörte der englische Gouvernenr General Lander von dem merk- würdigen Heiden und beschloß, ihn kennen zu lernen. In seiner Gegenwart mußte Psalmanazar über Religion disputiren mit einem wallonischen Geistl'cheu ans Sluys nnd mit Jnncs, dem Kaplan eines schotli- scheu Regiments. Er entledigte sich seiner Aufgabe mit so viel Ceistesgegemvart nnd Gewandtheit, das; gar keine Zweifel an seiner Ehrlichkeit laut wurden, alle Anwesenden ihn für echt hielten. Nur Einer nicht; das war JnneS. Der schlaue nnd gewissenlose schot- tische Pfaffe hatte Psalnianazar sofort durchschaut, sich davon aber nichts merken lassen, weil gleich die Absicht in ihm anfgetancht war, mit Psalnianazar zusammen ein nutzbriiigendes Geschäft ans dem Betrug zu machen. Er setzte sich mit Psalnianazar in's Ein- vernehmen, nnd ein äußerst raffinirter Plan wurde nun ausgeheckt. Auf Junes' Rath wurde Psalmanazar's Ge- schichte dahin geändert, das; er für einen Eingeborenen der Insel Formosa ansgegeben wurde, die damals in Europa noch fast Niemandem bekannt ivar. Von dort hatten ihn jesuitische Missionare entführt nnd nach Avignon gebracht. Weil er sich nicht znni Katho- lizisnins bekehren ivollte, wurde ihm mit Verfolgung durch die JngiiisttioN gedroht, weshalb er nach Deutschland floh. Diese Geschichte theilte Junes dem Bischof von London, Henry Conipton, brieflich mit, nnd konnte zur Erbauung aller frommen Seelen beifügen, daß es ihm gelungen sei, den Formosaner dem Protestantisinns zu gewinnen, nnd das; er ihn, wie wahr ivar, öffentlich mit großer Feierlichkeit ge- taust habe. DaS zog natürlich. Ohne den geringsten Ziveisel in Junes' Geschichte zu setzen, schrieb ihm der entzückte Bischof, den bekehrten Formosaner nach England herüber zn bringen. Psalnianazar wurde des Dienstes bei seinem Reginient entlassen. Ende 1703 brachte ihn ein Schiff von Rotterdam nach Harwick; hinüber. In England war Psalmanazar lange Zeit der Held des Tages. Tic Aristokratie riß sich darum, das Wnnderthier bei Gesellschaften zn prodnziren. Bei den Tamcn war Psalmanazar, wie er selbst sagt, ein großer Günstling. Mit Erstannen sah man ihn rohes Fleisch essen, dazu konsninirtc er 332 Die Heue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Pfeffer und Opium in großen Bkcngcn; wie sollte er nicht echt sein! Bischof Compton wurde von Psal- manazcir mit einer formosanischen ttcbersetznng des Katechismus der englischen Kirche erfreut und sorgte dafür, daß Psalmanazar die nöthigen Atittel bekam, um in Oxford seine Studien zu vollenden. Er sollte hier auch Engländer in seiner Sprache unterrichten, damit sie nachher mit ihm zur Bekehrung seiner Landsleute nach Formosa gehen konnten. 1704 erschien Psalmanazar's Buch:„Historische und geo- graphische Beschreibung von Formosa, einer Insel, die dem Kaiser von Japan unterworfen ist, illustrirt mit mehreren Stichen." Man sieht schon ans dem Titel, daß Psalmanazar der Geschichte nin hundert- neunzig Jahre vorgegriffen hat, indem er Formosa zu Japan, anstatt zu China rechnet. Der ganze Inhalt des Buches ist bis auf wenige Notizen, die auf ein Geographiebuch zurückgehen, Psalmanazar's freie Er- findnng: es schildert seine persönlichen Erlebnisse, wobei er zur Erbauung der Protestanten beständig über die Jesuiten herfällt, in großer Breite und beschreibt dann eingehend die Insel Formosa, ihre Bewohner, deren Religion, Sitten und Einrichtungen, giebt Proben ihrer Sprache und auf einer Tafel ihre Schrift; die Stiche stellen Kleidung, Wohnhäuser usw. dar. Das Buch fand großen Absatz, erlebte eine zweite Auflage und llebersetznngen in's Französische und in's Deutsche. Bei alledem enthielten Psalmanazar's Angaben so viel llmvahrscheinlichcs und Unmögliches, daß Bedenken laut werden mußten. Daß Formosa zn Japan gehören sollte, war ein wunder Punkt. Dann mußte man sich wundern, wie er bei dem jngend- lichen Alter, in dem er seine Heimath verließ, schon über all' die Dinge informirt sein konnte, von denen er sprach. Ferner rechnete man ans, daß, wenn, wie er sagte, in Formosa jährlich 18 000 Kinder geopfert wurden, die Bevölkerung der Insel längst ausgestorben sein müsse, und was dergleichen mehr war. Aber Psalmanazar war nicht zu verblüffen. Sein Grundsatz war, nie etwas zurückzunchnien, was er einmal gesagt, sondern es stets plausibel zu machen suchen; dazu vereinigte er mit einer eisernen Stirn viel Phantasie und Rednergabe. So erklärt es sich, daß er, als ihm in einer Sitzung der Londoner Ilkademie, der„Rohal Society", am 2. Februar 1704 der Jesnitenpatcr Fountenay, der wirklich in Formosa gewesen war, entgegentrat, Psalmanazar als Sieger hervorging, der unglückliche Jesuit für den Schwind- ler galt. Man bekomnit die beste Vorstellung, wie schwierig die Rolle war, die Psalmanazar spielte, und wie gewandt er sich ihrer entledigte, aus einem Brief aus dem Juni 1704, dessen Schreiber über eine Gesellschaft in Oxford berichtet, bei der der For- mosaner anwesend war. Da heißt es unter Anderem: „Er gab einen Bericht über die teuflischen Opfer, viel ausführlicher als in seinem Buch; denn wenn es an Knaben fehlt, so nehmen sie Mädchen unter dem Alter von nenn Jahren, die sie mit vielen Zeremonien reinigen, das heißt zwölfmal durch jedes der vier Elemente ziehen, bevor sie zum Opfer fiir geeignet gelten. Ich fragte, ob die Eltern willig wären, ihre Kinder herzugeben. Er sagte: Nein, aber wenn sie sich weigerten, so seien sie nach dem Gesetz des Todes schuldig und retteten ihre Kinder doch nicht... Ich fragte, ob sie der Abschlachtung ihrer Kinder zusähen. Er sagte: Nein, der Tempel werde zugeschlossen, während sie das Opfer dar- brächten. Der Obcrpriester schneide ihnen den Kopf ab, der Opferpriester schlitze den Bauch auf, und die Körper würden in ein Loch in dem Heiligthum ge- worfeu, wo sie getödtet würden. Ich war ungewöhn- lich neugierig, zu wissen, was aus den Leichnamen würde. Er sagte, die Priester möchten sie ivohl essen. Ich sagte, eine so große Anzahl jedes Jahr geschlachtet, sei genügend, um ein Land zu entvölkern. Er antivortete, in unserem Lande sei das wohl möglich, aber in seinem Lande hätten die Aerinstcn zwei bis drei und die Vornehmen zwölf bis fünf- zehn Weiber. Denn angenommen, sagte er, Einer von der gewöhnlichen Klasse hätte mit zwei oder drei Weibern vier Söhne und von diesen vier würden drei genommen, könnte nicht der überlebende Knabe mit der gleichen Anzahl Weiber den Verlust ergänzen? Er sagte auch, sie hätten eine unumschränkte Gewalt über ihre Weiber, und wenn sie ihrer überdrüssig wären, so brauchten sie blos zu sagen, sie hätten sie im Verdacht des Ehebruchs, und ohne weitere Umstände schnitten sie ihnen den Kopf ab und äßen sie. Eine anwesende Dame war empört und rief: barbarisch! Ich muß zugeben, sagte er, es ist bar- barisch, sie ungerecht anzuklagen, und ich wünsche, der Gebranch wäre ausgehoben... Ich halte es für keine Sünde, Menschenfleisch zn essen, aber ich gebe zu, es ist etwas ungesittet... Er wurde ge- fragt, wie lange die Menschen in Formosa gewöhnlich lebten. Er sagte, manchmal bis 120, aber 100 Jahre werde für sehr mäßig gehalten. Sein Großvater, sagte er, war 117 Jahre und so frisch, sehnig und kräftig wie ein junger Mann, weil er jeden Morgen das Blut einer Viper trank." In diesem Stile geht es unentwegt weiter. Interessant ist noch die Abfertigung des zweifelnden Bischofs Burnet:„Als Bischof Burnet ihn um Be- weise bat, daß er von Formosa komme, antwortete er, wenn der Zufall den Bischof nach Formosa brächte, so würde er sich in einem seltsamen Dilemma finden, wenn er sich als Engländer ausgebe und gebeten würde, seine Angabe zn beweisen. Du sagst, Du seist ein Engländer, würden die Formosaner Psalmanazar zufolge erwidern; Tu siehst so sehr wie ein Holländer ans, wie nur Einer, der je in Formosa Handel trieb." Psalmanazar's Helfershelfer Junes wurde fiir seine Verdienste um die Belehrung des Formosaners zum Generalkaplan der englischen Truppen in Por- tngal befördert. Psalmaiiazar scheint den Beistand des würdigen Vertreters schwer entbehrt zn haben; wenigstens beginnt von da ab sein Niedergang. Das Interesse seiner aristokratischen Gönner an ihm er- kältete. Die Zweifel an der Wahrheit seiner An- gaben mehrten sich immer mehr. Die Zeitungen machten sich über ihn lustig. Schließlich gerieth er, der einst der Löwe des Tages gewesen war, in totale Vergessenheit und schlug sich mühsam durch als Mit- arbeiter an Unternehmungen wie die„Weltgeschichte". Aus seine alten Tage ging er unter die Frommen, fand sich aber nicht bcmiissigt, bei Lebzeiten ein öffentliches Eingeständniß seines Betrugs von sich zu geben. Vierundachtzig Jahre alt starb er am Z.Mai 1703 in Jronmonger Row in der Londoner City. Aus seinem Nachlaß erschienen 1704 die „Memoiren von chchch gemeinhin bekannt unter dem Namen Georg Psalmanazar", die das Geständniß des auf die Bahn des Verbrechens gerathenen hoch- begabten Mannes enthalten.— »5 Heise in öen Heltenraum. Von Camille Flammario». Deutsch von Gertrud David. (Fortsegung.)---- Eine halbe Milliarde Meilen von der Erde. An den Tiefen des Himmels, dreißig Mal weiter entfernt von der Sonne als unsere Erde, rollt der Planet Neptun seine Bahn. Nur den 900. Theil des Lichtes und der Wärme, die tvir von der Mutter Sonne erhalten, spendet sie diesem, ihrem fernsten Kinde, dessen Lebensbedingungen so gänzlich von den unserigen verschieden sind. Tie kurz- sichtigen Naturforscher, die bis vor noch nicht zu langer Zeit mit wahrhaft hohenpriesterlicher Würde der lieber- zeugung versicherten, daß die Tiefen des Ozeans zu ewiger Unfruchtbarkeit verdammt seien, da der nnge- henre Druck und das Fehlen des Lichtes dort so ganz andere Lebensbedingungen schaffe, als die auf der Oberfläche vorhandenen, haben von der Natur selbst ein Dementi erhallen, wie es schärfer diesen angeblich Unfehlbaren nicht zu Theil werden konnte. Diese so vollständige Niederlage hat sie aber durchaus nicht gebessert. Es giebt Deren immer noch genug, die behaupten, daß das Leben nur auf Welten existiren könne, die gleiche Beschaffenheit mit der unserigen haben. Immer die Schlußfrlgcrnng des Fische?, der, übrigens vollständig aufrichtig, versichert, daß es unmöglich ist, außerhalb des Wassers zn leben. Die ferne Welt des Neptun, auf der jedes Jahr fast 105 Erdenjahren gleichkonnnt, zehn Jahre also den ganzen historischen Zeitraum darstellen, der uns von der letzten Epoche der Römerherrschaft trennt; diese Neptnnwelt ist wohl dazu geeignet, unsere irdischen engen und persönlichen Vorstellungen etwas zu erweitern, was den Begriff der Zeit anbelangt. Der Kalender ist auf diesem Planeten ebenso genau, wie auf dem unserigen. Ein Neptunjahr ist für die langsamen und nachdenklichen Wesen, die auf dem sonnenfernsten Planeten ihren Aufenthalt haben, nicht länger als ein Erdenjahr fiir die flinken imd eiligen Geschöpfe, die in unseren volksbelebten Städte» dahinjagen. Trotzdem hat ein 20jähriger Zieptunjüngling in Wirklichkeit 3300 Erdjahre gelebt, ohne zu merken, daß dies eine Zeit ist, die man ans der Erde fiir ziemlich lang hält, daß ein solcher Kreislauf von Jahren uns zu den Zeiten Homers und der Feste der alten Griechen zurückführt. Selbst fiir den eifrigsten Forscher wäre es un- möglich, irgend eine Aehnlichkeit zwischen den Wesen, die die Welt des Neptun bevölkern, und denen, die unsere Erde hervorbringt, zu entdecken. Keiner Klasse, sei es des doch so weiten und vielgestaltigen Thier- reiches, sei es des Pflanzenreiches, vermöchten wir diese Wesen einzureihen. Hier ist eben eine andere Welt, die vollständig verschieden von der nnserigcn ist. Tie Organismen, die die Oberfläche der Welte» im Räume bewohnen, sind das Ergebnis; der ver- schicdencn Kräfte, die auf jeder dieser Welten i» Wirksamkeit sind. Tie Gestalt des irdischen Mensche» ist hervorgegangen aus den Formen der langen Reihe seiner thierischen Vorfahren, in deren allmäligen E»l- Wickelung er den höchsten Platz einnimmt. W>r können diese EntWickelung von Stufe zu Stufe zurück- verfolgen, bis wir in ununterbrochener Kette zu jene» einfachsten Urwesen gelangen, die aller Sinne, die den Stolz des Menschen bilden, beraubt und»»r ans einer e'nz'gen Zelle bestehen. Diese Rudimentär- organismen, denen man den Namen Lebewesen bc:- zulegen zögert, sind weder Thier noch Pflanze. Als organisch belebte Substanz haben sie sich bereits voi» unorganischen Reiche getrennt, aber sie sind»ow chemische Zusamniensetzungen einfachster Art, die e»»' gewisse dunkle Lebenskraft in sich tragen, Urpreto- Plasma, Keime aller znkiinstigcn Entwickelnngcn des irdischen Lebens, des thierischen wie des pflanzlich�- Die ersten organischen Wesen sind in den Tiefe» der lauen Gewässer des Ozeans entstanden, der bei»1 Beginn der geologischen Perioden noch die g»»� Oberfläche der Erdkugel bedeckte. Ihre chemische Beschaffenheit, ihre Eigenschaften, ihre Fähigkeit» waren schon bedingt durch die chemische Zusammen sctznng dieser Gewässer, und durch die Dichtigkeit und Temperatur des sie umgebenden Milieus, änderungen dieser Umgcbnng und der sonstigen seinsbed'ngnngcn haben damit in enger Beziehung stehende Veränderungen dieses genealogischen Baume-' hervorgebracht. Je nachdem die Organismen dtt tieferen, mittleren oder oberen Schichten der Gcivalst1 bewohnten, je nachdem sie in Flüssen, auf tief ge' legcnen und feuchten Ebenen, auf sonnenbeschicueiie» Abhängen oder auf Bergen lebten, machten sie e»»' andere Enlwickelnng durch, infolge derer sie julJ immer verschiedenartiger gestalteten. Tie irdist'st Menschheit ist gegenwärtig die letzte Blume, die letzte Frucht an diesem Baunic. Aber dieses ganze Lebe», von seinen Wurzeln bis in seine Krone, ist irdisch, und auf jeder Welt ist der Baum ein anderer. Leben ist ueptnnisch auf dem Neptun, urani'cb»»> dem Urauns, satnrnisch auf dem Saturn, sirisch dem System des Sirius, arkturisch in dem des Ar'- tnrus. Das heißt, es ist stets seinem Anfenthaltsor angepaßt, oder genauer gesagt, es ist hervorgega»�» und hat sich entwickelt ans den physikalischen W'- dingniigen einer jeden Welt und nach einem ll>- gesetze, dem die ganze Natur gehorcht, dem Gestik des Fortschritts. Diese große Symphonie des Lebens, die jcdr Welt nach den Bedingungen, die auf ihr herrsch�»- angepaßt ist, wird fiir uns zu einem gewaltigen Wess' chor, dessen e-nzclne Stnnmcn und Töne vonei»" 334 Die Neue Welt. Illustrirte Unierhaltungsbeilage ander durch Ewigkeiten dou Raum und Zeit ge- trennt sind. Er erscheint uns abgebrochen, weil w'r nur einen Ton auf einmal hören können. Aber in Wirklichkeit giebt es absolut gesprochen keine Zeit und keinen Raum. Jupiter wird erst Millionen von Jahren nach der Erde von denkenden Wesen bewohnt werden. Vom Standpunkte des Absoluten betrachtet, ist diese Zeildifferenz nicht größer als der Tag, der gestern von heute trennte. Alles Das geht seinen Gang, vollzieht sich auf natürliche Weise, als ob Gott nicht existirte. Ans fiinftansend Milliarden Meilen. Jeder Stern ist eine Sonne, die in ihrem eigenen Lichte strahlt. Die Sonne, die uns leuchtet, ist 1 284 000 Mal so gros; wie die Erde und 324 000 Mal so schwer. Aehnlich verhält es sich mit der Blasse und dem Volumen der anderen Sterne. Viele von ihnen sind sogar noch bedeutend größer und schwerer als unser Zentralgestirn. Welchen Stern wir auch anf,ttchen, initiier nähern wir uns einer Sonne, einem glühenden Schmelzofen. Diese unzähligen Heerde des Lichtes, der Wärme, der Elektrizität, der Anziehung, verwandeln sich für unsere Augen, infolge der nngehenren Abgründe, die uns von ihnen trennen, zu den winzig kleinen lench- teuden Punkte», die wir Sterne nennen. Diejenige Sonne, die uns am nächsten ist, unser Nachbarstern, strahlt von uns in einer Entfernung, die um das 224 000 fache die zwischen Sonne und Erde übertrifft. Ein Expreßzug, der mit einer Schnelligkeit'von 60 Kilometern in der Stnnde in direkter Linie ans jenen Stern zuführe, würde ohne Aufenthalt und ohne Verzögerung nach einer nnnnterbrochenen Reise von 64 Millionen Jahren dort anlangen. Ein Projektil, das mit der größten Geschwindigkeit, die die erfinderischen Mörder der Menschheit noch erzielt haben, in den Rmtm geschleudert wäre, würde ein und ein halb Millionen Jahre brauchen, um sein Ziel zu erreichen. Wenn dieser Stern in einer furchtbaren Explosion zerspränge, und das Geräusch dieser Katastrophe würde nns mit der gewöhnlichen Schnelligkeit des Tones in der Luft von 333 Meter in der Sekunde übermittelt, so würden nicht weniger als drei Millionen Jahre vergehen, ehe wir diese Explosion zu hören bekämen! Wir würden diesen Stern noch drei und ein halb Jahre nach der Katastrophe, die ihn zerstört hat, ruhig am Himmel glänzen sehen, obgleich sich das Licht mit der unge- heuren Geschwindigkeit von 42 000 Meilen in der Sekunde fortpflanzt.' Unsere strahlende Sonne ist aus jener Eni- fernung gesehen zum einfachen Stern herabgesunken. Die Welten, die sie nmlreisen, die Erde, Venns, Mars, Jupiter, Saturn»nd ihre Brüder in der Familie der Sonne, sind durch die Perspektive der Entfernung dicht an sie gedrängt und sind vollständig in ihren Strahlen verloren. Ans dieser Entfernung anfgesncht und so an ihrem Verhältnis; zum Weltall betrachtet, müssen diese Provinzen des Reiches der Sonne selbst dem größten Optimisten in ihrer ganzen Nichtigkeit und Uubedentendheit erscheinen. Unser Planet, der uns so wichtig vorkommt, wird zum mikroskopischen Pünktchen, das zu entdecken für Sinne wie d'e unsrigeu unmöglich wäre. Seine Geschichte scheint von so weit gehört, der Flug einer Libelle oder selbst das noch nicht, denn man titttß sie kennen, um zu wissen, das; sie überhaupt existirt. Ich fühlte mich nach dem System dieses Sternes versetzt, des nächsten, von dem man die Entfermmg gemessen hat. Es ist dies der Stein Alpha im Steutbilde des Eeutanren. Sein System ist sehr merkwürdig und viel interessanter als das unserige. An Stelle einer einzigen Sonne wie diejenige, die nns leuchtet, finden wir hier zwei Sonnen, die, durch eine Entfernung von 400 Millionen Meilen getrennt, in einen Zcttranttt, der 88 Erdenjahren gleichkommt, inneinander kreisen. Diese Zwillingssonncn strahlen beide in lebhaftem Glänze(sie sind Sterne erster und zweiter Größe von hier ans gesehen) und sind bedeutend größer als der Btittelpunkt unseres Systems. Um jede dieser Lichtgncllen kreisen Planeten, denen also zwei Sonnen lenchte», die bald an demselben Himmel vereinigt, bald getrennt und einander gegen- überstehend, au Größe und Glanz variirett, je nach der verschiedenen Etttsernnttg, in der sie sich infolge der Umdrehung seiner Planeten um ihre Zentren befinden. Wir haben hier Daseittsbedingnngen vor uns, die vollständig von denen verschieden sind, die die Geschicke der Erde und der übrigen Planeten unserer Gruppe regieren. Zwei Sonnen! Welch' wunder- bare Abwechselungen in den Jahreszeiten! Welche Verschiedenheiten in den Klimaten, welche Mannig- faltigkeit in den ohne Zweifel sehr rasch vor sich gehenden Lebenserscheinungen, welch' merkwürdige Verwickelung im Kalender, in der Folge der Jahre, der Sommer und Winter, der Tage und Nächte. Tie Thatsache der Existenz eines solchen Systems allein, das uns verhältnißmäßig nahe und den Astro- nomen wohl bekannt ist, kann uns einen Begriff von der unendlichen Reichhaltigkeit der Schöpfung und der Fülle ihrer Erscheinungen geben. Welche Mannigfaltigkeit in den Offenbarungen der verschiedenen Natnrkräfte mußte sich aus diesem Uebcrreichthum an Sonnenlicht und Sonnenwärme entwickeln, Offenbarungen, die zwar nichts gemein haben mit den Erscheinungen, die wir ans unseren Planeten stndirt haben, die aber ohne Zweifel auch wahrgenommen werden durch Sinne, die auf diesen fernen Welten durch eben diese Natnrkräfte geweckt, bestimmt und entwickelt wurden. Auf den Welten, die von zwei Sonnen erleuchtet, erwärmt und regiert werden, konnte das Leben mir in Formen erscheinen und sich entwickeln, die von den irdischen gänzlich verschieden sind, es muß mit anderen Tenkwerkzeugen, mit anderen Sinnen und anderen Organen begabt sein. Der Denker, der Astronom, der Physiolog kann nicht länger das irdische Leben als den Typus des Lebens überhaupt ansehen. Alles, was wir auf der Erde lernen, studiren, kennen lernen können, wird nie mehr als ein nnendlich kleiner nttd vollständig nngenügender Brnchtheil der nngehenren Wirklichkeit sein, die die unzähligen Erscheinungen des Weltalls darstellen. Doch ehe wir unsere himmlischen Forschungen weiter fortsetzen, ist es nöthig, noch bei einem Punkte etwas zu verweilen. Wie groß nämlich auch die Verschiedenheit der einzelnen Sternsysteme sein mag, wie sehr die verschiedenen Welten, die die Uitend- lichkeit des Alls bevölkern, an Gewicht, an Volumen, an Dichtigkeit, an Leuchtkraft, an Bewegung, an physikalischer und chemischer Beschaffenheit voncin- ander abweichen mögen, es giebt doch eine Kraft, unsichtbar und unwägbar, die sie alle miteinander verbindet, die sie wie in einem Netze von äußerster Empfindlichkeit zusammenhält. Die wunderbare Größe der Entfernt! ngen, die die einzelnen Weltkörper voneinander trennen, ver- verhindert nicht, daß sie sich gegenseitig empfinden, als ob sie durch stoffliche Fesseln aneinander gekettet wären. Die Entfernung der Erde vom Monde beträgt 50 000 Meilen; trotzdem beeinflußt der Mond fortwährend alle Moleküle unseres Globus wie auch die ganze Erde, und Jeder von uns wiegt ein wenig leichter, wenn dieses Gestirn sich an seinem höchsten Punkte am Himmel befindet, als wenn es nach dem Horizont hinabsinkt. Die Entfernung zwischen Sonne und Erde beträgt 20 Millionen Meilen; die Sonne läßt unseren Planeten mit einer dieser Entfernung entsprechenden Energie seine Be- weginigen ausführen und die Erde verändert wieder ihrets.its die Stellung der Sonne. Tie Entfernung zwischen unserem Zentralgestirn und dem Neptun beirägt über eine halbe Milliarde Meilen: die Sonne wirkt auf diesen fernen Weltkörpcr ein nttd veranlaßt ihn, sie zu umkreisen, und Neptnn veranlaßt wechselsweise die Sonne, um ihr gemeinsames Zetitmm der Schwerkraft zu graviliren, das 23 000 Kilo- meter vom Sottnetizentrttm entfernt ist. Jupiter verlegt das gemeinsame Zentrum der Schwertraft um 733 000 Kilometer, Saturn um 400 000. Die Störnng der Erde durch den Akotid beträgt 4680 Kilometer, nni die durch seinen Einfluß der Schwer- Punkt vom Mittelpttttkt der Erde abrückt. Jupiter beeinflußt die Erde, diese die Venus und so fort. Ans Grund dieser gegenseitigen Einwirkung, die alle Himmelskörper aufeinander ansüben, kann lein einziger Punkt für einen einzigen Moment in Ruhe bleiben, und kein Stern kann jemals für eine» Augenblick nur an einen Ort zurückkehren, den er früher einmal eingenommen hatte. Alles das, was man Materie nennt, ist in fortwährender Schwingung und Bewegung unter dem nnwiderstehlichen Zwange einer unsichtbaren, unfaßbaren und unwägbaren Kraft. Tics ist eine sehr wesentliche Thatsache, deren Kenntniß äußerst wichtig für die Vorstellnng ist, die wir uns von der wahren Zkatnr bes Weltalls machen müssen. Wie wir soeben erwähnt haben, ist unsere Sonne von der Sonne Alpha im Centanren durch eine Entfernung von 4500 Milliarden Meilen getrennt. Diese Entfernnitg wird durch die Anzichungs- kraft überwunden. In Wirllichkeit sind diese beiden Sonnen nicht vollständig getrennt. Sie kennen sich, sie fühlen ihre gegensei ige Anziehung, und sie fühlen die aller Sonnen des Weltalls. Sie fliegen dahin,. ttitser Zentralgestirn mit einer Schnelligkeit, die man ans 1 30 Milliottett Meilen im Jahre geschätzt hat, Alpha im Centanren mit einer solchen von 150 Millionen Meilen. Die anderen Sonnen, deren Entsernnng und Bewegung man gemessen hat, fliegen nicht lang- sanier im nnendlichett Räume. Die unsichtbare Kraft, die ttnscre Sonne und Ihresgleichen durch den Raum dahinträgt, ist nichts Anderes als die gemeinsame Anziehungskraft der unzähligen Himmelskörper, die das Weltall crsüllc». Sei es nttn, daß diese„Aitziehniigskraft" eine Eigens schaft ist, die jedem Atom der Materie anhaftet, stj es, daß diese theoretischen, unsichtbaren Atome, aill die mau die sichtbare Materie zurückführt,»m die an ihr beobachteten Erscheinnngen zu erklären,.Kraft- zentren, daß sie Knoten, Krenzungspnnkte in den Wellenbewegungen des AetherS sind— genng, dir Thatsache, die wir vor allen Dingen bei unserrr analytischen Betrachtung des Weltalls festhalt. n miisstn- ist, daß die unzähligln Welten, die den Rattin cr- siillcn, nicht vollständig voneinander getrennt bestehen, sondern das; sie durch eine immerwährende»ad unzerstörbare Kraft miteinander verbunden sind. Tic Anziehung ist also das oberste Geseb zwischen den Welten, zwischen den Atomen"»d zwischen den Wesen. Tie Sterne, die in der llnend- lichkeit des Raumes gravitircn, die Erde, die die Sonne umkreist, der Mond, der die Flnth an den Meeres- kästen emporhebt, die Moleküle des Steins oder des Eisens, die durch die Molekularanziehnng aneinander haften, die Pflanze, die mit ihre» Wurzeln den nah- renden Boden sucht und ihre Blätter und Bliithen dem Lichte entgegcnhebt, der Bogel, der von Zweig zu Zweig fliegt, um einen Platz für sein Nestchen zu finden, der Mensch, dessen Herz stockt oder rascher wallt beim Anblicke eines geliebten Wesens, beim Klange seiner Stimme— sie alle gehorchen dem einet großen Gesetze, dem Gesetze der allgemeinen Anziehung Dieses Gesetz beherrscht unter verschiedenen Formet die ganze Natur und fahrt sie... wohin? ksr einer weiteren Anziehung, zu der Anziehung de Unbekannten. � i Inmitten der Unwissenheit über das absoln: Wesen der Tinge, in der wir uns befinden, try aller zahlreichen, mnthigcn nnd kühnen Versuche dl Wissenschaft, muß diese Thatsache von dem Vch handensein einer solchen Kraft, die alle WeltkLrpt miteniander verbindet, nach ihrer ganzen Bedentick gewürdigt werden. Wir können ihren Werth kai» zu hoch anschlagen. Vergessen wir es also nicht: die Weltkörck stehen in Verbindung miteiii.inder durch die ziehungskraft.(zqtuß mv\ß. Die Acue�velt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. — Kin Woei? 33ö (Forlfkizung�) I eine Eltern sind beide ziemlich rnsch hinter- einander, im gleichen Monat, gestorben. _ Ich kann Dir garnicht sagen, lvic mir «a war; aber ich habe seitdem Mitleid mit jedem �rlanfencn Hund und mit einem Schooszhnnd gar, ""b ich füttere ihn, wenn ich kann. Man soll k>» Kind nicht zu weich gewöhnen, hat meine Großmutter iinnier gesagt. Ich war zn weich ge- >vöhnt. Ich wußte mit mir nichts anzufangen. Znm Lehramt tang' ich nicht. Es geht noch mit Einem, �ie man's in Privatstnnden hat; und selbst da muß ich »>ich sehr zusammennehmen, damit der Junge n'cht Uierkt, daß ich mich eigentlich vor ihm fürchte. Aber viele Kinder sind mir schrecklich; da— entweder sie haben Angst vor mir oder sie machen sich lustig s>ber mich. Keines von Beiden soll sein. Ilrd nur irblt das Sichere, daß sie sofort spuren: da giebt's keinen Spaß, da heißt es folgen. Also, ich habe uiein Probejahr gemacht und ivar sehr glücklich, ?ls ich'g hinter mir hatte. Aussicht auf eine An- Uellnng gab es bei meinem Fach so nicht, lind ich 'uiicbe und werde leicht verlegen, und mein Gedächt- uiß ist mich nicht so ganz willig. Auch war ich II1 so sehr nicht auf's Berdienen angewiesen. Was usir meine Eltern hinterließen, das ivar genug für "lich, und es hat mich oft gerührt, wenn ich so in %en Büchern blätterte' und sah, wie sie Atonnt für lüonat etwas zurückgelegt haben— für den Ein- »igen, und wie meine Mutter vorgesorgt hatte für Mes nach ihrem besten Können. Ich glaube, ich lche sie jeßt wieder; gehört hat sie kein Mensch, so knnge sie lebte. Ihre Thränen hat sie verschluckt "»b gelacht hat sie nur ganz heimlich und in sich hin- kin; aber wer sie dabei sah, dem mußte ganz weich Und froh um's Herz werden, lind so schöne Hände tote sie und die sauberste Schrift, die man nur denken kann. � Jetzt aber war es schlimm. An's Wirthshans toe ich mich nicht gewöhnen können. Ja, so lange sch manchmal, als Fest, hingekommen bin, da war's fajöu. Aber jetzt und täglich! Mir war so traurig Und da hat sich Keiner darum gekümmert. Sie »rmten und zechten, als wäre nicht Einer da, der flicht lustig ist. lind das thnt wehe. Verwandte babe ich keine und mit vierundzwanzig Jahren so flls Waisenknabe herumlaufe» und Jedem sein Elend florweinen, das ist doch komisch. Es hat aber im selben Haus, über'm Gang, , kine Witlwe mit einer Tochter gewohnt. Ich habe Ibas Mädchen manchmal gesehen; sie hat so was ■ Helles an sich gehabt, daß es mir gefiel. Wir haben fluch verkehrt, wie Nachbarslente das müssen. Da kann Eins den Schlüssel zur Wasserleitung nicht ftuben, oder es braucht den zum Boden, der gerade bei der anderen Partei ist, kurz, es giebt schon Uuincr Anlaß. Meine Mutter hat die Beiden ganz ?»t können leiden und manchmal von ihnen ge- toochen, und besonders hat sie das Mädchen gelobt. tob das hieß etivas; sie hat mit Lob sehr gespart. �eil ich aber meine Wohnnng nicht beibehalten Zollte— sie Ivar mir zn groß und für mich allein fluch zn theuer— so steh' ich einmal im Hansthor bud schau mir die Zettel an, damit ich nicht aus ton Hanse fort muß, in dem ich mich so wohl ge- kühlt hatte. Und da hängt richtig einer, ganz ortho- �aphisch geschrieben, daß ein besserer Herr ein schönes to linier allenfalls mit ganzer Berpflcgmig bei ge- flildeter Familie haben könne. Es waren wirklich '�ine Nachbarslente; ich tnminele mich wieder hin- 'to.»nd wir machen's in aller Schnelligkeit ab. �io waren mich in Trauer; der Sohn war ihnen Utorben. Ich habe sein Zimmer übernommen und .uld mit ihnen gelebt, ganz wie wenn wir uns nahe toiden. Sie waren stille Leute und sie haben also zn "'ir gepaßt. Besonders das Mädchen, die Helene; to war wie ein Schratt, wie so ein kleines Haus- �istchen, das Alles thut und nur nicht will, daß toii's dabei sieht oder darum lobt. Den ganzen Erzählimg von I. I. David. Tag hat sie gearbeitet,»nd es war eine Freude, ihr zuzusehen, wenn sie gestickt hat. Unglaublich schnell war sie dabei; und im HanS ist nichts geblieben. Ich hab's bald heraus gehabt, daß sie die Arbeiten dann verkauft. So, und mit dem, was ich gezahlt habe, ist es im Hans ganz schön und glatt znsammen gegangen. Ich wenigstens hätt' mir's nie besser gewünscht und," er seufzte tief,„ich wollte nur, ich hätt' es noch einmal so gut im Leben, wie ich es damals gehabt. Wenn ich etwas fertig ge- schrieben hatte und ich las es vor, dann hat sie hübsch und achtsam zugehört. Kurz, ich konnte sie nicht mehr wegdenken aus meinem Leben und..." „Und so haben sie Dich eingefangen," ergänzte Fritz Grätzer roh und rücksichtslos. Bernhoscr sah ihn zornig an.„Eingefangen! Das ist ein häßliches und ich möchte fast sagen, ein gemeines Wort. Aber Tn hast es nicht so gemeint, nicht währ? Das Glück, das sie mit ilnr gemacht hat! Ein hübsches Mädchen und gebildet und eine Sparmeistcrin— und was war ich? Ich Hab' meine Dekrete gehabt und meine Zeugnisse— versollte er nicht haben! Und so suchte er denn sein weniges Geld znsammen. Es reichte gerade; und als sich Grätzer umwendete und, wie sich besinnend, sagte:„die Zigaretten...", da wehrte er mit zittern? der Hand und bebenden Lippen ab:„Nein, nein, Alles!" Es ist vielleicht das zur Nachtzeit düsterste Stück der Ringstraße von Wien, dem vorüber die Beiden nach Hanse schritten. Ihnen zur Rechten lag ver- worre» und schwarz die Fläche des Stadtparkes mit dem gedehnten und eintönigen Gegitter davor; ihnen zur Linken ragten, nunmehr eine graue und wenig gegliederte Masse, die stolzen Paläste des Parkrings. Ab und zn durchbrach ihre Reihe» eine Gasse,»in in's Gcheime zn verrinnen. Dann am Eingänge zum dritten Bezirke vorbei; vom Bahndamm, der dorten die Straße überspannt, klang ein dumpfes Brausen und ein fernes Klirren herüber, so mibe- stimmt, daß man nicht wußte, war es ein Nacht- geränsch, das der Wind da herantrug, oder wälzte sich wirklich ein Zug in's Weite. Ab und zu begegnete ihnen ein Nachtschwärmer; hnngern können wir damit; nicht den Stempel, der dann kam das traurige Exerzierfeld vor der Franz- darauf klebt, haben sie mir nock, aetraaen. Sie Josefs-Kascrne, das einen Ausdruck nngehenrer Größe machte; dahinter massig und drohend, mit Terrassen, mit Freitreppen, mit Borivriinaen. in denen firfi w darauf klebt, haben sie mir noch getragen. Sie hätte leicht einen Besseren finden können. Aber— sie hat mich eben auch gern gehabt." „Du hast Eines vergessen, Bernhoser, Du hattest Vermögen." Ter Andere wurde nnrnhig, begann zu stottern und nach Worten zn suchen:„Vermögen! Sie hat doch auch etwas gehabt! Nicht viel, aber immerhin, die Bettlerin war sie nicht, oh nein, das ist sie nicht gewesen, die man vielleicht nur ans Mitleiden hei- rathen muß. Aber Du willst mir nur weh thnn, sonst nichts willst Dn mir thnn, nur weh. Alle Leute haben's ans mich. Warum? Bin ich zuviel ans der Welt? Ich Hab' Dir nichts gethan. Und wenn ich mir denke: sie sitzt zu Hanse und härmt sich und hat vielleicht nichts znm Brot, und ich thne mir da gütlich und schlemme Punsch— dann muß sie sich noch Solches nachsagen lassen, dann könnt' ich mich an mir vergreifen. Ja, das könnt' ich!" Und ganz unvermittelt und hart ließ er den Kops aus die Tischplatte ausschlagen und stöhnte dabei:„Ich fürcht' mich nach Hans zn gehen; ich furcht' mich nach Haus zu gehen; ich fürcht' mich, vor'ni Nachhansgehen. Oh! das ist ein Leben!" „Um Gottes willen! Dn wirst doch keine Szene machen?" flüsterte ihm Grätzer zn. Bernhoser sah ihn mit rothen, schwimmenden Augen an.„Nein," antwortete er und lächelte, „ich weiß auch noch, was sich gehört. Alan macht an öffentlichen Orten keine Sznien. Man benimmt sich ordentlich und läßt seine Sorgen und seine Hunde draußen. Aber— gehen wir?" Mit eigenthiimlichen und streitenden Empfin- düngen hatte Fritz Grätzer der Erzählung des Ver- kommenden gehorcht. Der that ihm aufrichtig leid; aber das stieß in ihm die Ucbcrzeiignng nicht lim, daß es eigentlich auf der Welt kein Unglück gebe, daß zumeist Dasjenige, was man so nennt, nichts als die Folge von Unverstand und Uebereilnng s.i. Mehr: ihm weckte das Elend des Genossen selbst einen dumpfen und nnbestimmten Liitzel; er sah, wie schlimm es Einem gehen konnte und somit auch, wie gut es ihm geworden war, der nun in behaglichen Verhältnissen lebte und eine schöne Zn- kunst vor sich hatte. Auch war er begierig, noch mehr zn vernehmen; das waren Bruchstücke und über das Entscheidende, darüber, ivie es eigentlich soweit ge- kommen war, gaben sie keinen Ausschluß. Aber er wollte nicht fragen. Jede Frage schließt eine ge- wisse Verpslichtnng ein, und auf dem Heimwege mochte noch Manches ans der gequälten Seele Bern- hoser's sich losreißen. So zahlte er denn seine Zeche und Bernhoser schaute ihm neugierig und hoffend zn. Als sich aber Grätzer ruhig anznkleiben begann, da wallte etwas wie Haß in dem armen Teufel ans. Wollte Der sich bitten lassen? Nein, die Freude Freitreppen, mit Vorspriingen, in denen sich die Finsternis; eingehaust hatte, der riesenhafte Ba» selber. Endlich und heller die Aspernbrücke mit den Schild haltenden Löwen davor und dem Strom, der sehr seicht und unruhig dahin floß und von dessen Fläche Eisschollen weißlich herauf blinkten. Hier blieb Bernhoser stehen und deutete ans das Gewässer: „Hier Hab' ich meinen ersten Bericht gefnnden. Ich wollte, ich hätt's nie. Aber es war ein schöner Fall und alle Blätter brachten die Geschichte ganz so, wie ich sie niedergeschrieben, und ich war damals auch glück- lich und meinte, nun wär' ich endlich ans etwas gestoßen, wovon ich und mein Weib leben könnten. Znnieist ihretwegen freute ich mich so; ich hätt' eS so gern gehabt, wenn ihr endlich bessere Zeiten ge- kommen wären!" „Ja, aber wie seid Ihr dann so herunter ge- kommen, wenn Ihr doch Vermögen hattet? Schlechte Wirthschaft, was?" „Wie? Das ist doch ganz einfach! Wenn's so reicht, daß es eben nur so lange ausgeht, als nichts geschieht, dann kann es einmal nicht ausgehen. Denn etwas geschieht immer— das ist ja eben das Leben. Da ist meine Schwiegermutter gestorben; ihre Pen- sion hat aufgehört, ihre Krankheit gekostet, und der erste Gulden, den man vom Lkapital nimmt, der reißt den Zweiten mit, und so geht's weiter. Dann ist kein Halten mehr. Sie ist auch zur rechten Zeit fort; sie hat uns noch glücklich, so glücklich gesehen, daß ich sagen muß: ich und für mich bereu's keine Stunde, daß ich geheirathet habe. Dann sind Kinder gekommen: sie sind fort, Gottlob, sie sind fort! Aber was die kosten, was die kosten! Und wenn man sie dann doch nicht behalten kann— das thnt doppelt weh! Und die Frau war mir lange krank nach dem Zweite», und ich habe da das Herz nicht, zu sparen, wenn es vielleicht»in's Leben geht. Und man sieht so langsam, wie man sich aufißt, ganz nn- merklich, und kann berechnen, wie lange das noch vorhalten wird, was man noch besitzt: Monate, Wochen, Tage. Und man sucht nach einer Stellnng oder nur nach Stunden und giebt wieder Geld aus: für Inserate, für Vermittler; denn man wird dnmi», man verliert den.Kops, wenn man das Elend so koinmen sieht, so langsam, so Schritt für Schritt, immer näher, immer näher. Und ans einmal steht's vor Einem und starrt Einem in's Gesicht: voll, ruhig und mit gläsernen Augen. Ah!" er schrie ans in Pein. „Und dann kömint's, daß man auf der Straße fleht. Der Wind pfeift um Einen, als wär' man ihn gewöhnt von Jugend ans. Und wenn Du dann einen Erwerb suchst und die Leute merken, taß Du darauf anstehst, so thnn sie rein, als wenn sie 336 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Gnaden anstheilten, wen» sie Dich überhaupt einen Kreuzer verdienen lassen, und drücken und zwacken Dich, daß Dn schreien möchtest, lind anfangs war ich noch stolz und hatte so mein Gefühl, daß ich immer noch besser sei als Tie, welche so an mir hernmhndelten. Aber— man tvird irr' an Allem, man wird froh mit Allein, lvaS sich nur findet, man duckt sich in Alles, nur damit Einem nicht das Stückchen Brot wieder ans der Hand fällt, das man kaum gefnuden hat. LH! Sie bekommen Einen schon klein, man wehre sich, so stark man nur immer will, und wann sie das erst haben, was sie wollten, dann lassen sie's Einen schon spüren. Duck' mite'', arme Seele, duck' unter und gieb das letzte Bischen Selbstverlrauen ans und leist' Besseres als früher, oder laß Dich schnhriegeln, treu» Dn was von uns willst," immer schlug das Erinnern an die Krün- knng durch, die er kanm erduldet,„und vergiß, was war und was Tu wolltest. Aber— vielleicht, wenn ich erst todt bin, wird man doch einsehen, ich hätte es besser verdient und leicht Höheres leisten können, als die Alle, welche so ans mich herabgesehen haben. Vielleicht, vielleicht! Und das drückt ans mich und macht mich so vergessen und krank, wie ich bin, und wenn ich nichts tauge, ich bin nicht mehr schuld daran." Es war unbehaglich für Fritz Grätzer, so neben dem verstörten Menschen zu stehen, der unablässig in das Drängen und Dreiben der Schollen hinab sah, und er wandte sich ab und schritt schneller. Bernhofer aber ging neben ihm und sprach weiter, Hülle nach Hülle von seiner zerrütteten Seele reißend, im dunkeln, doch übermächtigen Gefühl, Einem, und sei es auch dem theilnahmlosesten Menschen, müsse er die tiefen und ungezählten Wunden zeigen, ans denen sein Leben Tropfen um Tropfen, sickernd, doch nilgehemmt, verrieselte: „Ohnedies, es geht mir so immer im Kopfe herum: mit einem Selbstmorde habe ich meine Thätig- keit als Journalist eingeleitet. Das hat etwas zu bedeuten. Das war nicht umsonst so. Aber mein Weib! Und ich weiß bestimmt: sie ist noch wach und stickt noch fort, bis ich nach Hause komme, damit sie doch nach ihren Kräften etwas verdient. Und dann lügt sie mir vor: sie kann nicht schlafen, ehe sie mich nicht zu Hanse weiß; und sie klagt nicht und sie weint nicht und sie spricht nichts über unser Elend. Und das halt' ich nicht ans und das vertrag' ich nicht; denn das geht gegen die Natur. Obendrein— sie ist noch stolz ans mich; und wie das sein kann, bei so viel Herzeleid, in das ich sie gebracht Hab' und wie sie immer noch Acht geben mag ans mich, daß ich nicht gar zu heruntergekommen ansschau', das ist mir wieder ein Räthsel. Und wie das Alles endigen wird und was dann wird, das beschäftigt mich immer. Dann sollen mir meine Notizen gerathen! Und dann soll ich nicht immer irgend etwas vergessen! Zuviel im Kopf»ad zuviel im Herzen; und» cht einmal den Mnth zu einer Aussprache, wenn Die, welche eigentlich noch mehr leidet, als ich, nicht einmal mur.t! Thät's sie nur einmal und ich wüßte, was geschehen muß. Wär ich nur fromm! Sie ist's, und ich glaube, das Hilst ihr in Vielem. Aber ich biu's nicht; ich war's nie und wie könnt' ich's jetzt sein?" Sie machten Halt. Fritz Grätzer zog die Glocke am Hausthor.„Gute Nacht; man muß nicht gleich verzagen," sprach er mit seiner wohlgeölten nnd etwas näselnden Stimme nnd verschwand hastig iin Flur. Drinnen mäßigte er seine Schritte und stieg langsam die breiten nnd begnemen Stufen empor, die in's zweite Stockwerk nnd zu seiner Wohinmg führten. Halbwegs oben blieb er stehen nnd schwan'te sogar eine kurze Weile, ob er dcch nicht umkehren solle. Ein Gedanke zog ihm durch die Brust: st' >vie Bernhofer eben zu ihm gesprochen, so redet nur ein Verzweifelnder, Einer, der mit dem Leben(st- geschlossen hat nnd es noch einmal überschaut. Aber — er schlug sich das ans dem Sinn. Was konnte er denn selbst im schlimmsten Falle noch thnn? Wer weiß, wo der schon war, und endlich: in wenigen Stunden mußte man ja Näheres erfahren haben- Wozu sich also unnütz aufregen nnd in Auslage» stürzen? lind so setzte er seinen Weg gemächlich stet- (Schluß folgt.) f it r m c} Co ck e it.* Bon Edgar sllla» Poe. Skunnglvcken hört, aus Erz! aus Erz! � Wie zittert dabei das Weuschenherz. Von eisernen Fänflrn gepackt, Sausen sie aufwärts, scheuen Wie wilde Rosse und schreien, Und schreien und schreien und schreien Einen gellenden Chor Der Wacht in's Ohr Ohne Takt. Ihr rig'nrs, gespenstisches Grausen yrnlen sie aus und brausen Im Klageruf au das Teuer, Das wahnsiun'ge Ungeheuer, Und wälzen sich hoher und höher, Dem Wonde näher und näher, Vom hölzernen, morschen Gerüste Treibt sie ein tolles Gelüste, Sic klirren zusammen und schwirren In's Vlaue und irren und irren, Und tollen und tollen und tollen, Und rollen und rollen und rollen Ruf den zuckenden Busen der Wacht Ein bleiches, starres Entfelzen Und wecken die Schläfer und Helzen Sir aus der nächtlichen Ruh. Die stürzen blindlings hinzu, Mit stockendem Rlhem zu tauschen Dem stulhenden, ebbenden Rauschen Der grausen Gefahr, Rus dem ebbenden, stulhenden Läuten Den Grimm des Feuer» zu deuten, Mit fliegenden Pulsen zu hören, Rus der Glocken Schallen und Gellen, Aus dem rasselnden, klirrenden Schellen Das furchtbare Wallen und Gährrn Der Feuersgrfahr— Und es jammert die zitternde Schaar In der Woth, die so fürchterlich dräut, Weithin, weit, weit, weit, weit, weit— Mit gellendem, zrrschellrudrm Geläut. ' e'uj„Ausgewählte Gedichte". Uebertragen von Hedwig Lachman». Sin Iin, Vibliographischeo Jnsttlut.— I e u i L L e t o n. 6 ch Ein sonniger Oktolicrwg. Tie Scpteinbcrstürme sind heulend über das Land gefahren, haben in den Blättern der hohen Pappeln am Feldrain gewühlt, bis kaum eins noch au dem dünnen Geäst geblieben; nur drüben in den niedrigeren Büschen steht noch dichter das Laub, dort boten die tiironeu einander Schutz, nnd allein die Bäume, die sich über ihre Nachbarn emporwaglen, haben des Sturmes Macht an sich erfahren müssen. Jccht hat das Wetter sich ausgetobt, das schwarze Gewölk, das rastlos am Himmel voriibecjagte, hat sich zerstreut. Aber die Sonne, die nun wieder scheint, ist nicht mehr die alte, ihre Wirkung nicht die gleiche. Schwere Wasserdünste, in denen die cinfalleudeu Strahlen sich zerstreuen, ihre Kraft verlieren, erfüllen die Luft. Es ist ein matter, milchiger Schein, der um die Schafe nnd die Bäume und in den zarten Zweigen der Pappeln spielt. Ter Schein ist hell, aber kalt, und die Schatten sind schwer und von schwärzlichem Ton... Ter Charakter dieses sonnigen Oktoberlagcs ist ganz prächtig ans unserem Bilde herausgekommen. Es liegt in ihm etwas von der Mattigkeit, aber auch von der stillen Schönheit der Tage, da auch ohne die Mithiilfe des Sturmes Blatt um Blatt, schwcrfencht und in allen Farben von Gelb nnd Roth, sieh löst und langsam zur Erde sinkt.— Verfälschungen von Nnhrungs-»ud Gennßmittcln. llnter den„ganzen" Pfefferkörnern lob schwarzen oder weißen) finden sich Früchte vom giftigen Kellerhals (Seidelbastbceren) nnd Kokkelkörner», einem Gifte, mit dem leider öfter Fische gefangen werden. Man verfertigt die Waare sogar künstlich ans Mehl nnd Gummi. Ter gepulverte Pfeffer ist im Kleinhandel noch nie nnrerfälscht gesunden worden, insbesondere konnte fast jederznt Gerstenmehl darin nachgewiesen werden. Andere Zusätze waren: Brot, Mehl von Hülsenfrüchten, Olivenkcrnpulver, Eichel- mehl, Leinölkuchen, Sägespähne, Baumrinde, Saud, Gips, Schwerspat. Bei dem sogenannten Streuzucker, besonders den billigen Sorten, finden sich, um ihn schwerer zu machen,- Zusähe von Schwerspat, Gips, Kreide, Mehl, Dextrin. Wer so arm ist, daß er nicht ein einfaches Mittags- mahl sich bereiten kann, der will wenigstens etwas Warmes genießen, trinkt Kaffee, jene braune Bohnenbrühe, und ißt Brot dazu. Wie nun zum Hinaufschrauben der Preise des Kaffees sich„Ringe" biideii, bei denen Gewinn und Verlust nach Millionen von Mark sich beziffern, so werden im Kleinhandel alle möglichen Verfälschungen vor- genommen. Man vermischt die gebrannten Kaffeebohnen init künstlichen aus Wiener und Prager Fabriken. Durch Nässe schimmelig gewordene Bohnen werden gefärbt mit Lcker, Bcrlinerblau, Chromgelb, Kupfervitriol und anderen giftigen Farbstoffen. Tie Versälschnngen in den Kaffee- Surrogaten sind unzählige: Dattelkerne, Hagebutten, Lnpiuensamen, Eicheln, Gewcide, Spargelsamen, Runkel- rüben, Bnttcrblumenwnrzeln, Zichoricnwurzeln; der Zichorien-Kaffce wird noch vermischt mit Braunkohle und Torf. Im Eichelkaffee wird der größte Theil der Stärke- körner in formlose Kleisterballen umgewandelt. So ctwaS muß die ärmere Bevöltenrng als„Kaffee" hinunterschlucken. Von Essig ist die geringste Torte der Tbst- 1. Geircidccssig, die oerbreilelste dce Brannitveinc.stg- � beste der nur in Weinländenl bereitete Weines ig-. der jetzigen Schnellesflgfabrikation wird fast nur Essig!»"' d. h. derjenige Branntweinesfig, welcher die größte Meng Essigsäure enthält, gemacht nno aus ihm durch Perdinn" mit Wasser der geivöhnliche Taftlessig. Zur Verfälsch»»» nimmt man andere Säuren. Man entblödet sich»»"?' Schwefelsäure, Salzsäure, Salpetersäure, Oxalsänre beu zufügen, uitd wie angreifend solche Stoffe auf den Mass-'» des Käufers wirken müssen, brauche ich hier nicht Z» erörtern. Die gewöhnlichste Verfälschnng des Schmalze» besteht in Beimischung von Wasser. Damit dies aber nicht so schnell sich vom Schmalz absondert, letzt>»»» Stärkemehl(oft bis zu 20 pZt), Soda, Pottasche, Kollff salz, Kreide, weißen Thon, auch Alaun huizn.. Bei dem Petrolenm handelt es sich besonder- darum, die Feuergcfährlichkcit dieses Oeles möglichst jss vermeiden. Ist es wasserhell, bläulich schimmernd O»5 genanntes Kaiseröl), so ist die Gefahr des Ervlodircnn wenn man vorsichtig mit ihm nmgeht, eine geringe,»»'' bis zum Jahre kanicn die Klagen über deste» Feuergefährlichkeit überhaupt nicht vor. Tann aber»»' deren steh„Pctroleumringc". Um viel Profit zu mache»- vermischte man das Brcnnpctrolcnm mit einem The» leichter siedender Essenzen, die schon bei gewohulUR Temperatur brennbare Gase ausstoßen. Nach den Iliner' suchungen Chandler's sind durch solch' gemi chtes PetroleM» schon Tansendc von Menschenleben nnd Millionen»» Vermögen verloren gegangen. In bestimmten Stunden des Tages füllen sich Verkaufsstellen, in denen obige Stoffe käuflich sind,>»» Kindern, die stall der Eltern die Einkäufe besorge»- Vertranensvoll giebt man ihnen die lleineu Gcldsor»'» mit ans den Weg; was sie dafür heimtragen, das bring» ohne daß die Verkäufer es ahnen, statt ziveckdieuli»»» Nahrung häufig die Veranlassung zu ncncu Erkrankung�» schwergeprüsterFannlien in den kümmetlicheil Hansstand."' B. L. Scbnihet. Jeder Schlag eitles Lehrers, der ein wehrloses K'»� trifft, ertödtet ein Stück Menschenliebe nnd Ehrgefühl-" Das Haus der Zivili'ation, in dem wir wolp»»' hat sich nicht vom Dache, sondern vom Fundament»>»' gebaut.—®. v. Buchwaiv. Alle für die Ncdaktiou der„Neuen Well bestimmten Sendungen sind nach Berlin, 3V? i'-1' Benthstraße 2, zn richten. Nachdruck des Inhalts verboten! IZexmuserltUticr NedaUcnr: Oscar Uüijl In Ldartouciidlirz.— vertaz: Hamdurxcr Batldru�iret und PsNagZanstalt Auer St So. In Hamburg.— trucf: M.i? Pablng In SJirtln.