Nr. 43 35Itu(lrmeinikchr in die Dörfer. Jede dieser Epochen bot .'nlaß zu festlichem Leben. Mit beginnendem Frühling versammelten die Volksgenossen sich auf der Mahlstätte, um vor dcni usschwärmeu der einzelnen Geschlechter und Fa- ilien die geineinsamen Angelegenheiten, die im Winter geruht hatten, zu ordnen. Vergehen waren zu sühnen nnd lliechtshändel zu schlichten. Man mußte den Göttern opfern nnd die„Seelen versorgen". Glei.hzeilig bot dieses Znsainnienströmcii von Volks- Massen Gelegenheit, Geschäfte abzuschließen und Waaren aiiszutauscheii, und wo immer die Alten znsammeilkanien, da ging es insbesondere nicht ohne Spiel nnd Schmanserei ab. So vereinigten sich mit der lvirthschaftlichen Wende im lvesentlichen fünf Bestandtheilc: Volksversamiiilnng, Gericht, Gottes- dienst, Markt nnd Mahl. Das wiederholte sich, wenn im Herbst die ein- zelnen Gruppen wieder nach den geschlossenen Wohn- Plätzen zogen und sich auf der Dingstätte vereinigten, damit vor Eintritt des Winters, der den Verkehr unterbrach, die öffentlichen Angelegenheiten erledigt würden. Beide Wendepunkte des Wirthschaf.sjahres waren die„hohe Zeit" des Volkslebens. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß das Ganze als„Blesse" be- zeichnet wurde, wie auch heute das Wort sowohl für eine kirchliche Knlthandlnng, wie für das Markt- wesen gilt. In den ländlichen„Kirmessen" treffen wir Hilter demselben Zlamen noch die Vereinigung mehrerer Elemente der alten Herbstfestzeit an, ins- besondere die Schmanserei und die Opferalte mit mancherlei ans dem Kult hervorgegangenen Volks- bräuchen: zuweilen ist in Verbindung mit der Kirmes auch der Markt erhalten geblieben, oder die Termine beider Veranstaltungen liegen wenigstens dicht bei- sammen. Zur Schmauserei eignete sich die hohe Zeit des Herbstes mehr, als die Frühlingszeit. Die Winter- vorräthe waren angehäuft, das Vieh für den Fleisch- bedarf war gemästet, das Einschlachten nahm seinen Anfang. Tie ganze Herbstfeier trägt den Stempel eines Schlachtfestes. Je nach den besonderen Ver- Hältnissen erstreckte sich das Festleben über einen größeren Zeitranin, wie denn unsere Vorfahren nicht eigentliche Festtage, sondern nur Festzeiten kannte». Während hier eine Dorfschaft die Feier zeitiger be- gann, schob sie sich in einer anderen Gegend weiter hinaus, lind in der eiiizelnen Gemeinde selbst dehnte sich das Fest über mehrere Wochen; denn im Gegen- satz zur Frühjahrsfeier nöthigte der Herbst mehr zu häuslichen Veranstaltungen, und da gleichwohl nach altem Brauche ein größerer Kreis von Dorfgenossen daran theilnahm, so mußten die Festlichkeiten sich auf die verschiedenen Familiengruppen oder Wirth- schaften vertheilen und zeitlich anseinander liegen, wodurch sich das Ganze in die Länge zog. Die iveite Zeitspanne, welche heute durch Bartholomäns und Nikolaus begrenzt wird, wurde vordem durch die herbstliche Feier ausgefüllt, nnd noch jetzt be- wegen sich die Kirinessen zwischen diesen beiden Ter- minen. Ter örtliche Beginn richtete sich nach dem Abschluß der Ernte, während das Ende von dem Eintritt des Winierwetters abhing. Gegen dieses Fe f. leben hatte die K irche einen schweren Stand. Den Priestern erschien das ganze fröhliche Treiben, da es mit Opfern für die Heid- nischeii Götter und Geister verbunden war, als ein Greuel, nnd iiian bemühte sich, der Sache ein christ- liches Gewand zu geben. In die Periode des Früh- lingsfestes konnte die Kirche ihre großen Gedenktage der Heilsgeschichte verlegen, und diese saugten das volksthüniliche Festlcben zwischen Palmarnm und Johannis zum großen Theil auf. Für den Herbst- festkreiS aber hatte die Kirche derartige wichtige Feieui nicht zur Verfiignng. Sie mußte Heiligentage von geringerer Bedeutung einschieben, um diese zum Mittelpunkt des festlichen Treibens zu»lachen. Entsprechend der örtlich verschiedenen Zeitlage des Herbsifestes waren solche Gedenktage in größerer Zahl nothwendig, damit alle lslegenden getroffen wurden. So haben wir insbesondere Bartholomäus, Michaelis, Gallus, Hubertus, Martin, Andreas nnd Nikolaus erhalten, lim den volksthüniliche» Seelen- kult, der auch von der Herbstfeier unzertrennlich war, zu christianisiren, wurde außerdem der christliche Fest- zyklns Allerheiligen und Allerseelen eingeführt. Doch es gelang all' diesen Gedenktagen der Kirche nicht, das alte Volksfest zu verdrängen. Nicht nur, daß sich die überkommenen Bräuche mit der Heiligen- fcier verbanden: das Herbstfest behauptete auch seinen selbstständigen Fortbestand. Wir haben es in den Kirmessen noch heute vor uns. Die Kirche hat zwar diese ländlichen Feste als Kirchweihfeste gedeutet, aber sie haben mit solchen, wie ihr ganzer Verlauf zeigt, nichts gemein. Sie sind nach Namen und Charakter uralte Bauernfeste, zusamineiigeschmolzen ans der großen Herbstmesse unserer Vorfahren. Das Wort„Kirche" in der Verbindung„Kir-meß" ist wohl nur hinzugetreten, nachdem die Kirche die Stelle des alten Kultmahles eingenommen hatte, dessen llm- gebung einstmals der Festplatz der Messe gewesen war. Da es sich in den herbstlichen Heiligenfesten um eine Zusammenziehung der Kirmeßfcier handelt, so muß nothwendig die Art, wie das Volk sie nach altem Herkommen begeht, dem wirthschaftlichen Cha- rakter der Kirmeß entsprechen. Wir finden daher die allgemeinen Kirmeßbräuche im besonderen auch an den kirchlichen Gedenktagen dieser Periode. Am besten hat die Martinsfeier ihren nr- spriinglichen Charakter bewahrt. Die Schmansereien dieses Tages erinnern ganz an die Schlachtfeste der Alten. Daß dabei die Gans eine Rolle spielt, ist leicht erklärlich: sie gehört wohl zu den leckersten Braten dieser Jahreszeit. Und wenn der Mensch sich gütlich that, mußten auch die Götter nnd Seelen ihr Theil haben. Das ist die Bedentniig der Mar- tinsgans, die dem Heiligen beim Schmause dar- gebracht wurde, wie einst dem alten Gotte, den er verdrängt hatte. Dennoch ist die Gans keine Spezia- lität des Martinstages. Auch das Huhn kommt in in den Martinsbräuchen zu Ehren. Anderwärts zeigt sich dieselbe Vorliebe für das Schwein, nnd im Volke wird geradezu von„Speckmärtcn" ge- sprochen. In England hat man an Stelle der Blartinsgans das Martinsbeef. Die Friesen nannten den ganzen Monat den Schlachtmonat, während er bei Schlveden nnd Angelsachsen Bliltmonat hieß. Am Rhein ziehen die Kinder umher nnd sammeln unter Absingen des.Martinsliedes Gaben ein. Tarin ist ein Rest des Zllsammentragens znm gemeinsainen Mahle erhalten, eines Brauches, der früher mit allen Volksfesten verbunden war. In dem Liede werden Fleisch und Speckseiten, Würste, Aepfel, Kuchen und Nüsse gefordert— gewiß das Menn der alten Herbst- schmänse. Das gemeinsame Mahl finden wir noch, wenn in Böhmen der Viehhirt an Martini seiner Gemeinde ein Abendbrot giebt. Die Martinshörner, die ein weitverbreitetes Festgebäck sind und in böh- mischen Orten beim Pathenbesnch an Kinder ver- schenkt werden, erinnern wohl an ein früher bei der Heimkehr von den Feldern und Weiden gebrachtes Geschenk oder Opfer von Kleinvieh. Auch zu Olpe in der Mark findet sich am Martinstage die Sitte der Kinderbeschenknlig, nnd in Holland herrscht sie allgemein. Dem Heiligen zutrinken, ist ein urthüni- licher Kultbrauch; man bietet Martin den Trunk, wie früher der Gottheit, die ihn zur Labung nöthig hatte. Daß hierbei Hörner gebräuchlich sind, ist durch den primitiven Hausrath der älteren bäuer- lichen Wirthschaften bedingt worden. Den Schluß des Festes bilden die Martinsfeiler, jene ans der Vorzeit überlieferte Sitte, welche den Zweck hat, die Geister zu verscheuchen. Man will die Gäste ans der anderen Welt los sein, nachdem man mit ihnen geschmanst nnd berathen. Der Martinsfeier ist das wesentlich früher fallende Fest Sankt Michael vielfach ähnlich. Es giebt ein Michaelishuhn und eine Michaelisgans; man kennt auch das Trinken der Michaelisininne. Mit Rücksicht auf den Termin hat Michael in Weinbau- gegendcn die Bedentnng eines Patrons der Winzer erhalten nnd es wird oft schlechthin vom„Wein- michel" gesprochen. Im Volksglanben wimmelt es von Spukgeschichten und Zanberregeln, was immer auf alte Kultbeziehniigen schließen läßt. Und das Bedeutsamste ist, daß auch am Tage St. Michaeli die Hexen zum Blocksberg reiten. Von den späteren Heiligentagen ist besonders Sankt Andreas populär. Wie Michaelis ein Tag der Wettcrzeichcn ist, so ist auch der Andreasabend in vieler Beziehung vorbedentend. In der Andreas- nacht schaut das Volk in die Zukunft; es ist der rechte Zeitpunkt für Orakel- und Zauberproben. 340 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. St. Andreas steht speziell bei den jungen Btädchen nnd Frauen in Ehren; im Traume oder durch be- sondere Zeichen offenbart sich ihnen der zukünftige Geliebte und Gatte. Alan gießt Blei und experi- mentirt mit Eiweiß, um ans den mancherlei Formen das Aothige zu erfahren. In der A'acht toben die Dämonen und es ist nicht rathsam, draußen zu weilen. Das Alles sind Züge, welche das mit dem alten Herbstfest verbundene Geisterlete» erkennen lassen. Ten Neigen derKirmeßzeit beschließt der Nikolaitag. Noch mancherlei Volksbräuche dieser Periode haften an ihm, aber sie herrschen nicht in dem Maße vor, wie insbesondere beim Marlinsfeste. Der späte Termin— an der Schwelle des Winters— stand wohl einer allgemeinen Feier und der Entfaltung des rechten Festlebens im Wege. Das Sammeln zum gemeinsamen Mahle ist angedeutet in der Sitte der Kinderbescheernng, die gerade das Fest des Niko- laus auszeichnet. Zumeist handelt es sich um Be- schecrmig der eigenen Kinder, doch ist diese in vielen Gegenden reichlicher, als jene zu Weihnachten, und nicht selten erscheinen die Nikolaispendcn älter, als der weihnachtliche Brauch. In meinem Heimaths- orte— im sächsischen Erzgebirge— hat sich noch ein Rest der allgemeinen Gaben erhalten; jedes Kind nnd auch arme Erwachsene bekommen dort aus einer Stiftung kleine Geldbeträge. Andertvärts zieht der heilige Nikolaus, wie in den Weihnachtsspielen, selbst umher nnd vertheilt an die Jugend Aepfel, Nüsse, Backwerk usw. Bei den Serben ist auch wieder der Knltcharakter konservirt, in jenem Brauche, dem Heiligen an diesem Tage Minne zu trinken. Nikolaus erscheint— sowohl in der Legende, wie im Volksspiele— in der Eigenschaft eines Teufelsbändigers. Er führt einen wilden Gesellen an der Kette mit sich. In christlicher Umdentnng ist das der Teufel. Es handelt sich aber eigentlich nur um die alten Heidengötter. In vielen Gegenden steht man dem Ursprung des Brauches näher, wenn der Gefangene den„Knecht Rnpprecht" oder die „böse Braut" darstellt. Nupprecht gilt als die Per- sonifikation der heidnischen Geisterwelt. Das Spiel an: Vorabend des Nikolaifestes ist also ein Versuch, die Besiegiing des Heidenthums dramatisch zu ge- gestalten. Und da die Kirche die alten Götter mit dem Teufel identifizirte, so ist es nicht unlogisch, in dem Gefesselten diesen selbst zu sehen. In Böhmen und Mähren wird denn auch der gebändigte Rnpp- recht ausdrücklich als Teufel bezeichnet. So ist es der Kirche bei diesem letzten Abschnitt der Herbstfestzeit mehr als bei anderen Heiligentagcn gelungen, der Feier einen christlichen Sinn nnterzn- legen und diesen auch im Volksspiel zum Ausdruck zu bringen.— Z in öen Meltenraum. Von Camille Flamnmrion. Deutsch von Gertrud David. (Schluß.)- Auf fünfzig Millionen Milliarden Meilen. �ch setzte meine himmlische Reise fort und verließ das System der Sonne Alpha im Centanren, um mich nach den sternenbesätcn Tiefen des Nanmes zu begeben, in denen das Kreuz des Südens strahlt. Meine Reise führte mich durch sonnenreiche Himmelsräume nnd durch nächtliche Einöden. Die Sonnensysteme flogen an mir vorüber, einen Augen- blick aufleuchtend und mich mit ihrem Glänze blendend, um dann wieder in die ewige Nacht zu versinken. Der Zustand des Weltalls im Allgemeinen ist Stacht und Schweigen. Nur in der Umgebung der Sonnen ist Licht, und nur in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft, innerhalb ihrer Atmosphären Geräusch. Ich kam an Stcrngruppen vorbei nnd sah dort ungeheure Erdkugeln in einem für unser Auge fremden Lichte ihre Bahn rollen. Elektrische Schläge, mag- netische Schauer, gewisse undefinirbare Empfindungen, die ich zu verspüren glaubte, sagten mir, daß diese Welten für Organismen, wie die unserigen, un- bewohnbar sind. Tie Wesen, die diese merkiviirdigen Welten bevölkern, fühlen anders, sehen, denken anders als wir. Ich entsinne mich besonders, bei meinem Fluge einer Gruppe von vielfarbigen Weltkörpern begegnet zu sein, die durch drei Sonnen erleuchtet wurde», die in rubinrothem, smaragdgrünem und saphirblauem Lichte strahlten. Diese eigentümliche Beleuchtung— das heißt, seltsam für uns, gewohnt für Jene— berührte mich so wunderbar, daß ich nnch fragte, ob ich nicht durch einen Traum geneckt würde, ob es wirklich solche Schöpfungen geben könne. Eigentlich hätte ich diese Zweifel nicht einen einzigen Augenblick hegen dürfen, hatte ich doch selbst oft genug schon am Teleskop solche Vereinigungen von farbigen Sonnen beobachtet, die dem Astronomen so bekannt sind. Ich hielt an und näherte mich einem dieser Weltkörper. Ich fand ihn von Wesen bewohnt, die ans Licht gewoben schienen, deren Schönheit die zarten Farben unserer frischesten Rosen, unserer reinsten Lilien weit hinter sich ließ. Diese Wesen leben von der Luft allein, die sie athnien. Sie sehen sich nicht dazu verdammt, wie die Einwohner unseres Planeten, fortwährend unzählige Thiere hinzumorden, um damit ihre Körper zu füllen. Wie würden in ihren Augen die irdischen Menschen dunkel, schwer nnd plump erscheinen; sie würden sich ihrerseits fragen, ob wir wirklich leben nnd uns lebend fühlen. Ihre Schönheit, ihr Glanz, ihre Leichtigkeit weckten in mir durch den Gegensatz die Erinnerung an die irdischen Lebensbedingungen. Ich dachte daran, wie die brutale Gewalt hier die Alles überwindende Herrscherin ist. Täglich werden Millionen von Wesen getödtet, um das Dasein der anderen zu fristen. Ter Krieg Aller gegen Alle ist ein Naturgesetz in der Thienvelt, und die Menschheit hat sich noch so wenig ans ihrer thierischen Barbarei erhoben, daß fast alle Völker, wie zu den primitivsten Zeiten, das Joch der Sklaverei und Knechtschaft auf sich nehmen. So weit von der Erde entfernt, kam es nur zum Bewußtsein, wie ungeheuer groß die Beschränktheit der Bewohner dieses Planeten ist. Ich versuchte, im Räume nicht etwa die seit Langem nnsichtbare Erde, sondern nur unsere Sonne zu entdecken; aber es gelang mir nicht, sie aufzu- finden, noch irgend einen ihrer glänzenden Nachbarn. Die ganze Region des Nanmes, in der unsere schwimmende Insel gravitirt, war schon seit Langem wie ein unbedeutender Punkt in den Tiefen der Unendlichkeit verschwunden.... Das System von vielfachen farbigen Sonnen, deren organischer Reichthum in mir diese Erinnerung an die irdische Dämmerung wachgerufen hatte, schwebt im Räume in der 12 500 fachen Entfernung unserer Stachbarsonne Alpha von uns, also ungefähr fünfzig Millionen Milliarden Meilen weit. Das Licht braucht ineht als 43 000 Jahre, um diese Ent- fernnng zu durchinessen. Dennoch ist dies keine außerordentliche Entfer- nung vom astronomischen Staudpunkte. Das glänzendste Gesfirn an unserem Himmel, der Sirius, würde, in diese Entfernung versetzt, nur 3500 mal so weit von uns enlfernt sein, als er es wirklich ist, und würde uns zwölf Millionen Mal weniger Licht senden. Er wäre bei den neuen Fortschritten der Photographie noch ein wahrnehm- bares Pünktchen: er wäre ein teleskopischer Stern achtzehnter Größe. Dieser Sternmarkstein wäre also noch weit davon entfernt, die äußerste Grenze unseres Weltalls zu bezeichnen, das sich bis über die Sterne zwanzigster Größe hinaus erstreckt, und eine Anzahl von Sonnen, die sich auf mehrere Milliarden beläuft, zu um- fassen scheint. lind, wahrhaftig, wie ich meine himmlische Reise fortsetzte, hatte ich neue Abgründe zu überschreiten, begegnete ich neuen Welten. Aus weiter Ferne vor mir, über mir, tauchten sie aus der Nacht auf, wurden zu Sonnen, die den Raum mit ihrem bleu- denden Lichte erfüllten, die einen einfach, die anderen doppelt, dreifach, Viersach, bald in goldenem oder silbernem Lichte, bald in den prachtvollsten Farben strahlend, und von Erden mit unbekannten Mensch- heiten umkreist, dann rollten sie au mir vorüber und versanken hinter mir in die ewige Stacht. Verschiedene Bewegungen trugen üe nach allen Richtungen des Raumes dahin, wie Leuchtkugeln, die aus den Bon» quetts der Feuerwerke ausstrahlen, und Alles schien sich in einen Sternenregen zu verwandeln. Als ich mich den äußersten Grenzen unseres Weltalls näherte, wurden die Sonnensysteme immer spärlicher, nnd endlich fand ich mich im Schooße einer furchtbaren Leere, einer nächtlichen Einöde, in die nur von Ferne die Form und die Umrisse unseres Weltalls herüberschimmerten. Es hatte das Aus- sehen eines jener zahlreichen Sternennebel, die wir in den teleskopischen Feldern beobachten, und wurde kleiner und kleiner, je mehr ich mich in die Tiefen des äußeren Raumes verlor. Da bemerkte ich in der unendlichen Nacht über mir ein neues Weltall, das wie eine ferne, bleiche Nebelmasse im Ranme schwebte. Jetzt begriff ich, daß Alles, was wir während der sternklarsten Nacht sehen, und Alles, was die teleskopischen Forschungen uns schon entdeckt haben, nur ein Lokalgebiet eines Universums ist, und daß es noch andere Universums giebt, außer dem, in welchem unsere Sonne ein Stern ist. Im Unendlichen. Ich näherte mich diesem zweiten Weltall, das vor meinen Augen größer und größer wurde wie ein Sternenarchipel, und bald erreichte ich seine ersten Vorbnrgen. Ich durchflog es in seiner ganzen Ausdehnung, nnd ich fand, daß es ebenfalls aus vielen Milliarden von Sonnen zusammengesetzt war, die voneinander durch Millionen von Milliarden von Meilen getrennt waren. Und jenseits desselben breitete sich von Neuem eine Einöde von Stacht und Einsamkeit aus, gleich derjenigen, die ich zu durchschreiten hatte, um dieses zweite Weltall zu erreichen. Ich setzte meinen Ausflug fort, ich sah ein drittes erscheinen, nnd ich dnrchqnerte es. Ein viertes folgte ihm, dann ein anderes und noch eines. Und wenn ich die Einöden durchflog, die sie trennten, so entdeckte mein Blick, nach welcher Seite er sich auch wandte, in der Ferne inimer nnd überall nur Weltalle. Da begriff ich, daß alle Sterne, die wir jemals am Himmel beobachiet haben, daß die Millionen von lenchtenden Punkten, ivelche die Milchstraße bilden, daß die unzähligen Himmelskörper, die Sonnen von jeder Größe und Farbe, alle die verschiedenen Systeme Planeten nnd Satelliten, daß Alles, was die mensch- lichen Sprachen mit dem Namen Himmel oder Weltall bezeichnet haben, nur ein Jnselarchipel im Meere der Unendlichkeit, nur ein Ort, eine mehr oder minder bedeutende Stadt in einem unernießlich großen Reiche ist. In dieser Stadt des Landes ohne Grenzen ist unsere Sonne mit ihrem System ein Hans inmitten der Milliarde» anderer ähnlicher Häuser. Und ist sie in tieser Riesenstadt Palast oder Hütte? Wohl eher das Letztere! Und die Erde? Sie ist eine Kammer in diesem Sonnenhause, eine armselige Wohnung, ebenso winzig wie bescheiden. Unsere ganze Welt hat also in dem großen Haushalte der Natur keine andere Bedentnng als ein ärmliches Zimmer in einem großen Hause. Dieses Haus ist seinerseits in der Mitte einer ungeheuren Stadt verloren, und diese ungeheure Stadt, die für uns das ganze Weltall darstellt, ist dennoch in Wirklichkeit nur ein Weltall, über das hinaus in allen Richtungen des Raumes andere Weltalle in unendlicher Anzahl existiren. Wie weit ist es von dieser Wirklichkeit bis zu den menschlichen Anmaßungen, den früheren wie den gegenwärtigen, die sich einbilden, daß unsere Welt die Unendlichkeit ausfüllt! Wenn die Astronomie keinen anderen Erfolg gc- habt hätte, als den, unsere allgemeinen Anschauungen zu erweitern, uns das Verhältniß unserer Erde zur Unendlichkeit vor Augen zu führen und uns von der früheren Sklaverei des Gedankens zu befreien, so verdiente sie schon deshalb unsere ewige Dankbarkeit nnd Verehrung, denn ohne sie würden wir gewiß unfähig sein, richtig zu denken. 343 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Ich hatte mehrere Weltalle durchflogen, die von- einander durch Abgründe des Nichts getrennt waren. Am meisten hatte mich bei dieser allgemeinen Be- trachtung der Anblick der vielen fremdartigen Mensch- heilen in Staunen gesetzt, die in den verschiedenen Regionen des Raumes ihr ihnen eigenthiimliches Leben lebten, jede dahingerissen in den Strudel ihres Geschickes und ihrer persönlichen Angelegenheiten. Ja, während die Einwohner der Erde sich das Weltall nach ihrem Maße zurechtstutzen, giebt es Tausende, Millionen, Milliarden von Menschheiten, auf allen Stufen der geistigen Entwickelnng, in Sonnensystemen, von denen wir nichts ahnen, die aber für jene der Mittelpunkt ihrer Beobachtnngssphäre sind, und weit von denen unser irdisches Heimathland in unendlicher Entfernung verloren ist. Ich bemerkte auch erloschene Welten. Es ist eine Thatsache, die der Beachtung würdig ist, daß jede Existenz der Vernichtung zustrebt. Die Wesen werden nur geboren, um zu sterben; die Weltkörper machen nur die Perioden ihrer Lebensfähigkeit durch, um dann wieder von ihrem Gipfelpunkt herabzusinken, dem Verfall und dem Grabe entgegen zu eilen; die Sonnen flammen nur auf, uni wieder zu verlöschen. Der Tod ist also suxrerna lex— das oberste Gesetz, das Endresultat. Der Mathematiker kann heute mit ziemlicher Gewißheit den Zeitpunkt berechnen, an dem unsere Sonne erloschen sein wird, und wo die Erde wie ein Friedhof von Eis in der ewigen Nacht ihre Bahn rollen wird. Die ganze Geschichte der Niensch- heit wird sich in vollständiges Nichts auflösen. Die Zeit wird kommen, wo selbst die Ruinen zerstört sein werden. Infolge des Bestrebens der Energie, sich im Weltall in dauerndes Gleichgewicht zu setzen, wird das Leben ein Ende haben, auf der Erde wie auf allen anderen Weltkörpcrn. Doch wenn sich uns so Alles der Vernichtung entgegen zu neigen scheint, so ist es nur, weil wir das Gesetz von der Erhaltung der Kraft noch nicht kennen. Ein solches Ende ist undenkbar, da eine solche Annahme schon in ihren Voraussetzungen ihre eigene Verdanunung in sich trägt. Kraft und Stoff können, wie wir wissen, weder erzeugt noch zerstört werden, sie sind seit aller Ewigkeit vorhanden und folglich in Thätigkeit. Hätte also das Aufflammen der Sonnen im Räume nur den Endzweck ihres schließlichen Ver- löschens und mit diesem die Vernichtung des Lebens auf der Oberfläche der zu ihnen gehörigen Planeten, so dürfte es, da ja die Energie schon seit aller Ewigkeit darnach strebt, sich in dauerndes Gleichgewicht zu setzen, überhaupt keine Sonne mehr geben, dürfte kein einziger Stern mehr vorhanden sein. Nur im Verhältnis;, nicht zu einer ewigen Dauer, sondern nur zu einer Periode, die wie ein Blitz gegenüber dieser Daner vergeht, zum Beispiel im Verhältniß zu einer Trillion von Jahren dauert das Leben einer Menschheit, eines Planeten oder einer Sonne nur sehr kurze Zeit. Die Geologen sprechen von zehn Millionen Jahren als der ganzen Dauer der geologischen Perioden seit dem Erwachen des Lebens auf unserer Erde, die Physiker von 50 Millionen Jahren für die Dauer der llebergangsperiode unserer Erde vom flüssigen in den festen Znstand, die Astro- nomen von 100 Millionen Jahren als dem Alter der Sonne und etwa ebenso vielen als ihrer wahr- scheinlichen Zukunft. Wenn wir nun diese Zahlen verdoppeln, verdreifachen, verzehnfachen, ja selbst ver- hundertfachen, so kommen wir immer noch nicht auf den millionsten Theil einer Trillion. Wir können also behaupten, selbst ohne eine verflossene Ewigkeit anzunehmen, daß, wenn wirklich alle in den Sonnen aufgespeicherte Energie keinen anderen Endzweck hätte, als das Verlöschen, den Tod, wir in diesem Moment nicht existiren würden, daß nichts von alledem, was ist, sein würde. Das Weltall ist nicht beim Anbeginn der Dinge auf einmal geschaffen worden. Diesen Anbeginn selbst giebt es garnicht. Wir finden im Räume Sonnen von jedem Alter. Es giebt deren alte und es giebt deren junge. Hier Wiegen, dort Gräber. Wenn die ersten Schöpfungen, die durch die„Kraft" und den„Stoff" gebildet waren, sich nicht erneuert hätten, so würde es überhaupt kein Weltall mehr geben. Alle die ursprüngliche Energie, die die Sonnen belebt hätte, wäre erschöpft. Wie wir bei einem Gange durch einen Wald auf unserem Wege gestorbenen Eichen und grünen Bäumen mit jungen Trieben begegnen, so begegnet der himmlische Wanderer im Räume Weltkörpern, deren Leben seit Langem erloschen ist, anderen, die dem Verlöschen nahe sind, wieder anderen, die in voller Lebensthätigkeit stehen, und endlich solchen, die sich eben dem Dasein entfalten. Alles stirbt, aber Alles ersteht wieder. Unter den Himmelskörpern in voller Lebens- thätigkeit, die ich bei meiner Reise durch jene fernen Weltenränme besuchte, schien mir einer besonders bemerkenswerth wegen der Vollkommenheit seiner sozialen Verhältnisse. Obgleich diese Welt un- ernießlich weit von all' denen entfernt ist, die wir in den Tiefen des Ralmies bemerken können, ist doch die Menschheit, die sie bewohnt, in physikalischer Hinsicht nicht sehr von der nnserigen verschieden. Sie ist auch in zwei Geschlechter getheilt, und ihre orga- nischen Formen ähneln ein wenig denen unserer Rasse. Aber ihre sozialen Verhältnisse sind unvergleichlich fortgeschrittener als die nnserigen. Eine vollkommene Harmonie herrscht unter allen Gliedern dieser weiten Familie. Einfach und bescheiden, hat keines dieser Wesen einen höheren Ehrgeiz, als nach und nach in der Erkenntniß der Wahrheit und in der moralischen Vervollkommnung vorzuschreiten. Die Atmosphäre ist nicht genügend nahrhaft, und man ist wie bei niis genöthigt, zu essen, um zu leben. Aber man nährt sich hier ausschließlich von Früchten und Gemüsen und tödtet keine lebenden Wesen. Die Funktionen des materiellen Lebens nehmen nur einen sehr kleinen Theil der Zeit in Anspruch, man führt hier vorwiegend ein geistiges Leben. An Stelle der persönlichen Streitereien und Eifersüchteleien, die das Leben der Männer und Frauen auf der Erde ausfüllen, beschäftigt man sich fast nur mit Studien und Vergnügungen. Das Geld ist überhaupt nicht erfunden worden. Es giebt weder Reiche noch Arme. Die zur Nahrung nöthigen Früchte können überall gepflückt werden, weit über allen Bedarf hinaus. Da ein ew'ger Sommer herrscht, so hat man nie an irgend welche Bekleidung gedacht, denn die Körperformen bewahren innner ihre Schönheit und die Koketterie hätte nichts zu verheimlichen. Man altert hier nicht. Wenn für den Menschen seine Zeit gekommen ist, so schläft er ein, und sein Körper zersetzt sich wie eine Wolke, die durch den veränderten Znstand ihrer Moleküle unsichtbar geworden ist.. Kein Gesetz hat Heirathsfesseln eingeführt. Da es unmöglich wäre, eine Jnteressenverbindnng einzugehen, weil es keine Rangordnung und keine Vermögen giebt, so ist die Liebe die einz'ge Leiterin der Wahl. Es kommt selten vor, daß die Jahre eine Nichtübereinstimmnng der Charaktere entdecken lassen, die eine andere Wahl wünschenswerth erscheinen lassen könnte, aber wenn eine solche Disharmonie sich lvirklich zeigt, so hält keine Fessel die Galten zurück. Uebrigens bleiben sie ja nur Liebende und werden niemals Gatten. Ein Wunsch nach Ab- wechselnng, nach Veränderung aus Neugierde kommt selten vor, weil die Wesen, die sich frei gewählt haben, sich gegenseitig über Alles lieben und sich nur gewählt haben, weil sie sich kenne». Die Freunde sind sicher und treu, und man findet hier kein Beispiel von Eifersucht oder sonst einem niedrigen Gefühl. Im Gegensatz zu den Anschauungen, die bei uns vertreten sind, würde hier jeder Atensch, dessen Leben von unedlen Motiven der Habsucht oder des Ehrgeizes geleitet wäre, als ein unglaubliches Monstrum angesehen und von Allen auf das Tiefste verachtet werden. Es giebt hier auch keine Völkergrenzen. Die Menschheit bildet eine Rasse, eine einz'ge Familie. Die Verbindung zwischen allen Theilcn des Globus ist durch eine besondere Art Sprache hergestellt, die mit der Schnelligkeit des Blitzes fliegt. Ein Ver- waltungsrath, der durch die allgemeine Volks- abstimmnng eingesetzt ist, leitet die Arbeiten, die sich auf das öffentliche Erziehungswesen, auf die Wissenschaften und Künste, auf die Rechtspflege be- ziehen. Aber diese Wählermasse ist aufgeklärt und überträgt ihre Stimme nur den bestnnterrichtctcn und hervorragendsten Menschen. Es ist wohl über- flüssig hinzuzufügen, daß ein Kriegsministerimn hier niemals eristirt hat. Das Volk, das sich durch seine Vernunft leiten läßt, verlangt nach keinem Fetisch- Kein patriotisches Gefühl kann hier ausgebeutet, jn nur erfunden werden, weil es keine Grenzen giebt, die die Menschen voneinander trennen. Man hat hier keine offizielle Wisscnschnst eingerichtet. Keine Sorbonne hat die Bewegungs- theorie verdonnert, keine Akademie hat die Jdcc des ewigen Friedens für Unsinn erklärt. Man bemerkt hier keine Titel und Anszeichnnugrw man werthet nur den geistigen und moralischen Ge- halt einer Person. Das Wort Unfehlbarkeit giebt es in der Sprache dieses Volkes nicht. Eine einzige Religion herrscht in den Geistern und in den Gemüthern: die Religion durch dre Astronomie. Die weit überlegenen Fähigkeiten dieser Geschöpfe, ihre zahlreicheren und schärferen Si»>u', ihre bedeutenderen BeobachtnngSinstrumente Huben sie seit Langem mit den Weltkörpern in Verbindung gesetzt, die sich in ihrer Umgebung befinden, und f,c haben es verstanden, sich der Anziehungskraft ul--' Verkehrsmittel zwischen den Welten zu bedienen. Sie haben das Geheimniß der Verbindung vo» Kraft und Stoff entdeckt und wissen, daß es dorl eine wesentliche Einheit giebt. Ihre Religion besteht darin, daß sie versuchen- besser und vollkemmener zu werden durch das fort- gesetzte Studium der Natur, und daß sie einander mit der Liebe der Gleichheit und Brüderlichkeit lieben- Von dort ans hat man niemals die Erde gesehen, und kein Mensch ahnt etwas von ihrer Existenz- Sie schienen mir vollkommen glücklich, obgleich von einer außerordentlichen nervösen Feinfiihligke>b Sie verbringen den größten Theil ihres Daseins»w den ausgesuchtesten Vergniignngen. Ihre Welt ist eu> ewiges Eden, das fortwährend neu ersteht. Der Duft der herrlichsten Blumen, der Anblick der schöustc» Landschafwsz.merien, der vollkommene Gesang ihr0 Vögel ergötzen ihre Sinne... -i-* * Während ich dieses wunderbare Schauspiel trachtete, fühlte ich mich umflossen und durchdrungeu von Tomvellen, die meine entzückte Seele in d� herrlichsten Melodie wiegten, die ich je gehört hatte- Die Empfindung einer wahrhaft himmlischen Ast- z'ehung schien mich ans einer Wolke nach einer Justt herabzutrage», auf der sich ein Palast von Bluuu'U erhob. Ich empfand eine Art elektrischen Schauer, und... ich fand inich in einem weiten Ariustuht sitzend, nahe dem hohen Fenster eines venetianischeu Balkons. Eine mit Musikanten besetzte Gondel ku»> vom Lido durch den großen Kanal zurück; die Ju- sassen sangen harmonische Chöre, der Himmel funkelle in seiner Sterncnpracht, Luna versank hinter de» Kirchthürmen und Mars stieg nach dem Horizostle herab. Die alte Thurmnhr ließ langsam die zwstfl Schläge der Mitternacht ertönen.„So war tat also eingeschlafen", sagte ich mir.„Mehr als zwel Stunden sind es, daß ich an diesem Fenster st�- Ter Mond hat inzwischen 7300 Kilometer auf se'lieJ Bahn um die Erde durchlaufen, die Erde selbst b"' bei ihrer Drehung um die Sonne 212 000 KilowAE zurückgelegt. Sanfte Anziehung, du führst die Weist körper durch den Raum, vielleicht führst du ebenia die Seelen durch die Zeit. Schöner Stcrnenhiunuel- der du uns schon so viel gelehrt hast, wirst uns nicht bald das große Weltenräthsel ganz löst'» helfen? Auf dich setzen wir unsere Hoffnung, bst allein kannst uns unterrichten, du nur vermagst ust"5 einst das Geheimniß der Unendlichkeit und der Ewig- kcit zu entschleiern."— Die Acue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 343 Kin W o e t?-4� lTchluß) nf der Straße aber weilte noch immer Bern- hofer. Eine dumpfe Betäubung hatte ihn nach . den Aufregungen der letzten Stunden über- tonmen. Er sah sich um und fand sich in einer fremden liegend; die Nacht narrte ihn, und durch ein Winkel- verk von Gassen fühlte er sich beirrt, lind miihsam I �id suchend strebte er dem Strome zu. Er war weit pn seiner Behansung und mußte nun doch heim- lehren, so sehr er sich davor gefürchtet. Mit un- Reichen, aber raschen und fördernden Tritten ging F längs des Wassers und sah auf das Eis, das I!lch manchmal staute. Dann knirschten die Blöcke I vernehmlich, rieben sich aneinander, ehe sie sich nach Äer Weile wieder mit leisem, mahlendem Geräusche Leiter schoben. Ihn zog ihr Spiel übermächtig an. pazu fielen Lichtstreifen in die dunkle Fluth, liefen über die schneebedeckten Böschungen und theilten� das VWvässer in schwarze, hellgesä'nmte Felder; wechselnd Achteten die Schollen fast farbig auf, wenn sie so '»'s Licht trieben und abwärts tveiter trifteten. Er blieb einmal sogar stehen, um dies Spiel besser zu beschauen. Plötzlich wandte er sich; ihm war ein Schauer durch die Seele gelaufen, zuckend, nnwider- "ehlich. Ihm fiel der Aberglaube ein: wem das grundlos geschieht, der ist in diesem Augenblicke über 'ein Grab geschrltten. Aber nein— den Tod nicht. pn schwarzer Gedanke, der bis dahin im tiefsten Stunde seiner Seele in sich gekauert gewesen, erhob N machtvoll und überschattete Bernhofer's ganzes pein... Er sah nach der Uhr— einer werthvollen, alter- 'biimlichen Uhr, die er sich bisher erhalten hatte, bie das letzte Erbstück seiner Eltern war, das sich »»ch in seinen Händen fand. Sonderbar; ihm kam's pbei, daß sein Weib sie verkaufen könne, wofern petwa— er deutete sich's so— unversehens stürbe. !enn es war eigen und es befremdete ihn, wie sich pii alle seine Gedanken plötzlich auf den Tod be- logen. Und inmitten dieser Erwägungen, so unklar, büß sie nur, ein unfaßliches Schattenspiel, durch pin vom Punsch und von Erinnerungen an seine piden erhitztes Gehirn huschten, kam ihm ein Zorn per sich selbst, daß er seine Seele nnd sein Grämen K solch' einem windigen Gesellen ausgeschüttet hatte, bin er nicht mochte, noch je gemocht. Warum nur? p betraf sich plötzlich auf einem Grunde, der seine Wangen mit starker Schamröthe färbte. Nein, das dar doch nicht möglich... Er konnte nicht so tief ptunfen sein, sein Geheimstes einem ihm wider- dortigen Menschen zu offenbare», nur damit ihn der— zechfrei halte. Es war widersinnig, toll; pd dennoch preßte er die Stirn in beide Hände, p könne er so das Hämmern in seinen Schläfen «"iederzivingen, dennoch keuchte er und rang nach Luft. bind ein Haß gegen Jenen, vor dem er sich nutzlos f° ungeheuerlich erniedrigt, nnd gegen sich selbst dachte in ihm auf. Dazu aber schnob ein herber iDud, der sich kaum aufgemacht, stroinablvärts nnd I'leijg jhm entgegenwehte. Der fegte die Nebel fort; l"aii sah weithin die lichterhellen Bogen der Brücken Über die finstere Donau gespannt; er sah Dirnen, Ipk'culs einem Bezirke in den anderen wechselten, 'hn, siel, er Ivußte nicht wie, das Jägerwort ein. pne davon trat ihm hart und frech in den Weg. I Haute ihm unter den Hut, lachte und wendete sich dit einem kurzen Pfiff. Sonst war ihm eine solche pgegnnng immer ein Ekel gewesen; an jenem Tage dar er weich nnd wehleidig. Immer den Fluß auf- därts ging er; noch an zwei Brücken vorbei; einer puderen Kaserne vorüber, deren rother Ziegelbau mit pnen Zinnen nnd Thürmchen phantastisch in das pinkel stach. Die hohen Hänser jenseits des Donau- pials waren verschwunden, man sah fast keine Ge- pnde mehr. Dann kamen Holzplätze nach Holzplatz; p scharfer Geruch füllte die Luft. Endlich war l'r zu Hause; er trat, bevor er die Stiege erklomin, '» den Hofraum nnd lugte aufwärts. Thurmhoch ffber'm Pflaster wachte noch ein Licht. Er sah dazu N und seufzte. Erzählung von I. I. David. Müde, aber ohne Spur von Schläfrigkeit, kam er oben an. Im Vorzimmer legte er vorsichtig die Schuhe ab, um die Leute nicht zu wecken, von denen sie ein Zimmer zur Untermiethe hatten. Sein Weib war noch wach; sie kam ihm bis zur Thür ent- gegen, und sie begrüßte ihn mit einem 5kusse, wie ihn Gewohnheit in der Maske der Herzlichkeit giebt und empfängt. Das Bett war aufgemacht nnd sauber nnd wohlgehalten; auch ein Ruhebett war schon für die Nacht hergerichtet. Aber die Stube war sehr kahl; man roch den schweren Dunst der Petroleum- lampe, die möglichst tief niedergedreht worden war. Der Raum erschien groß, so wenig er eigentlich für Zweie genügen mochte. Ein Schönheitssinn, der allenthalben an der Unzulänglichkeit seiner Mittel krankte, hatte an seinen Wänden nnd an den Fenstern herumgeschmückt. Er setzte sich an den Tisch, und sie stellte wortlos einen Teller mit etwas Essen vor ihm hin. Der Stickrahmen mit einer fast fertigen Arbeit lag auf ihrem Schooß; schweigend sah sie ihm zu. Jhm aber war, als glömme ein unruhiges, hungriges Licht in ihren Augen, die sonst sehr schön, still nnd braun waren. Sie hatte sich's schon zur Nachtruhe bequem gemacht; in Allem, wie sie sich benahm, war Ruhe, eine gewisse Sicherheit und Anmnth, aber auch eine lasse Müdigkeit, die schlecht zu ihren gewellten, glänzenden und eigenwilligen Haaren und der nnversieglichen Lebenslust paßte, die auf dem Grunde ihrer Augen schlief nnd träumte. Er schob mit einer fast heftigen Geberde den Teller von sich.„Ich mag nicht mehr. Hast Du schon gegessen?" Sie lächelte unmerklich und wurde viel hübscher dabei, gewann einen Abglanz ihrer Jugend wieder: „Natürlich! Ich konnte doch nicht warten! Weiß ich denn, wann Du in die Wolfsaugasse kömmst?" „Und Du hast bis jetzt gestickt?" „Nicht immer. Ich muß freilich daznsehen, daß ich etwas verd'ene. Aber dazwischen Hab' ich ge- lesen. Auch in Deinen Sachen, Josef!" „Nun, haben sie Dir gefallen?" Sie sah ihn ruhig und schlicht an:„Dn weißt ja— ich Hab' sie lieb. Und es ist etlvas darin, >vas niir so an's Herz greift. So ein Dämmern, so ein Klingen: ich hab's gern. Mich ergreift's, es ist mir so, wie der Zug der Wolken; jetzt haben sie Form, und sieht man zu, so haben sie wieder keine. Und ich weiß auch: Dein Herz hängt an den Sachen und ist in ihnen. Dein gutes Herz, das sich ausklagt." „Ausklagt— und kein Ohr hört darauf," stöhnte er tonlos. „Man wird's schon noch. Nur Geduld!" „Das glaubst Du selber nicht mehr," kam's jäh zurück. Sie zuckte zusammen, blinzelte zu ihm hinüber und Thränen schössen ihr in die Augen:„Aber Josef!" „Ja, Du glaubst es nicht mehr. Ich glanb's nicht mehr. Aber— wir belügen uns. Es geht uns so schlecht, daß wir Komödie mit uns spielen, damit wir nicht gar zu sehr haltlos sind und nicht völlig aneinander verzagen. Aber das hilft nichts, nnd es geht nicht mehr. Wir haben kein Vertrauen mehr..." Sie sah ihn entfetzt an:„Aber das wäre ja schrecklich. Dn hast wieder nichts gefunden heute? Es ist Dir wieder schlecht gegangen?" „Wie immer," antwortete er bitter,„und so wird's fortgehen... bis zum Ende..." „ Aber Josef... Man muß... Man muß doch..." Ihm gefiel seine Unerbittlichkeit.„Man muß wahr sein nnd die Augen offen halten..." Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn:„Man muß auch an Gott denken. Freilich, mir kömmt es vor, er hat uns vergessen oder ich bin ihm unleidlich geworden, weil ich gar zu oft und gar zu inständig komme. Aber ich kann's kauni mehr erwarten, daß es besser wird, ich kann nicht, ich kann nicht!" Da war's! Die Klage, die er zu hören ge- wünscht, da quoll sie heiß nnd ungestüm ans ihrem Tiefsten. Sie aber fuhr fort: „Und bekämst Dn nur eine Stelle! Und wär's die kleinste, nur als Schreiber! Ich hätte nie ge- dacht, daß ich so etwas für Dich wünschen iniißte, niemals! Ich war zu stolz auf Dich..." „Dn warst?" „Ach, ich weiß nicht, was ich rede. Aber ich bin's noch. Wie wollt' ich sparen! Wie Alles zu Rath halten! Ich war nie leichtsinnig und ich möchte weiter sticken und so auch beisteuern. Und Du bliebest auch nicht so klein, wie Dn anfangen möchtest; ein Mann, der so viel gelernt hat! Nur daß man etwas Gewisses hätte; daß man nicht so leben müßte: Fällt wer vom Dach, wenn Du vorbeigehst, oder hörst Tu's zuerst, wenn sonst wo ein Unglück ge- schieht. Es ist so schrecklich, eigentlich nur vom Schlechten leben zu sollen, was auf der Welt ge- schieht. Und es � ist so traurig, immer rückwärts gehen, ohne vorwärts zu kommen, auch nur einmal, auch nur einen Schritt. Ich sterbe daran, Josef, ich Hab' den Tod davon. Ich werde wahnsinnig vor solchen Gedanken! Und ich bin so gar viel allein; nnd ich mag die Leute nicht, bei denen wir wohnen, daß ich bei ihnen meine Ansprache hätte." „Und Du hast noch vorhin anders gesprochen..." „Weil ich nicht denken will, das soll immer so sein. Ich will nicht. Eher..." Er stand auf und trat zum Fenster.„So nahe dem Himmel und man sieht keinen Stern!" rannte er. Sie stellte sich neben ihn.„Worüber denkst Du nach?" Sie sprachen ganz leise und es lag etwas furchtbar Verftörendes nnd Aufreizendes in diesem Austausch von Worten, so hingehaucht und abgerissen, als graute den Beiden vor sich selber und vor den Gedanken, denen sie Laut gaben. „Ueber das Letzte." „Und was ist das Letzte?" Er bog sich zu ihr, sein heißer Athen, hauchte ihr in's Ohr:„Der Tod..." „Um Jesus und alle Barmherzigkeit! Josef!" Seine Hand lag an ihrer Hüfte:„Ja! Wir können nicht zusammen leben. Mein Revolver hat sechs Schüsse. Willst Du mit mir sterben, Leni?" Sie taumelte von ihm fort; mit weitanfgerissenen Augen. Auf das Bett setzte sie sich und faltete ganz rührend die Hände:„Nein, nein Josef..." „Und warum nicht? Ist's nicht besser?" „Nein, nein! Ich thn's nicht. Ich will nicht noch um's andere Leben kommen, nachdem ich um das gekommen bin." „Durch mich, Leni?" „Hab' ich so was gesagt? Nein, nein, ich thn's nicht. Ich bin zu jung dazu. Und bin ich denn so verloren? Es kann besser werden. Ich könnt' mich schon noch fortbringen, allein. Ich könnt' am End' in Dienst geh'n. Und ich kann ja Manches. Nur etwas Geld, wenn ich's hätte. Nur so viel, daß ich den Zins für eine Zeit hätte nnd mir eine gnle Nähmaschine kaufen könnte nnd nicht auf's Abzahlen, daß man sich nicht erholen kann. Und da soll ich sterben? Nein, nein, ich thn's nicht!" So sehr verstörte sie der Gedanke an den Tod durch eigene Hand, daß sie fast schrie. Er fühlte, wie sie sich nach zehnjähriger Gemeinschaft von ihm loslöste und trennte in diesem entscheidenden Augen- blick. Er kniete vor ihr nieder nnd umschlang sie fast leidenschaftlich:„Gute Nacht, Leni!" Sie streichelte ihm den Kopf, der in ihrem Schooße lag, fuhr ihm durch das Haar:„Nicht wahr, Pepi, nein, nein!" Die Lampe war erloschen. Nur von den be- schneiten Dächern drang noch ein fahles Blinklicht in die Stube. Auf seinem Ruhebette lag Joses Bernhofer und starrte in das Dunkel und nach seinem Weibe hinüber. Das konnte offenbar keinen rechten Schlaf finden, kehrte sich häufig um und flüsterte im halben Schlninmer. Er verhielt sich ganz regungslos und dachte viel nnd verworren. 344 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Manchmal nickte er ein: dann schrak er nach einem Weilchen immer Mieder in jähem Entsetzen auf, das noch lange in ihm nachzitterte, bis ihn eine Miidig- keit übermannte für Augenblicke. So verging der Rest der Nacht. In der ersten, bangen Frühe erhob er sich. Sein Weib hörte ihn im Zimmer herum- rumoren, dann einen Stuhl an den Tisch rücken. Er wollte also arbeiten, und sie mar längst gemöhnt, sich dabei ganz still zu verhalten; auch konnte sie sich vor Uebermüdung kaum regen. Tann fühlte sie einen Kuß auf ihrer Stirn und hörte die Thür gehen. Es schien ihr, als bleibe er zu lange fort, der sonst niemals vor dem Frühstück ausgegangen war, und sie erhob sich und sah sich um. Auf dem Tische fanden sich einige Briefe, schon in ihren Umschlägen und mit der Aufschrift versehen. Sie sprang auf, Verstöruug im Blick und in der Seele. Da sah sie seine Uhr, von der er sich noch nie ge- trennt, auf ihrem Platze hängen. Ihr Herzschlag setzte aus; sie stieß einen gellenden Schrei ans und stürzte in Ohnmacht zu Boden... Es war um die zweite Stunde nach Mittag. Dr. Wortmann hatte eben seine Arbeit für das Abendblatt vollendet und freute sich nun der hellen Sonne, die über dem Ring lag und die einen an- genehmen Spaziergang vor Tische verhieß. Da brachte � ihm einer der Diener einen Brief. Eine fremde Frau, die sehr verweint, aber sonst noch jung und hübsch aussehe, habe ihn abgegeben. Er öffnete ihn mißtrauisch, ein loses Blatt fiel heraus. Und nun las er: „Hochverehrter Herr Doktor! Es ist meine Absicht nicht bei Weitem, Euer Wohlgeboreu Zeit lange und in unnützlicher Weise in Anspruch zu nehnien. Es ist nur mein Wille, Ihnen meinen besten und ehrlichsten Dank finden großen Dienst, den Sie mir gestern zu Nacht erwiesen, geziemend abzutragen. Ich war ein ver- zagter Mensch geworden; so sehr, daß ich nicht einmal den Muth mehr aufzubringen vermochte, den Kelch der Leiden mit einem kräftigen Zug zu leeren, sondern ihn Tropfen um Tropfen leerte. Nun und durch verschiedene Umstände fand ich ihn; ich klammere mich nicht mehr an ein trauriges, man könnte fast sagen, an ein gänzlich zerstörtes Leben, nicht mehr an einen Beruf, für den ich keinerlei Begabung zu besitzen fürchten muß. Heute schließe ich ab, und zur Stunde, wenn dies vor Ihre Augen kommt, bin ich nicht mehr, und mein Weib ist eine gänzlich verlassene und aller Mittel entblößte Waise. Ich habe, wie Sie in Ihrem Scharfsinn, obzwar ich meinen Ehering, als ver- kauft, nicht mehr trug, dennoch richtig erkannten, ein Solches besessen. Ich habe das Vertrauen, sie werde sich allein leichter in der Welt fort- bringen, als niit mir, und hoffe nun von Euer Wohlgeboren Güte, daß Sie ihr entweder durch Ihre vielvermögeude Empfehlung bei der Kon- kordia, oder vielleicht im Wege einer Sammlung unter Euer Wohlgeboren Kollegen und durch lieber- Weisung dessen, was mir noch an Honorar zu- steht, einigermaßen dazu behiilflich sein werden, daß sie sich das Nothwendigste, etwa nur die Roth' dürft des Lebens erwerben zu können hofft. Wer streng ist, ist auch gut. Dies ist meine Hoffnung und mit diesem Tröste verharrt und stirbt Ihr unglücklich gewesener Josef Bernhofer." In starker Bewegung hatte Dr. Wortmann diese Zeilen gelesen. Nun nahm er die zweite Zuschrift auf. In aller Form einer Notiz stand darauf: „(Selbstmord.) Heute Morgen wurde im Prater nächst der Krieau der Leichnam eines etwa vierzig' jährigen Mannes gefunden. Der Unglückliche, der sich durch einen Revolverschuß in die rechte Schläft getödtet hatte, wurde durch die bei ihm vorgefuudeue» Papiere als der Dr. pdil. Josef Beruhofer, der zulegt ab und zu als Berichterstatter bei hiesigen Journale» Verwendung gefunden hatte, agnoszirt. Nahrungs' sorgen und die Furcht vor der Zukunft möge» de» verheiratheten Mann in den Tod getrieben haben." Mit dem Rothstift in der Hand durchflog er diesen Bericht, der so klar war, wie der Brief»eF worren gewesen. Dann warf er ihn fast zornig ht»- „ Es ist schrecklich— jetzt, wo der Mensch schreibe» kann, jetzt erschießt er sich," nahm einen Boge» Papier und schrieb überlegend:„Für die des"— er strich das„des"— für die Frau vo» — auch das gefiel ihm nicht— endlich:„für d� Wittwe unseres armen Kollegen Josef Bernhofer, und zeichnete sich als Erster und mit einem anieh»° lichen Betrage ein.— euiLLeton. Vorstadt. Mie Häuser ragen himmelwärts � Durch Kohlenstaub und Lualm und Lual, Mus jedem Fenster zuckt der Schmerz, Erstickter Lampen müder Strahl. Im Schalken liegt der Schienengang, Dir Riesengasometer droh'n, Mit rothen Flammen, unruhbang, Die Essen der Fabrilien loh'n. Doch an der Vahngeleise Saum, In Schollen grauen Mckerlandes, Mus Wüsten unfruchtbaren Sandes Vrigk feine Vlükhen ein Hollundrrbaum. Der träumt mit russverhang'nrm Duft, Den schwere Winde zu mir wrh'n, In'» Schweigen mitlernächt'ger Luft, Wo meine Schritte eiitsam grh'u. Paul Rclving. Hungrige Mäuler. Schon seit einer Stunde wollte das kleine Volk keine Ruhe mehr geben, bis die große Schüssel mit dem dampfenden Kartoffelbrei ihm ausgeliefert wurde. Ohne viel Federlesen stellt sie die Mutter auf die Dielen, und die vier Großen hocken sich ini Kreise herum— Stuhl oder Tisch für die Kinder giebt es in dem ärmlichen Raum nicht, der der Familie als Küche, Wohnstube und Alles in Einem dienen nmß. Nur die Aelteste schöpft sich ihr Theil zunächst auf den Teller, die Anderen brauchen derlei Formalitäten nicht: den Löffel in der einen, einen Kanten Brot in der anderen Hand, so greifen sie die Riesenschüssel an. Daß sie sie überwältigen werden, scheint schier unmöglich und wird doch in wenigen Minuten durch die That bewiesen sein. Nesthäkchens Magen ist dem Kartoffelbrei noch nicht ge- wachsen, es bekommt seinen eigenen Brei; die Mutter hat es ans den Schooß genommen und löffelt ihm sorgsam die Suppe ein. Es ist nicht so leicht, die fünf hungrigen Mäuler zu stopfen, für die Mutter nicht, der die Fünfe viel Scheercrei machen, und auch nicht für den Vater, der den ganzen Tag draußen ist, nni das Nöthige her- beiznschaffen. Wie die Orgelpfeifen, so regelmäßig ab- gestuft stehen sie beieinander— wie sie so gut gedeihen, gewiß eine Freude für die Eltern, aber zugleich die Ursache schwerer Sorgen und Mühen. Da müssen freilich die Kartoffeln, die in dem»lorbe ans dem Schemel wie ein Wahrzeichen thronen, den Haupttheil des Mahles her- geben.— Nachbilder. Tritt man ans dem Hause oder gar aus einem Keller heraus auf die von der Sonne be- schienene Straße, so sieht man zuerst fast alle Gegenstände in blendender Helligkeit, Allmälig läßt dieser Eindruck nach, die Tinge werden sichtlich minder hell, und nach einer Weile findet man selbst die hellsten unter ihnen, weiße Wolken, ivciße Kleider u. dgl, ganz erttäglich. Die gleiche Beobachtung macht man bekannilich auch in unigekehrter Richtung. Verläßt man des Abends gut beleuchtete Räume, um den Weg nach Hanse anzutreten, so erscheint die Landschaft oft von einer undurchdring- jicheu Schwärze; man begreift nicht, wie man da seinen Weg finden soll. Ist man aber eine Zeit lang draußen, so zeigt sich, daß Alles besser geht, als man gedacht, und man konstatirt oft mit Verwunderung, daß die Nacht im Grunde garnicht einmal besonders dunkel ist. Die auf das Auge einwirkenden äußeren Reize, so führt Ebbinghaus, dessen„Grundzügen der Psycho- logie" wir diese Darstellung entnehmen, aus, bleiben in diesen Fällen zwar nicht ganz dieselben, sind aber doch längere Zeit hindurch sehr gleichartig, und ttotzdem ver- schieben sich die von ihnen hervorgerufeneu Eindrücke allmälig; das anfänglich Helle wird allmälig dunkler, das Dunkle heller. Dabei geht aber noch eine andere Veränderung vor sich. Wenn Abends bei zunehmender Dämmerung die Lampen angezündet werden, sehen wir zunächst mit völliger Bestimmtheit, daß ihr Licht eine ausgeprägt gelbe Färbung besitzt. Haben sie eine Weile gebrannt, so geht uns dieses Bewußtsein verloren. Ihr Licht sieht tveiß aus, und Gegenstände, die uns bei Tage weiß erscheinen, machen jetzt unzweifelhaft denselben Eindruck. So verhält es sich allgemein. Wenn das direkt durch die Pupille in s Auge fallende diffuse Himmclslicht als weiß betrachtet wird, so ist das, was wir gewöhnlich mit ungeschütztem Auge als Himmelslicht sehen, noth- wendig etwas röthlich. Denn außer durch die Pupille dringt immer Licht seitlich durch das Weiße im Auge und ertheilt allen Nebhautbildern objektiv einen kleinen Znsatz rother Strahlen. Von dieser Färbung indeß nehmen wir direkt nichts wahr nnd� können nur unter besonderen Ilmstünden feststellen, daß sie in der That vorhanden ist. Auch bei viel satteren Farben ist die allmälige Verschiebung in S Neutrale noch leicht zu be- obachten. Wenn man ein buntes Glas, am besten zwischen Gelb und Blangrün, so vor die Augen nimmt, daß diese auch seitlich kein anderes Licht als durch das Glas hin- durch empfangen, so ist es erstaunlich, wie schnell z. B. beim Bettachten des Himmels der Eindruck der Färbung zurückgeht. Schon»ach wenigen Minuten ist nicht viel mehr als nur eine Spur von ihr zu erkennen, und nach längerem Tragen des Glases sind die Wolken, kalk- getünchte Mauern usw. ganz wieder so weiß geworden wie vorher. Plan b ezcichnet diese Erscheinungen als G e w ö h n n n g, oder, da dieses Wort zu allgemein ist, als Adaptation. Bedeutend besser noch als bei dem gewöhnlichen Gcbr»»� der Augen, mit seinem steten Wechsel der Netzhautbil»'' tteten die Adaptationserscheinungen hervor, tveim>»» einen Punkt streng sixirt, so daß also die einzelnen-»ci?- hautstellen längere Zeil in genau derselben Weise ilffw werden, wie bei der sogenannten lokalen Adapia»»- Legt man ein Stück schwarzen Sammcts neben ein B» weißen Papiers und fixirt sanhaltend einen Punkt» Grenzlinie beider, so überzieht sich bald die>'»>>»»! Fläche mit einem grauen Nebel, der langsam Heller»»' die weiße dagegen, allerdings in etlvas geringerer-Le lichkeit, mit eincin grauen Schatten, der sich alli»» <----<------ � crt-C.f:----- f-< /Sti-nrtllb'1' uivicu,»in cmciu ytuueu>ou;uucu, vtt. nw— verdunkelt. Beide, der Nebel soivohl>vie der Schatte- gehen aus von der Grenzlinie, wo sie auch dauernd»' stärksten bleiben, und verbreiten sich von hier aus die übrige Fläche. Ihr Fortschreiten geschieht dabei»>« ganz gleichförmig, sondern so, daß einzelne Strad" oder Wolken, die namentlich aus der Grenzlinie tinw wieder hervorzukommen scheinen, dem Uebrigen v»'.».,, eilen, ähnlich wie wenn sich eine Rauchwolke la»»'» ausbreitet oder eine angehauchte Fensterscheibe si»> Ulf einer Eisdecke überzieht. Ab und zu blitzt nebe». Grenzlinie ein Heller Saum auf, der bedeutend heucc � als das anfänglich gesehene Weiß und oft gcr»»� blendend erscheint, oder auch ein schtvarzer Sauin, dann seinerseits dunkler ist als das anfängliche Schwaß Beides rührt davon her, daß es kaum möglich ist, lang, � Zeit absolut genau zu fixiren. Die Augen irren». mehr bisweilen etwas nach rechts oder links ab,. � dadurch fallen dann die äußeren Reize auf entgegengn � adaptirtc Neuhauttheile. An und für sich sind die&al t hier nebensächlich, sie dienen aber dazu, im AW» j ihres Austtetens den angrenzenden Schatten oder durch Kontrast noch etwas zu verstärken und all» vorgegangenen Veränderungen besonders deutlich zuhcben.— » ■©-O» ArcrEisches SprricHrvort. Vergessen wird überstandcnes Leid, Auf kommendes ist man bedacht, Die Mutler des Ermordeten schläft, Wenn die des Bedrohten noch wacht. AlaximUtan B-r»� Alle für die Redaktion der„Neueu Kcl> bestinimten Sendungen sind nach Berlin, SW l'' Beuthstraffe 2, zu richten. Nachdruck des Inhalts verböte»! veranlwortltcher Redalteur: Oscar Kühl tn Tharlottenburg.— Verlag: Hamburger Buchdruckeret und Bertagsanslall Auer&. So. tu Hamburg.— Druck: Mar Babing in Berlin. i