5� 47 SSUuflvivie l�ln�levhanuvLQ&heüciQe. 1399 i. Sonne eines Herbsttages schien strahlend auf ein armes Bauerndörfchen des Spessart und holte aus der Dunkelheit der versallenen Strohdächer und schmutzigen Gassen das Elend hervor. In einem Hofe etwas abseits vom Dorfe, der zu einem nicht ganz arm anssehendeii Hause gehörte, lag ein kleiner Bauernbube von etwa fünf Jahren auf der steinernen Hänstreppe nud blinzelte Unter dem gelben Flachshaar hervor nach einigen kleinen Ferkeln, die blitzblank gewaschen, verlangend nach der Suhle blickten, die die Räder der Wagen gc- bildet hatten. Wehe jedoch, wenn eines der Rüsselthiere es wagte, seinen Körper nach jener Richtung hin in Bewegung zu setzen. Der kleine Bube sprang auf, lief ihm entgegen, und eine Haselgerte schwippte unbarmherzig auf die weiße glänzende Haut nieder. „Wenn ich Euch gewaschen habe, wird sich nicht wieder schmutzig gemacht," murmelte er dabei zwischen den Zähnen durch., Einmal jedoch vergaß er fast seines Amtes. Das war, als die Magd aus der Scheune kam und unter deni Arm einen Kasten trug, der auf zwei rundgeschnittenen Brettern ruhte, daß man ihn schaukeln konnte, wenn man ihn auf den Boden stellte. Damit schritt sie, ohne aufzublicken, eilig über den Hof, und ihre derbe Gestalt verschwand unter dem leisen Klatschen, das ihre nackten Füße auf den Steinen hervorriefen, im Hause. „Minnal" rief der kleine Bube ihr nach. Sie hörte nichts. Das war seltsam; der kleine Ludwig, so hieß der jugendliche Schweinehirte, rieb sich die gelben Flachshaare aus der rotheu Stirn. Was hatte es zu bedeuten, daß der Herr Doktor heute dagewesen war mit einer dicken Frau, die noch in der Stube hcrumhaiitirte, daß die Mutter liegen geblieben war? Mit einem Male kam ihm eine große Neugierde, zu erfahren, was in der Stube los sei. Rasch sprang er auf nud lief quer über den Hof nach dem Schweinestall. De» sperrte er auf und mit einem:„Hüo, hüo!" raunte er dann mit er- hobeuer Faust gegen die grnnzenden Ferkel an, wie er es wohl bei den Knechten gesehen hatte, wenn sie das Zugvieh durch Drohung zu etwas bewegen wollten. Die geängsteten Thiere liefen ein paar Mal im Kreise umher und drängten dann mit zu Boden gesenktem Rüssel in den Stall. „Ich will Euch!" sagte der kleine Kerl, schob sorgsam den Riegel vor und machte sich auf den Weg zur Stube, die den ganM Dag für ihn ver- schlössen gcloeseu ivar. Jetzt war die Thür nur Die Brüder. 4� Erzählung von Kernrcrnn Korn. angelehnt, und er drängte den dicken Kopf, der vor Erregung geröthet war, durch ihren Spalt. Neben den grünen Kachelofen, in dem es prasselte, hatte man das Bett seiner Mutter gestellt, dessen mächtige Federmassen, die in roth und blau ge- würfelten Ueberzügen steckten, die eine Hälfte der Stube zu füllen schienen. Und jetzt gewahrte er auch den Käste», den die Magd vorhin über den Hof getragen hatte. Er hatte blaue Vorhänge be- kommen, und in diesem Augenblick legte die dicke Frau, die erst am Fenster bei einer Badewanne auf dem Tische sich zu schaffen gemacht hatte, einen verhüllten Gegenstand hinein, der kräftig quäkte. Das war Alles auf's Aenßerste nnbekaimt und die Neugierde erregend. Mit vorgebeugtem Kopfe betrachtete der kleine Bube, was rings uui ihn vor- ging, und als die dicke Frau auf ciiicn Augenblick iu's Nebenzimmer eilte, schlich er sich auf den Zehen- spitzen an die Wiege. Er drängte das rothe Gesicht durch die Vor- hänge, um jählings erschrocken zurückzufahren. Ein kleines, rosiges Menscheiiköpfchen hatte er gesehen, und darunter, wie beim Maulwurf die hellen Pfötcheu aus dem dunklen Pelze blicken, hatten kleine, helle Fäustchen aus weiß und schwarzen Flanellwindeln hervorgeragt. Wie er noch ganz erregt auf die Vorhänge starrte, hinter denen er so Merkwürdiges gesehen hatte, hörte er seiner Mutter Stimme, lind als er sich um- wandte, guckte sie bleichen Antlitzes, das etwas schmerzlich Ergebenes hatte, aus dem Bette. „Ludwig," sagte die Frau in einem matten Ton, den er noch nie von ihr gehört hatte. „Das ist Dein neuer Bruder Max! Du weißt, daß der Vater gestorben ist und nicht mehr aus ihn aufpassen kann. Drum mußt Du das für ihn thun." Das Kind sah seine Mutter mit einem äugst- lichen Blicke des Verständnisses an und nickte. Dar- auf legte das müde Weib sich wieder in die Kissen zurück. Ihre Worte aber, so ganz anders gesetzt wie sonst, die seltsame Ilnigebung, das Neue, das er alles auf einmal kennen gelernt hatte, machten, daß sich dieser Augenblick unvergeßlich in das Gedächtuiß des kleinen Jungen einprägte.—— Die Leiden des Wochenbettes und der kurz vor- her erfolgte Tod ihres Mannes hatte» der Frau Breitenbach, der Mutter Ludwig's, für kurze Zeit jene weiche Stimmung zu geben vermocht, die ihrem Söhnchen unbekannt war. Als sich jedoch ihre frühere robuste Gesundheit wieder einstellte, und sie wie früher in Hans und Feld schaltete und waltete, da war bald der alte, harte, kreischende Klang der Stimme wieder da, die weicher gewordenen Züge bildeten sich zn der früheren Schärfe aus, und der ergebene Blick ward kalt und schlau wie sonst. Alan hatte sich seiger Zeit sehr gewundert, wie diese Frau de» stillen, sanften Breitenbach hatte heiratheu können, von dem die Leute munkelten, er sei eines Kunstmalers Sohn, der einmal vor Jahren für kurze Zeit bei einer Bauernfamilie gelebt hatte. Blau sprach auch davon, die Frau hätte sich später selbst geärgert, einen so gar gefügsamen Mann be- kommen zu haben, der sich um den Finger wickeln ließ. Jedoch die Leute waren davon abgekommc», als sie sich bei seinem Tod>vie andere Weiber anch benommen, und redlich geheult und lamentirt hatte. Nur nach sechsjähriger Ehe Ivar das zweite Kind als vaterlose Waise auf die Welt gekommcu. Da galt es nicht mehr zu lamentiren, sondern tüchtig zu schaffen. Frau Breitcubach hatte für ihre Verhältnisse Großes vor mit ihren Kindern. Daß der Erste einem Gelübde zufolge, das sie bei seiner schweren Geburt gethan hatte, Geistlicher werden sollte, war bekannt, nun sollte derZweite, das zweithöchste, was sie kannte, werden, Herr Amtsrichter. Das war ein großes Ziel, das zn erreichen es sparen und hausen galt. Mit der sehnigen, blinden Energie, die ihr eigen war, warf sich die Frau auf die Arbeit, daß ihr Gesinde erzählte, zwei Knechte schafften nicht, was sie allein leiste. Während sie nicist draußen auf dem Felde oder in der Scheune war, überwachte der kleine Ludwig die ersten Jahre der Entwickelnug seines jüngeren Bruders. Wie es sich für einen künftigen„Hoch- würden" gehörte, ivürdcvoll und pflichttreu, versah er sein Amt, verlangte dafür aber auch eine strenge Befolgung seiner Gebote. Nur was geboten und zweckmäßig, sichtbar praktisch war, verstand er, alles Andere versuchte er zu unterdrücken. Er konnte sich ärgern, wenn sein kleines Brüder- chen zur Trinkensze't statt zu trinken mit dem Stöpsel der Flasche spielte und mit den Beinchen strampllnd, jauchzend an den Vorhängen der Wiege kratzte, und ebenso groß war sein Aerger wieder, wenn der kleine Kerl, nachdem er zum Spielen hinausgetragen war, statt dessen nach der Flasche verlangte. Schrie er, dann bekam er sicher nicht seine Milch, und spielte er statt zu trinken, konnte er ihm plötzlich mit aller Energie die strampelnden Beiuchen zudecken und heftig den Lutscher in den Mund stecken, daß der kleine Max sich ganz verschüchtert und mäuschenstill hinter die Vorhänge duckte, wie ein Spatz, der laut ge- schrien hat und plötzlich den Bolzen des Blasrohres an seinem Kopfe vorbeizischen hört. Diese Art der Veruachlässigung der Wünsche Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 370 scines Bruders n»d der energischen, rücksichtslosen Durchführung dessen, was er für passend nnd recht hielt, war es zuzuschreiben, daß der jüngere Bruder dem älteren keine Zuneigung entgegenbrachte, trotzdem sich dieser so viel mit ihm beschäftigte. Im Gegen- theil, er verschloß vor ihm sein Inneres und be- folgte nur ängstlich, was er von ihm verlangte, so daß sein Wesen bald dein eines kleinen Hündchen glich, das statt der nothwendigen, zarten Behandlung alle Augenblicke rohe Schelte und Schläge bekommt und nicht mehr weiß, was es thun soll, und bald bei verständnißloscr Nachahmung des Vorgeschriebenen verschüchtert und fehlerhaft wird. Erst als Ludwig auf das Gymnasium der be- nachbarten kleinen Stadt kam, konnte sich Max eine gewisse Selbstständigkeit der Anschauung aneignen. Jetzt konnte er in Wald und Flur staunend mit geheimnißvoller Freude seine eigenen, stillen Be- obachtungen machen, jetzt konnte er in seiner freien Zeit Stunden lang im Walde ausgestreckt liegen und nach den Wolken schauen, denn seine Blutter ver- langte von dem zukünftigen Herrn Amtsrichter keine gewöhnliche Arbeit, und die langgezogenen eintönigen Linien der Spessarter Hügelreihen ließen schauernde Stimmen seines Inneren erwachen, die niit dem Flüstern des Waldes seine Phantasie zu so seltsamen Malereien veraulaßten, wie sie sein kindlich in seinem kleinen Lebenskreise eingedänimter Sinn verstand. Das Alles hörte auf, wenn sein Bruder in den Ferien nach Hause kam. Da hieß es beständig lernen, lernen. Erst biblische Geschichte und Rechnen, später lateinische Grammatik nnd Uebungsbuch. Dann kam er auf die Lateinschule. Das war eine Zeit, wo ihn nur die weiche, elastische Anlage seines Charakters, die immer wieder nachgeben konnte, ohne zerstört zu werden, vor einer Verbitterung seines ganzen Lebens bewahrte. Wie Einem, der sich bei einer Ueberschwemmung auf eine Erhöhung geflüchtet hat, die nun das Wasser immer mehr übersteigt, so daß es langsam die Glieder hinaufdringt, bis er auf den Zehenspitzen stehen muß, um nicht zu ersticken, und der nun mit geschlossenen Augen in seiner Stellung verharrt und nichts Anderes denkt als nur zu, nur zu— so war es ihm. Beständig war er mit seinem Bruder zusammen. Seinetwegen hatte Der keinen Verkehr mit Freunden, und aus demselben Grunde bekam er keine. Mit unerbittlicher Strenge wachte Ludwig über Btax. Des Morgens gingen sie miteinander zur Blesse, zusammen gingen sie in die Schule und aus ihr, zusammen verrichteten sie die vorgeschriebenen Spazier- gänge, nnd wiederum zusammen machten sie ihre Schularbeiten und beteten dann des Abends ihre Rosenkränze. Als echter Bauer hielt der ältere Bruder jeden gedruckten Buchstaben, jedes Buch für eine ungeheure Weisheit, die sich anzueignen und auswendig zu lernen der Jubegriff aller Bildung sei. Daher war er unermüdlich mit großer Willensanstrengung be- schäftigt, seinen Kopf mit den Bildungsmitteln zu füllen, die ihm die in den Händen der Geistlichkeit liegende Schule bot, ähnlich wie man einen eisernen Topf krachend Stück für Stück niit Steinen anfüllt, bis er schwer und vollgewichtig ist. Ganz anders war dagegen Max angelegt. Ihm fehlte diese fanatische, stiernackige Energie, und er konnte und konnte dem blutlosen Unterrichte, der statt die höheren Gefühle zu erwecken, sie unter- drückte, keinen Geschmack abgewinnen, und so ließ er sich drillen und lernte mit müder Gleichgültigkeit, ohne daß das, was er mit beständiger Qual thun mußte, zu lebendigem Gute in ihm geworden wäre. Wäre sein Bruder nicht gewesen, er wäre wohl kaum vorwärts gekommen. Den bewunderte und lobte man wegen seines Eifers, und er nahm es mit selbstverständlichem Lächeln hin; ihn nannte man faul und er glaubte selbst bald mit müder Resig- nation daran nnd begann seinen Bruder wie eine elementare Gewalt zu betrachten. Allmälig begann die Welt ihm wirklich als das Thal des Elends zu erscheinen, von dem sein Bruder beständig sprach, und darin war eine geheime Macht, die Einem ver- bot, das zu thun, was glücklich machte. Und wenn er sich diese Macht verkörperte, gewann sie eine er- schreckbare Aehulichkeit mit seinem Bruder, dessen eckige, schwarzröckige Figur,. dessen glattrasirter Bauern- schädel mit den wulstigen Lippen, hinter denen ge- sunde Zähne hervorblickten, ihn dann drohend um- schwebte. Als sein Bruder nach fünf Jahren nach Würz- bürg auf das Priesterseminar kam, da lebte Max nicht auf, sondern brach zusammen. Der mühsam hochgehaltenen Kraft, sich einen geringen Ueberblick über das Gelernte zu erhalten, fehlte der ständige Sporn, er lernte eine Zeitlang garnichts. Das früher Aufgenommene verwirrte sich mit dem Neu- zuerlernenden, ein Widerwillen gegen das Lernen überhaupt brach immer mehr hervor, und er fühlte es ringsum dunkel werden in einer quälend drücken- den Verwirrung. Als die nächste Versetzung in die neue Klasse kam, blieb er sitzen. Höllenqualen waren es, die er diese Ferien durch- machte. Seine Mutter nannte ihn einen Dieb, der ihr das Geld ans der Tasche stehle, sein Bruder einen leichtsinnigen, gottverlassenen Faullenzer, seine Lehrer hatten ihn mit iiberlegeirem Lächeln einen Dummkopf gescholten, daß er sich schließlich nicht ein noch ans wußte und auf all' den Andrang hin feierlich geloben mußte, das nächste Jahr ganz sicher ordentlich brav und fleißig sein zu wollen. Als jedoch der Unterricht wieder begann, und er trotz aller verzweifelten Anstreiigungen dem Lernen, wie man es von ihm verlangte, kein Interesse ab- Zugewinnen vermochte, da gedachte er in seinem Unglück sich ein für allemal von diesem Elend zu befreien und zu sterben. Als er eines Tages, nachdem er verzweifelnd wieder eingesehen hatte, er würde dies Lernen nie verstehen können, mit dem Strick in der Tasche, an dem er sich aufhängen wollte, vor die Stadt ging, begegnete er seinem Zeichenlehrer. Das war eigentlich von jeher der einzige Mensch gewesen, der ihn geliebt und verstanden hatte. Ein Volksschullehrer, war er ein enthusiastischer Dilettant der edlen Malklinst, und Max, der ein nicht nnbe- deutendes Talent gerade für die Ausübung dieser Kunst besaß, hatte mehr wie einmal schon seine neid- lose Bewunderung erregt, nnd was er konnte, hatte er ihm schon längst beigebracht. Der Mann sah dem jungen Menschen sein ver- zweifeltes Wollen an und wich ihm nicht von der Seite. Und als sie Beide an eine Stelle des Waldes gelangten, wo Max plötzlich entfliehen wollte, hielt er ihn fest, und es kam zwischen den beiden Mcn- schen zu einer Aussprache, wobei Max sein ganzes Herz, das voller Verzweiflung war, ausschüttete. Im Anfang wollte der Lehrer in der Weise, wie man solchen jungen Leuten in ähnlicher Lage zuredet, auch auf Max einsprechen. Er redete davon, daß das vorübergehen werde, er solle nur recht fleißig sein und dergleichen mehr. Als aber der Knabe nur ein dumpfes Stöhnen zur Antwort hatte und mit allem Abscheu sich gegen ein Zurückgehen in die alten Verhältnisse, weniger durch Worte als durch Gefiihlsausbrllche, wehrte, kamen ihm plötzlich die Biographien berühmter Leute in den Sinn, die in ihrer Jugend mit gleichen Verirrungen zu thun ge- habt hatten, wie sein junger Freund, und es ging ihm wie eine Erleichterung auf.„Weißt was, Maxel," fuhr es ihm in seinem Dialekt heraus,„auf München mußt, auf d'Akademie und Maler werden!" Dieser Gedanke in das Dunkel seiner Verwirrung gelegt, ging wie eine lohende Fenergarbe in Blax auf. Er dachte nicht, mehr an Selbstmord, still ließ er sich nach Hause geleiten, und seine stumpfe Ver- zweiflung, plötzlich auf ein helles, strahlendes Ziel gerichtet, verwandelte sich in jene Energie, die den Weichlichsten erfaßt, der instinktiv die Lebensbedin- gungen seiner Existenz ersehnt und vertheidigt. Er mußte Btaler werden! Seine Mutter wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen, sein Bruder schrieb höllenmalende Verdain- mungsbriefe, der junge Mensch stand nicht von seinem Vorhaben ab, bis man schließlich einlenkte. Zuerst riethen seine Lehrer dazu. Es sei besser, meinten sie, wenn man ihn das Ungewisse lernen ließe, wozu er Lust und Talent habe, als wenn er ihnen mit seiner Faulheit zur Last fiele. Das hätte freilich die Mutter noch nicht vermocht, ihren Lebens- wünsch, den Jüngsten als Herrn Amtsrichter zu sehen, aufzugeben. Aber da las ihr der Protektor des Jungen, der Zeichenlehrer, aus einigen Zeitungsaus- schnitten, Summen vor, bei deren Anhören es der einfachen Bauersfrau schwindelte, und erklärte ihr, daß diese durch den Verkauf von Oelgemälden er- zielt worden seien, wie sie ihr Sohn später auch einmal anfertigen werde. Das gab den Ausschlag bei ihr und sie willigte, nachdem die Anerkennung des jungen Talentes von München eingetroffen war, in den veränderten Lebcnsplan ihres Jüngsten ein, der jetzt niit einem Male ein völlig anderer Mensch wurde. Ein stilles Glücksgefühl ließ im Nu die alte, kindliche Heiterkeit wieder auftauchen und unterstützt von Herrn Gander,— so hieß der Zeichenlehrer,— traf er alle Vorbereitnngen zur Reise nach der Haupt- stadt. Bevor er abreiste, erhielt er noch einen Brief seines Bruders. „Lieber Bruder," hieß es darin,„niemals würde ich Dir meine Einwillignng zu dem von Dir unter- nominellen Schritte geben, wenn ich nicht in der letzten Zeit Dinge über die Kunst gehört hätte, die sie mir lobenswerth erscheinen lassen, wenn sie in einer gewissen Richtung ausgeübt wird. Ueber das Nähere habe ich noch nicht Zeit und Ruhe gehabt nachzulesen und nachzudenken, aber ich werde es thun, und Dir in späteren Jahren, wenn Du die Anfangs- gründe Deines Berufes überwunden haben wirst, die Resultate meines Studiums nicht vorenthalten. Ich bin gegenwärtig in einem Alter, das auch Du erreichen wirst, wo die Lust des Fleisches mächtig gegen den Geist ankämpft, und habe schwere Kämpft zu bestehen. Doch habe ich in dem Gebet einen mächtigen Bundesgenossen gefunden, und ich beschwöre Dich als Bruder und befehle Dir kraft meines Amtes als zukünftiger Priester, nie die Andachten außer Acht zu lassen, wie wir Beide sie früher gemeinsam betrieben haben. Ich kann Dir jetzt nicht mehr nahe sein, denn mit Macht muß ich mich in meinen Gott und seine Offenbarungen, die er uns in seiner glorreichen Kirche giebt, versenken, und dies ist ein so ernstes, gewal- liges Thun, daß ich an nichts Anderes denken darf. Sind diese Jahre des Kanipfes und der Unter- werfung vorüber, dann sei überzeugt, daß neben den göttlichen Pflichten die gegen meinen Bruder mir die heiligsten sein werden. Ich hoffe im Herrn, daß meine Kämpfe auch Dir zu Nutzen kommen sollen, und mache über Dich das Zeichen des heiligen Kreuzes als Dein in wahrer christlicher Liebe Dir zugethaner Bruder." Bange Sorgen und dunke Vorstellungen waren es, die in Max durch die Lektüre dieses Briefes hervorgerufen wurden, und nur das Ende des Schref- bens, aus dem deutlich zu ersehen war, daß sein Bruder ihn vorerst unbehelligt lassen wollte, beruhigte ihn. Bis Du ihn wiedersiehst, dachte er, wirst Du wohl wissen, was er meint. II. Der junge angehende Künstler hatte zu viel Träume von Glück gehabt, als daß er es jetzt in München sogleich hätte finden können. Was er vor Allem gebraucht hätte, das wäre eine verständige, liebevolle Leitung gewesen, die ihm allmälig be- glückende Arbeit gebracht hätte und mit ihr feste Ansichten. Statt eine solche aber zu finden, er- wartete seinen unpraktischen Sinn die Ordnung einer ganzen Reihe von Angelegenhesten, die anderen Burschen seines Alters von erfahrenen Eltern oder Lerivandten aus dem Wege geräumt werden. Er mußte sich seine Aufnahmepapiere einzeln besorgen, bei welchem Geschäfte man ihn von Einein zum Anderen schickte, wobei er nianche Verwirrung anrichtete, die er dann selbst wieder entgelten mußte- Nicht zum Mindesten bereitete ihm das Besorgen einer Pension, wo er wohnen und essen konnte, Schwierigkeiten, da er mit seinen geringen Mitteln sehr zusammenhalten mußte. Und richtig kam er denn auch zu einem Weibe, das ihn gehörig über- vortheilte und ihm ein kleines Zinimerchen mit Be- Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 371 köstignng zu einem Preise aufschivatzte, der fast sein hatte, legte er sich oft»och in das offene Fenster, führer der Bewegung war I. B. Basedow(1723 bis ganzes monatlich Ausgesetztes verschlang, das einen Blick auf die Jsaranlagen bot, und träumte 1790); sein seit 1770 erschienenes„Elementarwerk" Als er dann in die Zeichenschule eintrat, da vor sich hin. erneuerte auch die Tendenz des früher erwähnten fand er natürlich auch dort nicht das Erwartete. Dabei waren ihm im Anfang häufig die Bilder ttrbns picins, und ist ein hauptsächlicher Ausdruck Nicht dag er faul gewesen wäre oder etwas Anderes der Heimath erschienen. Die Mutter mit ihrer sehnigen der auf„Gemeinnützigkeit" und auf„natürliche hätte machen mögen, als er zu machen hatte, nein, Figur, das rothe Kopftuch umgebunden, die Kartoffel- Religion" gerichteten Bestrebungen jener Zeit. Unter aber die Art seines Lehrers, der seinen Tadel in Harke iiber der Schulter, stand da ebenso vor ihm, Basedoiv's zahlreichen, theils engeren, theils we'teren kritlicher, nnfrenndlich- spöttischer Weise änficrte, wie sein Bruder im langen, schwarzen Rock, der nie Nachfolgern seien genannt: der Ro'binson-Fortsctzer drückte seine niedergeschlagene Natur, die nicht so- gewechselt wurde und von Sonne und Regen einen I. H. Campe(174<>— 1818), der Herausgeber eines gleich erkennen konnte, was ihr fehlte, tief nieder, grünen Schein bekommen hatte wie ein bemooster für die damalige, noch so unsystematische Pädagogik und seine energischen, zielbeivnfitcn Kaineraden mufften Karpfen. iForts-eung folgt.) geschichtlich und kritisch iverthvollen„Revisions"- naturgemäff ebenfalls deprimirend bei einem Vergleich Werkes? dann der Gründer des Schnepfenthaler zwischen sich und ihnen auf ihn wirken, und das& Philanthropins, Chr. G. Salzmann(1744—1811), Verhältniff, das sich zwischen ihnen und ihm ent- der u. a. eine prächtige und praktisch höchst werthvolle wickelte, war dem von herablassenden Herren zu... Pädagogische Satire geschrieben hat:„Krebsbiichlein" einem Bediensteten eher ähnlich, als einem eben- Kio �'llimiss.l' lINll l>(T lldlfrfrt �flÖlUlDdifl oder„Anweisung zu einer nnverniinftigen Kinder- bärtigen kameradschaftlichen Verkehr.'"~ erziehung"; endlich F. E. v. Rochow(1734—1805), So verdrängten die Erfahrungen der ersten Fortsetzung, der als der Vater der neueren Volksschule, wenig- Wochen die Hoffnungen, die sich an sein neues Leben stens der prcuffischen, gilt. geknüpft hatten, und er begann wieder an seinen(fi�riiher als der Neu-Humanismus hatte sich sein Nun aber ist an diese Männer in weiterer Be- Bruder zu denken und nach dessen Vorschriften sein Äy? Widerpart, der kurz so genannte Realismus, ziehung noch eine Gestalt anzuschlieffen, die wohl Leben zuzuschneiden. Nur das dünkte ihm in einer entfaltet. Leider wird die Geschichtsforschung den best klingenden Namen der neueren Pädagogik traurigen Verwirrung für Recht und Pflicht, was er der Pädagogik diesen Eiitwickelnngszügen noch lange trägt, eine herrliche Persönlichkeit, ein Reformator nicht gern that. Wieder begann er deshalb abzn- nicht gerecht? dies namentlich deshalb, weil der Realis- im besten Sinne des Wortes, ein Meister seiner stnmpfen, betrieb seine Zeichenstndien in ähnlicher»ins, ungleich dem nach den ersten Anfängen rasch Kunst, ein trotz alles Unglücks und Ungeschicks iveit Weise, wie er früher gelernt hatte, und des Abends fortschreitenden Neu-Humanismus, erst viele Menschen- hinaus wirkungskräftiger und trotz alles Mangels glitt der Rosenkranz durch seine Finger wie ehemals, alter später, d. i. in den allerletzten Jahrzehnte», an theoretischer Durcharbeitung doch für Geschichte In trauriger Resignation, hoffnungsloser wie je, lebte zu einem festeren Ausbau gelangte, getragen von und System der Pädagogik ganz einzig bedeutnngs- er dahin. 1 Personen, denen historische Interessen recht ferne voller Mann: der Schweizer Johann Heinrich Pesta- Erst durch einen Zufall wurde er aus diesem liegen. Die ganze Richtung ist, wenn wir uns die lozzi(1746—1827). Aus allem Schwanken seines unerträglichen Znstande, ans dem ihn weder der Sache vereinfachen dürfen, etwa von 1700 an zu historischen Bildes heraus, bis herauf zu den jüngsten Trubel der Großstadt, vor dem er Angst hatte, noch datiren. Wie da nach einer Spezialbildnng für den Verehrungen(zumal an seinem 150jährigen Jnbi- irgend ein freundschaftlicher Verkehr hatte reißen Ingenieur, für den Industriellen, für den Kaufmann läum 1896) und zu den heutigen Einsichten in die können, befreit. Die Wäscherin, die ihm sein Weiß-(hier im Zusammenhang mit der volkswirthschaftlichen erst über ihn hinaus gewonnenen Fortschritte der Päda- zeyg plättete, eine ältere Frau, Frau Niedermeyer Richtung des„Mercantilsystems"), selbst für den gogik dürften folgende kurze Markirnngen das Wesen wurde sie gerufen, fragte ihn eines Tages, als sie Künstler gestrebt und gerungen wurde? wie sich ins- seiner Wirksamkeit bezeichnen. Er fragte vor Allem Wäsche bei ihm abholte, mitleidig:„Sagen's ein- besondere das technische llnterrichtswescn, zumal seit— und objektiver als seine Vorläufer— nach den mal, Herr Breitcnbach, warum sind's denn immer dem 1745 zu Braunschweig gegründeten Collegium von der Natur gegebenen thatsächlichen Bewegnngs- gar so traurig und niedergeschlagen?" Carolimim, ganz langsam und erst in unseren Tagen, formen des menschlichen Geistes und wollte alles Die Frage wunderte ihn und setzte ihn in Be- namentlich seit den sechziger Jahren, fruchtbar ent- pädagogische Einwirken, weit mehr am Wie als am stürznng. wickelte? wie die, allerdings hinter 1700 zurück- Was interessirt, genau darnach eingerichtet und mecha- „Ich?" erwiderte er verwirrt. reichenden Schulen für Musik und für bildende nisirt wissen. Sein Problem war:„die Elemente einer „No, ja," gab die Frau zur Antwort.„Andere Künste eine höchst beachtenswerthe Entfaltung er- jeden Kunst durch Befolgung der psychologisch-mecha- junge Lent' sind fidel und freuen sich, daß sie jung reichten: das alles ist für den bisherigen Stand nischen Gesetze, nach welchen unser Geist sich von sind, und Sie sind alleweil der Trübselige. Fehlt der Geschichtswissenschaft der Pädagogik so gut wie sinnlichen Anschauungen zu deutlichen Begriffen er- Ihnen denn was? Ich thät aus dem Loch da," sie Null. Sie begnügt sich einerseits mit einem näheren hebt, mit dem Wesen meines Geistes in Ueberein- zeigte geringschätzig um sich,„ausziehen!" Eingehen auf die„Ritterakademien", Erzichungs- stimmung zu bringen"(in der Schrift„Die Methode"). „Aber wohin denn?" anstalten für junge Adlige, als eine Ergänzung Darum ist ihm„die Anschauung das absolute Funda- Jetzt lachte die Frau. des Universitätswesens besonders am Beginn des ment aller Erkenntniß".„Ich will allenthalben An- „München ist groß. Wissen's was, ziehen's zu 18. Jahrhunderts blühend? sie begnügt sich anderer- schaunng dem Wort und bestimmte Kenntniß dem mir." Plein Jüngster, der hat letzthin gehcirathet, seits mit einer Andeutung der realistische» Momente Urtheil vorhergehen lassen. Ich will Wort und und in dem seinem Stübl können S' gut wohnen? in den damaligen Erscheinungen der Pädagogik, Rede im Geist der Menschen gewichtlos machen, eine bessere Verpflegung wie hier kriegen S' denn namentlich im Pietismus(obschon diesem der Realis- und hingegen dem Real-Eindrnck der physischen An- auch, und iibcrvortheilen thu' ich Sie erst recht nicht!" mnS nur ähnlich nahestand, wie seinerzeit der schauung das wesentliche Uebergewicht sicher», das Wie es ging, wußte der junge Mensch nicht; Humanismus den Reformatoren), führt uns zu ihm gegen Schall und Laut so auffallend gebührt. in Zeit von einer halben Stunde ivnßte die Frau, E. Weigel(1625— 1699) und seinem Schüler Chr. Ich will mein Kind von seiner frühesten Entwicke- die ihm ein großes Vertrauen einflößte. Alles, was Scmler(1669—1740) sowie zu Franckc's Schüler lung in den ganzen Lireis der es umgebenden Natur er selbst iiber sich zu sagen hatte, und sie waren I. I. Hecker(1707—1768), den Schöpfern der einführen" usw.(ebenda). Hatte Locke zunächst an einig, daß Max zu ihr ziehen sollte.„Realschule" und begleitet uns durch die Schicksale den Vater seines Zöglings, Rousseau an den Er- ,Menn Sie erst einmal bei niir sind," sagte die dieser Einrichtung bis heute. zieher eines Waisenknaben gedacht, so denkt Pestalozzi Frau,"„dann sollen S' schon wieder fidel werden. Nun aber kam die wohl weitestgreifende jener vier zunächst an die Mutter und schreibt am liebsten für und die Btucken vergehen Ihnen ganz von selber."— Richtungen des achtzehnten, des sogenannten„päda- sie. Dazu dann das Streben nach harmonischer Aus- Wirklich hatte der Zufall Max jetzt gegeben, gogischen" Jahrhunderts, an die Reihe. Im Allge- bildung aller Kräfte(besonders in seinem„Schwanen- was er brauchte. meinen an das Naturideal Roussean's anknüpfend, gesang" betont) und nach Voranstellung der Erziehung, Fidel und gesellig, wie die Frau glaubte, wurde jedoch schon durch das Interesse für eine Bildung, deren Wesen die Liebe sei, vor den Unterricht? das er nicht, aber eine behagliche Freudigkeit am Leben die zur Tüchtigkeit für das gesellschaftliche Leben Alles im innigsten Zusammenhang mit einer im ergriff ihn bei den: einfachen, gemiithvollen Verkehr und für den bestimmten Berns führen sollte, iiber besten Wortsinn demokratischen Liebe zu den Armen mii der Frau Niederweyer. ihn hinausgehend, haben die Vertreter einer eigenen und Bedrückten: so wiederholt er seine in ihm selber Ptit ihr und ihrem Manne, der Schustergeselle Humanität oder„Menschenfreundschaft", die„Phi- zum persönlichsten Erleben gewordenen Grundgedanken in einer größeren Fabrik ivar, verlebte er seine freien lanthropisten", wieder einmal die Pädagogik neu be- unaufhörlich, ohne eine wissenschaftlich brauchbare Stunden darüber allen anderen Verkehr außer Acht gründen wollen. Bemerkenswerth dabei ist dies, Systematik und mit einer Breite, so ermüdend, wie lassend und wenn das auch nicht anregend und seinen daß im Gegensatz zu früheren Neuanfängen dieser, sie vielleicht nur jenem Jahrhundert der„schönen Horizont eriveiternd auf ihn wirkte, so ivnrde er trotz seines Entgegenstellens der„Sache" gegen das Seelen" möglich war, in ungezählten Schriften, deren doch durch diese Leute gefestigt, gewann einen un-„Wort" des Humanismus, nicht nur nach Ziel, niaßgcbendste wohl ist:„Wie Gertrud ihre Kinder befangenen heiteren Blick, und sein Talent ent- Stoff und Richtung des Lehrens, sondern auch nach lehrt"(1801), und hat in einem opfervollen Schul- wickelte sich unter neuen Lehrern im Laufe der Jahre der Methode desselben, nach einer„leichten" und lehrerdascin unmittelbar und mittelbar so tausend- zu derselben innigen Freudigkeit, mit der er als naturgemäßen, speziell nach einer Anschauungsmethode fachen Segen ausgestreut, daß noch heute auf lange Mensch ivic ein Kind unüberlegt das that, ivas ihm suchte. Allerdings ging es dabei nicht ohne manches hinaus daran zu zehren sein wird. Freude und beglückendes Gefühl gab. Forciren ab, das der ganzen Bewegung viel Miß- Vier Jahre gingen so dahin, und aus dem ver- trauen eintrug. Das Beste an ihr war wohl die In- härmten Kinde ward ein schüchterner, mädchenhafter Sorge für Körperpflege, verwirklicht in mehreren als Was die neuzeitlichen Reformatoren der Päd- Jüngling Wie ein dunkler Traum lagen die Jahre„Philanthropine" bezeichneten Erziehungsinstituten, agogik, zuletzt Pestalozzi, ihrer Welt dargebracht unter seinem Bruder hinter ihm. Wenn er sich des das erste 1774 zu Dessau gegründet, das zu Schnepfen- hatten, mit kritischer Hand zu übernehmen und mit Abends von dem Riedermeyer'schen Ehepaar getrennt thal 1784 errichtete noch heute bestehend. Haupt- aller Geschicklichkeit eines theoretischen und praktischen Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. .!7iZ Schaffens zn verarbeiten, ninßte eine Aufgabe fiir lange Perioden weiterer Entwickelnng iverden und ist auch jetzt noch weitaus nicht erledigt. Die vrak- tische Verwerlhnng von Pestalozzi's Gaben ist fast gleichbedentend mit dem Anfbliihen der deutschen Volksschule, einschließlich der durch Friedrich Fröbel (178lZ— 1852) seit 1840 ansgekonuneneu und, nach längerer Unterdrückung in Preußen, nun allenchalben wirkungsreichen Kindergärten. Die theoretische Zu- saminenfassnng des zn Ende des 18. Jahrhunderts erreichten Standes der Pädagogik, wenngleich noch ohne wissenschaftliche Durchführung, gcgeniiber Pesta- lozzi mit kritischer Unabhängigkeit, geschah besonders durch den vielfach verdienstvollen A. H. Niemeyer (1754— 1828), dessen weithin wirksame„Grund- sätze der Erziehung und des Unterrichts", seit ihrem ersten Erscheinen von 1796 oftmals erweitert, noch heute ein empsehlenswerthes Buch zur Einführung in den Bereich der Pädagogik sind. Auf ihn folgten zwei Männer, die in historischen Betrachtungen von heute oft mit Unrecht zu kurz kommen. Ter eine war ein praktischer Schulmann, Frdr. H. Chr. Schwarz(1766— 1837). Seine seit 1802 erschienene„Erziehungslehre" zeigt, abgesehen von der christlichen Grundfärbung, vor Allem zwei Hauptgedanken: den der Entwickelung und den einer harmonischen Allseitigkeit. Jenem Gedanken gemäß hat Schwarz einerseits den Entfaltnngsgang der jugendlichen Seele so sorgsam verfolgt, wie nicht bald einer der Späteren, und hat andererseits die Pädagogik gefaßt als„das Mittel zur fortschreitenden Bewegung der Menschheit durch die aufeinander folgenden Geschlechter bis zum Ziele der Vollendung",' den: zweiten Hauptgedanken entspricht seine Absicht, „das pädagogische Handeln in dem Zusammenhang des gesammten Handelns zu begreifen". Schwarz ist auch wohl(nach zlvei Vorgängern) der erste eigentliche Historiker der Pädagogik.— Der andere von jenen zwei Männern war der Dichter Jean Paul Friedrich Richter(1763— 1825), dessen„Levana, oder Erziehungslehre" zuerst 1807 erschien. Dem Dichter haben wir hier einen in der ganzen Päd- agogik bis heute arg vernachlässigten Punkt zu danken: seine Aufmerksamkeit auf die Ausbildung des Schönheitssinnes. Im Uebrigeu steht ihm der hohe Werth der Individualität im Vordergrund; diese soll der Erzieher mit Liberalität wachsen lassen und von Beengendem frei halten— also wieder im Gegensatz zu dem mehr Beugenden und Abwehrenden christlicher Pädagogik. Er will einen„idealen Preis- menschen" im Kind„srei machen". Der Rousseau'sche Naturalismus kehrt bei Jean Paul wieder, doch anders gefärbt: insbesondere wird hier der Zögling weniger als dort so betrachtet, als wäre er eine „leere Tafel". Unter den übrigen Pädagogikern jener Zeit sind die hervorragenden insgesammt zugleich Philosophen. Die Bedeutung I. G. Fichte's(1762— 1814) fiir die, von ihm ganz besonders über den bloßen Unterricht gestellte, Erziehung ist durch das— zu Pestalozzi gegensätzliche— nationale Moment und durch die Auwendung auf die Ideale der Universitätsbildung zu einer ganz eigenen, erst wieder eines neuen Aufnehmens harrenden Sache geworden.— Fr. E. D. Schleiermacher(1768—1834), zunächst von seiner praktischen und theoretischen Religionswirksamkeit her bekannt, in der Philosophie von Bedeutung für die Ethik, faßte die Pädagogik als eine Anwendung und Probe dieser und mit der Politik zusammen als einen Theil der Sozialwissenschaft, garnicht zu sprechen von den Beziehungen der Pädagogik zu der, hier zumeist vom Standpunkt des Gefühles ans aufgefaßten Religion. Er war ähnlich wie Comenius vor Allem der umfassende Geist, sein Ideal wie bei diesem die Einheitsschule, so daß ihm alle besondere höhere Bildung ans der allgemeinen fließt. Dabei macht doch die Ausbildung des Individuellen den einen, wesentlichen Theil der Erziehung aus, eben ergänzt durch das Universelle. So konnte an ihm die„ge- sunde Vermittelnng" gerühmt werden, und sie trug wohl bei zn der ihm zukommenden Bedeutung eines „Staatspädagogen". Die Unterrichtslehre, für ihn mehr als anderswo von der Erzichnngslehre getrennt, fußt vor Allem auf dem Prinzip des ununterbrochenen Fortschreitens; ihr Element sei das für's Leben Werthvolle.— Fr. Ed. Beneke(1798— 1854) stützte seine Pädagogik auf seine Psychologie, der es auf ein Zurückführen des seelischen Lebens auf die sinn- lichen Elemente ankam, und die seine Pädagogik zn einer Lehre von dem planmäßigen Aufbauen auf diesen Elementen machte. Der Unterricht werde als ein Theil der Erziehung gefaßt; wichtiger als der Lehrprozeß ist der Lernprozeß. Beneke's Pädagogik ist heute noch eine der erfolgreichsten von allen, allerdings ausgenommen seine Beiträge zur Universitäts- Pädagogik, die sich denen der zwei Letztgenannten zur Seite stellen; seine Klage vom Jahre 1836, daß leider das, in der neueren Zeit fiir die Pädagogik erwachte höhere Interesse bislang nur für die Elementarschulen recht fruchtbar geworden sei, und daß man sich seit langer Zeit nicht über die Grundformen des Universitäts- Unterrichts tiefer besonnen habe, ist für dieses Gebiet auch heute noch zn wiederholen.(Zchmß folgt.) Hturmftuihen öer Jorösee. Von Th. Overbeck. JU lles in der Welt ist dauernder Veränderung Tlx unterworfen, nichts ist beständig, weder das � scheinbar unerschütterlich feste Land, noch das bewegliche, nasse Element, das Wasser, iveder der einzelne Meusch, noch die Nationen in ihrer Gesammt- heit. Allerorten und in jeder Hinsicht zeigt sich dem aufmerksamen Beobachter ein fortwährendes Hin- und Herschwanken, ein ununterbrochenes Schauspiel von Werden und Vergehen, Aufbauen und Zer- stören, ein nie endender, oft erbitterter Kampf der Naturkräfte und der Lebewesen, ein Ringen um die Oberherrschaft, ein Siegen und ein Unterliegen. Selten aber dürfte in dieser Hinsicht ein ge- wattigeres Schauspiel zu finden sein, als es der, vorz>lgsweise seit etwa tausend Jahren tobende Kampf zwischen der meistens wildwogenden Nordsee und den tiefliegenden Küstenländern gewährt. Auch hier war der Kampf von wechselndem Erfolge begleitet; denn während bis etwa zum Jahre 900 das Land in dem Streite Sieger blieb und dem Meere Schritt fiir Schritt Terrain abgewann, hat sich seit jener Zeit das Blatt in erschreckender Weise gewendet: die Wogen rissen ein Stück des festen Landes nach dem anderen in die Tiefe, und nur selten gelang es menschlicher Kunst und Ausdauer, dem wilden Gegner geringe Vortheile abzutrotzen. Erst in neuester Zeit scheint der Mensch dem Angriff des furchtbaren Gegners wenigstens nahezu gewachsen zu sein. Sämmtliche alten Berichte erklären überein- stimmend, daß in alten Zeiten fruchtbare Gebiete weit in die jetzige Nordsee hinausreichten, vieler Orten noch weit iiber das jetzige Wattenmeer hinaus — Watten sind flache Sandbänke, die sich ineilen- weit von den Küste» in die See hinaus erstrecken und zur Ebbezeit trocken liegen, zur Fluthzeit aber von Wasser bedeckt sind— an deren Stelle jetzt die Meereswogen rollen. Die kleine Insel Helgo- land z. B. dehnte sich ehemals, wie sich aus den unter Wasser auslaufenden Riffen ergiebt, weit nach Nordost aus, und noch heute auf dem Felseneilande existireude Traditionen besagen, daß dieses vormals von der jetzt sechs deutsche Meilen entfernten schleswig- holsteinischen Küste nur durch einen Kanal von so geringer Breite getrennt gewesen sei, daß ein darüber gelegtes Brett zur Verbindung gedient habe. Die Breite dieses Kanals zn bezeichnen, wird hinzugesetzt: ein Mann habe mittelst dieses Steges einen Korn- sack von der Insel nach dem festen Laude getragen. Nach einer uralten Handschrift, die im achten Stück der„dänischen Bibliothek" abgedruckt ist, sollen in der Vorzeit Helgoland, Dithmarsen und Eidelstedt einander so nahe gelegen haben, daß nur eine Fähr- stätte dazwischen war. Vermuthlich ergoß sich da- mals das Wasser der Elbe südlich von Helgoland in die offene See. Ans dem Anfange des 17. Jahrhunderts existiren verschiedene Karten von Helgoland, welche nach che- mals auf der Insel vorhandenen uralten Karten sowie nach llcberlieferungen und Berichten, u. A. Adam's von Bremen(1068 Domherr in Bremen), angefertigt wurden. Nach diesen war die Insel im Jahre 800 noch etwa 4 Quadratmeilen groß; auf ihr befanden sich Waldungen und Wiesen, 10 Bäche und zirka 40 Dörfer und Siedelnngen, meistens be- stand sie jedoch ans Tiefland, und nur ein felsiger Hügel war zu finden, von dem ein geringer Rest, das heutige Helgoland, noch vorhanden ist. Gleich nach den Zeiten Adam's von Bremen, vermuthlich in den Jahren 1102 und 1216, muß die See aber gewaltige Theile fortgerissen haben, denn um.1300 enthielt die Insel nur noch 2 Kirchspiele und 13 Ort- schaften. Nach mehreren, in alten Chroniken enthaltenen Nachrichten war Helgoland im 13. Jahrhundert etwa um dreiviertel kleiner als im achten. Im Jahre 1649, aus welchem Jahre eine vor- zügliche Karte erhalten ist, war sie etwa noch drei- mal so groß wie gegenwärtig, und neben der heutigen, derzeit noch fest als Land mit der Insel verbundenen Düne, befand sich ein Kreidefelsen, die Witteklippe. Fast sämmtliche Inseln, die gegenwärtig von Holland bis Jiitland in einer langen Reihe die Küste be- kränzen, waren ehemals weit in die See vorspringendes festes und fruchtbares Land, Zuydersee, Jahde und Dollart waren damals noch nicht vorhanden, und es bestand noch eine ganze Anzahl jetzt längst ver- schwnndener Inseln, z. B. westlich der Wesermllndung die Insel Mellum mit festem Schloß. Jetzt tobt an der Stelle der letzteren auf den Sandbänken sich brechendes wildes Wogengetiimmel, und dort erhebt sich der vor einigen Jahren mit großen Kosten mitten in der See von der Stadt Bremen erbaute Weser- leuchtthurm. Noch zu Karl's des Großen Zeiten war das Küstenland der Friesen, das von der Scheide bis Jiitland reichte, doppelt so groß wie heute. Die an der Elbmündnng liegende Insel Neuwerk besaß sogar noch vor 200 Jahren die dreifache Größe wie gegenwärtig. Die Ursache dieses sonderbaren Umschwunges, dieser entsetzlichen Länderverwüstung, ist höchst eigen- artig: es ist die Bildung oder doch erhebliche Erweiterung des Kanals zwischen England und Frankreich, der, wie die geologischen Verhältnisse unwiderleglich beweisen, ehemals nicht vorhanden war. Geschichtliche Berichte über diese Katastrophe» diese Losreißung Großbritanniens vom Festlande, sind nicht vorhanden, jedoch dürfen wir sie ans ver- schiedenen Gründen mit ziemlicher Gewißheit in die Periode von 500 bis 1000 vor dem Beginn unserer Zeitrechnung legen. Eine zweite Katastrophe, eine große Erweiterung des Kanals, fand etwa im 9. Jahr- hundert statt und diese brachte den Hauptunischwung. Vulkanische Kräfte werden wohl kaum eine Rolle dabei gespielt haben, vielmehr haben die Wogen des Ozeans die letzte schmale Verbindungsbrücke, weichen Kreidefels, schließlich allein durchbrochen und fortgespült. Bis dahin, d. h. bis zum 9. Jahrhundert, war die Nordsee ein relativ ruhiges Gewässer, kannte wenigstens keine größeren Ueberschwemmungen, zumal die Flnthwelle lediglich auf dem Umwege um Schott- land au ihre Küsten gelangen konnte. Wenn auch die Stürme wie heute tobten, so waren sie doch ziemlich ungefährlich; denn schwere Nordstürme sind sehr selten und Südwest und West brachten wenig Wasser, weil es an Nachschub bald fehlte. Mit der bedeutenden Verbreiterung des Kanals änderte sich jedoch Alles mit einem Schlage. Die Fluth verdoppelte sich, denn eine früher unbekannte Welle drängte jetzt durch den Kanal und stieß, sich nordwärts wälzend, mit der alten um Schottlands Nordspitze kommenden inmitten der Nordsee zusammen und staute dadurch täglich zweimal das.Wasser z» einer bis dahin unbekannten Höhe auf. Dieser neue Weststrom drängte aber gleichzeitig die Fluthen der Elbe und Weser nach Osten ab. Diese brandeten jetzt mit gewaltigem Stoß gegen das flache Nord- Helgoland; der Kanal, der dieses von der Küste Schleswig-Holsteins trennte, verbreiterte sich schnell und in relativ kurzer Zeit wogte das Meer dort, wo ehemals die grünen Wiesen des nordöstliche» .Helgolands sich ausdehnten. 374 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Noch verderblicher für die fruchtbaren länder und Inseln der Nordsee erwies sich aber der neue Kanal, wenn die sehr häufigen, früher unge- fährlichen Südweststürme einsehten, welche erfahrnngs- mäßig fast stets in West und schließlich Nordwest übergehen. Ungeheuere, früher unbekannte Wasser- Massen wälzten sich dann vor dem Sturme aus dem Atlantischen Lzean durch den Kanal in die Nordsee, der dann in West und Nordwest sich umsetzende Orkan aber peitschte diese Finthen gegen die Küsten, Inseln und in die Ströme, und trieb die Gewässer hier zu früher nie gekannter Höhe empor. Traf nun zu allem Unglück ein solcher Sturm niit Neumond oder Vollmond zusammen, zu ivelchen Zeiten auch ohne Sturm der Wasserstand schon außerordentlich hoch ist— es ist dieses die Zeit der Springflnthen, die sich alle 14 Tage einstellen—, so traten oft die entsetzlichsten Katastrophen ein, große Landflächen, viele Orte und Tansende und Abertausende von Menschen gingen zu Grunde. Tie furchtbarsten Erdbeben haben nicht grauen- voller gewüthet wie diese mit dem Orkane über das bewohnte Land dahinbransenden Finthen des Ozeans. Die Chroniken berichten darüber vielfach. Die ältesten Berichte sind natürlich sehr lückenhaft, erst seitdem mit der Neformation Kirchenbücher eingeführt wurden, werden die Mittheilungen völlig sicher. Die älteste Sturmfluth über die die Chronisten berichten, die gleichzeitig die erste Veranlassung gab die Weser einzudeichen, d. h. beiderseits mit Schutzdämmen für das dahinterliegende flache Uferland zu versehen, ist die Fluth vom Jahre 1012. Ein alter Reim- chronist Rennerus(Renner) berichtet über dieselbe: De Elve und de Wesserfloth Sind diissc Ticd geworden grot Und hebbcn Velen Schaden dahn, Darob is man tho Rade gahn Den Wesscrdiek to maken. Später sagt er noch über diese Flnth: De Elve und de Wesser branden in drei Tage lang. Se wurden baben de Mate grot und lesen awer. Do dat Water wedder wegsoll, wurden viele dode Lude gefunden, darvan quam ene grote Pestilenzia. Gewaltig war auch die große Flnth vom Jahre 1144, über die der Mönch Gotefried und der friesische Historiker Ubbo Eminius berichten. Das Wasser der See drang bei dieser Gelegenheit zwölf Meilen weit in's Land hinein und verband einen Tag lang quer durch das Land die untere Weser und Elbe. Im Jahre 1164 verwüstete eine Flnth ganz Nordfriesland; im Kirchspiel Brunsbüttel kamen fast alle Menschen um's Leben. 1216 ertranken in Nordfricsland 10000 Personen, dieselbe Anzahl siel im Jahre 1219 der Marcclliisfluth(man benannte die Finthen meistens nach den Heiligen der be- treffenden Tage) zum Opfer; 1218 bildete sich ein Theil der Jahde. Im Jahre 1277, am Weihnachts- tage, entstand durch eine Riesenfluth der 6 Quadrat- meilen große Dollart; bei dieser Gelegenheit wurden eine Stadt und 50 Flecken und Dörfer nebst- allen Bewohnern vom Meere verschlungen. Die zweite Mareellllsfliith, die halb Helgoland fortriß und 7600 Menschen tödtete, ereignete sich 1300. Im Jahre 1362 brausten die Meereswogen wieder über ganz Nordfriesland dahin, 30 Kirchspiele nebst sämmtlichen Bewohnern wurden vernichtet; diese Flnth nennen die Chronisten, wegen der gewaltigen Verluste an Menschenleben auch„die große Mannes- tränke." Im 15. Jahrhundert traten fünf große Finthen ein, im 16. sind erstens bemerkenswerth die Sturm- fluthen von 1509 und 1511(die Antonifluth), die der Jahde ihre jetzige Gestalt gaben, gleichzeitig jedoch die Dörfer Scediek, Dowens und Oberahn vernichteten. Einige kleine grüne Inseln im Jahde- busen, auf denen viele Seevögel brüten, heißen nach dem letzteren Dorfe noch heute im Volksmunde die Oberahnischen Felder. Die schrecklichste Fluth, die sich aber je ereignete, war die Allerheiligenfluth(1. November) des Jahres 1570. Unerwartet, in finsterer Nacht brach dieselbe herein mit einem furchtbaren, plötzlich losbrechenden Orkane; wahrscheinlich war dieses ein gewaltiger Zyklon. In wenigen Stunden war das ganze Küsten- land von Holland bis Jütland eine tosende Wasser- wüste. Sämmtliche Deiche brachen, kein Ort ward verschont. Diese entsetzliche Flitth vernichtete iiber 100 000 Menschen. Das 1 7. Jahrhundert brachte 13 Fluthen, von denen die bedeutendste die Katharinenfluth(25. No- vember) 1685 war, bei der die Wesermarschen am rechten Ufer besonders litten; darnach lag der Bezirk Osterstade drei Jahre lang uneingcdeicht der See und der Weser frei. Höchst merkwürdig war eine Fluth im Jahre 1630, bei der ebenfalls die Weser- Märschen ernsthaft geschädigt wurden. Mitten im Sommer, bei schönstem Sonnenschein und ohne daß der Wind einsetzte, stieg das Wasser scheinbar ohne Veranlassung höher und höher, zerriß die Deiche, zerstörte viele Aecker und Früchte und zog sich dann ruhig wieder zurück. Bis jetzt ist diese sturmlose Sommerflnth unerklärt geblieben. Höchstwahlschein- lich war sie das Resultat einer aus den Isländischen Meeren heranbrausenden Erdbebenivelle, die aus deni Norden um Schottland und gleichzeitig von Süden durch den Kanal in die Nordsee eindrang. Diese beiden Wellen hemmten sich nun gegenseitig, erhöhten aber gleichzeitig das Meeresniveau bedeutend, das Resultat ivar eine relativ ruhige lleberfluthung des Landes. Auch das vorige Jahrhundert brachte eine Reihe von Katastrophen. Am bemerkenswerthesten ist die Weihnachtsflnth von 1717, am Christabend, die eintrat, nachdem schon Tage lang ein Siidweststnrm riesige Wassermassen durch den Kanal in die Nord- see getrieben. Vorzugsweise litten die oldenburgischen Marschen; noch heute finden sich dort in vielen Kirchen Gedenktafeln, die furchtbare Einzelheiten be- richten. Auch bei dieser Fluth ertranken viele Tausende, sogar in der Stadt Hamburg etwa 200 Personen. Stach dieser Flnth lag Osterstade wieder zwei Jahre lang offen ohne Deich und jede ge- wöhnliche Flnth drang in's Land. Stärker und stärker sowie höher machte man jetzt unter schweren Geldopfern die Deiche, unterstützt durch die Maschinen der Neuzeit und so kam es, daß in diesem Jahr- hundert eigentlich nur noch zwei Sturmfluthen ver- hängnißvoll wurden. Die uncingedeichteu, kleinen Jnselft an der Westküste Schleswig-Holsteins, die Halligen, die letzten Reste eines einst mcilenbreiten Marschlandes allerdings litten nach wie vor vielfach. Diese Fluthen unseres Jahrhunderts sind die Februar- fluth von 1824, welche viele Deiche durchbrach und ans den Halligen gewaltig hauste, sowie die ge- waltige Sturmfluth in der Neujahrsnacht 1854/55. Diese letztere zerstörte viele Deiche Ostfrieslands, sowie der Weser und Elbe und richtete u. A. im Elbthale in der Nähe Hamburgs, wo fast alle Deiche brachen, gewaltigen Schaden an. Der Schreiber dieser Zeilen machte diese letztere schauerliche Sturmfluth und Slurmnacht unter höchst kritischen Verhältnissen als neunjähriger Knabe in der furchtbar bedrohten hannoverschen Wesermarsch, Osterstade, in dem der oldcnbnrgischen Stadt Brake gegenüberliegenden Dorfe Aschwarden, nahe der See, persönlich mit und kann daher aus eigener Anschauung darüber berichten. Am 30. und 31. Dezember 1854 brach ein Süd- westorkan los von solcher Gewalt, daß viele Per- sonen vom Sturm niedergeworfen und nicht wenige Häuser der Dächer beraubt wurden; dieser Sturm trieb unendliche Wassermassen aus dem Ozean in die Nordsee; dazu war es Springflnthzeit. Als nun der Sturm mehr nach Westen drehte, drangen ge- waltige Wassermassen gegen die Küste und in die Weser und Elbe. In kürzester Frist wurden alle Außendeichländereien hoch überschwemmt, die Weser bei Brake wurde so zu einem Meeresarme von fast einer Meile Breite. Schon am Nachmittage des 31. Dezember sah es am Deiche, der etiva 400 Schritt westlich von dem Orte verlief, höchst bedenklich ans. Sturzsee auf Sturzsee kletterte die schwach geneigte Böschung des wohl 30 Fuß hohen Deiches hinauf und riß bald tiefe Höhlungen in das Erdreich. Der Wasserspiegel stand noch etwa l'/» Bieter unter der oberen Deichkante, der mit einem Fahrwege gekrönten 15 Fuß breiten Deichkappe. Das Dorf Aschwarden aber lag gleich den übrigen Ortschaften der Marsch inniitten grüner Wiesen in gleicher Höhe mit dem Fuße des Deiches, nur das Zentrum des Dorfes lag auf einer kleinen Bodenanschwellung, der höchste Punkt desselben aber immer noch 15 Fuß tiefer als die Teichkappe. Im Falle eines Deichbruches war daher der Ort voraussichtlich verloren, denn die dann heranbrausen- den, hanshohen Finthen hätten ihn wohl sicher fort- gewaschen. Die gesammte, arbeitsfähige, männliche Bevölkerung der Marsch war zum Schutz auf den fünf Bleilen langen, von Bremerhaven bis zu den Höhen von Rekum bei Vegesack sich erstreckenden Deich beordert. Zahlreiche Wagen schafften Sandsäcke herbei, mit denen die in die Deichböschung gerissenen Löcher wieder ausgefüllt wurden. Wo es möglich war, ward der sich lösende Rasen durch lange Strohseile befestigt, d. h. festgenäht, indem die Seile mittelst für diesen Zweck eigens konstruirter eiserner Gabeln tief in das Erdreich eingetrieben wurden, derart, daß schließlich die Böschung ein dichtes Strohgefleäst bildete. Die Ebbe trat ein, das Wasser sank einige Fuß und augenblicklich war die Gefahr vorüber, darum wurden die meisten Mannschaf.en, um auszuruhen, nach Hanse geschickt, aber für die Nacht erwartete man Schlimmes. Der Sturni heulte weiter und nahm fortwährend an Gewalt zu. Niemand dachte an Schlafen, eine Katastrophe schien unvermeidlich. Am Abend stieg die aus die Ebbe folgende Flnth rapide, höher und höher klomm sie am Deiche empor, weit höher, als am Tage zuvor; die Gefahr stieg auf's Höchste. In allem Orten ward jetzt in finsterster Nacht Sturm geblasen, die gesammte männliche Bevölkerung eilte wieder zum Deich zu neuem Kampf, auch größere Knaben mußten mit helfen. Grausig war der Anblick vom Deiche ans. Am Himmel jagten vor dem Sturme her dunkle, tie,- hängende Wolkenmassen; eine nachtschwarze, endlos in der Finsterniß verschwindende donnernde Wasser- wüste, von der die weißen, sich zischend überstürzenden Schaumkämme der heranbrauscndcn Wogen sich grcü abhoben, lag fast in gleicher Höhe mit der Deich- kappe. In spitzem Winkel rauschten die gewaltigen, jetzt salzigen Wogen heran, an dem Deiche brechend, und brandend über diesen hinwegstürzend. Ununter- brochen gurgelten bedeutende Wassermassen, ein stunden- langer schwacher Wasserfall, an der steilen Innen- böschnng des Deiches in das tiefliegende Land hinab. Kanin war es noch möglich, sich ans dem Deiche zu halten und die zahllosen kleinen Reparaturen des- selben auszuführen. Jetzt stand die immer noch steigende See nur noch einen Fuß unter der oberen Kante des Deiches, immer geivaltiger rauschten die Finthen über die Kappe, und das Schlimmste war, daß der höchste Wasserstand erst in etwa einer Stunde erwarten war. An verschiedenen Stellen, bei zu denen 5kappstiirze drohten, mußte der Deich p�' visorisch schnell etwas erhöht werden, durch verfloch- tcne, eingeschlagene Pfähle und dazwischen gepackte» Strohdiinger. Alles schien jetzt verloren. Das Brechen und völlige Ueberfluthen des Deiches war jede Sekunde zu erwarten. Da plötzlich zeigte sich eine wunderbare tsr- scheinung. Das Wasser stieg nicht mehr, trotz Sturm und Flnth. Es gab hierfür nur eine Gr- klärnng: an einer anderen Stelle war der Deich ll� brochen und die brüllende See stürzte irgendivo hinab auf das tief liegende Land. War es a» unserem Ufer, wenn auch vielleicht Stunden weit entfernt, so war aller Kampf umsonst gewesen. Aber hinter uns zischte keine Wasserfluth heran, und dow hätte dies bald geschehen müssen, denn die tosende» Gewässer eines Deichbruches schießen mit der tve- schwindigkeit eines Cisenbahnzuges dahin. Das Unglück hatte also das andere Ufer der Weser, die oldenburgische Seite heimgesucht, �a früher schon so oft stark betroffene Land Osterst»� war für dieses Mal gerettet.— Die Iteue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 376 (Fortsetzung.) Kläre wich zurück und sah ihren Mann ungläubig an:„Den Teppich bekomme ich also nicht?" „Nein und... und..." Er kam lachend auf sie zu, mit einem trunkenen Blick umfaßte er ihre schöne Gestalt.„Und... und laß doch den Teppich. Was soll denn überhaupt der alte Lappen.... Wir können auch ohne Teppich glücklich sein.... Ja so glücklich... so glücklich! Und... und... ich bin müde, wir wollen zur Ruhe gehen... zur Ruhe... Komm!" Er legte den Arm um ihre Schultern, seine Lippen suchten wieder die ihren, aber sie riß sich los und stieß ihn zurück, und ehe er noch recht Zur Besinnung kam, war sie im Schlafzimmer ver- schwuuden. „Kläre!" Er stürzte ihr nach und faßte den Drücker der Thür— sie war verschlossen. „Kläre!" Keine Antwort. „Kläre, was soll denn das wieder vorstellen? Mach' auf!" Drinnen blieb Alles still. Er lachte auf.„Wenn Du etwa glaubst, mich reizen zu können, irrst Du. Ich werde warten, bis Du vernünftig bist." Ohne die Thür noch eines Blickes zu würdigen, warf er sich wieder in die Sophaecke und nahm noch einmal die Zeitung vor. Allein die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen, Und schon in den nächsten Minuten stand er wieder an der Thür:„Kläre, mach' auf... oder ich..." In jäher Wuth warf er sich gegen das feste Schloß, daß die Fugen krachten, aber das Schloß gab nicht nach, und drinnen regte sich nichts.--— „Und diese wunderbaren Rosen sollen nieine sein? Nein wie lieb von Ihnen! Wie sinnig! Sehen Sie, solche zarten Aufmerksamkeiten, die vermißt man so Und die thun doch so wohl... so wohl!" Ihre Stimme zitterte, mit einem stutzenden Blick sah er zu ihr auf:„Gnädige Frau, Sie... Sie haben geweint?" „Ach nein... nein,..." Sie tupfte mit dem Spitzentuch gegen das Gesicht;„achten Sie garnicht darauf!" „Wo Sie die Thräncn noch in den Augen haben?" Er faßte ihre Hand:„Meine liebe, verehrte gnädige( Frau, wenn ich Ihnen helfen könnte!" Sie fuhr mit der Hand liebkosend iiber sein Haar:„Sie sind ein guter Mensch, Herr Fedor! Wenn Alle so wären wie Sie! Aber nein... nichts mehr davon!" Sie schüttelte abwehrend den Kopf.„Es ist ja auch eigentlich nichts— eine Enttäuschung mehr. Ich sollte schon daran gewöhnt sein. Ah nein, reden wir wirklich von etwas Anderem. Sie haben den dÄnnilnzio zurückgebracht, wie gefiel Ihnen?" Sie saßen im Erker zu Füßen der hohen Blatt- Pflanzen. Die steigende Dämmerung des späten Juliabends warf ihre Schatten um sie, kaum daß noch Einer des Anderen Gesicht erkennen koiiiite; trotzdem war es ihm bei ihrer Frage, als müßte elu brennendes Roth in seine Wangen steigen. Das Buch— ja das Buch, er hatte es ausgelesen in einer Nacht, und Alles, was in seiner Seele ge- schlafen an traumhaften, unverstandeuen Leiden- schaften, war erwacht bei diesen gliihenden Schilde- rungen taunielnder Siniieslust. Als wäre ein Schleier davon fortgerissen, nackt und blos mit all' seinen suchenden Gefühlen, die noch nicht wußten, wohin überschäumen sollten, und denen nun unerwartet ein Ideal gewiesen war: Das Weib---- Das Weib, das für ihn bisher nichts gewesen als Mutter und Schwester, und das nun vor ihm schwebte in all' der siegenden, verführerischen Schönheit, die der Dichter um seinen Leib gewoben, das ihm zuwinkte, ihn lockte und rief, das herauswuchs ans dem Wesen- losen, inimer fester, immer greisbarer, bis es zuletzt Frau Klares Züge trug. „Also, wie hat er Ihnen gefallen?" Frau Kläre. Novelle von Jorcfßce OjcePeCcr. „Er— er..." er brachte in seiner Berwir- rung kaum ein Wort hervor;„er hat eine wunder- bare Sprache." „Nicht wahr? Sehen Sie, ich lvußte, daß er Sie begeistern mußte.... Sie sind auch solch' eine poetische Natur. Und wie der Dichter die feinsten Empfindungen zu analysiren versteht, ist das nicht köstlich? Diese Maria— ich kann so mit ihr empfinden, wie sie sich nach dem Erlöser sehnt an der Seite ihres gefühllosen, nichtssagenden Gatten. Ja, wenn so Jedem der Erlöser käme!" Sie seufzte tief auf, und er, nicht fähig mehr sich zu beherrschen, nahm ihre Hand und küßte sie. Sie ließ ihn gewähren; auf einmal aber horchte sie auf:„Hören Sie, es kommen Schritte die Treppe herauf. Ja, es schellt, zum ersten,— zum zweiten, — zum dritten Mal. Das ist der Doktor." Sie eilte hinaus, um zu öffnen. „Nun, noch im Schummem? Frau Kläre Prä- parirt wohl schon auf Dnnkelsitzungen?" Sparmann reichte Fedor lachend die Hand. „Sparinann, wenn Sie wieder spotten wollen, fangen wir überhaupt schon garnicht an. Mir ist die Sache ernst." „Aber mir auch, Verehrteste, blutiger Ernst sogar. Was für Geister wollen Sie uns vorzaubern? Wird Adelgunde auch erscheinen?" „Nein, ob der Mensch das Witzeln läßt! Gräß- lich ist er, nicht wahr, Herr Fedor? Die Spints sollten ihm einen ordentlichen Klaps geben. Ja, das sollten Sie!" „Klapse, meinetwegen soviel sie wollen, blos keinen— Kuß." „Sparmann!" Es lag etivas Drohendes in ihrer Stimme, einen Aloment tauchten ihre Augen in einander. Der Doktor lachte auf:„Nim, ich verrathe Ihre Geheimnisse nicht, im Uebrigen denk' ich, wir fangen an, zuerst doch wohl Tischsitzung?" „Ja, natürlich! Hier, den nehmen wir, ich Hab' ihn schon leer gemacht." Sie wies auf den kleinen Büchertisch.„Und wo setzen wir uns hin? Ich denke hier vor den Ofen. Herr Fedor, komnien Sie hier rechts her. Sie können sich an die Wand setzen, Sparmann. So, nun will ich iiur noch die Gar- dinen schließen." „Aber dann wird es ganz dunkel." „Soll es ja auch, Herr Fedor, je dunkler, desto besser." „Aber warum das?" „Im Diistern ist..." „Sparmaun, ich stehe sofort wieder auf. Geben Sie lieber eine vernünftige Erklärung— vorgelesen Hab' ich Ihnen damals genug darüber. Sehen Sie, Herr Fedor, die Phänomene entwickeln sich nur im Dunkeln. Das ist gerade wie mit der photographi- schen Platte. Jetzt wollen wir aber wirklich be- ginnen. Legen Sie die Finger auf den Tisch, ganz lose, ja? Wollen wir nicht auch die Füße kon- trolliren? Immer den rechten Fuß auf den linken des Nachbars legen. Rücken Sie mal näher, Herr Fedor, so. Drück' ich Sie auch nicht?" „Nein, nein...." Es durchzuckte ihn wie ein elektrischer Schlag, als ihr kleiner zierlicher Fuß sich auf den seinen setzte, und ihr weiches Knie sich an das seine schmiegte.„Und was soll nun werden?" „Nun müssen wir abwarten, Herr Fedor, wenn gute Freunde hier sind— ivir nennen die Geister nämlich gute Freunde—, werden sie den Tisch schon bewegen. Singen könnten wir aber erst etwas, das fördert die Harmonie. Kennen Sie das, was Direktor Schwarz für spiritistische Zirkel gedichtet hat: ,Wir sind vereint im trauten Kreise'?" „Keine Ahnung.— Sie doch wohl auch nicht, Herr Russell?" „Nein, Herr Doktor, ich..." „Schade. Ach wissen Sie, wir könnten auch: , Harre meine Seele' nehmen. Ja, das sollen die Freunde gern hören." „Schön— also fangen wir an!" Und gedämpft zogen ihre Stimmen durch das jetzt in völliger Dunkelheit liegende Zimmer: „Harre»iciue Seele, Harre des Herrn. Alles ihm befehle..." „Nein, nicht weiter— hören Sie auf!" „Mein Gott, Sparmann, was ist denn? Warum denn nicht?" „Weil— neiit, ich mag nicht. Wir können ja still sitzen." „Sie sind aber komisch. In allen Sitzungen wird gesungen. Hach! Merken Sie's? Der Tisch bewegt sich." „Weil wir uns auch immerfort bewegen." „Wir sitzen ja aber ganz ruhig. Fühlen Sie doch... schon wieder... jetzt noch mal... es ist Jemand daran.... Ja, ja... wie eutzückend... es ist Jemand daran." „Gott zum Gruß, lieber Freund!" „Aber, Verehrte, der Tisch steht ja ganz still." „Sparmann, Sie sind greulich mit ihren Streite- reien. Ich fühle es doch, daß ein Knistern durch die Platte läuft. Ich bekomme auch schon Einfluß, - nieine Arme zittern... ach sehen Sie doch, auf Herrn Fedor's Stirn, sehen Sie, ein Stern, ein großer, heller Stern... jetzt wird er größer... eine Gestalt... sehen Sie... sehen Sie denn nicht ... er beugt sich über Sie, er... er küßt Sie, Herr Fedor... ich... ich sehe Ihren Genius... Hach...." Sie hatte in steigender Erregung ge- sprachen, jetzt stieß sie einen Schrei aus, ihr Ober- körper machte ein paar schwankende Bewegnngen und sank dann seitwärts. Ihr Kopf fiel an Fedor's Brust, ihre Hände faßten mit beinah innigem Druck die seinen. In demselben Augenblick aber geschah etwas Un- erwartetes: Das Tischchen flog, von einem kräftigen Faustschlag fortgeschleudert, mit dumpfem Krach in das Zimmer hinein, und des Doktors laute, schnei- dende Stimme rief:„Genug!" „Was ist!" „Was giebt es denn?" Fedor Rüssel sprang empor, und auch die Frau, die noch eben scheinbar völlig beivußtlos in seinen Armen gelegen, richtete sich auf:„Sparmann, was soll das bedeuten!" „Daß ich von dem ganzen Zauber genug habe, aber übergenng! Machen Sie Licht!" Er sprach schrill und befehlend. Als stände sie unter einem Bann, drückte sie auf einen Knopf, das Glühlicht flamnite auf. Eiiien Augenblick hielten Alle, von dem jähen Lichttvcchsel gebleudet, die Hand iiber die Augen, dann sah Fedor zu Frau Kläre hinüber. Ihr Gesicht war blaß und verstört, wie in jäher Erschöpfung hatte sie sich in einen Sessel geworfen und den Kopf in die Hände gestützt. Mit besorgtem Aus- druck eilte er an ihre Seite.„Gnädige Frau, Ihnen ist nicht wohl! Kann ich Ihnen beistehen? Ein Glas Wasser vielleicht?" Sie ließ die Hand sinken und sah verwirrt zu ihm auf:„Ich... ich weiß überhaupt nicht... was ist denn geschehen?" Und dann mit zorniger Bewegung zu Sparmann:„Wollen Sie mir freundlichst erklären, was diese Szene zu be- deuten hatte?" „Nichts, als daß Sie wieder einen— einen Anfall bekamen uiid daß ich da die Verantwortung nicht übernehme— nach keiner Richtung!" „Einen Anfall?" Sie stand auf, in ihren Augen lag wieder jener gespannt forschende Ausdruck, der Fedor schon einmal aufgefallen war, aber er verflog sehr bald. Sie lachte hell auf:„Sie sind einfach abscheulich! Einen Anfall? Als ob Sie nicht wüßten, daß das vorübergeht, und gerade, wo wir so schön im Zuge waren. Wir müssen die Sache entschieden fortsetzen." „Auf mich rechnen Sie jedenfalls nicht dazu." „Pfui, Sparmaun— seien Sie kein Spiel- verderber!" 376 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. „Bei diesem Spiel.. er betonte das„Spiel" entschieden.„Nebenbei ist es Zeit, daß wir ans- brechen. Die Uhr geht auf Mitternacht, Ihr Herr Gemahl kann jeden Augenblick hier sein." „Ntein Mann? Ach!..." Sie verzog den Mund. „Mein Mann kommt erst spät, er weiß, daß ich heute nicht mehr für ihn zu sprechen bin.... Und Spiritismus treiben wir also wirklich nicht weiter?" „Wirklich nicht!" „Ich werde Ihnen meine Freundschaft kündigen. ... Aber Sonntag sehen wir Sie Beide zu Tisch! Sparmann, Sie brauch' ich ja nicht mehr einzuladen. Herr Fedor bekommt noch eine Karte der Form halber. Wir sprechen dann auch noch über Ihre Kunst, Herr Fedor, und welche Rolle wir zusammen einüben wollen. Es wird sich schon ein Moment dazu finden. Sparmann, Sie werden doch schweigen?" „Diskretion Ehrensache." „Das möchte ich mir auch ausbitten. Und jetzt machen Sie Beide im Ernst, daß Sie fortkommen, sonst werden wir doch noch überrascht."-- Sie trennten sich diesmal schon an der Haus- thür. Der Doktor wollte auf kürzestem Wege heim. Fedor hielt ihn nicht. Es drängte ihn danach, allein zu sein, er wollte mit sich iii's Klare kommen. Wieder war in seiner Seele jenes Stürmen und Drängen, das auch der erste Besuch bei ihm hervorgerufen; eine dumpfe Wirrniß, der er mit banger Ahnung, aber ohne sie zu verstehen, gegenüber stand. Was war eigentlich geschehen? Er versuchte, die Ein- drücke des Abends noch einmal an sich vorüber ziehen zu lassen, aber sie drängten sich durcheinander, ver- wischten sich und verschwanimen, und nur Eins blieb übrig: Die klagende Frauenstimme, die nach dem Erlöser rief, der blonde Kopf, der an seiner Brust gelegen, das Knie, das sich an das seine geschmiegt. Und dabei die Aussicht, mit ihr vereint lesen, schwär- men, studiren zu dürfen! Ein wonnevoller Seufzer hob seine Brust, wie ein trunkener Glückswunsch kam es über alle seine Sinne. Er war in diesen Tagen sehr unaufmerksam im Geschäft. Die Zahlen in den Büchern verwischten sich vor seinen Augen, an ihre Stelle trat ein schöner rothblonder Frauenkopf. Wo er ging und stand, summte er Verse vor sich hin, glühende, leidenschaft- liche Verse, wie er sie in seiner Rolle sprechen wollte. Er war nicht mehr Fedor Russell, der kleine Volon- lair bei Behrens& Co., der Kaffee- und Thee-Conto auszufüllen hatte— er war Carlos, der Unglück- liche Königssohn, und sie Elisabeth, die Königin, seine Königin! Der Carlos sollte seine erste Rolle sein, das stand jetzt in ihm fest. Die Kollegen � betrachteten ihn mit heimlichem Kopfschütteln, sein Chef meinte bei sich, die Lehrlinge müßten bei Russell und Sohn in Bremen eine fabelhaft schlechte Ausbildung bekommen.— ** „Ach!"... Sparmann blieb auf der Schwelle stehen.„Ja, potztausend, wo haben Sie denn den her? Das ist ja wahrhaftig ein Prachtstück!" „Ja, nicht wahr?" Sie lächelte stolz, mit bei» Stolz eines Kindes, das einen lange und hartnackig verfolgten Wunsch durchgesetzt hat.„Ja, er ist ent- zückend, soll auch ganz echter Susandshird sein, ans der persischen Staatsmanufaktur. Sehen Sie, die Muster sind rein orientalisch, hier haben Sie die Lotosblume, das ist ein chinesisches Tabellier des Kilin und...!" „Sie reden wie ein Buch, meine Gnädige, haben Sie Ihren Karabacek gleich auswendig gelernt?" „Kann schon sein. Aber schauen Sie dies Or- nament,"— sie wies mit der Fußspitze auf eme Figur im Teppichgrund,—„das ist auch chinesisch' das Tshi— das Symbol der Unsterblichkeit!" „Nun, da können Sie ja jetzt die Unsterblichkeu auch mal in der Praxis mit Füßen treten." „Ist das wieder eine Anzüglichkeit, Sie?" u „Wenn Sie sie anziehen wollen, schöne Frau. „Fällt mir garnicht ein... Und jetzt gehen Sie zu Manne hinein, ich Hab' noch zu thun. Er ist im Speisezimmer."(Fortsetzung folgt.) JeuiLLeton. Volkslied.* Du hast mir ja versprochen � Viel tausend mahl die Treu, Ich Hab dirs auch geglaubet, Daß es nicht änderst sey; Nun aber muh ich sehen Iu meiner grösten Pein, Daß ich von dir mein Leben Wuh ganz verlassen sein. Ich glaubte deinen Worten, Wein Herz war stets Key dir, Ohne dich kont ich nicht leben, So ängstig war es mir; Wie oft hast du gesagrt, Du liebst kein andre nicht, Fls mich, drin Schah, drin Leben, Drin Herz, dein Ilugenlicht. Wein Schatz, ich bin dir doch gut, Ob Du mich nicht mehr liebst, Es dringt zwar mir durch Wark und Blut, Datz du mich so betrübst; Nun aber Iröst ich mich. Latz inir ein frischen Wuih, Glaub, es wird nicht lang mehr seyn, So sind wir wiederum gut. Sturm auf Bornholm. Hans Bartels, der da? Original uiiseres heutigen Bildes gemalt, ist den Lesern schon durch ei» anderes Seebild bekannt, die„Slurm- fluth", ein düsteres Nachtbild. Immer wieder haben die Motive der See und das Leben der Fischer und Schiffer. wie es am Strande sich abspielt, ihn gefesselt. Er kennt die See und weih das wechselnde Bild der Wogen im Bilde festzuhalten, wie kanm ein anderer deutscher Maler. Das ist auch die Stärke unseres Bildes: wie hier die langen, schwer von der hohen See hereinrollenden Wogen gcmalt sind, wie die hohen Käinnie am Strande über- brechen und wie sie hoch emporsprihend gegen den runden Steinwall fahren, der den flachen Strand schützt I Die unheimliche Kraft und dabei die gleitende, in jedem Augen- blick sich ändernde Gestalt der Welle, die scheinbar feste Bkasse des Wellenberges und die ganz in weihen Schaum aufgelösten Spritzer/ die Kräusel, die der daherfahrende Wind in den Wellenbergen und Thälern hervorbringt— alles das ist vom Maler überzeugend wahr herausgebracht. Das war ihm das Hauptmotiv seines Bildes, das Andere, ' Aus„Deutsches Volts- und Studentenlied tu vor- llassischer Zell". Quellenmätztg dargestellt von Arthur Kopp. Berlin, Wilhelm Hertz.— das Dampfboot, das schwer mit den Wogen zu kämpfen hat, die Leute am Strande, treten dagegen zurück oder dienen nur dazu, dm Eindruck des Stnrines zu ver- stärken. Es ist Tag, der Himmel ist grau umzogen, nur in einenl uugelvissen blendenden Licht kämpft sich die Sonne durch. Und von dem Horizont her zieht über die See noch die schlvere Wetterwand herauf, vor der die kleinen Wolkenfetzen, vom Sturme gejagt, herfliegen.— Im Fördcrwcrk.„Paß auf!" schrie eine Frall Annuschka an, die von den großen Sieben kam. Sie hatte eben einen Förderkorb hingeschoben und ging nun zurück. Eine Kameradin rief ihr zu, daß sie jetzt Pause hätten. Sie folgte beiden Rufen und sprang zur Seite, gerade noch rechtzeitig, um von dein Förderkorb, den die Frau vor sich hcrstieß, nicht umgeworfen und überfahren zll lverden. Bkaria setzte sich an eines der offenen, im- verglasten Fenster und Annuschka kauerte sich neben die Kameradin. Mit ihren derben Händen zogen sie die dünnen Röcke über die nackten Füße und starrten vor sich hin. Im vertrauten leisen Plauderton hätten sie sich nicht verständigen können. Das Knarren der gewaltigen Räder mit dem stählernen Förderseil, das Rasseln der viereckigen Förderwagen über die Stahlplaticn des Bodens und das schußähnliche Knattern beim Umkippen der Kohlen üi die Siebe übertönte jedes Wort. So schmiegten sich denn die Beiden dicht zusammen, um sich wenigstens an einander zu wärmen. Durch die vielen Oeffuungen iu den Bretterwänden peitschte der Wind die naßkalte Luft und einzelne Regentropfen. Aber hier an der Oeffnung war der einzige Ort zum Ausruhen. In oem Räume an der Schachtöffnnng und den Gängen rollten unauf- hörlich die Förderkörbe hin und her. Kaum, daß die Frauen rasch genug die Wagen nach den Sieben stoßen konnten, um mit den geleerten zurückzukommen. Stets, wenn die Gitter an der Schachtöffnung hochklappten, rollten zwei volle Förderkörbe heraus ans der Förder- schaale. Sofort mußten zwei leere hineingestoßen werden. Sank die Schale aus der einen Seite, so kam eine neue auf der anderen herauf, die wieder rasch geleert werden mußte. Der Wechsel dauerte nur wenige Sekunden. Rechts zwei leere hinein— links zwei volle heraus— zwei leere hinein— zwei volle heraus... Die Mädchen liefen eilig mit nackten Füßen über die kalten Stahlplatten; sie hatten kaum so viel Zeit, sich einmal die vom Kohlenstanb geschwärzten Haare unter die kleinen Kopftücher zu schieben. Schon wieder war eine Schale oben, die geleert werden sollte. Die beiden Mädchen drückien sich eng aneinander. Annuschka lächelte still vor sich hin. Das derbe, be- schmutzte Gesicht wurde von feierlichem Glanz überzogen. Tie verarbeiteten Hände, der kurze zerrissene Rock und die weite Jacke schienen in diesem Augenblick garnicht zu deni Gesicht zu paffen. Maria sah das. Sie konnte sich trotz des alles überschreienden Lärms nicht enthalten, ihrer Freundin in's Ohr zu rufen:„Nur noch zehn Tagel" Sie lächelte auch dabei und drückte Annuschka's starken Arni. Annuschka mußte sie wohl verstanden haben. sah ihre Freundin dankbar und glücklich an. Und dam iächclte sie wieder— nur noch zehn Tage bis zur LwchZ?"' Tann hatte sie ihr eigenes Heim und brauchte nlw mehr mitarbeiten, nicht' mehr die schweren Förderkor vor sich berstoßen, nicht mehr in dem zugigen Raum schwitzen, die ganze Nacht oder den ganzen Tag. wollte ja gerne arbeite», zu Hanse. Tante JaroSzew» wollte ihr ja das Nähen beibringen. Und dem Äda»' ihrem Bräutigam, wollte sie das Leben schon angeneM machen— nur endlich mit ihm ein Heim haben, tüw immer bei den Eltern bleibe», unselbstständig und vo der Bkutter mit scheelen Augen angesehen, weil der o sechs Mark in der Woche, die Annuschka verdiente, mm genug waren. Sie wollte sich schon ihr Theil all» verdienen, damit sie nicht abhängig war..... In diesem Augenblick entstand an der SchachtötT»»'» eine Störung. Nicht wie sonst wurde» zwei Wagen vo der Förderschale gezogen. Tie Frauen und Nlädcv drängten sich um eine Gruppe ernster Bergleute, D langsam dem Schachtaufban entstiegen. Sosort sia"?. alle Förderwagen. Die Mädchen eilten schreiend ooc still, mit angstverzerrten Zügen herbei— vielleicht war der Pater... der Bruder... der Liebste, den 0 Männer da trugen. Porsichtig legten sie den Bewutz lose» auf eine Bahre; mis seinem rechten Acrmel draui das Blut, vermischt mit Koblenstaub..., ,,, Als die Mädchen gesehen hatten, daß der Penmgmsf nicht zu ihnen gehörte, schwiegen sie alle. Neugw-'w ängstlich und mitleidig drängten sie sich dicht»m» Bahre. Tie rastlose Arbeit wurde unterbrochen, Lärni ließ nach.- Nur Annuschka war nicht hinzugecilt. Wen' wirklich Adam war... sie schauerte und hockte sich.//, mehr zusammen.. Da schüttelte Maria sie:„Aiimlscm Adam!.. Adam!" Annuschka reckte sich auf und stöhnte. TlNtM/ ging sie aus die Bahre zu. Doch die Männer, die o Fördcrwerk bedienten, hielten sie zurück. Sie wi»»»* und kreischte, als sie den Verwundeten, dessen•' zwischen zwei Förderwagen zerqu.tscht worden war,') aus trugen. Annuschka wollte der Bahre folgen. ,,, Doch als sie die Halle verließ, kam der Förbcrwer- leiter, ein blondbärtiger Mann mit herrischen „Was hat sich denn das Frauenzimmer so? WÖ' Wegen ihres Kerls?... Ach was, weiterarbelten,' marsch! Los!". � Tie Fördcrschale kam schon wieder heraus. zwei volle heraus— zwei leere hinein— links» volle heraus— zwei leere hinein... lck. � Alle für die Redaktion der„Neuen. bestimmten Sendungen sind nach Berlin, SW 1' Beuthstraße 2, zu richten. Nachdruck des Inhalts verboten' Verantwortlicher Redakteur: Oscar Kühl in Charl�ttenburg.— Verlag: Hamburger Buchdruckerei und Verlagsanstalt Auer& Co. in Hamburg.— Druck: Max Babing in Berlin« X