� 4g fSiiuflvirlc � Cix(crKa({urt0sbciIa0c. 1899 Die Brüder. WorffeMmn.') Erzählung von Kermann Korn. tie Bilder der Heimnth Hutten in Mar iinnicr ging ihn, sonst noch mit praktischen Rathschlägen Weib die dampfende Schiissel auftrug, hinter der ein banges Gefühl verursacht und mitiinter zur Hand. ein Schwärm fiinder dreinzog. waren ihm darüber die Hände auf das„So," sagte sie, als sie ihm geholfen hatte, seine Nachdem er in einem dunstigen Krämerladen Fcnstergesims gefallen, und er hatte begonnen einige Kisten auszupacken und ihren Inhalt in Komode und hinter dessen trüben Scheiben einige Epagatbiindel Ave-Rtaria und Vaterunser zu beten, wie ihm sein Schrank zu vertheilen,„und's Essen, das können über kunstvoll aufgestapelten Seisenstiicken Zucker- Bruder befohlen hatte; dieses Gemurmel hatte jedoch Sie bei der Frau Urban in der Vorstadt dranhen und Nosinenkistchen baumelten, nach der Kostgeberei meist so etwas Einschläferndes gehabt, daß er bie- habe», die Hab' ich gut gekannt, und ihr auch schon gefragt hatte, stand er endlich vor dem niederen weilen dabei entschlummert war. War er dann jäh geschrieben, da geh» S' hin und sagen ein' schönen Hanse, in dessen erstem Stock, der hell erleuchtet ivar aufgefahren, hatte er sich erschrocken Vorwürfe ge- Gruß von mir, dann sind's gut aufg'hoben!... die Frau Urban wohnte. macht über seine Unfrömmigkeit. Tos war nach Und nun adieu, Maxl," fuhr sie nach einer Weile und nach jedoch immer seltener geworden, und da fort und gab ihm die abgearbeitete Hand, in die er m- nur in langen Zwischenräumen von Hanse Nach- befangen einschlug..... ,Na ja, sehn's, Maxl, da Als er die hölzerne Treppe hinauf ging, die richten zu ihm drangen und das Hersagen von Ge- werden's Ihnen schon noch d'ran g'wöhnen, sind ja schmal und weiß gescheuert war, sah er einen Geist- beten ihn niederdrückte, wie ihn auch wegen seiner jung; muß ich mich doch auch d'ran g'wöhnen, daß lichen Herabkommen, und es faßte ihn plöplich ein »»r zcitweisen Ausübung mit quälenden Zweifeln mein Alter jetzt todt ist. Vielleicht krieg'ns auch tödtlicher Schreck, da er seinen Bruder zu sehen erfüllte, betete er gamicht mehr, ja er ging fast nie bald'n Schatz!" vermeinte. in die Kirche. Denn er war so glücklich und zu- Sie lachte. Wie er näher hinsah, hatte er sich getäuscht. frieden, daß er keines Trostes bedurfte, und weder„Na, b'hüt Gott!" Und dann war die dicke Er ließ den Priester an sich vorübergehen und trat Versuchungen nach schlechte Gewohnheiten machten Gestalt draußen und ein Abschnitt seines Lebens dann durch eine weiß gestrichene Thür, auf der in ihm Schmerzen; er war von so einem wohligen vorüber. � schwarzen, gemalten Buchstaben„Speisesaal" stand, Gesundheitsgefllhl durchdrungen, daß er bisweilen, Er begann die Wände mit Skizzen und allerhand in ein großes, langes Zimmer, das durch zwei große wenn er sich streckte, von Behaglichkeit auseinander- Draperien und Trödelschmuck zu benageln, bis der Hängelampen erleuchtet wurde, die ihren Schein auf gehen zu müssen glaubte. Abend kam, und damit die Zeit, in der er gewöhnlich mit glänzenden Linnen bedeckte Tische warfen, und Nach Hause ging er nie. Seine Mutter ver- zu essen pflegte. Traurigen Herzens verließ er seine die Plakate, die die Wände schmückten, dunkel von langte das des theneren Rei'egeldes wegen nicht, Wohnung, um die Frau llrban aufzusuchen. Draußen der helleren Tapete abhoben. »nd er selbst trug weder nach ihr noch nach seinem lag eine feuchtwarme Luft auf den Gassen, die Lichter Einige Gäste verzehrten schweigend ihr Mahl, Bruder Verlangen. Seinen monatlichen kleinen Wechsel hatten einen grauen Nebelschein um sich, und es und als er eintrat, kam ein Mädchen auf ihn zu erhielt er durch die Bank ausbezahlt, und nur ab rieselte leise vom Himmel, der wie ein großes Plan- und fragte nach seinem Begehr. und zu schickte ihm sein Bruder einmal einen Brief, mch über die Stadt gebreitet lag. Sie trug ein weißes Latzschiirzchen über dem Darin waren denn innner lange Auseinandersetzungen Er war noch traurig; doch als er unter dem dunklen Wollkleide, das die weichen, vollen Formen Über bürgerliche und christliche Pflichten, über den Bogen des Siegesthores hindurchschritt und einen der mittelgroßen Gestalt anmuthig heroorhob, und Exorzisnius, die Häresie und mehr solche Worte, Augenblick lauschend stehe» blieb, vergaß er ganz hatte schwarze, glänzende Haare, die in Löckchen ans wovon er garnichts verstand, und was ihm ein ge- seinen Schmerz über das leise Tröpfeln der Regen- die Stirn fielen, unter derein matten Glänze die Heimes Granen bereitete. tropfen, die von den kahlen Aesten der hohen Pappeln braunen Augen liebreich blickten, mit denen der fest Acht Tage lang nach Empfang eines solchen rannen, die hier am Wege stehen, und das Lärmen geschlossene Mund fast im Wiverspruch stand. Schreibens hatte er gewöhnlich ein beklenimendes der Großstadt, das gedänipft durch den Nebel zu Max murmelte erst verlegen etwas vor sich hin, Gefühl, da er befürchtete, nian erwarte von ihm vernehmen war, bis der klopfende Hnjschlag des mit dem er anfeinmal Alles sagen wollte, iveshalb eine Antwort. Doch sein Bruder, der nie eine Eni- Straßenbahnpferdes das Ohr gefangen nahm. er hier war. dann faßte er sich und sagte:„Ich gegnung oder einen Widerspruch von ihm gehört Wie dann von beiden Seiten die roth und grünen möchte die Frau Urban sprechen." hatte, verlangte gar keine, und so gewöhnte er sich Lichter aus der Dämmerung auftauchten, und die„Tante," rief das Mädchen in den Nebenranm auch an die Briefe, und die schweren Jahre von hellerleuchteten Wagen, aus denen die Gesichter der hinein, in den, es knisterte und schmorte,„ein Herr früher standen nur noch wie ein böser dunkler Traum Fahrenden mit ihren mannigfaltigen Hüten lebendig wünscht Dich zu sprechen!" in seiner Erinnerung. heraussahen, klingend auf den Schiene» an ihm„Gleich, gleich!" schallte es zurück. Da nach vier Jahren, starb plötzlich der Mann vorüberfuhren, wie das wohlgeborgene, sicher seinem Nach einer Weile kam eine ältere Frau mit seiner Hansfrau und diese mußte von München weg- Ziele zustrebende Leben, da erfaßte ihn ein wohl- rothem Gesicht und weißer Küchenschürze, an der Ziehen zu einem ihrer verheiratheten Kinder, wo ihre thuendes, anregendes Gefühl, und kräftig schritt er sie sich die Hände abwischte, herein.„Was wollen's Gegenwart nothwendig war. durch den quietschenden Koth, seine neuen Kostleute denn," fragte sie, und stellte sich breit vor Max hin. Wieder stand seine Unbeholfenheit vor demZwange, kennen zu lernen.„Ich komme von der Frau Niedermeyer," er- sich eine neue Wohnung und einen Kosttisch suchen Von der Chaussee schwenkte er ab in die Straßen widerte der. iu müssen Die wackere Frau Niedermeyer war ihm, der Vorstadt, vor ihm rumpelte ein Milchkarren über„Niedermeyer? Niedermeyer giebt'S viel in wie immer so auch hier die freundliche Helferin, das Pflaster, daß der Kutscher wackelte, und durch München." Bei einem jungen Paare iu der Nähe der Akademie erleuchtete Fenster konnte er ab und zu einen Blick„Von Bogenhausen!" «niethct« sie ihm ein Zimmer, wo er ungestört in eine Stube werfen, wo der Mann noch von de«.Jesse», JesseS," rief die Frau,„und so was «mch malen konnte half Ihm beim Umziehen und TageS Arbeit müde am Tische saß. während da, vergaß ich! Freilich, freilich, sie hat mir ja Alle, 378 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. geschrieben. Ja, wie geht ihr's de»»? Ich Hab' sie so lang iiiminer g'seh'n." Sie reichte Btax die Hand. „Das ist der junge Herr, der bei der Frau Niederweyer gewohnt hat, Marie, weiht, wo der Mann kurz verstorben ist." „Was," sagte das Mädchen,„der Herr Niedermeyer ist gestorben? O je, der arme Mann!" Max meinte noch nie eine Stimme, die den Dialekt so lieb und weich sprach, gehört zu haben. „Na, freilich, dumm's Mädel," erwiderte Frau Noben,„'s hat ja in der Zeitung gestanden!" „Ach, der arme, arme Mann!" wiederholte das Mädchen. „Gott verdamm' mich!" schrie einer der Gäste mit forcirtem norddeutschen! Dialekt,„macht Ihr ein Wesens, Marie. Der Mann ist todt, da ist weiter nichts zu machen. Fertig!" „Ach Ihr," sagte das Mädchen unwillig,„seid ruhig!" „Na ja," unterbrach sie der Mann,„det is ne olle Jacke. Dem ist nun wohl, det Beste, wenn Gins todt ist!" „Ja, freilich," meinte das Mädchen, ein wenig melancholisch mit dem Kopfe nickend. Dem Allen hörte Nlax aufmerksam zu. Er war mit dem Mädchen entrüstet gewesen und war mit ihr wieder in das stille philosophische Fahrwasser der Erkenntniß eingelaufen, daß mit dem Tode das irdische Jammerleben beendet, und schreckte schier auf, als er sich nun angeredet fühlte. „Nun hab'n S' aber Hunger!" „Freilich, freilich," sagte die Frau statt seiner, „gleich geh'«ch in die Küchel, Aber nachher bleib'n S' noch a bisse! und verzähl'n mir von dem Seligen. Hab' ihn ja so gut gekannt!" Bald darauf brachte ihm das Mädchen das Essen. „So," sagte sie dabei,„jetzt lassen's Ihnen aber gut schmecken!" Sie setzte sich ihm gegenüber und sah ihm aufmerksam zu, wie er wacker in die auf- getragenen Speisen einhieb. „Sie," sagte sie dann,„wie lang hab'n's denn eigentlich bei der Frau Niedernieyer gewohnt?" „Bier Jahre." „Ja, hab'n's mich denn da nie gesehen? Ich bin ja ein paar Mal in der Zeit draußen gewesen!.. O je, da waren Sie am End' gar der Schüchterne, der nie keine Weibsleut sehen wollt'?" Sie lachte herzhast auf. Ihm dämmerte etwas, wie er ein paar Mal hastig davongelaufen war, als er weiblichen Besuch bei seiner Hausfrau gesehen hatte. „Sind Sie so ein Schüchterner?" Er lachte verlegen und ward roth. „Am End', wer weiß," sagte sie wieder und lachte— es stand diesem stillernsten Gesicht Prächtig, und die Zähne hatten in dem Lampciischein hinter den dnnkelrothen Lippen einen milchigen Schimmer— „wer weiß, stille Wasser gründen tief." „Ntarie, zum Donnerwetter, Sie hören wohl jnrnicht mehr!" rief der Sprecher von vorhin da- zivischen, daß sie heftig auffahren mußte.„Zahlen!" „Jawohl," sagte der Mann dann, als er seine massige Figur, die in einen überfeinen, eleganten »eberzieher gezwängt war, durch die Thür schob, und drehte sich nach dem Mädchen um,„jawohl," wiederholte er und hob dabei den dicken Zeigefinger, an deni es von Gold und Steinen glänzte.„Marie, Sie sind ein kleines..." Er vollendete den Satz nicht und ging endlich häßlich lächelnd davon. „Das ist ein Giftnickel," sagte sie, als er draußen war,„und Der will mich Heirathen." Max erschrak heftig, er wußte nicht warum. „Ach," sagte sie,„Sie wissen garnicht, was Unsereins auszustehen hat! Grad', als ob man nur zum Abputzen da wär'! Der ist von Augsburg," fuhr sie fort,„und hat dort ein großes Restaurant. Er ist oft herüben, und da spielt er immer den Berliner. Und wenn er sieht, daß ich mit jungen Leuten fidel bin, dann ist er immer so." „Der ist doch schon gang alt," wagt« Max schüchtern dreinzureden. „Ach fteilich," sagte st«,„fast vierzig." Da ward Btax ganz beruhigt. Gleich darauf kam die Tante.„Soderle," sagte sie und setzte einen großen Ärng schänmeuden Bieres ans den Tisch,„nun wollen wir uns ein Bissel er- zählen." Sie ruhte nicht eher, bis Max, der sonst nicht rauchte, sich eine der Zigarren angesteckt hatte, von denen sie versicherte, daß sie nur für die ganz feine Kundschaft seien, und an dem Faden der gemeinsam bekannten Familie Niedermeyer lief dann das lustige Rädchen der Unterhaltung heiter dahin, bis man mit Schrecken bemerkte, daß es schon elf Uhr durch war. „Kreuztürken," fluchte die Tante lachend,„ge- schwind in's Bett, morgen früh ist die Nacht'nini. Marie, sperr' dem Herrn Breitenbach die Thür auf." Das Mädchen half dem jungen Menschen, der sich verlegen sträubte, in den Ueberzieher, nahm das Lämpchen, das im Flur stand und ging die weißen Treppen voran in den Hausflur. Als sie die Hausthür aufgesperrt hatte, gab sie ihm herzhaft die Hand und sah ihm dabei bittend in die Augen. „GeltSie," sagte sie,„Sie kommen fein wieder!" Er wußte nicht, was ihn so selig machte, als er die Straßen entlang ging und vor sich hin mar- melle:„Gelt Sie, Sie kommen fein wieder!" Bevor er nach Hanse ging, lief er erst noch ein ganzes Stück durch durch den Englischen Garten. Bon Zeit zu Zeit blieb er stehen und lauschte an einem Busche, und wenn es dann so seltsam leise rauschte, dann lief ihm ein schauerndes Gefühl der Wonne durch den Leib, und er machte lustige Sprünge und kicherte in sich hinein. Dabei war es ihm stets, als vernehme er deutlich eine tveiche Stimme:„Gelt Sie, Sie kommen fein wieder!" So voll war er von diesem beglückenden Gefühl, daß er nicht einmal in ein größeres Staunen gcrieth, als er, nach Hause kom- inend, ein Packet auf seinem Tische liegen fand, das von seines Bruders Hand mit einer Adresse ver- sehen war. Als er es aufmachte, enthielt es ein Kruzifix. Es interessirte ihn garuich'. Halb verhüllt, stellte er es in einen Winkel, und beim Scheine einer Kerze las er das Schreiben, das der Sendung beigefügt war. Sein Bruder hatte die Priesterweihe empfangen: Jubel herrschte in dem Hause, dem ein Gottgetveihter entsprossen war, selbst die Mutter hatte ihren Namen unter eine Erklärung geschrieben, daß sie nie ge- ahnte Wonnen gefühlt habe, als ihr Sohn ihr seine Hände segnend auf's Haupt gelegt. Das schlug wie Töne einer fremden Welt aus den Zeilen zu ihm auf, und er legte, einen Augen- blick sinnend, den Brief in die Schublade seines Tisches und schlief dann gähnend ein.—— Zweimal des Tages war er von jetzt an bei Frau Urban. Des Mittags und des Abends nahm er seine Mahlzeiten dort zu sich, und an schönen Sonntagen ging er mit den Beiden spazieren, als gehöre sich das von selbst; so rasch hatte er sich an d'e beiden Frauen angeschlossen. Des Sonntags war es am schönsten, da machten sie meist einen Ans- flug. Die alte Tante mit ihrer schwarzseidenen Mantille, auf der die Glasperlen glänzten, dem schwarzen Hänbchenhnt, aus dem eine rothe, zerzauste Blume nickte, und dem mächtigen Ridikule, der den Proviant barg, zog niit einer Freundin voraus, und hinterdrein marschirten die beiden jungen Leute. Da ging es denn nach Nymphenburg, in den Hirschgarten, in den Englischen Garten zum Anmeister, nach Holzapfelsgerent und am. Ende gar an de» Starnbergcrsee. Manchmal kam man dabei auch an irgend ein Tanzlokal, wo das Mädchen Bekannte ans der Tanzstmide traf, mit denen ein Tänzchen gemacht werden mußte. Dabei stand denn Max, der nicht tanzen konnte, ganz traurig, und sah zu, wie ein Anderer sie in den Arm nahm, und es schnürte ihm die Kehle zu. Wenn sie dann zurückkam und ihn so traurig sah, dann pflegte sie wohl zu spgen: „Ach, das war ein langweiliger Kerl, wissen'» was' Herr Breitenbach, die Tant', die plauscht doch noch eine Weile, wie gehen ein Bissel'naus!" Dadurch ward er wieder heiterer gestimmt, und Arm in Arm schritte« sie im Dunkeln auf und ad und erzählten einander. Kamen sie dann plötzlich an eine Stelle des Waides, Ivo der glitzernde Mondschein das Busch- werk der Bäume scharf umriß, oder lag gar der See schier endlos ausgebreitet leise rauschend vor ihren Füßen, dann wurden sie plötzlich Beide still, und die flüsternden Stimmen der Natur fanden ein empfindsames Echo in ihrer jungen Brust, und schwei- gend, schier andächtig, kehrten sie mit glänzenden Augen wieder in den Tanzsaal zurück. Doch es war auch au den Wochentagen schön. Des Mittags blieb er gewöhnlich ein wenig länger da, bis die anderen Gäste gegangen waren, und auch des Abends war er meist der Letzte. Er half ihr Geld zählen oder guckte ihr z», wenn sie ihre Bestecke reinigte, und gab sich dem Genuß hin, den ihm die Beobachtung des stillen, liebevollen Ernstes gab, mit dem sie Alles that. Und wenn sie dann seinen beobachtenden Blick fühlte und mit einem sanften Lächeln die großen Augen innig zu ihm aufschlug, erfaßte ihn ein un- endliches Gefühl der Zärtlichkeit, von dem er kaum wußte, wie er es an sich halten sollte. Die Freuden und Leiden ihres stillen, abwechs- lungslosen Lebens lebte er alle mit.„Ach," er- zählte sie da wohl,„die Tante, die ist halt manch- mal so gar wüst und garstig. Freilich," begütigte sie sich dann selbst gleich wieder schnell,„wenn sie auch einmal wegen der größten Kleinigkeit schimpft, sie hat auch ihre guten Seiten. Und überall giebt's was auszusetzen, und jedes Ding hat seine zwei Seiten. Aber wenn sie nur nicht alleweil mit dem Restanrateur käme..." Da horchte Max noch schärfer auf.„Was ist's damit?" „Sie hat ja eigentlich Recht, freilich, ein Glück ist ja so was für ein arni's Mädel, er hat ihr nämlich schon gesagt, ich thät ihm ganz in sein Hotel 'neinpassen, und's wär schon nett, auf einmal die gnädige Madam spielen zu können, wo man sei» Lebtag nur'rumgeschuppst worden ist. Aber, du lieber Gott, wenn man halt..." „Was?" fragte er athemlos dazwischen. „O, mein, wenn man halt Einen nicht leiden mag, das ist so'ne Sache." »Ja, ja," sagte er dann gepreßt, wie von einer Last befreit. Zu gern hätte er sie einmal gemalt, denn er hatte sie schon oft zu Hause skizzirt, ohne daß es etwas geworden wäre; und eines Abends faßte er sich ein Herz, sie zu fragen, ob sie ihm sitzen wolle. Sie merkte ihm gleich an, daß er etwas von ihr haben wolle, denn er konnte nichts verbergen. „Ja," sagte sie,„was möchten's denn heut'?" Er druckste herum. „Ach, Fräulein Marie, lassen Sie sich doch malen!" „Aber, Herr Breitenbach, hören S' einmal, ich und ein Modell, das möcht' ich mir doch schönstens verbitten." Er wurde ganz kleinlaut, wie sie ihn so znrecht- wies; dachte aber den ganzen Abend noch über seinen Wunsch nach, und beim Fortgehen, ehe sie ihm die Hausthür anfmachte, da bat er nochmals. Er erklärte, wie er das Bild nur für sich haben wollte, wie viele und vornehme Leute sich malen ließen, und noch obendrein dafür Geld zahlten, daß sie am Ende doch neugierig wurde und ihm schließlich in's Ohr flüsterte:„Also, da ich will!" Dann öffnete sie rasch die Hansthür, daß der Wind, der wehend durch die Nacht fuhr, das Licht verlöschte. Er war in einen seltsamen Ueberzeugnngseifer gerathen durch sein Sprechen von vorhin und tastete mit der Hand nach ihr, bis er sie hell auflachen hörte. Da griff er rasch mit beiden Händen zw und als er ihren Kopf fühlte, beugte er sich zu ihr hinüber und küßte sie rasch auf den Mund. Im selben Augenblicke rief es von oben zweimal scharf:„Marie, Alane!" „Sie!" sagte sie athemlos, fast drohend, aber dann drückte sie rasch seine Hand.„Gute Nacht!" und dräugte ihn zur Thür hinaus. „Ich komme gleich!" rief sie hinauf. Der Wind rast« ihm auf tiefdunkeln Fittichen der Nacht entgegen, als er durch die Straßen eilte, F'ic Heue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 379 und der weiche Somuierdust, der i>i mächtige» Stöße» heulend durch die Pappel» der Straße jagte, vernwchte seine heißen Lippen, auf denen noch ihr Binud brannte, nicht zu kühlen. Wie wollte er sie malen? Er bog in den Englischen Garten ein, und als er durch die uingrenzenden Anlagen bis zu den weiten Nasenflächen vorgedrungen ivar, da wehte ihn der l Wind fast um. Der Himmel war mit geballten und zerfetzten, wild treibenden Wolken bedeckt, die die schwache Sichel des Mondes mit rostbraunem Saume bekränzten, und wenn einen Augenblick das Mond- licht auf die Erde dringen konnte, da sah man das zerwaschene, schwarze Erdreich, ans dem grüne Halme ragten, und aus den Pfützen des Weges peitschte der Wind die schimmernden Wassertropfcn. Ihn überkam bei dieser weichen, befruchtenden Kraft des Sommerwindes, die aus dem Dunkel der Nacht heranraste, ein Lustgefühl, daß er die Hände weit ausstreckte und in die Nacht hinein schrie und jauchzte. Dann schritt er durch das Erdreich, das sich in Ballen an feine Füße heftete, weiter, bis er vor dem Ntonopteron stand, das gespensterhaft weiß mit seiner durchsichtigen Säulenreihe vor ihm stand. Da sah er Marie, wie er sie malen wollte. Er blieb stehen. Mitten in der Sonne saß sie. Die glänzte auf ihren schwarzen Haaren, spiegelte sich in den Augen und schoß Strahlen ans den funkelnden Zähnen, die hinter den purpurnen Lippen leuchteten. Und die Farbe ihrer Wangen, durch die das Blut leuchtete wie edler Wein aus einer farbigen Karaffe, sah er so deutlich, wie die rothe Rose, die in ihrem Haare steckte. Eine heilige Begeisterung erfaßte ihn, das mußte etwas Großes, etwas Schönes werden. So hatte er noch nie gefühlt. Lange lief er noch in der Nacht umher, bis er die Schritte heimwärts lenkte. Am folgenden Tage dachte er lange nach, was ' er ihr wohl für ein Kostüm geben könnte, und eilte dann zu einem Maskenverleihgeschäft, wo er nach langer Wahl ein schwarzes, ausgeschnittenes Seidenkleid, eine Art Phantasiekostüm für passend fand; und nachdem er noch ein paar Rosen gekauft, machte er . sich des Nachmittags auf den Weg zu ihr. Es war heute Feiertag, die Sonne strahlte glänzend vom Himmel, und da an solchen Tagen die Gäste rasch vom Tische aufzustehen pflegten, und die Tante einen Besuch machte, fand er Marie allein,- sie empfing ihn mit einem zärtlichen Lächeln. Er er- klärte ihr, während er hastig aß, alles Nöthige und � zeigte ihr das lvtleid. „Ach, ist das schön," machte sie und fuhr mit der Hand bewundernd über den glatten Stoff. Dann eilte sie in das Nebenzimmer, sich umzuziehen, wäh- rend er seine Staffelei aufstellte, die Palette reinigte und mit frischen Falben versah, um, nachdem dies alles geschehen war, hastig im Zimmer auf und ab zu laufe». Endlich rief sie„herein!" Er stiirinte durch die Thür, daß er schier über seine Staffelei gefallen wäre, die er gleich mitgenomnien hatte, und erst nachdem er die fein säuberlich hingestellt, konnte er Marie betrachten. Sie saß am Fenster, mitten in der Sonne, wie er sich's vorgestellt hatte, und die hellen Strahlen spielten mit ihrem schwarzen Kleide und den Haaren, und sie lachte ihm entgegen. Aber es war doch ganz anders, wie er es gestern gesehen hatte, und er schritt schier enttäuscht ans sie zn. Ihr Kleid aber war weil ausgeschnitten, und wie er so dicht vor ihr stand, sah er es in jngend- sicher Fülle ihn, entgegenqnellen, daß ihn jählings ein heißer, fiebriger, nie gekannter Schauer überlief, der durch den ganzen Körper rieselte, bis er am Herzen still stand. Von da schien er auch auf sie überzugehen, denn sie ließ den Kopf, den sie ihm erst lachend entgegen geivandt hatte, mitten in der Bewegnng stehen, sie sah ihn mit seltsam schwim- inenden Augen an, und eine rothe Welle tauchte das ganze Gesicht in Purpur. Er wagte eine Weile schier nicht zu athmen, dann fuhr er sich über die Stirn, und nun sah er sie so vor sich sitzen in ihrer jungfräulichen Scham, und er erblickte sie mit kindlichen Äünstlerangen, und es kam ihm, das war ja alles Unsinn gestern, was du gesehen hast, so, so mußt du sie malen! „Bleiben Sie!" rief er,„ach, bleiben Sie!" Und die fieberhafte Erregung von vorhin überkam ihn, daß er ohne irgendirelche Vorbereitungen direkt brc t mit dem Pinsel zn malen begann, und kaum-daß er anfschante, brachte er sie auf die Leinewand. Das Mädchen saß ihm eine ganze Weile still, dann mochten ihr jedoch zweifelnde Gedanken ge- kommen sein, denn sie stand plötzlich ans und rief: „Das darf nicht sein, das darf nicht sein!" Er hatte jedoch kaum ein Ohr für sie.„Nicht," sagte er,„nicht stören, es wird gut!" „Sie sollen mich so nicht malen!" In seine Arbeit vertieft, gab er keine Antwort und schüttelte mir abweisend mit dem Kopfe. Da ging sie gekränkt fort, er jedoch malte in einem Sriick weiter, Alles ans sich selbst heraus, daß er nichts sah und hörte. Als er das Bild des Mädchens beendet hatte, malte er sich in einer jähen Lanne davor. Flüchtig die Figur, deutlich das Gesicht, in das er, ohne daß er es wußte, all' Das hineinlegte, was er vorhin bei ihrem Anblick einen Augenblick wie einen süßen Zwang gefühlt hatte. Er war so eifrig beim Werke gewesen, daß er weder bemerkt halte, wie Marie nochmals den Kopf zur Thiire hineingesteckt hatte, noch daß sich die Nebenstnbe mit lärmenden Gästen gefüllt hatte; erst die Dämnierung ließ ihn aufhören. Als er sich von dem Stuhle erhob, sah er den dicken Restauratenr hinter sich stehen. „Alle Wetter, junger Mann," sagte der,„det jeht ja wie ans Jummirädern!" Max erschrak. „Ach," sagte er,„das ist noch nicht fertig!" „Aber das macht doch nichts. Erlauben Sie 'mal!" Damit hatte er Max schon weggedrängt. „Hü, hü," lachte er,„det iS ja die Marie! Sehr nett jemacht, junger Mann, alle Achtung— die Arme, und hü, hü, sehr nett!... Da darf die Tante aber wohl nichts von wissen?— Hat Ihnen wohl janz alleine jesessen?" „Das darf Jeder sehen," sagte er, und sah den Mann erstaunt an. Da kam Marie gerade zur Thiire herein. „Hü, hü!" machte der Angsbnrger,„da geh' Sie 'mal her, schönes Mariechen, und begucke Sie sich!" „Und so haben Sie mich gemalt?" sagte sie, und sah ihn entsetzt an. „Freilich," sagte er geheimnißvoll, schier lustig, „das ist gut und schön." „Aber das duld' ich nicht," sagte sie, und zum ersten Bial sah er sie ärgerlich und mit dem Fuße stampfen. Als er aufsah— er hatte seine Skizze betrachtet — war sie schon dem Augsburger, der hiihüend gegangen war, gefolgt. Er war im Grunde noch zn sehr mit der eben verlassenen Arbeit, die ihn ganz gesangen gehalten hatte, beschäftigt, als daß ihm ihr Benehnien, das ihn sonst bestürzt gemacht hätte, auffällig gewesen wäre. Fortsetzung soigt.) ch Me KtloilMllllg öcr imifrpn Wagogik. Von Itriedrich Müller. cSchwß.)—- t er größte Pädagogiker ans der zuletzt aiige- deuteten Gruppe, und vielleicht der wissen- schaftlich selbstständigste und vollkommenste von allen überhaupt, der erfolgreichste Schöpfer einer pädagogischen Schule und zwar einer auf's Höchste systematisch durchgearbeiteten, und zugleich ein Vereinigniigspiliikt der Fäden, die von allen pädagogischen Nichlnngeii des vorigen Jahrhunderts, besonders ron Pestalozzi her weiter liefen, ist Johann Friedrich Herbart ll77t!— ItZll). Seine Lehre rein und in bünd ger Kürze darzustellen ist ans mehreren Gründen nahezu nnmöglich. Erstens ist Manches bei ihm dunkel, nur erst angedeutet, zum weiteren Aiisban herausfordernd und vielleicht doch im Lauf seiner eigenen Entwickclung elwas mehr verändert, als es zunächst scheint. Dann aber ist seine Lehre durch seinen wichtigsten Schüler, Tuiscon Ziller(l8l 7— 1882), so speziell weitergebildet, zum Theil modifizirt worden und hat sich in mannig- falt'gen, theils freieren, theils strengeren Zweigen seiner Schule, deren Ueberblicknng fast gleichbedeutend wäre mit einer Geschichte der Pädagogik des letzten halben Jahrhunderts oder fast mit einer Geographie der heutigen Pädagogik, so mannigfach gestaltet, daß man sich immer wieder durch übcrgelagerte Schichten zu tiefer liegenden durcharbeiten muß. Folgendes sei ein Versuch zur Markirnng von Herbart's eigener Pädagogik. Er-' begann als Praktiker und Theoretiker zn wirken in einer Zeit, da aus dem Gewirre der verschiedenen großenthcils einseitigen und primitiven Richtungen der Pädagogik heraus ein zusammen- fassendes Ideal sich immer deutlicher emporarbeitete: die„harmonische Ansbildnng aller miserer Kräfte" (Pestalozzi); die„Erfassung des ganzen Menschen bei dem Unterricht",„der ganze Mensch Gegenstand der Erziehung", die„Kultur der Einbildungskraft" unentbehrlich, doch„nur unter der Bedingung des Gleichgewichts der übrigen geistigen Kräfte" (Niemeyer)- die harmonische Allseitigkeit(Schwarz); „in dem Individuum alle Anlagen gleichförmig zn entivickeln, alle Fähigkeiten zur höchstmöglichen Voll- kommenheit auszubilden"(Fichte). Auch Herbart will in seinen Erörterungen über den Zweck der Erziehung überhaupt den Sinn des gewöhnlichen Ausdrucks„harmonische Ausbildung aller Kräfte" treffen(„Allgemeine Pädagogik" 1806, 1. B., 2. K.) und berichtigt diese Forderung nur in einer sie nicht aufhebenden Weise(in den„Aphorismen"). Tie begriffliche Form nun, in der gerade er sich diese Forderung zu eigen macht, ist die der„Vielseitigkeit des Interesse" als Erziehnngszweck. Allerdings nur insofern es sich um ein früheres Lebensalter, um die allgemeineren Bildungszwecke handelt; darüber hinaus müßte ein gegentheiliges Prinzip gelten, das Herbart kaum noch angedeutet hat, und dessen Durchführung nur eine Frage des Weiterbanens der Pädagogik über jenes Niveau hinaus sein wird. Nun tritt aber, man weiß zunächst nicht recht, ob neben oder über jenen Erziehungszweck oder an seine Stelle, die Bildung eines sittlichen Charakters, kurz: „Moralität"; und zwar mit so dünnen Beziehungen zur Religion, daß darüber bei Herbart(„Allgemeine Pädagogik", 2. B., 5. K. und„Bemerkungen" von 1814) kein Zweifel sein kann, und daß die religiös- sittliche Tendenz der jetzigen Herbartianer und ihre Bibellehre streng zu unterscheiden sind von dem ursprünglichen Wesen der Heibartischen Pädagogik. Schwerer ist zn bestimmen, wie innerhalb dieser die Pflege einer besonderen seelischen Bethätigiing, d e Willensbildung, von der dann die Charakterbildung eine Besonderheit ist, znin letzten Ziel dieser Pädagogik geworden ist, also daß diese sich von ihrem„har- monischen" Ausgang ganz wesentlich entfernt hat. Dagegen ist Hinwider Eines ganz klar: die derartig enge Verbindung von Erziehung und Unterricht(mit dem Schlagwort vom„erstehenden Unterricht"), daß das Eine ohne das Andere garnicht gedacht wird— jedenfalls ein Hauptverdienst der Herbart'schen Päda- gogik und sozusagen ein endlich und glänzend er- rnngener Triumph in der Entwickelung der neueren Pädagogik. Und dazu gehört, daß der Herbartianismus im Gegensatz zn anderlveitigeil, z. B. gefühlsmäßigen, insbesondere erbaulichen Mitteln der sittlichen Erziehung(sogar auch in einigem Gegensatz zu jener mittlerweile hineingerathcnen religiösen Tendenz) die Nährnng des Verstandes durch den l i t rricht, die „Bildung des Gedankenkreises", als sein eigentliches Erzielmngsmittel betrachtet und behandelt, womit er zugleich auch die Willensbildung znni einen Theil ganz richtig vorbereitet. Im systematischen Denken müssen natürlich Unter- richt und Erziehnng auseinandergehalten werden. Herbart nennt diese genauer Zucht; sie ist also das, was dem Chara'ter, ohne ihn allein bilden zu rönnen, seine sittliche Festigkeit giebt.?teben ihr steht 380 Die Neue Welt. Illuftrirte Unterhalwngsbeilage. noch drittens die bloße Bewahrung der, noch nicht der Zucht zu unterwerfenden Kinder, unter dem Namen Regierung. Die Unterrichtslehre ist von Herbart und dann von seinen Weiterbildnern in einer Weise durch- gearbeitet worden, daß sie nunmehr gleichsam als die Wissenschaft einer ganz eigenen Virtuosität da- steht. Vor Allem ist in ihr— und durch sie zu- gleich für die Zucht— das erreicht, was alles bis- herige Ringen der neueren Pädagogik immer wieder verfehlt hatte: die Erwecknng des direkten Jnter- esses beim Zögling für Das, was er sich aneignen soll, im Gegensatz zu all' den theils jesnirischen, theils sonstigen Umwegen, durch die er für eine Sache indirekt gewonnen werden könnte; ein dem vorerwähnten analoger Triumph der Pädagogik. Ferner aber hat Herbart das„vielseitige Interesse" und das„Interesse" überhaupt aus feine, vielleicht zu feine und doch wohl nicht als die einzige Weis- heit zu betrachtende Art in's Einzelne auseinander- gesetzt. Als die hauptsächliche Forderung heben wir dabei Folgendes heraus. Vielseitiges Interesse ver- langt, daß man sich in eine Sache zunächst vertieft, dann sich über sie besinnt. Die Vertiefung verlangt Hinwider zuerst„Klarheit", sodann reiche Beibringung von Dem, was hier eben an Zugehörigem beizubringen ist(„Assoziation"); die Besinnung verlangt zuerst ein Ordnen dieser Fülle(„System"), dann ein weiteres Fortschreiten von da ans(„Methode" in einem ganz speziellen Sinn). Aus diesen vier Schritten haben nun Ziller und die Seinigen ge- wisse Stufen gemacht, über die sich der Unterricht in jeder seiner einzelnen Partien, der sogenannten „Lehreinheiten", zu bewegen habe. Dieser Formal- stufen werden meistens fünf gerechnet: Die„Vor- bereitung", d. i. das Bereitstellen der schon vor- handenen, das Nene stützenden Vorstellungen; die „Darbietung", d. i. eben das Heranbringen der neuen Lorstellungen, sonst auch„Anschauung" genannt; die „Verknüpfung", d. i. das vergleichende Zusammen- stellen der bekannten Fälle; die„Zusammenfassung", d. i. das Herausarbeiten des Wesentlichen und all- gemein Gültigen; die„Anwendung", d. i. das Ein- üben, das Verwandeln des Wissens in ein solches Können, dessen Kraft jederzeit zu Gebote steht(so speziell nach W. Rein, dein praktisch jetzt wohl her- vorragendsten Herbarlianer, dem Direktor des ein- zigen eigentlichen pädagogischen Universitätsseminars in Deutschland, des zu Jena). In diesem Schema bewegt sich heute jeder sozusagen orthodoxe„Herbart- Ziller'sche" Unterricht, der Volksschule wie der höheren Schule; ja es erscheint diese neue Systematisirnng einer„sokratischen" Methode manchmal zu einer so künstlichen Durchknetnng des Lehrstoffs und des Geistes der Schüler ausgebildet, daß oft eher sozu- sagen von einer„xanthippischen" Methode zu sprechen märe. Grundsätzlich wird man aber auch diese Er- rnngeuschaft als einen Triumph der neueren Päda- gogik bezeichnen können, unbeschadet der Wahlschein- lichkeit, daß die weitere Entwickelung hier noch sehr viel umwandeln wird. Z» unterscheiden von den„Formalstufen" sind die„Kulturstufen". Nach Ziller, nicht schon nach Herbart, soll der Unterricht im Individuum die Hauptepochen der Geschichte wiederholen und aus der aufsteigenden Reihe historischer Hanptstufen eine entsprechende Reihe von Eutwickelungsstufen im Innern des Zöglings machen; ein auch sonst be- liebter und neuerdings auf das sogenannte„bio- genetische Grundgesetz" von der abgekürzten Wiederholung der„Stammesgeschichte" d. i. der Ent- lvickeluug des Thierreichs in der Geschichte des Embryos sich stiitzeuder Vorschlag, dem freilich trotz des Glanzes dieser„Natnrwiffenschaftlichkeit" so gut wie Alles zur Rechtfertigung fehlt. Das schließt nicht aus, daß die„Zillerianer" mit einer solchen historischen Anordnung ihres Lehrstoffes ganz hübsche Erfolge erzielen möge»; dem Alten Testament ließ sich dadurch noch eigens eine recht künstlich-systema- tische Stelle im Unterricht geben. Als die stärkste Einseitigkeit der Pädagogik Her- bart'S und seiner Nachfolger darf man wohl die Ver- engerung jenes früheren Harmouie-Jdeals zu einem Ucberordnen der Willensbildung über die sonstigen Aufgaben der Pädagogik bezeichnen und als die beklagenswertheste Folge aus dieser Einseitigkeit das verhältnißmäßige Vernachlässigen der Phantasie- und Geschmacksbildnug, das nun allen unseren Schulen auf lange hinaus wie ein Fluch anzuhaften scheint. Eine andere Einseitigkeit Herbart's, seinen Mangel an genügendem historischen Sinn, haben seine meisten Nachfolger, wenigstens für das Gebiet der Neuzeit, gut gemacht, dessen Grundziige durch ihr Wirken hindurch immer wieder erkennbar sind. Ans der Fülle dessen, was diese ganze Richtung, einschließlich ihrer freieren Vertreter, in mehr als einem Menschenalter geleistet hat, sei zunächst hervor- gehoben die werthvolle„Didaktik als Bildnugslehre", also ungefähr eine Theorie der Unterrichtskunst, von Otto Willmann, dem wissenschaftlich wohl hervor- ragendsten Herbartianer, der aber, zum Unterschied von seinen meist protestantischen Richtungsgenosseu, auf streng römisch-katholischem Standpunkt steht. Wenn wir noch Th. Maitz(1821—1864) nennen, dessen„Allgemeine Pädagogik" insbesondere durch ihre beachtenswerthe Erörterung der Grundfragen ein zum Einarbeiten in's pädagogische Gebiet empfehlens- werthes Buch ist, etwa neben H. Kern's gedrängtem „Grundriß der Pädagogik", so können wir von den weiteren und engeren Kreisen der Herbart'schen Pädagogik Abschied nehmen, mit der Erinnerung au eine der ausgesprochensten„Schulen" oder„Parteien", die alles Gute und Böse, das sich von einer solchen Seite her leisten läßt, ihren Mitmenschen vollauf zu kosten gab und gicbt. Bei dem Mangel an scharfen Grenzen des Herbart- scheu Reiches der Pädagogik läßt sich das, was zu- letzt von anderer Seite her wesentlich Neues geleistet worden ist, nicht immer geuiigeud unterscheiden. Doch dürfen niannigfaltige Verdienste anderer Betheiligter, von praktischer und von theoretischer Seite(hier freilich mit einem abstoßenden Uebermaß an„Litera- tnr"), von historischer Seite(namentlich durch Uebersetzuugen, durch Quellenausgabeu wie die von K. Kehrbach besorgten, usw.) und von naturwissen- schaftlicher Seite(Schillgesundheitspflege u. dgl. in.) und schließlich im Ausland, ivie z. B. in England von Thomas Arnold zu Rugby, nicht übersehen werden. Was das deutsche Schulwesen von heute betrifft, so dürfte das Wichtigste der verschiedene Autheil sein, den an jeder Gruppe von Schulen das spezifisch Pädagogische hat. Am geringsten ist dieser Antheil bislang an unseren„hohen" Schulen, den Wissenschaft- lichen wie den künstlerischen, so viel Verdieiiste und Fortschritte sie auch errungen haben. Ein wenig beträchtlicher ist er au unseren„höhereu" Schulen. Werthvoller als jener neue„nationale Humauisinus" niit seinem Voranstellen von„Zieligion, Deutsch und Geschichte" ist hier das Bemühen nach einer eigentlich pädagogischen Ausbildung der Lehrer. Für die Volksschule endlich ist diese Lehrerbildung, wie sie seit Längerem in eigenen(allerdings auch noch vieler Kritik bedürfenden) Seminarien besorgt wird, wohl der Hauptgrund, daß jener Antheil bei ihr am größten ist, und daß sie das, was sie leisten will, trotz aller über dieses hinaus zu wünschenden Fortschritte, mit Bteisterschaften leistet, die namentlich den drücken- den materiellen Schwierigkeiten gegenüber aller An- erkennnng würdig sind. Wollen wir von unserem Thema mit einem besonders warmen Wunsch Ab- schied nehmen, so ist es der, daß unser gesammtes Erzichungswesen endgültig befreit werde von allen nicht cigcullich pädagogischen Einflüssen, insonderheit von Allem, was ihm Staat und Kirche hemmend vor seine weitere Entwickelung legen.— Hie Fechnik öes Hxinnens. Von Gustav Strahl. tie Veranlassung zur Erzielung von faden- artigen Gebilden gaben die ersten Beschäf- tigungen des Menschen an die Hand. Ter Jäger gebrauchte Bogen und Sehnen, Band für Einbiindeln der Pfeile, zum llmhängen verschiedener Geräthe, abgesehen davon, daß selbst die geringste Bekleidung mit Hülfe eines Bandes befestigt werden mußte; der Ackerbauer gebrauchte Band und Strick zu verschiedenen Vereinigungen, der Fischer, der Schiffer hatten ebenfalls Stricke nöthig. Gewiß be- standen die ersten Fadenprodukte aus zähen Gräsern; einer dieser Halme war für viele Zwecke zu schwach, der Mensch nahm zwei und mehr, und da der Gebrauch derselben in parallelem Nebeneinanderlicgen manche Unregelmäßigkeiten mit sich brachte, so wurde er leicht darauf geführt, durch einige Umdrehungen diesen Parallelismus zu beseitigen, die Halme ge- wissermaßen zu vereinigen; andererseits aber ist auch sicher die Probe auf die Festigkeit die zufällige Ver- anlassung der Zusammendrehung gewesen, wie es noch heute für den Gebrauch der Strohbänder all- gemein ist, deren Erfolg, die Erhöhung der Festig- keit, den Menschen nicht entgehen konnte. Aus dieser primitiven Form des Spinnprozesses entwickelte sich allmälig die Herstellung längerer Fäden, welche sich für gewisse Bedürfnisse als wllnschenswerth erkennbar gemacht hatten. Dem Drehen des Fadens mit den bloßen Fingern ist jedenfalls sehr bald das Wirbeln zwischen zwei elastischen Flächen gefolgt, z. B. zwischen Handfläche und Lende, wie noch heute unsere Schuh- wacher bei Herstellung ihres Pechdrahtes dies in An- Wendung bringen, gleich wie auch Mancher von uns es gethau haben wird, wenn es sich um Erzielung einer stärkeren Schnur aus vielen dünnen Fäden handelte. Eine weitere, noch heute den größten Kreisen unseres werkthätigen Volkes bekannte Methode ist das Aufhängen eines Gewichtes an das eine Ende des Fadens und eine Zusainniendrehung desselben dadurch, daß man letzterem durch einen seitlichen Stoß eine Umdrehung um seine eigene Achse gab. Man konnte auf diese Weise an dem freien Ende des Fadens immer neues Fasermaterial hinzufügen uud durch Unterhaltung der Drehung des Gewichtes denselben bis zu einer gewissen Länge bringen; um diese'möglichst auszudehnen, hat man sich wohl er- höhte Standorte ausgewählt und den Prozeß so lange fortgesetzt, bis das rotireude Gewicht den Erdboden berührte. Die hierdurch gegebene natürliche Be- grcnznng wurde in der weiteren Entwickelungsfolge dadurch aufgehoben, daß inan den fertigen Faden auf das Gewicht wickelte und nun so verfuhr, als finge nian eben erst von vorne an. Ter aufgewickelte Faden genirte ja auch nicht im Geringsten, das Gewicht als solches wurde dadurch in keiner Weise beeinflußt, die Vortheile jedoch, welche aus diesem Verfahren resultirten, waren so augenfällig, daß matt jedenfalls niemals mehr in die alte Methode zurück- verfallen ist. Von dieser Art der Belastung des Fadens bis zur Spindel war ein verhältnißmäßig kleiner Schritt; an die Stelle des beliebig geformteil Gewichtes trat ein nach oben spitz zulaufendes rundes Stäbchen, ans welches zur Erhöhung des Beharrungsvermögens beim Drehen eine metallene Scheibe nahe dem unteren Ende gesteckt wurde; und das ist auch im Wesent- lichen die Gestalt der Spindel bis auf die neuere Zeit geblieben. Die Größe und Schwere der ein- zelnen Spindeln mußte sich naturgemäß beim Ge- brauche ergeben, es mußte sich dieselbe dem zu ver- spinnenden Material möglichst anpassen, da ein dünner Faden nicht im Stande war,, ein schweres Gewicht zu tragen, andererseits ein starker Faden einer leichten Spindel bei der Umdrehung einen fühlbaren Wider- stand entgegensetzte, der nur durch die Verstärkung des Beharrungsvermögens resp. durch Vergrößerung des Schwungringes überwunden werden konnte. So sehen wir, wie sich Schritt für Schritt die Thätigkeit des Spinnens vervollkommnet. Beim Spinnen mit der Spindel zieht nun die linke Hand die Fasern aus uud ordnet sie zur Bil- dnng eiueS gleichmäßigen Fadens nebeneinander, während die rechte Hand zur Bewegung der Spindel gebraucht wird. Die letztere hängt an dem an ihrer Spitze durch eine Schlinge befestigten Faden frei herab, wird nahe an der Spitze erfaßt und durch eine eigenthiimlich schnellende Bewegung rasch um ihre Achse gedreht, wobei ein unten angebrachter zinueruer Ring als Schwungmasse wirkt und die Bewegung ausdauernder macht. Diese Spindel _ i_ 882 Die Aeue Welt, �llustrirte Unterhaltungsbeilage. bewegung, durch welche die ausgezogenen Fasern Drehung erhalten, wird ebenfalls so lange fort- gesetzt, als es bei frcischwebender Spindel möglich ist. Alsdann wird die Garnschlinge von der Spindel- spitze abgestreift, und die Spindel in solcher Lage gegen den Faden in Umdrehung gesetzt, daß der Faden oberhalb des Schwungringes aufgewickelt wird, so das; annähernd die Form einer Webspule entsteht. Sobald das zum größten Theil geschehen ist, wird der Faden von Neuem zur Spindelspitze gefiihrt, die Schlinge gemacht und weiter gesponnen, so daß die ganze Arbeit also in zwei fortwährend abwech- selnde Operationen zerfällt: die Bildung des Fadens und das Auswickeln desselben. Diese Arbeitsfolge ist auch auf einen Theil unserer mechanischen Spinn- Maschinen übergegangen, im Gegensatz zu anderen, welche kontinuirlich den durch die Zusammendrehung der Fasern gebildeten Faden sofort aufwickeln. Es konnte nicht ausbleiben, daß man versuchte, durch mechanische Hülfsmittel die Drehung der Spindel zu bewerkstelligen. Die einfachsten Apparate dieser Art waren so angeordnet, wie wir heute noch Aehnliches in dem von den Webern gebrauchten Spulrad haben; eine horizontal gelagerte Spindel wurde durch ein Schwungrad vermittels Schnur und Wirtel angetrieben, die Spinnerin ordnete das Fasermaterial der Längsrichtung der Spindel folgend an und änderte, nachdem der Faden Draht genug hatte, diese Stellung des Fadens in eine zur Drehrichtung der Spindel rechtwinklig gelegene um, so daß der fertige Faden auf die Spindel sich aufwickelte. Genau dasselbe machen unsere Weber heute noch beim Spulen stärkerer Garne, besonders bei Futterschuß, in welchem man keine Knoten in der Waare verarbeiten darf. Man nennt solche Verbindungsstellen zweier Fäden denn auch Anspinner. Dieselben werden hergestellt, indem die Spulerin die zwei Enden der Fäden drei bis vier Centimeter neben einander legt, dieselben in Längs- richtung der Spindel hält und nun das Rad in Be- wegung setzt; dadurch drehen sich beide Enden spiral- förmig um einander, und es wird, wenn eine ge- niigende Festigkeit erreicht ist, der Spulprozeß durch Aendernng der Fadenrichtung fortgesetzt. Weitere Anklänge an diese Methode finden wir heute noch in dem sogenannten Seilerrad, welches in verschiedener Forni zu verschiedenen industriellen Verrichtungen Verwendung findet, zum Drehen der Poilen fiir die Plüsch- und Krimmeriudustrie, zur Herstellung der Fransen an Tüchern zc. Die Erfindung des Spinnrades wird gewöhnlich in das Jahr 1530 verlegt und einem Johann Jürgen aus Watenbüttel bei Braunschweig zugeschrieben. Vor Jürgen aber war um 1500 ein Manu in der Konstruklion einer Spinnmaschine bereits weit vor- geschritten, so daß seine Maschinen an Vollkommenheit und Durchdachtheit den Spinnapparaten der Neuzeit außerordentlich nahe kommen. Dieser Biann war Leonardo da Vinci,* der berühmte Maler, Ingenieur und Philosoph. Die Kriegswirren im Beginn des I ö. Jahrhunderts ließen diese Ideen jedoch nicht zur Ausführung kommen; die Manuskripte und Hand- Zeichnungen des Künstlers blieben Jahrhunderte lang * Dr. H. Grothe, Bilder und Studien zur Geschichte Industrie und des Maschinenwesens. der theils verschollen, theils gingen sie verloren, und erst in neuerer Zeit ist dieser bedeutende Entwurf in die Oeffent- lichkeit getreten. Ob diese Ntaschine ursprünglich für die Aufwindung und das Wickeln der Seide bestimnit war oder zum Spinnen von anderen Gespinnstsasern ist gleichgültig in Anbetracht der Konstruktion und Kombination der Spindel und Spule, worin bereits vollständig der Gedanke enthalten ist, den unsere Vorspinnmaschinenspindeln vertreten, nämlich die Mög- lichkeit, Spule und Spindel zur gleichen Zeit ungleich- mäßig schnell zu drehen. Nach dieser Richtung hin steht die Erfindung Leonardo's unseren heutigen Spindelkonsiruktionen vollkommen ebenbürtig gegen- über; sie übertrifft die Einrichtung des Johann Jürgen in seinem Spinnrade und die Konstruktion späterer Erfinder; erst die Einrichtungen des Engländers Antis zum Hin- und Herschieben der Spule(1792 und 1795) enthielten die Anordnung einer Spindel und Spule, welche eine Differenzbewegung ermöglichte wie bei der Erfindung Leonardo da Vinci's. Die Konstruktion des Spinnrades folgt im All- gemeinen der Anordnung der kontinuirlich bewegten Spindel, setzt aber als neu den sogenannten Spinn- fliigel hinzu, der in seiner Form ungefähr einem etwas längliche» Rechteck entspricht, dem die vierte kurze Seite fehlt, so daß die zwei Längsseiten nur durch die eine kurze verbunden sind; durch die Aiitte der kurzen Seite geht die in der primitiven Form erwähnte Spindel als Achse, mit dieser ein Ganzes bildend; bei Antrieb der Spindel durch Schnur und Wirtel muß dieser Fliigel der Spindelbewegnng folgend um seine Achse schwingen. Die freie Spitze der Spindel ist ein Stück ausgebohrt, diese Bohrung setzt sich, von der graben Linie abgehend, schräg nach außen bis an die Oberfläche der Spindel fort, so daß ein Faden, an der Spitze eingeführt, durch die seitliche Fortsetzung resp. Oeffnung wieder heraus- genommen und an einem Häkchen des Spinnflügels befestigt werden kann. Bei der nun folgenden Um- drehung der Spindel muß der durch die Spitze ein- geführte Faden sich so oft um sich selbst drehen, wie der Fliigel um seine Achse. Die an den Längsseiten des Spinnfliigels befestigten Häkchen haben indessen nicht den Zweck, den Faden daran zu befestigen, sondern sie sollen demselben nur als Leitung dienen, die eigentliche Befestigung des Fadens geschieht auf der Spindel oder ans einer, auf diese gesteckten Spule, da ohne diese ein Fortschreiten des Spinnprozesses, ein kontinuirliches Spinnen nicht zu erreichen wäre. Die erwähnte Spule sitzt lose ans der Achse, ist also )>on der Bewegung des Flügels unabhängig, wenigstens insoweit, als sie nicht genau die Bewegungen desselben mitmachen braucht, sondern die Umdrehungen beider Theile in gewissen Grenzen der Zahl nach beliebig differiren können. Denkt man sich einen wenig angespannten Faden durch das hohle Ende der Spindel, iiber die Häkchen des Flügels nach dem Umkreise der Spule hinein- gezogen und an letzterer befestigt, so ergiebt sich leicht die Wirkung, welche derselbe erfahren muß in jedem der verschiedenen Fälle, welche hinsichtlich der Um- drehung von Spindel und Spule möglich sind. Bei der Annahme, daß die Spindel mit dem Fliigel sich dreht, die Spule aber gänzlich an der Umdrehung verhindert wird, erleidet der Faden erstens eine Zusammendrehnug des zwischen der Hand und der Spindelspitze liegenden Theiles, weil jeder Umlauf der Spindel den gefaßten Theil einmal um sich selbst dreht; des Weiteren vollzieht sich eine Aufwickelung ans die Spule, weil der Fliigel mit dem auf ihr liegenden Faden im Kreise um die Spule herumgeht. Für den Fall nun, daß die Spule stillstände, wäre ein branchbares Gespinnst nicht zu erreichen, weil dabei die Drehung des letzteren nothwendig äußerst gering ausfallen wiirde. Angenommen, die Spule habe einen Umfang von 80 Millimeter, so wird jeder Umlauf der Spindel 80 Millimeter Faden hereinziehen und aufwickeln. Dieses Fadenstück wird aber nicht niehr als eine einzige Drehung erhalten habe». wenn man es später von der Spule abwickelt; und in dem Maße, wie durch fortgesetzte Anfwickelung die Spule an Dicke zunimmt, müßte die Drehung noch geringer werden. Auch das umgekehrte Verhältniß kann eintreten: die Spindel steht still und die Spule dreht stäl In diesem Falle kann nur Aufwickelung, dagegen kein Zusammendrehen des freien Endes erfolgen. Die Anzahl der Gesammtdrehnngen, die hierbei in Faden hineingebracht worden sind, sind gleich� der Umdrehungszahl der Spule, jedoch nur für den Füll, daß man den Faden wieder in der Längsrichtung dei Achse von der Spule abzieht. Dreht man hingegen, um den Faden zu gewinnen, die Spule wieder rück' wärts, so werden wieder sämmtliche Drehungen au--' dem Faden herausgebracht; die Hauptaufgabe de-j Spinnens bliebe milhin unerfüllt, und somit ist dm- ebenfalls keine branchbare Anordnung. Es mag hier auf einen Umstand hingewiesen werden, der auf die Zahl der Windungen des Fadens nicht ohne Einfluß ist, nämlich die Art und Wci e, wie der Faden von der Spule abgezogen wird. W" trachten wir den Spinnprozeß mit der Handspindel, so konmien wir wohl zunächst auf die Abwickelung über die eine Spitze.hinweg, also in Richtung bei Längsachse. Bei der Handspindel ist diese Abwick- lnng die bequemste, da man die Spindel mit de: linken Hand etwas geneigt festhalten und mit de: rechten sehr schnell viele Meter Faden abziehen kaum Die beim Spinnrad auf die Spindel gesteckte SP11'6 hat meist, wie die gewöhnliche Garnrolle, zwei er- habene Ränder, über welche hinweg ein Abziel en des Fadens in Richtung der Längsachse beschwerlich ist; eine solche Spule steckt man nieist auf eine» Draht und läßt beim Abziehen des Fadens die Rone sich drehen. Dieser Vorgang resp. der Unterschied beider Ab- wickelungsweisen läßt sich noch deutlicher beobachten, wenn man an Stelle des Fadens einen Papierstreife» oder ein Band aufwickelt. Beim Abziehen des Bandes über die Spitze der Spindel hinweg, also in Ricb- tung der Längsachse, wird dasselbe ganz deutlich Drehungen um sich selbst zeigen, während es bi» seitlichem Abzüge, also in senkrechter Richtung der Längsachse, glatt bleibt. Die Drehungen des Bande« bei der ersten Abzngswcise lassen sich auch zahle»- mäßig sehr leicht feststellen, sie sind nämlich gleiw der Anzahl der Umgänge uni die Spindel. (Schluß solgl.) (Fortsehung.) arl Schubert saß am Fenster und las die Zeitung. Er sah müde und gedrückt aus, auf seinem Gesicht lag nichts von dem Froh- sinn eines Glücklichen, der der geliebten Frau soeben ein kostbares Geschenk zu Füßen gelegt. Eine tiefe Falte schob sich zlvischcn seine Brauen, und in der Art, wie er eben niit der Hand iiber die Stirne fuhr, lag es, als ob er etwas fortwischen wollte, etwas, das ihn drückte wie eine schwere Last. Sparmann ging auf ihn zn:„Fehlt Ihnen etwas?" Er schreckte zusammen und fuhr auf:„Was— ah, Sie sind es, Sparmann? Wie Sie mich erschreckt haben! Wie kommen Sie darauf, daß mir etwas fehlen müßte?" �5�- Frau Kläre.■ Novelle von Dsrothee Koebeker. „Sie sehen blaß aus." „Seh' ich's?" Er warf einen Blick in den Spiegel.„Nu», bei der Hitze!..." Er strich sich iiber die Stirn— wieder jene abwehrende Be- wegung. Ein paar Minuten saßen sie schweigend, dann sagte Sparma m:„Ich habe soeben den Teppich bewundert, er ist sehr kostbar..." „O ja— sehr kostbar!" Es lag fast wie Ironie in des Mannes Stimme, und mit einem leichten Seufzer sagte er:„Kläre wünschte ihn ja so sehr... Aber da haben wir ja Herrn Russell... Die Herren kennen sich schon?" Sparmann, der Fedor's Verneigung mit einem festen Händedruck erwidert hatte, neigte den Kopf: „Wir trafen uns, als Herr Russell seine erste Vil>� machte." „Richtig, meine Frau sprach ja davon. Ja, c- that mir sehr leid, daß wir uns verpaßten, Hc� Riffseil. Wollte eigentlich inzwischen immer mal»>» heraufkommen, fand aber nie recht Zeit. Na, haben sich inzwischen in Berlin eingebürgert, was? „Ja, danke," Fedor nahm an seiner Seite Platz- „ich fühle mich beinahe schon völlig heimisch." „Ja, Sie haben es auch gut getroffen. Ewst tische Arbeitszeit, das hat man hier nicht überall- Da können Sie sich eine ganze. Menge ansehen. Ar- beiten Sie übrigens direki nmer dem alten Behrens? „Auf dem Hauptkomptoir, jawohl." Die Neue Welt. Illustrirte llnterhalwngsbeilage. 383 t-i „Strenger, alter Herr, nicht? Hält auf Lrd- n»iig... Schadet aber nichts. Ist ganz gut, venu man Euch jungen Leuten auf die Finger sieht. Haben auch manchmal dumme Gedanken im Kopf, vas? Bischen mimen und so weiter...?" Er sprach mit gezwungener Lustigkeit. „£)!"... Fedor brach ab, er bekam kein Wort hervor, ein glühendes Roth stieg in seine Wangen. Schubert lachte':„Sehen Sie... Sehen Sie, ich hatte Recht. Na, lassen Sie's gut sein, junger Slann, das sind Kinderkrankheiten, die geben sich, Venn man vernünftig wird. Aber ich höre meine Frau... zu Tisch, meine Herren, zu Tisch!" Die Tafel war hübsch gedeckt, sehr viel Krhstall >n>d sehr viel Silber; die Speisen gut, der Wein fast noch besser; dennoch wollte in der kleinen Ge- scllschaft keine rechte Stimmung aufkommen. Nur Frau Kläre sprach. Der neue Teppich nahm noch alle ihre Gedanken gefangen. Sie schwelgte in den Farben und der Zeichnung des Musters, sie war 'ärmlich begeistert, aber ihre Begeisterung fand bei den drei Herren keinen Widerhall. Sparmayn ant- Vortete einsilbig und zerstreut, ebenso ihr Gatte. fluf seinem Gesicht lag wieder die kleine Falte, die dein Doktor schon vorhin aufgefallen war; sein Mund brach, aber seine Augen gingen in» Leere. Als bereite das Gespräch ihm eine seelische Qual, wandte er sich beinahe brüsk an Fedor Russell:„Wir hatten eine gute Kaffee-Ernte dieses Jahr." Der junge Mami hatte bis dahin schweigend gesessen.- Er war verstimmt; die jubelnde Glück- seligkeit, mit der er diesen Sonntagnachmittag herbei- gesehnt, war völlig verflogen. In den phantastischen Träumen, die während der letzten Tage sein Hirn bewegt, hatte er den Mann, der da an seiner Seite sah, als eine Art philiströsen Schivachkopf verachtet; letzt, wo Jener seine heiligsten Ideale spottend als Dnminejnngen-Träume verlacht hatte, begann er bei- »ahe ihn zu hassen, und es mischte sich wie Eifer- sucht in diesen Haß. Da lag der Teppich, dieses Prachtstück— sein Geschenk! Und sie, die er heim- üch als unverstandene Sklavin des nüchternen, ge- fiihlsarmen Gatten bedauert, als. deren Erlöser er sich schon geträumt, sie jubelte auf über dies Geschenk und hatte nicht Auge und Ohr für ihn. Nein, »icht Auge und Ohr, gerade nur, daß sie ihm mit einigen Höflichkeitsphrasen die Speisen bot, oder Venn es sich nicht umgehen ließ, das Wort im All- gemeinen an ihn richtete. Ein heißes Weh wallte in ihm auf, ein würgendes Gefühl, fast wie Thräne». lind dabei sollte er über das Geschäft reden, über Export und Import, über tausend Sachen, die ihn nicht interessirten, gerade heute noch weniger als sonst. Er sah zu ihr hinüber, ein fragender Blick. Ms meinst Du dazu?— allein sie löffelte gleich- »lüthig ihren Erdbeercrsme und sah auf die Pro- menade hinaus, wo das Sonntagstreiben eben zu erivachen begann. Erst nach geraumer Zeit, als auch ihr die Unterhaltung langweilig zu werden 'chien, legte sie das Goldlöffelchen bei Seite und 'agte:„Es ist still hent draußen." Sparmann, der bisher mit Interesse der Unterhaltung der beiden Anderen gefolgt war, drehte sich zu ihr hinüber: »Ja, sehr still. Man merkt schon die Reisezeit." Sie nickte nachdenklich:„Ja, Alles fliegt ans— Nur wir nicht." „Wäre auch fabelhafter Unsinn, so idyllisch>vie vir wohnen!" „Idyllisch!" sie lachte auf.„Idyllisch ist gut, Mämie, Steglitz idyllisch! Nun wissen wir es doch wenigstens, Sparinann." „Hm... idyllischer jedenfalls als... na, zum Beispiel die Naunynstraße." „Kenn' ich nicht." „Verlierst auch nicht viel daran." „Glaub' ich, Mmme, wenn selbst Du es findest. Aber im Ernst"— sie legte die Arme auf den Tisch—„Sie glauben garnicht, wie es mich fort- zieht, diesmal. Bei jedem Reisekorb, der vorüber- gefahren wird, giebt es mir einen Stich. Wenn man mit könnte, in den Wald, an das Wasser!" „Können wir ja jeden Tag: geh' in den Srnne- Wald und lege Dich an den Hundekehlensee— dann hast Du Wald und Waffer(tat erster Hand." „Die Dir natürlich Berge und Meer ersetzen..." „Und auch recht gut ersetzen können, tvenn man auf Berge und Meer verzichten mnß. Natur bleibt Natur und immer schön... Hab' ich Recht, Doktor?" „Was die Gmnewaldseen betrifft, entschieden: es sind Perlen im märkischen Sande." „Gott, Sparinann, Sie, Sie finden ja sogar auch Dahlem schön." „Rhiß ich ihm beistimmen, meine thenerste Kläre, mnß ich ihm beistimmen." Schubert lachte, er war plötzlich in Stimmung gekommen.„Die alten Bäume, die Strohdachhäuser und dann die wogenden Felder ringsum..." „Du bist ja förmlich begeistert." „Bin ich auch, und um die Begeisterung in Thaten umzusetzen, mach' ich einen Vorschlag: gehen wir gegen Abend Alle hinüber, zeigen wir Herrn Russell ein Stück märkischer Landschaft. Nachher setzen wir uns bei Stark in den Garten und trinken ein paar große Weißen." „Ach, na ja, da la'nft's hinaus!... Wüßt' ich doch, daß die Sehnsucht nach Dahlem irgend einen Hintergrund haben mußte! Stark's große Weißen, Dein Ideal!" „Sind sie auch, verehrte Frau Gemahlin, Weiße mit Himbeer— delikat! Sparniann verachtet sie aber auch nicht. Sparmann, Sie nicken— also einverstanden, wir gehen." „Einverstanden, wenn die gnädige Frau will." Sie schob die Unterlippe vor:„Nach Rügen ginge ich lieber." „Heute noch?" „O, es könnte auch morgen sein." Sie drehte den Löffel zwischen den Fingern.„Nein, Kinder, Ihr könnt es Euch wirklich nicht denken, ich ver- gehe fast vor Sehnsucht nach der See." „Nun, dann reisen Sie doch aber hin." „Sie haben klug reden, Sparmann. Läßt mich denn der Tyrann hier fort?"— sie stieß ihren Mann in die Seite—„muß ja seine Alte immer am Rockzipfel haben... Ich gäbe was drum, könnt' ich jetzt in Ahlbeck sein." „Na, denn doch schon lieber Heringsdorf, Ahl- beck ist ein altes Sonnenloch, aber Heringsdorf..." „Ist auch'ne theure Gegend." „Das spielt doch bei Ihnen keine Rolle, Herr Schubert." „Nee, bewahre! Bezahlen wir mit einer Hand!" Schubert blies den Rauch der Zigarette in die Luft; seine Augen folgten einer Schwalbe, die draußen ihre Kreise um das Fenster zog. „Und ich komme doch noch hin," sie warf einen herausfordernden Blick auf ihren Mann—„wenn ich nur mal will— wetten, Männe?" Sie hielt die offene Hand hin; bevor er indessen antworten konnte, erschien das Bienstmädchen und meldete, es sei noch Besuch gekommen. Beim Kaffee war große Gesellschaft. Geschäfts- freunde von Schubert hatten sich mit ihren Frauen eingefunden, außerdem noch ein paar alte Tanten. Es ging sehr lustig her. Frau Kläre strahlte, der neue Teppieh tvar wieder das Hauptthema, erst all- mälig ging man zu Geschäfts- und Familienangelegen- heiten über. An den Spaziergang nach Dahlem dachte Niemand mehr. Fedor saß unter all' den lachenden, schwatzenden Menschen, ohne mit mehr als den nöthigsten Worten an der Unterhaltung Theil zu nehmen. Er war tief unglücklich. Noch nie war er sich so verlassen und heimathlos vorgekommen wie heute. Er vermied es, selbst mit Sparinann in Berührung zu kommen; er fühlte instinktiv die forschenden Blicke, mit denen Jener sein Innerstes zu durchdringen suchte. Wie ein Alp fiel es ihm von der Brust, als die Gesell- schaft endlich zum Aufbruch rüstete und er die Ge- wißheit hatte, hinauszukommen, allein zu sein mit seinem Schmerz. Plötzlich fühlte er einen warmen Händedruck und hörte das leise geflüsterte Wort: „Donnerstag Abend— dreimal klingeln!"... Seine Augen leuchteten, als er die Treppe hin- unterging, die ganze Welt war wieder rosig und licht. Er nahm es nicht einmal übel, als der Doktor tisin beim Abschied zweideutig zuraunt«:„Tröumen Sie nicht zn viel von Ihrem Genius."—— Steglitz, 24. Juli. Lieber Herr Fedor! In aller Eile, damit Sie morgen Abend nicht vergebens kommen, ieh fahre Vormittag zehn Uhr auf vier Wochen an die See. Beste Grüße in- zwischen. Sonntags sind Sie selbstredend draußen zu Tisch; trösten Sie meinen Männe. Auf Wieder- sehen Ihre ergebenste Kläre Schubert. L. 3. Lachen Sie, ich habe meine Wette ge- Wonnen! Er lachte aber garnicht. Er starrte auf das goldgeränderte rosa Kärtchen und las die krausen Buchstaben wieder und ivieder. Es flimmerte ihm vor den Augen, er begriff nur Eins: sie war fort, für lange Wochen fort, gegangen ohne ein Abschieds- wort, ohne auch mir ihre Adresse anzugeben, gerade als gäbe es nicht ein Band, das sie vor allen An- deren miteinander verknüpfte. Und gab es denn eins? War es am Ende nicht doeh nur Einbildung, wenn er in ihr die unterdrückte Seele gesehen, die wie die seine nach einer anderen gleich gestimmten suchte, die nach dem Erlöser rief und in ihm den Erlöser sah.„Sie verstehen mich so gut— ja, wenn Alle so wären wie Sie!..." Er meinte die Worte wieder zu hören, die sich wie süßes Gift in seiner Seele festgesogen— war das Alles nur Phrase gewesen? Er grübelte und sann und sann und grübelte, aber Klarheit wollte ihm nicht kommen. »* * Ansichtspostkarten. Gruß aus Binz, 23. Juli. Lieber Herr Fedor. Warum lassen Sie denn garnichts von sich hören? Besorgen Sie mir doch d'Annnnzio's„L'Junoeente", dürfen ihn auch vorher lesen. Aber nichts Männe sagen! Er mag das nicht! Was macht die Kunst? Studiren Sie fleißig? Sehr nette Gesellschaft hier. Gruß! Ihre Kläre Schubert. * Gruß aus Stubbenkammer, 3. August. Bin heute mit dem Dampfer herüber gefahren. Wundervoll! Wäre etwas für Sie mit Ihrem Poeten- herzen! Vermisse Sie sehr!!! Wie könnten wir schwärmen!! Wo bleibt„L'Jnnoeente"??? Herzlichen Gruß! Kläre Schubert. * Binz, Strandhotel, 10. August, Zimmer 12. Ich Hab' Ihnen keine Adresse genannt? Solche Wnschigkeit! Zürnen? Weshalb denn? Hab' mich aber gefreut, daß Sie Männe so gut ausgehorcht haben am Sonntag. Gemerkt hat er doch nichts??? Was haben Sie den ganzen Sonntag angefangen da draußen? Gespielt, was? Sparmann immer voran. Kann ich mir denken! Beste Grüße! Kl. Seh. * Binz, Strandhotel, 10. August, Abend». Hab' ja vorhin die Hauptsache vergessen! Natiir- lich ist Carlos eine Rolle für Sie, sind sogar der geborene Vertreter dieser idealen Figur!!! Sobald ich zu Haus bin, üben wir zusammen.„L'Jnno- eente" hat Ihnen auch gefallen? Ja, nicht wahr, herrlich! Solche Liebe— wenn man die fände!!! Tausend Grüße! Kläre Sch. '* Vom Saßnitzer Strand, 20. August. Ist es nicht schön hier? Unter der großen Buche auf dem Felsen sitz' ich und schreibe an Sie. Eben Ihren lieben Brief erhalten. Tausend, tausend Dank! Ja, ich will Ihre Binse sein.— Mämie wundert sich, daß Sie nicht wieder in St. waren. War Ihnen wohl z» interessant da? Verstehen Sie mich jetzt??? Innigen Gruß! Kläre. * Stubbenkammer, a. d. Königstuhl, 23. August. Grauer Hinimel, graues Meer, grau auch mein Herz!!! Heut' einen Brief von meinem Mann, soll Sonnabend heim kommen. Selbst in diese Schön- heit wird mir des Alltags Sorge getragen!!! Ach mein Freund, schreiben Sie mir ein Trostwort, das mich wieder zu mir selber bringt. Tiefbetrübt Ihre Kläre. 384 Die Tleue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Grub aus Sabuiy, �0. 8luuuft. Moudnacht am Strand' Heißesten Dank für Ihren herzigen Brief. Ja, wir wollen zusaniinenhalten, uns hinüber retten„in der Ideale Land". Bin doch noch hier geblieben. Sonnabend große Rennion, die muß ich erst noch mitmachen. Innigen Händedruck. Ihre Muse. * Au Bord der„Freya" auf dem Stcttiucr Haff, 10. September. Es ist Ernst geworden, mein Freund, ich bin auf dem Heimweg. In einer Stunde besteig' ich in Stettin den Zng, der mich zurückführt in den— Sumpf. Wird die Freundeshand mich stützen, wenn er mich verschlingen will??? Auf Wiedersehen in Steglitz. Innigst Kläre. P. S. Kommen Sie aber nicht eher, als bis ich Ihnen schreibe. � Steglitz, 17. September. Morgen Nachmittag sechs Uhr, dreimal klingeln. Herzlichen Heimathgruß. Ihre Kläre Sch. „Endlich!" Sie streckte ihm beide Hände ent- gegen.„Wenn Sie wüßten, wie ich mich nach Ihnen gesehnt habe!" „Und dennoch dürft' ich erst heute kommen,— nach sieben Tagen!" „Ja leider!— Aber es ging nicht eher. Ach wenn Sie überhaupt wüßten!..." Sie brach ab und seufzte; er legte den Arm um ihre Schulter. „Frau Kläre, liebe Frau Kläre, Sie leiden wieder, ach, wenn Sie sich aussprechen wollten,— wenn..." „Ja, wenn..." sie fuhr ihm nach ihrer Gewohn- heit liebkosend durch das Haar,—„aussprechen? Ach Gott! Und was denn auch? Ich wüßte es nicht einmal! Es ist ja doch immer dasselbe, immer das alte Lied, das Sie kennen. Man müßte sich etwas gröbere Nerven anschaffen." Sie sah finster vor sich hin. Eine ganze Zeit saßen sie schivcigcnd, dann nahm er von Neuem ihre Hand, und mit dem innigen Wunsch, sie von ihren trüben Gedanken abzulenken, sagte er:„Sie haben aber wunderbare Tage hinter sich." „Wunderbare Tage? Ja,"— sie lachte ans— „und dann kommen Sic nach Hans, die Seele noch voll von allem Schönen, und sehen nichts als ein verdrossenes Gesicht, und lesen in allen Mienen nichts als daß es— gar so viel gekostet! Hach, es ist zum Verzweifeln!" Sie sprang ans und ging mit raschen Schritten im Zimmer auf und nieder.„Diese Enge, diese Stumpfheit! Ach, nun quäl' ich auch Sie! Warum sitzen wir aber auch hier im Zimmer, wo einem alles Elend doppelt fühlbar wird! Kommen Sie an die frische Luft, in die Loggia!" Mit raschen Schritten ging sie nach dem Balkon- zimmer; er folgte, aber im Begriff, die Schwelle zu überschreiten, blieb er stehen:„Ach, wie schön!" „Ja, wie schön!" Sie ließ ihn neben sich an die Brüstung treten:„Um dieses Blickes willen Hab' ich die Wohnung auch gemiethet. Diese endlosen Felder— nicht wahr? Das ist wundervoll! Und wie sich die Erlenbüsche da im Felde verlieren. Hier links— das ist der Fichtenberg, da hinten zieht sich der Grunewald hin, und hier geradeaus der schlanke Kirchthurm in dem grünen Busch— das ist Dahlem... Wissen Sie noch? Dahlem, wo Stark seine großen Weißen verschänkt!... Weiß- bicr mit Himbcer, ich!" Sie schauderte znßnnmeir wie vor Ekel. Er sah es wohl, und so sehr es ihn niit innerer Genngthnnng erfüllte— mit doppelter Geiingthming in der Erinnerung an jenen Sonntag!—, er hatte jetzt doch nur den Wunsch, sie nicht wieder in trübe Gedanken versinken zu sehen, und so wies er nach Süden, wo sich ein Vogelschwarni im blauen Aelher verlor: „Sehen Sie— Wandervögel!" Sie folgte seiner weisenden Hand und nickte gedankenvoll:„Ja, ich sehe sie schon geraume Zeit, und dabei fällt mir ein Spruch ein, der drüben i» Dahlem über einem Grabe steht. Ein merkwürdiges Grab, wissen Sie, dicht an der 5!irchemva»d und auf dem Granit nichts als der Name. Kein Tatm», keine Jahreszahl. Und darunter: Wer hat Euch Wandervögeln Die Wisscuschuft geschenkt, Daß ihr ans weiter Ferne Den Weg zur Heimath lenkt? Daß ihr im Norden wieder Die alte Eiche wählt, Daß ihr im heißen Süden Die Palme nicht verfehlt?... Was man sich dabei denken kann!... Nicht- Aber setzen wir uns'mal endlich. Nein, kommen Sie heran an meine Seite, das Bänkchen hat Platz für Zwei. Sehen Sie, es geht." Und es ging, und dicht aneinander geschmiegt und Hand in Hand saßen sie und sahen der So»"1' nach, die wie ein glühender Purpnrball hinter dem Grunewald versank und das ganze Gelände?>>"> Abschied noch einmal mit strahlendem GoldglauZ übergoß.(Schluß wigi.) euitLeton. Stimmen der Iiefe* �on Allen, dir aus diesem Eiland hausen, Blick' ich allein empor zum Skrrnrnrrigrn; Rein Lüskchen sxirlk mehr mit des Garkens Zweigen, Und ringeschlasrn ist der Rüster Sausen. Da horch!— Vom Strände kommt in langen Pausen Ein dumpf Getön und stört das mächst ge Schweigen, Wie Vrgrlklang im Fallen und im Steigen;— Ich kenn' es wohl, der großen Wasser Brausen. Dieselben sind es, dir vor tausend Jahren, Gepeitscht vom Sturm, in wüsten„Wannrstränkrn" Sb Fluren, Weilern, Städten hingefahren. Horch, wie sie locken:„Komm, dein schmerzlich Denken Und deiner Sorgen schwarze Rabrnschaarrn In unfern Schoost aus ewig zu versenken!" Reinhold stnchs. Roth... Ein Bild, das keiner längeren Erklärung bedarf. Jeder von ims hat diese Szene schon gesehen, Jedem hat sich dabei das Herz zusainmengekrampft, und doch brachte er kein Wort hervor, das trösten konnte. Dort der Tobte, den die übergroßen Mühen und das elende Leben auf das Krankenlager geworfen, der nun nach langem Siechthum gestorben, und in der Milte des ZirnrnerS die in ihrem Jammer fassungslose Frau, die den geliebten Mann und den Ernährer ihrer Kinder verloren, die Kinder, die noch kein Berständniß haben für das, was sie gelroffen— nur das ältere Mädchen empfindet es dumpf und ist verlegen, das Kleine schreit, weil eS den Schmerz der Mauer sieht—, und über Treppen und Flur herauf kommen schon die Vahrträger, den Tobten aus den» Hause fortzubringen... Ueberall, von den kahlen Wänden und aus allen Winkeln der Bodcukaninier starrt uns das nackte Elend entgegen. Selbst die alte Frau, die dem Tobten den letzten Dienst erwiesen, die Trauer und Elend schon in hundertfältiger Gestalt gesehen, hat ihren Glcichmuth verloren.— Regenzanber. Heber den Rcgenzauber bei den Natur- Völkern liegt eine Reihe bemerkenSwerther Nachrichten -»Ii«•«ra,»ort Bauch.— vor. So bestehen in Loango— an der Westküste Afrikas— verschiedene Tenipclplätze, die Adolf Bastian wegen ihres besonderen Kultzweckes„Negentenipel" nennen zu können glaubt. Sie sind vorn König dotirt und mit jährlichen Geschenken bedacht, damit ihre Priester durch nächtliche Zeremonien zu den geeigneten Zeiten Regen verschaffen oder ihn, wenn er zu reichlich fällt, hemmen. Es sind in diesem Lande die ersten stifwngs- mäßigen Tempel. Btan kam zu solcher öffentlichen Für- sorge durch die Bedürfnisse des Ackerbaues, weil gerade in tropischen Zonen das Gedeihen der Früchte von dem richtigen Einsetzen und Aufhören des Regens abhängt. Die Priester, die dieser Wettersorge obliegen, werden Simgilli oder„Regenmacher" genannt. Nach einer Mythe standen diese meteorologischen Zauberer früher unter der Leitung des Gaiiga Chitorne, eines Priesters der Erd- gottheit. Dein„Gott der Erde" galt also der Kult, und von ihm kam folglich auch der Regen. Bastian nennt außcrdcni noch zahlreiche andere Götter, die hauptsächlich Rcgcnfetische sind. Ter Ganga Kasi-bakissie erzeugt Regen aus einem mit Milonghos oder Zaubermitteln gefüllten Kasten, die„Lukallala gc- nannte Klapper schlvingend, während ihm der Erdgeist, Kissi-insie, in den Kops steigt und durch seinen Mund redet. Der Ganga Jnienia bei Loangcle bedient den Regcngott Motisso Juiema, dessen Fetisch aus einem Stein und einem mit einer Röhre versehenen Hammer besteht. Bei Regemnangel wird der Hammer mit der Röhre, die mit Rum gefüllt wird, nach oben auf den Stein gestellt, und wenn der Regen, ircil er zu heftig ist, gehemmt werden soll, nach abwärts. Daneben sind aber auch die Könige verpflichtete Wettermacher. Sie sind Träger der Gottheit, und wenn diese in ihnen ist, müssen sie allerdings im Stande sein, die Witterung zu reguliren. Noch wohnt der die Stürme beherrschende Kukuln am Vorgebirge des Steinpfeilers. Und Namoulu-vurnu, der König des Regens und Wetters, residirt auf einem Hügel bei Bomma. Die Position eines solchen„RegetlkönigS" ist geheiligt, andererseits aber auch zmocilen recht kritisch. Bei anhaltender Dürre verfehlen die Unterthailen nicht, dein Regenten Vor- stcllungen zu machen, daß, ivenn er sich nicht bald seines Königreiches annehme, sie Alle vor Hunger sterben müßten und außer Staude sein würden, ihm die gewöhnlichen Geschenke zu machen. Wie sich da der Herrscher aus der Affaire zieht, ist bei Bastian erbaulich zu lesen. Um auf der einen Seite das Volk zu befriedigen und auf der anderen auch nicht zu viel zu wagen, überträgt der König daS Geschäft auf einen semer Räche und befiehlt chni, unverzüglich so viel Regen auf die Ftlder fallen zu lassen,«uS ndchig ist, sie fruchtbar zu machen. Wenn dieser alsdann ein Gewölk wahrnimmt oder vermuihet, bat! es regnen würde, so zeigt er sich dem Volke, als wen" er jetzt den Befehl feines Herrn ausrichten wollte. Tan" versammeln sich Weiber und Kinder um ihn, unabläiNtl rufend: Gieb uns Regen! gieb uns Regen! Die Eycellenl verspricht denn auch mit der größten Zuversicht, das Verlangen zu erfüllen., Auf welche Weise Gottheiten mit der Spezialltat des Regenspendens entstehe» können, schildert uns Bastia" in einem anderen Beispiel. Als dem König Mani-Bussa in Tumba ein Kind mit unglückverheißenden Merkmale" geboren wurde und Dürre eintrat, verlrieb man ih""! das Land der Mussoronghi. Nun traf es sich, daß es dort regnete, während in der Hcimath die Trockenheit fortdauerte. Da ruft das Volk den König sammt dein Kinde zurück, und wirklich fällt nun auch hier Rege»- Singa, so hieß der Knabe, starb frühzeitig, iufpirirt alls seitdem den»ach ihm sich nennenden„Priester Sing» in Tumba und ist ans dem Wege, ein„Regcngott" Z" werden, wenn er es nicht schon ist. Etwas anders, als die lvestafrikailischen Ganga-'- verfahren die Australier beim Regenzanber, wie eine Mittheilung von H. Greffrath zeigt. Australien wird, zumal in seinem Innern, durch anhaltende Dürre häufig heimgesucht. Die Eingeborenen des zentralen Maedrunell- Gebirges wähnen, daß diese Dürren durch einen Regew tcusel, welcher die Fcuchligkeit des Erdbodens auflecke, bewirkt werden. Sie schicket! dann ihren Negciimachce ans, diesen Dämon einznfang.n. Um sich dabei ge' räuschlos an ihn heranschleichen zu können, legt der Zanbcrer ein Paar weicher Federschuhe an. Nach glück- licheni Fang hat die Trockenheit ein Ende. Hier beste> also die Kunst des Regenzaubers darin, einen böse» Dämon unschädlich zu machen, während es in Afrika vielmehr darauf ankommt, einen wohlwolletiden Geist 3" gewinnen.— H. T. Du trägst sehr leicht, wenn Du nichts hast; Aber Reichthum ist eine leichtere Last. Goethe. Alle für die Redaktion der„Neuen Welt" bestimmten Sendungen sind nach Berlin, 3W IS, Beuthstraße 2, zu richten. Nachdruck des Juhalts verbot««! «rraHrtMitn»«»ckaRiur; Oscar»übt in«barlottrnbiir,.— B«rla«: Hambur>«r Buchdruckerci und vcrlagsanftall»ucr«- Ca. in Hambur«.— Druck! Mar Badin« in BcrNn.