(SortfctjunB.) ax klnppte Staffelei und Nahmen zusammen und ging in den Speisesaal, um zu essen. Ersuchte aufder Karte nach seinen Wünschen. Heute kam Marie jedoch nicht zu ihm, wie sonst, und da er nicht drängen wollte, wartete er lauge vergeblich, um dann am Ende selbst in die Küche zu gehen. Dort waren die Tante, Marie und der Augsburger- Berliner in eifriger Unterhandlung. Es fiel ihm auf, daß man schwieg, als er eintrat, aber er schenkte dem in seiner Unerfahreuheit keine Bedeutung und bat, ihm eine bestimmte Speise zu bringen. Doch nicht von Marie ward ihm aufgetragen, sondern von der Köchin. „Wo ist Fräulein Marie?" fragte er in Plötz- licher, ausbrechender Angst. „Die hat keine Zeit," erwiderte das Mädchen gleichgültig. Da schob er seinen Teller von sich, und nun sah er auch, wie Marie in der Stube an ihm vorüber- ging, als sei er Luft. Essen konnte er jetzt nicht mehr, er mußte nur beständig grübeln über ihr Be- nehmen, ohne über den Gedanken hinauszukommen: Was sie nur hat? Heute, als an einem Feiertage, schloß man den Speisesaal sehr früh, und er mußte, da man ihn nicht zum Bleiben aufforderte, zeitig gehen. Draußen auf dem kurzen Gange vor der steilen Treppe be- gegnete er ihr. Sie trug die Flurlampe in der Hand und einen gefüllten Teller, und das Licht beleuchtete ihr ernstes Gesicht. „Fräulein Alane," sagte er,„habe ich Ihnen etwas gethan?" „Nicht daß ich wüßte," antwortete sie kalt, und dann fügte sie hinzu:„Gute Nacht, Herr Breiten- bach," und ließ ihn stehen. Jetzt hatte er an ni sts mehr Freude, und seine Staffelei und den Malkasten unter dem Arm, ging er traurig nach Hause. Die ganze Nacht fand er fast keinen Schlaf. Immer sah er sie mit der Lampe, die sie so wunderbar beleuchtete; und wen» er zu ihr kam und sie fragte: „Ja, kennen Sie mich nicht?" dann antwortete sie stets:„Nicht daß ich wüßte. Gute Nacht, Herr Breitenbach." Und diese Erscheinungen drängten sich aufeinander wohl in die hnndertnial, und jedesmal hatte sich ihre Gestalt dabei verändert, und jedesmal ward ihr:„Nicht daß ich wüßte. Gute Nacht, Herr Breitenbach!" schärfer und zischender, und jedesmal legte es sich wie ein Stein auf seine Brust, daß er sich vorkam wie unter einem großen Steinhaufen liegend, der immer drückender auf ihm lastete— bis er zu ersticken drohte und jählings erwachte. Da fühlte er feine Stirne mit Schweiß bedeckt, und weil er glaubte, er hätte eine Ewigkeit gelitten, Erzählung von Kmnrmt-m Korn. sah er auf die Uhr und hatte nur eine Stunde ge- schlafen. Er legte sich ivieder hin und dachte bei sich:„Was sie nur hat, was sie nur hat?" Aber Schlaf fand er diese Nacht keinen mehr. IV. Den anderen Tag hatte er für einen Ausflug bestimmt, um Studien zu machen, aber er war des Morgens zu müde und so blieb er den ganzen Tag zu Hause. Erst war er sehr niedergeschlagen, als er jedoch die gestern gemalte Skizze besah, lvard ihm wohler zu Muthe, und nachdem er angefangen hatte, sie zu vervollständigen und zu verbessern, wie er es noch im Kopfe hatte, kam er in eine immer bessere Stimniung hinein, in der er am Spätnachmittage getrost zn ihr aufbrach, nicht mehr in dem Gedanken: „Was sie nur hat?" sondern in dem besseren:„Es wird schon wieder recht werden!" Mit Absicht hatte er eine Zeit gewählt, wo er sie allein wußte, und gedacht sie rasch wieder für sich zu gewinnen. Als er jedoch die Treppe hinauf ging, klopfte ihm doch das Herz, und vor der Thüre des Speisesaales, die nur angelehnt war, blieb er lauschend stehen. Er hörte sie mit jemand Fremden spreche», dessen Stimme ihm ungemein bekannt vorkam, und als er durch den Thürspalt sah, gewahrte er den breiten Rücken einer schwarzen Gestalt, deren ihm zugekehrter, dicker Kopf in der Mitte des Scheitels eine kleine, runde, glattgcschorenc Stelle trug. „Was will ein Geistlicher hier?" fragte er sich. Darauf schritt er gefaßt durch die Thüre und wollte gleich, ohne aufzusehen, an einen der hintersten Tische eilen, als er eine laute, deutliche Stimme hörte: „Da ist er ja!" Als er sich umwandte, sah er sich seinem Bruder gegenüber, der aufgestanden war und einen langen, mißbilligeichen Blick über seinen Samnitrock mit dem wehenden Schlips und die langen Künstlerhaare warf. Er war über und über bestürzt. „Ich habe Dich auf Deinem Atelier in der Akademie aufsuchen»vollen und wurde hierher ver- wiesen," sagte Ludwig. „Ja, ja," erwiderte Max fast ohne Fassung, nnd reichte seinem Bruder die Hand. Der hielt dieselbe, ohne sie zu drücken, eine ganze Weile schweigend in der seinen und setzte sich dann. „Wie geht es Dir, Max?" „Danke... gut!" Marie brachte Max hierauf wie gewöhnlich eine schmackhaft zubereitete Speise, Ludwig verlangte ein Stück Brot. Als Max, mn seine Verlegenheit zu verbergen, rasch mit dem Essen beginnen wollte, legte ihm sein Bruder die Hand auf den Arm. „Es ist Freitag heute, mein Bruder." Max wurde feuerroth, schob den Teller weg und aß eine Semmel, die er einem auf dem Tische stehenden Körbchen entnahm. Schweigend verzehrten die beiden Brüder ihr Brot, dann begann Ludwig zu sprechen. Seine Worte kamen in gleichmäßigem Tonfalle ans dem Munde, wie die Zeitungsbogen aus einer Druck- niaschine, das Gesicht blieb fast unbeweglich, und während die Augen geradeaus gerichtet waren, be- wegten sich nur die wulstigen Lippen. „Nicht immer," begann er,„dürfen unsere Wim- sche für das Thun unseres Lebens maßgebend sein, nur wenn sie übereinstinnnen mit dem, was Gott billig ist, nnd nicht auf etwas Leichtes abzielen, dürfen wir ihnen bisweilen Folge leisten. Weil mich die Leute unseres Dorfes dort als Priester sehen wollen, weil die Wünsche meiner Mutter mit den meinen über- einstimmen, weil ich weiß, daß ich in meiner Heimath viel thun kann, bin ich hierher gekommen, um per- sönlich Schritte zu thun, dort verwendet zu werden." „So bist Du nur vorübergehend hier?" fnigjMax. Ludwig warf seinem Bruder einen scharfen Blick zu.„Das scheint Dir gelegen?" „Nein, nein!" antwortete Max hastig, und ohne daß er es wollte, wurde er wieder feuerroth; und da gerade Marie sich auf einen Stuhl in der Küche mit einem:„Mit Erlaubniß, Hochwürden!" nieder- ließ, sagte er, um seine Verlegenheit zu verbergen: „Guten Abend, Marie!" „Guten Abend," erwiderte das Mädchen betreten. Und wieder warf Ludwig seinem Bruder einen scharfen Blick zn.„Doch," fuhr er dann fort,„nicht allein meinetwegen, sondern auch Deinetwegen bin ich hierher gekommen, Max! Lange konnte ich, niit den Vorbereitungen zu nieinem Amte beschäftigt, nicht nach Dir sehen, nnd Bangigkeit befiel mich, Du niöchtest die Pfade des Leichtsinns weiter gewandelt sein, die Dich schon einmal so schlecht geführt haben!" Marie horchte erstaunt auf. „Ich habe mich viel beschäftigt, mir feste Ansichten über Kunst zu bilden, und ich hoffe, auch Du wirst danach gestrebt haben, nnd von der Erkenntniß durch- drungen sein, daß, wie nur ein Gott ist, auch nur eine Kunst berechtigt ist." Er sah wieder zu seinem Bruder hinüber.„Wir werden noch darüber sprechen, ebenso wie über Kirche nnd Religion, daß ich Dich festigen kann in Deinen Ansichten!" Dann begann er von den Wonnen und dem ernsten, harten Ringen des Priesters zn sprechen, von ihrer genieinsanien Mutter, der gemeinen, nnd doch so erhabenen, gott- frommen Frau, nnd bei all' den Worten, die wie harte Hammerschläge an sein Ohr klangen, wußte Max sich nicht ein noch aus. Aft 49 25(lujlriric � Cnf crh a((x tivgob cii ag e. I399 336 Die Neue Nlelt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Er hörte die Worte, und wie ehemcils sprachen sie nicht zn ihm, er hatte das Gefühl, als müsse er sich gegen ihren Sinn wehren, und fand doch keine Worte, sein Gefühl auszudrücken, noch weniger, sie zu beweisen und zu vertheidigen. Nur manchmal sagte er beklommen ja, und über die aufsteigende Angst des Unberstimdnisses des Gehörten, suchte er sich durch ein zeitweises Lächeln hinwegzusetzen, das er halb seinem Bruder, halb dem Mädchen, das mit aufgerissenen Augen horchte, zuwandte. Endlich, als Gäste kamen, erhob sich Ludwig und sagte:„Komm!" Marie küßte Hochwürden die Hand, doch als ihr Max die seine geben wollte, zog sie die ihre zurück und sah ihn kalt an. „O, Marie!" schrie er fast auf, und Alles, was er den letzten Tag und die Nacht um sie gelitten, trat in seine Augen, und er sah sie mit einem Blick so großer, verzweifelnder Qual an, daß das Mädchen in seiner Bestürzung darüber, und um ihm den Schmerz zu lindern, rasch seine Hand mit ihren beiden ergriff und ihm in überquellender, mitleidiger Zärtlichkeit in's Gesicht sah. „Es ist gut," sagte sie,„es ist ja Alles gut!" Da war es plötzlich in ihn geworfen wie jauch- zende Seligkeit, und alles Trübe war aus seinem Inneren weggefegt. „Max, komm!" rief sein Bruder von der Thür aus, wo er kopfschüttelnd Alles mit angesehen hatte. Da drückte er ihr noch rasch die Hand, sah ihr in die Augen, als wolle er sich von der Gewißheit seines plötzlichen Glücksgefühls überzeugen und eilte seinem Bruder nach. Auf der Treppe frug ihn der:„Was ist das für ein Mädchen?" „Die Nichte der Wirthin." „Und in ivelchein Verhältniß stehst Du zu ihr?" „Sie bedient mich," und über und über ward er roth dabei. „So, so, sie bedient Dich!... Du könntest mich heute noch auf Dein Zimmer führen," hörte er nach einer Weile wieder die Stimme neben sich, „es interessirt mich, zn erfahren, wie Du wohnst." Max nickte beklommen, und schweigend schritten Beide nebeneinander her. Jeder mit seinen Gedanken beschäftigt, die für Keinen erfreulich waren. Als sie den atelierartigen Raum betraten, den Max be- wohnte, sah sich Ludwig beim Anblick all' der Skizzen und des Trödelschmuckes, der an den Wänden hing, verächtlich und mitleidig um, um dann plötzlich ganz ernst zu werden.„Und das Kruzifix, das sich Deine Mutter von ihren kargen Pfennigen abgedarbt hat, das ich. Dein Bruder, geweiht habe?" Da hatte er es schon bemerkt, und stellte es, stummen Vor- wurfs voll, aus seinem Winkel, wo es noch stand, auf den Tisch. Hierauf schritt er, ohne seinen Bruder zn beachten, der verlegen am Tische stand, wo die brennende Kerze leuchtete, mit ernstem Gesichte auf und ab. Nach einer Weile blieb er dann rasch, wie von einem Entschlüsse beseelt, stehen, faßte seinen Hut, sah seinem Bruder stumm und fast finster in die Augen und ging. Unter der Thür drehte er sich noch einmal um und sagte:„Ich komme wieder!" Von Allem, was er heute gehört hatte, saßen diese Worte dem Zurückgebliebenen am festesten. Eine immer stärker wachsende Angst befiel ihn, wenn er an dies Wiederkommen dachte, denn er hatte seines Bruders Worte und Vermahnungen die ganzen Jahre her mißachtet; es ward ihm unheimlich zu Muthe. Er ging langsam an's Fenster und öffnete es. Und wie die weiche Nachtlust des Hochsommers herein- drang, legte er sich in's Gesimse, blickte nach dem Streifen Sternenlicht, der über den Dächern hervor- lugte, und in weichen Gedanken spann seine Phantasie alle möglichen Gebilde, die immer wieder zu zer- reißen und wieder anzufangen ihm eine keimende, süße Befriedigung gaben.—— Anders verbrachte Ludwig den Abend. Seines Bruders Benehmen und Wesen, was er beim Essen beobachtet und auf dessen Zimmer ge- sehen hatte, gaben ihm viel zu denken. Durch das beständige, einseitige Studium, ohne jede Anschauung, durch die harte Ertödtung des sinnlichen und deshalb menschlichen Fühlens, und dadurch, daß er das Leben nur durch die Fenster seines Seminars hindurch kennen gelernt, hatte sich in seinem harten Bauernschädel ein logisches Gesetz von Grund und Folge gebildet, das wie eine Ma- schine funktionirte und Schlüsse zog. Was ihm im Leben aufstieß, brachte er nicht immer ohne Kampf in ein Verhältniß zu dem, was er im Seminar gelernt hatte; aber hatte er es einmal so weit, dann arbeitete die Maschine rasch und sicher, und er wußte, wie Jenes sein sollte und Dies nicht sein durfte. Solchergestalt hatte er sich nicht nur Ansichten über die Pflichten, sondern über Alles, was ihm bis jetzt in seinem Leben aufgestoßen war, gebildet, und die feste Ileberzengung von seinem erhabenen Wollen und der unerschütterliche Glaube an die Wahrheit nud das allein Richtige von dem, was er gelernt hatte, ließen ihn auch gegen Andere das, was er für Recht hielt, mit einer so eisernen Konsequenz durchführen, daß er durch die Erfolge, die sie ihm bis jetzt gebracht hatte, nur noch mehr von der Richligkeit seiner Ansichten überzeugt werden mußte. Lange ging er in dem Zimmer des Gasthauses, in dem er abgestiegen war, auf und ab. Wenn er das weiche, träumerische, noch in der Ausbildung begriffene Gesicht seines Bruders sich vergegenwärtigte, den Sammetrock mit dem wehenden Shlips, dann ballte er unwillkürlich die Faust. Wo saß da der feste Halt, wo blieb da der Ernst, der Ernst, mit dem die Kunst ausgeübt werden mußte, just wie das Amt eines Priesters? Wenn er an der falschen Bil- dnng dieses Menschen schuld wäre? Hätte er nicht strenger darauf sehen müssen, daß Max in regel- mäßigen Zwischenräumen nach Hause kam? Da war viel versäumt worden an diesem jungen Baume! Schief mußte er wachsen, wenn nicht die harte, ge- rechte Hand des Gärtners ihn noch rechtzeitig noch oben richtete. Wenn er jetzt schuld wäre, daß diese Seele, die Seele seines Bruders, verloren ging? Er wollte weiter beobachten, weiter sehen, ob dies Leben seines Bruders der Unkenntniß, dem Leichtsinn oder dem bösen Wollen entsprang? Ob er wohl standhaft den Versuchungen der Welt trotzte? Der Teufel der Versuchung weiß überall hervor- zuspringen und seine Krallen nach den Wesen aus- znstrecken, die er dem Reiche Gottes abspenstig niachen will... O, er wußte ein knirschendes Lied davon zu singen. Hatte er's nicht selbst erfahren, wie er die niedergepeitschten Gefühle der Sinnenlnst aus dem nackten Arme einer Heiligen wieder erwecken konnte? Er wußte davon zn sprechen! Das war ein Kämpfen, aber auch ein Siegen gewesen!... Sein Bruder hielt nicht die Fasttage, er hatte kein Verständniß für seine Worte, er hatte das Kruzifix, dein der beste Platz des Zinnners gebührte, in einen Winkel gestellt. Und jenes Mädchen?! Da war viel, viel zum Besseren zn lenken.— Schon früh am anderen Morgen suchte Ludwig seinen Bruder auf. Da Max schon nach der Aka- demie gegangen war, schloß ihm dessen Hausfrau sein Zimmer auf und ließ ihn dann allein. Das war ihm lieb, da konnte er einmal in aller Ruhe seines Bruders Bilder betrachten. Von religiösem Sinne zeugte in dem ganzen Räume weder ein Bild noch ein Gegenstand. Und was drückten die Bilder ans?... Nichts! Hier eine stimmungsvolle Abendlandschaft, da ein an- mnthiges Genre, auch einmal ein Akt, znni Studium ja wohl erlaubt, aber wo in aller Welt sprach hier- aus jenes zum Himmel Erhebende, jenes Nieder- gebeugtsein der Seele vor der gewaltigen, Gott- dnrchdrnngenheit des Künstlers, jenes Niedergebeugt- sein, das dann wieder zum Himmel emporstreben ließ, das die Kunst vor Allem haben mußte, wie er es gelesen hatte?... Das Alles hier war Tand, leichte, erbärmliche Unterhaltungswaare. Jetzt sah er auch die jüngstgemalte Skizze, Marie darstellend, deren Zügen er schon mehrmals begegnet war auf seinem Rundgange, und in einem heißem Gefühle drehte er das Bild rasch wieder der Wand zu, an der es gelehnt hatte. Das war ja jenes Mädchen, mit dem er Max so seltsam hatte verkehren sehen! Und in welcher Kleidung, mit welchem Blick stand Max davor? � Was konnte er von ihr verlangen? Nur Sündiges, denn bei seiner Jugend und seiner zweifelhaften Zukunft, wo es noch lange an- stehen mußte, bis er sichere Einnahmen hatte, konnte er an keine Heirath denken. Er holte das Bild tvieder hervor und versenkte sich mit grausender Gier in seinen Anblick, bis er, es weglegend, das Gesicht mit beiden Händen bedeckte. Das Bild erweckte die bösen und schlimmen Gelüste des Fleisches, und er bezähmte die heftig auf ihn einstürmenden Gefühle durch das Beten eines Rosenkranzes. Dann stand er in heiliger Zu- verficht auf. Die Hand legte er auf's Kruzifix und that das Gelübde: Herr, so wahr Du mich gewürdigt hast, ein Priester vor Dir zu werden, ich schwöre Dir hiermit, Alles zu thun, was in meinen Kräften steht, über das Seelenheil meines Bruders zn wachen. Du allein weißt, ob ich gefehlt habe, daß ich, mir an Dich denkend, ihn eine zeitlang»»beaufsichtigt ließ. Du allein weißt aber auch, wie ich mich sehnte, als Priester in meiner Heimath zu walten, und Du allein verstehst die Buße, die ich mir für den viel- leicht begangenen Fehler auferlege, indem ich hi� bleibe. Ich will nur dafür leben, das Seelenheil meines Bruders zu erretten und hoffe, ein Dir ge- fälliges Werk zu thun.— V. Max stand in seinem Atelier auf der Akademie, aber anstatt zu malen, träumte er, wie am Abend vorher, vor sich hin. Bald sah er die Gestalt Mariens in neckischer Art sich ihm zuwenden, bald von der Glnth siefer Scham übergössen, bald mit der eifrigen Anfmerk- samkeit, mit der sie die vollen Schüsseln trug, und ein weiches, siefes Gefühl bestrickte ihn, wie an einem dämmernden Sommerabend, wo man schaut und schaut, so schön ist es, und doch allniälig nichts niehr sieht denn verschwomniene Gestalten. Da überkam ihn wieder die bange Frage:„Was sie nur hat?"— die ihn ihre ausbrechende Zart- lichkeit gestern hatte vergessen lassen, und in diesem quälenden Zweifel verließ er am frühen Vormittage noch die Arbeit und eilte zu ihr. Er fand sie beim Messerpntzen. „Schon so früh," sagte sie, und sah nach der Uhr, da es kaum nenn Uhr war. „Ja," sagte er nur und setzte sich.„Ich habe Hunger." „Was darf ich bringen?" fragte sie und erhob sich- „Nichts... ich..." Sie setzte sich wieder und sah ihn aufmerksam an.„Was fehlt Ihnen, Herr Breitenbach?" „Fräulein Marie!... Es ist nett, das Messer- putzen?" „Weni's gefällt," antwortete sie,„so an die dreißig Bestecke jeden Tag ist kein Vergnügen." „Ach," machte er, und sah sie mitleidig an,„st viel Arbeit!" „Was gucken Sie so?" frug sie nach einer Weile und erröthete. „Fräulein Marie," fuhr er auf,„warum sind Sie so gegen mich?" „Ich...?" „Ja, gestern schon und jetzt wieder." Sie lachte. „Nicht, daß ich wüßte." „Habe ich Ihnen etwas zu Leide gethan?" „Das Bild!" sagte sie. „Das Bild? Welches?" „Ja," erwiderte sie heftig,„thun's nur nickst so! Weil ich dumme Gans auch das schöne Kleid anzieh', ohne daran zu denken, wie unanständig das ist, müssen Sie mich gleich darin malen. Und jetzt hat's der giftige Augsbnrger meiner Tante gesagt, nnd's Donnerwetter ist fertig. Schämen Hab' ich mich müssen, und kein Wort sagen können, weil sich so was nicht gehört. Und was werden die Lew' dazu sagen? Und von Ihnen ist's schlecht, daß Sie nicht auf mich gehört und mich so gemalt haben!" „Aber es ist doch schön!" sagte er. „So," erwiderte sie,„schön? Sie sind wohl leicht so ein leichtsinniger Loder, wie Ihr Bmder sagt. Schön nennen S' so was? Unanständig ist'S!.. ÜMe Neue Welt. Illustrirte llnterhalwngsbeilage. 387 Und daß Sie mich überhaupt so haben malen können, wie ein unanständig's Frauenzimmer, das hat mich gekränkt!" Als er aber bei ihren Worten ganz verlegen wurde und kein Wort erwidern konnte, kam ihr wieder das Mitleid über seinen Hülflosen Zustand.„Sehn's, Herr Breitenbach," sagte sie eifrig,„so was schickt sich doch nicht und darf nicht sein. Was denken denn d' Leut' davon?!" Und als er immer noch vor sich hin sah und traurig wurde, ergriff sie seine Hand.„Aber was hab'n S' denn? So sind's doch uet so komisch! Herr Breitenbach, da kann man nichts machen, das schickt sich halt nicht." Und dann plötzlich legte sie ihren Arm um seinen Hals und suchte seine Augen.„Herr Breitcnbach, sind's gut! Sehn S', ich mein's ja nicht bös, blos Ihr Best's. Ganz g'wiß!" Da lächelte er unter den Thränen, die ihm ge- kommen waren.„Du," sagte er, und wie sie ihm lächelnd zunickte, da schlang er jählings seine Arme um ihren Nacken:„Tu... Ich Hab' Dich so gern!" „Komischer Kerl," sagte sie,„komischer Kerl," und löste sanft seinen Arm von ihrem Hals.„Jetzt brav sein!... Und jetzt," sagte sie, als sie Beide eine ganze Weile stumm gesessen waren, Jedes die Hand des Anderen in der seinen haltend,„jetzt geh'n S' schön heim! Es wär' nicht gut, wenn man uns jetzt so beieinander sitzen säh!" Max ging langsam fort. So recht glücklich war er nicht, wenn er dachte, daß sie ihn seines Bildes wegen, das er mit so viel Freude begonnen, ver- urtheilt hatte; und er wußte nicht recht, was Schlechtes daran sein sollte. Als er auf sein Zimmer kam, fand er seinen Bruder in der Mitte der Stube am Tische sitzen und in einem Gebetbuche lesen. Als er ihn kommen sah, klappte er das Buch zu und steckte es sorgsam in seinen faltigen Rock und trat ihm mit einer ge- wissen Feierlichkeit entgegen. Was bedeutete das? „Guten Morgen, Max," sagte Ludwig,„ich habe Dich erwartet!" Max reichte seinem Bruder befangen die Hand, die der fest hielt und ihn daran zum Tische führte, wo er sich mit ihm hinsetzte. Nachdem er ihm hierauf eine Weile in's Gesicht geblickt hatte, begann er wieder zu sprechen. „Ich habe mit Dir zu reden, Max, und zivar Dinge von ernster Wichtigkeit." Der Angeredete schrak in sich selbst zurück, und die Bangigkeit vor Etwas, das auf ihn hereinbrechen sollte und gegen das sich zu wehren er mit keinen Mitteln ausgerüstet war, erfüllte ihn und legte einen dumpfen Druck auf seinen Kopf. Er hatte das Ge- fühl, als müsse ihm alle Augenblick der Angstschweiß aus den Poren brechen. Ludwig beobachtete sein Wesen scharf und nickte dann:„Ich sehe an Deinem Aeußeren," begann er, „daß, ans welchem Wege Du auch schon bist, Du Dir seines schlimmen Zieles nicht bewußt bist, daß, was Du auch schon gethan haben magst, Deine lin- kenntniß Dich entschuldigen kann. Doch llnleiintiiiß schützt nicht vor Strafe, die mit furchtbarer Gewalt jedem Gott ungefälligen Thun folgen muß." „Ich?" frng Max und sah auf. „Ja," fuhr Ludwig fort,„Du hast den rechten Weg verloren! Traumvoll wandelnd, wie ein un- schuldiges Thier— so will ich hoffen— irrtest Du vom rechten Wege ab ans Jrrpfade, die Dich in den Nachen des Löwen der sündigen Welt geführt hätten, aus dem es kein Entrinnen mehr giebt, und vor dem zu bewahren mich eine gütige Schickung, vielleicht Gott selbst, hierher geführt hat. Und er soll sich nicht täuschen in niir, er, der es mitunter in unsere Hand legt, das Böse oder das Gute zu thnn. Ich werde hier bleiben bei Dir und Dir beistehen wie schon früher." „Du willst bleiben?" Ja!" .".Höre denn, mein Bruder," sagte Ludwig, stand auf und ging langsam nach der Wand und holte die Skizze herbei, die er vorhin mit abgewandtem Ge- acht dorthin gestellt hatte.„Fern sei es mir, der Kunst, der wahren Kunst, ihre Berechtigung abzu- leugnen, hohe Aufgaben sind ihr gestellt, und sie gehört zu den höchsten Gütern, die die Menschheit besitzt. Du siehst, ich bin gerecht, ja, daß ich es Dir sagen muß, als ich in guten Büchern mich über Kunst belehrt und selbst darüber nachgedacht hatte, da war ich stolz darauf, däß mein Bruder ein Jünger dieser Kunst werden sollte. Ans all' diesem wirst Du erkennen, wie heilig es mir war, der Kunst gerecht zu werden." Max erwiderte gepreßt, ja, und schielte ängstlich unter den Augenbrauen hervor nach seinem Bruder. „Nun kommen wir aber zu etwas Anderem. Der Kunst, der wahren Kunst, geben wir ihr Recht, welchen Zweck hat diese Kunst nun?" Sein Bruder sah gequält zu ihm auf, und der Schweiß trat ihm ans die Stirne. „Und hier, mein Bruder, muß ich mit blutendem Herzen mir eingestehen, Du weißt das nicht!" Max fuhr halb ans und machte den Versuch einer abwehrenden Bewegung. „Nein, Du weißt das nicht! Wie könntest Du sonst wagen, so zu malen, wie Du es thust?" Dem jungen Menschen pochten in einer immer steigenden Qual die Schläfen. „Erst meinte ich Dich vernrtheilen zu müssen, dann jedoch sagte ich mir, er ist schwacher Natur, die ihn nicht vorwärts treibt zur Erkenntniß, und er ist jung... Was meinst Du, sollte Gott etwas in die Welt gesetzt haben, ohne Zweck? Mit Nichten! Alles im Leben hat da Zweck, und uns ist die Auf- gäbe zugefallen, diesen Zweck zu entdecken. Und könnte etwas einen höheren Zweck haben als den, das Reich Gottes auf Erden zu befestigen? Dieser hohe Zweck muß den Höchsten wie Niedrigsten durchdrungen haben, ihm muß sich Alles fügen, seinetwegen müssen wir unsere Sinne unterdrücken, ans daß wir das ewige Leben, welches ist nach dem Tode, bestehen können." Er hatte die letzten Worte mit einem harten Zwang in der Stimme gesprochen, der seinen Bruder in eine Art Erregung versetzte, deren Ursache er nicht kannte. Brennenden Auges blickte Mar zu Ludwig auf. „Sieh, mein Bruder, mit solchen Gedanken kam ich zu Dir. Ich glaubte Dich vorbereitet für sie, aber was mußte ich finden? Max, ans welchen Wegen mußte ich Dich antreffen?... Sieh her!" Er legte das Bild vor seinen Bruder hin. „Weißt Du, was Tu mit solchem Machwerk predigst? Weißt Du, wie dieses Bild auf das kindliche Gemiith wirken muß?... Die geile Brunst, von der der Herr spricht, daß sie die Babylonier briinstig wie die Esel machte, spricht daraus und wird gepredigt von der zu so Hohem bestimmten Kunst, die das Reich Gottes verkünden soll. Bon der Kunst, die die höchsten Gefühle des Menschen zur Ehre und zum Ruhme Gottes entflammen soll, diese höchste Gluth hast Du mißbraucht, mit gemeiner, sinnlicher Lust herabgedriickt zur Dirne!... Das hast Du gethan. Tu, mein Bruder!" „Hör' aus," stöhnte Max,„hör' ans, Ludwig!" „Kann ich aufhören, wo ich reden muß und wünschen, meine Stimme hätte hnnderttansend Zungen und jede zerfleischte Dein Herz und geißelte es, daß es dienstbar würde dem Herrn in Buße?! Max, wie hast Du die Kirche, der Du entsprossen bist, vergessen, wie hast Du den Schooß Deiner Mutter ge- schändet, dadurch, daß Du Alles vernachlässigst, wes- wegen sie für Dich sorgte und Dich gebar!... Siehst Du, wie Du ihre Gaben selbst mißachtet hast?" Er holte das Kruzifix herbei und stellte es dicht neben das Bild.(Forlsevung sorgt.r Hie Fechmk öes Kpinnens. Von Gustav Strahl. (Schluß.)__ ommen wir zum Spinnrade resp. zu den Mög- lichkeiten zurück, die in dem Drehnngsver- V?' hältniß zwischen Flügel und Spule gegeben sind, so haben wir als dritten Fall eine gleichzeitige Drehung beider Theile, und zwar in derselben Rich- tung. Ist die Geschwindigkeit des Flügels gleich der der Spule, so verändert sich die Stellung des Faden- einlaufes am Flügel der Spule gegenüber nicht, es wird von der Spule also kein Zug auf den Faden ausgeübt, der Faden wird nicht aufgeivickelt, die durch die Umdrehung des Flügels hervorgebrachten Drehungen des Fadens bleiben auf dasselbe Stück beschränkt. Hieraus ergiebt sich die Nothwendigkeit eines Unterschiedes in der Zahl der Umdrehungen der beiden wirkenden Theile; und zivar kann die Zahl der Flügelumdrehungen größer sein als die der Spule. In Bezug auf die Aufwickelung wird dann der Erfolg ebenso sein, als ob die Spule still stände und der Flügel nur den Ueberschuß seiner Umdrehungen machte; dagegen wirkt der Flügel mit der Gejammtzahl seiner Umläufe zusammendrehend auf das freie Ende des Fadens. Es vollbringe z. B. in gewisser Zeit die Spindel 1000 Umläufe, die Spule aber nur 930; dann wird, den Unikreis der Spule 0,1 Meter gesetzt, in der gegebenen Zeit eine Länge von 20X0,1— 2 Meter Faden aufgewickelt, und diese erhält, wenn sie wieder abgewickelt wird, 1000 Drehungen, wonach 500 Drehungen ans 1 Meter Länge oder 5 Drehungen auf l Centimeter kommen. Je mehr die Geschwindigkeit der Spule jener des Flügels sich nähert, desto stärker wird die Drehung des Fadens, bis endlich, bei gleicher Geschwindigkeit beider Theile, gar keine Aufwicklnng mehr statt- finden würde. Derselbe Effekt ergiebt sich, wenn die Geschtvindigkeit der Spule größer ist als die des Flügels, diesem also um ein gewisses Stück voreilt. Das aufgewickelte Fadenstück ist hier gleich dem lieber- schuß der Spulenningänge multiplizirt mit dem Um- fang der Spule. Um eine stets gleich bleibende Drehung des Fadens zu erhalten, d. h. dieselbe Anzahl Drehungen ans dasselbe Fadenstück, muß bei Zunahme der Spule, bei Vergrößerung des Umfanges derselben, ihre Ge- schwindigkeit im Verhältniß zum Flügel verändert werden. Wird die Aufwickelung des Fadens durch Zurückbleiben der Spule erreicht, so muß bei Zu- nähme des Spulenumfanges ihre Geschwindigkeit vergrößert werden. Bleibt in einem gewissen Zeit- räum die Spule um 20 Drehungen gegen den Flügel zurück, so komme» nach den: vorigen Beispiel 1000 Drehungen auf 2 Meter Garn. Ist der Umfang der Spule ans das Doppelte gewachsen und die Geschwindigkeit der Umdrehung wäre die- selbe geblieben, so würden bei 20 Umdrehungen jetzt 4 Meter Garn aufgewickelt, ans welche sich die 1000 Drehungen vertheilen müßten. Da solche Schwankungen indeß nicht vorkommen dürfen, das Garn vielmehr von Anfang bis zu Ende die möglichst genau gleiche Windungszahl haben soll, so muß die Geschtvindigkeit der Spule in nnserenl Falle derart geregelt werden, daß sie nur noch 10 Unidrehnngen zurückbleibt. Da die Znnahme der Spule nicht sprungweise erfolgt, vielmehr durch allinälige Auf- lagerung äußerst dünner Schichten, so muß auch die Veränderung der Spnlengeschwindigkeit dem angepaßt werden. Hat die Spule eine größere Ge- schwindigkeit als der Flügel, so muß diese bei Zu- nähme des Spnlennnifanges abnehmen. Es findet also in beiden Fällen bei Vergrößerung des Spulen- umfanges eine Annäherung der Umdrehungszahl der Spule nach der des Flügels hin statt. Ehe die einzelnen Materialien so weit kommen, daß an eine Bearbeitung mittelst der Spinnmaschine gedacht werden kann, müssen sie erst noch viele und verwickelte Prozesse durchlaufen. Die rohe, gesammelte Baumwolle muß zunächst von den in den Samen- kapseln ihr bcigelagerten Samen getrennt werden, was man technisch„Egrcniren" nennt. In Nord- amerika ist hierzu für kurzhaarige Baumwolle eine 'Maschine gebräuchlich, deren wirksame Haupttheile KreissLgeiiblättcrsind(Sägenegrenirniaschine). Solcher Sägen, welche 250—300 Millimeter im Durchmesser haben und sich zirka 100 mal in einer Minute um- drehen, sind mit Zwischenräumen von zirka 18 Milli- meter für Handbetrieb 18—20, für Elenientarbetrieb 50—80 auf einer wagerechten Achse angebracht. Diese Sägen greifen mit einem Theil ihres Um- kreises zwischen den Stäben eines engen Gitters oder Rostes hmdiirch, fassen mittelst ihrer spitzen Zähne die dort hingelegte Baumwolle und ziehen 388 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. sie heraus, ohne den Samen mitnehmen zu können, da für diese die Oeffnnngen des Gitters zu schmal sind. Andere Egrenirmaschinen bestehen aus einem Walzwerk, bei denen der Raum zwischen den ein- zelnen Walzen so klein ist, daß die Samen nicht mit hindurch können und selbstthätig herabfallen oder durch geeignete mechanische Mittel herabgeschlagen werden. Eine weitere, ebenfalls nicht eigentlich zum Spinn- Prozeß gehörige Manipulation ist das Formen, das Pressen in Ballen, da anderenfalls ein internationaler Verbrauch ausgeschlossen wäre. In diesem Zustande fängt erst die Spinnerei an, sich mit dem Material zu beschäftigen, indem sie zunächst die durch das Pressen klumpig gewordene Baumwolle wieder auflöst und die noch in derselben zurückgebliebenen Unreinig- leiten und ganz kurzen Härchen entfernt. Ihm folgt das Kratzen oder Krempeln, welches eine weitere Auflösung des Rohmaterials in seine einzelnen Fasern und eine geordnete, gleichmäßige Parallellagerung derselben in Forni eines Vließes oder Bandes be- wirkt. Die für die Auflösung zuletzt in Betracht kommende Maschine ist der Wolf, ein innen mit groben Eisenzähnen besetzter Holzkasten, in welchem sich eine mit ebensolchen Zähnen besetzte Trommel (Tambour) schnell dreht. Die durch Quetschwalzen von einem Zuführtuch genommene Rohbaumwolle wird von den Zähnen der rotirenden Trommel erfaßt und durch das nahe Vorbeigehen an den inneren Zähnen zerzaust; feste Beimengungen fallen unten durch ein Sieb heraus, während Staub und kurze Härchen noch durch besondere Vorrichtungen mittelst Ventilators abgesaugt werden. Eine weitere Vorrciiiignngsmaschine ist der Batteur oder die Schlagmaschine, so genannt weil statt der beschriebenen, mit Zähnen besetzten Trommel, hier ein ans einer wagerechten Achse befestigter Flügel oder Doppelfliigcl mit außerordentlicher Schnelligkeit umlänft und durch den kurzen Schlag in Verbindung mit dem sehr stark erregten Luststrom die Fasern auflockert. Eine zweite, ebenso konstrnirte, jedoch noch bedeutend schneller laufende Schlagmaschine (die erstere macht zirka 1000 Umläufe in der Minute, also bei Doppelstiigel 2000 Schläge, die letztere zirka 1800 Umläufe oder 3600 Schläge) formt das Material schließlich durch Anfpressen ans eine Siebtrommel zu einer zusammenhängenden Watte- tafel. Die bis dahin noch vorkommende Büschel- form der Bannnvoll safer wird hierauf durch die Behandlung ans den Kratzen oder Krempeln gänzlich bescugt; es wäre ohnedem das spätere Parallel- lagern und Ausziehen eines Faserbandes nicht möglich. Die wesentlichsten Bestandtheile der Kratzmaschine sind mit feinen, stumpfivinklig gebogenen, sehr elastischen Trahthäkchen besetzte Zylinder, die gegeneinander wirken; festgehalten werden die Häkchen in einem Lederriemen oder ihm gleichwerthige», aus Gewebe und Kautschukauflage bestehenden Grundstoff. Da- durch, daß sich zwei solcher Zylinder in Entfernung eines Papierblattes mit den scharfgeschliffenen Zähnen gegeneinander bewegen, lvird die zwischen sie gebrachte Baumwolle äußerst fein zerthcilt und lagert sich zwischen den Zähnen als äußerst feines Vließ ab, welches durch Gegenstellen einer scharfeir Leiste, des Hackers, abgenommen und dem Anfroller oder der Vließtrommel zur weiteren Verdichtung übergeben wird; im Verlaufe dieses Prozesses entstehen dann die für die verschiedensten Zwecke vcrlveiidcten be- kannten Tafeln Watte. Soll der Spinnprozcß fortgesetzt werden, so müssen diese Tafeln einem abermaligen Krempelprozeß auf Maschinen mit bedeutend feinerem Zahnbeschlag unter- warfen werden, ans welchem dann das Material in gänzlich gereinigtem Zustande hervorgeht, jetzt aber nicht wieder in Form eines Vließes, einer dünnen Wattetafel, sondern das jetzt entstehende dünne Vließ wird trichterförmig zu einem schmalen Bande znsammengezogen. Hierin besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen Baninwoll- und Wollspinnerei, bei welcher ein starkes Vließ durch geeignete Mittel in Bänder zerschnitten wird. Wesentlich anders stellen sich die Vorbereitungs- Prozesse für die übrigen Spnnnnaterialien: Flachs, Hanf und Jute. Bei der Seide kann von einem Spinnen im eigentlichen Sinne nicht die Rede sein, bei ihr handelt es sich nur um Abwicklung und Zusammenlegung der im Cocon schon von der Seiden- raupe erzeugten sehr langen Fäden; erst die Ver- werthnng der Abfälle und in der Natur vorkommenden kurzen Fasern hat Verwandtschaft mit dem Spinnen der übrigen Fasermaterialien. Die Schafwolle muß zuerst, um von Schweiß und anhängenden Schmutz- thcilen gereinigt zu werden, einer Wäsche unterworfen werden. Je nach Gewohnheit oder äußeren Um- ständen wird diese schon am lebenden Schafe aus- geführt, und man spricht dann von Rückenwäsche iin Gegensatz zu den Wollen, welche erst nach dem Scheeren fabrikmäßig gewaschen wurden. Der Wäsche folgt das Sortiren, da die einzelnen Körpertheile eine sehr verschiedene Qualität von Haaren tragen, sowohl in Bezug auf Feinheit als auf Länge. Zur Entfernung pflanzlicher Beimischungen(Kletten) wird die Wolle mechanisch auf dem Klettenwolf, oder chemisch mit verdiinnter oder gasförmiger Säure be- handelt(Carbonisation), wodurch die vegetabilischen Fasern verkohlt und später durch Klopfen entfernt werden. Nachdem die Wolle auf einer dem Baum- wollwolf ähnlichen Maschine aufgelockert ist, wird dieselbe, um für die nachfolgenden Prozesse geschmei- diger zu sein, mit leicht verseifbaren Oelen eingefettet. Das Vorspinnen ist hier verhältnißmäßig einfacher, muß aber sorgfältiger ausgeführt werden, da das später zu beschreibende Theilen des Flors in Bänder ein absolut gleichmäßiges Vließ voraussetzt. Flachs und Hanf sind Bastfasern, welche die Pflanzenstengel ähnlich der Weidenrinde umgeben; hier richtet sich die erste Arbeit auf das Loslösen derselben. Durch einen Fäulniß- oder Gährungs- Prozeß, der durch Einlegen der ganzen Pflanzen in Wasser hervorgerufen wird, ist dies ziemlich voll- kommen zu erreichen, ebenso dadurch, daß man die Stengel längere Zeit der Einwirkung von Luft und atmosphärischen Niederschlägen aussetzt(Wasserrotte, Thaurotte). Letzteres Verfahren ist das mildere und liefert die besten Fasern, hat jedoch den Uebclstand, daß es zu lange dauert und auch nicht überall an- gewandt werden kann. Bei dem der Rotte folgenden Brechprozeß werden die holzigen Theile des Stengels zerkleinert und lassen sich dann leicht von den cigent- lichen Bastfasern abstreifen. Die Stelle des Wolfes übernimmt hier der Hechelkamm oder die Hechel, ein mit vielen, in versetzten Reihen angeordneten scharfen Stahlnadcln besetzter Kamm; durch die Bearbeitung mit diesem werden erst die noch bandartig erscheinen- den Flachsfasern zertheilt und in einen spinnfähigen Zustand gebracht. Um das vorhin erwähnte, bei der Baumwoll- spinnerci als erstes Produkt entstehende Faserband, auch Lunte genannt, widerstandsfähiger gegen Zug zu machen, wird dasselbe zunächst etwas gedreht, um einen festeren Zusammenhang der Einzelfasern zu erzielen. Der hier eingeschlagene Weg ist ver- schieden; man läßt das Band in eine sich drehende Kanne legen und erzielt eine dem Verhältniß zwischen Umdrehungszahl der Kanne und der einlaufenden Fadenlänge entsprechende Drehung, es wirkt hier die Kanne durch die Umdrehnnge» um ihre eigene Achse genau so, wie es früher bei der Spindel erörtert wurde; diesem Prozeß kommt man noch näher, in- dem man das ablaufende Band unter Znhlllfenahme des Spinnfliigels auf eine Spule wickelt. Im Gegensatz zu diesen Vorrichtungen, welche dem Bande eine bleibende Drehung geben, hat man auch solche, welche eine Scheindrehung, oder wie man sagt, einen falschen Draht hervorbringe», der sich während des. Arbeitsvorganges auch schon wieder auflöst, jedoch die stärkere Annäherung der Fasern als Rückstand hinterläßt. Dies erreicht man durch Bewegung äußerer, den Faden umschließender oder zweiseitig berührender Gegenstände, d. h. mit anderen Worten, das lose Band wird durch eine sich schnell drehende Röhre geführt und durch den an der Außen- fläche auftretenden Reibungswiderstand die Fasern theilweis mitgenommen; im anderen Falle werden zwei endlose Riemen in entgegengesetzter Richtung dicht aneinander vorbeibewegt; das zwischen diese geführte Faserband erhält dadurch eine Drehung, als wenn man dasselbe zwischen beide Handflächen legt und diese in entgegengesetzter Richtung bewegt, würgest. Nach dieser Bewegung heißt auch die Vorrichtung eine Wiirgelniaschine. Der so e.haltene, ziemlich starke Vorgespinnst- faden wird nun auf den Feinspinnmaschinen so lange ausgezogen, in der Länge gedehnt, gestreckt, bis man die fiir die gewünschte Garnnummer entsprechende Stärke erreicht hat. Das läßt sich verhältnißmäßig ziemlich leicht erreichen; es liegen in dem ursprüng- lichen Faserband die einzelnen Fasern ganz unabhängig von einander lose nebeneinander. Wird auf dieses Band ein Zug ausgeübt, so können die Fasern ihre gegenseitige Stellung verändern, aneinander vorbei- gleiten und so dem Zuge folgen, ohne daß das Bestehen eines zusammenhängenden Bandes aufhört. Setzt man statt der Baumwollfasern ein anderes, aus vielen Einzeltheilchen zusammengesetztes Material, vielleicht Sand, so kann man diesen Slreckprozeß sehr anschaulich nachahmen; aus dem großen Haufen kann man sehr schnell ein langgezogenes Band, einen Streifen herstellen. Je länger man den letzteren herstellt, desto weniger Körnchen kommen in der Breite zu liegen. Gelingt dieses Experiment mit dem verhältnißmäßig sehr groben-Material, ivie viel leichter ninß sich dasselbe erst mit den sehr feinen und dabei sehr langen Baumwollfasern ausführen lassen. Ist der Vorgang des Streckens als solcher damit erklärt, so werden uns nun noch die Mittel beschäftigen müssen, mit denen derselbe erreicht wird. Hier haben wir ebenfalls zwei Wege auseinander- zuhalten. Es ist eine Reihe von Doppelwalzen an- geordnet, zwischen denen das Material hindnrchgcfiihrt wird; diese stehen jedesmal in einem gewissen Ab- stand voneinander. Das erste Walzenpaar zieht das ihm dargebotene Faserband unverändert zwischen sich hindurch; das zweite Paar, welches das Faserband jetzt passtrt, läuft etwas schneller, als das erste, würde also, wenn das Band eine kompakte Masse wäre, dasselbe sofort abreißen. Nun besteht aber das Band ans unzähligen Einzelfaser», welche neben einander vorbeigleiten lönne», das Band wird also nicht abreißen, sondern sich nur so viel dehnen, als die schnellere Bewegung des zweiten Walzenpaares bedingt. Derselbe Vorgang kann sich nun 5 bis 6 Mal hintereinander gleichmäßig abspielen, das Endprodukt ist dann ein sehr dünnes Band, ivelches nur noch der scharfen Drehung bedarf, um einen gebranchs- fähigen Faden zn ergeben. lieber die Entfernung der Streckwalzenpaare voneinander entscheidet die Länge des verarbeitete» Fasermaterials. Schon ans der vorigen Betrachtung, daß ein kompaktes Band zwischen dem ersten nnd zweiten Streckwalzenpaar abreißen würde, ergiebt sich als Regel eine solche Entfernung der einzelnen Walzenpaare voneinander, daß die längste Einzelfaser nichtvon zweiWalzenpaaren zuglei ch erfaßt werden kann. Neben dieser kontinuirlich wirkenden Strecke kommt auch bei einzelnen Spinnsystemen eine absatz- oder schrittweise arbeitende vor; bei di.'sem wird das Vor- gespinnst entweder zwischen zwei feststehenden Backen, einer Presse, festgehalten und an einem etwas ent- fernten Punkte von einem beweglichen Theil nach sich gezogen, oder es wird das Vorgarn zwischen zwei drehbaren Walzen hindnrchgcfiihrt, welche dem beweglichen Organ durch Umdrehung eine Zeit lang Garn freigeben, dann aber plötzlich stillstehen und wie die Presse dasselbe festhalten. Die Verfeinerung des Fadens mittelst Streckwalzen, wie zuerst be- schrieben, hat vor der letzten Methode jedenfalls bedeutende Vortheile voraus, indem die Streckung eine allmälige, auf kleine Theile nacheinander folgend vertheilt wird, während im letzteren Falle das ganze freigegebene Stück gedehnt wird, eine Garantie für gleichmäßiges Strecken nicht in dem Maaße über- nommen werden kann. Das Drehen des feingcstreckten Faserbandes ge- schieht auf verschiedene Weise; die Hausspinnerei hat hier die Vorbilder geliefert und die gebauten Maschinen schließen sich den dort maßgebenden Grund- sätzen an. Der Faden wird entweder direkt auf die Spindel gewickelt, indem man die zwei geson- derten Verrichtungen, das Drahtgeben und Aufwickeln, auch inaschinell ausführt, oder man bedient sich eines In der Mansarde. Nach dem Gemälde von David LNoss. ,590 Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhalwngsbeilage. Flügels und einer lose auf der Spindel steckenden Spule wie bei deni Trittrade; man unterscheidet also auch in der Maschineuspinnerei periodisch und kontinuirlich spinnende Ataschinen. Zu den ersteren gehört die, jetzt veraltete, Mule-Spiunmaschine, auch Mule-Jenny genannt. Auf einem festen Gestell stehen die mit Vorgarn gefüllten Spulen; dasselbe geht von diesen durch ein Streckwerk von drei Paar Walzen zu den etivas geneigt stehenden Spindeln. Die letzteren stehen auf einem fahrbaren Gestell, dem Wagen, und lassen sich somit von den Streckwalzen entfernen, während diese sich drehen und Vorgarn freigeben. Während der Entfernung des Wagens, der Ausfahrt, befinden sich die Spindeln in schneller Drehung, welche sich über die Spitze hinweg dem Faden mittheilt. Bei Ankunft des Wagens an seinem äußersten Punkt, welcher zirka 1,60 Meter vom Ausgang entfernt liegt, werden die Streckwalzen stillgesetzt, während die Spindeln sich noch eine kurze Zeit drehen, dem Faden den Nachdraht geben. Bei der nun folgenden Einfahrt bleiben die Streckwalzen min ebenfalls in Ruhe, während die durch eine schmale Leiste oder einen Stab niedergedrückten Fäden auf die Spule aufgewickelt werden. Aus dieser Form hat sich die heute allgemein gebräuchliche selbstspinnende Mulemaschine, der Selbstspinner oder Selfaktor entwickelt, indem alle Theile automatisch angetrieben, die Uebergänge der einzelnen Bewegungen ineinander, sowie die Rückwärtsbewegungen von Wagen und Spindel durch geeignete Umstenerungsmechanismen bewirkt werden; das ganze Getriebe ist heute so vollkommen, daß lediglich zum Ankniipfen zerrissener Fäden, zum Aufstecken neuer Vorgarnspulen u. dgl. Arbeiterinnen beschäftigt werden, alles Uebrige macht die Maschine selbst, und dabei ist das gewonnene Garn tadellos, jedenfalls viel egaler, als es die Handspinnerei herstellen könnte, bei welcher man stets von der Geschicklichkeit des einzelnen Arbeiters abhängig ist. Der Selbstspinner hat mit einigen maschinellen Abänderungen auch in der Wollspinnerei sich einen Platz erobert. Die zweite Kategorie der Feinspinnmaschinen� die kontinuirlich arbeitenden, weichen von dem eben beschriebenen Selfaktor schon dadurch ab, daß alle Haupttheile dauernd ihre gegenseitige Stellung be- halten, eine Wagenein- oder ausfahrt nicht statt- findet. Auf dem Mittelgestell stehen zwei Reihen Vorgarnspnlen, von denen das Garn nach Passiren dreier Streckwagenpaare durch einen Drahtring, seiner eigenthümlichen Form wegen auch Sauschwänzchen genannt, über die Vorderkante der Maschine den Spindeln zugeführt wird. Diese stehen senkrecht auf beiden Seiten der Maschine in geeigneten Lagern (einem Fußlager und einem Halslager) und tragen auf ihrer freien Spitze eine Gabel oder einen 8-för- migen Flügel. Ein Stück über dem Halslager gehen alle auf einer Seite befindlichen Spindeln frei durch eine über die ganze Breite der Maschine reichende Querschiene, welche dazu bestimmt ist, den auf die Spindel lose aufgesteckten Spulen als Stützpunkt zu dienen; man nennt diese Schiene deshalb auch die Spulenbank. Die Wirkungsweise dieser Maschine, Watermaschine genannt, ist analog dem Trittrade. Sämmtliche Spindeln werden durch Schnur und Wirtel schnell angetrieben; dadurch wird die an der Spitze befindliche Gabel in schnelle Umdrehung ver- setzt, wird mithin den von oben kommenden und an ihr befestigten Faden schnell um sich selbst drehen, ihm einen Draht geben. Von der Gabel oder dem Flügel weitergehend, ist der Faden auf der losen Spule festgemacht und zieht diese dadurch hinter sich her; bliebe der Faden an den Streckwalzen fest- gehalten, so müßte die Spule infolge ihrer Ver- bindnng mit dem Flügel durch den Faden genau so viel Umdrehungen machen als dieser. Nun geben aber die Streckwalzen allmälig etwas Gari�ab und die Spule wird infolge des Reibungswiderstandes, welcher ihr bei ihrer Lagerung auf der Spulenbank entgegengesetzt wird, etwas gegen den Flügel zurück- bleiben, den Faden aufwickeln. Um eine gleichmäßige Aufwicklung des Fadens auf der Spule zu erzielen, wird durch geeignete Mittel die Spulenbank auf und nieder bewegt; die lose auf der Spindel steckenden Spulen können dieser Bewegung folgen, so daß die Einlauföffnung des Flügels allen Punkten der Spule in regelmäßiger Folge gegenübersteht, von dem ge- drehten Garn Ring an Ring sich auf die letztere legt. Eine Abart der Watermaschine ist die Ringspinn- Maschine; bei ihr ist das Bewegnngsverhältniß zwischen Spule und Flügel umgekehrt als bei ersterer; die Spule steckt fest auf der Spindel, wird mit dieser um sich selbst gedreht, während der die Stelle des Flügels vertretende Ring(Reiter, Fliege, Traveller) durch den Faden nachgeschleppt wird. In Aufwickel- höhe der Spule wird diese von einem Stahllager umgeben, welches zur Festhaltung des besagten Ringes auf der Kante ringsum gehende Ruthen hat. Dreht sich die Spindel mit der Spule, so würde, wenn Garn genug frei wäre und der Traveller feststände, eine Aufwickclung stattfinden. Die Streckwalzen halten aber ob.'n den Faden fest resp. geben nur ganz geringe Quantitäten ab, so daß ein Aufwickeln im gewöhnlichen Sinne nicht stattfinden kann; der Faden wird vielmehr durch die Drehung der Spule n»r um die Spitze herumgeschleudert, indem der Traveller demselben zu folgen im Stande ist. Bedenkt man, daß eine solche Ringspindel bis zu dreizehn Tausend Umdrehungen in der Minute zu machen im Stande ist, so kann man sich einen kleinen Begriff machen, bis zu welcher Vollkommenheit die Spinntechnik sich emporgearbeitet hat.— cSchluß.) /X�ieder waren die Beiden füll, dann sagte die Frau:„Wir haben von Ihrer Kunst noch garnicht gesprochen. Haben Sie nun mit dein Studium des Carlos begonnen?" Er schreckte zusammen bei dem Ton ihrer Stimme. Carlos,— was war ihm Carlos in dieser Stunde? Er hatte an seine Rolle nicht gedacht, er hatte über- Haupt an nichts gedacht, an nichts als die Frau, die an seiner Seite saß und ihren iveichen, warmen Körper an seine Schulter lehnte, unglücklich und nach Trost verlangend, wartend, daß der Erlöser käme. Wie aus einem Traume erwachend sah er sie an:„Carlos? Ich... ja, ich kann sie schon ganz und gar." „Wirklich? Das ist ja großartig, dann müssen wir aber zusammen Probiren, nachher noch, ja? Wollen es uns. noch einmal gemiithlich machen, wer weiß, wie bald wir es wieder können. Ich bin jetzt fast niemals allein Abends. Mein Mann geht garnicht mehr fort... war heut' der reine Zufall. Denken Sie, selbst aus der Loge ist er ausgeschieden." „Ach, warum das?" Er fragte es nicht aus Interesse, nur um überhaupt etwas zu sagen. Sie zuckte die Achseln:„Warum? Weiß ich's? Er will mir ja den Grund nicht sagen... Wird wohl zu thener sein, Alles ist ja zu thener jetzt, selbst die Zigarren— und natürlich bin ich daran schuld, ich verstehe ihn schon, auch wenn er nichts sagt... Ach, iver da heraus könnte!" In jäher Bewegung stand sie auf und trat von Neuem an die Brüstung; sie sah in die steigende Dämmerung hinaus:„Richtig ist es... jawohl, ganz richtig ist es." „Was?" Er fragte es, wie im Traum. „Das mit den Wandervögeln, niein' ich.... Ja sie finden nach Haus, alle finden nach Haus— in die rechte Heimath, an den rechten Ort, nur wir Menschen nicht!" „Und warum wir Menschen nicht?" Er trat neben sie:„Und warum wir Menschen nicht? Frau Kläre... liebe, liebe Kläre..." Und dann hielt er sie plötzlich in seinen Armen, und während er Frau Kläre. Novelle von Z>orc>tHee Koeboker. ihr Gesicht, ihre Hände, ihren Hals mit Küssen be- deckte, stammelten seine Lippen Liebesworte, wilde, wahnwitzige Liebesivorte. Toll und glühend, wie er sie in seinen Dicyter» gelesen. Fortgehen wollte er mit ihr, weit fort, in das Land der Schönheit, wohin sie gehörte, das Jdcalland, das Traumland, sie seine Königin, seine Muse, seine einzige Heiß- geliebte... Sie ließ ihn gewähren, halb hingebend, halb wie betäubt. Dann richtete sie sich auf und ver- suchte seine Arme von sich zu schütteln:„Lassen Sie mich los— was fällt Ihnen ein? Nein, lassen Sie mich los." Mit einem trunkenen Auflachen riß er sie wieder an sich:„Kläre... Geliebte... meine Kläre!" Und wieder das tolle, wahnwitzige Stammeln:„Die Liebe, die Du begehrtest, die Liebe... die Liebe ... schrankenlos... grenzenlos.... Der Erlöser... Dein Erlöser... mein... mit Leib und Seele mein... mit Leib und..." Er versuchte, sie neben sich auf die Ruhebank zu ziehen— sie schleuderte ihn von sich und stürzte hinein in das Zimmer; da blieb sie unter dem Kronleuchter stehen, hoch aufgerichtet:„Sie sind toll... Was wollen Sie?... Ich verstehe Sie nicht!..." Er eilte auf sie zu:„Kläre... meine... meine süße Kläre..." „Ich verbiete Ihnen, mich Kläre zu nennen! Sie beleidigen mich, jedes Ihrer Worte ist eine Beleidigung. Mein Gott, was fehlt Ihnen? Was haben Sie sich da zusammengeträumt?... Ich mit Ihnen davon laufen? Ich Ihre Geliebte? Die Geliebte eines Knaben? Die..." „Ha!"... Er taumelte zurück. Seine Augen öffneten sich, groß, unnatürlich weit— er hatte begriffen, daß es ihr Ernst war, und noch ein Anderes hatte er begriffen: Wie ein Blitz war es vor ihm aufgeflammt, daß er in dieser Stunde zum Sünder, zum Ehebrecher geworden war,— er allein der Schuldige, der Verbrecher— ohne ihre Verantwortung, nur aus eigenen Phantasien heraus... Mit einem dumpfen Schrei brach er auf dem Divan zusammen und schlug die Hände vor's Gesicht. Sie kam langsam näher, völlig fassungslos: „Nein, aber... wie Sie nun sind! Sie müssen mich in irgend etwas falsch verstanden haben! Sie können doch nicht im Ernst geglaubt haben, daß.-- nein, es ist garnicht auszudenken. Ich werde mich so lächerlich machen, so unmöglich in der Gesell- schaft! Ich bin doch eine anständige Frau!..• Nun, aber, bitte, weinen Sie doch nicht so!" Sie versuchte, ihm die Hände vom Gesicht zu ziehen: „Kommen Sie, es hat sich garnichts geändert..- nicht das Geringste. Ich zürne Ihnen nicht, Sic sind niein guter Junge, und ich bin Ihre Freundin wie zuvor, Ihre... Ihre Muse!" „Meine Muse?" Er richtete sich auf:„Meine Muse?... Jawohl, meine Muse!..." Mit einem gellen Lachen sprang er auf und eilte nach der Thür. Sie trat ihm in den Weg:„Sie wollen fort..-• Oder ja doch, gehen Sie... sammeln Sie sich!• Aber Sie werden wiederkommen, Fedor? Sie müssen wieder kommen! Was soll ich den Anderen sagen, wenn Sie nicht kommen? Meinem Mann, Ihrer Mutter, Sparmaun? Sie dürfen mich nicht koin- promittiren! Sie kommen? Nicht wahr, Sie kommen? Morgen Abend!... dann ist auch mein Mann hier- ,.. Und das Andere... das von heute— das vergessen wir? Geben Sie mir Ihre Hand!" Aber er stieß sie zurück, und ohne ihr zu ant- warten, stürzte er an ihr vorbei auf den Korridor, die Treppe hinab, in die Nacht hinaus... Spätherbsttag, wolkenschwer und grau. In langen Stößen fuhr der Wind über das Blachfeld. Eintönig, endlos peitschte er den Regen gegen die Fensterscheiben. Kläre Schubert lag auf der Chaiselongue und blätterte in Jbsen's„Hedda Gabler". Sie las das Stück zum sechsten Mal, es war ihr, als bestände eine Ver- wandtschaft zwischen der Heldin und ihr— auch bei ihr der Hunger nach Schönheit, nach dem Ab- Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 391 sonderlichen, auch bei ihr die triviale Umgebung, die ihr Seelenleben nicht verstand!.. Sie ließ das Buch sinken und sah vor sich hin; eigentlich war sie heute verdrießlich, ärgerlich auf die ganze Welt, in erster Linie auf Fedor Russell. Der dumme Junge, daß er die Sache so tragisch genommen, das bischen iiumpoussirerei! Nun lag er im Krankenhause schon bald zwei Wochen und Gott allein mochte wissen, wie diese Gehirnentzündung ablies, über deren un- bekannte Ursache sich alle Welt den Kopf zerbrach. Sie gähnte. Wie langweilig doch das Leben war! Ihr Wann lief umher mit verdrossenem Gesicht, und Sparmann ließ sich auch nicht mehr sehen, nicht einmal Sonntags. Ob er wenigstens heute kommen würde? Sie hatte ihn gebeten, ein Buch zurück- zubringen, das noch vom Sommer her in seinen Händen war. Sie richtete sich auf und horchte. Er konnte jetzt hier sein.... War er das da draußen? Das Mädchen sprach auf dem Korridor mit Jemand. Ja, jetzt, das war seine Stimme. Im Nu stand ie vor dem Spiegel, schob mit ein paar Handgriffen die etwas verstörte Frisur zurecht und ging ihm ent- gegen:„Na, es wurde'mal Zeit." Er schlug in ihre dargebotene Hand nicht ein, mit zeremonieller Verbeugung trat er an ihr vorbei in das Zimmer:„Ich bringe das Buch, gnädige Frau." „Danke, gnädiger Herr Doktor"... sie ahmte seinen küblen Ton nach.„Die Leichenbittermiene steht Ihnen famos! Haben Sie das große Loos ver- loren, oder kommen Sie von einem Katerfrühstück?" „Ich komnie aus Bethanien." „Ach!" Sie wurde um eine Nuance bleicher, ! faßte sich aber schnell,„schon wieder einnial, ich wußte Wmcht, daß Sie solch' Interesse an ihm nehmen. llebermorgen kommt übrigens seine Mutter. Wie wird ste ihn finden?" Er antwortete nicht gleich, er maß sie mit einem langen Blick, und ohne ein Ange von ihr zu ver- wenden, sagte er:„llebermorgen wird er begraben." „Sparmann!!" Sie stürzte ans ihn zu.„Spar- wann... nein! Unmöglich! So schnell... nein, Sie wollen mich nur schrecken. Ach, Sie..." „Gestern Nachmittag ist er gestorben." „Aber.. das ist furchtbar... furchtbar... ist..." Ihre Stimme brach, sie preßte das feine Spitzentuch an die Augen.„Nein, wie ist das ge- kommen? Eine Verschlimmerung? Sprechen Sie doch! Sehen Sie denn nicht, wie schrecklich mir das Alles ist?" „Ja, es muß für Sie schrecklich sein!" Er sagte es langsam und jedes seiner Worte schwer betonend. „O, zu schrecklich!"— sie schauderte zusammen, ohne den eigenthümlichen Klang seiner Stimme zu beachten,—„zu schrecklich... überhaupt der Tod, dieses Auslöschen... ganz fort sein— und nun der Tod; ich schlafe drei Wochen nicht... Sagen Sie nur, wie ist es gekommen?" „Sollten Sie das nicht am besten wissen?" „Ich?" Das Tuch sank in ihren Schooß.„Ich? was soll?... Ich?.- Er klopfte ein Stäubchen von seinen, Nockärmel und sagte, ohne sie anzusehen:„Nicht Jeder ist so ruhig wie— ich es war." „Wie Sie? Sie meinen?... Oh!..." Eine dunkle Blutwelle schoß in ihr Gesicht.„Das... oh, das ist schlecht von Ihnen, die Vergangenheit soll todt sein... Sie gaben Ihr Wort." „Und ich habe es gehalten... aber... aber ... wenn nun die Tobten wieder lebendig werden? Und sie sind lebendig geworden, Kläre. Alle sind sie wieder lebendig geworden. Mit ihren leeren Augen stehen sie um mich herum und glotzen mich an. Kläre..." Er trat ans sie zu und faßte ihren Arm, sein Athem ging schwer und keuchend: „Kläre, Sie hießen mich wiederkommen damals... ich Hab' es gethan!... Keiner hat geahnt, was zwischen uns war. Sie haben mich einen Narren genannt, ich habe weiter an Ihrem Tisch gesessen. Mit blutigem Hohn habe ich mein Ich vor mir selber in den Staub gerissen, weil es noch immer nicht frei kam aus Ihren Banden. Jetzt aber der Knabe... Knabe, ivie ich es war, und das alte I Spiel, das Spiel... das ich kannte... Kläre, ein Wort... nur ein einziges! Der stille Tobte... hat er. Kläre, hat er auch vor Ihnen gestanden, wie ... ich einmal vor Ihnen stand? Sagen Sie nein! ... Können Sie nein sagen, Kläre?" „Ich... ich... ich weiß nicht... Ich ver- stehe Sie nicht... Was wollen Sie denn? Ich... ich habe ihn doch nicht getödtet!" Sie versuchte sich frei zu machen. „Können Sie nein sagen?" Seine Stimme wurde laut, beinah' schreiend, wie glühende Kohlen bohrten sich seine Augen in die ihren. „Ich... ich... Lassen Sie mich los... Ich... Sie thnn mir weh! Sparmann!... Sind Sie wahnsinnig?" „Wahnsinnig?... Jawohl, wahnsinnig..." er schleuderte sie von sich wie ein ekles Gewürm, „wahnsinnig, wie damals, als ich an Ihre Liebe glaubte, wahnsinnig wie der Knabe da drin! Weib!" seine Hände ballten sich zu Fäusten,„Weib, Du hast uns gehetzt, bis wir toll wurden, bis wir nichts mehr sahen und fühlten als Dich allein— um uns dann als Narren von Dir zu stoßen... Weib, wenn Du wärst, wie Du Dich zeigst— man könnte Dir verzeihen. Aber es ist nichts echt an Dir als die Eitelkeit, man muß Dich verachten. Du..." Seine Stimme verlor sich in einem uiiartiknlirten Laut, er griff nach dem Tisch, als brauche er einen Halt. Erst allmälig gewann er seine Selbstbeherrschung wieder. Er trat zu ihr, und mit einer Ruhe, die unnatürlich war, sagte er:„Mag Ihr Gatte jetzt davon denken, was er will, ich breche mein Wort, ich komme niemals wieder..." Sie ließ ihn gehen. Ohne sich zu rühren, lag ste zusanimengekanert in ihrem Sessel. In ihrer Seele war nichts als eine große Furcht, die Furcht, daß man ihn hören könne, daß es zum Skandal kam, einem Skandal, der sie komproniittirte. Die Dämmernng kam, und sie lag noch immer so. Dann dachte sie an Fedor Russell. Sie machte sich keine Vorwürfe, eher empfand sie etwas wie Stolz. Es war doch hübsch gewesen, daß er ihr seine Liebe weihte, diese erste, junge, unverbrauchte Knabenliebe— ihr, der beinah' vierzigjährigen Frau. Nun war er todt. Oder war er nicht todt? Lebte er weiter? Sie schauderte zusammen. Die Mystik, die ihr so oft zum Spiele gedient, kroch langsam heran und krallte sich fest in ihren Sinnen. Sie glaubte Gestalten zu sehen, starre Augen, die ihr aus dem Dunkel zuwinkten, weiße Gewmider, die an ihr vorüber huschten, und jetzt Schritte, Schritte, die langsam näher kamen, schwere, müde, sorgenvolle Schritte... Einbildung! Sie hob den Kopf und versuchte zu lachen? aber— die Schritte blieben, sie tappten sich weiter, den Korridor entlang. Eine Thür klappte, die Thür zu ihres Mannes Zimmer. Mit einem jähen Ruck stand sie auf den Füßen: Ihr Mann? Was wollte der hier, jetzt? In der stärksten Geschäftszeit?... Wie eine dumpfe Angst stieg es plötzlich in ihr ans, einen Moment noch stand sie lauschend, dann flog sie nach der Thür, nach seinem Zimmer. Er war es wirklich. Er saß vor seinem Schreib- tisch, mit dem Rücken ihr zugewendet. Die kleine grüne Arbeitslampe beleuchtete seine breitschultrige, gebengte Gestalt. Vor ihm lag ein Haufen Papiere nnd neben ihm... da ans dem Schreibttsch... zu seiner Rechten... Er griff darnach...„Karl! ... Ka— rl—!" Mit einem Schritt war sie an seiner Seite, riß sie den Revolver aus seiner Hand. „Karl— was!... Was ist geschehen?!" „Du... Du...!" Er starrte sie an wie eine Erscheinung, nach und nach erst flackerte in seinen irre blickenden Augen ein Licht des Verstehens auf, ein Begreifen, daß sie es war, die da vor ihm stand. Er schwankte und sank in den breiten Armstuhl zurück, ans dem er sich schwerfällig erhoben hatte. Ein dumpfes Schluchzen würgte in seiner Kehle, zer- rissene Worte, unverständlich fast, ohne jeden Zu- sammenhang:„Ersparen wollen... Schlimmstes... verloren... Alles... verloren... vorbei..." „Was ist vorbei?" Sie rüttelte seine Schulter. „Was soll vorbei sein? Rede doch nur! Sprich! Du bist krank? Nein? Hast Deine Stelle verloren? Schlimmeres?... Nein, aber rede doch! Rede!" Er richtete sich auf unter ihren Worten. Seine Augen suchten die ihren, hülfeflehend wie der Blick des Ertrinkenden und doch mit dem müden Aus- druck des Hoffnungslosen... Und dann, nach einer langen Pause,— einer Pause, in der man nichts hörte als den Wind, der draußen im Garten durch die Bäume fuhr— sagte er, und seine Stimme klang fast brutal in ihrer knappen, schneidenden Deutlichkeit:„Ich habe siebentausend Mark unter- schlagen." „Du?..." Sie stand auf Sekunden regungs- los, dann packte sie seinen Arm:„Du... Du hättest ... Nein, unmöglich! Es ist nicht wahr! Kann ja garnicht wahr sein... Du fieberst!... Doch? O Du... und das mir... das inir?!..." Mit einem Wehlaut fing er sie in seinen Armen auf nnd ließ sie ans das Sopha niedergleiten: „Kläre!... mein... mein armes... Weib!... Kläre!" Er sank an ihrer Seite auf die Knie nnd tastete nach ihrer Hand.„Kläre, Verzeihung! Ver- dämme mich nicht, Kläre! Wahnsinnig war ich, toll... ich... aber ich Hab' nicht gewußt, woher nehmen, die schrecklichen Nächte... die... schreck- lichen... Eins zum Anderen... Deine Reise... und die vielen Thränen... Deine Thränen... Ich konnte Dich nicht weinen sehen, Kläre, ich... Aus Liebe zu Dir... ach, nur aus Liebe zu..." „Vorwürfe?" Sie sprang auf nnd stieß ihn von sich? ihre Augen sprühten.„Vorwürfe auch noch und mir?... Mir?... Ich...?" „Kläre!" Er eilte auf sie zu— sie wich zurück. „Rühr' mich nicht an... Du... Du... Erbärmlich hast Du gehandelt. Gemein nnd er- bärmlich! Und mir möchtest Du die Schuld ans- halsen? Hab' ich verlangt, daß Du zum Diebe wurdest... zum Diebe..." „Ach!" Er taumelte zurück, als hätte man ihn geschlagen? sein großer, starker Körper schwankte, erbrach zusammen wie ein hülfloses Kind. Hart nnd schwer schlug sein Kopf ans die Tischplatte. Sie trat an seine Seite:„Und was soll nun lverden?" Er antwortete nicht, nur ein unverständliches Stöhnen rang sich aus seiner Brust. Sie stampfte mit deni Fuß auf, ihr ganzer Körper bebte:„Und was soll nun werden? Sitze nicht nnd jammere. Ueberlege!" Er hob langsam den Kopf, völlig willenlos: „Ich weiß es nicht." „Natürlich nicht..." sie lachte hart ans nnd dann ihre Stimme zum Flüstern dämpfend:„Es ist noch nicht entdeckt? Nein?" „Doch... seit heute Mittag." Er sagte es, ohne sie anzusehen. Sie schrie wieder auf:„Und sie... sie... haben Dich angezeigt?" „Nein." Er richtete sich vollends ans. Tobten- starre lag auf seinem Gesicht:„Nein, noch nicht... Ich soll erst ersetzen— in drei Tagen." „Ilch... und Du kannst nicht?" Sie gewahrte sein Achselzucken.„Du mußt können! Du mußt das Geld beschaffen! Du bist es mir schuldig! Mir, hörst Du?" „Ja," er stand auf, schwerfällig stützte er sich auf den Tisch,—„wenn wir Alles verkaufen, die Knnstsachen, das Silber, den Teppich... Bier- tausend kommen heraus, und den Rest... vielleicht abzahlen... ich kann Agenturgeschäfte machen... wir ziehen nach Berlin... billige Wohnung..." „Nie! Niemals!" Sie trat vor ihn hin.„Das wagst Du mir auch noch zuzumuthen? Unser Hans auflösen? Zum Gespött werden? Damit sie Alle fragen, warum? Vielleicht... vermutheil, ahnen... Nein... nein, niemals!" Sie zupfte nervös an der Tischdecke.„Es muß einen anderen Ausweg geben. Keiner darf etwas ahnen... oder es ist niein Tod... Ah! Ich Hab' etwas!" Ihr Gesicht strahlte auf. „Weißt Du, Eure Faktorei in Afrika... Ihr suchtet einen Geschäftsführer, bekamt aber keinen..." „Ja?" Er merkte ans, verstand sie aber noch nicht. „Du mußt hin,"— sie beachtete sein Auffahren nicht,—„ja. Du mußt hin!... Du verstehst es, und —m 392 Die Neue A?elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. es giebt ein gutes Gehalt da unten, das dreifache uou Deinem. Wenn sie Dir die Hälfte abziehen, ist— in drei Jahren Alles erledigt und hier kann trotz- dem Alles bleiben wie es ist. Du mußt hin..." „lind Du, Kläre?"— er nahm ihre Hand, es war, als sei er bei ihren Worten plötzlich wieder zum Leben erwacht, seine Augen glühten—„Du, Kläre, Du würdest mich ruhig gehen lassen in... die Fiebergegend?" „Als ob man daran denken darf!"— sie machte sich los,—„als ob hier nicht mehr ans dem Spiel steht! Denke an meine Ehre! Ich will meine Stel- lung in der Gesellschaft behalten, ich habe Dich nicht geheirathet, um mich von Dir um meinen guten Namen bringen zu lassen. Dn darfst mich nicht opfern für Deine Schuld..." „Und wenn mich die Chefs nicht hingehen lassen?" „O, sie lassen Dich... Ich will selbst für Dich bitten, gleich morgen früh. Ja, ich will auch noch diese Demiithigung aus mich nehmen, ich will noch Deine Fürsprecherin sein." Sie ließ sich wie in tiefer Erschöpfung in einen Sessel fallen. Er trat vor sie hin:„lind ich soll Dich entbehren — nicht mehr sehen für... drei ganze Jahre?" Sie zuckte die Achseln:„Nimm es als Deine Strafe. Du... Du wirst doch einsehen, eine Strafe muß sein!" Er sah sie an, wie sie da vor ihm saß, blühend und frisch und beinah' ohne ein Anzeichen, daß eben ein Wetter, das schwerste Wetter ihres und seines Lebens, über ihrem Haupt dahin gezogen. Er sah sie an nnd wandte sich ab. Und während er den Revolver in den Schreibtisch°asten zurücklegte, sagte er mit seltsam ruhiger Stimme:„Die Strafe werde ich jetzt zu tragen wissen." Die Chefs wollten nicht, entschieden nicht. Sie waren zu entrüstet. Es war auch geradezu empörend! Zwanzig Jahre des höchsten Vertrauens und nun diese schmachvolle Treulosigkeit! Nein, es blieb bei dem, was abgemacht war: in drei Tagen das Geld zurück— oder... Sie begann zu weinen. O, sie sollten doch nur Rücksicht nehmen, sie bäle kniefällig darum. Das Geld war nicht zu beschaffen, nicht'mal ein Bruch- theil. Sie wollte ihn nicht entschuldigen, gewiß nicht; sie hatte gar keine Worte für seine That, aber wenn sie es machten, wie sie das Alles ans- gedacht, ging es vortrefflich. Einen Prokuristen für Berlin bekamen sie jede Stunde, dort hinunter aber wollte Niemand gehen. Trotz des großen Gehalts ging Keiner in die Malariagegend... Ob sie denn nicht wenigstens wüßte, wo er das Geld gelassen habe, es war ganz unfaßbar bei dem hohen Einkommen. Nein, sie wußte es nicht, keine Ahnung hatte sie davon; wenn sie etwas gemerkt hätte, sie wäre ja sofort dagegen eingeschritten. O, ob sie denn nun nicht Mitleid haben wollten? Sie war doch eine anständige Frau, hatte immer auf Ehre und Rechtliche feit gehalten und nun sollte sie so dastehen, so.-- Nein, die Schande überlebte sie nicht... Sie weinte herzbrechend verzweifelt, sie warf sich vor dem alten Vorman auf die Knie und küßte seine Hand. Und der alte Vorman willigte ein. Mit einem Dankeslächeln auf dem verweinten Gesicht verließ sie das Comptoir. Vom Fenster sahen die beiden Chefs ihr nach- Sie sah gut aus, wie sie so durch den klaren Herbst- sonnenschein hinschritt, eine herrliche Figur in dem schmucklosen schwarzen Kaschmirkleid. Der alte Bornian schüttelte den Kopf:„So eine Frau haben! So cnie Frau... Und dann solche Streiche machen! einem Prachtweib das anthun! Unglaublich--- unglaublich!... Wollte ihn eigentlich doch»om 'ranbringen, aber man muß ihm die Hand bieten. Ja, man muß ihm noch einmal aufhelfen... un> seiner Frau willen!"—— euitLeton. Diese Zeit! Zeit ist stcirk und ehern. Schutdtos büßt die Stirn der Zloth. Aber in WifCionen Sehern Itunnnt es seftscmr nrorgenrolh. Sumpfe Kerzen, dunkle Winden Ser Kervalt r>c>r WficK und(Seist, H'uekt's in rvirrem'Dorempfinden, Aus uuf sich're Wfude meist. Hlngekemnte Suutenkeims Schießen rifch zu Aehren uuf, Kräfte, munderbur geheime, Schüttelnd in den Werdelauf. Irr und blind um lichten �aQe, Wundelt Wucht in Hhnmacht sich: Schon im Angelpunkt der Wuage Webt dus Zünglein nah dem Strich. Seher morden sind die Wlinden, All' die Wüßer ohne Schuld... Zeitbefchmingt zum Wegesinden, Stürmisch drängt die Mngeduld. Kranz Tiederich. In der Mansarde. Hoch über der Stadt, mit dem Blick ans das Häusermeer und den Sternenhimmel, liegt die„Bude", in der die jungen Künstler an den langen Winterabenden zusammenkommen. Es ist nicht gerade wohnlich bei dem Freunde da oben, die schräge Dach- wand drückt, in den engen Wänden kommt man sich wie gepreßt vor, und nur das Nothwendigste, ein Tisch, ein paar Stühle, ein Kaffer noch aus der Studentenzeit her, füllt den Raum, aber die jungeil Burschen fühlen sich nicht bedrängt. Ihre Brust ist geschwellt von stolzen Plänen nnd freudigen Hoffnungen, und was sie suchen: innigen Austausch der Ideen mit gleichgestimmten Freunden, das finden sie hier oben. Erregte Diskussionen schivirren dann durch den Raum, in denen Jeder frei heraus sagt, wie'S ihm um's Herz ist. lind wenn die Redeschlacht geschlagen nnd die Seele frei geworden, dann holt der Freund seine Guitarre hervor und singt, und zu deni Gesang und dem Klimpern summt der Theekessel sein leises Lied, lind sie Alle übcrlaffen sich den Träumereien, die ihnen durch die Seele ziehen.— Die Eisenerzeugung im Hochofen schildert Gustav Koeppcr in seinem vor iturzem crschienenell Buche„In Pluto's Reich"(Verein der Bücherfreunde[Alfred Schall], Berlin). Tie Einrichtung eines Hochofens ist folgende: Das zylindrische, eisenumgürtete Gebäude besitzt einen konischen Jnncnraum, dessen enge obere Ocffuung Gicht genannt wird. Stellen wir uns auf den Gicht- aufzug, der die Btaterialien zur Beschickung des Ofens in die Höhe befördert, und lassen uns von ihm hinauf- tragen; behutsam an den Rand des jetzt flammenleercn Abgrundes tretend, sehen wir die Ocffuung weiter nach unten zu breiter und breiter werden— das ist die Rast. Und endlich schließt der Schlund sich fast jäh wieder zu einem zylindrischen Kanal zusammen: das ist das Gestell. Nun schickt man mit dem Aufzuge Wagen um Wagen zu uns empor; zunächst Koks in großer Menge, so daß der Boden in hoher Schicht damit bedeckt ist, dann folgen Eisenerze und Kalkstein, die innig gemengt sich über die Koksschicht ausbreiten, und so wechselt es ab, bis der Schacht in seiner ganzen Höhe gefüllt ist. Inzwischen hat man unten angezündet und das Gebläse in Gang gebracht— der Ofen ist angeblasen und der Betrieb nun ein kontinnirlichcr, bis eine Reparatur oder Mangel an Arbeit das Ausblasen des Hochofens bedingt. Steigen wir von unserer hohen Warte hinab und treten vor das Gestell des Ofens, so finden wir es mit einer tosenden Gluth erfüllt. Schon geht die Reduktion der Erze vor sich, und im Eiscnkasten, dem untersten Theile des Gestells, beginnt sich das flüssige Metall an- zusammeln. Ununterbrochen schleudert das Gebläse kolossale Luftmengeu in den Winderhitzungsapparat, der sie auf eine Temperatur von mehreren hundert Grad bringt und durch eine konischeOeffnuug mit Vehemenz in den glühenden Koks preßt. Der Wind rcsp. die atmosphärische Luft nimmt sogar der Masse nach die erste Stelle beim Hochofenprozeß ein. Wenn wir annehmen, daß ein.vochofcn ini Tage t 60 Tonnen Roheisen liefert, was der Wirklichkeit ziemlich nahe kommen wird, so gehören hierzu: 480 Tonnen Erz und Zuschlag, 145 Tonnen Kokö und 759 Tonnen Luftl Diese 759 Tonnen hat also das Gebläse zu liefern, wenn der ganze Apparat fnnktioniren soll. Weiter sind erforderlich, wenn wir die Erze auf einen durchschnittlichen Gehalt von 50 Prozent berechnen, 100 Tonnen Zuschlag. Unter Zuschlag versteht man ein Mineral, das geeignet ist, niit dem Verbrennnngsrückstand des Koks eine flüssige Schlacke zu erzeugen. Man nimmt fast ausschließlich zu diesem Zwecke Kalkstein. In welch' ungeheuren Quantitäten dieser von unseren Hütten verschlungen wird, kann dem Raturfreiliid nicht besser, aber ailch nicht brutaler demon- stirt werden, als wenn er die Gegend von Letmathe oder auch das Hönnethal durchwandert: hier bricht man ganze Berge ab, hier gleite» riesige, soeben losgesprengte Kalk- steinblöcke schollernd thalwärts, und bald wird man au Stelle der bewaldeten Höhen nur traurige Klüfte bemerken. Und diese Berge wandern zum größten Theil in den unersättlichen Schlund der Hochöfen; denn zu Kalk für Bauwerke wird nur ein verhälmißmaßig geringes Quantum gebrannt. Diese Massen nun, die Eisenerze und der Kalkstein, rutschen allmälig von der Gicht aus abwärts. Von den abziehenden Gasen getrocknet und vorgewärmt, gelangen sie in den untersten Theil der Rast, und hier schon unter- liegt das Eisenerz(Eiscnoxyd) einer chemischen Verände- rung. Es verivandelt sich unter dem Einfluß des aus- strömenden Kohlenoxyds in Eisenoxydoxydul nnd je tiefer es kommt, desto mehr in reines Eisen Ül'ssj geführt: dabei tritt jedoch an die Stelle des Sauerstoff-' ein anderes Element: der Kohlenstoff. Durch d'sle Mischung erst entsteht das leichtflüssige Roheisen, da» nun zugleich mit der Schlacke abwärts tropft und stjff im Eisenkasten ansammelt. In dicker Schicht legt ff® dabei die Schlacke über das Eisen und verhindert ffluo abermalige Oxydation. Hat sich genug Eisen angesammelt, so geginnt uiaf mit dem Abstich, indem man zunächst die Schlacken ßo- fließen läßt. Gewöhnlich geschieht dies in eiserne Kasten- wagen, die das flüssige Gestein entweder sogleich auf � Schlackcnhalde abstürzen, oder die Blöcke nach dem Er- kalten erst weiter transportiren. Die Verwerthuug d-r Schlacke nimnit neuerdings immer größere Dimensio?� an. Man getvinnt aus der Schlacke die grauinellru Schlacke oder den Schlackensand, der für die BaukllNl unentbehrlich geworden ist, weil er den Mörtel loacr nnd lufidnrchlässig macht, die Schlackenwolle, die wffsti ihrer geringen Lcitungsfähigkeit als Wärme- und Kall«- schutzmittel zur Bekleidung von Dampfföhren, Kessclu sehr geeignet ist, endlich Pflastersteine, die sehr glatt ftv" und ein fast geräuschloses Pflaster ergeben. Und nun komnit das Eisen in breitem Strome W' vorgesprudelt. Schon vorher hat man in den Sand vo dem Hochofen längliche Vertiefungen gemacht, und> T diese ergießt sich nun das Eisen von jener Rinne a» Eisenkasten aus, die man Masselgraben nennt. Nach Erkalten wird das Eisen in barrenförmigen Stücken 11 � rauher, schmutziger Oberfläche, Masseln, ausgehoben vN kommt so in den Handel oder wird einem anderen M- triebe zur weiteren Verarbeitung zugeivicsen.— Nicht Alles ist an Eins gebunden:_ Seid nur nicht mit Euch selbst im Sffcit! Mit Liebe endigt man, was man erfunden, Was man gelernt, mit Sicherheit. * Glückselig ist, wer Liebe rein genießt,,.. Weil doch zuletzt das Grab so Lieb' als Haß verschlief Entzwei' und gebiete I Tüchtig Wort; Verein' und leite! Bess'rer Hort. GoNhe- Alle für die Redaktion der„Neuen bestimmten Sendungen sind nach Berlin, SW lst Beuthstraße 2, zu richten. -—— H Nachdruck des Inhalts verboten! _-__-rag* Verantwortlicher Redakteur: Oscar Kühl tu Eharlotteilburg.— Verlag: Hamburger Buchdruckerel uud Verlagsanstall Nuer sc Co. tu Haniburg. Druck: Max Babing tu Verliu Sehn heiße: in dei muß, ich sik aber 3