Nr. 51 S5t1u|Irtr{c 3 U i tn( ac�c. 189!) (�ortfcljunn.) > ndwig beugte sich zu Mar herab, hob seinen Äopf auf und wandte ihn jenem Winkel zu. „Siehst Du," sprach er,„jener Winkel in seiner dunklen Unordnung, die Du nicht siehst, weil nur ein spärlicher Lichtschein der Erkenutniß hinein- fällt, ist Dein Inneres. Erst wenn Du Alles hell erleuchtet siehst, bemerkst Tu, wie nothweudig es ist, daß hier gesäubert werde." Er ging au das Fenster und zog an der Schnur des Vorhanges, daß das grelle Nordlicht den Winkel in seiner Unordnung und seinem Staube grell beschien. „Tu hast Dein Inneres nie gesäubert und gereinigt, Max, daß sich viel Unrath darin angesammelt hat, den Du noch nicht allein erkennen kannst, den ich, Dein Bruder, aber Dir zeigen muß, indem ich Dir das Licht der Erkeniitnist bringe." Hierauf zog Ludwig die Vorhänge wieder zu uiiir ging im Zimmer auf und ab. „Das Verfehlte und Sündige der Kunstrichtung, d'e Du bisher eingeschlagen hast, hast Du wohl eingesehen?" fing er nach einer Weile. „Ich glaube wohl zu fühlen, was Du meinst, ich will auch in Deinem Sinne male», aber ich kann es nicht auf die Leinwand bringen." „Das ist natürlich," erwiderte Ludwig,„solch' ein hoher Stoff läßt sich so leicht nicht zwingen, und dann ist Dein Herz auch noch nicht genügend de- mllthig nnb zerknirscht. Andere Gedanken schlimmer Art stören Dich noch." Max zuckte znsamnien bei diesen Worten. Dan» begann Ludwig in bäuerischer Beredtsam- keit von den Qualen der Hölle und den Freude» des Himmels zu sprechen. Seine grellen Bilder verband er dabei ab und zu mit einer nackten Logik, die mit dlinden, von schwarzem, unerschütterlichem Fanatismus zesättigten Urtheilen arbeitete nnd sich bemühte zu beweisen, was ihr Darleger in dunklem, starkem Drange wollte. Am Ende einer solchen Erklärung snhr er dann auf:„Aber all' mein Rede» ist um- wnst, wenn Du nicht ans Deinem Herzen reißen iannst, woran Du heimlich verstohlen Deine Sinne veidest mit verlockenden Gedanken... Max, Du iebst das Mädchen noch!" Das fuhr in das Herz der gepeinigten Brust, vie das schartige Messer, daS der Feind dem ge- inndenen Opfer am Marterpsahle in's Fleisch sägt. „Nein, nein!" schrie der Aermste in seiner Qual ms,"die nun in ihren innersten Tiefen dem kalte» ölick des Bruders sich zeigte. „Max, Max, so schwach bist Du, daß Du Dich »or Deinen eigenen Gedanken fürchtest?... Ist das oahr, was Tu sagtest?" Der Unglückliche verbarg sein Antlitz in den ?änden. Die Brüder.-4� Erzählimg von Korinnn« Korn. „So zieht eine S'inde die andere»ach. Du hast gelogen!" Da durchzuckte Max ein Hoffnungsstrahl. „ List wig, ich... ich liebe sie ja..." sagte er schmeichelnd,„ja, und ist das denn Sünde... nnb ... und... wenn ich sie am Ende später heirathe?" Ein verächtliches Lächeln nmstielte die Lippen des älteren Bruders.„Sünde ist die Liebe nicht, aber sie wird es, wenn wir sie ohne Berechtigung l egen, so daß sie uns zum Bösen verleitet. Was Du Dir da vormalst, glaubst Du selbst nicht, und willst damit nur Dein böses Gewissen einlullen. Statt Deinen Pflichten zu fotge», willst Du blinden, lhierischen Trieben Dich unterwerfen und vergißt darüber ganz Deine Menschenwürde. O pfui, pfui!" Da verlosch die Hoffnung, wie der letzte rothe Schein der sinkenden Sonne hinter dunklen Wolke». „Ich will sie nicht mehr lieben, ich will sie nicht mehr lieben!" stammelte das arme, große Kind.— Acht Tage lang ging Max nicht mehr zn Marie. Beständig sagte er sich vor:„Dn darfst sie nicht mehr lieben," aber bei allem harten Ringen ver- mochte er die heiße Sehnsucht seines Herzens, die ihm immer mehr als Sünde erschien, nicht zu zähmen. Es war, als wüchse sie ihm zur Pein, je mehr er sie unterdrücken wollte. Seine stillen, beglückenden Gewohnheiten gab er auf. Jeden Tag kam sein Bruder, ihn zu belehren und mit ihm zu beten. Es schauderte ihn, wenn er dessen schweren Tritt die Treppe heranskonmien hörte, nnb ein heimlicher Groll faßte ihn beim Anblick seiner schwarzen Gestalt, der sich in Furcht verwandelte bei den AndachtS- Übungen mit den dunklen Vorstellungen, die in ihm durch dieselben erweckt wurden. Abscheuliche Ge- danken, die er nie gekannt hatte, wurden durch die Lektiire von Büchern in ihm erweckt, in denen unter- drückte menschliche Sinnlichkeit sich in Lüsternheit verwandelt hatte, die sich mit häßlicher Gier an Bildern berauschte, die die Sinne mit aller Macht erweckten und die Besriedigmig derselben zugleich in jeder Weise verbot und mit Strafandrohungen belegte. Bei diesen fortgesetzten, aufreizenden Durch- einaiiderwühliingen seines Gemiiths begann sich auch allmälig seine Liebe zu Marie zu verwandeln. Nicht mehr ihren zärtlichen Blick, den liebevoll ernst zusammengezogenen Mund spiegelte ihm seine Phantasie vor, sondern nach ihrer weichen, üppigen Gestalt,»ach ihren vollen Armen sehnte er sich, und ein Kampf entspann sich in seinem Innern, der immer mehr von den Mächten geleitet wurde, die sein Bruder im Anfange bei ihm zu sehen gemeint hatte, und die jetzt künstlich erzeugt wurden. Davon wollte er sich beständig durch das Malen eines edlen, gottwohlgefälligen, mächtig packenden Bildes, wie sei» Bruder sagte, entsühnen. Er hatte seinen büßenden Heiligen begonnen. Immer mystischer und mystischer gestaltete er ihn in den Züge», der Gestalt und Beleuchtung, daß erscholl längst die Grenze» der möglichen und zulässigen Anschanniig überschritten hatte, nnb imiucr wieder nnb wieder kam sein Bruder und hatte sein köpf- schüttelndes, überlegenes Lächeln:„Das ist noch lange nicht das, was ich fühle nnd auch Du fühlen mußt!" So verlor er immer mehr die Fähigkeit, das wiederzugeben, was er geschaut hatte, die sollst in seinem weichen Gemüthe gelegen hatte, lvie das Bild seiner llmgebimg in einem schönen Bergsee. Als sein Zustand bei wachsender Abnahme seiner Kräfte immer unerträglicher wurde, kam ihm plötzlich der Gedanke:„Du willst z» ihr gehen nnd sie von Dir stoßen in Wirklichkeit, lvie Tu es schon im Geiste gethan hast. Du willst ihr sagen, daß Du sie nicht mehr liebst, nicht mehr lieben darfst!" Eines Tages stand er, nachdem er erst vergeblich hatte malen wollen, von seinem Gebete auf nnb wollte zu ihr. Als er an seine Hansthür kam, stand da sein Professor von der Akademie, den er stets gern ge- habt hatte, ein derber, herzensguter Altbayer mit seiner mächtigen Gestalt, deren bieite Schultern in einer griin ansgeschlagenen Kocheljoppe steckten. „Kreuzsakranient, rennen Sie mich nicht um!" rief ihm der entgegen.„Wo wollen Sic denn hin, nnd wie sehen Sie denn ans?" Ntax starrte den Sprecher aus seltsam flackernden Augen an. „Ich," erwiderte er, nnd schien sich zu besimien, „ich muß-fort, auf der Stelle!" nnd damit wollte er sich wenden. „Halt, halt," sagte der ältere Mann,„einen Angenblick werdet Ihr für Euren Lehrer wohl übrig haben!... Was in aller Welt ist denn los mit Euch, Breitenbach? Vor etwa vierzehn Tagen kommt mir da ein dickköpfiger Pfaff anss Atelier gelaufen nnb schwätzt mir den Kopf voll von verrückten Tollheiten über Eure Sünden, daß ich ihn fast hinausgeworfen hätte, nnd jetzt betragt Ihr Euch wie Einer, bei dcm's im Oberstübchen nicht richtig ist. Was ist denn los? Man läuft doch nicht mir nichts dir nichts von seinem Lehrer weg, ohne Adieu zu sagen und ohne fertig zu sein!" „Ich kann nnd darf nicht mehr zu Euch koinmen," antwortete M'ax hastig, und schielte an sciuei» Pro- fessor vorbei. „So," machte der schier belustigt,„und warum denn nicht, wenn mau fragen darf?" 402 Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. „Weil..." Max warf ihm ciueii scheuen Blick zu:„Mein Bruder hat's Ihne» ja gesagt!" „Ja, in drei Teufels Namen, seid Ihr denn Beide verrückt geworden," lief der Mann aus,„oder wollt Ihr mich zum Besten haben?" „Nein, nein," erwiderte Max ängstlich und suchte nach einem Ausweg. Der Professor kriegte seinen ehemaligen Schüler au der Brust zu fassen und ivollte ihm iu's Ge- sieht sehen. Max streckte abwehrend die Hände aus. „Lassen Sie mich gehen," stöhnte er zwischen den Zähnen hervor und dann entwischte er und eilte die Straße entlang. „Holla, das ist ja seltsam!" Der große Manu hatte den jungen Menschen mit einigen Sähen eingeholt und hielt ihn fest. „Wo ist Euer sauberer Herr Bruder denn eigcnt- lich zu treffen?" Max nannte den Namen des Pfarrers, bei dem sein Bruder Hiilfsdienste versah, dann lies; ihn der Professor los, und er ging, den Hut rückend, hastig weiter. In seiner Verworrenheit hatte die Unterredung mit seinem Professor gar keinen Eindruck in ihm hinter- lassen. Es drängte ihn, zu Marie zu kommen... Wieder war eine Zeit, wo sie allein lvar. Sie hatte verschwolleue Augen, und um ihren Mund, der leuchtend roth in dem blässer gewordenen Gesicht saß, lag ein schmerzlich leidender Zug. „Guten Tag," sagte sie leise und sah erbleichend und sich rasch wieder fassend zu ihm auf. „Essen möchte ich," brachte er rarih hervor.„Hier," und er deutete auf eine Stelle der Speisekarte. Als sie dann zu ihm kam, fühlte er, das; er ihr irgend etwas sagen mußte, und weil er über kein anderes Gefühl mehr verfügte, lachte er höhnisch und fragte dann mit einem häßlichen Zucken des Mundes:„Nim, wie geht es, schönes Fräulein?" Sie sah erschrocken zu ihm auf. „Na ja," sagte er, und begegnete mit aufflam- niendeu, flackernden Augen ihrem Blick. Da stürzten ihr die Thräuen ans den Augen, und plötzlich warf sie sich au seinen Hals.„Max, ach, mein Maxl," schluchzte sie,„'s ist ja Alles nicht wahr, und ich mag den Menschen ja garnicht! Warum bist Du nicht gekonimen, und tvas habe ich Dir gethan?" Er erschauerte unter ihrer Berührung, duckte den Kopf und hielt sich ganz steif. Daun schloß er einen Augenblick schier besinnungslos die Augen, und es war ihm, als müsse er sie von sich stoßen und weg- laufen, um dann wieder umzukehren und sie wütheud in seine Arme zu schließen. Doch das war nur ein Augenblick. Er fühlte ihren warmen Athen: an seinem Halse und an seiner Brust wogte die ihre. Das Mädchen ließ nicht von ihm. Sie unter- brach ihr Weinen und suchte, ihn fest umschlungen haltend, in sein Gesicht zu blicken.„Was Hab' ich Dir denn gethan? Sag' mir's doch, was denn?" „Nichts, nichts," lachte er heiser. Sie ließ einen Arm los, und strich ihm mit der frei gewordenen Hand über die Haare.„Doch, doch, Du siehst ja ganz anders aus. Wo sind denn die netten Augen, und das liebe, liebe G'sichtel? Maxl, magst mich denn nimmer?" Jetzt hätte er ihr's sagen können:„Ich mag Dich nicht mehr!" Doch er hatte nur das heisere, gezwungene Lachen wie die ganze Zeit. „Machen Sie," sagte er dann dumpf, nachdem sie eine Weile vergeblich bemüht war, einen Blick seiner Augen zu erhaschen,„ich habe Hunger!" Sie wich ein paar Schritte mit erhobenen Ellen- bogen vor ihm zurück und sah ihm mit verstörter Athemlosigkeit in die Augen, die er starr und ab- weisend auf sie gerichtet hielt. „Maxl, Maxl!" schrie sie noch einmal und drückte entsetzt die Hände an die Brust. In seinem Blick glomm etwas auf wie Haß und Liebe, dann sagte er wieder verbissen:„Ich habe Hunger!" „Ich... ich..." erwiderte sie, und blickte ringS um sich und strich sich das Haar aus der Stirn,„gleich, gleich. Ja, ich bring' Ihnen'was zu essen!" Es kam etwas Hellseherisches über sie, daß sie in ihrem Schmerz sah und beobachtete, was sie sonst kaum bemerkt, und in einer starren Befangenheit arbeitete und dachte es in ihr und ließ sie gehen und handeln. Wie er ehemals von ihr, dachte sie jetzt von ihm:„Was er hat, was er hat?" Sie sah seine verzerrten Züge und die Fahlheit seiner Gesichtsfarbe mit großen Augen, sie fühlte, wie er ihr manchmal einen Blick zuwarf, unter dem sie erschauerte und dachte nur immer:„Was er nur hat?" Endlich ging er, verdrossen„gute Nacht" vor sich hin murmelnd. „Gute Nacht," sagte sie, und nickte mit dem Kopfe.„Gute Nacht!" Daun setzte sie sich hin und begann eine Schüssel Erbsen auszulesen, und es kam ihr bei dem Geschäft, daß die Finger uiecha- nisch verrichteten, träumerisch in den Sinn:„Er mag Dich nicht mehr!" llnd sie schüttelte leise mit dem Kopfe, daß sich die Thräuen aus den Augen lösten und in lang- famcr Linie glitzernd und heiß die Wangen hinunter rannen und vom Kinn zwischen die grünen Kiigelchen der Früchte tropften.„Er mag Dich nicht mehr!" Doch es kamen Gäste, sie mußte die Thräuen hinunterschlucken. Sie halle eine traurige Zärtlich- leit im Antlitz, wie sie von Einem zum Anderen ging, und sie vermeinte die Blicke der Gäste wie durch einen Schleier selt'am auf sich gerichtet zu fühlen. Wenn jedoch Einer einen Scherz machte, erwiderte sie ihn, wie sich's gehörte und that ihre Pflicht. Auch der Angsbnrger Restauratenr kam noch spät am Abend.„Gott verdamm' mich," sagte er, „wie schön und bleich sie heute is. De Braut von Eorinth is, hol' mich der Deiwel, der reinste Waisen- knabe dagegen jewesen." Da ging sie hinaus. Wie sie die Treppe hinunter sah, erblickte sie Jemand auf der untersten Staffel sitzen und mit aufgewandtem Kopfe die weißgescheuerten Stufen herauf nach der Lampe spähen. Da sie nicht er- kannte, wer es war, ging sie hinunter, um nach- zusehen. Als sie noch nicht ganz unten war, sprang ihr Jemand entgegen, und plötzlich fühlte sie sich um- faßt und an Jemand gedrückt und geküßt, daß sie die Zähne des fremden Pfundes fühlte. Sie bog sich entsetzt nach rückwärts und stieß den Mann von sich. Da erkannte sie Max. Er folgte ihr taumelnd nach. „Ich kann nicht ohne Dich," stöhnte er und wollte schwerfällig die Treppe ersteigen, die sie leichtfüßig hinaufgelaufen war. Dabei stolperte er und rum- pelte schwer die Stufen hinunter. Sie sprang wieder hinab. Da lag er und stöhnte. „Herr Breitenbach," sagte sie ängstlich dringend, „stehen Sie auf!" „Ja," erwiderte er,„ja!... Du mutzt mein sein, mein sein!" Und er richtete sich an dem Ge- ländcr auf, als ob er trunken sei. „Was wollen Sie?" erwiderte sie und sah ihn fremd an. „Ah," knirschte er zwischen den Zähnen hervor und funkelte sie mit grünen Augen an,„mein sein, mein, mein!" In ihr wurde es plötzlich nach all' den Erleb- nissen kalt, und es war ihr, als sei er ihr Meilen- weit ferngerückt und darüber wäre etwas in ihr gestorben. „Gehen Sie nach Hause," sagte sie,„Sie sind krank!" „Ho, ho!" lachte er,„krank, ja, nach Dir!" Und er griff mit beiden Händen gierig nach ihren Armen und Wangen. „Zurück!" sagte sie erregt und sah ihn mit funkelnden Augen an.„So, also so Einer sind Sie?" begann sie mit gepreßter Stimme.„O, pftn Teufel, Sie hundsgemeiner Mensch! Wie haben Sie sich die ganze Zeit verstellen können, daß erst jetzt die wahre Natur'rausgekommen ist!" Er murmelte etwas, lallend wie ein Trunkener, und hielt sie fest. Da ging oben die Thürc und der Augsburger kam zum Gehen gerüstet heraus. „Lassen Sie mich los," sagte sie,„Sie ab- scheulicher Mensch!" Der dicke Restaurateur kam die Treppe herab, Max beachtete ihn nicht. „Wollen Sie mich jetzt wohl los lassen?!" wider- holte das Mädchen noch einmal drohend und ängstlich zugleich. „Ha Sie," sagte der Berliner Angsbnrger,„werden Sie wohl das Mädchen gehen lassen, Sie Lump!" Dann schlug er dem Sinnlosen mit seinem Stock über den Kopf. Das Mädchen entfloh mit einem entsetzten Blick. Max sah ihm nach und hob die Hand gegen den dicken Restanratenr, daß der, sich bedroht glaubend, seine erhöhte Stellung benutzte und von oben herab dem jungen Maler noch einen Hieb versetzte. Wie sich der nicht wehrte, Puchs ihm der V!uth, die sittliche Entrüstung über den Anfall, auch das Mädchen kam hinzu und seine Stimme zu lantcw Geschrei erhebend, hieb er auf den die Streiche nur mit den Händen Abwehrenden ein. „Warle, ich werde Sie, Kanaille!" schrie der Dicke beständig, und prügelte den Unglücklichen>vie einen Hund zur Thllre hinaus. Wie ein Sieger turnte er dann die Treppe hinauf, und als ob es seine Spezialität sei, unschuldige Mädchen heldenmüthig zu vertheidigen, sah er sich oben gleichmiithig um, indem er versicherte, daß das noch lange nicht genug sei für so üen Menschen, den man vor Gericht ziehen müsse. „Ach, was," sagte die Taute,„mit dem Gericht will ich nichts zu thuu haben, aber seinem Bruder müssen Sie's sagen, das ist ein Geistlicher." „Na warte, Männeken!" sagte der Dicke. Dann wandte der Sieger sich au Marie. „Und mit solch' einem Kerl können Sie sich ab- geben? Da sehen Sie's wieder!" Was sie wieder sehen sollte, wußte das Mädchen nicht, aber sie hatte ein ganz abscheuliches Gefühl in sich und es war ihr, als müsse sie ausspucken. VII. Als Ludwig am anderen Morgen wie gewöhn- lich zu seinem Bruder kam, wurde er von dessen Hansfrau, der jungen Frau eines Schriftsetzers, empfangen. Das junge Weib sah etwas übernächng aus und hielt die Hand beschwichtigend in die Höhe, als er in das Zimmer seines Bruders treten wollte. „Was giebt es, meine gute Frau?" fragte er. „Pst!" erwiderte sie,„Ihr Bruder ist schwer krank." Als er mehr erstaunt als erschrocken aufsah, fuhr sie fort:„Gestern Nacht um elf Uhr kam er nach Hause. Wir hörten ihn erst schon so seltsam herum- tappen, und wie er dann großen Lärm machte, liefe» wir herüber, und da steht er im Winkel, wo seine Flaschen aufgestellt sind, und haut die mit seinem Stock kurz und klein, und schwätzt und babbelt be- ständig vor sich hin. Und auf einmal fällt er um und liegt mitten in den Scherben... O, ich sag' Ihnen, schrecklich hat er ausgesehen. Das Gesicht verzerrt und voll Blut und eine Schramme an der einen Hand. Mein Mann und ich haben ihn dann rasch zn fassen gekriegt, und ich mit dem Schwamm drüber her, und dann iu's Bett und kalte Umschläge gemacht. Die ganze Nacht Hab' ich bei ihm gewacht, und wie mein Plann heute Morgen zur Arbeit ging, ist er gleich zum Doktor gegangen, der muß jeden Augenblick kommen... Er fiebert, der arme Mensch- Ganze Geschichten erzählt er. Hören Sie?" Sie hob den Finger und durch die Thür drang es seltsam an Ludwig's Ohr, wie leises Gemurmel im Traume, und dazwischen lautere, deutlich zu ver- stehende Worte. „Ludwig!" hörte er jetzt ganz deutlich. Es klang wie wahnsinnige Angst und erstarb in leisem Mur- mein, um dann in ein zärtliches„Marie, Marie!" unterzugehen. Hierauf kamen ganze Sätze.„Marie, ich bin ja nicht schuldig! Ludwig hat einen großen schwarzen Bart, nein, einen langen Rock... ach, ich Aie Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 403 was; nicht... Aber Ivemi du zn ich» konimst, dnim milszt d» beten, innrer beten!" Er kicherte verstohlen- heimlich.„Ach, Marie, daS ist die Saide!... Wir sind ja alle Sünder... Ich Haie dich geküßt... o... geküßt, und dafür... aber weine nicht, sei lustig, ich bin auch lustig, o, so lustig... Ja, ich schwäre, Ludwig, ich schwöre, so wahr ich... ja, ich schwöre, ich will sie nicht mehr lieben!" Es klang wie ein ersterbendes Weinen zum Schlüsse. „Hören Sie?" sagte die Frau.„Ach, der arme, arme Mensch!" Ludwig vermeinte einen anklagenden � Blick ans ihren Augen aufgefangen zn haben. „Es war so ein guter, gesunder, stiller Mensch früher, und erst seit drei Wochen etwa ist er wie umgewn'idclt." „So?" antwortete Ludwig. Die Frau druckste noch an etwas herum. „Nun?" fragte er. „Nichts für ungut, Hochwiirden," sagte sie,„aber ich wollte Sie nur bitten, wenn mein Mann kommt..." „Was ist mit Ihrem Manne?" „Sich, wissen Sic, er ist so hefchg und..." „Nim, und da soll ich ihm in's Gewissen reden?" „Sie...?" Sie sah ihn um einem schier verächtlichen Blick an.„Stein, deswegen nicht... Aber wissen S�e. er meint, Sie seien schuld daran, daß Ihr Bruder so krank ist! Ich verstehe ja nichts davon, aber er meint, Sie allein halten ihn soweit gebracht, mit Ihrem Fan— Fanatismus... Ter Herr Brciienbach hat nämlich heute Stacht so allerlei gesprochen, und das hat sich mein Mann denn so zusammengereimt mit dem, was er gelesen und gehört hat... Wie gesagt, nichts für ungut, ich versteh' ja nichts davon, aber wahr ist's, seit Sie zn ihm kommen, ist er wie mugewandelt. Drum mächt' ich schön bitten, daß Sic, wen» mein Mann heut' Abend kommt, aufpassen, daß er Sic nicht zu sehen bekommt. Er wird gleich so heftig..." Ludwig, der ihr erstaunt zugehört hatte, wurde einer Antlvort enthoben, denn man vernahm den Kranken drinnen schreiend aus dem Bette springen, daß es galt, zn seiner Beruhigung in's Zimmer zu eilen. Stur mit Gewalt konnte man den von heftigem Fieber dnrchtobten Körper wieder zn Bett bringen und den Kranken einigermaßen beruhigen, lieber diese Beschäftigung kam man dann nicht mehr auf das stattgefundcne Gespräch zurück, auf das nochmals einzugehen der junge Geistliche zu hochmiilhig war. Nachdem Ludwig den Znstand seines Bruders gesehen hatte, beschloß er sofort, bei Max zn bleiben und ihn zn Pflegen, beorderte, daß nochmals zum Arzt geschickt werde, theilte seinem vorgesetzten Geist- lichen den eingetretenen Krankheitsfall mit und bat zugleich, der Krankenpflege wegen fiir's Erste seinen Verpflichtungen enthoben zn werden. Er war weder der letzten Wochen war. Er lhat nur, Ivas er glaubte, sich schuldig zn sein. Ter Arzt konstatirtc ein hitziges Ncrvenfieber, und da er zu der ruhigen Sicherheit des jungen Geistlichen Vertrauen hatte, zeigte er ihm— er war ein Jünger der neuerdings wieder aufgekommenen Naturheilmethode— die vorzunehmenden Packungen und Waschungen, wozu die junge Hausfrau alles Nöthige herbeischleppte, und vertraute ihm die Pflege des Kranken an, worüber Ludwig sogar eine Slrt Befriedignng empfand, wie immer, wenn ihm eine Arbeit zuertheilt ivnrde, bei der es ohne schwierige, seine lleberlegungen einzig ans regelmäßige Be- folgung des Vorgeschriebenen ankam. „Konseguent," sagte der etwas bleiche und ans mattglänzenden Augen blickende Arzt,„koiisegnent und ausdauernd, Herr Kaplan, das sind die Grund- beding nigcn jedes Erfolges, und so auch hier." Eine Weile betrachtete der Mann den Kranken noch, strich sich nachdenklich durch den spärlich gc- wachsene» schwarze» Vollbart und verabschiedete sich dann. SAU kaltblütiger Gelassenheit machte sich Ludwig nach seinem Fortgehen an die Ansiibnug seiner Krankeinvärterdienste. Er machte die vorgeschriebenen Umschläge, wusch den fiebernden Körper, und die wilden Phantasien des Kranken, in denen sich immer und immer wiederholte, was er im Slnfange gehört hatte, machten so wenig Eindruck ans ihn, wie das Rauschen eines Wasserfalles oder die erregten Ele- mcnte der Statur nie vermocht hatten, ihn ans dem zähen, ständigen Kalkül seiner Gedanken zn bringen oder sein c emiith zn ee höhler Thängkcit anzuregen. Am Spätnachmittage, ab? der Kranke anscheinend ganz ruhig schlief, war es, als er d.alißen die Klingel hörte und gleich darauf bei ihm geklopft wurde. Als er„Herein!" rief, so laut und deutlich, daß der Kranke stöhnend auffuhr, stand der Pfarrer, bei dem er Hüifsdienste versah, vor ihm. Der joviale, ältere Herr, der in aller Gemiiths- ruhe die Cinkiin'te seiner Pfründe verzehrte, und seine Stellung mit einer gewissen phlegmnstschen Gut- »nithigkcit, die sein stattliches Bänchlein sehr be- günstigte, versah, war gestern Slbend noch dncch den Professor des Bruders seines Bikars in eine gewisse Erregung versetzt worden. Da er seine Mußestunden gern mit behaglichen, ästhethischcn Studien eines geläuterten Verstandes ausfüllte und mit Leuten der Kmist und Literatur in wechselseitig austauschendem Verkehr stand, war ihm auch dieser Professor bekannt, der ihm in seiner derben Art ein ganz energisch gezeichnetes Bild des jungen Breitenbach, wie er ehemals war, und wie er jetzt durch den Einfluß seines Bruders geworden war, vor Auge» stellte. „Eine Schande ist's, Herr geistlicher Rath", schloß der Professor seine Siede,„wie der banerutöl ische Fanatiker mir den jungen, talentrollen Niensehen in den wcn'gen Tagen zugerichtet hat. lind wenn ich nicht Ihre vernünftigen Ansichten kennen würde, denen ich zutraue, daß sie dem Hetzkaplan den Köpf znrecht- setzen, ich würde, weiß Gott, die ganze Geschichte einmal als drastisches Beispiel veröffentlichen lassen." (Forlseyung solgl.) L 'V Die„edle Jägerei" im Jeitalter der Reformation. Von I. Sicgert. �ie Jagdgerechtigkeit lag im Mittelalter fast durchgängig in den Händen der Junker oder ��9 adeligen Grnndherren. Außerdem gehörten zn den meisten Klöstern ansehnliche Waldungen, so daß also auch die frommen Klosterbrüder Gelegen- heit fanden, von den Slnstrengnngen des schweren Berufs sich durch das frisch-fröhliche Waidwerk zu erholen. Endlich besaßen einzelne Städte, besonders in Westfalen, Jagdgerechtigkcit. Eifersüchtig wachten die Jagdbcrecht'gten über Wald und Wild, und furchtbar waren die Strafen, die auf die unbefugte Ausübung der Jagd gesetzt waren. Mag. Cyriaens Spangenberg erzählt in seinem „Jagtcnffel":„Es ist zwar nicht sehr lang(Anno 1557 ist mir recht) das der hochwirdige Vater(Gott verzeihe niirs) der Ertzbischoss zn Salzburg einen bawren der Jagt halben hat in ein Hirschenhant vermachen und also Hetzen lassen. Ist im Herbst umb Nnperti geschehen." An einer anderen Stelle sagt er:„Hie solt man nu gedenken, wie etliche umb eines Hasens willen den Unterthanen die angen ausgestochen, hende oder süsse abgehawen, nascn und ohren abgeschnidtcn und dergleichen Unmenschligkeitten an jnen begangen. Aber es wolt lang werden, solchs alles zn erzelen." Obwohl Sachsenspiegel und Schivabenspiegcl, die beide in hohem Slnsehen standen, ausdrücklich erklären, daß eines wilden Thieres wegen ein Mensch an seinem Leben nicht gestraft werden dürfe, so setzten doch Fürsten und Junker, Pfaffen und Städte die Todesstrafe auf den Diebstahl des Wildes. So tvird von Moritz von Sachsen erzählt, daß er einen Wilderer damit gestraft habe, daß er ihn zwischen das Geweih eines wilden Hirsches habe binden lassen. Für de» Bauernstand bedeutete die Jagdlnst der Grnndherren eine furchtbare Geißel. Ohne Murren mußte der Bauer znschen, wenn ihm das Wild die Früchte des Feldes zertrat oder abfraß, wenn Hasen und Siehe, Hirsche und Wildschweine sich von den Früchten seines Schweißes mästeten. Slber warum jagte er Ue wilden Thicre nicht fort? Gerhar i Lorichinö berichtet:„Also hat die Jaehtsiicht nnscre Herrn bestanden, das sie auch ihren Bawren vc- bieten dürffen, das Wild von iren Eckern, feldcn und wiesen zn scheuchen oder abzutreiben, svnde.n zwingen l ie armen Leute, das sie es müssen dulden und geschehen lassen, das inen das Wild alles anff dem felde und in gerten adfretze, und daher wird für einen anffrnrigcn Buben verdanipt, welcher einen Hasen in seinem Krantgarten sehet, oder eine wilde Sawe in der Saat fellet, oder eine Hinde anff seinem stücke schcnsset." lind Spangenberg:„Sie gebieten auch ihren Unterthanen, keine zcnne»och wende ninb ire gerte zn haben, oder müssen die nicht hoch machen, oder die spitzen an zannsiacien abfegen und vergleichen, das ir Wild nnbeschcdigt könne aus und einspringen, den armen Leuten das ire abfretzen und sich also mit derselben sauren sehweis und blnt niesten. Es soll ein gewaltiger Herr seinen Unterthanen geboten haben, keinen Hund zu halten, er habe im dan zuvor der hindein süsse einen gele.net oder abgeschlagen." Wenn aber ein Bauer sich einfallen ließ, eins der zudringlichen Thiere zn tödten, so ging es ihm an's Leben:„ES hat auch ein Herr seiner Unter- lhanen einen(dariimb das derseib esti Schwein ge- feilet) zu kalter Winterszeit in Rhein gejagt, darinnen er so lange stehen müssen, bis er eingcfreren, Weichs im seffi lebenlang an seiner gesnndheit geschadet." Klagen über Wildschäden wurden garnick.t angenommen, und der Kläger hatte»nr Spott und Hohn, oftmals auch Prii.el zn erwarten. Was aber das Wild nicht abfraß oder zertrat, das>v»de vernichtet während der Jagd selbst, das zcrstampsten die Hufe der Siosse. Der Bauer hatte aber auch die Pflicht, sieh direkt für das Jagdvcrgniigen seiner Herren auf»opfern, einmal durch den Zwang, die Hunde des Herrn zn füttern, und dann besonders durch die nnaushörlichen Treiberdienste.„Sie brauchen auch der Bawren an Hundes statt, das sie wie die Hunde bellen, das Wild anfallen. Jagen und hetzen müssen, und machet maus warlich seltzam." Mitten in der Slrbeit mußte der Bauer Pflug und Rechen bei Seite legen, wenn der gnädige Herr seiner bedurfte. Und was tvar der Lohn für treue Dienste? Selten ein Lob, vielfach Schmähungen und Schläge, wenn das Jagdergebnig nicht nach dem Wunsche des Gebieters war.„Wie man sich in Jagten gegen die arme Leute und Bawren verhelt, wissen unser Jünckerlein zn guter masse selber wol, wie sie ans lauter gutdiinckel und stinckender Hoffart sich lassen düneken, sie sind viel besser denn gemeine Leute. Dariimb sie dieselben nicht allein verachten und irer armnt, blosse, einfalt und elends spotten, sondern sie auch anfs ensserst versprechen, schelten, schmehen und lestern, und zn irem schaden verlach.», offtmals ii'el handeln und greulich schlagen, und als woltcn sie dieselbigen zerreissen, wüten, und wie die wilden Thiere gebaren, auch osftmals an ihrer gesnndheit verletzen, oder da sie ongcfehr von einem Wi d beschedigt worden, gleich ihre frende daran haben, und sie also geringer achten, denn die stinckenden Hunde." Hans von Schwartzenburg faßt das Elend der Bauern in folgende Verse: „DaS ist der will des Herren mein Das ich ihm heg viel Hirsch und schwcin Ter Hirte laß die Hund in cht gan Er Heng ihn dan gros Brägel an: lind für das Wild leid ich kein Zaun, Zeuch mir die Jagthnnd schwartz und braun. Zn frönen schickt euch, wenn ich jag Und schonet nicht der Feiertag. Kein holtz hawt ab, es sev denn fach, Das es dein Wild kein schaden mach. Dein Rnddcn schickt mir an die sei»(Säue) Ehe das ich dir den balg erblciv. Zalt, was wir bei euch hau vcrzcrt Das euch nicht böses werd beschert." Daß unter solchen Umständen die Bauern einer fortschreitenden Verarmung entgegen gingen, ist leicht einzusehen. Gleichwohl mußten sie ihre Slbgaben, 4"4 Aie Ticuc Welt. Zllustrirte Unterhaltungsbeilage. ihre Zehnten nnd Stolgebiihren wie seither, ja oft noch reichlicher l'efern. ts's liegt darin eine Niicksichts- losigkeit und eine Härte, die nicht nur nns, sondern auch die lveniger vom Hauch der Kultur berührten Söhne des Mittelalters, soweit sie nicht dem adeligen Elemente angehörte», mit Abscheu erfüllt. „lind wenn ihnen denn alles verderbt wird," ruft Spangenierg,„wo von sollen sie denn der Herrschafft geben nnd dienen? hat auch je jemand solche unbilligteit unter den Heiden erfahren?" Wer hätte aber bei diesen Junkern ein Gefühl für Necht nnd Billigkeit suchen sollen! Bon Jugend ans an einen tollen Lebensgenusz geivöhut, erzogen mit allen Lastern und Fehlern ihrer Borfahren, aus- gestattet mit derselben herkömmlichen geistigen nnd sittlichen Rohhcit, wie Jene, waren sie ein Fluch am Leibe des germanischen Volkes, nnd es hat dreier Jahrhunderte bedurft, mn den Bauernstand ans tiefstem Elend emporzuheben. Daß bei der„edlen Jägerei" für Berwaltnng der Güter, für Pflege und Kunst der Wissenschaft, ja auch nur für den Besuch des Gottesdienstes wenig Zeit übrig blieb, ist erklärlich. Nicht selten kam es vor, daß der Junker, um keine Zeit zu verlieren, Hunde und Falken mit in die Kirche nahm, manchmal forderte er eine Predigt fiir sich allein— daher der Name Jägermesse—, in vielen Fällen mußte die versammelte Kirchgemeinde Stunden lang auf den Beginn des Gottesdienstes warten, da der gnädige Patron noch nicht von der Jagd zurück war. Sebastian Brand, der Verfasser des Narren- schiffes, läßt sich also vernehmen: „Man darff nicht fragen, wer die sein, Bei den die Hund in Kirchen schrei», So man Meß hell, predigt nnd sinkt Oder den dein der Habicht schwingt lind thnt sein schellen so erklingen, Das man nicht beten-kann noch singen," nnd weiter: „Ich that von Thnmbherrn nicht sagen, Tie in den(Schot ihr Wigcl tragen lind meinen, es soll schaden nent, Weil sie sind geborn Cdellent— U. s. IB. Spangenbcrg sagt:„Ich muß hie auch das tadeln nnd als nnb.llich straffen, das viel grosser Herrn ans den Clöstern Hundestelle machen—— etliche sind auch so ehrerbietig gegen ihre Pfarrherrn nnd Seelsorger, das sie ihnen ihre Jagthnnte zu Hanse über den Hals schicken, das; sie ihnen die füttern nnd Herbergen und also die Pfarherrn an etlichen örtern der Herrn nnd Junckern Hnndekncchte sein müssen." lind inm das Treiben auf der Jagd selbst! lieber das heillose Fluchen und Lästern schweigen wir als über keine Spezialität der Jägerei. Aber abgesehen.hiervon bleibt noch viel übrig, das die Gefühlsrohheit des Adels kennzeichnet. Hierher gc- hören in erster Linie die Späße, die die Edelsten der Nation sich mit den ohnehin geplagten Bauern erlaubten. Spangenberg erzählt,„das sie offt andern Leuten in der speise nndewlichs wild fleisch, Fuchs- würste nnd dergleichen zubringen, welches, ob es wohl nicht allein schadet, bringet es doch manchen nmb seine gcsundheit. Ich habe etliche redliche Leute geland, die es ihr Lebenlang nicht verwinden können, nnd bis in ihren tod über solche büberey geklagt haben." Mit welcher Verachtung der Bauer behandelt wurde, lc'en wir an anderer Stelle:„— das einer bey einem Herrn ehe zu gnaden kömpt, wenn er zw.cn oder dreh Balvren tod geschlagen, denn so er einen einigen Hirsch oder Rehe geschossen." Derb schildert Erasmus von Nottcrdam das Gebahrcn der Jäger:„Ich glaube, wenn sie(mit züchte») ein Hnndcsdreck riechen, sie nehmen mit Biesam dafür. Tarnach siehe nur Wunder, ivas sie fiir herrligkeit haben, wenn sie etwa« ein Wild zerlegen sollen. Ninder nnd Henmiel mag ein jeder gemeiner Bauer schlachten, aber das Wild nicht ein jeglicher, er sey denn einer vom Erbarn Geschlecht." Daß bei den Jagdmahlen unbändig getrunken und gegessen wurde, entsprach der damaligen Sitte. Ebenso ist bekannt, daß ans der Jagd auch sinnliche Neigungen ihre Befriedigung fanden, nnd es drängt sich beim Lesen der mittelalterlichen Ehebruchs- geschichten nnwillliirlich ein Vergleich auf zwischen der Achtung, d'e Taeitns noch die Germanen ihren Fr.'.ncn erzeigen läßt, und den ritterlichen Vertretern des jn� primae noctis.„Das aber anff Jagten o ft nnd viel solche schänden begangen werden, zeugen auch zum teil die nnverschampten nnd unzüchtigen Lieder, als da sind: Es reit ein Jeger Hetzen aus, Item: Es ivolt ein Jever jagen, Jagen für jenem Holtz zc. und dergleichen mehr, so einsteils noch nn- stetiger sind."(Spangenberg.) Ilebrigens benutzte man die Jagden auch gern zur beqneineren Beseitigung irgend welcher Feinde. In einer thüringischen Chronik wird folgender Neim angeführt: „Hie ward erstochen Uncdelich Der Pfvltzgvaff von Sachsen Herr Friederich; Das th.'t Grass Ludwig mit seinem Spere, Da er Jagen reit alhere." Das ist in kurzen Strichen ein Bild der Jägerei, wie sie sich in de» Schriften des Mittelalters darstellt. Wir lassen Herrn Hans von Schwartzcnburg noch einmal das Wort: „In aller Heiligen leben Buch Nicht mehr denn einen Jeger such, Zu rechter zeit stall er das ab Solchs dir für ein Exeinpel Hab."— Die"UciHmclschine. Von P. M. Grempe. Nähmaschine ist am Ende des neunzehnten Jahrhunderts wohl die einzige komplizirte maschinelle Vorrichtung, die sich in fast jedem Haushalte vorfindet. Heute, wo überall die Näh- Maschine ein treuer Gehiilfe des Kulturmenschen ist, denkt man kaum daran, daß— abgesehen von der höchst mangelhaften nnd unbrauchbaren Konstruktion des Engländers Th. Saint ans dem Jahre 1790— der erste, wirklich ernsthafte Versuch zur Herstellung einer nähenden Ma'chine erst im Jahre 1804 von Thomas Stone nnd James Henderson gemacht wurde. Diese beiden Männer stellten mit ihrem in Engiand patentirten Apparat eine iiberwendliche Naht in der Weise her, daß sie die Thäligkcit der Hand beim Nähen durch di: Vorrichtung genau nachahmen ließen. Ter zu gleicher Zeit von John Dnncan angefertigte Mechanismus bediente sich des Tambourirstiches und wurde vorwiegend zm» Sticken nnd Häkeln an- gewendet, so daß diese Erfindung fiir die Geschichte der Nähmaschine kaum in Betracht kommt. Mit großer Ansdaner, nämlich vom Jahre 1807 bis 1889 arbeitete der ans Tirol gebürtige Schneider- meister Madersperger in Wien an der Konstruktion einer branchbare» Nähmaschine. Die von diesem Manne im Jahre 1814 der Oeffentlichkeit über- gebene Vorrichtung arbeitete in folgender Weise: die Nadel, welche an jedem Ende eine Spitze nnd in der Aiitte das Lehr hatte, stieg in senkrechter Nich- tnng so lange auf nnd nieder, bis ein Faden von zirka Meter Länge infolge dieses wechselweisen Dnrchstechens verbraucht war; nunmehr mußte die Vorrichtung angehalten nnd eine neue Nadel mit Faden benutzt werden. Von der dann 1839 ver- besserten Nähmaschine hat Madersperger dem poly- technischen Institute in Wien ein Modell geschenkt, welche zeigt, daß hier zwei Hauptrheile die Arbeit verrichten. Tie„Hand" der Vorrichtung stößt zwei Nadeln, die das Sehr an der Spitze haben, durch den Stoff und verknüpft die Fäden durch Umdrehet,; das„Gestell" hat die Aufgabe, den Stoff zu spannen nnd die als Hand bezeichnete Einrichtung an dem Stoffe entlang zu führen. Madersperger's Apparat verdient darum besonderes Interesse, weil er die erste Nähmaschine darstellte, die mit Nadeln, welche das Oehr an der Spitze haben, arbeitete, während die Naht durch Verschlingen mehrerer Fäden erzielt wurde. Einen Erfinder im wahren Sinne des Wortes, d. h. einen Mann, der sich so der Ausführung seiner Ideen hingiebt, daß er acht volle Jahre mit Hunger nnd Roth kämpft, um eine nähende Einrichtung konstrnircn zu können, lernen wir in dem Franzosen B. Thimonnier kennen, der im Jahre 1829 eine Nähmaschine der Oeffentlichkeit übergab, die mit dein Kettenstich arbeitete und dann auch wirklich in einer Anzahl von achtzig Exemplaren ausgeführt nnd lv- nutzt wurde. Nachdem im Jahre 1830 das erste französische Patent auf diese Erfindung erthcilt war, ließ sich Thimonnier in den Jahren 1843 nnd 1848 noch einige Vervollkvmmnnngen seiner Maschine in Frankreich und England schiitzen. Nähmaschinen von nicht besonders großem In er- esse stellten in den Jahren 1830 bis 1819 noch die Engländer Newton, Archbold, Bostwich, Walter, Morey, John Fischer nnd James Gibscn her. ersten rationell arbeitenden Nähmaschinen wurden aber nicht in Europa, sondern in der neuen Welt konsrrnirt. Walther Hunt, ein Mann, der in Amerika in den Jahren>823 bis 1850 mehrere Palente auf sehr verschiedene Vorrichtungen nahm, ließ sich 1834 auch eine Nähmaschine schützen, die zum erste» Male ein Schiffchen benutzte. Da ab.r Hunt kein rechtes Vertrauen zu dieser Maschine hatte, so blieb seine Erfindung fast ganz unbekannt. Elias Hove, den man mit Recht als den eigentlichen Erfinder der Nähmaschine bezeichnet, war im Jahre 1819 zu Spen.er in Nordamerika geboren; nachdem er 1835— 1837 in einer Bamn- wollfabrik gearbeitet, aber durch eine große Geschäfts- krifis seine Stellung verloren halte, trat er in eine Maschinenbananstalt in Cambridge ein. Bald darauf finden wir Hove bei einem eigenthiimlichen Manne, Ari Davis, der in Boston komplizirte Instrumente anfertigte nnd den Ruf eines tüchtigen Erfiiiders genoß. Davis wurde oft von Lenten mit allen niegli.bcn Ideen belästigt, nnd so kam es denn, daß im Jahre 1839 ein Mechaniker und ein Unternehmer zu ihm kamen, nm seinen Rath wegen der Ansführung einer Maschine zum Siricken zu erbitten. Davis aber ließ sich auf leine lange Unterhaltung ein, sondern gab den beiden Männern den Rath, lieber eine Nälßniaschine zu bauen. Durch diese Unierrednng, die der damals zwanzigjährige Hove mit anhörte, wurde in diesem der Geoanie, eine solche Maschine zu konstrniren, wachgerufen. Immerhin ging dieser Mann erst im Jahre 18 13 an die Ausführnng s.ines Vorhabens, als er, mit Roth nnd Entbehrungen kämpfend, siir sich nnd seine Familie den Lebens- unlcr..alt nicht mehr ansreichend verdienen konnte. Von dem Gedanke», das Nähen mit der Hand durch die Maschine einfach»achznahmcn, ausgehend, verbrachte Hove bis Anfang des Jahres 1844 d.e Zeit mit vergeblichen Versuche». Da brachten ihm denn seine Kenntnisse des Webstuhles ans die Idee, die Anfertigung der Nähte in ähnlicher Weise Z» bemerk eiligen, wie die Lereinignng zwischen Ketten- nnd Schußfaden erzielt wird. Trotz des Spottes der„alten, wohlerfahrenen Lcut", arbeitete der junge Hove rüstig an einem Holzmodell. Als er dieses fertiggestellt hatte, gelang es ihm, von einem Schal' freund Georg Fischer die nöthigcn Geldmittel für eine eiserne Maschme zu erhalten, die er während des Winters 1844/43 zur AnSfiihrnng brachte. Nachdem Hove bereits im April 1843 mit seiner Nähmaschine Probearbeite» hergestellt hatte, nahte er im Juni zwei Tnchanziige. Diese erste Näh- Maschine Hove's machte damals bereits dreihundert Stiche pro Minute. Als nun der Erfinder glaubte, die größten Schwierigkeiten überwunden zu haben, da mußte er einsehen, daß er noch den schweren Kampf mit der Gleichgültigkeit nnd der Abneigung der Schneider gegen die Nähmaschine zu bestehen hatte. Als Hove bei einem Wettnähen mit seiner Maschine mehr lei ete als fünf der tüchtigsten Schneiderinnen, da dachte er nnnmehv endlich am Ziel zu sein;— doch eS lief nicht eine einzige Bcstcllnng auf feine Näh- Maschine ein. Gewiß ist hierbei zu berücksichtigen, daß der Preis damals sich auf zirka 1200 Mark stellte; aber dennoch bleibt es unverständlich, wie die praktischen Amerikaner der so wichtigen Erfindung ihres Landsmannes so wenig Interesse entgegen- bringen konnten. Als Hove im September 1846 Patcntirung seiner Maschine erreicht hatte, schickte er Der Hriumpli öer Hepublik. Wroncegruppe von I« L e s p a C o u. Nach einer photographischen Ausnahme. 406 Die Aeue A)elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. scincn Bruder nach England; hier aber war dieser durch bittere Roth sehr bald gezwungen, die Näh- uiaschiue au W. Thomas für 5000 Mark mit dem volle» Fabrikationsrechte zu verkaufen. Allerdings war verabredet worden, das; Thomas für jede von ihm fabrizirte Nähmaschine eine Abgabe von 60 Mark au Elias Hove iu Boston zahlen sollte,— aber der Erfinder hat nie einen Pfennig von den, Engländer erhalten; dagegen verstand es Thomas, die Näh- Maschine als seine Erfindung auszugeben und auf Grund seines englischen Patents aus dem Jahre 1846 von jeder in dem Jnselreiche gebauten Maschine dieser � Art eine Gebühr von 40 Mark zu erheben. Um die Nähmaschine anch für die Herstellung der Korsetts gebrauchen zu können, ließ sich Thomas im Frühjahr 1847 E. Hove selbst kommen. Nachdem der Erfinder die Aufgabe gut gelöst hatte,— wurde er entlassen. Als er im April 184!» wieder nach Amerika zurückkehrte, erfuhr er, daß seine Erfindung mit einigen Veränderungen mittlerweile doch Eingang gefunden hatte. Nach langen Bemühnngen gelang es Hove, seine in London versehte Nähmaschine zurück- zukaufen. Seine nunmehr an die Nähmaschinen- Fabrikanke» gerichtete Aufforderung, die Herstellung aufzugeben oder ihm Abgaben zu entrichten, blieb unbeachtet. Hove strengte daher einen Prozeß an, den er auch glücklich gewann, obwohl sein Haupt- gegner, I. M. Singer, nicht nur nachwies, das Hunt bereits eine im Prinzip ähnliche Maschine vor Hove konstrnirt hatte, sondern anch diesen Erfinder auf- zusuchen verstand und dessen ZNaschine, die seit dem Jahre 1834 ans dem Boden gelegen hatte, als Beweis vorführte. Tie endlich im Jahre 1854 getroffene Ent- schcidung des Gerichtes ist nicht nur darum von Be- deutung, iveil das Patent Hove's als zu Recht be- stehend anerkannt und Singer's Maschine als Patent- verlehung bezeichnet, sondern auch ausdrücklich hervor- gehoben wurde...„daß nicht der geringste Zweifel darüber obwalte, daß der Segen, den die Einführung der Nähmaschine der Menschheit bringe, Herrn Elias Hove zu danken sei." Bis zum Früh- jähr 1867 bezog der Erfinder denn auch eine be- stimmte Abgabe von jeder hergestellten Nähmaschine, dann aber zeigte er eine seltene Ilneigenniitzigkeit, indem er auf die Verlängerung seines Patentes ver- zichtete, indem er erklärte, schon mehr Vermögen zu haben, als er brauche. Bereits am 3. Oktober des- selben Jahres starb Hove. Die Einführung der Nähmaschine in großem Maßstabe bewirkt zu haben, ist das Hanptverdienst Singer's, der auch seine Maschine init dem Schubrad und dem federnden Driickerfuß als Transportvorrich- tung versah. Nach Ausgang des für den Erfinder gut verlaufenen Patentstreites verstand es Singer, noch im Oktober des Jahres 1856 die Vereinigung der vier größten NähmaschiucnfirmcnXHove, Wheelcr & Wilson, Grover& Baker, Singer) durchzuführen. Die von der„Linxer AaunkaetminA Eomxan�" betriebene Fabrikation von Nähmaschinen nahm bald einen solchen Aufschwung, daß im Jahre 1874 die jährliche Produktion fast eine Vicrtelinillion Maschinen ausmacht. Wilson, der sich später mit dem Kaufmann Wheelcr verband, verbesserte die Nähmaschine in der Weise, daß sie sowohl beim Bor- als Rückgänge des Schiffchens je einen Stich machte; später ersetzte er dann das Schiffchen durch einen Drehhaken. Der Schneider Grover, ivelcher mit Baker zusammen eine Fabrik errichtete, veränderte Hove's Erfindung dadurch, daß er das Schiffchen durch eine Einrichtung ersetzte, welche beim Nähen den Knoten- oder Doppelkettenstich er- zeugt. Endlich ist A. Gibbs als Erfinder der Ketten- stich- oder Einfadeii-Nähniaschineii zu erwähnen. Nachdem so die Nähmaschine in ihren Haupt- konstrnklions- Formen überall eingeführt war, ist natürlich der menschliche Eifindungsgeist nicht müßig gewesen, sondern hat rastlos auf neue Verbesserungen gesonnen; so ist es denn erklärlich, daß im Laufe der Jahre diese Maschineuart iu allen Theilc» auf jede Art und Weise vervollkonnnnct Ivurde, wovon die noch jetzt jährlich ziemlich große Anzahl der Patent-Anmeldungen und-Erthcilnngen Zengniß ablegt. Außer den verschiedenartigen Nähmaschinen für Stoffe werden heutzutage noch für alle nur denkbaren gewerblichen Zwecke mannigfache Spezialmaschinen geliefert. Hand in Hand mit dem Ausbau aller Arten der Nähmaschine ist eine Vervollkommnung der Zubehör- theile und der Hiilfsapparate gegangen, tvodurch die Vornahme sehr komplizirter Arbeiten mit Leichtigkeit ermöglicht wird. Um in größeren Betrieben dem Menschen das Treten der Maschine, also die Hauptarbeit abzunehmen, sind natürlich auch von der Technik entsprechende mechanische Anlriebs-Eiurichtungen konstruirt worden, die sich allerdings bisher wenig eingeführt haben. Abgesehen von den wenig rationell arbeitenden Feder- motoren sind in dieser Hinsicht die Wassersäulen- maschinchen und der elektrische Antrieb besonders erivähnenötverth. In Teutschland hat die Nähmaschiuen-Fabrikation immer mehr und mehr an Ausdehnung und Bedeutung zugenommen; der Werth der deutschen Produktion wird auf jährlich 35 Millionen Mark geschätzt. Eine eigenartige Thalsache ist hierbei noch erwähnenswerth: während nämlich Amerika uns in der eigentlichen Näh- maschinen-Erzcugnug bedeutend überlegen ist, liefern wir nach dort dennoch die größte Anzahl der für diese Maschinen gebrauchten Nähnadeln. Wenngleich die Erfindung Hove's bereits äußerst große Verbreitung gefunden hat, so ist doch der Bedarf ein derartiger, daß in Amerika, England, Deutschland und Oesterreich zusammen jährlich 3 Millionen Näh- Maschinen fabrizirt werden können.— Hteber die Icirberei. Von Heinrich Vogel. (Schluß.)'__ us dem früher Gesagten ergiebt sich, daß die 2 rli Lichtechtheit eines Farbstoffes nicht allein von ihm selbst abhängt, sondern anch von der Art seiner Verbindung mit der gefärbten Faser. Methtzleil- blau färbt Baumwolle direkt und lichtecht; auf Seide und Wolle dagegen ist es im höchsten Grade unecht. Auf diesen läßt es sich nicht direkt färben, sondern nur in Form einer Tanninverbindniig unter Mithülfe von Brechweinstein. Gerade in dieser Verbindung wird der Farbstoff allmälig vom Lichte zerstört. Die Kunst des Färbers besteht nun darin, die Farben und Farbenvcrbindungen zu wählen, die sich auf der Faser fixiren lassen, ohne daß das Licht einen merklich zersetzenden Einfluß ans sie selbst oder auf die ge- färbte Faser ausübt. Solche Farben giebt es so- wohl unter den natürlichen wie unter den künstlichen. Eine besondere Art Farbstoffe sind diejenigen, die die empfangenen Lichtstrahlen theilwcise in so- genannte Ultraviolette, dem Auge gewöhnlich nicht sichtbare Schlvingungen ändern. Sie zeigen im reflektirten Lichte eine andere Farbe, als im auf- fallenden. Solche Stoffe, die es unter den kiiust- lichen wie unter den natürlichen Farben giebt, nennt man flnoreszirende oder Schillerstoffe; sie sind wenig lichtbeständig, wie z. B. Eosin. Damit ein Webstoff eine Farbe rein in sich aufnehme, bedarf er oft einer gewissen Vorbereitung. Im rohen Zustande sind mit den Fasern oft Stoffe verbunden, die ihre Benetznng mit der Farbfliissigkeit hindern. Wolle ist in rohem Zustande mit einem Fettstoffe, dein Wollfett, überzogen, Seide mit einem wachsartigen Stoff, Baumwolle mit einem Harze; anch enthält diese Faser einen braunen Farbstoff, ähnlich die Leinfaser. Hierzu kommt bei gewebten Stoffen oft noch Weberschlichte und bei allen noch Schmutz. Sollen schon gebrauchte Stoffe neu gefärbt tvcrden, so sind die noch vorhandenen Farben oft den neu gewünschten hinderlich. Alle diese Stoffe müssen daher erst von der Faser entfernt werde». Dies geschieht in der Wäsche und Bleiche, indem man sie erst in schwach alkalischen Langen kocht. Seide wäscht man nur in einem Seifenbade; dies nennt man degummiren. Bei Baumwolle setzt man zu der alkalischen Lauge vortheilhaft Harzseife. Hierauf werden die Stoffe sorgfältig in reinem Waffer nachgespült und dann gebleicht. Dies geschah früher ausschließlich durch die sogenanine Rasenbleiche, wobei die auf dein Rasen ausgebreiteten Stoffe öfter mit Wasser besprengt werden. Dies dauert bei Baumwolle 2— 3, bei Leinen etwa 6 Monate. Heute werden Leinen und Baumwolle meist mit Ehlorkalklösnng, Wolle, Seide und Stroh mit schwef- 'liger Säure gebleicht. Auch diese sogenannte Schnell- bleiche dauert bei Flachs länger als bei Banunvolle. Alan bleicht crsteren daher oft nicht vollständig und unterscheidet bei ihm eine Ganz-, Dreiviertel- und Halbbleiche. Zmveilen benutzt man zum Bleiche» übermangansaure oder doppeltchromsanre Salze. Federn und Haare bleicht man jetzt ineist»"l Wasserstoffsuperoxyd. Auch die Elektrizität benutzt man schon zum Bleichen, indem man als Bleich- flüssigkeit eine Lösung von Chlormagnesimn anwendet und diese durch den elektrischen Strom zersetzt, wobei das frei tvcrdende Chlor bleichend wirkt. In der Zeugfärberei unterscheidet man Garn-, Stoff- und Lappenfärberei. Letztere besteht im Auf- färben gebrauchter Kleidungsstücke. Erslere sind weilt Groß-, letztere meist Kleinbetriebe. Erster« nutzen die Errungenschaften der Wissenschaft und Technik in weitestem Maße aus, letztere arbeiten oft noch in recht altmodischer, unpraktischer Weise. Was die Farbstoffe betrifft, so sind, wie schon gesagt, die ans dem Thier- und Pflanzenreiche in den letzten dreißig Jahren mehr oder lveniger vollständig durch Thcer- färben verdrängt worden. Für mindestens drei Viertel aller Färbereiarbeiten werden jetzt Theerfarben verwendet, von denen jedes Jahr neue, schönere und Haltbarcrc erfunden werden. Tic Theerfarbenfabrile» haben die praktische Einrichtung getroffen, daß l>c mit den Farben gleichzeitig an die Färbereien spezielle Gebranchsanweisnngen für dieselben geben. Die An- Wendung derselben ist nicht schwieriger, vielfach leichter und kürzer, als die der früher gebräuchlichen Farbe». Auch bei ihnen sind vielfach Beizen wie Tannin, Zinnsalz oder Brechweinstein nöthig, oder Nachspülen in saurem oder schwach alkalischem Wasser, das so- genannte Aviviren. Neben Theerfarben werden am meisteu noch Blan- holz und Indigo verwendet. Tic Farbstofflösnngen nennt man Flotten, die von Indigo Küpen. Für Wolle werden sie kochend heiß, für Baumwolle meist nur wann gebraucht, und die vorher gereinigten und eventuell gebleichten Stoffe in denselben so lange be- wegt, bis der gewünschte Farbenton erzielt ist, wobei beachtet werden muß, daß ein Stoff iu nassem Zustande stets mehr gefärbt erscheint, als in trockenem, weil in letzterem Falle die dazwischcngelagerte Lust den Farbenton abschwächt. Oft müssen anch Stoffe abwechselnd zwei- bis dreimal iu das Färb- und in das Beizbad gebracht werden, ehe sie genügend gefärbt sind, worauf sie iu reinem Wasser gespült werden. Wenn schon iu den großen Zeugfärbereien ein sehr vervollkommnetes maschinelles Verfahren eingeführt worden ist, so hat dies, doch noch weit mehr in den Kattundrnckereien Platz gegriffen. Zueilt trat au die Stelle des in Indien üblichen Hand- drnckcs der Maschiuenplattendnick, dann au Stelle des Plattendrnckes der Walzendrnck, ferner an Stelle des einfarbigen, der mehr- und vielfarbige, wie ihn z. B. die bis 20 Farben gleichzeitig druckende Walzen- druckmaschine einer Firma iu Manchester liefert. Durch das Degummiren und Schälen der Roh- feide verliert dieselbe 23 bis 24 Prozent au Gewicht (Flachs bis 33 Prozent), ein Verlust, der zum Theil später durch den aufgenommenen Farbstoff wieder ausgeglichen wird. Aber man beschwert die lp färbte, namentlich schwarze Seide noch absichtlich durch beschwerende Zusätze zu den Farben und Beizen- Ptan hat diese Beschwerung so weit getrieben, daß man ans einem Pfund Rohseide 4'/- Pfund schwarz gefärbte Seide gemacht hat. Durch eine solche be- trügerische Beschwerung wird anch die Haltbarkeit des Stoffes beeinträchtigt. Zum Färben von Stroh, Holz, Federn, Horn, Knochen, Elfenbein und ähnlichen Stoffen kann man ini Allgemeinen dieselben Farben und Beizen ver- wenden, wie zu den animalischen und vegetabilischen Webstoffeu. Zum Färben von Bernstein kann mau Die Aeue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. 4U7 [ nur Farbstoffe und Löstiiigsniittel verwenden, die ohne zersetzt z» werden, auf 180— 200° C. erhitzt ( werden können, da eine solche Temperatur nothwendig ist, um Bernstein echt zn färben. Alizarin und idiizo ertragen diese Temperatur, Fuchsin und �Methylviolet aber z.B. nicht. Die fortwährende Einwirkung von Nässe und mit 1 verschiedenen Dünsten geschwängerten Wrasen, ver- bnndcn mit häufigem jähen Wechsel von großer Hitze, z. B. in den Trockenränmeu von 35— 50°(l., und unmittelbar folgender großer Kälte, z. B. beim Arbeiten in kaltem, fließendem Wasser, verursachen bei den Märbereiarbeitern häufig rheumatische und katarrha- lische Affektionen. Dazu kommen oft recht empfind- ! liche Erkrankungen an den Händen und Armen durch längere Berührung mit scharfen Stoffen, wie heiße» alkalischen und sauren Lösiuigeu, Chlorkalk, Pikrinsäure, Kalinmbichromat, Zinu'alz und Brechweinstein. Diese erzengen Gewebsentziindungeu und Geschwüre, namentlich an den Fingern. Auch von den Anilin- färben erweisen sich einige entschieden als Hantgifte und erzeugen Geschwüre, wie Naphtholschwarz und Naphtholgriin B. Besonders in der Zengdru.kcrci, >vo die Farben und Beizen im Allgemeinen konzen- trirter verwendet werden, leiden Händen und Wagen oft sehr. Viele der genannten Gesundheitsschädignngen ließen sich meist vermeiden oder mildern durch bessere Ventilation, im Winter namentlich durch Einführung vorgewärmter Luft in die Arbeitsränme und Anbringung eines Exhanstors an der entgegengesetztem Seite. Dabei ist die Arbeitszeit besonders während der Saison gewöhnlich sehr laug und der Lohn sehr gering. Die VerlveNdnng so giftiger Stoffe, wie Blei- zncker und Sublimat, sollte auch verboten werden; denn sie lassen sich jetzt sehr gut durch weniger giftige Stoffe ersetzen, ebenso wie das früher vielfach verwendete, jetzt aber verbotene Schweinfnrter Grün, sie werden aber noch immer benutzt. Hier ist ein dankbares Feld für Färbersachvereine. Auch die Gesundheit anderer Personen, die die gefärbten und bedruckten Stoffe verarbeiten und die Träger der daraus hergestellten Kleidungsstücke leiden bei der Berührung mit auf diese Weise hergestellten Stoffen, wie es z. B. bei mit Bleichromat gefärbter Wolle nachgewiesen ist.— �Jiu)'(�ob unb Skizze von G. Maoasy. t�Ve schöne junge Frau hatte beide Arme auf die Manerbriistnng gelegt und blickte neu- 9�3 gierig nnd erstaunt in die weite, sonnige Landschaft, die sich zwischen dem Gestrüpp hindurch vor ihren Blicken anfthat. So... so schön hatte sie sich die Fernsicht hier nicht gedacht. Verächtlich kehrte sie dem düsteren Park mit seinen feuchten, dumpfige» Lanbgängen nnd mit den ewig gleichen, zugeschnit- I tenen Bäumen den Rücken. Hier draußen war das Reich der Sonne. In weiter Ferne glänzten die Rcb.mhiigel nnd glatte Flächen goldgelben, schwankenden Kornes. Tie weiße, staubige Landstraße mit ihren Pappeln nnd das dunkelgrüne Band des Flusses theilten die blitzende Ebene in drei große Felder, die spitz zusammen liefen, wo sich Fluß nnd Straße vereinigten. Eine breite Brücke mit hochgeschwungenen Bögen bezeichnete diese Stelle. Darüber hing der Himmel gleich einer tief- I blauen Glocke. Unverwandt starrte die junge Frau in das schöne, , lichte Bild hinein nnd begann zn träumen; ein wenig schwermiithig war ihr Träumen nnd ein wenig schläfrig. Die Stille ringsum that ihr wohl nnd sie bevölkerte den klaren, leuchtenden Sommermorgen mit allerlei verworrenen Bildern ihrer Phantasie. Ganz kleine Punkte, die bald da, bald dort in der Ferne auftauchten, deuteten Atenschen an, die auf den Feldern arbeiteten, oder zwischen den Wiesen über die schmalen Raine gingen, ganz kleine Punkte. Mitunter blitzte es vom Fluß herüber, wenn sich die Strahlen der Sonne, die immer höher stieg, in eine der ruhelosen, zackigen Wellen verfangen hatten. Dann zuckle ein jäher Funken ans und warf einen > bleichen, silbernen Lichtsireifcn zwischen den grau- grünen Kronen der Weiden durch. Tann war wieder Alles in gleichmäßige Helle vertheilt. Die junge Frau gähnte»nd rückte es sich ans ihrem hohen Sitze hinter der Mauer znrecht. Die spitzigen Steine zerstachen ihr die zarte, weiche Haut an den Armen. �. Nun tauchten ganz hinten ans der Landstraße wieder zwei dunkle Punkte ans, die sie eine Weile I verfolgte. Langsam, ganz langsam rückten sie näher . so langsam. Tie junge Frau wünschte, es wäre irgend Etwas los in dieser unendlichen Stille, die sie zn bedriicken nnd beängstigen anfing. Suchend glitt ihr Auge über die ganze Ebene bis zu den Bergen, die wie ein violetter Wolkenstreif am Horizont lagen. Aber kein Laut ringsni», keine Bewegung in dem vollen, warmen Sommermorgen. Langsam mühten sich zwei Wanderer über die staubige Landstraße. Der kleine, schwächliche Mann, vorne mit der gelbgriinen Jacke, ging müde und schleppend wie ein Kranker. Er trug eiserne Schellen an den Hand- gelenken und blickte hülslos nach allen Seiten, als suche er von irgend woher eine Rettung. Aber er sah nicht aus, als ob er die Kraft hätte, zu ent- fliehen; jede« Augenblick drohte er zusammen zu brechen. Drei Schritte hinter ihm ging der Feldjäger mit aufgepflanztem Bajonnett. Drohend funkelte die blanke Spitze in der Sonne. Faulen Schrittes ging der Jäger hinter seinem Gefangenen her und spähete nach rechts nnd links ans, ob nicht irgendwo ein Wirthshaus am Wege stehe, in dem er seinen brennen- den Durst hätte stillen könne». War das eine Langsamkeit! Ganz ferne am Horizont sahen sie einen dunklen Streifen, der mit der Landstraße zusammen lief. Gott sei Dank!— dachten sie Beide. Das war die Flur. lind sie ahnten die hellen Häuser des kleinen Städtchens hinter jenen graublauen Sonnennebeln. Endlich wurde der Jäger ungeduldig. Derb stieß er den Mann mit dem Gewehrkolben in den Rücken. „Mach' doch!" sagte er mürrisch.„Das will ja kein Ende nehmen!" Der Mann knickte furchtsam in die Kniee. „Ach Gott!" jammerte er.„Du siehst doch. Wie kann ich denn mit dem Fuß?!" Er fuhr mit beiden gefesselten Händen nach dem rechten Knie hinab. „Ganz wund,... ganz aufgelaufen," sagte er mit zitternder Stimme. „Bill ich schuld?" murrte der Jäger verdrossen. „Hättest Dich nicht gewehrt!" Der Kleine wurde wie von einem Fieberschauer geschüttelt nnd ächzte:„Aber mein Gott... wenn's an das geht... da war's doch mein gutes Recht..." „Ja, Recht...," erwiderte der Jäger roh.„Das hat sich für Dich aufgehört." Tann lachte er, als spinne er den angenehmen Gedanken dieses siegesreichen Kampfes zn Ende»nd schloß gleichgültig:„Ja,... ja... wie man's treibt!" Der Mann wandte sich zaghaft und nnbchiilflich nach rückwärts nnd blickte den Jäger mit seinen blauen, gutmüthigen Augen flehend an. „Ra, meinetwegen!" sagte der, nnd sie blieben nun eine Weile stehen. Der Mann rieb sich mit der äußeren Handfläche der linken Hand nnd mit den Knöcheln der rechten das verwundete Knie. Dabei verzog ein schmerzhaftes Lächeln sein blasses, hüb- schcs, verweichlichtes Gesicht. Der Jäger betrachtete ihn mit erstaunten Blicken. Bei dem Gesicht!— dachte er kopfschüttelnd... Bei dem Gesicht hat cr's getha»?... Dann grübelte er weiter nnd empfand einen instinktiven Haß gegen Jene», der mit einem hübschen, harmlosen Gesicht einen Mord begangen hatte. Und er suchte seineu Haß in Worte zu kleiden. „Vorsätzlich noch dazu!..." sagte er aus seinen Gedanken heraus.„Das ist das Allerschlimmste. Da giebt es nichts Geringes dafür." „Meinst Du?" fragte der Gefangene verzagt und kindlich.„Was denn?" Ter Jäger lachte. „Na, nnd ob!" sagte er wichtig.„Denkst viel- leicht zehn Jahre? Gelt, das wär' Dir recht. Zehn Jahr, das is eine Spielerei— das hat Einer im Handumdrehen weg. Oder fünfzehn Äahr. Na, das wäifl schon waS; das hält an. Aber lebenSlöng- lich, verstehst? Lebenslänglich... das is ganz'was Anderes... das is'was..." Er lachte. Jetzt hatte er ein Mittel gefunden, � sich für die Hitze schadlos zu halten. Und eifrig fuhr er fort:„Schan, lebenslänglich— das knickt die Meisten, weil's ihnen die Hoffnung nimmt. Fünf- zehn Jahre sind laug, aber man hält's aus. Bald ist ein Jahr vorüber, dann kommt das zweite... nnd jeder Tag ist ein Stück nach vorwärts... jeder Tag macht sozusagen ein Stück Hoffnung ans: Jetzt... jetzt!... Aber lebenslänglich— da giebt's das nicht mehr. Da kannst Du nicht mehr nach vorne denken. Du!... Ich Hab' Leute gesehn... Leute, dreimal so stark... wahre Riesen. Wie das erste Jahr um lvar, waren sie dünn wie ein Skelett... im zweiten Jahr fielen ihnen die Haare aus... im dritten wurden die Augen gelb und trocken... nnd im vierten trug man sie hinaus. Ja! Zu allem Anderen hätten sie gelacht..." Der Mann stöhnte und blickte über die Felder weg. Der Jäger konnte sein Gesicht nicht sehen. Er hätte gern den Eindruck seiner Worte beobachtet. Aber der Gefangene schaute unverwandt nach der Stadt hinüber, die noch immer im Duft der Ferne lag, und rieb sich das verwundete Knie. Dann fuhr der Jäger fort:„Aber da giebt's noch ganz andere Dinge, von denen Du gar keinen Begriff hast. Dunkelheit zum Beispiel. Tagelang im Finstern sitzen und sinnen nnd immer weiter sinnen zn müssen. Da heißt's genau Acht geben, Hab' ich mir sagen lassen, denn davon können Viele den Ver- stand verlieren..." „Schrecklich!" seufzte der Gefangene. Mau konnte es kaum hören. Aber der Jäger hörte es doch und lachte kurz auf und sagte:„Ja, das hast Dir nicht überlegt, gelt?" Und nach einer Weile befahl er:„Also vor- wärts!" Sie setzten sich wieder in Bewegung. Dem Jäger war es, als ob der Mann weine. Seine Schultern hoben und senkten sich so seltsam. Ter Jäger empfand ein wenig Mitleid, das sich neben der Schaden- frende regte. „Laß gut sein!" fuhr er fort.„Bis dorihin ist noch lange Zeit!" „Ja!" sagte der Gefangene stöhnend.„Bis dorthin... ist... noch... Zeit..." Seine Stimme klang ganz seltsam. Der Jäger wurde plötzlich mißtrauisch. Er hatte das Gefühl, als ob irgend Etwas nicht in Ordnung sei. „Dreh Dich»in!" herrschte er ihn an nnd unter- suchte die Fesseln auf's Genaueste. Die Stahlringe saßen fest wie in das Fleisch hinein gewachsen nnd die Hände waren roth nnd angeschwollen. Das war es also nicht. Dann betrachtete der Jäger das Gesicht dcS Mannes. Die gutmüthigen, blauen Augen blickten jetzt noch trauriger und hiilfloser drein als früher. Und um den Mund lag ein tiefer, schmerzlicher Zug. Das war's also auch nicht. „Es ist nichts!" dachte der Jäger, der schon Andere eskortirt hatte, als den da. Und wieder ging'S ein Stück vorwärts. Aber 408 Die Neue Welt. Illuftrirte- Unterhaltungsbeilage. sobald der Atann ihm den Rücken gekehrt hatte, kam das mißtrauische Gefühl wieder hervor. Viel- leicht war's diese seltsame Bewegung der Schultern, die sich bei jedem Schritt ruckweise hoben und senkten ... oder die gelbgriine Jacke, auf welcher jetzt die Sonne ihre grellen Lichter tanzen ließ. Halt, das war's! Der Jäger betrachtete die schmutzige, gelbgriine Jacke. Eine so häßliche, sonder- bare Farbe hatte er noch nie gesehen. Woher der Kerl wohl diese Jacke haben mochte. Auf dem Rücken, dort wo die Schulterblätter hervorstanden, waren zwei schwefelgelbe Flecke und auch die Naht, die vom Hals herabzog, leuchtete schwefelgelb. lind immer weiter ging's in der Sounengluth. Fünfzehn Schritte, dann kam eine Pappel, die einen dürren, hungrigen Schatten warf— dann wieder fünfzehn Schritte und wieder eine Pappel... Der Jäger stierte die gelbgriine Jacke vor sich an und dachte an gar nichts mehr als an seinen brennenden Durst. Seine Kehle kam ihm weit und ausgebrannt wie eine ungeheuere Höhle vor. Und die gelben Flecke vor ihm hüpften in der Sonne ans und nieder und schienen immer größer und gelber zu werden. Nun kam die Brücke. Ein dunkles Grün in der Ferne zeigte die ersten Gärten an. Der Gefangene blieb stehen und ächzte. „Es geht nicht mehr!" sagte er.„Schau, es geht nicht mehr. Laß mich nur eine Weile nieder- setzen." „Ach was!" sagte der Jäger gereizt.„Zum Sitzen hast hernach noch lange Zeit." Erst nachträglich fiel ihm der Witz auf und er brach in ein schallendes Gelächter ans, das ihm die gute Laune wiedergab. Endlich sagte er mit vor Lachen halb erstickter Stimme: „ Na, mein'twegen." Mühsam ließ sich der Gefangene auf dem schweren, breiten Eckflein am Briickenfnße nieder. Ter Jäger stand vor ihm und betrachtete ihn. Schwermiithig und resignirt schauten die blauen Augen in die Ferne. Das blasse Gesicht war von der Hitze ein tvenig geröthet, und a if der bleichen Stirn zitterten zwei glänzende Tropfen. Gelangweilt lehnte sich der Jäger an das Brücken- geländer. Er kehrte dem Gefangenen den Rücke» und spuckte in den Fluß hinab. In diesem Augen- blick sah er, wie ein Schatten blitzschnell hinter ihm auftauchte und sich zu ihm beugte. Zugleich fühlte er, wie ihm beide Füße emporgehoben wurden, und ehe er noch eine Bewegung machen konnte, schwebte er auf dem Brückengeländer. Er wollte schreien und griff mit beiden Händen in die Luft hinaus, während sich sein Oberkörper nach vorn beugte. Und gleich darauf erhielt er einen Stoß und verlor das Gleich- gewicht.... Schlver aufklatschend fiel der Körper in den Fluß hinab und verschwand. Ein Sprühregen von weißen Schanmtropfen prallte zischend nach allen Seiten. Dann wurde es still. Lautlos tauchte ein Gesicht hervor und die blanke Spitze des Bajonnctts. Gleich darauf verschwand wieder Alles. Tann griff eine Hand mit weit anscinander- gekrallten Fingern ans der dunklen Flnth— von der Brücke flog ein glänzender, klirrender Gegenstand hinab— ein paar Handschellen. Die irrende Hand unten packte zu und riß die Handschellen in dao Wasser hinein. Noch ein paar Kreise ivarf das Wasser zum Ufer hin, dann jagten sich die Wellen wieder in jähen zackigen Sprüngen.... Ein blasses Gesicht hatte oben von der Bracke in die Tiefe geschaut, bis das Ringen mit der Flnth vorüber war. Dazu bewegten sich die Lippen, murmelnd — vielleicht einen Fluch. Nun richtete sich der Mann in der gelbgriinen Jacke auf. Seül schlanker Körper reckte und dehnte sich in allen Gliedern und wurde lebendig. Mit ein paar Sprüngen hatte er die Landstraße jenseits des Flusses erreicht und eilte nun flüchtigen Schrittes quer iiber's Feld. Als er an den Graben kam, duckte er sich wie ein Panther und sprang in weitem Bogen hinüber. Spähend irrten dann die blauen Augen nach allen Seiten ans: nicht zaghast und schwermiithig, sondern drohend und höhnisch. Nun jagte er mit gebeugtem Leib an der hohen Mauer vorüber, die den ersten Garten hinter den Feldern einschloß. Er sah nicht das todtblciche, entsetzte Frauenantlitz, das von dort oben zwischen den Zweigen hindurch auf ihn niederschante. Wie eine Katze floh er in großen Sprüngen dem engen Pfade zwischen den Gärten zu und verschwand. Drüben im Flusse glänzten die zackigen Wellen, und von den Gebirgen in der Ferne löste sich ein Zug kleiner, weißer Wölkchen los, die ein schneller Sommerwind hoch und höher über den funkelnden .Himmel trug. Gleich einer aufgeschreckten Heerde flatterten sie in's Weite. Still und groß stand die Sonne über dein schtveigenden Lande.— I e u i L t e t o n. -»Hch Landschaft.* Knide ivcit, ßomooft ttiestoin. � tzin Minfimtiev Wasserstrolf ferne, Kin gc>t'drc>tker Streif, wo die Sonne fcmfi, Sie ersten zitternden Sterne. Hlnd fettfcnn treißet der Aßerrdrvind, Km Saufen und Seufzen und Sehnen, At's klagt' in ihm ein menschliches Kerz Am irdisches Leid in Thränen. Wohl taufend Wunsche strichen hinaus Zlrühmorgens mrf muthigen Schmingen; o)ß round seht zurück und flügellahm Sie seufzenden Winde sie ßringen? Sie prüfen, mer meiß es, sicß ßier aufs Wen. Wie'Sögel oor herßstlichen Jährten, chß mirklich auf immer die Klügel gelähmt, Hß sie Kraft noch zum Kchmunge ß ernährten. Wnd Wiele sind längst mit dem Weg vertraut Au des Hlodes schmeigendem Kafcn; Sie andern entflattern Schaar um Schaar, In Klenschenträumen zu schlafen. I. P. Jacobsen. Der Triumph der Republik. Ms im Jahre 1871 die Kommune in Paris uiedergcworfcil war, ivmde auch ein junger Bildhauer, Jules T alou, des Landes fliichiig, um sich der Verfolgung zu entziehen. Unter der Koiumune war er Konservator des Louvre geworden. Er ging nach London. Dort in der Verbannung verdichteten sich ihm die Gedanken der großen Zeit, die er durchlebt, zu dem Plane, in einem gewaltigen Denkmal ein Symbol jener Kräfte, die unsere Zeit bewegen, zu schaffen. So entstand der Entwurf des Werkes, das wir in seiner fertigen Gestalt » Au»„Sesammelt« Werte". Aus dem Däulsch-ii von Marte Herzfeld, Sedtchle don Rodert F. Arnold. Eugen Dtederlch«, Leipzig.— heute zur Abbildung bringen. Erst vor einigen Wochen ivurdc die Einweihnng des vollendeten Denkmals ans dem Nationalplatz in Paris gefeiert, nachdem schon vorher Jahre lang ein mit Bronze überkleidetcs Gipsmodell an derjelben Stelle gestanden hatte. Es ist eine künstlerische Großthat, eines jener wenigen Werke, in denen die neue Weltanschauung zu einem klaren und packenden Ausdruck gckoinmeu ist..poch über dem Wage» steht auf einer Kugel die Ziepublik, ein junges Weib in stolzer Haltung, das die Rechte ivie mahuend und segnend zugleich hebt, während die Linke sich auf dem Stabbündel, dem Symbol der Kraft durch Einigkeit, stützt: in weite Ferne geht der Blick, ernsten Willen künden die ebenniäßigen, fast herben Züge des edlen Gesichts. Iluaufhallsam geht der Zug ihres Wagens vorwärts: zwei mächtige Löiven, in denen die Kraft des Volkes glücklich verkörpert ist, ziehen ihn, der Genius der Freiheit leuchtet ihr die Fackel schiviugcnd porau: die Arbeit, der starke Mann mit Schurzfell und Hainmer, und die Gerechtigkeit, das voll erblühte Weib mit dem Sccpter, dem ein Putto das Attribut, die Waage, voranträgt, helfen das Gefährt vorivärts führen. Zwei Figuren, die hinter dem Denkmal stehen, sind auf unserer Abbildung nicht mehr zu sehen: der Ncberfluß und der Friede, die Blumen streuen ans den Weg, den die Republik genommen... Tic ranze Gruppe ist in sich geschlossen imd baut sich trotz der Fülle der Motive zu einer vollcndeteu künstlerischen Einheit auf. l.nd. ivas uns das Scheuste ist: hier ist wirklich die Sieghaftigkcit der neuen Welt- anschanuiig, das tlnwidcrstehli.de Lordiingen zu einer ileucii schöneren Zukunft mit außerordentlicher Kraft gc- staltet.— Der Rnfnanie der Deutschcu. Ebenso wenig wie ein Individuum, giebt sich em Volk in der Regel den Namen selbst, den es offiziell führt. Gleichviel aber, von welcher Seite dieser offizielle Name staiumcn mag, derselbe gelaugt keineswegs bei den Nachbarn von rechts und links ausschließlich zur Auerkeunimg, diese haben vielmehr für das betreffende Volk oft Beiiamsungcn ein- geführt, die den Trägern selbst fremd oder z»n mindesteu nicht populär erscheinen. Das klassische V.lk des Alter- thums, das sich selbst als Hellenen bezeichnete, ucnueu >vir selbst nach römischem Vorbild Griechen. Italien und die Italiener galten den Deutschen des Mitlcialtcrs als Wälschland und Wälschen, und mit Ungarn bezcichuen lvir eine Nation, die sich in ihrer eigenen Sprache Magyaren heißt. Auch den Deutschen ist cS in dieser Hinsicht nicht anders gcgangeti. Zwar ist ihr offizieller Staute von den i ächstcn kontinentalen Anverivandten, den Holländern, Schweden, Däne» in entsprechender Lautgcstalt akzeptirl worden und hat sich auch auf der Apennincnhalbiu.el als Tedeschi festgesetzt, aber schon auf englischem Sprachgebiet ist derselbe in der Fort» Dutch auf die Niederländer übertragen worden, ivährend daselbst für Ober-»»d Mitteldeutsche das zwar klaffische, aber ursprünglich die ganze Rasse bedeutende Gertiians gewählt wurde. Ticst Spezialisirung des klassischen Mores ist auch von de» Nengriechen und Rnmäuen übernommen worden, welche letztere aber auch die sofort zu besp.echenden aleman und »emts daneben kennen. Dieses aleman ist uns sehe Ivohl ans dem Französischen vertraut, es ist aber weite: auch in die ronianischen Sprachen der Pyrenäen, sowec in die modernen keltischen Dialekte(Wallisisch und Irisch! eingedrungen. Geprägt kann dieses Wort natürlich aut französischem Boden sein, indem die romanisinen Wck'5 franken den Namen des ihnen benachbarten germaniicheu Stammes der Alemannen schließlich auf ganz Deutschland übertrugen. Für eine solche Ucbertragltnz eines Stammes- namens allf ein ganzes Volk bieten sich mancherlei Aua' loga. Bekannt ist, daß die Deut che» im französischen Volksiuunde nach dem vorherrschenden Sta.it, allcrdiug- dann meist i:n übelwollenden Sinn„prussiens-' genanM werden, ebenso daß der Stammesname der Schwabe»>> demselben Sinn b.i den Schweizern für die Reichsdenljchen in Gebrauch ist, was geographisch leicht zu erklären M- aber auch bei den Magyaren, ivaS schon weniger leicht erklärlich scheint. Das eigentliche Schriftivort für de» im ini Magyarischen ist jedoch nemet, dieses aber hat das Magyar i che gleich dem Türkischen aus dem slavischc» Sprachlereich entlehnt, wo es in allen Dialekten Vcr- breitnng gefunden hat. Es bedeutet eigentlich„stnmine, geht also von dem Merkmal der Sprache ans, was uns den Zeugen der slavisch- deutschen Sprachcnkämpfc nicht allzu sel sam dünken wird. Tie polnischen Juden be- sitzen übrigens für die Deutschen im Allgenieinen und sick ihre deutschen Glaubensgenossen im Besonderen noch ei'10 Sonderbezeichnnilg: Aschkenassim. Ob dieselbe von dem Aschkenas der Völkertafel im Iv.Kapitel der Eenesis(V-'J* abgeleitet ist, ob sie gar ans den trojanischen AsrauillS, den Solm des Aencas, zurückgeht, ob sie schließlich mZ dem Gcschlechtsnamen der Askanier identisch ist, laßt sich kaum feststellen. Vielleicht handelt es sich um est� rabbinische Schrulle, die ebendeshalb nicht erklärt werde» kann, weil sie nichts anderes als eine bloße Schrulle ist.'" M. F. Ephen und ein zärtlich Gern Ith Heftet sich an und griint und blüht. Kann es ivedcr Stamm noch Mauer finden, Es muß verdorren, es muß verschtvinden. Eoetd«. Nachdruck des Inhalts verbstci»! verantwortlicher Redalteur: OScar Kühl tn Charlottenliur«.—«erlag! Hamburger«»chbruckeret und BorlagSanstalt Auer& To.