Cit te, te 11, und fte lef ได้ i.h te, ja ant cht Die Neue West fer Gen zur en= 311 Tur her eẞt ich ent bt. bei be= er Nr. 53 ( Schluß.) N Illustrirte Unterhaltungsbeilage. achdem der alte Pfarrer so gesprochen hatte, suchte er mit seinen furzsichtigen Augen nach seinem Zylinder, den er irgendwo hingestellt hatte und jetzt in der bereits eingebrochenen Dämmerung nicht gleich sah. Hier ist er," ſagte Ludwig, und holte ihn von einem Stuhl. " " Danke, danke!" Wollen Sie Licht?" Nein, nein, danke, Herr Kaplan!" Ludwig öffnete die Thür und geleitete seinen Vorgesetzten durch den dunklen Gang nach dem Treppenhause und sah ihm dann nach, wie er vorsichtig und zagend die theilweise dunkle Treppe hinabtappte. Ein verächtliches, bitteres Lächeln umspielte seine Lippen. Dann begann es sich in seinem Inneren zu regen und zu winden in knirschender Wuth, daß er die Fäuste ballte. Von diesem, diesem sollte er sich solche Dinge sagen lassen müssen! Von diesem, der ebenso ängstlich vorsichtig im Leben war, wie er jetzt die Treppe hinunterging, der jedes Mühsal, jede Aufopferung scheute. Ein Mann, der nie gerungen hatte, Alles. gleich genommen, wie es war, der zu feig war, etwas mit Kraft durchzuführen, der über Alles die Behaglichkeit liebte, der seinen dicken Bauch mit Stapaunen und leckeren Speisen mästete und das Hirn von Wein betäubte wie ein Prasser, ein Epifuräer, ein Sybarit?... O, er schüttelte die geballten Fäuste; der durfte ihm solches sagen, ihm, der entbehrt und gelitten und gerungen hatte, um nach des Herrn Wort zu leben! ine che end ich, e ශ්‍රී die ger en, och uf bis her ohl ohl ure ch rent and me ein ter ine er= jah te, git ien ten 18Für ers Doch der Herr wollte nicht, daß man auf seine Nächsten zirne, man sollte sie lieben! Jenen sollte er lieben? Das lohende Gefühl des Hasses drückte er hinab. Herr, es galt nicht Jenem, sondern nur dem Schlechten, das er that. Er begab sich zurück in's Krankenzimmer. Doch die Dämmerung, aus der die weißen Kissen des Bettes leuchteten, und das Stöhnen des Kranken und seine Fieberphantasien machten ihn unruhig. Leise zündete er die Lampe an und begann auf die weiße Stirn des Fiebernden, die leuchtend über dem blutrünstigen Gesichte lag, einen neuen Umschlag zu machen. Plötzlich kam ihm der Gedanke: Wenn er stürbe? Aber wie der Gedanke gekommen war, war er auch wieder weg, und gleich darauf kam der Arzt. Da fragte er doch, nachdem sie den Kranken gemeinschaftlich gebadet hatten:" Sagen Sie, Herr Doktor, kann der Ausgang ein tödtlicher sein?" ,, Exitus letalis," erwiderte der Arzt, ist hier Die Brüder. Erzählung von Hermann Horn. We nicht so häufig, wie man gemeinighin anniuunt, allerdings unser Patient scheint förperlich sehr heruntergekommen zu sein, allem Anschein nach durch heftige, seelische Erregungen oder dergleichen, und man fann nicht wissen. Na, aber nur konsequent, Herr Kaplan! Soll ich Ihnen für die Nacht eine barmherzige Schwester schicken?" " Nein, nein," wehrte er hastig ab. Bald darauf ging der Arzt. ,, Exitus letalis," begann Ludwig vor sich hin zu murmeln und begann hastig die Umschläge zu erneuern. Nur tonsequent, konsequent, das ist die Hauptsache. Aber es begann wieder und summte ihm im Ohr: ,, Exitus letalis". Noch nie hatte er solch eine Stimmung gehabt wie heute. Er war in einer seltenen Aufregung und der faltblütige Gleichmuth seiner Gedanken war fort. War er eigentlich schuld an seinem Tode? Das heißt, konnte man ihm eine Schuld beimessen, wenn der Kranke starb? Sein Gedankengang ward durch Mar unterbrochen, der laut fieberte. Seltsam, wie das heute von Jenem auf ihn überging, wie dieses Gemurmel seinen Kopf umfaßte, wie mit frallender Geierklane, und ihn beugte, daß er athemlos jedem Geräusch lauschen mußte. Es war zu dunkel, das war es, er mußte noch eine Lampe anzünden. Er erhob sich. Doch was beugte ihn da wieder nieder? Dort an der Wand eine ungeheuere, schwarze Gestalt, die eine mächtige Hand mit ungeheueren Krallenfingern nach ihm ausstrecte! Unsinn, das war sein eigener Schatten. Er beugte sich, da beugte der sich auch, er schüttelte die Hand, da that der es auch in schattenhafter Uebertreibung. Wie man ein Pferd zwingt, vor dem Gegenstande, den es scheut, auf und ab zu gehen, ging er einige Male hin und her und beobachtete mit erzwungener Aufmerksamkeit seinen Schatten. Die andere Lampe steckte er nicht an, sondern setzte sich gebeugt an's Bett. Die Füße schlug er unter den langen Priesterröcken, die er noch an hatte, übereinander, und das Haupt stüßte er in die Hand, daß an der Wand gegenüber ein grauschwarzer Berg zu lagern schien. Da begann sein Bruder dicht neben ihm wieder lauter zu sprechen:„ Ach Ludwig, Ludwig, ich habe so Kopfweh...! Und warum denn nicht...? Warum nicht, ich kann's nicht einsehen...! Ich war so glücklich...! O, ich... sterben möcht' ich, sterben...!" Dann war Alles wieder ganz ruhig. 1899 Diese Nuhe packte ihn mit grinsender Angst und trieb ihm die Augen aus den Höhlen. Todt? Er fuhr mit beiden Füßen auf, daß sein Schatten wild an der Wand schwankte, und beugte sich über den Unglücklichen. Unheimlich blickte ihm das bleiche Antlitz aus der Dämmerung entgegen. " Mar," schrie er,„ May!" Keine Antwort. Er fuhr grausend mit der Hand über das Gesicht des Fiebernden, und ein talter Schauer durchlief seinen Körper, als seine Finger die naßkalte Haut spürten. Dann grub er unter der Bettdecke nach dem Herzen. Das schlug noch wild und heftig, er hatte sich ges täuscht, jener lebte noch. Jetzt fing er an im Zimmer auf und ab zu wandeln von einer Seite zur anderen, daß sein dunkler Schatten in schwankenden Stößen an den Wänden entlang huschte. Dabei begann es in seinem Stopfe zu freisen. Wenn man todt ist, so hat der Tod eine Ursache, das war klar, und wenn er die Ursache des Todes seines Bruders war, so war er, das war nicht ab= zuleugnen was denn...? Konnte er nicht mehr denken? Nein, halt, etwas Anderes! Er hielt in seinem Laufen inne. So ähnlich hatte er gekämpft und gelitten, als ihm die Sünde nahe gewesen war, nächtlich, beim einsamen Gebete. Aber er konnte jetzt nicht beten. Die Willenskraft... fort... Die war fort. Was fehlte ihm denn? Was für eine Sünde war ihm denn nahe? Der Stolz, die Streitlust oder... Unsinn, Unsinn... die Neue? Lächerlich, das war ja gar keine Sünde. Er und Neue? der sich nie etwas zu schulden hatte tommen lassen! Wieder begann er im Zimmer hin und her zu laufen. Dabei kam es ihm einen Augenblick in den. Kopf: Warum Du Dir den Schädel nicht an den Wänden einrennst, und er hatte eine Art Bewunderung seiner selbst, als er, wie der Endpunkt eines Wirbelwindes, als drehe ihn eine heimliche innere Macht, dicht vor der Wand jedes Mal auf den Hacken herumflog. Dann aber ging Alles mit ihm in einem wiithenden Kreise umher: Wenn der Tod eine Ursache hat, knirsche es in ihm, wenn der Tod eine Ursache hat, dann... dann... vorwärts, dann war er... wenn der Tod eine Ursache hat, dann... war er ein... Brudermörder! Er brillte auf, wie ein zu Tode getroffener Stier, und seine Stimme schnappte in wahnsinniger 418 Die Neue A)elt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Angst mUtcii über, daß nur ein schauriges Winseln noch zu vernehmen war. Seine£miide krallten sich an der Wand entlang, an der er langsam zu Boden glitt. Dort lag er eine Weile, ohne zu denken, in einer wohlthuenden Betäubung. Dann vernahm er jählings eine Stimme. „So sollst Du elend werden," klang es an sein Ohr,„deshalb, weil Du meine Gebote befolgtest? Soll ich, der Herr, mich den Menschen fugen, oder habe ich ihnen meine Gebote gegeben, auf daß sie nach ihnen leben?" Nun stand er auf in einer erhabenen Ruhe, wie er sie noch nie gekannt hatte. Seines Bruders Phantasien beunruhigten ihn nicht mehr. Ter Herr hatte seine Gebote gegeben, daß man sie befolgte. Und er hatte sie befolgt, wie er für Recht gehalten, mit Bezähmung aller eigenen Triebe und Wunsche, und deshalb hatte er sein Haupt vor den Menschen gerade halten dürfen und hatte sich nicht zu bücken brauchen. Wenn er aber diese Gebote nicht mehr befolgte, wo nahm er dann seinen Halt her? Dann konnte Jeder seinen Stein nach ihm werfen und er hatte keinen Schild, sich zu schützen. Als Mar stöhnte, erneuerte sein Bruder die kalten Kompressen der Stirne. „Nicht ich," sprach er leise und feierlich vor sich hin,„bin schuld an Deinem Tode, mein Bruder, wenn Du stirbst. Ich that nur meine Pflicht, Dich allein trifft die Schuld, weil Du zu schwach warst, des Herrn Gebote lebendig in Deinem Geiste zu er- halten und nach ihnen zu leben." vm. In sechs langen Wochen kämpfte Ludwig dem Tode, der seinen Stempel schon in bleierner Farbe auf das Antlitz des Kranken gedrückt hatte, mit kalt- blütiger Ruhe seinen Bruder ab. Seine Stelle bei dem geistlichen Rath hatte er aufgegeben, um sich ganz der Pflege des Kranken, die er, jede Hülfe hartnäckig zurückweisend, ganz allein ausübte, tvidmen zu können. Keinen Augenblick vergaß er des übernommenen Dienstes. Er hatte seine Lagerstätte in dem Zimmer des Kranken aufgeschlagen, und dort, ohne jeden anderen Verkehr als sein Gebetbuch und den Rosen- kränz, verbrachte er seine Tage, weder zum Spazier- gange, noch zum Kirchenbesuche ausgehend. In langen Stunden der Einsamkeit, wenn sein Bruder schlief oder bewußtlos phantasirte, dachte er über sich und seine Pflichten gegen die Menschheit, den Himmel und seinen Bruder nach, und mit der zähen, hartnäckigen Starrheit seines Charakters hielt er fest und erweiterte, was er früher geglaubt hatte. Die Ereignisse der letzten Wochen drängten ihm mit Macht die Erfahrung auf, wie werthvoll das Fest- halten von gewonnenen lleberzengungen und die Durchführung einer Idee waren, und immer fester ward der enge Ring seiner Gedanken, nach denen er leben und wirken wollte. Mit solcher Zähigkeit hielt er das flackernde Lebenslicht seines Bruders in dessen Körper fest, mit solcher Starrheit scheuchte er den geschmeidigen, beweglichen Geist seines ehemaligen Vorgesetzten von sich, daß dieser die Versuche aufgab, ihn zu seiner klugen, praktischen Lebensauffassung herüber zu ziehen; mit solcher Zähigkeit errang er sich die Bewunderung des Arztes und die Achtung der Hausleute seines Bruders, und wiederum mit derselben Zähigkeit hielt er an dem Gedanken fest, seinen Bruder nach seinen Ansichten zu leiten. Die sinnlichen Vorstellungen des Fleisches, wie er die Auswüchse seiner geknechteten Phantasie nannte, die ihn früher von Zeit zu Zeit immer heimgesucht und ihm Kämpfe verursacht hatten, verloren sich bei der aufopfernden Krankenpflege, und in seinem Denken und Fühlen verdichtete sich Alles so, daß sogar seine Gesichtszüge dadurch eine edlere Form anzunehmen begannen. Die plumpe Nase schien sich zu schärfen, die Ueberfülle der Wangen machte einem größeren Ebenmaße Platz, die wulstigen Lippen schlössen sich fester und schienen Schwung zu bekommen, und selbst das Auge machte einen geistvolleren Eindruck denn ehedem, und das ganze durch die Stubenlnft ge- bleichte Antlitz hatte nicht mehr jenen früher fast brutalen, gewaltthätigen Ausdruck, sondern drückte mehr höhere Energie aus. Sein Gesichtskreis jedoch war immer noch be- schränkt mit seinem nur auf seines Bruders Um- Wandlung gerichteten Wollen. Ohne daß Ludwig es sich je eingestanden hätte, ging sein ganzes Dichten und Trachten doch nur darauf hinaus, durch die Bekehrung seines Bruders die Richtigkeit seiner An- sichten bestätigt zu finden. Dasselbe drängende, unkünstlerische Wollen, dem das weiche, verständnißoolle Erfassen der Gegenstände fehlte, glaubte er unbedingt seinem Bruder zur Ans- Übung einer wahren Kunst nach seiner Anschauung beibringen zu müssen. Denn in diesem Wollen, das ihn etwas lehrte, schien ihm allein die Möglichkeit gegeben, sich Gott zu nähern, und mit einem solchen Wollen sollte sein Bruder nach dem Reich Gottes streben. Während sich die Ansichten seines Bruders auf diese Weise immer berechtigter fühlten, kam Max langsam und allmälig wieder zu körperlichen Kräften. Jedoch, war es die Gegenwart seines Bruders, oder waren es die vor seiner Krankheit vorgefallenen Ereig- nisse oder diese selbst, während der Körper wieder kräftiger aus die Einflüsse der Außenwelt reagirte, schien die Seele immer noch zu schlafen. Nachdem die wilden Fieberphantasien aufgehört hatten, lag er oft stundenlang mit gefalteten Händen, starren Auges vor sich hinblickend, im Bette; höchstens daß einmal ein müdes Lächeln die matten Züge belebte. Er hatte keine Lust weder zum Ausstehen, noch zu sonst etwas, und wenn sein Bruder sich über ihn beugte, dann schloß er in einem ängstlichen, ergebenen Schmerz die Augen, und wenn dieser gar leise versuchte, ihn an die Zukunft zu gemahnen, dann faltete er wie ein Kind bittend die Hände und bat:„Ach nicht, nein, nein, ich bin ja so müde," und sein Gesicht war anzuschauen, als graue ihm vor der Zukunft. Ter Arzt rieth, so bald wie möglich mit ihm an die frische Luft zu gehen, ja, wenn möglich, in diesen vorgeschrittenen.Herbsttagen noch zu längerem Aufenthalt sich auf's Land zu verfügen. Max hatte nur das trübe Lächeln dafür, wie für alles Andere, wie selbst für die Nachricht, daß Marie mit dem Augsblll�er Restanratenr verlobt sei und bald heirathen werde. Tann kam die Zeit, wo er doch das erste Mal ausgehen mußte. Die Leute blickten ihm nach, wie er, bleich wie ein vom Tode Auferstandener, liehen der schwarzen Gestalt seines Bruders dahin schritt. Tie Luft, die ihm früher so wohl gethan hatte, machte ihn frösteln, das raschelnde rothbranne Laub, das jetzt an der Erde trieb und an den Bäumen flatterte, fand seinen Blick nicht, und die grünen Rasenflächen, auf denen die Herbstzeitlosen farbig prangten, vermochten keinen Augenblick die entschlafene müde Seele zu erwecken. Darin brachte auch die Folge keine Aenderung. Nur einmal, als die beiden Brüder die Isar entlang gingen und plötzlich vor dem kochenden Wasserkessel eines kleinen Gefälles, das hier Felsen bildeten, standen, da lief es dem armen Kranken durch den Leib wie eine heiße, gierige Sehnsucht, daß ihm Thränen die Augen netzten. Er konnte sich nicht von dem weißen Gischt trennen, der immer und immer wieder kam und ging, in wildem Anprall, als wollte er die Felsen mit grünem Strahl zer- schmettern, gegen den Widerstand anstürmend, dann in Millionen Fetzen zerplatzend, die sich wieder ge- heimnißvoll brodelnd und wallend sammelten, um thalab zu eilen in lustigem Lauf, nur hier und da auf dem grünen Rücken des eilenden Stromes noch einen perlenden Schaum werfend, der vom Winde getragen zu sein schien. Es kam ihm, er wollte seinen Bruder etwas fragen, er wußte nicht was, nur um zu sprechen. Da sah er dessen Blick kalt über das herrliche Bild hinweggleiten, seine alte Angst kam fröstelnd, und das keimende Leben ward wieder erstickt. Doch so konnte das nicht weitergehen. Hier mußte eine Aenderung geschaffen werden; das fühlte Ludmig's vorwärts, seinein Ziel zustrebender Geist, und er faßte einen Plan: Er wollte heim in den Spessart, und Ntax sollte mit ihm. Eines Abends, als die beiden Brüder des ein- getretenen Regens wegen erst bei eingebrochener Dunkelheit von ihrem Spaziergang heimkehrten, unter dem Maxiinilianeum, durch dessen Bogen hindurch man die treibenden Wolken des Himmels sah, blieb Ludwig plötzlich stehen. „Laß uns einen Augenblick hier um den Bau gehen," sagte er zu seinem Bruder. „Wie," begann er dann, als Max, widerstandslos seinem Willen folgend, die Hände ans dem Rücken, die Augen zu Boden gesenkt, neben ihm unter dem hoch aufsteigenden Bau schritt,„hast Du Dir jetzt eigentlich Deine Zukunft gedacht?" Max sah schwach erstaunt, aber theilnahmlos auf. „Ich," sagte er,„ich weiß nichts, gar nichts!" „Ich habe Dir absichtlich," fuhr Ludwig fort, „nie davon gesprochen, das Vorgefallene habe ich uue. wähnt gelassen, da ich Deinen kranken Zustand berücksichtigte. Aber jetzt, wo Du von Tag zu Tag gesünder wirst, aber trotzdem ohne jede Energie und Haltung, in völliger Erschlaffung die Tinge ihren Lauf gehen läßt, muß ich Dich nothgedrungen daran erinnern; denn, Max, Du hast auch zu büßen und zu bereuen." Max kniff die Augen halb zu.„Ach Gott," wälzte es sich langsam durch sein müdes Hirn, „nun fängt es wieder an!" „Was soll ich denn?" fragte er. „Was soll ich?" eiferte Ludwig.„Du selbst mußt das wissen. Tu selbst mußt das Streben haben, gut zu machen, was Du gethan hast, und Du mußt arbeiten." „Ja, da will ich arbeiten," sagte Max,»ich > will, aber..." er mußte sich hier über die Stirn fahren, wo es so dumpf war und er ein Gefühl hatte, als seien die Massen des Gehirns weit aus- einander gezerrt und fänden keinen Zusammenhang mehr,„aber ich kann ja gar nicht mehr malen, ich kann nicht mehr, Ludwig, ich bin ja so müde!" „Ich werde Dich wieder stark machen," sagte Ludwig,„vertraue nur niir, denn ich kann es.' Er reckte sich straff auf. Max lächelte trübe und bitter, ihn faßte ein heimlicher Groll gegen diesen starren Kopf, es bäumte sich etwas in ihm auf gegen die Gewalt, die ihn unterdrückte, ohne nach seinen Wünschen zu fragen, die ihn so unglücklich gemacht hatte und ihn noch verurtheilte obendrein. „Wir werden zusamnien nach Hause gehen," begann Ludwig wieder,„ich werde Dich lehren, Gott zu verstehen, und dann wirst Du wieder malen können." Max blieb stehen und lachte grell auf— dann schwieg er selbst betroffen. Weshalb hatte er nur gelacht? „Oh," sagte er und wußte nicht, was er sagen sollte. � „Ich will nicht!" sagte er dann,„ich will nicht!" „Max!" rief sein Bruder, verweisend ernst. Da faßte den jüngeren Bruder plötzlich eine furchtbare Wnth, die sich bäumend gegen eine u»- bezwingliche Macht erhebt, wie ein Sklave, der in Ketten gepeitscht wird. „Du, Du, hä, Du Hund!" Und dann erschrak er vor sich selbst und haste doch eine Art Genugthuung, und wandte sich um und lief fort. „Max!" rief sein Bruder ihm nach,„Max st „Hä, Du Hund," dachte er,„rufe. Du Hund, und rannte die Brücke entlang, die hier über die Isar führt. Plötzlich konnte er nicht weiter. Einer neu 3" legenden Linie der Straßenbahn zu Liebe hatte man das Pflaster hier aufgerissen. Das lag nun aller- orts in Hansen geschichtet umher, und düster bren- nende Oellaternen standen darauf und leuchteten der Dunkelheit. Da stand er vor einer Stange, die als Barriere über zwei in den Boden gerammten Psäh� lag, und konnte nicht weiter. „Ach, was nützt es, was nützt es," sprach es in matter Kraftlosigkeit in seinem Jnnern,„er wird wiederkommen und das alte Lied-- das alte Lied wird von Neuem beginnen." Er stöhnte winselnd, und Thränen der Haltlosigkeit kamen ihm in die Augen. cin ner iter irch lieb Ban los en, Dent est auf. 3!" ort, ich and Lag und ren ran mb t," rn, lbst ben und , ich tirn Fiihl ng ich gte 3." ein mte ihn gen, moch " 11," ren, Ten ann nur gen eine in atte und !" d," die 311 an Tercen der als ihle es wird Ried Ind, Jen. " Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Und am anderen Ende der Brücke sah er seines Bruders Gestalt auftauchen. Versteck' Dich vor ihm," raunte cs ihm geheimnißvoll 311." Versteck' Dich." Er lief nach der Seite, wo das Trottoir für die Fußgänger offen gehalten war. Da sah er plöglich in den Strom hinab. Dort unten war auch ein Wasserfall, wie er ihn neulich gesehen hatte; vielleicht war es derselbe. Eine heiße, glühende Sehnsucht tam über ihn, daß ihm einen Augenblick das Blut warm in das Hirn schoß, das wie vertrocknet war. ,, Mach' einmal ein Ende, mach' einmal ein Ende!" schrie es in ihm, dann ist Alles vorbei!" " ,, Ach ja, ach ja!" und er schwang sich auf das Geländer und sprang in weitem Schwunge in die Dunkelheit, die nur der Gischt des Wassers zu erleuchten schien. In demselben Augenblick kam Ludwig herbeigestürzt. Athemlos starrte er in das tosende Wasser binab. Mar!" rief er," Mar!" " Keine Antwort. Nur das Wasser toste, und das Nauschen der Bäume war von dem fernen Ufer zu vernehmen. Da tauchte in einem Augenblick dem auf das Wasser Hinunterstarrenden die Stube des mütterlichen Hauses auf, er sah sich unter die Vorhänge der Wiege gucken, seine Mutter blickte aus den hoch= gethürmten Federbetten, und Du mußt auf ihn aufpassen!" hörte er ihre Stimme. " 1 „ Ho, ho," lachte es in seinem Innern,„ es miißte der Herr nicht sein, wenn er ihn untergehen ließe, er verleugnete ja sich selbst!" Und da Nochmals schrie er: Mar! Mar!" vermeinte er einen schwarzen Gegenstand aus dem weiß schimmernden Schaum auftauchen zu sehen. ,, War!" schrie er nochmals, halte Dich, ich komme!" Er schwang sich auf's Brückengeländer. " Herr, Du mußt ein Wunder thun," schrie es in seinem Innern," Du willst eins thun," jubelte es; und in einem gebückten Saze, immer den schwarzen Gegenstand im Auge behaltend, sprang er in die Tiefe hinab. Die schwarzen Röcke schlugen ihm um den Kopf zusammen und flatterten gespenstig über der massigen Gestalt, die flatschend durch das Getöse gegen die Felsen schmetterte. " * * * Hu, was ist's?" schrie es oben auf der Brücke, und zwei Männer, die von beiden Seiten der Brücke herbeigeeilt waren, sahen einander mit ängstlichem Grausen in's Gesicht. " Haben Sie's gesehen?" " Ja, ja!" Da ist er!" Unterhalb des Falles, wo eine einsame Laterne ihr Licht über die Wellen sandte, die hier einen trichterförmigen Strudel bildeten, ging langsam etwas Dunkles, ein menschlicher Körper, im Kreise hin und her und konnte nicht von der Stelle. Plötzlich schleuderte es ein zweites schwarzes Ding dazu, einen Augenblick bewegte es sich gleichmäßig im Kreise umher, dann stieß das eine auf das andere und durch die gemeinsame Schwere wurden beide Gestalten aus dem Strudel in die Strömung des Flusses geworfen, die sie reißend bergab trieb. " Zwei sind's," flüsterten einander die Beiden oben zu. Am anderen Tage stand in der Zeitung ein längerer Bericht, der sich mit diesem Vorfalle be= schäftigte und viel von aufopfernder Bruderliebe sprach. Ende. „ Kenn', Kunde, kenn'!" Von Manfred Wittich. 1 " Was das Auge ehen macht wahr!" sieht, das glaubt das Herz!"- Und wer sehen gelernt hat, der weiß, der hat Wissenschaft von einer Sache. Aber wie viele Menschen können denn sehen? Mit all' ihren Brillen und Fernröhren und Mikrostopen sehen und erkennen unsere Zeitgenossen oft das Allernächstliegende nicht! Es ist ein Unterschied zwischen Sehen und Ansehen, Beobachten! Die Augen stehen bei uns Allen am Tage wohl auf, aber Vieles, was wir recht wohl sehen könnten, sehen wir nicht, einfach deshalb, weil wir nicht hinsehen. Ein Beispiel dafür! Von einem Professor der Medizin an der Universität Leipzig ist folgender Schwank bekannt. Nach dem er seinen Studenten auseinandergesezt hatte, wie wichtig für den Arzt genaues Beobachten sei, erklärte wichtig für den Arzt genaues Beobachten sei, erklärte er: Nun will ich einmal priifen, wie es mit Ihrer Beobachtungsgabe, meine Herren Kommilitonen, bestellt ist! Sehen Sie genau her, meine Herren! In dieser Untertasse habe ich eine abscheulich schmeckende dieser Untertasse habe ich eine abscheulich schmeckende Flüssigkeit! Ich tauche den Finger hinein und führe ihn zum Munde" und er machte den Herren Kommilitonen das vor ,, ich werde keine Miene verziehen! Versuchen Sie es nun auch!" " Die Untertasse mit dem Teufelssaft machte die Runde, und jeder der Kostenden machte die greulichsten Grimassen. " Meine Herren!" bemerkte nun der Professor, ,, mit Bedauern stelle ich fest, daß von Ihnen Allen Keiner die für einen Arzt, in dessen Hand das Leben von Tausenden gejeben ist, nöthige Beobachtungsgabe besitzt. Sie Alle haben sammt und sonders nicht beobachtet, daß ich in diese scheußliche Flüssig feit den Zeigefinger eingetaucht, aber wohlweislich nicht diesen, sondern den Goldfinger oder Ringfinger zum Munde geführt habe! Also bitte ich Sie, lernen Sie genau sehen, genau und richtig be= obachten, sonst rathe ich Ihnen ab davon, Aerzte werden zu wollen!" Es ist ja nur zu begreiflich, daß der blasirte Kulturmensch, namentlich der Großstädter, mehr passiv als aktiv sieht; ohne Selbstbetheiligung und Interesse eilt er, der immer nothwendig hat, weil Zeit Geld ist, an tausend Dingen vorbei, di: den Landmann fesseln und halten würden. Nicht, weil er die Dinge schon genau kennt, nein, er sagt sich: „ Ich kann mir's schon denken!" Er bildet sich ein, die Sache zu kennen und ist zufrieden. Wie es ihm in der Stadt geht, so auch auf dem Laude, wo er noch weniger zu beobachten und zu sehen versteht, so daß gar viele„ gebildete" Städter Weizen von Gerste, eine Tanne von einer Fichte nicht unterscheiden können. Ganz anders steht der Natur und Außenwelt ein Mensch gegenüber, der sich tagtäglich in der freien Natur bewegt, mit ihr in stetem Verfehr steht: Bauern, Jäger, Fischer usw. Auch die Naturvölfer sind bekanntlich äußerst seine Beobachter. Wem sind nicht aus Cooper's Lederstrumpf- Erzählungen, den hochpreislichen Indianergeschichten, die einst unser Entzücken hervorgerufen haben, die Proben von Scharfsichtigkeit und Scharfsinn der Nothhäute bekannt?! " Aehnliche Proben schärfster Beobachtung giebt in dem Hauff'schen Märchen Abner, der Jude, der nichts gesehen hat" und doch ganz genau das Wachtelhündchen und das Leibroß des Sultans Muley Ismael beschreibt, die entlaufen sind und gesucht werden. " Er schildert den verlorenen Hund auf's Genaueste folgendermaßen:„ Es ist fein Hund, es ist eine Hündin, ein fleiner Wachtelhund, der vor Kurzem Junge geworfen, langes Gehänge, Federschwanz, hinkt auf dem rechten vorderen Bein." Woher weiß das aber der Jude Abner, der der vollen Wahrheit gemäß hoch und theuer versichert: „ Ich habe keinen Hund gesehen!" Im Verlauf der Erzählung erklärt er die Sache so:„ Da gewahrte ich im feinen Sand die Spuren eines Thieres; ich, dem die Spuren der Thiere überaus gut bekannt sind, erkenne sie alsbald für die Fußtapfen eines kleinen Hundes; feine, langs gezogene Furchen liesen über die kleinen Unebenheiten des Sandbodens zwischen diesen Spuren hin; es ist eine Hindin, sprach ich zu mir selbst, und sie hat hängende Zigen und hat Junge geworfen vor so und so langer Zeit; andere Spuren neben den Vordertaßen, wo der Sand leicht weggefegt zu sein schien, " 419 sagten mir, daß das Thier mit schönen, weit herabhängenden Ohren begabt sei; und da ich bemerkte, wie in längeren Zwischenräumen der Sand bedentender aufgewühlt war, dachte ich: einen schönen, lang behaarten Schwanz hat die Kleine, und er muß anzusehen sein als ein Federbusch, nur hat ihr beliebt, zuweilen den Sand damit zu peitschen; auch entging mir nicht, daß eine Pfote sich beständig weniger tief in den Sand eindrückte; leider konnte mir da nicht verborgen bleiben, daß die Hündin meiner gnädigsten Frau, wenn es erlaubt ist es auszusprechen, etwas hinke." Das entlaufene Roß schildert Abner, ohne es gesehen zu haben, ebenfalls auf das Genaueste: „ Der beste Galoppläufer, den es giebt; zierlich klein ist sein Huf, seine Hufeisen sind von vierzehnlöthigem Silber, sein Haar leuchtet golden, fünfzehn Fäuste ist er hoch, sein Schweif ist drei und einen halben Fuß lang, und die Stangen seines Gebisses sind von dreiundzwanzigkarätigem Golde." Und von wannen ihm diese Wissenschaft kam, schildert der scharfsinnige Jude folgendermaßen: " Was das Roß Deiner Hoheit betrifft, so wisse, daß ich, als ich in einem Gang des Gebüsches hinwandelte, auf die Spuren eines Pferdes aufmerksam wurde. Kaum hatte ich den edlen, kleinen Huf, den feinen und doch starken Strahl bemerkt, so sagte ich in meinem Herzen: Da ist gewesen ein Noß von der Rasse Tschenner, die da ist die vornehmste von allen. Ist es ja noch nicht vier Monate, hat mein gnädigster Kaiser einem Fürsten in Frankenland eine ganze Koppel von dieser Nasse verkauft, und mein Bruder Ruben ist dabei gewesen, wie sie sind handelseinig geworden, und mein gnädigster Kaiser hat dabei gewonnen so und so viel. Als ich sah, wie die Spuren so weit und so gleichmäßig voneinander entfernt waren, mußte ich denken: Das gal ppirt schön, vornehm, und ist blos mein Kaiser werth, solch' ein Thier zu besigen... Und ich bückte mich, da ich etwas glänzen sah auf dem Boden, und siehe, es war ein Marmelstein, darauf hatte das Hufeisen des eilenden Rosses einen Strich ge= 3cgen, und ich erkannte es, daß es Hufeisen haben mußte von vierzehnlöthigem Silber; muß ich doch den Strich fennen von jeglichem Metall, sei es e.ht oder unecht. Der Baumgang, in dem ich spazierte, war sieben Fuß weit, und hie und da sah ich den Staub von den Palmen gestreift; der Gaul hat mit dem Schweif gefochten, sprach ich, und er ist lang drei und einen halben Fuß; unter Bäumen, deren Krone etwa fünf Fuß vom Boden anfing, sah ich frisch abgestreifte Blätter; seines Rückens Schnelligkeit muß sie abgestreift haben; da haben wir ein Pferd von fünfzehn Fäusten; siehe da, unter denselben Bäumen kleine Büschel goldglänzender Haare, und siehe da, es ist ein Goldfuchs; da fiel an einer Felswand ein Goldstrich in mein Auge... Der Strich mußte von den Gebißstangen des flüchtigen Rosses rühren, die es im Vorbeispringen gegen dieses Gestein gerieben." Nach Ablegung einer solchen Scharfsinnsprobe stimmen wir gern dem verwunderten Ausruf Muley Ismael's zu, der bei Hauff in die Worte ausbricht: ,, Nun, bei Meffa und Medina! das heiß ich Augen! Solche Augen könnten Dir nicht schaden, Oberjägermeister, sie würden Dir eine Koppel Schweißhunde ersparen; Du, Polizeiminister, könntest damit weiter sehen, als alle Deine Schergen und Aufpasser." Abner, der Jude, ist aber auch in den meisten Theilen seiner scharfsinnigen Beobachtung Mann von Fach; so ist er im Noßhandel mit allen Eigenschaften des Pferdes vertraut worden, seine Metallkunde ist zw. felsohne. So ein Fachmann sieht ein Ding ganz and. s an wie der Laie, denn er hat dasselbe Ding nahe in Tausenden von Exemplaren gesehen und weiß daher, daß man genau hinsehen muß, um zu erkennen, worin ein Eremplar von dem anderen abweicht. Das lernt er aber auch vom genauen Hinsehen. Wenn wir europäischen Städter in unseren 300logischen Gärten einmal eine Gesellschaft Neger zu sehen bekommen, sehen diese Schwarzen anfangs für unsere Augen Alle gänzlich gleich aus; erst allmälig und bei längerem, genauerem Beobachten und Ver 420 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. gleichen werden wir den Unterschied der Gesichter und sonstigen Formen gewahr. Zahlreiche Reisende berichten die nämliche Erfahrung, daß die Verschiedenheiten der Individuen bei fremden Völkern außer ordentlich mannigfaltig sind und doch erst allmälig dem europäischen Beschauer zum Bewußtsein kommen, weil anfangs das Allen Gemeinschaftliche, sie von den Europäern Unterscheidende nachhaltig und hauptsächlich wirkt und die Verschiedenheiten der Einzelnen in den Hintergrund drängt. In das Gebiet des Fabelhaften steigt allerdings der Viehzüchterscharfsinn, den Hejdrik im schwedischen Räthsellied an den Tag legt. Ihn fragt Gester: Ihn fragt Gester: Wie war das Wunder: Ich draußen gewahrte, Mit zehn der Zungen, Mit zwanzig Augen, Mit vierzig Füßen, Schritt langsam einher. Hejdrit: Wenn du bist Gester, Wie ich vermuthet, So bist du weiser noch Als ich dich glaubte. Und eine Saut ist's, Von der du redest; Du sahst sie draußen, Im Hofe dort. Und die Sache stimmt! Hejdrik läßt sofort das Schwein schlachten, das mit neun Ferfeln trächtig ging; das hatte also richtig 20 Augen und 40 Füße und schritt langsam einher. Frage und Antwort nach Facheinzelheiten, nach üblichen Bräuchen, Kunstausdrücken usw. des Handwerks, bestimmte Griffe und Hantirungen dienen in den Handwerksgrüßen und Handwerksbräuchen als Erkennungszeichen, als Ausweis, daß Einer zur Zunft. gehört", von der Kunst, vom Bau" ist. Diese Dinge, welche heutzutage als abgethan und überlebt betrachtet werden, hatten einst ihren hohen Werth, ihren guten von allen ,, Kunden" wohlgekannten und gewürdigten Sinn, genau wie die umständlichen Zeremonien der altdeutschen Volksrechte, die man auch von wissenschaftlich erhabenem römischrechtlichen Standpunkte einfach für Narrentheidiger, abenteuerlich Schimpfpossen, gar irrationabiles und der Vernunft zuwider" erklärt hat. " In den Handwerksgrüßen ist das Erkennungszeichen, gewissermaßen das Losungswort, der Zugehörigkeitsnachweis des Eingeweihten zum Bunde zu sehen. Mochte der walzende deutsche Geselle in Naugard oder Madrid oder Köln vorsprechen: Zunft brauch, Zunftspruch und Zunftzeremonie wiesen ihn als Bruder und Genossen aus. Das greift aber noch in höhere Gebiete. Wir sahen schon neulich, daß Räthselfragen und Wizproben dazu dienten, über die wichtigsten Dinge frommgläubiger Zeiten, über Religionsangelegenheiten dem Fragenden Kunde davon zu geben, weß Geistes Kind der vor ihm stehende Gefragte sei. So wird förmlich der ganze altgermanisch- heidnische Katechismus abgefragt im Wafthrudnirlied, ähnlich im Alwißliede, in welchem der Gott Thor den Zwerg Alwiß fragt, wie verschiedene Dinge heißen in der Sprache der Menschen, der Asen( Himmelsgötter) der Unterirdischen, der Riesen, der Alfen( Lichtgötter) und der Wanen( Wassergottheiten). Das war in mittelalterlich- christlicher Zeit nicht anders. Theologisch, das ist geistlich gelehrt, sind die Räthsel in dem merkwürdigen Lehrgedicht vom Wartburgkriege, in dessen zweitem Theile der ZaubererSänger Klingsor aus Ungarland und Wolfram von Eschenbach sich einander mit theologisch- mystischen Näthselfragen gegenseitig erproben. = 9 Den nämlichen Zug finden wir in den Sch, len der handwerklichen Meistersinger in den Städte des späteren Mittelalters wieder. Auch bei ihnen wurde der neue Ankömmling oder Bewerber um die Weisterschaft auf seinen Scharfsinn, seine Fachkunde, sowie auf kirchliche Rechtgläubigkeit und Beschlag.uheit in der Lehre gepriift. Er muß mehrere schwere Fragen, Räthsel rathen, errathen, lösen, deuten; man sagte auch wohl, er soll den„ Haft, Knoten, Strang, Strick, Bund lösen, aufschließen oder aufbinden", und so seinen Befähigungsnachweis" führen. Auch die fahrenden Sänger, die das Bindeglied zwischen ritterlichem Minnesang und stadtbürgerlichem Meistersang gebildet zu haben scheinen, hatten sicher diesen Brauch. diesen Brauch. Die prüfende Behörde aber ist bei diesen meist Einer aus der Gesellschaft, oder ein erfahrener Sänger ant Ort, der mit dem Fremden die Konkurrenz aufnimmt und das Feld zu be= haupten sucht. " Wenn Einer eine Reiſe thut, Dann kann er was erzählen." Und fonimt so ein fremder Fahrender daher, sei er min ein Pilger, der vom heiligen Grabe kommt, oder sei er nur Unterhaltungssänger, Spruchsprecher, Freiheit oder Freiheiter oder ganz gewöhnlicher Gaukler: er hat doch Welt gesehen, wie schon jener Tragemund des erzählenden Gedichtes von Orendel, von dem es heißt: Da fam ein armer wallender Mann, Der wollt zu dem heiligen Grabe gahn, Er war genannt Tragemund, Jhin waren 72 Königreich' fund. Der Name Tragemund ist stehend geworden; die Einen bringen die Bezeichnung mit dem or en talischen Wort Dragoman Dolmetscher, llebersezer zusammen, die Anderen( wie Grimm) mit Trag.bodo, Traboto, was so viel wie Bote, Pilger, Gast bedeuten soll. In dem von Uhland in seiner Volksliedersammlung gebotenen Tragemundlied wird der Ankömmling begrüßt und gefragt: Nu sage mir, Meister Tragemund, Zweiundsiebzig Länder sind dir fund, Welcher Baum trägt ohne Blüthe? Welcher Vogel fängt seine Jungen?... Was ist weißer als Schnee? Was ist schneller als das Neh?... Was ist höher als der Berg? und manches Andere. Die Antworten auf oben ausgehobene Fragen lauten der Reihe nach: Der Wachholder( der zwar nicht ohne Blüthe trägt, aber dessen Blüthe ganz unscheinbar ist). Die Fledermaus. Die Sonne. Der Wind. Der Baum( nämlich der, welcher auf der Spize des Berges steht). Sind die Räthselfragen glücklich gelöst, so lohnt den fremden Sänger Beifall, Ehrenauszeichnung durch den Kranz von Blumen und Bändern, mehr oder minder werthvolle Gabe vom kühlen Willkommtrunk bis zu reichem Geldgeschenk. Aber auch ohne zünftigen Sänger übte mittelalterliches Volk in deutschen Dörfern und Städten Räthsellied und Räthselspiel bei den Abendtänzen" auf Gassen, Plägen und Brücken, wo um den Kranz" gesungen und gerathen wurde. So schildert Sebastian Frank in seinem ,, Weltbuch" 1542 den Brauch des Johannistages in Franfen: Die Maid( Mädchen) machen auf diesen Tag Rosenhäfen also: si lassen inen( si)) machen Häfen( Töpfe) voller Löcher, die Löcher fleiben( fleben) si mit Rosenblettern zu, und stecken ein Licht darein, wie in ein Latern, henken nachmals diesen in der Höhe zum Laden heraus. Da singt man alsdann umb ein' Kranz Meisterlieder; sunst auch oftmals im Jahr Kranz Meisterlieder; sunst auch oftmals im Jahr zu Sommerszeit, so die Maid am Abend in ein Ninj herumsingen, kummen die Gesellen in Ring und singen umb ein Kranz, gemeinlich von Nägelin( Nelken) gemacht, reimweis vor: welcher das Best thut, der hat den Kranz." Die Berliner Schürzenkonfektion. A Von Otto Breitmann. In den Fenstern des Zimmers sißen sie einander paarweise gegenüber. Manchmal nur ein Paar der Mädchen an einem Fenster, oft aber auch zwei. Vorn die Aelteren, weiter zurück oft aber auch zwei. Vorn die Aelteren, weiter zuriick im Zimmer die Jüngeren. Das eine Mädchen hat * Diese waren damals noch nicht, wie seinerzeit der sächsische Kriegsminister von Fabrice in der sächsischen Kammer von der Dresdener Augustusbrücke sagte:„ in erster Linie Militärstraßen", sondern gehörten dem Volf, wie heute noch in freien Ländern. gerade eine lange Reihe weißer Battiststreifen in der Hand, und läßt sie unter der Nadel fortgleiten, so daß sie jenseits der Nähmaschine einen duftigen Hiigel bilden. Ein anderes Mädchen schiebt ein großes Stück gemustertes Zeug, in dem kleine Wellenlinien nebeneinander laufen, über die rasselnde Maschine. Es ist eben dabei, die Fonds, die großen Mittelstücke der Schürzen zu säumen. Und da es aus dem neben ihm stehenden Korbe immer wieder einen Fonds nimmt und ihn an den soeben gesäumten, noch halb auf der Maschine liegenden, halb herunterhängenden Fonds schiebt, ohne den Faden durchzureißen, so bildet sich vor ihr und um sie eine ganze Wolke des zarten Stoffes, den die Schürzenfabrikanten Zephyr nennen. Ein drittes Mädchen sekt zwischen Stücke großblumigem Organdy zarte Spizenstreifen. Ein Vertes benäht marineblauen Satin- Augusta mit schrägstreifigen, lebhaft gefärbten Blenden. Andere umnähen die fertigen Fonds mit faltig geschobenen Stickereien oder mit Volants, die mit Soutache und blumigen Besatstreifen versehen sind. Alle haben sie Körbe neben sich, aus denen die zugeschnittenen Stoffe, die Soutachestücken, die Blenden, Spizen und Stickereien quellen. Alle sind sie halb verhüllt von den duftigen Geweben. Ihre Ecke ist ein wunderbares, zartes Durcheinander von sanften, lichten Farben, gehoben von einigen Flecken greller Töne. Und Alle schieben sie mit unbeschreiblicher Eile ein Stück nach dem anderen unter die Nadel, die von dem durch die Fußbewegungen in Gang gehal tenen Triebwerk der Maschine so rasch auf und niedergezogen wird, daß sie nur wie Geflimmer zu sehen ist. Gilt es doch, gleich volle Dußende der Gehänge, der Tändel- oder Kinderschürzen fertig zu ſtellen. Weiter hinten im Zimmer steht der Nähstubenbefizer vor einer großen Platte, auf der die ganzen Stücke Stoff liegen. Er schneidet die Schürzen zu, auch immer gleich dugendweise. Nicht weit von ihm sist seine Frau. Sie fräuselt Stickerei auf einer kleinen Maschine, deren von glühenden Bolzen erhitte Walzen kleine Nillen zeigen, die sich in die angefeuchtete Stickerei drücken. So etwa sieht eine der zahlreichen Berliner Nähstuben aus, in denen die feineren Schürzen gefertigt werden, mit denen sich Sonntags oder in freien Stunden die Hausfrauen schmücken. Der genaue Lauf der Herstellung einer Schiirze ist der folgende: Eine der zahlreichen Berliner EngrosSchürzen- Firmen, die besonders in der Nähe des Neuen Marktes und auch beim Dönhoffplatz wohnen, giebt ihren Arbeitern, d. h. den mehrere Mädchen und Frauen beschäftigenden Nähstubenbesißern, Proben von den neu eingekauften Stoffen und Geweben mit, aus denen diese die Muster zusammen zu stellen haben. Im Oktober und März ist diese Musterzeit. Außerdem wird aber noch mehrmals in der Zwischenzeit nachgemustert. Die Stoffe kommen meist aus dem Vogtlande, ebenso die Stickereien. Die feineren, 31 Blenden und Besatstreifen verwendeten Satins, die oft einen sanften Seidenglanz und warme Weichheit haben, werden dagegen aus Frankreich und dem Elsaß bezogen. Viele Webereien haben ihre eigenen Lager in Berlin, doch giebt es auch viele Geschäfte, die nur mit den außerhalb aufgekauften oder bestellten Stoffen handeln. Von den Nähstubenbesizern werden beim Abliefern der Muster gleich die Preise angegeben, die sie für das Herstellen pro Dugend der Schürzen verlangen. Nur wenige der Händler bewilligen sofort die geforderten Preise. Meist drücken sie die Preise herab mit der Bemerkung, daß ein anderer Arbeiter dieselbe Schürze für das halbe Geld liefere. Es kommt aber auch recht häufig vor, daß die Arbeiter selbst einander unterbieten, um ja recht große Posten bestellt zu bekommen. Da erhält dann der, welcher die Muster geliefert, sich beim Zusammenstellen und Ausdenken neuer Zusammenstellungen gequält hat, oft nur wenige Dußend bestellt, während ein Anderer, dem der Geschäftsmann das andere Muster zur Kalfulation vorgelegt und der es billiger berechnet, die Hauptlieferung bekommt. Auf diese Weise hat man es erreicht, daß jezt das Duzend Tändelschürzen schon für 30 und 35 422 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Pfennigen an die Geschäfte geliefert wird. Diese Schürzen sind allerdings die einfachsten Muster, nur mit einem glatten Streifen eingefaßt und mit gewöhnlichem Gurt und Band befeßt. Da aber der Zwischenmeister für das Hin- und Herschaffen des Stoffes und der Schürzen, für das Zuschneiden, Plätten und Legen, für Wohnungsmiethe, Beleuch tung, Abnutzung der Maschinen und andere Dinge seinen Theil abzieht, bleibt für die eigentliche Näherin kaum ein Taschengeld. Bei rastlosent, elf- und zwölfstiindigem Treten der Maschine verdient sie in der Woche kaum fünf Mark. Kräftigere und Gewandtere kommen auch wohl auf einige Mart mehr. Der Mittelverdienst in der Woche schwankt zwischen acht und zehn Mark. Die Preise für die Schürzen steigen nun allerdings nach der Komplizirtheit des Musters und nach dem Werth der verwendeten Stoffe. Im Allgemeinen wird für eine einfache bunte Schürze pro Duzend 60 bis 70 Pfennige gezahlt. Je mehr Einsatz oder Besatz verwendet wird, desto mehr wird gezahlt. Bei den besseren Sachen, die aus feinstem Zephir oder Organdy bestehen, stellt sich der Arbeitslohn pro Dußend auf drei bis vier Mark. Die Näherin bekommt bei diesen Schürzen etwa 1,60 bis 2,25 Mark. Das ist aber recht verwickelte, schwierige Arbeit, mit Säumchen und Spizeneinfäßen, die den Fonds mehrmals durchqueren, und die nicht etwa nur aufgesezt, sondern durchsichtig hineingearbeitet sind. Nund um das zackige oder wellige Muster zieht sich auch noch eine Spize und oben am Gurt ist gar noch eine seidene Schleife angebracht, die manchmal durch eine zweite ergänzt wird. Bei diesen Schiirzen kommt eine tüchtige Näherin auf einen Wochenverdienst von zwölf bis vierzehn Mark. Das ist aber nur der Fall bei den wenigen Zwischenmeistern, die gute Preise halten und halten können, da sie gute, gangbare Neuheiten mustern und zwar für Geschäfte, die nicht die allgemeine Preisdrückerei mitmachen. Für die großen Wirthschaftsschürzen mit ihren großen Fonds, Lazen und Achselbändern werden selbstverständlich höhere Löhne gezahlt. Auch die schwarzen Schürzen, zu denen Seide und Halbseide, Wolle und Halbwolle verwendet wird, bekommen die Arbeiterinnen im Allgemeinen besser bezahlt. Doch leiden bei Denen, die schwarze Schürzen nähen, bald die Augen. I. " Hat also der Zwischenmeister die Preise mit dem Fabrikanten und Händler abgeschlossen, so läßt er durch sein Liefermädchen die Stoffe abholen. Nun beginnt das Zuschneiden. Die Stoffe werden aufgerollt, ein Stück, das zu zwölf Fonds reicht, abgerollt, ein Stück, das zu zwölf Fonds reicht, abgeschnitten und zusammengenommen", das heißt: so übereinander gelegt und gefuifft, daß sich aus dem zwölffach übereinander liegenden Stoff mit einem Mal ein Dußend Fonds schneiden läßt. Mit dem abfallenden Streifen wird es ebenso gemacht; sie werden zu Bändern, Volants, Gurten und Aehnlichem benußt. Dann wird der Besazstoff in Streifen zerschnitten, die durch eine kleine, erwärmte Walze geschoben werden. Die Nänder der Streifen kneifen sich über eine flache Hülse, die Walze drückt die Ränder fest die Blende ist fertig. Jezt wird die Spize abgemessen und gekräuselt, der Einsatz berechnet, Soutache abgemessen und die Gretenborte, berechnet, Soutache abgemessen und die Gretenborte, eine gemusterte, etwa fiinf bis zehn Millimeter breite Borte, die zum Besezen der Einsatzspizen oder Stickereibänder dient, abgeschnitten. Alles, was zu einem Dußend Schürzen gehört, bekommt die Näherin in ihren Korb. Nur die Seidenbänder zu Schleifen erhält sie nicht, die bindet die Frau oder die Tochter des Zwischenmeisters und heftet sie mit wenigen Stichen an. Was das eigentliche Schürzennähen vom Kleider und Mäntelnähen streng unterscheidet, ist, daß kein Stück vor dem Nähen geheftet wird. Die Schürzennäherin muß die Fertigkeit haben, Alles so genau aufeinander und nebeneinander unter die Maschinenaufeinander und nebeneinander unter die Maschinen nad zu halten, daß es gleich fix und fertig zusammengenäht werden kann. Ein Probiren giebt es im Schürzennähen nicht. Ebensowenig aber auch ein Trennen und Aendern. Getrennte Sachen sind bei der Empfindlichkeit der Stoffe meist unansehnlich. Eine Eigenart der heutigen Mode ist, Blenden in ähnlichen Mustern auf das untere Ende der Fonds anzubringen, wie sie in der Kurbelstepperei mit Souanzubringen, wie sie in der Sturbelstepperei mit Son tache verwendet werden. Nur sind die Blendens muster wesentlich einfacher, großzügiger, da sich der bre tere, weiche Satin nicht so durcheinanderwinden läßt, wie Soutache. Sie sind daher auch, meist ungewollt, etwas moderner im Stil. Das auf Pack papier gezeichnete Muster wird in Abständen von einem halben Zentimeter mit einer stärkeren Nadel durchstochen, auf den Fonds gelegt und mit einem Pulverb.utel darüber hingewischt. Die Blende wird dann, der auf dem Stoff vorhandenen Punktlinie folgend, aufgenäht. Bemerkenswerth ist noch, daß sich jetzt Stickereien in einfacheren, feineren und moderneren Mustern einführen, deren durchgängige Linien besser zur Geltung kommen, fräftiger wirken, als die bisher verarbeiteten Stickereien, die verzettelte, in's Kleine und Kleinliche gehende Zeichnungen hatten. Hat die Näherin die Schürzen abgelie ert, so werden sie geplättet und gelegt; gewöhnlich drei und drei auf die Hälfte gefuifft, so daß die schmälere, obere Hälfte auf der breiteren, unteren aufliegt und von der darum genähten Stickerei umrahmt und gehoben wird. Die vielen Frauen, die außerhalb der Nähstuben arbeiten, müssen meist die Schürzen se: bst plätten, wofür sie zehn Pfennige pro Dugend kefommen. Da fie meist schon vor ihrer Verheirathung Schürzen genäht haben, also sehr geübt sind, ver dienen sie oft ebensoviel wie manches Mädchen, trotzdem sie ihre Wirthschaft und ihre Kinder zu besorgen haben. Dieser Verdienst spornt natürlich viele Frauen an, Schürzen zu nähen. So kommt es, daß wohl ebensoviel Frauen wie Mädchen Schürzen nähen. Ja, es giebt sogar einzelne Männer, die mit ihren Frauen zusammen Schürzen nähen und so einen Gesammtverdienst von 27 Mart und darüber erzielen. Aber bis sie dahin kommen, dauert es geraume Zeit. Die übliche Lehrzeit von vier bis sechs Wochen reicht lange nicht aus, um bessere Sachen sauber auszuführen oder einen anständigen Verdienst bei dem durchgängigen Stücklohn zu erzielen. Sind nun die Schürzen gelegt und geliefert, so werden sie in den Engrosgeschäften sorgfältig in Seidenpapier und Kartons verpackt und auf die Post gebracht. Sie gehen nun nach den Orten, von denen Die Reisenden, die die Musterkollektionen den großen Kaufhäusern und Engrosgeschäften vorgelegt hatten, Aufträge heimbrachten. Köln, Hamburg, Brestan und andere große Städte, besonders aber auch Siddeutschland und Holland sind die Hauptabuemer. Auch England, Australien und Amerika brauchten frier viel deutsche Schürzen. Da aber die Zollverhältnisse den Absatz in's Ausland erschwerten, wird jezt mehr auf den Innenmarkt gerechnet. Zwor scheint jezt wieder mehr über das Wasser zu gehen, aber die meisten Bestellungen kommen doch aus dem Inlande Inlande und der Fabrikationsort, Berlin selbst, verbraucht nicht das Wenigste. Nur zwei Federstriche. W ärme Dich nicht, liebes Herz! Bessere Zeiten sind für uns im Anzuge. Schon beginnt das finstere Gewölf sich zu lichten- δας Schicksal zeigt ein gütigeres Antlig! Habe nur noch ein klein wenig Geduld!" Ein paar unendlich traurige dunkle Augen blickten aus den blaugeränderten Höhlen eines aschfahlen Gesichtes und sahen den jungen Mann an, der so gesprochen hatte. Ein schmerzenreiches, langes Leiden hatte peinvolle Spuren in die Züge gegraben, die noch einstige zarte Schönheit verriethen. Die halb geöffneten blutleeren Lippen bebten, und die Blicke der Kranken schweiften in's Leere, als ob sie es nicht hätten ertragen können, einen bestimmten Gegenstand in's Auge zu fassen. " Ich bin geduldig, Willy, aber es geht fast über meine Kräfte. Ich bin nicht um mich besorgt, sondern um Dich. Mit mir wird es bald vorüber sein." ,,, sprich nicht so!" erwiderte er mit einem erstickten heiseren Flüstern.„ Wir wollen muthig durch. Die Stunde vor Sonnenaufgang ist immer gerade die dunkelste, aber das erscheinende Sonnenlicht belebt die Brust mit wunderbarer Hoffnung." Es war ein robuster, junger Mann von etwa fünfundzwanzig bis siebenundzwanzig Jahren. Das Zimmer, in dem er am Bette der Kranken saß, war von der denkbar ärmlichsten Ausstattung. Kein Teppich war auf dem Boden zu sehen; für den alten, rohen Holztisch und die paar wackeligen Stühle würde kein Soziale Skizze aus dem Englischen von Henry Hermann. Trödler zehn Pfennige gegeben haben. Es war Winter, der Schnee lag dicht auf den Dächern, aber der Kaminrost war schwarz und leer, und der Hauch des Mundes kräuselte sich wie Dampf in der Luft. Ein Frostzittern durchlief die mit einer alten, diinnen Wolldecke bedeckte Frauengestalt. Der Mann, ihr Gatte, ging stillschweigend zur Thür, nahm von einem Nagel seinen Ueberrock und breitete ihn sorgfältig über die Kranke. " So! Jetzt bist Dit besser daran, und wenn ich wieder komme, bringe ich Kohlen und Medizin mit." „ Du wirst doch nicht ohne Ueberrock fortgehen, in diesem fürchterlichen Wetter?" rief sie erschrocken und machte eine schwache Bewegung, den Ueberzieher wegzuschieben, aber ihr Mann stopfte ihn wieder rings am Bettende sorgfältig ein und preßte einen Kuß auf ihre Stirn. " 1 Habe nur teine Sorge um mich, gutes Weib! Ich kann ja laufen, um mich warm zu erhalten. Da werde ich so warm, daß ein Ueberrock geradezu lästig wäre. Adieu, liebes Herz, adieu!" Er hatte seinen Hut genommen, gab ihr noch einen Kuß und fort war er, bevor sie noch ein sanftes Wort des Tadels fand. Kaum war er draußen, so verdüsterte sich ihr Gesicht, als ob Licht und Hoffnung mit ihm gegangen wäre. Auf der Straße ging er schnell und schlug die Arme gegen einander, um sich zu erwärmen. " Ich bin begierig, ob dieser Mensch diesmal endlich Ernst macht?" sagte er zu sich selbst.„ Er hat mich so oft zum Narren gehabt und ich habe es der armen Nelly nicht einmal zu sagen gewagt, daß er mir unlängst wieder geschrieben hat. Eine abermalige Enttäuschung könnte sie tödten. Jetzt soll er mir das Ding auf jeden Fall abkaufen. Ich lasse ihm's für jeden Preis, den er mir dafür geben will. Eine Fünfpfundnote kann Nell's Leben retten und das ist einige Jahre Arbeit werth." Der dampfende Duft eines Kaffeelokals erreichte seine Nase; er schlürfte ihn mit gierigem Genuß ein. Er fuhr in die Hosentasche, brachte die Hand aber leer wieder heraus; er suchte in der Westentasche, mit demselben Resultate. " Ich habe keinen Heller," murmelte er,„ keinen rothen Heller! Und ich hatte mich auf eine Tasse Kaffee so gefreut! Einerlei," sprach er sich selbst Muth zu, und er gab sich einen Nuck, ich fann zwei, drei trinken, wenn Mr. Wilkins erst Geld hera: sgerückt hat!" II. " " Daniel Wilkins war Etwas" in der City. Er war ein Mann von beträchtlichen Mitteln, dafür bekannt, daß er stets bereit war, irgend eine Erfindung aufzukaufen, die im Wege einer Gesellschaft mit beschränkter Haftbarkeit ergiebig ausgenutzt werden konnte. Seine eigentliche Geschäftsbranche ist nie genau bezeichnet worden. Sein Bureau befand sich im dritten Stock eines großen Hauses, wo er sich behaglich eingerichtet hatte. Das Charakteristische des Bureaus S f 8 6 11 1 1 S ธ f ( 3 1 11 1 e 1 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. waren eine Menge Commis, deren vornehmste Beschäftigung darin bestand, einander im Wege zu sein. So mancher arme Erfinder, dem unerfüllbare Hoffnungen die Brust schwellten, so mancher Besizer schlecht verkäuflicher Waare, der wähnte, der Zauber des Kapitals werde seinen sterilen Boden mit Gold befruchten, so mancher Projektenmacher, praktisch und unpraktisch, flug und thöricht, war schon diese drei Treppen mit schwerem Herzen hinaufgestiegen. hatte Mr. Wilkins dafür war er bekannt hatte einen scharfen Blick für ein gutes Geschäft, und verstand es auch, sich den Löwenantheil bei allen Geschäften zu sichern; trotzdem versiegte der Strom der nach seiner Wohnung wallfahrenden Besucher nie. Es war am frühen Vormittage des Samstag, als William Roß dies war der Name des jungen Mannes, der seine Taschen vergebens nach einem Penny durchsucht hatte furchtsam das Bureau Mr. Wilkins betrat. Mit vor Erregung zitternder Stimme fragte er einen rothbärtigen jungen Mann, dessen Beine müssig von einem hohen Comptoirstuhle herabbaumelten, ob Herr Wilkins in seinem PrivatComptoir sei. Der rothbärtige Commis nahm von dieser Frage zunächst teine Notiz, da er allzusehr in ein Spiel vertieft war, das darin bestand, Papierkügelchen nach einem anderen Commis am anderen Ende des Zimmers zu werfen. Roß wiederholte seine Frage und entlockte dem Nothbärtigen nach einer Weile glücklich die Antwort, daß Herr Wilkins auf seinem Comptoir sei. Kann ich ihn sprechen?" fragte Noß unsicher. " Nein, das können Sie nicht," war die kurze Antwort. Hunger und Kälte stacheln die Kampflust an, Roß fühlte einen leisen Zorn in sich aufsteigen. Er wußte indessen wohl, daß es höchst nuglos wäre, Temperament merken zu lassen. " „ Ich bin bestellt," sagte er.„ Mr. Wilkins schrieb mir, ich sollte hente Vormittag kommen." Warum sagen Sie das nicht gleich?" sagte der Commis scharf, indem er in den ihm hingehaltenen Wenn die Leute, Brief einen fliichtigen Blick warf. Wenn die Leute, die hier geschäftlich zu thun haben, nur gleich sagen wollten, in welcher Angelegenheit sie hier sind, so wären die Geschäfte viel schneller zu erledigen." " Als der Commis diesen Saz, auf den er sich viel zu gute zu thun schien, vollendet hatte, schüttelte er mißbilligend sein Haupt, glitt von seinem Comptoirstuhl herunter, verschwand hinter einer Thür am entgegengesetzten Ende des Zimmers und erschien nach einigen Sefunden wieder. Mr. Wilkins kann Ihnen gerade eine Minute widnien, bevor er das Bureau verläßt. Es ist Samstag und er hat noch ein Paar Dußend Leute abzufertigen, bevor Sie dran kommen und um halb Eins muß er auf der Bahn sein. " Da blieb nun nicht Anderes übrig, als geduldig zu warten. Das Herz des jungen Mannes war von Leid und Weh voll, seine Glieder waren erstarrt und der Hunger nagte wüthend in seinem Magen. Die Augenblicke dehnten sich zu Stunden. Leute kamen und gingen, und der Wartende war ganz betäubt und erstarrt geworden. Ein dumpfer Druck im Herzen, das Gesicht drohte ihm zu schwinden, er glaubte falsch zu hören, als endlich sein Name an sein Ohr schlug. " Mr. Roß! Wo ist Mr. Noß?" Er sah auf, da stand der große Mann vor ihm, bereits im Ueberrocke, den Hut auf dem Kopfe. Das Herz des jungen Mannes klopfte in stürmischer Aufregung. " Kommen Sie her, Mr. Noß!" sagte Mr. Wilkins. „ Ich habe gerade fiinf Sekunden für Sie." Roß taumelte vorwärtssein bleiches Gesicht war schneeweiß geworden, so schoß ihm alles Blut zum Herzen. Aber Sie haben nach mir geschickt," brachte er heiser hervor. " " Weiß ich," erwiderte der Geldmensch barsch. Aber unser Geschäft muß„ Ja“ und„ Nein" sein. Ich will Ihnen zwanzig Pfund geben für Ihre Maschine, wenn's Ihnen recht ist." Der geängstigte Ehemann glaubte, der Himmel habe sich über ihn geöffnet und seinen Segen in vollen Strömen über ihn ausgegossen. Zwanzig Pfund! Was bedeuteten die nicht gerade jeßt für ihn! Vergessen war für den Augenblick die mühevolle Arbeit dreier Jahre, vergessen seine stolzen Hoffnungen auf eine schönere Zukunft, seine Träume von Namen und Ruhm! In diesem Augenblicke waren zwanzig Pfund wirklich Reichthum. Es brachte das Unerreichbare in seinen Bereich und machte ihn thatsächlich glücklich. " Ich nehme es an, Mr. Wilkins," antwortete Roß. Roß.„ Ich nehme es dankbar an!" Es leuchtete eine solche Tiefe der Dankbarkeit aus seinen Worten, einen Augenblick das Geschäft daß der Cityman als für Noß zu günstig bedauerte und nachdenklich sein Kinn strich. Das abgeschlossene Geschäft war übrigens selbst für die City kein unbedeutendes. Mr. Wilkins ging in sein Comptoir und kehrte nach einer Weile mit einem Streifen Papier zurück. " Hier ist Ihr Geld, Mr. Roß," sagte er. , Schreiben Sie eine Quittung, Mr. Fergusson. Guten Morgen, Mr. Roß." Mr. Roß unterzeichnete die Quittung, ohne zu wissen, was er unterzeichnete. Um das Geld zu erhalten, würde er alles Mögliche unterzeichnet haben. Er wußte nicht, wie lange ihm das Leben so herrlich, Er wußte nicht, wie lange ihm das Leben so herrlich, die Luft, ein Wintermorgen so frisch und stählend erschienen war. Als er durch die belebten Straßen zur Bank dahinflog, schmiedete er Pläne, was er mit dem Gelde Alles beginnen sollte. Kohlen und Holz, das war natürlich das Erste. Dann Fleisch extrakt und etwas Portwein, der Arzt hatte ihn speziell verordnet. Dann das Rezept, wofür der Apotheker zwei Schilling verlangte, als Noß ohne einen Pfennig war. Er wollte zwei Wolldecken faufen, so weich und warm, wie sie die reichste Dame nur haben konnte. Zwanzig Pfund! Zwanzig goldene Souvereigns! Was konnte er nicht Alles damit anschaffen! Endlich war er in der großen Bank, wo Mr. Wilkins sein Konto hatte, und schrieb mit nervösem Bittern seinen Namen auf die Rückseite des Checks. Das Pult des Kassirers war von einer dichten Menschenmenge umlagert, und eine endlose Zeit verging, bevor Roß sich bis zu ihm vorarbeiten und seinen Streifen Papier präsentiren fonnte. Der Kassier nahm ihn, besah ihn und gab ihn zurück. " Das kann nur durch Vermittelung einer Bank ausgezahlt werden." Des jungen Mannes Herz schien still zu stehen. " Was meinen Sie?" stammelte er. " " Ich meine, was ich sage," erwiderte der Kassen beamte, nicht eben höflich. Der Check ist durch strichen* und muß von einer Bant, nicht von einer Privatverson präsentirt werden." ,, Gehen Sie zu Mr. Wilkins zurück und lassen Sie die Durchstreichung ungültig machen. Das ist das Einzige, was Sie thun können." Und damit wandte sich der Kassirer den anderen Kunden zu. Roß stürzte wie ein Wahnsinniger durch die Straßen nach dem Hause in Cannonstreet. Er flog die drei Treppen empor und hielt den Check in den Händen. ,, Was ist denn jetzt wieder los?" fragte der rothbärtige junge Commis. " Mr. Wilkins! Ich muß Mr. Wilkins sehen!" feuchte Roß athemlos hervor. ,, Befindet sich zur Zeit auf der Fahrt nach Reading. Vor zehn Minuten abgefahren," lautete die offenbar spöttische Antwort. " 1 " Aber ich muß ihn sehen!" rief der junge Mechaniker in tödtlicher Angst. Es handelt sich um Leben und Tod! Er muß mir diesen durchstrichenen Check wieder gültig machen." " Da müssen Sie Montag um zehn Uhr kommen," sagte der Rothbärtige phlegmatisch,„ früher ist er nicht zurück." Und er fehrte Noß den Rücken. * Um zu verhüten, daß durch Verlieren eines auf den Inhaber lautenden Checks ein Nachtheil erwachse, werden über den Check zwei Querstriche gezogen, die vor Einlösung des Checks durch den Aussteller annullirt werden müssen, bevor der Check durch einen Privatmann eingelöst werden kann. Ein solcher Ched heißt crossed ( durchkreuzter) check. III. 423 Ein Stückchen Papier, zwanzig Pfund werth, und im Augenblicke doch keinen Pfennig dafür zu erhalten! Roß' Verwandten waren ebenso arm wie er. Stück für Stück waren nach und nach, Pretiosen zuerst, dann Kleidung, Leibwäsche, und zuletzt selbst das Bettzeug, in's Leihhaus gewandert, überdies waren die Pfandzettel wieder versetzt oder verfauft worden. Das bischen Kredit, das Roß bei Kaufleuten und Krämern gehabt hatte, war längst erschöpft, und Roß wurde ohne sein Verschulden für einen Mann angesehen, der große Versprechungen mache, aber wenig oder nichts davon erfüllte. Er galt als lässiger, schlaffer Träumer, der Geld und Gut in müssigen Erfindungen vergeudete. Schließlich bekam er nicht einmal mehr ein Groschenbrot auf Borg. Man bedauerte die franke Frau, aber verweigerte ihm das nöthige Geld vorzuschießen, mit dem er Medizin kaufen wollte, die sie vom Tode retten fonnte. Noß sprach an einem Dußend Orten mit. seinem Check vor, begegnete aber Mißtrauen, ja selbst Hohn. Niemand schien Mr. Wilkins zu kennen, und die seinen Namen gehört hatten, kannten nicht seine Unterschrift. Roß bat mit Thränen in den Augen auf dieses Unterpfand hin um das Darlehen von nur einem Souvereign, fonnte es aber nicht erhalten. Die Bekannten warfen die Lippen auf und fanden zu ihrem Erstaunen, daß sie nicht mehr als ein paar Schillinge bei sich hatten, die sie gerade selber brauchten. ,, Und die Banken schließen am Samstag, wie Sie wissen, um zwei Uhr Nachmittags. Es thut uns recht leid; ich möchte Ihnen gern zu Gefallen sein, aber..." Noß zog die brutale Absage der Kaufleute diesen Heuchelphrasen der sogenannten„ guten" Bekannten vor. Eine gutherzige Frau wohnte auf demselben Flur, und obwohl sie fast ebenso arm war wie die Roß'schen Eheleute, da sie eine Wittwe war und drei wolfshungrige Kinder von dem bitteren Lohne zu ernähren hatte, den ihre Nadel einbrachte, so konnte sie doch in der Tiefe ihres Herzens Trostesworte finden und stets über ein lächelndes Gesicht verfügen. Mrs. Blake theilte den letzten Tropfen Thee mit Frau Noß und ließ ihr alle mögliche Hilfe angedeihen, die sie gewähren konnte. Die zarte Gestalt war noch hagerer, förmlich durchsichtig geworden, und die dunklen Augen leuchteten in unheimlichem Glanze. Die weißen Lippen bewegten sich in stummem, unfagbarem Schrecken, so daß die gute Frau Blake bitterlich weinte, als Noß sein Zimmer betrat. " Ich weiß nicht, was über sie gekommen ist; seit ungefähr einer Stunde," fliisterte sie, während die heißen Thränen über ihre Wangen herabrollten, ,, ist sie so falt und auffallend still." Der Ehemann wartete die Nede der Frau nicht ab, sondern eilte zum Bette, schob sanft seine Hand unter das Kopftissen und zog das wachsbleiche Gesicht an sich. ,, Sprich! um Gotteswillen, sprich, damit ich sehe, daß Du lebst! Ein einziges Wort, Herzensschat!" Er sprang empor, wilde Gluth in den Augen. " Ich muß mein gutes Weib sterben lassen und hilflos dabei stehen!" Er rang die Hände und knirschte mit den Zähnen in ohnmächtiger Verzweiflung, indessen Frau Blake schluchzte, als wolle ihr das Herz brechen. " Sie stirbt Hungers, Frau Blake, aus Mangel an Nahrung und Feuerung; und ich habe nichts mehr zu verkaufen, zu verseßen... nichts, nichts!" Er hielt plößlich inne, als fiele ihm etwas ein, dann zog er seinen Rock aus und entledigte sich seiner Weste. Er besah dieses Kleidungsstück nervös, hielt es gegen das Licht empor, wickelte es dann in eine alte Zeitung, knöpfte seinen Rock bis zum Halse hinauf zu und verließ das Zimmer mit dem Packet unter dem Arm. Eine Viertelstunde später kehrte er mit einem: Kleinen Korb Kohlen und etwas Holz zurück, und mit einem winzigen Krüglein, das eine braune Flüssigkeit enthielt. „ Ich habe fünfzehn Pence bekommen, Frau 424 Die Neue Welt. Illustrirte Unterhaltungsbeilage. Blake. Jezt werden wir ein Feuer anmachen und etwas fräftige Bouillon bereiten. Wenn wir nur über den heutigen Tag und über morgen hinweg tommen. Montag habe ich zwanzig Pfund. Zwanzig Souvereigns! Und dann werde ich im Stande sein, für Ihre Güte mich einigermaßen dankbar zu zeigen!" Mrs. Blate lächelte traurig und ungläubig. Sie hatte zu oft von solchen goldenen Hoffnungen ihres jungen Freundes gehört- Geschichten, die stets zu Wasser geworden waren. Doch war ihr Herz zu gut, und sie bedauerte Noß zu tief, um ihren Gedanken Ausdruck zu geben. Das lustig brennende Feuer erwärmte schnell die Stube, und Mrs. Blake's Theekessel brodelte bereits lebhaft. Ein lieblicher Speiseduft erinnerte den jungen Mann daran, daß er noch nüchternen Magens war. Seine Frau war für kurze Zeit in Mrs. Blake's Hut gut aufgehoben, so ging er aus, noch einmal sein Glück zu versuchen, ob ihm nicht Jemand eine fleine Summe für das Pfand seines kostbaren Zettels bis Montag vorschießen wolle. Der Schlachter, dessen magerer Stunde er in besseren Zeiten gewesen war, gab ihm das Papier knurrend zurück: " Was soll's?" und sah ihn von Kopf bis zu Füßen an, als ob er ein Dieb sei. Der Apotheker verhöhnte ihn mit den Worten:" Nee, Mr. Roß, danfe für Obst! Man muß nicht von Allem haben, ge branntes Kind fürchtet das Feuer." Und so ging's durch den ganzen Bezirk; überall, wo er dachte, auf Grund seiner früheren Kundschaft auf Erfüllung seiner Bitte rechnen zu dürfen, begegnete er Mißtrauen und Spott und Hohn. Schweren Herzens fehrte er nach Hause zurück, vergaß seinen Hunger, vergaß seinen Summer, vergaß Alles und Hunger, vergaß seinen Kummer, vergaß Alles und Jedes, nur das Eine nicht, daß seine Frau so still dalag, daß man hätte denken können, das Leben sei bereits entflohen. Mrs. Blake brachte ihm eine Tasse schwachen Thees und eine Schnitte einfachen Brotes, die sie sich von ihrem Mittagessen abgespart hatte. Er aß und trant, ohne zu wissen, was er aß und trant. Er hatte nur Augen für die unmerklichen Bewegungen, welche das erlöschende Leben noch in der Gestalt gelassen hatte. Er beobachtete sie wie der schiffbrüchige Seemann die herannahenden weißen Wölkchen am fernen Horizonte ängstlich beobachtet, die den kommenden Sturm verkünden. Was sollte er Anderes thun? Gebunden an Händen und Füßen, hilflos für beinahe zwei Tage und da heißt es, Geld könne nicht glücklich machen! Fragt Denjenigen, der zwei Tage ohne einen Bissen Nahrung war, ohne erwärmendes Feuer in starrem Witterfrost, ohne einen Pfennig Geld und drechselt dann eure Phrasen! Wie er den Tag und die darauffolgende Nacht, wie er den nächsten Tag und die nächste Nacht verbrachte, hat W. Roß nie gewußt. Die einzige Erinnerung an diese fürchterliche Zeit war das wie farrarischer Marmor bleiche Gesicht, diese unendlich traurigen, glänzenden, dunklen Augen. Montag Morgen um zehn Uhr Montag Morgen um Montag Morgen um zehn Uhr Montag Morgen um zehn Uhr" plapperte er mechanisch vor sich hin. Seine Verzweiflung hatte sein Herz so verſteint, daß er für den eigenen Schmerz erstarrt war. Alles was er bemerkte, war, daß ihr Athem weniger hörbar war, ihre Lippen unfähig schienen, Worte zu bilden. Mrs. Blake tam von Zeit zu Zeit zu ihm und hatte Worte der Hoffnung für ihn, aber er hatte sie vergessen, sowie sie gesprochen waren. Der Montag Morgen war ein frischer, strahlender Morgen, ein echt englischer fröhlicher Wintermorgen. Lange vor zehn Uhr wartete Noß im Bureau Mr. Wilkins'. Seine Augen starrten so gräßlich, daß die Kommis ihn für betrunken hielten. Er saß in einer Ecke mit so verzweifelt düsterer Miene, daß der rothbärtige Commis es unterließ, sich über ihn lustig zu machen. Mr. Wilkins fam endlich, hob nach einigen bebenden Worten Roß die Üngültigmachung des Checks auf, indem er etwas daherbrummte, daß er wegen solcher Kleinigkeiten belästigt würde. Eine halbe Stunde später stürmte der junge Mann in das Zimmer, in dem seine Frau lag; seine Arme waren beladen mit den Gegenständen, die ihnen so lange vorenthalten waren. Mrs. Blake hielt ihn an der Schwelle an und brach in Thränen aus. Er starrte sie wie abwesend an und ließ die gekauften Kostbarkeiten zu Boden gleiten. Dann wendete sich sein Blick nach dem Bette, und er sah, daß ein großes Tuch über die dort liegende Gestalt geworfen war. Er stürzte darauf zu und riß es zurück. Da lag sie sanft lächelnd, wie ruhig schlafend. Wie im Traume griff er nach ihrer Hand sie war falt, eiskalt. Da drängte sich ein geller Schrei über seine Lippen, wie ihn nur die tiefste Seelenqual erpressen kann. Er zog eine handvoll Goldstücke hervor und schleuderte sie in heller Verzweiflung im Zimmer umher. Feuilleton. Winter. ie Sonne leiht dem Schnee das Prachtgeschmeide, Doch ach! wie kurz ist Schein und Licht. Ein Webel tropft, und traurig zieht im Leide Die Landschaft ihren Schleier dicht. Ein Häslein nur fühlt noch des Lebens Wärme, Am Weidenffumpfe hockt es bang. Doch kreischen hungrig schon die Rabenschwärme Und hacken auf den sichern Hang. Bis auf den schwarzen Schlammgrund find gefroren Die Wafferlöcher und der See. Buweilen geht ein Wimmern, wie verloren, Dann Hirbt im fodfen Wald ein Reh. $ Detlev von Liliencron. Heimgefunden. Die beiden Alten saßen bei ihrem einfachen Mahle. Still ist's bei ihnen geworden, seit ihre Marie, die vordem das Haus mit Leben und Frohsinn erfüllte, so plöslich von ihnen gegangen. Ihre Lippen ließen fein Wort laut werden, aber ihre Gedanken kamen davon nicht los. Da jedes vom anderen wußte, was ihm fehlte und doch nicht daran rühren mochte, hatten sie sich gewöhnt, zu schweigen. Trüb' schlichen ihnen die Tage dahin... Ein schüchternes Klopfen hat sie aus ihrem Sinnen gestört. Die Mutter geht nachsehen, wer da ist, fie öffnet ein wenig die Thüre, mit einem Schrei reißt sie sie weit auf: die Tochter steht vor ihr. Ein Blick genügt der Mutter, die Lage ihres Kindes zu erkennen. Bleich und abgehärmt ist das Gesicht, das immer noch schön ist, groß und starr blicken die früher so schelmischen dunklen Augen sie an, und im Arme hält fie ein Kind, in ein ärmliches schwarzes Tuch ist sie ge= hüllt. Ob der, durch den ihre Marie in dieses Elend gekommen, gestorben ist? Es braucht für sie nur Siesen Anblick, und aller Groll gegen die Tochter ist ge= schwunden. Aber der Vater? Schnell wendet sie sich zu ihm. Beim Anblick der Tochter ist er aufgesprungen und hat sich abgewandt, er kann es so schnell nicht vergessen, was sie ihm gethan. Was hatte er sie gewarnt, gebeten, beschworen, sich nicht an diesen Menschen zu hängen! Er hatte doch gesehen, daß der Bruder Leichtsinn es nicht ehrlich meinte. Aber sie hatte nicht hören wollen, und sie war heimlich mit ihm auf und davongegangen. Seitdem hatte man ihm nicht mehr von der Marie sprechen dürfen, und nun stand sie plötzlich vor ihnen. Was sollte er thun, konnte er sie wieder davonjagen? Da legt sich eine Hand auf seine Schulter. Die Mutter ist zu ihm herangetreten, sie weiß, was in ihm kämpft, aber sie weiß auch, daß die Tochter, die scheu zurückgewichen ist und fich mühsam aufrecht haltend in der Kaminecke steht, nicht vergeblich an die Thür des Elternhauses gepocht. Die Furcht der Naturvölker vor Todten und Kranken. Es ist bekannt, daß die primitiven Völker den Tod wie die Krankheit als eine Wirkung dämonischer Wesen auffassen. Darauf beruht die allgemeine und rudimentär noch bei uns vorhandene Scheu vor Todten und Kranken mit den beim Naturmenschen üblichen Vorkehrungen. Der Todte ist zunächst der Siz von Gespenstern, die dem Lebenden verderblich werden oder wenigstens lästig fallen können. Darum bringt der Mensch den Leichnam bei Seite, möglichst weit von der Ansiedelung ab, oder er ergreift noch ursprünglicher selbst die Flucht vor dem Verstorbenen. Der Dämon, der den Tod verursacht, ist aber schon im Alten und Siechen vorhanden, um sein Werk zu verrichten. Aus dieser Erwägung zieht der Urmensch mit grausamer Logit seine Konsequenzen. Um selbst dem Todesgeist zu entgehen, läßt er den Alten und Schwachen hülflos im Stich. Ja, man geht noch weiter. Muß es nicht die beste Abwehr sein, den Greis zu tödten? Und in der That: der Wilde zögert nicht, sich in dieser barbarischen Weise seiner Alten zu entledigen. Nicht anders steht es aber mit den Kranken, die man allesammt von bösen Geistern besessen glaubt. Bald werden die unglücklichen Opfer an einsamen Orten ausgesezt, bald im abgekürzten Verfahren vollends dem Tode überliefert. Wie die Furcht vor dem Todten sich äußert, das wissen zahlreiche Berichte über die Naturvölfer mitzutheilen. So verläßt der schon hoch entwickelte Kaffer nach jedem Todesfalle die Hütte und verbrennt sie, und ganz ebenso verfährt der Neukalifornier. Die Betschuanen und Hottentotten, sowie die Boobies von Fernando Po geben nach dem Ableben eines Genossen den ganzen Weiler auf. Das Aussehen oder Tödten der Greise ist erschreckend weit verbreitet, wenn auch inzwischen die meisten Völker diese Stufe der rohen Fürsorge längst überwunden haben. Noch der Kaffer, der sonst so bildungsfähig ist, hält daran fest, den dem Tode nahen Alten hinaus zu bringen und draußen liegen zu lassen. Auch von den Indianern werden Fälle dieser Art gemeldet; Catlin hatte z. B. Gelegenheit, einen ausgesetzten Häuptling des Buncahitammes in hülflofer Lage aufzufinden. Nachrichten über ähnliche Bräuche haben uns außerdem die alten Schriftsteller hinterlassen. Strabo weiß von den Kaspiern, daß sie ihre Greise, wenn sie über siebzig Jahre zählten, einsperrten und verhungern ließen. Die wohlbedachte Tödtung erzählt der= selbe Autor von den Derbikern, welche insbesondere die Verantwortlicher Redakteur: Oscar Kühl in Charlottenburg. alten Frauen erdrosselten und begruben. Bei den Bactriern war es dagegen nach dieser Quelle üblich, die wegen Alter oder Krankheit Aufgegebenen den zu diesem Zwecke gehaltenen Hunden vorzuwerfen. Mit derselben faltblütigen Konsequenz behandelten auch unsere germanischen Vorfahren ihre Greise. Ueber die Heruler wissen wir, daß sie Alte und Kranke umbrachten, und die Altpreußen tödteten ihre entfräfteten Eltern, wenn diese selbst es wünschten, während unbemittelte Stranke ungefragt dem Tode verfielen. Krante auszusehen, war namentlich bei den Altfariben Sitte, die ausdrücklich als Grund angaben, daß Jene von bösen Geistern behaftet seien. Der Kaffer behandelt den Schwerkranken, dessen Berührung Jedermann scheut, genau wie den Greis; er entfernt ihn aus seiner Nähe. Bei den Hottentotten errichtete man in der Wildniß eine Hütte, in die der Kranke, von aller Hülfe entblößt, gebracht wurde. Auf Tobi pflegten die Eingeborenen die Schwerkranken gleich den Todten in einem schlechten Kahn in's Meer hinaus zu stoßen. Vom Tödten der Kranken fonnte schon in Verbindung mit der Altentödtung berichtet werden. Außerdem hören wir von den melanesischen Inseln, daß Schwerkranke noch lebend begraben wurden. Die Haitier brachten einst ihre hoffnungslosen Kranken auf Berge, um sie hier zurückzulassen; Sterbende tödteten fie aber vollends. So verfuhren die Römer, wenigstens mit schwer erfranften Sklaven, noch in der Kaiserzeit, und es bedurfte zur allmäligen Abstellung erst eines Verbotes, das diese Handlungsweise wie den Mord zu behandeln drohte. Das sind dunkle Blätter in der Menschheitsgeschichte. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß dem Urmenschen zunächst jede mildere Negung abgeht. Unter dem Drucke der Gespensterfurcht stehend, läßt er, wo es seinen Schuß gilt, mit elementarer Logif, unberührt von Gewissensstrupeln, dem erfaßten Gedanken die That folgen. Wie grausam auch seine vorbeugenden und abwehrenden Maßregeln sein mögen: sie sind dennoch der Ausfluß einer persönlichen und allgemeinen Fürsorge. Die Art der Mittel war in dem ganzen Kulturzustande der Urzeit begründet, der weit entfernt ist von der paradiesischen Unschuld, die man so gern an die Schwelle unseres Geschlechtes verlegen möd; te. ht. Alle fiir die Redaktion der Neuen Welt" bestimmten Sendungen sind nach Berlin, SW 19, Beuthstraße 2, zu richten. Nachdruck des Juhalts verboten! Verlag: Hamburger Buchdruckerei und Berlagsanstalt Auer& Co. in Hamburg. Druck: Mar Bading in Berlin.