Grete Ftllunger j[anj ihrem Schmerz hingegeben saß Greie Ftllunger da. Der Pfarrer hatte ihren Vater einen alten Mann von allem Schrot und Korn genannt, der in seinem Kreis« dem Recht und der Wahrheit diente. Er hatte von der kurzen gHickHchen Ehe de» Heimgegangenen gesprochen, an sie, die Tochter, hatte er nur wenig« Worte gerich- tet. Dafür war sie ihm dantkir. Wae sie an ihrem Vater verloren, kannte nur da» eigne Herz ihr sagen. Sie hatte in unend- l icher Liebe an ihm gehangen, hotte zu ihm emporgesehen. Worum si« ihn immer be» neidete, m» war die stille Genügsamkeit, die ihm da» Leben umfriedet«. Sem Spruch war:„Man muß sich bescheiden mit dem, was man hat und muß den andern etwas Gute» gönnen!" Sie konnte sich nicht entsinnen, daß er jemals ärztliche Hilf« gebraucht. Und doch hatte er in keiner festen Haut gesteckt. Das war sie erst wahr ge» worden, als die Krankheit der letzten Wochen ihm so schnell die Kräfte benahm. Daß si« in den jungen Iahren allein stehen würde, daran hatte sie mit keinenr Gedanken ge- dacht. Vielerlei stürmte aus sie ein, vieler- bei war zu ordnen. Der nächsten Sorge war sie enthoben. Der Buchbinder Ibold ging ihr mit Rat und Tat zur Hand. Ludwig, sein Sohn, der, daF wußte sie, durch seine Mutter von allem unterrichtet war, hatte nicht» von sich hören lassen. Vielleicht schwang er sich noch zu ein paar Beileid». zeilen auf. Wenn er'» tat, wird« es nicht» daran ändern, daß er sich»»n Ihr abge- wandt hatte. Es gab eine Zeit, da er zu ihr sagte:„Hütt Ich Dich nicht, Grete, ich hielt's hier nicht aus!" Das war damals, als er seinem Vater in der Werkstatt erklärte: „Ich Hab da» Ausziehen»an Plakaten und die Pappbände satt. Ich will weiter. Was Du selbst nicht gelernt hast, kannst Du andre nicht lehren!" Der Riß ward größer und größer. Ludwig hatte kein Geheimnis»«r ihr und schenkte ihr sein volles Vertrauen. Er sah au» wie das Leiden Christi, und er dauerte sie. Sie kannte ihn durch und durch und wie» ihm den Weg«u» der Wirrnis heraus.„Ich begreif Deinen Bater nicht." Roraa« von Alfred Bort sagt« sie.„Wer vorwärts will, dem Hilst man doch. So hart es mich trifft, Du mußt fort! Draußen siehst Du mtt tausend Augen. Und Du hast einen guten Kopf. Kommst Du heim und zeigst Deinem Vater, was Du kannst, wird er nicht so unversonnen sein, Dir das Feld zwerch zu machen, und Du richt'st Dir das Geschäft nach Deinem Ge- schmack ein!"„Goldammerchen," rief er wie befreit,„das ist mir aus der Seel' gefun- gen!" Und er fiel ihr nm den Hals und küßte sie. Bald danach schnürte er sein Bündel und ging.„Wir zwes wissen, wie wir miteinander stehen!" waren seine Ab- schiedsworte. SI» hatten sich nicht sörm- (Fertfeduna) Scherenschnitt von Hans Soetfch (ich verlobt, aber fk betrachtete sich als seine Braut. In der Fremde erfuhr er erst eine Enttäuschung nach der andern. Er schaffte in Heidelberg, m Heilbronn und in Eß- lingen, ohne eine Stelle zu finden, die semen Wünschen und Erwartungen«nt- sprach. Endäch gelang«s ihm, bei einer Großbuchbinderel In Stuttgart anzukom- men. In der Haadbindeabieilung. die dein Betrieb angegliedert war. bildete er sich zum Kunsthandwerker au».„Die Glücks- sänne scheint nicht jedem." schrieb er ihr, „mir ist sie wirklich aufgegangen." Woche für Woche erhielt sie Bericht. Nach und nach kam ein ganzes Päcklein Briefe zu- sammen. Sic hatte ihre belle Freude daran. Und sie glaubte seine Stimme zu hören: „Unter meinen Kollegen sind große Later» nen und kleine Lichter. Ich prosister von allen. Soviel Hab ich heraus: dem Buch- binder seine Kunst steckt nicht bloß in den Händen, sie steckt auch im Kops. Bin ich wieder daheim, gehtH nicht in der alten Leier fort. Ich will mir in meinem Hand- werk ein.m Namen machen. Der goldene Boden kommt dann von selbst!" Ein Bücherfreund in der Schweiz hatte seinem Haus an hundert Werk« in Oktav-, Quart- und Folioformat geschickt. Diese sollten auf» Kostbarste gebunden werden. Dem Gesellen Ludwig Ibold ward an der Arbeit Anteil gewährt. Das erfüllte ihn mit großer Be- friedigung. Wenn Grete an die Zukunft dachte, sah sie alles im günstigsten Licht, sah für sie beide das Nest gebaut. Ludwig hatte mittlermelle seine Wohnung gewechselt. Warum, darüber ließ er sich nicht weiter aus. Von da ab trafen seine Nochrichten spärlicher ein. Sechs, acht Wochen ließ er vergehen,«he er aus ihre Briefe Antwort gab. Mit einem Male verstummje er ganz. Ein Jahr war's her, daß er nicht mehr an sie geschrieben hatte. Seine Eltern sagten, er schaffe noch an derselben Stelle. Er hatt» sie aus feinem Kalender gestrichen. Das alt« Lied, das alte Leid: „Als die Treue ward gebor'n, Kroch sie in ein Iögerhorn, Der Jäger blies sie in den Wind, Darum man keine Treu' mehr sindtl" Den Dingen nachzuspüren, verbot jfr Stolz. Und sich an törichte Hoffnungen zu klammern, war nicht ihre Art. Der Traum war verflogen, es war vorbei. An Verehrern und Begehrcrn hatte es ihr nicht gefehlt. Und seltsam, der, den si« am derbsten abgewiesen, hatte ihr heut am Grab des Vaters die Hand gedrückt? Theobald Gonderl Er trug ihr nichts nach. Wie man auch über ihn denken mochte, Im Grunde war er herzensgut. i Ludwig Ibold, der Gesell, war gegen Abend von der Arbeit ge?»mmrn und haste es sich eben in seiner Stube beguem ge- Die Neue Welt. Illustriertes Unterhaltungsblatt. S macht, als RIkele, das Töchterchen seiner Wirtin in Stuttgart, hereinschlüpfte und rief: „Bischt endlich da? Jetzt bin i frohl Du wuscht mir a Geschlchtl verzählel" Der Gesell lachte. „Rikele, ich Hab die Taschen voll guten Willen. Wo nehm ich aber all die Ge- schichten für Dich her?" Er schnalzte mit der. Zunge. „Halt, da fällt mir wirtlich was ein. Das Gespütnis vom Bohnenweibchenl" Die Kleine klatschte in die Hände. „Vom Bohnenweible? Das muß lufch- tig seinl" Flink wie ein Wiesel kletterte sie auf des Gesellen Schoß. Der hob an: „Vor vielen Iahren war bei uns daheim eine alte Frau, klein und krötig. Die hieß Nette. Sie hat schlohweißes Haar gehabt, und ihr Gesicht war ritzeseuerrot. In der Stadt galt sie als Schmuttel, die nach Gott und der Welt nichts fragte,'s war am Himmelfahrtstag. Die Glocken riefen: Kommt in die Kirche! Was tat die Nette? Schlampig angezogen ging sie in ihren Gar. ten, der vor dem Haintor lag, und sing an, Bohnen zu stecken. Auf einmal stand ein großer schwarzer Mann vor ihr in einer fremdartigen Tracht. Der war so mager, man könnt Muskatnuß mif ihm reiben. Und er wpfte der Frau auf die Schulter und sprach:„Was machst Du hier am Feier» tag?" Man hätt denken können, das Herz wör ihr in die Schuhe gefallen. Bliwwesil „Feiertag hin, Feiertaa her," sagt' sie srech, „weg von meinen Bohnen!"„Bös' Stück Weiberfleisch." donnerte der schwarze Mann sie an,„Du wirst keine Bohnen mehr essen!" Sprach's und zerfloß in der Luft. Am andern Morgen wurde die Nette tot in ihrem Bett gefunden. Seit der Zeit sieht man bei uns am Himmelfahrtstag in den Gärten ein altes Frauchen. Das kritzt und krächzt. Und schlappt herum. Und setzt in einemfort Bohnen!'s ist aber niemand anders als die Nette, die den Feiertag vermakelt hat. Hundert Jahre muß sie wandern. Dann wird sie erlöst. Das ist die Geschichte vom Bohnen- weibchen!" Das Nikele halte aufmerksam zugehört. Nun sagte es Mit einem nachdenklichen Ge- sichtchen: „Letzscht am Freitag, wie's in die Kirch' g'läut' hat, hat die Mutter für di g'wasche. Wann sie g'storwe isch. muß sie da au wan- dere?" „Nein Rikele," erwiderte der Gesell ein wenig betreten,„deswegen muß sie nicht wandern. Waschen und Bohnenstecken ist zweierlei." Das Weißköpfchcn babbelte weiter: „Gelt, Du bischt aus'm Hesieländle?" Mikele, das weißt Du doch!" „Wie der Vater noch bei uns war, hat er Dich als.Blinder Heß' g'heihe. Jetzt isch er blind und Du kannscht äileweil sehe." „In dem großen schönen Haus, wo Dein Vater ist, machen sie.Heile, heile Segen!' Dann wird alles wieder gut!" Er hob das Kind in die Höhe und stellte es sacht auf den Boden. „Das Sandmännlein hat gn der Tür ge- klopft,'s meint, Du sollst schlafen gehen!" „Gu' Nacht!" sagte die Kleine folgsam und trippelte hinaus. Ludwig Ibold stand auf und trat ans Fenster. Er halte einen wöhlgebiidsten Kopf und feine schlanke Hände. Die Kollegen im Geschäft bemerkten, daß der mun- tere Ausdruck aus seinem hübschen Gesicht seit einiger Zeit verschwunden war, und daß er sich ausfallend hängen ließ. Drunten auf der Hauptstätterstraße be- gann der Verkehr zu ebben. Nebenan vor dem Hause des Kaufmanns Spindler spannte ein Bäuerlein seinen Braunen an, schwang sich auf das Sitzbrett, und das Ge- fährt rasselte über das Pflaster. Gegenüber rauchte der Flaschner Selzer nach getaner Arbeit vergnüglich sein Pfeifchen und sprach zu seinem Mieter, dem Graveur Beiswang, hinauf, der sich weit aus dem Fenster des obersten Stockwerks beugte. Zuweilen hörte man des Flaschners kurzes stoßweises Lachen. Schwatzend und kichernd kamen die Mildchen aus der nahen Handschuh- fabrik. Auf dem Glasdach des Photogra- phen Jörger lag ein rotgelber Schein, der Abglanz des sinkenden Tages. Das alles sah Ludwig Jbold und sah doch darüber hinweg. Seine Gedanken durchflogen die Jahre, die er in der schwä- bischen Hauptstadt seinem Gewerbe oblag. Herr Dittmar, sein Prinzipal, war ein Mann, vor dem man den Hut abziehen mußte. Der hatte sich aus kleinen Anfän- gen zum Besitzer einer angesehenen Groß- buchbinderei emporgearbeitet. Wenn er durch die Säle ging, guckte er in neun Hä- fen. In der Handbindeabteilung hielt er sich am längsten auf.„Ihr sollt etwas ausbauen," war seine Rede,„was uns ver- lorengegangen ist. Unser Handwerk soll sich wieder zur Kunst entwickeln!" Einmal war Herr Dittmar an Ludwigs Platz getre- ten und hatte gesagt:„Sie haben Ge- schmack!" Das Lob des Geschästsherrn, das wußte Jbold, würde ihn nicht zum Künstler machen, aber es war ihm ein Sporn. So- weit konnte er mit seinem Schicksal zufrie- den sein. Von den Kollegen war ihm der Preßvergolder Eberl- der liebste. Der hatte, so wurde erzählt, auf der Walze ein aben- teuerndes, verwogenes Leben geführt. Das war lang her. Jetzt war er verheiratet und zahm wie ein Lamm. Daß er die Schwäche hatte, seine Persönlichkeit ins hellste Licht zu setzen, sah man ihm gern nach, denn gab's bei der Arbeit eine harte Nuß zu� knacken, war er dazu der rechte Mann. Sie waren Freunde geworden.„Ich trink nicht mit jedem Brüderschaft," sagte Eberls,„mit Dir, Jbold, ja." Im Geschäft schafften sie Platz an Platz.„Sie hängen aneinander wie die Kletten!" wurde über sie gespöttelt. An den Sonntagen niachten sie Ausflüge in die Umgebung von Stuttgart. Ebcrles Frau und das Rikerle waren auch dabei. An einem inilden Okiobertag war's, daß sie in Gmünd vor dem Gutlcuthaus der barm- herzigen Schwestern standen und auf dem Dombalken die Worte lasen: „Halt dich rein, Getreu es mein, Wiltu wehrt gehalten sein." An den Spruch hatte er später noch oft den- ken müssen. Eines Morgens klagte Eberls über heftige Schmerzen auf dem linken Auge, das stark entzündet war. Das linke Auge steckte das rechte an. Des Aermsten Sehkraft nahm mehr und mehr ab, ein Eingriff blieb wirkungslos, er ward blind. Die lebenslustige Frau war wie vom Blitz gerührt. Was sollte mm werden? Eberls behielt den Kopf oben. Er ließ sich zum Prinzipal führen und sprach:„Meine Augen meinen, ich war undankbar, ich hätt' für meinen Teil genug gesehen. Deshalb haben sie mir die Freundschaft gekündigt. Nun hilft mir keine Brille mehr!" Herr Dittmar sagte:«Lassen Sie den Mut nicht sinken. Sie haben mir gute Dienste gelei» stet, es ist meine Pflicht, daß ich mich dafür erkenntlich zeige!" Er übergab Eberls zinsfrei ein kleines Kapital, womit dieser In der Hauptstätterstraße eine Schreibwaren- Handlung erwarb. Das Geschäft, das regen Zuspruch hatte, versah die Frau. Der Mann aber wollte nicht mühig sitzen, er ging in die Blindenanstalt nach Gmünd, allerlei Hand- arbeiten zu erlernen. Wieviel Zeit seine Ausbildung erfordern würde, war nicht ab- zusehen. Eine überflüssige Stube hatte Frau Eberls an ihres Mannes Freund und Kollegen vermietet.„Ludwig," hatte der Blinde geäußert,„Du bist mir als Mieter eben recht. Meine Frau ist in dem Geschäft noch neu, sie wird Dich mehr fragen als Du antworten kannst. Aber es ist doch je- mand da, der ihr beispringt. Und das ist mir eine große Beruhigung!" Die Frau hatte, als ihr der Himmel noch voller Gei- gen hing, Jbold zugeblinzelt, hatte ihm verstohlen die Hand gedrückt. Hieß es nicht ins Feuer blasen, als er sein Quartier am Dorotheenplatz verließ und zu ihr in die Hauptstätterstraße zog? Sie hatte ihn ins Garn gelockt. Daß er sich's zu seiner Schande gestand: er betrog seinen blinden Freund! In qualvollen Nächten, wenn ihn sein Gewissen mit Wolfszähnen biß, gelobte er sich:„Du darfst's nicht mehr tun, du mußt von ihr fort!" Sie aber lullte ihn immer wieder ein, sie hatte etwas an sich, das ihn willenlos machte. Dachte er an die Grete in ihrer Reinheit, stieg ihm die Schamröte ins Gesicht. Heut Nacht hatte er von ihr geträumt. Sie sah ihn mit ern- sten dunklen Augen an und sprach�„Wer fallen will, verdient nicht, daß man ihn h«t'" So beschmutzt, so verschandlappt kam er sich ihr gegenüber vor, daß er sich nicht mehr hatte entschließen können, ihr zu schreiben. Auch nicht, als ihr Vater ge- starben war. Dabei brannte ihm der Bo- den unter den Füßen, und der Warner in ihm rief:„Entweder Du machst der schänd- lichen Sache ein Ende oder Dein letztes Schnitzchen Anständigkeit ist zum Teufel ge- gangen!" Frau Eberle, di« in die Stube trat, unterbrach seinen Gedankengang. Sie war eine vollbusige Blondine, der das Feuer aus den Backen sprang. „Soll einem da net, das Gsduldfädle reihe?" rief sie aufgebracht.„Grad will i de Lade schließe, da kommt a Frau aus Hedelfinge.„Hawwese Federhalter, Frau Eberls?"„G'wiß Hab i Federhalter!" sag i und leg ihr sechs oder siwwe Stück vor. Sie nimmt ein' in ihr' Pfote und beguckt ihn von ob» bis unte.„Was loscht der, Frau Eb Dir au net bös sein. Was rechte Lieb ischt. hält ein Stoß scho aus!" Sie schlang ihre Arme um seinen Hals. „Du Dokkehansl, was hascht Du von der Lieb verstand?, wie Du nach Stuggerd komme bischt? Nix, gar nix. I Hab Di erscht g'lernt, was Liebe heißt!" Es zuckte um seine Lippen, er wollte sprechen, ihre Küsse erstickten seine Worte, und seine guien Vorsätze zerschmolzen wie Schnee an der Sonne. Sonntag Morgen. In seiner Kammer, die an die Werkstatt stieß, sprach Ruckstuhl, des Meisters Fillunger Gesell, beim An- kleiden vor sich hin: „Drei Jahre hatt ich einen guten Platz. Was wird mir jetzt blühen? Wieder auf der Strähle dippeln und, wenn die Asche ausgegangen ist, plattmachen bei Mutter Grün." Er trat vor den Spiegel, der über dem Waschgestell hing, betrachtete wohlgefällig sein von der Sonne gebräuntes Gesicht und fuhr mit dem Kamm durch das spröde Haar. „Blechner, ruhig Blut! Heut' klopfst du droben auf den Busch. Dann siehst du, wie der Hase laust." Geschniegelt und gestriegelt begab er sich zu Grete Fillunger hinauf und legte ihr die Strazze vor, in die er alle Geschäftsvor- gänge der abgelaufenen Woche gewissenhaft eingetragen hatte. Sie sah seine Aufzeich- nungen flüchtig durch und sagte: „'s ist allerlei zusammen gekommen. Sie wissen's ja's hat im Blättchen gestanden, daß das Geschäft zu verkaufen ist.'s haben sich auch Leut gemeldet. Der Herr Jbold spricht, die einen wollten's halb geschenkt haben, di« andern hätten große Rosinen im Kops und einen leeren 5Wutel." Der Gesell zuckte die Achseln. „Wer httr fußen und etwas heraus- Zipfeln will, Fräulein Grete, der muß viel hcreinstecken. Der Meister selig war nicht für Anschaffungen,'s blieb beim Alten. Schließlich hat jedes Geschäft seinen schwachen Teil. Da heißt's, die Augen auf! Was führen wir drunten im Laden? Aller- lei und doch nichts Rechtes. Spezialarttkel müßten wir machen. Und dazu brauchten wir Arbeitsmaschinen. Ich will nicht den Brascher herauskehren, Fräulein Grete, aber wenn Sie im S'mn hätten, das Ge- schüft zu behatten, ich tät mich getrauen, es in Zug zu bringenl" Er hob die Brust, alle Muskeln in sei- nem Gesicht waren gespannt. „Ich denk nicht dran, das Geschäft zu behalten," erwiderte Grete Fillunger.„Der Herr Jbold sagt:„Wir rücken's jetzt ins Fachblatt ein.'s brennt ja nicht auf den Nägeln!" Und das mein ich auch. Ihnen, Ruckstuhl, stehen viele Türen offen. Sie sind tüchtig in allen Stücken!" So wenig der Gesell geneigt war, sich Einbildungen hinzugeben, in den letzten Wochen hatte ihn doch der Gedanke beschäf- ttgt, ob seines Meisters Tochter, wenn es ihr nicht gelang, einen passenden Käufer zu finden, sich entschließen würde, die Speng- lerei fortzuführen und ihn als Geschäfts- führer einzusetzen. Da wär.er in seinem Element gewesen. Eines Tages wehte der Heiratswind, er bekam die Grete, und fein Glück war gemacht. Nun sah er, daß seine Hoffnung in den Brunnen fiel. In seinem Gesicht malt« sich seine Enttäuschung. „In vierzehn Tagen hör ich auf!" sagte er mit rauher Stimme und ging� Grete wunderte sich, daß er's auf einmal so eilig hatte. Was war ihm in den Kopf gefahren? Hatte er wirklich geglaubt, daß sie Verlangen trüge, ein Geschäft zu be- treiben, von dem sie so gut wie nichts vcr- stand? Hatte er seine Gedanken noch wei- tergejponncn? Sic hatte ihm nie dazu An- laß gegeben. Er war ihrem Vater ein treuer Helfer gewesen. Das würde sie jeder« zeit gern bezeugen. Schwester Trina, des Meisters Pflege- rin, kam. Mitsammen gingen sie In di« Liebfrauenkirche und nahmen am Gottes- dienst teil. Dann wanderten sie zum Fried- Hof hinaus.-- Als Grete nachmittags sich eben hinge- setzt hatte, ihrer Patin zu schreiben, die als Wilfrau in Friedberg lebte, erschien zu ihrem nicht geringen Erstaunen Theobald Gonder. Seit Wochen, sagte' er, stehe er auf dem Sprung, sie zu besuchen, er habe unmenschlich viel zu tun, doch habe er nun nicht länger warten wollen. Sie bot ihm einen Stuhl an. Er ließ sich ihr gegenüber nieder. Aeußerlich fand sie, hatte er sich kaum verändert. Er sprach wie jemand, der alles mit ungewöhnlicher Kraft ergreist. Aon rüdem Wesen war nichts zu spüren. Sein sicheres Austreten erweckte Vertrauen. Mit warmen Worten gedachte er des Meisters Fillunger, den er von jung auf gut gekannt hatte, von dem er, wie er verriet, als Lausbub verdientermaßen öfter oerprügelt worden war. Er trug allerlei Züge des Abgeschiedenen zusammen,, flocht Humorvolles ein, so daß Grete belebt, ja ergötzt ihres Vaters Bild in einem neuen Lichte sah. Sie zeigte sich redseliger, als es sonst ihr« Gewohnheit war, sagte, was ihre Tage ausfüllte und offenbarte, wie schwer jetzt alles auf ihr lastete. Theobald Gonder hörte teilnahmooll zu. Er selbst, sprach er. habe früh seine Eltern verloren. Glücklicherweise sei sie von nie- mand abhängig. Er dagegen wisse, was es auf sich habe, sich als arnier Schlucker durch- zuschlagen. Wenn er noch ein bißchen biet- ben dürfe, könne er allerlei erzählen. Grete versetzte, sie habe nichts zu ver- säumen. „'s war sellemal Hohe Zeit," hob er an, „daß ich von hier fortmacht' und daß mir die Hundsmucken ausgetrieben wurden. Draußen legt man manches ab, Gretel Ich Hab erst bei verschiedenen Meistern geschafft, dann war ich anderthalb Jahre beim Metz- ger Schlunk In Duderstadt. Mir kann einer schon was zumuten, aber was ich da schanzen mußt, das war kolossal. Fünf Stunden Schlaf, meint' der Meister, wär genug. Abends Uta halb zehn wurd das Haus zugeschlossen. Wer nicht pünktlich km war, könnt sehen, wo er unterkam. Der Herr Schlunk sprach immer, als wenn er heißen Brei im Mund hätt. Ich verstand ihn aber doch.„Schreiben Sie sich's hinter die Ohren, Gonder," sagt' er.„Fleiß ist dem Glück seine rechts Hand. Und wenn Sie einmal selbständig sind, denken Sie dran: gewisse Ausgaben und ungewisse Ein- nahmen sind der Tod des Geschästsi" Ich hatt beim Einkauf den richtigen Blick. Des- halb wurd ich aufs Land geschickt. Das war kein Spaß. Meilenweit hatt ich das Vieh auf grundlosen Wegen zu holen. Und was gab's zu futtern? Trocken Broi� ein Stück Speck und einen Schluck Korn. Die Kälber wurden am selben Abend geschlachtet, daß die Leber nicht litt. Am andern Morgen in aller Frühe ging's mit der vollbepackten Mulde in die Stadt." „Wer so ein Leben aushält," sagte Grete, der muß einen Körper von Eisen haben." „Der Meister," fuhr Gonder fort,„könnt grob sein wie Sackzwillich. Dabei war er grundgut. Eh ich hinkam, hatt er aus dem Cichsfeld einen wandernden Metzgergesell getroffen. Der gefiel ihm. Er fragt' ihn, ob er zu ihm möcht,' er könnt grad jemand gebrauchen. Der Gesell, ein Bruder Lustig, s Die Neue Welt. Illustriertes �lnterhaltnngsbsatt. sagt', wenn der Meister ihm seine Tochter gab, tat er mitgehn.„Sie wessen ja gar nicht, ob ich ein« Tochter h«b," sagt der Meister.„Aber ich Hab eine,'s kommt darauf an, ob sie so einen nimmt!" Der Gesell gwg mit. Er schätz ein, und es dauert nicht lang, da«mk er mit der Minna Schlunk verspreche«,«u passiert's, daß er mit seinem Fuhawsak bei einem Uebergang unter die Eise«b«chn kam. Er wurd als tot fortgetragen. Er war aber nur ohnmachtig. Von dem Tag an könnt er kein Glied mehr rühr«. Wahrscheins durch den Schreck. Alles A»kteen hals nichts. Er faß wie ein Häufchen Mglück im Laden. Und sitzt, schätz ich. nach. Sie hätten sehen sollen, Grete, wie der Meister um ihn herum war und die Frau«nb die Tochter. Er wurd gehalten wie's Kind im Hans." „Jetzt begreif ich, daß Sie ba ändert- halb Jahr' geblieben sind," sagte Grete. „Für so brave Menschen Plackt man sich gern." Vom Elchsfeld, erzählte Ganber weiter, wanderte er ins Sächsische, bann nach Schlesien. In Breslau oarlar er sein« Stelle, weil sein Meister abbrannte. Da beschloß er, nach Gleiwitz zu fahren, wo der Metzger Wremba, wie er gelesen hatte, einen Gesellen suchie. Früh um fünf stand«r am Billetlschalter in Breslau, vor ihm ein« Frau, bie ein kleines Kind auf dem Arm trug, das in Bett- kalter gewickelt war. Nachdem sie ihre Fahrkart« gelöst hatte, trat«in Mann zu ihr.. Der sah aus wie ein Palack. Und er sprach auf sie ein und fuhr mit den Händen in der Luft herum. Sie weinte. Ms Gon» der eine Viertelstunde danach in seinen Wagen vierter Klasse stieg, war da die Frauensperson mit ihrem Bündelchen. Ihrem Gesicht nach mußte sie noch sehr jung sein. Er knüpfte ein Gespräch mit ihr an und härte, daß sie aus Leschnitz gebürtig war. Ihr Kind, jagte sie, wäre erst vier Wochen alt und sehr elend. Eigentlich hätte sie mit dem armen Würmchen gar nicht reisen dürsen, aber ihr« Mutter läge auf den Tod krank. Darum müßte sie heim. Er fragte:„Der Herr aus dem Bahnhof in Breslau war wohl Ihr M«nn?"„Rein," antwortete sie feuerrot,„mein BräutigamI" Je länger die Unterhaltung währte, desto offener gab sie sich. Sie war, das gestand sie ein, leichtsinnig gewesen, hatte ihr Ge- wissen an den Nagel gehängt und sie be- reut« es. Ob ihr Bräutigam sie heiraten würde, schien ihr noch nicht gewiß. Ver- sprechen und halten war zweierlei. Sie schlug die Tücher zurück, ihrem Kind die Brust zu geben. Aus einmal tat sie- einen Schrti, daß die Leute im Wagen herbei- stürzten. Das Kinh war blitzblau und regt« sich nicht. Es war tot. Sie klam- mert« sich fest an�ihn und heult«, daß man die Hände drunter waschen konnte. Em Mitfahrer sagte, diesen Morgen sei ihm «in Hase über den Weg gelausen.' Das deu- tete auf einen üahen Todesfall. Der Zug hielt in Leschnitz. Gonder hatte das.Ge- fühl, daß er das Mädchen mit dem toten Kind nicht allem lassen durfte. Er stieg aus. Der Ort lag eine gut« halbe Stunde vom Bahnhof entfernt. Ein Fuhrwerk war nicht zu sehen. Da machten sie sich auf. Wie sie in das Städtchen kamen, begegnete ihnen eins alte Frau. Di« sagte:„Ka- thinka. Dein« Mutter ist gestern abend ge- starben!" Ein Unglück jagt« das andere, Nun hals er zwei Tote begraben. Di« Leute meinten, er wäre der Kathinka ihr Schatz. Soviel er vermochte, stand er der Bedauernswerten bei und setzte dann seine Reise nach Gleiwitz fort. Der Metzger Wremba war ein halber Narr. Er trat' öffentlich als Rmgkäinpser auf. Eires Tages gelüstete es ihn, sich mit seinem neuen Gesellen aus dem Hessenland zu messen. Er war an den Unrechten gekommen. Schneller als Wurst kocht, lag er unten. Das fuchste ihn gewaltig. Von Stund an war er murrsinnig und boshaft. Gonder, der seine volle Schuldigkeit tat, ließ sich das nicht bieten und legte sein« Arbeit nieder. Jetzt machte er einen großen Satz nach Berlin. Di« Stadt war wunderschön, mit den Men- schen konnte er nicht zurechtkommen. Er nahm den Ranzen auf den Buckel und mar- schierte über Magdeburg ins Braunschwei- gijche. Auf der Landstraß« sang ein Lappcntunker: „Braunschweig, wärst du wasserreich, Nichts auf Erden kam dir gleich." Larifari! Em Land nährte das andre, kcins war vollkommen. Wie er am Stadtkeller zu Schöningen vorüberschritt, stieg ihm ein lieblicher Duft in die Rase. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen. lllo:«!. folg«) ihr den Wacholderschnaps oder Eenever. Der Wacholder ist wohl der zäheste Kerl unter den Nadelhölzern unserer Heimat und vielleicht überhaupt der zäheste Baum un- seres Kontinents. Er wächst überaus long- sam, hat— nicht zuletzt deswegen— ein ungemein hartes und sthweres, rötliches Holz, wurzelt tiefer als alle anderen Heide- Ich vermag nicht genau anzugeben, wo der älteste Wacholder des mitteleuropäischen Fesllandes steht, und wieviel Jahrhunderle er aus dem Rücken hat, doch sind im In- nern des Lüneburger Heidegebietes heute noch Bäume zu sehen, die als Kinder noch die Zeit Karls des Großen miterlebt haben dürsten. An Gestalten ist er wohl reicher als jeder andere Nadelbaum. Sehr charak- teristisch für die ganz trockenen, mageren, windumbrausten Heidehügclhänge ist die al« variatio nana bezeichnete Zweraform. Man meint, irgendein schwarzes Schildkröten- oder Swchelschweintier mache der Welt einen Buckel, ein vorzeitlicher blauschwärzlicher Riesenlurch mit eingesunkenen Flanken und gesträubtem, stachelspitzigem Rückgrat kröche glotzäugig durch den gmugelb süminernden Sand— so gedriingen-polstersörmig und .zusammengerafft ist in diesem Fall das Wacholdergebäude. Erst ziemlich weit von der Ursprungsftell« und erst in.fkemlich hohem Alter krümmen sich die stärksten der horizontal streichenden Aeste nach oben um, wälzen sich bogig durch die Lust, fallen wie- der zur Erde, platten sich bandförmig ab, steigen abermals in phantastischen Schlan- gemvindungen aus und drehen schließlich aus ihrem Stamm ein« buschig auseinander- sollende Krone heraus, die der Wind sich herrichtet als Harse und jahrhundertelang zur Begleitung seiner Lieder benutzt. Alpen» wanderer werden sich entsinnen, mit� ganz ähnlichen Wacholdergestalten im Legföhren- gebiet der Hochgebirge(zwischen HOll und 2800 Meter) zusammengetrossen zu sein, ja nach Schröter wurde der Zwergwacholder am Mcnir Rosa noch bei 3370 Meter über dem Meer gefünden, so daß sich eine neu« Parallele, zwischen der Zwergstrauchheid« der subgiazialen Region und der Niederungs- hUWbchchNt.' TtaPtriitf«(■ wlioUul 8fr«ntn«nL RfKnltfur öi Satoin»n-a«((«n, Serlin>«!!»(ftr kt< JUfcofii»» rtilimniteii Scnlimgcn sin!» zu ttcht?n nuch. Ä»Ün, Umdtnftr. r> ftninturjer»ad SfriüjsanittU Auer S ffa, Sjumfiura. JVuif f!»rn!r(« Au�Sruck-c?» und Strtajsaiiflatt'Paul Singer& ffo.. flerlin 3®. tlS. Der Wacholder ist einer der Interessantesten Bäume des nördltck«, Asutschiands. Im Mai schüttet er, wir Wt. A. Koelsch in seinem fesselnd geschriebe»« Reich„Herd« und Moor"(BerössenttichW» dir K»zmvs- Gesellschaft. Stuttgart, Ber- lagsa»stall. Preis l Mfc) in steifer, anregender Art ausführt,(etoen Rlütenstaub in feinen gelben Wolken über d«r Heid« aus. Der Blütenstaub stammt m» feinen gelb- llchen Kätzchen, die in den'MeRck« der Na- delquirl« zweijähriger T»i«fe beisammenstehen. An andere» Pstanzen sitzen in Zapsenjorm die noch klei»»«, grünlich ge- färbten weiblichen. Llttt». Seiegentlich werden die BlütenhäusHip«urch zwei- geschlechtig. So hat O. NAMir 1M4 in der jjFlora" einen Busch»mi»ei Kernen unter der Haut. Sauerkrautafern, Fein- schmeckern und Haussraueu ist Re Wechol- derscheiudeere nicht undetannt: denn sie ist ein beliebte« Küchengewürz, Räaeher- und Hausapothetenmittel. Au«tfc.ip«chl man au» Cf- � 1 ff 3 beschwört euch selbst das Ausland,' Inwiefern vdsselbe nur noch im mindesten sich selbst versteht und noch ein Auge hat sür seinen rovhren Vorteil. Ja, es gibt noch unter alle» Böllern Gemüter, die noch immer nicht glauben können, daß die großen Verheißungen eines Reiches des Rechts, der Vernunft und der Wahrheit an das Menschen- geschlecht eitel und ein leeres Trugbild seien, und die daher annehmen, daß die gegenwärtige eisern« Zeit nur ein Durchgang sel zu einem besseren Zu- stand«. Diese und in ihnen die gesantte neuere Menschheit rechnet aus euch. Iabann SaUIIed Ficht», Jtrbtn _ an d!« d-lllich« Matimi(1608) pflanzen im Boden und ist neben der Birke und der(Talluna am stärksten am Zustande- kommen des eigentümlichen Landschafts- bilde« und seiner herben Stimmung vetei- ligt. Aber während da? Heidekraut zehn und, wenn es hoch kommt, zwölf Jahre oft wird, kann der Wacholder das Aller eine« Methusalem noch um das Zwei- und Drei- fach« und, wenn de» Mensch ihn nicht fällt, vielleicht sogar um das Zehnfache ichlagen. �