Nr. 88. Berlin, Mittwoch den 12. Juli I8«S. Iocial�Demolirat. Diese Zeilung erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn» und Festtage. Organ des Allgemeinen deutschen Ardeitcr-Vercins. Redigirt von I. B. v. Hosstctten und I. B. v. Schweitzer. Redaction und Expedition: Berli n, Dresdnerstraße Nr. 8b. Abonnements-Preis sitr Berlin incl. Bringerlohn: vierteljährlich 13 Sgr., mo- natlich 6 sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Königl. preußischen Post- ämlern L2>/, Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichtpreußischen Deutschland 18�/4 Sgr., im übrigen Deutschland 1 Thlr. sfl. 1. 45. slldd., fl. I. 50. österr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärt« auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Eompagnie, Scharrenstr. 1, sowie auch unentgeltlich von jedem„rothen Dienstmann" entgegen genommen. Znseratc sin der Expedition aufzugeben) werden pro dreigespaltene Petit-Zeile bei Arbeiter-Annoncen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mit 3 sgr. derechnet. Agentur für England, die Colonieen und die überseeischen känder: Ar. Beoäer, 8. Little New-Port-Street, Leicester- Square W. C. London. Agentur für Frankreich: G. A. Alexandre, Strassbonrg, 5. Rue Brulee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andrd-des-Arts. politischer Theil. Berlin, 11. Juli. Der Despotismus in Kurbessen Hot eine Höhe erreicht, deren Möglichkeit im 19. Jahrhundert, inmitten des civilisirten Europa's, nur aus der gränzenlosen Geduld des deutschen Volkes erklärbar ist. Es liegen Tbatsacheu vor, die so unerhört, so schmachvoll sind, daß ihnen gegenüber jeder Partei- unterschied verschwinden sollte, und wenig Ehre in der That niacht es den conservaiiven Preß- organen, daß sie kein Wort des Tadels gegen jene Vorgänge haben. Scharfbezeickuend für die politischen Zustände Deutschlands ist, waö dort sich zugetragen und noch sich zuträgt, und sehr mit Recht schreibt in einem längeren Leitartikel die„BreSl. Ztg.": Unter all' den grauenhafte» Erinnerungen der Geschichte unseres Vaterlandes erschüttert eine besonders auch das durch und durch verhärtete Herz: das Elend der durch den schwedischen General Steinbock verlrie- denen Altonaer. Die Feinde Karl'S XII. von Schweden halten in Pommern ärger gewirthschaftet, denn asiatische Barbaren; und General Steinbock beschloß ein Exein pel zu staluire», um die Verbündeten zu einer menschlicheren Kriegführung zu zwingen. Er ließ die Bewohner � Altona'«, als Unterihanen des mit seinem Herrn ver-. feindeten Königs von Dänemark, aus ihren Häusern treiben und die Stadl anzünden. Das geschah am 9. Januar 1713. Die Kälte war furchtbar, ein heiliger Nord wind mgchte sie noch sd>recklicher. Die unglücklichen Ein wohner, Männer, Weiber, Greise, Kinder irrten ohne Obdach, jammernd und halb erstarrt, auf den Eis- und Schneefiächen umher. Sie kamen fast sämmtlich unter den Mauern Hamburgs um, das ihnen in frevelhafter Hartherzigkeit die Thore verschloß. Gott sei Dank! Dergleichen Grausamkeiten sind in unserem Jahrhunderte unmöglich. Seit der französischen Revolution werden Kriege nicht mehr gegen die wehr losen friedlichen Unterthanen der Fürsten, sondern nur gegen die Heere geführt. Ohne Härte für die mit Krieg überzogenen LandeStheile geht es auch heule nicht ab, die Phrase o'esl la guerre muß auch jetzt noch manche inhumane Handlungen decken; aber letztere finden selbst dann kaum Entschuldigung, wenn sie zur Ausjllhrung der Operationspläne gegen die feindliche Armee unvermeidlich sind. Die einzige Möglichkeit für die Franzo sen, die empörten Araberstämme zur Unterwerfung zu zwingen, lag in der Zerstörung ihrer Dörfer und Ernte felder. Dennoch hat die öffentliche Meinung der civilisirten Welt den Stab gebrochen über diese grausame Art der Krieg führung. Aber was seit länger al« einem Jahrhunderte während der wildesten und blutigsten Kriege nicht mehr zu fürchten ist, zieht mitten in der stillsten FriedenSzeit über die unschuldigen Bewohner des kurhessifchen Städtchens E ranken au herauf. Unschuldig, denn ihr einzige« erbiechen ist, in Kurheffen geboren zu sein. Und keine feindlichen Befehlshaber, sondern die eigene Regierung verhängt diese« Verderben über die, Stadt. Vor mehreren Monaten ist da« Städtchen niedergebrannt; die ohnedies armen Bewohner— wohl, die wenigsten von ihnen waren versichert— sind an den Bettelstab gebracht. Doch die Grausamkeit der Elemente wird überboten durch die Hartherzigkeit der Menschen. Die Stände bewilligen eine reichliche Unterstützung— die Regierung zahlt das Geld nicht aus. Mehr nochl Ter Deutsche wird von der Wiege bis zum Grabt von der Polizei gehütet; er darf nicht geboren werden, noch sterben, viel weniger ein Hau« bauen, ohne Erlaudniß : oder Einmischung der Polizei, und ohne Abgaben an irgend eine Obrigkeit zu zahlen. Zum Wiederausbau des abgebrannten EiädichenS ist also seitens der Be- Hörden ein Bauplan entworfen worden, und dieser muß von einer höheren Behörde genehmigt werden. Die Genehmigung aber ist bi« jetzt nicht zu erlange» ge- wesen. Warum? Der Uuterihan hat z» gehorchen, nicht zu fragen. DaS Elend in dem Städtchen ist schon jetzt, mitten im Sommer, unbeschreiblich; der Mangel an genügendem, oft an jeglichem Obdach, muß seuchen- artige Krankheilen hervorrufen; zur Einbringung der Ernte— der Ackerbau ist fast die einzige Erwerbsquelle de« Städtchens— fehlt es an Räumlichkeiten; die Ernte muß unter freiem Himmel persnulen. Selbst wenn aber, was kaum zu erwarten, schon in den nächsten Wochen die höchste Erlaubnis zum Wiederansdau der adgeblannten Häuser erfolgt; so ist der Ausbau doch i» der Erntezeit, in welcher es ohnedies au Händen fehlt, unmöglich, und der Herbst muß vollends die Bollendung der Bauten hindern. Für den Winter aber erwartet einen Theil der Fraiikenauer das Schicksal, durch welches die Bewohner Altona'« in- Jahre 1713 getroffen wurden. So weil die„Brest. Ztg."! Unerhört ist ferner, daß eine Deputation der Unglücklichen, welche in dieser Sache vor dem „LandeSvaler"s!!) erscheinen wollte, von diesem nickt vorgelassen wurde. Man ist nicht nur gransam, man ist es mit Methode. In einer Sache, in welcher schleunigst helfend einzuschreiten unabweisbare Pflicht einer jeden Rc- gierung war, in der auch nur ein Funke von An- standsgesübl und Humanität noch vo>hanten— in einer solchen Sacke wollen die Betroffenen sich an die höchste Stelle des Landes wenden und— man läßt sie nickt vor. Der ganze Sachverhalt von Ansang bis zu Ende ist tief characteristisch fü� die Zustände unseres Vaterlandes. Darum sollte man nirgends leicht darüber hinweggehen, sondern sich denselben in sei- ncr ganzen Bedeutung vor Augen stellen. Der Vorgang beweist nämlich in erschreckend unzweideutiger Weise,— wir freilich bedurften dieses Beweises nickt, aber für Andere ist er gut!— daß alle die Verfaffungen und der gesammte RechtS- zustand in Deutschland nur auf dem Papiere stehen. Wenn in einem solchen Falle Kanimern, Presse und öffentliche Meinung sich ohnmächtig erweise» gegen die launenhafte Willkür eines despotischen Regiments— wie sollte in andern, weniger him> melschreienden Fällen Hoffnung sein? Kann Angesicht« solcher Thatsachen, wie sie in Kurhessen vorliegen, noch jemand zweifeln, daß nur eine Raditalkur in Deutschland hei- fen kann?— Deutschland. * Berlin, 11. Juli.[Europäischer Eon- greß. Budget. Militairstatisiik.j Die„Köln. Ztg." veröffentlich folgendes Telegram aus Lon- von, 9. Juli: Frankreich hat aus'« Reue Unterhandlungen wegen eines europäischen Congres- s e S mit allen Mächten eröffnet und als Programm desselben die Revision der Verträge von 1815 und eine allgem eine Entwaffnung auf- gestellt. General Fürst Wittgenstein hat die Zu- stimmung des russischen Kaisers bereits nach Paris überbracht.(Rachträglich bringt auch da« Wolfsische Büreau dieselbe Rackrickt unterm Datum des 10. Juli ans Brüssel und London.)— Die Publikation des Budgets im Siaats-Anzeiger wird, wie man den Hamb. Nachr. von hier meldet, nur noch durch äußere Gründe verzögert; namentlich soll der Druck größere Vorbereituiigeu uüihig machen. Die der Uebersickt vorausgehenden niotivirenben Erklärungen der Staate- Regierung sollen im Große» und Ganzen auf die Ausführung zurückkommen, die der Ministerialbefchluß voni Februar des vorigen Jahres enthielt. Bon den sämmtlichcn Ministern gegengezeichnet, werbe die Bekanntmachung doch nicht die Unterschrift des Königs tragen.— Nach den durch das Königliche statistische Bureau ermittek- te» Hauptrejultateii der BevölkerungSzählung in Preußen betrug am 3. Dec. 1864 die Militairbe» völkerung des Staates 279,414[oder 11,042 mehr als 1861). Dabei ist die preußische Besatzung in den Elb-HerzogthüNiern mit 12,469, in Frank'urt a. M., Luxenbnrg, Mainz, Rastadt k. mit 16,400 eingerechnet. Die stärkste Militairbevölkerung hatte die Provinz Brandenburg, nämlich 60,748, worun- ter Berlin allein 23,016, es folgt die Rheinprovinz mit 39,282, Schlesien mit 37.474, Preußen mit 32,372, Sachsen mit 29,334, Pommern mit 18,654, Posen mir 17,785, Westfalen mir 14,581, hohen- zollerii'fche Lande mit 220, Jadegebiet nut 122. Die Gcsammtbevölkerung belief sich auf 19,252,363 (oder 761,143 mehr als 1861). Die stärkste Bevölkerung, nämlich 3,346,195, hat die Rheinprovinz, es folgt Schlesien, Preußen, Brandenburg(Berlin mit 632.749), Sachse». Westfalen, Pose», bobca- zollern'jche Lande(64,958) und Jabegediet �73. � Wien, 8. Juli.[Zur Lage. Die Fi- nanzen.j Die Rede des Grafen Thun m der gestrigen Sitzung des HerrenbauseS, welche ei» nack- tes Plaidoyer für die Reaction(Deceniralisalion) war, Hai darum so großes Aufsehen gemacht, weil man allseitig annimmt, daß zwischen dem vom Gra- sen aufgestellten Programme und jenem ter zukuns- tigen Regierung ein nicht zu verkennender geisliger Zusammenhang bestehe und daß Graf Tdu»> Mission übernommen habe, die öffentliche Meinung auf die kommenden Ereignisse vorzubereiten. Session des weiteren Reichsrathcö soll am 17. Ju geschlossen werden. Niemand glaubt,'v. der einberufen werden wird. Herr v. Majlaty streitet auf das entschiedenste seine Competenz in Sachen Ungarns und namentlich das Recbt der BudgetbewiUizung auch für die Länder jenseits der Leitha. Da man aber Geld braucht, so wird man sich mit Preußen wegen der Kriegekostcn-Entschädi- gung tu vergleichen suchen. Vielleicht, daß von hier auS eine Wendung der diesseitigen Politik in der Herzogtdümer-Frage datire» wird und die Com- pensalionS-Frage wieder in den Vordergrund tritt. Was an die Stelle des weiteren ReichSrathes trc ten soll, darüber scheint man sich noch nicht voll- ständig klar geworden zu sein, so wie es sich denn überhaupt nicht verkennen läßt, daß in den cntsäiei- denden Kreisen eine ziemliche Rathlosigkeit herrscht, wie dies schon durch die ganz ungebührliche Dauer der Ministerkrisis dargethan wird. Thatsacke ist es, daß mit mehr als zwanzig Personen wegen Uebernahme des Finanz-Ministeriums verhandelt worden ist, ohne daß man jedoch zu einem Abschluß gelangen konnte. Es gehört freiltch schon eine gute Dosis von Heroismus dazu, um die Erbschaft des Hrn. v. Plener anzutreten und die Füllung eines Danaidenfasses zu unternehmen! Das Vaterland schreibt in naiver, sich selbst ironisirender Weise: Unsere Restauration und unsere Reaction ist weder Camarilla. noch Partei, bedarf keiner geheimen Mittel, keiner fürstlichen GewisseiiSratbe und keiner romantischen Garlöche; aus offenem Markte wird sie von allein Volle betrieben, der böhmische und der oberösterreichische Bauer betreibt sie gleichwie der slovenische Hirt und wie der stolze Erbe Arpad's und wie der vom alten heiligen rö- mischen Reich anerkannte Graf und Fürst und wie der Bürgeremann in einer mährischen fleijjigen Stadt und wie der altsreie edle Landmann Tirols. Gewiß ein seil- sames Land dies Oesterreich! Und entschieden Liberale, wie„Pesti Naplü" und erklärte Demokraten, wie„Na- rodni Lisch" betreiben diese Restauration und Reaction und erklären dabei sogar ganz offen, der Adel ihres Lan-! des sei auch ibr Voll und Blut von ihrem Blut, und sie müßten mit ihm zusammengehen. Gewiß ei» un