Nr. 93. Berlin, Dienstag den 18. Juli I8SS. Socinl-Dtmolmit. ®itft �mi?"Au7n°hm"' tim Organ des Allgemeinen deutschen Arbcitcr-Vcrcins. �ac�uub�mon-. bet Sonn- und geftlage. Redigirt von I. B. v. Hosstettcn und I. B. d. Schweitzer. DreSdnerstraßeNr. 85. Abonnements�- Preik silr Berlin incl. Bringerlobn: vierieljäbrlich 18 Sgr., mo- nallich 6 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Königl. preußischen Post- ämtern 22Vs Sgr., bei den preußischen Postämtern im nicblpreußilchcn Deutsch- land l8»/4Sgr., im übrigen Deutschland 1 Thlr. sfl. 1. 45. slldb., st. I. 50. österr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden au»w-rts auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Eompagnie, Scharrenstr. 1, sowie auch unenlgelilich von jedem„rothen Dienstmann" entgegen genommen. Inserate(in der Expedition auszugeben) werden pro dreigespaltcne Petit-Zeile bei Arbeiter-Annoncen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mit 3 Sgr. berechnet. Agentur für England, die Eoloniee» und die überseeischen j'änder: btr. Bender, 8. Little New-Port-Street, Leleeater- Square W. C. London. Agentur für Frankreich: 6. A. Alexandre, Strassbonrg, 5. Rue Brulee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andrd-des-Arts. politischer Sheil. Berlin, 17. Juli. (An dieser Stelle stand in der ronfiScirten Auf- läge ein Leitartikel für Berlheipigung des Ver- einsrechlS gegen das Polizeipräsidium zu Köln.) Feuilleton. Michel �Langmuth. der Schuhmacher. Eine Arbeitergeschichte von Z?.». H-fstttte». II. Kapitel.(Fortsetzung.) Michel war an dem diesem Ereigniß vorher- gehenden Abend wie gewöhnlich daselbst auf Besuch und erzählte der Commerzicnrälhin, als das Ge- sprach auf seine Nicderlassungsangelegenhcit kam, welche sie sehr zu interessiren schien, in welcher Gefahr, er sich befände. Dabei wagte er eS, sie bescheiden an das ihm früher gegebene Versprechen zu erinnern, daß sie sich bei ihren Frennden für seine Niederlassung verwenden wolle. Hierauf er- widerte sie ihm, daß es sie sehr freuen würde, ihm gefällig sein zu können; doch müsse man sich erst reiflich überlegen, was da zu thun sei; sie wünsche über diesen Punkt ein anderes Mal eingehend und Ungestört mit ibm zu sprechen und er möge daher am morgigen Vormittag sie besuchen, in welchem Falle sie Fürsorge treffe» werde, daß die Berathung, vhue eine Störung befürchten zu müssen, stattfin- beu könne. Michel sagte mit Freuden zu und erschien deS andern TagS znr bestimmten Stunde, von der Commcrzienräthin zärtlich willkommen geheißen. Die sonst immer in schwarze Seide gekleidete ehrbare Matrone trug heute einen weißen, leichten Morgenanzug, der ihre immer noch sehr üppigen Körperformen mehr durchblicken zu lassen als zu verhülle» geeignet war. Ihr Haar, sorgfältig fri- sirt, schmückte ein gefälliger Kopfputz nach der neue- sten Mode. Der dem Gesichte mangelnden Jugend- frische hatte sie mit großer Kunstfertigkeit durch Schminke nachzuhelfen und ihrer ganzen Erschei- nung ein möglichst jugeudlicheS Aussehen zu geben gesucht. Nachdem sie Michel in ein prachtvoll ausge- stattetes Zimmer geführt und neben ihm auf dem Sopha Platz genommen hatte, theilte sie ihm mir, daß sie. um jede mögliche Störung zu beseitigen, Martha mit Aufträgen nach ihrem ein paar Meilen von der Stadt entfernten Laudgute geschickt habe, von wo dieselbe erst gegen Abend wieder eintreffen könne. Sie seien also vollkommen sicher, von Nie- mandein belauscht sich vertraulich gegen einander aussprechen zu können. Hierauf forderte sie ihn auf, ein kleines Frühstück zu sich zu nehmen, daS schon auf dem Tische bereit stand. Michel lehnte dies dankend ab, konnte aber, ohne unhöflich zu sein, ein GlaS von dem trefflichen alten Bor- dcaux, den sie selber ihm einschenkte, nicht zurück- weisen. Sodann fing sie an, von ihre» Verhältnisse» zu sprechen, indem sie klagte, daß sie sich seit dem ; Tode ihres Mannes so einsam und verlassen fühle und jetzt das Bedürfniß nach einem wahrhaften j Freunde, dem sie Alles was ihr Herz bedränge anvertrauen könne, lebhafter als je empsinde. Die Verwaltung ihres großen Vermögens, an dem sie sich, so isolirt wie sie sei, nicht einmal erfreuen könne, laste täglich schwerer auf ihren Schultern, und so bedürfe sie auch in dieser Hinsicht immer mehr der Hülfe eines zuverläßigen Freundes. Aber vergebens habe sie sich nach einem ihrer Freund- schaff würdigen Manne von unverdorbenem Herzen umgesehen. Erst in ihm glaube sie einen solchen gefunden zu haben und daher wolle sie ihm auch eine treue Freundin sein. Ja, ihr höchster Wunsch sei es nunmehr, ihn reich und glücklich zu machen, wenn er ihr Freund werden wolle. Und dabei er- griff sie. ihm immer näher rückend, feine Hand und drückte ihn stürmisch an ihr Herz. Michel war durch diese Scene in die peinlichste Verlegenheit versetzt und so verwirrt, daß er im Augenblicke nicht Worte zu finden vermochte, um diese Zärtlichkeiten zurückzuweisen, die ihm doch über die Grenzen der bloßen Freundschaft zu gehen schienen. Doch entzog er sich rasch und entschieden ihren Liebkosungen. Dem sehr aufgeregten aber dabei immer noch klug berechnenden Weibe war Michels Verlegenheit so wenig als seine auffallende Kälte entgangen. Doch sah sie letztere mehr nur als eine Folge der