Nr. 106. Berlin, Mittwoch den 2. August Socinl�Demokrat. Diese Zeitung erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Festtage. Organ dc§ Allgemeinen dcntslhcn Arbeitcr-Vcrcins. Redigirt von I. v. v. Hofstetten und I. V. v. Schweitzer. Redacliou und Expedition- Berlin, Dresdnerstraße Nr. 85. Abonnements-Preis sstr Berlin incl. Bringerlvhn: vierteljährlich 18 Sgr., mo- Bestellungen werden auswärts auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, natlich 6 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.! bei den Königl. preußischen Post- von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Compagnie, Scharrcnstr. I, sowie ämtern 22>/z Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichtpreußilchen Deutsch- auch unentzeltliib von jedem„rothen Dienstmann" entgegen genomn-en. land IS�Sgr., im übrigen Deutschland 1 Thlr.(fl. I. 45. südd., st. I. 50. Bsterr. Inserate(in der Espedition auszugeben) werden pro dreigespaltcne Petit-Zeile bei Währ.) pro Quartal. Arbeiter-Annoncen mit l Sgr., bei sonstigen Annoncen mit 3 Sgr. berechnet. Agentur für England, die Colonieen und die überseeischen tänder: ttr. üender, 8. Little New-Port-Street, Leicester-Square W. C. London. Agentnr für Frankreich: G. A. Alexandre, Strasebonrg, 5. Rue Brulee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andrd-des-Arts. .Mit dem 1. August hat ein neues Monats- Abonnement für Berlin begonnen. Das Vereinsrecht in Preußen betreffend. Berlin, 1. August. Die ConfiScationen des„Social-De- mvkral" haben wirklich, wie wir dicS erwartet und gehofft, in der gesammien deutsche», ja man kann sagen in der europäischen Preffe das vcr- diente Aussehen gemacht. Mit ungebcuchelteni Er- staunen steht die öffentliche Meinung vor dem Faktum, rast in dem Staate, dessen Verfassung sagt-„Jeder Prcuste hat das Rechl. rurch Won, Schrift, Druck und bildliche Darstellung seine Ge- danken frei zu äußern" jene durch zwei Wochen hindurchlaufende Kette von Confiscatlonen möglich war. Nichts in der Thal konnte in schla- genderer Weise die preußischen Zustände vor aller Welt bloßlegen, als diese polizeiliche Maßnahme in der Landeshauptstadt gegen., das erklärte Organ einer ganzen Partei. Wenn die„Kreuzztg." dar- über erbost ist, daß das Organ der bayerischen Re- gierung, die„Bayerische Ztg." sich gleichfalls über den Vorgang aufgebalten hat, so möge sie bedenken, daß Preußen gegenüber die meisten Mittel- und Kleinstaaren allerdings als freie Staaten betrachtet werden können. Diese Kette von Eon- siscationen war insbesondere in Bayern eine Unmöglichkeit. Freilich der Münchener„Volksbote" bemerkt: „Zu den Cousiscationen des„Social-Demokrat" haben offenbar dessen rotbe Hetzartikel(„rothe Heyartikel" wenn man das verfassungsmäßige Vereinsreckt mit Nachdruck vertheidigt!!) starken Anlaß gegeben." Aber wir bemerken für diejenigen unserer Leser, die es noch nicht wissen sollten, daß der„Volks- böte" ein fanatisch-ultramontanes Organ ist. Und selbst dieses Blatt wagt nickt die ConfiS- cationen zu rechtfertigen, sondern meint nur, „starker Anlaß" sei gegeben worden. Doch wozu viele Worte? Die Sache spricht für sich selbst. Eines nur möcklen wir noch fragen: Was wäre daraus geworden, wenn alle Blätter, welche die Volksrechte zu verthei- digen behaupten, mit derselben Entschie- denheit und Festigkeit aufgetreten wären? Sollte die Polizei 14 Tage lang neu» Zehntel der preußischen Zeitungen, insbesondere fast sämmt- ljche Berliner Morgenzcitungen, confisciren? Wie lange könnten die preußischen Zustände gut thun, wenn überhaupt das liberale Bür- gerthum seine Schuldigkeit thäte? Die gesammte soctul-deniokratische Par- �tei und die Arbeiter überhaupt haben in der BereinS-Angelegenheit weidlich das Ihre gethan— ob auck das liberale Bürger- thum, darüber wollen wir vorerst nicht rechten. � Immer deutlicher tritt hervor, welche ungeheure Verstärkung das liberale Bürgerthum in der Ver- einSfrage durch die Haltung der social-demokralischen Partei gewonnen— eine Verstärkung, die dasselbe allerdings, dem Anschein nach, nicht zu benutzen ver- steht oder nicht zu benutzen wagt. Wir geben in Nachfolgendem weitere Berichte über Versammlungen, welche auf Anregung deS Allg. deutsch. Arb.-Vereins stattgefunden, wobei wir unsere Leser zu bedenken bitten, daß von einer Masse kleiner Städte und Dörfer besondere Berichte nickt eingelaufen sind, obschon nach den Pleldungc» ans den Hauptpläyen daselbst Versammlungen stattgefunden. Nachstehend die Berichte: AuS London*) meldet unser rod.-Correspcn- denk, ein Arbeiter, daß das Auftreten deS Präsi- diums des Allgemeinen deutschen Arbeiter-VereinS und des Vereinsorgans bei den deutschen Arbeitern in London die grögte Freude hervorgerufen habe und insbesondere im Arbeiterverein„Teutonia" mit stürmischem Jubel begrüßt worden sei. Aus Iserlohn*) erhalten wirn achstehende, Angesichts res in Preußen bestehenden Vercinrechtcs 'sast unglaubliche Nachrichten: T. Iserlohn, 26. Juli.(Die Iserlohner Be- Hörden und da« BereinSgesetz. Die geknebelte Lotal-Presse. Allg. Art.-Bersammlung durch den Allg. deutsch. Arb.-Verein.) Da« Vorrecht aus ein Patent für die Erfindung der polizeilichen Jnter- pretalion des BereinsgesetzeS seitens der allerneucsten „Aera" gebührt unstreitig durchaus nicht dem Polizei- Präsidenten von Köln, sondern dem hiesigen Bürgermei- ster Hülsmann. Falls, wie zu vermuthen, der polizeiliche Scharssinn auch diesmal mit rothen Adlern decorirt wird, dann reclamire ich einen solchen ausdrücklich für die Brust unsere« Bürgermeister». Die„Bravour" desselben gegen die hiesige Gemeinde des Allg. heutsch. Arb.-Ber- ein« ist durch zahlreiche frühere Berichte vollständig nachgewiesen. Am 21. d. M. zeigte Herr Schlossermeister F. Beckmann von hier(Bice-Kassircr de« Allg. deutsch. Arb.-Vereins) unter Bezugnahme ans§. 1 der ,. Verordnung über Bcrhiilnng eine« die geseyliche Freiheit und Ordnung gefährdenden Mißbrauch« de« Versammlung«- und BercinignngsrechtS", vom II. März 1850, und auf Artikel 20„der Verfassnngs-Urlnnde für den preußischen Staat" vom 3l. Januar 1850, dem Hrn Hüls mann an, daß am 23. d. M. Nachmittag« 4 Uhr im Koch'schen Lokale eine Versammlung stattfinde» werde, in welcher öffentliche Angelegenheiten erörtert und berathen werden sollten, und daß er— Herr Beckmann— der„Unternehmer" der Versammlung sei.! Gleichzeitig sandte Herr Beckmann eine Einladung zu, einer„allgemeinen BolkS-Bersammlung zur Erörterung nnb Berathung öffentlicher Angele- *) Ans einer der confiscirten Nummern. genheiten, namentlich de« polizeilichen Berbo- ites des Abgeordnetenfe stes in Köln", an die Redactionen de«„Iserlohner amtlichen KreiSblaltes" und de«„Wochenblattes". Der Redakteur deS„KreiSblattS" sagte die Ausnahme unter der Bedingung zu, daß der „Bürgermeister" dieselbe gestatte; dieser aber hat nach Einsicht der Annonce die Aufnahme derselben ver- boten.— Der Redakleiir de«„Wochenblattes" verlangte gar dir Genehinigung de« Landralhe«! In beiden Blät- lern erschien die Einladung denn auch nicht!— Herr Beckmann empfing auf seine Anzeige folgenden Bescheid: „Auf die Anzeige von beule eröffne ich Ihne» hier- mit, daß die darin angemeldete Versammlung nicht geduldet wird. Iserlohn, 21. Juli 1865. Der Bürgermeister. I. V.: Der Beigeordnete Auer." Herr Auer gehört, wie inan sagt, seiner politischen „Gesinnung" nach, der Fortschrittspartei a».— Herr Beckmann beschwerte sich sofort beiin Landralh, Herrn Overwez(Sohn de« gleichnamigen„liberalen" Abgeordneten zum preußischen Landtage und Mit- glicdes der veutschen Raei v nal- vc rsamml u ng von 1848!)— Herr Beckmann bob in der Beschwerde hervor, daß die Beifügung das Gesetz vom>> März 1850 und den Artikel 20 der Versassungs-Urkundc ver- letze und trug darauf an, den Bürgermeister Hiilsm-nn sofort anzuweisen, die im§. 1 des Gesetze« vom IL März 1850 vorgeschriebene Bescheinigung über Anmeldung der Versammjnng zu ertheilcn und der letztern kcinerlei.Hin- dernisse entgegenzustellen. Herr Beckmann empfing am 23. d. M. nachstehenden landräthlirden Erlaß- „Unter Rückgabe des Bescheide« der hiesigen Ortspo- lizeibehörde vom 21. d. M., welchen Sic mit Ihrer gestern Mittag übergebenen Eingabe an mich von dem« selben Tage angelegt haben, eröffne ich Ihnen zu dem gestellten Antrage wegen Gestattung einer Versamm- hing am 23. lauf. Monat« Nachmittag« 4 Uhr in dem Lokale des Wirth« Koch, auf der Bellevue hier, zur Erörterung und Berathung öffentlicher Angelegenheiten, daß gedachte Behörde mit Recht der angezeigten Ver- sammlung Zwecke des Allgemeinen deutschen Arbeiter- Vereins beimißt, daß Versammlungen diese« Vereins aber aus den in dem an den(!!!) srühern(?) Vereins- Bevollmächtigten Arbeiter Brändchen hierselbst un- ter den 15. März c. Seitens der mehrgenannten Be- Hörde gelichteten Bescheide entwickelten Gründen hier« selbst polizeilich nicht geduldet werden. Mit dem erhobenen Antrage müssen Sie demnach auch meinerseits, wie hiermit geschieht, zurückgewi-sen werden. Iserlohn, 23. Juli 1865. Der Landralh Overweg. Von„Gestallung" der Versammlung enthielt die«r- schwerde kein Wort. Obschon der Bürgermeister d>e ladung gelesen hatte, nach welcher die Kölner Fest' angelegen heir besprochen werden sollte, mißt � der Herr Landrath sagt— die Polizeibehörde„mit Recht der Versammlung Zwecke des Allg. deutsch. Arb.-Verein« bei, und statt abzuwarten, ob solche„Zwecke">n dtt Versammlung zum Vorschein kommen und sie in diesem Falle vielleicht aufzulösen, wird die Versammlung obne Weiteres untersagt.- Da« ist doch ea» Stärkste, was in solchen Stücken geleistet werden laMt- Noch mehr! Der Landralh beruft sich auf einen B-'sivei de« Bürgermeister« vom 15. März d. I., nach welchem Versammlungen de« Allg. deutsch. Arb.-Ver« ein« hier nicht geduldet werden. Davon enthät» 1. 3. 4. 5. der Bericht keine Sylbe, vielmehr stellt vieser den Allg. deutsch� Arb.-Berein ganz und gar in Abrede, wie dieselben Behörden denn auch der Regierung in Arns- berg berichtet haben, daß die Versammlungen des hier „unter dem Namen de« Arbeiter« Brändgen gegründeten Arbeiter« Verein«?! nicht geduldet wurden, weil der Verein mit andern Arbeitervereinen in Verbindung stehe,— Und nun plötzlich„Versammlungen des Allg. dentsch, Arb,-Verein«?!"— Da« zu begreisen, dazu gehört wahrlich ein unmenschlicher, übernatürlicher Verstand.— Weil Herr Bürgermeister Hlllsmann früher(s. Z. Bericht im„Soc.-Dem,") den Vertreter» der hiesigen Ge- Meinde de« Allg. deutsch. Arb.-Vereins die polizeiliche „Erlanbniß"(!) ertheilt halte, ihre Angelegenheiten— „bei einkm Glase Bier"—— zu besprechen, wurden die Arbeiter aus Privatwegen eingeladen zu einem Spa-! ziergange aus Sonntag, den 23. d. M. Morgens ö'/a Uhr. Sammelplatz war der Todlenhof! Frühe Morrjen- stunde. allgemeine Mißstimmung wegen der seitherigen planmäßigen Vereitelung von Versammlnngen der hi-si« gen Mitglieder des Allg. dentsib. Arb.-Bereins und Miß- stimmung gegen die zahme und lahme FortschrittS-Par- tei,— sowie die späte ungenügende Einladung, � das Alle« bewirkte, daß die Bersammlung keine Massen- hafte war. Doch waren in ihr vertreten die Arbeiter aller Branchen von Iserlohn, Grüne, Leihmathe, Nach- rodt und Umgegend.— Die Zusammenkunft im Felde zwischen Dröschede und Oestrich fand statt. Später! wurde im„Walde" bei Oestrich— von einer größeren Arbeiter-Versammlung— beschloffen, Depeschen nach Köln und Berlin abgehen zu lassen. Letztere ist in Nr. 100 des„Soc.-Dem." abgedruckt; crstere lauteti „Herrn Classen-Kappelmann, Vorsitzenden des Abgeord- nelenfest-Comitees. Köln. Wir versichern die Mitglieder des Kölner Fest Co- milee«, de« Abgeordnetenhauses und der Fortschritt«- Partei überhaupt, unserer vollen Sympathie und tbat- kräftigen Unterstützung im wackern Kampfe um da« ge- fährdcte Vereinsrecht. Die im Walde bei Oestrich versammelten Arbeiter von Iserlohn, Grüne, Letmathe, Nachrodt und Umgegend. Im Auftrage: T-rl Wilh. Tölcke, Schriftführer der Iserlohner Gemeinde des Allg. deusch. Arb.-Vereins Arbeiterbericht aus Solingen:�) eo. Solingen, 24. Juli.(Allgemeine Arbeiter- Versammlung durch den Allg. deutsch. Arb.- Verein). Gestern hielt die hiesige Gemeinde eine all- gemeine Arbeiter-Versammlung ab, welche sehr zahlreich besucht war. Nachdem der Vorsitzende Herr Coßmann die Anordnung des Präsidiums verlesen und de» Ver- sammelten den eigentlichen Zweck derselben dargelegt hatte, wurde zur Diskussion übergegangen und das Resultat derselben war, daß die Resolution des Prä- sidiums des Allg. deutsch. Arb.-Vereins in Be> trefs des Vereinsrechtes einstimmig augenom- men wurde. Nachdem ein dreifaches Hoch den Führern de« Allgem. deutsch. Arb.-VereinS dargebracht worden, trennte sich die Versammlung in schönster Ordnung. Auö den meisten kleineren Städten und aus den Dörfern sind bis jetzt keine Briefe Seitens der betreffenden Bevollmächtigten einge- laufen. Allein aus den Berichten von den Haupt- punkten ist zu entnehmen, daß der Allg. deutsch. Arb.- Verein ubera_,.....______, rung des Vereinsrechtes gethan hat. Wer bedenkt, wie wenig Zeit die Arbeiter zum Schreiben haben, wird es erklärlich finden, daß gar Viele nicht gern zur Feder greifen. Allerdings wäre es in vorlie- gendem Falle wünschenswcrlh gewesen, wenn sie eine Ausnahme gemacht hätten. Aus Naumburg a. S. gehl uns von einem Arbeiter nachstehendes Schreiben in Betreff einer neuen verabfcheuungswürdigeu, aus politischen Motiven hervorgegangenen Maßregelung zur Ver- öffentlichung zu. •) Aus einer der constrcirten Nummern. Geehrte Nedaction! Ich bitte Sie Nachstehendem die Zeilen Ihre« ge- schätzten Blattes öffnen zu wollen. Schon seil langer Zeil hat man hier von verswiedenen Seiten oei meinem vormaligen Principal daraus hin zu arbeiten gesucht, daß mich derselbe entlassen möge. Die Ursache zu solchen Jntrigneu war meine Thätigkeit für die Arbeiter-Partei. Meine gute Aufführung und meine Arbeitstllchligkeit jedoch haben bisher diese Bemühungen bei meinem Meister mißlingen lassen. Seit der letzten von mir einberufenen Allgemeinen Arbeiter- Versammlung in der Kölner-Fest- oder vielmehr VereinSrechts-Angelegenheit aber wurden diese Hetzereien von Neuem und in verstärktem Maaßstabe wieder aufge- nommen und leider die« Mal mit Erfolg. Mein Meister kündigte mir die Arbeit und ich bin jetzt mit Weib und Kindern brodlos und soll Naumburg verlassen, da ich hier nirgends Arbeit finden kann. So sehr ich mich nun auch bemüht habe, die Namen meiner politischen Verfol- ger zu erfahren, konnte ich bis jetzt nur so viel ans meinem ehemalige» Prinzipal herausbringen, daß alle reichen Oekonoinen und wohlhabenden Kunden überhaupt, die bei ihm arbeilen ließen und kauften, ihm gedroht hätten, dieß künftig zu unterlassen, wenn er mich nicht fortschicken wolle. Jene Leute hoffen und glauben nem- lich, daß wenn ich gezwungen bin, Naumburg zu verlassen kein Anderer mit der gleiche» Ausdauer, Energie und demselben Geschick wie ich, ihren reaktionären Absichten und Wühlereien entgegen treten würde. Ich hoffe und erwarte aber fest, daß sie sich darin, zu Ehren de« hie- sigen Arbeilerstande«, verrechnet haben werden, wenn ich auch wirklich von hier sollte fortziehen müssen. Aber Schmach und Schande über so erbärmliche« und verächt- liches Treiben! E« ist Sache der Arbeiter und aller ehr- liebenden Bürger und Prinzipale, dem entschieden ent- gegen zu treten. Mit demokratischem Gruß Naumburg a. S., 26. Juli 1865. F. Krall, Bürstenmacher. Aus Stettin") geht uns nachstehendes Arbeiter- schreiben zu; Stettin, den 27. Juli 1865. Während unsere Brüder durch ganz Deutschland lhätig und rührig sind im Kampfe um das Bereinsrecht, sind wir Pommern gezwungen, unthätige Zuschauer in dieser so wichtigen Sache zu sein. Mit geballter Faust und verbissenem Ingrimm haben wir die traurigen Er- eignisse verfolgt, welche in unserem Vaterlande vorgehen, die einem Unbefangenen unglaublich erscheinen, uns aber zu einheitlichem Zusammengehen bestimmen müssen. Es liegt jedoch nicht an un« die Schuld, wenn hier in die- ser Angelegenheil nicht« geschehen ist; der Grund liegt in ") Aus einer der confiscirten Nummern. Vereins" verreist ist, welchen ich zu einem Zusamn gehen bewegen wollte, so forderte ich die hiesige liberale Presse auf, uns in dieser Sache, namentlich zu einer Massenversammlung, die Hand zu reichen, da doch ein gemeinsames Interesse vorliege. Dieser Aus forde- rung wurde jedoch nickt nachgekommen. Ich beeilte mich nun selbst, eine allgem. Arbeiterversammlung zu veranstalten, konnte jedock, so sehr ich mich bemühte, kein passendes Lokal hierzu auftreiben. Ueberall wies man mich, nachdem ich das Wort: Allg. deutsch. Arb.-Verein gesprochen, kurz ab, als wenn mann sich verabredet hätte. Wir besitzen zur Zeit nickt einmal ein Vereinslokal, und haben deshalb unsere Versammlungen einstellen müssen. Wir thcilen jedoch die Sympathien unserer dentsch«»-Brüder, nnd rufen allen denen, welche sich in der schwebenden Frage be- tbeiligt haben, ein donnernde« Hoch! Otto Ar in borst, Bevollmächtigter. Hierzu hatten wir bemerkt: Wir thun unsere Schuldigkeit in Sachen des Vereinsrechts— wo möglich mit der Bourgeoisie — wenn nölhig ohne sie— schlimmsten Falls wider sie. Ueber denjenigen Theil der liberalen Partei, der die zu ihrer Unterstützung herbeieilenden Ar- beiter zurückgestoßen hat. werden wir zu geeigneter Zeit zu Gericht sitzen. Unsere Freunde sollen mit uns zufrieden sein. Ein zweites, späteres Schreiben des Herrn Armborst lautet: Das ohne unsere Schuld Versäumte ist nackgeholt. Gestern wurde es nämlich der hiesigen Gemeinde mög- lich, in ihrem»tuen Lokale eine öffentliche Versamnnung abzuhalten, zu welcher sämmiliche Arbeiter Stettins eingeladen waren und die auch ziemlich zahlreich besucht war. Nachdem ich als Bevollmächtigter die Bersamm- lung eröffnet und eine Mittheilung hinsichtlich der Lokal- bintertreibnng gegeben hatte, las ich die bekannte Reso- lution vor, und nachdem dieselbe von der Versamm- lnng diskntirt war, wurde sie bei der Abstimmung an- genommen. Hieraus wurden auf Verlangen die Ver- Handlungen der Berliner allgemeinen Arbeilerversamm- lung vorgelesen und von Herrn Köbke der Festgruß von Emil Rittershaus vorgetragen. Nachdem noch einige innere Vereinsangelegenheitcn besprochen waren, wurde die Bersammlung geschlossen, verblieb jedoch nock den Abend über in geselliger Weise beisammen. Nach Schluß der Bersammlung erklärte wiederum der Wirth, daß er un« sein Lokal nicht zu weiteren Zusammenkünften gebe, weil er sich dann der polizeilichen Verfolgung aus- setze. Also sind wir zum vierten Male ein„wanderndes Kasino" geworden. Eines Vorfalles sei noch erwähnt. Einer der anwesenden Polizeibeamten erklärte, e« seien Lehrlinge anwesend; die Herrn aber, welche er im Verdachte hatte, erlkärlen mit entschiedener Haltung, daß sie Gesellen seien, und der Polizeibeainte zog sich zurück, worauf allen wackeren Kämpfern in der schwebenden Frage ein donnerndes dreifaches Hoch ausgebracht wurde. Mit demokratischem Gruß Stettin, 31. Juli 1865. Otto Armborst. Aus Barmen bericktel uns über die dort statt- gefundene allgemeine Arbeiter- Versammlung ein Arbeiter: Vor Beginn der Verhandlungen erklärte der an- wesende Polizei-Eommissar, daß, wenn die Resolution Feuilleton. Uichel Langmutfi, der Schuhmacher. Eine Arb eitergeschichte von I. Z>. d. Hofstttten. II. Kapitel.(Fortsetzung.») Hugo stimmte den Grundsätzen seiner Tante vollkommen bei, behauptete aber, daß das Mädchen wohl weniger schuldig und nur von Michel verführt sein möchte, weßhalb man, um Martha zu retten, sehen müsse, wie man Michel für immer von ihr entferne. Seiner Ansicht nach sei es deshalb zweckmäßiger, wenn sie suche, Martha vorerst»och zum Bleiben zu bewegen und nur jede fernere Zusam- menkunft mit Mtchel zu verhindern. Die Commerzienräthin bestand jedoch auf ihrem Entschlüsse, weil sie recht gut wußte, daß Martha unter solchen Umständen keinesfalls zu hallen sei. Alles Weitere, meinte sie, werde sich von selbst sin- den. Auch werde sie es sich gewiß angelegen sein lassen, das verirrte Paar durch Trennung' auf die eine oder andere Weise wieder auf den Pfad der Tugend zurückzubringen, worauf Hugo erklärte, daß er mit Freuden bereit sei, sie nach Kräften darin zu unterstützen. *) Theilweise au» den confiscirten Nummern. Als hierauf die Commerzienräthin, durch die unterdessen erlangte Beruhigung, daß ihr Neffe sie vorhin nicht genauer angesehen, und durch seine Versicherung, an ihm einen eifrigen Bundesgenossen gegen das Liebespaar zu haben, heiter gestimmt, die Bemerkung hingeworfen, daß sie beide, mit ver- einten Kräften, einer solchen Kleinigkeit wohl ge- wachsen sein dürften, hielt Hugo den rechten Zeit- punkt für gekommen, nunmehr seine eigene Ange- legenheit vorzubringen. Er begann damit, indem er sagte, daß er den Erfolg in jener Sache für so unzweifelhaft halte, ! daß er nur wünschen könne, in einer anderen, ihn betreffenden und sehr wichtigen Angelegenheit deS Erfolges ebenso sicher zu sei». Es sei ihm näm- > lick zum ersten Male in seinem Leben ein Unglück - passirt, und zwar ein Unglück, aus dem nur sie," seine barmherzige, edle Tante, ihn noch erretten könne und schleunigst erretten müsse, wenn es über« Haupt noch möglich sein solle. Von der Commerzienräthin, die ihm mit Span- nung zugehört, unterbrochen und gefragt, worin denn ! dies Unglück bestehe, das sie zu erfahren um so be- gieriger sei, als sie ihm, wenn irgend möglich, gern helfen wolle, fuhr er fort und erzählte, daß er fein Unglück zwar selber verschuldet habe und als eine ihm von Gott zugedachte Prüfung be- trachte, aber jetzt von Herzen bereue und nur leider nicht mehr ungeschehen machen könne. Gottes Vor- sehung habe eS wunderbarer Weise so gefügt, daß er vor einiger Zeit in die Gesellschaft von einigen leichtsinnigen reichen Leuten seines Alters gerathen sei, welche außer anderen Vergnügungen auch dem Spiele sich ergeben hätten. Als principieller Feind alles Spielens habe er sich fortwährend standhaft dagegen gesträubt, mitzuspielen. Gestern aber sei eS Jenen endlich doch gelungen, ihn dazu zu ver- leiten. Zugleich hätten sie ihn so sehr zum Trin- ken animirt, daß xr nicht mehr recht gewußt, waS er eigentlich thue und so habe er im Hazardspiele 1000 Thaler verloren, die er, gegen Verpfändung seines Ehrenwortes, sie am heuligen Tage bezahlen zu wollen, schuldig geblieben sei. Da es sich hier um seine Ehre handle, habe er auch bereits Alles, aber leider vergebens, versucht, um sein Wort ein- lösen zu können. Ja sogar sein Vater, an den er sich telegraphisch gewendet, habe entweder nicht daran glauben wollen oder sei, als der erbitterste Gegner des Spiels, ernstlich gegen ihn aufgebracht, indem er ihm zurück telegraphirt habe, daß er einen leichtsinnigen Spieler seinem Schicksale überlassen müsse. Er wende sich daher in seiner Verzweiflung mit der flehentlichsten Bitte an sie, ihn nur dieses eine Mal nicht zu verlassen, und verspreche ihr heilig, nie wieder vom Pfad der Tugend abweichen zu wollen. Gott werde es ihr dereinst im Jenseits sicher tau- sendfach lohnen, wenn sie Erbarmen mit einem Menschen habe, den eine einzige jugendliche Ver- irrung seines höchsten Gutes,— seiner Ehre— und damit seines ganzen Lebensglücks berauben