Nr. III. Berlin, DienSIaq den 8. August Sorilll-Dtmolirat. Diese Zeitung ersckeint tiiglich mit Ausnahme der Sonn- und Festtage. Organ dcs Allgcmcincn deutschen Arbeitcr-Bcreins. Redigirt von Z. v. V. Hofstetten und Z. v. v. Schweitzer. Redaction und Expedition: Berlin, Dresdner straße Nr. öS. Abonnements-Preis f!tr Berlin incl. Bringerlohn: vierteljährlich 13 Sgr., mo- natlich 6 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Königl. preustischen Post- ämter» WVs Sgr., bei den preustischen Postämtern im mchipreusjischen Deutschland IS3/« Sgr., im übrigen Deutschland 1 Thlr. sfl. 1. 45. slldd., st. l. 50. österr. Währ.) pro Quartal. von jedem soliden Spediteur von de" Srvrek C v' Expedition. auch unentgeltlich von jedem' rotben Scharrenstr. I, sowie Inserate(in der Stt.dj,i«n m,s-uaeb,n; l5��'''"tgegen genommen. Arbeitcr-Annonoen mit I Sgr bei sonnen �"gespaltene Petit-Zeile b-, «gr., vei sonstigen Annoncen mit 3 Sgr. berechnet. Agentur siir England, die Eolonieen und die überseeischen Länder: Mr. Bender, 8. Little New-Port-Street, Leicester-Squnre W. C. London. Agentur für Frankreich: 0. A. Alexandre, Straeebourg:, 5. Kue Brnlee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andrd-des-Arts. Köln, die Dourgeoilie und wir. ii. Höchst interessant nun war bei dieser Kölner Affaire die Haltung der Adelspartei einer-, der Fortschrittspartei andererseits. Diese beiderseitige Haltung konnte zwar unS nicht überraschen, muß aber für Biele, die weniger in das Wesen der Parteien eingedrungen waren, wegen der beson dcS Hofs gleichgültig sein kann und die nur aus llebcrzcugung conservaliv sind— conservativ etwa darum, weil sie die Aufrcchtcrhaltung des bestehen« den RechtSzustaades wollen und daher im Allgemei- neu diejenige Gewalt unterstützen, welche der Grund- stein dieses Rechtszustandes ist? Nur zum geringsten Theile! Die Leser der„Kreuzztg." sind Majore, die Obristen weiden wollen, Stadtgerichtsräthe, die |_____ Appellräthe, Staatsanwälte, die Ober-StaatSan- deren Deutlichkeit der dabei hervorgetretenen �/ilte, Finanzrälbe, die Ober-Finanzräthe, Pastoren, Erscheinungen sehr lehrreich gewesen sein. die Consittorialräthe werden wollen. Obschon unS nun hier die Adelspartei weniger Und diese Majore,"�he, Staatsanwälte, Pa- interessiri. so wollen wir doch aud> ihrer im Vor- sioren- insgciammt arme Tcusel!— haben noch übergehen mit einigen Worten gedenken. dazu Söhne, tie gleichfalls einmal von den Staats« Die preußische ÄdelSpartel, die man nach den, geldern zehren sollen.... sicherlich sehr gut revigirten Organe, in welchem Da sind ferner ganze Adelsfamilien mit fünf, sie Ausdruck und Zusammenhalt siutet, nicht unzu->'�s Söhnen, für welche all- die einzige Hoffnung treffend die„Kreuzzeltungs-Partei" nennt, das E-dettenhauS ist! hat nämlich bei dieser Angelegenheit sehr deutlich Uud der Kern dieser Gesellschaft wird gebildet gezeigt, daß sie in keiner Weise eine selbststän- v°n den hohern Staatsbeamten und den höheren dige Partei, sondern nur ein A»hängsel der. Ossi, leren, welche insgesammt entweder dem LandeS« Regierung ist. �del angehören oder naturgemäß demselben sich an- Zwar ist eS richtig, daß heutzutage in keiner, haben. historischen Monarchie eine Atelspariei sich in tief- Und aus diesen Familien, deren ganze Beden- gehenden Konflikt mit der Regierung setzen wird, tung, deren ganze sociale Stellung nicht auf selbst- weil, dem modernen Zeitgeist gegenüber, alle histo- ständiger Grundlage, sondern auf der Anlehnung riick hergebrachten Elemente in hohem Grade ge- an die Regierung beruht— aus diesen Familien mcinsameS Jntereffe haben; allein dies schließt, sollten Manner hervortreten können, die in irgend wo eine selbststandige, durch Besitz und naturwüchsi- einem, wenn auch nur vereinzelten Punkte der Re- ges Ansehen im Lande sclbstständige Adelspartei gicrung Opposition machen könnten? vorhanden ist, durchaus nickt aus, daß i» Falle» Das Organ dieser Familien sollte sich unter« besonderer Brrirrung der Regierung oder ihrer stehen dürfen, einen Tadel gegen Königliche Be- Organe eine vereinzelte, zeitweilige Opposition her- Hörden auszusprechen? vortrete. Nimmermehr! Daß sowohl Rechtens, nach den bestehenden Geht ja doch die Abhängigkeit bis in die ober- Landesgeseycii, als auch politisch, vom Standpunkte sten Staats-, bis in die Präsidial- und Minister- einer vernünftigen, nicht in kleinlicher Aengstlichkeit stelle»! befangenen Politik, das Vorgehen der Polizei ge- WaS liegt den großen Aristokraten Oesterreichs gen das Kölner Fest schlechterdings nicht zu recht- daran, ob sie„Statthalter" und Minister sind fertigen war— das wußte die Redaktion der oder nicht? Sie bleiben reiche, einflußreiche Män- „Kreuzzeitung" so gut wie wir und die Redaktionen ner auch ohne die Kaiserlich-Kinigliche Gunst. aller liberalen Blätter. In der That dürfte in. Aber preußische Regierungspräsidenten und gesammlen Preußen schwerlich ein unabhängiger preußische Minister? und ehrlicher Mann von einigem Verstand gefun- WaS sind die meisten, wenn sie ihren Posten den werden, der jenes Borgehen der Behörden nicht nicht mehr haben? Was ihre Familien, wenn die als gesetz- und vernunftwidrig aufs Entschiedenste Königliche Gunst verscherzt ist? mißbilligte. Zudem haben ja inzwischen die Ur- Mit anderen Worte»: die preußische AdelSpar- theile der zuständigen Gerichte einerseits, die öffent- tei muß absolutistisch gesinnt, ja muß servil sein, licke Meinung von ganz Europa andererseits die weil sie Alles, was sie ist, nur durch den Willen moralische Niederlage des herrschenden Systems in der preußischen Könige ist dieser Sache außer allen Zweifel gestellt. Darum kann die preußische Adelspartei niemals Aber konnte die„Kreuzztg." gegen die Kölner! dadurch einige Wurzeln im Volke fassen, daß sie Maßnahmen auftreten, konnte sie ein offenes bei einzelnen Berirrungen und Ausschreitungen der Wort der Mißbilligung sprechen, so wie etwa das Regierung oder ihrer Behörden ein freies Wort Wiener„Baterland" in eineui ähnlichen Falle es spräche. Si« ist überhaupt gar keine selbststandige könnte? Adelspartei— sie gehört nicht zu den(sei es durch Nimmermehr! Neigung, sei es durch indirekte« Interesse angezo- Wer sind die Leser der„Kreuzzeitung"? genen) freiwilligen Bertheidigern, sie ge« Unabhängige, begüterte Männer, denen die Gunst � hört zur Dienerschaft de« Königthums. Manche könnten unsere Ausführungen dahin mißverstehen, als ob wir die Existenz eines mäch« tigen und einflußreichen Adels für etwas Erfreu« liches hielten. Mit nichten! Wir brauchen nicht zu versichern, daß jede Art des Adels unS eine wicderwäriige Erscheinung ist, und wir halten es nicht einmal für der Mühe werth, hier zu untersuchen, ob, wenn überhaupt AdelSwirth« schaft sein soll, ein unabhängiger oder ein abhän- j giger Adel da« geringere Uebcl ist- Was wir mit unserer Ausführung erreichen wollten ist vielmehr nur dies: zum Verständniß der für Viele vielleicht auffälligen Erscheinung, daß Angesichts eines so schreienden Falles, wie die Kölner Festangelegenheit, in der preußischen Atel«- Partei keine, keine Stimme für da« Recht und die politische Vernunft sich erhob, rein sachlich den Nach« weis zu führen, daß und warum solches nicht ge- schehen konnte und auch in Zukunft niemals gd» schehen kann. Gehen wir»unmebr zu einer Kritik deS Ver- Haltens der liberalen Bourgeoisiepartei bei Gele- geuheit deS Kölner Festes über! Politischer Theil. Berlin, 7. August Herr v. Sckmerling, der bisherige Staats- minister Oesterreichs, hat bei Gelegenheit der üOOjährigen Jubelfeier der Wiener Universität einen Toast anSgebracht. der Manches zu denken giebt.« Zunächst hat Herr v. Schmerling dadurch, daß er für gut und zeitgemäß hielt. so plötzlich und unvermuthet— zu einigem Erstaunen seiner Zu- � Hörer— sich wieder als„ehemaliger deutscher Reichsminister" zu einpuppen,. ziemlich uiizwcl« deutig an den Tag gelegt, daß-S, seiner An- sicht nach, mit den bisherigen österreichische» und preußischen Geschichten nicht mehr lange tauern wird, sondern daß bald wieder etwaS Deutsche« | kommen muß. Allein dies ist es weniger, was unS interesllrt i— das wissen wir auch ohne Herrn v. Ein anderer Punkt ist eS, an den wir aukunpfe möchten. Doch hören wir zunächst den Toast selbst- Hierüber wird berichtet: Der zweite Toast galt den Deutschen Uaiverli- ien. Auf allseitiges Drängen übernahm'b" ». Schmerling Er sprach mit lauter, durchs-bneiben� Universttätca, mit Beifall begrüßten, geschah dies, um zu bethalige?- '' Deutschen«x. der Stimme:„Als am ersten Festtage wir ren Brüder, die Abgesandten der Deutschen Universttäteo, mit Beifall begrüßten, geschah dies, um z wie eng da« Band zwischen un« und den De-":-»"„ versuäten sei. Heute find wir bereit« daran, ihnen t_ wohl zu sagen; doch nicht auf immer. Ich rufe>?. jn: Auf Wiedersehen! Doch nicht in Wien?. voller Seele, au» voller Ueberzeognng ihnen ,u: Auf Wiedersehen in Frankfurt! mischir Beis-ll.) Der Tag wird, der Tag muß kommen, wo die Vertreter de« Deutschen Volke« in Frank- furt sich zusammenfinden, um die Machtstellung Deutsch- landS zu befestigtn für immerdar.(Beisall.) Vor acht- zehn Jadreu etwa war es, als sich die edelsten des deutschen Volkes in Frankfurt zusammengesundeu, um die Einheil Deutschlands herzustellen. DaS Werk ist damals nicht gelungen. Abermals vor zwei Zabren war es, daß unser ritterlicher allverehrter Kaiser«cm Donanstrome auszog, um in der alten Kaiserstadt, begrüßt vom Zubel de« ganzen Deutschen Volke«, das Werl zu vollbringen. Es mißlang. Was aber ein zweites Mal nicht gelang, wird, ich bin desien gewiß, zum dritten Male gelingen. (Großer Beisall.) Daß dieses Ziel errungen werde, gebe ich vor Allem den Deutschen Universiiäten anheim. Sie mögen die Männer bilden und vorbereileä, die dereinst in Frankfiirt zu sttzen baden. Dem ehemaligen Deutschen Reichsminister sei es darum vergönnt, das Glas zu lebren aus die Deutschen Universitäleu. Sie leben hoch!(Beifall.)— Die Wiener„Presse" bemerkt hierzu: Mit doppelter Spaliuuug mußte mau lauschen, als der Mann sich erhob, von welchem die Universität ver- aebens die Reorgaliisalion, den Bau eines neuen Hauses, Durch die Wahl Frankfurts zum Sitz des Parlaments den Bauplatz' envartel uüd erbeten, unter dessen Verwäl-' kiillpfte man(wie schon erwähnt) aw die frühere, noch tung der Zwist über den Zeitpunkt der Jubelfeier eine Entscheidung erhalten halte, in deren Folge nicht blos der gefeiertesten Lehrer dem ganzen Fest den Rucken wendeten. Herr v. Schmerling feierte die deutschen Uni- versitäleii als die BildmigSschnlen für— das nächste Parlament iu Franksurl. Franksurl war das dritte Wort in seiner Rede, und den Hörern gingen dabei ganz eigene Gedanken durch den Kopf. Er erinnerte an daS Reichsministerium, welches den Wassenstillstand von Malmö billigen mußte, weil es ihn nicht bindern kounte, und das eines schönen Tage« sich auflöste, ohne eine Spur zurückzulassen, als getäuschte Erwartungen, ge- knickte Hoffnungen. Er erinnerte an die Kaiserfahrt nach Frankfurt, den zweiten mißlungenen Versuch einer Einigung Deutschlands, in Scene gesetzt von seinem „verehrten Freunde" Rechberg, dessen deutsche Politik Herr v. Schmerling vdr anderthalb Jahren im Reichs- rathe so warm in Schutz genommen. Er apvstrophirte die gegenwärtigen Freunde ans„jener schönen Zeil", «nd verlangte von ihnen Vorbereitung der Jugend slir den dritten Versuch. Gewiß werden die Männer sich bemühen, patriotische Gesinnung in die Herzen zu pstan- zen; aber weiß Herr v. Schmerling nicht mehr, daß ihr Patriotismus ein anderes Ziel hat, als der unsere? Saßen da nicht die Urheber jenes Gvlhaismus, gegen den wir eben heute wieber auf der Mensur stehen, und mit dem es für Oesterreich keinen Pact stiebt, sei es in Frankfurt oder wo sonst immer? Und in deren Sinne da« Parlament neun Monate lang„Grundrechte" be< rieth, für das ohnmächtige„Reichsministerium", für das Bersassungswerk, welches Oesterreich auS Deutschland hinauswarf und den König von Preußen zum deutschen Kaiser machte. In Wien glauben die Staatsmänner noch da« deutsche Reich durch Tischreden aufbauen zu können, und sind sehr deutsch und sehr freisinnig— in ihren Toasten" Auch wir müssen uns gegen„Franksurl" erheben, aber nicht wie die„Presse" vom öfter- reichischen, sondern vom deutschen� Stand- punkte aus. Frankfurt! Köstliche Naivität! Was sollen wir in Frankfurt? Die alte Dummheit noch einmal machen? Es wird unfern Lesern von Interesse sein zu erfahren, wie sich Bernhard Becker in seinem Werke:„Die deutsche Bewegung von 1848 und die gegenwärtige"*)— über die Wahl einer Hauptstadt für Deutschland ausspricht. Es heißt va(Band II.): unverdaute Idee an, daß da« Parlament zum Bunde«- tage die zweite Kammer bilden sollte. Frankfurt eiguete die große Mehrheit der Slutireildea, sondern auch viele sich wohl zum Vorort eines moiiarchischen Bundes, taugte I".'___ i_.._ Ci r. c........ v___ cvb- t...., i. ,*».,.>.4>«•-iiä /Ss»h r yi i f I s»-» v- n m � W.,« r r t aber nicht als Sitz einer kousiituirenden deutscheu Ra liolialversaminluug. Von den Regierungen des deutschen Bundes war Frankfurt als Hauptstadt gewählt worden, weil es als eine machtlose, in der Mille Deutschlands gelegene freie Reichsstadt ein neutraler Ort zu fein schien, wo der Einfluß weder des einen, noch de« andern Buu- deSstaats einen beträchtlichen Ausschlag aus die Beschlüsse gab. Hätten wir in Deutschland nur einen einzigen Großstaat, sei es Oesterreich oder sei es Preußen, so würde die hohe Bundesversammlung in die Hauptstadt dieses Großstaats verlegt worden sei». Jndein jedoch zwei vorhanden waren und obendrein Baieru auf die Rolle des dritten im Bunde aspirirte, so bewirkte die Eifersucht der Großmächte, daß die politisch unbedeutende freie Reichsstadt Frankfurt zum deutscheu Borort erkoren ward. Durch die Wahl Frankfurts erkannte man also die Berechtigung des Dualismus auf dem Standpunkte der Kleinstaaten an. Ferner hielt man sich an die ge- schichtliche Ueberlieferung, wonach Frankfurt lange die Krönungsstadt der deutschen Kaiser gewesen, der Bundes- staat aber dem Kaiserreiche gefolgt war. Eine konstituirende Nationalversammlung dagegen hätte keinen solchen neutralen, auf ein winziges Gebiet beschränkten Ort auswählen sollen. Sie mußte ja ohne- hin überall zu Hause sein und war, weil die Mehrheit Deutschlands monarchisch ist, immerhin in einem mon- soll die neue Generation politisch erzogen und vorgebildet archischen Gebiete besser ausgehoben, als in der mittel- werden? Wahrlich, man konnte vergessen, daß der Redner alterlichen Aristokratenrepnblik. Da sie sich aus die Volks noch vor acht Tagen österreichischer Minister gewesen ist, aber es sagte auch niemand, wie naci, seiner Rede beim Schillerfest:„Das war ein Minifter-Programm der Zu- kunft!" Dafür stimmte die Musik den Rakoczh an, ohne zu ahnen, welch' boshaften Witz sie damit machte. Was werden die fremden Universitätslehrer daheim erzählen?„In Wien hat die Universität fünshunderl souveränetät stützte, Halle sie sich unter den Schutz de« Volke« zu stellen, während sie doch in Frankfurt unter dem Schutze der Mainzer Bajonnelte tagte. Um des Volksschutzes theilhaflig zu sein, hätte sie sich in eine der volkreichste» Gegenden, am besten an die Macht-Eentral- punkte Wien oder Berlin begeben sollen, wo sie mit dem Volke im niimittelbaren Verkehr blieb und nöthigensalls Jähre des Bestehens und ein Slalut aus dem vorigen von der VolkSsouveränelät Gebrauch zu machen im Stande Jahrhundert, aber kein Haus. In Wien vertritt ein war. Eine der beiden größten deutschen Städte aber Walzer die Stelle des LandeSvaters oder GaixJeamus.— 7---- 7— In Wien schwärmt man noch für die„schöne Zeit", als*) Berlin, 1865. Verlag von Reinh. Schlingmann. 1 war einer in volkreicher Gegend gelegenen andern Stadt vorznziehen, da die Bewohner jener großen Städte ge- bildeter sind, al« die der kleinern, enger zusammenwohnen und allerei Hlllfsmittel, deren man in bewegter Zeit be« dürfen kann, schnell bei der Hand haben. Eine große Stadt, wie Wien oder Berlin bildet durch ihre Hänser« mauern eine Art Vvlksfestnng und vermag sich bei einem Kampfe mit der Truppenmacht tapfer zu wehren.--- Sodann besitzt eine große Stadt, was höchst wichtig ist, weitverzweigte Verkehrs- und Handelsverbindungen und übt als Sainmelort der Intelligenz, sowie als staat- licher Mittelpunkt einen fern reichenden Einfluß aus da« umliegende Land aus.--—— Indem daS Parlanient nach Frankfurt verlegt wurde, war es um die Einheit so gut wie geschehen. Denn nun gab es drei Hauptstädte in Deutschland mit consti- , luirenden Versammlungen, nämlich: Wien, die Haupt- � stadt Oesterreichs, Berlin, die Hauptstadt Preußen», und Frankflirt, die Hauptstadt der Kleinstaaterei, welche letztere sich vergeben« auniaßle, dem übrige» Deutschland eine Verfassung im buiivesstaatlichen Sinne vorzuschreiben. Kein Wunder, daß aus diese Weise die Einheilssache völlig der großstaatlicheu Reaktion erlag. In Frankfurt, der verknöcherten alte» Reichsstadt, über deren Gebiets- greuze, um mit Voltaire zu reden,*) man von einem Kirchrhurme ans hinwegspucken kann, konnten diejenigen Abgeordneten, welche an da« Neinstaatliche Kammerge- schwätz gewöhnt waren, nicht auf eine großartigere und umfassendere Staatsauffasiung hingeleitet werden. So viel scheint auch unS festzufteheli, daß wenn bei der nächsten deutschen Bewegung Franksurl zum Centralpunkt gemacht werden sollte, man gescheid- ter lhäle, gar nicht anzufangen. Wien oder Berlin ist ti: künftige Hauptstadt Deutschlands. Nicht in einein österrelchischen oder l preußischen— nein, im deutschen Sinn. In welche der beiden Städte der Schwer- Punkt deutscher Nation sich legen werde, wird unwiderruflich abhängen von der größere» oder ge- ringercn Kraft und Neinheil, womit der Geist des Deutschthums und der iieuen Zeit in den entschei- denden Tagen in der einen oder andern dieser Städte zu Tag kommen, und von ter größeren oder ge- ringcren Volkstdatkraft, welche da oder dort handelnd hervortreten wird. Wir vermuthen, daß Wien die künftige Haupt- stadt Deutschlands sein werde, sind jedoch zugleich der Ansicht, daß in dieser Beziehung mit Sicherheit nichts vorherzusagen ist.— Deutschland. * Verlin, 7. August.(Das llrtheil des AppellhofeS in der Festangelegenheitj ist jetzt veröffentlicht. Es ergiebt sich ans diesem Aktenstücke, daß der Appellhof in der That über die Frage, ob daS Fest-Comiiee als polilischer Berein angesehen werden dürfe, nicht entschieden hat. Das Urtheil erstreckt sich nur auf Wieder- *> Voltaire gebrauchte diesen Ausdruck, al« er die Weisung erhielt, die Stadt Gens und deren Gebiet binnen 24 Stunde» zu verlassen. WaS, rief er, in 24 Stunden? In 5 Minuten will ich über die Grenze sein. Feuilleton. das Frstbankttt dcr Univrrlitätsjuliclgästt ja Wien (am 3. August). Von diesem Bankett giebt der„Wanderer" folgende gelungene Schilderung: Mit einem Festbankelte in der„Neuen Welt" wurde endlich gestern Abends die viel commentirte Jubelfeier der Universttäl geschlossen. Das Festmahl war ansang« im Freien in dem sogenannten Garten der„Neuen Welt" projectirt, ter strömende Regen verwies jedoch die Gesellschaft in die Saallocalilälen, die durchaus nicht geschmückt waren. Kurz nach 6 Uhr, als die Gesellschaft bereits ziemlich vollzählig war, erschien Rector Hyrtl, bei dessen Eintritt in den Saal die sestorduenden Stu- denten sowie viele anwesende Gäste Viva! riefen und in bie Hände llätschten. Die Ordnung der Tische war in Folge des durch den Regen abgeänderten Arrangements völlig ausgehoben. Die Tafelmusik besorgte die Kapelle Strauß unter Leitung des Herrn Joseph Strauß und bie Militärkapelle der Preußen-Husaren. Um 8 Uhr, Nachdem de, Braten aufaelragei, war und die ersten �hampagnersiaschen entkorkt wurden, sollten die Toaste beginnen. Der Lärm, der in dem Saale herrschte, war jedoch so groß, daß man kaum sein eigenes Wort ver-� stehen konnte. Da erhob sich Rector Hyrtl»nd bat um Ruhe.(Fortwährender Lärm.) Hyrtl: Meine Herren! ich bitte nochmal um Ruhe!(Fortwährender Lärm, Rufe sä Ivos, niedersetze» u. s. w.) Hyrtl: Meine Herren! ich bitte um Ruhe!(andauernder Lärm.) Hyrtl: Ich befehle Ihnen Ruhe!(Lärm»»d Beifall.) Hyrtl: „Ich befehle Ruhe! Ich bitte aber auch um das erste Wort, denn e« gilt dem Kaiser, unter dessen Schutz wir dieses Fest begehen. Die Freiheit, mit der uns der Kaiser beglückt, ist das sicherste Pfand des Ausblllhens Oesterreichs und die Gewähr, daß sich die Wissenschaft frei entwickeln werde. Ich ersuche Sie daher, Sich von Ihren Sitzen zu erheben und da« Gla« zu schwingen aus das Wohl des Kaisers.....(Stürmische Unterbrechung: Rufe: Hoch der Kaiser, hoch!" Die Musik fällt mit der Bolkshymne ein.) Hyrtl, der seinen Toast nvch nicht vollendet, will weiter sprechen, wird aber durch den Lärm daran ge- hindert und setzt sich entrüstet nieder. Endlich nach län- gerer Pause gelingt e« ihm, indem er sich auf einen Sessel stellt, zu Worte zu kommen. Er meldet, daß der frühere Minister v. Schmerling sprechen wolle und hofft, daß der eben genannte Name Ächtung und Stillschweigen gebieten werde.(Anhaltender Lärm.) Endlich gelingt es de» Festordnern, Ruhe zu schaffen und Hr. v. S ch m e r- ling beginnt zu sprechen- (Folgt die Rede. Siehe oben unter Berlin. Der Bericht fahrt dann fort:) Stürmische Hochrufe! Die Husarenkapelle fällt mit einer Polka Frauyaise ein. Ruse von allen Seiten: „Das deutsche Vaterlaud!" Die Kapelle, welche die patriotischen Rufe hört, corrigirl sich und beginnt einen Csarda«; abermals stürmische Rufe:„Das deutsche Vater- land!" Die Husarenkapelle, die offenbar die Piece nicht kennt oder den Ruf nicht versteht, beginnt den Rakoczh- marsch. Stürmische Acclamalionen nach dem„deutschen Vaterland!" Die Kapelle spielt aber den Rakoczy fort. Da beginnt ein großer Theil der Feftversamniluug das „deutsche Vaterland" zu singen und sucht das Orchester zu übertönen, was natürlich nicht gelingt, bis endlich die Husarenkapelle den Platz räumt und wieder durch da« Strauß'sche Orchester ersetzt wird. Hhrtl läutet mit der Glocke:„Meine Herren! E« sind viele Toaste vorgemerkt. Wollen Sie sie höre», dann bitte ich a»f mein Silberglöckchen zu achten. Prof. Dove, der be- rühmte Mann au« Berlin hat da« Wort." Pros. Dove vermag mit seiner schwache» Stimme bei dem Lärm nicht durchzudringen, seine gediegene Rede wird jedoch von den Nahestehenden mit lebhaftem Beifall ausgenom- men. Er bringt einen Toast aus auf Oesterreich und dankt Wien für die freundliche Aufnahme. Nach Dove erhält das Wort Professor HaSner. Er erinnert daran, daß die Stimme des Ehorkuaben, welche vor 46 Jahren in dem Dome zu St. Stephan ertönte', in den letzten Tagen auch bei der seltenen Jubelfeier der Universität als die erste und wichtigste Stimme zu hören war. Dieser Chorknabe war Hyrtl, und wenn auch noch'so viele OrdeiiSsterne seine Brust besäen, der leuchtendste