Rr. 117. Berlin, Dienstag den 13. August Socilii Demokrat. Diks« Zeitung ersckeint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Festtage. Organ des Allgemeinen deutschen Ardeiter-Bereins. Redigirt von I. 8. v. Hosstetten und J. 8. v. Schweitzer. Redaerion und Expedition: Berlin, Dresdnerstrastc Nr. 85. Abonnements-Preis sltr Berlin incl. Bringerlohn: vierteljährlich 18 Sgr., mo- uatlich 6 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Köuigl. preußischen Post« ämlern S2>/z Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichtpreußischen Deutsch- land M/t Sgr., im übrigen Deutschland 1 Thlr.(st. 1. 45. slldd., st. 1. 50. öfterr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden-uSwärl» auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expeditt°n> von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Compagnic. Scharrenstr. 1, f°wn auch unentgeltlich von jedem„rothen Dienstmann" entgegen genommen. Inserate sin der Expedition auszugeben) werden pro dreigespaltene Petit- Zeile«i Arbeitcr-Annonceii mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mit 3 Sgr. berechnet. Agentur für England, die Eolonieen und die überseeischen kändcr: Alr. Beuder, 8. Little New-Port-Street, Leicester-Square W. C. London. Agentur siir Frankreich: Q. A. Alexandre, Ötrassbourg, 5. Eue Brnlee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andrd-des-Arts. politischer Theil. Deutschland. * Wien, 12. August.[®ie Unterhandlungen� zwischen Gras Blome und Herrn v. Bis- marck in Gastcin in der schleswig-holsteinischen An- gelegenbeit haben, wie bestimmt behauptet wird, eine Bereinbarung erzielt, welche jede Spannung zwischen Oesterreich und Preußen beseitigen. König Wilhelm bleibt bis zum 16. d. in Gastein, der Kaiser von Oesterreich ist heute nach Ischl abgereist, und eine Zusammenkunft der beiden Monarchen ist wahr- scheinlich. Die Nachricht, daß morgen eine Zu- sammenkunft des Königs von Preußen mit dem Kaiser von Oesterreick in Salzburg oder Gastein stattfinden werde, ist falsch, doch soll nächster Tage der König von Preußen, welcher Gastein erst am 16. d. verläßt, nach Ischl kommen. Heule, im Augenblick seiner Abfahrt nach Ischl, empfing der Kaiser Franz Joftph höchst günstige Nachrichten über den Stand der Unterhandlungen.— AuS München wird am heutigen Tage tclegraphirt: Die auf gestern Nackt bestimmte Abreise des Hrn. v. Beust ist verschoben worden, und eS finden heute weitere Confcrenzcn mit Hm. v. d. Pfordten statt, wahrscheinlich in Folge erzielter Berständi- gung zwischen Oesterreich und Preußen."— Die „Bayerische Zeitung" erklärt, indem sie gewissen Zeitungs-Nachrichlen widerspricht, Oesterreich und Preußen hätten keinen Antrag an die Mittelftaaten gerichtet, also könne auch weder von dessen An- nähme noch Ablehnung die Rede sein. — 16. August. Die„Karlsruher Zeitung" erklärt offiziös, die Zurückleitung der holsteinischen Angelegenheit in eine unmittelbare Behandlung durch den deutschen Bund sei zur Zeil unangemessen. Erst wenn die Aussicht auf eine Verständigung der deut- schen Großmächte verschwunden sei, könne daS Eingreifen des Bundes ventilirt werden. Aber auch dann sei die Räthlichkeit einer Betheiligung des Bundes zu bezweifeln. Aus München wird heute telegraphirt:„Der königl. würtembergische Minister der auswärtigen Angelegenheiten Freiherr v. Barn- büler ist gestern Nachmittag hier eingetroffen und hatte sofort mit den Staatsministern Freiherrn v. d. Pfordten und Freiherr» v. Beust eine längere Konferenz. Letzterer ist noch gestern Abend nach Salzburg und Feeiherr v. Barnbülcr heute nach Stuttgart abgereist, nach welchem letzteren Orte auch der sächsische Gesandte Graf Vitzthum heute in besonderer Mission abgehen wird."— Der König von Preußen hat sich zn Gastein bei einer Gemsenjagd leicht am Auge verletzt. — 12. August.[Zu den inneren Verhältnissen Oe st erreich s.s Ein Artikel der amtlichen „Wiener Abendpost" bezeichnet die Herstellung einer dauernden Ordnung im Staatshaushalt als nächst- liegendes und unmittelbarstes Objekt der Regie- rungSlhäligkeit. Das Rundschreiben des Staats- Ministers habe bereits die Nolhwcndigkeit einer ge- wissenhasten Sparsamkeit und des HaushaltenS in jedem Gebiete ökonomischer Verwaltung des Staa- teS betont. Wie die„Abendpost" vernimmt, ist ein entscheidender Schritt bereits erfolgt. Aus Aller- höchste Anordnung ist die Bildung einer eigenen Budgetkommission bevorstehend, welcher außer dem StaalSminister, dem Finanzminister und dem Prä- sidenten der obersten Centralbehörde als permanen- ten Mitgliedern, und außer den Ehefs aller Een- tralstellen und ihren Abgeordneten auch solche Per- sönlichkeiten ohne Unterschied ihrer amtlichen und außeramtlichen Thäligkeit beizuziehen sein werden, deren Mitwirkung zur möglichst gründlichen, ein- seiligkeitsfreicn Behandlung der Sache wllnschcnS-- werlh erscheint. Bezüglich aller Dienstzweige wer- den die Berathungen dieser Eommiision m der Richtung dauernd zu erzielender und möglichst weit reichender Ersparnisse zu pflegen sein, und lautet die Allerhöchste Anordnung ferner noch ausdrücklich dahin, daß die Reduktion des Acmeeersordernisses auf die Normalgreuze von KU Millionen Gulden durch Beschränkung deS Kostenaufwandes, nament- lich auf dem Gebiete der Armeeverwaltung allen Ernstes angestrebt werde. * Darmstadt, 11. August.[Die Biel- staaterei und Preußen.j Die„Darmstädter Zeitung" entgegnet heute auf einige Bemertuugeu, welche die„Kreuz-Zeitung" zu dem Heraushängen der schwarz-roth-goldenen Fahne an dem Ministerialgebäude des Hrn. Ministers v. Dalwigk beim letzten mittelrheinischen Turnfeste gemacht hatte. Die„Darmst. Ztg." bemerkt: Ehe wir der„Krenzzeitung" antworten, wollen wir einige Thatsachen constaliren: Die Farben schwarz-roth« gold sind die Farben de« deutschen Bunde«; die Schnüre mit denen die Aktenstücke der BundeSversammlunz ge- heftet sind, tragen diese Farben, und da« Holzwerk an den Brücken der BundeSsestungen ist mit jenen der„Kreuz- zeitung" so mißliebigen Farben angestrichen. Al» im Jahre 1863 die Versammlung deutscher Fürsten in Frank- furt am Main tagte, geschah e« unter dem Schatten einer schwarz-roth-goldenen Fahne, die über dem Ein- gange zum Bundespalaste wehte. Die Geschichte von der dreisarbigen Fahne, die Herrn v. Dalwigk bei der Straß- burger Brücken-Einweihung den Hut vom Kopse geweht haben soll, ist ein alberne«, im Jahre 1848 gegen irgend eine damals mißliebige Persönlichkeit erfundene« Mähr- chen, welche« der demokratische„Lahrer Bote" zum Ge- brauche seiner Gesinnungsgenossen und der„Neuen Preuß. Ztg". gegen die conservativen Vertreter großdeulscher Ideen neu in die Sceue gesetzt hat. Endlich hatte Hr. v. Dalwigk au« Anlaß des jüngsten mittelrheinischen Turnfeste« neben einer dreifarbigen zwei ebenso große hessische Fahnen aufgepflanzt.— Die« vorausgeschickt, erklären wir der„Kreuzzeitung", daß die wahrhaft conservative Partei in Deutschland diejenige ist, welche nicht blo« Gesetzlichkeit und bestehende« Recht im Innern der Einzelstaaten schützen will, sondern die auch an dem gemeinsamen öffentlichen Rechte, an der Bundesverfassung, al« dem besten Schutze istr die ein zelnen Bundesgenossen, als dem letzten Vertreter dem-' scher Zusammengehörigkeit festhält, die aus dem Boden dieser Verfassung da« gemeinsame Vaterland zu größerer Einheit, Kraft und Größe heranbilden möchte. Wählt diese Partei die dreifarbige Fahne al« die de« gemein« samen Vaterlandes zu ihrem Symbol, so wird diese Fahne dadurch diejenige der Ehre und der Loyalität. Jedes Bestreben, den deutschen Bund zu schwächen, sein Ansehen zu untergraben, seine Thätigkeit zu hemme», ist ein revolutionäre«, mit welcher Fahne auch e« sich decken mag. Weder da« Zeichen de» Kreuze« noch da« schein- heilige Anruseu göttlicher Gebote vermag hierin etwa« zu ändern." Es ist klar, daß der Standpunkt, den hier die „Darmst. Ztg" einnimml, wirklich der des be- stehenden öffentlichen Rechts in Deutschland, d. h. der der Vielstaaterei und der Zerrissenheit un- sercs Vaterlandes ist. Nichtsdestoweniger hat sie in ihren Vorwürfen gegen die„Kreuz-Ztg." Recht. Die preußische Regierungspartei steht in der schleswig-holsteinischen Frage nicht aus dem Boden deS geschriebenen Rechte?, ja kann ihre Pläne nur gegen dieses Recht durchsetzen und hieraus erklärt sich ihre auf die Länge unhaltbare Zwilterstellung. Entweder man hat den Much, die Bundesverfassung zu Gunsten eines Groß- preußenS(welches nicht mit der deutschen Ein- heit, d. h. einer Lösung der deutschen Frage im deutschen Sinne, zu verwechseln ist) endgültig zu zertrümmern, oder man macht, mangelnden Muthes wegen, nur kleine Bohrvcrsuckc in dieser Richtung, um jedesmal zurückzuweichen, wenn es ernst wird. In ersterem Falle würde man wenigstens den Ruhm und die Ehre, wenn auch im Interesse Deutsch- landS hoffentlich nicht erfolgreicher, so doch jeden- falls großartiger Politik haben— im letzteren Falle erscheint man in traurigster Weise als kleiner, sich vergeblich aufblähender Gerngroß. Wie tief übrigens der GothaiSmus, d. h- Wahnidee, Preußen habe, vom Standpunkt der Volkssache aus, irgendwie ein uatürliches Renn an die Spitze Deutschlands zu gelangen, i» � allen Preußen steckt, beweist nachstehende Acußcrung der„Rheinischen Zeitung", welche für ein de- mokratischeS Organ gelten möchte, was sie aber frel- lich in Wahrheit nicht ist, wie sie z. B. auch dadurch beweist, daß sie die Helden des GothaerthnmS (die Kappelmänner i feiern Hilst, was freilich, wie man uns sagt, auf Aktiengründen beruht. Die„Rhein. Ztg." also schreibt: So lange die preußische LandeSvertretung nach ihre» Kräften den Knopf aus den Geldbeutel Hält, so lange braucht man sich im übrigen Deutschland vor keiner Berge- waltigung, vor keiner Annexion, vor keiner ungerechten Suprematie und Hegemonie zu fürchten. Vor der ge- rechten(!), weil natürlichen(!). Suprematie und pege monie(!!) sich zu entsetzen, hat aber keinen Sinn. De sie ist da und bleibt da trotz alledem; sie verknüpft das übrige Deutschland nicht mit detstiegierung. lvno-" mit dem Volke in Preußen und dessen braucht snv übrige Deutschland wahrlich nicht zu schämen. So also stellen sich die Herren von der„Ji?• Ztg." die deutsche Einheit, ten künftigen Volksstaat vor? Das deutsche Volk soll„un Bclk in Preußen", d. wenn man die Phrase in einen beutlidien Begriff verwandelt, mit diesem histvriscki erwachsenen Königreich Preußen„verknüpft" -werden? L Ihr elenden Gothaer! * Vurg, 12. August.[Der C o a l i t i o n s- Prozeß gegen die Fabrikanten� hat seine» Anfang genommen. 'Ausland. ib. Paris, 12. August. sGedächtnißlage von geschichtlichen Personen und Ereig- Nissen. Troglodyten und Mönche in Neapel. Amnestie in Oesterreichs Großartige Bor- bereitungen werden schon seit acht Tagen in den rlhseeischcn Feldern zur Feier des 15. August ge- macki. Hätten die Alten dieses Fest, oder vielmehr die Beleuchtung gekannt, welche seit jetzt zehn Jahren in der Nacht vom 15. August hier ltatt- findet, sie würden dieselbe sicherlich zu den sieben Weltwundern gerechnet haben. Ich habe schon oft diese Beleuchtung gesehen, aber jedes Mal gerielh ich in Erstaunen, wenn ich mich in der Mitte dieses Lichtmeers befand, wel6>es einen Flächenraum von einer halben Ouadratmeile einnimmt und bei Weitem glänzender und mannigfaltiger au Farbenwechsel und Figuren ist, als die reichsten Belenchtungcn in den ersten Ballsälen und nächtlichen Gartenfesten dieser Weltstadt. Von den Tuilerien bis zum Triumphbogen, und die ganze Breite der elyicischen Felder, bietet dieser enorme Garten den Anblick eines reich geschmückten Festsaals mit Kandelabern, Büsten, Armleuchtern, mit Basen und Girandolen, geschmückten Säulen- und endlosen Baumgängen dar, die durch Licht-Gnirlanden mit einander verbunden sind, sowohl der Länge wie der Breite nach. Im verflosienen Jahre war dabei auch noch der große Concordienplatz, sonst RevolutionSplatz genannt, auf dem der legitime König von Frankreich seinen Kopf verlor, in einen Square umgewandelt, der Obelisk und die beiden herrlichen Fonlainen Mit Blumenparterres und plastischen Verzierungen ! eingefaßt und von bengalischen Flammen umflossen. - Dieses Jahr soll zu alle dem auch noch eine elektrische Beleuchtung kommen, wie man schon früher die Lampions durch Gasbeleuchtung vervollkommnet hat. Sämmtliche Kronleuchter i» der Avenue der clyseischen Felder, welche vom Triumphbogen nach den Tuilerien führt, sollen mit Blumenvasen geschmückt, und das Ganze von bengalischem und � elektrischem Lichte umflosten sein. Es sind zu diesem Zwecke schon an den verschiedenen geeigneten Punkten elektrische Battcrieen angebracht. Kennt man die Einrichtung der früheren Jahre, und liest man die Beschreibung der diesjährigen, so frägt man stck unwillkürlich: Kann der Glau; dieses Napoleons- festes noch weiter, wie bisher, jährlich erhöht, jährlich vergrößert, vervollkommnet werden?— AlleS hat seine Grenzen. Ich erinnere mich, daß auch unter Louis Philipp dessen Namenstag jährlich am 1. Mai durch Beleuchtung und Feuerwerk gefeiert wurde. Nie habe ich ein großartigeres, als dieses Letztere, gesehen, und ich glaube auch, daß es nicht möglich ist, ein reicheres zu veranstalten, als jenes war, das am 1. Mai 1847 in den clyseischen Feldern und auf der angrenzenden Seine abgebrannt worden. Auch da- malö fragte ich mich: Kann diese Pracht wohl über- troffen werden?— Das einzige Feuerwerk, welches unter der genannten Regierung noch erfolgte, war das am Ende veranstaltete, als der Thron des letzten Bürgerkönigs in Flammen aufging.— Ein sonderbares Zusammentreffen ereignet sich dieses Jahr am 15. August. An diesem Tage wird auch in Jena, ominösen Andenkens, das erste und, wie es im Aufruf deS Comites heißt, wohl auch das letzte Jubiläum der Burschenschaft gefeiert.— Napoleon und die Burschenschaft, diese beiden schärf- sten Gegensätze der modernen Geschichte, an einem und demselben Tage in Deutschland und Frankreich durch eine letzte Gedenkfeier noch ein Mal den ge- genwärtigen Generationen in Erinnerung gebracht! Nun leugne Einer noch den speculativen Geist und tiefen Witz der Wellgeschichte!— Da von geschicht- licben Jahrestagen die Rede ist, so bemerke ich noch, daß die hiesigen klerikalen Blätter, sowie die fürst- liche, halb klerikale, halb offizielle„France" sich sehr darob ärgern, die Jahrestage der Revolution den 14. Juli und 10. August, in einigen Journalen gefeiert zu sehen. Das letztere Datum wurde am würdigsten durch einen sehr ernst gehaltenen Artikel des„Avenir National" beleuchtet. Der Hauptre- dakteur Peyrat schließt denselben mit dem, den Stürmern der Tuilerien und Kämpfern gegen die europäische Neaclion in den Mund gelegten Ruf: Vivo In Republique!— Dagegen empörte sich nun das sogenannte Abendblatt des Senators Laguer- ronnierc. Heute Abend werden wir ohne Zweifel auch im„Avenir" eine Replik lesen. Gestern Abend schon trat die„Opiuion" in dieser Sache gegen die klerikalen Blätter in die Schranken.„Wir ver- hindern Euch nicht," schließt Labbe seine scharfe Polemik gegen die legitimistisch-klerikalen Journale, „wir verhindern Euch nicht, Ihr Herren, den heili- gen Labre und die heilige Marie Clacoque (ebenso obscurc wie komische Namen, da jener einen Fisch und dieser ein frisch gesottenes Ei bezeichnet) zu verehren. Laßt auch uns unsere Märtyrer ver- ehren; sie sind so viel werlh, als die Eurigen, ihre Zahl ist größer, und die Sache, für die sie gelitten haben, gerechter und humaner". Heute Abend tritt derselbe Polemiker zugleich gegen die„France" und eine gelehrte Gesellschaft auf, welche für die„Decentralision", d. h. gegen den Staatsbegriff schreiben und dafür bei allen„Libera- len" Unterschriften sammeln. Ich werde auf dieses Dokument nächstens zurück kommen.— Die Cholera scheint in Italien Fortschritte zu machen. Aus Neapel wird berichtet, daß der Re- gierungScommistar Piscana strenge Gesnndheits- maßregeln anwendet. Es wird besonders folgende hervorgehoben, die einiges Aufsehen machte. Unter den Klöstern von Saint-Eleme sind Grotten oder Höhlen, die von mehr als zweitausend Arbeitern, meist Seilern, mit Frauen und Kindern bewohnt werden. Diese Arbeiter werden von Wucherern wörtlich bis aufs Hemd ausgezogen. Wenn sie ihren Werthpfennig nickt bezahlen können, wird ihnen da» letzte Möbel und Kleidungsstück gepfändet. Männer, Frauen und Kinder leben dort halbnackt oder ganz nackt, wie die Thiere zusammen; sie sind zwar nickt, wie die nördllchen Proletarier, dem Trünke, wohl aber andern Lastern ergeben.„In diesen Menschenhaufen", sagt die„Jtalia",„ist der Bater meist unbekannt". Der Regierungscommissar ließ nun diese ganze Bevölkerung aus ihren Höhlen holen und die darüber befindlichen Klöster einziehen. Man mußte ihnen vorher die allernöthigsten Klei- dungSstücke zuwerfen. Die Mönche wollten sich dieser Invasion der Troglodyten(Höhlenbewohner) wider- setzen, mußten es aber doch geschehen lassen, daß die armseligsten und elendsten Arbeiter sich der Wohnnn- gen deS feisten Müßigganges bemächtigten. Diese Klöster gehören zu den ältesten Italiens; sie haben fast während der ganzen christliche» Zeilrechnung existirt , und jene Höhlen mit ihren Bewohnern stets unter sich gehabt, ohne jemals daran zu denken, die christliche Liebe auszuüben, die jetzt von einer exccmmunicirten Regierung endlich cxecutirt worden — freilich mehr zum Schutze der übrigen Bewohner, als aus Humanitätsrücksichten gegen die Arbeiter.— Das„Journal des DebatS" widmet heule einen ganzen Leitartikel der Amnestiefrage in Gallizien. Man hat allerdings beim Antritt deS neuen öfter» reichischen Ministerium« eine Polenamnestie in Aussicht gestellt. Aber zu solchen Schritten entschließen sich deutsche Großmächte sehr schwer, sehr spät und nie ohne viele Claufeln und Einschränkungen. Bis Jemand in diesen Ländern amnestirt wird, ist er entweder gestorben, ober aus andern Ursachen nicht mehr in der Lage, von der Amnestie Gebrauch zu machen. * Paris, 11. August. sTagesbericht.j Der Recurs, welchen Herzog d'Aumale gegen den Po- lizei-Präfecten von Paris wegen Beschlagnahme eines von ersterem verfaßten und in Paris zum Druck gegebenen geschichtlichen Werkes ergriffen hat, ist nun, nachdem die gewöhnlichen Civilgerichte sich iucompetent erklärt haben, beim StaatSralhe cinge- reicht worden. Die Sache wird nach den Ferien zur Verhandlung kommen.— Das„Echo de Vösone" meldet, daß eine gerichtliche Untersuchung gegen Feuilleton. „I/ouvriere" par Jules Simon. („Die Arbeiterin" v. Julius Simon.) Ueber diese» Buch bringt die„N-rdd. Allg. Ztg." vachstehendc Kritik: Wenn ein Buch, wie dies mit dem vorliegenden der ifall gewesen ist, in kürzester Zeil sechs Austagen erlebt, bann ist es wohl ganz begreiflich, daß man es mit eini- ster Spannung, in der Erwartung, in seiner Lektüre einen »echten Genuß, eine wabre Befriedigung zu finden, in die Hand nimmt; aber nicht leicht möchten wir unangeneb- »der enttäuscht worden sein, als es uns diesmal ergan- istn jst. Herrn Simon'» Arbeiterin liefert auf's Neue den beweis, daß man ein sehr gelehrter Professor sein kann, °bne darum Etwas von der Arbeitersrage zu verstehen. Er scheint eben das Schicksal gewisser Berliner Protesio- »»u zu theilen, die, weil sie in ihrer Specialität ganz Unbestritten sich zu europäischen Eelebritäten gemacht baden, nun auch glauben, si» das Recht vindiciren zu ürfen, in Allem mitsprechen und über Alles, in den An- �legenheiten des Staates und der Gemeinde, ein letzte? 'ndgültiges llrtheil fällen zu wollen. Es würde natür- sich hier nicht am Platz sein, daS Buch einer eingehen- pN Kritik zu unterwerfen; wir wollen uns daher damit ."gnügen, auf einige der größesten Widersprüche in dem- �ben aufmerksam zu machen und zu zeigen, wie der Herr Professor ganz ungenirt, wie es ihm gerade paßt, berselben Sacke bald schwarz, bald weiß sagt; wobei wir unser höchste» Erstaunen nicht unterdrücken können, wie nur das Buch hat bis jetzt eine fast durchweg gün- stige Beurtheilung finden können. In der Vorrede Seite 4 lesen wir:„Der Fehler, aus dem alles Elend hervorgeht, und der um jeden Preis beseitigt werden muß. wenn die gesammte Gesellschaft nickt zu Grunde gehen soll, ist die Unterdrückung und Aufhebung des Familienlebens." Ebenso Seite 281:„Es ist ganz allein unser Fehler, wenn wir in der Ferne die Mittel gegen unser sociales Elend suchen und sie nicht finden; es giebt nur ein einziges, und das haben wir in unserer Hand, ohne alle Metaphysik, wenn wir uns sei- ner nur bedienen wollen, die Rückkehr zur Familie I" Und Seite 300:„DaS sicherste Mittel, über den Paupe- rismuS den Sieg davon z» tragen, bestände darin, den Arbeiter an das Familienleben zu gewöhnen." Und wei- ,er Seite 305:„Durch das Familienleben vornehmlich kann man hoffen, den Arbeiter zu bereichern." Demnach wäre also die Aushebung und die Unterdrückung des Fa- milienlebens die Quelle alle« Elends, und die Rückkehr znm Familienleben da« einzige Mittel, um über den Pauperismus den Sieg davon zu tragen und den Ar- beiler zu bereichern. Alles sehr schön; leider aber lesen wir gleich zwei Seiten weiter in der Vorrede:„Die Roth ist eS, die auch die Frauen aus dem Hause treibt; um der Unzulänglichkeit der Hilfsmittel de« Familien- vater» abzuhelfen, verdammen sie sich zu dem Leben in den Fabriken." Und Teile 99:„Unter der Einwirkung der Arbeit in den Fabriken muß nothwendigerweise die Familie allmählig ganz aushören und verschwinden." Nun, wir möchten glauben, wenn die Roth es ist, die die Frauen aus dem Hause treibt, dann ist es nicht die Unterdrücknng und Aufhebung de« Familienleben«, die den Pauperismus hervorbringt, sondern umgekehrt, der Pauperismus ist es, der daS Familienleben zerstört und vernichtet. Wenn also,— das ist eben hie gewichtige Frage, — das Bedürfniß nach einem geordneten Familienleben nur dadurch befriedigt werden kann, daß das weibliche Geschlecht und vor Allem nur die Hau«- und Familien- Mütter die Fabrikarbeit ganz aufgeben, wie sollen sie es aber ansangen, daß sie den Lohn nicht mehr nöthig haben, der, da der Hausvater allein nicht mehr so viel verdie« nen kann, um die Familie zu ernähren, bi« dahin mit dazu beitragen mußte, die Familie durchzubringen? Mit Hülfe welches Wunders soll die Rückkehr zum Familienleben über den Pauperismus triumphiren und mit einem Schlage den Arbeiter bereichern, den gerade die bitterste Notb zwang, aus die Annehmlichkeiten de« Familienlebens Verzicht zu leisten? Das waren natürlich die Fragen, die sich da gewisser- maßen ganz von selber aufwersen mußten, lind deren Beantwortung wir in dem genannten Buche zn finden hofften. Aber weit davon entfernt, der gelehrte Herr Professor hat e« nicht der Mühe für Werth erachtet, sich an die Beantwortung dieser Fragen zu machen. Es ist eben leichter, allgemeine Redensarten und Phrasen zu machen, als zu solchen Problemen eine Lösung zu geben, die sich praktisch bewährt. Statt es also auch nur zu versuchen, bierauf eine Antwort zu geben, ändert er Plötz- lich seinen Cnrs und ruft Seite 8 in der Vorrede ganz unvermittelt uud ohne jede Begründung au«:„Weil eine' directe Erhöhnng der Löhne und eine Rückkehr der Frauen in die Familie, diese beiden großen Maßregeln des öffent-