Nr. 123. Berlin, Donnerstag den 24. August 18«3. �acinl-Pemalirnt. Di'si tZzlich Orglln des Allgemeinen deutschen Ardeiter-Bereins. R-da-tion�und Expedition- der Lviin- und Festlagt. z�igin v°n I.«. v. H-fstrtte» und Z. 8.#. Schweitzer. DregdnerstraßeNr. 85. Abounemenls- Prei» sllr Berlin incl. Bringerlohn: vierteljährlich 18 Sgr., m°> natljch 6 Sgr., einzelne Nummern l Sgr.; bei den Königl. preuhiichen Post- ämiern 22'/» Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichipreußischen Deutsch- Und 18�/« Sgr., im übrigen Deutschland 1 Thlr.(fl. I. 45. südd., st. 1. 50. österr. Währ.) Pro Quartal. Bestellungen werdell au»wärt» auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß. Lompagnie, Sch-rrenstr. l, sowi« auch uneutgeltlich von jedem„rothen Dienstmauu" entgegen genommen. Inserate(in der Expedition aufzugeben) werden pro dreigespaltcne Petit-Zeil« bei Arbeiter-Aononcen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mit 8 Sgr. berechnet Agentur für England, die Eolonieen und die überseeischen Länder: dir. Bender, 8. Little New-Port-Street, Leieester-Squ.re W. C. London. Agentur für Frankreich: G. A. Alexandre, Strassbonrg, 5. ßue Brulee; Paria, 2. Goar du Commerce Saint-Andr�-dea-Arts. politischer Theil. Berlin, 23. August. DaS Ergebnip der Unterhandlungen steht jetzt fest. Das Abkommen ist so, wie wir eS gestern nach der„Kreuzztg." berichteten. Die Wiener „Gen.-Corresp." vom gestrigen Datum bezeichnet dasselbe wie folgt: „Die von beiden Mächten durch den bezüglichen Artikel deS Wiener Friedensvertrages eiwcrbcnen Besttzrechte werden künftig inHolstein von Oesterreich, in Schleswig von Preußen geübt werden. Am Bunde wird von Oesterreich und Preußen ein Antrag auf Herstellung einer deutschen Flotte mit Kiel als Bundcshafen, und auf Erklärung Rendsburgs zur Bundesfestung eingebracht werden. Bezüglich öauen- 'burgS verzichtet Oesterreich gegen pecuniäre Ent- fchärigung auf seinen Antheil."— Die„Nordd. Allg. Ztg." bestätigt gleichfalls die bereits gebrachten Nachrichten, bemerkt, daß man Lauenburg nunmehr„als zum preußischen Staate, gehörig betrachten könne" u. f. w. Auf den ersten Blick erscheint als das Wichtigste in dem Ergebniß der Unterhandlungen die Er- Werbung des Kieler HafeuS durch Preußen. Wir sagen: die Erwerbung des Kieler Hafens durch Preußen; denn die Zuziehung des Bundes, die Begründung einer„deutschen Flotte" und dergl. find Formen und Redensarten, welche an der Machlfrage nichts zu ändern vermögen. Politisch entscheidend ist: daß Preußen that- sächlich einen wichtigen Stützpunkt für seine Seemacht erworben hat.' Allein der zweite Punkt, die Erwerbung Lauenburgs durch Preußen, könnte sich im weiteren Verlauf der Dinge als nickt minder wichtig, denn der erste, erweisen. Nur liegt hier die Bedeutung der Sache nicht unmittelbar in der Erwerbung deS Landes selbst, da dieses, als zu unbedeutend, einen Machtzuwachs für die preußische Monarchie nicht begründen kann. ES scheint uns vielmehr die Bedeutung dieser Erwerbung darin zu liegen, daß sie die öffentliche Meinung an den Annexionsgedanken gewöhnt und für eine etwaige bedeutendere Annexion einen unbestrittenen Präcedenzfall schafft. Zkach all dem— dies dürfte schwer zu leugnen sein— ist Gastein für Oesterreich zwar vielleicht kein Olmütz geworden, aber doch ein Olmützchen, dem taS Olniütz nachfolgen kann. Demzufolge schreibt auch die„Frkf. Postztg.": „Ww sprechen es freimüthig aus: Mit der voll- zogenen Annexion der Hcrzoglhümer ohne, ja sogar gegen die Zustimmung des Deutschen Bundes liegt ein wichtiger Schlußstein zu Boden und den Slür- men der Zeit steht nunmehr das morsche Mauer- werk offen. Die Eroberungspolitik Preußens hat einen wichtigen Sieg erfochlcn, besten mittelbare j und moralische Wirkungen weit über die Vcrtheile �und Nachthcile deS Moments hinauSreichen werden." Die Wiener„Presse" jammert: „Der Genius Deutschlands blickt mit grollen- dem Auge auf das Wirrsal einer Frage, die ur- sprünglich wie vom Himmel zu fallen schien, um gerade unö die Chancen deS erhebendsten Auf- fchwunges darzubieten." Wir haben auf solche Weherufe nur die eine ' Antwort: Niemals wird man in Deutschland die große Frage durch die kleinen, sondern nur diese durch jene im Geiste der Nation und des neunzehnten Jahrhunderts lösen können. Bis diese Lösung im Großen erfolgt, wird man es nicht zu ändern ver- mögen, daß nicht der Bolkswille, sondern Fürsten- und Minister-Dractate über Land und Leute entscheiden.— Berlin, 23. August lieber die gegenwärtigen Tendenzen de« französischen GeisteS schreibt unS unser Pariser H.-Correspondent: Pari«, 20. August. Ich habe Ihnen schon unlängst über eine Polemik berichtet, welche sich von den Freimaurerlogen in die Presse hinüber ge- zogen hat. Es hantelte sich dabei scheinbar um bloS philosophische Frage», die aber alle im Hinter- gründe sich um den politischen Kampf drehten, der jetzt alle Oppositivnsmänner beschäftigt, um den Kampf gegen die Uebergriffe der Staatsmacht, gegen den Despotismus der Centralgewalt, daher im Weitern gegen jede politische und religiöse Autorität, ja, gegen den StaatSbegriff selbst. Jedes praktische Volk, wie jedes praktische thatkräftige Individuum ist nothwendig mit einer gewissen Einseitigkeit be-- haftet, ohne welche sich der Geist nicht»ach einer bestimmten Richtung hin mit ver ganzen Wucht seiner zur Aktion führenden Macht werfen kann. Daher die Einseitigkeit der französischen Philosophie deS vorigen Jahrhunderts, die mehr eine Kriegs- waffe gegen das Bestehende, als eine objektive Philosophie war. Daher auch die Einseitigkeit der heutige» Franzosen, wenn sie philosophische Fragen behandeln. Dem 2. Dccember gegenüber wirft sich der französische Meist mehr und mehr auf das aus- sckließliche Princip der individuellen Freiheit, der Souveränetät des Individuums, im Gegensätze zur eigentlichen Bolksfouveränetät, zum socialistifchen Principe. Zur Behandlung wirklicher philo- sophischer Fragen gehört eine Ruhe, eine Geduld, eine theoretische Uninteressirlheit, welche glücklicher Weise den Franzosen abgeht. Eben darum aber bietet auch ihre philosophische Literatur so viele Blößen. Man kann aus der philosopbiscke» Specu- lation ein Princip zum Handeln gewinnen, aber man kann sehr schwer aus dem praktischen Handeln heraus zu einem philosophischen Princip gelangen, d. h. so lange das Handeln, oder ver Kampf nickt zum Abschluß gekommen ist, weil, wie ge- sagt, jeder Kampf nothwendig einseitig gegenüber dem Feinde sein muß. Die Presse, ich meine natürlich die social»demokratische— denn der andern gegenüber versteht eS sich von selbst hat sich daher in zwei Lager gespalten; der bei Weitem größte Theil derselben ist dem socialiüischen Prinzips feindlich. Außer den bestehenden Tag- blättern hat sich jetzt ein neues Wod?enblatt dem philosophischen Kampfe für die Freiheit gewidmet. ES fährt den Titel-„Die unabhängige Moral." und vcmonstrirt da« Moralprinzip auS dem Be» griffe der menschli-hen, d. h. individuellen Souve» rametät. Die Moral soll hiernach von der Ge« schichte, von der Gesellschaft unabhängig sein. Die Moral, haßt eS in dem genannten Blatte, muß zur selbständigen Wissenschaft erhoben werden, wie jede Naturwissenschaft. Dabei vergessen die Herren, vaß die Moral, wie der Geist übcrbaupt, nickt von den physischen sowohl wie socialen Voraussetzung«« zu trennen ist; sie sind rationalistische Idealisten st In Kant. Die Gegner sind zwar keine Hegelianer- aber dock weit mehr Panlheiste», als die„Mcra- listen." Auch sie verwerfen die religiö'e und pol'- tische Autorität, wie sie besteht und uns auS frühern Zeiten überkommen ist; aber sie behaupten, daß Natur und Geschichte nicht vom individuellen mensch- kicken Geist zu trennen seien, daß dieser vielmehr ein Produkt derselben, und es sich heule nur um eine andre Auffassung der Welt, um eine ander« Weltanschauung, handle. Sie sind der philosophi' schen Wahrheit näher, aber eben darum weniger rcvolutionair als die Andern. Beide haben gleich Reckt und gleich Unrecht. DaS ist ihnen aber nicht beizubringen, weil sie beide zu sehr in der polilisched Aktien begriffen sind. Der rcvolutionaire Instinkt der Massen wendet sich zu den„Moralisten- Daraus ist aber nicht zu folgern, daß diese Massen- wie ihre philosophischen Vorkämpfer, Gegner de� SocialismuS seien; denn so wie eS einmal zu« revolutionären Aktion gekommen sein wird, wert1«" sich die Massen, durch die innere Logik der Ereig- nisse getrieben, wieder dem SocialismuS zuwenden- So lange aber die jetzige Regierung noch bess«hf' werden die heutigen französischen Philosophen, wl« die des vorigen Jahrhunderts, in ihren Bestrcbun- gen vom Volte unterstützt, und dazu sind sie auch, wenn mchl„philosophisch," wie sie meinen, so dock historisch vollständig berechtigt.— Ick glaube, dalZ diese Auseinandersetzungen zur richtigen BeurlheilunZ der jetzigen geistigen Tendenzen in Frankreich un- umgänglich nothwendig sind. Berlin, 23. August. Die preußisch« Arbeiter« Eommiisi� betreffend lassen wir wieder»»! zunächst Bericht der„Bert. Ref.", über die zweite Sitzunj» folgen. Wir müssen bei dieser Gelegenheit wi«� hott bemerken, daß wir bei dem hermetische» Us- schluß der Commisston und da unsere Pall'«' U derselben nicht vertreten ist, darauf verzichten müss««- Originalberichte zu liefern. Unsere Leser werden sich jedoch hierüber um so leickter trösten, alö ja die Berichte der„Verl. Ref." von bewährter Feder herrühren. Das genannte Blatt schreibt in seiner Nummer von heute Morgen: Nack Verlesung des Protokolls und Aufruf der ein- zelnen Mitglieder, i:m sich kennen zu lernen, beginnt der Vorsitzende, Rcgiernngsralh Herzog, ohne eine General- DiSluision über die Gefamiutrorlage zu veranlasien, mit der ersten Frage:„Ist die Aufhebung der i» den KZ. 181 und 182 der Ällg. Gewerbe-Ordnung vom 17. Januar 1845 vorgesehenen Beschränkung der Toalilionsfreiheit nothwcndig oder nützlich?" Er gicbt an« den Motiven einige Erläuterungen über bereu Entstellung und eilten ausführlichen Bericht über die bisher zur Äenntniß der Behörden gekommenen strasbaren Verabredungen, um die Arbeitgeber zu Zugeständnissen zn zwingen, so wie über die energischen Maßregel», welche die Behörden dagegen ergrifien haben. Die Diskussion eröfsnet hieraus Herr Hasselbach: Bevor man sich über die Ab- schaffung ober Beibehaltung der betreffenden Paragraphen entscheiden könne, werde man genölhigt sei», den Sinn derselbe» klar zu legen. Bei näherer Besichtigung werde man sicb überzeugen, daß sie nicht blos ein Verbot von Verabredungen, um die Obrigkeit oder die Arbeitgeber zu Zugeständnissen zu zwingen, enthielten, sondern auch das eben so wichtige Verbot von Verrufserklärung einzelner Arbeitsgeber; letztere, eine verwerfliche und unmoralische Handlung zugleich, würde bei Aushebung der Paragraphen sanctionirt. Ilebrigens müsse j;r erklären, daß er nicht versiehe, was es heißt, die Obrigkeit zu Zugeständnissen zwingen zu wollen und erwarte aus der Versammlung Aufklärung darüber. Herr Dill mann: Zunächst mllffe er seine Verwun- derung über die sich über jeden parlamentarischen Ge- drauch hinwegsetzende Art, wie die Vorlage hier behau- delt werden solle, aussprechen. Ein Vorsitzender, der keinesweges aus dem Vertraue» der Versammlung her- vorgegangen, leite, ohne nach den Wünschen derselben in Betreff der Behandlung der Vorlage zu sragen, den Gegenstand nach seinen! Gutdünken ein. Es sei wohl Möglich, daß er glaube, in dieser Weise dasjenige Male rial zu erhalten, was der Kgl. Staaisregierunz genügend erscheine, allein einzelne Mitglieder gerieihen dadurch möglicherweise ihren bisherigen Bestrebungen gegenüber in eine schiefe Lage. Redner habe sich gedacht, es werde zunächst eine G eueral-Diskussion über die Gesammt Vorlage eröffnet werden, damit die Staatsregierung wie auch die Comniissions-Mitglieder selber, die aus unter einander völlig unbekannten Personen bestehen, Gelegen- heit erhalten hätten, sich darüber vernehmen zu lassen, nach welcher Richtung hin sie die Gewerbegesetzgebung abgeändert zu sehen wünschten; sei man erst über diese Prlncipien einig, so wären die Spezialsragen nur noch Nebensache und die Beantwortung auf Grund der ange- nommenen Grundsätze sehr erleichtert. So wie jetzt be> liebt worden, werde Jeder da« Für und Wider zu der- theidigen haben, und zu bänfigen Wiederholungen ge- zwungen sein. Zur Sache selber könne er sich nur sür die Aushebung der in Rede stehenden Paragraphen aus- sprechen, da die« da« einzige Mittel sei, gleiche« Recht sür Arbeitgeber und Arbeitnehmer herzustellen, denn es sei außer allem Zweifel und gehe auch besonder« aus dem Bericht des Herrn RegierungS-EommiffarS hervor, daß, wenn auch beide Theile im Falle von Verabredun- gen mit Strafe bedroht seien, den Ersteren es stet« inöz- lich sein werde, Coalitione» einzugehen, ohne daß die Behörde den Nachweis davon werde führen können, so daß der Z. l8l wohl aus dem Papier, aber nicht that- sächlich existirc. Im Jahre 1848, als die Behörden jede Einwirkung auf die öffentlichen Angelcgenheilen verloren, habe sich Niemand um die Coalitionen der Arbeiter ge- kümmert und weder der Staat noch die Industrie seien darüber zu Grunde gegangen" erst mit der werkthäligen Reaction und gestützt auf diese habe die Verfolgung der Arbeiter begonnen und seien Freiheitsstrafen gegen die- selben ausgesprochen worden, während die gegen die Arbeitgeber eingegangenen Denunciationen, als nicht zur Bersolgung geeignet, zurückgewiesen wurden. Wenn aber schon zur Zeit der ersten Eoalitionsversuche die Industrie keinen Nachtheil dadurch erlitt, so werde jetzt, wo eine lveit größere Besonnenheil bei den Arbeitern herrsche, doch weniger davon zu befürchten sein. Man wolle nur sesthalten, daß es dadurch den Arbeitgebern viel leichter d>erde, sich mit den Arbeiter» zu verständige» und Irr- khümer zu beseitigen, wenn sie gegenseitig öffentlich mit Einander verhandeln. Andernsalls werden die Eoalilio- den doch nicht ausbleiben, da die Besprechung keineswegs strafbar ist und zur Verabredung werden die Arbeiter es dicht mehr kommen lassen, wie die Vorgänge in Biirg dnd auch anderweit beweisen. Die Presse werde in diesen stragen, so sehr man sie auch mit Confiscationen belästige, thrc' segensreiche Belehrung sicher nicht versagen. Herr Memminger lZimmergesell aus Qnedlinburg, ein so junger Mensch, daß seine Jugend Aufmerksamkeit erregt) spricht sich gegen die Aufhebung der Paragraphen aus, weil dies das einzige Mittet sei, die Löhne aus ihr richtiges Maß herabzudrllcken, auch würde die Beseiti- gung dieser Slrafvorschriflen von den Arbeitern miß- dränchlich ausgebeutet werden.(Sensation.) Herr Wagener(Justizrath, Mitglied deS Abgeord- neienhauses). Zuförderst habe ich zu erklären, d«ß ich mit den Anssiihrnngen des Herrn Dittmann einverstanden bin, so weit c« die General- Diskussion der Prinzipien- frage betrifft, denn die Coalitionssrage ist nur ein inte- grirender Theil der Lohn-, ja der ganzen socialen Frage. Sodann haben wir zu beantworten, was sind die be> gründeten Beschwerden des Arbeiters und wie sind die Ursachen dieses Uebels zn beseitigen? Ferner: wie steht die Coalitionssrage zu der Lohnsrage und welcher Bor- ibeil ist aus der Aufbebung der angegriffenen ZK sür die Arbeiter zu erwarten? Sehen wir uns in den Nachbar- staaten um, so werden wir gewahr werden, welchen Ein- flnß die Gesetzgebung aus diese Fragen gehabt. Die Revolution von 1783 hat das Eoalitionsverbot für l iiölhig gehalten, weil sie sich vor der Wiederbelebung der Innungen sürchtete und in ihnen eine der Staats- gewaltet gefährliche Macht witterte. Erst die neueste Französische Gesetzgebung hat die Coalitionsfreiheit be- willigt, während Belgien und England diese Freiheit seit dem Jahre 1835 besitzen. Redner verliest die ver- schiedenen Strafandrohungen gegen solche, welche den Gehorsam gegen gemeinsame Arbeilerbeschlüsse erzwingen wollten; diese werbe» aber namentlich in England da- durch umgangen, daß man die Renitenten aus den gemeinsamen, oft mir großen Vortheilen veebundenen Kassen ausstößt. Er könne auch darin Herrn Dittmann nur beistimmen, daß dem Vereinsgesetze gegenüber diese Bestimmungen gar keinen Sinn mehr hätten. Aber auch aus nativnal-ökonomischen Gründen müsse er sich für die Abschaffung jener Strasbestimmungen erklären, denn der Arbeiter werde dadurch in die Lage gebracht, die Eon- junciur beurlheilen zu lernen,»nd werde sich alsdann vor nngerechlsertigten Forderungen hüten, weil er sehr wohl wisse, daß bei Arbeitseinstellungen er der zumeist leidende Theil ist. Was dem Einzelnen erlaubt ist, zu jeder Zeit das Arbeitsverhältniß zu kündigen, werde man doch der Gesammtbait nicht vorenthalten Viirsen. Kapital und Arbeit— er wolle diesen Ausdruck gebrauchen, ob- wohl er ihn nicht für richtig halte— dürsten freilich nicht feindlich gegen einander auftreten und würden es auch bei wohl verstandenem Interesse nicht thun, aber Jeder, Arbeiter wie Kapitalist verfolgten ihr individuelles Interesse, was ihnen Niemand verdenken werde. Beim Steigen der Lebensniittelpreisc würden die Löhne keines- weges durch den Arbeitgeber selber erhöht, auch ver- mehre er den Lohn nicht, wenn dnrch günstige Conjunc« turen sein Verdienst ein größerer werde, wohl aber ver- suche er bei Ueberflnß an Arbeitskraft die Löhne herab- zudrücken. Angebot und Nachfrage seien allerdings nalür- liche Gesetze sür den Markl, keineswegs sei aber deshalb ausgeschlossen, daß diese durch vernünftige staatliche Ge- setze eingeschränkt würden; dieser Ansicht sei auch Stuart Mill, dem wohl Niemand reaktionäre Gelüste vorwerfen werde, den er vielmehr sür den weitgehendsten Demo- traten halte. Ein Industriezweig abeb, der seine Ar- heiter nicht mehr mit den»othwendigsten Lebensbedllrs- wissen zu versorgen vermag, sei ungesund und dem Au«- sterben nahe. Aus den angeführten Gründen sei er sür Aushebung der KZ, doch müsse er sich seine Ansicht dar- über, ob statt deren anderweite Vorsichtsmaßregeln zu verordnen, vorbehalten. Hr. Hasselbach,(Oberbürgermeister von Magdeburg, Mitglied des Herrenhauses.): Ehe er sich entscheiden könne, müsse er das ganze System kennen lernen; er ! würde daher auch eine General-DiSkussion vorziehen. Reg.-C ommissar führt ans, daß erwartet worden, es werde jeder Redner so weit gehen, wie ihm beliebe; er werde keine Einwendungen machen, nur dürfe man den Standpunkt der Commission nicht verkennen. Sie habe nur eine berathende und keine beschießende Stimme. Die Regierung habe gerade den Wunsch, Specialitäten über die örtlichen Vorkommnisse kennen zn lernen, um aus den practischen Erfolgen bei Arbeitsein- stellungen zc. die in den Kammerverhandlungen vorge- führte» theoretischen Gründe prüfen zu können. Hr. Haynke(Tischlergesellc aus Breslau, Vorsitzen- der de« dortigen Arbeiterbildungs- Vereins) findet auch in der öffentlichen Besprechung der Arbeitnehmer das beste Mittel sür die Arbeitgeber, übertriebenen Forde- rungen entgegen zu treten. Uebergriffe seitens der Ar- beiler würden durch die Bestimmungen des Strafgesetz- duchs in die nothwcndigen Schranken zurückgewiesen. Jede Beschränkung des Arbeiters sei zugleich eine Be- schränkung der Industrie, die nur unter der vollen Ge- Werbefreiheit gedeihe. Dr. Müller(Buchdruckereibesitzer aus Berlin, Mit- glied de« Abgeordnetenhauses): Die Arbeiterfrage steht schon so lange in Vereinen und in der Presse auf der i Tagesordnung, daß es nicht erst dieser Kommission be- durfte, wenn die Regierung sich informiren wollte; sie wird gegenüber den Aussprüchen der größten National- ökonomen schwerlich noch etwa« Neue« zu Tage fördern. Redner sieht in der event. Beibehaltung der qu. Para- graphen, den erst vor Kurzem abgeschlossenen Handels- iractaten gegenüber, eine Beschränkung der Industrie. Auch steht er eine Ungerechtigkeit darin, da noch vor Kurzem hier in Berlin eine Coalition der Arbeitgeber stattgefunden habe, ohne daß diese zur Kenntniß der Be- Hörde resp. zur Bestrafung gekommen sei. Die Streichung sei daher au« Grünten des gesunden Rechts nöthig, die Arbeitgeber aber müßten schon au« Humanität darauf bedacht sein, ihren Arbeitern gerecht zu werden. Herr Borsig(Kommerzienralh aus Berlin) will nicht die Coalilions-, sondern jede gewerbliche Freiheit, weil er darin allein die Bedingungen für denjenigen Aufschwung der Industrie gegeben sieht, welcher die Konkurrenz auf dem Weltmarkt behaupten kann. Herr Engels(Kommerzienralh zn Barmen, Mit« glied des Herrenhauses): Weshalb sollten die beiden Paragraphen ausgehoben werden? Gründe seien seiner Meinung nach bisher noch nicht angegeben worden. Er sehe in dem Antrage weiter nichts als ein Agitations- mittel, das im Berliner Arbeiterverein angeregt, von da au« sich seinen Weg gebahnt habe. In den Jahren 1850—61 habe von dieser ganzen Frage nichts verlautet, wenigstens nicht in den Fabrik-Distriklen von Rheinland und Westphalen. ein Beweis, daß die Arbeiter zufrieden gewesen. Er bestreite die Nothwendigkeii der Aushebung. Was die Nützlichkeit betreffe, so hätten wir selber gar keine Erfahrung, müßten uns diese vielmehr aus dem Auslände verschaffen, und was man von dort höre, sei wahrlich nickt verlockend. Die Arbeitseinstellungen seien schon um deswillen ungerecht, weil sie ganz Unbetheiligte mit ins Verderben ziehen, die bei der Verzweigung der Industrie ebensall« gezwungen seien, die Arbeit einzu- stellen; man möge nur bedenken, wie weittragend dieser Umstand werden könne, im Falle es sich um Herstellung von Rohprodukten hanhele. Die Arbeitsverhältnisse seien, wenigstens am Rhein, Verträgen gleich zn achten, die man nicht so ohne Weiteres lösen sollte. Er halte zur Schlichtung von Differenzen Schieds» oder Gewerbege- richte, namentlich wenn man ihre Kompetenz auch aus Loknstreiligkeitcn ausdehnen möchte, für die geeignetste Hülfe und bei Weitem besser als die Aushebung der betr. Paragraphen. (Hier schlägt der Vorsitzende eine Pause von einer halben Stunde vor.) Um l Uhr wurde die Berathung wieder ausgenom- men. Der erste Redner ist Herr Dittmann. Derselbe sucht aus der vorangegangenen Diskussion den Nachweis zu führen, wie wenig förderlich es den Gegenstände» sei, die zur Besprechung vorgelegt werden, wenn ans dem eingeschlagenen Wege sortgeschritte» werde. Man sehe von einer Seite in der Coalitionsfreiheit ein furchtbares Gespenst auftauchen, das nur aus die Welt gekommen, »m das Kapital zu ruiniren, während man aus der an- dern nichts weiter als ein natürliches Recht erblicke, um jeder Art von Uebergriffen, deren sich hier oder da Ar- deitgeber bedienen möchten, mit Nachdruck entgegen zu treten. Daß es sich nicht blos um Lohnerhöhung han- dele, hätten die neuesten Vorgänge in Burg bewiesen. Die Zeit, wo der Arbeiter unter der väterlichen Obhut seine« Arbeitgebers stand, sei vorüber. Vermöge der ge- sellschastlichen Stellung, die jener sich durch Bildung und Gesittung erworben, sei er ein gleichberechtigtes Mitglied in der Staatsbürgerschast geworden und habe als solcher gleiches Recht mit allen übrigen zu bean- spruchen. Man möge sich noch so sehr gegen die Aus- Hebung der Paragraphen und gegen die Einsübrung ge- werblicher und bürgerlicher Freiheiten wehren: e« sei dies doch nur noch eine Zeitsrage. Was nütze e« denn aber, wenn hier sreisinnige Beschlüsse gefaßt würden; gesetzliche Bestimmungen, aus der Zeit der blühendsten Reaclion, ans der Zeit der Verfassungsrevision und der diese stützenden Gesetzgebung Herdalirend, fortzuschaffen, sei unmöglich, denn alle Versuch- dazu zerschellen an einem wohl geprüften Fels im Meer, an der Versamm- lung, in deren Räumen man hier tage. Wolle die K. Staatsregierung Auskunft über Spezialfragcn, so möge sie in der Art, wie die Aeltesten-Kollegien der Kansmann- schaff Auskunft in Handelssachen ertheilen, für jede Pro« vin, einen Sachverständigen-Rath aus Arbeitgebern und Arbeitern zusammensetzen, der zugleich beauftragt werden könnte, die Wünsche der Gewerbetreibenden entgegen zu nehmen und an die zuständige Adresse, mit den noth- wendigen Begutachtungen verschen, zu senden. Als Gegner des Coalitionsrechtö treten noch auf die Herren Türk(Vorsitzender der Handelskammer zu Lüden- scheid) und Anders(Schneidermeister zn Magdeburg). Der Erstere meint: Den Bestrebungen von 1814 ver- dnnkten wir die heutige Gewerbegesetzgebung, und wie wenig aus derartige Zeilausflüsse zu geben sei, sehe man daran, daß man heut schon ganz entgegengesetzter Meinuiig sei; da dürfe man doch wohl sragen, was denn das Richtige sei. Die Coalitionsfreiheit werde das gute Einvernehmen zwischen Arbeitgebern und Arbeitern völlig untergraben und Beide feindlich einander geg-nllberstellen.