Rr. 149. Berlin, Donnerstag den 2t, September 1869. SoM-Demolirat. Di-s- täglich Organ des Allgemeinen deutschen Arbeiter-Bereins. der Sonn, und Festläge. Redigirt von I.». v. Hosstetteu und I.». v. Schweitzer. Red-rtion und Expeditien- Berlin. Dre«dnerstraste Nr. 85. Atzonnements-Preis sitr Berlin inet. Bringerlobn: vierleljiibrlich 18 Sgr., monatlich 6 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr. t bei den Königl. preußischen Post. ämtern 22>/2 Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichtpreußischen Deutsch- land 18»/« Sgr., im übrigen Deutschland 1 Thlr. sfl. 1. 4b. südd., fl. 1. 50. österr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärt» auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition. von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Lompaguie, Scharrenstr. 1, somit auch unentgeltlich von jedem„rothen Dienstmann" entgegen genommen. Inserate(in der Expedition auszugebe») werden pro dreigespallenc Petit-Zeile bei Arbeiter-Annoncen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mit 3 sgr.«"rechnet. Agentur siir England, die Colonieen und die überseeischen Länder:>lr. Eentler, 8. Little New-Port-Street, Leicester-Square W. C. London. Agentur für Frankreich: G. A. Alexandre, Strassbonrg, 5. Eue Brnlee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andr4-des-Arts. Wir bitten, die Bestellunsscn auf den„So- rial-Demokrat" für das nächste Quartal mög- lichst frühzeitig machen zu wollen. politischer Theil. - Deutschland. * Berlin, 19. Sept. fEin Geld streit.� Bekanntlich Hai der König von Preußen von dem Kaiser von Oesterreich zu Gastein Lauenburg für sich angekauft. Nun hat sich aber, wie dies auch bei Geschäftsleuten ab und zu vorzukommen pflegt, zwischen der kausenden und verkaufenden Seite ein Geldstreit erhoben. Der„H. B. H." wird über dieses interessante Vorkommntß wie folgt berichtet: Da« Wiener Bankhaus Rothschild— wir wissen nicht genau ob wirklich auf Grund einer vorausgegangenen Eskomptirnng— mit der Einhebung der am heutigen Tage in Berlin in preußischen Silbcrthalern fälligen Abfindung«- summe betraut, hat seinerseits zur Abwitklung diese« Ge> schästes das Berliner Bankhaus Bleichröber um deffeu Vermittlung angegangen, welchem Ansuchen selbstverständ- lich bei den freundlichen Beziehungen der beiden Bank- Häuser bereitwilligst entsprochen wurde. Als da« Hau« Bleichröder betreffende» Orte« sich schon vor einigen Ta> ge» zur Avisirung des betreffenden Inkassos meldete, fand es sich, daß über die eventuell in Empfang zu nehmende Summe, die beiderseits erforderliche Uebereinstimmung fehlte. Der Grund der Differenz lag oder liegt viel- mehr noch in dem Unterschiede, welcher in Bezug aus die � Umrechnung de« dänischen Thalers in preußisch Couranl obwaltet. Hier berechnete man den Rigsdaler mit 22»/« pr. Silbergroschen, während man in Berlin an der de- treffenden Umrechnung mit 22«/2 pr. Silberzroschen festhält. Hier wollte man von der eigenen Berechnung nicht abgehen, und wurde Herr Bleichröder angewiesen nicht anders al« unter den diesseits festgehaltenen Modalitäten zur Empfangiiahnie zu schreiten. Zur Begründung de« diesseitigen Standpunktes berief nian sich aus die Um- rechnung, welche seiner Zeit den Entscheidungen der ge- mischten Prisen-Konferenz in Kopenhagen zu Grunde ge- legt wurde. In Berlin hingegen appellirte man an die Gasteiner Verhandlungen, bei welchen angeblich die Um- rechnung der dänischen Valuta in preußisch Couraut p.it 22>/2 Silbergroschen statuirt worden sei. Es gewann einen Augenblick den Anschein, al« ob man zu keiner Ver- fiändigung gelangen sollte. Wie wir aber hören, soll die Differenz nun doch, wenn auch nur provisorisch beigelegt sein, und zwar dadurch, daß das Haus Bleichröder zum Jncasio mit dem Vorbehalte ermächtigt wurde, daß die kaiserliche Regierung im Wege der nachträglichen Per- Handlung ihr Recht zur Erlangung de« ihr durch die preußische Umrechnung aushaftente» Restbetrages als eines vollständig begründeten Guthabens geltend machen werde. — fAuS den Herzogthümernf laufen keine Nachrichten von Bedeutung ei». Wie es dort zu- gehl, kann sich Jeder von selbst denken. — sAnklage.f Wegen des die Conflicte zwischen Militair- und Civilpersonen in Preußen besprechenden Leitartikels in Nr. 143 der„Berl. � Ref."(vom 22. Juni) ist der Redacteur Dr. Weiß der„Gefährdung deö öffentlichen FriedeuS durch Anreizung der Angehörigen des Staates zum Hasse und zur Verachtung gegen einander", sowie der „öffentlichen Schmähung von Anordnungen der Obrigkeit" angeklagt und Termin zur Verhandlung auf den 13. Oktober angesetzt. — sBangemachen gilt nicht.f DaS ultra- montane.„Mainz. Journ." bringt einen Artikel, worin es seine Befriedigung über die Einigkeit Oesterreichs und Preußens ausspricht und der also schließt: Die Schleswig- Holsteiner werden immer mehr in Aufregung versetzt, und wie e« nicht anders kommen kann, zu Eonflikien mit den beiden deutschen Großinäch- tcn getrieben, Conflikte, die schließlich nur zum Unheil der dortigen Bevölkerung ausschlagen können. Dazu kommt dann die Aufwiegelung, welche von Dänemark au« in stkordschleSwig betrieben wird, und welcher der Plan zu Grunde liegt, England und Frankreich zu aktivem Auftreten ge g en Deutsch l an v zu veranlassen. Dieser Plan ist ein weit und lies angelegter, er fällt mit der in Slltdcutschland genährten Triasidee zusammen, denn daß Bayern und wer noch mit ihm gehen wollte, ohne fremde Hülse nicht im Stande sein würde, ge- gen die beiden Vormächte etwa« durchzusetzen, leuchtet ein; fremde Hülfe heißt aber mit anderen Worten Rheinbund; linke« Rheinufer an Frankreich, rechtes unter napoleonisches Protectorat, Zer- reißung Deutschlands und Säbel Herrschaft im Norden wie im Süden, im Osten wie im Westen. Gehl es wieder aus dieser Tonart? Jedesmal, wenn sich im deutschen Volke die öffentliche Mei- nung gegen die deutschen Fürsten regt, soll ihm niit rem Auslände bange gemacht werden. Hilft nichts mehr! Wir fürchten uns nicht, wir freuen unS, wenn den deutschen Fürsten vom Auslande Ungelegenheiten bereitet werden. Das deutsche Volk wird sich gegen den auswärtigen Feind zu vertheivigen wissen— für seine Fürsten aber und ihre Bedrängnisse wird es sich nicht erwärmen. — sDie Verhandlungen der Mittel- staatens � so schreibt man der„Fr. Pstztg."— scheinen bis jetzt nur zu einer theilweisen Verstän- digung geführt zu haben. Glaubwürdigen Ver- sicherunge» zufolge neige sich nämlich Württemberg dem Zusammengehen mit Oesterreich und Preußen zu, jedoch unter der Bedingung, daß man die Mittelstaaten an den Verhandlungen bctheilige und ihrer Stellung die gebührende Rechnung trage. Man scheine dabei in Stuttgart von der Ansicht auszugehen, daß die Mittelstaaten, die für sich zu keiner selbstständigen Actio» gelangen können, durch ihre passive Sonderstellung nach und nach allen Einfluß auf die deutschen Angelegenheiten einbüßen würden. Diese Auffassung scheine indeß in Bezug auf die schleswig-holsteinsche Angelegenheit weder in München noch im Dresden gctheilt zu werden. — Alle diese Nachrichten über das Verhallen der Mittel- und Kleinstaaten sind politisch sehr unwichtig. Denn diese Staaten und Stätlcin sind mit in- uerer Nothwendigkeit zur Ohnmacht und Nullität verdammt und eS. ist und bleibt daher gleichgültig, ob ihre Unterhandlungen zu einem „Ergebniß" führen oder nicht. — sDer Secksunddreißiger-Ausschußj, beziehungsweise dessen geschäftsleitende Commission hat ein Rundschreiben an alle Mitglieder deutscher Landesverlretungen erlassen. Dasselbe schließt wie folgt: Die Geschäftsleitende Commission des Sechs- unddreißiger Ausschusses hat zwei Rundschreiben erlasseu- Iu dem ersten derselben, gerichtet an alle Mitglieder der deutschen Landesvertretungen, wird zunächst Auskunst er- theilt über Ort und Zeil der Versammlung u.dgl. S»' dann schließt die Commission mit folgender Anprache: Wir geben uns nun der Hoffnung hin, daß die M>t' glieder der deutschen Landesvcrtrelungen, Angesichts der neuesten Vorgänge in der Sache der Herzogtbümer, sich vollzählig einfinden und kein Opfer an Zeit, Geld tc. scheuen werden. Alle Geschäfts- und sonstige Rücksichten müssen, denken wir, hier schwinden, und nur ernstliche Krankheit könnte zur Entschuldigung dienen. hier wo es gilt, da« Recht jedes Volke« auf freie Selbstbestimmung aufrecht zu erhalten und da« gemeinsame Vaterland vor Schmach und Schande, vor der Einmischung de« An«- lande«, vor unsäglichem Unglücke zu bewahren. Bei dem Mangel eine« Parlament« ist die Sorge dafür den La»- desvertretungen anvertraut; unser ganze» Volk sieht mit Spannung auf diese Versammlnng und erwartet, daß jeder Einzelne seine Pflicht Ihne. Insbesondere rechnen wir aus die Thcilnahme der Mitglieder aus Oesterreich und Preußen, da gerade ihre Regierungen es find, welche das gute Recht der Herzog' thümer mißachten, da somit gerade die Mitglieder aus Oesterreich und Preußen vorzugsweise zeigen müssen, daß sie, ohne Rücksicht aus besondere Landes- ober Parleu inter-ffen, als deutsche Männer den Mulh haben, �auch gegenüber ihren eigenen Regierungen da« Recht' deS deutschen Volke« zu vertheidigen. Die geschäsisleitende Comuiission deS 36er Ausschusses. Dr. S. Müller. G. Fr. Kolb. ' Ein weiteres Rundschreiben, an die Schleswig' Holstein-Vereine, schließt also: Wie die Beschlüsse der bevorstehenden Versammlung � im Einzelnen ausfallen werden, wissen wir nicht; aber davon sind wir überzeugt, die Versammlung wird, mit, Hintenansetzung aller besonderen Landes- und Partei- Interessen, aller persönlichen Wünsche und Sympathice« oder Anlipathieen, nur die Interessen des Gesammtvaier- lande«, nur das Reckt im Auge behalte» und wahren, und darum hoffen und bitten wir, daß auch die Ver- eine rc. das Gleiche tbun, daß sie alsbald nach jener Versammlung durch öffentliche Versammlungen und Kund- gibungen jeder Art ihre Zustimmung zu den Beschlüsie« , der Versammlung an den Tag legen, und damit das ' Gewicht derselben verstärken mögen, wie dies auch früher bis zu den Frieden mit Dänemark der Fall war. V»» dem, was in den einzelnen Vereinen tc. geschieht, bitleu wir uns in fortlaufender Kennlniß zu erhalten. Die geichästsleitende Commission: Dr. S. Müller. G. Fr. Kolb. —(Die preußisch-particularistisch libe- ralc Partei) enthüllt sich jetzt offen als solche trotz der früheren großen Worte von„deutsch� Einheil",„nationaler Sache" u. dgl. Die„Ben- Ref." schreibt ui dieser Beziehung:„ Die Zersetzung innerhalb der„Fortschritts' Masse in Preußen geht langsam aber unaushaltsani vo fufc. Ein neuer Beweis dafür ist, nach den uns vorlie- genden Mitiheilnngen, eine Berat hu ng gewesen, welche in voriger Woche hier wegen des Besuches des Frank- surter Abqeordnetentage Sistaltsand. Löwe-Calbe, Schulze-Deliysch, v. Unruh und andere Abgeord- nete, sowie sonst hervorragende, außerhalb der Kammer stehende Mitglieder der„Fortschrittspartei" haben der- selben beigewohnt und da« Resultat soll zwar kein bin- dender Beschluß, wohl aber ein Ueberwiegen der Stim- mung für den Nichtbcsuch gewesen sein. Die„Elbers. Ztg.", welche ihrerseits in diesem Ausgange„einen höchst bedauernSwerthen Mangel an Selbstvertrauen sowohl al« an Pflicktgesllhl" beklagt, läßt sich einen sehr wortreichen und lubjecliven Bericht darüber erstatten, au» dem jedoch ziemlich klar hervorgeht, daß der Verdruß über die„liebe Opposition", d. h. die demokratische, wohl da« Haupt- wort bei dieser Unterhaltung gesübrt haben mag. ES heißt da-, die Mehrzahl bat sich für Nichtbetheiligung ausgesprochen und ich halte diese Politik auch für durch- au« correct. Freilich werden die„Enthaltsamen" dem Borwurfe des Krypto-LiSmarckismuS nicht entgehen, aber dergleichen RedenSarteu machen nur so lange Glück, bis die Thatsachen da« Gegentheil beweisen, nicht eine Se- kuude länger, und wer sich in die Arena der streitenden Parteien�hineinwagt, darf etwaige Mißsallensäußerungen der Gallerie(was da zischt, ist bei diesen Herren stet» Gallerte, was Beisall klatscht, Parquei) eben so wenig scheuen, wie sich durch stürmischen Beisall berauschen lassen. Wenn man die Hofsnung hegen könnte, in Frank- furt würden sich die liberalen BolkSvertreler über ein nationaldeutsches Programm in der schleswig-holsteinischen Frage einigen, ein Programm, das die liberalen Preußen — ich meine die wirklich(wirklich käme von wirken? Alter Aberglaube!) Liberalen, nicht die Partiknlaristen— vollständig zu dem ihrigen zu inachen iin Stande wären, so würde allerdings die Betheiligung Preußen» an der Feststellung eines solchen Programms lebhast zu wünschen sein. Aber wie die Sachen nun einmal liegen, läßt sich hundert gegen eins wetten, daß in der Frankfurter Ver- sammlung die Politik der Mittelstaaten dominiren wird, daß Oesterreich und Preußen etwaige divergirende An- sichten— und solche sind allerdings vorhanden— nicht zur Geltung zu bringen im Stande sein werden, daß sie mit andern Worten in dieser Versammlung aus eine Stellung verwiesen wären, welche ihrer Würde(?) und den realen Verhältnissen nicht entspricht. Die preußischen Abgeordneten würden entweder von den Mittelstaaten in's Schlepptau genommen werden, oder sich aus sruchtlose Minorilälsvoten beschränken müssen u. s. w. Und der Würdige schließt: E« ist keine» Menscheu Pflicht, der lieben Opposition zu Gefallen sich die Hände zu bin- den(freie Hand!) und wo möglich(?) zu compro- mittiren. — s In der bereits erwähnten Bro- schüre�, welche ohne Zweifel einen osficiösen preußischen Ursprung hat, ist auch folgende Stelle beachtenSwerth: Kann sich Frankreich darüber beunruhigen, daß Preu- ßen einige Hunderttausend Einwohner mehr erhält, und daß Deutschlaild(?) eine Flotte besitzt? Wenn die Territo- rial-Vergrößerung Preußen a» der französischen Grenze stattfände, so könnte man annehmen, daß daraus ei» Anschein von Gefahr für die Sicherheit Frankreichs ent> springen könnte. Was kann aber daran liegen, wenn diese» neue Territorium von Frankreich durch weite Ent- fernungen und unabhängige Staaten getrennt ist? Und find denn im Grunde genommen Frankreich und Preußen nicht natürliche Verbündete oder sollten es doch zum wenigsten sein, um, indem sie ihre Kraft und ihre Macht vereinen, in Europa der Sache der Eivilisation(?) und der Freiheit(!!) den Triumph zu verschasseu? Sie können sich eine sreundschastliche Hand reichen über die Wellen jenes Rheine« hinüber, der sie eber vereint als trennt. Als feinde haben sie sich viel Schaden ohne Nutzen für den inen oder den Andern zugefügt. Freunde, und mit England und Italien vereint, können sie die Geschicke Europa'« leiten. Mit der Freund- schast Amerika'S(Warum nicht lieber gleich mit der ganzen Welt vereinigt?) würden sie die ganze Welt regeln. * Wien, 19. Sept. �Znr großen Staats- confusion.] Die„Wiener Zeitung" publicirt ein Rescript des Kaisers vom IL. d., durch welches die Landtage sämmtlicher Kronländer, mit Aus- nähme des Ungarischen, auf den 23. November in den durch das Gesetz bestimmten Bcrsammlungs- orten einberufen werden. Ausland. II. Paris, 18. Septbr. sDie Gasteincr Uebereinkunft und ihre Folgen. Die neue Broschüre.� Die Gasteiner Uebereinkunft� ist der Text, der nicht nur die TageSblätter aller Far- ben, sondern auch die Broschüren-Literatur beschäf- tigt. Während es, trotz aller Gegenbeweise, die ein offiziöses Berliner Blatt beibringt, um das kritische Rundschreiben des französischen Ministers a priori in Anrede zu stellen, nun ausgemacht ist, daß nicht nur Frankreich, sondern auch England den schärfsten Tadel gegen die genannte Convention ausgesprochen haben; während die öffentliche Mei- nung diesseits und jenseits des Kanals sich in dem- selben Sinne gegen die außerpreußische Politik ausläßt, tauchen plötzlich und ganz unerwartet in der hiesigen Presse Stimmen auf, welche einer französischen Allianz mit Preußen das Wort reden und die Politik Bismarcks mehr oder weniger direkt und offen vertheidigen. Letzteres geschieht nament- lich in einer Broschüre, welche so eben die Presse verlassen und Da Convention de Gastein betitelt ist. Das deutsche Volk wird darin als zwar durch- aus demokratisch dargestellt, jedoch in Preußen ruhig zusehend, wie die Constitution und die garantirten Volksrechte von einem Ministerium behandelt wer- den. welches ihm die nationale Einheit verspreche und seinen Kriegsruhm durch Eroberungen steigere, welches zugleich die materiellen Interessen Deutsch- lands fördere.„Die Nationen," heißt es in dieser Broschüre, deren Ursprung leicht zu errathen ist, „die Nationen dulden zuweilen, daß ihren inneren Freiheilsbestrebungen Zwang angelhan werde durch Männer, welche ihnen nach Außen hin ein größe- ! res Ansehen verschaffen, und wäre es auch nur ! zum Scheine."— Die Broschüre wird von den ofsiziösen wie nichtoffiziösen Blättern mit großer , Kälte beurtheilt. Sonderbare Gerüchte circuliren ' seit Kurzem hier über liberale Maßregeln, welche ; die Regierung ergreifen werde. Am sonderbarsten ist das Datum, welches der Promulgation dieser liberalen Reformen prophezeit wird. Am Jahres- tage der Schlacht von Jena sollen Preßfreiheit, Ver- cinSfreiheit und der Himmel weiß, welche andere Freiheiten in Frankreich eingeführt werden. Wenn die Gasteiner Uebereinkunft ein solches Rivalisiren zwischen Frankreich, Oesterreich und Preußen her- vorbrächte, die öffentliche Meinung durch liberale Concessioncn zu gewinnen, so wären sie und der dänische Krieg, der sie zu Wege gebracht hat, nicht zu verachtende Faktoren in der europäischen Politik. Da wir indessen nickt im Rathe der Götter sitzen und folglich nicht wissen, was die Zukunft bringen wird, so müssen wir uns mit den offiziellen That- sacken begnügen. Diese stehen einstweilen so, daß. außer etwa zwischen den Westmäckten, keine einzige Annäherung zwischen den europäische» Großmäck- ten vorhanden ist, so daß jede derselben ganz iso- lirt da steht und auf eigne Faust Politik treibt. Welche neue Verbindungen aus diesem Chaos her- vorgebe» werden, kann bis jetzt Niemand wissen, da die Staatenlenker selbst erst im Begriffe sind, neue Allianzen anzuknüpfen. Der Nothschrei, der von Belgien ausgegangen ist, scheint daher zum mindesten verfrüht zu sein. Zu leugnen ist aller- dingS nicht, daß alle Staaten, die nicht mächtig genug sind, sich selbst zu schützen, in unserer Zeit große Gefahr lausen, von ihren mächtigeren Nach- barn verschlungen zu werden. * Paris, 17. Sept. sTageöbericht.� Der Prozeß gegen den Jndepedant de la Moselle macht in Metz einen sehr schlimmen Eindruck, weil man daselbst seit dem 2. December keinen Tendenz- Prozeß erlebt hat. Die Gerüchte von bevor- stehenden„liberalen" Veränderungen erhalten sich fortwährend.— Die künftige Organisi- rung Algeriens wird unter Anderem zur Folge haben, daß jedem Ministerium in Paris eine alge- rische Abtheilung beigegeben wird. Nur das Mi- nisterium des Innern wird keine solche bekommen, da die inneren und die arabischen Angelegenheiten der Provinz neben den militärischen an das Kriegs- Ministerium kommen werden.— Auch die in Havrc wohnenden Elsässer haben eine Adresse an den Minister der auswärtigen Angelegenheiten in Sachen des er mordeten Ott gerichtet.— Der spanische Gesandte ist durch eine höfliche Einladung Na- poleon's III. in Biarritz zurückgehalten und wird erst am 25. wieder in Paris erwartet.— Ein großer Theil der heutigen Abendblätter bringt Aus- züge aus der Broschüre: ,.L,a Convention de Gastein," die morgen bei Dentu erscheinen wird. Alle, mit Ausnahme der öfficiösen, widmen der- selben einige Worte. Sympathie finden die Ideen, welche in derselben aus einander gesetzt sind, jedoch nickt. Die„Presse" bekämpft dieselbe sehr heftig, die France behält sich vor, gegen dieselbe aufzu- treten, die Epoca glaubt, daß sie von einem preu» ßischen Diplomaten herrühre, und legt ihr eine hohe Wichtigkeit bei, während die Patrie glaubt, daß sie nur der Feder eines Privatmannes ent- sprungen sei. Darin irrt jedock die Patrie. Die Brosd)üre ist keineswegs das Machwerk irgend eines Privatfreundes des Hrn. v. Bismarck, sondern ein- fach ein officiöser Versuch, um einestheils zu Gun» sten der gasteiner Convention einige Worte zu sagen und andererseits die Frage einer Allianz zwischen Frankreich und Preußen aus leicht erklärlichen Gründen zur Sprache zu bringen. Wem ein solcher Versuch von Nutzen sein kann, muß der Einbläser der Broschüre gewesen sein.— Die zweite Geister- Vorstellung der Gebrüder Davenport ist ruhig abgelaufen, weil man nur gute Freunde zuge- lassen hatte. zch. London, 18. Sept.[Zu Nr. 140 des „S ocial- Demokrat." Arbeiter- Angelegen- heit. Mexiko.j Die„Bolks-Ztg." vergleicht die Lage der Arbeiter Englands mit seiner zweihundert- jährigen politischen Freiheil, und die Lage der Ar- beiter Frankreichs mit seinem 15 Jahre alten, all- gemeinen Wahlrecht und seinem 60 Jahre alten Code lKapoIeon ohne Freiheit, und zieht falsche Schlüsse, welche nur wegen der darin enthaltenen Ab- ficht für uns eine Bedeutung haben.„Der eng- tische Arbeiter kümmert sich als solcher nicht um den Staat." Der englische Arbeiter hat während des amerikanischen Bürgerkrieges die herrschende Klasse gezwungen, das verderbliche Project, für die Sklavenhalter einzustehen, aufzugeben. Der eng- tische Arbeiter hat bei Durchsetzung der letzten Re- formbill der Mittelklasse zum Siege verholfen, und hätte man an dem Ardeiter keinen Verralh began- gen/ so wäre eine große Anzahl schon lange im Besitze des Wahlrechts und der deutsche Arbeiter kann sich daran ein Beispiel nehmen, und wird, wenn er mit der Volkszeitungö-Partei für seine po- litischen Rechte kämpft, aus seiner Hut sein; denn wenn„hier also wieder eine unleugbare Thatsache(?) vorliegt, welche auf's schlagendste beweist, wie wenig man die sociale Lage mit der politischen Stellung verwechseln darf", so will man damit sagen, daß der Arbeiter unter der Aegide dieser Partei, das Zeichen des Halsbandes nicht zu scheuen braucht und auch ohne politische Rechte fett werden kann.�) — lieber die falschen Ausstellungen und Schlüsse der„Volks-Ztg." mit derselben rechten zu wollen, hieße leeres Stroh dresckien, denn wo das Interesse alle andern Rücksichten verdrängt, führt die wahrste und beste Entgegnung zu unfruchtbarem Hin- und Her-Reden. DieStrike's sind unter den heutigen indu- striellen Verhältnissen das einzigeMittel, durch welches der Arbeiter der Uebermacht desKapitals und derWill- kür der Arbeitgeber eine Schranke entgegenstellen kann, und wie hundert Fälle beweisen, entgegenstellt. Das Aufzählen der für die Arbeiter unbefriedigend abgelaufenen StrikeS, ja selbst die Behauptung, daß bis jetzt alle Strikes für die Arbeiter ungünstig ausgefallen sind, könnte, selbst wenn sie wahr wäre, die Richtigkeit obigen Satzes nicht umstoßen; denn im Hinblicke auf den kommenden, großen industriellen Kampf sind die jetzigen An- strengungen bloße Vorbereitungen und Plänkeleien. Von diesem Standpunkt aus, dürfte unser Streben und Wirken gar manchem uns jetzt feindlich gegenüberstehenden Manne, in einem gün- stigern Lichte erscheinen. Ob durch die Strikes endlich die Macht des Kapitals gänzlich gebrochen werden kann�), mag dahingestellt bleiben, so viel jedoch steht für uns heute schon fest, daß der Arbeiter gezwungen sein wird, sich derselben in wachsendem Maaße gegen die Ausbeutung zu bedienen, und da keine Macht die Entwickelung dieses Kampfes ver- *) Wir glauben eher, daß das Umgekehrte beabsichtigt ist: man würde die politischen Rechte ertheilen, unter der Bedingung, daß die Arbeiter sie nicht zur Verbesserung ihrer socialen Lage anwendeten. Uebrigcn« giebl die Bourgeoisie freilich dem Arbeiter auch niemals freiwillig die rein politische Gleichstellung.(Anm. d. Red.) **) Durch die Strikes an sich sicherlich uicht. (Anm. d. Red.)