( Nr. 191, Berlin, Donnerstag den 9. November IS«». äocinUlcniölirnt Diese Zeitung erscheint teiglich mit Ausnahme der Sonn- und Festtage. Organ des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins. Redigirt von Z. B. v. Hofstetten und Z. B. v. Schweitzer. Redaetion und Expedition: Berlin, DreSdnerstrafje Nr. 85. Abonnements- Preis siir Berlin incl. Brinzerlobn: vierteljäbrlich 18 Sgr., monatlich 6 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.: bei den Königl. preutzischen Post- ämlern 22� Sgr., bei den rreujjischen Postämtern im nichtprenstilchen Deutsch-, land I8�/< Sgr., im übrigen Deutschland I Thlr. sfl. I. 45. südd., st. 1. 55. österr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärts auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, von jedem soliden Spediteur, von der Exprefj-Eompagnie, Scharrenstr. 1, sowtt auch unentgeltlich von jedem„rolhen Dienstmann" entgegen genomnien. 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Eines ist, was aus all dcni wirren Turchcin- ander, dem Widerstreile unvereinbarer Kräfte immer denllicher, immer faßbarer hervortritt: das Slre- den der Ungarn nach politischer Unabbän- gigkeit»nd Selbstständigkeit; d. h. die kaum mehr verkennbare Absicht derselben, sich zum allein entscheidenden Elemente im Kaiserstaate zu inachen. Dies wird zwar nickt offen gesagt, ja einstußreicke Führer versichern hier und da ausdrücklich das Gegcntheil; so spricht, wie man neuestcnS aus Pest, 6. Nov., an Wiener Blätter telegraphirt, Baron EötvöS in eineni Artikel über„Dualismus" enlschicden für die„Parität"(Gleichstellung der beiden„Reichshälflen") und erklärt als seine Ueber- zeugung, daß auch vom Standpunkte ungarischer Interessen nichts wünfchenswerlher sei, als daß i» beiden Reichshälften gleiche Principien Platz greifen. Wie in der ungarischen, seien auch in der jenseitigen Hälfte gleiche Interessen vorhanden, welche verlangten, daß so wie im ungarischen Landtage alle Länder ungarischer Krone vertreten selen, es auch jenseits eine gesetzgebende Versammlung gebe, die alle nicktungarischen ReichStheile vertrete. Ungarn müsse solche Conscquenzen des Dualismus vernieiden, welche„der Machtstellung des Reiches gefährlich wä« ren." Allein, wenn man von solchen Versicherungen absieht und vielmehr die im Lande überhaupt herrschendeStimmung betrachtet, so kann kauin mehr ein Zweifel obwalten, daß der Hintergedanke der ganzen Bewegung auf eine vollständige Unga- risirug Oesterreichs hinausläuft. Das nächste Ziel hierbei besteht darin. Ungarn einstweilen wenigstens in der östlichen „Rcichshälfte" zu unbedingter Geltung zu bringen. Die Regierung in Wien thut ihr Mög- lickstes, diesem Wunswe entgegenzukommen; aber sie hat dabei allerdings eine» barten Stand; nicht bloß die Herren in Wien, sondern auch die Land- läge von Siebenbürgen und Croatien haben hierbei ein Wort mitzusprechen. Die Schwierigkeiten von Siebenbürgen her werden zwar jedenfalls über- wunden und Siebenbürgen wird wieder in den alten staatsrechtlichen Verband mit Ungarn hinein- gezwängt werden. Dafür birgt nick! bloß das den Magyaren ohnedieß schon so günstige Wahlgesetz, sondern auch die Ernennung von 189 Regalisten, d. h. von Abgeordnete» zum Klaui'enburger Land- lag, welche durch königliches Decrel dazu ernannt, al:o nicht gewählt werten, und die tießnial zum größten Theil nickt den Sacksen und den Romanen, � werden kann, und, hoffend aus das Königreich Italien sondern wiedcruni dem ungarischen Adel entnonimen> blickend, von der ganzen österreichischen worden sind. Unter diesen Umständen hat sich denn � Wirthschaft überhaupt nichts wissen will; auch der Ausschuß der eben versammelte» sächsischen nickt zu gedenken ferner des UmstandeS, daß der NationS-Universität zu Hermannstadt, d. h. der engeren ständischen Vertretung der Sachsen, dahin bereit erklärt, ungeachtet der principiell erhobenen Bedenken gegen den Klausenburger Landtag, auf demselben doch die Union niit Ungarn zu bcrathen, und die Nations-Universität selbst wird diesen An- trag sehr wahrscheinlich genehmigen. Allerdings hat der Ausschuß der Nations-Universität dabei die Bedingung gestellt,„daß die Erhaltung der Einheit und Machtstellung des Kaiserreichs trotz der zu beschließenden Union erhalten bleibe", und die Regierung rechnet auch darauf, daß sie an den sieben- bürgiichen Sacksen und Romanen demnächst auf dem ungarischen Landlage den Kern einer Opposition gegen oie„ausschweifenden dualistischen Pläne" der Ma- gyarcn haben werde; da eS jedoch den Ma- gyare» höchlichst ernst ist mit ihren Forderungen, so werden ihrem geschlossenen Austreten die Sachsen und Zusammenbruch der innerlich durch und durch zer- rütteten Finan zwirthsckaft auf die Länge nickt aufzuhalten sein kann. Wenn wir uns nun schließlich fragen, ob wir die steigende Consusion und insbesondere die immer kräftiger und gewichtiger auftretenden Bestrebungen zur Ungarisirung Oesterreichs mit Bedauern oder mit Freude aufzunehmen haben, so ist die Antwort eine sehr einfache: Alles, was zur Unterwühlung und Zer» setzung der bisherige» Verhältnisse bei» trägt, muß zuletzt der Partei der Zukunft, der europäischen Arbeiterpartei zu Gute kommen.— Deutschland. * Berlin, 8. Nov.(Zur Drohnotenge- werven iprem gc,w.°nenen-.Uscreien vre«-ckien»nv f d,id)te-] üffrd bekannt, daß. wie die».ecklenburgisch-, Romanen gew.ß k-u» Hmdera.v m-den Weg legen. � � auch die hannoversche Regierung siir B.el weniger wahrsche,nl.ch.st eS dagegen, dag fick �t befunden hat. ihre lebhafte Befriedigung üb-r auch die Croaten>v.eder dazu verstehen werden den! � �oten an 6en frankfurter Senat a..S,ud?llck-n- Forderungen der Magyaren entsprechend,'hr Land N�lich! Sind ja alle aus Einem Holze! abermals zu e.nem bloßen Anhängsel von Ungarn � sZun-hme der.. Maje st ä.s b el-id igu»' herabzusetzen, mit andern Worten, daß sie auch �i," in Preußen.] Die Untersuchungen wege» .Hrerse.ts.n d.e alte staatsrechtliche Vere.n.gung��j � KSnigS oder eines Mitgliedes res mit Ungarn willigen. Aus dem croat.sche.. Land- königlichen Hauses b-li-fen sich im Jahre 1861 auf tage fehlen der Regierung d,e Regal, sten d.�� 3'1862 �rden 81 Fälle anhängig! Ud,f Instrument, um einen w-d-r,penst.gen Land- m im vergangenen Jahre 177. tag gefügig zu"'achen. und d.e magyar.schei._ �us den Herzogthümernj, Altona, B,r,lst.mmen bilden dafür keineswegs emen Ersatz. 7. Nov. berichtet man, daß, wie die..Schleswig' An guten. Willen, den Magyaren.n«gram Zur H�steinifcke Ztg." meldet, die Kirchspiele Nordel- Durchführung ihrer Plane verhelfen, fehlt es �dors, Süder-Meldors-Marsch und Sllder-Mel' zwar der Regierung n.cht; d.e Entlassung des croa- � vorf-Geest beschlossen haben, bei den. LandeSvor- tischen Hotkanzlers Mazuramc, des letzten Anhan- stxher-Cellegium von Süder-Dithmarschen zu bean- gers der Februarversassung.m Ministerium und. dasselbe möge sich mit de.» Ge-suck»m d.e Ersetzung desselben durch FML. Kusseo.c bewe.- zx�berufung der Ständeversammlung [tn iüL@ena0e- t,e eru a,en �b-n den Statthalter winden. die Mißhandlungen welche sie von seher turck die. fGeg.n den Abgeordneten Twesten] ist Ungarn zu erleiden hatten, zu fest lm Gedachtnlst, bekanntlich wegen seiner Theilnahme an den Beschlllsstll und der ganze Stolz dieses rohen aber kräftigen des Abgeordneieniages vom 21. December 1863 in der Volksstammes bäumt sich auf gegen die Rückkehr schleswig-holsteinsche» Sache eine DiSeipliiiar-Untersuchunz unter das alte Joch. Die Beschlüsse der Landtage-iiigeleitet worden. Das Kammergericht hat im October von 1848, von 1850 und 1861, welche da«„Los i»- 3«if Freisprechung erkannt, weil in jenen B-schlllss->> von Ungar»!" aussprechen, lassen sich nicht einfach! s-n Sntg-ge.Ur..-.l gegen Mahregeln der Regier, ,ng n.-d- .....'' liege. Die Staaisamvaltschaft bat gegen dies ErkenntMv wegwischen; und der Führer der C oaten B.,ch°s �»�irt»nd da« k. Ob-nribun-l ha.-m 6. d.M. in Stroßmayer, gilt wenigstens bis jetzt alS� der ent- dieser Sache verhandelt. Es ist, wie ma» verniminl- Ickledene Gegner der magyarische» Ansprüche. So ans einen Berweis gegen Herr» Twesteii erkaniil gährt eS überall, bevor»och die Landtage versam- worden. nieli sind, wild durckelnander.* Müilelen, 7. Nov. sMinisterkrisis.I Wen» man sich nun ein vollständiges Bild von Die Gerückte von Veränderungen int Ministerium der großen und allgemeinen im Habsbnrgerstaale tauchen neuerdings und mir größerer Bestimmtheil herrschende» Consusion machen will, so bedenke man, auf. Die officielle„Bayer. Ztg." meldet, daß der daß ähnliche Verhältnisse, wie die eben geichilderten, Minister deS Innern, Herr v. Neumayer,»w in fast allen einzelnen Ländern der Monarchie be- Enthebung vom Amte gebeten, der König aber nock stehen, nicht zu gedenken der Thatsacke, daß Venedig! nicht entschieden hat. Ebenso wird versichert, rast überhaupt nur durch Waffengewalt festgehalten. der Kriegsminister, General Lutz, um EntlassnUli E«« In war e»: vom Ba fern her Die Banquie sahen eil ein offei den Kro In — #) 5 klnzekomnien sei, weil er bezüglich einer von ihm bealisichiigien Reform der Militärjustiz auf unüber- windliwe Hindernisse gestosten. Trotz der Begeiste- runfl red junqen Königs für Schillers„Tell" steht bekanntlich das liberale Regiment in Bayern nicht aus sehr festen Füßen. Ausland. Paris, 6. Nov. Tagesberichts Der Fi» a n zm in i st er Fo uld ist plötzlich wieder einmal der Hdb des Tagesgesprächs geworden; auf wie lange, ist freilich eine andere Frage. Das Schau- spiel, das sich jetzt begibt, hat schon öfter gespielt, doch noch niemals ernste Folgen gehabt: man be- kennt, daß inan immer tiefer in Schulden geräth, minier weiter bergab von der regelmäßigen Amor- tisirung kommt; man gibt Hoffnungen und erregt Vertrauen, um schließlich die Armee zu behalten, wie sie ist, nach wie vor Kanonen und Panzer- schiffe zu fabricircn, neue Experiniente zu machen, neue Expeditionen iu ferne Länder einzufädeln, um sse zuletzt kläglich auslaufe» zu sehen.— Der Mouiteur zählt mit sichtlicher Befrievigung die eilf Staaten auf, welche sich auf den französischen Vor- schlag einer orientali scheu Saniläts-Com- Mission zustimmend geäußert haben. Wie man jetzt hört, hat sich die von der türkischen Regierung ernannte Special- Coniniission, welche sich nach Mekka und Medina begeben sollte, bereits in Suez auf einer Dampffregalte der ägyptischen Marine eingeschifft, um zunächst nach Djcddah zu reisen. Diese Coniniission bat den Austrag, in den beiden heiligen Städten eine vorläufige Untersuchung über die Ursachen der Epibcmieen, welche dort entsprun- gen, und über die Mittel, denselben in Zukunft vor- zubauen, an Ort und Stelle zu veranlassen. Mit demselben Tanipfer schifft sich zugleich ein Bataillon ägyptischer Scharfschützen nach Arabien ein, welche der Vicekönig von Aegypten, nach Uebereinkunft mit der Pforte, dein Groß-Scheris von Mekka als Verstärkung zusendet. Der letztere soll nämlich Anfangs December einen neuen Fcldzug gegen Acyr unternehmen, dessen Banden in diesem Augenblicke die ganze Küste von Hedjaz durch ihre Raubzüge unsicher niachen. Ueber den Vicekönig von Aegypten circulirt übrigens hier eine Anekdote. Trotz der Ausbrüche von Rohheit, denen er sich zuweilen überläßt und in denen er Niemanden schont, lhut � er sich auf seine religiöse Toleranz nicht selten gar viel zu Gute. Eines Tages traf er einen Araber, der in den Straßen Kairo's einen ärmlich geklei- deren Kopten schrecklich durchprügelte.„Warum lhust du das?" fragte der Vicekönig„Ach, es ist ja nur ein Christ," lautete die Antwort.„Nun, sage mir, ist nickt Mohammed dein Prophet?" fragte er weiter.„Ja, Herr! Gelobt sei sein Name!" „Aber Jesus, wer ist er?"„Auch er ist ein großer Prophet!"„Und du schämst dich nickt, du der du zwei Propheten hast, einen Armseligen zu mißhan- deln, der deren nur einen besitzt?"— Die japa- nische Gesandtschast bereist noch immer Frank- i reich. In diesen Tagen wirb sie zum Besuche der westlichen Häfen abgehen. Sie beabsichtigt, sich darauf nach Angouleme zu begeben, um dort die Tapeten-Fabrication genauer in Augenschein zu nehmen und dann über Poitiers, Tours und Or- leans nach Paris zurückzukehren.— Prinz Lncian scheint die Well wieder einmal an sein � Dasein erinnern z» wollen. In Neapel haben sich nämlich wieder einige Dutzend Muratisten zusam- meutrommelu lassen und eine Adresse an den Priu- zen unterschrieben. Es scheint jedoch, daß diese Kundgebung sehr kläglich in's Wasser gefallen ist.— Die neuen Dekrete des mexikanischen Kai- sers gegen die Rcpnblikaner sind in derThat bar- barisch. Wie bereits kurz erwähnt, sollen die Jua- risten nicht mehr als Kriegsgefangene, sondern als „Rebellen" behandelt und erschossen werden. Ebenso alle, die sie„unterstützen". Auch denen welche„Jnsur- genlen" verbergen, ja selbst Solchen die ihren Auf- enthalt nickt anzeigen, ist mit strengen Strafen gedroht. Werden die französischen Truppen sich als Vollzieher dieser Blutbefehle gebrauchen lassen? Und denkt man in Mexiko nicht daran, wie bald diese Blutbefehle von den Republikanern gegen die Kaiserlichen angewendet werden können? London, 7. Nov. sDer Kaper„Shenan- doab"j lief gestern in den Hafen von Liverpool ein und ergab sich den dortigen Behörden. Man glaubt, daß er an die Vereinigten Staaten aus- geliefert werden wird. * Italien sWahlergebniß. Zur Räu- i berwirthschaft. Merodes Als eine annähernde Statistik der Parteien in der nächsten Session können folgende Taten gelten: Rechte(bestehend - aus den Resten der alten Majorität in der Stärke � von 120 Stimmen, den Unabhängigen und den i Rattazianern) 160; linkes Centruin mit de» Resten des Tiers-Parti 30; Unabhängige, meist neu ge- wählt, 60; constilutionelle Linke 110; Aclions- männer 23; Piemontcsen 40, Clericale und Se- j cessionisten lö. Einige Modisicatienen wird diese Liste natürlich durch die uock bevorstehenden Nack- � wählen erleiden.— Wie groß das Ränbernnwesen noch fortwährend ist. beweist, was man aus Neapel berichtet: Hier macht die Entführung des jun- gen Wenuer, Sohn eines reichen schweizer Fa- brikanten, der bei Salerno eine große Fabrik hat, Aussehen; derselbe wurde kaum einen Büchsenschuß vor der Fabrik seines Vaters bei Salerno geraubt. ' Der Unglückliche hat geschrieben. Das Scheusal Manzo hat Herrn Wenner höhnisch sagen lassen, wenn man Geld genug habe, um sich ein so schönes Landhaus zu bauen, so könne man wohl 100,000 i Ducati(425,000 Lire) zahlen, um den Sohn wie- der zu bekommen. Zwei Geldsendungen sind an den Menschcnräuber bereits abgegangen, sie wurden aber nicht zureichend befunden. Der Entführten sind fünf, darunter der Lehrer res jungen Wenner, serner der Zeichner der Wenner'schen Fabrik, ein Commis des Geschäftes und ein Aufseher.— Der Tagesbesehl mit welchem Msgr. d e Merode von den päpstlichen Truppen Abschied nininit, ist zur Freude seines Anhangs' von bilterm Beige- schmack, oder was sonst an Kränkung erinnern könnte, so frei, daß ihn alle als„ein schönes Zeug- niß echt katholischer Ergebung" preisen. Der Prä- lat hat sich trotz seiner entschlebenen Verdienste ge- demüthigl, hat sich im Bewußtsein seiner Verdienste selbst überwunden— es war vielleicht kein leichter Sieg. Er versichert sogar— der Papst habe ihm eine neue Wohlthat gewährt, indem er ihn seiner Amtspflichten entband. Msgr. de Merode geht aus drei Monate nach Belgien, wird auf kurze Zeit Almoseuier Sr. Heiligkeit, daraus Car- dinal. Es ist noch benierkenSwertb, daß man sich vor seinem Rücktritt viel Mühe gab, das bisherige Ministerium rein klerikal zu erhallen. Dock es fand sich kein passender Prälat, und man mußte sich entschließen, einen Laien eintreten zu lassen. Die Wahl siel dann aus einen obscuren römischen Principe, der aber aufrichtiger war, als man viel- leicht gehofft halte: er nahm daS Portefeuille nicht an, weil er von der Sache zu wenig verstehe. Feuilleton. Aus Lucinde oder Kapital und Arbeit. (Roman in 4 Bänden von I. B. v. Schweitzer. Band II.. Kapitel 21. Weltgeschichtliche Äugenblickr. (Fortsetzung.) M Mit beller, kecker Stimme sagte die schöne Tänzerin freundlich guten Abend, blieb lächelnd an der Thüre stehen und sah sich musternd in dem Kreise der anwesenden Staatsmänner um. Vergeblich suchte der Professor in ihrem Antlitz nach den Spuren der erwarteten Ver- legenheit. Aus einmal haftete der Blick Ella Elly's auf dem dicken Bär— dieser nahm eine würdige Miene an und betrachtete, al« ob er den Blick der Tänzerin nicht be- merke, aufmerksam ein vor ihm stehende« Wasserglas. Da ist ja auch der kleine Bär! begann jetzt die kecke Tänzerin. Wie geht's, Mäuschen?> Der kleine Bär gab ein Gegrunze sittlicher Eni- rüstung von sich. Die anwesenden Staatsmänner sahen mit Stau- nen einander an und murmelten einige unverständliche Worte. Die Tänzerin ging jetzt zum Professor hin, beugte sich über den Sessel und sagte mit einschmeichelnder Stimme: Wie gehl'« Prosesserchen? Immer munter? Waruni ge- rathen Sie denn so in Verlegenheit, Prosesserchen? Vnüo retro virago! stöhnte der Angeredete, indem er sich in seinem Sessel zusammenkauerte. Die Verwunderung der anwesenden Staatsmänner stieg von Minute zu Minute. Jetzt erblickte die Tänzerin den kleinen Willig, der Noch immer aus dem Sopha tag; sie machte eben Miene, auch ihm etwa« zu sagen, als dieser mit Blitzesschnelle in die Luft suhr, sich daselbst halb um seine Axe drehte und dann in umgekehrter Lage wieder aus dem Sopha an- langte. Die Folge dieser Bewegung war, daß er jetzt der Tänzerin und der Gesellschaft den Rücken nebst Zu- behör zukehrte— ein Umstand, welcher die Tänzerin zu einstweiligem Schweigen veranlaßte. Jtzinger war inzwischen hart an sie herangetreten und flüsterte ihr ins Ohr: Du wirst einsehen, Ella, daß Du uns sofort zu verlasse» Haft. Die schöne Tänzerin schaute ihrem angebeteten Freunde mit großen Augen in'« Gesicht und flüsterte: Sei still, Herman, sonst nenn' ich Dich Isaak. Der Banquier warf seiner angebeteten Freundin ei- nen wüthenden Blick zu und schwieg. Geniren Sie Sich nicht, meine Herreu, begann jetzt die Tänzerin in liebenswürdigem Ton— thun Sie, wie wenn ich nicht da wäre— essen wir bald, Goldfisch? Der Scandal wird immer ärger— flüsterte der Dr. Groß dem Dr. Kurz zu. Mein Fräulein! begann jetzt leise, aber bestimmt, der Dr. Fisch, der hart an die Tänzerin herangetreten war i— Sie müssen, so angenehm mir Ihre Gegenwart auch wäre, dieses Zimmer sofort verlassen. Sie begreifen, daß wenn würdige Männer--- Die Tänzerin lachte laut auf und drehte sich wie ein Kreisel tanzend vor dem Doktor herum. Dieser Scandal ist unter aller Würde— flüsterte der Dr. Kurz dem Dr. Groß zu. Wird denn Niemand diesem borrori ein Ende machen? mnrmelle ver Professor, indem er den dicken Banquier an seiner Seile, dessen Vcrbältniß zur Tänzerin ihm bekannt war, fragend ansah. Für einen Mann von Ihrer Autorität, Herr Bär,———— Sie haben Recht! Ich werd' mir legen inS Mittel! fiel dieser geschmeichelt ein. Hab' ich doch Antheil an die Tänzerin, zahl' ick doch monatlich fünf und zwanzig Thaler— warum soll ich mir nicht legen in'« Mittel? Sie sind ei» weiser Mann— bemerkte der Professor beifällig— aber machen Sie die Sache mit Anstand und Würde. Mit Anstand und Würde! Sie sollen sich wundern Professor! antwortete der dicke Bär, erhob sich und ging aus seinen neuen Hut zu. Die schöne Tänzerin drehte sich noch immer wie ein Kreisel im Zimmer herum. Dieser Scandal wird zusehends ärger— flüsterte der Dr. Groß dem Dr. Kurz zu. Der dicke Banquier hatte sich inzwischen in impo- nirende Positur gesetzt; er trat jetzt entschlossen aus die Tänzerin zu, packte sie am Arm und brachte sie zum Stehen. Verwundert blickte sie ihn an. Mein Fräulein! begann jetzt mit Würde, seinen Hut in der vorgestreckten Hand haltend, der dicke Banquier— Mein Fräulein! Ich werde haben das Vergnügen, Sie zu bringen sofort nach Hau«. Da streckte die schöne Tänzerin, graziös ihr Kleid in die Höhe hebend, den eine» Fuß an«, als wolle sie von Neuem zu tanzen beginnen und rief: Willst Du mit mir tanzen, kleiner Bär? Der kleine Bär ist eigentlich ein bekannte« Stern- bild der nördlichen Hemisphäre, murmelte unwillig der Professor. Die Blicke der anwesenden Staatsmänner ruhten un- terdessen insgesammt aus dem enthüllten schönen Fuß nebst Zubehör. UebrigenS verfehlte dieser Anblick heute seine Wirkung auf den dicken Banquier; denn er wiederholte, näher lre- tend, mit gehobener Stimme: Mein Fränlein! Ich habe bereits meinen Hut in der Hand. Allein rascher, als der dicke Banquier mit dem Blicke zn folgen vermochte, war der Hut in der Hand Ella'» und flog blitzschnell zum offenen Fenster auf die Straße hinaus—-- Gott der Gerechte! Gott der Allweise! schrie der dicke Bankier außer sich und stürzte ans Fenster. Mein Hut! Sie hat sich vergriffen an mein' Hut! Ich zieh'S ihr ab von ihrem monatlichen Salairl Erstaunt blieben die Leute auf der Straße stehen— ein Gaffenjunge setzte den Hut aus und lies davon. Packen Sie ihn!— schrie der dicke Banquier zum Fenster hinaus— Packen Sie ihn oder ich hail' mir an ihr Monatliche»! Dieser Scandal fängt an scandalöS zu werde»! flüsterte der Dr. Kurz dem Dr. Groß zu, während der Professor entrüstet dasaß. Jtzinger, der inzwischen an einen Pult geeilt war und au« demselben schleunigst etwa« herausgeholt hatte, nahm