Nr. 192. Berlin, Freitag den 10. November 18«S. Social-Demokrat. Di.,. �glich Organ des Allgemeinen deutschen Arkiter-Vercins. d» Sonn- und Festtage. Redigirt von Z. V. v. Hosstetto» und J. B. v. Schweitzer. Dre«dnerstraßc Nr. 85. Abonnement?-Preis sttr Berlin incl. Bringerlohn: vierteljährlich 18 Sgr., ino- natlich 6 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.: bei den Königl. preußiichen Post- ämiern 22>/2 Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichlpreußischen Deursch- land l8t>/e Sgr., im übrigen Deutschland 1 Thlr.(fl. I. 45. slltd., st. 1. 50. Lsterr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärt« auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Eompagnie, Scharrenstr. l, so«« auch unentgeltlich von jedem„rolhen Dienstmann" entgegen genommen. Znscrarc(in der Expedition auszugeben) werden pro dreigtspaltene Petit-Zeile bei Arbeiter-Annoncen mit l Sgr., bei sonstigen Aniioncen mir'6 sgr.«erechnet. Agentur für England, die Eolonieen und die überseeischen Länder: btr. Loncker, 8. l-ittle Kew-Port-Street, Leicester-Square W. C. London. Agentur für Franlreich: G. A. Alexandre, Strassbourg, 5. Rue Brulee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andrd-des-Arts. Bestellungen für das vierte Quartal wer- den fortwährend(auswärts auf den Post- ämtern) angenommen. politischer Theil. Verlin, 9. November. Eine nicht uninteressante Streitfrage in Betreff des National-Bereins ist zwischen dem preußischen Fortschritilerthnm einerseits und den preußischen Regierungskreisen anderciseilS zur Verhandlung gekoiumcn. Da wir den beiden strei- tenden Theilen gleichmäßig fern stehen, so könne» wir sehr wohl in dieser Sache ein unpariheiisches Urtheil abgeben. Die Streitfrage ist diese: ob der National« Verein dadurch, daß er Preußen auf liberalem Wege an die Spitze Deutschlands bringen will und in diesem Sinne thätig ist, der preußischen Regierung im Ganzen mehr nützt oder schadet. In fortschrittlichen Kreisen, insbesondere in der National-Zeitung, war nämlid, jüngst die Auf» fassung hervorgetreten, es sei erstaunlich, daß die preußische Regierung gegen den National-Verein Schritte zu beabsichtigen scheine. Denn wenn der- selbe auch in sofern sich in Opposition zur jetzigen preußischen Regierung setze, als er„entschieden" eine liberale RegiernngSweise verlange, so sei doch ans der anderen Seite unverkennbar, daß seine Wirk- samkeit in Deutschland dem Staate Preußen zu gute kommen müsse. Sein bleibendes Streben jause ja darauf hinaus, Preußen den erste» Rang und die entscheidende Macht in Deutschland zu verschaffen, und es sei daher unerklärlich, wie irgend eine preußische Regierung, welches auch sonst ihr Verhältniß zu diesem Verein sein möge, in Deutsch- land gegen denselben auftreten könne. Hiergegen erhebt sich nun die neueste, heut aus- gegebene„Provinzial- Correspondenz". in- dein sie, was die Fortschrittsblätter„bittend und warnend" vorbringen, wie folgt zurückweist: E« mag dahin gestellt bleiben, inwieweit e« bei den beabsichtigren Maßregeln auf den Nationalverein über- Haupt abgesehen ist. Aber, wie viel oder wie wenig die preußische Negiernng gegen denselben vorhaben möge, — die obigen Mahniingen werden sicherlich nicht geeig- '-sii, einen Einfluß auf ihre Entschließungen zu üben. Fiele des Nationalvereins sind niemals die �ens gewesen: die Führung Deutschlands, wie -ionalverein versteht, hat Preußen jeder abgewiesen, weil dabei der Untergang ie Voraussetzung ist. lalverei» will allerdings einen deutschen Preußen an der Spitze, aber nur auf - einer rein demolratischen deut- »fassung. Wenn Preußen ans diese » sogenannte Führung Deutschlands so müßte es zuvörderst die Grund- isherigen Machtstellung, vor Allem m und alle die Eiiirilblunze», auf . welchen die glorreiche Entwickelung unseres Landes be« ruht, unter den Willen eines deutschen Reichsparlaments ' beugen, in welchem aller Neid und alle Eifersucht gegen Preußen sich mit den revolutionären Leidenschaften in ! ganz Deutschland vereinigen würden, um der sogenannten „preußischen Spitze" jede wirtliche„Führung" unmöglich z» machen. Die Idee des Nationalvereins kann nur in Erjüllniig gehen, wen» das preußische Königthum sich der demokratischen Volkssouvcränetät unterwirst. Preußen � müßte erst aushören, Preußen zu sein. Jenem unwürdigeu Ziele aber entspricht auch die � Art und Weise, wie der Nationalverein Preußen jeder Zeit behandelt hat. Wäre eS demselben Ernst damit, Preußen an die Spitze Deutschlands zu bringen, so könnte sein Bestreben nicht daraus gerichtet sein, Preußen fort und fort durch Schmähung und Verläumdung her- abzuziehen, wie e» in Wahrheit geschieht. Seit Jahren sind alle Schritte der preußischen Politik in den Be- schlüsien des Nationalverein« ans die gehässigste Weise mißdeutet, geschmäht und verlästert worden. Davon giebt jeder Blick auf die Knndgebungeu des sttalional- verein« Zeugniß. In einem von dem Ausschuß des Vereins erlassenen Rundschreiben heißt es sogar:„Wenn Diejenigen, die jetzt an der Spitze de« preußischen Staates am Ruin der preußischen Staatsmacht arbeiten, vollends nach der Leitung Deutschlands greifen wollten, so wür- den sie in der ersten Reihe der Kämpfer gegen eine solche Vermesienbeit, dem Nationalverein begegnen." Da« ist die Art, wie der Nationalverein seine Liebe zu Preußen seit Jahren stets auss stleue bekundet, die Art, wie er Preußen zur Führung Deutschlands empsoh- len bat. Es wäre denn doch eine gar zu große Demuth und zugleich eine seltsame Verirrnng, wenn die preußische Re- gierung ihre Hoffnungen ans solche Gunst und Freund- schast setzen wollte. Glücklicher Weise haben die Hofsnnngen Preußen« andere und bessere Grundlagen,»nd gerade die jetzige Regierung hat dieselbe» neu belebt, indem sie auf den rechten Grund derselben, aus die Schwerkraft des eigenen Staate« und auf die Wiederbelebung de« Bewußtseins derselben zurückgegangen ist. Sollte es der preußischen Politik dabei vergönnt sein, wie sich die Demokraten geringschätzig ausdrücken,„eine Vergrößerung de» preußischen Staatsgebiets durch ein paar Herzogthümer zu gewinnen", so würde sich die Regierung durch Rücksichten aus die höchst bedenk- liche Freundschaft des Nationalvereins gewiß nicht davon abhalten lasten. In Wahrheit jedoch haben die Eni- schjießungen in Bezug auf den Nationalverein und da« Vereinswesen, wohin dieselben auch gerichtet sein mögen, mit den Aussichten und Wünschen Preußen« in Belrest Schleswig-Holsteins nicht das Mindeste zu thun. Wir müsten gestehe», daß uns die Ausführuu- gen der„Prov.-Eorr." verwunderlich vorkommen, daß wir der Fortschrittsprcste ganz recht geben müssen, wen» sie meint, der National- Verein sei ein ganz trefflicher Kämpe für daö fpecisische Preußen- thuin, und daß wir eck daher allerdings erklärlich finden würden, daß wenn die preußische Regierung dem National-Verein ernstlich aus den Leib rückte, Viele sich hierüber wunder» würden. Und zwar aus folgendem Grunde: Die preußische Regierung wirb einmal die Oppo- silion der liberalen Bourgeoisie, sie mag machen was sie will, nun und nimmermehr los— mit oder ohne stialional-Verein!— denn diese Opposition liegt niit innerer Äkothwendigkeit in den Verhält- mssen. Nur mit der Bourgeoisie selbst könnte eine aus dem innerste» Wesen der Bourgeoisie entspru»- gene Opposilion vom Erdboden verschwinden. Ohne Zweifel ist die Opposition der preußischen Bour- geoisie von einer erbärmlichen Schwäche und KlZin- lichkeit— fortdauern aber muß und wird dieselbe nichlsdestoweniger unter allen Umständen. Der stiational Verein aber ist innerhalb dieser Opposilion gerade dasjenige Element, welches nach außen zu Gunsten des preußischen Partikularismu? wirkt. Es kommt weniger darauf an, was der Natio- nal-Verein schließlich möchte oder nicht möchte, son- der» vielmehr darauf, ob er nicht, er mag wollen oder nicht, zu Gunsten deS speeisischen Preußenlhums und somit der preußischen Regierung arbeilet. So lange nemlich die Regierung in Preußen die Ausbreitung deS preußischen ParticulariSinns nach außen lediglich der liberalen Bourgeoisie überließ, mußle sie im Nachtheil sein; von dem Augenblick aber, wo sie selbst denselben nach außen vorkehrte und wirksam machte, war sie im Vortbeil. Denn der preußische ParticularismuS ist etwas, was in den bestehenden Verhältnissen wurzelt; der� selbe muß also nothwendig, wenn man ihn über- Haupt zu benutzen versteht, am Besten von dem' jenigcn Elemente zu handhabe» fein, welches der oberste Ausdruck der bestehenden Verhältnisse in «Preußen ist: der Regierungsgewalt. Daraus folgt aber weiter, daß wenn ändert Elemente zu Gunsten dieses Particularismus thätig sind, dies zuletzt, trotz aller gegentheiligen Phrasen, gerade ihr zu Gute kommen muß. Die„deutsche Fortschrittspartei" in Preußen ist weder preußisch noch deutsch, hat von jedem nur ein Stückchen und ermangelt daher jeder selbstständig entscheidenden inneren Kraft. Wenn man sie nun aber regierungsseitig gerade in dem preußischen Stückchen beschneiden will, in demjenigen, worin sie zu Gunsten des prenßi' scheu Particularismus arbeitet, dürfte dies aller- dings bei Vielen Verwunderung erregen. Aber es kommt da eben eine kleine Kleinigkesi — eine gar merkwürdige und wichtige— hinzu: daß eS nemlich im Wesen der Fürstenpolitik liegt, dal? sie ihre Werkzeuge, selbst wenn sie noch so unter- thanig, treu und nützlich sind, doch in dem Auge«' blicke, wo sie auch nur in irgend einem Punkte irgendwie ein wenig selbstständig sein wollen unbequem werten, schonungslos in die Rümpel' kaminer wirft. Darum wundere man sich nicht allzusehr übek die Fußtritte, welche dem National-Verein von preußischen Regierung, und nicht allzusehr üb� diejenigen, welche den Triäslern von den mitlel' staatliche» Regierungen etwa demnächst versetz' werden.— Deutsehland. � Verlin, 9. Novbr. �Zur Wirksamkeit Bismarcks in Paris�s suckil man neuestens von da der„Köln. Ztg." einige Aufklärung geben. Der Korrespondent meint, viel WelterschiitlerndeS sei nicht;ii Stande gekommen, übrigens werde sich die srantvsische Regierung„in rein deutsche Ange- legenheiten nicht einmischen" u. dergl. mehr. Dann heißt eS: Daß über die Nalionalitälssrage NordschleSwigS spe- cielle Unterredungen zwischen de» beide» Ministern der answärligen Angelegenheiten gepflogen worden, darf man mit um so größerem Fug annehmen, als schon einige Zeit vor der französischen Reise des preußischen Premiers, als Porläuser gleichsam, gewisse Winke»ach dieser Rich- tung hin gegeben worden sein sollen, die wohl im Stande gewesen wären, bezügliche Auknllpsiingspunkte darzubieten sür den Fall, daß man es angemessen finden sollte, sie als dergleichen zu benutzen.— Frankreich, man gibt dies jetzt allseitig zu, hat keine materiellen Interessen in den nordalbingischen Herzoglhümern zu wahren, aber die traditionelle Freundschast für das dänische Boll geht weil genug in den Augen der sranzöstschen Regierung bei der definilen Ordnung der Herzogthümer-Frage, eine röparation(Ersatz) zu Gunsten Dänemarks wünschen?- Werth erscbeine» zu lassen, um so mehr, als Napoleon III. wohl selbst gern Gelegenheit nähme, darznthun, wie we< »ig er es vergessen, daß Dänemark seiner treuen An- hänglichkeit an Napoleon I den Verlust seiner Flotte und ganz Norwegens zuzuschreiben hatte.— Hieraus dürste sich nun leicht schließen lassen, daß, wenn Herr V. Bismarck seiue Geneigtheit zu erkenne» gegeben, aus die Wünsche Frankreichs und seine Principien in der angedeuteten Richtung einzugehe», auch die französische Regierung ihrerseits darin eher einen Beweggrund finden könnte, fich den Principien zu accommodiren, als deren Vertreter fich die auswärtige Politik de« gegenwäriigen preußischen Minister-Präsidenlen hingestellt hat.— Hierin möchte möglicher Weise der Sedwerpunkl der gegenwär- tigen Situation und der Erfolg oder Nichtersolg des Grasen Bismarck zu suche» sein. Das hieße also mit kurzen Worten: der fran- jösische Despot hätte gegen die Annexion der Her- zogthümer an Preußen, oder vielmehr gegen die Besitzergreisung derselbe» durch den König von Preu- ßen,»lchts einzuwenden, wenn Nordschleswig an Dänemark zurückgegeben würde. In wie weit diese Dinge begründet sind, läßt sich eben nicht sagen. Nur so viel steht fest und ist für jeden ersichtlich, baß, so oft mittelstaatliche Minister sich der fran- zvsischen Regierung näherten, die liberale preußische Presse mit Recht Lärm schlug, während man den Aufenthalt des Grasen v. Bismarck in Frankreich ganz i» der Ordnung zu finden scheint; woraus nachträglich erhellt, das jenes Lärmschlagen nicht aus deutschem Patriotisnius, sondern aus preußi- schein ParticnlariSmus hervorging. —[Zum mittelstaallichen Antrag in der Herzogthümerfragej schreibt die neueste „Prov. Corr.": ÄeinensallS wird da« erneuerte Vorgehen der er- wähnten Mittelstaaten einen größeren Einfluß aus die Eniwickelung der Schleswig-Holsteinschen Sache üben, als frühere ähnliche Versuche. Die Lösung derselben be- ruht mehr als je lediglich auf dem bundeSfreundlichen Einvernehmen zwischen Preußen und Oesterreichs * 3Vien, 6. Nov. jZur Lage. Die Th- roler„Giaubeu sein heil". Verbot, j Die amiliche„Abendpost" ist höchlichst erbost über das natürliche Wort des Italienischen Ministers in seiner Wahlrede� Venedig sei nur noch Finanz- frage und das Blatt beweist allen denen, welche „ewig die Verständigung mit Italien predigen," jenseits der Alpen verstehe man darunter nichts An- dereS, als die unlerthänigste Unterwerfung vor dem Cabinet von Florenz, dessen Mitglieder„sich her- ausnehmen können und dürfen, in solcher Weise gegen Oesterreich aufzutreten". Und dabei ist doch nichts natürlicher, als daß man bei einem Staate, der einmal Land verkauft hat, weiteres Land kaufen zu können glaubt. In der schleswig-bolsteinischen Frage, heißt es hierorts, werde man niit leeren Buudeöbeschlüssen und Drohnoten Preußen immer» hin gefällig sein; der Biaßregelung der National- Politiker deutscher und dänischer Farbe in den Her- zogthümern würde man sich auch nicht widersetzen; den Augustenburgcr habe man ebenso fallen lassen, denn man thue Alles, was nichts koste,»m einem Kriege mit Preußen auszuweichen. Aber die Prä- sidialgewalt in Frankfurt werde das Haus HabS- bürg zu bewahren wissen und aus Holstein nickt einen Fuß breit weichen. Was die letztere Dro- hung betrifft, so wird mit wahrem Galgenhumor der Grund angegeben: Unsere Finanzleute fragen, was sie in der gegenwärtigen Lage Oesterreichs mit einer Bettelsumme anfangen würden, was als höchster Preis für Holstein bezahlt werden könnte, welches der bodenlosen Finanzlöcher gestopft, welche der leeren Staatskassen gefüllt, auf welchem Geldmarkt Europa's der verlorene Kredit Oester- reichs hergestellt werden sollte, wenn es sich nur um eine Summe von etwa 10 bis 15 Millionen handelte? Wir brauchen mindestens 300 Millionen, um die Zinse» der Staatsschulden und das Deficit zu decken. Preuß�i sei jetzt, so wird hinzu gefügt, bis dicht an den Schritt gedrängt, der ihm alle Mittel- und Kleinstaaten Deutschlands zum Feinde machen müsse, nämlich zur Verwirklichung seiner Frankfurter Drohungen, und diesen Schritt möge es allein thun. Ob zu diesem Anfalle von Selbst- ständigkeit die Nachrichten über den Erfolg Bis- marck's in Paris Ursache sind, ober ob die freund- schaftliche Annäherung Englands den Muth ent- flammt, das weiß der Himmel. Anck zur VerHand- lung über den Handelsvertrag mit Frankreich werde» nun Borbereitungen getroffen; die Berufung des SectionSrathS Schwarz aus Paris nach Wien bezieht sich hierauf.— In der T y r o l e r Glau- den sein Heils-Frage ist kürzlich eine Entscheidung des StaatSministeriumS erflossen, welche zwar den Wünschen der Majorität des Jnnsbrucker Land- tageS Rechnung trägt, nicht aber den Grundsätzen religiöser Toleranz und Gleichberechtigung, wie sie i in dem Protestanten- Patente vom April 1861 ihren Ausdruck gefunden: den Protestanten von Meran wurde mittelst Erledigung ihres vor drei Jahren eingereichte» Rccurses gegen eine Enlschei- dung der Tyrolischen Stalthailerei, welche ihnen die Bildnng einer eigenen Kirchengemeinde abschlug, nun desiniliv die Constituirung einer solchen unter- sagt.— Das Eckardl'sche„Deutsche Wochen- blatt" ist dahier verboten worden. — 7. Novbr.(Ans Ungarn], Pest, 4. Nov., bringt die„Augsb. Allg. Ztg." eine Correspondenz, in welcher wir unsere gestern ausgesprochene An- ficht in Betreff der Stimmung in Ungarn bestä- tigt finden. Es heißt da- Die Dinge beginnen hier mehr und mehr einen trü- den Verlaus zu nehmen, und von den srliber so nach- drücklich betooten versöhnlichen Vorschlägen Ungarns und einem eigentlichen Ausgleich ist heute nicht mehr die Rede. Ungarn stellt seine entschiedenen For- derungcn in der sicheren Zuversicht, daß dieselben von der westlichen Reichshälftc angenommen werden müssen. Indem wir uns vorbehalten, diesen gegenwärtig mit Deutlichkeit und Schärfe hervortretenden Zustand der Dinge eingebender zu beleuchten, heben wir sür heute nur de».lmstand hervor, daß die diesmal sehr lange ! Dauer der Wahlbewegmig wesentlich dazu beiträgt, radi- calen Anschauungen und extremen Forderungen das lieber- gewicht zn verschassen. Ganz abgesehen von dem im Lauf einer jeden polnischen Bewegung allinählich immer zu- nehmenden Einfluß derjenigen Partei, welche ein Prin- zip conseqnent vertritt, beginnt im vorliegenden Fall die größere Masse durch die unablässigen Agilatio- nen, Wahlversammlungen. Wahlreden und Programme auch zu erschlassen, und wird den rührigen Parteigän- gern zur leichten Beute. Daß diese aber nicht Mittel- Parteien angehören, ist selbstverständlich: So niüssetl diese, die Gemäßigten, denn mehr und mehr Boden verlieren, der von den Radicalen schnell und geschickt in Besitz ge- nommen wird. ES lauten daher die in de» letzten Ta- gen verössentlichten Wahlprogramme rücksichtsloser und entschiedener als die früheren, und mit voller Bestimmt- heit ist vorherznsagen, daß der zusammentretende Reichs- tag schon von Anhcginn an eine sehr radicale Haltung einnebmen wird. Weiter berichtet derselbe Correspondent: Der aus der Petition der Ofener Bürgerschaft an den Kaiser bekannte Wunsch der Bevölkerung Ungarns: den Monarchen einen Theil des Jahres hier regelmäßig residiren zu sehen, scheint seiner Verwirklichung nahe ge- rückt. Wie ungarische Blätter melden, sind Utiterhand« lungen für den Ankauf der in der Nähe von Pest gele- genen, gegenwärtig im Besitz der belgischen Bank befind- lichen Herrschast Gödöllö, zu der ein Schloß und ein prächtiger Park gehört, sür Rechnung des Kaiser? einge- leitet. Was den diesjährigen Aufenthalt des Kaisers be- trisst, so soll derselbe die drei Monate Januar bis März danern und sich durch Veranstaltung glanzvoller Hos- sestlichkeiten auszeichnen. Die Bürgerschaft von Pest beab- sichtigt ebenfalls dem Kaiser einen glänzenden Empfang zu bereiten, und sür den Einzug unter anderm einen prächtigen Triumphbogen errichten zu lassen. Warum auch nicht? Wenn man durchsetzt, was man will, kann man immerhin einige„Triumph- bogen" baue». Dem HauS Habsburg aber werden Feuilleton. Aus Lucinde oder Kapital und Arbeit. Roman in 4 Bänden von I. B. v. Schweitzer. Band II., Kapitel 22.*) Li» Schlankopf. Darbtet ihr. der Löwe schliefe, weil er nicht brüllte? Schiller.(FieSco II. 18.) Kaum war die eilende Gesellschaft auf der Straße angelangt, als der Dr. Lang rief: Aver Herman, wissen Sie auch gewiß, daß der Kamps endgültig entschieden ist? Sie können ganz beruhigt sein! versetzte der Gesragte eifrig. Das Militär ist vollständig geschlagen und hat fich vor die Stadt in die Nähe der Sommerresidenz Zurückgezogen— in diesem Augenblicke verläßt da« letzte Regiment durch das Westende hin die Stadt—— Großer Gottl Was wird au« uns werden? jam» »terie der Professor. Mir ist nicht wohl! Und Ihnen, Professor? rief der kleine Willig, an diesem hinausspringend. Eilen Sie, meine Herreu. eilen Sie, rief Jtzinger *) Es sollen noch zum Abdruck kommen die Kapitel heftig. Bedenken Sie, daß es in entscheidenden Augen- blicken rasch zn handeln gilt. Sie sind ein herrlicher Mann! rief der treffliche Fisch entzückt. Folgen Sie mir durch diese enge Quergasse! rief Jtzinger hitzig und stürzte weiter. Sagen Sie, Herman— rief jetzt der Redacteur, der den Banquier keuchend zu erreichen suchte— berichten wir in nnsern Blättern über den heutigen Abend in Ihrer Wohnung? Jtzinger blieb einen Augenblick stehen und rief dann: Uunölhig! Unnölhig! Lieber Groß! Sie wissen, daß die Gegner Alles ausbeuten.— Und mit verdoppelter Eile stürmte der liberale Banquier weiter. Sagen Sie, lieber Herman?— rief jetzt der Dr. Kurz— wie viele Personen werden in der beabsichtigten provisorischen Regierung sitzen? Fünf— nicht mehr— war die Antwort. Nur fünf, mein lieber Herman? rief der Doctor ent- setzt, indem er die Gesellschaft mit einem Blick überflog und die Personenzahl derselben zu ermitteln suchte. Nur fünf? Ist das Ihr Ernst? Allerdings! Dies ist das Aeußerste. Wir dürfen keine schwerfällige Maschinerie hinstellen. Eilen Sie meine Herren, um's Himmels Willen, eilen Sie! Man meint, Sie hätten keine Füße. Der Banquier stürmte voraus— die Ander» folgten. Nach etwa sünf Minuten hatte man(zwar meist durch nicht ohne zeitweiligen nolhgedrnngeneu Ausenthalt wegen versperrter Passage) den großen Friedrichsplatz erreicht— derselbe begann gerade, sich mit Menschen zu füllen— ans allen Seitenstraßen strömte die Menge herbei— an den meisten Fenstern standen Lichter— einzelne Pechsackeln brannten auf dem Platz. Die Gesellschaft— Jtzinger voraus— brach sich Bahn und gelangte bald an den Thorwez des Stadl- Hauses. Das Thor war verschlossen. Jtzinger klingelte heftig. An dem Fenster nebenan zeigte sich der Portier. Schließe» Sie uns aus! schrie Jtzinger denselben an. Wer sind Sie? fragte dieser. Im Namen des souveränen Volkes— schließ »ns auf! schrie Jtzinger wüthend. Einige Sekunden später össnete sich das � Gesellschaft— der liherale Banquier voran in den Thorweg. Schließen Sie uns den rothen Saal Saal, anfl schrie Jtzinger den Portier Dieser Danton stürzt uns ins B merte der Professor. Der Portier zauberte. Im Namen der Revolution— lauter— schließen Sie»»« auf od Dieser Kerl ist ein Reactionär der Doctor Lang.