XOli» Berlin, Sonntag den 12. November Social�DMolniit. Ti-s-'°slich Organ des Allgemeinen deutschen Ardciter-Vcrdns. ber Sonn- und F-sttage. Redigin von Z. B. v. Hoffl.ttcn und Z. B. v. Schweitzcr. DresdnerstraßeNr. 85. Abonnements-Preis ilir Berlin incl. Bringerlohn: vierieljäbrlich 18 Sgr., mo- nailiid 6 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.! bei den KBnigl. preußischen Postämtern 22'/» Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichipreußischen Deutsch- land 18�/« Sgr., im übrigen Deutschland 1 Thlr.(fl. 1. 45. slldd., fl. 1. 50. österr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärt» auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Üompagnie, Scharrenstr. 1, sowie auch unentgeltlich von jedem„rothen Dieustmaun" entgegen genomnien. AnscreUe(in der Expedition auszugeben) werden pro dreigespaltene Petit-Zeile bei Arbeiter-Annoncen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annonce» mit 3 Sgr. berechnet. Agentur für England, die Eolonieen und die überseeischen Länder: Ur. Bender, 8. Little New-Port-Street, Leicester-Square W. C. London. Agentur für Frankreich: G. A. Alezsndre, Strassbourg, 5. Rue Brnlee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andrd-des-Arts. Bestellungen für das vierte Quartal wer- den fortwährend(auswärts auf den Post- ämtcrn) angenommen. politischer Theil. Berlin, 11. November. Ein orientalisches Mährchen erzählt von zwei Männern, von denen der eine reichlich belohnt, der andere geköpft ward. Ein mächtiger Sultan— so ungefähr erzählt jenes Mährchcn— hatte einen Traum, in dem er � so glauben wir uns der Sache zu erinnern— sich auf grünendem Gefilde sah, wo Alles um ihn her verwelkte und abstarb. Entsetzt fuhr der Sultan aus dem Schlafe auf und alle Traumdeuter seines Reichs mußten vor ihm erscheinen, vor feierlich versammeltem Hofe die Bedeutung des unheimlichen Traumes zu enthüllen. Aber die Zunft der Traumdeuter wußte nicht, was der Traum bedeuten solle; zwei nur von ihnen begehrten Gehör vom erhabenen Sultan und dieser lauschte. Da begann der eine der Traumdcuter zu jam- mern und zu wehklagen und brach endlich in die Worte aus: Unglückseliger, bedauernswürdiger Fürst! Was helfen dir Macht und Reickthum! All' deine Verwandten, all' deine Freunde wirst du um dich sterbe» sehen— sie alle entreißt dir das grausame Geschick— daö ist die Bedeutung des Traunies, den Allah dir im Zorne geschickt.— Wehe! Wehe! Da ergrimmte der Sultan ob dieses Unglücks- Propheten und ließ ihn um Haupteslänge kürzer machen. Der Zweite aber begann zu jubeln und zu jauchzen und brach in die Worte ans: Erhabener Herrscher! Du bist Allah'S Liebling— Alle um dich her wird sein Zorn verderben— sie alle wird er hinweg nehmen vor der Zeit— dn allein wirst lange Tage leben und übrig bleiben auf Erden.— Gepriesen sei Allah, der dick liebt, und sein Prophet! Darob freute sich der Sultan vor seinem ganzen Hofe und befahl dem Schatzmeister, dem glück- verkündenden Traumdeuter Silbergefäße mit Gold zu füllen bis oben auf.— Diese Geschichte fiel uns ein, als wir den neue» sten Artikel der„Nordd. Allg. Ztg. zu Gesicht be- kamen. Wir haben uns seinerzeit abgemüht, denjenigen, die es noch nicht erkannt haben, klarzumachen, daß zeitweiliges„liberales" Regiment, Verfassung und alle diese Dinge in Preußen nur Form, nicht Wesenheit sein können, sondern daß vielmehr die- ses Preußen, trotz allen äußere» Scheines und aller Phrasen, unabänderlich ein durch und durch absolutistischer Staat ist d. h. ein solcher, in dem lediglich der Wille eines Einzelnen entscheidet. Darob wurde unser Blatt wiederholentlich con- siscirt, die Berliner Schutzmannschaft in Bewegung gesetzt, die Redaktion mit Anklagen überhäuft, son» stige schöne Dinge der Art aufgeführt und zu allem Ueberfluß auch noch manches liberal-loyale Geniülh in sittliche Entrüstung versetzt. Aber wenn die Roth am größten, ist die„Nord- deutsche Allgemeine" am nächsten. Diese„Norddeutsche Allgemeine" ist eine uner- schöpfliche Rüstkammer für unsereins und so be- eilen wir u»s denn, diejenigen sprechen zu lassen, denen die Silbergefäße niit Goldstücken gefüllt werden bis oben auf. Die„Norddeutsche Allgemeine" verkündet— und süß klingt diese Sprache gewissen Ohren: Wir haben aus den iehr benierkenSwerthen Artikel des Hrn. Justizrath Wagner, der uns bereit» in diesen Blättern beschäftigt hat, noch besonder« um einer Stelle willen zurückzukommen, in welcher sich der Herr Ver- sasser über die Beziehungen der„RegieruugSkreise" zu der conservativen Fraction de» Abgeordnetenhauses ans- spricht. Hr. Justizrath Wagner sagt da: „ES frommt nicht, zn verschweigen, daß in den re- gierenden Kreisen noch immer nicht Wenige an dem Jrrthum kranken, an welchem bisher alle Nestau- rationen zu Grunde gegangen sind, an dem Irr- thume nämlich, die treuen Freunde zu deSavoniren und mit den Gegnern zu kokettiren, und daß auch die Regierung al« solche bis dabin die Fraction und Partei als solche ziemlich ignvrirt und damit der letz- leren die Aufgabe zugewiesen hat, sich einstweilen mit der vorhandenen Mehrheit so gut als möglich auseinander zu setze» und innerhalb des ParleigetriebeS der Kammer wenigstens eine ge- und beachtete Stellung zu bewahren." Es sind da», wie man sieht, harte Vorwürfe gegen die„regierenden Kreise", denen ein„Jrrthum" vorge- worsen wird, welcher in seinen Folgen schwer wiegen würde, wenn er sich bestätigte und wen» die Situation überhaupt derartig wäre, wie sie der Herr Verfasser un« vorführt. Denn mit Ueberraschung haben wir ersehen, daß er diese Situation mit dem bestimmte» und nicht mißzn- verstehenden Ausdruck einer„Restauration" benennt. Wir glauben indessen nicht, daß dieser Ausdruck glück- lich gewählt ist, um damit die Thätigkeil der Regierung seil dem Aushöre» der sogenannten neuen Aera zn be- zeichnen. Denn eine Restauration würde eben die Wicderher- stellung eines Princips oder doch wenigsten« eines Sy- stem« bezeichnen, da« in unserem StaatSlcben, ckkid zwar wider den Willen der maßgebenden Gewalten, eine Zeit- lang abhanden gekommen ist. Wir wissen hiervon nichts. Denn wenn das gegen- wältige Kadinet auch die Ausgabe verfolgt, den parla- mentarischen Agitationen gegenüber die königliche Auto- rität zu befestigen und zu stärken, so ist doch diese Auto- rität l batsächlich niemals erschüttert gewesen. DaS Ministerium der sogenannten neuen Aera war, ebenso wie da« gegenwärtige Ka- binet, eine Schöpsung deS königlichen Willen«. Und wen» wir sei» von der Anmaßung sind, darauf Ansprüche zu machen, b.sier al« ein anderer Beobachter diejenigen Gedanken erforschen zn wollen, die den Son- verain diese« Lande« seit seinem Regierungsantritt gelei- let, so scheint nn« doch, daß durch alle StaalSacte, von dem Novemberprogramm bis aus die neneste Zeit, sich da« eine, consequente und unerschütterliche Streben de« Monarchen al« der einheitliche Gedanke hinzieht, den Staat aus dem Wege eine« zeitgemäßen und unzweideu- tigen Fortschritts im Innern und nach außen hin kräftig zu entwickeln, ohne zn gestatten, daß an dem Grundpfei- ler der preußischen Machtentwicklung, an dem Königthnm der Hohenzollern, gerüttelt werde. Vortrefflich! Ausgezeichnet! Was wollen wir denn mehr! Die Verfassung, die liberale Aera, kurz Alles in Preußen nur königliche--- doch halt! Wir könnten wieder in die Sprache derer verfallen, die geköpft werden!— Deutschland. * Berlin, 11. Nov.[Die„Kreuzzeitung"� sucht das Vorgehen der preußischen und der öfter- reichischen Regierung gegen die Souveränetät Frank- furts durch die Behauptung zu beschönige», Frankfurt sei nicht, wie die übrigen Staaten des deutschen Bundes, völlig souverain, welche Behauptung aus ge- wissen Bestimmungen des bestehenden BnnbesrechteS hergeleitet wird. Es ist leicht, diese Verdrehungen zu widerlegen. Alle Staaten des deutschen Bundes sind souverän; ihre Souveränetät findet eine Beschrän- kung in ihren völkerrechtlichen Bundespflichten; in Betreff der BnndeSstadt Frankfurt ist dies in etwas erhöhtem Maße, durch das Hinzukommen einiger besonderen Punkte, der Fall. Aber dies ist rein bundesrechtlich; Oesterreich und Preußen haben bier- aus keinerlei Rechte herzuleiten— nicht mehr als etwa Hessen-Homburg oder Sachsen-Coburg-Gotha. —[Die letzte Arbeiterversammlung in der„Alhambra" betreffcndj bemerken wir GerecktigkeitShalber, daß die„National-Zeitung" nachträglich noch einen interessanten und im Gan- zen wahrheitsgetreuen Bericht gebracht hat, während die„Kreuzzeitung" ihren Lesern etwas auftischte, was man nicht als einen Bericht bezeichnen kann — etliche Zeilen, unrichtig und in herabsetzendein Ton.— Der„Staatsbürger- Zeitung" haben die letzten Arbeiterversammlungen Veranlassung gege- ben, die Gegensätze der Schulze'schen und Lassallc- schen Richtung wiederholt zu besprechen; sie meint, der Unterschied sei nicht so groß, wie er aussehe, und jedenfalls könnten beide Richtungen nicht hel- fen— eine dritte(!) sei»ölhig. —[Gegen Johann Jacobyj, welcher jetzt in Königsberg eine Gefängnißhaft von sechs Mo- naten abbüßt, wurde gestern dahier(von der 7. De- putalion des Kriminalgerichts) die Anklage wegen einiger Stellen des Werkes:„Heinrich Simon, ein Gedenkbuch für das Volk", verhandelt. Da der Angeklagte nicht erschienen war, wurde das Con- Inmacialverfahren beschlossen. Der Gerichtshof vcrurtbeilte ihn zu 14 Tagen Gefängniß. * Wie», i). Nov.[Zu den Finanznöthenj schreibt die„Presse": Dann und wann durchdringt ein Lichtstrahl das stark verschleierte Mysterium, welche« die Mission de» Herrn v. Beke verhüllt, und was man dann erblickt, gehört «>cht zu den lröstlichsten Dinge». Ee steht fest, daß I Baron JaineS Rothschild sich in jeder Begiehnng;uge< knöpft gegenllder dem österreichische» Bevollmächtigten verhält, und daß er sich nur zur fixe» lledernahme einer lächerlich kleinen Anlehenssiimme eiilschließen wollte. Was man aber als letzte Neuigkeit aus Paris berichtet, iibersteigt wirklich da« Glaudhafte,»nd wir würden von dieser Meldung keine Erwähnung mache», wenn sie nicht von verschiedenen, in der Regel wohlunlerrichlete» Per. ionen gil unserer KcnntNiß gelangt wäre. Der Ehes des Rothschild'sche» Hauses degehrt als Bedingung, so heißt es, für seine Beiheiligung an dem»tuen Anlehen eine so riesenbafte Prämie, daß sie an das Gesidäst seines Urahnen Jacob niil dessen Bruder Esau lebhaft erinnert. Er verlangt nämlich inchls weniger als eine nochmalige zehnjährige Steuerbefreiung der Silvbahn-Gescllschast. Diese« Opser, wenn es der Staat bringen würde, wäre ein so colossaleS, daß damit seine financiclle Zukunft. schwer compromittirt wäre. Wer sich einer solcbe» Zu- mnthung unterwerfen, wer in ähnlicher Weise sich von dem Geldgeber den Fuß aus den Nacken setzen lasse» würde, lann nie mehr Anspruch darauf machen, zu er- träglichen Bedingungen eine künstige Finanz- Operation durchzusühren. Der nächste Geldgeber würde das Salz Monopol, der ihm folgende das Tabackmonopol für sich verlangen. E« hieße selbstmörderisch vorgehen, wollte der Staat aus der einen Seite die höchsten Bedingungen für ihm dargeliehene« Geld bewilligen, aus der andere» Seite sich der Mittel berauben, um diesen Bedingungen gerecht zu werden. — sDenienli.� Die„Abeud-Posl" bezeichnet die Zeilungsangabe über gescheiterte Bemühungen de« Fürsten v. Metternich während seines letzten Aufenthaltes in Wien zu Gunsten einer Annäherung der österreichischen Regierung an Frankreich, als Erfindung. * München, 9. Nov.[Zum Miuistcr- wechsd] erfährt man jetzt, dajz Herr v. Reumayr, der einzige„liberale" Minister in Bayern, seinen Abschied nur gefordert habe, um der Verabschiedung auszuweichen. Es soll schon seit geraumer Zeit hinter seinem Rücken über seinen neuen Äiachsolger berathen und von den Ultramontanen, deren Mittel- Punkt der Bischof Senestrey in Regensburg ist, gegen ihn intrizuirt worden sein, während der alle König Ludwig, die Prinzen Karl und Luitpold und der Staatsrath v. Pfistermeister den jungen König bearbeiteten. So wird es wohl mit der neuesten „liberalen" Aera in Bayern auch bald zu Ende sein. Ausland. * Paris, 9. Nov.[Tagesbericht.s Selbst die kleinen„Reformen", deren der kaiserliche Despotismus fähig ist, stoßen auf Schwierigkeiten. So stemmt sich die eingefleischte Bureankcalie mit aller Macht gegen jegliche Reform, die ihre Arbeits- kraft mehr anspannen würde, und gerade solche Neuerungen und eS ja zumeist, die Fould ausgc- klügelt hat. Aber auch andere Borschläge, die nur zur Begnemlichkeit des betreffenden Publikums dienen, finden zahlreiche Gegner, deren Motto ist: „Nur nichts ändern!" Und in der That fürchtet man selbst in höheren Regionen, daß, wenn man einmal mit Reformiren angefangen, man nicht mehr im Stande sein werde, dein drängende» Rufe nach „Mehr" gebührend Einhalt zu thuu. Wie dem auch sei, ein Beispiel möge genügen, wie wenig Aussicht auf Annahme auch die anscheinend unver- fänglichste Reform hat. In einer Abtheilung des Finanz-Ministeriuzns bereitete man jüngst ei» neues Gesetz, betreffend den Journalstempel, vor. Es sollte den Zcitnngs Herausgebern dadurch Haupt- sächlich ermöglicht werden, Supplementarstempel zu bezahlen, so zwar, daß, wenn man der Zeitung ein Beiblatt von elueui halben Boge» gäbe, hierfür die Hälfte des sonstigen Stempels als Supplement nachzuzahlen sei. Selbst diese Erleichterung des ZeitungsverkehrS stieß im Ministerium schon auf Widerstand, und so ist es sehr wahrscheinlich, daß der'Entwurf nur die Haufen„schätzbaren Mate- rialS" vermehren werde, die bereits in den Bureaus des Ministeriums dec Rue de Rivoli ausgestapelt liege».— DaS PayS brachte in der letzten Zeit jede Woche eine gewisse Anzahl von Artikeln über die Arbeiter, so wie Mittheilungen, welche ihm von Arbeitern gemacht wurde». Es hat dieselben seit ungefähr vierzehn Tagen eingestellt, und dies gerade, nachdem es angekündigt, daß es in Zukunft die Woche zweimal die Arbeiterfrage behandeln werde. Es geschah dies auf höheren Befehl; dort gefiel eS nicht, daß das officiöse Blatt sich zu sehr mit dieser Frage beschäftigte und sogar Com- Missionen empfahl, die aus Mitgliedern der Oppo- sition zusammengesetzt waren. Der Avenir Na- tional, der bei seinem Erscheinen den Arbeitern seine Spalten ebenfalls geöffnet, hat schon lange wieder damit aufgehört, weil es ihm zu gefährlich erschien. Ebenso bezeichnend als er- treulich! Was hätten auch die Arbeiter vom Planne des blutigen Staatsstreiches vom. 9. Decem- ber zu erwarten gehabt!— Die Söhne Robert Burns', des großen schottischen Poeten, sandten jüngst an Garibaldi ein pholographisches Por- lrail ihres Balers mit einem Autoaraph desselben. Dieses Portrait trug die Ueberschrifl:„Dem Wil- liam Wallaee Italiens— die Söhne Robert Burns'!" Garibaldi antwortete durch nachfolgenden lakonischen Brief:„Ich danke für das Bileniß des großen Dichters, Ihres BaterS; ich werde es mei- neu Söhnen als ein kostbares Andenken an einen Mann, den ich hochachte, an ein Land, welches ich liebe, vermachen!"— Inder allgemeinen Aus- stellung zu Paris pro 1867 sind die Platzverhält- uisse wie folgt zugemessen. Es erkalten an Qua- dratmetern: Frankreich 64,056, England 23,002, Preuge», Oesterreich, der deutsche Bund jeder 7528, Belgien 7249, Italien 3888, Bereinigte Staaten Nordamerika's 3346, Rußland 2916, Schweiz 2416, Schweden und Norwegen 2091, Holland 1998, Spanien 1994, Türkei 1296, Porlugal 1134, Bra- silien 972, China und Japan, Südamerika, Afrika und Australien je 810, Dänemark 650, Griechen- land, Rumänien und der Kirchenstaat 648, die Zif- fern für Mexiko und Central-Anierika, so wie für Persien nno Mittel-Asien waren noch nicht genau festgestellt. — 10. Nov. Der„Abend-Moniteur" meldet: der preußische Botschafter Graf von der Goltz habe im Auftrage seines Souveräns de» Minister der auswärtigen Anlegenheiten, Hrn. Drouyn de L'huys ersucht, dem Kaiser die lebhafte Befriedigung zu bezeugen, welche der König von Preußen ernpsnnden habe, als er erfahren, wie herzlich das Mnsikkorps seines 34. Regiments in Paris aufgenommen wor- den sei.— Wie die„France" erfährt, werden der Kaiser und die Kaiserin morgen Mitlag 2 Uhr»ach Eompiögne reisen.—„Temps" und„Presse" mel- den übereinstimmend, daß ihren Informationen zu- folge Italien beträchtliche Armeereductionen vor- nehmen werde. — 11. Nov. Briefe aus Rom theilen mit, daß General KanVkr den Befehl zu einer wirksamen Berfolgnng der Briganten erlheilt hat. Eine De- Feuilleton. Aus Lucinde oder Kapital und Arbeit. Roman in 4 Bänden von I. B. v. Schweitzer. Band It., Kapitel 23. �cvolutiouärk Zdre». (Fortsetzung.) Der Redner begann: Mitbürger! Männer! „Die bluttriesenden Henkersknechte einer wahnwitzigen Reaction haben es versucht, mit freventlicher Hand die höchsten Güter de« Volk«, seine heiligsten, unantastbarsten Rechte hohnlachend in den Staub z» treten. Ja, diese Tiger haben es gewagt, ihren verbrecherischen Willen mit barbarischer Waffengewalt, durch brudermörderisches Ge» metzel in AuSsührung bringen zu wollen. Allein, Män- ner. Mitbürger, die erbärmlichen Schergen einer flnchbe- ladenen Tprannei, diese wulhschnaubenden Hochverrälher an der geheiligten Majestät des Rechts haben Eine« ver- gesien: die Riesengewalt des Volkes." Ein weithin hallender, laug dauernder Beifall scholl stürmisch über den weiten Platz hin. „Männer! Mitbürger! Man hat aus uns geschossen, man wollte uns vernichten, uns zertreten— wir aber haben uns erhoben wie Ein Manu— mit unwiderstehlicher Faust haben wir das ragende Gebäude einer hoch- verrätherischen Eamarilla in Einer Nacht siegreich zu Bo- den geschmettert." Ein wiederholter, lang anhaltender Beifall ertönte. „Männer! Mitbürger!" „Die Revolution hat in den Straßen dieser Stadt einen glorreichen Sieg erfochten. Aber es gilt jetzt, die Errungenschaften dieses blutige» Sieges festzustellen— es gilt, das Gebäude des Fortschritts, des Rechts, der Freiheit aus dauernden Grundlagen zu errichten." „Zu diesem Zwecke und um die Volkskrast dem noch immer lauernden Despotismus gegenüber in gewaltiger Einheit zusammenzusasse», vor Allem aber, um unserer � glorreichen Revolution den richtigen Abschluß zu geben, Mst eine provisorische Regierung, ein revolutio- näres V o l k« t r i b u n a t eingesetzt worden." Ein lang anhalleiider Jubel erscholl über den weite» Platz hin n»d pflanzte sich i» alle Seitenstraßen fort. „Diese Regierung, welche von dem souveränen Volke eingesetzt wurde, besteht an? folgenden Volksmänncr»: Präsident: Herman Jyingcr. Vieeprästdenl»nd Schriflsührer: vr. Fisch. Or. Batz. Professor aus Koda. Dr. Lang und, Mitbürger, Männer, um endlich einmal das erhabene Princip der Gleichheit zu verwirklichen, um die Revoln- tion auf rein demokratische Grundlage zu stellen, ist Mit- glied der provisorischen Regierung auch der Arbeiter Lorenz Dahlen" Kaum war diese Verkündigung erfolgt, als ein nicht enden wollender Jubel über den weiten Friedrichsplatz brauste— grüßend wurden die Taschentücher an den Fenstern geschwenkt und schon war wieder Ruhe aus dem Platze eingetreten, als man noch immer den Jubel aus de» umliegenden Straßen her vernahm. „Mitbürger! Männer!"— fuhr der Redner fort— „die provisorische Regierung, ich schwöre es hier feier- tich bei dem demokratischen Gölte, wird unermüdlich, »nerschlltterlich aus ihrem Posten stehen— schon die morgige Sonne wird ein glorreiche«, ein freies Volk beleuchten. Schon der morgige Tag wird eine Ration von Brüdern sehen. Gebt uns nur diese eine Nacht l und wir werden der Freiheit einen unzerstörbaren Tem- pcl errichtet haben. Der demokratische Staat, die Frei- beit, die Gleichheit, die Brüderlichkeit, die Revolution— sie leben hoch!" Ein donnerndes Hoch erscholl von allen Seiten und aus dem Platze umarmten sich weinende Männer. Der Doctor verließ den Balco» und trat in den Saal zurück. Vortrefflich! Vortrefflich! rief ihm Jtzinger, der mit dem Professor an der Thüre stand, entgegen. Sie haben gesprochen wie Danton. Ich hoffe, daß wir unserm Posten gewachsen find— entgegnete mit Selbstbewußtsein der große Feodor. Jetzt trat der Arbeiter Lorenz Dahlen ein. Sein ! linker Arm ruhte in einer Binde. Sofort rief Jtzinger mit gehobener Stimme: Begeben Sie sich ans Ihre Sitze, meine Herren! Ich werde an das neue Mitglied eine angemessene Ansprache halten. Arbeiter Lorenz Dahlen!- begann hierauf der libe- rale Banquier init seierlicher Stimme— Die provisorische Regierung hat Sie zu ihrem Mitgliede ernannt. Ich spreche im Namen derselben die Erwartung aus, daß Sie die Ehre, welche Ihnen durch die Ausnahme in diesen so erlauchten Kreis widerfährt, werde» zu schätzen wissen. Bedenken Sie, daß dieser Fall erst der zweite seiner Art in der Weltgeschichte ist, und beweisen Sie Sich daher unseres Vertrauens würdig, damit wir niemal« Veranlassung habe», nnsern Schritt zu bereuen. Nehmen Sie Psatz, junger Mann, und seien Sie herzlich willkommen! Der Arbeiter Lorenz Dahlen ließ sich, etwa« erstaunt, am Tische nieder und schwieg. Sind Sie verwundet? srug ihn der Prosessor theil- nehmend. Unbedeutend! antwortete der Gefragte. Ich habe in der Südvorstadt gekämpft. Der Kamps war entsetzlich — ich werde ihn nie vergessen. Meine Herren! begann jetzt Jtzinger. Gehen wir schleunigst wieder au die Arbeit. Sie, Laug, machen die Proklamation der provisorischen Regierung an da» Volk — ich selbst will die erforderlichen Gesetze, Form vorbe- hallen, ausarbeiten. Ich werde gleichfalls eine Proklamation entwersen— bemerkte der Prosessor und ein allgemeines Schweigen trat ein, während dessen jeder an seiner Arbeit beschäftigt l war. Von draußen ertönte fortwährender Jubel. Eine halbe Stunde war vergangen, als der Prosessor aus einmal rief: Hören Sie de» Anfang meiner ProÜa- mation. Man muß immer an die vaterländische Geschichte antnüpfen; dadurch macht man dem Volk seine Gegen- wart verständlicher. Hören Sie! An da« Volk. Mitbürger! Als vor zweitausend Jahren unsere Ur- vorfahren dieses herrliche Vaterland bewohnten, erstreckten