Nr. 195. Berlin, Dienstag den 14. November 18«5. Sonal-Dkmolirat. Diese Zeitung erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Festtage. Organ des Allgemeinen deutschen Arbeiter-Vereins. Redigirt van I. v. v. Hofstetten und I. B. v. Schweitzer. Redaction und Expedition- Berlin, Dresdnerstraße Nr. 85. Abonnements-Preis filr Berlin incl. Bringerlohn: vierteljährlich 18 Sgr., mo- natlich 8 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Kiinigl. preußischen Postämtern 22 Va Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichtpreußischen Deutsch- land 18�/« Sgr., im ilbrigen Deutschland I Thlr.(st. 1. 45. sildd., st. 1. 50. österr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärt« auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Compagnie, Scharrenstr. l, sowie auch unentgeltlich von jedem„rothen Dienstmann" entgegen genommen. Inserate(in der Expedition austugebeu) werden pro dreigespaltcne Pem-Zeile bei Arbeiter-Annoncen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annonce» mit 8 Sgr. b-rechnet. Agentur für England, die dolonieen und die überseeischen Länder: Mr. Bender, 8. Little New-Port-Street, Leicester-Square W. C. London. Agentur für Frankreich: G. A. Alexandre, Straesbourg, 5. Kue Brnlee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andrd-des-Arts. politischer Theil. Deutschland. * Wien, 10. Nov.[Sßermuthete?änder- verkaufe betreffend] schreibt man der„Köln. Ztg." von hier, 10. Nov.: Sie dürfen es als eine Gewißheil ansehen, daß Oesterreich nun und nimmermehr sich ans den Berkaus seiner Mitbesitzerrechte in den Herzog- thiimern einlassen werde. Ich glaube sehr gut unterrichtet zu sein, wenn ich dem hinzufüge, daß bereit« an gewisse auswärtige Höfe die bündigsten Erklärungen in vertraulicher Weise hierüber abgegeben wurden und daß die Politik des Grafen Bismarck, welche Sprünge sie auch immer machen sollte, es nicht dahin bringen wird, das wiener Eabinel diesem einmal gefaßten Be- schlusse abwendig zu machen. Es ist freilich zur Zeit noch lein Anzeichen vorhanden, daß diese Sinnesart der diesseitigen Regierung von ernsthaficu Folge» für da« Berhällniß der beiden deutschen Großmächte sein möchte, aber man darf annehmen, daß man hier selbst vor der Eventualität eines Bruche« nicht zurückschrecken würde, für den Fall, daß sich kein anderer Modus ausfindig macheu ließe, die Stellung de« Mitbesitzers auszunützen. —[Die Vereinbarung der deutschen Abgeordneten] wird jetzt wie folgt angegeben- Es hat(wie der Grazer Telegraph wissen will) eine Vereinigung zwischen den verschiedenen Schal- tirungen der centralistischen Abgeordnelen Statt ge- fanden. Ihr Progranini besteht aus sechs Punkten: 1. Protest gegen die Sistirung der Neichsversassung; 2. Protest gegen jede Octroyirnng; 3. Jncvnipeteiiz der Landtage zur Aendening der Reichsverfassung: 4. alleinige Competenz des ReichSratheS; 5. Zu- rückweisung der Vorlagen durch die Landtage; der sechste Grundsatz endlich ist der, daß sich über die den Ländern diesseits und jenseits der Leitha gemein- samen Angelegenheiten und deren Behandlung jetzt noch keine Grundsätze ausstelle» lassen, da hierin dein ungarische» und dem eroatischen Landtage die erste und gleichberechtigte Stimme gebühre. —[Die Anleihe] soll, wie die„Presse" wissen will, abgeschlossen sei», wie sich von selbst versteht unter äußerst»ngllnstigen Bedingungen. * Frankfurt a. M., 13. Nov.[Die Note des Herr» v. Beust in Sachen der bekann- ten Drohungen] wird von der„N. Franks. Ztg." veröfsentlicht. Aus der Note geht unzweideutig hervor, daß Herr v. Beust, wie sich dies auch er- warten ließ, nicht an der Sache selbst, sondern nur an der Form Anstoß nimmt. Allgemeine Neaction wäre ihm schon Recht— aber durch den Bund. Nur komisch kann auö solchem Munde folgendes Gejammer wirken: Dem gegen mich ausgesprochenen Wunsch, baß ans Milderung der Preßanseindungen hingewirkt werde, pflichte ich gern bei, aber ich habe, bevor ich dem der sächsische» Regierung gemachten Vorwurf Preußen- feindlichen Tendenzen nicht entgegenzutrete», Rede stehe, zu erwarten, daß in Preußen den Sachsen- v er- nichtenden Tendenzen gesteuert werde. —] Ludwig Simon von Trier] wendet sich in demselben Blatte unter der Ueberschrist: „An den letzten Präsidenten der ersten deutschen National-Versammlung, Herr» Dr. Loewe von Salbe in Berlin" gegen die Politik der preußischen Particularisten. Das Schriftstück, datirt von Paris, 8. d., beginnt wie folgt: Da« ist ein bittrer Kelch, welchen das deutsche Volk nach den jüngsten Beschlüssen des„Deutschen National- Vereins" leeren soll, um so bittrer, als er ihm durch die Hand des letzten Präsidenten der ersten„deutschen Na- tionalversammlung" kredenzt wird. Aber dessen bin ich sicher, wäre es heute möglich, die letzten Vertreter beut- scher Volksherrlichkeit, welchen Sie die Ehre dieser Wahl verdanken, die Einen aus ihren Gräbern, die Anderen ans alle» vier Weltgegenden zu versammeln, auf Ihren jetzigen Wege» würde» dieselben Ihnen nicht folgen. Ludwig Simon wendet sich dann in kräftigen Worten gegen diejenigen, welche dynastische(Herr- scher-) Politik statt Volkspolitik treiben und führt ans, daß es ein tief berechtigter„PartieularismuS" sei, wenn die deutschen Volksstämme sich nicht unter die preußische Regierung beugen wollten. Es heißt in diesem Betreff- Da« ist der PartiknlariSmus des gesunden Menschen- Verstandes, der natürlichen Menschenwürde, welcher hos- sentlich nie untergehen wird. Haben wir nun aus die ersehnte Einheit schon so lange gewartet, so hat's damit gerade jetzt auch keine so entsetzliche Eile, um nebst Pfahl- ! bürgerthnm und Stammesvorurtheilen auch Selbstgefühl und ManneSwürde über Bord zu werfe». Durch sitt- liche Selbstentweihung gelangt man nicht zu äußerer Kraft. Schließlich wird gesagt- � Sie versichern mit großer Bestimmtheit, Deutschland wolle keine Revolution. Ich weiß nicht, ob das deutsche Volk Ihnen hierüber besondere Eonfidenzen gemacht hat. Wahr ist, daß Sie inmitten des Vaterlandes da« Volks Kleben im Einzelnen besser zu beurtheilen vermögen, als l ich, der ich seil IG Jahren im Auslände lebe. Dagegen setzt mich vielleicht gerade diese Entfernung in Stand, die allgemeinen Gesetze der Volksbewegung um so unbefangener zu verfolgen. Einer jeden Revolution liegt eine EntwickelungS- und eine Kraftfrage zu Grunde. Die Entwickclnng kann reif sein und die Kraft dennoch mangeln, ohne daß man deshalb sagen könnte: E« fehlt am Willen! Hinsichtlich der Entwicklung bin ich der festen Ueberzeugung, daß die Einsicht über Dasjenige, was in � Preuße» und Deutschland faul ist und Roth thut, gegen- wärtig viel weiter und tiefer veibreilet ist, als im Jahre 1848. Was die Kraftsrage angeht, so hängt diese nicht bloß vom einzelnen Volke, sondern auch wesentlich von der umgebenden politischen Atmosphäre ab, welche, wie ! die natürliche, unablässigen Veräuderungeu unterworfen | ist. Sind diese Veränderungen dem freien AthmungS- Prozesse günstig, dann hebt sich die Brust und die dunkle Stimmung wird oft über Nacht zum bewußten Willen, zur That. Wenn Sie im Januar 1848 behauptet hätten, da« dentsche Volk wolle keine Revolution, so hätte» Sie ebenso wahr, ja»och wahrer gesprochen als beute. Wer dachte denn damals an eine Revolution? Als aber die politische Athmosphäre Europa'» durch da« Februar- gewitter im Westen sich gereinigt hatte, da brach die von Niemandem vorhergesehene Revolution doch berein. Wa» au Ihrer Behauptung wahr ist, da« wieder- holen un« unsere Gegner täglich zum Ueberdruß. Was - aber daran zweifelhaft oder falsch ist, da« befremdet »n« doppelt aus Ihrem Munde. Es ist noch nicht lange her, daß ein Mitglied des Nationalverein« den SchleSwig-Holsteinern Gut und Blut der gesammten deutschen Nation zur Versügnng stellte. Wir Seide haben in dieser Beziehung genug erlebt, um der hohlen Anfopferungsphrase nicht mehr Werth beizulegen, als sie verdient. Aber ebensowenig ist es unsere Ausgabe, das Selbstvertrauen des Volke« zu untergraben und dadurch unseren Feinden in die Hände z» arbeiten. Ausland. *Paris, 11. Novbr.[Tagesbericht.] Gestern war der große Ministerrath abgehalten wor- den, dem die Mitglieder deS geheimen RatheS an- wohnten- Von wohl unterrichteter Seite hört man darüber, Fould habe einen vollständigen Sieg da- von getragen; sämmtliche von ihm beantragten Er- sparnisse und Reformeil seien in allen M-nisterien zur Annahme gelangte. Selbst der Kriegsminister ! habe seinen Widerwillen bezwungen und in alles | gewilligt, was Fonld verlangt. Bei der Debatte, die sich über die allgemeinen Grundzüge der Politik entspann, welche inne zu halte» seien, habe Persigny sehr lebhaft gegen die jetzt herrschende Stimmung des Friedens und der Enlhallunz gesprochen. Seine Ansichten seien jedoch ohne allen Anklang im Mi- nisterralhe geblieben.— Dupin ist gestorben. Als sein Nachfolger in der General-Procuratur des Cassationshofes nennt man den ehemaligen Justiz- Minister Delangle, der schon längst Lust bezeigt haben soll, diese Stelle zu bekleiden, die, wie man sagt, der Verstorbene für Delangle's Geschmack viel z» lange inne gehabt hat.— Unsere Leser werden sich noch des großen Kutscher-Strike's erinnern, der vor einigen Monaten die Straßen von Paris verödete. Man wird sich ferner erinner», daß eS namentlich das Privilegium gewesen, welches Herr Haußmann der Gesellschaft der„petites vaitures" ertheilt, durch das die ganze Verwirrung ange- richtet worden. Wie man jetzt hört, soll es im Plane sein, das betreffende Monopol zurückzuziehen. Die Regieniiig habe es durch ihre Organe aus- sprechen lassen, sagt man; sie wünsche, daß in Pa- ris das Fuhrwesen frei sei, wie in London. Die Gesellschaft, meint man, würde theils durch Ein- lösung des Aktien-Kapitals, theils durch eine Summe entschädigt werden, welche die Stadt Paris ihr herauszuzahlen hätte.— Wie man erzählt, wird die Straßein Passy, in welcher Proudhon so lange Jahre gelebt, jetzt seinen Namen erhalten.— So eben ist der 18. Band der Eorrespondenz Na- poleonS I. erschienen. Er geht vom Oktober 1808 bis zum Mai 1809 und zeigt den dietirenden Kaiser bald in Madrid, bald in Wien. * Lviidvn, 11. Nov.[Den Shenandoah betreffend] läuft ausLiverpool die überraschende Nachricht ein, daß die gesammte Mannschaft des Schiffes ohne allen Vorbehalt in Freiheit gesetzt wurde, und zwar auf ein an den Premierminister Rüssel gerichtetes Schreiben des KapitainS, in dem er erklärt, daß er seit dein 28. Jnni kein Schiff weiter gekapert und erst am 2. August verläßliche Mitliieilungcn über die definitive Unlertversung des EüdenS erhalten habe. In den telegraphifch von der Regierung empfangenen Instructionen soll der Capiiän des Kriegsschiffes Donegal, in dessen Bc- wachung der Shcnandoah gegeben war. angewiesen worden sein, alle diejenigen zu entlassen, welche nicht britische Unterthanen wären. Der Capitän (Pariiiler) begab sich an Bord des Kaperschiffes und lhcitle den Offfcieren den Zweck seines Besuches inil. Die Mannschaft wurde aus's Deck ge- rufen und die Namenliste verlesen. Wie ein Jeder mit„Hier!" antwortete, wurde er gefragt, weß Landes er fei. Kein Einziger wollte ein llnlerlha» Ihrer Majestät sein. Biel Bolk von allerlei Wation aber kein Brite, obwohl die große Mehrheit der Mannschaft notorisch in England zusammeiigebracht Worten war. Die Meisten behaupteten, in den „südlichen Staaten von America" heimisch oder „slldstaatliche Bürger" zu sein; von diesen hatte« jedoch mehrere einen unverkennbar schottischen Acccnt und schienen viel eher an den Gestaden des Elyte, als am Mississippi ihre Muttersprache er- lernt zu haben. Uni seine» Heiinathsschein wurde Rieniand gefragt, und so wanderten Alle als Aus- länder an die der Mehrzahl ohne Zweifel wohl- bekannte englische Küste, wo sie meist in Liverpool ihr Unterkomnien suchten. Die Leute äußern sich über ihre Fahrten niit offenbarer Zurückhaltung, doch schließt Mancher auS ihrem eigenthümlich schweren Gepäck, daß ihre Abenteuer von recht einträglicher Natur gewesen seien. Andere wiederum glauben, den Leute» mit Unterstützungen unter die Arme greifen zu müssen. Capitän Waddell verweilt augenblicklich noch in Liverpool bei Freunden zum Besuche. Die Uebergabe des Shenanvoah an Hrn. Dudley, americanischen Consul in Liverpool, erfolgte vorgestern Nachmittag. 10. Nov. lZur„Vernichtung der Republikaner in Mexiko"s, welche bekanntlich erneut staltgefunden hatte, melden jetzt Wachrichte» aus Newyork:„Der Vertreter von Juarez i» Washington hat Depeschen erhallen, welchen zufolge Matamoros von den Juaristen eingeschlossen ist � und die Einnahme dieser Stadt bevorsteht. Jnarez hat El Paso, wo er sich befindet, als Re- gierungssitz o ffic iell pro clamir t. Erscheint also durchaus nickt den mexikanischen Boten so bald verlassen zu wollen. — 11. Nov. sZum Negerausstand in Jamaica.� Wie aus Nassau, der Hauptstadl der Bahama-Jnsel New-Providcnce, vom 23. October gemeldet wird, hatten die Neger auf Janiaica viele Weiße ermordel. Die Behörden waren„summa- risck" eingeschritten sd. h. mit rücksichtsloser Gewalt zu Gunste» der Unterdrücker gegen die Unterdrückten) und sämmtlicke Truppen waren in Thäligkeit. Ver- stärkungen an Truppen wurden erwartet. * Italien. sAuch eine„brennende Frage." Zur Lage. Eholera.s Die breuncndc Frage ist für die Minister in Florenz zur Zeit weder die römische, nock die venetianische, sondern einfach die, wober sie Eintriits-Billets und Plätze für die ganz unerwartet große Anzahl von Fremde» schassen sollen, die auS allen Himniclsgegenden herbeiströmen, um der Parlaments- Eröffnung beizuwohnen. Die toscanische Aristokratie wird in acht Tagen wieder vollzählig in der Hauptstadt versammelt sein. Die Zahl der Engländer beiderlei Geschlechts ist Legion; meistens sind sie auf der Durchreise nach Roni begriffen, lassen sich aber einen Aufent- halt von einigen Wochen in Florenz nicht ver- dricßen, um das neue Parlament in seiner neuen Behausung zu sehen und die Thronrede Victor Emanuel's zu hören. Andere Nationen sind eben- falls reichlich vertreten. Zu alle» diesen kommt nun aber noch ein endloser Schwärm von Süd- läutern, Neapolitanern und Sicilianern, die in ihrer Furcht vor der Cholera keinen besseren Zu- fluchtsort wissen als Florenz und nebenbei de» Ruf eifriger constitutioneller Patrioten gewinnen wollen. Wie kann das Ministerium diesen braven Männern, die so eben erst durch ihre oppositionellen Wahlen ein so volles Verständniß ihrer Bürger-! rechte bekundet haben, die geforderten Plätze ver- weigern? Aber unglücklicher Weise enthalten die Tribunen des Palazzo Becchio nur 1500 Sitze, von denen die Hälfte für die Damen der Senate- � ren und Deputirten und für die Beamten der Kammern reservirt ist. Ueberdies erhebt das diplo- inatische Corps seine völkerrechtlich geheiligten An- sprllcke. Was bleibt da für die Aristokratie, die Engländer, die Siciliancr und die Neapolitaner? Der Kriegs-Minister sieht den Angriffen, die ihm sein bekanntes Rundschreiben eintragen wird, mit militärischer Kaltblütigkeit entgegen, aber die Billet- frage macht ihm schwere Sorgen. Er hat die sämmtlichen höhere» Beamten seines Departements versammelt, um ihnen zu erklären, daß sie nicht daran denken dürften, die Thronrede zu hören; er selbst würde seinen Platz vergebe», ivenn es inög- lich wäre.— Sella's Alternative: entweder die Mahlsteuer oder Entlassung namhafter Mann- schaffen, hat— so wird versichert— gewirkt: La- maruzora hat sich gefügt, so daß die Thronrede mit der Ankündigung der Entlassuirg von 100,000 Mann auftreten kann. Die Entwasinng ist in Italien nicht populär, die Mahlsteuer»ock weniger, aber Sella hat eben den Parteien zugerufen: E»t- weder Getnld, viel Geduld in Betreff RoniS und BenetienS, oder Geld, ungeheuer viel Gelb!— Victor Emanuel's Einzug in Neapel am Abende des 10. Nov. soll ein wahrer Triumphzug gewesen sein: endloser Volksjubel, Beleuchtung der Straßen mit bengalischem Feuer u. s. w. So wenigstens wird behauptet und geschrieben.— Am 8. waren in Neapel 207 Cholerafälle conslatirt, wovon 80 tödlich verliefen. - Rußland.[Auch Sibirien c ivilisirt sich.] Die aus Sibirien eintreffenden Nachrichten nehmen ein immer giößercs Interesse in Anspruch. Wenn früher dieses Land vielen für einen ver Ci- vilijation verlorenen Posten galt, so beweist daS dort erwachte und sich überall kundgebende neue Leben das Gegentheil. Schon früher hat man über die Gründung von Gymnasien, Theatern, ja einer gelehrten Gesellschaft berichtet. Diese Anzeichen des Bedürfnisses höherer Bil- dung und Genüsse haben zur Voraussetzung die durch vorhandene materielle Mittel begründete Un- abhängigkeit, welche wieder die Folge eines leb- hasten Handelsverkehrs ist. Daß dieser vorhanden ist, und jetzt de» Anlauf nimmt zu noch großarti- Feuilleton. A* v-sen '.herie Aus Lucinde oder Kapital und Arbeit. Roman in 4 Bänden von I. B. v. Schweitzer. Band II., Kapitel 23. Nrvolutionäre Zdrr». (Schluß.) Ich weiß lehr wohl— fuhr der General fort— daß ich dies Alles nicht würde verhindern können— ich mache daher von vornherein keine Anstrengungen in dieser Richtung. Eines aber lassen Sie mich bemerken und Ihrer ernstlichste» Erwägnng anheimgeben. Den neuesten, im Lause des Abends eiiigetrossenen Nachrichten zufolge Icheint sich ein europäischer Krieg entwickeln zu wollen. Es kann also sehr bald eine Zeit kommen, wo wir die gesammte Landeskrast anspannen müssen. Worum ich Sie bitten wollte, ist daher dies, daß Sie Alles vermeiden möchten, was die vorhandene Kluft zwischen dem Militär Und der Bevölkerung noch erweitern könnte. Ich muß Ihnen gestehen— die eingetroffenen Nachrichten haben Mich überrascht— ich wünschte, sie vierundzwanzig Stunden früher gehabt zu haben— doch was geschehen ist, ist geschehen. Eine liefe Stille trat ein, als der General geendet hatte. Endlich ergriff der Präsident der Provisorischen Re- gierung, der liberale Banquier Isaak Levy Herman Jtzinger, das Wort und begann: Herr General! Sie sind höchlichst im Jrrthnm, wenn Sic glauben, diese hohe Regierung wolle durch Bcwaff- nnng de« Proletariats die Revolution in Permanen; er- klären. Im Gegentheil! Die heiligste Pflicht von Män- nein in unserer Lage besteht vielmehr gerade in der schleunigsten Wiederherstellung der leider so tief gestörten öffentlichen Ordnung. Sehr wahr! scholl es von allen Seiten und ein ent- schieden beifälliges Gemurmel machte sich hörbar. Sie irren höchlichst, Herr Generaj— bemerkte der Professor— wenn Sie uns für Eomnmnisten halten. Ich habe Sie nicht sür Eommunisten gehalten— Entgegnete der General erstaunt. Ich glaubte nur— — wir wollten alle Grundlage» der Monarchie unter- wühlen— fiel der Professor ein. Lernen Sie n»S besser ! kennen, Herr General! Wir sind gute, loyale Bürger. Aber warum wollen Sie denn das Bolk nicht bewasfnen? rief jetzt der Arbeiter Lorenz Dahlen etwa« erregt. Dies scheint mir doch der einzige Weg, der Provisorischen Regierung eine nach- haltige Gewalt zu sichern. Lieber Dahlen! rief Jtzinger hitzig. Sie müssen uns � nicht ansbalten. Wir haben noch ungeheuer zu lhun. Hier sah der General den Arbeiter an nnd bemerkte, daß dieser den linken Arm in einer Binde trug. Sie sind verwundet, Herr Dahlen? fragte er. Am Arm, Herr General! antwortete der Gefragte. Es ist übrigens nicht bedentend. Wo haben Sie gekämpft? In der Südvorstadt. Ich mache Ihnen mein Compliment. Die Arbeiter der Slldvorstadt sind tüchtige Leute: sie haben flch fabel- hast geschlagen. Eine Pause tiefer Stille trat ein, bis plötzlich der Präsident Jtzinger rief: Eilen wir, meine Herren, eilen wir! Ich stelle hier- mit folgenden förmlichen Antrag: Die Provisorische Regierung wolle dem Landesherrn eröffnen: 1) Sie verlangt, daß ihr sofort 20,0(10 Mann Militär unbedingt zur Verfügung gestellt und auf sie, b e- ziehung« weise ihren Präsidenten, vereidigt werden. 2) Sie erklärt, im Weigerungssalle das Volk erneut zu den Waffen rufen zn müssen und für den Fort- bestand de« Throne« keine Garantie über- neb in e n zu können. Großer Gott! rief der Professor außer sich. Hab' ich recht gehört? Eine Drohung gegen den Landesherrn? Und eine allgemeine Bewegung zeigte sich am Tisch der revolutionären Volksregierung. Beruhigen Sic Sich, meine Herrn— rief Jtzinger besänftigend— wir verlangen ja das Militär nur, damit wir desto sicherer die staatliche Ordnung wiederherzu- stellen vermögen. Die Sache ist durchaus nicht so revo- lntionär, wie sie aussieht. Ans diese« Begehren wird höchsten Ort« schwerlich eingegangen werden— bemerkte der General. Wozu Militär? Sie haben ja das Volk! rief der Arbeiter Lorenz Dahlen mit Heftigkeit. Jtzinger warf ihm einen wülhenden Blick zu. Bedenken Sie, meine Herren,— schrie er— dag wir eine reelle Macht zur Seile haben müssen. Aber wir dürfen die schuldige Ersurchl gegen den Landesherrn nicht verletzen, bemerkte der Professor. Wir dürfen überdies nicht selbst unsere Autorität durch For- derungen untergraben, die man uns doch nicht bewilligt. Sehr wahr! bemerkte der große Batz mit Nachdruck nnd wollte»och etwas hinzusetzen, als ein dictatorischer Blick Jtzingers ihn plötzlich verstumme» machte. Meine Herren! rief jetzt mit erhöhter Heftigkeit Lorenz Dahlen— dieser Antrag ist ein Migtrauensvo- tum gegen die Arbeiter. Ewiger Gott! flüsterte der große Batz dem neben ihm sitzenden Professor zu. Am Ende bekommen wir noch die Arbeiter auf de» Hals. Der Professor erzitterte. Volksbewaffnung und Militär zugleich— begann wieder Dahlen— warum nicht? Aber Mili- tär allein— dies würde mit Recht böse« Blut setzen. Wir haben nichts gegen da« Militär— es hat im Kampf gegen un« nur seinen Oberen gehorcht— daß es die« that, ist traurig, aber verzeihlich; die Verantwortlichkeit jedoch für das Geschehene trifft lediglich seine Oberen und den Landesherrn. Bei all dem glaube» wir, daß wir nicht weniger werth sind und nicht weniger Vertrauen verdienen als das Militär. Warum als» nicht auch un« bewaffnen? Wir eilen zur Abstimmung, schrie Jtzinger mit unter- drücktem Ingrimm, denn unsere Zeit ist kostbar. Be- denken Sie, meine Herren, daß e« sich bei meinem An- trag um unsere Machtstellung handelt. Sehr wahr! rief der Doktor Lang. Wir müßten ja wahnsinnig sein, wenn wir den Antrag verwürfen— wir untergrüben ja selbst unsere Machtstellung. Sie sind entschieden im Jrrthum meine Herren— rief der Professor. Nach der richtigen Staatslehre gebührt die gesammte Executive durchaus und lediglich der Krone. Dieser Antrag ist eine flagrante Antastung der wichtig- sten constitutionellen Prinzipien. Wir schreiten zur Abstimmung! rief der Präsident wllthend, indem er einen vielsagenden Blick ans den gro- ßen Batz warf, der schleunigst in eine Saalecke sah.