Rr. 197. Berlin, Donnerstag Pen Iii. November 1863. Sorial-Demolnlit. Dies« Zeitung erscheint täglich OrMN M Allacmemen bciitfrfjcn Arbcitcr-Bcrcins. R-dacti°n und Exp.di,i°n- mit Ausnahme 0 0 öcrliu, der Sonn- und Festtage. Redigirt von I. B. v. Hofstetten und J. B. V. Schweitzer. Dresdnerstraß- Nr. 85. Abonnements-Preis iiir Berlin incl. Bringerlvbn: vierteljährlich 18 Sgr., mo« natlich 6 Sgr», einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Königl. preußischen Post- ämlern 22>/2 Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichtpreußischen Deutsch- land 18�/» Sgr., im übrigen Deutschland 1 Thlr.(st. 1. 45. südd., st. 1. 5t). Lsterr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärts auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Compagnie, Scharrenstr. I, sowi« auch unentgeltlich von jedem„rothen Dienstmanu" entgegen genommen. Jnfcrate(in der Expedition aufzugeben) werden pro dreigespaltene Petit-Zeile bei Arbeiter-Annoncen mit l. Sgr., bei sonstigen Annoncen mit 8 Sgr. berechnet. Agentur siir England, die Eolonicen und die Uberseeischen pänder: dir. Bender, 8. Little New-Port-Street, Leicester-Square W. C. London. Agentur für Frankreich: G. A. Alexandre, Strassbonrg, 5. Rue Brulee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andre-des-Arts. politischer Thcil. Deutschland. �Berlin, 15. Nor.[Die fireiijjcitHng] meint heute, eö sei lächerlich zu glauben, Kaiser Napoleon werde vo» nun an die Entwickelung Europa's� und Deutschlands ruhig ihre» Gang gehen lassen. Da die Berbindung der Elb- herzo gthümer niit Preußen eine nicht gerin- gere Peränderung der Machtverhältnisse in der Karte von Europa sein würde, als seiner Zeit die Erwerbung Schlesiens, so müsse man sich fragen, ob Preußen diese zweite Erwerbung um einen wesentlich geringeren Preis haben könne als jene erste. Es dürfte(fährt das Blatt fort), wenn das jetzige Provisorium endlich in ein Definiti- vum überginge, das bisherige Nebelbild der euro- päischen Politik doch plötzlich andere Umrisse an- nehmen, einen Charakter, welcher die s erlösen AnncxionS- Sanguiniker einigermaßen enttäufcksen müßte. Man habe sich daher die Konsequenzen der Aufgabe klar zu mache». Dentli- cher ausgedrückt, besagen diese Ausführungen: Die preußische Regierung kann die Herzoglhiimer nur haben, wenn sse auf Kosten Deutschlands, jedenfalls auf Kosten des RechtS, sich mit dem Despoten an der Seine abfindet. —(In der Drohnotenge schichte) gewinnt es an Wahrscheinlichkeit, daß die beiden großmächt- lichen Regierungen sich über die Art und Weise, wie die Sache weiter zu betreiben sei, nicht einigen können. Die österreichische Regierung würde, wie es scheint, nur dann weiter mithalten, wenn die Sache durch den Bund ginge, wohingegen der preußischen Regierung dieser Weg sehr zu- wider zu sein scheint. Unter solche» Umständen wird die ganze Angelegenheit wohl allmählich ein- schlafen. —(Aus den H c r z o g t h ü m c r n) wird be- richtet: Die„Eckernförder Zeitung" meldet:„Das Flaggen ist am 16. November, dem Proklamationstage des Prinzen(Herzog darf bekanntlich nicht gesagt werden) Friedrich, bei Strafe Polizei- lich verboten." —(Weitere Anklagen gegen den„Social- Demokrat"), beziehungsweise dessen verantwort- lichen Redacteur werten wegen der Nummern 177 und 178 erhoben; darunter abermals eine wegen „Majestätsbeleidigung." —(Adolph D i e st e r w e g) hat ei» ofsenes Schreiben erlassen, in dem er seinen Dank für die ihni bei Gciegenheil seines Geburtstages geworde- neu Huldigungen ausspricht. Das sehr lescns- werthe Schreiben schließt also: Ohne Volksbildung, ohne freie Meiischenbildung, keine gedeihliche Entwicklung! Ohne freie enlwickelnde Volks- schule keine grundlegende Volksbildung! Volksbildung ist Volksbesreinng im weitesten Sinne des Wortes. An diesen Grundsätzen hält, hoff? ich, der deutsche Lehrerstand, hält die„Schule der Zukunft"»nverbrüch- lich fest. Thun wir das Unsrige! Bleiben wir vereint!— jeder für sich in innerer Entwicklung bis an seines Lebens Ende, demnächst als Lehrer und Erzieher in seinem Thun an feineu Zöglin- gen und Schülern, absonderlich in seiner Gestalt vor den- selben— bewußt und unbewußt— als lebendiger Entwicklungsprozeß, endlich in genossenschaftlicher Theilnahme an der Entwicklung des Ganzen nach dem Maße seiner Kraft! Ich denke, mein„Pädagogisches Jahrbuch" und ineine „Rheinischen Blätter" im Sinne der angedeuteten Grund- sätze fortzusetzen, so lange Gott will. Gruß und Dank! Berlin, 8. November. Adolph Diesterweg. —(Aus Kassel) wirb berichtet: Die„Kasse- ler Zeitung" meldet amtlich, daß der unlängst als Vorstand des Ministeriums des Innern entlassene Staatsrath Nohde zum Finanzniinister er- »annt worden ist. * Wicn, 13. Nov.(Das kaiserliche Ein- ' berufungssch reiben), literae renales, wodurch die ungarischen Magnaten(Großadligen) aufgefor- dert werden, in dem zu eröffnenden Landtage ihren Sitz einzunehmen, besagt unter Anderm: daß der Kaiser den 10. December l. I. zu einem„in unserer königlichen Freistadt Pesth niit Gottes Gnade in ei g e- ner Person zu eröffnenden und zu leiten- den allgemeinen Landtag" bestimmt habe. —(Zur Anleihe) ist zu bemerken, daß nach- den; noch vor wenigen Woche» die„General-Cor- respondenz"„die freundschaftlichen Beziehungen des Grafen Larisch zu dem ersten Bankhause der Welt" als eine Garantie bezeichnet hatte, daß das Anlehen in einer den Interessen des Staates entsprechenden Weise zu Stande kommen werde, die Regierungs- kreise jetzt höchlichst darüber entrüstet sind, daß„das erste Bankhaus der Welt" den Verkehr mit dem Grafen Larisch abgebrochen hat und von der Ueber- nahme des Anlehens nichts mehr wissen will. Die Officiösen geben denn auch bereits ihren Unmuth gegen das Haus Rothschild deutlich genug zu er- kennen.— Die„Gen.-Corr." schreibt:„Das von mehreren hiesigen Blättern gebrachte Gerücht von einem bevorstehenden oder bereits erfolgten Ein- tritte des Herrn Barons Eskeles in das Finanz- Ministerium können wir als vollkommen unbegrüu- det bezeichnen." —(Zur E r z i e l u n g von Ersparungen im Mi lita ir- Pensi ons- Etat) wurde die Einlei- lung getroffen, daß jene beim Kriegs-Ministerium erledigten Dienstesstellen, welcke früher mit Civil- ! beamten besetzt waren, von nun an nur den bereits j in de» Pensionsstand übernommenen Offizieren ver- liehen werden dürfen, welcb' letztere dann wieder : die ihrer Charge angemessene Aclivitätsgage erhal- leu. Aucki bei Monturs-Commissionen und anderen ähnlichen Branckieu werden in Erledigung gekom- mene Dienstesposten mit Offizieren auS dem Pen- ( sionsstande besetzt. —(Ein Rundschreiben) des Finanzministers Graf Larisch an die ihm untergebenen Organe verfolgt eine ähnliche Richtung wie das deS Staats- Ministers. Graf Larisch dringt auf Vereinbarung der Geschäftsführung, auf Ersparnisse; in den ein- zelnen Aemtern soll den Amtsvorstehern ein erwei- terter Wirkungskreis, respective größere Thätigkeit zur Pflicht gemacht werden. —(Der dclitzschiöse Herr Schulze.) Unter dieser Bezeichnung bringt die„Presse" eine Notiz, die insofern überraschen kann, als sonst die Bvur- geoisie durch ganz Europa einen gewissen Zusammen- halt an den Tag legte, der ihr verbietet, anerkannte Bourgeoisie-„Größen", auch wenn solche einem andern Lande angehören, herunterzuziehen, resp. zu entlarven. Die Notiz lautet: Der preußische Abgeordnete und Vorschußkassen- Vater Schutze, auch Bastiat-Schulze genannt, stellte in der letzten National-Vereins-Versammlung in Frankfurt be- kanntlich die Behauptung auf, die deutschen Mittel- und jbleinstaaten fühlten sich selbst zu Preußen hingezogen. Dafür begrüßt ihn die„Franks. Latern" mit folgendem Epigramm: Ei, Herr Schulze! Delitzschivs!- Zu dem Fresser zieht's die Klöß? Nein, Herr Schulz', wir wissen'« besser, Zu den Klößen zieht's den Fresser. — 14. Novbr.(Neuestes.) Die„Wiener Abendpost" dementirt die Nachricht der heutigen Morgenblätter, daß die Verhandlnngen über den Handelsvertrag mit England abgebrochen seien. Ausland. � Paris, 13. Nov.(Tagesbericht.) Die Kritik der kaiserlichen Broschüre, wie sie bis- her zu Tage getreten, hält sich selbst in den Spalten sonst unabhängiger Journale in den allerbeschei- densten Glänzen. Diese Haltung der Presse hat, abgesehen von den hiesigen Preßverhältnissen, über- Haupt noch einen besonderen Grund. Man be- trachtet nämlich in journalistischen Kreisen die vor- geschlagenen Maßnahmen des Briefes an Mac Mahon bereits als im Kriegs-Ministerium cnd- gültig angenommen, ja, als schon in der Ausfüh- rung begriffen.— Der Kaiser von Japan hat laut Briefen aus Ueddo vom 1V. September den Handel mit Seidcnraupeneiern vollständig freige- geben. Der erste Gouverneur in Nokuhama, der den Fremden wenig Entgegenkommen zeigte, wurde von seinem Posten entfernt.— Die„France" mel« det, daß nach de» neuesten Depeschen aus Süd- amerika zwischen Spanien und Chile der Krieg erklärt ist und das spanische Geschwader die chile- k nischcn Häfen in Blocadezustand versetzt hat.— � Heute um 11 Uhr wurde in der St.-Ctolilde- Kirche( das feierliche Begängniß des Hrn. Dupin gehalten. Die ganz- officielle Welt wohnte dem- selben an. Der Kaiser war von dem Grafen Nieuwerkerke vertreten. Zwei Bataillone Infanterie versahen den niilitairischc» Dienst. Unter dem Volke P entgl trrcgt ditser Todesfall selbstverständlich nicht die geringste Theilnahme.— Am Dec. wird dahier ein großer Congreß der französischen Weinbauer stattsinden.— Der Kaiser, die Kaiserin und der kaiserliche Prinz befinden sich seit gestern in Com- Piegne.— Es wird erneut behauptet, die Unter- Handlungen zwischen Rom und Italien würden demnächst wieder ausgenommen werden. � London, 13. Nov.[Aufi Amerikas Der Dampfer„Hiberuian" hat Berichte aus Newyork bis zun, 4. d. M. AbendS in Londonderry abgegeben. Man versicherte, daß Seward in einer Ant- Wortnote an Rusiell die Jndemnitätsforderung aufrecht erhält. Der Präsident Johnson hat be- stimmt, daß die Abschaffung der Sclaverei in Florida unerläßlich sei, bevor dieser Staat wieder in die Union zurückkehre. Die Regierung von Canada hat militairischc Borbercitungen gegen die Fe nier getroffen. Biele Soldaten sind zu Toronto verhaftet worden, weil sie mit den Fe- niern sympathisirt haben.— Laut Berichten aus Mexiko hätten die Kaiserlichen zwei Siege(?) er- fochten. * Italien, f Regierungscrlaß. Der König. Zur Lage. f Die italienische Regierung hat, wie der Abend-Moniteur niittheilt, den Civil- und Militär-Verwaltuiizen, welche in Folge des Abzuges der französischen Truppen mit den päpstlichen Behörden in Berührung kommen, Befehl gegeben, daß sie sich der strengsten Beob- achtung der Pflichten, welche die neue Situation herbeiführt, zu besteißigen haben. Victor Emanuel hat in der Nacht vom 12. auf den 13. d. M. die Rückreise von Neapel nach Florenz angetreten.— Die Reise des Königs nach Neapel soll bei der gesammten Bevölkerung den besten Eindruck gemacht haben. Die Italiener haben der Cholera gegenüber durchgängig nicht durch übergroße Furcht- losigkeit geglänzt und um so tiefer empfindet es daher die Masse der Bevölkerung, daß Victor Emanuel hiervon ein Ausnahme machte. Die Unila Cattolica, die sich durch den ähnlichen Act des Kaisers der Franzosen kürzlich zu einer bei ihr doppelt auffallenden Begeisterung für den zweifel- haften Alliirten des Papstes hinreißen ließ, wird nun zugeben müssen, daß man einen Theil ihres Lobes auch auf de» König von Italien überträgt. Die Vertagung der Parlaurents-Erösfnuiig ist übri- gens fast noch mehr als durch die Reise Victor Emanuel's durch das langsame Fortschreiten der Herrichtung des Saales bedingt worden. Politische Motive sollen nicht vorliegen, namentlich nicht etwa eine Unschlüssigkeit wegen der Thronrede. Dieselbe ist so gut wie fertig, und man hört mit Bestimmtheit, daß nicht die Iciseste Anspielung auf eine Abänderung der Parlaments- Beschlüsse in Bezug auf Rom darin vorkomme.— CriSpi, Ci- priani und einige andere Gesinnungsgenossen haben die Dcpntirtcn der Linken durch ein Circular eingeladen, ihre Hieherkunft zu beschleunigen, damit die Partei noch vor deni Beginn der Session ihre Taktik berathen könne. Zunächst wird die Linke sich über die Präsidentenwahl verständigen. Sie schlägt Bkordino vor, wird aber allenfalls auch Rattazzi unterstützen. Ein Theil des Mi- nisteriums, u. A. auch Herr Sella, möchte am liebsten Lanza mit dem Vorsitze der Kammer be< traut sehen. Die Schwierigkeiten für das Cabinet nehmen indeß eher ab als zu. Von den 200 neuen Deputirtcn haben etwa 160 ihre Plätze mehr oder weniger nach links bestellt. Ueberdies ist man im Schocßc des Ministeriums selbst nicht einig. Sella verlangt eine Armeereduction; Lamarmora aber, der Anfangs sich einer solchen nicht gerade abge- neigt zeigte, macht jetzt wieder Einwendungen. * Rußland.[Die Moskauer Zeitung betreffend) schreibt man aus Riga, 12. d., der „National-Zeitung": In ihrem neuesten Rückblickartikel kündigt die„MoSk. Ztg.," freilich in sehr verdeckler Weise, ihren Rückzug i» Sachen der Befehdniig der Ostseeprovinze» an. Sie klagt, daß die Zahl der mit der hiesigen Zeitung im Bunde stehenden Wühler größer geworden, St. PeterS- burger, Rigaer und Mitauer Korrespondenten in der ,, National-Zeitung" und andern ausländischen Blätter», wozu jetzt noch ein gewisser Jegor v. Sivers gekommen, hätten sich vereinigt, die„Mosk. Ztg." zu verleumden und ihre bekannten angeblich redlichen Absichten, die sie wiederholt aufzählt, anzuschwärzen, und schließlich wun- dcrt sie sich darüber, daß jene da« Deutschthum in den Ostseeprovinzen vertheidigenden Publizisten gegen sie, die konservativ, so viel Groll hätten, während sie zu gleicher Zeit sich z» der demokraiischc» Partei, die die vollstän- dige Vernichtung der allein die Deutschen schützenden Privilegien bezwecke, sehr freundschaftlich verhielten. Ganz richtig bemerkt hierzu die„Rigaer Ztg.":„Uns liegen die Parteien, welche die ,.MoSk. Ztg." ineint, zu fern, um über den wabreu, unter den Parteinamen sich ver- bergenden Charakter derselben nuS ein richtiges Bild machen zu können. Sie läßt diese demokratische Partei Rußlands sich am deutlichsten im„Invaliden" auSge- sprochen haben und wundert sich, daß jene Publizisten dieser Partei nicht feindlich gegenüberstehen, sondern sich vielmehr, wie jüngst der St. Petersburger Korrespondent der„National-Ztg.," sehr günstig über die demokratische Partei, an deren Spitze ein Deutscher stände, aus- sprächen.... Wir wollen Reformen, sie nicht; wir halte» die„Mosk. Ztg." für iinsere gefährlichste Feindin und da« lhut mit nn« gewiß auch der konservativste Wohlgesinnte in unsern Provinzen." —[lieber die Deutsche» in Rußlands schreibt man der„Köln. Ztg." aus Petersburg, 8. November: Die feindliche Stellung, welche einzelne Organe der russischen Presse gegen da« Deutschthum angenommen, hat gewiß als die vortüglichste Ursache dahin gewirkt, daß sich die Deutschen jetzt enger an einander schließen. Viele Unterstützung«> Vereine hatten sich bereits linier den deutschen Gewerbtreibenden gebildet, als vor zwei lind einem halben Jahre ein Institut in« Leben trat, da« in seiner Fortentwicklung ein solider Mittelpunkt werde» kann, um welchen sich die socialen Interessen der hiesigen dentschen Gewerbetreibenden lagern müssen. E« ist die« da« Gesellenhan«„zur Palme." Dasselbe hat den Zweck, den an« dem Auslände ankommenden Gesellen angenblicktich ein sichere«»nd anständiges Unter- kommen zu verschaffen, für die weitere Unterbringung derselben zu sorgen, dann aber auch de» Mitgliedern Gelegenheit zu ihrer weiteren Alisbilduiig und zu an- ständiger Unterhalt,», q zu gewähren. Mitglieder können Gesellen, Gewerbetreibende und auch Personen anderer Stände gegen ein Eintrittsgeld von l Rubel und einer inonatlichen Zahlung von einem halben Rubel werden. Der Verkauf des Braniitwein» ist statutenmäßig unter- sagt, dafür wird dem Bier-Eoilsum keine Beschränkung auferlegt. Jeden Sonntag wird ein Vortrag über ge- schjchlliche, volkswirthschastliche, aus da« Bereinslebcn be- zügliche Gegenstände, überhaupt über Themata von all- gemeinerem Jutcresse, die zur geistigen Thätigkeit anregen können, von irgend einem der hier so zahlreich vertre- tenen deutschen Männer der Wissenschast geHalle». Dann folgen Beliistigiiiigen durch Gesang und Declamalion, zuweilen auch durch Aufführung kleiner Stücke, wobei bereits sich einzelne ganz allerliebste Talente unter den Gesellen selbst herausgestellt haben. Für den Geist, der in der Gesellschaft herrfcht, ist der Unistand charakteristisch, daß während de« 2l/ejährigen Bestehens derselben noch kein Fall vorgekouinien ist, daß ein Mitglied wegen»n- gebührlichen Betragens hat ansgeschlosseii werden müssen. Wenn wir dabei täglich an Menfchen vorübergehen, welche in halber Bewußtlosigkeit auf der Straße umhertaumeln, oder auch in ganzer Bewußtlosigkeit regniigslo« da- liege»! wenn wir täglich in den russische» Zeitungen von Unglücks- oder Todessällen in Folge der überhand« nehmenden Trunksucht lesen, so muß da« Gesellenhau« „zur Palme" wirklich als eine palmenbeschattete Oase in Feuilleton. Aus Lucinde oder Kapital und Arbeit. Roman in 4 Bänden von I. B. v. Schweitzer. Band II., Kapitel 24. Volksmäiinerpolitik. (Fortsetzniig.) Meine Herren! Verhehlen Sie sich Eines nicht: der Socialismus ist eine gefährliche Sache. Wenn er in den Kopsen der Arbeiter noch nichr um sich greift, wird man den berechtigte» Einfluß der intelligen- ten und besitzenden Mittelklasse, welche doch allein zur Lenkung de« modernen Staates be- rufen ist, zu brechen, wird mau den Schwer- Punkt des Staates in die arbeitende», statt in die besitzenden Classen zu legen suchen. Ein solche« Unglück aber, meine Herren, muß um jeden Preis verhütet werden; daher auch müssc» wir den Socialisinns um jeden Preis vernichten. E« ist wahr, meine Herren, die jetzt unter den Arbeitern verbreitete Lehre, welche darauf hinanSläust, daß der Staat den Arbeitern die Betreibung selbstständiger Productivassociationen ermög- licheu soll, knüpft in gewissem Sinne an da« Bestehende an. Allein gerade darum ist sie sehr gefährlich und muß daher durchaus mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Aber Sie frage» wie? Meine Herren! Die Antwort liegt nahe: sehe» Sic aus die Ereignisse in Frankreich im Jahre 1848, blicken Sie aus die glorreichen Volksinänner der französischen Februarrevolution und Sie haben die Antwort! Von i>> n c» ist nn« d e r W e g, den wir zu betreten haben, vorgezeichnet. Und wir— wir sollten ns scheuen, den bewährten Weg, den jene unvergeßlichen Volksmänner nn« gezeigt, mit sicherm, festem Schritte zu betreten? Der gelehrte Doctvr hatte geendet und unzweideutige Rufe eines begeisterten Beifalls wurden laut. Vorzüglich! Ansgezeichnet! Nnübertrefflichl rief Jtzinger. Bewundernswerth! murmelte auch der treffliche Fisch und der große Batz saß mit sreudestrahlendem Angesicht da. Der General sab verwundert um sich. Ans einmal begann der Arbeiter Lorenz Dahlen: Wenn ick den Vortrag de« Herrn Dr. Lang recht verstanden habe, so ging die Sache im Jahre 1818 in Frankreich und geht auch jetzt darauf hinaus, die Ar- beiler z» betrügen. Allgemeines Schweigen trat ein, während dessen uu- willige Blicke auf dem Arbeiter ruhten. Nach einer Pause begann der Präsident: Mein lieber Dahlen! Hören Sie ein ernste« Wort. Wir haben Sie in die Regierung berufen— ganz gut! aber ich bitte Sie dringend, nicht durch Fragen oder lange Reden über Dinge, die ausserhalb Ihres Fassiings- kreises liegen, die Bersaniinlung zu ermüden oder aus;»- halten. Würden Sie dieser meiner Bitte nicht nachkom- men, so müßten wir weiter sehen, was zu th»n wäre. Doch ich hoffe, Sie werden die Ehre, in der höchsten Regierungsbehörde z» sitzen, zu würdigen wissen. Von jetzt an— vergessen Sie dies nicht— sind Sie ein gemachler Mann im Staate, dafür lasse» Sie mich sorgen. Sie kennen mich, mein lieber Dahlen, und werden mit mir znsrieden sein. Der Präsident balle geendet, der Arbeiter schwieg nachdenklich still und der General schrieb in sei» Notiz- buch. Ans einmal sagte der letztere- Ich muß dem Herrn Lorenz Dahlen beistimmen; auch mir scheint jene vielbewunderte Taktik a»f einen Betrug gegen die Arbeiter hinauSzulanfen. Ueberdie« bin Ich der Ansicht, daß, da dieser Herr Mitglied des Colle- giuuis ist, er ganz dasselbe Recht haben muß wie jeder Andere. Gestatten Excellenz,— begann eifrig der gelehrte ' Doctor Lang,— daß ich die Sache unter den richtigen . Gesichtspunkt bringe. Es ist klar, daß eine siegreiche Revolution die Ge- mllther bis in die tiefsten Schichten der Gesellschaft hinab aufregt und daß in Folge hiervon verkehrte und verrückte, aber zugleich höchst gefährliche Begriffe in den untern Ständen de« Volkes Platz greisen. Es ist daher die erste Pflicht einer Provisorischen Regierung, die socialen Einwirkungen einer siegreichen Revolution so schnell wie möglich wieder auszurotten. Denn nur wenn die Funda- mente der hergebrachten gesellschaftlichen Ordnung uner- schüttcrt bleiben, ist der wahre Fortschritt, die inaßvolle Entwicklung der staatlichen Verhältnisse möglich. Vortrefflich! bemerkte der Professor. Nun ist aber klar, meine Herren— fuhr der Redner fort—, daß daß so überaus wichtige niaterielle Wohl der unteren Classen zunächst abhängt von dem Wohl- stände in den höheren und mittleren Schichten der Ge- sellschaft. Weiili die besitzlosen Massen die« nicht ein- sehen, sondern trotz de« innigen Zusaminenhangs der Elemenle im StaalSorganisniuS durchaus selbstständig sei» wollen, so ist dies gerade so einfältig, wie wenn sich der Fuß gegen den Magen revoltire» wollte. Da solche Dinge absolut unstatthaft sind, so ist man, sobald die Arbeiter sich derlei Ideen in den Kopf gesetzt haben»» d s i e z>> v e r w i r k l i ch e n Miene machen, g e» ö t h i g l, sie in den Straßen der Städte zu sa in in e n z uschießen, wie im Juni 1848 in Frankreich, woselbst man sie in Pari« mit Reckt zu Tausenden zusanimengeschossen hat. Allein wir, meine Herren, die wir Volksmänner, die wir Vertreter de« Fortschritts und Jünger der Huma- »ität sind— wir müssen Alle« ansbielen, um solche Gränel zu verhindern, wir müssen vorbauen, wir müsse» den Arbeiterstaud noch rechtzeitig aus seiner gefährlichen Verblendung herauszureißen suchen. Die« aber, nieine Herren, könne» wir, da derselbe jetzt aufgeregt, aus die öffentlichen Dinge aufmerksam ist»nd die Gewalt in Händen hat, nicht ander« als dadurch, daß wir ihm scheinbar nachgebe», daß wir, indem