Nr. 208. Berlin, Mittwoch den 29. November SocialGemokrat. Ditsr Zeitung ersckeint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Festtage. Organ des Allgemeinen deutschen Arbeiter-Bcreins. Redigirt von J. v. V. Hofstetten und I. v. v. Schweitzer. Redaction und Expedition- Berlin, Dresdnerstraste Nr. 85. AtzonnementS Preis für Berlin incl. Bringerlohn: vierteljährlich 18 Sgr., monatlich 6 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den jtönigl. preußischen Post- ämtern Ä'/s Sgr., bei den preußislben Postämtern im niittpreußischtn Deutsch- land 18»/« Sgr., im übrigen Deutschland 1 Thlr.(st. 1. 45. slldd., st. 1. 50. österr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärt» auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Eompagnie, Scharrenllr. I, sowtt auch unentgeltlich von jedem„rothen Dienstmann" entgegen genommen. Inserate(in der Expedition auszugeben) werden pro dreigespaltene Petit-Zeile bei Arbeiter-Annoncen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mit 3 sgr. berechnet. Agentur siir England, die Colonieen und die überseeischen Länder: Mr. Bender, 8. Linie New-Port-Street, Leicester-Square W. C. London. Agentur für Frankreich: G. A. Alexandre, Strassbonrg, 5. Kue Brulee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andre-dea-Arts. politischer Theil. Deutschland. * Berlin, 28. Nov.[3l,r Drohnoten- Geschichte und vorniäcktliä'en Allianz� ver- sichert jetzt die„Nordd. Allg. Ztg." offiziös, daß „von Preußen stets nur verlangt worden sei, daß Frankfurt durch den Bundestag an die Er- füllung seiner Pflicht, für die nöthige Rücksicht- nähme auf die Würde des Bundes zu sorgen, ge- mahnt werde". Also wirklich der Bund und keine Bormächtelei mehr? Die„Köln. Ztg." da- gegen, welche aus zuverlässiger Quelle ge- schöpft haben will, beharrt auf ihrer Ansicht,„daß die täglich auS Wien erwartete Antwort die Sache einer Berständigung nicht näher bringen werde. Die Meinungsverschiedenheit zwischen den beiden Cabinetten beruhe auf einem seit Jahren offen- kundigen principiellen Gegensatze rücksichllich der Bundestags-Competenz, und der Frankfurter Fall entHalle für keine der beiden Mächte ein Gewicht, durch welches sie zum Verlassen ihres bisherigen Standpunktes sich gedrängt sehen könnte. Die Verhandlungen, die so weit, pro forma, geführt worden seien, dürften mit der gegenwärtigen öfter- reichischen Antwort einschlafen." Mag nun das Eine oder das Andere richtig sein, so viel steht fest, daß die vormächtliche Allianz nicht so gefährlich ist, als sie aussieht.„Es ginge wohl, aber es geht nicht." —[Die feudale Z e i d l e r' s ch e Corresp."s meint:„Die nächste Kanimersession werde nur sehr kurz sein." Sie schreibt, äußerst zuversichtlich und kampflustig: Wir glauben, daß die Regierung bei dem ersten Ans- brnche einer Leidenschaftlichkeit, welche das praktische Wirken zu einem bloßen Schein-»nd Formelwerk herab- drückt, die Session schließen wird, daß daher schon eine Rede, wie diejenige, mit welcher Herr Grabow die Session einleilete, ein Motiv zur Entlassung der Kammer liefern würde. Nur zu! —[Die Pr.-Litth. Ztg.s berichtet eine» Prä- cedenzfall, auf welchen sich zu berufen unsere gegen- wärtigen Preßverhältnisse wohl noch Veranlassung geben dürften. Der Redacteur der„Hartung'scheu Ztg.", welcher bekanntlich gegenwärtig zur Verbü- ßung der gegen ihn wegen Preßvergehens erkannten Strafen sich in Haft befindet, wurde auf seinen Antrag am Tage der Stadtverordneten-Wahlen auf 4 Stunden seiner Haft entlassen, damit er als Wähler seine Bürgerpflicht erfüllen konnte.— —[lieber die Schulze'schen Genossen- schaftenj schließt die„Köln. Ztg." ihre Artikel, speciell über die Solidarhast bei denselben: Demnach ist das Resultat unserer Erörterung: Die Solidarhaft eignet sich au« besonderen, ganz speciellen Gründen für die Schulze'schen Handwerker- Ge- nossenschasten; aber sie eignet sich durchaus nicht, als Norm auch für die Arbeiler-Geuossenschaften 1 ausgestellt zu werden. Die Pioniere von Rochdale und , fast alle anderen englischen Arbeiter-Genosseuschaften haben ganz mit Recht gleich nach dem Erscheinen de» Gesetze», welches die Gesellschaften mit beschränkter Haft- barkeit(anstatt der bisherigen Gesammthaft) zuläßt, sich als solche constiluirt. Unser Urtheil stimmt also in so fern ganz mit dem, welche» schon 1858 Herr V. A. Huber im„Arbeitgeber"(Nr. 1l3, 24. Nov. 1858) dabin aussprach:„Bei jener deutschen Genossenschast mit un- beschränkter solidarischer Haftbarkeit zu Beschaffung eine« relativ bedeutenden Eapital», um von vorn herein den Betrieb mit einer gewissen Breite eröffnen zu können, — bei dieser gleichsam al» orthodox proklamirtcn Me- [ thode hat man jedenfalls nur an da« Handwerk, oder eigentlich nur an die Handwerksmeister gedacht. —[Da» Obertribunal� bat vor Kurzem den RechlSgrundsatz aufgestellt, daß in einer Exekution gegen den Ehemann eine Beschlagnahme der Mobilien der Frau selbst dann zulässig ist, wenn die die Möbel ber. gende Wohnung von der Frau gemiethet worden ist, vorausgesetzt, daß der Ehemann von dem Mitbesitz der Wohnung nicht ausdrücklich ausgeschlossen ist. * Wien, 25. Nov.[Ungarische Kaiser- reise. Die Landtagseröffnung. Die böh- mischen Föderalisten.� Die Kaiserreise nach Pesth ist jetzt bestimmt auf den 12. Der. festgesetzt. Die Abwesenheit deS Kaisers, der nur mir einem kleinen Gefolge reisen will, soll nur auf 6— 8 Tage berechnet sein. Von den Ministern geht kein ein- ziger, auch ber Ministerpräsident nicht, mit nach Pesth. Dagegen wird Herr v. Majlath, der un- garische Hoskanzler den Kaiser begleiten. Die feier- liche Eröffnung des Landtages findet bestimmt am 14. Dec. statt.— Ueber das Programm der böh- mischen Föderalisten bringen sämmtliche föderali- stische Journale bemerkenswerthe und, merkwürdi- ger Weise, übereinstimmende Auseinandersetzungen. „Narod" sagt: Unsere Nation erwartet und wird es mit aller Macht des guten Rechte« und der innersten Ueberzeugung ver- fechten, daß man Alles so bewahren werde, wie es das Wohl des Lande» auf Grundlage der althergebrachten Selbstständigkeit verlangt.'Namentlich erwartet sie, daß bereits die Zeit gekommen sei, in der der Landlag dieses Königreiche« alle Befugnisse wieder erlangen wird, welche die althergebrachte, seil Jahrhunderten auf der breitesten Basis beruhende, durch die für gemeinsame Angelegen« beiten berufene Reichsverlretung jedoch geichmälerte Selbst- ständigkeil de« Lande« erheischt, Befugnisse, die den Land- tagen der Königreiche Ungarn und Croatien bereit» zu- gestanden wurden, wobei unsere Nation einmüthig er- wartet, daß unser Landtag in seiner Rechtsstellung und Gliederung den obengenannten Landtagen nicht nach- stehen werde. Ganz dasselbe wollen für sich die Landtage der übrigen Kronländer und es ist nicht abzusehen, wie bei den widerstreitenden Interessen der diesseits und jenseits der Leitha liegenden Länder die öfter- reichische Regierung zurecht kommen wird. Die Confusion ist unheilbar. Und das ist gut.- „Das Alte fällt, e« ändert sich die Zeit, Und neue» Leben blüht au» den Ruinen." * Karlsruhe, 24. November.[Landstände. Herrenhaus. Schulgesetz.� Die Landstände im Großherzogthum Baden sind auf den 30. Nov. einberufen. Ferner hat das dortige Herrenhaus, in ber letzten Zeit, eine Verstärkung erhalten; die be- kannten SlaatSrechtsgelehrten Mohl und Bluntschli, sowie der KirchenrechtSlehrer Rothe und einige hervorragende Industrielle des Landes sind vom Großherzog zu Mitgliedern ernannt worden. Auch wird die Abficht der Regierung angekündigt, das ganze Schulgesetz, nicht blos den Theil über die Ausbesserung der Lehrergehalte, den Ständen vorzulegen. Nicht mehr als billig! Ausland. * Paris, 26. Nov.[Tagesbericht.� DaS „Journal deS Debats" bringt einen von feinem Secretär unterzeichneten Artikel über Oesterreich und Preußen und deren Vorgehen gegen Frank- furt. Darin heißt eS: Wenn die frankfurter Behörde» sich weigern, den Wünschen Oesterreich» und Preußen» nachzukommen, s» werde» Oesterreich und Preußen, wenn sie daraus be« stehen, sich an die einzig competente Behörde wenden müssen, nämlich an den Bundestag.... Wir können den Cabinetten von Wien und Berlin keine andern Ab- sichten zutrauen, als die sie kund geben, weil es un» widerstrebt, zu glauben, daß man daselbst weder die Rechte Anderer, noch die garantirten Berträge achte und daß man daselbst die Auflösung de» deutschen Bunde» selbst durch Gewalt bezwecke, auf die Gefahr hin, einen europäischen Krieg herbeizuführen, dessen Folgen denen, welche ihn heraufbeschworen, leicht verderblich werden könnten. Kommt die Angelegenbeit vor den Bundestag (und wir können kaum glauben, daß die» nicht geschehen sollte), so wird sie. fall« Oesterreich und Preußen bei ihrem Vorhaben beharren, wa« zu bezweifeln steht, frei- lich insofern an Bedeutung zunehmen, al» wahrscheinlich dann der Bundestag die meisten gegen den Congreß der deutschen Abgeordneten, gegen den Sechsunddreißiger- Ausschuß und gegen da« dirigirende Comitee erhobenen Klagen begründet finden und die Versammlungen der- selben in Frankfurt oder in jeder andern Stadl Deutsch- land» verbieten wird; e« läßt sich auch voraussehen, daß man die Gelegenheit benutzen wird, um am Bundestage den Antrag zu stellen, man möge noch einen Schritt weiter gehen und durch strenge Maßregeln da« Versamm- lungs- und VcreinSrecht reglementiren. Dupin hat seinem Biographen, dem Professor Ortolan, seine reiche Bibliothek vermacht. Die Bibliothek des Advotatenstandes erhält die(ÜoIIec- tion de tous les arrets des aneiens Parlament«, (Sammlung aller Rechtsaussprüche der alten Paria- mente), die einzig in ihrer Art und Dupin von LouiS Philippe geschenkt worden ist.— Der„Courricr du Dimanche" hat so eben wieder eine Verwar» nung wegen eines Artikels von Prevost-Paradol über die unerwartete Berurtheilung des„Phare de la Loire" bekommen. Die Communiques zählt man nicht mehr; die Blätter fangen ullmälich an, unter dem Damoklesschwerte der Verwarnungen eine regelmäßige Beantwortung der ministeriellen Noten zu versuchen. Bis jetzt sind diese Antworten z. B- dem„Temps" und dem„Siede" ungestraft hingegangen, aber es ist und bleibt immer ein wahrer Tanz auf Eiern.— Die Ankunft des dänischen Gesandten in Petersburg, Grafen Otto Pieschen, in Kopenhagen, wird hier allgemein mit oem Wiederauftauchen des vergessen geglaubten Projek- tes der Personal-Uuion m Verbindung gebracht. „France" und„International", die beide ihre In- formalionen vom auswärtigen Amte zu empfangen pflegen, erwähnten in diesen Tagen bckanntliä» das fragliche Jntriguenspiel gleichfalls. Graf Otto Plessen gilt nebst dem russischen Gesandten in Kopenhagen, Baron Zkicolay, für den eifrigsten Förderer jenes zweifelhaften Planes.— König Victor Emanuel soll, wie man hier versichert, bei seiner jüngsten Anwesenheit in Turin nicht unbedenklich erkrankt sein, während Prinz Napoleon mit seiner Gemahlin im strengsten Jncognito eine» Besuch in Florenz abgestattet habe.— Einer Correspondenz des„Temps" zufolge, ist eS keineswegs die Repu- blik Chili gewesen, welche die Intervention der europäischen Mächte in ihrem Streite mir Spanien in Anspruch genommen hat. Dies hat seine voll- kommene Richtigkeit. Es ist Spanien gewesen, welches von Nordamerika ernstlich bedrängt, dazu geschritten ist. Nach dem„Pays" ist eS übrigens sicher, daß diese Angelegenheit auf friedliche Weise beigelegt wird und England die Rolle des Ber- uiittlers übernommen hat. * London, 25. Nov. sM r. W. Forst er. Reform-Meetings. Fenierprozeß. Stephen s- Aufregung in Dublin. Kabinets- Verlegenheiten.„Saturday Rewiew" über das herrschende System. Preß-Stimmen über Jamaica. Aufstand unterdrückt.� M. W. Forster hat, dem„Globe" zufolge, das Colonial- Unter- Staatssecretariat übertragen be- kommen und dieses Amt angenommen.— In Bradford wurde eine große Volksversammlung zur Besprechung der Parlamentsreform ab- gehalten, ebenso in Birmingham. In ersterer war der Hauptredner Mr. Forst er, der neu er- nannte Colonial- Unter- Staatssecretär und parla- mentarische Vertreter von Bradford, die letzerc wurde von der nationalen Reformliga geleitet. Die Frage, wo die Grenzen einer Ausdehnung des Wahlrechts zu ziehen seien, beantwortete Herr Forster nur allgemein:„Was uns nolh thut, ist ein Gesetz, welches den arbeitenden Klassen ihren Autheil giebt. Nicht den Antheil, meine ich, welchen sie wohl schließlich erringen werden, nicht einen überwältigenden Antheil; aber doch einen reellen Theil, der die bevorstehende Reform zu einer Aera in der Geschichte unseres Landes machen wird." Die vorgeschlagenen Resolutionen, welche den Premier zur Einbringung einer durchgehenden refor- matorischen Maßregel und zur Vermeidung jeder Verzögerung eines solchen Schrittes auffordern, wurden unter großem Beifalle angenommen; sie werden mit einer Denkschrift dem Earl Russell durch eine Deputation überreicht werden. Die Birminghamer Versammlung gab dem Kabinet Russell-Gladstone ein Vertrauensvotum und sprach sich für allgemeines Stimmrecht(nur durch eine gewisse Frist der Ansässigkeit beschränkt) aus. John Bright war zu Theilnahme an den Verhandlungen eingeladen worden, lehnte aber brieflich ab, weil er schon zugesagt habe in der ersten Woche des Tecember einer Reformversamniluug in Birmingham beizuwohnen; sonst würde er die Einladung gerne angenommen haben.— Der Fenierprozeß nimmt riesige Dimensionen an. Die„Times" schreiben: „Die Fenier ergreifen jetzt die Offensive und schreiten zum Angriffe mit einem Muthe, der ihre Gegner wohl verlegen machen und die zwölf Richter in Verwirrung bringen könnte, da dieselben, seit sie im Richterstuhle sitzen, eine solche Fluth politi- scher Prozesse nicht gesehen haben. Die Angeklagten kehren sich gegen den Lord- Statthalter, gegen die Polizei, gegen Sir John Grey." Von den Ver- thcidigern der Angeklagten ist Alles versucht worden, dem Lauf der Dinge Einhalt zu thun. So hat der Advokat Buk im Namen Luby's, O'Lcary'S und O'Donovan'S beim k. Gerichtshofe in Dublin einen Antrag gestellt, dessen Annahme die drei An- geklagten der Untersuchung der Specialcommission entzogen hätte. Der Antrag, der durch die Be- Häuptling der Unmöglichkeit einer unparteiischen Untersuchung in Dublin motivirt war, wurde jedoch abgewiesen.— James Stephens, angeblich das Haupt der Fenier in England, dessen Eiasticitäl des Geistes von Niemandem bestritten wird, hat auch eine solche des Körpers bewiesen, indem er unter schwierigen Umständen aus seiner Gefängnißzelle ent- stehen ist. Es sind hohe Preise auf seine Habhaft- werdung gesetzt worden; er soll in einem Fischerboote glücklich auf die hohe See entkommen sein.— In Dublin herrscht große Aufregung. Man denkt an Verstärkung der Garnisonen und Befestigung der Forts und spricht wieder viel von den geheim- nißvollen Schiffen, die man im irischen Kanal er- späht haben will. Die wildesten und verschieden- artigsten Gerüchte gehe» von Bkund zu Mund.— In der KabineiSbildung obwalten unzweifelhaft noch große Schwierigkeiten. Darauf deutet schon die große Anzahl der jüngst gehaltenen Minister- Be- rathungen. Mit der Ausnahme Fortescue's und Gösch en's in die Verwaltung ist man so ziemlich allgemein zufrieden. Doch ist Earl Russell daniit noch lange nicht aus der Verlegen- heit. Die Schwierigkeilen sitzen zu lief; die Schuld liegt»islt so fast an diesem oder jenem einzelnen Manne, sondern an dem einmal herrschenden System. Aeußerst einschneidend und scharf verurtheilend spricht sich darüber die„Saturday Rewiew" aus. Sie sagt unter Anderem: Kein Wunder, daß Lord Russell und Mr. Gladstone in Verlegenheit sind... Da« System ist freilich zu schlimm. Es ist in dem Stadium angelangt, wo Jeder- mann anerkennt, daß es nicht zu verlheidigen ist, und daher wird man eS niemals ändern... Wir haben es nicht mit eilieni oder zwei Staatsmännern zu thun, die einst bedeutend waren und sich überlebt haben, sondern wir haben eine Gruppe von Ministern auf dem Halse, die nie in irgend einem Kabinel hätten sitzen sollen und nur, Dank der gebieterischen Etiquetle der Parleipolilik, sich halten. So lange sie in einem verhältnißmäßig jugendlichen Alter standen, war das Uebel weniger schreienv, weil milde oder sanguinische Kritiker immer prophezeihen konnten, daß sie ini Alter sich in unerwarteter Weise entwickeln würden. Die Zeil hat jetzt gelehrt, daß ihr geistiger Boden an hossnungsloser Unsruchtbarkeil leidet. Dann fährt sie fort: Wer einmal im Kabinet ist, bleibt im Kabinet.— Diese Regel hat wenige Ausnahmen, und gar keine Alis- nähme bei Männern, die zufällig aristokratische Ver- bindungen haben. Es scheint unser Schicksal zu sein und wir können ihnz nicht widerstehen. Das Haus der Ge- meinen hat keine Autorität in Bezug auf die Ernennung einzelner Minister. ES kann gegen die Herrschaft einer besonder» Partei oder selbst gegen die Regierung eines besonderen Premiers Einwendungen«heben. Es kann eine Politik verwerfen oder über ein Individuum, das sich gröblich vergangen hak, seinen Tadel aussprechen. Aber e« hat nicht die Macht, das Unkraut eines Kabinels auszujäten. Nach der Definition eines EynikerS ist das bestmögliche Kabinet ein Löwe, der an der Spitze von einem Dutzend Eseln steht: und ohne Zweifel kann ein solches Kabinet, wenn nicht Tüchtiges leisten, doch sich halten. So lange der Löwe seinen Ruf behauptet, sitzen die zwölf Eiel, unter gewöhnlichen Umständen, fest im Sattel. Nur eine Krisis wie die jetzige, und die Drohungen eines Mißvergnügte» wie Mr. Bright können die Sicher- beit ihres erworbene» Rechtes erschütter». Da wenig Aussicht vorhanden ist, diese im Bernstein steckenden Fliegen ganz los zu werden, wäre es eine ziemlich inter- effante Frage, wie sie hineingekommen sind, um so mehr, als keilie politische Partei von ihnen frei ist. Die neuern Ereignisse haben der Zusamniensetzung von Lord Derby'S Partei ein blos speculatives Interesse verliehen, denn kein noch so excentrischer politischer Prophet wagt es als wahrscheinlich vorauszusetzen, daß Lord Derby je wieder an's Rnder berufen werden wird.— Bezüglich des Neger an fftaufceö auf Jamaica wird in der Presse ein heftiger Kampf über das Verhalten Dr. Underhill's und den Bericht des Gouverneurs Eyre geführt.„Spectator",„Daily � News" und„Star", aberdießmal auch„Adverliser", „Pall- Mall- Gazette" und„Saturday Rewiew" wenden sich gegen die Angriffe von„Times",„Post" und„Herald", aus Dr. Underhill und kennzeichnen die Theorie von der„moralischen Mitschuld" Un- derhill's und den„constructiven Berrath" Gordon's als despotisch. Eö wird darauf aufmerksam ge- macht, daß die ganze Darstellung der Vorgänge einseitig und die Schwarzen noch nicht gehört wor- den seien.„Pall-Mall-Gazette" sagt, daß sowie man bei Gelegenheil des indischen Aufstandes zuletzt richtig erkannt habe, daß der Fortbestand, des indischen Reiches den guten Willen der Eingeborenen zur unerläßlichen Bedingung habe, man auch jetzt den Mulh haben müsse, diese Rücksichten auch auf Jamaica anzuwenden„Sat. New." beurtheilt die Depesche des Gouverneurs Eyre ähnkich wie„Daily News". Sie will hoffen, daß Eyre blos aus lln- geschicklichkeit verfehlt habe, de» Leser von der Richtigkeit seiner Annahmen und der Gerechtigkeit seiner Maßregeln zu überzeugen; aber Gordon'S Hinrichtung kommt ihr sehr spanisch vor. Wegen politischer Reden, die ein Beamter aus eigener Machtvollkommenheit als„aufrührerisch" stempelt, hätte man auch nach dem ersten Ausbruch in Irland Mr. O'Connell aufhängen können, oder könnte man Mr. Bright hinrichte». UebrigenS— meint sie spöttisch— war Gordon, trotz einer Beimischung afrikanischen Blutes in seinen Adern ein Mann von Erziehung, ein Volksvertreter, Kirchenvorstand, Demagoge und, laut der Meinung des Kriegsge- richls, ein schlauer Verschwörer. Gegen eine Race, die solche Insurgenten hervorbringt, sollte man nicht voreilig einen blinden Kreuzzug predigen.— Die „London Rewiew" nimmt den Gouverneur Eyre � theilweise in Schutz, indem sie den Leser ersucht, sich in die bedrohte Lage der Weißen auf Jamaica hineinzudenken und zu erwägen, daß der energische Sinn des Gouverneurs jedenfalls die Insel gerettet habe; allein die Hinrichtung Gordon'S kann sie doch nicht umhin zu bedauern, ebenso wie sie die Ausfälle gegen Dr. Underhill mißbilligen muß.— Auch das juristische Fachblatt„The Solicitors Journal" verdammt die Hinrichtung Gordon's und bezeichnet sie als Mord.— Die Admiralität erhielt über Euba die Meldung, daß auf Jamaica der Aufstand vollständig unterdrückt und Truppensen- düngen überflüssig seien. * Italien.[Die Opposition im Paria» m ent. Crispi. Prinz Napoleon. Rviii.j Die Opposilionsmitglieder in Florenz haben in ihrer ersten Parteiversammlung einen Ausschuß von sechs Personen gewählt, welcher ihr Programm ausarbeiten soll. Diesen Sechser-Ausschuß bilden: Calvino, Cipriani, Crispi, de Boni, de Luca, Macchi und Mordini. Eine Rede, welche Crispi so eben an seine Wähler in Citla di Castello gehalten, dürfte die wesentlichen Punkte dieses Pro- gramms bereits vorab erkennen lassen. Bor Allem verlangt CriSpi die volle Einheit Italiens mit Rom als Hauptstadt. Jedoch sagt er vom Sep- tember-Vertrage, daß derselbe keine Annullirung der Rechte Italiens einschließe, sondern nur eine neue zu überwindende Schwierigkeit bilde, indem er der Nation höhere Verpflichtungen auferlege. Es ist also Hiernack) die Voraussetzung gerechtfertigt, daß die Opposition nichts verlangen wird, was der genauen Beobachtung der Convention widerspricht. In Bezug auf die innere Politik äußert sich Crispi gegen die bisherige administrative und militärische Eintheilung des Landes: er verlangt eine Munici- pal-Verfassung, welche unter Beseitigung der künst- sich geschaffeneu Provinzen nur die Gemeinde und den Staat bestehen lasse. Er beruft sich auf das Beispiel Englands, vergißt aber zu sagen, wie man in Italien die in England vorhandenen Vorbedin- gen in der Geschwindigkeit aus der Erde zaubern könne. Die großen sinanciellen Bedürfnisse Italiens giebt er zu, aber er verlangt, daß man die Steuern auf das unumgänglich Nothwendige beschränke und sie von dem Einkommen und nicht vom Capital erhebe. Auf eine Interpellation in Betreff Ve- netienS antwortete Crispi durchaus kriegerisch, in- dem er meinte, daß Italien sich noch durch einen großen und ernsten Krieg seine militärischen Spo- ren verdienen müsse. Kaum daß er zugiebt, daß man eine günstige Gelegenheit abwarten müsse, er ver- langt von einem Ministerium, wie es sein soll, daß eö diese Gelegenheit sich selbst zu schaffen wisse.— Prinz Napoleon ist über Breöcia in Mailand ein- getroffen. Er scheint mit seinem Schwager noch eine Unterredung haben zu wollen.— Die italianische Thronrede erweckt zwar in Rom die alten Befürch- tungen auf's Neue, Victor Emanuel werde seine Minister gewahren lassen; jedoch äußerte ein hoch- gestellter geistlicher Würdenträger im Batican in Betreff des Königs:„Die Zunge sprach's, das Herz weiß nichts davon." Man glaubt, also jetzt seiner, „als getreuen Sohnes der Kirche", mehr sicher zw sein, als früher.