Nr. 217. Berlin, Sonnabend den 9. December 18«S. SocinUlcmoluat. Diese Zeitung erscheint täglich mit Ausnabme der Sonn- und Festtage. Organ des Allgememen deutschen Arbeiter-Vereins. Redigirt von I. B. d. Hofstetten und I. B. v. Schweitzer. Redaetion und Expedition: Berlin, Dresdnerstratze Nr. 8S. Abonnements- Preis sltr Berlin incl. Bringerlobn: vierteljährlich 18 Sgr., monatlich 6 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Königl. preußischen Postämtern 22 Vj Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichtprenßischen Deutsch- land 18�/« Sgr., im Übrigen Deutschland 1 Thlr.(fl. 1. 4b. südd., st. 1. 50. bsterr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärt« auf allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Compagnie, Scharrenstr. l, sowie auch unentgeltlich von jedem„rolhen Dienstmann" entgegen genommen. Inserate(in der Expedition auszugeben) werden pro dreigespaltene Petit-Zeile bei Arbeiter-Annoncen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mit Z Sgr.•».rechnet. Agentur für England, die Colonieen und die überseeischen Länder: tlr. Bender, 8. Little New-Port-Street, Leicester-Square W. C. London. Agentur für Frankreich: G. A. Alexandre, Strassbonrg, 5. Rae Brulee; Paris, 2. Cour du Commerce Saint-Andrä-des-Arts. politischer Theil. Deutschland. * Berlin, 8. Dcc. sLur Elbherz vgl hü m er- frage� wird,»ach einer ofsiziösen Wiener Corresp. der„Börsenh." versichert, daß die österreichische Verwaltung in Holstein nach den Prinzipien und Maximen, welche man bisher an derselben wahr- zunehmen Gelegenheit hatte, unbeirrt von ander- weitigen Einflüsse» fortgeführt werden solle, da dem durch die Gasteiner Konvention geregelten Proviso- rium kein anderes Provisorium, und ebenso auch keine Revision des Gast ein er Vertrages nachfolgen werde. Die gegenwärtigen Berbällnisie in den Herzcgthümern könnten nur einemDefini- tivum Play machen, oder aber durch einenAppell an die Gewalt gestört werden. Trete keine« dieser Vorkommnisse ein, so gebe es keine andere Ans- ficht als die auf eine längere Fortdauer des Provi- sormms, was allerdings nicht ausschlösse, daß über deren Aufhören zwischen den deutschen Großmächten bald und lebhaft verhandelt werde. — sD er Zoll Vereins vertrag mit Italiens wird gegenseitig die Stellung der meistbegünstigten Nation gewähren, sowie ferner die freie Nieder- lassung der Staatsangehörigen auf den beiderseitigen Territorien. Die Unterzeichnung wird— Zwischen- fälle vorbehalten— eventuell mit Offenhaltung deö Beitritts für die andern Regierungen in eini- gen Wochen erwartet. Das preußische Rundschrei- den soll so gefaßt sein, daß Preußen, mit Hinweis auf die Erklärungen Bayerns und Sachsens, hervor- hebt: der Augenblick scheine zum Abschluß eines Handelsvertrages mit Italien gekommen. Die Ein- ladung zum Beitritt soll mehr darin einbegriffen als ausgesprochen sein. — sGraf Bismarcks soll, wie der„D. A. Ztg." von hier geschrieben wird, einem auSwartigenKabinete gegenüber ausdrücklich erklärt haben, daß er für keinerlei Aeußerungen der„Norddeutschen Allge- meinen Zeitung." der„Zeidler'schen Korrespon- denz" K. aufkomme, daß er dagegen sich nnbe- dingt zu dem bekenue, was die„Provinzial-Korre- spondenz" ausspreche." — sPreußische P r e ß- S ch i ck s a l e. s Confis- ci rt: Die„Düsseld. Ztg." vom st. d., Gründe unbekannt. Appellation: von der Staatsanwaltschaft in Sachen des Abg. v. d. Leeden, der wegen eines angeblich die Slaaisregierung beleidigenden Artikels im Brieger„Oder- blatt" angeklagt, in erster Instanz aber freigesprochen war. — Berichtigung: In der gestrigen Nummer ist aus Berseben die Meldung von der Eonfiscatio» der Nr. 140 der„Jtzeb. Nachr." wegen einen Gedichts mit der Heber- schrist:„Der VIII."»nter diese Rubrik, also unter die der Preußischen Preßschicksale gerathen. Die besagte ConfiScalio» ist aber im Holsteini'chen und über Ans- trag aus Kiel, von Seiten der österreichischen Statt- halterschast, erfolgt. —[lieber das Befinden deö belgischen Königs� lautet das neueste Telegramm(vom 7. Dez.): Das Bulletin im heutigen„Moniteur belge" lautet:„Im Zustande des Königs ist die Schwäche das vorherrschende Symptom geblieben. ssaeken,(!. Dec. gez. Wimmer. De Roubaix." —[Das erbarmungswürdige„Franks. Journ.") colportirt gleichfalls die Nachricht vom Erscheinen des vorgestern von unS erwähnten Pamphletes gegen die social-demokratische Partei, dieses Machwerks eines fortschrittlichen oder reaclio- nären Soldschreibers. Diese Fortschrittspresse de- darf keiner Verurtheilung; sie speit sich selbst in's eigene Gesicht. Die Frückte werden nicht ans- bleiben. —[Die unschuldige„PolkSztg.")„verhält sich", nach ihrer eigenen Versicherung,„ganz still und ruhig" gegenüber den jüngsten Vorgängen im Allgemeinen deutschen Arbeiter-Verein. Nichts desto weniger läßt sie heute bereits unter „Vermischte Nachrichten" den zweiten Artikel von Stapel lause», einen sehr ergötzlichen Artikel, de» wir nnsern Lesern um so weniger vorenthalten wollen, als ihm die Redaction der„Volksztg." eine besondere Aus- Zeichnung zu Theil werden ließ, indem er, außer einer Reclamc für die Duncker'sche„Verfassung", der einzige ist, der durch Anwendung größerer Schriftgattung in die Augen fällt. Schon die Nr. 286 vom 6. Dec. enthielt einen längereu, von unwahren Behauptungen strotzenden Ar- tikel über diejüngste„Generalversamiulung deSAllg.deutsch. Arb.-BereiuS", in welchem es am Schlüsse hieß:„Alles in Allem scheint der mit so großem Pomp in Scene gesetzte Allg. deutsch. Arb.« Verein i» vollständiger Auslösung begriffen zu sein." Und dennoch sollen sich, nach der„Volksztg.",„die sogenannten Parteiseinde ganz still und ruhig verhalten."(I) Da« neueste Arlikelchen lautet: „Der„Allgemeine deutsche Arbeiter-Verein" bat jetzt weder einen Präsidenten, noch einen Vicepräsi- deuten, soubern nur einen interimistischen Vicepräsidenten. Der„Social-Demokrat", welchem von der letzten General- Versammlung in Frankfurt angedroht wurde, mau werde ihm de» Titel„Vereinsorgan" entziehen,„appellirl" gegen diesen Richterspruch. In der Appellaliousschrift heißt es:„Schon jubeln unsere Parteifeinde und schmettern neue Fansarenklänge in die bewährte Lügenposaune."— Schön gesagt, aber nicht ganz wahr. Die sogenannten„Parteiseinde" verhalten sich ganz still und ruhig gegenübcd dem wüsten Lärmen und Toben der Herren Lassalleaner aller Orten. Die Herren zerfleischen sich ja untereinander, und noch niemals sind in einem Parteistreite so kolossale Schimpfworte und Verdächtigungen gebraucht worden, wie sie die Herren Lassalleaner sich gegenseitig an die Köpfe werfen." Obwohl, wie man sieht, die„Volksztg." mit dem Inhalte unseres Blattes nicht unbekannt ist, erdreistet sie sich dennoch, solche Lügen, wie hier, in die Welt z» schicken. O über die Unschuld der„Volksztg."! * Wien, 6. Dez.[lieber den Gesammt- eindruck der Landtage) schreibt man von hier . der„Bresl. Ztg.": Daran, daß die Raketen, welche unsere Landtage jetzt verpuffen lassen, die Stellung des Ministeriums er- i fchütlern können, ist nicht zu denken(?)— um so weniger, als die« Feuerwerk in einer halben Woche zu Ende gehl, und dann harmlose Debatten über Landesangelegeubeiten an die Stelle der aufregenden politischen Discussionen treten werden. Sehr bedeutsam aber ist, daß aus diesen Verhandlungen klar hervorgeht, wie dem September- patent gegenüber alle zehn Millionen Deutsche, nach Zahl, Bildung und Wohlstand der Kern der Monarchie, eine compacte Masse ohne politische Paneischatlirungen bilden. Nicht Landtag gegen Landtag müssen Sie zählen, sondern abwägen, daß aus den gemischten Landtagen, auch wo sie, wie in Prag, in der Minorität geblieben sind, die Deutschen einwltthig für die Reichsversassung in die Arena getreten sind; und daß auf den Deutschen Landtagen hier kein Unterschied obwaltet zwischen der äußersten Rechte» uuter Cardinal Rauscher und dem Hoshistoriographen Ritter von Arneth eiiierscits, der äußersten Linke» unter Berger in Wien, Kaiserfeld in Graz, Herbst in Prag. Giskra in Brünn andrerseil«. Der Werth unserer Niederösterreichischen Adreßdebalte läßt sich dahin zufammenfasseu: daß nach einer drei- mouattichen JournaldiScufsion zwar nichts Neue« über da« Septemberpatent gesagt werde» konnte, daß aber die volle iingeschmiiikte Wahrheit erst von Abgeordneten iinter dem Schutze der Immunität aus der Tribüne au«- gesprochen sei» mußte, damil die Blätter dieselbe mit tan- send Zungen bis in den letzten Winkel des Reiches tragen dürften. Solche Stichworte wie B erger's„Absolutismus mit Feigenblatt"— wie M i! h l s e l d'S energische Erklärung, daß die Sistirung eine ganz neue Enldeckniig sei für einen Juristen, der bisher nur bestehende und ausgeho- bene Gesetze gekaniit, und baß sie jedenfalls keine Be- fchöniguug der Rechtsverletzung enthalte, da ein Angriff nicht deshalb straflos sei, weil er nur ein zeitweiliger gewesen, werden überall ein Echo finde». Rechnen Sie dazu Mühlfeld'« Deduction, daß die gegenwärtige Poli- lik nur in den Absolutismus oder in einen Dualismus auslaufen kann, welcher Ungarn seine Freiheile» lasse iind die ReichSeinheit mit de» Erblanden im Wege des Absolutismus wahre! BergePs farbenreiche« Bild, wo wir mit der Annahme eines sünsjährigen Traum- und Scheinlebens hinkommen— wie dann Jeder den Andern fragen müsse:„Bist du oder bist du nicht?" so daß, man zuletzt nicht einmal mehr wissen werde, ob die neue K. K. privilegirie Staalsschulden-Control-Eoinmission zu Recht bestehe— wobei deren Mitglied, Handelskammer- Präsident v. Winterstein, unter lautem Gelächter drein- rief:„Freilich!" Kurz, ohne Wirkung ist diele Debatte nicht— namentlich nicht Kaiserseld's Cassandra-Mahnung: „man wird es so weit treiben, daß den Völkern Oesterreichs nur noch Eine« gemeinsam ist, der Haß!" Anders kann und wird es nicht kommen. Darüber � zu trauern ist nicht an uns. — 7. Dec.[Neuestes.) Von den Landtageix. in Linz, Troppau und Klagenfurt sind heute die Adressen gegen das Septemberpatent angenommen worden. * Frankfurt a. M., 7. Dec.[Bundes- tägliches.) In der heutigen Sitzung der Bundes- Versammlung wurde in der Beschwerdesache der Rostocker Mitglieder des Nationalvereins der An- trag der Reclamationö- Eommlssion, die Mecklen- burgische Regierung zur s ch le uni gen Rückäu ß e- rung aufzufordern, mit einer Majorität von mehreren Stimmen angenommen.— Heroischer Entschluß! * Miinci cn, 4. Dec.[lieber den b a y e r i- fdtcn SldeinconstitutienaliSmus� enthält die„Boss. Ztg." eine Original-Correspondenz aus Bayer», die wir unfern i'esern miitheilen wellen, weil sie auf genauer Kenniniß der dortigen Ver- hällnifse beruht und geeignet ist, gründlich mit allen Illusionen aufzuräumen, die in Betreff des bayeri- schen„BerfasiungSstaates" noch bier und dort vorbanden sein mögen. Von der stellenweisen liberal- fortschrittlichen Färbung abgesehen, ist der Artikel treffend und inlereffant. Derselbe lautet, wie folgt: Die jilagen der Spanier über den Einfluß der Nonne Patroeinia und des Beichtvaters der Königin ans dieselbe— sind allgemein und wohlbegründet. Aber nicht ble» Spanien hat seine„Camarilla"; auch bei uns steht dies schöne Institut, neben welchem der Eonslillitionalismus als die widerlichste Heuchelei sich darstellt, in schönster Blüthe. Ja unsere Camarilla ist sogar weit einflußreicher als die Spaniens: denn unser jugendlicher Monarch ist seit mehr als einem halben Jahre mit den constilnlionellen Ministern fast gar nicht persönlich in Berührung gekommen und es ist ein Factum, daß die Minister den König z» einer Zeil,„wo es sich »m ein Sein oder Nichtsein Bayerns handelte", kaum einmal gesehen baden— Dinge, welche sich ein spanischer Minister, gehörte er zur Partei der Progressisten, der Moderado's oder der Bicalvaristen— sicherlich nicht bieten ließe. Unsere Niemand verantwortliche, die con- stitulionelle Ministergewalt geradezu lahm legende, sich zwischen Volk und Krone in vollständig ungehöriger Weise einschiebende„E a b in et«- Negier»n g" besteht ' ans dem Eabinels-Sekretariat n»d etlichen mit diesem eng lürtev„dienstfertigen Eavalieren" niid„nnterthäni- gen Hosbedienstelen." Das Cabinets-Sekretariat— der rasch zum„Staatsralh" avancirte Hosralh Psister- meister und der im Flug zum Ober AppellationSge- richtsrath aufgerückte Eabinets-Sekretär Lutz— bildet ein über den Ministern stehendes„Mittelorgan", welche« die Vorträge der Minister entweder ganz oder „im AuSzuge" dem König unterbreitet,»nd die Minister zwingt, fast nur schriftlich mit dem Könige z» verkehre». Dieser alle constituiionellen Priuoipien verleugnende Brauch— ist zwar nicht neu, sondern viel- mehr in unserm..allconstitniionelle»" Bayern hergebracht und eiiigebllrgerl; da nicht allein Ludwig l, sondern auch Maximilian II., trotzdem er auf Andringen der Stände 1848 das genannte Miitelorgan„formell", d. h. bloo äußerlich aushob— thatsächlich die selbstherrliche „Eabinets-Regierung" dem„constitutionellen Regiment" vorzogen. Aber als Ludwig II. die Regierung antrat, gab man sich allgemein der Hoffnung hin, er werde diese unverantwortliche Cabinets- Regierung für immer abschaffen— und eine„Zeit lang" ließ sich der junge Monarch in der That von den Ministern persönlich Vor- trag erstatten. Aber diese beilsame, unbedingt gebotene Neuerung schlief bald gänzlich wieder ein und Psister- tneister's Einfluß war unter Ludwig II. noch weit größer als e« unter Maximilian II. gewesen. Mit einer Art Bestür.ung erfuhr das Volk durch den um die Klärung dieser Sache hochverdienten„Nürnberger Anzeiger", daß der Monarch den Ministern geradezu enlfremdet sei. Die seitdem im„Corresp. v. u. f. Deuischland" und im „Neuen Bayerischen Eurier", der mit angstvoller Miene fragt,„ob wir denn über Nacht aus jenem Bayern ent- rückt worden seien, welches wie Belgien und Sachsen von der liberalen Preffe als Beispiel und Musterstaat � hingestellt worden— versuchten Defensionen des nncon- stitiilionellen Mitielorganes sind so schwach, so wahrhaft kläglich ausgefallen, daß sie die Aufregung des Volke« nicht im Entferntesten z» beschwichtigen vermochten. Auch kann da« Letztere nicht zusammenreimen, warum das „chronische Halsleiden" den König„aus ärztliche Anord- nung" dem mündlichen Verkehr mit den Ministern ent- ziehen soll—— da es ihm doch die langdanernden, böchst anstrengenden Touren zu Pferd nicht verbietet. — 7. Dec.[Neuestes.] Die neueste Nummer der„Bayer. Ztg." schreibt: Der König bat sich über die dem in jüngster Zeit vielbesprochenen Eonflict zu Grunde liegenden thalsäch- lichen Verhältniffe insormirt und auf Grund der erhalte- neu Erklärungen sich enischlossen, Herrn Richard Wagner den Wunsch auszudrücken, derselbe möge ans einige Monate ans Bayern verreisen. Zukunftsmusik oder Kabineisregierung? Es lebe vieKabinetsregiernng! Doch die Zukunstsmusik wird nicht ausbleiben.— Ausland. * Paris, 6. Dez.[Tagesbericht.] Alle deutschen Zeitungen wurden beute auf dem Mi- nisterium in Quarantaine zurückgebalten. Grund: unbekannt. Es wird wohl wegen der französische» Schaukelpolitik in dniElbherzogihüiner- und deutschen Angelegenheiten überhaupt oder wegen der mexi- kanijchen Verlegenheiten gewesen sein.— Die Aufregung der Pariser ist fortwährend im Steigen begriffen: ssuxembourg-Garlen, Schofield, Leopold'« Todeskampf, Viehseuche, Chilenischer Handel K. kurz, Ursachen genug, die lebhaften Pariser in Athem zu halten. Die ofsieiösen Musikanten schwei- gen heule beharrlich über die Schosield'sche Ange- legenheit. Unerwartet und gewiß von Bedeutung! Dagegen bringt die„Indup. Belge" ein Pariser Telegramm, wornach Schofield nur GesundheitS- reisender sein soll. Wir haben davon schon gestern, als deS Neuesten, Erwähnung gethan. Man muß es eben abwarten. Uebrigens war gestern Drouyn de LhuyS den ganzen Tag in Eonipiegne beim Kaiser. Ob er wohl nur eine Entenjagd mit ihm verabredet haben mag? Man weiß es nicht. Daß er dort war, steht beute in allen Blättern.— Das Neueste in der Chilenischen Angelegenheit ist die Ankunst des gewesenen spanischen Gesandten in Chili, Tavira, in Madrid, init dem Zusätze, genannter Diplomat habe die über allen Zweifel der 'Echtheit erhabenen Beweise in Händen, daß er im Vertrage niit Chili streng nach den ausdrücklichen Befehle» der Königin gehandelt habe. Das mini- sterielle Organ, die„Correspondencta" bringt nun die auffallende Erklärung:„das sei nicht wahr, weil es nicht wahr fein könne." Die „France" will wissen, es sei am 3. Dec. in Madrid aus Chili die Meldung von einer friedlichen Bei- legung deS Conflicts eingelroffen.— Jsabella II. erwartet jetzt ihre sechste Niederkunft; die letzte er- folgte am 2. Febr. 1864, die vorletzte am 23. Juni 1863.— Louis B l a» c wird neuestens wieder vielfach in der Tagespresse besprochen. Die„Preffe" äußerte über seine„Briefe über England", es sei mit ihm eine„liberale Umbildung" vorgegangen, wogegen sich Blanc verwahrt, und, indem er sich für das ihm erwiesene Interesse berankt, versichert, er denke noch genau wie vor 25 Jahre«, wofür er Belege beibringt. Die„France" widmet dieser Zuschrisl Blanc's einen Leitartikel, worin sie den Volksmann von 1848 bekämpft, dagegen ihm mit Behagen den Opposiiionsniann Simon entgegenhält, der im gesetzgebenden Körper bekannt habe, er kenne kein gründliches Mittel zur Abhülfe des Elends, das man daher durch alle in ö glichen Mittel bekänipfen müsse. Louis Blanc aber erblickt, getreu dem Resultate seiner einmal gewon- »enen wissenschaftlichen Erkenntniß, das Radical- mittel gegen das Massenelend nur in der Jnter- vention des Staates, der allein berufen sein kann, wirksam an der Emancipation derer zu arbeiten, die, mit Arrnuth und Unwissenheit beladen, dennoch seine Lasten am schwersten tragen müssen. Die hiesigen Bourgeois nieinen, Leute wie Louis Blanc würden in Frankreich erst dann wieder eine Rolle spielen,„wenn daS Kaiserthum so fortfahre, Schulde» über Schulden zu machen, und das Be- vormundlingssystem bis zum Excesse zu treiben." Feuilleton. Das kaisrrlichr �ranklrich.*) Bon A. Rogeard. Uebersetzt von AdolsSlrvdtmann. Mein Frankreich, ach! du bist nicht Frankreich mehr; Dein Volk ist tobt, dein Recht durchstach der Speer. Einst stand dein Stern mit ruhmverklärtem Lichte Hoch im Zeniih am Himmel der Geschichte; Bor deinem Siegesschritt die Welt erblich.— Was ward aus deinen Söhne»? Mutier, sprich! Des Fortschritt? Heer, das einst in heil'gem Kriege Durch ganz Europa trug der Freiheit Siege, Wer hat die Helden, groß und ruhineöwerth, In sklav'sche Henkersknechte mm verkehrt? Welch finstre Flnth hat dieses Licht verschlungen? Welch gist'ger Hauch dir Seel' und Leib durchdrungen? Dein Glanz von gestern, Frankreich, ist verraucht, Du Stern de« Aufgangs, der in Nacht vertaucht j Bis Mexiko und bis zum Tiber kreist Ein finstrer Geier, der Deeembergeist: Das Böse herrscht; Europa ward zur Hölle, Zu Dante'« Trichter, und die tiefste Stelle, Tiefer als Rußland und als Oestreich gar, Nimmt Frankreich ein;— das gestern mächtig war Und reich, ist schwach und arm zu dieser Stunde, Die Letzte in Europa'« Schwesternbunde, Weil man sie als die Schuldigste erkannt. l Einst die Bestalin, die man würdig fand, Des Geiste« Fackel, die sie sonder Zagen Entzündete, der Menschheit vorzutragen, Ließ sie erlösche» jener Flamme Schein, Drum sargt man lebend in die Gruft sie ein. ♦) Probe einer vollständigen metrischen Uebersetzung ®on A. Rogeard's vielgenannten Zeitgedichien„Fauvre | örance!" welche Herr Adolf Strodtmann bei Neßler »nd Melle in Hamburg hat erscheinen lassen. Der Todtengräber, der die Lorbeerreiser Ins Grab ihr höhnisch nachwirst, ist der Kaiser. Todt sind wir; und Pari«, das Zifferblatt Der Völkersreiheit, ward zur Todtenstadt. Da schreiten sie einher, die finster» Leichen, In Uniform, im Frack, mit Ordenszeichen— Was ist es, da? sie Ängstigt, brückt, bedroht? Stumm, bleich, gebückt! Ich sag' euch, sie sind todt! Bei schönem Wetter zum Senat sie wändern— Ein Grab vertauschen sie dort mit dem andern. Sie trinke» in der Seine Letheflnth Vergessenheit der lobten Freiheitsglnth, Und Frankreichs Volk, so stolz einst seiner Siege, Entsinnt nicht mehr sich seiner RnhmeSfliige. Der Fremdling wahrt da« Angedenken nur Des Volks, da« strahlend einst die Welt durchfuhr, Ein Meteor, da« plötzlich trüb entschwunden, Ein lodter Held, dem man da« Schwert entwunden. Versunk'uen Ruhmes Denkmal wird genannt Die heil'ge Erde, wo einst Frankreich stand, Wo zweimal für die Menschheit ward geboren Die Freibeit, wo sie zweimal ging verloren! Man liebt das Land, wo Großes ward erstrebt, Wo große Männer damals uns gelebt. Man pilgert nach Paris am Wanderstabe, Wie zu des lobten Welterlösers Grabe. Mit Ehrfurcht tritt man in de» Friedhof ein, Allwo der heil'gen Ngtion Gebein Bestattet liegt, die einst znin Heil erlesen Der Menschheit war. und sagt:„Hier ist's gewesen!" Ihr seid nicht mehr die große Nation, Nein, ihr verrathet die- Revolution! Bastillestürmer habt ihr einst geschaffen, Jetzt habt ihr Nichts, als Dirnen nur und Pfaffen! Ihr Söhne jener kühne» Heldenschaar, Seid ihr denn ganz de« Muchs, der Ehre bar? In beffre Hände werdet bald ihr sehen Des Fortschritts hehres Seepier übergehen, Da« Griechenland und Rom dereinst geführt, Und da« auch Frankreich schwang, dem e« gebührt, Der Königin des Rechts und Lichts, vor Allen— Doch weh, sie ließ in Schlamm und Kolh es fallen I Da? Kaiserreich der Schlund, der es verschlingt! Wo ist der Taucher, der es wiederbringt? Es könnt' ein einz'ger Mensch ein Volk ermorden; Ein Herkulanum ist Pari« geworden; Wo ist der Held, der e« mit starker Hund Vom Unflath reinigt, drein es festgebannt? Wer heißt au« dieser Schlammfluth zorn'gem Tobe», Wie Venus sich dem Meeresschaum enthoben, Ans Licht dich steigen, Frankreich, neu erwacht, Mit allem Ruhm, in aller deiner Pracht? Mannichfaltigkeiten. — Frömmigkeit mit Unterschieden.— Eng- lische Blätter entnehme» einem Privatschreiben Folgendes: Bor einigen Tagen ging ick in der Nähe von Bedford spazieren und gelangte dabei an eine kleine Dorfkirche. Ich trat in diese ein, und war nicht wenig überrascht, darin eine Vorrichtung anzutreffe», die wohl einzig in ihrer Art in der ganzen Welt sein mag. Die Tribüne nämlich, die dem Besitzer diese« Gutes angehört, ist völlig von der übrigen Kirche abgesondert und steht mit der- selben nur durch ein breite« Fenster in Verbindung. Eine kleine Kirche führt von Außen nach der Doppel- Thür dieser Kirche in der Kirche. Um die abgeschlossene Gebetsloge ist ein Foyer, und überdies ist dieselbe noch durch ein Gitter von der übrigen Kirche abgesondert. Im Innern der Loge stehen prächtige Lehnsessel und Ta> bourets. Man theilte mir mit, die Gutsberrschasi gelle für sehr fromm und sie versäume keine Morgenandacht, wenn sie aus dem Gute verweile. Wenn nun der Gottes- dienst beginnt, öffnet der edle Lord das Fenster, welche» grade gegenüber von dem Platze des Geistlichen ange- bracht ist, und hört die Gebete mit an. Sowie aber der Geistliche die Kanzel bestiegen und seine Predigt nur be- gönnen hat, schließt der Gutsherr das Fenster wieder, und liest seine Briefe und Zeitungen, welche ihm ein Be- dienter indeß vom Schlosse her gebracht hat.