Nr. 219. Berlin, Äienötag den 12. December 18«S. Social-Akmolirat. Diese Zeitung erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Festtage. Organ des Allgemeinen deutschen Arbeiter-Bcreins. Redigirt von I. B. v. Hofstetten und Z. B. v. Schweitzer. Redaction und Expedition: Berlin, Dresdnerstraste Nr. 85. Abonnements-Preis sür Berlin incl. Bringerlobn: vierteljährlich 18 Sgr., mo> natlich ö Sgr», einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Königl. preußischen Post- ämtern R>/2 Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichtpreußischen Deutsch- land l8b/4 Sgr., im übrigen Deutschland 1 Thlr.(st. 1. 45. südd., st. 1. 50. österr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärts auf allen Postämtern, in Berlin ans der Expedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Compagnie, Scharrenllr. I, sowie auch unentgeltlich von jedem„rothen Dienstmann" entgegen genommen. Inseratev. steht Unterstützung in sicherer Aussicht. Ausland. * Paris, 8. Dec. sTageSbericht.f Düstere Gerüchte sind über Mexiko in Umlauf, während aus den inspirirten Quellen eifrig an einer Hebung der Stimmung gearbeitet wird, um das stark er- schütterle Vertrauen Europas zur kaiserlichen Re- gierung wieder herzustellen. Es handelt sich wirk- lich ernstlich um Anwerbung einer Fremdenlegion für Mexiko zu Befestigung deS schwankenden Habsburger Thrones. Man hofft damit drei Fliegen mit Einer Klappe zu schlagen: eine dauerhafte Stütze gegen die Juaristen, eine triftige Beran- lassung zur Zurückziehung der französischen Truppen und die Lähmung des Protestes der Washingtoner Regierung auf Grund der Monroe-Doctrin, das Alles soll die Fremdenlegion leisten. Zunächst ist es dabei aus Oesterreich abgesehen und man erblickt darin einen Hauptschlüssel zu der auffallenden Freundschaft der Tuilerien und ihres Foulv gegen die geldbcdürftige Wiener Hofburg.— Die „France" enthält einen„allerhöchst" inspirirten Artikel über den Tod des Königs Leopold, worin sie versichert, daß eine Befürchtung für die Störung des Wellsriedens unbegründet sei. — 9. Dec. In der„Patrie" ist heute zu lesen, daß Schofield Paris verläßt, um„in England eine vertrauliche Mission zu erfüllen und damit Zerwürfnissen zwischen beiden Ländern vorzubeugen." Schofield. hat sich also bloß einmal gezeigt und einen Toast auf die alte Frcundschafl zwischen Frankreich und der Union ausgebracht und er hat mit dem Wunsche geschlossen:„Möchte sie, diese alte Freundschaft, Dauer behalten!" Die Nachricht ist jedenfalls mit Vorsicht aufzunehmen. Schosield scheint eine Art außerordentlichen Generalbevoll- mächtigten des Präsidenten Johnson für die euro- päischen Beziehungen zn sei», und dieser Umstand allein beweist schon genugsam, daß man in Washington sich sehr ernstlich mit den Westmächten in ihren Beziehungen zn deni amerikanischen Staaten- complexe beschäftigt.— Im letzten Ministcrrathe zu Compiägne soll jedoch die Frage wegen des Luxembourg obenan gestanden haben, wenigstens wird die Hinzuziehung des Polizei- und des Seine- Präfecten gemeldet. Bon gut unterrichteter Seite wird behauptet, der Kaiser sei persönlich sehr auf- gebracht über den Widerstand, den das Luxem- bourg-Decret gefunden. Er soll es ausgesprochen haben, daß er trotz alledem beabsichtige, das Dccret aufrecht zu erhalten und durchzuführen; wie es ihm, ohne Nachtheile, gelingen wird, ist eine andere Frage.— Aus Meriko läßt man sich hier vom General Bazaine„eine beständige Besserung in der Lage des Mexikanischen KaiserlhnmS"(!) niclten. „Die Anhänger einer starken Regierung haben neues Vertrauen aus den energische» Maßregeln des Kaisers Maximilian geschöpft." Es folgt dann eine Reihe von Siegen der Kaiserlichen über„re- publikanische Banden," aus denen man sowohl für als wider das Kaiserthum Schlüsse ziehen kann. Der Moniteur meldet schließlich, daß am 5. Nov. die Compagnie berittener algerischer Schützen in Paso del Macho eingetroffen sei und sofort den Dienst zur Sicherheit der Straße zwischen Vera- Cruz und Mexiko übernommen habe. Solcher Sckiwindel wird das kaiserliche Mexiko schwerlich herausreißen.— Die„France" erfährt, daß die preußische Regierung ficb wegen Verletzung der Neutralität während des Krieges beschwert habe, da die Bundes-Behörden in Massachusetts preußische llnterthanen eingereiht hätten. Die„France" will wissen, die amerikanische Regierung habe eine Militair- Eommisston zur Untersuchung dieser Sache ernannt.— Die zarten Rücksichten Frankreichs auf Spanien(durch den Einfluß der Kaiserin)! haben sich bereits so weit ermäßigt, daß das französische Cabinet sich zu einem in Madrid zu lhucnden gemeinschaftlichen Schritte mit dem briti- schen verständigt hat. Ob der intellectuelle Urheber dieses Entschlusses nicht der Präsident Johnson ist? Nicht als wenn er direct hier eingewirkt hätte, er' braucht eben so wenig den Mund aufzuthun, wie General Schofield seine Beglaubigung zu zeigen hat; die Verhältnisse selbst sprechen für die Union, und Frankreichs Handlungsweise erhält eine ganz bestimmte Richtung, so lange es die Vermeidnng eines Bruches mit Amerika als die oberste Rücksicht seiner Politik betrachtet. * Italien(Herr Mari. Antonelli- Bombai'sches. Kirchen scan dal. Gariba ldi.P Wie war es möglich, so frug alle Welt, daß ein im Auslände gar nicht bekannter Mann, Hr. Mari, den man als Conservatioeu bezeichnet, bei dem Kampf um den Präsidcntenstuhl des Abgeordnetenhauses den Sieg über Mordini, den alten Freund und Ge-! nossen Garibaldis davongetragen hat. Das ging einfach so zu: Die Regierung war so schlau, ihren eigenen Kandidaten Tecchio fallen zu lassen und in Folge dessen einigten sich die gegen die entschiedene Linke verbündeten Parteien zu dem erbaulichen Grundsatze, das? der Präsiventschafts-Kandidat ein Mann sein müsse, dessen Vergangenheit kein Miß- trauen bei den verschiedenen Nuancen der Partei aufkomnien lasse und dessen weniger bekannte Per- sönlichkeil eine Versöhnung erleichtere. So nahm man denn einen Mann, der das Verdienst hat, Advokat und Freund Ricasoli'S zn sein. Damit ist nichts gesagt und das sollte ja der Hauptzweck des Aktes sein.— Ans Rom meldet der„Temps," daß selbst Antonelli dem jungen Boniba Vorstellun- gen gemacht habe über die Freunde, welche ihn durch ihre allzu offenkundige Verbindung mit den Briganten compromittirten. In Folge dessen habe der„König beider Sicilien" die Zahl seiner Pen- sionaire von 129 aus 40 herabgesetzt— ein sehr probates Mittel, um die 80 Gestrichenen von fer- i nerem Räuberleben zurückzuhalten.— In Mai-! land spielen die schönsten Skandale im Dom: Der Fanatiker Mgr. Ghilardi hält dort fortwäh-! rend seine Mord- und Brandpredigten, das Publikum � lärmt für und gegen ihn und dann geht das Arre- tiren im Dom selbst los. Die Kämpfe setzen sich ans den Domplatz fort und Gegenpredigien führen dort zu Stockprügelcien, Einschreiten des Mili- tärs u. s. w.— Garibaldi hat die Präsidentur deS„demokratischen Vereins der Freidenker" in Siena angenommen. Scl'wcden. Aus Stockholm wird telegraphirt, daß der Eindruck der reichsständischen Reform-Er- ledigung große Volkshaufcn durch die Straßen wogen ließ, welche vor den Ministcrhotels erschie- neu und den Ministern Dögeer, Gripenstedt und Manderström stürmische Hochs brachten. Eine lheil- weise Illumination habe stattgefunden, und im königlichen Thealer sei die Nalional-Hymne ver- langt worden, in welche sodann das Auditorium mit einstimmte. * Amerika.(Ein amerikanisches Urlheil über Englands Ver häl tni ß zu Amerika. Um- wandelung der John son'schen Politik. Der Congrcß.j Ueber die amerikauisch-euglischen Ver-. Wickelungen schreibt man der„Nat.-Ztg." aus New- l York: Dieses ganze Enzland mit seinem mittelalterlichen Feudalismus und seinem bornirten Psahlbllrgerthum, mit seiner Aristokratie und seinem Proletariat, seinem schola- stischen Hochlirchentbum und seiner heidnisch-bardarischcn Praxis ist ein Anachronismus, eine Anomalie im 19. Jahr- hundert, wie es— die Republik der Vereinigten Staaten unter der Herrschaft der Sclavenhalter-Dhnastie war. Es muß, wie diese, durch schwere Erschittternngen aus dem Bannkreise seiner„Erbweisheil ohne Gleichen" her- ausgerissen und in die Strömung der Geisterbeweznng des l9. Jahrhunderts geschleudert werden. Das wird geschehen und manche der Leser diese« Blattes werden e« noch erleben. Ans solchen Umwälzungen mag und wird dann ein England hervorgehen, das nicht bjoß fitr drei Millionen Privilegirte ein freies Land ist, ein England, in dem die 20 Millionen Feld- und Fabrik- sclaven, die jetzt nur eine rudis indigestaque rnoles (harte und unverdaute Last) bilden, emancipirt sind:— aber eine so wichtige Stellung im europäischen Staaten- system, wie bisher, wird es nicht einnehmen und da« Scepter'der Seeherrschaft wird es an die Vereinigten Staaten abtreten müssen. Dafür, daß das Letzlere ge- schehen wird, wird dem Grafen Russell ein nicht geringes Verdienst zugesprochen werden müssen. Sein Ultimatum in Sachen der„Alabama" hat Herr Seward nicht miß- fallen, und dieser ist gar nicht geneigt, deßhalb mit Eng- land Scandal anzufangen. Denn er meint, daß diejenige Definition von„Neutralität", welche Gras Russell durch jenes Ultimatum besiegelt hat, den Vereinigten Staaten viel mehr werth ist, ihnen die Mittel z» einer viel exem- plarischeren Rache an England giebl, als die Erzwingung einiger Millionen Pfund Schadenersatz. Es ist kaum anzunehmen, daß der Congreß anders über diese» Punkt denken sollte. Stimmt er in seiner Auffassung mit der des Präsidenten und Sewards überein, so wird England sehr bald finden, daß Herr Russell seine ganze Handels- flotte in eine Sackgasse gelrieben bat, aus der kein Ent- rinnen ist. Ewig wird ja nicht Friede in Europa blei- den,— einmal wird ja England noch ein Kriegcführender sein. Wird es dann von den neutralen Vereinigten Staaten in seiner eigenen Münze bezahlt, so wird es da« heutige Verfahren Russell'« besser würdigen. Die Politik Johnson'S, die Südstaaten unver- zllglich an die Union zurllckznfllhren, ist jetzt als unmöglich erkannt aufgegeben und er wird als Be- siegler vor den Congreß treten. Die öffentliche Meinung, irre geführt durch das systematische Ge- triebe der Presse und die Parteilaktik vor den Wahlen, ist mit der dem Amerikanischen Geiste so eigenthümliche» Schnelligkeit zur Anerkennung der Thatsachen und dem ihnen entsprechenden Enr- schlusse übergegangen. Mit der ruhigsten Bestimmt- heit sprechen heule von der Unvermeitlichkeit und Zweckmäßigkeit der Zurückweisung der südlichen Ab- geordneten selbst jene Blätter, welche vor vierzehn Tagen noch diese Maßregel als einen verderblichen, revolulionären Akt der Radikalen verdammten. Der Präsident, der gnädige Palron des Südens, Ist so frech von ihm verhöhnt worden, daß er endlich nüchtern wurde und in einer der letzten Sitzungen des Kabinels seine Unzufriedenheit über den Undank der Südstaaten aussprach. Ein Beispiel möge zei- gen, mit welcher halsstarrigen Hinterlist sie die Bemühungen des Präsidenten vereitel». Georgia hat sich dem Gebote Johnson'S, die Rebellenschulv nicht anzuerkennen, mit einer unschuldig aussehenden Klausel unterworfen, aber durch dieselbe bleibt die künftige Anerkennung ermöglicht; außerdem ist dieser Beschluß nicht in die Verfassung aufgenommen, demnach den Verfügungen künftiger Legislaturen überlassen. Und in keinem Staate ist die neue Ver- fassnng der Genehmigung des Volkes überwiesen; das Recht der Secession ist nur von zwei oder drei wirklich aufgegeben. Präsident Johnson ist also thatsächlich von seinen südlichen Schützlingen des- avouirt worden. Sein Nachfolger in der Vermal- tung von Tennessee, der Gouverneur Brownlow, hat mit der ihm eigenen derben Offenheit den Zu- stand des Südens in folgenden Hauptzügen geschil- dert:„Tennessee ist der beste der besiegten Rebellen- staaten und doch ist wenigstens die Hälfte desselben heute noch eben so der Union feindlich, wie vor der Niederlage; Raub und Mord herrschen in einein großen Theile des Landes. Der Gedanke der Re- bellen, die Losreißung von der Union, ist im Süden nicht aufgegeben. Wir haben die Rebellen besiegt, aber nicht vernichtet. Der Krieg hätte zum Besten der Union noch zwei Jahre dauern müssen. Die Vertreter der südlichen Staaten sind fast alle unver- besserte Vertreter der Rebellen, um keinen Preis dürfen sie in den Congreß zugelassen werden." So spricht in einem offenen Brief der Gouverneur von