Nr. 6. Berlin, Dienstag den 9. Januar 1866. Zweittr Jahrgang. Social- Diese Zeitung erscheint täglich mir Ausnahme der Tonn- und Festtage. Organ dcr social-dcmokratischcn Partei. Nedigin von I. B. v. Hosstetten und I. B. v. Schweitzer. Redaction und Expedition: Berlin. Dresdnerstrastc Nr. 85. AtzonnemcntS- Preis fllr Berlin incl. Bringerlobn: vierteljährlich 18 Sgr., monatlich 6 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.: bei den Künigl. preußischen Postämtern Iffi'/s Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichrpreußiichen Deutich- Und 183/4 Sgr., im übrigen Deutschland 1 Thlr. sfi. 1. 45. slldd., st. 1. 50. ilsterr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärts aus allen Postämtern, in Berlin auf der Expedition. von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Eompagnie, Spandauerbriicke 3, sowie auch unentgeltlich von jedem„rothen Dienstmann" entgegen genommen. Inserate(in dcr Expedition aufzugehen) werden pro dreigcspaltene Petit-Zeile bei Arbeiter-Aunoncen mit 1 Sgr., bei sonstigen Annoncen mit 3 Sgr. berechnet. Agentur für England, die Eolonieen und die llbersecischen Länder: tlr. Leoäer, 8. LiÜIe New-Porl-Street, Leicester-Square W. C. London. Agentur für Frankreich: G. A. Alexandre, Strassbourg, 5. Rue Brulee; Pari», 2. Conr da Commerce Saint-Andre-des-Arts. politischer Theil. Deutschland. * Berlin, 8. Jan. sAus den Elbherzog- thümern� wird der Nachricht widersprochen, daß der Feldmarschall�Lieut. v. Gablcnz zum Obergou- vernenr von Rendsburg bestimmt sei, während der preußische Generalmajor v. Kaphengst Festungs- lommandant bliebe. Eine Obergouverneur-Stelle giebt es in Rendsburg nicht. Die beiderseitigen Höchstcommandirenden wechseln alljährlich im Com- mando ab.- — jDer Aufstand in Spaniens kann, wenn wirklich Prim an dcr Spitze desselben steht und die Erhebung gluckt, von weittragender Bedeutung, von einer durchgreifenden Umwälzung begleitet sein. Auch würde bei der gegenwärtigen Lage Europas ein revolutionärer Anstoß dieser Art eine ganz andere Rückwirkung ans andere Slaaten äußern, als dies bei der letzten spanischen Erhebung im Jahre 1854 der Fall war, wo der Krimkrieg die Aufmerksamkeit der europäischen Mächte ausschließ- lich auf sich zog. — sDie„Berliner Reform"s bespricht in eingehender und, wie uns scheint, sehr treffender Weise die neueste Brochüre Schulze-Delitzsch' gegen den todten Lassalle. Die„Reform" hält die„theoretischen" Leistungen der Brochüre für „durchaus mißglückt". Uns wollte es bisher nicht gelingen, des Büchleins habhaft zu werden, da es noch immer nicht im Buchhandel erschienen, sondern blS jetzl nur einzelnen Redactionen zugeschickt wurde, dem Duncker'schcn Berlage aber um eine frühzeitige Besprechung der Brochüre von Seiten des„Social- Demokral" nicht sonderlich zu lhun gewesen sein mag. Selbstverständlich werden wir derselben eine aufmerksame Betrachtung widmen. — sDie Kreuzzeitungj warnt die Regie- rung, bezüglich des Coalilionsgesetzes, vor extremen Schritten in der Arbeiterfrage(scheint uns durch- aus überflüssig), vor einem„Bündniß mit dem Jndustrialismus", vor„Beseitigung deS letzten Restes der Selbstständigkeit und Widerstandsfähig- keit des kleinen Gewerbes" und empfiehlt die Bei- beHaltung der Prüfungen. Die desfallsige Regie- rungSvorlage dürfte demnach vom Herrenhaufe ver- worfen werden. Thöricht aber erscheint jedes Be« streben, künstlich Etwas aufrecht erhalten zu wollen, was sich nicht naturgemäß halten kann. HZ Stuttgart, 3. Jan.(Ueber Preß- und Partei-Berhält nisse.1 Unser Angriff gegen die Stuttgarter„Schwäb. Bolksztg." hat eine andere Folge gehabt, als wir erwartet halten. Wir waren der Uebcrzeugung, Paul Hoffmann, die einzige achtungSwerthe Kraft, welche dieser Zeitung zu Gebote steht, werde unS über seine Stellung zu derselben eine genügende Erklärung abgeben, da wir kaum glauben können, daß dcr„Schwäbischen Bolksztg." notorischer Berrath an dem Allgemeinen deutschen Arbeiter-Berein von P. Hoffmann gebilligt oder gar vertreten werden könne, wir haben ge- glaubt, P. Hoffmann werde; von uns auf diese Weise in die Enge eiuer Wahl zwischen seiner Ueberzeugung und seiner jetzigen falschen Stel- lung getrieben, sich auf eines solchen Charakters würdige Weise entscheiden. Allein P. Hoffmann ist uns bis jetzt wider unser Erwarten die Antwort schuldig geblieben; daß der andere Redacteur der „Schwab. Bolksztg.", Ernst Cloß, unfern Angriff lodtzuschweigen versucht, nimmt uns nicht Wunder, weil dieser Prügeljunge der Stuttgarter Lokalpresse moralisch hartschlägig geworden ist; hat er sich doch seiner Zeit noch andere Dinge von der„Bürger- zeitung" ungestraft sagen lassen; daß der Chef- redacteur der„Schwäb. BolkSzlg.", A. Krön er, gleichfalls schweigt, erklärt sich aus der seibstver- ständlichen Unfähigkeit dieses Herrn, ein Blatt zu redigiren und dadurch, daß bei ihm— einem Buchdrucker von Profession— die Herausgabe einer politischen Zeitung rein GcschäflSsache ist, bei dcr er möglichst viel zu gewinnen sucki; dadurch läßt sich auch trotz der allgemeinen öffentlichen Miß- billigung die fortwährende Beibehaltung des Re- dacleurs Ernst Cloß erklären; denn ein Mensch, der mit jeder Principicnspielerei sich so schnell ver- traut machen kann und eine solche Uebung im Aus- halten der öffentlichen Verachtung hat, wie E. Cloß, wird selbst in dem an Literatur der untersten Sorte nicht gerade armen Stuttgart zieinlich schwer auf- zutreiben sein. Die Vertreter der Fortschrittspartei aber, die Abgeordneten Hölder und Fetzer, haben, angeblich veranlaßt durch verschiedene Artikel im Stuttgarter„Beobachter" und einigen anderen Or- ganen der Presse, eine Erklärung abgegeben, deren kurzer Sinn ist, daß sie, als A. Kröner die Redac- tion der„Sckwäb. Bolksztg." übernommen, von diesem die Zusicherung erhalten haben, daß dieselbe fernerhin die politische Richtung der eingegangenen „Schwäb. Zeitung" verfolgen werde, sie selbst aber seien bei der Redaction dieser Zeitung in keinerlei Weise betheiligt, können demnach auch nicht fllr die Haltung derselben verantwortlich gemacht wer- den. Daß die Führer der wllrttembergischen Fort- schrittspartei nicht durch die Nergeleien des schwä- bischen FödcralismuS-Apostels, des„Beobachters", zu dieser Erklärung genöthigt wurden, sondern speciell durch unsere Correspondenz, welche die Fort- schrittspartei für den von Ernst Cloß in der Stuttgarter Gemeinberathswahl begangenen Par- teiverrath, für dessen Enthüllung wir dem„Beobach- ter" zu Dank verpflichtet sind, verantwortlich machte, wird wohl Jedermann klar sein, daß aber Hölder und Fetzer ihre Erklärung in so schonender Weise abgegeben, hat darin seinen Grund, daß die wllrttembergiscke Fortschrittspartei, die außer dcr „Schwäb. Bolksztg." kein Organ in Württemberg hat. das ihre politische Richtung vertritt, mit der Redaction derselben nicht geradezu brechen, dagegen > fllr die anrüchigen Handlungen der Redacteure auch ' nicht einstehen mag. Ausland. *»Paris, 5. Jan.(Tagesbericht.) Man hofft allgemein, daß sich das Gerücht bestätigen wird,»ach welchem dcr Kaiser in der Thronrede ! die Räumung Mexiko's anzukündigen beabsichtigen ! soll. Die neuesten Nachrichten von dort, über welche jedoch die Presse zum Schweigen verurtheilt - ist, sollen für das mexikanische Kaiserthum sehr be- ' benklich lauten. Berichte anS Mexiko melden näm- lich, es seien vereinzelte Aufstände gegen die kaiser- liche Regierung ausgebrochen, der Juaristen-General Diaz Lee dringe siegreich vor, die Republikaner hielten den ganzen Küstenstrich besetzt, Bera Cruz Tuspan und Oajaca seien in vollem Aufstande. - Die schon vor einiger Zeit aufgetauchten Mi- nister-BeränderungSgerüchte wiederholen sich. Man hat folgende Minister-Liste in Umlauf gesetzt, die schon an ihrer inneren Unwahrsäicinlichkeit zu Grunde geht. Danach wären in Aussicht genom- men: Beuedelti für das Auswärtige, Chevreau für daS Innere, Saint-Beuve oder Sacy für den Un- terricht, Michel Chevalier für die öffentlichen Ar- betten. Man spricht ferner von der Errichtung eines Polizei-MinisteriumS für Persigny und gibt, einen freiwilligen Rücktritt Rouher's voraussetzend, an den Ex-Depulirlen der Linken, an Emil Olli- vier, das Slaats-Ministerium.— Marschall Mac Mahon hat die Ober-Jngenieure der algerischen Armee zusammenberufen und ihnen die industriellen Pläne der Algerischen Gesellschaft zur Prüfung vor- (jelegt, um auf diese Weife das Jnslebentrcten jener Gesellschaft möglichst zu beschleunigen.— Herr Bratiano, ein ehrlicher Republikaner und vor dem Kusa'scheu Staatsstreiche Minister in den Donau-Fürftenthümern, ist hier eingelroffen, um den Fürsten anzuklagen. Seiner Ansicht nach habe derselbe eine große Summe von Rußland empfan- gen, um eines schönen Tages dem Throne zu ent- sagen und so der Candidatur des Herzogs von Leuchtenberg den Weg zu bahnen. Dieses dürfte wohl Übertrieben sein, obwohl in Kusa's Thronrede die Möglichkeit eines Rücktrittes vorgesehen ist. Jedenfalls bereitet sich in den Doiiau-Fürstenlhü- mern mancherlei vor. Die Klagen Serbiens gegen die Pforte sind hier gleichfalls nicht unbeinerkl ge- blieben, und man hört behaupten, daß Milosch Obrenowitsch eine Vereinigung der Donau-Fürsten- thümer und Serbiens unter seiner Herrschaft an- strebe.— Das Comite zur Errichtung eines Mo- numenteS für Lamoriciere soll in seiner gestrigen Sitzung beschlossen haben, von einem Standbilde abzusehen und dafür in Algerien ein großes Hospital zu gründen, das den Namen Lanioriciäre's trüge. Ist jedenfalls weit vernünftiger. — 6. Jan. Heute war Ministerrath in den Tuilerieen. Es wurde beschlossen, Borsichts-Maß- regeln an dcr spanischen Gränzc zu ergreifen. Die wöchigen Befehle gingen bereits per Telegraph ab. - Aus Wien läßt sich das„Memorial Diplomatique" berichten, daß die österreichische Regierung die Absicht habe, im Herbste den Reichsrath wieder Rsammen zu berufen. Man soll es auch aufge- geben haben, die Beschlüsse, welche der ungarische Landtag fassen wird, allen Provinzial-Landtagen zur Begutachtung vorzulegen; man wird sich darauf beschränken, von den verschiedenen Landtagen Ab- ! geordnete wählen zu lassen, welche alsdann in Wien ich versammeln würden, um über die ungarischen Beschlüsse zu berathen. * London, 5. Jan. sReformmeeting. Hr. Bright. Friedensträume der„Times." Londoner Grund- und Boden- Werth. Feuersbrunst. Afghanistan und Pend- schab. Bengalen. Indischer Ueberland- Telegraph. Die gescheiterte türkische An- leihe's Herr Briat hat vorgestern im Reform- Meeting zu Rochdalc den Rath gegeben, von dem Strebe» nach geheimer Abstimmung und nach einer Neubildung der Wahlbezirke vor der Hand abzu- stehen, weil dasselbe bei der augenblicklichen Sach- läge dem ersten und unabweiSlichen Erforderniß, der Erweiterung des Wahlrechts, sowohl hinderlich im Wege stehe, als auch ohne dieses keinen wirk- lichen Werth haben würde. WaS die Verleihung des Wahlrechts an die bisher unvertretenen Classen betreffe, so sei die Regierung an den Gesetzvor- schlag von 1860, als das Minimum, gebunden; seiner Meinung»ach aber sei eine andere Maß- regel vorzuziehen, nämlich die Gleichstellung des parlamenlarischen Wahlrechts mit dem Gemeinde- Stimmrecht, oder mit andern Worten: daß in de» Städten das Wahlrecht an den Haushalt geknüpft werde. In den Grafschaften könne man sich mit Geringerem, als einer auf einem Pachtzins von 10 Pfd. St. beruhenden Wahlberechtigung, nicht begnügen, und zu solcher Herabsetzung(jetzt ist ein Pachtzins von 50 Pfd. St. Bedingung) sei die Regierung verpflichtet. Ueber die Tragweite des Reform-Borschlages. welchen die Regierung einzu- bringen beabsichtige, erklärt der Redner, ununter- Feuilleton. Lilder aus dem Arbeiterleben. Von Hullav K. lll. Kamps zwischen Arbeit und Kapital. 2. Da« Weib. (Fortsetzung.) Freilich hat es den Anschein, als ob da« Weib seine Rache gewissermaßen nur an sich selbst ausübe, da es, ungleich dem Manne, in Folge seiner entgegengesetzten Erziehung, sich nur selten zu lhatkriistigem Widerstande eniflammt stlhlt. Aber abgesehen davon, daß auch diese Regel in demselben Grade, in dem das Elend des Wei- des zunimmt, an Boden verlierl(ein Blick aus unsere Gesängnisse, in denen die Zahl der weiblichen Gesänge- »en aus eine erschreckende Weise zunimmt, wird da« Ge- sagte bestätigen), so liegt, wie schon erwähnt, gerade in der Rache des Weibes an sich selbst, in der Ansschwei- fnng, die fürchterlichste Strafe, leider nicht bloS der Kapitalherrschaft(für diese hatten wir kein Wort), nein, der gesanimten Menschheit. Die Prostitution no» weiter in den Bereich unserer Schilderungen zu ziehen, dürste wohl unnöthiq sein. Jeder, der»»f Erfahrung Anspruch machen will, wird den Fluch, mit dem sie die Menschheil und vor alle» Dinge» das Weib belastet, kennen. Aber wir können diese Abhandlung nicht schließen, ohne die keusche Beschreibung des„Körperverkaufs" in seiner gelindesten Art hier anzuführen. Engen Sue, unübertroffen in den Schilderunge» menschlichen Elends, erzählt Folgendes: E« war in dem Flecken Follorille, in dem wir an- hielten, um Haare zu kaufen; hier sah ich zum ersten Male, wie der Haarkäufer seinen Handel trieb. Es geschah dies in einer Unterstube des WirthShausel Zehn bis zwölf Frauenzimmer traten herein, welibe fast alle jung waren; zwei bis drei waren ziemlich hübsch, abers die ärmlichen, schmutzigen Lumpen, womit sie bc- kleidet waren, verriethen die größte Dürftigkeit, Aus ihren Gesichtern war Trauer und besonders Verlegenheit ausgeprägt, al« ob sie sich gewissermaßen schämten, der Nvtb diese« letzte Opfer zu bringen, Viele Jahre sind verstrichen und dennoch ist mir diese Scene genau im Gedächtniß geblieben Das düstere richtet zu sein. Falle der Vorschlag durch, so stehe man vor der Alternative: Auflösung des Parlaments, oder Regierung Derby- Disraeli; werde er angenommen, so könne das Parla- ment noch eine oder zwei Sessionen hindurch in seiner jetzigen Gestalt fortbestehen.— Die „Times" finden, daß die Aussichten lange nicht so friedlich waren, wie jetzt. Da Europa einer Friedens- Aera entgegengehe, fo hoffen sie, daß alle Staaten die erdrückendste aller Lasten, die Mi- litairlast, verringern werden. Namentlich habe Frankreich mit einem guten Beispiele voranzugehen. Die„T mes" machen bei dieser Gelegenheit Napo- leon III. große Complimente, die bestimmt zu sein scheinen, ihm den Rückzug seiner Truppen ans Mexiko zu erleichtern. Was immer das fernere Schicksal Mexiko's sein werde, meinen sie, der Kaiser habe doch einen Versuch gemacht, in jenem Unglück- lichen Lande geordnete Zustände herzustellen. Die Bergeblichkeit dieses Versuches sei freilich voraus- zusehen gewesen.— Der Grund und Boden hat in London einen Werth erreicht, wie nirgends in der Welt, Was sind die Preise für den Quadrat- Fuß in unseren großen Städten, verglichen mit den Preisen in der City oder im Westend? Es giebt aber trotzdem große Strecken, die mir kleine» zwei- stöckigen Häusern bedeckt sind. Die„Times" nennen das eine große Rauinverschwendung, Statt zwei Stockwerken könnten die Hausbesitzer fünf oder sechs Stockwerke vermiethen. Sie hoffen, daß sich Bau- Unternehmer finden werden, welche sehr stattliche Gebäude auch in jenen Theilen Londons erbauen und damit dem Wohnungsmangel abhelfen, der namentlich auf die weniger wohlhabenden Klassen sehr empfindlich drückt.— Die große Feuersbrunst in den Docks, die vier Tage und drei Nächte ge- wllthet hat, ist gestern Abend so weit erloschen, daß ein neues Anflammen nicht weiter zu besorgen ist. — Aus Bombay, 13, Dezbr,, wird den„TiincS" per Telegramm von Alexandria gemeldet:„Es sind Gerüchte im Umlauf über Empörungen in Asgha- nistan und längs der Glänze von Pendschab. Daß aber britisches Gebiet beunruhigt werden könne, be- Tageslicht erleuchtete nur spärlich das Zimmer. Zwei glimmende Stücke Holz rauchten im Kamin auf einem Hausen Asche. Die Kunden des Haarverkäufers erwar- tele» ihn, einige saßen auf der Bank, andere a»s dem Rande eines Tische« oder auf Schemeln, Eine blieb allein stehen, halb verborgen ink Schatten des Kamin«; kaum konnte ich in der Dunkelheit ihre weiße Haube, die zerrissene Jacke und die bloßen Füße erkennen. Die Frauenzimmer alle schienen von der Besorgniß erfüllt zu sein, ob ihre Haare dem Käuser wohl an- stehen würden; aus einigen Worten, die sie mit einander wechselten, merkte ich, daß sie sich sehr schämten, die ein- zigen im Flecken zu sein, weiche aus Roth sich entschlossen, ihr Haar zu verkaufen,— Die Thür öffnete sich, und der Käufer erschien. Bei seinem Anblick standen alle Frauenzimmer mit jener demllthigen und geflissentlichen Ehrerbietung auf, welche der Verkäufer, wenn er in Roth ist, allezeit dem Käuser erweist. Letzterer machte ein Gesicht, das zugleich spöttisch und aufgeweckt war, er begrüßte seine Kunden mit einer komischen Grimasse, indem er sie der Reihe nach anblickte, Seid gegrüßt, sagte er mit einer kreischenden Stimme, der Markt scheint mir hinreichend mit Waare versehe» ,» sein... Nun kommt, Ihr Pultchen! herunter mit den Hauben, macht Eure Haare auseinander. Aber sie müssen vertensell schön sein, so viel kann ich Euch sagen, denn es werden mir von allen Seiten welche angeboten, und beinahe umsonst, weil das Brot so theuer ist.., Bei diesen Worten malte sich aus allen Gesichtern große Bestürzung, Nachdem der Käuser eine Bank nahe an'S Fenster geschoben,„um", wie er sich ausdrückte,„die Katze nicht iin Sacke zu kaufen" und seine Waare genau zu de- sehen, beeilten sich die armen Geschöpfe, aus jener Bant Pjatz zu nehmen,... nur die ausgenommen, die im Schatten des Kamins verborgen stand. Hei Du da hinten!— sagte der Käuser zu ihr,— kommst Du nicht her?.... ES ist noch Platz, Gjeich, gleich, Herr, sagte eine Stimme, die mir weinerlich klang. Schön, schön,— sagte Jener,— die letzten, die besten.... nicht wahr? Man soll sich um Dich reißen .... Nach Deinem Belieben, mein Kind; die Pfiffe kennen wir schon,.... Du kriegst deswegen nicht einen Heller mehr. Dann wendete er sich zu den andern Fraueuzimmern mit den Worten: fürchtet man nicht. Es herrscht einiger Zweifel in Bezug auf den Bestand des mit Bhutan abgeschlos- sencn Friedensvertrages. In Bengalen besorgt man eine Hungersnoth, da in den Mittelprovinzen Man- gel herrscht."— Aus Konstantinopel, 30. Dezbr., wird den„Times" gemeldet:„Der zwischen Eng- land und Persien abgeschlossene Vertrag wegen des Ueberland-Telegrapben nach Indien ist unterzeichnet worden und gehl heute mit dem Triester Dampfer nach England zur Ratification. Die Nachricht von rem Scheitern der vitomanischen Bankanleihe hat die Pforte in große Verlegenheit gesetzt." * Spanien.(Der Aufstand, f Aus Madrid vom 4. Jan. wird telegraphirt: Die Insurgenten sino in vollem Rückzüge be- griffen. Dieselben retteten sich vor dem sie verfolgenden General Zabala durch Zerstörung der Brücke von FnenteS Buenas. Ihr Felbgeschrei war: Hoch Espartero und Primi Die Hauptstadt ist ruhig. Die Nachrichten aus den Provinzen lauten gleichfalls beruhigend.(?) Aus Bayonne, voni 6. Januar, wird tele- graphirt: Die letzten Nachrichten aus Madrid, welche bis zum gestrigen Tage Mittags reichen, melden: General Prim marschirt an der Spitze von 600 Aufständischen aus Ta> rancon los. Die Garnison von Avila, 300 Mann stark, hat sich empört, lieber Madrid, wo die Ruhe nicht gestört ist, ist der Belagerungszustand verhängt. Die„Kölnische Zeitung" schreibt: Ueber den Ausstand der spanischen Progressisten— ob nur eines Bruchtheiles oder der ganzen Partei, erscheint uns in diesem Augenblicke noch fraglich— erhalten wir beute die ersten eingehenderen Andeutungen aus Paris, wo nian von Prim, dem Führer des Pronunciainiento'S, vermuthet, er werde seinen Kopf nicht ohne� die größte Wahrscheinlichkeit des Erfolges anfs Spiel setzen; dazu sei er der Mann nicht. Jndeß Ehrgeiz macht in solchen Momenten häusig blind. Wie sehr die Schilderhebung freilich in der allgemeinen Stimmung und Situation be- gründet war, als sie ausbrach, lehrt folgender Aus- zug aus einem madrider Briefe, der am 2. Januar geschrieben wurde und dessen Verfasser in der Lage ist, gut unterrichtet sein zu können:„Gestern wie Nun, vorwärt«.,,, die Hauben herunter! Scheu, Scham, sie wurden überwunden, man nahm die elenden, kattunenen Mützen ab. Alle ließen ihr Haar aus Stirn und Schultern herabfallen, blondes, braunes, kastanienfarbige«, helle« und dunkles Haar, hier dünn und seidenartig, dort dick und struppig, weiterhin buschelig und krau«. Mitunter waren auch einige graue Haare darunter, die so sorgfältig als möglich verborgen wurden, denn ach! e« war ja leicht zu sehen, daß jedes von diesen Frauenzimmern, wie der Käuser sich ausdrückte, ihre Waare aufgeputzt hatte... eine traurige, eine beklagen«- werlhe Gefallsucht, Ha, ha! mich belämmert man nicht,— sagte der Käufer, indem er an der Bank auf und abging, und jeden Haarwuchs beaugenscheinigte, befühlte, i» der Hand wog, und selbst mit einem Zollstabe ausmaß, um die Länge, die Geschmeidigkeit, da« Gewicht und die Farbe der Haare zu beurtheilen Nein, nein, mir macht man keine Wippchen vor... und, da« kann ich wohl sagen...— fügte er grinsend hinzu,— wir verstehen uns ans solche Flausen,,, meine Puttchen, Wir wissen, was da« Kohlenpulver, das Oel und der Schweine- schmeer für Wirkung lhut.., und wie man eine schlechte Atzel vorrichtet, daß sie ein Ansehen bekommt. Nachdem der Käufer auf's Neue genau die Waare geprüft hatte, rief er au«: Wahrhaftig, ich habe Pech,,, Heuer finde ich aus meinen Reisen auch gar nicht», wie ich e« brauchen kann ,.. hier so wenig wie anderwärts... Ein Seufzer schmerzlicher Täuschung entschlüpfte einer jeden Brust, die bi« dahin durch ängstliche Erwartung beengt worden war; dann beugte eine maschinenmäßig«, wohl unbewußte Bewegung diese behaarten Häupter noch tiefer, Was Teusel soll ich denn damit machen, was Ihr mir bietet? Ich handle nicht mit Pserdehaar und Flach«, fügte mein Herr mit jener rohe» Grobheit de« Trödler« hinzu, der zunächst de» Werth der Waare herabsetzen will, die er zn kaufen gedenkt. Vorwärt«, Ihr Puttchen, fing er wieder an, setzt Eure Hauben wieder aus... für mich ist hier nicht« zn machen... Es lohnte sich auch der Mühe, meine Zeit zu versäumen. Während dieses Auftritte«, dessen entwürdigende Grau« samkeit ich damals nicht völlig begriff, der mir aber den- noch da« Herz beklemmte, halle ich gesehen, wie da« Frauen- zimmer mit der kleinen, weißen Haube, da« bi« jetzt im