Nr. 7. Berlin, Mittwoch den 10. Januar 1866. Zweiter Jahrgang. Social-D Diese Zeitung erscheint täglich mit Äusnahme der Sonn- und Festtage. Organ der social- demokratischen Partei. Redigirt von I. B. v. Hosstetten und I. B. v. Schweitzer. Redaction und Expeditione Berlin, DreSdnerstraste Nr. 85. Abonnements- Preis iiir Berlin incl. Bringerlobn: vierteljährlich 18 Sgr., mo- natlich 6 Sgr., einzelne Nummern 1 Sgr.; bei den Kiinigl. preußischen Postämtern 22 V» Sgr., bei den preußischen Postämtern im nichtpreußischen Deutsch- lanp 18� Sgr., im übrigen Deutschland 1 Thlr. lfl. 1. 45. südd., st. 1. 50. österr. Währ.) pro Quartal. Bestellungen werden auswärts ans allen Postämtern, in Berlin ans der Expedition, von jedem soliden Spediteur, von der Expreß-Compagnie, Spandauerbriicke 3, sowie auch unentgeltlich von jedem„rothen Dicnstmann" entgegen genommen. 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Die Wiener Blätter wiederholen fortwährend die Behauptung,! daß von England auö der Prinz Christian, der künftige Schwiegersohn der Königin, in den Vorder grund geschoben werde, falls man in Berlin den Bruder desselben, den Herzog Friedrich, doch für zu- schwer comprontillirt halten sollte.— Borläufig aber soll, wie telegraphisch berichtet wird, Oesterreich mir suchen, die definitive Erledigung der Frage überhaupt erst wieder in Gang zu bringen. Im Etat für Holstein ist eine Summe„für die Ständeversammlung" aufgeführt. Eine Berufung der Stände stellt auch das„>lern. dipl/' als ersten Schritt dar, welchen Oesterreich beabsichtige. Sei Preußen, trotz seiner früheren Erklärungen, dafür nicht zu gewinnen, so würden„die Mächte,'welche den Londoner Vertrag unterzeichnet haben, sich dahin einigen, Preußen zu mahnen, jene Ueber- einkunft als entscheidende Grundlage für die Regelung der Herzogthümerfrage anzunehmen, welche die Be- vollmächligten Oesterreichs und Preußens auf der Londoner Conferenz als die geeignetste Lösung an- empfohlen haben, um den Wünschen der Bevölkerung und den Gesammtinteressen Deutschlands zu ent- sprechen."— Die„Nordd. Allg. Ztg." erklärt einstweilen das Gerücht in Betreff des Prinzen Christian als vollständig erfunden und will in ihrer , Erwiderung auf den Artikel des dipIG bis auf Weiteres„nicht annehmen, daß diese direkte Aufforderung an das Ausland, sich in deutsche Angelegenheiten zu mischen, in anderem Auftrage als etwa in dem deS Wiener Preßbüreau's erfolgt sei." Warum aber, so muß man, vergangener Zeiten sich erinnernd, fragen, hat denn die„Nordd. Allg. Ztg." das Palhos sittlicher Entrüstung, wegen Einmischung des Aus- landes in eine deutsche Angelegenheit, nicht auge- schlagen, als Preußen die Freundschaft des russischen Kaisers ini Herzogthümerstreite um den Preis der russischen Convention(während des letzten polnischen Aufstandes) erkaufte und nicht laut genug anzu- preisen wußte?— Das feudale Wiener„Vater- land" schreibt: Die oldenburgische Candidatur, welche bekanntlich die russische ist, scheint wieder in den Vordergrund zu treten, und die Berliner Annexionspolitik zu erbleichen. Die Möglichkeit, rascher ein Einverständniß zwischen Oester- reich und Preußen in der Herzogthümerfrage zu erreichen, würde in diesem Falle wachsen. Vielleicht, daß schon die Reise de« F.-M.-L.«. Gablenz nach Hannover, dessen König sich speciell für die oldenburgische Candidatur in- teressirt, dieser Wendung galt. Kurz, die Verlegenheiten in der auswärtigen Politik Preußens nehmen imnier mehr zu. —(Ueber die österreichisch- französi- schen A l l ia n z- Bestrebn n g en) geht der Wiener „Presie" eine Nachricht aus Paris zu, daß es dabei auf die Herstellung eines Föderativ-Systems in Italien abgesehen sei. Man schreibt ihr: Wie es scheint, wäre man hier(in Paris) gar nicht unzufrieden, wenn die Dinge auf den Standpunkt des Frieden« von Villafranca zurückgeführt würden, freilich ohne Wiedereinsetzung der vertriebenen Souveräne, und wenn der damalige Föderativplan auf der Basis einer italienische» Trias, au welcher Rom, das gegenwärtige Königreich Italien und Venedig sich betbeiligen sollen, zur Durchführung gelangen würde. Wie ich höre, soll Oester- reich, unter Vorbehalt einer Enischädignng des Kaisers Franz II. siir sein Eigenthum, dielen Plan begünstigen und hierin von Frankreich unterstützt werden. —(Die Intervention der Schutzmächte in Griechenland betreffend) denkt, der feu- dalen„Zeidl. Corresp." zufolge, keine der drei Schntzmächte daran, eine Intervention eintreten zu lassen. Die Gesandten Frankreichs, Englands und Rußlands in Athen sollen mehrfache Unterredungen mit den dortigen Partei- Häuptern gehabt und den letzteren die Folgen einer Fortdauer der ungeord. neten Zustände deutlich gemacht haben. Unter diesen Folgen würde nicht eine gewaltsame Jnter- vcntion der Schiitz-Machte, sondern gerade im Gegentheil die gänzliche Abkehrung dieser Mächte von Griechenland zu verstehen sein.(?) —(Ueber die preußischen Landtags- Vorlagen) wird der„Volksztg." gemeldet, daß von einer Marine-Anleihe die Rede sei, sodann von einer Novelle zur Gewerbeordnung(Coali- tionsgesetz),„welche so eingerichtet werden soll, daß sie im Herrenhaus keinen entschiedenen Widerstand finden wird", und schließlich von der Vorlage des Entwurfes eines Gesetzes über das Genossenschafts- wesen. —(Preßprozeß gegen Johann Jacoby.) In dem gegen denselben wegen seiner Biographie von Heinrich Simon angestrengten Prozesse ist, wie die„Preuß.-Litth. Ztg." hört, das auf vierzehn Tage lautende Erkenntniß der hiesigen Preßdepu- tation rechtskräftig geworden. Weder Jacoby, noch der Staatsanwalt haben dagegen Appellation eingelegt. Das Königsberger Gericht soll bereits zur Vollstreckung dieser Strafe requirirt worden sei», so daß möglicherweise die Haft Jacoby's erst am 8. März ihr Ende erreichen würde, falls nicht eine Rcclamation von Seiten des Abgeordneten- Hauses erfolgt und wirksam ist. —(Gegen den Abgeordneten Lasker) steht am 12. d. M. vor dem hiesigen Stadtgericht ein Termin wegen eines in der„Nationalzeitung" veröffentlichten Artikels über die Verordnung, be- treffend die Vertretung der alten und befestigten Grundbesitzer im Herrenhanse, an. Die Anklage lautet auf Majestätsbeleidigung. —(Preußische Preß-Schicksale.) Nach dem am 5. d. in Saarbrücken veröffentlichten Urtheil des ZnchlpolizeigerichtS ist Johannes Rouge in dem En- cyclica-Proceß zu einer Woche Gefängniß verurtheilt worden.— Am 4. fand in Bielefeld vor dem dortigen Kreisgericht die Verhandlung gegen den Abg. Frese wegen seiner beiden Mittbeilungen„Zur Schleswig- Hol- steinischen Sache" in Nr. 63 und 66 des„Wächter" statt. Die Anklage lantete„wegen Erregung von Haß und Verachtung" gegen„Anordnunzen der Obrigkeit". Der Angeklagte verlheidigte sich selbst, und zwar wesentlich in dem Sinne, daß weder Preußen„Obrigkeit" in Schles- wig>Holstein sei oder vor dem Gasteiner Bertrage ge- wesen sei, noch auch das von ihm scharf angegriffene „System" gleichbedeutend sei inil„Obrigkeit"— also Ausflüsse jenes„Systems" nicht gleichbedeutend feien mit „Anordnungen der Obrigkeit". Der damalige Redactenr des„Wäüier", Buchdrucker Mosler, war mit angeklagt; seine Veriheidignng führte der Rechtsanwalt Bücher. Der Gerichtshof setzte nach kurzer Beralhung die Verkllndi« gung des Urtbeils bis zum II. d. Mts. aus. Der Staatsanwalt hatte gegen den Abg. Frese achtwöchent« liche Gefängniß strafe und gegen MoSler 20 Thlr. Geldstrafe beantragt. Nach einer Andeutung des Staats- ' anwaltS ist eine Fortsetzung des Verfahrens in die zweite j und dritte Instanz höchst wahrscheinlich. * Wien, 8. Jan.(Amnestie. Der nieder- österreichische Landtag. Die Kaiserin. Oekonomische Zustände.) Durch Handschrei- den des Kaisers vom 1. Januar c. wird ver- ordnet, daß den ehemaligen Angehörigen des lom- bardo-venetianischen Königreichs, welche als unbe- ! fugt Ausgewanderle verurtheilt worden sind, die gesetzlichen Folgen nachgesehen, und das ihnen seguestrirte Vermögen ausgeliefert werden soll. Alle wegen unbefugten Auswanderns anhängigen Pro- zesse sollen niedergeschlagen werden. Der Stall- Halter kann unbefugt Abwesenden und Ausgewan- derleu straffreie Rückkehr und das Staatsbürgerrecht bewilligen.— Der nieder-österreichische Landtag beschloß in seiner heutigen Sitzung mit alle» gegen fünf Stimmen die Wahlen zum Reichsrath vorzu- nehmen. Die Wahlen werden in einer auf Mckt- woch anberaumten Sitzung stallfinden.— Die Kaiserin empfing heule Mittag eine Deputation des ungarischen Landtages, an deren spitze der Primas stand. Die Kaiserin erwiderte die Anrede des Erzbischofs in ungarischer Sprache und ver- band damit ihren Dank für diesen Beweis treuer Anhänglichkeit und herzlicher Huldigung; zugleich stellte sie ihr Erscheine» au der Seile des Kaisers in Aussicht. Die Rede wurde mit enthusiastischem Jubel aufgenommen.— Ueber die ökonomischen Zustände des österreichische» KaiserstaaleS schreibt man unterm 31. Decbr. v. I. sehr treffend dem „Deutsch. Wochenbl.": Die Leute hier beschäftigen sich sehr viel mit dem, waS man politische Frage nennt, mit dem Ausgleich mit Ungarn, mit Föderalismus, Dualismus u. s. f, aber > der brennende» Frage der allgemeinen Verarmung 1 scheinen wenigstens gewisse Leute wissentlich»nd absicht- ng. lich au« d-m W«gi zu gehiiu Und doch sind die Zu- stände schon so weil qediehen; Jammer und Elend grinsen uns bereit« von allen Seilen so entsetzlich entgegen, daß >?nan grnndböse und stockdumm sein muß, dies, um zu �verkennen, daß der Bestand dieses Staates von der Ab- stellung dieses Uebcls abhängt, jene«, um nicht im innersten Gewissen z» schandern vor der Förderung dieser Nebel. In Rumbnrg, hart an der sächsischen Grenze, sind 1500 arbeitslose Leinweber nach Sachsen auSgewan- dert und haben dort Arbeit gefunden; ein Fabrikant ist ihrem Beispiele gefolgt, hat sieb in Sachsen angesiedelt und setzt dort sein Geschäft fort. Ueberall sind die Ge- werbe blühend, mir in Oesterreich verfallt Alles; im Boden liegt es. versteht sich, nicht; Sachsen ist in dieser Beziehung noch weit magerer als Böhmen. Mit einem Worte, es liegt an de» Menschen, nicht an den Arbei- teuden, sondern an jenen, die sich anmaßen, z» re> gieren, obne daß sie es verstehen oder ohne einen ehr- lichcn Willen dazu mitzubringen. Das Uebel ist, daß in Oesterreich nicht der Ertrag, sondern die Arbeit besteuert ist. Statt, daß der Biirger von dem Gesanimlertrage seiner Tbatigkeit seine Beiträge zu den öffentlichen Be- diirsnissen leistet, wird er von den Stenerbeamten auf Schritt und Tritt verfolgt und darf nicht eher die Hand zur Arbeit ansetze», als bis er die Erlanbniß hierzu mit Geld gelöst hat. AnderSwo entfesselt man die Hände, die arbeiten wollen, hier fesselt man sie. Jede« Pfund Baumwolle, jedes Pfund Garn muß erst versteuert wer- den, cbe es verarbeitet werden darf; jeder Eeutner Roheisen, der aus dem Ofen stießt, muß schon gelöst wer- de». So geht e» in zahllosen Zweigen des Gewerbe- leben«. Die Folge davon ist, daß die Besteuernng in's Unglaubliche geht»ud die Wirkung dieser Besteuerung, daß die Erzeugnisse zu Preise» steigen, bei welchen n»t dem Auslande keine Milbewerbung stattfinden kann, denn der die Steuer bezahlt hat, schlägt sie aus sein Er- zeuzniß und geht so steuerfrei aus, während er, mäßig besteuert, die Last nicht aus Andere abladen könnte. So kommt es, daß die Engländer ihr Eisen an die Tbllren der steirischen Schmelzhlltten um 2 st. wohlfeiler liefern können, als es aus diesen selbst zu haben ist. Dieser Uebelstand liegt schon in der alten österreichischen Re< giernngsweise; aber unter der gegenwärtigen Regierung sind alle Uebel noch ärger geworden,»nd die Steuern sind noch über das Doppelte getrieben, und dennoch reichen sie hinten und vorne nicht, weil noch immer wehr Soldaten und Beamten gefüttert werden müssen. Im Jahre 1804 haben die Rückstände an directen Steuern 2l>l/» Millionen betragen, die Ausfälle in den indireete» über 4 Millionen gegen die Voranschläge; in dem Jabre. das mit dem heutigen Tage abläuft, werden die Rück- stände nach einer mäßigen Berechnung weil über 40 Millionen gestiegen sein, denn i» Ungarn allein haben sie schon in den ersten 6 Monaten Über�18 Millionen betragen; die Ausfälle in den indirecten Stenern lassen sich gar nicht bemessen, denn die Roth ist seitdem immer größer geworden. Dagegen kennt unsere Regierung kein anderes Mittel, als Borgen und Stener-Exekution, wo sie den Mnth dazu hat. Zwangsweise Eintreibung von Steuern ist aber nicht blos ungerecht, sondern auch ohne Sliin, vorausgesetzt, daß die Unfähigkeit, sie zu bezahlen, offenbar ist. Die« muß aber doch offenbar sein, wo ein HauSvater mit Weib und Kinder» von Hau« und Hof gejagt wird, weil er einige lumpige Gulden nicht auf- treiben kann. In früheren Zeiten war es mit den Steuern freilich anders. Damals wurden die Steuern dem Bürger und Bauern abgefordert, wie der Schnappe hahn dem Reisenden die Bö se abverlangt; denn alle unsere Staaten, so legitim sie sich nennen inögen, führen ihren Ursprung aus die roheste Gewalt zurück. Jetzt ist es anders geworden; die Stenern dienen jetzt nicht mehr blos, die Hofhaltung eines Fürsten zu bestreiten; diese ist vielmehr bereits zu einer Nebensache geworden. Man begreift also, daß jede Steuer Exekution unter diesen Umständen auch sinnlos ist. Aber, schreit man, die Re- gierung muß ja Geld haben, sonst stände ja die Ver- waliung still. Wollte Gott, die Verwaltung, wie wir sie haben, stände st;ll; Uebleres, als wir haben, könnte nicht kommen. Sie solle» nur einmal uns selbst unsere Sache führen lassen; wenn wir auch nicht besser als unsere Beamten verstünden, wo uns der Schuh drückt, so wäre un« wenigsten« darnm zu lhun, uns zu helfen. Das in Oesterreich herrschende System der ein- seitigen Besteuerung der Production, schon schädlich für d.m Gelderwerb der Unternchmerclasse und dadurch für die Industrie, äußert seine Verderb- lichen Wirkungen in noch�weit höherem Grade auf die besitzlose Arbeiterclasse, deren Elend täglich größer wird. Darum ist aber gerade Oesterreich dasjenige Land, wo, im Augenblicke einer politischen Bewegung, auch die Arbeiterbewegung in stllrmi- scheu Finthen den Damm durchbrechen wird, der ihr noch fortwährend durch den Mangel des Ver- eins- und Versammlungsrechts, gewaltsam entgegen- gestellt wird. * Viuiictien, 7. Jan. j A b d a n k u n g s g e- r ü ck t e. Generalquartiermeister v. d. Mark.j Man spricht davon, daß der junge König Lust habe, abzudanken.— Der Generalquarliermetster der Armee, General V. d. Mark, ist wahnsinnig geworden._ Ausland. * Paris, 7. Jan. �Tagesbericht. mexikanischen Frage scheint sich In der i» den maßgeben- den Regionen der Wind vollständig gedreht haben. Tie„France" cinpfiehlt heule sogar den Grantschen Bericht„der ernsten Ausmerksamkeit", rühmt dessen„Unparteilichkeit und Richtigkeit" und nennt Johnson einen„praktischen, umsichtigen Kops" und vessen Politik so„fest wie gemäßigt." Allerdings will die„France" damit zugleich John- son und Grant einen Wink geben, sich nicht von der nordamerikanischcn ActionSpartei, welche um kein Haar besser als die italienische sei, fortreiße» zu lassen, sondern das Werk der inneren Ausheilung und Versöhnung, rie Abschaffung der Sclaverei zu vollenden und allen Excessen zu steuern;„wenn man bedenke, was die Vereinigten Staaten im eigenen Hause alles zu lhun hätte», so werde mau unmöglich annehmen können, daß sie sich in Aben- teuer zu stürzen und den Weltfriedcu zu stören linternehmen möchten, zumal sie zumeist darunter leiden würden." BemerkenSwerther jedoch als diese i Allgemeinheiten ist die Erklärung des halbofficicllen „Constitutionnel" über die mexikanische Frage: „Haben wir", fragt dieses Blatt,„jemals die Ab- ficht gehabt, uns Mexiko's zu bemächtigen und da- selbst aus unbestimmte Zeit unsere Occupation zu verlängern? Nein; die kaiserliche Regierung war in ihren Erklärungen nie schwankend; in Biexiko, wie überall, hat sie stets das Princip der National- Souverainetät geachtet,(!) und sie wird dasselbe nach wie vor„respectiren."— Die telegraphischen Depeschen, welche aus Madrid heute hier angekommen sind und das Datum vom 6. d. tragen, stammen aus spanisch-ofsiciellen Quellen und dürfen nur mit Vorsickit gelesen werden, lieber die Ausdehnung, welche die Jnsnrreclion gewonnen, und die eigent- liche Absicht der Insurgenten verlautet darin nichts Bestimmtes. Daß die Bewegung eine demokratische Färbung bat, geht daraus hervor, daß Escoda, einer dcr Ehefs der catalonischen Republikaner, sich Prim angeschlossen hat. Die Insurgenten selbst lassen da und dort den Ruf:„Nieder mit den Bourbonen! Es lebe die iberische Union!" er- töne». Bis jetzt hat Barcelona noch nicht loSge- schlagen, doch 10,(XX) Arbeiter sind dort bereit und mit Waffen versehen. Die demokratischen Häupter, welche ihre Verhaftung befürchteten, sind abwesend, werden aber wohl im rechten Augen- blicke zum Vorschein kommen. Der Garnison selbst traut man so wenig, daß sie nicht blos in ihren Kasernen consignirt, sondern zugleich ein Theil der Unteroffiziere eingesperrt wurde. Die Aufregung in ganz Catalonien ist aber sehr groß. Drei Tage vor dem Ausbruche des Aufstanbes wurden dort zahlreiche Proklamationen verbreitet, welche ankündigte», daß die Stunde nahe, wo Spa- nie» von seinen Unterdrückern befreit werden würde, und daß sich ein beliebter Chef an die Spitze der Bewegung stellen werde. Madrid selbst blieb nach den letzten Nachrichten noch ruhiger Beobachter, aber die Aufregung ist groß. Der Marquis del Duero(Concha) war von Malaga herbeigeeilt, um dcr Regierung seine Dienste zur Verfügung zu stellen. Narvaez, dcr Marschall San Roman, die Generale Lermudi, Paiva und Andere, alle poli- tische Gegner O'Donnell'S, hatte» ein Gleiches ge- than. Die Stellung der Regierung war aber da- durch nicht besser geworden. Eben so wenig wirb die Haltung des diplomatischen Corps, das dem Marschall O'Donnell inSgesammt seine Aufwartung machte, einen der Regierung günstigen Einfluß auf die Ereignisse ausüben. Nach eingclrossene» telegraphischen Depeschen machte die spanische Regie- rung in Madrid bekannt, daß Prim sich vollständig Feuilleton. Sildcr nus dem �rbeitcrlebcn. Von Kulsav K. III. Kampf zwischen Arbeit und Kapital. 2. Das Weib. (Fortsetzung.) Tu bist Braut, mein hübsches Kind? sagte der Käufer, indem er mit lüsternen Blicken de» prächtigen Haar- wuchs betrachtete, der sich vor ihm entfaltet hatte, und den er mit freudigem Beben betastete.— Nun, Du machst es recht, daß Du das fortschaffst... in eine Wirthschast taugt das nicht... eine gute Mitgift ist besser,— fügte er spöttisch hinzu.— Und für diese Mit- gift will ich sorgen... Siehst Du,... hier ist sie:... ein blankes, nagelneues Zweifrankenstück... Ich bin gewiß rbcht gutwillig, und lasse mir nicht langte zureden, denn diesen Damen habe ich den Kops Stück für Stück mit zwanzig Sons bezahlt,... aber... das ifl auch ein Unterschied!... Ich möchte gern vier Franken haben,... ich brauche sie... stammelte Josephine. Dann wurde das arme Mädchen blntroth, und fügte geschwind bin zu, als müßte sie sich wegen ihrer Hab- sucht entschuldigen: Es ist nicht für mich... aber ich brauche sie... durchaus. Vier Franken... sagte der Käufer grob, vier Fran- kcn... das wäre mir sol Da müßte ich mein Geld gestohlen baben. Josephine stand schnell aus. Durch diese Bewegung wurde ihr liebliches Gesicht von dem dichten Haar be- freit, das einen Schleier um dasselbe bildete... Tbrä. neu flössen über ihre Wangen herab Mit Entschlossen- heil griff sie nach der kleinen Haube, die zu ihren Füßen lag; aber der Käufer rief ans, voll Besorgniß, daß ibm ein solcher Fang entgehen möchte: Nun, so warte doch. Dn garstiges Mädchen... Du sollst Deine vier Franken kriegen.., aber ich büße ein dabei... Da, hier sind noch zwei Franken. Josephine setzte sich wieder auf die Bank, neigte die Stirn und sagte kaum hörbar mit zitternder Stimme: Ich möchte gern... ein ganz kleines Zöpfchen... von meinen Haaren... behalten,... wen» sie abge- schnitten sind... Auch noch! rief dcr Käufer; Dn bist ja gar nicht zu ersättigen, meine Gute... Dann überlegte er einen Augenblick und fuhr fort: Nun, es ist wahrbastig nicht anders, D» hast mich behext... Du sollst Dein Zöpsche» kriegen... aber ei» wahres Rattenschwänzchen, mehr nicht. Jetzt langte er»ach seiner fürchterlichen Scheere. Warten Sie... Herr!... rief ein junges Mädchen, und faßte ihn beim Arnie. Es sind ja nur vier Fran- ken,... und wen» wir Alle znsaminenschießen, fügte sie Hinz», indem sie einen fragenden Blick auf die Uebrigen warf... Ja,... jal... recht so... wir wollen zusammen-. schießen, erwiderten mehrere Stlnimen. Nun, das muß wahr sein!... Ihr seid halb ver- hungert... und spielt die Großmllthigen... sagte der Käufer mit ärgerlicher Bitterkeit,»nd machte sich los von dem Mädchen, das ihn abhielt, seine Scheere spielen zu lassen. Ihr denkt also nicht daran, wie theuer da« Brot ist... Ach! auch diesmal lähmte die Roth die beste» mensch« lichen Gefühle; auch diesmal brachte die gebieterische Stimme des Bedürfnisses den Ruf der Großmuth, der aus der Tiefe der Brust hervordrang, zum Schweigen. Die harten Worte des Käufers erinnerten diese armen i Geschöpfe daran, daß sie selbst zu unglücklich waren, um mitleidig sein zu dürfen;... ist das nicht unter aller i Trübsal die schlimmste? Ein düstere« Schweigen folgte dem großmüthigen Rufe der Gefährtin Jofephineus, und diese, welche sich vielleicht einen Augenblick der Hoffnung hingegeben hatte, sagte schnell zu dem Käufer: Machen Sie hurtig, Herr, machen Sie hurtig. Er ließ sich auch diese Aufforderung nicht wieder- hole»; rasch senkte er seine gierige Scheere in da« prächtige Haar, welches von allen Seiten herabfiel, und das sanfte, bleiche Gesicht Joscphinens bloßstellte, das von Thräncn überströmt war... Doch hielt er sein Versprechen, und gab dem junge» Mädchen eine lange Flechte, kauin so dick, wie der kleine Finger... Josephine wickelte sie zusammen und steckte sie in ihren Busen. Da war es mir nicht länger möglich, meine Thrä- ncn zurückzuhalten, und seit diesem Tage ist mir der schmerzliche Austritt stets lebevdig in Gedanken geblieben.- (Fortsetzung folgt.)